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Mord an der Upper East Side

von Rhys Bowen (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Molly Murphy hat es als weibliche Privatdetektivin in einer von Männern dominierten Welt nicht leicht. Trotzdem versucht sie alles, um die geerbte Kanzlei in New York so gut wie möglich zu führen. Sie willigt sogar ein, verdeckt für das NYPD zu ermitteln, um zwei Betrügerinnen zu entlarven. Schon wenige Tage später findet Molly sich, getarnt als irische Cousine, in der teuren Villa von Senator Barney Flynn in der Uptown wieder. Flynns kranke Frau hofft, dass die betrügerischen Schwestern ihren toten Sohn kontaktieren können. Allzu bald führen Molly ihre Fragen in Gefahr – und sie braucht keinen Hellseher, um zu wissen, dass dieser Fall tödlich für sie enden könnte ...

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe März 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-804-9

Copyright © Februar 2005 by Rhys Bowen. Alle Rechte vorbehalten.
Titel des englischen Originals: In Like Flynn

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Martin Spieß
Covergestaltung: Grit Bomhauer
unter Verwendung von Motiven von
Shutterstock: © fotografaw, © LiliGraphie, © yukipon, © aimful, © Vichizh, © Agnes Kantaruk
Depositphoto: © inferion69@gmail.com
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Dieses Buch ist meinen Freunden in der Krimi-Gemeinde gewidmet, besonders meinem nicht ganz so bösen Zwilling Meg Chittenden, die darunter leidet, für mich gehalten zu werden, und Lyn Hamilton, mit der ich Abenteuer erlebt habe, die von Schweinen bis Hummer reichen.

Die Krimi-Gemeinde besteht aus herzlichen, geistreichen und unglaublich großzügigen Menschen. Ich betrachte es als es Privileg, ein Teil davon zu sein.

Wie immer gilt mein besonderer Dank Clare, Jane und John dafür, dass sie sich die Zeit nehmen, um mir dabei zu helfen, meine Arbeit auszufeilen.

Eins

„Frühling? Gab es überhaupt Frühling dieses Jahr?“, fragte der Mann mit der feschen, braunen Melone. „Ach, genau. Ich erinnere mich. Es war an einem Mittwoch, oder nicht?“

Diese Bemerkung erzeugte kicherndes Gelächter bei den Frauen, die in Giacomini’s Fine Foods Schlange standen. Der Sprecher war neben dem alten Mr. Giacomini hinterm Tresen der einzige Mann im Geschäft. Er überragte uns alle und seine Anwesenheit hatte für Aufregung gesorgt. Es war ungewöhnlich, einen Mann im Lebensmittelladen zu sehen, da Kochen Frauenarbeit war. Er war gut gekleidet, trug eine Jacke mit Pepita-Karos, weiße Gamaschen und gut polierte Schuhe, anders als die kleinen, runden Bauerntypen, die diesen Laden sonst aufsuchten, der in einem immer noch hauptsächlich italienischen Viertel südlich des Washington Square lag. Allerdings schien er ganz glücklich, sich am Geplauder zu beteiligen, während er darauf wartete, dass er an der Reihe war.

„Er hat recht“, sagte die Frau vor mir und nickte. „Ich erinnere mich nur an einen einzigen frühlingshaften Tag in diesem Jahr. In meiner Erinnerung hatten wir bis Mitte April heulende Stürme.“

„Und dann wurde es über Nacht heißer als in der Hölle“, beendete der Mann für sie.

Seine letzte Bemerkung erntete allgemeine Zustimmung, obwohl einige der Frauen ob seiner beinahe fluchenden Ausdrucksweise erschreckt Luft holten. Es war ein schrecklicher Frühling gewesen, gefolgt von einer Hitzeperiode, auf die wir nicht vorbereitet gewesen waren. Für gewöhnlich machte es mir nichts aus, in Giacomini’s beengtem, kleinen Laden Schlange zu stehen, in dem der Geruch von Gewürzen und Kräutern halb vergessene Kindheitserinnerungen wachrüttelte. Aber heute war es beinahe zu heiß zum Atmen und die Gerüche waren überwältigend, besonders wenn sie sich mit den nicht so angenehmen Gerüchen muffiger Ausdünstungen und Knoblauch vermischten.

„Es heißt, drüben auf der Lower East Side gibt es Typhus“, sagte einer Frau und senkte die Stimme.

„Sie würden mich nicht dort erwischen, selbst wenn es keine Epidemie gäbe“, murmelte eine andere Frau. „Gedrängt wie die Sardinen sind sie in diesen Mietshäusern. Und sie waschen sich nie. Geschieht ihnen recht, dass sie krank werden.“

Mr. Giacomini schüttete Zucker in eine dreieckige Papiertüte, drehte sie zu und reichte sie der Frau an der Spitze der Schlange. „Noch etwas, Signora? Das wären dann ein Dollar fünfzig, bitte.“

Geld wechselte den Besitzer. Die korpulente Dame lud die Einkäufe in ihren Korb und versuchte dann, sich durch den schmalen Mittelgang an uns vorbeizudrücken. Freundliches Kichern wurde ausgetauscht, weil enger Kontakt nicht vermieden werden konnte. Als jede Frau der Reihe nach versuchte, sich gegen Behälter und Regale zu drücken, sah ich etwas, das ich kaum glauben konnte. Dieser Mann hatte in den offenen Korb der Frau direkt hinter ihm gelangt und ihre Geldbörse genommen. Mein Herz begann zu rasen. Ich fragte mich, ob ich es mir nur eingebildet hatte und was ich als Nächstes tun sollte. Er war eindeutig zu groß und zu stark, um von einer von uns überwältigt zu werden. Die Schlange bewegte sich vorwärts. Die nächste Kundin machte ihre Einkäufe. Ich musste schnell handeln, sonst würde der Mann die Spitze der Schlange erreicht und den Laden verlassen haben, ehe die arme Frau bemerkte, dass ihre Geldbörse fehlte. Ich konnte nicht einfach dastehen und nichts tun. Das ging gegen meine Natur, obwohl ähnlich kühnes und leichtsinniges Verhalten mich mehr als einmal im Leben in Schwierigkeiten gebracht hatte. Ich lehnte mich zu der Frau hinüber und zog an ihrem Arm. Sie drehte sich um und starrte mich überrascht an.

„Dieser Mann hat gerade Ihre Geldbörse gestohlen“, flüsterte ich.

Sie sah mich skeptisch an, dann blickte sie in ihren Korb hinab.

„Sie haben recht. Sie ist weg“, flüsterte sie mit entsetzter Stimme zurück. „Sind Sie sicher, dass er sie genommen hat?“

Ich nickte. „Ich habe ihn gesehen.“

„Was soll ich tun?“ Sie drehte sich um und blickte an dem großen Kerl hinauf.

„Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich hole einen Constable, dann haben wir ihn wie eine Ratte in der Falle.“ Ehe sie antworten konnte, murmelte ich etwas darüber, meinen Einkaufszettel zu Hause vergessen zu haben, dann schob ich mich aus dem Geschäft und rannte bis zum Washington Square. Am Südende des Platzes waren stets Polizisten zu finden, weil dort die New York University war und Studenten dafür bekannt waren, sich unberechenbar zu verhalten. Ich fand mühelos einen Polizisten.

„Kommen Sie schnell“, drängte ich. „Ich habe gerade einen Mann dabei beobachtet, wie er einer Dame die Brieftasche gestohlen hat. Wenn wir uns beeilen, wird er noch im Geschäft sein.“

„Sieht wie ein weiterer Taschendieb aus, Bill“, rief er einem anderen Constable zu, der auf der anderen Straßenseite stand. „Bin gleich zurück. Achte auf meine Pfeife, nur für den Fall, dass er Ärger macht. Ist es weit, Miss?“

„Giacomini’s in der Thompson. Beeilung, ehe er entwischt.“ Ich kämpfte das Verlangen zurück, seinen Arm zu packen und ihn hinter mir her zu zerren. Aber er machte sich mit mir zusammen bereitwillig trabend auf den Weg. Als wir Giacomini’s erreichten, lief ihm Schweiß über das runde, rote Gesicht. Wir betraten die warme, gewürzreiche Dunkelheit des Geschäfts, als der Mann am Tresen bezahlte.

„Ist er das, Miss?“, flüsterte der Constable.

Das war kaum eine notwendige Frage, da er immer noch der einzige Mann im Geschäft war, aber ich nickte. „Und die Dame hinter ihm – die im blauen Rock –, ihr hat er die Geldbörse gestohlen. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich natürlich verhalten soll, bis ich mit Ihnen zurückkäme.“

„Gut gemacht, Miss. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde den Tunichtgut auf seinem Weg nach draußen überraschen.“ Der Constable stellte sich in die Türöffnung, gerade als der große Kerl sich umdrehte und sich an der Schlange vorbeibewegte.

„Nicht so schnell, Sir.“ Der Constable trat vor, um sein Vorankommen zu unterbinden. „Ich glaube, Sie haben etwas bei sich, das Ihnen nicht gehört.“

„Ist das so? Und was soll das sein?“, fragte der Mann mit geheuchelter Überraschung.

„Sie wurden dabei gesehen, wie Sie einer Dame die Geldbörse gestohlen haben.“

„Die Geldbörse einer Dame? Ich?“

„Meine Geldbörse“, sagte die Frau im blauen Rock.

Die übrigen Frauen im Geschäft fuhren herum um zuzusehen.

„Lächerlich. Wie können Sie es wagen, mir so etwas zu unterstellen?“ Der Mann versuchte, sich nach draußen zu drängen.

„Nun, meine Geldbörse ist aus meinem Korb verschwunden, und diese junge Dame sagt, sie habe gesehen, dass Sie sie genommen hätten“, sagte die Frau. Der Blick des Mannes heftete sich auf mich.

„Hat Sie das, ja? Und hat jemand anderes diese unverschämte Tat gesehen? Irgendeine andere der Frauen in dieser Schlange, die mich gut sehen konnten?“

Niemand antwortete. Einige Frauen wandten ihre Augen ab. Der Mann drehte sich um und blickte mich wieder wütend an.

„Ich weiß nicht, was Sie sich davon versprechen“, sagte er, „aber Sie können in ernste Schwierigkeiten geraten, wenn Sie falsche Anschuldigungen gegen ehrenwerte Bürger machen. Nur zu, Officer. Durchsuchen Sie mich, wenn Sie müssen.“

„Wenn Sie ins Licht heraustreten würden, Sir. Und denken Sie nicht daran, wegzulaufen. Es sind etliche andere Officers in der Nähe.“

„Ich habe gewiss nicht vor, wegzulaufen, bis ich meinen Namen reingewaschen habe.“ Der Mann schritt durch die Tür und streckte die Arme von sich. „Nur zu. Durchsuchen Sie mich.“

Sein vollkommenes Selbstvertrauen entmutigte mich. Er hatte ein überhebliches Grinsen im Gesicht, während der Constable ihn durchsuchte. Er weiß, dass er die Geldbörse nicht bei sich hat, dachte ich. Dann durchschaute ich es plötzlich: Er musste sie bereits irgendwo versteckt haben, um sie später zu holen. Ich glitt ins Geschäft und sah mich verzweifelt um. Wenn ich er wäre, wo würde ich dann eine gestohlene Geldbörse verstecken? Er hätte sie mühelos auf den Boden fallen lassen und unter eines der Regale stoßen können, aber er hätte sich auf alle Viere herunterlassen müssen, um danach zu suchen – was überaus auffälliges Verhalten gewesen wäre. Also musste er einen Vorteil aus seiner Größe geschlagen haben. Auf der rechten Seite des Gangs standen Regale, die bis zur Decke gingen, gefüllt mit Flaschen und Dosen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, streckte meine rechte Hand zum obersten Regalbrett aus und wurde belohnt, als meine Finger ein weicheres, schlankeres Objekt ertasteten. Ich dehnte mich, streckte meine Hand noch weiter aus und schaffte es, den Gegenstand herunterzuwerfen. Dann schob ich mich an den Frauen vorbei, rannte nach draußen und wedelte triumphierend damit. Gerade rechtzeitig.

„Da. Ich hoffe, Sie sind zufrieden“, sagte der Mann. „Und glauben Sie mir, Ihr Chief wird davon erfahren.“

„Es tut mir leid, Sir, ich habe nur getan–“, begann der Constable, als der Mann auf dem Absatz kehrt machte.

„Lassen Sie ihn nicht gehen“, rief ich. „Hier ist die Geldbörse.“ Ich wedelte dem Constable damit zu, der den Mann am Arm packte. „Er hat sie aufs oberste Regalbrett gelegt, so hoch, dass niemand sonst sie sehen konnte. Er wollte später zurückkommen, um sie zu holen.“

„Sehr gerissen“, sagte der Constable. „Bedauerlicherweise war diese junge Dame gerissener.“ Er packte fester zu und der Kerl wirkte nicht länger selbstgefällig.

„Sie können mir nichts anhängen. Sie haben nur ihre Aussage. Jeder hätte die Brieftasche nehmen und dort hinlegen können. Sie selbst hätte sie nehmen können“, tobte er.

„Ich war die größte Frau da drin und ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um so hoch zu greifen. Jeder hätte mich bemerkt, wenn ich versucht hätte, dort hinaufzulangen. Aber Sie – Sie mussten nur vorgeben, Ihren Hut zu richten oder sich durch den Schnurrbart zu streichen.“

„Kommen Sie mit. Ich bringe Sie auf die Wache“, sagte der Constable. „Sie kommen auf die Polizeistation am Jefferson Market.“

„Ich gehe nirgendwo mit Ihnen hin.“ Der Mann befreite sich, stieß den Constable beiseite und rannte los. Sofort blies der Constable in seine Pfeife. Zwei andere Polizisten erschienen aus Richtung Washington Square. Es gab ein Handgemenge und der Mann wurde gepackt und festgehalten.

„Was hat er getan, Harry?“

„Hat versucht, einer Dame im Lebensmittelladen die Geldbörse zu stehlen“, sagte mein Constable, „nur ist ihm diese junge Dame hier auf die Schliche gekommen. Sie ist wirklich gerissen.“

„In Ordnung, auf die Wache mit ihm“, sagte einer von ihnen und sah mich anerkennend an. „Und Sie kommen besser auch mit, Miss, um unserem Sergeant Bericht zu erstatten.“

Ich wollte nicht zugeben, dass ich ungern auch nur in die Nähe der Polizeistation am Jefferson Market ging, da ich dort einst eine Nacht verbracht hatte, weil man mich für eine Frau gehalten hatte, die einer ganz anderen Profession nachging. Ich trottete neben ihnen her und war sehr zufrieden mit mir. Ich wurde ziemlich gut im Ermitteln, oder nicht? Aufmerksamer als der Durchschnittsmensch, mit geschärften Sinnen und rascherer Reaktion. Es war an der Zeit, dass die Polizei erkannte, wie nützlich ich war. Ein Jammer, dass ich Daniel Sullivan nicht von meinem Können berichten konnte.

„Ihr Kerle verschwendet eure Zeit“, sagte der Taschendieb und fiel in eine geläufigere Sprechweise zurück. „Unmöglich, dass Sie mir das anhängen.“ Dann blickte er zu mir zurück, als wolle er mich warnen. Ich begegnete seinem Blick, schenkte ihm mein berühmtes Queen-Victoria-Starren und fühlte mich immer noch einigermaßen stolz.

Wir überquerten den Platz und betraten die Marktanlage auf der entgegengesetzten Seite der 6th Avenue. Zerquetschte Früchte und Stroh übersäten den Bürgersteig und ein Karren wurde an uns vorbeigeschoben, auf dem sich Kohl auftürmte. In der Nachmittagshitze waren die Gerüche von verfaulendem Obst, Gemüse und Pferdemist penetrant. Die dreieckige Anlage beherbergte eine Feuerwache und dahinter die Polizeistation. Wir waren drauf und dran, Letztere zu betreten, als sich die Tür öffnete und einige Männer herauskamen, die so in ein Gespräch vertieft waren, dass sie uns erst bemerkten, als sie beinahe mit uns zusammenstießen.

Sie trugen keine Uniformen, reagierten aber augenblicklich auf unsere kleine Prozession.

„Was haben Sie da, Harris?“, fragte einer von ihnen.

„Wir haben den Kerl erwischt, nachdem er einer Dame die Geldbörse gestohlen hatte“, sagte mein Constable.

Mir fiel der halb amüsierte Gesichtsausdruck des Polizisten in Zivil auf, als er den Gefangenen beobachtete, der von den anderen Polizisten festgehalten wurde. „Bist du wieder ein böser Junge gewesen, Nobby?“, fragte er.

„Zur Hölle mit Ihnen“, sagte der Mann leichthin. „Auf keinen Fall hängt ihr Kerle mir irgendwas an. Hier steht Aussage gegen Aussage.“

Dann bemerkten sie mich. Ich versuchte ruhig und gelassen zu bleiben, obwohl einer von ihnen mir in dem Moment aufgefallen war, in dem er durch die Tür getreten war. Es war Daniel Sullivan, mein Ex-Liebhaber. Captain Daniel Sullivan von der New Yorker Polizei. Ich sah, wie sich seine Augen weiteten, als er mich erkannte.

„Die junge Lady hat diesen Gentleman dabei beobachtet, wie er die Geldbörse einer anderen Dame gestohlen hat“, erklärte mein Constable. „Und sie war klug genug, herauszufinden, wo er sie versteckt hatte.“

„Ist das so?“ Ich konnte spüren, wie Daniel mich ansah, obwohl ich seinen Blick nicht erwiderte. „In Ordnung. Bringt ihn rein und nehmt seine Personalien auf, Jungs. Ich bin sicher, er kennt den Weg so gut wie ihr.“

Als ich ihnen nach drinnen folgen wollte, packte Daniel mich am Arm.

„Bist du ob deiner Fähigkeiten als Detektivin so übermütig geworden, dass du entschieden hast, die Pflichten der New Yorker Polizei zu übernehmen?“, fragte er mit einer Stimme, die nicht gerade freundlich klang.

Ich sah zu ihm hinauf. „Ich war in einem Geschäft. Ich habe einen Taschendieb bei der Arbeit beobachtet. Glücklicherweise habe ich meinen Verstand gebraucht und war in der Lage dafür zu sorgen, dass er verhaftet wurde.“

„Für dich ist das nicht so glücklich wie du glaubst“, sagte Daniel. „Weißt du, wer der Mann ist?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Er ist einer der Hudson Dusters, Molly. Du weißt, wer die sind, oder nicht?“

Ich wusste es, nur zu gut. Es gab drei Gangs, die Lower Manhattan beherrschten, und die Hudson Dusters waren eine davon. Ich war vor ein paar Monaten mit einer rivalisierenden Gang aneinandergeraten und hatte nicht das Bedürfnis, diese Erfahrung zu wiederholen.

„Ich muss dich nicht daran erinnern, was sie tun – oder doch, Molly?“, fuhr Daniel fort. „Und dieser Kerl, Nobby Clark, ist dafür bekannt, sehr nachtragend zu sein. Er hat aufs Geratewohl auf vier Männer geschossen, die ihn zuvor verhaftet hatten, weißt du.“

Er starrte mich an, während ich das verdaute. „Ich will nicht, dass du aussagst, wenn es zu einer Verhandlung kommt, ist das klar? Ich will, dass du dich aus dem Staub machst, ehe er freigelassen wird. Er weiß nicht, wie du heißt, oder?“

Ich schüttelte den Kopf.

Sein Griff um meinen Arm wurde fester. „Molly, wann lernst du es, dich nicht in Polizeiarbeit einzumischen?“

„Heilige Mutter Gottes, würdest du mich loslassen“, rief ich und schüttelte ihn von mir ab. „Ich habe nur getan, was jeder anständige Mensch getan hätte. Wenn es meine Geldbörse gewesen wäre, hätte ich gewollt, dass mich jemand warnt.“

Er seufzte. „Ich schätze, das stimmt. Und bei den meisten Taschendieben wäre es in Ordnung gewesen. Aber man kann sich darauf verlassen, dass du den Falschen findest. Komm. Ich begleite dich nach Hause. Wir lassen Nobby eine Weile in einer Zelle warten und lassen ihn dann frei.“

„Ihn freilassen? Aber er hat gestohlen.“

„Aussage gegen Aussage, wie er gesagt hat. Die Gangs bezahlen gute Anwälte. Sie würden ihn rauspauken und dann würde er kommen, um nach dir zu suchen. Mach dir keine Sorgen. Wir erwischen ihn, wenn es darauf ankommt.“

„Ich schätze, die Hudson Dusters bestechen euch, so wie es auch die anderen Gangs tun“, sagte ich.

Er sah mich wütend an. „Entgegen der landläufigen Meinung, steht die New Yorker Polizei nicht im Lohn der Gangs. Wir lernen lediglich, welche Kämpfe es sich auszufechten lohnt und welche nicht. Wenn Nobby wegen Taschendiebstahl angeklagt wird, verschwindet er allerhöchstens für ein paar Monate. Ich würde lieber darauf warten, ihm etwas Großes anzuhängen.“

Er versuchte, mich in Richtung Bordstein zu lenken.

„Warte“, sagte ich. „Ich gehe nicht nach Hause. Ich muss noch meine Einkäufe erledigen.“

„Ich will nicht, dass du in diesen Laden zurückgehst.“ Daniel sah mich weiterhin finster an. „Du gehst direkt nach Hause und ich lasse einen unserer Männer deine Einkäufe machen. Was wolltest du kaufen?“

Ich wollte Daniel nicht wissen lassen, dass meine Finanzen zuletzt ziemlich prekär gewesen waren – was der Tatsache geschuldet war, dass mir die Aufträge fehlten – und dass ich einige Scheiben kalte Zunge zum Abendessen kaufen wollte.

„Es ist in Ordnung. Nichts, was ich nicht morgen einkaufen könnte, schätze ich“, sagte ich. „Aber ich bin jetzt ein großes Mädchen. Ich kann allein über die Straße gehen.“

„Manchmal frage ich mich, ob das stimmt“, sagte er und lächelte.

Der aggressive Daniel war leichter zu handhaben als der lächelnde. Ich versuchte, vor ihm zurückzuweichen. Seine Finger glitten meinen Arm hinab, bis er meine Hand in seiner hielt und meine Finger untersuchte. „Noch kein Ring, wie ich sehe“, sagte er. „Dem bärtigen Wunder also noch nicht versprochen?“

„Wenn du dich auf Mr. Singer beziehst, so sind wir einander nicht wirklich versprochen, aber wir haben eine Abmachung“, sagte ich steif.

„Molly–“, setzte er mit verärgerter Stimme an.

„Und ich nehme an, dass du noch mit Miss Norton verlobt bist?“

„Ich glaube, sie wird meiner endlich überdrüssig“, sagte Daniel. „Sie sagte mir vor ein paar Tagen, ich sei langweilig und mir fehle Ehrgeiz. Das ist ein gutes Zeichen, würdest du nicht auch sagen?“

„Gut für wen?“, fragte ich. „Wirklich, Daniel, mein Leben ist zu geschäftig für müßige Gedanken an dich und Miss Norton.“

„Verfolgst du noch immer diese lächerliche Idee, Ermittlerin zu sein?“

Ich nickte. „Ich schlage mich ziemlich gut, wenn du es wissen willst. Fast so gut wie Paddy Riley.“

„Paddy Riley hat es das Leben gekostet“, rief er mir in Erinnerung.

„Davon abgesehen.“

Er überquerte neben mir die Straße und hielt am Eingang zum Patchin Place an, dem kleinen Nest, in dem ich lebte. „Ich muss zurück, aber von hier aus kommst du klar, oder?“, fragte er.

„Ich kam auch vorher wunderbar klar“, sagte ich. „Ich kann wirklich auf mich selbst aufpassen, Daniel. Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen.“

„Aber das tue ich. Und ich denke oft an dich. Sag mir nicht, dass du nie an mich denkst.“

„Ich habe nie die Zeit“, sagte ich kurz angebunden. „Guten Tag, Captain Sullivan. Danke, dass Sie mich nach Hause gebracht haben.“

Ich ließ ihn am Eingang zum Patchin Place stehen.

