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Mord zur Dinnerparty

Darina Lisle ermittelt

von Janet Laurence (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Cocktailparties, festliche Abendessen und Kochvorführungen – Darina Lisle liebt ihren Job als Köchin bei einem renommierten Catering-Service. Zumindest bis ihre Kollegin an einer Pilzvergiftung stirbt. War es ein tragischer Unfall oder vorsätzlicher Mord? Als das Personal des Wooden Spoon verdächtigt wird, gehen auch die Aufträge zurück, denn immerhin will niemand einen Mörder auf seine Party einladen. Daher macht sich Darina auf eigene Faust auf die Suche nach dem Täter. Keine leichte Aufgabe – insbesondere als ein zweiter Mord geschieht …

Dies ist die Neuauflage des beliebten Darina Lisle-Krimis Mord gut abgeschmeckt.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 1991
Überarbeitete Neuausgabe März 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-104-3

Copyright © 1991 by Janet Laurence, first published by McMillan London Limited, London
Titel des englischen Originals: A Tasty Way to Die

Copyright © 1996, ECON Verlag GmbH

Dies ist eine digitale Neuausgabe des bereits 1996 bei ECON Verlag GmbH, Düsseldorf und München erschienenen Titels Gift für liebe Gäste (ISBN: 978-3-61225-977-6).

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2017 bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen Titels Mord gut abgeschmeckt (ISBN: 978-3-96087-284-9).

Übersetzt von: Ullstein Buchverlage GmbH
Covergestaltung: Miss Ly Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © ES0lex
shutterstock.com: © Konmac, © Chansom Pantip
Korrektorat: Lennart Janson

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Vorwort

Als ich Mord zum Frühstück schrieb, hatte ich bereits vor, den Roman zu einer Serie auszubauen, die in der kulinarischen Welt spielt. Ein freiberuflicher Cordon-Bleu-Koch würde darin vorkommen. Gute Köche haben eine inoffizielle Lizenz. Meine Köchin, Darina Lisle, würde mit Morden konfrontiert, während sie für viele interessante Leute Speisen zubereitete. Ich hatte die Anziehung zwischen ihr und Detective Sergeant William Pigram nicht geplant, aber irgendwie bestand er darauf, immer wieder aufzutauchen.

Als ich Mord zum Frühstück beendet hatte, nahm ich an einer Pilzjagd teil, die die Guild of Food Writers organisiert hatte. Meine Gruppe wanderte durch Wald und Unterholz, es war ein sonniger Herbsttag und wir füllten unsere Körbe mit einer bunten Pilzauswahl. Dabei vertrauten wir den Experten, die auswählten, welche Pilze zum Verzehr geeignet waren. Mir kamen Knollenblätterpilze in den Sinn, die gefährlichsten und zugleich unscheinbarsten, harmlos aussehenden Pilze.

Da nahm nach und nach der Plot für Mord zur Dinnerparty Gestalt an. Ich entschied mich dafür, die Geschichte auf eine kleine Cateringfirma zu konzentrieren, die leckere Speisen für alle Gelegenheiten anbietet. Darina wäre mit einem der Eigentümer befreundet und sollte in einem Notfall aushelfen. Zu der Zeit hatte ich einige Kochshows, die mir großen Spaß machten. Die Zuhörer hatten viele Fragen, darunter auch ob ich demonstrieren könne, was zu tun sein, wenn alles schief geht. Das kann ich aus verschiedenen Gründen nicht tun, war meine Antwort. Erstens wäre es sehr langweilig, zweitens gehen Dinge gerade dann nicht schief, wenn man es versucht und drittens und letztens misslingt ohnehin so viel, dass ich den Zuschauern genug Desaster vorführen könne.

Am Anfang von Mord zur Dinnerparty misslingt nahezu alles. Ich erdachte eine ganze Reihe unglücklicher Umstände, die mir alle schon passiert waren, doch zum Glück nicht gleichzeitig. Ich wollte wissen, ob Darina in diesem Chaos einen kühlen Kopf bewahren kann. Es hat großen Spaß gemacht, diese kulinarischen Krimis zu schreiben und ich freue mich sehr über ihre Wiederveröffentlichung.

 

Janet Laurence

 

 

 

Für meine Mutter

und zum Andenken an meinen Vater

Ich möchte mich an dieser Stelle bei einigen Personen für ihre Mühe bedanken, mit der sie mir bei den Recherchen für dieses Buch geholfen haben. Es sind dies in alphabetischer Reihenfolge:
Covent Garden Supply Company, Tim Cramp of Party Ingredients (es sollte sich eigentlich von selbst verstehen, aber ich betone trotzdem, dass die Ereignisse, die in diesem Buch geschildert werden, nicht das geringste mit deren Aktivitäten zu tun haben), Dr. Audrey Dunlop, Professor Desmond Laurence, Detective Sergeant Jim Malion von der Avon and Somerset Constabulary und Digby Melier.


Personen und Handlung dieses Buches sind frei erfunden. Ihre Namen und Taten haben keine Ähnlichkeit mit denen lebender oder toter Personen, es sei denn durch Zufall.

Kapitel 1

Die Kochvorführung geriet allmählich außer Kontrolle. Als Darina den Custard-Pudding aus der Mikrowelle nahm, sah sie, dass sich auf seiner Oberfläche eine blasige Haut gebildet hatte. Noch bevor sie den Löffel durch die Masse zog, wusste sie, dass sich das Wasserbad zu sehr erhitzt hatte und der Pudding deshalb käsig geworden war.

»Das ist ein gestockter Custard«, erklärte sie ihrem Publikum mit ernster Miene und hielt die Form so, dass man die Nachspeise in dem Spiegel, der über ihr angebracht war, sehen konnte.

Ein erschrecktes Raunen ging durch die Reihen der ungefähr dreißig Frauen, die vor der Demonstrationsfläche Platz genommen hatten.

»Ich habe diesen Mikrowellenherden noch nie getraut«, schnaubte eine dickliche ältere Frau, wobei die vergoldeten Knöpfe auf ihrem Chanel-Kostüm und die zahlreichen Goldketten um ihren Hals im hellen Licht der Scheinwerfer blitzten und funkelten.

»Ich fürchte, das war mein Fehler und nicht der des Geräts.« Darina musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Was man ihr allerdings nicht ansah, denn so, wie sie dort stand, groß, in einen blütenweißen Overall gekleidet, ihr blondes Haar mit einer weißen Schleife zu einem Zopf gebunden, wirkte sie wie die Verkörperung von Effizienz und Souveränität. Nichts an ihrem makellosen Äußeren verriet, dass ihr Magen vor Aufregung Purzelbäume schlug. Sie hob ihr Kinn noch ein klein wenig höher und sagte ganz ruhig: »Ich habe den Pudding zu heiß werden lassen, das ist alles. Wahrscheinlich ist dieser Herd leistungsstärker als meiner.«

»Und Sie haben während der letzten Backphase auch noch auf die höchste Stufe geschaltet.« In der Stimme dieser Zuschauerin lag ein leicht vorwurfsvoller Ton, und nachdem sie ihren Kommentar abgegeben hatte, wandte sie sich mit einem selbstzufriedenen Lächeln an ihre Nachbarin.

Darina bezwang den Impuls, sie zu fragen, warum sie das nicht gefälligst hätte sagen können, als sie den Herd programmierte. »Zum Glück ist nicht alles verdorben«, meinte sie stattdessen, gab den Pudding in eine Schüssel und rührte ihn kräftig durch. »Sehen Sie, ist das nicht die reinste Zauberei?«

Ein paar Frauen aus dem Publikum stießen kleine Schreie des Entzückens aus, als Darina langsam die nun wieder sämig glatte, blassgelbe Masse in eine zweite Schüssel goss.

»Und was bedeuten diese kleinen schwarzen Flocken?«

Bei der Frage dieser jungen Frau entspannte sich Darina etwas, denn alles, was diese bisher wissen wollte, hatte von ehrlichem Interesse gezeugt.

»Das ist die Vanille.« Mit diesen Worten hob sie eine dünne, fast schwarze Schicht aus der Backform. »Erinnern Sie sich daran, wie sie sich abgesetzt hat, nachdem wir die Milch eingerührt und alles anschließend passiert haben? Daraus entsteht dann im Ofen diese Hülle, die dem Ganzen ein wundervolles Aroma gibt. Man kann sie zwar nicht mehr für einen Custard verwenden, aber sie eignet sich noch gut, um den Feinkristallzucker für Kuchen oder Biskuits zu aromatisieren. Sie brauchen sie nur abzuspülen und können sie dann in einer Dose aufbewahren.« Darina kam wieder in Schwung, und die Verspannung in ihrem Nacken ließ nach.

Plötzlich rief eine Frau aus dem Publikum: »Passen Sie auf, der Savarinkuchen!« Am anderen Ende der Kochinsel floss ein Hefeteig über den Rand seines Backblechs und tropfte langsam auf die Arbeitsplatte. Er sah aus wie Urschleim aus einem Science-Fiction-Roman.

»Aha«, rief Darina, griff in die Ablage unter der Platte und holte eine neue Schüssel hervor. »Ein weiterer Beweis für die Wichtigkeit einer präzisen Zeitplanung.« Dabei ermahnte sie sich innerlich: Ruhig bleiben, nur keine Panik! »Man muss den Teig in den Ofen geben, bevor er diesen Zustand erreicht. Jetzt müssen wir die Masse erst eine Weile stehenlassen, bevor wir sie wieder aufgehen lassen können.« Sie schaufelte den Teig vom Blech in die Schüssel und rührte ihn ein paarmal durch, um den Vorgang zu beschleunigen. Dann, nachdem er wieder die richtige Konsistenz hatte, wurde der Hefeteig zurück auf das Blech gegeben, das ihre Assistentin in der Zwischenzeit kurz abgespült und mit Butter eingefettet hatte. Darina stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie sah, dass die Äpfel für das Früchtekompott in der Mitte bereits in Apfelwein gekocht und die kandierten Orangenschalen ebenfalls fertig vorbereitet waren. Es hätte ihr den Rest gegeben, wenn jetzt auch noch die Apfel zerkocht wären oder wenn sie sich beim Schneiden der Orangenschalen verletzt hätte.

Sie goss die Apfelsoße ab, ließ sie zusammen mit Zucker zu einem Sirup kochen und nahm dann aus dem kleinen Kühlschrank ein Biskuitblatt, das mit geschmolzener Schokolade und Kastanieneiscreme bestrichen war: Darina hatte es in den Kühlschrank gelegt, weil das Eis zu weich war, um es einzurollen. Jetzt sank ihr Herz vor Schreck, als sie sah, dass die Schokolade in der Kälte so hart wie Zement geworden war. Es war nicht mehr daran zu denken, daraus eine Rolle zu formen. So ein idiotischer Fehler!

Warum hatte sie sich bloß zu dieser Vorführung überreden lassen? Schließlich hatte sie Eve gewarnt, dass sie in so etwas kaum Erfahrung hatte und es wahrscheinlich nicht schaffen würde.

»Natürlich schaffst du das«, hatte ihre Freundin geantwortet und dabei absolut überzeugt geklungen. »Hör mal, es geht bloß um ein paar nette Kleinigkeiten zum Dessert, nichts Kompliziertes, und die Frauen sind alles andere als anspruchsvoll. Die Hälfte von ihnen schläft nach dem Mittagessen ein, und die übrigen wollen lediglich ein paar Anregungen für ihre nächste Dinnerparty und kein Diplom in Kochkunst. Wir können es jedenfalls nicht mehr absagen. Ich bin im Fernsehstudio, und da Claire krank ist und Jo nun auch ausfällt, bist du unsere einzige Rettung.«

Darina war ziellos durch die South Audley Street in Mayfair geschlendert, als sie mit Eve Tarrant zusammenstieß, die gerade aus der Delikatessen- und Weinhandlung Hobbs & Co. trat. Eve war mit mehreren Einkaufstüten bepackt und hatte sie zunächst ärgerlich angefahren: »Passen Sie doch auf!« Darin erkannte sie ihr Gegenüber und stieß einen Schrei des Entzückens aus. »Na sowas, Darina Lisle! Wo hast du denn die ganze Zeit gesteckt? Komm, lass uns zusammen zu Mittag essen.«

Sie waren in die italienische Trattoria an der nächsten Ecke gegangen, und Darina konnte nicht umhin, Eve für ihre ungezwungene Selbstsicherheit zu bewundern, mit der sie den besten Tisch auswählte und die Kellner freundlich, aber bestimmt kommandierte.

Dabei lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und betrachtete eingehend die Freundin, die sie seit fast acht Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Eve war klein und so zierlich, dass sich Darina mit ihren fast ein Meter achtzig vorkam wie eine Riesin neben einer Elfe. Das einzig Große an Eve waren ihre strahlendblauen Augen, die wie Saphire aus ihrem schmalen Gesicht leuchteten.

Ihre Züge waren fein und leicht asymmetrisch, die Nase saß nicht ganz in der Mitte, und der Mund war etwas schief, was ihrem Gesicht eine überaus aparte Note gab. Eingerahmt wurde es von einer wilden Pracht dunkelblonder Korkenzieherlocken mit goldenen Strähnchen. Ihre Kleidung sah aus, als habe sich ein avantgardistischer und sündhaft teurer Designer eine neue Variante eines Reitanzuges einfallen lassen, den nur eine Frau ohne Hüften tragen konnte.

Eve blätterte durch die Speisekarte, überflog das Angebot und gab sie dem höflich wartenden Kellner mit ihrer Bestellung für beide zurück. Dann spielte sie nervös mit dem Besteck, ordnete Messer und Gabel neu, drehte den Porzellanteller um und studierte den Stempel des Herstellers auf der Rückseite. Als sie damit fertig war, hob sie den Kopf und sah Darina in die Augen. »Ich habe dich seit unseren gemeinsamen Kochkursen nicht mehr gesehen. Du bist doch damals weggegangen, um dich aufs Land zurückzuziehen. Bist du da immer noch?«

»Nein, die letzten Jahre war ich in London. Ich habe einen Catering-Service betrieben, das Geschäft aber vor kurzem an eine Freundin verkauft.«

Darina verspürte keine große Lust, näher auf dieses Thema einzugehen, schließlich ließ sich die Geschichte von dem wertvollen Haus in Chelsea, das ihr ermordeter Cousin ihr vererbt hatte, nicht so nebenher erzählen. »Aber ich habe ein paarmal von dir in der Zeitung gelesen. Gehört dir nicht dieser todschicke Catering-Service, der für die elegantesten und teuersten Cocktailpartys und Festessen verantwortlich ist?«

Eve lachte. »Naja, du weißt doch, dass man viel verlangen muss, damit die Leute glauben, es sei ihr Geld wert. Aber wir bieten jetzt auch noch etwas Neues an, nämlich Schnellkochkurse. Und das läuft wirklich gut, die Interessenten stehen förmlich Schlange bei uns. Natürlich betreiben wir nach wie vor den Catering-Service, das bringt uns schließlich den größten Teil unseres Umsatzes. Jo Parkins kümmert sich hauptsächlich darum, während Claire Montague und ich die Kurse leiten und uns um eine stärkere Präsenz in den Medien bemühen. Allerdings ist das im Moment ziemlich schwierig.« Eve hielt einen Moment lang inne und sah ihre Freundin an. Dann fragte sie: »Hast du nicht gesagt, du hättest dein Geschäft verkauft? Und was machst du jetzt?«

»Ach, ich warte erst mal ab und sehe mich ein bisschen um.« Darina blieb absichtlich vage. »Aber wie kommt’s, dass du heute Mittag Zeit hast? Ich meine, ist da nicht auch ein Kochkurs?«

»Nein, sie finden nicht jeden Tag statt. Unser letzter hat gestern aufgehört, und der nächste beginnt erst am Montag. Ein Fotograf benutzt heute unsere Vorführküche als Kulisse, und ausnahmsweise haben wir am Abend auch keine Veranstaltung. Claire bereitet alles für morgen vor, und ich bin kurz weggegangen, um noch ein paar spezielle Zutaten einzukaufen.«

Nachdem der Kellner das Essen gebracht hatte, meinte Eve beiläufig: »Und du hast also nichts Besonderes vor im Moment. Sag’ mal, könntest du da nicht für ein paar Tage bei uns aushelfen?«

»Kochkurse leiten?« Darina erschrak. »Die einzige Kochvorführung, zu der ich mich bisher habe überreden lassen, war für eine Wohltätigkeitsveranstaltung unserer Gemeinde.« Sie verschwieg, dass sie sich dabei entsetzlich gefühlt hatte. Das Kochen war ihr Leben, sie bereitete mit Leichtigkeit ein Abendessen für zwölf, ein Büffet für fünfzig und Cocktails für hundert Personen zu, aber sie zu bitten, die Zubereitung einiger einfacher Gerichte vor einem Publikum zu demonstrieren, war, als würde man von ihr verlangen, den Sterbenden Schwan in der Oper von Covent Garden zu tanzen.

»Nein, nicht die Vorführungen«, beruhigte sie Eve, während sie mit ihrer Gabel die Spaghetti auf dem Teller hin und her schob. »Ich dachte an den Catering-Service. Jo hat heute Morgen angerufen. Ihr Vater liegt im Sterben, und sie muss deshalb zu ihrer Familie nach Leeds fahren. Morgen steht auf dem Programm ein Brunch für zweihundert, eine kleine Dinnerparty, ein Picknick, das wir für die Pilzwanderung am Samstag vorbereiten müssen, und nicht zu vergessen Lady Waldens Cocktailparty morgen Abend. Am Sonntag geben wir selbst ein Festessen für vierzig geladene Gäste, es ist der erste Geburtstag des Wooden Spoon, so nennen wir unsere Kurse, und am Montag … Aber ich brauche wohl nichtweiterzureden, du kannst dir sicher vorstellen, dass wir unbedingt eine zuverlässige Hilfskraft brauchen, bis Jo wieder zurück ist. Es handelt sich wirklich nur um ein paar Tage, und es gibt niemanden, den ich lieber bei uns hätte als dich.« Sie sah ihr Gegenüber flehend an.

Darina dachte eine Weile nach. Sie hatte das Haus in Chelsea zum Verkauf angeboten, und es hatten sich mehrere Interessenten gemeldet. Außerdem hatte sie geplant, zwei Landhäuser zu besichtigen, die ebenfalls zum Verkauf standen, um zu sehen, ob sie sich möglicherweise zu einem kleinen Hotel umbauen ließen. Aber es sprach nichts dagegen, den Interessenten ihr Haus vom Immobilienmakler vorführen zu lassen, und ihre Reise aufs Land konnte sie ebenso für ein paar Tage verschieben. Eve hatte geklungen, als ob sie wirklich Hilfe brauchte, und Darina hatte auf der Kochschule immer gern mit ihr zusammengearbeitet. Warum zögerte sie also jetzt? Ihr wurde bewusst, dass sie ein wenig mehr Zeit für sich selbst haben und ihre neugewonnene Unabhängigkeit genießen wollte. Sie hatte sich gerade den Luxus eines außergewöhnlich teuren Friseurbesuchs gegönnt. Und sie hatte sich auf einen langen Einkaufsbummel gefreut, mit der Aussicht auf einige weitere erholsame Tage, bis der Alltag sie wieder einholen würde. Aber für Egoismus war jetzt keine Zeit, denn Eve war in Schwierigkeiten – und schließlich ging es nicht darum, vor Publikum zu arbeiten.

Und nun war genau das eingetreten, was sie am meisten gefürchtet hatte: Sie stand vor einer Gruppe von dreißig überkritischen Frauen der gehobenen Mittelklasse – und alles ging schief. Es war ja nicht Claires Schuld, dass sie plötzlich an einer Magen-Darm-Grippe erkrankte, aber sie hätte sich auch kaum eine schlechtere Zeit dafür aussuchen können. Und nun dieses kulinarische Desaster. Was sollte sie bloß tun?

Darina holte tief Luft und legte den mit Schokolade und Eiscreme beschichteten Teig auf die Arbeitsfläche unter dem Spiegel. »Und jetzt habe ich eine kleine Überraschung für Sie«, teilte sie ihren Zuhörerinnen mit. »Wir werden diesen Nachtisch anders zubereiten, als es in Ihren Rezepten steht.«

Darina nahm ein großes Messer und begann, den Kuchen in gleichgroße, rechteckige Scheiben zu zerteilen, die sie anschließend übereinanderschichtete. Dann zerschnitt sie diesen Block in drei schmale Streifen und presste sie wieder aneinander, wobei sie den mittleren Streifen umdrehte.

