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Stolze Herzen der Highlands

von Patricia Cabot (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Schottland, 1847: Der ehrgeizige Dr. Reilly Stanton, Marquis von Stillworth, verlässt London, um auf der abgelegenen Insel Skye eine Stelle als Arzt anzunehmen. Er ist fest davon überzeugt, dem rauen Klima und den nicht weniger rauen Dorfbewohnern zu trotzen, um seiner Verlobten zu beweisen, dass er mehr als ein adliger Taugenichts ist. Doch dass die größte Herausforderung dabei Miss Brenna Donnegal sein wird, konnte er nicht ahnen …

Die schöne Lady mit den flammend kastanienroten Locken und dem genauso feurigen Willen hat die Rolle als lokaler Arzt von ihrem Vater geerbt und ist alles andere als begeistert, dass ausgerechnet dieser Städter ihre Stelle und das Cottage übernehmen will. Wäre doch gelacht, wenn sie den arroganten Marquis nicht mit ein paar Tricks loswerden könnte. Solange sie das überhaupt noch will …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2001
Überarbeitete Neuausgabe März 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 9783968171074

Copyright © 2001 by Meggin Cabot
Titel des englischen Originals: Lady of Skye

Alle Rechte vorbehalten, eingeschlossen dem Recht auf Wiedergabe im Ganzen oder in Teilen in jeglicher Form.
Diese Ausgabe wurde veröffentlicht durch eine Übereinkunft mit dem originalen Herausgeber, Pocket Books, ein Teil von Simon & Schuster, Inc., New York.

Copyright © Juni 2019, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Juni 2019 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Beim stolzen Herz der Lady (ISBN: 978-3-96087-738-7).

Übersetzt von: kommunikathiv
Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: ©stillfx
shutterstock.com: ©Daniel_Kay
periodimages.com: ©VJ Dunraven Productions
Korrektorat: Sofie Raff

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Benjamin

 

Die Autorin dankt Jennifer Brown, Melissa Ehman, Laura Langlie und Amy Pierpont für ihre Unterstützung bei der Arbeit an diesem Buch.

1.

Lyming, Schottland

Februar 1847

Der Fährmann war tot.

Daran bestand kein Zweifel. Der Kerl hatte keinen Puls. Seine Haut fühlte sich an wie Eis. Seine Pupillen waren geweitet, seine Augen glasig und sein Blick starr. Reilly Stanton hätte keine Approbation gebraucht, um zu erkennen, dass dieser Mann nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Aber Reilly war auch nicht derjenige, der davon überzeugt werden musste. Sondern der runzlige Fischer, der sich neben ihm hinuntergebeugt hatte, und einige Zweifel zu hegen schien.

„Also, was fehlt ihm denn?“, fragte der alte Mann. Sein Atem verdampfte sofort in der kalten Winterluft.

„Aye“, murmelten einige seiner Kollegen, die alle gekommen waren, um auf die Leiche zu starren. Und auf Reilly, der sich unklugerweise dazu entschieden hatte, dem ertrinkenden Mann in das eisige Wasser hinterher zu stürzen.

„Ich fürchte“, begann Reilly und hob seinen triefenden Kopf von dem ebenso durchnässten Brustkorb des Toten, „dass er uns verlassen hat.“

„Verlassen?“ Der Älteste der versammelten Fischer blinzelte zu ihm herab. „Was meinen Sie mit verlassen?“

„Nun, er ist entschlafen.“ Weil er die ausdruckslosen Gesichter um sich herum bemerkte, versuchte Reilly es erneut. „Verschieden.“

Das Wort verschieden hatte bei den Angehörigen von Reillys Patienten in Mayfair immer bestens funktioniert. Es war jedoch offensichtlich, dass seine Feinfühligkeit bei diesen Burschen hier vergebens war. Obwohl er Schwierigkeiten hatte, deutlich zu sprechen, weil seine Zähne vor Kälte klapperten, presste Reilly hervor: „Ich fürchte, Ihr Freund ist tot.“

„Tot?“ Der alte Mann wechselte ungläubige Blicke mit seinen Kameraden. „Stuben is’ tot?“

Reilly rappelte sich auf seine Knie hoch – das war kein leichtes Unterfangen, denn seine einst schönen Kniehosen waren wegen des gefrorenen Salzwassers, mit dem sie durchtränkt waren, ganz steif – und blickte sehnsüchtig zu dem Wirtshaus. Es sah zumindest aus wie ein Wirtshaus. Es war das erste Gebäude in der Nähe des Piers, an dem sie jetzt standen, und durch den Nebel konnte Reilly sehen, dass ein Schild schaukelnd über der Tür hing und in den Fenstern warme, einladende Lichter flackerten. Ein Wirtshaus, ein Freudenhaus – Reilly war egal, was es war, solange er bald hineinkam, um wieder trocken zu werden und sich an einem Feuer zu wärmen, vorzugsweise mit einem Glas Whisky in der Hand.

Aber zuerst musste er sich natürlich um den toten Fährmann kümmern.

„Aber das kann nicht sein“, beharrte der zahnlose Fischer. „Stuben kann nich’ tot sein. Er is’ noch nie gestorben.“

„Tja, das hat das Sterben so an sich, nicht wahr?“ Reilly brachte ein verständnisvolles Lächeln zustande. „Wir tun es für gewöhnlich nur einmal.“

„Nich’ Stuben.“ Rings um die Leiche nickten ein paar zottelige graue Köpfe eifrig. „Er’s schon oft untergegangen, das is’ Stuben, und bis jetzt isser noch nie gestorben.“

„Nun.“ Reilly versuchte, sich vorzustellen, wie einige seiner fachkundigeren Kollegen – Pearson zum Beispiel mit seiner allgegenwärtigen Zigarre oder Shelley mit dem lächerlichen Spazierstock mit Silbergriff, den er gar nicht brauchte – auf dem verlassenen Pier standen und versuchten, diesem bunten Haufen die Semantik des Todes zu erörtern. Und daran scheiterten.

Tja, Pearson und Shelley hatten zu viel gesunden Menschenverstand, als dass sie sich für eine solche Aufgabe verpflichtet hätten. Sie hatten zu viel Verstand und waren auch nicht im Entferntesten so blauäugig oder gutgläubig wie Reilly mit seinem Elan.

Er sagte: „Nun, meine Herren, ich fürchte, diesmal hat er es nicht geschafft. Mein Beileid zu ihrem Verlust. Aber er war offensichtlich angetrunken –“

Das war natürlich eine schamlose Untertreibung. Der Fährmann war so sturzbesoffen gewesen, dass Reilly beinahe gefragt hätte, ob es nicht ein anderes Boot gäbe, das er anheuern könne, um sich übersetzen zu lassen. Aber in letzter Minute hatte er sich zurückgehalten. Was war das Schlimmste, hatte er sich gefragt, was bei einem betrunkenen Fährmann passieren konnte? Dass das Boot auf Grund laufen oder, schlimmer noch, sinken könnte?

Dann würde er in den eisigen, rauen Fluten vor der Küste der schottischen Highlands ertrinken. Na und? Es war immerhin nicht so, als hätte er irgendetwas, wofür es sich zu leben lohnte. Christine, die noch in London war, würde hören, dass er ertrunken war, und in dem Wissen leben müssen, dass Reilly Stanton bei dem Versuch gestorben war, ihre Liebe zu gewinnen …

Als der törichte Fährmann allerdings beim Andocken den Halt verloren hatte, ausgerutscht und ins Wasser gefallen war, hatte Reilly nicht an seine eigene Sicherheit gedacht, geschweige denn daran, was Miss Christine King davon halten würde. Ohne zu zögern hatte er sich in das eisige Meer gestürzt und den alten Mann – der so schwer gewesen war wie ein nasser Sack – ans Ufer gezogen.

Erst jetzt, als er klatschnass am Pier stand und schlotterte wie ein Hund, kam es Reilly in den Sinn, dass er eine weitere wunderbare Gelegenheit verpasst hatte, Christine bereuen zu lassen, was sie getan hatte. Er war einem romantischen Tod so nahe gewesen! Er konnte die Damen in Mayfair schon fast hören: „Liebes, hast du es schon gehört? Der junge Dr. Stanton – der achte Marquis von Stillworth, du weißt schon – ist bei dem Versuch, einem anderen Mann das Leben zu retten, in der Wildnis der Hebriden gestorben. Ich kann mir nicht vorstellen, was sich diese herzlose Christine King dabei gedacht hat, so einem Mann einen Korb zu geben. Sie muss verrückt gewesen sein. So ein aufopferungsvoller, nobler Gentleman … und auch gutaussehend, wie man hört. Das arme Mädchen ist vor Kummer ganz außer sich.“

Tja, er hatte es zweifellos verhunzt. Und weil der alte Trottel ihm trotz all seiner Bemühungen einfach weggestorben war, konnte Reilly noch nicht einmal nach Hause schreiben und – ganz beiläufig, natürlich – erwähnen, wie es ihm gelungen war, am ersten Tag seiner Anstellung jemandem das Leben zu retten, verdammt noch mal.

Wann würde sich sein Glück endlich wenden?

„Mein Beileid wegen Mr Stuben“, sagte Reilly zu den Freunden des Fährmannes, „aber er hat sicher nichts mehr gespürt, als er von uns ging, wenn das ein Trost ist. Er war ziemlich betrunken. Wenn es Ihnen also nichts ausmacht, meine werten Herren, mich friert und ich bin durchnässt, daher würde ich gerne aus diesem Wind herauskommen …“

„Daran liegt’s.“ Mehrere ergraute Köpfe wackelten. „Bringt ihn aus diesem Wind raus. Jemand soll Miss Brenna holen.“

„Schon erledigt“, versicherte ihnen ein zahnloser Herr. „Hab’ gleich den Burschen nach ihr geschickt, als ich gesehen hab’, dass Stuben untergegangen is’.“

„Guter Junge.“ Der älteste Fischer seufzte. „Also, ich nehme seinen Kopf, du seine Füße. Bereit? Jawohl.“

Reilly stand im bitterkalten Wind, der die Luft um ihn herum mit salziger Gischt erfüllte. Runzlige Hände griffen nach dem Körper des Fährmannes und hoben ihn an. Dann bewegte sich die Prozession mit feierlichen Gesichtern unerträglich langsam auf das nächstgelegene Gebäude zu, von dem Reilly innig gehofft hatte, dass es ein Wirtshaus sein möge.

Reilly, der allein auf dem Steg zurückgeblieben war, sah sich um. Das Fährboot wurde von Wind und Wellen hin- und hergeworfen und prallte mit einem dumpfen Geräusch seitlich gegen den Anlegesteg. Seine Taschen und sein Koffer waren noch an Bord, aber da er der einzige Passagier gewesen war, war das alles – abgesehen von den leeren Flaschen des Fährmannes, die polternd über das Deck rollten. Außer den Freunden des Toten und den lärmenden Möwen, die über ihm durch die Lüfte segelten, war niemand in der Nähe. Reilly hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass ihn jemand in Empfang nehmen würde, denn die Verständigung mit dem Festland war nun mal eine Sache für sich. Aber er hatte gedacht, dass vielleicht zumindest jemand kommen würde, um ihm seine Taschen abzunehmen …

Na ja, was soll’s. Es war schließlich jemand gestorben. Er vermutete, dass seine Taschen auf dem Boot vorerst gut aufgehoben wären. Er schlang seinen Umhang um sich – obwohl das vereiste Material seinen Körper kaum vor dem Wind zu schützen vermochte – und holte den Toten mit seiner Gefolgschaft ein. Sie waren auf dem Weg zu dem einzigen Gebäude, das er im Nebel erkennen konnte. Und in diesem Gebäude schien es zumindest ein Feuer zu geben, wenn man von den Lichtern in den Fenstern ausging.

Reilly schloss sich dem Marsch der Fischer an. Als einer von ihnen über Müdigkeit klagte, sprang er ein und hielt den Kopf des Toten.

Dann trat ein anderer der alten Männer beiseite – derjenige, der seine Brust umklammert hatte – und plötzlich hielt Reilly nicht nur den Kopf, sondern auch den Oberkörper des Leichnams.

Dann zog sich ein dritter Fischer zurück. Ein besorgniserregender Hustenkrampf hatte ihn überkommen, der seinen ganzen Körper erschütterte. Es dauerte nicht lange, bis Reilly sich den Fährmann über den Rücken geworfen hatte und dessen ganzes Gewicht trug, während von Stubens Freunden anerkennende Anfeuerungsrufe ertönten. Gott sei Dank gab es keine Möglichkeit, dass Christine etwas davon zu hören bekommen würde, dachte Reilly niedergeschlagen. So romantisch sie seinen Tod vielleicht gefunden hätte, an dieser besonderen Situation gab es nichts, was auch nur ansatzweise romantisch war.

Er taumelte auf das Wirtshaus zu. Es war eindeutig ein Wirtshaus, das konnte er jetzt erkennen, obwohl der Name auf dem vom Wind zerbeulten Schild – The Tortured Hare – nicht sehr vielversprechend klang. Aber sobald die Tür aufgerissen wurde, schlug Reilly ein Schwall warmer und nach Bier duftender Luft entgegen. Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass es im Tortured Hare zumindest warm und trocken war und dort immer noch ausgeschenkt wurde – ganz gleich, was man sonst vielleicht über diesen Ort hätte sagen können.

Und er war auch voller Menschen. Nachdem einer seiner neuen Gefährten verkündet hatte: „Stuben is’ mal wieder ins Meer gestürzt und der hier hat ihn wieder rausgefischt“, ging vor Aufregung ein kollektives Raunen durch den Raum, gefolgt von hektischen Bewegungen: Die Männer hoben eilig ihre Krüge an, um den Frauen Platz zu machen. Diese eilten nach vorne, um ein enormes Brett über mehrere Bänke zu legen, die in der Nähe des Ofens aufgestellt worden waren.

„Leg ihn hierhin“, befahl eine große Frau mittleren Alters in Schürze und Haube, die sogar beinahe sauber waren. „Genau hier, auf den Tisch.“

Reilly kam der Aufforderung nach, obwohl „Tisch“ nicht das Wort war, das er gewählt hätte, um die behelfsmäßige Konstruktion zu beschreiben, auf die er den kalten, leblosen Körper legte. Der Mann, der einst als Stuben bekannt gewesen war, hatte kaum das harte Brett berührt, als die Frau sich eilig daranmachte, seine durchnässten Kleider aufzuknöpfen, wobei sie jedem, der in Hörweite war, Befehle zurief.

„Flora, hol eine Flasche Whisky. Oben im Schrank sind Decken, Maeve. In der Spülküche steht auf dem Feuer ein Topf mit Wasser, Nancy. Hol ihn und bring dazu ein paar Lumpen. Hat jemand Miss Brenna hergerufen?“

„Ich habe den Jungen zu ihr geschickt“, versicherte ihr einer der Fischer.

„Gut“, sagte die Frau.

Schon wieder Miss Brenna? Reilly fragte sich, wer zum Teufel diese Miss Brenna war. Sie hatte einen besonders hässlichen Namen, wenn es nach Reilly ging, und diese Meinung wurde von seinen Freunden Pearson und Shelley geteilt. Zusammen hatten sie Brenna einmütig zum scheußlichsten Frauennamen der englischen Sprache erklärt, vielleicht mit der Ausnahme von Megan. Es war so gut wie sicher, dass jede Frau, die auf den Namen Brenna getauft worden war, mit einem Doppelkinn, übermäßig großen Vorderzähnen und einem pferdeähnlichen Antlitz gestraft sein musste. Darin waren sie zumindest übereingekommen. Und im Laufe ihrer zugegebenermaßen nicht sehr wissenschaftlichen Untersuchung zur Bestätigung ihrer Theorie war diese Ansicht bisher nicht widerlegt worden.

Der Fährmann wurde seiner Kleider entledigt, bis er vollkommen nackt dort lag, vor den Augen aller, die sich zufälligerweise gerade im Tortured Hare befanden. Wie Reilly bemerkte, waren darunter auch die Angestellten des Wirtshauses: Es waren allesamt Frauen und einige von ihnen schienen erstaunlich jung zu sein. Noch erstaunlicher war, dass diese jungen Damen nicht im Geringsten schockiert über den Anblick des Leichnams wirkten oder darüber, dass er unbekleidet war. Selbst, als Stuben anschließend die Demütigung zuteilwurde, in heiße Lumpen aus einem Topf mit dampfendem Wasser gewickelt zu werden, den die junge Frau namens Nancy hielt, würdigte keines dieser abgebrühten Highland-Mädchen den Toten auch nur eines zweiten Blickes.

„Ähm“, begann Reilly. Er hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, als das Zähneklappern schließlich so weit nachgelassen hatte, dass er wieder sprechen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war der tote Mann schon beinahe von Kopf bis Fuß mit heißen Tüchern bedeckt worden.

Die Frau – sie war offensichtlich die Inhaberin des Wirtshauses – warf ihm einen einzigen Blick zu. Dann blaffte sie: „Maeve, steh da nich’ so dumm rum. Sieh zu, dass der Herr aus den nassen Kleidern raus und unter eine Decke kommt.“

Reilly blickte beunruhigt zu der sehr beherzten jungen Dame, die auf ihn zukam. Er trat eilig einen Schritt zurück, hob beide Hände und rief: „Ähm, nein, nein. Das ist nicht – ich meine, es geht mir gut. Wirklich. Ich glaube nur, dass jemand Ihnen sagen sollte, gnädige Frau, dass dieser Mann dort –“

Aber Reilly, der Schottland bisher nur für gelegentliche Jagdausflüge bereist und dabei wenig oder gar keinen Kontakt zu den Einheimischen gehabt hatte, war schlecht darauf vorbereitet, sich der unbeirrbaren Entschlossenheit eines gälischen Dienstmädchens zu erwehren. Im Handumdrehen hatte Miss Maeve erst seinen Umhang und dann seinen Mantel ergriffen und zerrte ihm beides in einer Art und Weise vom Leibe, die ihn vermuten ließ, dass sie es durchaus gewohnt war, widerwillige Gäste auszuziehen … und er hatte auch eine allzu genaue Vorstellung davon, zu welchem Zweck sie das für gewöhnlich tat.

Reilly konnte sich nur gerade so davon abhalten, handgreiflich zu werden. Er sah keine Möglichkeit, Maeve von ihrem Ziel abzubringen. Sie schien ihn so splitternackt ausziehen zu wollen wie die Leiche, die vor ihnen lag. Plötzlich befand er sich auf der anderen Seite des Raumes, weil er buchstäblich in die Ecke gedrängt worden war. Seine Weste und sein Hemd waren ebenso wie sein Umhang und Mantel verschwunden, und ein paar sehr entschlossene Finger machten sich an dem Latz seiner Kniehosen zu schaffen …

„Das genügt vollkommen, denke ich“, sagte Reilly und packte die Handgelenke des Mädchens.

Maeve sah blinzelnd zu ihm hoch. Ihr Gesichtsausdruck war überhaupt nicht so, wie er erwartet hatte. Statt beschämt schaute das Dienstmädchen äußert kokett drein. „Sie hat gesagt, ich soll Sie aus Ihren nassen Sachen holen“, erinnerte sie ihn.

„Ja“, sagte Reilly. „Nun, gegenwärtig möchte ich aber meine Hosen anbehalten, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Ich denke nicht, dass Sie das machen sollten“, sagte Maeve. „Sie werden sich sonst eine Mandelentzündung holen.“

„Oder das rheumatische Fieber“, rief eine weitere Frauenstimme.

Erst dann bemerkte Reilly, dass die junge Nancy, das Mädchen, das geschickt worden war, um heißes Wasser für den Fährmann zu holen, zurückgekehrt war und sie beide mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtete.