Zwei

Ich blickte nicht zurück, während ich den Patchin Place hinunterging. Ich hatte diese Begegnung ziemlich gut bewältigt; tatsächlich war ich zufrieden mit mir. Ich hatte Daniel Sullivan gezeigt, dass er mich nicht länger in der Hand hatte. Ich hatte wie eine selbstsichere, erfolgreiche Frau gewirkt. Vielleicht sollte ich meinen Beruf augenblicklich wechseln und basierend auf dieser überzeugenden Darbietung meinen Stückeschreiber-Freund Ryan O’Hare nach einer Rolle in seinem nächsten Stück fragen.

Denn um die Wahrheit zu sagen, florierte mein Geschäft gerade nicht besonders. Ich kann nicht sagen, dass ich ein Vermögen als Privatdetektivin verdiente. J. P. Riley and Associates erhielt immer noch eine Vielzahl von Anfragen, aber wenn die Leute herausfanden, dass der Ermittler eine Frau war, schwand oft das Interesse. Die allgemein verbreitete Ansicht war, dass man nicht darauf vertrauen konnte, dass eine Frau diskret war. Frauen waren dafür bekannt, dass sie nicht in der Lage waren, den Mund zu halten. Das war auch Paddys Meinung gewesen, obwohl ich glaube, dass er dabei war, seine Meinung über mich zu ändern, als er getötet wurde. Ich vermisste ihn noch immer. Ich war immer noch wütend, dass er gestorben war, ehe er mir alle Tricks seines Handwerks beibringen konnte.

Ich stellte meinen leeren Korb ab und suchte nach dem Türschlüssel. Ich verspürte jedes Mal Stolz, wenn ich mein eigenes Haus betrat, noch dazu ein so hübsches, kleines Haus. Jetzt fragte ich mich, wie lange ich es noch würde behalten können. Seit einigen Monaten war kein Geld hereingekommen. Seamus O’Connor, der sich das Haus mit mir teilte, war beim Kaufhaus Macy’s entlassen worden, eine Stelle, die für die Weihnachtssaison geschaffen worden war. Jetzt war es Mai und er hatte noch keine neue Anstellung gefunden. Seine beiden Kinder Shamey und Bridie waren gute Esser, und das Geld schwand in erschreckendem Tempo. Es gab keinen Grund, wieso ich zwei Kinder durchfüttern sollte, die nicht einmal mit mir verwandt waren, außer der Tatsache, dass ich mein gegenwärtiges Leben in Amerika ihrer Mutter verdankte, die in Irland im Sterben lag. Und ich hatte sie liebgewonnen. Mittlerweile erschienen sie mir wie meine eigene Familie.

Ich ging hinein und sah mich verärgert um. Die Reste einer Mahlzeit übersäten den Küchentisch – das Brot war schief abgeschnitten und ich sah Kleckse von Marmeladen auf dem Wachstuch. Die Kinder waren nach der Schule offensichtlich nach Hause gekommen und wieder ausgegangen. Nun, sie machten sich besser auf eine gehörige Standpauke gefasst, wenn sie zurückkamen. Ich begann, ihre Unordnung aufzuräumen. Seamus war, wie es schien, nicht zu Hause. Ich bewunderte, dass der Mann jeden Tag auf der Suche nach Arbeit durch die Straßen zog. Das Problem war, dass er immer noch nicht stark genug war, um die Arbeit zu verrichten, die den neuangekommenen Iren zur Verfügung stand – und für etwas Besseres war er nicht geschult.

Ich seufzte, als ich das Brot in den Kasten zurücklegte. Irgendetwas musste bald geschehen, wenn ich Geld für Miete und Essen auftreiben wollte. Vielleicht mussten sich die O’Connors zusammen in ein Zimmer drängen und ich würde das dritte Zimmer an einen Pensionsgast vermieten. Aber der Gedanke daran, unser Zuhause mit einem Fremden zu teilen, war nicht verlockend.

Ich könnte natürlich jederzeit wieder einem Künstler meine Dienste als Modell anbieten. Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie Jacob darauf reagieren würde, wenn ich nackt für einen fremden Mann posierte. Trotz all seines Freisinns, glaubte ich nicht, dass er das gut aufnehmen würde. Der gute Jacob; er war derzeit das einzig Beständige in meinem Leben. Ich hatte mich bisher geweigert, mit ihm übers Heiraten zu reden, aber ich wurde schwächer. Ich muss gestehen, dass der Gedanke daran, geliebt und beschützt zu werden, selbst für eine Geschäftsfrau wie mich gelegentlich anziehend war.

An Jacob zu denken machte mir bewusst, dass ich ihn seit einigen Tagen nicht gesehen hatte und in diesem Augenblick ein wenig Liebe gebrauchen konnte. Es war keiner der Abende, an denen er bei Veranstaltungen seiner Arbeiterorganisation war, der Hebrew Trades Association, also sollte er zu Hause sein. Er könnte mich zu Borschtsch und Rotwein in unser Lieblingscafé ausführen. Trotz der Hitze, die die Bürgersteige abstrahlten, rannte ich fast über den Washington Square, dann den Broadway hinunter und in die Rivington Street.

Als ich in die sogenannte Lower East Side voranschritt, waren die Straßen verstopft von Handkarren und Verkaufsständen, die von den Texten jiddischer Lieder bis hin zu Essiggurken, Knöpfen oder lebenden Gänsen alles verkauften. Ein wahrhaftiges Orchester der Geräusche hallte von den hohen Wänden der Mietshäuser wider – das Schreien eines Säuglings, eine Violine aus einem oberen Fenster, die eine schwermütige, russische Melodie spielte, schrille, sich von einem Fenster zum anderen auf der gegenüberliegenden Straßenseite streitende Stimmen, Straßenhändler, die ihre Waren anpriesen. Es war eine Szenerie voller Leben und ich kostete sie aus, während ich vorübereilte.

Jacob lebte am hinteren Ende der Rivington Street, nahe dem East River. Der stechende Geruch des Flusses wehte mit der abendlichen Brise zu mir herüber. Er hatte ein Zimmer im dritten Stock des Gebäudes, aber es war groß und luftig, zur Hälfte Wohnraum und zur Hälfte Atelier für seine Arbeit als Fotograf. Er war ein wundervoller Fotograf und hätte ein gutes Auskommen haben können, wenn er nicht entschieden hätte, sich der sozialen Gerechtigkeit zu widmen und so ausschließlich Schauplätze des Elends zu fotografieren.

Die Eingangstür des Gebäudes stand offen. Zwei alte Männer saßen auf der Vortreppe, ihre langen weißen Bärte bewegten sich hin und her, während sie in ernster Unterhaltung gestikulierten. Sie sahen mich schräg an, als ich an ihnen vorüberging. Ich war auf dem Weg, einen jungen Mann zu besuchen, ohne eine Anstandsdame dabei zu haben. Solche Dinge waren in der alten Heimat unerhört. Ich grinste und sprang die Treppen hinauf, zwei Stufen auf einmal.

Oben angekommen hielt ich inne, um mir den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen und mein schwer zu bändigendes Haar zu zähmen. Ich konnte Stimmen hören, die sich hinter seiner Tür unterhielten. Ich klopfte und wartete. Die Tür wurde geöffnet.

„Jacob, ich bin am Verhungern und konnte nichts zum Abendessen kaufen, weil …“, begann ich, als mir bewusst wurde, dass ich einen fremden, jungen Mann anstarrte. Er trug die schwarze Kleidung und die langen Schläfenlocken, die von strengeren, jüdischen Männern bevorzugt wurden, und er sah mich voller entsetztem Erstaunen an.

„Oh, hallo“, sagte ich. „Ich bin gekommen, um Mr. Singer zu besuchen.“

Die Augenbrauen hoben sich noch weiter. „Mr. Singer. Nicht hier“, sagte er in gebrochenem Englisch, wobei der wuchernde Bart zitterte, als er heftig den Kopf schüttelte.

„Oh. Wann wird er wieder zurück sein?“, fragte ich.

Das schien er nicht zu verstehen. Ich hatte keine Ahnung, was er in Jacobs Zimmer tat und wer sonst noch mit ihm im Zimmer war, aber er würde mich zweifellos nicht hereinlassen. Ich war drauf und dran, meine Niederlage einzugestehen und wieder nach Hause zu gehen, als Schritte von Stiefeln die Treppe heraufkamen und Jacobs Gesicht erschien.

„Molly!“ Er klang überrascht und erfreut, aber auch argwöhnisch. „Was tust du hier?“

„Brauche ich dieser Tage einen Termin, um dich zu besuchen?“, fragte ich und mein Blick neckte ihn.

„Selbstverständlich nicht. Es ist nur so, dass–“ Er hielt inne und blickte zu dem schwarz gekleideten, jungen Mann herauf, der uns beobachtete. „Es ist im Moment recht schwierig.“ Er wandte sich dem Neuankömmling zu und sprach rasch auf Jiddisch mit ihm. Ich hatte einige Worte dieser Sprache zu verstehen gelernt, aber nur, wenn sie langsam genug gesprochen wurden. Der junge Mann nickte und zog sich zurück. Jacob schloss die Tür und so blieben wir draußen zurück.

„Wer ist das?“, fragte ich und sah ihn mit belustigtem Gesichtsausdruck an. „Sag mir nicht, dass der Rabbi jemanden geschickt hat, weil du mit einer Schickse verkehrst.“

„Ich bringe dich wieder nach unten“, sagte er und packte fest meinen Arm.

Der Nachmittag schien aus Männern zu bestehen, die meinen Arm packten und mich in Richtungen führten, in die ich nicht gehen wollte.

„Was soll das alles, Jacob?“, fragte ich.

„Es tut mir leid, Molly, wirklich leid“, sagte er flüsternd, obwohl es im Treppenhaus niemanden gab, der uns hören konnte. „Es ist nur so, dass ... es im Moment ungünstig ist.“

„Das hast du bereits gesagt“, rief ich ihm in Erinnerung. „Was ist los, Jacob?“

Er blickte wieder die Treppe hinauf. „Dieser Mann, er ist mein Cousin, aus heiterem Himmel aus Russland aufgetaucht. Es sind drei, genau genommen. Mein Cousin und zwei Freunde. Sie hatten kein Geld und wussten nicht, wohin, also habe ich sie natürlich aufnehmen müssen. Unter anderen Umständen hätte ich dich ihnen vorgestellt, aber wie du gesehen hast, sind sie ziemlich streng in ihren religiösen Überzeugungen. Ein unbegleitetes Mädchen – ich korrigiere: ein unbegleitetes, nicht-jüdisches Mädchen – in mein Wohnquartier zu bringen, würde sie unfassbar schockieren. Also bis auf Weiteres …“

„Willst du, dass ich fernbleibe.“

Er sah mich mit Dankbarkeit im Blick an. „Ich glaube, das wäre weise. Du weißt, was ich von diesen antiquierten Traditionen und Bräuchen halte, aber sie sind gerade erst angekommen. Ich kann sie nicht zu bald mit zu viel konfrontieren.“

„Und wie hast du meine Anwesenheit erklärt?“, fragte ich eisig. „Bin ich die Verrückte vom Stockwerk unter dir? Die gekommen ist, um sich eine Tasse Zucker zu borgen?“

Er sah jetzt beschämt aus. „Ich habe gesagt, du seist eine Angestellte unserer Gewerkschaft.“

„Ich verstehe.“ Ich wandte mich von ihm ab und spürte, wie mir die Röte in die Wangen stieg.

Er legte mir die Hände auf die Schultern und versuchte, mich zu ihm zurückzudrehen, sodass ich ihn wieder ansah. „Molly, es tut mir leid. Das war dumm von mir. Mir fiel nur kein anderer Weg ein, dich vorzustellen, ohne sie zu verärgern.“

„Und dass du mich verärgerst? Das spielt für dich keine Rolle?“

„Selbstverständlich spielt es eine Rolle. Ich dachte, du verstehst das.“

„Und wird es immer so sein, Jacob?“, fragte ich kühl. „Wenn wir heiraten würden, müsste ich dann jedes Mal das Haus verlassen, wenn sich deine Verwandten nähern? Oder mich unter dem Bett verstecken? Oder mein Leben damit verbringen, so zu tun, als wäre ich eine deiner Gewerkschaftsangestellten?“

„Natürlich nicht. Jeder, der eine Gelegenheit hat, dich kennenzulernen, mag dich. Meine Eltern mögen dich.“

„Deine Eltern tolerieren mich.“

Jacob seufzte. „Diese Dinge brauchen Zeit. Wenn du in einer Kultur aufgewachsen bist und plötzlich in eine andere hineingeworfen wirst, in der ganz andere Regeln gelten, ist es nicht immer leicht, sich zu verändern. Ich bin ein moderner Denker. Ich bin für Veränderung. Viele Juden sind das nicht.“

Sein Griff um meine Schultern wurde fester. „Und vergib mir, ich habe dich nicht mal gefragt, warum du zu Besuch gekommen bist. Es ist doch alles in Ordnung, oder?“

„Ist es einer jungen Dame in deiner modernen Art zu denken nicht erlaubt, ihren männlichen Freund zu besuchen? Muss sie stets darauf warten, dass er sie aufsucht, wenn es ihm passt?“

Er lachte unbehaglich. „Nein. Natürlich nicht. Bei jeder anderen Gelegenheit hätte ich deine Gegenwart willkommen geheißen.“

„Bei jeder Gelegenheit, es sei denn, einer deiner Verwandten oder Freunde besucht dich.“ Ich hob seine Hände von meinen Schultern. „Ich überlasse dich deinen Gästen, Jacob, und ich sehe dich, wenn es uns beiden gelegen ist.“

Ich schob mich an den beiden alten Männern vorbei, die immer noch tief versunken in ernster Unterhaltung auf der Vortreppe saßen.

„Es ist nur für eine kurze Weile, Molly. Nur, bis ich für sie eine eigene Bleibe gefunden habe“, rief er mir nach.

Ich ging weiter. Er folgte mir nicht. Ich kochte vor Wut. Ich hatte mich anfangs zu Jacob hingezogen gefühlt, weil ich ihn als verwandte Seele betrachtet hatte. Er war nicht an dämliche, gesellschaftliche Regeln gebunden. Er wollte die Dinge zum Besseren verändern. Jetzt schien es, als wäre er nicht die verwandte Seele, für die ich ihn gehalten hatte.

Drei

Ich ging schnell und bahnte mir den Weg durch die abendlichen Menschenmengen in der Rivington Street. Als ich auf den Broadway zulief, wurde die Straße vollständig von einem weißen, von zwei Pferden gezogenen Fuhrwerk blockiert. Als ich auf gleicher Höhe war, sah ich das rote Kreuz auf der Seite. Ein Krankenwagen. In der Lower East Side bekam man nicht viele von denen zu Gesicht. Die meisten Menschen konnten es sich nicht leisten, in einem guten, teuren Krankenhaus krank zu sein, und wollten nicht in ein Armenkrankenhaus, wo sie Gefahr liefen, noch kränker zu werden. Sie blieben zu Hause und wurden entweder wieder gesund oder starben. Ein paar Männer in weißen Uniformen hielten die Menge zurück, während eine Trage aus einem Gebäude getragen wurde.

„Noch einer“, hörte ich jemanden sagen. „Das sind jetzt drei allein in dieser Straße.“

„Was ist denn?“, fragte ich.

Der Kopf der Frau war trotz der Hitze in ein schwarzes Schultertuch gehüllt.

„Typhus“, flüsterte sie, als ob es Unglück brächte, es laut auszusprechen. „Sterben wie die Fliegen. Man bringt sie ins Isolationskrankenhaus, aber dann ist es zu spät, oder nicht? Der Schaden ist angerichtet.“

Von der Tür kam Wehklagen, als die Trage im Krankenwagen festgeschnürt wurde und der Kutscher seine Peitsche knallen ließ, um die Menge zu vertreiben, die die Straße versperrte. Sie teilte sich, plötzlich stumm, als wollten die Menschen sich so weit wie möglich von der Krankheit distanzieren. Mir fielen einige Frauen auf, die sich ihre Schultertücher jetzt über den Mund gelegt hatten und andere, die ihren Säuglingen in den Kinderwagen die Betttücher über die Köpfe zogen. Ich eilte in Richtung hygienischerer Bereiche der Stadt und hoffte, dass Jacob vernünftig genug wäre, sich weit genug von jenen fernzuhalten, die an Typhus erkrankt waren, auch wenn ich wütend auf ihn war.

Der Washington Square lag im Zwielicht, als ich ihn überquerte. Die Überbleibsel eines rosafarbenen Glühens erleuchteten den Himmel hinter den Bäumen und die Luft war süß vom Geruch des Jasmin, der in einem der Beete wuchs. Ich wollte nicht nach Hause gehen und mich der Tatsache stellen, in der Speisekammer für drei hungrige Münder etwas zum Kochen finden zu müssen. Die Alternative war, meine Freundinnen Augusta Walcott und Elena Goldfarb zu besuchen, die man eher als Gus und Sid kannte und die auf der anderen Straßenseite lebten, was mir wie eine viel bessere Idee erschien. Aber als ich halb über den Platz war, hörte ich erfreute Schreie. Ich erkannte die Stimmen, drehte mich um und sah zwei schmuddelige Kinder, die sich gegenseitig mit Wasser aus dem Brunnen bespritzten.

„Shamey, Bridie. Kommt sofort her“, rief ich, sie kamen mit gesenkten Köpfen und lächelten mich verlegen an.

„Was glaubt ihr, tut ihr hier, so spät in diesem Zustand herumzurennen?“, verlangte ich zu wissen. Von Nahem betrachtet, sahen sie sogar noch schäbiger aus. Die Haare klebten ihnen an den Köpfen und ihre Kleider waren durchnässt.

„Heilige Mutter Gottes, was habt ihr angestellt?“, fragte ich.

„Wir haben nur ein kleines bisschen im Brunnen gespielt“, sagte Shamey, der meinen Blick nicht erwiderte. „Es war zu heiß.“

„Haltet ihr mich für eine komplette Idiotin?“ Ich sah sie wütend an. „Ihr wart wieder im Fluss schwimmen, oder nicht?“

„Wir haben nur die Zehen ins Wasser gehalten“, sagte Shamey.

„Nur die Zehen ins Wasser gehalten! Seht euch nur an! Von Kopf bis Fuß durchnässt. Was habe ich darüber gesagt, im East River schwimmen zu gehen?“

„Aber Molly, es war heute heiß und unsere Cousins machen das andauernd.“

„Ich bin nicht für eure Cousins verantwortlich“, sagte ich. „Und ihr wisst, dass ich es nicht mag, wenn ihr sie besucht. Sie sind schlechter Einfluss. Kommt schon. Ab nach Hause mit euch.“ Ich packte sie an den Handgelenken und marschierte mit ihnen über den Platz zur Straße. „Und du hättest dich hüten sollen, deine Schwester mitzunehmen“, sagte ich zu Shamey. „Sie kann noch nicht richtig schwimmen. Sie hätte ertrinken können.“

„Nein, hätte sie nicht. Wir behalten sie im Auge. Sie hält sich sowieso nur an einem Seil fest und wippt am Steg. Sie springt nicht rein oder so.“

Ich seufzte. Trotz all meiner Bemühungen wurde Shamey zu einem kleinen New Yorker. Wir überquerten die Waverly und liefen Richtung 6th Avenue.

„Ich springe nicht rein“, sagte Bridie und sah entschuldigend zu mir herauf. „Ich bleibe nur am Rand, ehrlich, Molly.“

„Aber ich mag es nicht, wenn du in dem dreckigen Wasser bist, Liebling“, sagte ich und strich ihr das ihr am Kopf klebende, nasse Haar zurück. „Gott allein weiß, was in diesem Fluss ist.“

„Entschuldigen Sie, Molly“, murmelte Shamey.

Es war beinahe dunkel, als wir den Patchin Place erreichten.

„Ich mache heißes Wasser für ein Bad für euch zwei fertig“, sagte ich. „Und dann gibt es Brot und Milch und danach geht es sofort ins Bett.“

Ich eilte herum, erhitze Wasser und füllte die Zinkbadewanne für sie. Ich machte gerade die Milch für sie warm, als Seamus Senior nach Hause kam.

„Entschuldigen Sie, dass ich so lange aus war“, sagte er und hielt inne, um sich sein rotes, schweißbedecktes Gesicht mit einem dreckigen Taschentuch abzuwischen. „Ich traf einige der Kerle, mit denen ich früher am U-Bahn-Tunnel arbeitete. Sie haben mich auf ein paar Bier eingeladen. Sie finden es empörend, dass ich keine Entschädigung dafür bekommen habe, lebendig begraben worden zu sein. Sie sagen, ich sollte mir einen guten Anwalt besorgen und die Bastarde verklagen.“

Er sprach mit ungewöhnlicher Streitlust und ich glaubte, dass das Bier aus ihm sprach. Das ist oft so bei uns Iren. Ein paar Bier und wir sind bereit, es im Alleingang mit der Welt aufzunehmen.

„Wo nehmen Sie denn das Geld für einen Anwalt her?“, fragte ich und ignorierte weise, dass er in Gegenwart einer Dame ein Schimpfwort verwendet hatte. „Verwenden Sie Ihre Energie lieber dafür, eine Stelle zu finden.“

Während ich sprach, erkannte ich, dass ich anfing, zu klingen und mich zu verhalten wie eine Ehefrau. Ich schwieg augenblicklich. Seamus hatte immer noch eine Frau zu Hause in Irland, soweit wir wussten. Und ich war nicht im Begriff, ihre Rolle zu übernehmen.

„Ich habe versprochen, auf der anderen Straßenseite vorbeizuschauen“, sagte ich. „Da ist Brot und Milch für die Kleinen und in der Speisekammer ist Käse, wenn Sie nach all dem Bier noch hungrig sind.“

Dann floh ich und klopfte an die Tür der Hausnummer neun. Nach einer enttäuschenden Minute, während der ich dachte, dass sie nicht zu Hause wären, wurde die Tür aufgeworfen und meine Freundin Gus stand in all ihrer Pracht vor mir. Sie trug einen smaragdgrünen Seidenkaftan mit passendem Band um die Stirn und hielt eine lange Elfenbeinspitze mit einer Zigarette in ihrer freien Hand.

„Molly, meine Liebe“, rief sie aus. „Welch perfektes Timing. Ich habe Sid rübergeschickt, um dich zu holen, aber du warst nicht zu Hause. Komm rein, komm rein, los.“

Ich wurde halb hereingezogen.

„Du rätst nie, wer uns besucht und sich nach dir sehnt“, sagte sie. Ich hielt es für weiser, nicht zu raten. Man wusste nie, wer Sid und Gus vielleicht besuchte. Sie schob mich ins Wohnzimmer, das ergänzend zu den Gaslampen mit Kandelabern hell erleuchtet war.

„Hier ist sie, ich habe sie gefunden“, kündigte Gus triumphierend an. „Du kannst aufhören, zu schmollen, Ryan.“

Ich sah mich erfreut um. Auf dem blauen Samtsofa faulenzte mein guter Freund Ryan O’Hare, der verruchte und elegante Stückeschreiber. Neben ihm saß ein weiterer schlanker und hübscher junger Mann, der mich schweigend anblickte.

Ryan stand auf. Mit Rücksicht auf das heiße Wetter trug er ein besticktes Bauernhemd mit Rüschenärmeln, das vorne auf komische, opernhafte Weise offen war.

„Molly, mein Engel. Ich habe mich tatsächlich nach dir gesehnt“, rief er in seinem sanften, kultivierten Umgangston. „Wie lange ist es her?“

„Mindestens eine Woche, Ryan“, sagte ich und lachte, als ich seinen Kuss auf die Wange akzeptierte. „Und ich glaube, du hast mich kein bisschen vermisst.“ Mein Blick bewegte sich zu seiner schweigenden Begleitung und Ryan lachte entzückt.

„Scharfsinnig wie immer, meine Liebe. Das ist Juan. Er ist Spanier und spricht bisher wenig Englisch. Ich unterrichte ihn.“

„Ich wette, das tust du“, sagte Sid trocken.

Der dunkelhaarige, junge Mann lächelte weiter.