»Sehen Sie sich bitte dieses Schachbrettmuster an«, sagte sie, indem sie das Endstück von dem Kuchen abschnitt. »Wir geben den Rest wieder zurück in den Kühlschrank, während ich diese Scheibe hier herumgehen lasse.« Sie wickelte den Kuchen in Alufolie, und ihre Assistentin stellte ihn in das Kühlfach.

Darina stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie hörte, wie eine Welle anerkennender Kommentare durch die Reihen der Zuschauerinnen ging. Durch diesen Erfolg ermutigt, zeigte sie den Frauen noch, wie man einen gefrorenen Savarinkuchen auftaute, ihn in warmem Sirup einweichte, die pochierten Apfel zusammen mit Orangenscheiben in die Mitte gab und schließlich das Ganze mit kandierten Orangenschalen dekorierte. Dann hatte sie es fast geschafft. Jetzt musste nur noch die Eisbombe zusammengestellt werden.

Die Eismaschine hinter ihr kam zum Stillstand. Darina drehte sich um, um eine Form und die Schüssel mit Schokoraspeln zu holen, deren winzige Kringel sie zuvor so sorgfältig mit einem Kartoffelschäler aus einem Block Schokolade gehobelt hatte. Sie geriet erneut in Panik, als sie bemerkte, dass sie die Schüssel zu nah am Herd hatte stehenlassen und die Schokoraspel schon fast zerschmolzen waren. Es war sicher das Beste, wenn sie diesen Fehler ehrlich zugab.

»Das ist nicht mein Tag heute«, wandte sie sich wieder an ihr Publikum, während sie die kleine Schüssel in die Mikrowelle gab und sie auf die niedrigste Stufe stellte. »Ich hätte die Schokoraspel im Kühlschrank aufbewahren sollen.« Dann bestrich sie das Innere der Form mit etwas Eiscreme, teilte den Rest in zwei Teile, gab die geschmolzene Schokolade dazwischen und zog schwungvoll eine Gabel durch die Masse. »Wenn wir die Torte jetzt aufschneiden, haben wir ein Marmormuster in der Mitte, statt der etwas spektakuläreren Variante, bei der beim Anschneiden die Schokoraspel hervorquellen.«

»Und Sie haben damit zwei Dessertideen in einem«, kommentierte Eve Tarrant, während sie auf die Demonstrationsfläche zuging.

»Ein perfektes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, nicht in Panik zu geraten«, fuhr sie fort, während sie sich dem Publikum zuwandte. »Wenn etwas schiefgeht, gibt es fast immer eine Möglichkeit, die Situation zu retten. Allerdings nur, wenn Sie nicht in Panik geraten. Denn falls es wirklich keine Alternativen gibt, hilft Ihnen Panik auch nicht weiter.« Sie lächelte aufmunternd.

»Und jetzt möchte ich Ihnen noch zeigen, was wir heute im Fernsehen präsentiert haben.« Sie setzte die große Platte, die sie getragen hatte, nieder, und als sie das Tuch abhob, kam darunter eine bunte Auswahl belegter Sandwiches zum Vorschein. Die Frauen erhoben sich von ihren Stühlen und kamen nach vorne, um die Köstlichkeiten in Augenschein zu nehmen. Da waren Garnelen auf grünen Salatblättern aufgereiht und mit zwei Ringen aus Zitronenschale garniert – eine Kreation, die man ›Rush Hour‹ nennt, wie Eve erläuterte –, hauchdünne Scheiben aus zartrosa Roastbeef, die wellenförmig auf einer Lage Kartoffelsalat mit Schnittlauch verteilt waren und in einen Fächer aus aufgeschnittenen Gewürzgurken mündeten, Törtchen aus geräuchertem Lachs, gefüllt mit Kräuterrahmkäse und mit Dill bestreut, sowie ein kunstvolles Arrangement aus Hühnerbrust und gekochtem Ei auf Lollo Rosso, dessen bronzefarbene Blattränder den perfekten Hintergrund für das helle Fleisch abgaben.

»Sie werden nicht glauben, wie schwierig es für mich war, das hier für Sie aufzuheben. Die Fernsehleute wollten nämlich sofort alles aufessen. Morgen Vormittag werden wir lernen, wie man solche garnierten Sandwiches zubereitet, und nachmittags befassen wir uns dann mit Cocktailpartys. Abschließend möchte ich Sie noch darauf hinweisen, dass sie alle Küchenmesser, Kasserollen und sonstigen Kochutensilien, die Darina während ihrer Vorführung benutzt hat, in unserem Verkaufsraum erwerben können.« Nach diesen Worten verließen die Frauen fröhlich plaudernd den Vorführraum.

Nachdem Eve sich vergewissert hatte, dass auch die letzte der Zuschauerinnen gegangen war, ließ sie sich auf einen Stuhl fallen. »Gut gemacht, Darina. Ich merke schon, du hast den Bogen in Nullkommanichts heraus.« Ihr Blick fiel auf den Schachbrettkuchen. »Eine neue Erfindung, wie ich sehe.«

Darina berichtete kurz, was passiert war, und fragte dann, wie es im Fernsehen gelaufen sei.

»Gar nicht so schlecht.« Eve konnte ein wenig Selbstzufriedenheit nicht verbergen. »Es war allerdings auch nicht sehr schwierig. Gute Sandwiches sind eine Frage der Zusammenstellung, und ich habe sie mit Absicht ganz einfach belassen, damit es keine Probleme geben konnte.« Darina warf einen Blick auf die Platte mit Eves raffinierten Kreationen. Wenn das einfach war, was würde Eve dann kompliziert nennen? Aber die Arbeit schien sie tatsächlich nicht im mindesten erschöpft zu haben. Sie trug eine smaragdgrüne Taftbluse mit hohem Kragen und weiten Ärmeln zu einem grün und blau karierten Rock, in dem ihre Wespentaille hervorragend zur Geltung kam und sie ungemein schick aussah.

»Der Produzent hat was von ein paar Ideen für weitere Sendungen gemurmelt, deshalb glaube ich, dass wir da jetzt sozusagen einen Fuß in der Tür haben.«

»Wie ist es dir überhaupt gelungen, die erste Sendung zu bekommen?«, fragte Darina neugierig.

»Ich wusste, dass der Produzent auf einer Party sein würde, die wir ausrichten sollten, und habe mich auf die Gästeliste setzen lassen. Dann habe ich ihn einfach angesprochen und ihm von meinen Ideen für eine Kochsendung erzählt. Er hat mich sofort zu einer Vorführung eingeladen.« Eve stand auf und streckte sich. »Jetzt muss ich noch Claire anrufen, um zu fragen, wie es ihr geht. Du hast auch nichts von ihr gehört, nehme ich an? Na ja, wahrscheinlich hat sie sich irgendwo einen Virus eingefangen; es dauert eine Weile, bis das ausgestanden ist. Ich bin gleich wieder zurück und helfe dir bei den Vorbereitungen für die Dinnerparty heute Abend. Du weißt noch, was sie bestellt haben?«

»Einzelne Soufflés aus Spinat mit Sardellenwürze, Fasan an Brombeercoulis, Pistazienpüree, Vichy-Karotten, Kartoffeln mit Wellenschliff, Kiwis in glasierter Sauce Sabayon und Savarinkuchen mit Apfeldekoration.« An dieser Stelle wies Darina zu dem Backblech mit dem nun beinahe vollständig aufgegangenen Teig. »Das war auch eine der Katastrophen heute Nachmittag. Ich hoffe nur, dass es Claire bis morgen besser geht, denn diese Vorführungen sind wirklich nicht meine Stärke.«

»Du brauchst nur ein bisschen Übung, Darina. Und solche kleinen Probleme gibt es doch immer mal wieder. Was zählt, ist, dass du offensichtlich imstande bist, mit ihnen fertig zu werden. Und jetzt deck diese Platte bitte wieder zu und bring sie nach unten. Das wird wohl reichen für unser Mittagessen.« Mit diesen Worten spazierte sie aus der Vorführküche.

Darina sah sich um. Das schmutzige Kochgeschirr war bereits in der Spülmaschine gesäubert und wieder eingeräumt worden. An jedem Ende der Demonstrationsfläche befanden sich vier in die Wand eingelassene Öfen. Dazwischen erstreckte sich eine große Arbeitsfläche mit einer Herdplatte. Die Regalbretter darunter waren mit Geschirr, Pfannen und anderem Kochgerät gefüllt. Vier große und zwei kleine Spülbecken sowie vier Kühlschränke vervollständigten die Einrichtung. In der Mitte des Vorführraumes konnten zwei große Koch- und Arbeitsplatten für Kochkurse installiert werden, die mehreren Stuhlreihen weichen mussten, wenn, wie heute, Kochvorführungen auf dem Programm standen.

An den Wänden hingen Plakate mit den Abbildungen von Kräutern, Pilzen, Weinanbaugegenden in Frankreich und Italien, einige gemalte Stillleben mit Früchten sowie Sträuße aus getrockneten Kräutern und Knoblauch- und Zwiebelzöpfe. In einer Ecke stand ein Gitter aus hellrotem Metall, in dem Löffel, Scheren, Spachtel, kleine Siebe, Schöpfkellen und andere Küchenutensilien aufbewahrt wurden. Es war nicht nur eine funktionelle, sondern auch eine ausgesprochen attraktive Einrichtung, um in die Kochkunst eingeführt zu werden.

Darina nahm das Blech mit dem Savarinteig, balancierte es zusammen mit der Platte, auf der die Sandwiches lagen, die Treppe hinunter, ging an dem kleinen Verkaufsraum vorbei, wo die Frauen gerade Küchenmesser ausprobierten und Eismaschinen kauften, und betrat die Catering-Küche. Es wurde langsam Zeit, die Schrecken der Kochvorführung zu vergessen und mit den Vorbereitungen für die heutige Abendgesellschaft zu beginnen.

Kapitel 2

Eve schloss die Tür zu ihrem Büro und ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl sinken. Sie überflog den Stoß von Rechnungen und Briefen, der auf ihrem Schreibtisch lag, und warf dann alles mit einer ungeduldigen Geste in einen bereits überquellenden Ablagekorb. Dann drehte sie sich schwungvoll auf ihrem Stuhl herum. Durch die weißen Jalousien vor dem Fenster konnte sie die Rückseiten der eleganten Stadthäuser sehen, die einen kleinen Hof begrenzten.

Ein fahles Sonnenlicht fiel in den Hof. Die Häuser auf der gegenüberliegenden Hofseite traten in den Hintergrund, als ihr Blick an der langen Reihe Mülltonnen entlangwanderte und an dem Anbau haften blieb, in dem die Catering-Küche lag. Eve dachte mit Befriedigung an die gleichermaßen professionelle und attraktive Einrichtung, an die Öfen, Herde und Spülen aus Edelstahl, an die großzügige Arbeitsfläche und die blendend weiß getünchten Wände. Gleich würde sie wieder hinübergehen und Daisy Delameres Dinnerparty vorbereiten, ein Essen, das mit Sicherheit zum bereits nicht unbeträchtlichen Ruf des Wooden Spoon beitragen würde.

Eve überlegte, wie sie diesen Abend am sinnvollsten organisierte. Sollte sie das Essen servieren und Darina bitten, den Speisen in der Küche den letzten Schliff zu geben, oder sollte sie besser selbst in der Küche bleiben, um sicherzugehen, dass jeder einzelne Menügang so präsentiert wurde, wie sie es wollte?

Sie sah auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass es Zeit war, sich umzuziehen. Aber zunächst musste sie Claire anrufen.

Das Telefon läutete mehrere Male, bevor sich eine schwache Stimme meldete: »Eve, wie nett von dir, dass du anrufst. Ja, es geht mir schon etwas besser. Aber es war wirklich furchtbar. Ich hätte nie gedacht, dass eine simple Magen-Darm-Grippe einen so fertigmacht.«

Eve wickelte sich eine Locke um den Finger. »Eine Freundin von mir hatte vor einigen Wochen das gleiche. Ihr ging es genauso furchtbar wie Dir jetzt – aber sie ist jetzt wieder völlig in Ordnung.«

»Du weißt nicht zufällig, ob noch einer der anderen Gäste am Sonntag krank geworden ist?« Claires Stimme klang zögernd.

Eve runzelte die Stirn und antwortete: »Nein, Monica hat angerufen, um zu sagen, wie sehr es Ralph und ihr gefallen hat – kein Wort davon, dass einem von ihnen das Essen nicht bekommen wäre. Kenneth war heute Vormittag hier, um seine Vorbereitungen für den Fototermin am Donnerstag zu treffen, und hat völlig gesund ausgesehen. Von Elizabeth und den anderen habe ich noch nichts gehört, aber auch Joshua und ich fühlen uns pudelwohl.« Sie hielt einen Moment lang inne und fragte dann entsetzt: »Du glaubst doch nicht etwa, du hast eine Lebensmittelvergiftung, oder?«

»Ich habe mich nur gefragt, ob mit den Pilzen alles in Ordnung war.« Claire äußerte diese Vermutung so vorsichtig, dass ihre Worte kaum hörbar waren.

Eve runzelte erneut die Stirn. »Du meinst, du hättest vielleicht einen giftigen erwischt? Das glaube ich nicht.«

»Na ja, da war schließlich dieser eine, vor dem uns Ralph so besonders gewarnt hat.«

»Aber den hat er doch sofort beseitigt, und außerdem alle anderen, bei denen er auch nur den geringsten Zweifel hatte. Nein«, fuhr sie bestimmt fort, »Ralph Cox ist ein absolut zuverlässiger Pilzkenner. Ich bin ganz sicher, es ist nur eine Magengrippe. Du musst dich warmhalten, reichlich Wasser trinken und erst wieder zur Arbeit kommen, wenn es dir wirklich bessergeht. Darina kommt schon zurecht.«

»Wie macht sie sich denn?«

Eve kicherte. »Erstaunlich gut. Während ihrer Kochvorführung ist zwar so ziemlich alles schiefgelaufen, was nur schieflaufen kann – es war beinahe klassisch –, aber sie war absolut souverän und hat sich sozusagen mit einer neuen Nachtischkreation gerettet. Jetzt muss ich aber Schluss machen, Claire, heute Abend ist Daisys Dinnerparty.«

Sie legte das schnurlose Telefon auf die Ladestation zurück, blieb noch einen Moment lang stillsitzen, sprang dann plötzlich voller Energie auf und öffnete eine Tür in der Ecke des Raumes, hinter der eine kleine Duschkabine zum Vorschein kam. Während sie die Kleider ablegte, drehten sich ihre Gedanken um die Pilzwanderung am letzten Samstag.

Es war ein fantastisch schöner, sonniger Herbsttag gewesen und so warm, dass sie ihre Leinenhose und ein Leinenoberteil in einem warmen Goldton tragen konnte, von dem sie wusste, dass er wunderbar zu ihren Haaren passte. Joshua hatte sie auf eine Art und Weise angesehen, die sie an die Zeit erinnerte, als sie frisch verliebt waren. Ein Schauer lief über ihren Rücken, und der kam keineswegs von dem eiskalten Wasser, das auf sie niederprasselte.

Ralph hatte die Gruppe tief in einen Wald in Sussex geführt und sie dabei auf ungenießbare, schwammförmige Pilze aufmerksam gemacht, die an Baumstämmen wuchsen, und auf den grässlichen Tintenpilz mit seinem spitzen Hut, den nur ein Idiot für essbar halten konnte, wie Eve gedacht hatte, der aber anscheinend ganz harmlos war, jedenfalls, solange es sich um ein junges Exemplar handelte.

Ralph liebte es, die Führung zu übernehmen, die Regeln zu bestimmen und die Leute mit seinem Wissen zu beeindrucken. Er war ein unglaublicher Macho; seine Instinkte waren jederzeit unter der dünnen Decke aus Kultiviertheit spürbar. Als sie ihre Pilzwanderung zum Mittagessen unterbrachen, hatte sie einen Blick von ihm aufgefangen, der ihr Blut in Wallung brachte. Hatte Joshua es bemerkt?

Nein, er war vollauf damit beschäftigt, Claire beim Auspacken der Picknickkörbe zu helfen und die verschiedenen Salate anzurichten, die Darina zubereitet hatte. Er hatte lautstark seine Bewunderung geäußert, und das zu Recht, denn Darina war wirklich eine außerordentlich gute Köchin geworden. Eve hatte ihr nur gesagt, wie viele Personen teilnehmen würden und welche Zutaten eingekauft worden waren, und im Handumdrehen hatte sie die Salate gezaubert. Das Arrangement war nicht so spektakulär wie eines der ihren, aber es sah sehr hübsch aus und schmeckte vorzüglich. Schade, dass sie Darina nicht früher getroffen hatte. Sie wäre die ideale Partnerin. Ausgesprochen einfallsreich – vielleicht sogar zu einfallsreich? Einer von Claires großen Vorzügen war, dass sie nie versucht hatte, die erste Geige zu spielen.

Eve rieb sich kräftig mit einem Badehandtuch ab, bis sich ihre Haut rötete. Wann hatte Ralph noch einmal diesen giftigen Pilz gefunden? War es nach dem Mittagessen? Nein, vorher. Der Pilz hatte so harmlos ausgesehen, aber Ralph hatte ein furchtbares Getue gemacht und darauf bestanden, sich gründlich die Hände zu waschen, nachdem er ihn weggeworfen hatte. Er hatte sogar eine kleine Flasche mit Seifenwasser aus einer geräumigen Tasche in seiner Lederjacke gezogen. Er hatte erklärt, dass der Verzehr sogar dieses kleinen Exemplars absolut tödlich sei, und sie bekam noch jetzt, beim Gedanken an seine Worte, eine Gänsehaut … Sich vorzustellen, dass dieses kleine Ding ein Leben auslöschen könnte!

Aber der Pilz war zerstört worden, und damit war es absolut unmöglich, dass er zusammen mit den anderen Pilzen, die bei ihrer Feier zum einjährigen Bestehen des Wooden Spoon als Vorspeise gereicht wurden, gegessen worden war.

Und was für ein erfolgreiches Festessen war das gewesen. Eve schob den Gedanken an giftige Pilze beiseite und dachte zufrieden an den Beifall, den sie dafür bekommen hatte. Dann schlüpfte sie in eine blauweiß gestreifte Kochhose, knöpfte die kurze weiße Husarenjacke zu, kämmte sich die wilden Locken aus dem Gesicht und bedeckte sie mit einem weißen Kopftuch. Dann warf sie das feuchte Badetuch in den Wäschekorb, prüfte, ob der Schreibtisch aufgeräumt war, und ging in die Küche.

Spät am Abend brachte Darina die letzte der dreißig Servierplatten aus Lady Delameres elegantem Speisesalon in die Küche. Eve stellte eine altmodische Geschirrspülmaschine an und meinte: »Ich fürchte, den Rest müssen wir mit der Hand spülen, es dauert sonst zu lange.« Sie nahm sich einen Apfelschnitz von der Platte mit den Resten des Savarinkuchens, steckte ihn in den Mund und lächelte glückselig. »Himmlisch, meine Liebe, einfach himmlisch.«

Während Darina die schmutzigen Teller neben dem Spülbecken stapelte, sagte sie: »Die Leute waren ganz begeistert von dem Essen.«

»Oh, das ist Musik in meinen Ohren. Was haben sie gesagt? Erzähl schon!« Eve ließ heißes Wasser in das Becken laufen, gab reichlich Spülmittel dazu und begann, das Geschirr abzuwaschen.

Darina lächelte. Eve war wie ein kleines Kind, das genau wusste, dass es seine Sache sehr gut gemacht hatte und trotzdem das Lob der Erwachsenen als Bestätigung brauchte. Also wiederholte sie die Kommentare, die sie gehört hatte, während sie sorgfältig das Silberbesteck abtrocknete. »Und dann hat noch jemand gesagt, er habe Hemmungen, etwas zu essen, weil sein Teller ein wahres Kunstwerk sei«, beendete sie ihren Bericht. »Er hat recht, es ist einmalig, wie du die Speisen komponierst.«

»Es macht mir einfach Spaß«, antwortete Eve schlicht. »Wenn ich ein Essen anrichte, ist das wie eine Meditation für mich. Ich werde absolut ruhig und entspannt dabei, und es ist, als ob das Leben plötzlich perfekt wäre.«

»Und – probierst Du Deine Köstlichkeiten auch?«, fragte Darina neugierig, wobei sie an ihren ständigen Kampf mit den Pfunden dachte und Eve anschaute, die so aussah, als wisse sie gar nicht, was eine richtige Mahlzeit bedeutete.