„Genau“, sagte Maeve standhaft. „Oder das rheumatische Fieber. Sie wollen doch kein rheumatisches Fieber bekommen –“ Maeves Blick schweifte über seinen nackten Brustkorb. „Es wär’ schade um so einen stattlichen jungen Mann.“

Reilly, der jetzt vollkommen überzeugt davon war, in einem Irrenhaus gelandet zu sein, zog kräftig an Maeves Handgelenken, sodass sie wieder auf den Beinen stand. Dann zerrte er ihre Finger von seinem Hosenbund weg und bewahrte so das bisschen Würde, das ihm noch geblieben war.

„Das werde ich riskieren“, sagte er und drängte Maeve entschlossen von sich weg.

Jetzt, wo Reilly nur noch mit durchtränkten Stiefelhosen und ebenso nassen Stiefel bekleidet war, erkannte er, dass seine Befürchtung, vor dem ganzen Dorf entblößt zu werden, unbegründet gewesen war: Niemand außer Maeve und Nancy schenkte ihm auch nur die geringste Beachtung. Die Stammgäste des Tortured Hare schienen den Inhalt ihrer Bierkrüge interessanter zu finden als den halbnackten Mann in der Ecke und auch deutlich faszinierender als den vollkommen nackten, der auf dem Tisch in der Mitte des Raumes lag.

Zumindest alle außer der Inhaberin der Schenke. „Wach auf. Wach jetzt auf, Stuben“, forderte sie den Fährmann auf.

Reilly war von der beharrlichen Weigerung der Frau, sich das Offensichtliche einzugestehen, sonderbar bewegt und sagte behutsam: „Gnädige Frau, es betrübt mich, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber die Wahrheit ist, dass Mr Stuben tot ist.“

Die Frau erstarrte. Sie hielt noch ein heißes, dampfendes Tuch in den Händen, das sie gerade über den Unterleib des Fährmanns hatte legen wollen. Äußerst erstaunt sah sie Reilly an. „Tot?“, wiederholte sie.

Das Wort schien eine fesselnde Wirkung auf die Gäste der Schenke zu haben. Plötzlich drehten sich alle Köpfe Reilly zu.

„Äh … ja.“ Jetzt, wo es ihm endlich gelungen war, die Aufmerksamkeit beinahe jeder einzelnen Person im Raum auf sich zu ziehen, wurde Reilly sich dessen bewusst, dass er beinahe nackt war. Die Decke, von der vorhin die Rede gewesen war, schien lange auf sich warten zu lassen.

Trotzdem hatte er eine Pflicht zu erfüllen, und das würde er auch tun.

„Ja, gnädige Frau“, fuhr er fort. „Tot. Er hat keinen Puls und er hat nicht einen Atemzug getan, seit ich ihn aus dem Wasser gezogen habe. Ich sage es Ihnen nur ungern, aber ich fürchte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind Ihre Bemühungen, so wacker sie auch sind, vollkommen nutzlos.“

Er bemerkte, dass die Stammgäste des Tortured Hare plötzlich deutlich mehr Interesse an dem Mann auf der Planke zu zeigen schienen, jetzt, wo es schien, dass er nicht mehr am Leben war.

Tatsächlich verrenkten sich einige von ihnen den Hals, um einen besseren Blick auf ihn zu erhaschen. Reilly nahm an, dass ein toter Fährmann ihre Aufmerksamkeit wohl in höherem Maße verdiente als ein lebender.

„Tot?“ Die Frau blickte auf das leichenblasse Gesicht herab. „Stuben? Aber er is’ bisher noch nie gestorben.“

Reilly zog eine Augenbraue hoch. „Ja“, sagte er und fragte sich, ob an diesem Ort eigentlich alle so begriffsstutzig waren, und falls ja, was er dann als einziger Arzt des Dorfes dagegen tun sollte. „Nun, ich fürchte, dieses Mal war sein Sturz leider tödlich. Es tut mir sehr leid, Ihnen schlechte Nachrichten überbringen zu müssen. Ich habe alles Menschenmögliche für ihn getan, aber ich fürchte, das Wasser war einfach zu kalt, und er ist, wie man sieht, schon recht betagt.“

Reilly hielt es für klug, nicht zu erwähnen, wie betrunken der tote Mann zum Zeitpunkt seines Todes gewesen war. Schließlich waren Damen anwesend.

„Er war einfach nicht kräftig genug, um es dieses Mal zu schaffen“, sagte Reilly. „Nun, wenn es Ihnen nicht allzu viel ausmachen würde: Könnten Sie vielleicht jemanden runter zur Fähre schicken, um meine Sachen zu holen? Ich würde mich gern umziehen –“

Er wurde durch den Krach unterbrochen, den die Haustür machte, als sie stürmisch aufschwang und den Blick auf eine große Gestalt freigab. Sie war in einen schweren, dunklen Umhang gehüllt, dessen Enden der schneidende Wind elegant hin und her peitschte.

„Oh, Miss Brenna!“ Die Inhaberin vom „The Tortured Hare“ sah ausgesprochen erleichtert aus. „Gott sei Dank sind Sie hier.“

Reilly sah interessiert zu der Gestalt in der Tür. Das war also diese Miss Brenna, von der alle sprachen! Nun, sie war keine Enttäuschung. Sie war gewiss groß genug, um eine Brenna zu sein. Bei Gott, sie war nur ein paar Zentimeter kleiner als er und er war etwas über eins achtzig groß. Der Umhang verhüllte ihre Figur und die tiefe Kapuze ihr Gesicht, sodass er nicht ganz erkennen konnte, ob auch der Rest zu ihrem Namen passte, aber sie sah allemal aus wie eine Amazone. Pearson und Shelley würden sehr erfreut sein, das zu hören.

„Stuben ist wieder ins Meer gefallen“, teilte ihr einer der Fischer mit. „Und der da hat gesagt, er is’ tot.“

„Wer?“ Die Stimme klang ganz genau so, wie er es von einer Brenna erwarten würde: Die Tonlage war tief und überhaupt nicht feminin. Reilly beglückwünschte sich selbst dazu, so ein ausgezeichneter Frauenkenner zu sein, als eine behandschuhte Hand die Falten des Umhangs teilte, die Kapuze abstreifte …

Und er beinahe einen Herzanfall erlitt. Denn da war kein Doppelkinn und nichts in diesem Antlitz erinnerte auch nur im Geringsten an ein Pferd, außer vielleicht die wilde Mähne von kupferfarbenen Locken, die völlig ungehindert durch Netze oder Kämme von ihrem Kopf herab wallte. Tatsächlich vereinte diese Brenna in sich alles, was anmutig und schön war.

Das konnte er nur zu gut bezeugen, wenn man die Tatsache in Betracht zog, dass das Mädchen unter ihrem Umhang … ja, auch ein zweiter Blick bestätigte es … Herrenhosen trug. Tatsächlich, Herrenhosen, die sich aufreizend an ihre schlanken Oberschenkel schmiegten. Sie waren mit einem dicken Ledergürtel, in dem die Enden eines bauschigen grünen Oberteils steckten, eng um ihre Taille gegurtet. An den Füßen des Mädchens erspähte Reilly ein Paar derbe Lederstiefel.

Das Oberteil und die Stiefel verbargen einige wesentliche Attribute, aber die Hosen waren umwerfend. Reilly hatte noch nie zuvor eine Frau in Hosen gesehen. Christine, da war er sich ganz sicher, wäre eher in einem Kartoffelsack herumgelaufen als in etwas, das auch nur im Entferntesten einem Paar Hosen ähnelte.

Dennoch fand Reilly, dass er diese Neuerung in der Mode voll und ganz befürworten konnte, obwohl sie bisher vielleicht noch nicht in Paris oder London angekommen war. Um die Wahrheit zu sagen, war er von der Wirkung ziemlich überwältigt, sodass es einen Moment dauerte, bis ihm klar wurde, dass das Mädchen erneut sprach.

Wer hat gesagt, dass Stuben tot ist?“, fragte sie nachdrücklich und mit dieser tiefen, dunklen Stimme, die so im Widerspruch zu ihrem weiblichen Äußeren zu stehen schien.

Ein Dutzend Finger zeigten in Reillys Richtung und im nächsten Moment traf ihn plötzlich der Blick aus einem Augenpaar und nagelte ihn fest. Diese Augen hatten nicht nur eine intensive blaue Farbe, sondern waren zweifellos auch die scharfsinnigsten, die er je gesehen hatte. Er hatte keinen Hut, den er sich vom Kopf hätte ziehen können – Maeve hatte ihn sich ebenso angeeignet wie seinen Mantel und seinen Umhang –, daher konnte er nur eine Verbeugung mit seinem Oberkörper andeuten, wobei er sich entsetzlich bewusst wurde, wie wenig Kleidung er noch trug.

„Ich war das“, sagte er. Unerklärlicherweise verunsicherte ihn ihr leuchtender Blick. „Ich habe das gesagt. Ich habe ihn selbst aus dem Wasser gezogen. Er hatte keinen Puls. Er war eiskalt –“

„Wer“, fragte sie und blinzelte einmal, „sind Sie?“

Er bemerkte, dass Miss Brenna im Gegensatz zu allen anderen, denen er begegnet war, seit er die Grenze überquert hatte, keinen schottischen Akzent hatte, sondern, wie es von Gott und der Queen beabsichtigt war, ein schönes, reines Englisch sprach.

„Stanton“, sagte er. „Reilly Stanton. Ich bin hier, um die Stelle anzutreten –“

Sie hatte ihren Blick bereits von ihm abgewandt und schritt auf den Leichnam zu.

„Für die Sie alle per Inserat jemanden gesucht haben.“ Reilly beobachtete, wie sie den toten Mann auf die Seite zerrte und sich dann hinter ihn stellte. „Die Stelle des Arztes. Ich bin hier, um meine Arbeit aufzunehmen.“ Als er feststellte, dass sich die Gesichter nicht erhellten, fügte er eilig hinzu: „Ich bin natürlich vom Royal College of Physicians approbiert. Ich bin auch Mitglied der Universität – Oxford, um genau zu sein – und ich habe in Paris studiert … Hören Sie mal, vielleicht haben Sie mich nicht verstanden, aber dieser Herr ist wirklich ganz und gar –“

Zu seinem äußersten Erstaunen rammte das Mädchen ihre Faust mitten in den Rücken des Leichnams, genau zwischen die Schulterblätter. Und zwar mit genügend Kraft, um ein hohles, dumpfes Geräusch zu verursachen. Wäre der Kerl nicht bereits tot gewesen wäre, hätte es sicherlich fürchterlich geschmerzt.

„Tot“, sagte Reilly. „Es tut mir schrecklich leid. Ich habe alles getan, was ich konnte.“

Genau in diesem Moment öffnete der Fährmann seinen Mund und spie eine Fontäne aus Rum und Meerwasser auf den Boden, wobei er die Stiefel aller, die um ihn herumstanden, bespritzte, einschließlich Reillys.

Der ehemals tote Fährmann blinzelte benommen und brachte ein einfältiges Lächeln zustande. „’S tut mir leid“, sagte er.

2.

„Welches Inserat?“, fragte sie ihn.

Reilly hob seinen ungläubigen Blick von dem wiederauferstandenen Mann und zum Gesicht des Mädchens, das jetzt vor ihm stand. Sie war so groß, dass sie ihr Kinn nur ein wenig nach oben recken musste, um ihm in die Augen zu sehen. Christines Kopf hingegen hatte ihm noch nicht mal bis zur Brust gereicht.

„Welches Inserat, Mr Stanton?“, wiederholte sie.

Reilly hörte sich sagen: „Aber er war tot. Dieser Mann war tot. Er hatte keinen Herzschlag. Ich habe an seiner Brust gehorcht. Da war nichts.“

Sie blickte beiläufig nach hinten zum Fährmann, der die Beglückwünschungen seiner Freunde und Nachbarn genoss, sich sehr daran erfreute, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und noch mehr an dem dampfenden Becher, den ihm jemand in die Hand gedrückt hatte.

„Oh“, sagte sie. „Die Kälte hält sein Herz für gewöhnlich einen Moment lang an. Es braucht einfach ein oder zwei gute Schläge, um es wieder in Gang zu bringen.“

Reilly schüttelte den Kopf. „Kein Wunder, dass sie alle sagten, er sei noch nie zuvor gestorben. Wie oft haben Sie den alten Kerl schon aus dem Hades zurückgeholt?“

„Ein oder zwei Mal“, sagte sie.

Er grinste. „Eher ein halbes dutzend Mal, da bin ich mir sicher. Ich muss sagen, dass ich während meiner Zeit in Paris sicherlich nie auf Literatur gestoßen bin, die diese spezielle Methode, Patienten wiederzubeleben, befürwortet –“

„Oh“, sagte sie und lachte kurz auf. „Tja. Paris.

Das Lachen ging mit einem Augenrollen einher. Das Mädchen hielt offensichtlich nicht viel von Paris.

„Sie sollten wissen“, sagte Reilly mit verletztem Stolz, „dass ich in Paris bei einigen der angesehensten Gelehrten der Medizin studiert habe.“

„Tja, die angesehensten Gelehrten der Medizin haben Ihnen überhaupt nichts dabei genutzt, Stuben wiederherzustellen, oder?“, antwortete sie.

Reilly runzelte die Stirn. „Ich habe es mir nicht zur Gewohnheit gemacht, meine Patienten auf den Rücken zu schlagen.“

„Vielleicht sollten Sie das“, schlug das Mädchen vor. „Sie würden dann vielleicht nicht so viele von ihnen verlieren.“

Er funkelte sie an. Er musste wohl seine Meinung über sie ändern. Gut, sie war ein Hingucker, aber sie war auch ein ziemliches –

„Aber dann wiederum scheinen Sie es gewohnt zu sein, Dinge zu verlieren.“ Der blauäugige Blick der jungen Frau wanderte von Reillys Gesicht nach unten über seine bloßen Schultern und die behaarte Mitte seines Brustkorbs, bis er anzüglich auf dem Bund seiner Kniehosen verharrte.

Reilly spürte, wie er zum ersten Mal seit langem errötete. Er verspürte einen plötzlichen und vollkommen lächerlichen Drang, sich vor diesem durchdringenden Blick zu schützen.

Er weigerte sich, ihr den Triumph zuzugestehen, ihn in Verlegenheit gebracht zu haben. Finster überkreuzte er seine Arme vor der Brust und sagte: „Der Verlust eines Hemdes ist ein geringer Preis für ein gerettetes Leben.“ Und in Gedanken fügte er hinzu: Selbst für das Leben eines dämlichen Trunkenboldes.

Obwohl er diese letzten Worte nicht laut aussprach, schien Miss Brenna dasselbe zu denken, falls die einzelne Augenbraue, die sie hochzog, ein Anhaltspunkt war. Aber vielleicht dachte sie auch nur darüber nach, dass sie es war und nicht er, der letztlich Stubens erbärmliches Leben gerettet hatte.

Falls sie das dachte, hielt sie sich allerdings davon ab, sie laut auszusprechen. Stattdessen fragte sie noch einmal: „Also, welches Inserat war es, Mr Stanton, das Sie hierher geführt hat?“

„Es heißt genaugenommen Doktor“, sagte Reilly. „Dr. Stanton. Und ich meine natürlich das in der Times.

Das Mädchen, das immer noch eine Augenbraue hochgezogen hatte, sah skeptisch aus. „In der Times“, sagte sie ausdruckslos. Offensichtlich glaubte sie ihm nicht.

Das machte ihn fast genauso wütend wie die unverschämte Art und Weise, wie sie ihren Blick über seinen nackten Brustkorb hatte schweifen lassen. Er sah sich nach seinen Kleidern um und entdeckte Maeve, die scheinbar sowohl den Whisky als auch die ihm versprochene Decke völlig vergessen hatte und seine Kleider vor dem Feuer aufhängte.

„Ich habe das Antwortschreiben auf meine Anfrage hier“, sagte Reilly und ging durch den Raum, um in die Tasche seiner Weste zu greifen.

Das Futter war so klitschnass wie der Außenstoff, da alles, was auf dem Pier zu Eis gefroren war, in der Hitze der Gaststube langsam geschmolzen war. Es dauerte eine Weile, bis er ein durchweichtes Blatt Papier aus den Tiefen der Tasche ziehen konnte.

Er bemerkte allerdings sofort, dass es nicht das war, wonach er gesucht hatte. Es war der Brief von Christine, den er seit dem unglückseligen Tag seiner Ankunft nahe an seinem Herzen getragen hatte. Jetzt war er nur noch ein feuchtes Blatt blassrosafarbenes Briefpapier, das zu oft auseinander- und wieder zusammengefaltet worden war, und auf dem nur ein paar handschriftliche Bögen zu erkennen waren. Trotzdem entstammten sie eindeutig einer femininen Hand, denn wie alles an ihr sprühte Christines Schrift nur so vor Weiblichkeit.

Die junge Frau, die Miss Brenna genannt wurde, zog eine rotbraune Augenbraue hoch. „Das sieht nicht aus wie ein Inserat aus der Times“, sagte sie.

Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse, stopfte das durchgeweichte, rosafarbene Fiasko wieder in seine Tasche und fischte ein anderes Schreiben heraus.

„Bitte sehr“, sagte er. „Hier ist die Antwort auf meinen Brief, den ich auf das Inserat hin geschrieben habe. Sie ist von Iain MacLeod, dem Earl von Glendenning –“

Den Lippen des Mädchens entschlüpfte ein Wort, das so schändlich war, dass Reilly sich nicht erinnern konnte, es jemals zuvor gehört zu haben, außer einmal in den Hafenanlagen im Osten Londons. Es war in einer der ersten Nächte gewesen, nachdem Christine die Verlobung gelöst hatte. Pearson und Shelley hatten darauf bestanden, eine Hure für ihn zu finden, mit deren Hilfe er den Schmerz seines gebrochenen Herzens lindern konnte. Die tiefe, markante Stimme des Mädchens erfüllte den Raum, sodass der Fluch an die Ohren der Inhaberin der Bierschenke drang.

„Was ist denn, Miss Brenna?“, fragte die Frau besorgt und trat von der Seite des Fährmanns. „War der hier unanständig zu Ihnen?“ Sie warf Reilly einen tadelnden Blick zu. „Benehmen Sie sich, Sir. Das ist ein ehrbares Lokal und ich lass es nicht zu, dass meine Gäste gekränkt werden. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie Stuben den ganzen Weg hierhergetragen haben, aber ich werde es nicht dulden, wenn jemand Miss Brenna schlecht behandelt –“

Bestürzt sagte Reilly: „Hören Sie mal, gnädige Frau. Ich habe Ihrer Miss Brenna kein Haar gekrümmt und ich bin entsetzt über die Andeutung, dass mein Verhalten in irgendeiner Weise als unpassend aufgefasst werden könnte –“

Er verstummte jäh, als eben jene Dame, die er angeblich so schmerzlich gekränkt hatte, ihren Arm ausstreckte und nach der Flasche griff, die die ältere Frau in den Händen hielt. Reilly, der gerade erst dabei war, sich von dem Schock zu erholen, dass ein so schändliches Wort über so hübsche Lippen gekommen war, wurde noch grundlegender erschüttert. Dieselben Lippen schlossen sich um den Mund der Flasche und die junge Frau kippte ganz selbstverständlich einen beträchtlichen Schluck Whisky hinunter.

Reilly hatte noch nie in seinem Leben gesehen, wie eine Frau Whisky aus der Flasche trank – oder auch aus einem Glas. Christine hatte gelegentlich Wein getrunken, aber nie etwas Stärkeres und sicherlich nie aus einem anderen Gefäß als geschliffenem Kristall.

Aber obwohl er schockiert war, war es keine unangenehme Überraschung. Denn das war sicherlich die Art von Benehmen, das er von einer Frau erwarten würde, die zu ihrem Unglück Brenna hieß.