„Wo um alles in der Welt hast du ihn kennengelernt, Ryan?“, fragte Gus.

„Kellner. Delmonico’s. Letzten Donnerstag.“ Er tätschelte meine Hand. „Juan. Mi amiga Molly.“

Juan stand auf und verbeugte sich. Ich nickte im Gegenzug.

„Also bleibst du zum Abendessen, Molly? Wir beginnen gerade eine chinesische Phase“, sagte Gus. „Sid experimentiert mit Ente.“

„Das würde ich liebend gern“, sagte ich. „Ich bin gerade dem Familienleben auf der anderen Straßenseite entkommen.“

„Sehr ermüdend. Ryan, schenk Molly etwas Ingwerwein ein. Es sollte Reiswein sein, aber wir könnten keinen finden“, sagte Sid. „Und entschuldige mich, wenn ich zu meiner Ente in die Küche zurückmuss, ehe sie aus dem Topf flieht.“

„Sie lebt doch nicht noch, oder?“, fragte ich ängstlich. Man weiß bei Sid und Gus nie.

Sid lachte. „Natürlich nicht, Dummerchen. Aber ich brate sie bei schrecklich hoher Temperatur. Ich sollte sie im Auge behalten.“

„Ich glaube, ich komme besser mit und helfe dir, Sid“, sagte ich.

Ryan reichte mir den Drink, dann weigerte er sich, meine andere Hand loszulassen. „Komm schnell zurück, meine Liebe. Du weißt, dass ich mich nach dir verzehre, wenn du fort bist“, sagte er.

Ich lachte. „Ryan, du magst vielleicht nicht irisch klingen, aber du bist eindeutig so redegewandt. Tatsächlich bist du genau wie andere Männer.“

„Sag das nicht, hab Erbarmen.“ Er sah mich übertrieben entsetzte an. „Deine Worte sind Dolche in meinem Herzen.“

„Nun, du bist es aber. Süß und beflissen wie sonst was, wenn es ihnen passt, und wenn es ihnen nicht passt, dann existieren Frauen nicht.“

„Da spricht Verbitterung aus dir, Molly. Beziehst du dich auf Sullivan den Schwindler?“ Sid hielt inne und blickte von der Tür zu mir zurück.

„Nein, auf Jacob den Rückgratlosen“, blaffte ich.

„Jacob? Der gute, gütig, goldige Jacob, der nichts falsch machen kann? Der?“, fragte Gus unschuldig.

„Eben der. Ich habe meine Meinung über ihn geändert.“ Und ich erzählte vom Vorfall in der Rivington Street. „Ich komme zusehends zu dem Schluss, dass Männer ein höllisches Ärgernis sind“, schloss ich. „Das Leben liefe ohne sie viel reibungsloser.“

„Ah, aber denk doch, wie langweilig es ohne uns wäre, wenn wir euer fades Leben nicht aufheitern würden“, sagte Ryan und tätschelte meine Hand.

Sids Blick war plötzlich aufs Fenster gerichtet. „Wenn man vom Teufel spricht, Molly“, sagte sie.

„Sag mir nicht, dass Jacob gekommen ist, um sich zu entschuldigen!“ Ich zog den Vorhang zurück, um hinauszusehen.

„Nein, es ist Sullivan der Schwindler, drauf und dran, an deine Vordertür zu klopfen“, sagte Sid entzückt. „Glaubst du, er hat endlich seine Verlobte und ein Vermögen aufgegeben, um eine Chance auf die große Liebe zu bekommen?“

„Das glaube ich kaum“, sagte ich. „Ich war vor gerade mal zwei Stunden mit ihm zusammen und da war er noch verlobt. Selbst das schnellste Automobil könnte in dieser Zeit nicht nach Westchester County und zurück fahren. Nein, ich fürchte eher, dass er gekommen ist, um mir einen weiteren Vortrag darüber zu halten, wie gefährlich es ist, sich mit Gangs einzulassen.“

„Molly, sag mir nicht, dass du wieder Dummheiten machst“, sagte Gus, als ich fasziniert am Fenster stand und mich zerrissen fühlte, weil ich wissen wollte, warum Daniel mich besuchte, und weil ich ihm nicht wieder gegenübertreten wollte.

„Nicht absichtlich. Ich habe einen Taschendieb beobachtet und dafür gesorgt, dass er verhaftet wurde, nur stellte er sich als Mitglied einer ziemlich gewalttätigen Gang heraus.“

„Ach, Molly“, sagte Sid und schüttelte den Kopf. „Nun, wirst du rübergehen und ihm gegenübertreten oder willst du, dass wir dich verstecken?“

„Ich schätze, es ist besser, wenn ich …“, hob ich an.

„Nicht nötig“, fiel Gus ein und gesellte sich zu uns ans Fenster. „Diese lieben Kinder von dir schicken ihn gerade hier herüber. Wirklich, Molly, du musst sie besser in der Kunst des Lügens unterrichten.“

Ich wandte ihrem Gelächter den Rücken zu, als ich ging, um Daniel an der Eingangstür abzufangen.

„Wenn du gekommen bist, um mir wieder einen Vortrag zu halten–“, setzte ich an, als ich die Tür öffnete, ehe er klopfen konnte.

„Ich bin gekommen, um dich zum Abendessen einzuladen“, sagte er und schreckte vor meinem unerwarteten Angriff zurück.

„Und du weißt sehr wohl, was meine Antwort darauf sein wird. Ich gehe nirgendwo mit dir hin, bis du frei und unbelastet bist. Und da ich nicht glaube, dass du gelernt hast zu fliegen, seit ich dich heute Nachmittag gesehen habe–“

„Es ist rein geschäftlich“, unterbrach er mich, ehe ich zu Ende sprechen konnte.

„Geschäftlich? Was könnte es zwischen uns Geschäftliches zu besprechen geben?“

„Ich will dir einen Vorschlag machen.“ Und dieses schelmische Lächeln huschte über seine Lippen. „Einen streng geschäftlichen Vorschlag. Also, willst du ihn hören oder nicht?“

„Ich schätze, ich wäre eine Idiotin, wenn ich irgendein rechtmäßiges Geschäftsangebot ablehnte“, erwiderte ich frostig.

„Dann komm.“ Er streckte eine Hand aus und nahm meinen Arm. „Auf der Straße wartet eine Kutsche und ich habe eine Reservierung für acht Uhr.“

„Du warst dir sehr sicher, dass ich mitkommen würde.“

„Ich kenne dich zu gut, Molly Murphy. Ich wusste, deine Neugier würde die Oberhand gewinnen.“

„Aber ich muss mich umziehen, wenn wir zum Abendessen ausgehen.“

„Für mich siehst du so, wie du bist, gut aus. Verabschiede dich von deinen Freunden, dann gehen wir los.“

Er lächelte, als er mich zur wartenden Kutsche führte.

Vier

„Also was ist das für ein Geschäft, das du mir vorschlagen willst?“, fragte ich, als die Kutsche mit lebhaftem Getrappel anfuhr.

Daniel lächelte mich rätselhaft an. „Es wird sich alles später enthüllen“, sagte er. „Raus damit, bist du wirklich mit Erfolg Privatdetektivin?“

„Was spricht dagegen?“, antwortete ich und umging behutsam eine unverblümte Lüge. „Ich habe einen funktionierenden Verstand, ich bin aufmerksam und furchtlos. Warum sollte ich keinen Erfolg haben?“

Daniel nickte. „Ich bin beeindruckt, Molly. Als du diese verrückte Idee zum ersten Mal erwähntest, hätte ich gesagt, dass sie zum Scheitern verurteilt ist. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass irgendjemand eine Angelegenheit, die großes Feingefühl erfordert, einer Frau anvertrauen würde.“

Ich entschied mich, die Beleidigung zu ignorieren. „Es gibt Zeiten, da braucht es eine Frau“, sagte ich. „Kein Mann hätte verdeckt in der Bekleidungsindustrie ermitteln können, so wie ich es getan habe.“

„Du hast recht“, sagte er, „und das ist einer der Gründe, weshalb ich glaube, dass ich einen Auftrag habe, der genau das Richtige für dich ist.“

„Du hast wirklich einen Auftrag für mich?“

Er lachte. „Warum dachtest du, lade ich dich ein – um mich dir zu Willen zu machen?“

„Das hätte interessant werden können“, scherzte ich, ehe mich daran gemahnte, dass dieser Ausflug rein geschäftlich war.

„Du bist eine besondere Frau, Molly Murphy.“ Daniel hielt inne und beäugte mich einen Moment lang. „Jede andere Frau wäre rot oder vor Entsetzen ohnmächtig geworden.“ Dann riss er seinen Blick von mir ab und fuhr fort. „In Ordnung. Lass mich dir eine Frage stellen – was weißt du über die Sorensen-Schwestern?“

„Über wen?“

„Die Sorensen-Schwestern – Miss Emily und Miss Ella?“

„Habe nie von ihnen gehört.“

„Dann musst du der einzige Mensch in New York oder an der gesamten Ostküste sein, auf den das zutrifft“, sagte Daniel. „Sie haben Aufsehen erregt, als sie vor ein paar Jahren auftauchten, und sie werden immer noch von der Gesellschaft geliebt.“

„Was sind sie, Schauspielerinnen?“

Daniel lächelte. „Wer weiß. Vielleicht sind sie das. Sie behaupten, sie seien Spiritistinnen – sie sprechen mit den Toten. Du musst wissen, dass diese Stadt in den vergangenen Jahren regelrecht verrückt nach Spiritismus war und etliche Spiritisten ein Vermögen damit verdienten, liebe Verstorbene zu kontaktieren.“

„Wie seltsam“, sagte ich. „In Irland gibt es in den meisten Familien mindestens eine Person, die mit Geistern reden kann. Man hält das dort für ziemlich normal.“

Daniel lachte. „Unglücklicherweise haben wir Amerikaner diese Fähigkeit verloren, aber doch eine vereinte Sehnsucht danach, mit unseren Toten zu reden. Daher die Sorensen-Schwestern. Sie hielten große Séancen in Theatern und Hörsälen ab. Jetzt sind sie so wohlhabend und berühmt, dass sie nur noch private Séancen für reiche Müßiggänger abhalten.“

„Und wie betrifft mich das? Möchtest du einen lieben Verstorbenen kontaktieren?“

Er lehnte sich zu mir herüber und berührte meine Hand. „Ich bin sicher, dass sie Schwindlerinnen sind, Molly. Meine Kollegen und ich bei der Polizeitruppe sind davon überzeugt, aber niemand war bisher in der Lage, sie zu erwischen. Sie sind verdammt gut in dem, was sie tun – die Stimmen sprechen wie von weit entfernt, die schwebenden Köpfe, das Ektoplasma–“

„Das was?“

„Ektoplasma“, sagte er. „Es ist die dunstige, leuchtende Substanz, die der Körper eines Mediums während einer Trance ausstoßen soll. Ich habe es bei einer ihrer Séancen gesehen. Es war recht eindrucksvoll, wie es sich ganz dünn und grün umherwand.“

„Warum also glaubst du, dass sie Schwindlerinnen sind?“, fragte ich.

„Weil ich nicht an Ektoplasma glaube, weil es nicht möglich sein kann, mit den Toten zu reden und weil sie dadurch reich geworden sind, arme Schlucker zu täuschen.“

„Was genau soll ich tun?“

„Sie entlarven, natürlich.“

Die Kutsche wurde langsamer, als sie auf dem Broadway in den Theaterverkehr geriet. Helle Lichter blitzten auf den Anzeigetafeln. Die Gehwege waren überfüllt von Fußgängern.

Ich schluckte ehe ich sprach. „Und wieso glaubst du, dass ich sie entlarven kann, wenn die gesamte New Yorker Polizei dazu nicht in der Lage war?“

„Aus dem Grund, den ich dir gerade erklärt habe. Sie halten ihre Séancen jetzt ausschließlich in Privathäusern ab, wo es einfacher sein sollte, sie aus der Nähe zu beobachten.“

„Und wie glaubst du, soll ich zu einer privaten Séance eingeladen werden? Soll ich einen Haushalt als Dienstmädchen betreten?“

„Als Gast, meine Liebe“, sagte Daniel.

Ich lachte. „Oh ja. Ich habe einen ganzen Kaminsims voller Einladungen von den Vanderbilts und Astors.“

„Mach dir keine Sorgen. Ich arrangiere alles. Du hast von Senator Flynn gehört, nehme ich an?“

„Ich habe von ihm in der Zeitung gelesen. Er soll jung und schneidig sein, oder nicht?“

„Er sieht ein wenig so aus wie ich“, sagte Daniel, „allerdings nicht ganz so schneidig.“

„Die Arroganz dieses Mannes!“ Ich war drauf und dran, ihm einen Klaps auf die Hand zu geben, dann besann ich mich und zog sie im letzten Moment zurück.

Daniel spähte aus dem Fenster. „Wieso bewegen wir uns nicht? Ich erkläre, dass der Verkehr in dieser Stadt unerträglich wird. Hat jeder auf der Welt entschieden, heute Abend ins Theater zu gehen?“ Er schlug mit seinem Gehstock gegen das Kutschendach. „Lassen Sie uns hier raus, Kutscher. Es ist schneller, wenn wir gehen.“

„Sehr wohl, Sir.“ Der Kutscher sprang herunter und öffnete die Tür für uns. Daniel trat zuerst hinaus und half mir dann die Stufen hinunter. Der gesamte Broadway war ein einziges Gewimmel von Menschen, viele von ihnen elegant gekleidet, fürs Theater oder einen Besuch im Restaurant. Aber am Rand des Bordsteins standen Bettler, einige von ihnen verkauften Dinge, andere waren jämmerlich deformiert und hielten verzweifelt verdrehte Handflächen hervor. Ich erschauderte und wand mein Gesicht ab. Als ich in dieser Stadt ankam, hätte ich so leicht als eine von ihnen enden können. Waren sie mit denselben Hoffnungen und Träumen hergekommen?

Daniel bezahlte den Kutscher, nahm meinen Arm und führte mich an feinen Pinkeln und Bettlern vorüber.

„Wieso hast du mir von Senator Flynn erzählt?“, fragte ich.

„Ich habe einen Auftrag für dich, der ihn miteinschließt“, sagte er. „Geduld. Alles wird sich offenbaren, wenn wir das Restaurant erreichen.“

Er führte mich geschickt durch die Menge, bis wir vor einem diskreten Eingang zum Stehen kamen, der von eingetopften Palmen flankiert war. Über der Tür hing eine Markise und auf dem Schild stand MUSCHENHEIM’S ARENA. Ich fragte mich, was eine Arena sein mochte, da die einzigen Assoziationen, die das Wort heraufbeschwor, Gladiatoren und Löwen waren.

„Ist das das Restaurant?“, fragte ich.

„Das ist es. Eines der eleganteren Etablissements in der Stadt.“

„Du hättest nicht solche Umstände machen müssen. Ein normales Café wäre mir genug.“

„Ich will, dass du dich an gehobene Küche gewöhnst“, sagte Daniel, „immerhin wirst du bald in Senator Flynns Anwesen am Hudson dinieren.“

„Senator Flynns Anwesen?“ Ich musste lachen. „Und wie gedenkst du, dafür zu sorgen, dass ich dort eingeladen werde?“

„Du wirst als Senator Flynns verloren geglaubte Cousine aus Irland vorgestellt“, sagte er.

„Kaufen Sie für die Dame eine Blume, Sir?“ Ein halb verhungert aussehendes Mädchen in jämmerlichen Lumpen versperrte uns den Weg zur Restauranttür und hielt mit flehendem Blick eine Rose in der Hand.

Ich glaubte, sie gesehen zu haben, als wir aus der Kutsche gestiegen waren und bewunderte ihre Beharrlichkeit, uns so weit zu folgen.

Daniel war drauf und dran, sie beiseite zu schieben, dann gab er nach. „Oh, nun gut.“ Er wählte eine Rose für mich und eine Ansteckblume für sich und bezahlte das Mädchen. Sie wandte ihren Blick nicht von unseren Gesichtern und hatte dann zwei linke Hände, als sie an Daniels Münzen herumfummelte.

„Ach, behalt den Rest.“ Er schob sie ungeduldig beiseite. „Wirklich, das arme Ding ist ein Trottel.“

„Vielleicht bekommt sie nicht genug zu essen“, sagte ich und blickte zu ihr zurück. Sie sah uns mit einem sonderbaren Ausdruck im Gesicht an. Dann wurde die Tür von einem Mann in einer eleganten Livree geöffnet und wir traten ein. Drinnen war es im Vergleich zum Treiben und den Bettlern auf dem Broadway eine andere Welt. Es war eine Szenerie der Behaglichkeit und Eleganz – Tische mit weißem Tischtuch, beleuchtet von winzigen, berüschten Lampen, dazu das Glitzern von Glas und Silber. Ein elektrischer Ventilator drehte sich an der Decke, aber es war noch immer auffallend warm, sodass Daniel einen Tisch an einem offenen Vorderfenster erbat, um so viel wie möglich von der Brise mitzubekommen. Er bestellte das, wie es schien, teuerste Gericht für uns, dann reichte man ihm die Weinkarte.

„Einen französischen Champagner, denke ich“, sagte er und gab sie zurück, ohne sie zu öffnen. „Ihren Besten.“

„Also, erzähl weiter von Senator Flynn“, sagte ich, nachdem der Champagner gebracht, probiert und ausgeschenkt worden war und ich dem Kellner den Eindruck zu vermitteln versucht hatte, dass es ein alltägliches Ereignis in meinem Leben war, mit einem Glas Champagner vor mir in einem solchen Etablissement zu sitzen. „Ich bin neugierig. Hat er etwas mit den Spiritistinnen zu tun, von denen du mir erzählt hast?“

„Du musst von der großen Tragödie des Senators gehört haben“, sagte Daniel. „Ich bin mir sicher, dass es in Irland in den Zeitungen stand. Hier war es monatelang im Gespräch.“

Ich schüttelte den Kopf. „Wir hatten kein Geld für Zeitungen, also bezweifle ich, dass irgendwelche Neuigkeiten, die keine französische Invasion betrafen, die Grafschaft Mayo erreicht hätten.“

„Es war vor etwa fünf Jahren“, sagte Daniel. Er hielt inne und prostete mir zu. „Auf deine gute Gesundheit, Molly. Auf Erfolg in all deinen Unternehmungen.“ Wir stießen an.

„Erzähl weiter“, sagte ich, denn jede Spur von Innigkeit war nervenaufreibend.

„Barney Flynn kandidierte zum ersten Mal für den United States Senate. Mitten im Wahlkampf wurde sein kleiner Sohn entführt.“

„Wie schrecklich“, rief ich aus. „Der arme Mann. Wurde das Kind je zurückgebracht?“

Daniel schüttelte den Kopf. „Nein. Es war überaus tragisch. Der Erpresserbrief verkündete, dass das Kind in einem geheimen Versteck begraben worden war, irgendwo auf dem Anwesen der Flynns.“

Ich schnappte nach Luft. „Lebendig begraben?“

Er nickte. „In einer Spezialkammer mit einem Luftloch, damit Sauerstoff hineingelangen kann. Barney Flynn hat Anweisungen erteilt, das Geld zu übergeben, ohne Hin und Her. Alles, um seinen Sohn zurückzubekommen. Aber er hat den Fehler gemacht, die Polizei einzuschalten. Ein übereifriger Polizist hat den Entführer erschossen, als der kam, um das Geld zu holen.“

„Also haben Sie das Versteck des Kindes nie gefunden?“

„Nie. Sie haben mit Hunden überall auf dem Anwesen gesucht, und das ausgiebig, aber das Kind wurde nie gefunden. Das Anwesen ist natürlich riesig. Hunderte Morgen Wald und felsige Berghänge.“

„Es gab also nur einen Entführer? Er hatte keinen Komplizen?“

„Die Polizei hat gründlich ermittelt und es kam kein zweiter Entführer ans Licht, obwohl vermutet wurde, dass das Kindermädchen an der Sache beteiligt gewesen sei. Es war der Chauffeur der Flynns, weißt du. Und das Kindermädchen war mit ihm ausgegangen.“

„Aber sie wusste nicht, wo das Kind begraben sein könnte?“

„Sie leugnete jede Kenntnis des ganzen Plans.“

„Wie entsetzlich, Daniel. Wie tragisch für den Senator und seine Frau.“

„Sehr.“ Daniel seufzte. „Senator Flynn hat sich mit besonderem Elan in seine politische Arbeit gestürzt, aber seine arme Frau hat sich nie von dem Schock erholt.“

„Bekamen sie noch weitere Kinder?“

„Ein kleines Mädchen, ein Jahr später oder so, aber die Mutter trauert noch immer um ihren verlorenen Sohn. Sie hat sich kürzlich an die Sorensen-Schwestern gewandt und sie für diesen Sommer in ihr Haus eingeladen, sodass sie mit dem kleinen Brendan kommunizieren kann.“

„Ah.“ Ich sah ihn über mein Champagnerglas hinweg an. „Und du hättest mich gerne als Beobachterin dort.“

„Es ist die perfekte Gelegenheit. Ich kann es nicht selbst machen, da ich den Sorensen-Damen bekannt bin, und den Flynns auch. Wunderbar. Da kommt die Suppe.“

Wir unterbrachen unsere Unterhaltung, während wir uns durch einen cremigen Austerneintopf, dann einen Salat und dann eine Platte mit geräuchertem Fisch arbeiteten.

„Und wie soll ich als die Cousine des Senators durchgehen?“, fragte ich in der Pause, ehe das Hauptgericht gebracht wurde. „Gewiss kennt er seine Cousinen?“

„Glücklicherweise“, sagte Daniel, „entstammt der Senator einer sehr großen irischen Familie. Er wurde natürlich dort drüben geboren. Seine Eltern kamen während der Hungersnot her, ohne jeglichen Besitz. Barney wuchs in den schlimmsten Armenvierteln New Yorks auf. Wirklich ein Selfmademan. Zu seinem ersten Vermögen kam er, als er ein Lastschiff mietete, es bis Maine die Küste rauffuhr und mit dem Schiff voller Eis zurückkehrte. Er hat außerdem bis zur Vollkommenheit Tammany-Politik betrieben – ist vom Bezirksobersten bis in den Senat aufgestiegen. Und mit Tammanys Hilfe hat er den Eishandel in der Stadt übernommen. Jetzt ist er natürlich Millionär. Er hat reich geheiratet, was ebenfalls nicht geschadet hat. Aber er hat den Ruf, gegenüber allen Verwandten, die aus der alten Heimat herüberkommen, großzügig zu sein.“

„Ja, aber gewiss würde so ein gerissener Mann ein paar kleine Untersuchungen anstellen, falls ich auf seiner Türschwelle stünde und behaupten würde, seine verloren geglaubte Cousine zu sein?“

„Natürlich würde er das, weshalb deinem Besuch Briefe vorausgehen, in denen du dich vorstellst. Ich versorge dich mit einem vollständigen Familienhintergrund und der Familiengeschichte. Du musst deine Hausaufgaben machen, sodass du dich nicht verplapperst. Ich habe keine Zweifel, dass du das hinbekommen wirst.“ Daniel spielte mit seiner Gabel, als ein Brathähnchen zu unserem Tisch gebracht und vor unseren Augen tranchiert wurde. Es wurde begleitet von kleinen Kartoffeln, Perlzwiebeln und Erbsen. Eine großzügige Portion wurde vor mir abgestellt.

„Heilige Mutter. Das ist ein Fest“, rief ich aus, ehe ich mich daran erinnerte, dass ich für Daniel die erfolgreiche Detektivin spielen sollte – gewöhnt an das gute Leben. „Und aus Interesse, wer wird mein Honorar bezahlen, falls ich zustimme, den Auftrag anzunehmen?“

„Das Stadt natürlich – so wie die Polizei für jede verdeckte Ermittlungsarbeit bezahlt.“

„Und du wirst einen Vorschuss bereitstellen, falls ich den Fall übernehme?“

„Selbstverständlich. Fünfzig Dollar im Voraus, der Rest, wenn du zurückkehrst. Ein Bonus, wenn du die Sorensen-Schwestern entlarvst.“

„Das klingt sehr verführerisch.“ Meine Gedanken wanderten zur leeren Speisekammer und der Miete des nächsten Monats.