»Naja, natürlich liebe ich gutes Essen, aber für mich ist der Geschmack eins mit der Optik. Es muss fantastisch aussehen, dann schmeckt es auch fantastisch.«

»Ich glaube, ich werde noch viel von dir lernen.«

»Aber Darina, du bist eine wunderbare Köchin.« Eve klang aufrichtig, und Darina merkte, dass sie sich geschmeichelt fühlte. »Das Essen, das du für das Picknick am Samstag zubereitet hast, war großartig.«

Und du hast kaum etwas davon gegessen, dachte Darina und erinnerte sich, wie Eve herumgestochert und jeden Bissen mit einem Schrei des Entzückens bedacht hatte, was etwas übertrieben wirkte in Anbetracht der winzigen Mengen, die sie tatsächlich zu sich genommen hatte. Aber vielleicht war das eben die Art, wie sie sich ernährte, hier ein wenig, da ein wenig.

»Ich wünschte nur, du hättest an unserem Festessen am Sonntag teilnehmen können, das war wirklich etwas Besonderes. Allein die Pilze waren absolut göttlich.«

Darina musste wieder lächeln. Die Begeisterung ihrer Freundin war einfach entwaffnend, obwohl man sich kaum vorstellen konnte, wie es diese zerbrechliche Gestalt fertigbrachte, ein viergängiges Mittagsmenü für vierzig Personen zu kochen und dabei noch die Gastgeberin zu spielen. Allerdings war Claire ja noch da gewesen, um zu helfen.

»Mit wem hattest du dieses Rendezvous, weswegen du nicht kommen konntest?«, fragte Eve jetzt mit leicht anzüglichem Unterton, und Darina spürte, wie sie errötete.

»Es war nur eine Verabredung mit einem Freund, aber ich konnte ihm unmöglich absagen, denn wir hatten dieses Treffen schon seit Urzeiten geplant.«

»Mir kannst du nichts vormachen, es war doch sicher jemand ganz Spezielles.«

Darina protestierte zwar, aber Eve lächelte nur wissend, während sie frisches Spülwasser in das Becken laufen ließ.

War William Pigram etwa jemand Spezielles, fragte sich Darina, während sie sorgfältig eine Gabel abtrocknete. Sie musste zugeben, dass er Charme hatte. Er war größer als die meisten Männer, die sie kannte, und überragte sie sogar, wenn sie Schuhe mit hohen Absätzen trug. Außerdem hatte er einen scharfen Verstand und war auf erfrischende Weise humorvoll. Aber er war Polizist, ein Kriminalbeamter, der sie einmal beinahe wegen Mordes verhaftet hätte, und wenn sich dieser schreckliche Verdacht schließlich als falsch herausgestellt hatte, dann hatte sie das nicht ihm zu verdanken.

Als er sie angerufen und zum Mittagessen eingeladen hatte, war es ihr erster Impuls gewesen, abzulehnen. Dann hatte er ihr erklärt, dass er für ein paar Urlaubstage aus Somerset nach London komme, und wenn ihr Sonntagmittag nicht passe, dann könnten sie sich doch zu einem Abendessen in der folgenden Woche verabreden. Daraufhin war ihr das Mittagessen am Sonntag als die weniger verfängliche Alternative erschienen, und sie hatte zugesagt. Als sie dann Eve getroffen hatte und zu dem Festessen eingeladen wurde, hätte sie eine perfekte Ausrede gehabt, um William anzurufen und das Treffen abzusagen. Aber sie hatte es nicht getan.

Stattdessen hatte sie ihn am Sonntag in ihrer Wohnung mit dem Gefühl erwartet, dass sie das Ganze nur schnell hinter sich bringen wollte. Und auch als sie ihm die Tür öffnete, tat sie es eher widerstrebend. Als er sie jedoch mit so offensichtlicher Wiedersehensfreude anstrahlte, hatte sie plötzlich gemerkt, wie sich ihre Stimmung hob.

Sie hatte ihn auf einen Drink hereingebeten. Er nahm ein Glas Weißwein und sah sich interessiert in ihrem Wohnzimmer um.

»Das ist also ihr Chelsea-Domizil. Sehr schön. Das hier gefällt mir besonders«, mit diesen Worten legte er eine Hand auf eine der Säulen, auf denen eine Bogenkonstruktion ruhte, die den Raum in zwei Hälften teilte. Dann ging er weiter herum, betrachtete sich die Bilder an den Wänden, nahm eine oder zwei der vielen kleinen Kostbarkeiten in die Hand, die auf den antiken Möbeln verteilt waren, und blieb dann vor den Glastüren stehen, die in den Garten mit einem steinernen Pfad, einigen Blumenbeeten und zwei antiken Statuen führten.

Ein wenig scheu beobachtete sie ihn, während er durch den Raum ging und die Einrichtung studierte, von der sie noch immer nicht ganz glauben konnte, dass sie tatsächlich ihr gehörte. Er bewegte sich absolut frei und sicher und wirkte dabei keineswegs aufdringlich, sondern so, als würde er sich problemlos in diese Umgebung einfügen. Offensichtlich hatte er die erstaunliche Gabe, die Atmosphäre des Hauses in sich aufzunehmen und gleichzeitig widerzuspiegeln.

»Es ist ein besonders schöner Raum, und er passt zu Ihnen. Ich sehe Sie vor mir, wie Sie hier sitzen und ein Buch lesen oder fernsehen.«

»Das stimmt. Ich wohne wirklich gern hier, aber ich fürchte, nicht mehr lange. Ich verkaufe das Haus.«

»Tatsächlich?« Es klang schockiert.

»Ich kann es mir einfach nicht leisten. Haben Sie eine Ahnung, wie hoch die Betriebskosten für so ein Haus sind? Und außerdem war es doch schließlich Ihr Vorschlag, dass ich mit dem Verkauf mein ›Traumhotel‹ finanzieren sollte.«

Er lächelte verschmitzt und sah dabei aus wie ein frecher Schuljunge. »Aha, also alles meine Schuld, ja? Na gut, dann lassen Sie uns jetzt gehen. Ich habe einen Tisch im Connaught reserviert. Sie wollten mir ja nicht sagen, wo man sonntags am besten zu Mittag essen kann, deshalb habe ich meinen Onkel um Rat gebeten.«

Voller Vorfreude – Darina hatte selten die Gelegenheit, Michel Bourdins Kochkünste zu genießen – holte sie ihren Mantel und ließ ihn ein Taxi herbeiwinken.

Es war ein sonniger Tag, beinahe so warm wie der vorangegangene, und während der Fahrt erzählte sie William von der Pilzwanderung. »Ich habe nie gewusst, wie viele Sorten essbarer Pilze in Sussex wachsen. Sie hätten sehen sollen, welche Mengen die Leute gesammelt haben, und das schon vor dem Mittagessen. Ich glaube, hinterher ist es sogar noch viel mehr geworden.«

»Sie haben sich nicht an der Suche beteiligt?« Inzwischen hatten sie das Restaurant betreten, und William hatte sie an ihren Tisch geführt und ihr einen Platz angeboten, von dem aus sie den holzgetäfelten Raum bestens überblicken konnte.

»Nein, ich habe nur die Speisen für das Picknick hingefahren und später die Reste und das Geschirr wieder mitgenommen. So mussten die Gäste am Ende der Wanderung nicht zurücklaufen, und Eve und Claire haben bei ihrer Rückkehr eine saubere Küche vorgefunden.«

»Was ist aus all den Pilzen geworden?«

»Eve hat sie für die Vorspeise des Essens benutzt, das sie heute gibt.« Darina erzählte ihm kurz von dem einjährigen Jubiläum.

William sah sie amüsiert an. »Sie waren doch sicher ebenfalls eingeladen. Ich fühle mich geschmeichelt.« Sie lachte, und er fuhr etwas wehmütig fort: »Naja, ich kann mir denken, dass sie gedacht haben, wenn Sie heute absagen, würde ich Sie mit meiner Einladung zum Abendessen nerven. Nein, sagen Sie nichts, es tut mir leid, dass Sie diesen Eindruck hatten. Aber jetzt erklären Sie mir lieber, wie Sie beim Wooden Spoon gelandet sind. Ich dachte, Sie hätten Ihren eigenen Catering-Service?«

Darina erzählte, wie sie das Unternehmen an ihre Mitarbeiterin übergeben hatte, um sich den Traum von einem eigenen Hotel zu erfüllen, von ihrem zufälligen Zusammentreffen mit Eve, sprach kurz über deren Firma und beschrieb einige der Speisen, bei deren Zubereitung sie am Freitag geholfen hatte.

William zog eine Grimasse. »Das klingt wie die Art von Essen, die ich nicht ausstehen kann. Ein Maximum an Form mit einem Minimum an Substanz. Während dieses hier nicht nur toll aussieht, sondern auch noch ein richtiges Essen ist.« Damit hob er die Gabel mit einem Bissen der Spezialität des Hauses, Beef Wellington, zum Mund und kaute es genüsslich.

»Ja, ich habe Sie bereits als den Rindsbraten-Typ klassifiziert.«

»Und was soll das heißen?«

»Dass Sie etwas kultivierter sind als der Steak-Typ.«

»Aber genauso ein Macho wie der, stimmt’s? Nur keine Ausflüchte, das ist doch das, was Sie von mir denken. Aber das Spiel gefällt mir. Mal sehn, wie ich Sie klassifizieren würde.«

Darina wartete geduldig, während seine grauen Augen sie forschend betrachteten.

»Ich hab’s: Creme brûlée. Man muss sich zuerst durch die verbrannte Kruste beißen, aber dann wird man durch die köstliche Creme darunter reichlich belohnt.«

»Ich gehe mal davon aus, dass das als Kompliment gemeint war.«

»Es ist eine meiner Lieblingsnachspeisen«, sagte er und erhob sein Weinglas. »Und wie ist es mit Ihrer Freundin Eve – mit welcher Speise würden Sie sie vergleichen? Nach allem, was Sie mir über sie erzählt haben, sehe ich sie als eine von diesen komplizierten Vorspeisen mit einem langen französischen Namen, die ungemein schick aussehen und nach nichts schmecken.«

»Offensichtlich habe ich da einen falschen Eindruck von ihr vermittelt. Ihre Art der Kochkunst ist einfach nicht mein Stil, aber ich lerne eine Menge von ihr. Durch Eve wird mir bewusst, wie wenig Fantasie ich beim Kochen habe. Sie wäre niemals damit zufrieden, ein Kotelett lediglich als Kotelett zuzubereiten. Es muss mindestens gefüllt oder in Teig gewickelt oder in einer speziellen Soße gekocht sein. Daneben sieht meine Art, die Speisen auszurichten, wie das Mittagessen in einem Kindergarten aus.«

»Ich erinnere mich daran, dass Sie ganz fabelhaft kochen.«

Darina dachte an die historischen Rezepte, die sie während des traumatischen Wochenendes zubereitet hatte, an dem sie William zum ersten Mal begegnet war. William hatte offensichtlich den gleichen Gedanken, denn er fuhr fort: »Aah, das war ein Essen nach meinem Geschmack. Und ich glaube, das kommt auch wieder in Mode. Die Franzosen nennen es ›cuisine gran mère‹, dabei schmeckt es ganz und gar nicht so wie ›bei Muttern‹ «.

Meine Mutter ist nämlich eine grauenhafte Köchin. Glücklicherweise macht sie sich meistens nicht einmal die Mühe zu kochen – sie ernährt sich und meinen Vater von Tiefkühlkost und sagt, als Politikerin sei sie viel zu beschäftigt, um ihre Zeit in der Küche zu verplempern. Wenn sie Gäste zum Essen hat, engagiert sie jemanden, der kocht. Wahrscheinlich sind es Leute wie meine Mutter, denen Sie und Ihre Freundin ihr Geschäft zu verdanken haben.«

»Auf Ihre Mutter«, sagte Darina und erhob ihr Glas mit dem ausgezeichneten Wein, den William ausgewählt hatte. Sie fühlte sich ungemein wohl. Das Essen war hervorragend, und das Ambiente in seiner Mischung aus Herrenclub und Landhaus ebenso gepflegt wie entspannend. Das Restaurant war angenehm gefüllt mit interessant aussehenden Gästen, und am interessantesten fand sie den, der ihr gegenübersaß. Alle Vorbehalte waren wie weggeblasen. Vielleicht hatte sie sich in letzter Zeit zu sehr auf ihre berufliche Karriere konzentriert und dabei vergessen, wie angenehm es sein konnte, mit einem attraktiven Mann auszugehen.

»Wir sollten das wiederholen«, meinte William, während er sich den Brot-und-Butter-Pudding, eine weitere Spezialität des Hauses, schmecken ließ. »Wie wär’s mit einem Abendessen in der nächsten Woche?«

»Wo wohnen Sie?«

»Bei meinem Onkel und meiner Tante in der Nähe vom Sloane Square – gar nicht weit von Ihnen, übrigens.«

Darina überlegte. Das war offensichtlich der Onkel, der das Connaught vorgeschlagen hatte. Obwohl William behauptete, nicht zu wissen, wohin man in London am Sonntag zum Essen ausging, hatte er keine Hemmungen gezeigt, in einem der exklusivsten Restaurants der Stadt zu speisen und auch angesichts der Preise nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Er entsprach ganz und gar nicht ihren Vorstellungen von einem Polizisten. Hatte er ihr damals nicht erzählt, er habe seine berufliche Laufbahn im Außenministerium begonnen und sei dann in der Londoner Geschäftswelt tätig gewesen, bevor er Polizist wurde? Das erklärte wohl seine unaufdringliche Weltgewandtheit.

»Also, wie sieht’s aus mit einem Abendessen?«, drängte er sanft.

Darina zögerte nicht. »Das wäre schön. Ich weiß nicht, wie lange Eve mich noch braucht, aber ich bin sicher, ich kann mir einen der nächsten Abende freihalten.«

»Wunderbar. Dann rufe ich Sie morgen an.«

»Es ist besser, wenn ich Sie anrufe, denn ich arbeite morgen den ganzen Tag und wahrscheinlich auch am Abend.«

Er gab ihr die Nummer seines Onkels und schlug dann einen kleinen Spaziergang über den Grosvenor Square zum Hide Park vor.

»Ach, das ist schön«, rief Darina aus, während sie mit den Füssen die vielen Blätter aufwirbelte, die sich unter den Bäumen angesammelt hatten. »Ich vermisse das Landleben. Was gibt’s Neues in Somerset?«

»Nicht viel«, meinte er lakonisch.

»Wie steht’s mit der Verbrechensbekämpfung? Irgendwelche Morde oder dergleichen?«

»Nein, es gab in letzter Zeit keine besonders dramatischen Vorkommnisse, nur die üblichen Fälle – Diebstahl und jugendlicher Vandalismus.«

»Und damit kommen Ihre Kollegen diese Woche auch ohne Sie zurecht?«

»Naja, gerade so.«

Sie schlenderten angeregt plaudernd von Knightsbridge in die Sloane Street und die King's Road entlang, bis sie vor Darinas Haus ankamen. Seine Gesellschaft war so angenehm, dass sie es ein wenig bedauerte, als er ihre Einladung zum Tee dankend ablehnte.

»Ich würde schrecklich gern, aber ich habe meinem Onkel und meiner Tante versprochen, dass ich sie zu einem Wohltätigkeitskonzert begleite. Ich freue mich aber schon sehr auf unser nächstes Essen.« Er winkte ihr zum Abschied kurz zu und ging dann die Straße zurück.

»Ich wette, es war der, mit dem du auch am Mittwochabend ausgehst«, nahm Eve jetzt ihre Spekulationen wieder auf, nachdem sie den letzten Topf geschrubbt und das Spülwasser abgelassen hatte.

»Bist du auch sicher, dass du mich da nicht brauchst?«

»Das dürfte kein Problem sein, obwohl wir am Mittwoch die Dinnerparty für Monica Cox ausrichten. Sie ist die Frau von Ralph, dem Pilzexperten. Er hat einen Großhandel für Früchte und Gemüse und beliefert die besten Restaurants und Hotels in London. Monica ist äußerst anspruchsvoll, und deshalb bestellt sie das Essen immer bei uns. Aber solange du uns bei den Vorbereitungen helfen kannst, müssten wir am Abend schon klarkommen. Claire sollte dann wieder gesund sein, und vielleicht ist Jo bis dahin auch wieder zurück. Also geh ruhig aus und mach dir einen schönen Abend.«

Kapitel 3

Claire kam am nächsten Morgen. Sie sagte zwar, es ginge ihr besser, aber Darina fand, dass sie schrecklich aussah: Um ihre glanzlosen Augen lagen tiefdunkle Schatten, und ihr rundes Gesicht war eingefallen und bleich. Eve wollte nicht, dass sie gleich mit einer Vorführung begann, sondern ließ sie Darina bei der Zubereitung der Speisen für eine größere Mittagsgesellschaft helfen.

Claire war äußerst geschickt und kompetent in ihrer Arbeit. Sie bereitete zunächst eine Forellenmousse zu und füllte sie in kleine Rouladen aus geräuchertem Lachs. Dann garnierte sie die Mandeltörtchen mit Cremefüllung, die Darina zubereitet hatte, mit wilden Erdbeeren. Sie arbeitete schweigend und war völlig in ihre Aufgabe vertieft, so wie Darina selbst. Was für ein Kontrast, dachte Darina, zu Eves ununterbrochenem Redefluss von Anweisungen, Ratschlägen und Gesellschaftsklatsch, den sie von sich gegeben hatte, als sie gemeinsam das Essen für die gestrige Abendgesellschaft zubereitet hatten.

Claire war sozusagen der Mond neben Eves Sonne, ein Opal neben einem funkelnden Diamanten. Es dauerte eine Weile, bis man erkannte, wie schön sie war. Ihr wohlproportionierter Körper versteckte sich unter ein wenig Babyspeck, und da half es auch nicht gerade, dass sie sich in einen weiten Rock und eine ausgebeulte Strickjacke gehüllt hatte. Ihr hellblondes Haar war zu einem Bubikopf frisiert und mit einem Samtband aus dem Gesicht gehalten. Ihre Augen waren so blau wie die eines Säuglings. Wo Eve vor Aufregung und Ideen sprühte und funkelte wie ein Feuerwerk, war Claire ein Ruhepol aus Charme und Tüchtigkeit.

Während Darina eine schier endlose Reihe von Lammsteaks mit Gänseleberpastete bestrich und in Blätterteig wickelte, begann sie, sich Sorgen zu machen. Ihrer Mitarbeiterin schien es alles andere als gut zu gehen. Etliche Male tat sie einen Fehlgriff und schüttelte verwirrt den Kopf, und dann hielt sie inne und sah sich um, als wäre sie gerade von einem fremden Planeten in diese Küche gebeamt worden. Sie war völlig verändert im Vergleich zu Freitag, als Darina zum ersten Mal mit ihr zusammengearbeitet hatte. Da hatte sie Claire nur neidlos bewundern können für die Geschwindigkeit, mit der sie unglaubliche Mengen von gefüllten Kartoffeln, gehacktem Lammfleisch und Mini-Hamburgern in Babybrötchen produziert und es dabei geschafft hatte, die ganze Zeit ruhig und gelassen zu bleiben.

Jetzt glasierte Claire bedächtig das letzte Erdbeertörtchen und platzierte es vorsichtig auf der Servierplatte. Dann rieb sie sich mit der Hand müde über die Stirn. »Was kommt jetzt? Ich kann gar nicht klar denken.«

»Du setzt dich jetzt sofort hin, und außerdem hättest du gar nicht erst kommen dürfen. Emily und ich können das hier fertigmachen.« Darina schaute zu der jungen Assistentin hinüber, die gerade das Gemüse zubereitete. »Wir müssen doch nicht servieren, oder?«

»Nein, dafür haben sie ihr eigenes Personal. Wir richten das Essen nur an.«

»Na schön, dann sind wir so gut wie fertig damit, und für heute Abend ist auch nichts mehr vorgesehen. Du kannst also wirklich nach Hause gehen, Claire. Und du solltest morgen auch noch im Bett bleiben. Eve und ich schaffen das schon.«

Claire lächelte schwach. »Eve wird sofort alle Hebel in Bewegung setzen, um weitere Aufträge an Land zu ziehen. Sie hält es nicht aus, wenn mal weniger zu tun ist. Aber wenn du und Emily das Essen hier allein zum Kunden bringen könnt«, dabei wies sie auf den Tisch, auf dem in dichter Reihe die Platten standen, »dann werde ich jetzt wirklich nach Hause gehen, ich fühle mich noch ganz schwach. Ich setze nur noch schnell Teewasser auf. Eve braucht nach einer Kochvorführung immer ihre Tasse Kräutertee. Wollt ihr auch welchen?«

»Lass mich das machen«, sagte Darina, nahm Claire den Kessel ab, füllte ihn mit Wasser und stellte ihn auf den Herd. Als sie sich umdrehte, stand Claire vor ihr und hielt ihr eine Schachtel mit kleinen, in Musselin gebundenen Teebeuteln entgegen. Typisch Eve, ihr Kräutertee war natürlich von der exklusivsten Sorte.