Sie setzte die Flasche von den Lippen ab und reichte sie wieder ihrer Besitzerin.

„Entschuldigung, Mrs Murphy“, sagte sie und wirkte kein bisschen schuldbewusst. „Es war nicht der hier. Sondern er schon wieder.“

Mrs Murphy sah betroffen aus, aber anscheinend wegen dieser Information und nicht, wie Reilly, wegen der Trinkgewohnheiten des Mädchens. „Oje“, murmelte die alte Frau.

„Ich werde besser gehen.“ Sehr zu seiner Enttäuschung zog die amazonenhafte Miss Brenna ihren Umhang zu und verwehrte ihm so den weiteren Anblick dieser schönen Oberschenkel. „Mal sehen, ob ich das in Ordnung bringen kann.“

„Meine Güte“, hauchte Mrs Murphy. „Wirklich, Miss Brenna, ich denke, Sie sollten nicht allein gehen …“

„Ich schaffe das schon.“ Sie warf ein paar Strähnen ihres widerspenstigen roten Haares zurück und fügte hinzu: „Halten Sie Mr Stuben warm, und sorgen Sie dafür, dass er etwas Tee zu sich nimmt. Keinen Whisky, sondern Tee. Haben Sie verstanden, Mrs Murphy?“

„Ich habe verstanden“, murmelte die ältere Frau. „Aber seien Sie vorsichtig, Miss Brenna. Es ist ein dichter Nebel aufgezogen, und der Weg ist bestimmt vereist –“

Das Mädchen machte nur eine leichtfertige Handbewegung. „Dr. Stanton sieht allerdings aus, als könnte er einen Whisky gebrauchen“, sagte sie zum Abschied. Sie deutete mit ihrem schönen Kopf in Reillys Richtung und machte sich auf zur Tür. „Und ein trockenes Hemd, falls Sie eines finden, das groß genug für ihn ist.“

Und damit war er, wie Reilly erkannte, kurzerhand abgewiesen worden. „Hören Sie“, rief er. „Unsere Unterhaltung –“, die Tür des Tortured Hare wurde ihm vor der Nase zugeschlagen und schnitt ihm das Wort ab, „ – ist noch nicht beendet.“

„Ach, kümmern Sie sich nicht um Miss Brenna“, sagte Mrs Murphy in einem mütterlichen Tonfall. Sie eilte auf ihn zu und breitete endlich die seit langem versprochene Decke über seinen Schultern aus. „Jetzt machen wir Sie schön trocken. Sie müssen ganz durchgefroren sein. Miss Brenna hat Recht, es gibt wohl im ganzen Dorf kein Hemd, das so groß is’, dass es Ihnen passen könnt’ … na ja, außer eins von Lord Glendenning vielleicht, aber seine Lordschaft is’ nich’ bekannt dafür, seine Hemden zu verleihen. Dann werden Sie einfach ein Glas hiervon trinken müssen, um sich aufzuwärmen, bis Ihre Kleider getrocknet sind.“ Sie goss ihm etwas aus der Flasche ein, die eben noch Miss Brennas Lippen berührt hatte.

Reilly nahm das Glas, das die Inhaberin ihm entgegenstreckte, ohne wirklich Notiz davon zu nehmen, denn sein Blick ruhte immer noch auf der jungen Frau, die so plötzlich gegangen war. Er konnte sie durch das Fenster deutlich sehen – die beschlagene Scheibe hatte er mit einem Zipfel der Decke abgewischt. Sie schwang sich in den Sattel einer Schimmelstute, deren Beine nur ein wenig länger waren als ihre eigenen. „Im Herrensitz“, murmelte Reilly vor sich hin. „Natürlich.“

Er hatte noch nie zuvor eine Frau im Herrensitz reiten gesehen. Genaugenommen hatte er in seinem Leben ohnehin nicht viele Reiterinnen gekannt, denn seine Mutter und seine Schwestern zogen es vor, mit einem Phaeton durch den Park nach Hause zu fahren. Und Christine hatte sich vor Pferden gefürchtet. Soweit er wusste, besaß sie nicht einmal ein Reitkleid, geschweige denn einen Damensattel.

Nun, das tat die amazonenhafte Miss Brenna anscheinend auch nicht. Aber sie schien sich davon nicht abhalten zu lassen. Reilly beobachtete, wie sie dem Schimmel einen Tritt mit ihren Absätzen verpasste, und plötzlich waren das Pferd und seine Herrin auf und davon und verschwanden im dichten Nebel.

„Wie Königin Boudicca“, rief Reilly verwundert aus und wusste nicht, dass er das laut gesagt hatte, bis Mrs Murphy ihm antwortete.

„Aye“, sagte sie vollkommen ungerührt. „Wenn Sie es sagen, Sir. Lassen Sie sich jetzt diese Hosen ausziehen, Sir, oder sind die etwa an Ihnen festgewachsen? Und wenn Sie mir bitte Ihre Stiefel reichen würden, ich werd’ Nancy sie ausstopfen lassen, damit’s Leder seine schöne Form behält.“

Reilly setzte sich hin und begann seine Stiefel auszuziehen.

„Wer ist die Frau?“, fragte er und zog an einem. „Sie ist nicht aus der Gegend, oder?“

„Miss Brenna, meinen Sie?“ Als Mrs Murphy sah, dass er keine großen Fortschritte mit den Stiefeln machte, beugte sich nach unten und hob selbst einen seiner Füße an.

„Ist in London geboren, habe ich recht?“

Sein Stiefel löste sich mit einem lauten schmatzenden Geräusch und Mrs Murphy taumelte zurück, während sich ein Schwall Meerwasser aus dem ehemals feinen Leder ergoss.

„Das tut mir schrecklich leid“, sagte Reilly, als er die sich ausbreitende Pfütze auf dem Boden bemerkte. „Ich bezahle es natürlich, falls das Wasser einen bleibenden Schaden anrichten sollte. Also? Ist sie aus London?“

Mrs Murphy hatte bereits zwei oder drei ihrer Mädchen auf die Pfütze angesetzt und schien Reillys Frage nicht gehört zu haben. Sie machte sich stattdessen an dem anderen Stiefel zu schaffen.

„Hampstead“, sagte Reilly und zog mehrere Scheine aus seiner Brieftasche. „Da kommt sie her. Habe ich recht?“

Der zweite Stiefel gab nach, und die Schankmädchen eilten herbei, um das Wasser aufzuwischen, das herausgeflossen war. Reilly wackelte mit seinen Zehen, die fast gefroren waren und in durchnässten Strümpfen steckten.

„Was macht ein Mädchen aus Hampstead hier oben?“, wunderte er sich. „Hat sie jemanden von hier geheiratet?“ Aber dann sagte er sich, dass sie wohl kaum Miss Brenna genannt werden würde, wenn sie verheiratet wäre …

Nicht, dass ihn das gekümmert hätte, natürlich nicht. Er war nicht auf dieser Insel, um über den Familienstand von Frauen nachzugrübeln, die den unglückseligen Namen Brenna trugen … und eine ausgeprägte Abneigung gegen ihn zu hegen schienen.

Selbst, wenn es ungewöhnlich hübsche Frauen waren, die Hosen trugen und im Herrensitz ritten. Und so ungemein selbstsicher waren.

Nein. Er war hier, um seiner ehemaligen Verlobten zu beweisen, dass er in der Kunst der Medizin kein Dilettant und kein Pfuscher war. Er war fest entschlossen, Leben zu retten. Deshalb hatte er seine Praxis in London aufgegeben, wo seine Patienten es sich frustrierenderweise angewöhnt hatten, keine lebensbedrohlichen Krankheiten zu bekommen. Wie sollte er beweisen, dass er sich dem Arztberuf ernsthaft widmen wollte, wenn es keine Erkrankungen gab, die er heilen konnte?

Und bei Gott, das würde er beweisen, auch wenn es bedeutete, dass er tausende Miss Brennas ertragen müsste …

„Lyming“, bemerkte die Inhaberin des Tortured Hare zusammenhanglos.

Reilly sah sie an. „Wie bitte?“

„Miss Brenna.“ Mrs Murphy nickte ihm zu. „Sie kommt von genau hier. Ist in Lyming geboren und aufgewachsen.“

Reilly war wirklich schockiert. „Lyming?“

„Aye“, sagte die Frau. Sein Erstaunen verwirrte sie offensichtlich.

Reilly brauchte ein paar Sekunden, um diese Information zu verdauen. Und als er es geschafft hatte, entschlüpften ihm völlig gegen seinen Willen weitere Fragen über die leidige Miss Brenna:

„Wie ist das möglich? Sie ist eindeutig gebildet. Sie besitzt jedenfalls medizinische Kenntnisse, so viel ist sicher. Aber sie kann nicht die Hebamme sein, oder? Ist viel zu jung dafür. Sie dürfte ja kaum älter sein als zwanzig.“

Mrs Murphy hörte diesen Fragen aufmerksam zu, schien aber nicht der Ansicht zu sein, dass sie Antworten erforderten. Stattdessen erwiderte sie seine Äußerungen ihrerseits mit einer Frage: „Haben Sie nicht gesagt, Sie hätten irgendwo einen Koffer, Mr Stanton? Vielleicht könnten wir darin ein Hemd für Sie finden. Und eine neue Hose.“

Ihre Erkundigung wurde so mit soviel Nachdruck vorgebracht, dass Reilly für einen Moment von seiner Befragung abgelenkt wurde.

„Ich habe einen, er ist noch auf der Fähre. Und auch ein paar Taschen. Medizinische Geräte und all das. Aber wissen Sie, vielleicht wollen Sie das alles lieber direkt zum Haus bringen lassen.“

Mrs Murphy sah ihn an und war offensichtlich verdutzt. „Zum Haus, Sir?“

Reilly nickte. „Ja, genau. Lord Glendenning schrieb, dass zu der Anstellung auch eine Unterkunft gehörte. Ein Haus, sagte er. Oder war es ein Cottage? Ja, ich glaube, so war es. Burn Cottage hat er es genannt.“

Die Mädchen, die damit beschäftigt gewesen waren, den Boden zu schrubben, hielten plötzlich inne und sahen mit fassungslosen Gesichtern auf.

„Burn Cottage?“ Er hatte das Gefühl, als würde ihn Mrs Murphy forschend ansehen. „Er hat gesagt, dass Sie Burn Cottage haben sollen? Sind Sie ganz sicher?“

„Absolut, eigentlich“, sagte Reilly. „Ich erinnere mich genau, dass ich mich über den seltsamen Namen gewundert habe und hoffte, dass das Cottage in der Nähe eines kleinen Baches liegt und nicht dazu neigt, in Flammen aufzugehen.“

Er lachte, aber entweder tat Burn Cottage regelmäßig genau das, oder die Gäste dieser bestimmten Bierschenke hatten recht wenig Humor, denn er war der einzige im Raum, der sich wegen seines kleinen Witzes ein Lächeln abrang. Tja, Christine hatte schon immer gesagt, dass sein Sinn für Humor manchmal fehl am Platz sei, und jetzt war wohl genau eine dieser Situationen. Die Mädchen hatten sich einen strengen Blick von ihrer Arbeitgeberin eingefangen, sprangen auf die Füße und huschten davon – vermutlich, um den anderen Kunden ihre Aufwartung zu machen, denn nach der Wiederbelebung des Fährmannes herrschte wieder mehr oder weniger der gewohnte Betrieb. Stuben hatte sich sogar umgezogen und trockene Kleider angelegt, die dort offenbar für den Fall eines ebensolchen Ereignisses aufbewahrt wurden.

Reilly sagte: „Hören Sie, ich hoffe, ich bin jetzt nicht ins Fettnäpfchen getreten. Mit Burn meinen Sie doch einen Bach, oder nicht?“

Mrs Murphy lächelte ihn sehr freundlich an. „Natürlich, Sir. Es ist auch ein hübsches Cottage. Es ist nur, dass …“

Reilly schüttelte den Kopf. „Kommen Sie schon, gnädige Frau. Heraus mit der Sprache. Es ist offensichtlich, dass etwas damit nicht stimmt. Ist es etwa eine Bruchbude? Ich habe auch von dem Cholera-Ausbruch gehört, den Sie alle im letzten Sommer durchgemacht haben. Wurde Burn Cottage unter Quarantäne gestellt?“

„Nein, nein“, unterbrach Mrs Murphy hastig. „Das isses nicht. Es is’ nur … es is’ nur …“

„Red’ weiter und sag es ihm, Moira“, rief einer der Männer an der Bar herüber.

„Es is’ nur –“ Mrs Murphy schien zu einer Entscheidung gekommen zu sein und beendete ihre Äußerung nachdrücklich: „Es ist nur so, dass es jetzt viel zu spät ist, um aufzubrechen, mit dem dichten Nebel. Ich werde jemanden Ihre Sachen holen schicken und Sie werden über Nacht hierbleiben. Flora wird bei Maeve unterkommen. Das wirst du doch, nicht wahr, Flora?“

Jetzt bemerkte Reilly zum ersten Mal, dass sich unter Floras schmutziger Schürze ein dicker Bauch wölbte. Statt einer Antwort verdrehte sie nur die Augen und begann, in einer hinteren Ecke des Raumes eine wackelig aussehende Treppe hinaufzusteigen.

„Jetzt hören Sie mal“, sagte Reilly ziemlich beunruhigt. „Es gibt keinen Grund, warum unser Fräulein – äh – unsere Frau – ähm – unsere Freundin Flora hier ihr Bett räumen müsste. Wenn das Cottage wirklich zu weit weg ist, bleibe ich einfach hier unten. Das würde mir gar keine Umstände machen.“

„Auf keinen Fall!“ Mrs Murphy schien allein über den Vorschlag entsetzt zu sein. „Es ist nicht der Rede wert, dass Flora umzieht.“

„Es ist nich’ nicht der Rede wert“, hörte Reilly aus Floras Richtung, obwohl das Mädchen die Worte vor sich hin murmelte.

Aber sie murmelte sie nicht leise genug, denn ihre Arbeitgeberin hörte sie ebenfalls. Sie verfolgte das Mädchen und hatte dabei eine flache Hand erhoben.

„Jetzt reicht es mir aber mit dir, Fräulein“, rief Mrs Murphy aus, aber bevor sie eine Chance hatte, ihre Hand herunterfahren zu lassen, ergriff Reilly sie und hielt sie fest, als wären er und Mrs Murphy ein Liebespaar – obwohl man zugeben musste, dass sein Griff eher beengend als liebevoll war.

„Hören Sie, gnädige Frau“, begann Reilly und musste seinen wohlmeinenden Tonfall heucheln. Seiner Meinung nach gab es nichts Schlimmeres als Arbeitgeber, die ihre Angestellten schlugen, außer vielleicht Ehemänner, die ihre Frauen schlugen. „Es wäre nicht einmal im Geringsten vornehm von mir, eine junge Dame aus ihrem Zimmer zu vertreiben. Ich will nichts davon wissen – besonders wenn die junge Dame in solch besonderen Umständen ist wie unsere Flora. Oh, wenn meine Kollegen davon Wind bekämen, würde man mich aus dem College werfen …“

Das war natürlich eine unverfrorene Lüge. Es gab mehr sogenannte angesehene Mitglieder der Ärzteschaft, als Reilly zählen konnte, die sich nichts dabei denken würden, eine schwangere Frau aus ihrem Bett zu vertreiben, damit sie eine bequeme Nachtruhe hätten. Sehr viele Männer in Reillys Metier schienen ein gewisses Anspruchsdenken zu hegen, etwas, das Reilly selbst nie wirklich verstanden hatte.

Aber es war nicht sehr wahrscheinlich, dass Mrs Murphy bisher schon vielen Ärzten begegnet war, daher wäre sie sich dieser sonderbaren Tatsache zweifellos nicht bewusst.

„Also, liebe gnädige Frau“, fuhr Reilly fort und lockerte seinen Griff um ihr Handgelenk ein wenig, „wenn Sie so freundlich wären, meine Sachen hierher bringen zu lassen, werde ich gern mein Lager auf der Sitzbank dort drüben aufschlagen und fertig.“

Mrs Murphy war nicht die einzige Person im Raum, die ihn erstaunt ansah. Maeve, Nancy und sogar die in anderen Umständen befindliche Flora starrten ihn an, als wäre er eine neue, bisher unentdeckte Spezies.

Und vielleicht war er das für sie auch. Die Stammkundschaft des Tortured Hare sah nicht gerade so aus, als ob sie darauf bestehen würden, einer schwangeren Frau ihr Bett zu lassen. Geschweige denn, dass sie sich erheben würden, um zu verhindern, dass sie einen Klaps von ihrer Arbeitgeberin bekam.

Andererseits könnten die Blicke der Frauen vielleicht gar nichts mit Reillys Galanterie zu tun haben und stattdessen sehr viel mit der Tatsache, dass die Decke heruntergerutscht war, als er Mrs Murphys Handgelenk ergriffen hatte. Seine nackte Brust war wieder entblößt, sodass sie ihn neugierig – und, wenn man nach ihren Gesichtsausdrücken urteilte, auch anerkennend – betrachteten.

Mrs Murphy war die erste, die ihren Blick von Reillys nacktem Oberkörper riss.

„Na ja“, sagte sie langsam. „Ich weiß nich’. Lord Glendenning wird das sicher nich’ gefallen …“

„Tja, wenn es Lord Glendenning nicht gefällt“, bemerkte Reilly, „kann er mich sehr gerne einladen, bei ihm auf Burg Glendenning zu wohnen, nicht wahr?“

Mrs Murphy nickte langsam. „Ja, das kann er.“

„Dann ist alles geklärt.“ Reilly ließ den Arm der molligen Dame los, griff noch einmal nach der Decke und dem dürftigen Schutz, den sie ihm gegen die lüsternen Blicke von Maeve und ihren Kolleginnen bot, und nahm dann das Whiskyglas, das seit geraumer Zeit vergessen neben seinem Ellbogen gestanden hatte. Er hob es an und schwenkte es in Floras Richtung. „Dann auf Ihr Wohl, meine Damen –“

Und mit einem Blick zu dem Fährmann, der wegen der unzähligen Getränke, die seine Freunde ihm ausgegeben hatten, bald wieder besinnungslos sein würde, kippte Reilly seinen Kopf nach hinten und leerte den Inhalt des Glases.

Der Whisky war köstlich, stark genug, um in seinen Augen zu brennen, aber mit einer herrlich rauchigen Note. Die feurige Flüssigkeit floss seinen Hals hinunter und erwärmte selbst die Stellen seines Körpers, von denen er überzeugt gewesen war, dass sie sich nie wieder warm anfühlen würden. Er dachte sich, dass Pearson und Shelley zwei oder drei Kronen für ein Glas von so einem guten Zeug bezahlten, und hier saß er und trank es umsonst, weil er einen halbtoten Fährmann aus dem Wasser gezogen hatte.

Und sie hatten ihn gedrängt, London nicht zu verlassen!

Erst mehrere Gläser Whisky später, nachdem Reilly endlich trockene Kleider aus seinem Koffer angezogen hatte, erinnerte er sich an einen der Gründe, warum Christine ihre Verlobung gelöst hatte – zumindest war es einer der Gründe, den sie in ihrem Brief genannt hatte, demselben Brief, der momentan vollkommen unleserlich an einer Wäscheklammer über dem Ofen hing: seine chronische Trunkenheit. Er fand, dass das Wort chronisch ein wenig überzogen war. Schließlich trank er nicht öfter als jeder andere Mann, den er kannte – eher das Gegenteil, um genau zu sein.