„Dann lass dich einmal verführen. Es kommt dieser Tage nicht oft vor, dass ich dich verführen kann.“

Sein Blick begegnete meinem, als er mit einer Gabel voll Hühnchen vor seinen Lippen innehielt.

„Das ist ein rein geschäftliches Abendessen, denk dran“, sagte ich.

Daniel grinste, dieses schalkhafte, attraktive Lächeln. Das erste Glas Champagner stieg mir zu Kopf. Champagner war noch immer eine solche Neuheit für mich, dass er einen seltsamen und überwältigenden Effekt auf mich hatte.

„Natürlich“, sagte Daniel. „Rein geschäftlich.“

Ich konzentrierte mich darauf, mein Hühnchen in Angriff zu nehmen.

„Dieses Essen wird wirken wie eine kleine Zwischenmahlzeit, wenn du bei den Flynns dinierst“, sagte Daniel und beäugte mich voller Belustigung. „Sie essen gerne gut, meine ich mich zu erinnern.“

„Soll ich an solche Mahlzeiten gewohnt sein oder bin ich eine arme Verwandte?“

„Die Verwandten, die in Irland zurückgeblieben sind, sind einfache Leute. Aber du solltest nicht zu sehr wie eine Bäuerin wirken, sonst wird Theresa Flynn dich nicht aufnehmen. Es ist wichtig, dass du dich gut mit ihr verstehst, sonst wird sie dich nicht bitten, während der Séancen anwesend zu sein.“

„Theresa – ist das Barney Flynns Frau? Ist sie auch Irin?“

„Ja, aber ihre Familie kam vor der Revolution nach Amerika. Ihnen gehören Plantagen in Virginia, also ist sie als verzogene Südstaaten-Miss aufgewachsen. So viel man weiß, war ihre Familie nicht allzu begeistert, als sie einen Bauern wie Barney geheiratet hat.“

„Also muss ich die Busenfreundin von Theresa werden? Wann soll das alles losgehen?“

„Die Sorensen-Schwestern sind für die zweite Juni-Woche aufs Anwesen eingeladen, nachdem Barney für die Sommerpause aus Washington nach Hause kommt. Wenn du um dieselbe Zeit eintriffst, gibt uns das genügend Zeit, alle Informationen aus Irland zu sammeln und die nötigen Briefe zu schreiben, um dir eine Einladung zu sichern. Ich glaube auch, dass die Begeisterung darüber, die Sorensen-Schwestern im Haus zu haben, dafür sorgt, dass sie dich weniger genau überprüfen.“

„Sehr gut“, sagte ich. So wie ich mich gerade fühlte, sprudelnd ob des dritten Glases Champagner, war ich bereit, alles in Angriff zu nehmen. „Und was soll ich tun, wenn ich die Schwestern dabei beobachte, wie sie betrügen?“

„Ich gebe dir eine Telefonnummer, unter der du jederzeit eine Nachricht für mich hinterlassen kannst. Ruf mich umgehend an. Ich komme selbst zum Haus.“

Diese Aussage hätte mich nicht so absurd glücklich machen dürfen, aber sie tat es.

„Glaubst du das?“, fragte Daniel. „Wir haben eine ganze Flasche Champagner getrunken. Du wirst eine ganz schöne Trinkerin, Molly Murphy.“

„Du hast mein Glas immer wieder nachgefüllt“, sagte ich. „Und du solltest wissen, dass es keinen wie auch immer gearteten Effekt auf mich hat.“

Daniel lächelte. „Ich glaube, etwas Eiscreme und ein Kaffee werden uns beide wieder nüchtern machen.“

„Ich bin nie dafür bekannt gewesen, Eiscreme abzulehnen“, sagte ich.

Das Eis war köstlich, aber es tat wenig, um dem Champagner entgegenzuwirken. Ich fühlte mich weiterhin nur schwach mit der Erde verbunden, als ich an Daniels Arm hinausschwebte. Ich entdeckte das Blumenmädchen, das im Schatten neben der eingetopften Palme stand, als Daniel eine Kutsche heranrief. Sie starrte uns immer noch an und ich fragte mich, ob sie sich an bessere Zeiten in ihrem eigenen Leben erinnerte.

„Ein sehr befriedigender Abend, Molly“, sagte Daniel, als er neben mich in die Kutsche kletterte und seinen Arm um meine Schultern gleiten ließ.

„Ich glaube wirklich nicht, dass das anständig ist, Captain Sullivan.“ Ich versuchte, mich wegzubewegen.

„Nur, um sicherzustellen, dass Sie nicht zu heftig herumgeschaukelt werden, Miss Murphy. Ich wette, der langweilige, ernste Mr. Singer führt Sie zum Essen nicht an solche Orte aus.“

„Reden wir nicht über meine Beziehung zu Mr. Singer“, sagte ich. „Mein Privatleben kann nicht von Interesse sein, solange du immer noch mit jemand anderem verlobt bist. Wir sind das tausend Mal durchgegangen, Daniel.“

„Es ist für mich von Interesse, und du weißt, wie ich für dich empfinde“, sagte er. „Verdammt, Molly, du hast selbst gesagt, dass du Gefühle für jemanden nicht einfach so abstellen kannst. Du musst immer noch Gefühle für mich haben.“

Ohne Vorwarnung nahm er mich in die Arme und küsste mich leidenschaftlich. Ich wusste, ich hätte ihm sagen sollen, dass er aufhören sollte, aber der Champagner hatte meine Lippen betäubt. Er hatte außerdem meine Willenskraft geschwächt, und ich hatte Daniels Küsse immer genossen.

„Siehst du, ich wusste es“, flüsterte er, als wir uns schließlich voneinander trennten. „Du hast noch Gefühle für mich.“

„Was erwartest du, wenn du einem Mädchen Champagner aufdrängst?“ Ich versuchte, den letzten Rest meiner Würde zu retten. „Du spielst nicht fair, Daniel. Halt die Kutsche an. Ich steige aus und gehe den Rest des Weges zu Fuß.“

Er packte meine Hand, als ich sie ausstreckte, um die Aufmerksamkeit des Kutschers zu erregen.

„Du tust nichts dergleichen. In Ordnung. Ich verspreche, ich benehme mich für den Rest der Fahrt. Es ist einfach zu verlockend, hier in der Dunkelheit neben dir zu sitzen. Es ist zu lange her, dass wir zusammen allein waren.“

„Und es wird sich in der nahen Zukunft nicht wiederholen. Das nächste Mal, wenn du mich zu einem Geschäftsessen einlädst, komme ich mit einer eigenen Kutsche und ich werde Wasser trinken.“

„Nimm heute Nacht als Übung für Barney Flynn“, sagte Daniel. „Ich habe gehört, er ist selbst ein ziemlicher Frauenheld.“

„Gewiss nicht, wenn seine Frau anwesend ist?“

Daniel grunzte nur.

„Und du hast keine Bedenken, mich in eine solche Löwenhöhle zu schicken?“

„Wenn jemand mit Barney Flynn fertig wird, dann du. Und du bist schließlich eine Cousine.“

Die Kutsche wurde langsamer und blieb stehen. „Ich würde das Pferd nur ungern die Gasse raufgehen lassen, wenn es Ihnen nichts ausmacht, Sir“, rief der Kutscher zu uns nach unten. „Es geht nicht gern rückwärts.“

„Das ist in Ordnung. Ich kann problemlos den Rest des Wegs laufen“, sagte ich.

Daniel half mir herunter. „Erlaube mir, dich bis zu deinem Haus zu bringen.“

„Es ist wahrscheinlich besser, wenn du das nicht tust“, sagte ich. „Du hast in der Vergangenheit schon oft ein Nein nicht gelten zu lassen.“

Daniel lachte. „Bist du sicher, dass du standfest genug bist, um alleine zu gehen?“

„Ganz standfest. Ganz und gar nicht berauscht. Ich freue mich auf Ihre nächsten Einweisungen, Captain Sullivan.“

Ich ging los und hörte Daniel hinter mir lachen, als ich taumelte.

„Es sind diese schmalen Absätze auf den Pflastersteinen“, sagte ich kühl und ehrwürdig und schaffte es den Rest des Patchin Place hinunter. Er stand da und beobachtete mich, während ich meinen Türschlüssel erfolgreich ins Schlüsselloch manövrierte und die Tür öffnete.

„Gute Nacht, Daniel. Danke für das schöne Abendessen“, rief ich.

Dem Himmel sei Dank, dass ich ihm nicht erlaubt hatte, mich zu begleiten. So wie ich mich in diesem Moment fühlte, wäre ich vielleicht schwach geworden und hätte ihn hereingebeten …

Ich legte meine Handtasche auf den Küchentisch. Die Lampe im Wohnzimmer brannte noch und ich sah einen Hinterkopf in unserem einzigen Sessel.

„Sie hätten nicht auf mich warten müssen, Seamus“, setzte ich an und blickte dann erstaunt drein, als der Mann sich erhob.

„Jacob“, stammelte ich. „Was tust du hier?“

Er kam auf mich zu. „Ich bin gekommen, um mich für mein Verhalten vorhin zu entschuldigen“, sagte er mit einer kühlen und höflichen Stimme. „Ich dachte, dass die barsche Art, mit der ich dich abgewiesen habe, dich schlimm verletzt hat. Allerdings sehe ich jetzt, dass ich mir keine Sorgen hätte machen müssen. Ich habe offensichtlich nicht, wie ich glaubte, Anspruch auf deine Zuneigung.“

„Ich komme gerade von einem geschäftlichen Treffen zurück“, sagte ich.

„Wirklich, Molly. Ich bin nicht gänzlich naiv“, sagte er. „Bitte lüg mich nicht an.“

„Ich lüge nicht.“

„Du kommst beschwipst und in Begleitung deines Polizistenfreundes nach Hause und erzählst mir, dass du bei einem geschäftlichen Treffen warst?“

„Glaub es oder nicht, es ist die Wahrheit“, sagte ich. Ein Teil von mir flüsterte, dass ich die Dinge wieder ins Lot bringen sollte, aber der Champagner war zum Kämpfen aufgelegt. „Ich dachte, du wärst derjenige, der versprochen hat, mich nicht in einen Käfig zu sperren. Wenn ich mich richtige erinnere, liebst du meinen freien Geist.“

„Ich glaubte nicht, dass dein freier Geist es einschließt, bis Mitternacht mit anderen Männern auszugehen.“

„Wir sind nicht verlobt, Jacob.“

„Nein, aber ich glaubte, wir hätten eine Abmachung.“

„Haben wir. Aber wenn du mich jedes Mal, dass ich meine Haustür verlasse, befragst und mir misstraust–“

„Gewiss habe ich ein Recht, dich zu befragen und dir zu misstrauen, wenn es um deine Verabredungen mit anderen Männern geht?“

„Nein“, sagte ich. „Du hast ganz und gar kein Recht dazu. Entweder vertraust du mir oder nicht. Ich dachte, du wärst anders, Jacob. Ich mochte dich, weil du mein Recht respektiertest, ein unabhängiger Mensch zu sein. Du wolltest mich nicht in Watte packen, so wie es die meisten Männer wollen. Aber am Ende bist du wie der Rest – hingebungsvoll, wenn es dir passt, freidenkerisch, wenn es dir passt.“

„Wenn du so empfindest …“

„Das tue ich.“ Ich hielt ihm die Tür auf. „Ich denke, du solltest jetzt gehen.“

„Sehr wohl.“ Er verbeugte sich steif. „Guten Abend, Miss Murphy.“

Damit marschierte er zur Tür. Ich empfand eine seltsame Mischung von Gefühlen, als ich ihn gehen ließ – Verärgerung, Schuld und vielleicht ein bisschen Erleichterung. Ich wollte weit, weit weg sein – weg von Jacob und Daniel und all den Schwierigkeiten in meinem Leben.

Der Auftrag am Hudson River konnte nicht schnell genug beginnen.

Fünf

Als ich am nächsten Morgen erwachte, die Lider schwer von den drei Gläsern Champagner, konnte ich nicht glauben, dass ich meine Beziehung zu Jacob Singer beendet hatte. Ich hatte mir gesagt, dass ich nie vorgehabt hatte, ihn zu heiraten, aber ich hatte mich daran gewöhnt, auf ihn zu vertrauen und zu wissen, dass er da war. Der Auftrag hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können.

Ich war kaum damit fertig, die Kinder in die Schule zu schicken, nachdem ich sie gewarnt hatte, nirgendwo in die Nähe des East River oder ihrer Cousins zu gehen, als es an der Tür klopfte. Falls es Jacob war, gekommen, um eine Entschuldigung von mir zu verlangen, würde er keine bekommen. Wenn er gekommen war, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen, so war ich nach wie vor nicht in der Stimmung, mit ihm zu reden. Ich öffnete die Tür und wurde mir erst im letzten Moment bewusst, dass ich immer noch meine Schürze trug und mein Haar mir wild um die Schultern flog.

Es war nicht Jacob. Stattdessen stand eine dünne Bettlerin da, ihre Augen waren irgendwie zu groß für ihr hohles Gesicht. „Es tut mir leid, Sie zu behelligen“, setzte sie an, „aber ich muss Sie um einen Gefallen bitten.“

Bettler waren ein alltäglicher Anblick in der Stadt, aber für gewöhnlich versuchten sie ihr Glück nicht im Village, wo die meisten Einwohner Einwanderer, Studenten oder hungernde Künstler waren, die kein Geld übrighatten.

„Es tut mir leid“, sagte ich, „aber ich habe hier eine Familie zu ernähren und kaum genug, um Körper und Geist zusammenzuhalten. Ich bringe Ihnen eine Tasse Tee und eine Scheibe Brot, aber anders als das–“

„Ich bin nicht wegen Geld zu Ihnen gekommen“, sagte sie würdevoll. „Ich glaube, Sie können mir helfen. Als sie gestern aus der Kutsche traten und ich hörte, wie Sie Senator Flynns Namen sagten …“

Dann erkannte ich, warum sie mir bekannt vorkam. Das Blumenmädchen vor dem Restaurant, das mit dem Wechselgeld herumgefummelt hatte.

„Sie saßen am offenen Fenster“, fuhr sie fort. „Ich konnte den Großteil Ihrer Unterhaltung mit anhören.“

Ich beäugte sie argwöhnisch und fragte mich, was als Nächstes kommen würde. Hatte sie herausgefunden, dass Daniel mit einer anderen Frau verlobt war und wollte Geld, damit sie über unsere Verabredung Stillschweigen bewahrte?

„Es ist nicht höflich zu lauschen“, sagte ich. „Und außerdem verstehe ich nicht, weshalb Sie unsere Unterhaltung interessieren sollte.“

„Sie war von großem Interesse für mich“, sagte sie. „Tatsächlich war sie wie ein Wunder. Dann, als ich herausfand, wer Sie sind und wo Sie leben, wusste ich, dass der Himmel Sie als Antwort auf meine Gebete geschickt haben muss.“

„Ich fürchte, ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden, Miss …?“

„Lomax“, sagte sie. „Annie Lomax. Sie haben über die Entführung des Kleinkinds der Flynns gesprochen. Sehen Sie, ich war das Kindermädchen.“

„Jesus, Maria und Joseph“, murmelte ich. Trotz der vielen Jahre, die ich schon eine Heidin war und die Messe verpasst hatte, wanderte meine Hand zu meiner Stirn, um mich zu bekreuzigen.

„Mir wurde bei der Verhandlung keine Schuld gegeben“, fuhr sie fort, als wäre der Damm gebrochen und der Schmerz und die Ungerechtigkeit der vergangenen Jahre ergösse sich, „aber seitdem war ich nicht in der Lage, eine andere Anstellung zu finden. Jeder glaubte, dass ich etwas damit zu tun haben musste, verstehen Sie, weil das Kind am helllichten Tag aus seiner Wiege genommen wurde, und weil ich in Bertie Morell vernarrt gewesen war. Ich war dazu verdammt, auf der Straße zu betteln und ich glaube nicht, dass ich einen weiteren Winter überstehe. Ich habe alles versucht, Miss, abgesehen von Prostitution, aber ich weigerte mich, das in Betracht zu ziehen, weil ich gottesfürchtig erzogen wurde. Jetzt hätte ich nicht einmal die Möglichkeit, Prostituierte zu werden, selbst wenn ich es wollte, so wie ich aussehe.“

„Das tut mir sehr leid“, sagte ich, „aber ich verstehe nicht, was ich tun kann.“

Sie starrte mich an, als wäre ich einfältig. „Dieser Mann, mit dem Sie zusammen waren, er ist ein erstklassiger Polizist, oder nicht? Und Sie sind eine Art Ermittlerin. Ich will, dass Sie meinen Namen reinwaschen“, sagte sie. „Beweisen Sie ihnen, dass ich es nicht getan habe.“

Ich holte tief Luft. „Sie kommen besser rein.“

Ich brachte sie in die Küche und setzte sie mit einer Tasse Tee, etwas Brot und Marmelade an den Tisch. Sie musste ausgehungert sein, aber sie aß wie eine Lady, kaute anmutig jeden Bissen.

„Sie müssen selbst eine Art Ermittlerin sein, Miss Lomax“, sagte ich, während sie aß. „Wie haben Sie es geschafft, mich aufzuspüren?“

Sie sah auf und lächelte. „Oh, das war nicht allzu schwer. Ich hörte, wie ihr Freund dem Kutscher die Adresse nannte, als Sie aus dem Restaurant kamen.“

Ich ließ ihr eine angemessene Zeit, um aufzuessen. „Nun, Miss Lomax“, sagte ich. „Ich will Ihre Hoffnung nicht zunichtemachen, aber wie glauben Sie, kann ich nach all dieser Zeit Ihre Unschuld beweisen?“

„Die Polizei hat mir eine Menge Fragen gestellt“, sagte sie, „aber sie haben nie irgendetwas herausgefunden, was ich falsch gemacht hätte, abgesehen davon, dass sie sagten, ich sei unachtsam gewesen, weil ich nicht öfter nach dem Jungen gesehen habe. Er hat nach dem Mittagessen immer gut und lange geschlafen und ich hätte ihn gestört, wenn ich immer wieder seine Tür geöffnet und nach ihm gesehen hätte, nicht?“

Ich nickte. „Aber Sie hatten ein freundschaftliches Verhältnis mit dem Chauffeur, der das Kind entführt hat?“

„Wir sind manchmal zusammen ausgegangen. Bertie war ein recht liebenswürdiger Kerl. Auch gutaussehend. Aber nie hätte ich mir zu träumen gewagt, dass er so etwas tun würde. Tatsächlich habe ich immer noch Schwierigkeiten zu glauben, dass er es getan hat.“

„Aber sicher hat die Polizei bewiesen, dass er der Täter war, oder? Sie haben ihn erschossen, als er kam und das Lösegeld abholen wollte.“

Ihr huschte ein müdes Lächeln übers Gesicht. „Oh, ich glaube gern, dass Bertie Geld hätte mitgehen lassen, das nicht seins war. Ich leugne nicht, dass er nicht ganz ehrlich war. Er mochte Glücksspiel und hat sich in seinem Leben in ein paar dunkle Geschäfte hineinziehen lassen. Wenn er herausgefunden hätte, wo leicht eine größere Summe zu bekommen war, hätte er gut und gern entscheiden können, etwas davon mitgehen zu lassen. Aber den kleinen Brendan entführen? Nein, das kann ich nicht glauben. Er liebte Kinder. Der kleine Brendan liebte ihn. Die Staatsanwaltschaft sagte, dass wäre der Grund, weshalb der Entführer in der Lage gewesen war, Brendan ohne Aufhebens aus dem Haus zu bekommen – weil Brendan sich bei ihm wohlfühlte. Oder weil ich in der Sache drinsteckte und diejenige war, die das Kind dem Entführer übergab.“

„Wenn Bertie die Entführung nicht durchgeführt hat, wer dann?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung. Deswegen will ich, dass Sie es für mich herausfinden.“

„Es ist viele Jahre her und die Polizei hat alles gründlich untersucht“, sagte ich. „Sie müssen zweifelsfrei bewiesen haben, dass Bertie es allein getan hat.“

„Sie haben es zu ihrer eigenen Zufriedenheit bewiesen“, sagte sie. „Die Öffentlichkeit schrie nach Gerechtigkeit. Eine Leiche hat den Fall für sie sehr sauber geklärt, würden Sie nicht auch sagen?“

„Also glauben Sie, dass jemand anderes involviert ist und Bertie den Kopf hinhalten musste?“

Sie nickte. „Falls Bertie sich irgendeinen Plan ausgedacht hätte, um Geld zu erpressen, hätte das nie bedeutet, ein Kind in Gefahr zu bringen.“

„Und wenn irgendjemand anders den Plan ausgeheckt und Bertie bezahlt hat, bei der Entführung zu helfen? Was dann?“

Sie dachte einen Moment lang nach und starrte durch meine Küche. An der Esche im Hinterhof vorbei fiel fleckiges Sonnenlicht herein. „Ich glaube immer noch nicht, dass er irgendetwas getan hätte, was das Leben des kleinen Brendan in Gefahr gebracht hätte. So einer war er nicht, Miss.“

„Haben Sie irgendeinen eigenen Verdacht, wer es getan haben könnte?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin diesen Tag wieder und wieder im Kopf durchgegangen. Mrs. Flynn hatte am Morgen den Zug nach New York genommen. Im Haus war es still. Ich habe Brendan wie gewöhnlich um ein Uhr für sein Nickerchen hingelegt. Ich bin in mein eigenes Zimmer nebenan gegangen, um Socken zu stopfen. Als ich um drei nach ihm sah, war seine Wiege leer. Er hatte gerade gelernt, über die Seite herauszuklettern, der kleine Affe, der er war, also habe ich nach ihm gesucht. Aber ich habe ihn nirgends gefunden. Ich habe den Herrn alarmiert, der in seinem Arbeitszimmer mitten in einer Besprechung war. Er rief alle Bediensteten zusammen und wir haben überall gesucht – bis runter zum Flussufer. Dann fanden wir am Abend den Erpresserbrief am Haupttor.“

„Wenn das Kind aus seiner Wiege klettern und weglaufen konnte, dann hätte jeder die Gelegenheit ergreifen und ihn schnappen können.“

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Er wäre nie in der Lage gewesen, das Anwesen allein zu verlassen. Es ist gut eine halbe Meile bis zum Tor und das war verschlossen, und es gibt einen Pförtner im Pförtnerhäuschen. Es ist natürlich möglich, dass der Entführer vom Fluss kam, schätze ich. Es gibt Stellen am Ufer, an denen ein kleines Boot anlegen kann, ohne gesehen zu werden, aber …“ Sie hielt inne, als wöge sie die Möglichkeiten ab, dann schüttelte sie erneut den Kopf. „… es war helllichter Tag. Um das Haus herum ist Rasen und es gibt nie eine Zeit, zu der man nicht einem Bediensteten oder Gärtner begegnet. Und woher hätte der Entführer wissen sollen, dass der kleine Brendan genau diesen Moment wählt, um aus seiner Wiege zu klettern?“

Ich musste ihr zustimmen. Wenn ich ein Kind entführen würde, würde ich kaum den helllichten Tag wählen, am Nachmittag, im Haus des Kindes, es sei denn, ich wäre mir meiner sehr sicher – was meiner Meinung nach einen Außenstehenden ausschloss.

Ich holte mein Notizbuch und einen Bleistift aus einer Schublade der Kommode in der Küche.

„Also, wer war zu der Zeit im Haus?“, fragte ich.

Sie zog die Stirn konzentriert in Falten. „Der Senator, natürlich, und Mr. Rimes.“

„Mr. Rimes? Wer ist das?“

„Ein guter Freund und Berater des Herrn. Er hat angefangen, als Mr. Flynn für den State Senate kandidierte, und wurde dann gebeten zu bleiben und weiterhin Rat zu geben, als Mr. Flynn nach Washington ging. Der Herr hielt eine Menge von ihm. Ich kann nicht sagen, dass es mir genauso ging. Er war für meinen Geschmack recht unhöflich und lärmend. Nicht aus der obersten Schublade, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Also waren sie zusammen in Mr. Flynns Arbeitszimmer, ist das richtig?“

„Und beide redeten wie ein Wasserfall, so wie ich sie kenne. Sie mochten beide den Klang der eigenen Stimme.“

„Also hätten sie nichts gehört.“

Sie nickte zustimmend.