Dann holte sie eine Flasche Cognac, der zum Kochen verwendet wurde, goss etwas davon in ein Glas und reichte es Claire. »Hier, trink das.« Sie sah zu, wie Claire das Glas mit leicht zitternder Hand zum Mund hob, einen Schluck von der bernsteinfarbenen Flüssigkeit nahm und das Gesicht verzog, als sie ihr durch die Kehle rann. Dann sagte Darina: »Ich habe gehört, Eves Festessen war ein Riesenerfolg.«

Claire lächelte fast so strahlend wie sonst. »Oh ja, das Essen war großartig, und alle haben sich bestens unterhalten.«

»Das muss dich völlig erschöpft haben – kein Wunder, dass dich der Virus gleich so umgeworfen hat.«

Claire schloss einen Moment lang die Augen. »Ja, es war alles sehr hektisch, aber Eve hatte es so perfekt organisiert, dass ich hinterher eigentlich gar nicht so müde war. Ich habe mich erst später am Abend so mies gefühlt.«

»Wer war denn alles eingeladen?«

»Ach, es waren viele interessante Gäste da. Hauptsächlich unsere besten Kunden, Freunde und Leute aus der Geschäfts- und Medienwelt.« Claire wirkte wieder lebhafter. »Man hat ja normalerweise nicht die Gelegenheit, mit so bekannten Persönlichkeiten ins Gespräch zu kommen, und das hat mir wirklich Spaß gemacht. Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass Clive Thompson so charmant ist.«

»Wer ist Clive Thompson?«

»Ein bekannter Geschäftsmann. Eve behauptet, dass es nicht mehr lange dauert, bis sich die gesamte Lebensmittelbranche in seinem Besitz befindet. Als ich sah, dass ich neben ihm sitzen würde, wurde mir ganz mulmig zumute. Worüber unterhält man sich mit einem Mann wie ihm? Wahrscheinlich hätte er auch lieber neben Eve gesessen, aber ich glaube, dann hat er unsere Unterhaltung auch sehr nett gefunden.«

»Und worüber habt ihr euch unterhalten?« Darina bemerkte besorgt, wie sich ihr Gegenüber erneut mit dem Handrücken über die wachsbleiche Stirn strich und leicht den Kopf schüttelte, als sei ihr schwindelig.

»Och, nichts Besonderes, über das Essen und das Leben auf dem Land – er wohnt in der Nähe meiner Eltern.« Nach diesen Worten stöhnte sie leise auf, und ihr Körper krampfte sich zusammen.

Darina sah auf ihre Armbanduhr, dann sagte sie: »Bleib, wo du bist, ich bin in einer Minute zurück.« Dann lief sie in das Büro, wo Jackie, Eves Sekretärin, gerade in rasender Geschwindigkeit Adressen auf Briefumschläge tippte. »Claire ist völlig fertig. Könntest du ihr bitte ein Taxi rufen?«

»Natürlich, sofort. Die Ärmste. Übrigens, Jo hat eben angerufen. Ihr Vater wird heute beerdigt, und sie ist morgen wieder zurück. Ich glaube, sie wollte eigentlich Eve fragen, ob sie noch etwas länger bleiben könnte, aber als sie hörte, dass Claire so krank ist, hat sie gleich gesagt, sie käme morgen wieder.«

»Das ist gut. Meinst du, sie kommt rechtzeitig, um uns mit der großen Cocktailparty morgen Abend zu helfen? Ich glaube nicht, dass Claire bis dahin wieder auf dem Damm ist.«

»Ja, ich denke schon, sie wollte einen frühen Zug nehmen.« Die Sekretärin war eine sehr schlanke und sehr lebhafte Frau. Sie trug eine Brille mit riesigen Gläsern, und ihre Kleidung zeugte von einem Talent für die unmöglichsten Farbzusammenstellungen. Heute trug sie einen senffarbenen Pullover über einem himbeerroten Wollrock. Obwohl man meinen könnte, sie sei farbenblind, überzeugte sie doch durch ihre sonstigen Fähigkeiten. Noch während sie mit Darina sprach, hatte sie die Nummer der Taxizentrale gewählt und einen Wagen bestellt.

Während Jackie telefonierte, nahm Darina einen Prospekt vom Tisch. Die Vorderseite zeigte eine Farbaufnahme der Vorführküche, darüber war ein großer Kochlöffel mit roter Schleife montiert. Clubmitgliedschaft zu Weihnachten stand darunter in Buchstaben, die von Stechpalmenzweigen umrankt waren. Darina schlug den Prospekt auf und las den Text über den Wooden-Spoon-Club, der seinen Mitgliedern ein vierteljährlich erscheinendes Mitteilungsblatt, Preisnachlässe auf Kochgeräte, die regelmäßige Zusendung von Rezepten und Tipps für Gastgeber bot. Bei einem Eintritt bis zum Ende des Jahres wurde ein Einführungspreis von 25 Pfund angeboten, während der jährliche Mitgliedsbeitrag sonst bei 35 Pfund lag.

»Das ist Eves neuester Werbegag«, meinte Jackie. »Wir haben den Prospekt an alle Kunden verschickt, und die Resonanz ist überwältigend. Außerdem haben wir es natürlich durch die Presse verbreiten lassen, weil wir hoffen, dass die Zeitschriften den Kochclub als Weihnachtsgeschenkidee aufnehmen.«

Es läutete an der Tür. »Das wird das Taxi sein.«

Wenige Minuten später half Darina der kreidebleichen und geschwächten Claire in das Fahrzeug und fragte sie: »Bist du sicher, dass du zurechtkommst? Soll ich nicht lieber mit dir kommen?«

Claire lächelte matt. »Nein, das ist wirklich nicht nötig. Ich habe mir bloß zu viel zugemutet. Dabei ging es mir heute schon sehr viel besser als gestern. Ich brauche nur noch ein bisschen mehr Bettruhe, und dann bin ich sicher bald wieder gesund.« Der Fahrer drehte sich zu Darina um und rief: »Sie sollten ihr eine Kotztüte mitgeben, Miss. Ich will hier keine Sauerei in meinem Taxi.«

Darina lief ins Haus und kam mit einer großen Schüssel zurück, die sie zusammen mit einem sauberen Handtuch der unglücklich dreinschauenden Claire in die Hand drückte. »Soll ich nicht lieber einen Arzt holen? Nein? Na gut, aber ruf an, wenn du etwas brauchst.«

Das Taxi fuhr los, und Darina ging zurück ins Haus, um die Lieferung der Speisen zu organisieren.

Als sie in den Flur trat, kam gerade eine Gruppe fröhlich schwatzender Frauen die Treppe herunter, gefolgt von Eve, die ihnen hinterherrief: »Und vergessen Sie nicht, um Punkt zwei Uhr geht es weiter.« Dann wandte sie sich an Darina. »Zwei Stunden, um einen Einkaufsbummel zu machen. – Ich frage mich, ob ich die Mittagspause nicht noch etwas kürzen könnte. Aber die Frauen scheinen nichts mehr zu lieben als die Geschäfte auf der Oxford Street. Wie ist es dir heute Vormittag ergangen?«

»Ich wollte gerade die Sachen in den Lieferwagen bringen. Hat deine Sekretärin den Schlüssel? Ach ja, und ich habe Claire in ein Taxi gesetzt und nach Hause geschickt. Sie war völlig fertig.«

»Dummes Ding, sie hätte gar nicht erst kommen dürfen. So eine Magengrippe kann einen völlig fertigmachen.«

»Eve«, rief Jackie aus ihrem Büro. »Ich habe Mrs. Thompson am Apparat. Kannst du ihr für heute Abend ein Essen für zwölf Personen ausrichten?«

»So kurzfristig? Also wirklich, was die sich einbildet!«

Eve lief ins Büro und nahm Jackie den Telefonhörer aus der Hand. Darina folgte ihr.

»Mrs. Thompson, wie nett, von Ihnen zu hören. Was hat ihr Mann gemacht? Tatsächlich? Männer können so unglaublich gedankenlos sein, nicht wahr? Nun gut, solange es nichts besonders Kompliziertes sein soll – wir sind nämlich im Moment so gut wie ausgebucht –, aber bei einer so treuen Kundin wie Ihnen kann ich unmöglich Nein sagen. Ich schlage also vor: Gänseleber mit Salade tiède, Hühnerbrust gefüllt mit Krabben und Ingwer, dazu Mousse von Karotten in Spinatblättern und Pommes de terre dauphine, dann eine Käseplatte mit hausgebackenem Brot und zum Abschluss drei Sorbets in Tulpenkelchen mit frischen Früchten.« Am Ende ihres Menüvorschlags nannte sie einen Preis, bei dem Darina schwindelig wurde. Verglichen damit hatte sie ihren eigenen Kunden die reinsten Schleuderpreise berechnet.

Eve beendete das Telefongespräch und wählte sofort eine andere Nummer. Ihre Augen funkelten vor Vergnügen. »Das ist ein hübscher kleiner Auftrag. Darina, Liebes, das kannst du doch sicher noch erledigen, ja? Jackie bestellt die Zutaten, und du kannst sie dann auf dem Rückweg von deiner Mittagslieferung abholen. Ich möchte mit Joshua Tarrant sprechen, bitte.« Während sie auf die Verbindung wartete, trommelte Eve mit einem Finger auf die Tischplatte. Dann klemmte sie sich den Telefonhörer zwischen Kinn und Schulter.

Mit veränderter, weicherer Stimme sagte sie: »Josh? Ich bin’s. Sag mal, kannst du mir einen großen Gefallen tun? Du weißt doch, dass ich heute Abend einen Termin habe, um diesen Beitrag über uns im Radio zu besprechen. Und jetzt hat gerade Marina Thompson mit einer phantastischen Bestellung angerufen. Ihr Mann Clive hat ein paar Kollegen vom Vorstand eingeladen, um eine Firmenübernahme zu besprechen. Es kommen zwölf Personen. Wie gesagt, es ist ein toller Auftrag, aber die Sache ist die, dass Darina jemanden brauchen wird, der ihr beim Servieren hilft. Könntest du da nicht noch mal als Butler einspringen? Nein, Claire geht es immer noch nicht gut, wir mussten sie gerade wieder nach Hause schicken. Jo ist auch noch nicht zurück, und du weißt ja, wie unbrauchbar Emily für so etwas ist – sie kann nicht einmal eine Schüssel reichen, ohne dass sie den Inhalt in den Schoß des wichtigsten Gastes leert –, und ich will Darina auch keine von den Aushilfen mitgeben, denen sie jede einzelne Handbewegung erklären müsste. Bei dir weiß ich, dass alles gut läuft, du machst das so hervorragend. Und ich muss einfach zu dieser Besprechung gehen. Du weißt, wie wichtig der Spot für uns ist, ganz London hört diesen Sender. Es ist wirklich nur für diesen einen Abend. Bitte, Liebling.«

Darauf gab es eine lange Pause, während der Eve aufmerksam lauschte. Eine Hand hatte sie auf ihre fast nicht vorhandene Brust gepresst, als wolle sie damit die Spannung in ihrem Körper zurückhalten. Dann schloss sie kurz die Augen und lächelte glücklich. »Tausend Dank, Liebling. Ich sage es Darina, das wird sie sicher beruhigen.«

Sie gab ihm die Adresse und legte den Hörer auf. »Alles klar. Joshua kommt gleich zu den Thompsons. Er ist ein erstklassiger Butler, ihr beide werdet den Abend mit links schaffen. Hier sind übrigens die Schlüssel für den Lieferwagen, du machst dich am besten gleich auf den Weg, damit das Mittagessen rechtzeitig da ist. Sag Emily bitte, sie soll mir meinen Kräutertee bringen und dann alles für die Nachmittagsvorführung vorbereiten. Jackie, mach mal eine Pause mit den Adressen und komm mit in mein Büro. Ich muss dir noch ein paar Briefe diktieren.«

Darina nahm die Autoschlüssel und ging in die Küche. Bei Eve »aushelfen«! Zu einer aufreibenden Vollzeitbeschäftigung hatte sich das »Aushelfen« ausgewachsen.

Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, starrte Joshua Tarrant wütend auf den Monitor, der hinter unzähligen Papierstößen auf dem Schreibtisch beinahe verschwand. Verfluchte Eve! Wie üblich brachte sie mal wieder andere dazu, ihre Arbeit zu machen. Natürlich war der Radiobeitrag wichtig für sie, aber sie verschwendete nicht einen Gedanken daran, dass auch seine Arbeit wichtig sein könnte. Schließlich war auch sie ganz scharf auf den Vorschuss, den er für das Buch bekommen hatte. Und nun, so kurz vor dem Abgabetermin, war es noch immer nicht fertig. Warum, verdammt nochmal, hatte sie nicht einen dieser Aushilfsbutler angeheuert? Aber er wusste sehr gut, warum – niemals würde Eve für etwas bezahlen, was sie auch umsonst haben konnte. Die Frage war also vielmehr, warum hatte er sich wieder einmal breitschlagen lassen?

Weil er diesem Ton in ihrer Stimme einfach nicht widerstehen konnte, und weil sie ihn trotz allem immer noch auf eine Art faszinierte, die … Er unterbrach abrupt seinen Gedankengang und nahm eine Pressemitteilung des Landwirtschaftsministeriums zur Hand, die ihm selbst nach dreimaligem Lesen unverständlich geblieben war und die Position der Regierung im Hinblick auf den Anbau von Raps und dessen Gefährdung durch einen bestimmten Schädling eher verschleierte, denn erklärte. Irgendwas war faul an dieser Geschichte, und er beschloss, gewisse Kontakte zu aktivieren, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er kannte ein paar Botaniker, die entzückt wären, ihn, den anerkannten Landwirtschaftsjournalisten, mit ihrem Fachwissen zu beraten. Und dann war da noch dieser blitzgescheite Bursche, den er neulich auf der Landeskonferenz des Bauernverbandes getroffen hatte. Hatte der ihm nicht erzählt, dass er selbst Raps anbaute? Joshua zog seinen Kalender unter einem Papierstoß hervor und überflog seine Notizen. Dann legte er ihn wieder auf den Tisch, starrte auf das Telefon und unterdrückte schließlich das dringende Bedürfnis, eine ganz andere Person anzurufen.

In diesem Augenblick legte sich eine Hand auf seine Schulter und drückte sie sanft. Aus den Augenwinkeln sah er lange, rotlackierte Fingernägel, die über seine verspannten Muskeln strichen. »Unterbreche ich ein Genie bei der Arbeit, oder würde ein hungriger Computersklave gern mit mir zu Mittag essen?«

»Warum nicht?« Er lächelte Elizabeth Chesney kurz zu, erhob sich und nahm sein Jackett von der Stuhllehne. Dann verließen sie das Büro, dessen hektische Betriebsamkeit nun etwas nachgelassen hatte; die meisten Mitarbeiter waren zur Mittagspause in einen der wenigen Pubs gegangen, die es in der ziemlich trostlosen Umgebung des neuen Bürogebäudes gab.

Sie waren ein schönes Paar, er Anfang dreißig, mittelgroß, markantes Gesicht mit durchdringenden Augen, dessen Rauigkeit etwas gemildert wurde durch die volle Pracht seiner rostbraunen Haare. Seine Begleiterin war ungefähr so groß wie er, und ihre Gesichtszüge waren fast ebenso markant wie seine. Sie hatte dunkle, weit auseinanderstehende Augen, ausgeprägte Wangenknochen und einen weitgeschwungenen Mund. Ihr dunkles Haar fiel in Wellen auf die Schultern. Sie wirkte eher apart als schön; ihr Mund war ein wenig zu schmal, die Nase ein wenig zu spitz, und ihre Augen hatten einen scharfen Blick, dem nichts entging. Als sie ins Tageslicht trat, sah man, dass sie wohl eher um die vierzig als um die dreißig Jahre alt war.

Wenig später stellte Joshua ein Bier und einen Whisky auf den kleinen Tisch, den sie noch ergattert hatten, und sah zu, wie seine Begleiterin das Innere des Sandwiches, das sie bestellt hatte, untersuchte. »Warum du dir solche Sorgen über dein Essen machst und dabei dieses Zeug trinkst, werde ich nie begreifen.« Mit diesen Worten schob er ihr den Whisky über die Tischplatte.

»Unsinn, das ist ein reines Naturprodukt und tausendmal besser für die Gesundheit als das synthetische Bier, das du da trinkst. Apropos gesundes Essen, gehst du heute Nachmittag zu dieser Salmonellen-Pressekonferenz? Ich dachte, wir könnten vielleicht zusammen hinfahren.« Elizabeth hob ihr Glas und trank einen großen Schluck.

»Ich kann nicht. Ich habe meinen Artikel für morgen noch nicht fertig, und ich dachte, Lebensmittelvergiftungen wären dein Metier. Hast du nicht immer gesagt, darüber sollte der Gourmetkritiker schreiben und nicht der Journalist für Landwirtschaftsfragen? Du kannst mir allerdings gerne die Pressemitteilungen mitbringen. Könnte ganz nützlich sein zu wissen, mit welchem Trick sie uns als nächstes linken wollen. Die Konferenz wird doch von einem Hühnerzüchterverband gehalten, stimmt’s?«

»Ja, aber zum Glück servieren sie uns kein Mittagessen.«

»Was mich an etwas erinnert: Du hast dich doch nach Eves Festessen am Sonntag nicht irgendwie schlecht gefühlt, oder?«

»Nur weil ich gefressen habe wie ein Schwein, ich werde bald mal wieder eines meiner Entschlackungswochenenden einlegen müssen. Eve ist wirklich eine phantastische Köchin, und damit hat sie es wahrscheinlich auch geschafft, dich mir abspenstig zu machen.« Die Bemerkung klang ein wenig spitz, und nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Warum? Willst Du damit etwa andeuten, dass wir salmonellenvergiftetes Geflügel gegessen haben? Außerdem dachte ich, es hätte schottische Moorhühner gegeben und keine Hühner aus Massentierhaltung.«

»Ja, das ist richtig, aber Claire ist ziemlich krank. Eve meint, es sei eine Magen-Darm-Grippe, aber ich frage mich, ob es nicht doch am Essen gelegen haben könnte.«

»Wenn sie die einzige ist, der es hinterher so schlecht ging, ist das doch ziemlich unwahrscheinlich. Es sei denn, irgendein Schädling ist mutiert. Man weiß ja nie heutzutage. Die Regierung müsste die Lebensmittelproduzenten einfach viel strenger kontrollieren, sie kümmert sich immer noch viel zu wenig um die Nahrungskette. Du solltest wirklich mit zu dieser Pressekonferenz kommen.« Elizabeth nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Whiskyglas und kicherte. »Aber wem sag ich das? Eigentlich ziemlich überflüssig, ausgerechnet dem Autor von Gefahren der landwirtschaftlichen Produktion erklären zu wollen, er solle sich über die Salmonellenverseuchung von Hühnern informieren. Übrigens, wie kommst du mit deinem neuen Buch voran?«

Joshua zog eine Grimasse. »Um die Wahrheit zu sagen, nicht besonders gut. Ich scheine nie genug Zeit zu haben, um endlich mit den Recherchen fertig zu werden. Es gibt noch mehrere wichtige Themen, über die ich mich viel genauer informieren müsste. Und wie verkauft sich dein letztes Buch?«

»Mein Agent sagt, der Verleger wäre begeistert über den Absatz. Ich hätte nie gedacht, dass die Leute sich so für türkisches Essen interessieren würden, aber anscheinend geht es weg wie warme Baklava. Sag’ mal, wie läuft eigentlich Eves kleine Firma?«

Joshuas Lachen klang ein wenig hohl. »Kleine Firma ist gut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Chemiekonzern eine kompliziertere Infrastruktur hat als ihr Betrieb. Dabei sage ich ihr immer wieder, ihr größtes Problem ist, dass sie zu wenig Leute hat. Jetzt, wo die Kochkurse so gut angelaufen sind, müssten sie unbedingt jemanden für den Catering-Service einstellen. Wie Jo das allein schaffen soll, ist mir ein Rätsel. Die einzige Hilfe, die sie hat, sind ein paar nicht besonders zuverlässige Aushilfskräfte, und jetzt, wo Jo verreist und Claire krank ist, wird es besonders dramatisch. Wenn Eve nicht zufällig diese Davina oder Darina getroffen hätte, wäre der ganze Betrieb schon längst zusammengebrochen. Und jetzt hat sie mich auch noch überredet, bei einer kurzfristig bestellten Dinnerparty heute Abend einzuspringen.«

»Aha, jetzt verstehe ich. Du bist mies gelaunt, weil Eve es mal wieder geschafft hat, dich dazu zu bringen, etwas zu tun, was du nicht willst. Du solltest wirklich langsam lernen, Nein zu sagen.« Elizabeth blickte in ihr leeres Whiskyglas. »Diesen Rat könnte ich mir allerdings ebenso gut selbst geben. Ich habe ihr eine Kochvorführung versprochen – kostenlos.«

»Kostenlos?«

»Naja, anscheinend erwartet sie das von einer Kochbuchautorin. Eve steht auf dem Standpunkt, es sei eine gute Werbung für meine Bücher, die ich dort auch verkaufen könne, und das sei Bezahlung genug. Deshalb habe ich auch gefragt, wie ihr Geschäft läuft. Versteh mich nicht falsch, ich bin gerne bereit, ihr einen Gefallen zu tun, aber wenn sie in Geld schwimmt, sehe ich keinen Grund, warum ich nicht ein angemessenes Honorar fordern sollte. So eine Vorführung macht viel Arbeit, und ich muss anschließend noch meinen Artikel schreiben. Aber ich erwarte tatsächlich, dass ich dort einige Bücher loswerde. Die Leute kaufen immer gerne signierte Exemplare. Und der Erlös aus dem Verkauf geht allein an mich. Allerdings weiß ich nicht so recht, ob türkisches Essen das Richtige ist für ihre Damen – das ist schließlich eine ziemlich bäuerliche Küche, und ich dachte, die Hausfrauen aus der High Society, die ihre Kochkurse besuchen, hätten es mehr mit der Haute Cuisine.«

»Noch einen?«, fragte Joshua und wies auf ihr leeres Glas.