Aber Christine, die süße, fromme Christine, die sonntags nie in der Kirche fehlte und mehr Gesellschaften angehörte, als er an beiden Händen abzählen konnte – Temperenzgesellschaft, Missionarsgesellschaft und abolitionistische Gesellschaft – war anscheinend der Meinung gewesen, dass sogar seine ein oder zwei Whiskys am Abend ein oder zwei zu viel waren.

Nun, wahrscheinlich hatte sie Recht. Je mehr er trank – und es herrschte eine weinselige Stimmung im Tortured Hare, die Reilly ziemlich unwiderstehlich fand – desto mehr schien er zu vergessen, zu welchem Zweck er an diesen verlassenen Ort gekommen war.

Nicht, um mit den örtlichen Trunkenbolden zu verkehren, wie er es jetzt gerade tat, sondern um gute Werke zu vollbringen, um sich für andere aufzuopfern. Und um Miss Christine King ein für alle Mal zu beweisen, dass Reilly Stanton (Lord Reilly Stanton, um genau zu sein. Schließlich war er der achte Marquis von Stillworth, wozu auch immer das gut war) ein Mann mit Courage und Überzeugungen war, der es nicht nötig hatte, seinen Titel zur Schau zu tragen, um Respekt zu erlangen. Und sicherlich nicht der betrunkene, unentschlossene Prasser und Verschwender, für den sie ihn zu halten schien.

Und bei Gott, er würde ihr das beweisen, selbst, wenn er dafür jeden verdammten betrunkenen Fährmann auf diesem verfluchten Felsbrocken retten müsste.

„Stanton!“ Reillys neuer bester Freund, Adam MacAdams, der älteste und zahnloseste der Fischerleute, unterbrach seine Betrachtungen, indem er ihm einen Arm um den Hals legte und sagte: „Lass mich dir noch ’nen Drink ausgeben.“

„Oh, nein, danke“, sagte Reilly höflich. „Ich hatte wirklich genug.“

„Nur noch ein Drink. Du has’ meinen Freund gerettet. Meinen Freund Stuben. Darf ich dir keinen Drink ausgeben, als Dank, weil du meinen Freund Stuben gerettet has’?“

Reilly sagte: „Ich habe ihn nicht gerettet. Ihre Miss Brenna hat ihn gerettet.“

„Nur noch ein Drink“, sagte MacAdams. „Nur einer.“

Reilly konnte sich nicht erinnern, jemals irgendwo so herzlich aufgenommen worden zu sein. Wahrhaftig, seine Freunde hatten vollkommen Unrecht gehabt. Highlander waren im Grunde vollkommen zivilisiert. Und die Menschen auf der Isle of Skye waren die freundlichsten, geselligsten Highlander überhaupt.

Mit Tränen in den Augen sagte Reilly: „In Ordnung. Noch einen. Aber nur, wenn ich den Toast aussprechen darf.“

„Leg los“, sagte MacAdams. „Du machst den Toast.“

Reilly hob sein Glas. „Ich möchte diesen Toast auf die schönste, liebenswürdigste und reizendste Dame im ganzen Land aussprechen, die Verfasserin dieses Briefes dort –“ Alle drehten die Köpfe, um das Blatt rosafarbenes Briefpapier anzusehen, das vor dem Feuer trocknete. „Die anmutige, die entzückende und fromme – und ich beabsichtige, sie zu heiraten, wenn sie mich nur haben will – die achtenswerte Miss Christine King.“

„Auf Mish King“, stimmten die Fischer ein.

Sie leerten ihre Gläser. Dann wandte sich Reilly an Adam MacAdams und fragte: „Also, was ist denn das Problem mit Burn Cottage?“

Aber er bekam keine Antwort mehr darauf. Denn alle seine neuen Freunde waren eingenickt, bevor er die Worte ganz herausgebracht hatte.

Und Reilly entschied, erfüllt von einem warmen Gefühl der Kameradschaft, dass es nicht sehr vornehm von ihm wäre, ihr überaus gastfreundliches Angebot eines Schläfchens auszuschlagen … trotz allem, was Christine zweifellos davon gehalten hätte.

3.

Die Burg war alt, Teile von ihr sogar jahrhundertealt. Seltsamerweise war es der jüngere Anbau – von etwa 1650 –, der zuerst begonnen hatte zu verfallen. Die Mauern bröckelten schon seit Jahrzehnten und das Fundament war undicht. Jedes Frühjahr wurden die Kerker überschwemmt. Da in diesen unterirdischen Zellen keine Gefangenen mehr eingesperrt wurden, war das nicht besonders gefährlich, aber der Wasseransturm trieb für gewöhnlich die Ratten, die sich zwischen den Weinfässern niedergelassen hatten, in die Wohnbereiche der Burg.

Dies erwies sich als sehr ärgerlich für die Bediensteten, obwohl es den Eigentümer der Burg nicht besonders zu stören schien. Brenna war überzeugt davon, dass es Lord Glendenning nicht allzu viel ausmachen würde, wenn eine Ratte von der Größe eines Ponys auf seiner Brust hocken würde, außer das Tier hinderte ihn irgendwie daran, an seinen Bierkrug zu gelangen.

Als Brenna den dösenden Earl nüchtern von der Tür aus betrachtete, bedauerte sie, dass es noch nicht Frühling war.

Natürlich nicht, weil sie die Vorstellung reizvoll fand, in den dunklen und schimmligen Korridoren von Burg Glendenning auf Ungeziefer zu stoßen. Ganz und gar nicht. Aber sie konnte sich gut vorstellen, dass Iain MacLeod, der neunzehnte Earl von Glendenning, nicht ganz so erfreut über die Ratten in seinem Anwesen wäre, wenn sie ihm zufällig eine in den verhassten Nacken legen würde. Was er nur verdient hätte.

Aber da sie keine Ratte zur Hand hatte, begnügte sich Brenna damit, den Raum zu durchqueren und den Füßen des Earls, die er auf dem Ofen abgelegt hatte, einen kräftigen Tritt zu verpassen.

Die riesigen, bestiefelten Füße Lord Glendennings landeten mit einem Krach auf dem Fliesenboden und weckten die Hunde, die sich vor dem Feuer zusammengerollt hatten. Die Hunde sprangen sofort auf und begannen laut zu bellen, während Lord Glendenning auf der Suche nach seinem Schwert in den Falten des Umhangs wühlte und rief: „Bleib stehen, Dieb! Ich habe eine Waffe und ich werde sie benutzen!“

Aber als er schließlich das scharfe, antike Breitschwert schwang – die Klinge, die, wie es hieß, seit den Tagen König Artus’ in seiner Familie war – wirkte die Person, an deren Kehle er es hielt, vollkommen unbeeindruckt. Vielmehr streckte sie die Hand aus und schob die Schneide mit Daumen und Zeigefinger von sich weg.

„Hättet Ihr mir gegenüber nicht wenigstens erwähnen können, dass Ihr überlegt, einen neuen Arzt einzustellen?“, sagte Brenna frostig.

Lord Glendenning schien allmählich wach zu werden. Er blinzelte mit seinen von dunklen Wimpern umrahmten blassblauen Augen, die, wie Brenna wusste, mehr Frauenherzen in Aufregung versetzt hatten, als sie an all ihren Fingern und Zehen abzählen konnte, und fragte: „Brenna? Bist du das etwa?“

„Natürlich bin ich es.“ Sie duckte sich unter der Klinge, die er immer noch erhoben hielt, hindurch und ging zum Feuer, um ihre Finger auszustrecken und aufzuwärmen, die vom Ritt beinahe gefroren waren. Die Hunde, die ihre Freundin erkannten, fielen über sie her und drängelten sich vor, um ihre Schnauzen unter ihre Hände zu schieben.

„Runter“, brüllte Lord Glendenning die Tiere an, aber sie schenkten ihm nicht mehr Beachtung als sonst und sprangen immer noch hoch, um das Gesicht der Besucherin abzulecken. Erst, als diese sich mit dem Rücken zum Feuer auf den Ofen setzte und mit gebieterischer Stimme „Nein“, und „Sitz“ sagte, gehorchten sie alle, und zwar sofort.

„Was machst du hier?“, fragte Lord Glendenning, als er das Schwert wieder in die Scheide steckte. „Hast du deine Meinung geändert?“ Er griff nach oben, um seine langen, pechschwarzen Haare aus dem Gesicht zu streichen, und musterte ihren Gesichtsausdruck im Licht des erlöschenden Feuers genau. „Das hast du, bei Gott. Du bist endlich zur Vernunft gekommen. Also das muss gefeiert werden. Raonull!“

Der Earl warf seinen Kopf zurück und bellte lauter als all seine Hunde zuvor: „Raonull! Wach auf und bring uns Wein!“

„Lasst das Geschrei“, sagte Brenna und begann beiläufig, eine Klette aus dem Fell des Hundes zu lösen, der am nächsten bei ihr saß. Der Hund rollte bei dieser Zuwendung dankbar mit den Augen und legte seinen schweren Kopf auf ihrem Schoß ab. „Wirklich, habt Ihr denn allen Verstand verloren, den Gott Euch gegeben hat? Ich habe meine Meinung nicht geändert. Ich will wissen, was Ihr Euch dabei denkt, einfach einen Arzt einzustellen, ohne jemandem auch nur ein Wort davon zu sagen.“

Lord Glendenning sah etwas verwirrt aus. „Einen Arzt einzu–“ Er blinzelte ein paar Mal. „Oh. Du hast das also herausgefunden, ja?“

„Es herausgefunden?“ Brenna schüttelte vor Erstaunen über ihn den Kopf. „Das will ich meinen. Der Kerl ist vor einer halben Stunde bei Moira aufgetaucht. Wirklich, Mylord. Wie konntet Ihr nur? Ihr hättet zumindest erwähnen können, dass –“

„Vor einer halben Stunde?“ Glendenning sank tief in den Gobelin-Stuhl zurück, in dem er ein paar Augenblicke zuvor gedöst hatte. Er sah verblüfft aus. „Aber er sollte erst am Mittwoch kommen.“

Brenna verdrehte die Augen. „Heute ist Mittwoch, Mylord“, sagte sie.

„Oh.“ Iain MacLeod blickte auf seine großen, schwieligen Hände hinab, so als fände sich in ihnen ein Ausweg aus dieser misslichen Lage. Brenna betrachtete ihn gefasst. Obwohl der Earl von Glendenning selten etwas tat, was ihr gefiel, war ihr vollkommen klar, dass dies nicht darauf zurückzuführen war, dass er sie persönlich beleidigen wollte – er wusste es einfach nicht besser. Tatsächlich scheute er für gewöhnlich keine Mühen, um ihre Gunst zu gewinnen. Die Tatsache, dass diese Versuche selten erfolgreich waren, war nicht unbedingt die Schuld des Earls. Das sagte sich Brenna zumindest, wenn sie, wie jetzt, den Drang verspürte, ihre Hände um seinen wuchtigen Hals zu legen und zuzudrücken.

„Ihr hättet es mir erzählen können“, tadelte ihn Brenna behutsam und streichelte die Ohren eines der Hunde, „das wisst Ihr.“

Lord Glendenning blickte finster drein. Er war ein gutaussehender Mann. Um ehrlich zu sein, war er der ansehnlichste Mann, dem Brenna je begegnet war. Zumindest war er es bisher gewesen. Jetzt, wo Brenna Reilly Stanton getroffen hatte, stellte sie fest, dass sie sich dessen nicht mehr vollkommen sicher war.

Sie war sich jedoch völlig sicher, dass selbst ein finsterer Blick Lord Glendenning gut stand … und das war ihm auch völlig klar. Der Earl war sich seines guten Aussehens nur allzu bewusst – etwas, was Brenna keinesfalls mit Gewissheit von Dr. Stanton behaupten konnte. Er wusste auch um die verheerende Wirkung, die diese Blicke manchmal auf leicht zu beeindruckende junge Frauen hatten und auch auf einige, die schon älter waren. Und ihn plagten keine Gewissensbisse, wenn er diese Blicke, so oft es möglich war, zu seinem Vorteil nutzte.

Aber Brenna wusste nur zu gut, dass das Aussehen des Earls trügerisch war. Er mochte vielleicht wie ein junger Gott erscheinen, aber unter dieser engelsgleichen, unschuldigen Fassade lauerte, das wusste sie ganz genau, ein teuflisch schalkhaftes Gemüt. Daher rührte sie sein finsterer Blick nicht im Geringsten. Vielmehr blickte sie genauso finster zurück.

„Es ist jetzt wirklich kein fairer Kampf mehr, oder?“ Sie runzelte die Stirn, um ihn wissen zu lassen, dass sie das ganz und gar nicht lustig fand. „Ihr hättet mich zumindest darauf hinweisen können.“

Glendenning reckte sein Kinn vor. Er hatte dort ein Grübchen, sein Kiefer war kantig und heute mit einem Blauschatten übersät, weil er sich seit dem Morgen nicht rasiert hatte.

„Ich wollte es dir ja sagen“, sagte er trotzig. „Aber ich … tja, ich habe es vergessen.“

„Oh, ach so.“ Brenna nickte. „Ihr habt es vergessen. Natürlich, wie dumm von mir. Und ich dachte, Ihr hättet es einfach absichtlich getan, um mich zu überrumpeln und mich empfänglicher für Eure … Vorschläge zu machen.“

„Verdammt nochmal, Brenna!“ Der Earl drückte sich aus seinem Stuhl hoch und begann, der Länge nach durch den Raum zu schreiten. Und der Raum war ziemlich lang, denn er war einst der Palas der Burg gewesen. Immer noch hingen alte, zerfledderte Banner mit dem Wappen der McLeods – zwei Löwen, die auf grünem Rasen rangen – von den Dachbalken der sechs Meter hohen Decke herab. „Was erwartest du denn von mir, hä?“

„Ich erwarte, dass Ihr Euch wie ein Mann verhaltet“, sagte Brenna. „Und nicht wie ein verzogenes kleines Kind.“

„Wieso benehme ich mich denn wie ein verzogenes Kind?“, rief der Earl und wirbelte so schnell zu ihr herum, dass der lange Umhang, den er trug, sich wie eine Sturmwolke hinter ihm aufbauschte. „Ich handle im besten Interesse meines Volkes.“

„Indem Ihr einen Arzt einstellt, den Ihr durch ein Inserat in der Londoner Times gefunden habt?“ Brennas Stimme triefte vor Hohn. „Habt Ihr eine Ahnung, ob dieser Mann für die Stelle überhaupt geeignet ist? Bei allem, was Ihr von ihm wisst, könnte er ein auch irgendein Quacksalber sein –“

„Er ist kein Quacksalber“, blaffte der Earl. „Er hat mir ein halbes Dutzend Empfehlungsschreiben geschickt, die alle mustergültig waren. Er war in Oxford, um Himmels willen, Brenna. Er ist Mitglied der Royal University –“

„Des Royal College“, korrigierte ihn Brenna.

Der Earl zuckte mit den Achseln. „Er betreibt seine Praxis in London inzwischen seit über einem Jahr. Einige seiner Patienten sind hohe Adlige. Eine von ihnen ist sogar eine Viscountess –“

„Oh, und natürlich würde weiß Gott jeder Mann mit einer erfolgreichen Londoner Arztpraxis und vornehmen, wohlhabenden Patienten, die Chance ergreifen, das alles wegzuwerfen und hierherzukommen, um für einen Hungerlohn in der trostlosesten und verseuchtesten Gegend ganz Europas zu arbeiten.“

Glendenning starrte sie an. Es trieb sie zum Wahnsinn, dass er überhaupt keinen Sarkasmus verstand. „Was meinst du damit?“

„Ich meine damit, dass man Euch reingelegt hat. Wenn Ihr das nur mit mir besprochen hättet –“

„Wie kommst du darauf, dass ich reingelegt wurde?“, fragte der Earl. „Was stimmt denn mit dem Kerl nicht?“

Brenna blinzelte ihn an. Wirklich, er war so einfältig. So naiv wie ein Kind in manchen Dingen.

Aber in anderen ein ganzer Mann.

„Na ja, nichts stimmt nicht mit ihm“, sagte sie. „Jedenfalls nicht so, wie Ihr das meint.“

„Nein?“ Glendenning grinste spöttisch. „So viel Theater wie du machst, hätte ich mindestens erwartet, dass er einen Buckel hat.“

„Er hat keinen Buckel“, sagte Brenna.

Weit gefehlt. Dr. Stanton schien, soweit sie das nach ihrer kurzen Begegnung beurteilen konnte, ein sehr kräftiger junger Mann zu sein. Wirklich geradezu kraftstrotzend … das wusste sie nur allzu gut. Es kam nicht oft vor, dass Brenna ins Tortured Hare ging und sich dabei ertappte, einen Apollo anzustarren, aber genau das war ihr an diesem Abend passiert.

Schlimmer noch: Der Apollo hatte kein Hemd getragen, er war unglaublich breitschultrig gewesen, mit einem flachen Bauch, sehnigen Muskeln und seidiger Haut, die im Schein des Feuers bronzefarben leuchtete. Brenna hatte Schwierigkeiten gehabt, ihre Augen von diesem Anblick loszureißen, besonders als sie bei genauerer Betrachtung das dichte und seidig aussehende, dunkle Haar bemerkt hatte, das sich auf der breitesten Stelle seines Brustkorbs ausbreitete, bevor es sich zu einem schmalen Streifen verjüngte und seinen steinharten Bauch entlang schlängelte, um dann provokativ im Bund seiner Kniehosen zu verschwinden.

Noch schwieriger zu übersehen war die Tatsache, dass der Doktor so groß war – genauso groß wie der einzige Mann auf Skye, der Brenna jemals überragt hatte, abgesehen von ihrem eigenen Vater: So groß wie kein anderer als der berüchtigte Lord Glendenning selbst. Aber Dr. Stanton war nicht nur so groß wie der Earl. Oh, nein. Er war auch ganz offensichtlich genauso stark, wie seine muskulösen Arme bezeugten (denn als Dr. Stanton die Arme vor seinem breiten, verlockenden Brustkorb überkreuzt hatte, waren die Muskeln noch stärker hervorgetreten). Wozu ein Arzt solche Muskeln brauchte, konnte Brenna sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, aber es war kein Wunder, dass es diesem Mann gelungen war, Stuben ganz allein aus dem Meer zu ziehen – eine Aufgabe, die normalerweise vier Männer erforderte.

Es war Brenna außerordentlich schwergefallen, sich ihre Bewunderung nicht anmerken zu lassen – obwohl sie dasselbe nicht von den Angestellten des Wirtshauses sagen konnte, die sich ihrer Meinung nach schändlich benommen hatten … besonders Maeve, die jedes Mal, wenn sie ihn angesehen hatte, beinahe um Luft hatte ringen müssen. Nicht, dass Brenna es ihr verübeln könnte. Dr. Stanton war mit seinem schlanken und muskulösen Körper, den stämmigen, kräftigen Schultern, den lachenden dunklen Augen und dem aufgeweckten Lächeln überaus anziehend.

Also was in Gottes Namen wollte er auf Skye?