„Wer sonst noch?“

„Oh, der Sekretär des Senators wäre bei ihnen gewesen, um mitzuschreiben.“

„Und sein Name?“

„Ein kalter Fisch namens O’Mara, Desmond O’Mara.“

Ich kritzelte es hin, dann sah ich erwartungsvoll auf.

„Das ist alles“, sagte sie. „Wie ich sagte, die Herrin war zum Einkaufen in die Stadt gefahren, was bedeutete, dass ihre Cousine sie begleitet haben musste. Diese Cousine, eine unverheiratete, ältere Lady namens Miss Tompkins, lebte als eine Art Gesellschaftsdame für Mrs. Flynn bei ihnen. Mrs. Flynn nahm sie überall mit hin.“

„Also war niemand sonst an diesem Nachmittag im Haus, abgesehen vom Herrn im Arbeitszimmer mit seinen beiden Kumpanen?“

„Das ist korrekt“, sagte sie. „Abgesehen von den Bediensteten, natürlich.“

Ich fand es interessant, dass sie die Bediensteten kaum der Erwähnung wert fand, obwohl sie selbst eine Bedienstete gewesen war.

„Und wie viele von ihnen wären dort gewesen?“

Sie schob sich das Haar aus dem Gesicht und ließ die Finger auf der dreckigen Stirn ruhen. „Lassen Sie mich nachdenken – der Butler, selbstverständlich – Mr. Soames. Engländer. Sehr korrekt. Dann war da ein Lakai und der Kammerdiener des Herrn, die Kammerzofe der Herrin und dann nur Hausmädchen, die Köchin und das Küchenmädchen.“

„Was ist mit ihren Namen und können Sie mir irgendetwas über sie erzählen?“

„Hat keinen Zweck“, sagte sie. „Nach der Entführung hat die Herrin alle entlassen. Sie sagte, sie wäre nicht in der Lage, ihnen je wieder zu vertrauen, also mussten sie gehen. Die Stellen wären jetzt alle neu besetzt.“

„Aber haben Sie irgendjemanden von ihnen verdächtigt?“

„Es gab einen Gärtner namens Adam. Ein Mann aus dem Ort, der für den Sommer angestellt war. Ich mochte seinen Anblick nicht–“ Sie wagte es, erwartungsvoll aufzusehen. „Heißt das, dass Sie es tun werden? Sie werden versuchen, meine Unschuld zu beweisen?“

„Ich werde sowieso dort sein“, sagte ich. „Was schadet es, ein paar Fragen zu stellen?“

Ihr Gesicht erhellte sich und ich sah, dass sie einst eine sehr hübsche, junge Frau gewesen sein mochte. „Ich habe nichts, um Sie bezahlen“, sagte sie. „Aber das können Sie natürlich sehen, nicht wahr? Aber Sie haben bis zum Tag meines Todes meine Ergebenheit und meine Dankbarkeit, wenn Sie ihnen zeigen können, dass ich nichts damit zu tun hatte. Sie würden mir damit mein Leben zurückgeben.“

„Ich kann wirklich nichts versprechen, also machen Sie sich bitte keine großen Hoffnungen“, sagte ich vorsichtig.

„Wenn es jemand tun kann, dann sind das Sie.“ Sie strahlte mich noch immer an, als ob ich irgendein himmlisches Wesen wäre, was mir ein unangenehmes Gefühl bereitete. „Sie sehen so aus.“

„Wo kommen Sie her, Miss Lomax?“, fragte ich.

„New York, Miss. Ich wurde in Yonkers geboren.“

„Irische Eltern?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Miss. Schottische Presbyterianer.“

Ich grinste. „Dann verfügen Sie für jemanden ohne irisches Blut über einiges an Redegewandtheit.“

Sie wirkte verwirrt. Ich streckte eine Hand aus und tätschelte ihre. „Ganz gleich“, sagte ich. „Aber ich werde mein Bestes versuchen.“

Sie leerte den Rest Tee aus ihrem Becher, dann stand sie auf. Mein Gewissen rang mit mir. Könnte ich, sollte ich sie einfach so wieder auf die Straße gehen lassen?

„Danke noch mal, von ganzem Herzen“, sagte sie und öffnete die Vordertür.

„Einen Moment, Miss Lomax“, rief ich ihr nach. „Wo finde ich Sie, wenn ich Neuigkeiten habe? Haben Sie eine Bleibe?“

„Sie finden mich an meinem Platz auf dem Broadway, Miss. Dort, wo Sie aus der Kutsche stiegen, verkaufe ich jeden Abend meine Blumen.“

„Aber wo leben Sie? Schlafen Sie auf der Straße?“

„Oh nein, Miss. Eine Gruppe von uns Mädchen teilt sich ein Zimmer unten an den Docks, in einer Gasse, die von der Water Street abgeht. Nicht gerade, was man ein respektables Viertel nennen würde. Ich würde nicht wollen, dass Sie mich dort kontaktieren.“ Sie sah schüchtern auf. „Mit Ihrer Erlaubnis, komme ich von Zeit zu Zeit bei hier vorbei.“

Das Ringen mit meinem Gewissen war nach wie vor im Gange. Ich könnte sie hier aufnehmen, oder nicht? Ich wäre fort im Anwesen der Flynns und sie könnte vielleicht dabei helfen, nach den beiden Kleinen zu sehen. Ich wusste, dass es ein Risiko war. Sie könnte am Ende eine Gaunerin sein. Sie könnte Gangsterkumpane in mein Haus bringen. „Schauen Sie, Annie“, begann ich. „Darf ich Sie Annie nennen?“

Sie grinste. „Das ist um Einiges besser als die Namen, die mir die Menschen dieser Tage geben.“

„Annie – ich werde in einer Weile auf dem Anwesen von Senator Flynn sein. Sie könnten hierbleiben–“

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Oh nein, Miss. Das wäre nicht richtig. Sie kennen mich nicht einmal, und davon abgesehen, der Kerl, der uns mit Blumen versorgt und uns in dem Zimmer schlafen lässt, er würde es nicht allzu gut aufnehmen, wenn ich anderswo schliefe. Er hält uns gerne dort, wo er uns sehen kann, für den Fall, dass wir uns mit mehr als unserem Anteil aus dem Staub machen. Sie tun bereits mehr als genug für mich. Und wenn Sie meinen Namen reinwaschen können – nun, dann werde ich dem Kerl sagen, was er mit seinen Blumen anstellen kann, richtig?“

Und sie lachte.

Mit einem Kloß im Hals sah ich sie den Patchin Place hinuntergehen. Wieso hatte ich zugestimmt, etwas zu tun, das so weit außerhalb meiner Möglichkeiten lag? Und natürlich kannte ich die Antwort. Weil ich diese jämmerliche Gestalt hätte sein können. Auch ich war in New York angekommen, mit nichts als den Kleidern, die ich trug. Auch ich hatte mich dem Hungertod gegenübergesehen und es war nur dem Glück geschuldet, dass ich nicht auf den Straßen der Stadt Blumen oder Schlimmeres verkaufte. Ich hatte mehr Glück gehabt, als mir zustand. Vielleicht war jetzt Annie Lomax an der Reihe.

Sechs

Als der Zug an einem schwülen Juni-Nachmittag schnaufend und keuchend den Grand Central Terminal verließ, bettete ich meinen Kopf auf das Samtpolster und stieß einen schweren Seufzer aus. Ich war endlich auf dem Weg!

Es war eine emotionale Szene gewesen, als ich den Patchin Place verlassen hatte. Bridie hatte an meinem Rock gehangen und Seamus war abweisend gewesen und hatte feuchte Augen gehabt, so als mache ich mich auf den Weg zum Nordpol, nicht zum Hudson.

„Sie kommen zu uns zurück, nicht wahr, Molly?“, hatte Bridie gefragt. „Sie werden uns nicht vergessen?“

„Ich werde eine oder zwei Wochen weg sein, du Gans“, sagte ich und lachte, als ich ihr mit der Hand durchs Haar fuhr. „Wer weiß, in der Zeit hat euer Vater vielleicht eine neue Stelle gefunden und ist mit euch in die Park Avenue gezogen.“

Ich warf Shamey, der ein halbgegessenes Stück Brot mit Schmalz in einer Hand hielt, einen Blick zu. „Aber in der Zwischenzeit habe ich eine gefüllte Speisekammer und ein bisschen Geld für Notfälle dagelassen.“ Dem Vorschuss sei Dank, dachte ich, als ich Bridies Hand von meinem Rock löste. „Und kein Schwimmen im East River, denkt dran!“

Ich hatte drei lange Wochen ein brennendes Verlangen gehabt, loszukommen. Ich war nie gut im Warten gewesen. Ich war immer diejenige, die am Weihnachtsabend wach geblieben war, um in meinen Strumpf zu schauen, den meine Mutter ans Fußende meines Bettes gehängt hatte, obwohl ich wusste, dass es nicht wahrscheinlich war, dass mehr darin wäre, als eine Zuckermaus und eine in Silberpapier gewickelte Orange. Ich hatte das Warten auf diesen Auftrag aus verschiedenen Gründen besonders hart gefunden. Erstens, weil die Stadt von einer höchst unangenehmen Hitzewelle und einer zunehmenden Typhusepidemie erfasst war, was ein Anwesen am Hudson River überaus reizvoll machte. Und zweitens, weil ich genug Entfernung zwischen mich und Jacob bringen wollte. Ich hatte einen sehr höflichen Brief von ihm bekommen, in dem er sich dafür entschuldigte, so überstürzt gehandelt zu haben, und in dem er fragte, ob er eine Chance bekäme, die Dinge zwischen uns wieder ins Lot zu bringen. Ich schickte eine gleichermaßen höfliche Antwort, in der ich darauf hindeutete, dass ich eine Weile nicht in der Stadt sein würde und genug Gelegenheit haben würde, darüber nachzudenken, was ich mir von meiner Zukunft erhoffte und ob sie Jacob Singer einschloss.

Oh, und dann war da noch die kleine Angelegenheit mit den Hudson Dusters. Ich hatte Gerüchte gehört, dass ein gewisses berüchtigtes Gangmitglied, das meinetwegen für einen Taschendiebstahl verhaftet worden war, sich nach mir erkundigt hatte.

Ich hatte das herausgefunden, als ich ein paar Tage später in Mr. Giacominis Laden zurückgekehrt war, um Lebensmittel einzukaufen. Als er mich sah, schüttelte er den Kopf.

„Dieser Mann war wieder hier“, murmelte er mit so leiser Stimme, dass ich die Worte kaum verstand, „und hat nach Ihnen gefragt.“ Er sah sich im Laden um, als lauere ein Spion in einer dunklen Ecke. „Natürlich habe ich ihm gesagt, dass ich keine Ahnung habe, wer Sie sind. Ich habe Sie nie zuvor in meinem Leben gesehen.“

„Danke, Mr. Giacomini. Ich bin Ihnen dankbar, aber ich bin sicher, Sie machen sich unnötig Sorgen.“

Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein, Sie verstehen nicht, Signorina. Er ist ein böser Mann. Seinesgleichen lässt die Schwarze Hand aussehen wie Kätzchen.“

„Die Schwarze Hand?“ Ich hatte diesen Begriff nie zuvor gehört.

Wieder blickte er sich im Laden um, ehe er flüsterte: „Italienische Gangster. Sie kassieren Schutzgeld von Geschäften. Wenn man nicht bezahlt, passiert etwas Schlimmes – das Geschäft brennt, gebrochene Beine, entführtes Kind, getötete Ehefrau. Sehr schlimm. Aber dieser Mann, er ist auch ein Gangster. Also bitte, um Ihretwillen, machen Sie Ihre Einkäufe irgendwo weit weg von hier, okay?“

Ich konnte spüren, dass seine Sorge sowohl ihn selbst und sein Geschäft, als auch meine Sicherheit umfasste, also lächelte ich und dankte ihm, auch wenn es gegen meine Prinzipien verstieß, mich auf diese Weise verscheuchen zu lassen. Aber es war ein weiterer guter Grund, die Stadt zu verlassen.

Die Tage schienen sich zu ziehen, während Daniel Briefe nach Irland schrieb, damit ich endlich meine Einladung von meinem lieben Cousin Barney Flynn erhielt. Bis dahin versuchte ich, mich bedeckt zu halten, machte meine Einkäufe wie instruiert drüben auf der East Side, wo meines Wissens immerhin eine andere Gang herrschte, und las in alten Ausgaben der New York Times über die Entführung des Flynn-Kinds. Ich erfuhr nicht viel, was ich nicht bereits wusste. Die Zeitung war wie die Polizei zu dem Schluss gekommen, dass Albert Morell allein gehandelt hatte. Aber in einer Zeitung sah ich ein Foto von Annie Lomax. Sie hatte runde Wangen und einen eleganten Zopf dunkler Haare über den Schultern – ganz und gar nicht wie die magere Jammergestalt, die an meinem Küchentisch gesessen hatte.

Als der Tag endlich kam, an dem ich meine Sachen packen und zum Bahnhof fahren konnte, fiel es mir schwer, auf die Ankunft der Kutsche zu warten. Ich war endlich drauf und dran, der Verantwortung für den arbeitslosen Seamus und seine beiden Kinder zu entfliehen, fortzukommen von den männlichen Schwierigkeiten in meinem Leben und wieder ehrbares Geld zu verdienen.

Natürlich muss ich gestehen, dass ich etwas Angst hatte vor dem, was vor mir lag. Mir war oft genug von meiner Mutter und von anderen zu Hause in Ballykillin gesagt worden, dass ich dreist war und Vorstellungen hatte, die über meinen Stand hinausgingen. Ich war drauf und dran, beides auf die Probe zu stellen. Ich musste mich als Molly Gaffney aus Limerick ausgeben, die Cousine von Senator Flynn. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass der Senator eine Cousine zweiten Grades namens Molly hatte, die etwa das richtige Alter hatte und zu den über hundert Verwandten gehörte, die noch in der alten Heimat lebten. Es war eine Erleichterung, dass ich auf meinen eignen Namen reagieren konnte. Es bestand allerdings das Risiko, dass angesichts der Großzügigkeit des Senators seinen vielen irischen Verwandten gegenüber jemand auf seiner Türschwelle erscheinen würde, der die echte Molly kannte und mich entlarven würde. Hoffentlich würde ich mich nicht in persönlicher Gefahr wiederfinden, wenn ich meinen Auftrag erklärte – es sei denn, die Sorensen-Schwestern hetzten ihre Geister auf mich!

Dann, an einem heißen Juninachmittag, war ich endlich unterwegs. Niemand war in die Wagenhallte gekommen, um mich zu verabschieden.

„Du verstehst, warum ich dich nicht zum Bahnhof begleite, oder?“, hatte Daniel gefragt, als er gekommen war, um am Abend zuvor die letzten Anweisungen zu überbringen. „Man weiß nie, wer vielleicht mit dem Zug fährt, und es wäre nicht gut, wenn man uns zusammen sehen würde.“

Ich nahm an, dass das bedeutete, dass er nicht wollte, dass Arabella Norton davon erfuhr, die in Westchester County wohnte und so vielleicht Freunde hatte, die von eben diesem Bahnhof aus fuhren.

„So spricht der mutige und furchtlose Daniel Sullivan, der mir versichert, dass seine Verlobte seiner überdrüssig wird“, sagte ich und schenkte ihm einen möglichst vernichtenden Blick.

Er lächelte. „Das habe ich ganz und gar nicht gemeint. Es war dein bevorstehender Auftrag, der mich beunruhigt hat. Wenn du die Cousine sein sollst, die gerade aus Irland angekommen ist, dann gäbe es keinen Grund, warum du von einem New Yorker Polizisten begleitet werden solltest, besonders nicht von einem, den die Flynns und ihre Nachbarn kennen.“

„Oh“, sagte ich und ärgerte mich über mich selbst, weil ich diese weibliche Schwäche offenbart hatte. „Du hast selbstverständlich recht“, fügte ich zur Sicherheit hinzu.

„Du wirst klarkommen, oder nicht?“, fragte Daniel. „In der Lage, mit deinem Gepäck fertigzuwerden und all das?“

„Sehe ich wie ein Schwächling aus?“, fragte ich. „Mach dir keine Sorgen. Ich werde keine Schande über dich bringen, indem ich mein eigenes Gepäck trage. Ich werde einen Träger finden, der sich um meine Reisetasche kümmern wird.“

Ich blickte zu der Reisetasche hinauf, die jetzt sicher in der Gepäckablage über meinem Kopf ruhte. Wenn ich nur meine eigenen Habseligkeiten mitgenommen hätte, hätten sie in die Hutschachtel gepasst; allerdings war Gus wie gewöhnlich großzügig gewesen und hatte mir einige feine Kleider, die zu einem Aufenthalt auf einem Landsitz passten, sowie die Reisetasche geliehen, in der ich sie transportieren konnte.

Als ich protestiert hatte, dass ich nichts so Feines annehmen könnte und sie wahrscheinlich ruinieren würde, hatte sie gelacht. „Molly, meine Liebe. Du weißt, dass ich Kleider wie diese nie wieder tragen werde, so wie ich gerade lebe. Sie gehören in eine Zeit, in der ich noch Augusta Mary Walcott von den Bostoner Walcotts war und entsprechend von mir erwartet wurde, dass ich eine gute Partie mache. Ich fürchte, sie sind ein wenig altmodisch, da sie die letzten drei Jahre im Schrank gehangen haben.“

„Sie sind entzückend“, hatte ich gesagt und die Seide des Ballkleides befühlt. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts so Schönes getragen. Aber sind sie nicht ein wenig zu entzückend für ein einfaches Mädchen, das gerade aus Irland angekommen ist?“

„Dann sag, dass eine wohlmeinende Freundin aus gutem Hause sie dir geliehen hat, und das ist die Wahrheit“, hatte Gus gesagt. „Je weniger Lügen du erzählen musst, umso besser – meiner Erfahrung nach.“

Ich musste ihr in diesem Punkt zustimmen. Ich durfte in Adare zu keinem Zeitpunkt den Kopf verlieren: Adare war der Name des Anwesens der Flynns und außerdem der Name des Dorfs in Irland, dem Barney Flynns Eltern entstammten. Es war fünfzehn Meilen von Limerick entfernt, wo seine Cousine und etwa hundert andere Cousinen und Cousins noch immer lebten. Ich war nie in Limerick gewesen, aber ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, hatte die Reiseführer gelesen, die Daniel mir gebracht hatte, und die Postkarten studiert, bis ich das Gefühl hatte, eine ziemliche überzeugende Tour durch diesen Teil Irlands geben zu können.

Der Zug nahm Fahrt auf, als wir ins Freie gelangten und zwischen den großen Backsteingebäuden hindurchrasten, die das Sonnenlicht aussperrten und den Rauch am Entkommen hinderten. Es war heiß und stickig im Waggon. Ich blickte sehnsüchtig auf das geschlossene Fenster, konnte aber nicht riskieren, das Gesicht voller Ruß zu bekommen. Wenn die Eisenbahn die Grenzen der Stadt hinter sich ließ, würde ich ein Fenster öffnen. Gegenwärtig war ich allein im Waggon, was ein Segen war, da ich meine Gedanken ordnen wollte. Ich öffnete mein Notizbuch und studierte ein weiteres Mal den Familienstammbaum. Er war so umfassend und verzweigt, dass man gewiss nicht von mir erwartete, alles zu wissen.

Dann öffnete ich den Brief von Senator Flynn und las ihn erneut. Er lud mich ein, bei ihm im Haus zu leben. Er hoffte, ich wäre wie eine Brise guter irischer Luft und ein Stärkungsmittel für die arme Theresa, der es in letzter Zeit nicht besonders gut ging. Erst, als ich die Unterschrift am Ende inspizierte, erkannte ich, dass der Brief nicht von ihm selbst geschrieben worden war, sondern von D. O’Mara, dem Sekretär von Senator Flynn. Also war der widerliche Sekretär immerhin eine Person, die im Haushalt verblieben war – eine Person, die ich aushorchen konnte.

Um die Wahrheit zu sagen, fühlte ich mich zusehends unglücklicher, Annie Lomax’ Auftrag angenommen zu haben. Ich hätte gerne die Polizeiakten zu dem Fall eingesehen, aber ich konnte nicht riskieren, Daniel über meine Absichten zu informieren. Wenn er wusste, dass ich vorhatte, mich eingehend mit einem vergangenen Verbrechen zu befassen, hätte er seinen Auftrag augenblicklich zurückgezogen. Der arme Daniel – ich muss sagen, dass er tapfer versucht, mich aus Schwierigkeiten herauszuhalten.

„Also, was soll ich über die Entführung wissen?“, fragte ich unschuldig, als er mitten in einer seiner Unterweisungen war.

„Nicht mehr als das, was in den Zeitungen stand“, sagte er. „Der Chauffeur wurde erschossen, als er auf dem Weg war, das Lösegeld zu holen. Das Kind wurde nie gefunden. Es war eine schreckliche Tragödie und ich vermute, dass sie sie aus ihren Gedanken zu verbannen versuchen, abgesehen von Mrs. Flynn und ihren Séancen, natürlich.“

„Also muss dieser Chauffeur ein ziemlich böser Kerl gewesen sein“, sagte ich. „Ohne jedes Gewissen.“

„Absolut“, stimmte Daniel zu.

„Du glaubst also nicht, dass er von jemand anderem bezahlt wurde?“

Daniel hob eine Augenbraue. „Worauf spielst du an?“

„Nur, dass es ein ziemlich ungestümes und gewagtes Verbrechen ist, um allein von einem bescheidenen Chauffeur ausgeführt zu werden. Ich habe mich gefragt, ob er bezahlt wurde, um das Kind zu entführen und das Geld zu holen, während der wahre Verbrecher im Hintergrund lauerte – und sich seitdem vernünftigerweise ruhig verhält.“

Daniel schüttelte heftig den Kopf, was seine unzähmbaren Locken tanzen ließ. „Oh nein, Molly Murphy. Nein! Absolut nicht! Ich kann in deinen Gedanken wie in einem Buch lesen und du wirst deine Nase nicht in diese Sache stecken. Vertrau mir – die Polizei hat eine überaus umfangreiche Ermittlung durchgeführt und hat abgesehen vom Chauffeur nichts herausgefunden. Also schlag es dir aus dem Kopf und denk nicht wieder daran – und das ist ein Befehl.“

„Ja, Daniel.“ Ich senkte den Blick und versuchte eine einfältig lächelnde Frau zu mimen.

Der Zug rumpelte über eine Brücke und wir verließen die Insel Manhattan. Zu meiner Linken öffnete sich der Blick auf den Fluss mit hohen, braunen Klippen am gegenüberliegenden Ufer. Er bot eine lebhafte Szenerie mit Schiffen in allen Größen: von einfachen Ruderbooten über Lastschiffe, die mit Holz, Granit und Backsteinen beladen waren, bis hin zu hell gestrichenen Seitenraddampfern, die mit ihren wehenden Fahnen überaus flott aussahen. Ich hatte die Wahl gehabt, ob ich die Reise im Dampfschiff oder dem Zug antreten wollte, hatte mich aber für die schnellere Reise entschieden. Ich wollte nicht zu viel Zeit haben, um herumzusitzen und darüber zu grübeln, worauf ich mich eingelassen hatte und was schieflaufen konnte.

Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, wieso ich mir keine anständige Anstellung gesucht hatte, anstatt mich in einem männlichen und noch dazu gefährlichen Beruf zu versuchen. In genau diesem Moment hätte ich Damenhüte verkaufen oder in einem vornehmen Kaffeehaus Tee und Gebäck servieren können, gefahrlos und sicher, statt nie zu wissen, was am nächsten Tag passieren würde. Meine Gedanken auf diese Weise wandern zu lassen und im Rhythmus des Zugs hin und her zu schaukeln, erinnerte mich an das Ereignis vor etwas über einem Jahr, als ich gezwungen gewesen war, mit dem Zug zu fliehen und ein Leben voller Langeweile, Schinderei und unveränderlicher Gewissheit hinter mir zu lassen. Ich hatte versehentlich einen Mann getötet, unter Umständen, auf die ich jetzt nicht eingehen werde, aber der Hinweis möge genügen, dass ich die Wahl hatte zwischen der Flucht und dem Galgen. Ich hatte mich für Ersteres entschieden. Ich hatte seitdem mit dem Herzen auf der Zunge gelebt, aber wenigstens hatte ich mich nie gelangweilt. Entsprechend befriedigt sah ich aus dem Fenster und genoss die Aussicht.

Wir hielten unterwegs in schönen, pastellfarbenen Städten. Menschen kamen in mein Abteil und stiegen einige Stationen weiter wieder aus. Der Fluss hatte sich zu einem breiten, ruhigen See ausgeweitet, der von grünen Wiesen und Weiden gesäumt war. Ich erhaschte Blicke auf schöne Häuser in Parklandschaften und fragte mich, ob Adare genauso prachtvoll sein würde. Dann hielten wir neben einem großen Granitgebäude. Auf dem Schild des Bahnhofs stand OSSINING. Ich sah voller Interesse aus dem Fenster.

„Was ist das, ein Armee-Posten?“, fragte ich die beiden Frauen, die mir jetzt gegenübersaßen.

Sie schüttelten die Köpfe und gaben kichernde Geräusche von sich. „Du liebe Güte, nein. Das ist Sing Sing, das Gefängnis. Hier sind die schlimmsten Verbrecher des Staates eingesperrt.“

„Ich habe eine Schwester, die in dieser Stadt lebt“, bekannte die andere. „Ich sage immer, dass ich nicht weiß, wie sie nachts schlafen kann, wohl wissend, was für verkommene Kreaturen sich vor ihrer Türschwelle befinden.“

Weitere kichernde Geräusche und geschüttelte Köpfe. Ich studierte das Gefängnis interessiert, als der Zug den Bahnhof verließ, konnte aber abgesehen von der hohen Mauer nichts sehen. Es schien nicht wahrscheinlich, dass irgendeine dieser verkommenen Kreaturen einen Weg finden würde, aus dieser eindrucksvollen Einrichtung zu entkommen.

Bald verengte sich der Fluss wieder. Hohe Berge türmten sich zu beiden Seiten auf, während der Fluss durch sein granitenes Bett strömte. Es war eine Szene direkt aus einem italienischen, romantischen Gemälde, mit Klippen, Stromschnellen und beherzten Bootsführern. Ich war so fasziniert davon, die kleinen Boote dabei zu beobachten, wie sie versuchten, flussaufwärts zu steuern, dass ich beinahe meinen Bahnhof verpasst hätte.

Ich sah immer noch aus dem Fenster, als wir anhielten. Ich sprang auf, als ich den Bahnhofsvorsteher rufen hörte: „Peekskill. Alle einsteigen“, und musste einen ziemlichen Aufstand machen, um einen Träger zu finden, der bereit war, meine Reisetasche herunterzuheben. Ich schätze, ich hätte das auch selbst tun können, aber ich war bereits in der Rolle des hilflosen, jungen Mädchens, das frisch aus Irland angekommen war.

„Wohin wollen Sie?“, fragte der Mann und stellte die Tasche auf dem Bahnsteig ab, als der Zug weiterfuhr. „Brauchen Sie eine Droschke?“

Ich hatte keine Ahnung. Ich hatte Senator Flynn geschrieben, welchen Zug ich zu nehmen gedachte, aber keine Antwort bekommen. „Ich will zu Senator Flynns Anwesen: Adare“, sagte ich.

„Adare? Das ist auf der anderen Seite des Flusses“, sagte er und sah mich neugierig an, „und zwischen hier und Albany gibt es keine Brücke. Ich hoffe, Sie sind eine gute Schwimmerin.“

„Gibt es hier keine Fähre?“, fragte ich und überlegte, wie ich ein Haus am anderen Ufer kontaktieren sollte und wie sie vorhatten, mich zu treffen.

„Keine öffentliche Fähre. Es gibt auf der anderen Seite kein wirkliches Dorf. Nur die paar Häuser bei Jones Point und dann nichts als Wildnis bis zur Militärakademie in West Point. Es ist mir ein Rätsel, warum der Senator sich entschieden hat, auf dieser Seite des Ufers ein Haus zu beziehen, Meilen von der Zivilisation entfernt. Werden Sie in Adare erwartet?“

Sein Ausdruck ließ vermuten, dass ich vielleicht ein neues Dienstmädchen war. Wieso hielt mich nie jemand für eine junge Dame von Format? Ich sah ihn so hochmütig an, wie ich konnte. „Ich bin die Cousine des Senators, zu Besuch aus Irland.“

„Du meine Güte.“ Der peinlich berührte Gesichtsausdruck des Mannes sagte mir, dass ich seine Gedanken genau richtig gelesen hatte. „Nun denn, in diesem Fall sollte jemand hier sein, um Sie abzuholen. Wie heißen Sie, Miss?“

„Molly Murphy“, platzte ich heraus, dann verbesserte ich mich augenblicklich. „Molly Murphy Gaffney. Miss Gaffney.“ Ich spürte das Brennen meiner Wangen und war wütend auf mich, weil ich den allerersten Test nicht bestanden hatte. Ich würde diesen Auftrag gewiss nicht lange durchhalten, wenn ich mich nicht an meinen eigenen Namen erinnerte.

„Irgendjemand aus Adare hier?“, rief der Mann. „Ich habe hier eine Miss Gaffney, die darauf wartet, abgeholt zu werden.“

Ein kleiner, drahtiger Mann mit einem Schopf grauen Haars, das unter seiner Mütze hervorschien, kam vom Ufer aus zu uns heraufgerannt. „Immer mit der Ruhe, ich komme“, verkündete er, dann nahm er seine Mütze ab, um mich zu begrüßen.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie warten ließ, Miss. Ich wurde aufgehalten, weil eine Reihe von Frachtschiffen vorbeikam. Welches ist Ihr Gepäck?“ Ich zeigte darauf und er hob die Reisetasche auf eine Schulter, während ich die Hutschachtel trug.

„Das Ruderboot ist hier entlang, Miss. Wenn Sie so gut wären, mir zu folgen.“

Ich dankte dem Gentleman, der auf mich aufgepasst hatte, und folgte meiner Reisetasche einem felsigen Pfad hinunter zum Ufer. Ein kleines Boot war dort angebunden und ein zweiter Mann, dieser jung und bärenstark, nahm Haltung an, als wir näherkamen.

„Du hast sie also gefunden, Tom. Das ist gut“, sagte er. „Hier, Miss. Waren Sie schon mal in der Nähe von Booten?“

Ich war drauf und dran zu antworten, dass ich die meiste Zeit meines Lebens an der Küste verbracht hatte, als ich mich daran erinnerte, dass ich aus der Stadt Limerick kam und wahrscheinlich nirgendwohin mit dem Boot fahren musste. „Nicht wirklich“, sagte ich.

„Dann nehmen Sie meine Hand, Miss, und versuchen Sie, in die Mitte des Bootes zu steigen“, sagte der junge Mann und hob mich beinahe hinunter. Mir fielen große, muskulöse Arme und seine enorme Kraft auf.

„Und Ihr Name ist?“

„Adam, Miss“, sagte er. „Tom und ich sind Gärtner in Adare, außerdem Bootsführer, wenn es Bedarf gibt.“

Tom lud meine Taschen ein, sprang mit einer Beweglichkeit in das Boot, die ich von jemandem seines Alters nicht erwartet hatte, löste das Seil und wir trieben in den Fluss. Augenblicklich erfasste uns die Strömung und die beiden Männer mussten an den Riemen ziehen und heftig gegen die Kraft des Flusses arbeiten.

„Adare ist also stromaufwärts von hier?“, fragte ich.

„Nein, Miss, nicht wirklich“, sagte Adam. „Sie können durch die Bäume dort am anderen Ufer einen Blick darauf erhaschen. Aber wenn wir bei dieser bei dieser Strömung nicht flussaufwärts fahren, landen wir in der Tappan Zee, ehe wir uns versehen.“

Adam, dachte ich, als ich den Stämmigen an den Riemen ziehen sah. Annie Lomax hatte einen Gärtner namens Adam erwähnt. Aber sie hatte auch erwähnt, dass alle Bediensteten entlassen worden waren. War dies ein neuer Gärtner mit demselben Namen oder hatte er es irgendwie geschafft, der Säuberungsaktion zu entgehen? Ich blickte ihn voller Interesse an. Wenn es derselbe Adam war, hatte Annie ihm misstraut. Ich fragte mich jetzt, ob das daran gelegen hatte, dass er ein gerissener Mensch war oder wegen seiner Art mit Frauen umzugehen. Er machte mir gerade eindeutig schöne Augen.

„Sind Sie schon lange beim Senator angestellt?“, fragte ich an beide gerichtet.

„Der alte Tom war schon vor der Zeit des Senators in Adare“, sagte Adam. „Der Senator hat das Haus vor zehn Jahren gekauft, würdest du nicht auch sagen, Tom?“

Tom nickte und grunzte beim Ziehen der Riemen.

„Und ich kam vor etwa fünf Jahren als Lehrling.“

„War das vor der Tragödie mit dem Sohn des Senators?“, fragte ich.

„Ein paar Monate davor“, sagte er. Also war er tatsächlich derselbe Mann.

„Das muss für alle im Haus schrecklich gewesen sein“, sagte ich. „Seine Familie in Irland traf es in der Tat sehr hart. Meine arme Mutter konnte nicht aufhören zu weinen.“

Adam nickte. „Es war schlimm“, sagte er. „Eine schlimme Zeit. Wenn Sie mich fragen, sind sie nie wirklich drüber weggekommen.“

Tom blickte ihn wütend an. „Behalte deine Gedanken beim Rudern und lass das Tratschen. Es ging dich damals nichts an und heute auch nicht.“

„Sie zwei müssen Glück gehabt haben oder besonders gute Arbeiter gewesen sein“, drängte ich weiter. „Ich habe gehört, dass Cousin Flynn nach der Tragödie alle Angestellten entlassen hat.“

„Die meisten, ja“, sagte Tom. „Aber zufällig waren Adam und ich nicht da, als es passierte. Ich lag mit einer Lungenentzündung im Bett und Adam besuchte seine kranke Mutter, die auf der anderen Seite des Flusses lebt. Also nahm der Herr an, dass wir mit dem Verbrechen nichts zu tun haben konnten und beschäftigte uns weiter.“

Ich nickte. Das westliche Ufer näherte sich rasch, aber noch sah ich kein Anzeichen eines Hauses. Ein großer Hügel erhob sich, eingehüllt in einen struppigen Mantel aus Bäumen und vereinzelt durchscheinenden Felsen – so wild wie alles, was ich zu Hause in Connemara gesehen hatte.

„Nach allem, was wir gehört haben, war es der Chauffeur“, äußerte ich vorsichtig, als die beiden Ruderer uns an einem Haufen strudelnder Pflanzen vorbeimanövrierten, die den Fluss heruntergespült worden waren. „Er muss klug gewesen sein, um etwas so Hinterlistiges zu planen.“

Adam sah jetzt auf. „Bertie? Er erschien mir nie als ein zweiter Thomas Edison, und auch nicht wie jemand, der ein böses Wesen hat. Wir sind oft auf ein Pint in die Bar gegangen und–“

„Pass auf deinen Riemen auf, Junge“, blaffte der alte Tom. „Deinetwegen laufen wir auf Grund und die kleine Lady wird Fischfutter.“

Sie ruderten schweigend an einigen beängstigend aussehenden Felsen vorüber.

Dann sah ich auf und schnappte nach Luft. Die Bäume hatten sich gelichtet. Vor mir erstreckten sich grüner Rasen und dahinter ein weitläufiges, graues Steinhaus, das sich drei Stockwerke hoch zwischen den Bäumen erhob. Es sah romantisch aus, hatte auf der rechten Seite einen Turm und bemalte Läden vor den Fenstern.

„Da sind wir“, sagte der alte Tom und übernahm beide Riemen, während Adam behände auf einen hölzernen Anlegesteg sprang. Meine Taschen wurden heraufgereicht, dann nahm Tom mich an der Hand.

„Sie sind eine sehr neugierige junge Dame, wie es scheint“, sagte er. „Lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben. Es macht sich nicht bezahlt, hier zu viele Fragen zu stellen.“

Dann reichte er mich zu Adam hinauf und ich war an Land.

Sieben

Ich hatte keine Zeit, mir Gedanken zu machen, als Adam meine Taschen nahm und mit schnellen Schritten über den Rasen ging. Als ich mich dem Haus näherte, hatte ich Gelegenheit, es eingehender zu studieren. Ich konnte nicht sagen, dass ich Adare elegant fand. Solide. Imposant. Gewaltig – das war das richtige Wort. Das Äußere bestand aus grob gehauenem Granit. Der Stil war eindeutig eine Mischung – eine Südstaaten-artige Veranda lief auf der dem Fluss zugewandten Seite ums Haus, aber rechts gab es einen sehr italienisch aussehenden Turm, vor den Fenstern französische Fensterläden und ein Dach, das irgendwie holländisch aussah. Ich fragte mich, ob er erste Besitzer es selbst entworfen hatte und was Barney Flynn dazu animiert hatte, es zu kaufen.

Als wir uns der Veranda näherten, hörte ich Stimmen und mir fielen Gestalten auf, die im Schatten an Tischen mit weißen Tischtüchern saßen. Wir kamen unbemerkt näher, bis ein Bediensteter einer der Frauen auf die Schulter tippte und auf mich deutete. Dann wandten sich alle Köpfe in unsere Richtung und eine junge Frau erhob sich.

„Molly, du bist endlich hier“, rief sie und kam mit offenen Armen auf mich zu, um mich zu begrüßen. „Wir haben den ganzen Tag ungeduldig gewartet. Du musst erschöpft sein, du armes Lämmchen. All dieses ermüdende Reisen. Komm und trink eine Tasse Tee mit uns, ehe du dich hinlegst.“

„Ich bin heute nur mit dem Zug aus New York gekommen, nicht den ganzen Weg aus Irland“, sagte ich und erwiderte ihr Lächeln. „Und vergib mir, dass ich frage, aber du musst Cousine Theresa sein.“

„Wie dumm von mir.“ Sie hatte ein hohes, melodisches Lachen. „In meiner Aufregung dich zu sehen, habe ich gänzlich meine Manieren vergessen.“ Sie streckte ihre Hand aus. „Ich bin in der Tat Theresa. Wie geht es dir, Cousine? Willkommen in Adare.“

„Es ist überaus gütig von dir, mich eingeladen zu haben, hier zu wohnen“, sagte ich und nahm ihre Hand. Sie fühlte sich kalt und zerbrechlich an, sodass ich es nicht wagte, zuzudrücken. Sie selbst sah auch zerbrechlich aus, als könne ein Windstoß sie davonblasen. Sie hatte bleiches Haar und die Farbe ihrer Haut passte zum Weiß ihres Sommerkleids. Sie hatte dunkle Ringe um die Augen und ihre Schlüsselbeine standen aus einem tiefen Ausschnitt heraus. Aber sie lächelte freundlich, als sie meine Hand nahm.

„Noch ein Gedeck, bitte, Alice. Und Clara, schenk der lieben Cousine Molly einen Tee ein. Sie muss in dieser Hitze der Ohnmacht nahe sein.“

„Ich versichere dir, es geht mir gut“, sagte ich.

Theresa tätschelte meine Hand, als ich mich hinsetzte. „Hör sich einer diesen Akzent an“, gurrte sie. „Ist er nicht himmlisch? Direkt aus der alten Heimat. Wird sie Barneys Herz nicht guttun?“

Ich sah die Gruppe an, die am Tisch saß, und lächelte schüchtern, wie ich hoffte. Eine Tasse Tee wurde von einer älteren, ernst aussehenden Frau in einem trotz der schwülen Hitze des Nachmittags hochgeschlossenen, dunkelgrauen Kleid vor mir abgestellt.

„Bitte stell alle vor, Theresa“, sagte sie.

„Natürlich“, sagte Theresa Flynn. „Das ist Molly Gaffney, Barneys Cousine, gerade aus Irland angekommen. Molly, darf ich dir unsere anderen Gäste vorstellen: Miss Emily Sorensen und Miss Ella Sorensen.“

Ich blinzelte, als ich von der Sonne in den Schatten blickte und die berühmten Sorensen-Schwestern leibhaftig vor mir sah. Seltsam war, dass sie nichts Außergewöhnliches an sich hatten. Sie sahen aus wie zwei vollkommen gewöhnliche Frauen mittleren Alters. Miss Emily war ein wenig untersetzt und Miss Ella eher knöchern. Sie trugen ihr Haar beide auf unvorteilhafte Weise, in der Mode von vor ein paar Jahren, in der Mitte gescheitelt und auf jeder Seite zu großen Flügeln eingerollt. Ihre schwarzen Kleider waren schmucklos und ihre Gesichter ruhig und beherrscht, als sie mir ihre Köpfe zuneigten.

„Miss Sorensen. Miss Sorensen“, sagte ich. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“

Theresa streckte erneut eine Hand aus und drückte meine. „Ich muss dir später, wenn wir allein sind, alles über sie erzählen. Sie sind so wundervoll und wir sind so geehrt, sie hier zu haben. Du hast von ihnen gehört, oder nicht?“

„Ich glaube, das habe ich vielleicht“, sagte ich. „Sind Sie nicht die berühmten Spiritistinnen?“

„Das sind wir.“ Miss Emily hatte eine tiefe, männliche Stimme.

„Haben die Neuigkeiten ihres Ruhms es bis nach Irland geschafft?“, fragte Theresa entzückt.

„Wir leben nicht am Ende der Welt, Cousine Theresa“, sagte ich, was sie wieder auf mädchenhafte Weise kichern ließ.

„Das Vorstellen, Theresa.“ Die Frau, die mir eine Tasse Tee gereicht hatte, zog an Theresas Arm. „Es sind andere anwesend, die vorgestellt werden müssen, ehe du mit deinen neuen Freundinnen plaudern kannst.“

Theresa errötete. „Oh, natürlich. Es tut mir leid. Zu viel Aufregung, die mir nach unserer gewöhnlich einsiedlerischen Art hier zu leben wie Wein zu Kopfe gestiegen sein muss. Molly, das ist die Cousine meiner Mutter, Clara Tompkins. Sie ist so gütig, bei uns zu leben und mir Gesellschaft zu leisten.“

Die ältere Frau neigte mir ohne zu lächeln und ohne mich eine Sekunde aus den Augen zu lassen ihren Kopf zu.

„Und das ist meine Schwester, Belinda Butler, die uns auf dem Rückweg aus Europa einen kurzen Besuch abstattet.“

Die zweite Frau war das genaue Gegenteil der ersten. Sie war eine pink-weiße, umwerfend schöne Kreatur in einer entzückenden Spitzen-Kreation mit einer Kamee an einer rosafarbenen Schleife um den Hals. Sie wandte mir große, blaue Augen zu und lächelte mich freundlich an. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Cousine Molly. Was für einen reizend urigen Akzent Sie haben. Klingen alle Leute in Limerick wie Sie?“

Um ehrlich zu sein hatte ich keine Ahnung, wie die Bewohner von Limerick klangen, da ich nie mit einem gesprochen hatte. „Mehr oder weniger“, sagte ich.

„Wie seltsam zu glauben, dass Barney auch so gesprochen hätte, wäre er dort geboren worden und nicht hier“, sagte Belinda. Sie fächelte sich mit einem anmutig geschnitzten Elfenbeinfächer Luft zu.

„Ein Sandwich, Molly, meine Liebe?“, fragte Theresa. „Oder nimmst du ein Eclair? Die Köchin ist sehr talentiert, wenn es um Gebäck geht.“

Ich entschied mich für das Sandwich, weil ich vermutete, dass die schnell schmelzende Schokolade Zweifels ohne auf mir oder meinem Kleid enden würde. Selbst hier im Schatten der Veranda war die Hitze erdrückend.

„Sie sind gerade aus Europa zurückgekommen, Miss Butler?“, fragte ich Belinda. „Hatten Sie Gelegenheit, meine Heimat zu besuchen?“

„Ich fürchte nicht, Miss Gaffney. Ich war einen Monat lang weg und hatte nur Zeit, die wichtigen Orte zu besuchen – Sie wissen schon, Städte, die für ihre Kunst und ihr kulturelles Erbe bekannt sind wie Florenz und Paris.“

„Wir sind in Irland nicht ohne kulturelles Erbe, wissen Sie“, sagte ich. „Die Schlösser und Klöster sind so alt wie die Zeit.“

Sie blickte finster drein, als hätte ein süßer Welpe sie überraschend gebissen. „Ich wollte nicht unterstellen, dass die Kultur Ihres Landes irgendwie weniger wichtig sei, Miss Gaffney. Liebe Güte, nein. Das war nicht meine Absicht.“

„Ich bin sicher, das wollten Sie nicht, Miss Butler.“ Ich lächelte sie freundlich an. „Und wenn ich die Gelegenheit hätte, würde ich auch jederzeit Paris und Florenz Dublin vorziehen.“

Theresa lachte entzückt. „Ist sie nicht ein Juwel? Sie hat Barneys Scharfsinn, oder nicht? Molly – ich darf dich Molly nennen, oder nicht? – ich kann dir nicht sagen, was es für eine Freude ist, dich hierzuhaben. Das Leben war so schrecklich trostlos und es ging mir nicht gut, weißt du. Ich habe mich so nach einer heiteren Gefährtin gesehnt und jetzt hat Gott dich als Antwort auf meine Gebete gesandt.“

„Ich will hoffen, dass du meine Gesellschaft in diesen vergangenen Jahren nicht zu unsagbar trostlos fandst“, sagte Cousine Clara mit ihrer steifen, leisen Stimme. „Und wenn meine Anwesenheit hier nicht länger benötigt wird, dann sollte ich vielleicht mit deinem Ehemann darüber sprechen, in den Schoß der Familie nach Virginia zurückzukehren.“

„Oh, Clara, sei nicht albern“, sagte Theresa.

„Jetzt bin ich also albern, ebenso wie langweilig und geistlos. Welch ein jämmerliches Exemplar einer Frau“, sagte Clara. Sie erhob sich. „Vielleicht sollte ich mich auf mein Zimmer zurückziehen, bis ich gebraucht werde, wenn ich nur verärgere und langweile.“

Theresa fasste sie am Ärmel. „Clara, bitte setz dich hin. Los. Du bringst meine Gäste in Verlegenheit, und natürlich bin ich dir sehr dankbar für deine Gesellschaft. Was hätte ich ohne dich getan in den düsteren Jahren meiner Verzweiflung? Iss noch ein Eclair, los. Du weißt, wie sehr du sie liebst.“

Sie bot ihr den Teller an, Cousine Clara nahm eines und warf einen finsteren Blick in meine Richtung.

„Ich werde nicht lange bleiben, Cousine Clara“, sagte ich, „und ich hoffe, dass mein Besuch den Betrieb dieses Haushalts nicht stören wird.“

„Wie nett du bist, Molly.“ Theresa lächelte mich umwerfend an. „Und ich hoffe, dass wir dich überzeugen können, so lange zu bleiben, wie du willst. Dieses Haus liegt auf der falschen Seite des Flusses, also bekommen wir nicht so viele Gäste, wie ich gerne hätte.“

„Ja, es ist wirklich wild hier drüben, oder nicht?“, fragte ich. „Es gibt also auf dieser Seite des Flusses keine Siedlung?“

„Es gibt ein kleines Dörfchen, etwa eine Meile die Straße runter in die eine Richtung, und einige Farmhäuser in Richtung der Militärakademie, aber es gibt nur zwei große Häuser in der Nähe – unseres und das unserer Nachbarn, den van Gelders.“

„Ihr habt Nachbarn?“ Ich starrte in die Bäume, sah aber keine Anzeichen für ein anderes Haus.
„Das Haus wird Riverhouse genannt. Die van Gelders leben dort seit den Tagen der ersten Siedler. Nicht gerade die freundlichsten Nachbarn, da Mr. van Gelder einst Barneys politischer Rivale war. Aber sie sind nicht länger Rivalen, wir sind wieder zivil miteinander. Tatsächlich sind wir morgen zum Abendessen dorthin eingeladen.“

„Ich habe gehört, sie haben Besuch aus Europa“, sagte Clara und sah für ihre Verhältnisse recht lebhaft aus. „Junge Männer, Belinda.“

„Clara, ich bin gänzlich imstande, meinen eigenen Liebhaber auszuwählen, danke“, antwortete Belinda.