Elizabeth sah auf ihre Armbanduhr. »Leider nein. Wenn ich rechtzeitig zu dieser Pressekonferenz kommen will, muss ich jetzt los. Ach, wie gemütlich war das doch in den guten alten Fleet-Street-Zeiten.« Sie nahm ihre große Handtasche, versicherte sich, dass sie ihren Notizblock eingesteckt hatte, und verließ unter lebhaftem Winken und Grüßen etlicher Kollegen den Pub.

Nachdem sie gegangen war, starrte Joshua minutenlang trübsinnig in den Schaum auf dem Boden seines Bierglases, bevor er sich langsam erhob und zu seinem Schreibtisch zurückkehrte.

Kapitel 4

Früh am Mittwochmorgen schrillte Darinas Wecker. Sie stöhnte laut, zwang sich aufzustehen und schleppte sich in die Dusche. Es war bedenklich, wie schnell sie die Routine verlernt hatte, mit der sie früher ihr gestriges Programm erledigt hätte: Am Tag ein großes Essen zubereiten, es am Abend servieren und alles wieder aufräumen. Nach drei Wochen süßem Nichtstun kam es ihr vor, als brauchte sie eine Ausbildung bei der Marine, um wieder ihre alte Kondition zu bekommen.

Aber sie musste zugeben, dass der gestrige Abend auch Spaß gemacht hatte. Eves Mann hatte sich als ebenso effizienter wie angenehmer Mitarbeiter entpuppt. »Ich habe mir neben dem Studium ein bisschen Geld als Kellner und Butler verdient«, hatte er erklärt, als sie hinterher sein fachmännisches Können lobte.

»Und dabei haben Sie Eve kennengelernt?«, fragte Darina, während sie vorsichtig einen Stapel kostbarer Porzellanteller in die Spülmaschine räumte.

»Nein, das war viel später, auf einem Presseempfang. Ich war inzwischen als Journalist für verschiedene Zeitungen tätig und hatte angefangen, mich auf Landwirtschaftsthemen zu spezialisieren. Man hatte mich eingeladen, um einen Artikel über einen neuen Fleischersatz aus Sojabohnen zu schreiben, und Eve hatte man engagiert, um seine vielseitigen kulinarischen Verwendungsmöglichkeiten zu demonstrieren.« Joshua brachte ein Tablett, das mit Kristallgläsern beladen war, und stellte es neben dem Spülbecken ab.

»Und kaum hatten Sie einen Bissen von ihrem köstlichen Soja-Burger gekostet, da haben Sie sich prompt in die Köchin verliebt?«

»Soja-Burger? Sie machen wohl Witze. Eve hat aus dem Fleischersatz solche Köstlichkeiten gezaubert, dass man jedes Fleisch dafür hätte stehen lassen. Aber das Essen hatte mit ihrer Wirkung auf mich ziemlich wenig zu tun. Es war …« Er hielt inne und polierte geistesabwesend das Tablett mit einem Küchenhandtuch. »Es war absolut einzigartig. Ich hatte so etwas noch nie vorher erlebt – coup de foudre nennen die Franzosen es, glaube ich. Und bei ihr war es dasselbe. Zwei Monate später haben wir geheiratet.«

Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Meine Mutter dachte damals, Eve sei schwanger, und als dann doch kein kleiner Tarrant unterwegs war, war sie erst erleichtert und dann schrecklich enttäuscht.«

»Hätten Sie denn gerne Kinder?« Darina sah forschend in sein intelligentes, etwas zerknittertes Gesicht und fragte sich, wie er wohl als Vater sein würde.

Joshua nahm das letzte der gespülten Gläser und trocknete es sorgfältig ab. »Das arme Kind, das Eve zur Mutter hätte! Sie hat doch kaum Zeit, Ehefrau zu sein, geschweige denn, sich um ein Baby zu kümmern.« Er stellte das Glas auf ein Tablett und sagte: »Ich bringe die Gläser in den Anrichteraum und gehe dann mal in den Salon, um zu sehen, ob sie noch Kaffee wollen. Und mit etwas Glück schnappe ich vielleicht sogar ein paar Bemerkungen auf, aus denen sich schließen lässt, welche Firma sie übernehmen wollen.«

Mit diesen Worten verließ er die Küche, und Darina fragte sich, ob Clive Thompson wohl wusste, dass sein Butler ein Journalist war. Dann fiel ihr ein, dass Claire gesagt hatte, er sei zu ihrem Festessen eingeladen gewesen. Aber selbst wenn er Joshua nicht wiedererkannt hatte, würde er wohl kaum den Fehler begehen, vor dem Personal eine Indiskretion zu äußern. Und bald darauf kam Joshua auch ziemlich enttäuscht in die Küche zurück. »Sie haben nicht die geringste Andeutung fallen lassen, sie haben sich noch nicht einmal gegenseitig beim Namen genannt. Ich habe also rein gar nichts in der Hand, worauf ich unseren Informanten in der City ansetzen könnte. Schade, das hätte uns wahrscheinlich eine hübsche Stange Geld eingebracht.«

Während der restlichen Arbeit blieb er schweigsam und Darina hatte den Eindruck, dass er in seinem Kopf die wenigen Sätze, die er im Salon aufgeschnappt hatte, hin und her wälzte und versuchte, in ihnen irgendeinen Anhaltspunkt zu finden. Es war wie in einem Detektivspiel, als würde man ein Indiz von allen Seiten betrachten, um zu sehen, ob sich dadurch eine Lösung ergäbe. Aber anscheinend hatten ihm die Haie, die sie an diesem Abend gefüttert hatten, nicht den Gefallen getan, ihm auch nur den geringsten Hinweis auf das Opfer ihrer geplanten Übernahme zu geben. Wieviel Geld hätte Joshua wohl dafür bekommen, wenn er herausbekommen hätte, um welches Unternehmen es ging? Und – war er nur hinter dem Geld her, oder wurde er von seinem unbändigen journalistischen Ehrgeiz angetrieben?

Darina ordnete ihre Gedanken, schlüpfte in Rock und Bluse und steckte einen frischen Overall in ihre Tasche. Dann verließ sie das Haus und gönnte sich den Luxus eines Taxis. Das war ein weiterer Grund, das Haus zu verkaufen: Ein guter Anschluss an öffentliche Verkehrsmittel gehörte leider nicht zu seiner Ausstattung. Die Busse waren äußerst unzuverlässig, und es war zu weit, um zur nächsten U-Bahn-Station am Sloane Square zu laufen, besonders heute, wo es darauf ankam, dass sie pünktlich war. Zu Mittag stand ein Geschäftsessen für zwölf Personen auf dem Programm und am Abend die Cocktailparty für hundert Gäste. Und so wie es aussah, mussten Eve und sie alles allein schaffen, mit ein wenig Unterstützung von Emily, die zwar hilfsbereit, aber leider ziemlich unfähig war.

»Sie ist ein liebes Mädchen«, hatte Eve einmal zu ihr gesagt, »und würde es so gern lernen, also habe ich sie als Lehrling genommen. Allerdings hab‘ ich ihr auch gesagt, dass sie dafür ein bisschen bei der Arbeit helfen muss, und das funktioniert eigentlich ganz gut.«

»Unbezahlte Dienstmagd«, fiel Darina dazu ein, aber sie behielt es für sich.

Eve war bereits in der Küche, als sie ankam, und wog die Zutaten ab. Als Darina eintrat, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus. »Gottseidank, du bist pünktlich. Claire hat gerade angerufen und gesagt, dass sie kommt, wenn wir sie dringend brauchen, aber sie fühlt sich noch immer nicht wohl. Ich hoffe nur, dass Jo im Laufe des Tages wiederkommt, sonst müsste ich dich bitten, auf deinen freien Abend zu verzichten. Ich kann mir keine Pannen mit den Aushilfskräften leisten, besonders nicht bei Monica.«

Mit leichtem Schrecken fiel Darina ein, dass sie an diesem Abend mit William zum Essen verabredet war. Sie hatte es völlig vergessen.

»Wie war die Besprechung beim Rundfunk gestern Abend? Hast du etwas erreicht?«, fragte Darina, während sie mit den Vorbereitungen für die Torte begann.

Eves Gesicht hellte sich auf. »Wir haben uns bestens verstanden. Sie konnten mir zwar nichts versprechen, aber sie haben gesagt, sie würden mich im Frühjahr ganz bestimmt eine Probeaufnahme machen lassen, und ich solle schon mal Ideen sammeln.«

Während der nächsten Stunden kochten sie ohne Unterbrechung für das Mittagessen der Direktoren, schickten Emily mit genauen Anweisungen zum Servieren und fingen an, das Menü für die Cocktailparty zuzubereiten. Monica hatte zusätzlich noch eine große Kasserolle bestellt. »Sie sagt, das sei für ungefähr zwanzig gute Freunde, die sie nach der Party zu einem Mitternachtssnack bittet – aber was sie mit Freunden meint, sind Ralphs beste Kunden. Sie will etwas Einfaches, aber es muss sehr gut sein. Ich habe also beschlossen, einen Rindsbraten à la Bourguignonne, ein paar Pasteten und eine Käseplatte zu machen. Ach Schätzchen, denk nachher bitte daran, die Lebensmittellieferung zu kontrollieren, der Brie dieses Händlers ist manchmal zu fest.«

Sie arbeiteten weiter, ohne eine Mittagspause zu machen, und nach einer Weile waren die Tische übersät mit Platten, auf denen die kunstvoll belegten Sandwiches angerichtet waren: Zuckererbsen an Frischkäse mit leichter Muskatnusswürze, winzige Jungkartoffeln, die ausgehöhlt, mit Kaviar gefüllt und mit fein geschnittenen Zwiebeln bestreut waren, Wachteleier, gefüllt mit einer kremigen Mischung aus Eigelb, Rahm und geraspelten Haselnüssen – als Darina mit dieser kniffligen Arbeit endlich fertig war, konnte sie keine Wachteleier mehr sehen –, Vollkornbrot mit geräuchertem, in hauchdünne Scheiben geschnittenem Lachs – eine leichte Aufgabe, bei der sie sich ein wenig entspannen konnte – kleine, runde Toastscheiben mit einer Rosette aus Gänseleber in Aspik, Pizzabrot mit schwarzen Oliven – wieder eine sehr aufwendige Sache, da sie jede Scheibe in Fließbandarbeit mit unterschiedlichen Zutaten belegten –, Fleischklößchen, die Darina nach einem Rezept zubereitete, das sie vor vielen Jahren einem schwedischen Koch abgebettelt hatte und mit denen sie immer großen Erfolg gehabt hatte –, kleine Kammmuscheln in Speckstreifen und schließlich am Spieß gegrillte Hühnerbrustfilets in einer Joghurtmarinade. Während Darina auf die vielen Speisen wies, die unmittelbar vor dem Servieren gekocht oder aufgewärmt werden mussten, erkundigte sie sich nach der Ausstattung in Monicas Küche.

»Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Monica hat die modernste und bestausgestattete Küche, die du dir vorstellen kannst. Einen Herd, einen riesigen Ofen und zwei Mikrowellen. Wir brauchen heute Abend also keine zusätzlichen Kochgeräte mitzunehmen.«

Endlich war alles fertig. Emily war bereits vorgefahren, um sich um die Getränkelieferung und die beiden Barmixer zu kümmern, die Eve angeheuert hatte. »Und ruf mich an, falls es ein Problem gibt oder falls irgendetwas vergessen wurde. Streng bitte nicht dein kleines Köpfchen an, alles, was du tun musst, ist nachsehen, nachsehen und nochmals nachsehen, ob alles so ist, wie ich es dir gesagt habe.«

Emily blieb ganz gelassen und fröhlich. Sie mochte zwar ungeschickt sein, aber sie reagierte nie beleidigt auf Eves bissige Bemerkungen, wenn sie wieder mal bei einer der Hilfsarbeiten, die Eve ihr gnädig auftrug, gepatzt hatte. Und sie kochte eine Kanne Tee nach der anderen für sie oder mahlte die Bohnen für Darinas Kaffee, da Eve natürlich kein Instantpulver in ihrer Küche erlaubte. An diesem Nachmittag wollte Darina jedoch Zeit sparen und bat stattdessen um eine Tasse Kräutertee, den sie dann erstaunlich belebend fand.

Sie zählte die Silberplatten mit den Schnittchen nach und fragte Eve, ob sie den Lieferwagen holen solle.

»Ja bitte, das wäre nett. Es sieht übrigens so aus, als müsstest du uns heute Abend doch helfen. Jo ist immer noch nicht da.«

Darina sah auf ihre Armbanduhr. »Dann muss ich William wohl absagen. Ich rufe ihn gleich an.« Sie war selbst überrascht, wie enttäuscht sie darüber war, dass aus ihrem gemeinsamen Abendessen nichts wurde.

Beide gingen ins Büro. »Hast du etwas von Jo gehört?«, fragte Eve.

Gerade als Jackie zur Antwort den Kopf schüttelte, klingelte das Telefon, und nach ein paar Sekunden reichte sie Eve den Hörer mit den Worten: »Es ist Jo, aufs Stichwort.«

Eve fragte sofort: »Wo bist du? Ich dachte, du wolltest längst hier sein …« Dann hielt sie inne und lauschte dem Redeschwall der offensichtlich furchtbar aufgeregten Anruferin. Jackie und Darina spürten, dass etwas geschehen war.

»Aber …«, unterbrach Eve schließlich. »Aber nein, hör zu Jo, ich hatte doch keine Ahnung. Nein, es schien ihr heute Morgen besser zu gehen. Naja, sie war natürlich noch nicht ganz gesund, sonst wäre sie ja zur Arbeit gekommen, aber auch nicht ernsthaft krank … Ja gut, ruf Joshua an und sag ihm, was passiert ist. Natürlich kann ich nicht kommen, heute Abend ist Monicas Dinnerparty, und ich könnte dich gut hier gebrauchen, aber ich verstehe, dass du nicht kannst. Wir schaffen es schon.« Die Stimme am anderen Ende schien sich etwas zu beruhigen, und nach einigen weiteren Worten beendete Jo das Gespräch.

Eve legte den Hörer auf und starrte einen Moment lang auf den Apparat. Dann hob sie den Kopf und sagte: »Claire ist anscheinend sehr krank. Jo hat sie in einem schrecklichen Zustand gefunden, als sie in die Wohnung kam, um ihr Gepäck abzustellen und sich für die Arbeit umzuziehen. Sie hat sofort den Arzt angerufen, und der hat einen Krankenwagen geschickt, um Claire in die Klinik zu bringen. Jo fährt mit ihr. Sie war total hysterisch und hat mir vorgeworfen, ich hätte mich nicht genug um Claire gekümmert.« Eve klang empört. »Wieso sollte ich auch? Ich hatte doch keine Ahnung, dass sie so krank war. Gestern hat sie doch gar nicht so schlecht ausgesehen, oder? Was meinst du, Darina, du hast doch mit ihr gearbeitet?« Sofort reagierte Darina auf den leise anklingenden Vorwurf in Eves Worten und bereute, dass sie gestern Claire nicht doch selbst nach Hause gebracht hatte. Aber dann antwortete sie ruhig: »Sie sah geschafft aus, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es so schlimm war. Wie hat sie denn heute Morgen am Telefon geklungen?«

»Das ist es ja, sie klang ganz munter. Ich meine, sie hat sogar angeboten, heute zur Arbeit zu kommen, wenn wir sie brauchen, wieso also jetzt dieser Rückfall?«

»Was sagt denn der Arzt?«

»Keine Ahnung, Jo hat nur unzusammenhängendes Zeug geredet. Ich rufe nachher Joshua an und frage ihn, ob sie sich bei ihm gemeldet hat und etwas klarer war. Ich habe ihn übrigens gefragt, ob er uns heute Abend nochmal helfen würde, aber er sagte, er müsste unbedingt arbeiten. Dieses verdammte Buch verschlingt seine ganze Zeit. Darina, Liebes, es scheint, als müsstest du noch ein bisschen länger bei uns bleiben. Und jetzt kannst du deinen Freund anrufen, ich bringe dann den Lieferwagen zum Hinterausgang.«

Darina holte ihren Kalender aus der Tasche, fand die Nummer von Williams Onkel und nahm den Telefonhörer ab. Dabei dachte sie, dass Joshua ihr fast leidtat. Selbst Eve konnte doch wohl kaum erwarten, dass er ihr öfter als einmal in der Woche aus der Klemme half. Und was war bloß mit Claire passiert? Sie hoffte, dass es nichts Schlimmes war. Aber jetzt, im Krankenhaus und mit den entsprechenden Medikamenten würde sie sicher bald wieder gesundwerden.

»Hallo? Ich möchte bitte mit William Pigram sprechen.« Die Stimme des Mannes am anderen Ende sagte, dass er seinen Neffen holen werde. Während sie wartete, versuchte Darina, sich zu entspannen. Hoffentlich würde William ihre Absage nicht als eine Abfuhr missverstehen. Aber er verstand nicht nur, sondern hatte auch noch eine glänzende Idee: »Was Sie brauchen, ist noch ein Paar Hände. Wie wär’s, wenn ich auch mithelfe? Was muss ich anziehen, um als Butler aufzutreten?«

Auf diese Idee wäre Darina nie gekommen, und so stotterte sie verwirrt: »Eves Kellner tragen immer ein schwarzes Jackett, graugestreifte Hosen und eine graue Krawatte. Aber Sie können doch nicht, ich meine, haben Sie sowas denn schon mal, das heißt …«

»Sie können ganz beruhigt sein, ich habe in meinem Leben so viele Butler kennengelernt und war auf so vielen Dinnerpartys, dass ich weiß, was sich gehört. Und wie ist die Adresse?«

Darina fragte Jackie danach und nannte sie ihm. »Okay. Ich komme dorthin, sobald ich kann.« Nachdem er aufgelegt hatte, schüttelte sie lächelnd den Kopf. Dieser Mann war voller Überraschungen. Aber was würde Eve dazu sagen?

»Ich habe noch jemanden zur Verstärkung angeheuert«, erklärte sie, als sie Eve beim Lieferwagen traf.