„Er steckt offensichtlich in irgendwelchen Schwierigkeiten“, sagte Brenna, „zu Hause in London.“

„Schwierigkeiten?“ Glendenning warf ihr über die Schulter einen erschrockenen Blick zu, während er zu einer Anrichte trat, auf der er seine Whiskykaraffe aufbewahrte. „Wovon redest du da? Was für Schwierigkeiten?“

„Das weiß ich nicht“, sagte Brenna. „Aber kein vernünftiger Mann – und das ist Dr. Stanton ganz eindeutig – würde freiwillig hierher kommen, um sich niederzulassen. Nicht, wenn er bereits eine rentable Praxis in London führt. Es wäre der reine Wahnsinn. Also kann ich nur vermuten, dass er etwas Entsetzliches getan hat und man ihm die Lizenz entzogen hat. Das ist die einzige Erklärung.“

„Nichts dergleichen“, informierte sie Glendenning empört, während er zwei Gläser füllte. „Ich habe seinem College selbst geschrieben, und sie haben mir versichert, dass er ein ausgezeichneter Kandidat für die Anstellung sei. Sie haben sogar sein Urteilsvermögen in Frage gestellt, weil er zugestimmt hat, die Stelle hier anzutreten.“

„Aha!“, rief Brenna so energisch, dass die Hunde hochschreckten. „Das ist es also. Er ist nicht ganz richtig im Kopf.“

Glendenning reichte ihr einen der Whiskys. Er sah wieder besorgt aus. „Wirkte er denn wirr?“

„Na ja … nein.“ Es hatte leider so gewirkt, als wäre er durchaus bei Verstand. Sie runzelte die Stirn und stellte den Whisky beiseite, sodass die Hunde nicht herankamen. Dann erhellte sich ihr Gesicht. „Aber er ist hinter Stuben in die Bucht gesprungen.“

Der Earl lachte. Es war kein sehr freundliches Lachen, sondern eher triumphierend. „Tja, da haben wir es doch“, verkündete Glendenning genüsslich. „Damit ist es eindeutig. Er ist einer von der Sorte.“

„Einer von welcher Sorte?“ Brenna blickte ihn neugierig an.

„Er hat nicht versucht, euch was von Religion zu erzählen, drüben bei Moira, oder?“

„Religion? Sicherlich nicht. Wovon redet Ihr da überhaupt?“

„Von Stanton!“ Glendenning schrie den Namen zu den Dachbalken über ihren Köpfen. „Von wem denn sonst? Brenna, ich denke, du musst zugeben, dass der Kerl hierhergekommen ist, weil er Gutes tun will, den Bedürftigen helfen, und so ein Mist. Du kennst die Sorte. Ein Glaubenseiferer. Ein Kämpfer für gute Zwecke. In London wimmelt es von denen.“

Brenna schnaubte. „Oh, gewiss. Bestens ausgebildete und gut bezahlte Ärzte sind schließlich bekannt dafür, dass sie ihre Sachen packen und die Stadt, in der sie so viel Ansehen erworben haben, verlassen, um wenig rentable Praxen in winzigen Küstendörfern auf den Hebriden zu eröffnen. Ihr vergesst da etwas, Mylord.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe in London gelebt. Ich kenne diese Männer. Das sind dieselben Männer, wie Ihr euch sicherlich erinnern werdet, die meinen Vater mit Schimpf und Schande davongejagt haben, sodass er nicht mehr als Arzt tätig sein konnte. Es gibt unter ihnen keinen einzigen, der sein bequemes Leben aufgeben würde für –“ Sie kräuselte ein wenig die Lippen, während sie sich im Raum umsah. „Na ja, für das hier.

Das hier“, sagte Glendenning und sah verletzt aus, „ist zufälligerweise die älteste Burg auf Skye, damit du’s weißt. Also jedenfalls von denen, die noch stehen.“

„Das bezweifle ich nicht“, versicherte Brenna dem Earl.

Zufrieden darüber, dass sie seine Heimstätte nicht schlechtgemacht hatte, wie er offensichtlich befürchtet hatte, schwenkte der Earl sein Whiskyglas in ihre Richtung.

„Du kannst den Mann so viel verleumden, wie du willst, Brenna“, sagte Glendenning, „aber er sagte, dass er kommen würde und jetzt, wo er da ist, schicke ich ihn auch nicht wieder zurück. Er bleibt.“

„Tja“, sagte Brenna scharf. „Dann bleibt also nur eine Frage, nicht wahr? Wo soll er bleiben?“ Glendenning hörte plötzlich auf zu grinsen und stellte das Whiskyglas mit einem Rums ab. „Du weißt ganz genau, wo, Brenna“, sagte er mit tiefer, fester Stimme.

Sie nickte und fühlte sich seltsam ernüchtert. Nun, jetzt war es soweit. Er hatte es so gut wie gesagt. Das war natürlich ihre schlimmste Befürchtung gewesen, aber sie hätte niemals gedacht, dass er es wirklich durchziehen würde. Das hätte sie nicht von ihm gedacht. Trotz seines Gepolters war er ein einfacher Mann und nicht fähig, etwas Hinterhältiges oder Listiges zu tun.

Oder zumindest hatte sie das bis jetzt geglaubt.

„Tja“, sagte sie. „Das ändert die Lage ein wenig, nicht?“

Glendenning sah beunruhigt, aber trotzdem entschlossen aus. „Das ändert überhaupt nichts“, sagte er, blieb einen guten Meter von ihr entfernt stehen und überkreuzte seine kräftigen Arme vor der Brust. „Du hättest wissen müssen, dass ich letztendlich meinen Willen bekommen würde, Brenna.“

„Das werdet Ihr vielleicht“, gestand sie schulterzuckend. „Allerdings nur über meine Leiche.“

Er knirschte mit den Zähnen, wobei sie im Licht des Feuers sehen konnte, wie sich die Muskeln in seinem stoppeligen Kiefer bewegten.

„Aber Brenna“, sagte er. „Sei vernünftig.“

„Ich war bisher vernünftig“, sagte sie. „Aber das ist widerwärtig, selbst für Eure Verhältnisse.“

Er runzelte die Stirn. „Schau doch mal“, sagte der Earl in gekränktem Tonfall. „Ich denke, ich war unter den gegebenen Umständen sehr geduldig. Geduldiger als jeder andere Kerl es wäre, Brenna. Ich wollte nich’, dass du es so rausfindest, indem du dem Tunichtgut bei Moira über den Weg läufst – aber ich kann nich’ sagen, dass mir leidtäte, was ich getan habe. Es ist nich’ richtig, Brenna.“

„Nein, bei Gott, das ist es nicht, und glaubt ja nicht, dass ich nicht –“

„Nicht das, was ich getan habe.“ Glendenning deutete mit einem Finger auf sich selbst. „Ich bin absolut im Recht. Du bist diejenige, die alles durcheinandergebracht hat.“

Ich?“ Brenna stand blitzschnell auf, was die Hunde beunruhigte, die durch ihr sanftes Streicheln wieder eingeschlafen waren. „Ich habe alles durcheinandergebracht? Oh, das sagt der Richtige. Ihr wisst, dass ich Euch tausend Mal angeboten habe, Miete zu bezahlen. Wenn Ihr mir nur eine Frist eingeräumt hättet, hätte ich –“

„Du bist diejenige, die verwirrt ist, Brenna. Ich meine, schau dich doch mal an! Du trägst Hosen, um Himmels willen.“

„Dann war es das also?“, fragte sie nachdrücklich und machte einen Schritt über einen der Hunde, bis sie direkt vor ihm stand. Ihr Kinn reichte bis zu seiner Brust. „Ohne Diskussionen? Ohne Verhandlungen?“

Er wirkte ein wenig verunsichert, und sie bemerkte, dass es wahrscheinlich daran lag, dass sie ihm so nahe gekommen war. Trotzdem: Sie konnte keinen Rückzieher machen.

„Ohne Diskussionen“, sagte der Earl. „Es hat schon genug Diskussionen gegeben. Du kennst meinen Standpunkt. Und jetzt weißt du, dass ich gewonnen habe. Es tut mir leid, dass ich diesen Weg gehen musste, aber du hast mir keine Wahl gelassen. Also, wann kann ich mit dir rechnen?“

Sie lachte. Sie konnte einfach nicht anders. „Ihr macht wohl Witze.“

„Das tue ich nicht.“ Sie konnte sehen, dass er sich sehr bemühte, seine würdevolle Haltung zu bewahren. „Es ist mir vollkommen ernst.“

„Es ist Euch vielleicht ernst, aber klug ist es nicht. Ich habe auch noch andere Möglichkeiten, wisst Ihr.“

Er sah beunruhigt aus. „Möglichkeiten? Was für Möglichkeiten?

„Ich könnte Skye verlassen.“

Man musste ihm zugutehalten, dass er nicht in Panik geriet. Stattdessen sagte er mit bewundernswerter Gelassenheit: „Das könntest du. Aber du musst schon zugeben, Brenna: An jedem anderen Ort als Skye würdest du nich’ gerade gut …“

„Was würde ich nicht gerade gut?“

„Na ja. Dorthin passen.“

Sie funkelte zu ihm hoch. Oh, er war wirklich ein unausstehlicher Mann! Auch wenn er zumindest ein klein wenig recht hatte.

„Ach, würde ich das nicht?“, fragte sie. „Ihr denkt, nur weil ich mich dazu entschlossen habe, Hosen zu tragen, wüsste ich nicht, wie man einen Rock anzieht? Nun, Ihr täuscht Euch, Mylord, und ich sage Euch hier und jetzt: Wenn Ihr von Eurem lächerlichen kleinen Plan nicht ablasst, werde ich einen Rock anziehen und geradewegs von dieser elenden Insel marschieren –“

Ihre Rede erzielte nicht die gewünschte Reaktion. Anstatt kleinlaut zurückzuweichen, streckte Lord Glendenning den Arm aus, packte ihre Schultern mit seinen kräftigen, schwieligen Fingern und zog sie bestimmt an sich.

„Jetzt hörst du mir mal schön zu“, sagte er und schüttelte sie, sodass ihr langes rotes Haar in ihr Gesicht fiel. „Du gehst nirgendwo hin, verstanden?“

In diesem Moment waren die blauen Augen des Earls überhaupt nicht anziehend. Sein Blick war so kalt wie das Eis, das zur Zeit den Bach bedeckte.

„Sobald du auch nur mit dem Gedanken spielst, zur Fähre aufzubrechen, werde ich es herausfinden“, versicherte ihr der Earl. „Denkst du vielleicht, ich würd’ das nich’? Das ist ein sehr kleines Dorf und ich bin immer noch sein Lord. Ich schleppe dich eigenhändig wieder zurück, wenn es sein muss.“

Brennas Herz begann heftig gegen ihren Brustkorb zu hämmern. Sie schluckte und dachte: Jetzt hast du es geschafft, Brenna. Du musst auch immer ein klein bisschen zu weit gehen.

Dennoch war ihre Stimme bemerkenswert ruhig, als sie sagte: „Wirklich, Mylord. Müsst Ihr Euch so grob verhalten? Ihr gefallt mir besser, wenn Ihr Euch in Zurückhaltung übt.“

„Du bringst mich dazu“, sagte er anklagend. „Du weißt, dass du das tust, Brenna. Das hast du schon immer.“

Dann schien ihm in den Sinn zu kommen, dass ein körperlicher Ausdruck seiner Inbrunst vielleicht überzeugender wäre als bloß Worte. Folglich drückte er Brenna fest gegen seine Brust und legte seinen Mund auf ihren. Anscheinend glaubte er, dass er auf diese Weise etwas von seiner Leidenschaft auf sie übertragen könnte.

Aber in Brennas Fall war das ziemlich wirkungslos, denn durch diese ungezügelte Zurschaustellung von Gefühlen bekam sie wirklich Angst.

Und so tat sie das einzige, was sie unter den gegebenen Umständen vernünftigerweise konnte, nämlich Lord Glendenning mit ihrer Faust ziemlich fest seitlich aufs Ohr zu schlagen.

Und als er dann verblüfft seinen Mund von ihrem wegzog, schlug sie dieselbe Faust mit beträchtlicher Kraft auf sein rechtes Auge.

Der Earl schrie auf und ließ sie sofort los. Er taumelte von ihr weg und tastete nach seinem Gesicht.

„Um Himmels willen, Brenna“, brüllte er. „Wofür war das denn?“

Brenna war so schnell wie möglich aus seiner Reichweite geeilt, und jetzt stand sie auf der anderen Seite des Raumes. Die Hunde hatten sich um sie versammelt und jaulten nervös.

„Ihr wisst genau, wofür“, sagte sie und scherte sich nicht mehr darum, dass ihre Stimme zitterte. „Wenn Ihr Euch wie ein Grobian aufführt, werdet Ihr auch wie einer behandelt.“

„Trotzdem“, entgegnete der Earl niedergeschlagen. „Du hättest mich nicht so fest schlagen müssen.“

Brenna sagte: „Na ja, Ihr hättet mich nicht so hart anpacken müssen.“

„Ich weiß. Es ist nur eben –“ Der Earl sank erschöpft zurück in seinen Stuhl und griff nach seinem Whiskyglas, „– dass ich dich so verdammt liebe.“

„Das tut Ihr nicht“, sagte Brenna. Es überkam sie so etwas wie Mitgefühl für ihn. Er war ja wirklich nur ein großes Kind. „Ihr denkt nur, dass Ihr das tut. Ihr verwechselt schon wieder Liebe mit Lust.“

„Das tu ich nich’“, erklärte Lord Glendenning stur. „Du sagst das immer, aber es stimmt nich’.“

Brenna seufzte. Es hatte wirklich keinen Sinn, mit ihm zu streiten, wenn er in so einer Stimmung war. Sie hätte sofort gehen sollen, als sie die ersten Anzeichen bemerkt hatte. Dennoch konnte sie nicht anders, als einen letzten Versuch zu unternehmen: „Werdet Ihr Dr. Stanton zurück nach London schicken?“, fragte sie.

„Das werde ich nich’“, sagte der Earl mürrisch. „Was sagst du dazu?“

Aber er sollte nicht erfahren, was sie dazu sagte. Sobald er die Worte ausgesprochen hatte, drehte Brenna sich um, verließ die Burg und wünschte sich von ganzem Herzen, dass das Frühlingshochwasser schon sehr bald kommen würde und dass Lord Glendenning, mit etwas Glück, im Schlaf von den Ratten bei lebendigem Leibe gefressen würde.

4.

„Dr. Stanton?“

Reilly zuckte zusammen, öffnete aber nicht die Augen und hob auch nicht den Kopf.

„Dr. Stanton? Geht es Ihnen gut?“

Vorsichtig klappte Reilly ein Auge auf und schloss es sogleich hastig wieder. Er träumte natürlich noch immer. Offensichtlich hatten er und Pearson und Shelley sich in der Nacht zuvor ein paar Drinks zu viel einverleibt, und jetzt büßte er dafür. Er hatte einen dieser scheußlichen Träume von den Dichtern der Romantik, was zweifellos daher kam, dass Christine ihn schon wieder zu einer schrecklich langweiligen Dichterlesung geschleift hatte …

„Dr. Stanton? Ich hab’ gesehen, wie Sie Ihre Augen geöffnet haben. Ich weiß, dass Sie nich’ mehr schlafen.“

Neben ihm war ein lautes Knarren zu hören, so, als ließe sich jemand sehr Großes auf einem Stuhl nieder, der nicht wirklich stabil genug war, um sein Gewicht zu halten. „Kommen Sie schon. Leisten Sie mir beim Frühstück Gesellschaft.“

Mit einem Seufzer öffnete Reilly seine Augen. Und sofort wünschte er sich, dass er es nicht getan hätte.

Nein, er träumte nicht. Lord Byron saß neben ihm.

Na ja, gut, nicht Byron, denn der war vor zwanzig Jahren oder so gestorben war, aber jemand, der aussah wie Lord Byron … oder sich besser gesagt ziemliche Mühe gegeben hatte, ihm nachzueifern. Der Mann, der neben Reilly saß, war breitschultrig mit schmalen Hüften und – soweit Reilly das beurteilen konnte – ohne ein Gramm Fett an seinem Körper. Dafür hatte er aber umso mehr Muskeln und, wie es schien, Haare. Er hatte sehr volles und sehr dunkles Haar. Das meiste davon wallte in schulterlangen Wellen von seinem Mittelscheitel herab, aber eine ganze Menge bedeckte auch seine Unterarme, über die er die ausladenden Ärmel seines weißen Hemdes geschoben hatte. Und ein nicht unbeträchtlicher Teil schaute aus dem offenen Kragen dieses Hemdes hervor, da der Mann keine Halsbinde trug.

Sein Gesicht war allerdings glattrasiert – außer dort, wo sich bereits ein blauer Schatten auf seinem schlanken und fein gemeißelten Gesicht ausgebreitet hatte. Und da es sehr früh am Morgen zu sein schien – genaugenommen noch mehr Nacht als Tag, wie Reilly annahm –, war das verwunderlich. Der Mann war offensichtlich wirklich sehr maskulin.

Natürlich abgesehen von dem Rock, den er trug.

Nun, zugegeben. Es war kein Rock. Es war ein Kilt. Und die Menge an Haaren, die die nackten Knie unter dem Saum bedeckten, war wirklich außergewöhnlich.

„Wer sind Sie?“, brachte Reilly mit vom Whisky belegter Zunge krächzend hervor. „Glendenning“, sagte der Mann. Seine Stimme war so tief, dass es schien, als würde sie in Reillys Schädel dröhnen wie Donner. Das war kein angenehmes Gefühl, besonders wegen des gebrechlichen Zustands von Reillys Schädel in diesem bestimmten Augenblick. „Iain MacLeod, Earl von Glendenning. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte. Der verdammte Nebel hat mich aufgehalten. Aber Sie scheinen sich in der Zwischenzeit ganz gut amüsiert zu haben.“

Mit trüben Augen blickte Reilly sich um. Adam MacAdams und seine Kumpanen waren in verschiedenen Stadien der Bewusstlosigkeit an der Bar zusammengesackt. Nur der jüngst wiederauferstandene Stuben schien einen bequemen Schlafplatz gefunden zu haben: Er lag ausgestreckt auf genau dem Bett, das Mrs Murphy für Reilly gemacht hatte, auf der gepolsterten Sitzbank.

„Wie spät“, begann Reilly, zuckte dann zusammen und senkte seine Stimme. „Wie spät ist es?“

„Gleich sechs. Sieht so aus, als hätten Sie und diese Herren da einen vergnüglichen Abend verbracht.“

Reilly betrachtete seine schnarchenden Trinkgefährten. Eigenartigerweise waren sie ihm bei Nacht weitaus weniger betagt – und weniger hässlich – vorgekommen als im Tageslicht.

„Das haben wir wohl“, gab Reilly widerwillig zu, denn ehrlich gesagt konnte er sich nicht genau daran erinnern, was für einen Abend sie verbracht hatten. „Ich verstehe bloß nicht, warum Mrs Murphy sie nicht alle nach der letzten Runde rausgeworfen hat.“

„Die letzte Runde?“ Lord Glendenning grinste. Sowohl die Größe als auch allein die Zahl seiner Zähne erschreckten Reilly. Der Earl erinnerte ihn seltsamerweise an einen Wolf. Er lehnte sich auf seinem Hocker ein wenig nach hinten. „So etwas gibt es nicht hier auf Skye. Moira lässt sie an den meisten Abenden bis zur Besinnungslosigkeit trinken. Die Hälfte von ihnen ist seit einem Monat nicht mehr zu Hause gewesen, würde ich wetten.“

Reilly verzog das Gesicht. Das würde zumindest den Geruch zur Genüge erklären.

Glendenning fuhr fort: „Nicht, dass sie allzu sehr vermisst werden würden. Einige ihrer Frauen sind überraschend hübsche Mädchen.“ Er zwinkerte Reilly zu. „Ich hab’ so manches Bett gewärmt, während diese Kerle an der Bar saßen und sich betrunken haben.“

Reilly starrte ihn an. Er war nicht so sehr entsetzt über Lord Glendennings beiläufiges Geständnis, Ehebruch begangen zu haben, wie über die Tatsache, dass er es überhaupt in Betracht zog, mit den Frauen dieser alten Männer zu schlafen. Offensichtlich standen die Dinge auf Skye doch sehr viel schlimmer, als er angenommen hatte.

Glendenning bemerkte sein Starren, grinste und sagte: „Ich weiß, was Sie denken, aber Sie liegen falsch. Sehen Sie den alten MacAdams da?“

Reilly nickte.