„Deine liebe Mutter hat für deine Rundreise durch Europa gezahlt und du bist mit leeren Händen zurückgekehrt“, sagte Clara. „Kein Graf oder Herzog in Sicht.“

Belinda lachte. „Wie altmodisch du bist, Cousine. Es war nie mein Verlangen, in europäische Aristokratie einzuheiraten. Ein heißblütiger Amerikaner reicht mir vollkommen.“

„Du klingst, als habest du einen im Sinn“, sagte Theresa und warf ihrer Schwester einen Blick zu.

„Tatsächlich habe ich das.“ Belinda lächelte boshaft. „Er weiß es noch nicht, aber er wird es schon noch erfahren.“

„Wir dürfen Miss Emily und Miss Ella nicht mit unserem Familientratsch langweilen“, sagte Theresa. „Wo kann Eileen hingegangen sein? Ich wollte, dass sie sie treffen. Alice, lauf und sag Nurse, dass wir darauf warten, dass das Kind zu uns heruntergebracht wird.“

Das Dienstmädchen machte einen Knicks und ging ins Haus.

„Ihrer Familie geht es gut, hoffe ich, Miss Gaffney?“, fragte Cousine Clara.

„Sehr gut, danke.“

„Ich glaubte, Ihre Mutter sei vor Kurzem gestorben?“

„Vor drei Jahren jetzt, obwohl es scheint, als wäre es gestern gewesen“, sagte ich und senkte meinen Blick, sodass ich angemessen betrübt aussah. „Und mein Vater ging ihr voraus, und zwei kleine Brüder, die beide innerhalb von Wochen an der Diphterie starben.“ Ich hielt inne. „Also habe ich jetzt nur noch den einen Bruder und zwei Schwestern, beide verheiratet.“

„Und doch ist es ein solcher Trost, Familie zu haben, oder nicht?“, fragte Theresa. „Ich weiß, ich hätte die vergangenen Jahre nicht ohne die Liebe und Zuneigung meiner Lieben überlebt.“

Sie sah auf, als wir leichte Schritte auf dem Marmorboden hörten und ein kleines Mädchen auftauchte, das die Hand einer großen, steifen Nanny hielt. Anders als Theresa war das Kind dunkelhaarig und hatte große, dunkle Augen, mit denen es sich voller Furcht in der Gesellschaft umsah.

„Geh zu deiner Mutter, Kind.“ Das Kindermädchen schickte sie mit einem festen Schubs herüber. „Gib ihr einen Kuss.“

Das kleine Mädchen bewegte sich langsam auf Theresa zu, die ihre Wange vorstreckte, um einen Kuss zu bekommen. „Wie geht es dir heute, Eileen?“, fragte Theresa.

„Sehr gut, danke, Mama.“

„Und was hast du heute gespielt?“

„Ich habe mit dem Puppenhaus gespielt, das Papa mir gekauft hatte. Nursy hat neue Bettwäsche für das Babybett gemacht und sie wird einen Schal für das Baby stricken und …“

„Wir brauchen nicht jedes Detail zu hören, Kind. Ich bin froh, dass dir das Puppenhaus Freude macht. Jetzt möchte ich, dass du unseren Gästen die Hand schüttelst. Diese zwei Damen heißen beide Miss Sorensen.“

Eileen schob sich bis zu ihnen vor. Sie sah ernst zu ihnen herauf. „Woher wissen Sie, wer wer ist, wenn Sie beide denselben Namen haben?“ fragte sie und sah dann ob des kichernden Gelächters verwirrt drein.

„Eileen, das ist keine höfliche Art, Leute zu begrüßen“, sagte Clara. „Du streckst eine Hand aus, machst deinen besten Knicks und sagst: ‚Erfreut, Sie kennenzulernen.‘ Komm schon, tu es.“

Das kleine Mädchen gehorchte. Dann wurde sie in meine Richtung gelenkt.

„Und das ist Papas Cousine, sie ist den weiten Weg aus Irland hergekommen“, sagte Theresa. „Gib ihr die Hand und mach einen Knicks.“

Ich nahm ihre kleine Hand in meine. „Zeigst du mir später dein Puppenhaus? Ich hatte selbst nie eins und wollte schon immer mit einem spielen.“

Ihre Augen strahlten. „Oh ja. Das wäre schön. Warum hatten Sie kein Puppenhaus? Waren Sie sehr arm?“

„Eileen! Grundgütiger, was wird das Kind als Nächstes sagen“, murmelte Clara.

„Schimpfen Sie nicht mit ihr“, sagte ich. „Es war naheliegend, das zu fragen.“ Ich drückte ihre kleine Hand und lächelte sie an. „Ich bin nicht so reich wie du, und Puppenhäuser sind ein Luxus. Aber ich hatte eine Lieblingspuppe, als ich ein Kind war. Hast du einen Puppenkinderwagen? Wir könnten irgendwann mit deinen Puppen spazieren gehen.“

Sie blickte voller Bewunderung zu mir auf. Ich beugte mich vor und küsste sie auf die Stirn. „Wir werden eine großartige Zeit miteinander verbringen, nicht wahr?“

Sie nickte und verweilte hoffnungsvoll neben meinem Knie.

„In Ordnung, Eileen. Das ist genug von dir. Hatten Sie bereits Tee im Kinderzimmer, Nurse?“ Theresas Stimme klang schneidend.

„Ja, Ma’am. Das Kind hatte bereits Tee.“

„Dann vielleicht einen Keks als Süßigkeit.“ Theresa streckte eine Hand aus und reichte dem Kind einen glasierten Ingwerkeks, den es feierlich entgegennahm. „Dann ab mit dir.“

Eileen sah zu mir zurück, als sie die Hand ihres Kindermädchens nahm und sie im Haus verschwanden.

„Was für ein entzückendes kleines Mädchen“, sagte ich. „Ich bin sicher, sie bereitet dir eine Menge Freude.

„Ja“, sagte Theresa. „Ich bin sicher, das tut sie.“

Aber ich bekam das Gefühl, dass das Kind Theresa überhaupt keine Freude bereitete.

Acht

Das Kind war gerade gegangen und ich fragte mich, ob es höflich wäre, ein zweites Sandwich oder einen Keks zu nehmen, als männliche Stimmen aus dem Hausinneren zu hören waren und drei Männer erschienen. Ich hatte genügend Bilder gesehen, um meinen angeblichen Cousin Barney Flynn zu erkennen, aber leibhaftig war er noch imposanter als auf den Fotografien. Er war nicht besonders groß, aber ein gutgebauter Mann, mit starker, irischer Kluft in seinem Kinn, einem geröteten Gesicht, das auf ein Leben an der frischen Luft hinwies, und einem Kopf voller reichlich rotbraunem Haar. Er trug einen gut geschneiderten, leichten Anzug, obwohl er keine Ascot-Krawatte am Hals trug. Als er mich erblickte, erschien das sprichwörtliche irische Funkeln in seinen blauen Augen und ein Lächeln erhellte sein gesamtes Gesicht.

„Nun, schau dir das ein. Sie ist angekommen!“, rief er, mit einer Stimme, die eine Spur Irisch trug, obwohl ich wusste, dass er in New York zur Welt gekommen war. „Meine kleine Cousine Molly, das Kind von Cousine Rose. Ich hätte dich überall erkannt.“

Es war erfreulich zu wissen, dass ich Ähnlichkeit mit der Familie hatte. Ich stand auf. „Das bin ich in der Tat, Sir, und ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

„Hört euch an, wie sie spricht“, sagte Barney und wandte sich an die beiden Männer, die bei ihm waren. „Direkt aus der alten Heimat. Ist sie nicht eine Freude?“

Barney packte meine Hand und schüttelte sie fest. „Aber keine Förmlichkeiten. Wir sind Familie hier und du bist uns im guten alten Adare so willkommen wie die Blumen im Mai.“ Er lachte über seinen eigenen Witz. „Ich hoffe, du wirst hier fröhlich sein, und wichtiger noch, ich hoffe, du kannst Theresa aus ihrer Trübsal befreien.“

„Ich bin sicher, das wird sie“, sagte Theresa. „Ich habe mich bereits ganz und gar in sie verliebt, mein Lieber. Wenn all deine Cousinen so entzückend sind, dann unternehme ich vielleicht irgendwann eine Reise nach Irland.“

„Wir leben im Vergleich zu hier sehr einfach“, sagte ich. „Es gibt kein großes Haus in unserer Mitte.“

„Wohlstand ist nicht alles, Molly“, sagte Theresa. „Geld allein macht nicht glücklich, wie Barney und ich nur zu gut wissen.“

„Aber ich sage immer, wenn man sowieso unglücklich ist, ist es besser reich und unglücklich zu sein, als arm und unglücklich.“ Der Mann rechts von Barney kicherte über seine eigene Weisheit. Er hatte eine laute, dröhnende Stimme, die zu seiner großen Gestalt, seinem runden, roten Gesicht, seinen Schweinsaugen und dem dünner werdenden, sandigen Haar passte. Nicht der attraktivste Mann und wahrscheinlich um einiges älter als Barney – obwohl mich Letzterer mit der Zahl der Falten in seinem Gesicht überraschte hatte. Ich hatte einen jungen Mann erwartet, aber sein Gesicht war eindeutig verhärmt, wenn er nicht lächelte. Wer konnte es ihm verübeln, nach allem was er hatte durchmachen müssen?

Der große Mann kam auf mich zu und streckte eine fleischige Hand aus. „Ich bin Joseph Rimes, Miss Gaffney. Barneys Berater, Stratege und seine rechte Hand. Ich hoffe, Sie genießen Ihren Aufenthalt hier.“

„Danke, Mr. Rimes. Das hoffe ich ebenfalls.“ Ich nickte sittsam mit dem Kopf, dann warf ich einen Blick auf das dritte Mitglied der Gruppe. Das musste der bleiche Sekretär Desmond O’Mara sein. Wiederum nicht der attraktivste Mann. Er hatte helles Haar, ein blasses Gesicht und sehr helle, hervortretende Augen, die ihm das Aussehen eines Fischs auf einer Platte verliehen, und er sah mich mit diesen kabeljauartigen Augen nicht gerade einladend an.

Barney bemerkte, wie ich ihn ansah. „Oh, und das ist Desmond“, sagte er und stieß ihn mit einer Handbewegung vor. „Mein Sekretär.“

„Miss Gaffney.“ Der Mann neigte den Kopf. Ich tat es ihm gleich.

„Also habt ihr Jungs eure harte Arbeit für heute beendet?“, fragte Belinda.

„Wir sind für eine Verschnaufpause rausgekommen“, sagte Barney. „Haben wir Eileen verpasst?“

„Ist bereits in Erscheinung getreten und wieder verschwunden“, sagte Belinda und lächelte auf eine recht verführerisch anmutende Weise zu ihrem Schwager herauf. Ich fragte mich, ob Theresa es bemerkt hatte, dann vermutete ich, dass dem so war, da sie mit ausdrucksloser Stimme sagte: „Wenn du Tee willst, fürchte ich, dass er schon zu lang gezogen hat.“

„Ganz gleich. Ich wollte nur sehen, ob unser neuer Gast angekommen ist und meiner Tochter hallo sagen“, sagte Barney. „War sie in guter Verfassung?“

„Sie sagt ohne Absicht die absonderlichsten, komischsten Dinge“, antwortete Belinda. „Ganz und gar kein Sinn für Anstand.“

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, was, Barney?“ Rimes klopfte ihm auf den Rücken.

Theresa blickte finster drein. „Ich werde Cook bitten, eine neue Kanne aufzusetzen, wenn ihr mögt.“ Sie erhob sich.

Barney winkte ab. „Nicht nötig, meine Liebe. Ich denke, wir holen stattdessen den Whisky-Dekanter, um gutes Tageswerk zu feiern.“

„Ich verstehe nicht ganz, warum du im Sommer arbeiten musst“, sagte Cousine Clara. „Ist der Senat nicht bis zum Herbst in der Sommerpause?“

„Du verstehst das ganz richtig, Cousine Clara, aber da wäre die kleine Angelegenheit einer Wahl nächstes Jahr“, sagte Joseph Rimes. „Barney steht zur Wiederwahl. Die Wahlkampfstrategie muss jetzt beginnen.“

„Aber gewiss liebt jeder Barney“, sagte Belinda. „Seine Wiederwahl wird doch nur eine Formalität.“

„Man kann nur hoffen, dass das wahr ist“, sagte Barney. „Aber in der Politik weiß man nie. Dieser neue Kerl, den sie gegen mich ins Rennen schicken – er ist alter Geldadel und wird all die Macht der Van-wie-sie-auch-heißen im Rücken haben.“

„Und er hat mehr Charisma als der Gegner von nebenan“, nickte Rimes zu seiner Linken.

„Pass auf, was du sagst, Joe“, schalt ihn Theresa. „Sie sind immer noch unsere Nachbarn, egal wie sehr sich unsere politischen Ansichten auch unterscheiden mögen.“

„Du glaubst, meine Stimme ist laut genug, dass sie bis dort hinüber reicht?“, fragte Joseph Rimes mit einem Grinsen in seinem großen, roten Gesicht. „Oder haben sie Spione, die in den Sträuchern herumschnüffeln?“

Das hatte allgemeines Gelächter zur Folge.

„Müssen wir nicht bald einen Abend mit ihnen durchleiden?“, fragte Barney.

„Wir essen morgen mit ihnen zu Abend. Ich habe dir beim Frühstück davon erzählt. Im Ernst, Barney, es ist hoffnungslos mit dir. Du hörst mir nie zu, wenn ich etwas sage.“ Theresa blickte wieder finster drein. „Morgen Abend, denk dran, also mach keine anderen Pläne und such dir keine langweiligen Politiker, mit denen du reden musst.“ Für ein zerbrechliches Täubchen, konnte sie ganz schön forsch sein, wenn sie wollte.

„Und du hast heute Abend nicht vergessen, oder, Barney?“, fuhr Theresa fort. „Die Séance? Miss Emily und Miss Ella werden versuchen, Brendan für uns zu kontaktieren.“

Ein Zucken huschte über Barney Flynns freundliches Gesicht. „Das überlasse ich euch Ladies, wenn es euch nichts ausmacht. Wenn wir anfangen, mit den Toten zu plaudern, gibt es ein paar Kerle, die vielleicht zurückkommen und mir sagen wollen, was sie von mir halten.“

„Darüber scherzt man nicht“, sagte Miss Emily in ihrer tiefen, sanften Stimme, „aber wenn Sie nicht mit Ihrem kleinen Sohn in Verbindung treten wollen, liegt das ganz bei Ihnen.“

Theresa streckte eine Hand aus und ergriff Barneys. „Oh, komm. Bitte komm. Du willst doch wissen, dass es ihm gut geht, oder nicht? Du würdest doch gerne seine Stimme wieder hören?“

„Natürlich würde ich das gern, es ist nur …“ Er blickte zu den beiden Frauen hinüber und ließ den Rest des Satzes unausgesprochen.

Miss Emily hatte sich erhoben und tippte ihrer Schwester an den Arm. „Wenn Sie uns entschuldigen würden, Mrs. Flynn. Wir müssen uns ausruhen und uns gedanklich vorbereiten, wenn wir heute Abend die Geister kontaktieren sollen. Das Zimmer muss so eingerichtet sein, dass die Atmosphäre ihrem Erscheinen zuträglich ist.“

Manipuliert wohl eher, dachte ich und fragte mich, ob ich ihnen vielleicht nachspionieren könnte. Ich stand ebenfalls auf.

„Würdet ihr es sehr unhöflich finden, wenn ich mich ebenfalls hinlegte? Die Strapazen der Reise holen mich gerade ein.“

„Natürlich nicht, liebe Cousine.“ Theresa winkte dem Dienstmädchen, das in der Türöffnung stand. „Wir sind drauf und dran uns nach drinnen zurückzuziehen. Ihr Männer seid eingeladen, hier draußen zu sitzen und von Moskitos lebendig verspeist zu werden. Alice, bitte zeige Miss Gaffney ihr Zimmer und bring ihr etwas heißes Wasser hinauf. Ich hoffe, ihr Koffer ist bereits oben? Gut.“ Sie lächelte mich an. „Wir essen um halb acht, Molly. Nichts allzu Feierliches. Wir sind schließlich auf dem Land, und dann bist du mehr als willkommen, dich der Séance anzuschließen.“

„Ich wäre entzückt“, sagte ich und zog mich mit einer höflichen Verbeugung zurück.

„Sie ist wirklich ziemlich zivilisiert, oder nicht?“, hörte ich Belindas klare Stimme hinter mir her wehen. „Offensichtlich leben nicht alle Iren in Sümpfen.“

„Hier entlang, Miss“, sagte Alice und trieb mich durch die mit schwarzem und weißem Marmor gekachelte Eingangshalle und die breite Haupttreppe hinauf. Ein fleckiges Glasfenster über der Vordertür warf einen Regenbogen von Farben auf die mit dunklem Teppich ausgelegten Stufen. Im zweiten Stock verlief eine holzgetäfelte Empore an allen vier Seiten des Treppenaufgangs, und Türen gingen davon ab. Hinter einer von ihnen hörte ich ein Kind in einer lieblichen, klaren Stimme singen. Die kleine Eileen entspannte sich nach ihrer Teestunden-Tortur. Alice ließ mich nach links gehen und ging zur Vorderseite der Empore. „Die Herrin dachte, Sie hätten vielleicht gerne die Aussicht“, sagte sie und öffnete eine Tür am Ende des Flurs.

Es war ein Eckzimmer mit Fenstern zur Vorderseite der Seite des Hauses, die mir eine Aussicht auf den Hudson und den felsigen Hang hinter den Rasenflächen boten. Ein Schreibtisch stand an einem der Fenster und das Bett war so aufgestellt, dass man das Beste der Aussicht genießen konnte. Ein elektrischer Ventilator drehte sich gemächlich an der hohen Decke. Das Zimmer war entzückend kühl. Der Duft von blühenden Schlingpflanzen, die am Haus emporkletterten, vermischt mit dem Geruch von frisch gemähtem Gras, wehte durch die offenen Fenster herein.

„Danke. Ich werde mich hier sehr wohlfühlen“, sagte ich und mir fiel auf, dass meine Reisetasche bereits ausgepackt war und meine Kleider in dem Mahagoni-Kleiderschrank hingen. Ich war drauf und dran, das Dienstmädchen wegzuschicken, als ich mich daran erinnerte, dass ich eine Aufgabe zu erfüllen hatte.

„Wie lange sind Sie schon beim Senator und Mrs. Flynn, Alice?“, fragte ich.

„Etwa zwei Jahre jetzt, Miss.“

„Also nicht sehr lang. Fügen Sie sich gut ein? Sorgen die anderen dafür, dass Sie sich wohlfühlen?“ Ich lächelte sie ermutigend an. „Es ist nicht immer leicht, sich in einen Haushalt einzufügen, nicht wahr?“

„Tatsächlich war es nicht allzu schwer“, sagte Alice. „Die meisten Mädchen sind nicht länger hier als ich. Mrs. Flynn scheint Bedienstete nicht allzu lang zu behalten. Ich weiß nicht, wieso. Zu mir ist sie nett.“

„Ich schätze, sie laufen alle weg und heiraten“, sagte ich und blickte sie vielsagend an, was sie erröten und kichern ließ. „Gibt es irgendwelche attraktiven männlichen Bediensteten?“

„Oh, Miss, so sollten Sie nicht reden. Die Herrin will nicht, dass wir mit männlichen Bediensteten ausgehen. Wir werden auf der Stelle entlassen.“

„Ich schätze, sie will keinen zweiten Albert Morell am Hals haben“, sagte ich.

Alice bedeckte sich den Mund mit ihrer Hand, um ein Quieken des Schreckens zu unterdrücken. „Wir erwähnen ihn nicht, Miss. Der Mann war der Teufel selbst, nach allem, was man hört. Die Köchin sagt, sie wusste, dass er nichts Gutes im Schilde führte, als er sich an ihren Baisers bediente, nachdem sie sichergestellt hatte, dass sie für eine Abendgesellschaft genau die richtige Menge gemacht hatte.“

„Wie widerlich“, sagte ich. „Ich frage mich, wieso Senator Flynn ihn überhaupt eingestellt hat, wenn er so ein verschlagener Charakter war.“

„Das weiß ich nicht, Miss. Er hatte ein Händchen für Automobile und auch für Pferde, heißt es.“

„Was sagt man noch über ihn?“

Sie sah sich nervös um. „Ich sollte nicht so tratschen, Miss. Ich bekomme schreckliche Schwierigkeiten, wenn die Herrin davon erfährt. Albert Morell war vor meiner Zeit, dank dem lieben Gott. Es ist alles vorüber und vergangen und sie haben es hinter sich gelassen.“ Sie ging so schnell wie möglich Richtung Tür. „Betätigen Sie einfach die Klingel an der Tür, wenn Sie bereit sind für Ihr heißes Wasser“, sagte sie. „Ich lasse die Köchin den Boiler anfachen, um sicherzustellen, dass es schön heiß ist.“

Dann machte sie einen Knicks und war verschwunden.

Sie hatten offensichtlich nicht alles hinter sich gelassen, dachte ich, als ich durchs Zimmer wanderte und die Möbel untersuchte. Wenn sie das getan hätten, gäbe es keinen Grund für die Séance heute Abend.

Ich setzte meinen Hut ab, löste die Schnallen meiner Schuhe und ließ mich rückwärts aufs Bett plumpsen. Klingeln, wenn ich heißes Wasser wollte, fürwahr. Ich könnte mich mühelos an diese Art zu leben gewöhnen. Vielleicht sollte ich einfach vergessen, dass ich einen Lebensunterhalt verdienen musste, und Theresa den ganzen Sommer über Gesellschaft leisten.

Oh, mit Sicherheit, und es wäre wahrscheinlich, dass ich als Hochstaplerin im Gefängnis landete, ermahnte ich mich. Ich setzte mich auf und starrte mein Gesicht im Spiegel des Frisiertischs an, ein Gesicht, das etwas mitgenommen aussah von der Reise, mit einem Flecken Ruß auf der Nase. Und mein Haar war von der Flussüberfahrt ganz durcheinander. „Du hast einen Job zu erledigen“, sagte ich zu dem Gesicht, „oder eher zwei Jobs. Du musst deine fünf Sinne beisammenhaben, nicht nachlassen!“

Ich stand auf und klingelte für heißes Wasser. Nachdem ich mich gewaschen und versucht hatte, mein schwer zu bändigendes Haar zu ordnen, untersuchte ich die Kleider, die im Schrank hingen, und fragte mich, welches für ein nicht allzu feierliches Abendessen geeignet war. Gus hatte mir ein seidenes Ballkleid und ein meergrünes Taftkleid geliehen, das zu meinem Hautton und meinem roten Haar passte. Ich probierte es an und war mit dem Ergebnis zufrieden. Ein Jammer, dass keine heiratswürdigen, jungen Männer dort sein würden, um es zu würdigen. Überhaupt keine Männer, abgesehen von dem anmaßenden Mr. Rimes und dem fischigen Mr. O’Mara. Und natürlich dem Senator, der dafür bekannt war, ein Frauenheld zu sein. Ich fragte mich, ob ich unserer Verwandtschaft wegen vor seinen Annäherungsversuchen sicher war und ob er sich benahm, wenn seine Frau anwesend war.