»Großartig«, war ihr Kommentar. »Solange er seine Sache gut macht und nicht versucht, dich vor allen Leuten anzumachen, können wir seine Hilfe bestens gebrauchen.«

Kapitel 5

Dreißig Minuten später parkte William den Wagen vor einer stattlichen Villa in Highgate. Er trug jetzt ein Paar gestreifte Hosen, eine Smokingjacke und eine graue Krawatte, die er sich von seinem Onkel geliehen hatte. Hinter einem halbkreisförmigen Rasenstück in der Mitte der Auffahrt stand die schwere Eingangstür des Hauses weit offen, und alle Fenster waren hell erleuchtet. Von dieser Straßenseite aus gesehen wirkte es wie ein perfektes Puppenhaus mit antiken Möbeln und Kristalllüstern in Miniaturausführung. Aber es waren wirkliche Menschen, die man in den großen Empfangsräumen erkennen konnte und die auf weißverhangenen Tischen Flaschen und Gläser arrangierten, Aschenbecher verteilten und Stühle rückten.

William blieb ein paar Minuten im Wagen sitzen und registrierte automatisch jedes Detail, den gepflegten Zustand der Kiesauffahrt, die sorgfältig geschnittene Hecke, den klassischen Stil des Anstrichs, die schweren Vorhänge, und mit dem Verstand eines Polizisten kombinierte er, dass dies ein Haushalt mit viel Geld war. Wenn es um einen Fall gegangen wäre, hätte er sich die Frage gestellt, um wessen Geld es sich dabei handelte. Aber er war nicht wegen eines Verbrechens hier, und er wusste selbst nicht so genau, was er hier eigentlich tat. Er wollte nur Darina wiedersehen, und wenn dies die einzige Möglichkeit war, dann war er sogar bereit, dafür den Butler zu spielen. Es war ja schon schwierig genug gewesen, sie zu dem Mittagessen am letzten Sonntag zu überreden. Er hatte sich genau vorstellen können, wie sie aussehen würde, wenn sie ihm die Tür öffnete, mit einem wachsamen Blick aus ihren grauen Augen, gestrafften Schultern und einem höflichen Lächeln auf den Lippen. Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war der herzliche Ausdruck echter Wiedersehensfreude auf ihrem Gesicht, als er sie begrüßte.

Der Tag war dann schöner verlaufen, als er es sich in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte. Und er musste doch zugeben, dass seine Träume seit diesem seltsamen Wochenende im Abbey-Konferenzzentrum schon sehr kühn geworden waren. Seine Begegnung mit ihr war ihm unter die Haut gegangen, wie es ihm nur sehr selten passiert war, und dabei war er, was Beziehungen zu Frauen anbelangte, alles andere als unerfahren. Aber er hatte noch nie eine Frau getroffen, die eine solche Wirkung auf ihn hatte wie Darina. Sie weckte in ihm den Wunsch, hinter ihre kühle Fassade zu gelangen, ihre Seele zu berühren und das Feuer zu entfachen, von dem er wusste, dass es in ihrem schönen Körper schwelte.

In diesem Augenblick fuhr ein Lieferwagen an seinem Wagen vorbei, bog in die Auffahrt ein und hielt vor der geöffneten Haustür. Darina und eine sehr kleine, zierliche Frau mit einem blonden Lockenkopf stiegen aus, öffneten die hinteren Türen des Wagens, nahmen je eine mit Speisen beladene Platte heraus und verschwanden im Haus. Daraufhin stieg auch William aus, verschloss das Auto und ging die Einfahrt hinauf.

Um sieben Uhr näherte sich die Stimmung auf der Party ihrem Höhepunkt. William wickelte eine Damastserviette um den Hals einer Champagnerflasche und machte sich daran, die Gläser nachzufüllen, während die Barmixer Spirituosen und alkoholfreie Getränke ausschenkten. Letztere waren jedoch nicht allzu begehrt, sodass das Taxigewerbe auf ein einträgliches Geschäft hoffen konnte. Die Gäste waren offensichtlich reich, wenn auch eher neureich. Während William von Raum zu Raum ging, Champagner ausschenkte und fachmännisch die neue Flasche für die nächste Runde öffnete, nahm er die Gäste unauffällig in Augenschein.

Da gab es eine Gruppe aus der Halbwelt des Londoner East Ends, Männer mit harten Gesichtern in Savile-Row-Anzügen, mit diamantenen Krawattennadeln und schweren Siegelringen an den Fingern. Sie strahlten eine Aura von Selbstsicherheit und Kumpanei aus, die den Frauen an ihrer Seite, obwohl äußerst teuer gekleidet und frisiert, allerdings abging. Dann erkannte William ein paar Größen aus der Geschäftswelt, die sich mit gelangweilter Miene umsahen, deren rasiermesserscharfen Blicken aber nichts, entging. Die Frauen an ihren Seiten trugen sündteure Designerkleider. Sie standen in einer Gruppe beisammen und tauschten die neuesten Gerüchte über eine Baisse am Aktienmarkt und eine kommende Geldentwertung aus. Einen weiteren Kreis von Gästen klassifizierte er als die Highgate-Intellektuellen, deren Kleidung nicht ganz so schick und deren Konversation nicht ganz so gescheit war, wie man es von denen in der City kannte, die aber einen schier unstillbaren Appetit für die kleinen Schnittchen zeigten, die von Eve und ihren Mitarbeiterinnen herumgereicht wurden. Und schließlich bemerkte William mehrere Männer und Frauen in teurer, aber dezenter Abendkleidung und mit exzellenten Manieren, bei denen es sich, wie er aus den Gesprächsfetzen schloss, um Hoteliers und Restaurantbesitzer handelte.

»Haben wir noch genügend Champagner?«, fragte ihn die Gastgeberin, die an seine Seite getreten war.

»Bei so viel Großzügigkeit des Hauses steht nicht zu befürchten, dass die Vorräte vor Mitternacht zur Neige gehen.« William füllte ihr Champagnerglas mit einem Ausdruck höflicher Aufmerksamkeit, jeder Zoll der perfekte Butler.

Sie warf ihm einen halb amüsierten und halb distanzierten Blick zu und antwortete: »Achten Sie bitte darauf, dass kein Engpass entsteht, und sagen Sie mir um Mitternacht Bescheid.«

William sah ihr nach, wie sie durch den Raum ging, ein paar freundliche Worte mit jemandem wechselte, einen Gast in eine Gruppe einführte, gelangweilte Frauen rettete und Neuankömmlinge begrüßte. Sie war etwa Anfang vierzig, ein bisschen mollig, mit leicht vorstehenden, blassblauen Augen, einem wunderbaren Teint und ausdrucksstarken Gesichtszügen. Unter ihrem sanft schwingenden Kleid aus dunkelblauem Crêpe de Chine von unaufdringlicher Eleganz zeichnete sich ein sinnlicher Körper ab. In ihren Bewegungen lag diese selbstverständliche Sicherheit, die man nicht erlernen kann, sondern die man mit einer privilegierten Herkunft in die Wiege gelegt bekommt.

Diese Herkunft spiegelte sich auch in der Ausstattung ihres Hauses wider, bei der mit unfehlbarem Gespür für Stil eine Unsumme von Geld ausgegeben worden war, ohne dass es sich dabei um den Stil eines Innenarchitekten handelte. Da gab es weder ein gewollt kunstvoll arrangiertes Miteinander von Dekor und Möbeln noch wirkten die ungemein kostbaren Einrichtungsgegenstände auch nur im geringsten protzig. Dieses Haus war ein Heim, in dem man sich wohlfühlte.

Während er die nächste Flasche Champagner holte, merkte er, dass ihm seine Rolle als Butler Spaß machte. Das einzige, was ihm nicht gefiel, war, dass es beinahe unmöglich schien, von Darina auch nur einen Blick zu erhaschen. Er schaute sich suchend unter den schwarzgekleideten Serviererinnen mit weißen, spitzenbesetzten Schürzen um, die mit ihren Silbertabletts herumgingen und Canapés reichten, aber keine von ihnen war beinahe ein Meter achtzig groß und trug ihr langes, honigblondes Haar zu einem Zopf gebunden.

Er entsorgte die leeren Flaschen, nahm sich ein Tablett und machte erneut die Runde. Da sich die Räume ein wenig leerten, begann William mit dem Einsammeln der abgestellten Gläser und begab sich in die Küche.

Dort geriet er in eine Art organisiertes Chaos, mit Darina im Mittelpunkt, die, assistiert von einem erschöpft wirkenden jungen Mädchen, Speisen frittierte, aufwärmte und anrichtete, den hin und her eilenden Serviererinnen leere Tabletts abnahm und sie mit frisch beladenen versorgte. Dabei machte sie einen erstaunlich frischen und munteren Eindruck, ihr Gesicht war gerötet, aber konzentriert, ihre Augen leuchteten, und ihr schneeweißer Overall sah aus, als habe sie ihn gerade eben angezogen.

William verspürte den dringenden Wunsch, sie auf die kleine Stelle am Hals zu küssen, die entblößt wurde, als sie sich über ein Backblech mit Hühnerbrustspießchen beugte, das sie gerade aus dem Ofen genommen hatte. Aber er hielt sich zurück, wohl wissend, dass das weder der rechte Ort noch die rechte Zeit für solche Zärtlichkeiten war.

»Gut, Emily, das sind die letzten – bitte leg sie auf die Tabletts.«

Sie ging zu dem zweiten Ofen, entnahm ihm eine große Kasserolle, prüfte ihren brutzelnden Inhalt, bevor sie sie wieder in den Ofen schob, und sah nach den Folienkartoffeln.

William stellte vorsichtig sein Tablett auf einen Tisch und fing an, die Gläser abzuräumen.

»Sieht aus, als wollten die meisten über Nacht bleiben, und da wird der Champagner vielleicht doch etwas knapp.«

Darina wischte sich mit dem Handrücken über die erhitzte Stirn. »Sie meinen, die Leute gehen immer noch nicht? Wir hatten gehofft, dass wir bald das warme Essen servieren könnten.«

»Essen? Um Himmels willen, hoffentlich habt ihr genug für die Meute da draußen. Die Reihen haben sich zwar etwas gelichtet, aber nicht sehr.«

»Keine Panik«, rief Eve, die mit weiteren schmutzigen Gläsern in die Küche kam. »Ich weiß nicht, wie Monica das geschafft hat, aber es spricht sich gerade herum, dass die Cocktailparty vorbei ist.« Und dann sagte sie zu den beiden Serviererinnen, die in die Küche gekommen waren, um Nachschub zu holen: »Nein, bringen Sie keine Snacks mehr hinein, das würde die Gäste nur verwirren. Fangen Sie lieber damit an, die Gläser zu spülen. Allerdings könnten Sie noch ein Tablett mit Canapés in den Familiensalon bringen – Ralph empfängt dort seine speziellen Gäste. Und Sie«, dabei sah sie William tief in die Augen, »waren einfach großartig. Können Sie noch bis zum Schluss bleiben? Dann könnte ich nämlich die beiden Barmixer jetzt nach Hause schicken.«

»Aber Eve«, protestierte Darina, »William hat doch wirklich schon genug getan.«

Er sah sie entzückt an. Der Ärger ließ ihre Wangen noch röter werden und die grauen Augen funkeln. Aber er schlug ihr Angebot aus.

»Unsinn, ich bleibe gerne. So, und jetzt werde ich diese Gläser spülen.« Er hatte nämlich nicht die geringste Lust, sich wieder in die Empfangsräume schicken zu lassen, während Darina in der Küche bleiben musste.

Eve lachte entzückt. »Er ist wirklich süß. Wo hast du bloß diesen phantastischen Mann gefunden, Darina?« Sie warf William einen koketten Blick zu, nahm ein leeres Tablett und verschwand.

William sah ihr nach und meinte zu Darina: »Und wo haben Sie die gefunden? Ich hätte nicht gedacht, dass so jemand Ihr Typ ist.«

»Wir haben zusammen unsere Kochausbildung gemacht. Eve ist eine großartige Geschäftsfrau, und es macht mir Spaß, bei ihr zu arbeiten.«

William dachte gerade, dass er selten eine so hübsche Nase gesehen hatte, wie die Darinas, als jemand rief: »Wo zum Teufel ist Claire?« Die Küche wurde plötzlich beherrscht von einem großen und stämmigen Mann, den er vorhin beobachtet hatte, wie er die Gruppe von Hoteliers und Restaurantbesitzern nach Gutsherrenart unterhalten hatte. Er kam offensichtlich ebenfalls aus dem East End, aber von seiner jovialen Art war nun nichts mehr zu merken. Sein schweres, kantiges Gesicht wirkte wie aus Stein gehauen, seine braunen Augen blickten mehr prüfend als freundlich, und sein Mund war eine gerade Linie, die keinerlei Gefühlsregung verriet. Sein schwarzschimmerndes Haar berührte fast den Kragen seines gutgeschnittenen, aber recht konventionellen Anzugs, und in seiner linken Hand hielt er eine große Zigarre.

Auf den ersten Blick schien er ein unpassender Partner für die elegante Monica zu sein, aber dann erkannte William, dass beide die gleiche Lebensgier ausstrahlten, die so aphrodisisch wirkte wie Moschusextrakt. Er fragte sich, was Ralph, der etwas von einem Abenteurer oder Spekulanten hatte, beruflich tat.

»Ich hab‘ sie den ganzen Abend gesucht, und jetzt dachte ich mir, sie hat sich sicher in der Küche versteckt.« Er blieb in der Türfüllung stehen, paffte an seiner Zigarre und ließ seine Blicke durch die Küche schießen, als könne er Claire damit zwingen, hinter dem Kühlschrank hervorzukommen.

»Sie ist krank«, erklärte Darina, die gerade dabei war, den Salat in zwei große Schüsseln zu verteilen.

Der Gastgeber ließ die Zigarre sinken und fragte mit echter Besorgnis in der Stimme: »Was hat sie denn?«

»Wir wissen es nicht. Jedenfalls hatte sie eine Magen-Darm-Grippe und konnte am Montag nicht arbeiten. Dann kam sie gestern Morgen, musste aber bald wieder nach Hause gehen. Anscheinend ist sie dann heute Nachmittag in ihrer Wohnung zusammengebrochen und musste ins Krankenhaus gebracht werden.«

»Ist das wahr, Eve?«

Eve war gerade mit einem Tablett voller Gläser in die Küche gekommen. William, der begonnen hatte, die ersten Gläser abzutrocknen, sah, wie ihre Augen einen Moment lang wütend aufblitzten, bevor sie ganz ruhig antwortete: »Leider ja, Ralph. Wenn du nichts dagegen hast, rufe ich nachher mal bei Joshua an. Jo wollte sich bei ihm melden, um ihm zu sagen, wie es steht.«

»Natürlich habe ich nichts dagegen, das weißt du doch. Und sag mir bitte Bescheid, wenn du etwas Neues erfahren hast.« Zwei steile Falten über der Nasenwurzel zogen seine buschigen Augenbrauen zusammen. Dann drehte er sich abrupt um und verließ die Küche.

»Ich hatte gehofft, dass keiner von beiden Claires Abwesenheit bemerken würde«, seufzte Eve.

Darina goss das Dressing für den Salat in eine gläserne Schale und sagte: »Ich wusste gar nicht, dass sie sich so gut kennen.«

»Ralph und Monica sind gute Freunde von uns. Wir beziehen unsere Früchte und Gemüse über seinen Großhandel in Covent Garden, und sie waren natürlich zu unserem Jubiläumsessen am letzten Sonntag eingeladen.« Mit diesen Worten stolzierte Eve aus der Küche wie eine Schauspielerin nach einem besonders dramatischen Auftritt.

William trocknete nachdenklich die Gläser ab. Einige Zeit später stand er wieder vor dem Spülbecken. Das Essen war ein Erfolg gewesen. Er hatte zwei große Tische aufgestellt und sie mit zartgelben, bodenlangen Tischtüchern verhüllt. Dann hatte Eve sie mit Geschirr, Besteck, Kristallgläsern und blauen Damastservietten gedeckt. Aus dem Lieferwagen des Wooden Spoon wurden gelb-blaue Blumenarrangements sowie vergoldete Stühle mit gelben und blauen Kissen geholt. Das Ganze wirkte am Ende bezaubernd frisch und stilvoll, obwohl er sich fragte, ob es nicht einfacher gewesen wäre, den großen, hufeisenförmigen antiken Esstisch zusammenzubauen, dessen Einzelteile ihm in einem der hinteren Korridore aufgefallen waren, statt diese zusätzlichen Möbel für einen zweifellos exorbitanten Preis zu mieten. Aber das ging ihn schließlich nichts an.

Nachdem alles aufgebaut war, hatte er geholfen, die Speisen hereinzutragen, von denen ihm besonders die großen Glasplatten mit einem phantastischen Arrangement aus Früchten und Apfelstrudel gefielen. Danach waren die Serviererinnen verschwunden, und Eve hatte den Gästen am Büffet selbst aufgelegt, während er die Gläser mit einem ausgezeichneten Burgunder füllte. Die Gäste kannten sich eher flüchtig als gut, und William bewunderte die Mühelosigkeit, mit der Monica das Gespräch an ihrem Tisch lenkte, indem sie elegant das Thema wechselte, sobald sich auch nur das geringste Anzeichen von Spannung oder Langeweile bemerkbar machte. Am anderen Tisch dagegen verbreitete Ralph eine etwas lautere und lockerere Form von Geselligkeit, wobei er durchaus darauf achtete, dass niemand außer ihm für längere Zeit das Tischgespräch beherrschte.

Nachdem der Kaffee serviert und der Portwein ausgeschenkt waren, deutete Ralph an, dass William nun gehen könne. Diesem war aufgefallen, dass die Aufmerksamkeit des Gastgebers inzwischen merklich nachgelassen hatte. In diesem Augenblick starrte er geistesabwesend auf seinen Teller, während neben ihm ein gutgelaunter Mann, offenbar der Geschäftsführer eines der größten Londoner Hotels, in waschechtem Cockney schlüpfrige Anekdoten zum Besten gab. William zog sich dankbar zurück.

In der Küche hatten Darina und Eve inzwischen etwas Ordnung in das Chaos gebracht. Die Essensreste waren in die Kühlschränke geräumt und die Platten und Kochutensilien in den Lieferwagen geladen worden. Alles, was jetzt noch zu tun blieb, war, die Stapel von schmutzigem Geschirr zu spülen, die auf den gefliesten Arbeitsflächen standen.

William zog sein Jackett aus, lockerte die Krawatte und rollte die Ärmel seines Seidenhemds auf. Dann trat er zum Spülbecken, schob Darina sanft zur Seite und tauchte seine Hände in das Abwaschwasser. Das Trio war zu müde, um mehr als das Notwendigste zu reden. Falls William gehofft hatte, dass sein Auftritt als Butler eine gute Möglichkeit sei, Darina besser kennenzulernen, konnte der Abend als Misserfolg betrachtet werden, und doch spürte er, wie sich in der Zusammenarbeit die Freundschaft, die sich seit dem Mittagessen am Sonntag zwischen ihnen entwickelt hatte, vertiefte, denn sie gab sich in seiner Gesellschaft nun vollkommen entspannt und gelöst.

Monica kam in die Küche, so lebhaft wie zu Beginn des Abends, und rief aus: »Ein Triumph, meine liebe Eve, jeder hat gesagt, wie phantastisch das Essen war.

Und der Rindsbraten in Burgunder war der beste, den ich je gegessen habe.« William sah, wie Darina stolz lächelte. »Alles in allem war es wirklich ein glänzender Erfolg, und Ralph ist auch ganz begeistert.«

»Oh danke, Monica. Können wir dann das Essen abräumen?«, fragte Eve und glättete ihre Schürze über ihrem kniekurzen, schwarzen Kleid.

»Gleich, Ralph verabschiedet gerade die letzten Gäste. Haben Sie eigentlich alle etwas gegessen?«

Mit einem leichten Schreck kam es William zu Bewusstsein, dass er nichts mehr gegessen hatte, seit dem Sandwich, das ihm seine Tante in die Hand gedrückt hatte, als er am Nachmittag aufgebrochen war. Dabei hatte sie gesagt: »Du isst das jetzt, mein Junge, ich weiß, was ein Kellner an solch einem Abend durchstehen muss.« Anscheinend hatte sie keine Ahnung, was Polizisten nur allzu oft durchstehen müssen.

Darina sah William schuldbewusst an. »Sie müssen doch umkommen vor Hunger.«

»Mein Lieber«, warf Monica ein, »es ist noch genug von dem Büffet übrig, ich bitte Sie, bedienen Sie sich.«

Ralphs massige Gestalt trat in die Tür. »Wie geht es Claire?«

»Claire? Was ist mit ihr? Ich habe mich schon gewundert, warum sie nicht hier ist.« Monicas blaue Augen traten noch etwas stärker hervor.