„Seine Frau ist keinen Tag älter als dreißig. Und warum auch nich’? Er selbst ist nich’ viel älter als fünfunddreißig.“

Reillys Unterkiefer klappte herunter. „Aber – großer Gott, ich bin dreißig und ich –“

„Das liegt am Meer“, sagte Glendenning achselzuckend. „All die Stunden draußen, bei jedem Wetter. Der Wind weht ihnen um die Ohren und das Salzwasser spritzt ihnen ins Gesicht … Das macht einen Mann alt. Es lässt ihn vor seiner Zeit altern.“

Reilly schüttelte den Kopf. „Das hätte ich nie gedacht. Nicht in einer Million Jahren.“

„Natürlich nich’. Warum auch?“ Glendenning blickte durch den Raum. „Es ist wohl noch keins der Mädels wach? Ich dachte, wir hätten vielleicht die Gelegenheit, uns beim Frühstück zu unterhalten.“

Reilly sah sich um. „Ich glaube nicht. Aber das ist in Ordnung. Ich bin gar nicht so –“

„Tja, ich schon.“ Glendenning erhob sich, wobei alle seine Gelenke aus Protest knackten, und stakste zur Hintertreppe. „Lassen Sie mich mal sehen, ob ich eine von ihnen überreden kann, uns ein paar Spiegeleier zu machen. Ich kann sehr überzeugend sein, wenn ich will.“ Bei dieser letzten Bemerkung sah er über seine Schulter und zwinkerte ihm noch einmal zu, bevor er auf der Treppe verschwand.

Ausdruckslos sah Reilly ihm nach. Sobald der Earl außer Sichtweite war, sprang er auf und schnappte sich Christines Brief, der am inzwischen kalten Ofen lag. Was hatte er sich bloß dabei gedacht, zuzulassen, dass er zum Trocknen aufgehängt wurde, als wäre es eine Quittung oder ein Empfehlungsschreiben? Das war nichts, was ein Mann zur Schau stellte – ein Brief von seiner Verlobten, die darum bat, die Verlobung aufzulösen.

Gott sei Dank hatte das Meerwasser den größten Teil von Christines Schrift unleserlich gemacht. Nicht, dass das von Bedeutung wäre. Er hatte sich den Text schon vor langer Zeit eingeprägt. Trotzdem gab es keinen Grund, ihn mit diesen Menschen zu teilen, mit denen er ein professionelles Verhältnis zu pflegen hoffte.

Reilly ging zu seinem Koffer, den Mrs Murphy aus Stubens Boot hatte bringen lassen und unter der Bar abgestellt hatte. Er hob den Deckel an, schob den Brief hinein und zog sein Tagebuch, Tinte und einem ziemlich derangierten Federhalter heraus. Er setzte sich wieder auf seinen Platz, öffnete das Tagebuch, überflog den letzten Eintrag und schrieb dann:

15. Februar 1847

Habe gestern Abend viel zu viel getrunken und bin heute mit Selbsthass und Brechreiz erfüllt. Christine hat Recht: Ich bin ein versoffener Prasser und Verschwender. Muss ihr das Gegenteil beweisen, aber wie? Abgesehen davon, das Trinken aufzugeben, natürlich.

Gestern Abend nicht geschafft, einem Mann das Leben zu retten. Wurde von Amazone in Hosen vor dem ganzen Dorf bloßgestellt. Trägt den Namen Brenna, aber nicht wie irgendeine Brenna, die ich je getroffen habe.

Er hielt inne und fragte sich, wie man bloß diese Frau beschreiben könnte, die so beunruhigend anziehend und gleichzeitig so schonungslos rüpelhaft war. Er entschied, dass ein solches Unterfangen angesichts seiner Kopfschmerzen seine momentanen Kräfte deutlich überstieg. Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit auf Iain MacLeod.

Lord Glendenning ist Byron erschreckend ähnlich. Traue mich nicht, seine Füße anzuschauen, hat wahrscheinlich einen Klumpfuß.

Niemand hat das Wort Haggis bisher auch nur erwähnt. Pearson und Shelley liegen schon wieder falsch.

Scheint ein Problem mit dem Cottage zu geben.

Er sah auf, nachdem er einiger interessanter Geräusche gewahr geworden war, die von oben kamen. Er legte das Buch weg, setzte sich an die Bar und fragte sich, ob Kaffee gegen seine pochenden Kopfschmerzen hilfreich wäre. In diesem Moment kam der Earl zurück – gefolgt von einer kichernden Flora, die sich immer noch abmühte, ihr Kleid zu schließen. Reilly erkannte in einem wachen Augenblick schlagartig, dass er im Begriff war, mit dem Mann zu speisen, der für den gegenwärtigen Zustand des Schankmädchens verantwortlich war. Er konnte nicht umhin, sich zu fragen, wie viele Bastarde Lord Glendenning mit den Angestellten vom Tortured Hare wohl gezeugt hatte.

„Unsere Miss Flora hat zugestimmt, uns eine Mahlzeit zuzubereiten, Doktor“, sagte der Earl mit seiner polternden Stimme. „Wie wär’s, wenn wir uns an diesen Tisch setzen und auf das warten, was, wie sie verspricht, ein königliches Frühstück werden sollte?“

Beim Gedanken daran, etwas zu essen, wurde Reilly ein wenig übel. Dennoch leistete er Glendenning an dem nächstgelegenen Tisch Gesellschaft, nachdem er vorsichtig über den besinnungslosen Körper eines seiner neuen Freunde geschritten war, dessen Name ihm entfallen war.

„Also“, sagte Lord Glendenning und erhob ein Glas Bier, das Flora ihm gezapft hatte. „Das Wichtigste zuerst. Einen Toast, Dr. Stanton. Auf Ihr Wohl. Willkommen auf Skye.“

Reilly sah mit einem mulmigen Gefühl auf sein eigenes Bier herab. Ein leichter Schaum ragte über den Rand des Glases. „Genau“, sagte er. „Auf Skye.“

Und dann schluckte er das starke, hefige Gebräu.

Eine Welle der Übelkeit überkam ihn. Einen Moment lang war er sicher, dass er sich über sich selbst, den Tisch und Lord Glendenning übergeben würde. Das, dachte er bei sich, würde sicherlich einen bleibenden Eindruck bei seinem neuen Arbeitgeber hinterlassen.

Doch dann fühlte er sich genauso plötzlich besser. Einfach so. Das Bier schien seinen Magen zu beruhigen, und das Spannungsgefühl in seinem Kopf ließ nach.

Seine Erleichterung musste in seinem Gesicht abzulesen sein, denn der Earl lachte und sagte: „Ich wusste, dass das funktionieren würde. Ein Konterbier. Das klappt immer.“

Reilly blickte verwundert auf das Bier herab. „Ich kann es nicht glauben. Mrs Murphy sollte das patentieren und als Gesundheitstonikum verkaufen. Die Amerikaner würden es ihr mit Sicherheit aus den Händen reißen.“

Glendenning hob einen Finger an seine Lippen. „Sind Sie verrückt, mein Alter? Sie würde uns verlassen und wo würden wir dann hingehen, wenn wir abends mal einen heben wollen?“

„Stimmt.“ Reilly erwiderte diese scharfsinnige Bemerkung mit einem Nicken. „Das stimmt natürlich.“

„Also gut.“ Glendenning griff unter den Tisch und kratzte sich an einer Stelle, die nicht annähernd so leicht zugänglich gewesen wäre, wenn er keinen Kilt getragen hätte. „Nach dem Frühstück gehen wir rüber und schauen uns die Apotheke an. Sie müssen wissen, dass sie geschlossen war, seit der letzte Chirurg –“

„Arzt“, sagte Reilly.

Glendenning sah ihn prüfend an. „Wie bitte?“

„Arzt.“ Reilly nahm noch ein paar Schlucke von seinem Bier. Es ging ihm immer besser. Ja, es sollte überhaupt nicht lange dauern, Christine zurückzugewinnen. Er musste lediglich ein paar Menschen von der Cholera heilen und beweisen, wie wichtig es ihm war, den Arztberuf auszuüben – weitaus wichtiger nämlich, als seine Stellung als Marquis von Stillworth, egal, was Christine vielleicht denken mochte – und schon würde sie ihn anflehen, sie zu heiraten. Gewiss würde er an Weihnachten schon wieder zu Hause sein. „Ihr habt im Inserat nach einem Arzt gesucht, nicht nach einem Chirurgen.“

„Richtig.“ Glendenning strich sich ein paar Strähnen seines ungeheuer langen Haars aus dem Gesicht. Reilly nahm an, dass Christine den Earl gewiss gutaussehend fände – wahrscheinlich täte das jede Frau. Aber für Reilly sah er einfach nur grässlich aus, mit seinen großen haarigen Knien, die unter dem Tisch gegen seine stießen, und dem ständigen Kratzen. Nicht, dass Reilly geglaubt hätte, selbst besonders blendend auszusehen. Er konnte die Bartstoppeln, die seit dem Vortag gewachsen waren, in seinem Gesicht spüren, und sein Haar wurde sicherlich nicht mehr ordentlich von dem Lederband im Zaum gehalten, mit dem er es zurückgebunden hatte. Aber er bildete sich ein, dass er zumindest ein wenig besser aussah als Glendenning, der sich für einen düsteren Romanhelden zu halten schien. Es hätte Reilly kein bisschen überrascht, wenn sich herausgestellt hätte, dass der Kerl einen rabenschwarzen Hengst ritt.

„Genau, einen Arzt“, murmelte der Earl. „Deshalb sind Sie Dr. Stanton und nicht Mr Stanton, richtig?“

Reilly nickte.

„Sie werden es den Leuten nachsehen müssen, wenn sie den Fehler machen, Sie zuerst Mister zu nennen. Unser letzter Mann hat sich nicht allzu viel daraus gemacht, also haben wir ihn meistens Mister genannt. Mr Donnegal hieß er.“

Reilly nickte wieder. „Wie ich höre, ist Mr Donnegal nicht mehr unter uns.“

„Aye …“

„Es war die Cholera, wie ich gehört habe“, sagte Reilly.

Glendenning sah ihn an. Auf seinem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck. „Aye, es war die Cholera, richtig. Aber nicht so, wie Sie denken –“

„Oh, keine Angst“, unterbrach ihn Reilly. „Ich schätze mein eigenes Leben nicht besonders. Ihr werdet feststellen, dass ich nicht im Geringsten zimperlich sein werde, wenn es um die Behandlung von Cholera-Patienten geht.“

In Wirklichkeit musste sich Reilly bemühen, nicht so vergnügt zu klingen, wie er sich fühlte. Der Gedanke, eine Cholera-Epidemie zu bekämpfen, versetzte das Gemüt von Dr. Stanton in freudige Aufregung, obwohl er bei jedem anderen Arzt vernichtende, unheilvolle Vorahnungen heraufbeschworen hätte. Cholera war schließlich die Art von Krankheit – wahrhaft beängstigend und verheerend –, die vielleicht selbst die kritische Miss King beeindrucken könnte. Und wenn er bei seinen Bemühungen, ein paar arme Seelen zu retten, starb, würde er in ihren Augen nur umso aufopferungsvoller erscheinen.

Glücklicherweise erschien Flora neben ihrem Tisch und mühte sich mit einem Tablett ab, das turmhoch mit einer beängstigenden Menge an Essen beladen war, und so blieb es Lord Glendenning erspart, etwas auf Reillys außergewöhnliches Geständnis erwidern zu müssen. „Ah“, sagte der Earl und steckte sich vorsichtig eine Serviette in den Kragen seines weißen Hemdes. „Danke, meine Liebste.“

Reilly sprang auf und nahm dem schwangeren Mädchen das schwere Tablett ab. Er spürte nur zu deutlich, dass sowohl das Dienstmädchen als auch ihr Herr ihm einige sehr seltsame Blicke zuwarfen, als er sich wieder gesetzt hatte.

„Vielen Dank, Sir“, sagte Flora in erstauntem Tonfall. Ihre Wangen röteten sich, während sie Reilly anstarrte.

„Äh, ja“, sagte Lord Glendenning, der über Floras Erröten ein wenig verärgert zu sein schien. „Danke, Doktor. Ich hätte ihr natürlich geholfen, aber ich, äh, habe mir neulich meinen Daumen verletzt –“

„Ihr müsst mich einen Blick darauf werfen lassen“, sagte Reilly und häufte ein paar Eier auf seinen Teller.

„Na ja, inzwischen ist es wieder gut“, sagte der Earl. „Nur ein bisschen empfindlich.“

„Natürlich“, sagte Reilly so gütig wie möglich. Dann kam es ihm in den Sinn, dass die Beziehung zu seinem Arbeitgeber vielleicht noch zu frisch war, um ihn zu verspotten, und er wechselte er das Thema. „Wegen des Cottages, Mylord –“

„Ach ja.“ Lord Glendenning schaufelte sich eine große Portion Eier in den Mund und sprach dabei unbefangen weiter, sodass er Eierkrümel durch den ganzen Raum spuckte. „Burn Cottage. Es gibt ein kleines Problem damit im Moment –“

„Wirklich?“ Reilly beobachtete mit Interesse, wie ein Stück Ei, das der Earl ausgespuckt hatte, langsam an der Wand herunterglitt. „Ich sollte Euch vielleicht wissen lassen, dass ich kein bisschen wählerisch bin, was meine Unterkunft betrifft. Solange ich ein Dach über dem Kopf habe, bin ich zufrieden. Wenn es dort unordentlich ist –“

„Oh, nicht deswegen“, versicherte ihm der Earl. „Nein, es ist nur, dass ich die momentane Mieterin noch nich’ so richtig losgeworden bin.“

Reilly zog die Augenbrauen hoch. „Die momentane Mieterin, Mylord?“

„Ja. Ist stur wie eine Ziege. Sehen Sie das hier?“ Er deutete mit einem Finger auf das verblassende Veilchen unter seinem rechten Auge. „Sie hat mich geschlagen! Hat mir gestern Abend mitten ins Gesicht geschlagen, ohne auch nur Guten Tag zu sagen!“

Reilly legte seine Gabel nieder und dachte, dass er selbst dem Earl sehr gerne mitten ins Gesicht schlagen würde.

„Ich hatte es so verstanden“, sagte Reilly mit einer Stimme, die genauso frostig war wie das eisige Wasser, in das er am Vortag so bedenkenlos gesprungen war, „dass das Cottage der Wohnsitz des Dorfarztes sei.“

„Richtig“, sagte der Earl und schlürfte sein Bier. „Das stimmt.“

„Wenn also der ehemalige Arzt nicht mehr unter uns ist …“ Reillys Stimme hätte heißen Tee zum Gefrieren bringen können, „… wie kommt es dann, dass jemand in dem Cottage des Arztes wohnt?“

„Ach.“ Der Earl zuckte mit seinen gewaltigen Schultern. „Es ist seine Tochter.“

„Wollt Ihr mir sagen –“ Reilly hoffte inbrünstig, dass er den Mann falsch verstanden hatte, „– dass Ihr vorhabt, ein Waisenkind in die Kälte hinauszuwerfen, Sir?“

„Waisenkind?“ Glendenning kicherte. „Waisenkind – dass ich nicht lache!“

Es ging Reilly durch den Kopf, dass er dem Earl wirklich gern ein passendes Veilchen unter seinem linken Auge verpassen würde. Er glaubte auch nicht, dass das so schwierig wäre. Die beiden Männer schienen von gleicher Größe und gleicher Statur zu sein. Reilly hatte im College weitaus größere Männer besiegt.

Und keiner von denen hatte einen Rock getragen.

„Hört mal, Glendenning“, sagte er und warf angewidert seine Serviette auf den Tisch. „Ich werde das nicht dulden, hört Ihr? Ihr werdet nicht wegen mir ein unschuldiges Mädchen vor die Tür setzen, bei diesem Schnee. Wenn ich für eine andere Unterbringung selbst bezahlen muss, werde ich das tun, bei Gott – was zum Teufel ist denn so komisch?“

„Sie“, antwortete der Earl und lachte. „Ich habe nie zuvor jemanden wie Sie getroffen, Stanton. Ich dachte, Männer wie Sie wären mit der Tafelrunde ausgestorben!“

Reilly starrte ihn wütend an. „Warum? Weil ich ein Problem damit habe, dass wohlhabende Grundbesitzer jämmerliche Waisenkinder obdachlos machen, um Platz für einen Leibarzt zu machen, der sich um ihre empfindlichen Daumen kümmert?“

Jetzt warf Glendenning seine Serviette nieder. „Hören Sie mal“, sagte er. „Ich glaube nich’, dass mir Ihr Ton gefällt, Stanton. Erstens habe ich mir den Daumen sehr schwer verletzt – mir beinahe den Nagel abgerissen. Sehen Sie?“

Reilly starrte unbewegt auf das Körperglied, das der Earl ihm vor das Gesicht hielt.

„Und zweitens habe ich Sie nicht als meinen Leibarzt eingestellt. Es stimmt, dass ich mich nach dem letzten Sommer vor weiteren … Unannehmlichkeiten in Acht nehme. Aber ich habe Sie hierhergebracht, um genauso nach den Dorfbewohnern zu sehen wie nach mir selbst. Und drittens: Was dieses jämmerliche Waisenkind angeht, das Sie so unbedingt verteidigen wollen, werde ich Ihnen sagen, dass sie erstens kein Waisenkind ist, und zweitens, dass sie fast zwanzig ist und nicht etwa, wie Sie sich wohl vorstellen, ein kleines Straßenkind. Sie ist vollkommen in der Lage dazu, auf sich selbst aufzupassen, wie dieser scheußliche blaue Fleck unter meinem Auge sicherlich beweist.“

Reilly sagte tonlos: „Ihr solltet eine Scheibe Fleisch auf das Auge legen. Das wird die Schwellung mindern. Und taucht den Daumen in warmes Wasser.“

Glendenning blickte überrascht auf den verletzten Finger herab. „Wirklich?“

„Ja. Ich gebe Euch ein Pulver, das Ihr dem Wasser hinzufügen könnt. Ihr solltet ihn auch immer verbinden. Und was meint Ihr damit, dass sie kein Waisenkind ist? Ich dachte, Ihr sagtet, Mr Donnegal sei tot.“

Glendenning schüttelte den Kopf, sodass seine rabenschwarzen Locken durch die Luft flogen.

„Das habe ich nicht gesagt. Donnegal lebt und ist wohlauf.“

„Lebt und ist –“ Reilly verstummte und starrte seinen Arbeitgeber an. „Ich dachte, Ihr hättet gesagt, er sei wegen des Cholera-Ausbruchs letzten Sommer von Euch gegangen.“

„Das ist er auch, in gewisser Weise“, sagte Glendenning und zuckte mit den Schultern. „Er hat seine Frau eingepackt – die ganze Brut, um genau zu sein – und hat ein Schiff nach Indien genommen. Um … wie war das nochmal? Ach ja. Den Ursprung der asiatischen Cholera zu erforschen.“

„Großer Gott“, rief Reilly aus. „Und er hat seine Tochter zurückgelassen?“

Glendenning verdrehte die Augen. „Das schon wieder. Nein, er hat seine Tochter nicht zurückgelassen. Er ließ sie in der Obhut seines Bruders in London. Aber weil sie so ein eigensinniges und undankbares Mädchen ist, hat sie die erste Gelegenheit ergriffen, um zu entkommen, hat kehrtgemacht und ist wieder nach Skye zurückgekommen.“

Reilly glotzte ihn an. „Zurückgekommen? Sie ist nach Skye zurückgekommen? Warum?