Ich konnte noch immer den Klang der Stimmen hören, die von der Veranda heraufschwebten. Ich schaffte es mit viel Aufwand und Mühe, die Haken auf der Rückseite des Kleides zu schließen. Zweifellos brauchte man einen Bediensteten, um in diese modische Kleidung hinein und wieder herauszukommen, und auch für ein Korsett, wie ich entschied, als ich versuchte, ausreichend auszuatmen, um die Taille zusammenzukriegen. Gus hatte ebenfalls die Weitsicht gehabt, mir eines dieser Folterinstrumente zu leihen.

„Wenn ein Dienstmädchen kommt, um dich anzuziehen, Molly, wird sie von dir erwarten, die korrekte Unterbekleidung zu tragen.“

Ich untersuchte es jetzt erneut und hatte keine Ahnung, wie man eine solche Vorrichtung schnürte. Ich hatte in meinem Leben kein Korsett getragen und geschworen, dass ich nie eins tragen würde. In meiner gegenwärtigen Situation allerdings könnte es sich als Notwendigkeit erweisen. Ich wickelte es mir um und kämpfte mit den Haken und Schnüren.

Ich fühlte mich sehr unbehaglich und konnte nicht atmen. Ich stellte mich in die Türöffnung und lauschte. Keine Geräusche von innerhalb des Hauses. Wenn sie alle noch auf der Veranda waren, wäre dies ein guter Moment, den Sorensens hinterherzuspionieren, während sie sich für die Schau heute Abend vorbereiteten. Ich ging auf Zehenspitzen die Treppe hinunter und begann, auf dem unteren Stock Türen zu öffnen. Das erste Zimmer war ein großes Gesellschaftszimmer. Die schweren, roten Samtvorhänge waren zugezogen, aber in der Dunkelheit konnte ich vergoldete Spiegel und Porträts an den Wänden ausmachen, Plüschsofas und Sessel, sogar eine oder zwei griechische Büsten auf Sockeln. Dahinter lag eine Bibliothek, mit hohen Mahagonibücherschränken, die die Wände säumten. Was dann kam, musste das Arbeitszimmer des Herrn sein – ein großer Schreibtisch, dahinter ein Ledersessel mit runder Rückenlehne und der Geruch von Zigarrenrauch in der Luft.

„Kann ich Ihnen helfen, Miss?“

Ich fuhr beim Klang der Stimme hinter mir schuldbewusst herum. Ich hatte niemanden kommen gehört. Ein hervorragend aussehender Mann in einem Gehrock beäugte mich argwöhnisch. Er hatte seidiges, graues Haar und eine römische Nase, die ihn wie einen Raubvogel aussehen ließ. Ich fragte mich, ob er ein weiterer Verwandter oder politischer Berater war.

„Es tut mir leid“, sagte ich. „Ich habe lediglich versucht, mich im Haus zurechtzufinden. Ich bin Senator Flynns Cousine Molly Gaffney, gerade aus Irland angekommen. Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Ich bin Soames, der Butler des Senators.“ Er neigte den Kopf in der knappsten Andeutung einer Verbeugung.

„Soames? Ich glaube, ich habe gehört, wie meine Familie sie erwähnt hat“, sagte ich. „Sie sind schon eine ganze Weile beim Senator, nicht wahr?“

„Zehn Jahre, Miss.“

„Dann waren sie schon vor der Tragödie hier“, platze ich heraus, ehe ich die Gelegenheit hatte, zu erwägen, ob es weise war, das zu sagen. „Wir hörten, dass Mrs. Flynn danach all ihre Bediensteten ersetzt hat.“

„Vielleicht wurde ich nicht für einen gewöhnlichen Bediensteten gehalten, Miss“, antwortete Soames mit einem so vernichtenden Blick, dass ich an Ort und Stelle hätte im Erdboden versinken müssen. „Nun, wonach haben Sie gesucht?“, fuhr er fort und schloss die Tür des Arbeitszimmers seines Herrn fest hinter mir.

„Ich habe gehört, dass es heute Abend eine Séance geben wird. Ich bin sehr aufgeregt, weil ich noch nie eine gesehen habe. Ich dachte, ich werfe einen kurzen Blick in den Raum, um zu sehen, wo sie abgehalten wird.“

„Die Spiritistinnen haben alles vorbereitet und klargestellt, dass sie nicht wollen, dass irgendjemand das Zimmer betritt“, sagte er. „Nun, darf ich Sie hinaus zur Herrin bringen, die immer noch auf der Veranda ist?“

„Nein, danke, Soames“, sagte ich. „Ich glaube, ich gehe und schreibe vor dem Abendessen ein paar Briefe nach Hause. In meinem Zimmer ist ein hübscher Schreibtisch mit Aussicht auf den Fluss.“ Ich nickte ernst und spürte, wie seine Augen mich beobachteten, während ich die Treppe wieder hinaufging. Zweifellos würde es keine leichte Aufgabe werden, in diesem Haus herumzuschnüffeln.

Neun

Ich blieb in meinem Zimmer, bis ich hörte, dass das Abendessen begann. Ich saß an dem eleganten, kleinen Schreibtisch mit Blick auf den Hudson und schrieb schnell meine bisherigen Eindrücke auf.

Mitglieder des Haushalts, die ich über Albert Morell befragen musste – Tom und Adam, die mich herüber gerudert hatten. Von den beiden mochte Adam gewillter sein, mit mir zu reden, wenn ich ihn durch leichtes Anbändeln angemessen ermutigen würde.

Offenbar arbeitete noch dieselbe Köchin hier, seit der Zeit, in der Albert angestellt gewesen war. Genauso Soames der Butler, obwohl es unwahrscheinlich war, dass ich etwas aus ihm herausbekommen würde.

Ich fragte mich, ob Cousine Clara in diesen Tagen zugegen gewesen war. Mr. Rimes und Desmond O’Mara hatten am Nachmittag der Entführung mit Barney Flynn in dessen Arbeitszimmer gearbeitet, aber drei arbeitende Männer hätten es kaum bemerkt, wenn ein Kleinkind an ihrem Fenster vorbeigetragen worden wäre.

Und was dann?, fragte ich mich. Was hoffte ich, von all diesen Leuten zu erfahren? Wenn sie irgendwelche Verdachtsmomente gehabt hätten, hätten sie das vor Jahren der Polizei mitgeteilt. Falls Bertie Morell nicht der Entführer gewesen war, dann würde ich herausfinden müssen, wer sonst in Frage kam. Und das lag womöglich jenseits meiner Fähigkeiten. Die Polizei hatte Zugang zu Akten und das Recht, jeden zu befragen. Ich war nur eine sehr amateurhafte Ermittlerin, die vorübergehend in einem Privathaus wohnte. Ich fürchtete, dass Annie Lomax zu viel Vertrauen in mich gesetzt hatte.

Aber wenigstens würde ich Daniels Auftrag ausführen. Bei der Séance heute Abend würde ich alles scharf beobachten.

Ich erhob mich, als ich den Gong aus dem gekachelten Foyer hörte, und hielt inne, um meine Erscheinung im Spiegel zu begutachten. Nicht schlecht für jemanden, der bis vor Kurzem Bewohnerin eines bäuerlichen Cottages in der Grafschaft Mayo gewesen war. Ich hatte es gewiss weit gebracht in der Welt. Ich grinste mein Spiegelbild an und hörte beinahe die Stimme meiner Mutter, die murmelte, dass Hochmut stets vor dem Fall komme.

Die Gesellschaft befand sich in einem eichengetäfelten Zimmer auf der anderen Seite des großen Gesellschaftszimmers und des Arbeitszimmers des Herrn. Es schien ein kleineres Wohnzimmer zu sein, mit einigen Stühlen und Tischen, die um einen großen, marmornen Kamin herumstanden, der zu dieser Jahreszeit nicht brannte. Eine Anrichte verlief entlang einer Wand und offenbar wurde Sherry serviert. Ich war drauf und dran, unbemerkt hineinzuschlüpfen, als Soames vortrat, um mich anzukündigen.

„Miss Gaffney“, verkündete er mit klangvollem Tonfall und ließ alle innehalten und zu mir herübersehen.

Ich spürte, wie ich errötete, was stets bedauernswert ist für jemanden mit so blasser Haut wie meiner. Theresa saß in einem eleganten Chippendale-artigen Stuhl. Sie streckte mir ihre Hand entgegen.

„Molly, meine Liebe. Wir haben uns gefragt, wohin du verschwunden bist. Barney wollte dich holen lassen, aber ich wollte dich nicht stören, für den Fall, dass du schläfst. Hast du es geschafft, ein Nickerchen zu machen?“

„Ich bin gut ausgeruht, danke, Cousine Theresa“, sagte ich und nahm ihre Hand. Sie war noch immer sehr kalt.

„Wie hübsch du aussieht“, sagte sie. „Findest du nicht, dass sie erfreulich hübsch aussieht, Belinda?“

Letztere warf mir einen kritischen Blick zu. „Gewiss doch“, sagte Belinda. „Sind Keulenärmel noch in Mode in Irland? Ich schätze, es braucht eine Weile, bis neue Mode so weit reist.“

Ich vermochte es, mein freundliches Lächeln aufrechtzuerhalten. „Nun, wissen Sie, in Irland dürfen wir unsere Mode nur mit dem Segen des Papstes ändern“, sagte ich. „Und wir wollen ihn nicht allzu oft in seinen Gebeten unterbrechen.“

Der Rest der Gesellschaft lachte. „Da hast du deine Meisterin gefunden, Belinda“, sagte Barney und beäugte mich von der anderen Seite des Raumes, wo er mit Rimes am Getränketisch stand. Der fischige O’Mara war nicht zu sehen. Vielleicht musste er mit den Bediensteten essen.

Belindas freundliches Lächeln wankte einen Moment, aber ich sagte eilig: „In Wahrheit, Miss Butler, habe ich solche feinen Kleider in Irland nicht besessen. Diese wurden mir von einer lieben Freundin in New York geliehen, sodass ich mich in diesem hohen Haus nicht blamiere.“

„Als ob du dich blamieren könntest, Molly“, sagte Theresa. „Deine Jugend und Vitalität sind wie eine Brise frischer Luft. Ich schätze, es ist all die gute irische Luft, die Wunder wirkt für den Teint.“

„Diese irische Luft ist die Hälfte der Zeit mehr wie ein Sturm.“ Ich lächelte sie an. „Besonders, wenn der Wind direkt vom atlantischen Ozean kommt.“

„Oh, liegt Limerick am Meer?“, fragte Theresa. „Ich habe immer gedacht …“

„Nein, es liegt weit landeinwärts“, sagte ich rasch. „Aber der Wind fegt vom Meer den Fluss herauf und wir bekommen unseren gerechten Anteil an Stürmen.“

Barney kam mit einem Glas Sherry in der Hand herüber. „Bitte sehr, Molly. Du wirst das brauchen, wenn du dich anschließend der Séance stellst.“

Ich nahm es dankbar an, froh damit beschäftigt zu sein, am Sherry zu nippen, statt jedes Mal in ein Fettnäpfchen zu treten, wenn ich den Mund öffnete.

„Mach ihr keine Angst, Barney.“ Theresa sah ihn mit finsterem Blick an. „Ich bin sicher, die Séance wird für uns alle eine wundervolle Erfahrung.“

„Also, wo sind deine beiden Voodoo-Ladies?“, fragte Barney.

„Benimm dich.“ Theresa blickte wieder finster drein. „Sie haben sich vorbereitet.“ Sie blickte auf. „Ah. Da kommen sie gerade.“

Alle Unterhaltungen verstummten, als die Sorensen-Damen den Raum betraten. Sie waren immer noch von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, aber die Kleider waren jetzt aus Seide und Miss Ella trug einen plissierten Seidenturban. Abgesehen davon trug keine von ihnen irgendwelchen Schmuck, und ihre Gesichter wirkten neben all der Schwärze totenblass.

„Miss Emily, Miss Ella. Kommen Sie herein. Ich hoffe, Sie sind in der Lage, sich uns vor der Séance beim Abendessen anzuschließen“, sagte Theresa.

„Man muss hin und wieder essen“, sagte Miss Emily mit ihrer tiefen Stimme. „Es ist wichtig, den Körper in guter Verfassung zu halten, wenn man den Geistern gegenüber empfänglich sein will.“

„Wie faszinierend“, sagte Cousine Clara. „Also sagen Sie mir, können Sie Geister nach Belieben herbeirufen?“

„Gewiss nicht.“ Miss Ella hatte eine durchdringendere, höhere Stimme. „Meine Schwester macht sich lediglich zu einem Gefäß, durch das Botschaften von der anderen Seite empfangen werden. Es wäre überaus vermessen zu glauben, dass unsere Rolle mehr ist als das.“

„Chief Ojuweca macht die ganze Arbeit“, sagte Miss Emily und nahm den Sherry vom Tablett des Butlers. „Unser Geistführer, wissen Sie.“

„Einfach fabelhaft, nicht wahr, Theresa?“, fragte Clara und strahlte Theresa an. „Sie haben einen echten Geistführer. Ist er ein Indianer?“

„Ein Indianerhäuptling“, sagte Miss Ella und wirkte eingebildet. „Wir hatten großes Glück, dass er ausgerechnet uns ausgewählt hat.“

Ich presste die Lippen aufeinander und versuchte, nicht zu lächeln. Es war beinahe, als diskutierten sie über Bedienstete oder gar Gönner.

„Also wissen wir genau genommen nicht, ob Ihr Indianerhäuptling in der Lage sein wird, mit Brendan in Kontakt zu treten?“, fragte Theresa mit zitternder Stimme.

Miss Emily schüttelte den Kopf. „Meine Liebe, wir können die Geister nicht befehligen. Diejenigen, die Kontakt aufnehmen wollen, tun das. Aber wir werden es versuchen, bis wir Ihren Sohn für Sie gefunden haben. Ich bin überaus hoffnungsvoll.“

Theresa stieß einen Seufzer aus. „Oh, ich bin so froh. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Wenn ich nur wieder mit ihm reden kann, nur einmal.“

Barney ging zur ihr hinüber und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Hoffe nicht auf zu viel, meine Liebe. Ich will nicht, dass du wieder verletzt wirst.“

„Senator Flynn setzt wenig Vertrauen in unsere Fähigkeiten, das kann ich sehen“, sagte Miss Ella mit ihrer durchdringenden Stimme. „Es wäre vielleicht besser, wenn er heute Abend nicht anwesend ist. Die Geister können es spüren, wenn sie nicht willkommen sind. Einige von ihnen sind sehr schüchtern, wissen Sie.“

„Keine Sorge, Ladies. Ich habe nicht die Absicht, daran teilzunehmen“, sagte Barney Flynn. „Theresa kann das Gespräch für uns beide führen.“

„Ich wünsche mir wirklich, dass du versuchst zu glauben, Barney“, sagte Theresa. „Es wäre so wundervoll. Ich bin sicher, dass es auch dir damit besser gehen würde.“

Barney schüttelte den Kopf. „Wie steht es ums Abendessen, Soames?“, fragte er. „Sollte mittlerweile nicht der zweite Gong geläutet haben?“

„Ich gehe und schaue nach, Sir.“ Soames verbeugte sich und zog sich würdevoll zurück. Ein paar Minuten später kehrte er zurück und verkündete, dass das Abendessen serviert sei. Barney nahm Theresa am Arm und führte sie durch die Halle ins Esszimmer. Mr. Rimes hängte sich an Belinda, die ganz und gar nicht erfreut aussah. Der Rest von uns folgte, Cousine Clara und ich kamen als Letzte. Der lange, polierte Tisch glitzerte vor Kerzenleuchtern, Silber und Kristall. Ich war froh, dass Daniel mich vor der Größe und dem Ausmaß der Mahlzeiten gewarnt hatte, sonst hätte ich von den ersten Gängen vielleicht zu viel gegessen und wäre vollkommen satt gewesen, als der Schweinebraten kam. Jeder Gang war köstlicher als der zuvor. Es gab Dinge, die ich nie zuvor gegessen hatte. Ich trat beinahe wieder ins Fettnäpfchen, als ich die Worte „Meeresfrüchte-Mousse“ auf dem goldgerahmten Speiseplan an meinem Platz las und mich fragte, ob die nächste Mahlzeit auf meinem Teller eine mit Shrimps gefüllte Maus sein würde.

Zum Essen gab es Wein – zu jedem Gang einen anderen. Da ich mich daran erinnerte, wie beschwipst ich nach Daniels Champagner gewesen war, und da ich meinen Scharfsinn benötigte, trank ich nur bescheidene Schlucke.

„Trink aus, Molly. Trink aus. Es wird dir guttun“, ermahnte mich Barney vom Kopf des Tisches her. Mir fiel auf, dass er seiner eigenen Anweisung gut folgeleistete. Sein Gesicht war eindeutig rot und sein Blick wild.

„Ich bin an Wein nicht gewöhnt, Cousin Barney“, protestierte ich, „aber er ist sehr gut. Ich bin sicher, dass ich Geschmack dafür entwickeln könnte, wenn ich nicht vorsichtig bin.“

„Wein ist eine sehr gefährliche Sache“, sagte Miss Emily. „Er senkt die Hemmungen und benebelt das Urteilsvermögen. Wir rühren nie einen Tropfen an.“

Mir fiel allerdings auf, dass die Sorensen-Damen herzhafte Esserinnen waren und ihre Teller bei jedem Gang leerten. Und offensichtlich wurde Sherry nicht für Wein gehalten, da sie beide einige Gläser tranken.

Schließlich wurden die Teller abgeräumt und Theresa stand auf. „Wir überlassen euch Männer euren Zigarren und eurem Port, während wir einem höheren Ruf folgen.“ Sie blickte zu den Sorensen-Schwestern hinüber. „Brauchen Sie mehr Zeit für die Vorbereitung? Sollen wir im Gesellschaftszimmer auf Sie warten?“

„Es ist alles bereit, Mrs. Flynn“, sagte Miss Emily. „Wenn Sie uns folgen wollen.“

Belinda fasste neben mir Schritt. „Ich dachte nicht, dass ich aufgeregt sein würde, aber ich bin es“, flüsterte sie. „Glauben Sie, dass sie Ektoplasma erscheinen lassen? Das wollte ich schon immer mal sehen.“

„Ich habe keine Ahnung“, sagte ich, „aber ich bin gespannt zu sehen, was sie tun werden.“

Wir wurden in einen kleinen, dunklen Raum geführt. Die Möbel waren unter schwarzen Tüchern verborgen, sodass nur ein Stuhlkreis zu sehen war. Eine einsame Kerze brannte auf einem schwarzverhangenen Tisch. Die Bilder an den Wänden waren ebenfalls unter schwarzem Stoff verborgen. Aus irgendeinem Grund fühlte es sich ungemütlich kalt an. Ich zitterte.

„Bitte setzen Sie sich“, befahl Miss Emily.

Wir setzten uns. Die einzelne Kerze warf monströse Schatten und ließ unsere Gesichter hohl und totengleich aussehen.

„Wir werden uns um den Tisch herum an den Händen fassen. Achten Sie darauf, nicht die Macht des Kreises zu brechen. Niemand darf ein Wort sagen. Wir werden unseren Geist öffnen und die Geister einladen, zu uns zu kommen.“

Ich saß neben Theresa auf der einen und Belinda auf der anderen Seite. Ich konnte spüren, wie Theresas Hand regelrecht zitterte. Belinda fühlte sich auch nicht sonderlich ruhig an. Und ich? Obwohl ich die ganze Sache verächtlich abtat, stellte ich fest, dass mein Herz schnell schlug.

Unsinn, sagte ich zu mir selbst. Es gibt keine Geister und jeden Augenblick werde ich sehen, wie sie schwindeln.

In genau diesem Augenblick gab es einen starken Windstoß, der durch den Raum fuhr, die Kerze ausblies und die Vorhänge an den Wänden bewegte. Wir wurden in absolute Finsternis gestürzt. Cousin Clara jammerte.

„Ruhe“, sagte Miss Emily. „Jemand ist mit uns im Zimmer. Ich kann es spüren. Bist du bei uns, Chief Ojuweca?“

„Ich bin hier“, sagte eine andere Stimme. „Ich bringe Grüße von der anderen Seite für meine Freunde.“

Miss Emily hat eine tiefe, männlich klingende Stimme, sagte ich mir. Natürlich hat sie die Kerze ausgeblasen, damit wir nicht sehen konnten, wie sich ihr Mund bewegte. Und doch klang diese Stimme wie die eines Mannes, und nicht nur das, sie klang wie die Stimme eines Mannes, dessen Muttersprache nicht Englisch war. Außerdem schien sie von der anderen Seite des Raumes zu kommen, ganz und gar nicht von dort, wo Miss Emily saß.

„Wirst du dich dazu bequemen, dich unseren Freunden heute Abend zu zeigen, Chief Ojuweca?“, fragte Miss Emily.

Ich spürte, wie Theresas Hand meine packte, blickte auf und entdeckte, was sie gesehen hatte. In der Ecke, aus der ich die Stimme gehört hatte, erschien ein Kopf. Er war zu undeutlich, um die Züge genau zu erkennen, aber man konnte die Augen, die Hakennase und den sich bewegenden Mund erkennen.

„Hier bin ich“, sagte er. „Tragt vor, was ihr verlangt.“

Wie machten sie das? Sie saßen mit uns im Kreis und hielten unsere Hände. Es gab kein Licht im Zimmer und doch leuchtete der Kopf mit einem eigenen, schwachen Licht. Ich spürte ein Kribbeln im Nacken.

„Es ist eine Dame anwesend, die um ihren Sohn trauert, der übergetreten ist“, sagte Miss Emily. „Sie würde ihn gern kontaktieren. Sein Name ist Brendan, Brendan Flynn. Ein kleiner Junge. Kannst du ihn für uns kontaktieren?“

„Ich werde es versuchen“, sagte Ojuweca. „In der Zwischenzeit bringe ich Botschaften für andere Anwesende. Ich bringe eine Nachricht für jemanden, dessen Name mit C beginnt.“

„Das bist du, Clara“, flüsterte Theresa und Clara wehklagte wieder.

„Eine Botschaft von jemandem, den du vor langer Zeit kanntest. Jemand, der dir einst teuer war.“

„Nicht Johnny!“, rief Clara aus.

„Er sagt, sein Name sei John, ja.“

„Die Heiligen mögen uns schützen. Johnny ist zurückgekommen, um mit mir zu sprechen. Wie geht es dir, Johnny?“

„Er sagt, es gehe ihm gut und du musst nicht um ihn trauern. Er ist an einem besseren Ort, aber er vermisst dich noch immer.“

Clara schluchzte. „Der junge Johnny Parker. Der einzige Junge, den ich je liebte. Von mir genommen, als wir gerade siebzehn waren.“

„Er ist an einer Lungenentzündung gestorben, oder nicht?“, fragte die Stimme.

„Nein, er ist im Eis eingebrochen, als wir Schlittschuh liefen.“

„Weil er bereits von der Lungenentzündung geschwächt war, die sich anbahnte.“

„Das wusste ich nicht“, flüsterte Clara. „Der arme, tapfere Johnny. Er ist mit mir zum Schlittschuhlaufen gekommen, obwohl er bereits eine Lungenentzündung hatte. Er hat mich wirklich geliebt.“ Und sie brach in Tränen aus.

„Er wacht über dich, Clara, und wartet auf den Tag, an dem du dich ihm anschließt“, sagte die Stimme. „Und jetzt kommt eine starke Botschaft durch. Sie ist für eine M?“

„Molly, das bist du“, flüsterte Theresa.

Trotz der Tatsache, dass ich nicht daran glaubte, dachte ich, mein Herz würde mir aus der Brust springen. Ich wollte nicht hören, was irgendwelche meiner Toten mir zu sagen hatten.

„Es ist deine Mutter, Molly. Sie versucht schon seit einiger Zeit, mit dir in Kontakt zu treten.“

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960878049
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v536316
Schlagworte
Ir-isch-e-r-land New York US-A-merika-n-er-in-isch Krimi-nal-roman-fall Spannung-s-roman klassisch-Who-done-it Tod-es-mord-fall-tat-ort-opfer-ermittlung-en-kommissar

Autor

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    Rhys Bowen (Autor)

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Titel: Mord an der Upper East Side