»Sie ist im Krankenhaus. Eve, hast du Joshua angerufen und gefragt, ob es etwas Neues gibt?«

Eve legte das Küchenhandtuch beiseite und wischte sich mit dem Unterarm über das Gesicht. Sie sah plötzlich todmüde aus. »Ja, hab‘ ich. Sie ist immer noch im Krankenhaus. Die Ärzte wissen nicht, was es ist, sie liegt im Koma. Joshua wollte zu ihr fahren, aber ich sagte ihm, er könne jetzt gar nichts für sie tun.«

Monica ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. Ralph zerdrückte den Rest seiner Zigarre auf einem schmutzigen Teller und lehnte sich gegen eine Anrichte aus poliertem Holz. Dann sagte er zu Eve: »Jetzt erzähl mir nochmal ganz genau, wann sie krank wurde und wie es ihr ging, bevor sie zusammengebrochen ist.«

Eve schilderte ihm Claires Symptome. Darina nahm die sauberen Gläser und verpackte sie vorsichtig in große Schachteln. William trocknete den letzten Teller ab und blieb am Spülbecken stehen. Er spürte, wie eine böse Vorahnung die Anwesenden erfasste. In dem Raum entstand eine beinahe unerträgliche Spannung.

Ralph vergrub die Hände tief in den Hosentaschen und betrachtete nachdenklich seine auf Hochglanz polierten Schuhspitzen. Sein Gesicht war völlig undurchdringlich.

Niemand sagte etwas, als Eve mit ihrem Bericht geendet hatte.

»Was ist los, Ralph?«, fragte sie dann, und ihre Stimme klang ungewöhnlich weich und flehend.

Monica sah zu ihrem Mann auf. »Ja, Liebling, was ist los? Wovor hast du Angst?«

William fand ihre Wortwahl bemerkenswert.

Ralph hob den Kopf. »Das alles klingt schrecklich nach einer Amanita-Phalloides-Vergiftung.«

»Amanita – was?«, fragte Eve mit weit aufgerissenen Augen.

»Phalloides, der Grüne Knollenblätterpilz.«

Monica schnappte nach Luft. »Aber du hast doch am Samstag gesagt …« Sie ließ den Satz unvollendet.

Ralph sah seine Frau traurig an. »Ich weiß, und so wie Eve die Symptome beschrieben hat, glaube ich nicht, dass Claire große Chancen hat zu überleben – jetzt nicht mehr.«

Kapitel 6

Darina verbrachte den nächsten Vormittag damit, ein kompliziertes Menü für eine Vorstandssitzung vorzubereiten. Jo war noch immer bei Claire im Krankenhaus, und während Darina mit Emily die Platten und Kochutensilien der letzten Nacht einräumte und das Essen zubereitete, musste sie immerzu an Claire denken.

Sie waren gestern sehr schweigsam gewesen, während sie den Lieferwagen beluden und zurück nach Marylebone fuhren, wo sie alles ausluden und in der Küche stapelten.

»Ich kann nicht mehr«, stieß Eve hervor, als sie die letzten Töpfe und Pfannen hereingebracht hatten. Aus ihrem Gesicht war jede Farbe und Lebendigkeit gewichen, es hatte viel von seiner eigenartigen Anziehungskraft verloren. Mit ihren Korkenzieherlocken wirkte sie jetzt beinahe wie eine Marionette, die kraftlos an den Fäden hing. »Ich weiß gar nicht, wie ich das Kenneth morgen beibringen soll, er hat Claire so gern.« Sie ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen.

»Wer ist Kenneth?«, fragte Darina.

»Er ist Fotograf, du hast ihn am Samstag kennengelernt – er hat auch an der Pilzwanderung teilgenommen. Er arbeitet gerade an einer Videoserie für den Fernsehsender Channel 4, die mich und Claire bei der Zubereitung verschiedener vegetarischer Gerichte zeigt. Er kommt morgen, um noch einige Aufnahmen in der Vorführküche zu machen.« Eve brach abrupt ab, als habe ihr jemand den Strom abgedreht. Nicht einmal der Gedanke an eine mögliche Fernsehkarriere konnte sie mehr in Schwung bringen.

William ignorierte Eves halbherzigen Vorschlag, ein Taxi zu nehmen, und brachte die beiden Frauen nach Hause. Eve und Joshua bewohnten in Putney die Hälfte eines schönen viktorianischen Hauses mit Stuckverzierungen an der Fassade. Als der Wagen hielt, blieb sie zunächst regungslos sitzen. »Na gut, ich schätze, das war’s«, meinte sie schließlich und schälte sich mühsam hinter dem Sitz, den William nach vorne geklappt hatte, hervor, um aus dem Wagen zu steigen. Dann drehte sie sich um und winkte Darina kurz zu, bevor sie, begleitet von William, über den Steinpfad durch den Vorgarten ging.

Als sie die Haustür erreicht hatten, griff Eve nach ihrer Handtasche, realisierte dann, dass sie nicht über der Schulter hing, sah sich hilflos um und drückte schließlich auf die Klingel. Darina schaute suchend nach hinten, sah Eves große Tasche auf dem Boden liegen, nahm sie und ging damit zum Haus. Wenige Sekunden später öffnete Joshua die Tür.

»Oh, Liebling«, brach es aus Eve hervor, und es klang wie das Wimmern eines Kindes, das von Ereignissen und Gefühlen überwältigt wird, die es nicht begreift. Dann sank sie in seine Arme.

Joshua hielt sie fest und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. Darina bemerkte, wie sich seine wachsame, ironische Miene seit gestern Abend verändert hatte. Jetzt wirkte sein Gesicht verwüstet, seine Augen lagen in tiefen Höhlen, und die Bartstoppeln ließen seine Haut wächsern und krank aussehen.

William schloss leise die Tür und entzog damit die beiden Gestalten, die sich in ihrem gemeinsamen Schmerz eng umschlungen hielten, ihren Blicken.

Während er Darina nach Chelsea fuhr, erzählte sie ihm das Wenige, das sie von Claire wusste. »Sie ist einer der wenigen Menschen, die man sofort mag und zu denen man sofort Vertrauen hat. Und eine der Frauen, die eine wunderbare Ehefrau und Mutter abgeben. Es ist unfassbar, dass sie jetzt im Krankenhaus liegt und qualvoll sterben muss.«

»Ich dachte, Eve hätte gesagt, sie läge im Koma«, warf William nüchtern ein.

»Himmel nochmal, dass ihr Polizisten immer jedes Wort auf die Goldwaage legen müsst! Sie wissen doch genau, was ich meine.«

»Ja«, sagte er weich, »und ich finde es auch ganz furchtbar. Und das alles nur, weil jemand beim Sortieren der Pilze nachlässig war.«

Er hielt einen Moment lang inne und überlegte, ob er über die Putney Bridge fahren sollte. Dann sagte er: »Ich nehme doch an, es war Nachlässigkeit?«

»Was meinen Sie denn damit?« In Darinas Stimme lagen Bestürzung und eine Spur Angriffslust.

»Nichts weiter, nur, dass ich es komisch finde, dass niemand außer Claire irgendwelche Symptome gezeigt hat. Ich hätte gedacht, wenn man alle Pilze zusammen kocht, wäre damit das ganze Gericht vergiftet. Wissen Sie, wie die Pilze zubereitet wurden?«

Darina überlegte. »Eve sagte am Samstag, sie wolle die Pilze für das Festessen sautieren, dann mit einer leichten Walnuss-Vinaigrette anmachen und mit einer Beilage aus warmer Hühnerleber in Madeira und einem kleinen gemischten Salat kalt servieren.«

»Hat sie Ihnen vielleicht auch noch das Rezept gegeben?«, fragte William sarkastisch.

Darina seufzte. »Jeder, der am Samstag eingeladen war, interessiert sich für das Kochen und Essen, und wir wollten alle ganz genau wissen, was sie mit den Pilzen vorhatte. Also haben wir sie gefragt, und sie hat es uns erzählt. Dass sie dabei ins Detail ging, fanden wir keineswegs seltsam.«

William warf ihr einen liebevollen Blick zu. »Stimmt, ich sehe ein, dass es für passionierte Esser ganz normal ist. Aber falls Claire nun stirbt, und davon dürfen wir nicht ausgehen, nur weil Ralph Cox es gesagt hat, dann wird es eine gerichtliche Untersuchung geben.«

»Wieso eine Untersuchung?«

»Weil es kein natürlicher Tod wäre«, erklärte er geduldig. »Wahrscheinlich nur eine Routinesache, aber es müsste gemacht werden.«

»Claire ist noch nicht einmal tot, und Sie denken schon an die Untersuchung«, erwiderte Darina ärgerlich. »Dabei ist noch nicht einmal sicher, dass es sich wirklich um eine Pilzvergiftung handelt – von diesem Amanita, oder wie das entsetzliche Ding heißt.«

»Phalloides. Haben Sie nicht Ralphs Gesicht gesehen, als

Eve die Symptome beschrieben hat? Er sah aus, als würde sich vor seinen Augen Dantes Inferno auftun. Ich hoffe für ihn und alle anderen, dass es keine Pilzvergiftung war, aber ich würde keine Wette darauf abschließen.«

»Denken Sie denn etwa, dass Claire absichtlich vergiftet wurde?«

»Moment mal, alles, was ich gesagt habe, war, dass ich mich darüber wundere, dass niemand außer ihr nach dem Essen krank geworden ist.«

»Das wissen wir nicht.«

»Wie viele Gäste waren eigentlich eingeladen?«

»Ungefähr vierzig, glaube ich. Monica und Ralph waren ebenfalls da, und sie sahen heute Abend ziemlich gesund aus. Dann war natürlich noch Joshua dabei und der Fotograf. Er hat seinen morgigen Termin nicht abgesagt, also ist er offensichtlich auch nicht krank. Von den übrigen weiß ich es nicht, aber sie hätten doch sicher angerufen, wenn sie an einer Lebensmittelvergiftung erkrankt wären.«

»Hat Claire nicht geglaubt, sie hätte eine Magen-Darm-Grippe?«

»Sie meinen, dann würde jemand anderes das auch denken?«

»Es wäre möglich. Obwohl ich, wenn ich mich nach dem Genuss wildwachsender Pilze schlecht fühlen würde, doch sofort an eine Vergiftung denken würde. Ich wundere mich nur, dass Claire offensichtlich nicht so reagiert hat. Anscheinend hat sie Ralphs Sachkenntnis bedingungslos vertraut.«

»Ja, das würde zu ihr passen. Ich nehme an, die Polizei müsste alle Gäste überprüfen. Um Gottes willen, glauben Sie, dass noch mehr Leute im Sterben liegen?«

»Wer weiß? Das kommt wohl darauf an, wie viele giftige Pilze ins Essen geraten sind. Wenn es nur einer war, dann breitet sich das Gift vielleicht nicht so aus und wäre in anderen Portionen nicht tödlich. Aber falls sich herausstellt, dass Claire als einzige erkrankt ist, dann muss dieser Fall untersucht werden.«

Da sprach der Polizist in ihm. Darina blieb für den Rest der Fahrt schweigsam. »Es tut mir so leid«, sagte sie schließlich, als er den Wagen vor ihrem Haus anhielt. »Sie waren so fabelhaft, und dabei muss es für Sie ein schrecklicher Abend gewesen sein.«

»Er war nicht ganz so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, aber alles andere als schrecklich. Und sehen Sie mal, was Eve mir zum Dank geschenkt hat.« Er griff unter seinen Sitz und zog eine Flasche Champagner hervor. »Sogar zwei Flaschen.«

»Gütiger Himmel!«

Das Licht der Straßenlaterne fing sich in seinen silbrig-grauen Augen. »Wahrscheinlich wusste sie nicht, welchen Lohn sie mir für meine Arbeit geben sollte, und das war eine praktische Lösung. Außerdem ist es ein hervorragender Champagner – das ist mir mehr wert als Geld. Ich hoffe nur, dass Ralph den Bestand nicht allzu genau nachhält. Es ist zwar jetzt kaum der richtige Moment, um miteinander eine Flasche Champagner zu trinken, aber ich würde Sie sehr gerne wiedersehen, bevor ich am Sonntag nach Somerset zurückfahre.«

Darina antwortete: »Das würde ich auch gerne, aber ich habe keine Ahnung, ob ich mich in dieser Woche noch einen Abend freimachen kann. Es sieht so aus, als müsste ich Eve länger aushelfen, als ich dachte. Kann ich Sie anrufen?«

»Natürlich. Und jetzt lasse ich Sie gehen, Sie müssen völlig übermüdet sein.«

William nahm ihren Schlüssel, schloss die Haustür auf, drehte das Licht an, gab ihr einen Kuss auf die Wange und ging. Als Darina wenig später im Bett lag und die Augen schloss, kreisten tausend Gedanken durch ihren Kopf. Gedanken um Claire, um giftige Pilze und um William. Tausend Fragen und keine einzige Antwort.

Darina musste das Mittagessen, das sie für die Direktoren vorbereitet hatte, in die Vorstandsetage der Firma bringen, wo sie es in der bestens ausgestatteten Küche arrangierte und anschließend servierte. Als sie zum Wooden Spoon zurückkam, war es drei Uhr. Die Catering-Küche war leer und aufgeräumt.

Darina ging ins Büro. Sie sah, dass Jackie geweint hatte, ihre Augen waren rot und geschwollen. Sie war über eine Seite in der Schreibmaschine gebeugt und pinselte Tipp-Ex auf das Papier. Darina setzte sich schnell auf einen Stuhl und begann: »Hast du etwas Neues gehört von …«, aber sie konnte nicht weitersprechen.

Jackie gab ein würgendes Geräusch von sich, das wie eine Mischung aus Schluchzen und Schluckauf klang, und sagte dann: »Sie ist tot. Jo hat vor einer Weile angerufen.«

»Oh mein Gott. Wo ist Eve?«

»Bei Ken in der Vorführküche.« Jackie schluchzte auf, und eine große Träne fiel auf die Tasten ihrer Schreibmaschine.

In der Küche sah es aus wie bei einem Erntedankfest. Auf den Arbeitsflächen lagen rotglänzende Tomaten, Maiskolben, an deren goldgelben Körnern, die von ihrer grünen Umhüllung befreit worden waren, silbrige Fädchen schimmerten, schlanke Zucchini, zarte Blumenkohlröschen, leuchtend grüne, gelbe und rote Paprikaschoten, tiefviolette Auberginen, orange und gelbe Kürbisse mit knotigen Verwachsungen und Zwiebeln, deren Häute hell- und dunkelbraun gestreift waren. Auf der Demonstrationsfläche lag halbfertig geschnittenes Gemüse, und in dem großen, hängenden Spiegel sah man mehrere Pfannen, die auf dem Herd standen und Ratatouille in verschiedenen Stadien der Zubereitung enthielten. Vor der Demonstrationsfläche stand eine Videokamera auf einem Stativ.

Einen Moment lang glaubte Darina, sie sei allein, bis sie auf einem Stuhl in der Ecke des Raumes einen Mann ausmachen konnte, der vornübergebeugt, den Kopf auf den verschränkten Armen, an einer der Arbeitsplatten saß. Neben ihm, den Arm um seine Schultern gelegt, saß Eve. Sie sah zwar sehr abgespannt aus, doch ihr Gesicht zeigte keine Regung. Sie hob den Kopf und blickte zu Darina. »Hast du’s schon gehört?«

Darina nickte. »Es tut mir so leid. Kann ich irgendetwas tun?«

Eve antwortete: »Ich weiß gar nicht mehr, was zu tun ist. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen.«

Der Mann hob sein vom Weinen geschwollenes Gesicht und drehte sich um. »Ich kann es nicht glauben. Ich wusste nicht einmal, dass sie überhaupt krank war. Warum hat mir niemand etwas gesagt?« Er zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich die Tränen aus den Augen.

»Aber Ken, wir dachten doch alle, es sei nur eine Grippe.« Eve saß mit gesenktem Kopf auf ihrem Stuhl und flocht ihre Finger ineinander.

»Während des Festessens war sie noch so fröhlich. Wir haben viel gelacht. Wenn ich daran denke, dass ich sie da zum letzten Mal gesehen habe. Sie hätte doch neben mir sitzen sollen. Warum hast du die Sitzordnung eigentlich geändert?«, fragte er wehklagend.

Eve legte eine Hand auf sein Knie. »Es tut mir leid, Ken, aber es war Claire, die vorgeschlagen hatte, die Plätze zu tauschen. Ich glaube …« Sie zögerte, strich mit einem Finger über sein Knie und ließ die Hand auf seinem Oberschenkel liegen. »Sie dachte, wir hätten uns gestritten, und das sei eine gute Gelegenheit, um uns wieder zu versöhnen. Dabei habe ich gesagt«, sie schaute zu Darina, »dass es kein Streit war, sondern nur eine Meinungsverschiedenheit. Aber sie meinte trotzdem, es sei eine gute Idee, wenn wir nebeneinander sitzen. Und wir haben uns doch wirklich bestens unterhalten, oder?«

Aber Kenneth schien sie gar nicht zu hören. Er knetete das Taschentuch mit seinen kurzen Fingern, während sich sein Gesicht schmerzhaft verzerrte bei dem Versuch, die Tränen zurückzuhalten. Sein schütter werdendes, hellbraunes Haar war zu einem Zopf gebunden. Er trug eine Lederjacke, darunter ein T-Shirt und Jeans. Seine Kleidung wirkte zwar lässig, aber teuer wie auch die Designer-Turnschuhe. Darina erinnerte sich, dass sie ihn tatsächlich auf dem Picknick am Samstag gesehen hatte. Er war einer der ruhigeren Teilnehmer gewesen, hatte sich meistens ein wenig abseits von den anderen gehalten und gelegentlich ein paar Fotos gemacht. Nachdem Claire geholfen hatte, das Essen zu servieren, hatte sie sich neben ihn gesetzt, und die beiden hatten sich mit der lockeren Selbstverständlichkeit guter Freunde unterhalten.

Eve rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. »Ich muss hier raus. Kommt, ich glaube, wir können alle einen Drink gebrauchen.« Als sie sich erhob, betrat eine hochgewachsene, junge Frau mit dunklen, kurzen Locken die Küche.

»Jo, Liebling!« Eve rannte ihr entgegen.

Nach dem Telefonat vom Vortag erwartete Darina eine ablehnende Reaktion von Jo, aber stattdessen ließ sie sich von Eve, die ihre Hände ergriffen hatte, zu einem Stuhl führen.

»Wie schrecklich das alles für dich gewesen sein muss. Hast du überhaupt geschlafen oder etwas gegessen? Kann ich dir irgendetwas bringen?«

Jo schüttelte nur den Kopf. Unter ihren Augen, deren Lider rot und geschwollen waren, lagen tiefe Ringe. Sie hob das Gesicht und sah Eve an. »Warum, um alles in der Welt, ist denn keiner von euch auf die Idee gekommen, dass es eine Pilzvergiftung sein könnte? Die Ärzte meinten, wenn sie behandelt worden wäre, sobald die Symptome auftraten, hätte man sie wahrscheinlich retten können.«

Eve schlug die Augen nieder. »Sie war einfach überzeugt davon, dass sie eine Magen-Darm-Grippe hatte, und ich weiß selbst, wie beschissen es einem dabei geht.«

»Und dir ist nie in den Sinn gekommen, dass Ralph auch mal einen Fehler machen könnte?« In Jos Stimme schwang Verachtung für so viel Vertrauensseligkeit.

»Du weißt doch selbst, wie oft er diese Pilzwanderungen gemacht hat. Er ist ein absoluter Experte auf diesem Gebiet, und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ihm so etwas passiert wäre. Und für ihn ist es unvorstellbar, dass jemand einen Pilz einsammeln könnte, den er nicht einmal näher angesehen hat. Du hättest mal seinen Vortrag darüber hören sollen.«

Jo lehnte sich gegen die Stuhllehne und schloss die Augen. »Ich habe ihn vom Krankenhaus aus angerufen. Er sollte der erste sein, der erfährt, dass er sie umgebracht hat.«

Eve keuchte: »Jo, das hast du nicht getan!«

»Oh doch, das hat sie.« Ralph hatte unbemerkt die Küche betreten und stand jetzt ganz ruhig neben einer Gemüsekiste. Monica war hinter ihm stehengeblieben. Ihr abgespanntes Gesicht war ungeschminkt.

»Wir mussten einfach herkommen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr uns das Ganze mitnimmt«, sagte sie.