„Woher soll ich das wissen? Sie will es mir nicht sagen.“ Der Earl beugte sich nach vorn. „Aber eine Sache weiß ich: Sie wird das Cottage jetzt räumen müssen. Jetzt, wo Sie hier sind, meine ich.“

Reilly starrte den Earl an. Einer der Gründe, warum es ihm nicht viel ausgemacht hatte, London zu verlassen, war, dass er geglaubt hatte, Männern wie dem Earl auf diese Weise entkommen zu können … Mitgliedern der privilegierten Oberschicht also, die sich so sehr für sich selbst interessierten und so wenig für die Menschen, für die sie eigentlich Verantwortung tragen sollten. Diese Männer waren Reillys ehrgeizigem Wunsch, Arzt zu werden, mit Skepsis oder sogar mit Verachtung begegnet. Warum, hatten sie ihn gefragt, sollte sich ein Mann, der als Marquis geboren wurde, die Mühe machen, eine Ausbildung zu bekommen, geschweige denn einen Beruf zu erlernen? Bei einem Zweitgeborenen könnten sie das verstehen, aber Reilly war der älteste Sohn seines Vaters.

Reillys Beteuerung, dass die Medizin und der Arztberuf insgesamt ihn faszinierten, war auf taube Ohren gestoßen. Sein entschlossenes Vorhaben, eine Zulassung als Arzt zu erhalten, war in seinen Reihen zum geflügelten Wort geworden und wurde, wie er hörte, sogar scherzhaft als „stillworth‘sche Torheit“ bezeichnet. Und als er dieses Ziel dann erreicht und darauf bestanden hatte, von seinen Patienten nicht Lord Stillworth, sondern Doktor genannt zu werden, hatte sogar Christine Einspruch erhoben. Gewiss überwog die Tatsache, dass Reilly ein Marquis war, seine Position als Arzt.

Aber für Reilly war der Titel, den er sich selbst durch harte Arbeit und Entschlossenheit erworben hatte, sehr viel mehr wert als der, den er bekommen hatte, weil sein Vater sich beim Sturz von seinem Lieblingspferd das Genick gebrochen hatte und gestorben war.

Doch es schien, als könne er selbst auf der weit entfernten Insel Skye nicht der Scheinheiligkeit und dem Egoismus jener Klasse entkommen, in die er hineingeboren worden war und für die er sich inzwischen schämte.

„Das lasse ich nicht zu.“ Reilly warf die nicht sehr saubere Serviette, die Flora ihm gegeben hatte, weg und starrte den Earl zornig an. „Ich werde nicht erlauben, dass Ihr diese wehrlose Frau wegen mir obdachlos macht –“

Glendenning grinste ihn an. „Leg dein Schwert nieder, Lanzelot. Oder doch eher Galahad? Ich habe einen sehr guten Grund dafür, dass die betreffende Dame Burn Cottage verlassen soll.“

„Außer, um Platz für mich zu machen, meint Ihr?“ Reilly beäugte ihn misstrauisch. „Und welcher Grund wäre das?“

„Ganz einfach.“ Der Earl wandte sich wieder dem Essen auf seinem Teller zu. „Ich will, dass sie zu mir kommt und mit mir zusammenlebt. Und jetzt“, fügte er achselzuckend hinzu, „muss sie das auch tun.“

5.

Reilly stand so schnell auf, dass sein Stuhl polternd nach hinten umfiel. Mehrere seiner Trinkgefährten der letzten Nacht regten sich unwillig und stöhnten.

Reilly war das egal. Er lehnte sich nach vorne, legte seine Fäuste rechts und links neben den Teller des Earls und fauchte: „Du Bastard! Wenn ich meine Pistole dabei hätte, würde ich jetzt ein Loch durch dein albernes Gesicht blasen, so groß, dass man dadurch bis aufs Meer sehen könnte.“

Glendenning sah verblüfft aus, aber nicht so sehr, dass er mit dem Kauen aufgehört hätte. „Beruhigen Sie sich, Stanton“, sagte er. „Ich habe vor, sie zu heiraten.“

Reilly blinzelte. „Was?

„Natürlich habe ich das vor. Was denken Sie? Dass ich meine Gespielinnen mit Gewalt überzeugen muss?“

Tja, Ihr seht sicherlich so aus, als ob Ihr es tätet, wollte Reilly sagen, aber er war sich ziemlich sicher, dass genau das der Zweck von Glendennings lächerlichem Aufzug war, und da er den Kerl nicht ermutigen wollte, sagte er stattdessen: „Na ja, es scheint Ihnen nichts auszumachen, mit den Frauen Ihrer Freunde zu schlafen, also warum sollte ich Ihnen so etwas nicht auch zutrauen?“

Glendennings Gesicht verfinsterte sich. „Sie sind nich’ meine Freunde“, sagte er nachdrücklich. Offensichtlich kränkte ihn die Andeutung, dass er mit Fischern verkehren könnte, schlimmer als die, dass er ein Ehebrecher sei. „Machen Sie Witze? Sie sind meine Untertanen. Das ist ein Unterschied, wissen Sie. Feudalrechte und sowas alles.“

Reilly schüttelte ungläubig den Kopf. „Feudalrechte?“, wiederholte er. Das war viel schlimmer als alles, was er je in London aus seinen Reihen gehört hatte – und sogar schlimmer als alles, was er in Oxford erlebt hatte.

„Ja.“ Glendenning fuchtelte mit seinem Buttermesser herum. „Sie wissen schon. Der Burgherr erhält das Vorrecht, alle Jungfrauen des Dorfes zu entjungfern, und was weiß ich nicht alles. Nicht, dass ich das täte – also, zumindest nicht so. Ich meine, indem ich mein Recht verlange. Aber sie scheinen es einfach alle zu wollen. Dass ich sie entjungfere, meine ich. Ich kann nicht behaupten, dass ich wüsste, warum.“

Reilly schon. Er hatte einen genauen Blick auf die Konkurrenz werfen können. Welche Frau, die bei vollem Verstand war, würde einen Adam MacAdams einem Iain MacLeod vorziehen? Der Kerl war so groß wie ein Haus und auch gutaussehend, wenn man diesen Typ mochte. Und aus Gründen, die Reilly niemals verstehen würde, taten die Frauen das zweifellos. Und es schadete wohl auch nichts, nahm Reilly an, dass Glendenning ohne Frage der reichste heiratsfähige Junggeselle im Umkreis einiger Meilen war.

„Was ist denn dann mit Miss Donnegal?“, hakte Reilly nach. „Wenn die Damen der Insel so begierig darauf sind, sich in Euer Bett zu werfen, warum müsst Ihr dann Miss Donnegal unter Zwang aus ihrem Heim werfen, um sie in Eures zu holen? Sollte sie Euch nicht zu Füßen fallen wie Flora da drüben?“ Er machte eine Kopfbewegung zu den Küchenräumen, in denen Flora verschwunden war.

Glendenning sah nachdenklich aus. Trotzdem hörte er nicht auf zu kauen. „Das sollte sie auf jeden Fall“, sagte er. „Aber sie ist ein bisschen … na ja, wie ich schon sagte: Sie ist stur.“

„So stur, dass sie die Hochzeit mit einem Earl ablehnt?“ Reilly beugte sich herunter, um seinen Stuhl aufzurichten, und setzte sich dann wieder hinein. „Mir fällt kein einziges Mädchen in London ein, das so stur ist.“ Na ja, mit der Ausnahme einer gewissen Miss Christine King. Aber sie hatte einen Marquis abgelehnt, und nicht einen Earl. Und sie hatte es in gewissem Maße auch getan, weil Reilly sich oft geweigert hatte, überhaupt zuzugeben, dass er ein Marquis war.

Glendenning nickte. Zum ersten Mal, seit das Essen gebracht worden war, hatte er aufgehört, es sich in den Mund zu schaufeln. Jetzt lehnte er sich nach vorne und senkte seine Stimme verschwörerisch.

„Ich weiß. Ich sage Ihnen, Stanton, allmählich … na ja, beunruhigt mich das ein wenig.“ Die Stimme wurde noch leiser. „Ich fange langsam an zu denken, dass das Mädchen mich überhaupt nicht mag.“

Reilly senkte seine eigene Stimme ebenso, obwohl sein Tonfall, das musste man anmerken, vor Ironie triefte. „Ich kann mir gar nicht erklären, warum. Ihr werft sie doch nur aus ihrem Haus.“

„Oh, sie hat mich schon lange davor gehasst“, versicherte ihm der Earl. „Was glauben Sie, warum ich mich zu so ordinären Tricks herablassen musste? Das bereitet mir kein Vergnügen, das versichere ich Ihnen. Aber das Mädchen muss dazu gebracht werden, zu erkennen –“

„Was für ein freundlicher und rücksichtsvoller Kerl Ihr seid?“

Glendenning blinzelte und dachte anscheinend, Reilly meine das ernst. „Nein. Was für eine Närrin sie ist. Sie wird nie jemanden Besseres als mich finden. Jedenfalls nicht hier. Ich bin der wohlhabendste, ansehnlichste und gebildetste Mann auf dieser Insel.“

Was nicht viel hieß, dachte sich Reilly, wenn man bedachte, was er bisher von der erwachsenen männlichen Bevölkerung der Insel gesehen hatte.

Aber er sagte nur: „Und auch noch bescheiden.“

Glendenning schien immun gegen Sarkasmus zu sein. „Richtig. Die Sache mit dem Cottage ist der letzte Ausweg, wirklich.“ Der Earl schwieg einen Moment und betrachtete die Reste auf seinem Teller. Als sein Blick auf ein Stück Speck fiel, erhellte sich seine Miene und er sah auf. „Es sei denn …“

Reilly zog die Augenbrauen hoch. „Es sei denn was?“

„Na ja, es sei denn, Sie …“ Er war anscheinend zu begeistert von seiner Idee, um noch einen klaren Gedanken zu fassen.

„Es sei denn, ich täte was?“, fragte Reilly misstrauisch.

„Na ja, Sie sind offensichtlich ein intelligenter Mann. Gebildet. Waren in Oxford, und so weiter. Davor sollte sie Respekt haben, denke ich.“

Reilly gefiel der Lauf, den die Unterhaltung nahm, nicht besonders. „Ich fürchte, dass ich Euch nicht folgen kann“, sagte er vorsichtig.

„Na ja, es scheint mir nur, wenn ein Kerl wie Sie – ein gebildeter Kerl – es ihr sagen würde, wäre sie vielleicht eher bereit, die Sache rational zu betrachten …“

Reilly starrte den Mann, der ihm gegenüber am Tisch saß, erstaunt an. Er hatte sich schon gedacht, dass es das war, worauf der Earl hinauswollte, aber es nun so unverblümt von ihm zu hören … tja, das konnte er kaum glauben. „Seid Ihr verrückt, Mensch?“, fragte er.

Lord Glendenning schien ihn nicht gehört zu haben. Er erwärmte sich offensichtlich für seinen eigenen Einfall und sagte: „Ja, das ist perfekt! Sie redet immerzu von solchen Kerlen wie Ihnen, von Kerlen, die Abhandlungen über die richtige Zahnpflege schreiben und was weiß ich nicht was. Sie wird bestimmt respektieren, was Sie zu sagen haben.“

Beleidigt sagte Reilly: „Hört mal. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Abhandlung geschrieben, geschweige denn über die richtige Zahnpflege –

„Sie müssen es ihr nur erklären“, fuhr Glendenning fort, als hätte Reilly gar nicht gesprochen, „von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus. Das wird ihr gefallen. Sagen Sie ihr, wie viel Sinn es doch macht, dass wir beide heiraten, da wir der gleichen Klasse angehören. Ich habe Gerüchte gehört, dass dieser Onkel, bei dem sie eigentlich wohnen sollte, irgendein Adliger ist. Es gibt also keinen Grund, warum –“

„Lord Glendenning.“ Reilly unterbrach seinen Arbeitgeber steif, aber mit Nachdruck. „Ich bin Arzt. Ich bin kein Heiratsvermittler. Ich werde Ihnen nicht bei der Überredung dieser jungen Frau helfen.“

Der Earl war eindeutig kein sehr schlauer Mann. Er sah so gut aus, dass er kaum jemals gezwungen gewesen war, seinen Verstand einzusetzen, um zu bekommen, was er wollte – zumindest nicht regelmäßig. Reilly kannte diesen Typus nur zu gut. Die Hälfte der Studenten in Oxford war wie der Earl gewesen. Sie hatten ein College besucht, weil ihr Vater und dessen Vater es besucht hatten, und nicht aus Wissensdurst.

Aber im Gegensatz zu vielen dieser Burschen, denen Reilly begegnet war, hatte der Earl eine gewisse Gerissenheit an sich, eine Art animalischen Überlebensinstinkt.

Dieser Instinkt musste es gewesen sein, und nicht etwa Kalkül, der Glendenning dazu veranlasste, das Folgende zu sagen. „Tja, das ist eine Schande. Wirklich eine Schande. Weil ich gehofft hatte, sie aus dem Cottage zu bekommen, bevor das Frühjahrshochwasser beginnt. Es ging natürlich ganz gut, als ihre Eltern noch dort waren, aber dies wird ihr erster Frühling sein, seit sie auf sich allein gestellt ist und dazu kommt ihr … Problem …. Ich bin mir nicht sicher, ob es das Klügste ist, sie so isoliert und allein dort zu lassen …“

Reilly wollte nicht die naheliegende Frage stellen. Er wusste, dass der Earl ihn manipulierte. Aber er konnte nicht anders. Widerwillig fragte er: „Problem? Was genau meint Ihr damit? Hat die junge Dame ein … Problem?“

„Na ja, ich wollt’ nichts davon erwähnen.“ Glendenning blickte entschuldigend drein. „Am allerwenigsten Ihnen gegenüber. Es ist wirklich nichts, weshalb man sich sorgen müsste. Zumindest denke ich das nich’. Es ist nur so, dass sie sich seit ihrer Rückkehr hierher …. ein bisschen seltsam verhält.“

Reilly fuhr sich mit der Zunge über die Schneidezähne. „Miss Donnegal verhält sich seltsam?“, fragte er, um sich zu vergewissern.

„Ja. Nichts all zu Schockierendes. Na ja, abgesehen von der Tatsache, dass sie offensichtlich von dem weggelaufen ist, der auf sie aufpassen sollte – wer auch immer das war –, und ohne einen erkennbaren Grund hierher zurückgekommen ist. Die Sache ist, seit sie wieder zurück ist, ist sie … nun ja … merkwürdig.“

„Weil sie Euch nicht heiraten möchte?“, fragte Reilly hölzern.

„Aye, das … aber es sind auch andere Dinge. Latscht mitten in der Nacht über den Friedhof, scheibt Dinge in ein Buch. Solche Sachen.“

Unwillkürlich riss Reilly die Augen auf.

„Sie schreibt Dinge auf“, sagte er. „In ein Buch. Auf dem Friedhof. Mitten in der Nacht.“

„Aye. Und das ist noch nicht alles. Sie hat auch angefangen, im Dunkeln durch das Dorf zu wandern, mit demselben Buch, dem vom Friedhof. Da geht sie von Haus zu Haus, schreibt Dinge hinein. Dann schließt sie sich in einem Hinterzimmer des Cottages ein und weigert sich, jemanden hereinzulassen. Keine Ahnung, was sie da drinnen vorhat. Es ist wahrscheinlich etwas ganz Harmloses. Aber die Leute …“

Glendenning zuckte mit seinen gewaltigen Schultern, bevor er fortfuhr. „Na ja, die Leute fangen an zu reden. Und ich muss Ihnen gestehen, ich fühle mich dabei nicht besonders gut, wenn eine junge Frau so ganz allein lebt, kurz bevor das Hochwasser kommt. Unsere Winter hier auf Skye sind recht mild, wissen Sie, aber glauben Sie mir, es ist keine schöne Angelegenheit, wenn der ganze Schnee auf den Bergen schmilzt. Und wenn die Geisteskräfte des Mädchens … na ja, weiter schwinden …. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn wir sie erfroren oder ertrunken vorfinden würden. Ich kann Ihnen sagen, ich würde nicht derjenige sein wollen, der an ihre Eltern schreibt und ihnen sagt, dass …“

„Das stimmt.“ Reilly versuchte, seine Stimme ruhig zu halten. Er wollte nicht, dass seine Aufregung offensichtlich war. Glendenning könnte die Wahrheit ausschmücken, um seine Unterstützung zu gewinnen – und wahrscheinlich tat er das auch.

Aber wenn auch nur ein Teil dessen, was der Earl beschrieben hatte, wahr wäre, könnten sie es mit einer ernstlich verwirrten Frau zu tun haben. Warum sollte eine Frau – irgendeine Frau – die Sicherheit und Geborgenheit bei ihren liebenden Verwandten verlassen, um allein zu leben, und dazu an einem Ort wie Skye? Warum sollte sie durch das Dorf ziehen – ganz zu schweigen vom Friedhof – und das mitten in der Nacht?

Reillys Herz raste. War diese Miss Donnegal etwa seine erste Patientin?

Aber Moment. Wenn die Frau wirklich so unausgeglichen war, warum wollte Glendenning sie dann heiraten?

„Tja, ich dachte, das wäre offensichtlich“, sagte der Earl, als Reilly ihm genau diese Frage stellte. „Ich liebe sie.“

So einfach war das. Drei kleine Worte, und doch beinhalteten sie eine Fülle von Informationen. Es war wirklich rührend, wie sich dieser Mann für eine Frau aufopferte, die eindeutig auf Reillys Dienste angewiesen war. Eine wahrhafte Neurotikerin, so wie sich das anhörte.

Und das Herumirren im Dunkeln musste eine Folge der Demenz sein.

Wenn er das erst Pearson und Shelley berichten würde! Sie würden grün vor Neid werden. Trotzdem wäre es nicht hilfreich, wenn er sich seinen Enthusiasmus anmerken ließe. Glendenning war offensichtlich etwas überspannt im Hinblick auf diese Frau.

„Ich denke wohl“, begann Reilly behutsam, „dass es nicht schaden kann, wenn ich ihr einen kurzen Besuch abstatten würde. Um selbst zu ermitteln, wie schwerwiegend ihre, äh, Störung ist.“

Glendenning klatschte dankbar in seine riesigen Hände. Der resultierende Krach, der an nicht sehr weit entfernten Donner erinnerte, veranlasste mehrere von Reillys Trinkgefährten im Schlaf zu stöhnen.

„Ich wusste, dass Sie der richtige Mann für die Stelle sind“, sagte der Earl vergnügt, „gleich als ich Sie das erste Mal gesehen habe.“

Als der Earl Reilly Stanton das erste Mal gesehen hatte, hatte er besinnungslos und mit dem Gesicht nach unten auf der Bar des örtlichen Gasthauses gelegen. Aber Reilly hatte nicht das Gefühl, dass es von besonderer Wichtigkeit war, seinen Arbeitgeber darauf hinzuweisen. Stattdessen sagte er: „Also, wenn es Euch nichts ausmachen würde, mir zu zeigen, wo ich vielleicht ein wenig warmes Wasser finden kann, werde ich mich umziehen, waschen und rasieren …“

So fand sich Reilly einige Stunden später auf dem Rücken eines zotteligen, aber wirklich temperamentvollen Rosses wieder. Es war extra für den Arzt aus den Stallungen des Earls geholt worden, wie der Junge erklärte, der es gebracht hatte. Der Junge – er sagte, er hieße Rob, nach dem historischen König – war als Reillys Inselführer eingesetzt worden. Und diese Rolle schien er bestenfalls halbherzig zu übernehmen, da er ihn seit Beginn ihrer Reise lediglich auf Burg Glendenning hingewiesen hatte, die über dem Dorf thronte – wenn man die marode Ansammlung von Hütten, die den Anlegesteg säumten, so bezeichnen konnte. Das Anwesen wirkte wie ein Raubvogel, der etwa sechzig Meter über dem Meer auf einem Felsvorsprung hockte.