»Es stimmt also, sie ist an einer Amanita-Phalloides-Vergiftung gestorben?«, fragte Ralph.

Jo wandte ihm ihr blasses Gesicht zu und sagte mit einer Stimme, die nicht mehr feindselig, sondern nur noch müde war: »Als ich dem Arzt sagte, sie habe wildwachsende Pilze gegessen, meinte er, die Symptome seien klassisch. Sie machen jetzt noch alle möglichen Tests, aber sie sind ziemlich sicher, dass es eine Pilzvergiftung war.«

Monica umklammerte den Arm ihres Mannes. All ihre souveräne Gelassenheit war verschwunden. Auch in Ralphs Gesicht zeigten sich die Spuren der letzten Stunden. Als er sprach, war seine Stimme rau und sein Cockney-Akzent stärker als sonst. »Keiner von den Pilzen, die ich überprüft habe, war giftig, und nachdem ich den einen zerstört hatte, habe ich auch keinen weiteren Grünen Knollenblätterpilz mehr gesehen. Dabei ist er unschwer zu erkennen. Ihr erinnert euch doch sicher, wie ich allen die beutelförmige Verwachsung am unteren Ende des Stiels, die weißlichen Lamellen und den grüngelben Hut gezeigt habe? Himmel nochmal, ich hab‘ mich fast mein ganzes Leben lang mit Pilzen beschäftigt, und es ist schlichtweg unmöglich, dass mir so ein Fehler unterläuft.«

Jo öffnete den Mund und schloss ihn gleich wieder, als sei es ihr zu anstrengend, etwas darauf zu erwidern.

In diesem Augenblick öffnete sich hinter Ralph und Monica die Tür, und Joshua betrat zusammen mit einer auffallenden Frau mit schulterlangem Haar die Küche.

»Elizabeth und ich waren bei einer Besprechung im Landwirtschaftsministerium. Jackie hat uns benachrichtigt.« Auch er wirkte müde und abgespannt. Von allen Anwesenden war Elizabeth die einzige, die in der letzten Nacht offensichtlich gut geschlafen hatte. Ihr Gesicht war ernst, aber ihre Augen blickten hell und wachsam.

Joshua ging zu Jo und legte eine Hand auf ihre Schulter. Darina bemerkte, wie ein leiser Schauder die sitzende Gestalt überlief. »Du musst völlig fertig sein. Können wir irgendwas für dich tun? Was geschieht jetzt mit …«, Joshua schluckte schwer. »Ich meine, haben sie im Krankenhaus, das heißt …«

»Ich habe letzte Nacht ihre Eltern angerufen. Sie sind jetzt im Krankenhaus, aber ihr Leichnam wird erst nach einer Obduktion und einer gerichtlichen Untersuchung zur Beerdigung freigegeben.«

»Untersuchung?« Die Frage kam von Monica, aber alle hatten Jo verblüfft angesehen.

»William hat gesagt, dass es eine Untersuchung geben würde, wenn sie stirbt«, sagte Darina, ohne nachzudenken.

»William?«, fragte Eve schneidend, »was hat der denn damit zu tun?«

»Er ist bei der Kriminalpolizei.«

 

 

Kapitel 7

»William? So hieß doch dieser Butler, den Sie gestern mitgebracht haben, oder?«, sagte Monica langsam. Als niemand antwortete, fuhr sie fort. »Darf ich fragen, was Sie sich dabei gedacht haben, die Polizei in mein Haus zu bringen?« Ihre Stimme war eisig, ihre Haltung hatte sich merklich gestrafft.

Eve sah verwirrt und erschrocken drein.

»Ich wollte eigentlich mit ihm ausgehen, aber dann musste ich arbeiten, und er hat angeboten, mir zu helfen.« Als Monica ihr einen wütenden Blick zuwarf, fügte Darina hinzu: »Auch Polizisten haben zuweilen so etwas wie ein Privatleben.«

Monica öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber Ralph packte sie und grub seine starken Finger in ihren Oberarm. »Vorsicht, meine Süße, du tust ja fast so, als hätten wir etwas zu verbergen.«

»Woher, um Himmels willen, kennst du einen Inspektor?«, fragte Eve mit weitaufgerissenen Augen. »Ach ja, ich erinnere mich, hast du ihn nicht kennengelernt, als dein Cousin ermordet wurde und man dich verdächtigt hat?« Bei diesen Worten wurden ihre leuchtend schönen Augen sogar noch größer. »Hat er die Untersuchung geleitet?«

»Das klingt ja unglaublich romantisch«, meinte Elizabeth sarkastisch und registrierte mit scharfen Augen den unwillkürlichen Schauder, der Darina bei der Erinnerung überlief.

Joshua schaute die anderen der Reihe nach an und sagte dann: »Ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber ich könnte jetzt etwas zu trinken gebrauchen. Warum setzen wir uns nicht? Eve, was hast du denn anzubieten?«

Eve ging zu einem Schrank in der Ecke und öffnete eine der Türen, hinter der eine ganze Batterie von Flaschen sichtbar wurde. Darina setzte den Wasserkessel auf. »Für den Fall, dass jemand lieber eine Tasse Tee möchte«, meinte sie, aber sie blieb die einzige.

Stimmung kam nicht gerade auf, als die Gesellschaft auf den Küchenstühlen vor der Demonstrationsfläche beieinandersaß. Die Videokamera hatten sie achtlos beiseitegeschoben. Eve, Elizabeth und Joshua tranken Whisky, Monica Gin, Ken Campari mit Soda, während Jo und Ralph Cognac nahmen. Darina fühlte sich zwar etwas unbehaglich mit ihrer Tasse Tee, dennoch spürte auch sie, dass sich durch Joshuas Vorschlag die Anspannung im Raum etwas gelöst hatte.

»Was die Leute anscheinend nicht begreifen«, nahm Ralph das Gespräch auf, »ist, wie gefährlich die Natur sein kann. Wir machen immer so ein Theater um den Einsatz von Chemie und Pestiziden in der Landwirtschaft und reden ständig davon, wie gesund biologisch angebaute Lebensmittel sind. Die Etiketten auf den Produkten sprechen neuerdings nur noch von natürlichen Bestandteilen, natürlichen Zusätzen und natürlichen Farbstoffen. Steinkohlenteer ist auch ein natürlicher Zusatz, ebenso wie Kokain oder Arsen.«

»Aber Ralph, da diskreditierst du ein durchaus legitimes Anliegen. Wenn wir sagen, wir wollen nur natürliche Bestandteile, dann meinen wir Produkte ohne künstliche Zusätze oder chemische Konservierungsmittel.«

»Amanita phalloides wächst auch ohne diese künstlichen Zusätze, die du so verabscheust, und trotzdem ist der Verzehr absolut tödlich.« Er machte eine kurze Kunstpause und fuhr dann fort. »Nein, was wir brauchen ist ein besseres Grundwissen über das, was in der Natur wächst und gedeiht. Nimm zum Beispiel dein Landhaus, Eve, wo du hinfährst, um dich nach dem Motto ›Zurück zur Natur‹ von den Strapazen des Stadtlebens zu erholen. Du redest doch immer davon, die Gaben der Natur aus deinem Garten zu pflücken. Hast du denn überhaupt eine Ahnung, was in deinem Garten so alles wächst? Da pflückst du ein paar Nesseln für einen Salat, zerkochst ein paar Hagebutten und Beeren zu Marmelade und bildest dir schon ein, das sei das gesunde Landleben. Dabei könntest du innerhalb von wenigen Tagen tot sein, wenn du nicht aufpasst. Hast du schon mal den Schierling bemerkt, der neben deiner Haustür wächst? Versuch doch mal, daraus einen Kräutertee zu kochen. Oder wie wäre es mit einem leckeren Salat aus Adlerfarnschösslingen? Ich würde es allerdings nicht empfehlen. Oder wie sieht es aus mit …«

»Hör auf!« Eve hielt sich die Ohren zu. »Ich will nichts mehr davon hören.«

»Ich glaube, das reicht, Ralph«, sagte Monica. »Wir wissen alle, dass du ein Pflanzenkenner bist, aber das ist wohl kaum der richtige Moment für einen botanischen Vortrag.«

»Oh doch, das ist es«, widersprach Ralph scharf. »Ja, ich bin ein Experte auf diesem Gebiet. Ich kenne mich wirklich aus in der Natur und weiß, was in ihr wächst, und es ist vollkommen ausgeschlossen, dass ich am Samstag einen Grünen Knollenblätterpilz unter den anderen übersehen haben könnte.«

Die Gruppe schwieg. Schließlich sagte Elizabeth langsam: »Dann wollen Sie damit sagen, dass …«

»Ich will damit sagen, dass jemand auf eigene Faust noch einmal auf Pilzsuche gegangen sein muss und dabei sträflich leichtsinnig war. Verdammt nochmal, ich hab‘ doch vorher deutlich genug darauf hingewiesen, wie gefährlich so etwas ist.«

»Du glaubst also, es war nichts weiter als Leichtsinn?« Joshuas Stimme war so rau, dass er kaum zu verstehen war. »Claire hat ihr Leben verloren, weil irgendjemand leichtsinnig war?«

»Was hätte es denn sonst sein sollen?«, fragte Eve.

»Es ist unvorstellbar, dass sie jemand ermordet hat!«, schrie Kenneth plötzlich und hatte damit endlich einen Gedanken in Worte gefasst, der schon die ganze Zeit im Raum gestanden hatte. Oder, so fragte sich Darina jetzt, war sie die einzige gewesen, der, während sie die Gesprächsteilnehmer mit der Wachsamkeit eines Schiedsrichters auf dem Centre Court von Wimbledon beobachtet hatte, langsam klargeworden war, dass man diese Möglichkeit in Betracht ziehen musste?

»Claire ermordet?« Jo drehte sich zu Kenneth um, und die Erschöpfung in ihrem Gesicht hatte grenzenlosem Erstaunen platzgemacht. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand ausgerechnet Claire ermorden wollte.« Bis zu diesem Moment hatte sie kaum an der Diskussion teilgenommen und nur zusammengesunken in ihrem Stuhl gesessen, nachdem sie das Glas Cognac getrunken hatte. Aber Kenneths Bemerkung hatte sie aus ihrer Lethargie gerissen.

»Hat jemand von euch Pilze gesammelt, die nicht von Ralph geprüft wurden?«, fragte sie jetzt, indem sie jeden scharf fixierte. Die anderen sahen einander betreten an, dann schüttelten sie die Köpfe, aber niemand sagte etwas. Dann fragte Eve: »Darina, du hast doch die Pilze für Sonntag mit hierher genommen?«

Darina spürte, wie sich alle Augen auf sie richteten, und sie begann sich zu fragen, ob sie nicht vielleicht tatsächlich den einen speziellen Pilz gepflückt und zu den anderen in den großen Korb gegeben hatte. Aber dann riss sie sich zusammen und antwortete fest: »Nur die, die Ralph kontrolliert und für das Essen aussortiert hatte. Du wolltest sie an diesem Abend noch kochen. Ich habe doch keine blasse Ahnung, welche essbar sind und welche nicht und deshalb gar nicht erst beim Sammeln geholfen.« Sollte einer der Anwesenden die Hoffnung gehegt haben, dass man ihr die Schuld zuschieben könne, hatte sie sie mit diesen Worten zerstört.

»Gibt es eigentlich eine Art Standardwerk, mit dem man Pilze bestimmen kann und das einem beibringt, welche essbar und welche giftig sind?«, wurde Ralph von einer nachdenklich aussehenden Elizabeth gefragt.

»Es gibt sogar eine Reihe solcher Bücher, und die besten sind von Roger Phillips. Mit ganz ausgezeichneten Foto-Illustrationen. Da drüben steht übrigens eines«, er wies mit dem Kopf auf ein Regal, auf dem etliche Bücher standen. »Allerdings würde ich davon abraten, nur ein Buch als Anleitung zu benutzen, und stattdessen jedem empfehlen, sich einen Fachmann zu nehmen, mit ihm auf Pilzwanderung zu gehen und von ihm zu lernen.«

Elizabeth stand auf, ging zum Regal, besah sich die Titel und nahm ein kleines, gebundenes Buch heraus. »Eve, kann ich mir das mal leihen? Danke – und jetzt sollte ich besser gehen, ich muss noch meinen Artikel für morgen schreiben. Joshua, fährst du mit zur Redaktion?«

Joshua erhob sich ebenfalls. »Ich muss wohl, mein Artikel über die MAFF-Konferenz ist nämlich noch nicht fertig. Arbeitest du heute Abend, Liebling?«

Eve nickte. »Ich muss Monicas Wohltätigkeitsveranstaltung am Dienstag organisieren, das heißt die Rezepte heraussuchen, damit Jackie sie morgen abtippen kann.«

»Was ist mit dem Goldmann-Dinner?«, fragte Jo mit einem scharfen Unterton. »Ich habe dich doch gebeten, einen Menüvorschlag zu machen, bevor ich verreist bin. Sollte das nicht heute Abend stattfinden?«

Eve lachte gezwungen: »Ach, die hatten doch einen Knall! Die wollten ein Bankett für den Preis von Cocktailhäppchen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen woanders hingehen. Aber ich habe den Auftrag für die morgige Wethered-Pressekonferenz an Land gezogen. Kannst du mir helfen? Sonst muss ich noch eine Aushilfskraft organisieren.«

»Ja, ich werde da sein.« Jo ging nicht weiter auf den verlorenen Auftrag ein und stand auf. »Aber, wenn ich nicht bald ins Bett komme, falle ich um. Bis morgen dann.« Ihre kurzangebundene Art war für die anderen anscheinend nichts Ungewöhnliches, aber Darina hatte bemerkt, dass die Hand, mit der Jo ihr leeres Glas auf den Tisch stellte, gezittert hatte, und in ihren Augen lag eine Ausdruckslosigkeit, die mehr war als schiere Erschöpfung.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte sie besorgt. »Soll ich dir ein Taxi rufen?«

»Nein!«, stieß Jo hervor und unterdrückte ein Schluchzen. »Vielen Dank, aber ich komme schon klar.« Damit ging sie steifbeinig aus dem Raum.

Auch Monica sah jetzt besorgt aus. »Eve, meinst du wirklich, wir sollten sie allein in die Wohnung zurückgehen lassen? Du weißt doch, wie sehr sie an Claire hing.«

»Jo schafft das schon, sie ist zäh.« Eve ging zu der Arbeitsplatte mit der Ansammlung halbzubereiteter Gemüse. »Ken, mein Bester, willst du damit heute noch weiterarbeiten?«

Der Fotograf saß mit gesenktem Kopf auf seinem Stuhl, jetzt sah er traurig zu Eve auf. »Ich kann heute nicht mehr arbeiten, nicht nach alldem …« Seine Stimme versagte, dann riss er sich mit sichtbarer Anstrengung zusammen. »Was hast du morgen vor? Morgen schaffe ich es vielleicht.«

Eve überlegte eine Weile und sagte: »Das müsste gehen. Wir haben morgen keinen Kurs und brauchen deshalb die Vorführküche nicht. Und außerdem kann Brenda wahrscheinlich kommen, um bei den Vorbereitungen für die Pressekonferenz zu helfen. Ich rufe sie gleich an. Monica, Liebste, danke, dass du vorbeigekommen bist, das war sehr lieb von dir. Und ich freue mich, dass du mit unserem Essen gestern Abend so zufrieden warst.«

Darina erzählte William später, Eve sei ihr erschienen wie die Dame des Hauses, die nach einem langen Abend ihre Gäste höflich, aber bestimmt zum Gehen antreibt. Innerhalb von fünf Minuten waren alle fort, außer Eve und Darina, die die Anweisung erhielt, das halbzubereitete Essen in Behälter zu füllen und in die Kühlschränke zu räumen.

Als Darina das erledigt hatte, rief sie William an, um ihm zu sagen, dass sie an diesem Abend frei sein würde. Sie schlug ihm vor, zu ihr zu kommen, und sie würde etwas kochen, aber er wollte nichts davon hören. Und so gingen sie in ein kleines Restaurant, das in der Nähe von Darinas Haus lag. Das Essen war gut und leicht, das Ambiente freundlich und hell, und die vorwiegend jüngeren Gäste angenehm und offen. Anschließend gingen sie zu Darina zum Kaffee.

»Nicht, dass mir das Essen nicht gefallen hätte, aber bei diesem Lärm konnte man ja kaum sein eigenes Wort verstehen.«

Während des Essens hatten sie sorgsam vermieden, von Claires Tod zu reden, und stattdessen nur von sich und ihrem Leben gesprochen und waren sich dabei immer vertrauter geworden. Aber als sie jetzt ihren Kaffee und dazu etwas von dem ausgezeichneten Cognac tranken, den Darina zusammen mit dem Haus und seiner Einrichtung von ihrem Cousin geerbt hatte, berichtete sie ihm von der kleinen Zusammenkunft in der Vorführküche.

»Dann ist also die Möglichkeit, dass es ein Mord war, doch zur Sprache gekommen?«, fragte er interessiert, nachdem sie geendet hatte.

»Eigentlich nur als Unmöglichkeit«, erwiderte sie. »Jeder hielt es für vollkommen abwegig, dass jemand Claire umbringen wollte. Allerdings war da noch etwas, das Kenneth vorher erwähnt hatte, und zwar sagte er, dass Claire ursprünglich neben ihm sitzen sollte, dann aber Eve dort saß. Anscheinend hatte Claire vorgeschlagen, die Plätze zu tauschen, damit Eve die Gelegenheit bekäme, ein Missverständnis oder einen Streit zwischen Kenneth und ihr zu klären. Und Claire selbst hat mir erzählt, dass sie neben Clive Thompson saß. Der ist ein angesehener Geschäftsmann und einer von Eves besten Kunden, weshalb sie wohl auch ursprünglich vorhatte, selbst neben ihm zu sitzen.«

»Aha«, warf William ein, »Sie glauben also, dass vielleicht nicht Claire umgebracht werden sollte, sondern Eve.«

»Finden Sie nicht, dass sie viel eher als Mordopfer in Frage käme?«

»Und ich dachte, sie sei Ihre Freundin«, neckte William sie, aber als er merkte, dass Darina sich von dieser Bemerkung nicht provozieren ließ, fuhr er fort: »Sie halten es für unwahrscheinlich, dass jemand Claire nach dem Leben getrachtet hat, aber es gibt eine Menge Gründe, warum es doch jemand getan haben könnte: Geld, Leidenschaft, Eifersucht. Man kann also der netteste Mensch auf der Welt sein und doch jemanden dazu bringen, Mordabsichten zu hegen.« Nach diesen Worten nippte William gedankenverloren an seinem Cognac. Er hatte seine langen Beine ausgestreckt und fühlte sich in dem tiefen Polstersessel augenscheinlich sehr behaglich. »Motiv, Mittel und Gelegenheit sind die Schlüsselbegriffe für den Beginn jeder Morduntersuchung. Also gut, nehmen wir einmal an, dass Claires Tod kein Unfall war. Wir wissen noch nichts über das Motiv, aber das Mordwerkzeug wurde auf der Pilzwanderung am Samstag beschafft, und die Gelegenheit war das Jubiläumsessen am Sonntag. Das grenzt die Anzahl der Verdächtigen natürlich ziemlich ein.«

»Auf die, die an beiden Tagen dabei waren?«

»Ganz richtig, Watson.«

»Ja, ich könnte mir vorstellen, dass es mit ein bisschen Glück sogar ganz einfach war. Eve hatte genau erklärt, wie sie die Pilze servieren würde. Alles, was der Mörder dann zu tun hatte, war, einen giftigen Pilz mit nach Hause zu nehmen, ihn dort zuzubereiten, am nächsten Tag mit zum Essen zu bringen und auf dem richtigen Teller zu platzieren. Kenneth sagte, er habe erwartet, dass Claire neben ihm sitzen würde, also muss es Platzkärtchen gegeben haben, und damit war es dann ganz leicht, Eves Teller zu finden. Nur hat Claire dann den Pilz gegessen.«

Darina lehnte sich in ihrem Sessel zurück mit der Miene eines Magiers, der gerade ein weißes Kaninchen aus dem Hut gezaubert hat.

William lächelte sie strahlend an, machte dann aber einen Einwand: »Haben Sie da nicht etwas übersehen? Ich meine, was würden Sie tun, wenn Sie die Mörderin wären und bemerken würden, dass sich das falsche Opfer gerade daranmacht, Ihr sorgfältig präpariertes Pilzgericht zu verzehren?«

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    Janet Laurence (Autor)

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Titel: Mord zur Dinnerparty