Burg Glendenning war kein sehr einladender Ort, stellte Reilly fest und reckte seinen Hals, als sie darunter hindurchritten. Die Morgensonne hatte den Nebel vom Abend zuvor vertrieben, und zum ersten Mal konnte er seiner neuen Umgebung Beachtung schenken. Im Wesentlichen fand er sie ansprechend. Fast alles war mit Schnee bedeckt, vom Reetdach des Tortured Hare bis zu den Zinnen der Burg, und wo der Schnee zu schmelzen begonnen hatte, hatte sich Eis gebildet. Die Äste der wenigen Bäume waren mit Raureif überzogen und glitzerten in der grellen Wintersonne und auf dem Weg aus dem Dorf heraus kamen sie an einigen Schafen vorbei, deren Wollkleid mit feinen Eistropfen überzogen war.

Trotzdem war Reilly alles in allem sehr zufrieden mit seiner Entscheidung, nach Skye zu kommen. Die Leute hier waren zwar einfach – vielleicht mit Ausnahme dieser sonderbaren Miss Donnegal und natürlich der umwerfenden, aber äußerst lästigen Miss Brenna –, aber nach seinen Londoner Patienten war das tatsächlich erfrischend. Diese hatten sich meistens wegen seiner Diagnose mit ihm gestritten und darauf bestanden, dass ihre Krankheit dramatischer – oder exotischer – sei, als es in Wirklichkeit der Fall war. Wer eine Mandelentzündung hatte, bestand darauf, dass es Malaria sei, und wer unter einer Magenverstimmung litt, war überzeugt, in Wahrheit an einer seltenen Herzerkrankung dahinzusiechen. Er hätte nie darauf hoffen können, in Mayfair wirklich etwas zu bewirken. Aber hier hatte er zumindest die Chance, sein wahres medizinisches Können zu beweisen. Der Junge – Rob – führte ihn eine beständige Steigung hinauf, die von der Burg und dem Dorf wegführte. Das Gelände war überhaupt nicht eben, sondern ziemlich überwuchert und felsig, obwohl sie offensichtlich auf einer Art Straße ritten – genaugenommen war es wohl eher ein Pfad –, dem die Pferde beinahe von allein folgten. Reilly hatte gelesen, dass die Bevölkerung des Dorfes klein war und nur etwa hundert Seelen zählte, da die Epidemie im vergangenen Sommer fast ein Drittel der Einwohner ausgelöscht hatte. Als sie am Friedhof vorbeikamen, bemerkte er ein zerfleddertes Flugblatt, das noch immer am Stamm eines schwarzen, blattlosen Baumes befestigt war, und die Gemeindemitglieder darüber informierte, dass der Friedhof voll ausgelastet sei und keine Einzelbestattungen mehr erlaubt seien: Nur Gemeinschaftsgräber seien gestattet. Aber selbst diese finstere Erinnerung an den Schrecken des letzten Sommers konnte seine Stimmung nicht trüben. Dabei war es selbst in London kein schöner Anblick gewesen, auch wenn keiner von Reillys Patienten an Cholera erkrankt war. Die Krankheit hatte hauptsächlich die ärmeren Viertel heimgesucht.

Er atmete die frische, saubere Luft ein, die nach Salz schmeckte. Er fand sie wesentlich angenehmer als die schmutzige Luft Londons, die das ganze Jahr lang mit dem Qualm der brennenden Kohlefeuer erfüllt war. Er konnte nicht umhin zu denken, dass Gott wollte, dass seine Geschöpfe so lebten – und nicht, wie in der Stadt, übereinandergestapelt. Ihn überkam aufrichtiges Mitleid für Pearson und Shelley, die in diesem Moment zweifellos auf dem Weg zu ihrem ersten Termin waren und sicher im Morgenverkehr feststeckten.

Da sagte der Junge: „Das iss’es, da drüben. Burn Cottage.“ Reillys Blick folgte der Geste des Jungen und er sah ein ganz und gar bezauberndes, durch und durch entzückendes kleines Cottage. Es befand sich auf der anderen Seite eines Baches, der im Sommer sicherlich zu einem reißenden Strom werden würde, im Winter aber einfach ein kleiner Fluss war – etwa sechs Meter breit und mit einer schnellen Strömung. Darüber erstreckte sich eine einfache Holzbrücke, die breit genug war, dass ein Pferd samt Reiter sie überqueren konnten, aber sicher keine Kutschen oder Karren. Das musste dann wohl der namensgebende Bach sein, vermutete Reilly. Er dachte, dass der Ort sich wunderbar für ein Ferienhaus eignete.

„Meine Güte“, begann Reilly, brachte sein Pferd zum Stehen und starrte hinüber. „Was für ein Anblick.“

Der Junge zog an seinen eigenen Zügeln und blickte in dieselbe Richtung wie Reilly. Er schien allerdings unbeeindruckt zu sein. Ein Reetdach war für Rob wohl nicht annähernd so malerisch wie für Reilly, da er so manchen Winter zitternd unter einem zugebracht hatte. Von dem Cottage schien er ebenso wenig zu halten.

„Aye“, sagte Rob und versetzte seinem Pony einen lakonischen Tritt in die Rippen. „Da brennt ein Feuer.“ Er nickte einer Rauchfahne zu, die aus dem einzelnen Schornstein des Cottages emporstieg. „Wir sollten ’ne Tasse Tee bekommen.“

Dann klapperten die Hufe des Ponys über die Holzbohlen der Brücke. Während er gehorsam seinem Fremdenführer folgte, ging Reilly durch den Kopf, dass Burn Cottage kaum aussah wie ein Ort, an dem man leicht den Verstand verlieren konnte. Er hatte selten einen schöneren und fröhlicheren Ort gesehen. Burg Glendenning hingegen wäre mit ihren alten Türmen und der dunklen und bedrückenden Atmosphäre genau der richtige Ort für eine Wahnsinnige …

Und da war der Junge schon aus seinem Sattel geglitten und ging zur Tür des Cottages. Er schien recht zuversichtlich zu sein, was ihren Empfang anging. Reilly stieg ab und bemerkte den gepflegten Garten mit seinen schneebedeckten Beeten – eines war eindeutig für Gemüse, wenn die verwelkten Tomatenstiele ein Anhaltspunkt waren, ein weiteres scheinbar für Kräuter und eines wohl ausschließlich für Blumen. Er dachte darüber nach, dass der Wahnsinn viele Gesichter hatte und dass eine Verrückte zweifellos einen schönen Garten haben konnte, während sie alle möglichen abscheulichen Dinge im Haus versteckt hielt. Er selbst war zwar noch nie einer Wahnsinnigen begegnet, aber Pearson hatte eine italienische Contessa behandelt, die die unglückliche Angewohnheit gepflegt hatte, Tauben auf ihren Dachboden zu locken, wo sie sie zerstückelt und vollkommen roh verzehrt hat. Pearson, dieser Taugenichts, hatte eine Abhandlung über das arme alte Ding geschrieben, die er bei einer medizinischen Konferenz vorgelesen hatte, wo sie sehr gut aufgenommen worden war. Verdammter Glückspilz.

Vielleicht konnte er eine Abhandlung über die unglückliche Miss Donnegal schreiben, dachte Reilly, als Rob eine Hand hob und kräftig an der Tür des Cottages klopfte. Die Nekrologie war eine höchst ungewöhnliche Neurose. Er hatte noch nie von einer pathologisch gestörten Person gehört, die Listen von Toten führte, und dieses Symptom würde seine Standesgenossen sicherlich faszinieren – zumindest die Mediziner unter ihnen. Er machte sich keine großen Hoffnungen darauf, dass es Christine beeindrucken würde. Es war viel wahrscheinlicher, dass es sie anwidern und ihr missfallen würde. Aber falls es ihm gelänge, das Mädchen davon zu heilen

Und dann schwang die Haustür auf, und Reilly blickte nicht etwa in die ziellos umherschweifenden Augen einer Wahnsinnigen, sondern begegnete dem klaren und äußerst feindseligen Blick der Frau, die im Dorf als Miss Brenna bekannt war.

Erst in diesem Augenblick wurde Reilly klar, dass er reingelegt worden war.

6.

Brenna blinzelte den großen Mann an, der im Türrahmen stand und dachte sich, dass er jedenfalls keine Zeit verloren hatte. Mein Gott, er war gerade erst angekommen, und jetzt war er bereits hier, um sein neues Zuhause zu beanspruchen?

Tja, so war das eben mit den Londonern. Sie waren sehr unhöflich. Jeder wusste das.

„Ich mache so schnell, wie ich kann“, sagte sie. Sie wusste, dass sie schnippisch klang, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. „Aber da ich gestern Abend erst erfahren habe, dass Sie kommen, müssen Sie mir noch ein oder zwei Tage geben. Ich hatte noch überhaupt keine Zeit, um zu packen, geschweige denn, eine andere Unterkunft zu finden.“

Der Mann starrte sie mit einem Gesichtsausdruck an, den man nur als verblüfft beschreiben konnte … Jemand mit medizinischen Kenntnissen hätte ihn sogar apoplektisch nennen können. Warum er allerdings so dreinblicken sollte, nachdem Brenna die Tür ihres eigenen Cottage geöffnet hatte, das konnte sie sich nicht erklären.

„Ich werde mich gern ein anderes Mal mit Ihnen über Ihre Unterbringung unterhalten“, fuhr sie eilig fort. „Aber wie Sie sehen können, habe ich gerade einen Patienten –“ Sie deutete mit einem Arm nach hinten, um auf den kleinen Jungen zu zeigen, der seine Arme über einen schwarz-weißen Hund ausgebreitet hatte. Das Tier lag träge auf ihrem Küchentisch und war natürlich der Patient: Der Collie des jungen Hamish MacGregor, Lucais, hatte einen Riecher für Ärger und eine Vorliebe für Kaninchen, und beides zusammen brachte ihn oft in Teufels Küche – oder aber in eine von Lord Glendennings Wolfsfallen, wie es jetzt der Fall gewesen war.

Das musste Dr. Reilly Stanton allerdings nicht wissen. Sollte er ruhig denken, dass der Junge ihr Patient war, und nicht der Hund.

„Also“, fuhr sie fort, „fürchte ich, dass Sie ein anderes Mal wiederkommen müssen. Einen guten Tag.“ Sie wollte die Tür zuwerfen und dachte sich nicht ohne Genugtuung, dass Dr. Stanton bekleidet nicht annähernd so einschüchternd war, wie ohne Hemd … Aber dann stoppte etwas Unnachgiebiges die Tür, die sich auf den Rahmen zubewegte, auf halbem Wege. Und so sehr sie auch drückte, sie wollte sich nicht mehr bewegen lassen. Genaugenommen begann sie im nächsten Moment, sich unerbittlich auf sie zuzubewegen, trotz der Tatsache, dass sie mit ihrem vollen Gewicht dagegen lehnte.

„Dr. Stanton“, knurrte Brenna und drückte ihre Absätze in den Boden. „Ich muss doch sehr bitten …“

Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und bedeutete Hamish, dass er ihr helfen solle. Der Junge eilte vorwärts, begierig darauf, an dem Spiel teilzunehmen, und warf sich mit seinem ganzen Gewicht neben ihr gegen die dicke Holztür.

Es half nichts. Reilly Stanton drängte sich in das Cottage, als wögen sie zusammen nicht mehr als ein paar Dutzend Pfund. Dann stand er da und starrte auf die beiden herab, als hätte er so etwas in seinem ganzen Leben noch nie gesehen.

Und das hatte er wahrscheinlich auch nicht, dachte Brenna ohne Mitleid.

Endlich hatte der Arzt die Sprache wiedergefunden und rief: „Guter Gott! Sie sind es tatsächlich! Ich war mir nicht sicher.“

Brenna hatte nicht die geringste Ahnung, wovon er sprach. Sie wandte sich von ihm ab und kehrte zu ihrem Patienten zurück, der seinen zotteligen Kopf angehoben hatte und den Neuankömmling betrachtete, während sein Schwanz laut gegen die Tischplatte klopfte. Weil die Pfote des Hundes zwischen den Zähnen einer besonders gemeinen Falle eingeklemmt gewesen war, befand sie sich in einem jämmerlichen Zustand. Dem hatte Brenna mit Nadel und Faden abhelfen wollen, als das Klopfen des Arztes sie gestört hatte.

„Wie Sie wollen“, sagte sie kühl, hob ihre Nadel an und wandte sich wieder ihrer Aufgabe zu. Sie war sichtlich entrüstet. „Es ist jedoch üblich, zu warten, bis der Vormieter ausgezogen ist, bevor man selbst die Wohnung übernimmt …“

Hamish, ein sommersprossiger, elfjähriger Junge mit wachen Augen, blickte neugierig zu Reilly Stanton hoch. „Wer ist denn das?“, fragte er, ohne jemanden Bestimmtes anzusprechen.

„Der neue Arzt“, antwortete Brenna knapp. „Er ist hier, um mich rauszuwerfen. Und jetzt halt bitte Lucais’ Bein still.“

„Aber das kann er nich’ machen!“, rief Hamish und starrte wütend in Dr. Stantons Richtung.

Der gute Doktor hatte, wie Brenna aus dem Augenwinkel sehen konnte, seinen Hut gezogen, so, als hätte er sich endlich daran erinnert, dass er ein Gentleman war – oder zumindest einer sein sollte. Jetzt stand er da und starrte sie an, während sie ihre Arbeit tat. Anscheinend hatte er keine Ahnung, was er sagen sollte.

Hamish dafür umso mehr. „Miss Brenna hat schon immer hier gewohnt“, erklärte der Junge und sah sehr feindselig aus. „Sie können sie nich’ rauswerfen. Wenn Sie es versuchen, ja, dann werde ich … werde ich Sie erschlagen!

So verärgert Brenna wegen Dr. Stantons Verhalten auch war, sie konnte nicht anders, als über diese Drohung zu lächeln. Hamish reichte dem Doktor gerade bis zur Taille, aber das schien ihn nicht im Geringsten abzuschrecken. Sie achtete jedoch darauf, ihr Lächeln zu verstecken, sodass der Junge es nicht sehen konnte.

„Jetzt hör mal –“ Dr. Stanton schien endlich zur Besinnung gekommen zu sein, und sah gleichermaßen verwirrt und gekränkt auf den Jungen herab. „Ich habe nicht vor, irgendjemanden rauszuwerfen. Ich bin hierhergekommen, weil Lord Glendenning mir sagte, dass in diesem Cottage eine Miss Donnegal wohnt, und dass diese Frau … Na ja.“ Nach diesem recht akzeptablen Anfang schienen Dr. Stanton die Worte plötzlich im Hals stecken zu bleiben. Er blickte auf Brenna. „Na ja, er hat versäumt, zu erwähnen, dass Sie diese Miss Donnegal sind.“

Brenna blickte unbewegt über ihre Schulter. „Ja“, sagte sie, obwohl sie nicht die leiseste Ahnung hatte, wovon er sprach. „Tja, ich nehme an, das muss ein ziemlicher Schock für Sie gewesen sein. Wenn Sie einen kleinen Moment warten, werde ich gerne mit Ihnen darüber sprechen, aber wie gesagt bin ich gerade ziemlich beschäftigt. Willst du in der Tür stehenbleiben wie ein Einfaltspinsel, Rob, oder kommst du herein? Es wird ziemlich kalt hier drinnen, weißt du.“

Rob war nicht der scharfsinnigste Junge der Insel. Er grunzte und versetzte der Tür einen Tritt. Brenna deutete mit dem Kopf auf das Feuer im Ofen. „In dem Kessel ist Tee“, sagte sie zu dem unglückseligen Rob. „Greif zu. Aber pass auf, er ist heiß.“

Rob zog seine fingerlosen Handschuhe aus und eilte zum Feuer, sodass Dr. Stanton allein zurückblieb. Brenna bemerkte, dass er sich im Zimmer umsah, und dachte herzlos: Aha, er überlegt schon, wie er sich einrichten soll. Der unverschämte Rüpel.

Aber dann machte der Mann ihr einen Strich durch die Rechnung. Freundlich sagte er: „Das Licht hier drinnen ist zu dieser Tageszeit nicht gut dafür. Lassen Sie mich Ihnen eine Lampe halten.“ Und zu ihrem Erstaunen entzündete er eine Öllampe, die auf ihrem Kaminsims stand, und hielt sie direkt über Lucais, der immer noch auf dem Esstisch lag.

Brenna wusste nicht, was sie sagen sollte, murmelte ein Dankeschön und machte sich daran, sich um die Verletzung des Tieres zu kümmern.

Während sie das tat, herrschte eine vollkommen Stille – zumindest sprach niemand. Aber sie konnte hören, wie Rob herumhantierte, als er seinen Tee zubereitete – mit Milch und sechs Stück Zucker, der kleine Nimmersatt. Sie würde in Zukunft darauf achten, das Glas nicht so hinzustellen, dass er herankommen konnte. Und sie konnte Lucais’ Hecheln hören. Glücklicherweise war es regelmäßig, wohingegen die Atmung seines Herrn ein bisschen schneller und flacher ging, weil der Junge nicht so viel Vertrauen in Brennas Fähigkeiten hatte wie sein Hund.

Und dann war da noch das plötzliche, dumpfe Geräusch, dass die vier Katzenpfoten machten, als sie auf dem Boden landeten. Eiric schlenderte herüber, um zu sehen, was all die Aufregung sollte. Wenige Augenblicke später hörte Brenna das Rascheln der Flügelfedern ihrer Hauskrähe Jo, die sich einen Sitzplatz in den Balken über ihrem Kopf gesucht hatte, weil er eine bessere Aussicht versprach. Sorcha, Brennas rotbrauner Mischling, saß anhänglich unter dem Tisch und schien unruhig zu sein: Lucais war einer ihrer liebsten Spielgefährten.

Und zusätzlich zu all dem war Brenna sich der Tatsache bewusst, dass ein Mann neben ihr stand …. und nicht nur neben ihr. Reilly Stanton beugte sich über sie, um die Wunde, die sie nähte, gut zu beleuchten. Er kam ihr dabei so nah, dass sie die beträchtliche Hitze spüren konnte, die von seinem Körper unter dem Umhang ausging. Sie hatte sich geirrt, als sie gedacht hatte, dass er bekleidet weniger einschüchternd war als ohne Hemd. So oder so war er ziemlich einschüchternd. Es war beunruhigend, dass ein so bedrohlich großer, männlicher Körper auf diese Weise über sie gebeugt war …

Oder zumindest hätte es das sein sollen. Oh, sie fühlte sich auch unwohl. Aber nicht aus den Gründen, die ziemlich gewesen wären für eine Frau, die mit so einem strammen Mann allein im Zimmer war. Na ja, mehr oder weniger allein. Sie dachte, dass Rob und Hamish wohl kaum zählten, da sie selbst zusammen nicht in der Lage gewesen wären, Reilly Stanton von ihr zu reißen, falls er sich dazu entschließen sollte, irgendeine Art von ungehörigen Avancen zu machen …

Was er aber leider nicht tat.

Leider? Was war mit ihr los? Sie war ja nicht besser als Maeve und gierte nach dem jungen Arzt wie ein liebeshungriges Schulmädchen. Selbst der Geruch der Seife, mit der der Doktor sich an diesem Morgen rasiert hatte, hatte eine beunruhigende Wirkung auf sie. Es war ein frischer, sauberer Duft, und nach einer Weile erkannte sie ihn als den von Mrs Murphys Lavendelseife. Sie musste dem jungen Arzt ein Stück davon überlassen haben. Es war kein besonders aufreizender Geruch, und trotzdem bemerkte Brenna dass der Duft, vermischt mit dem Geruch der frisch gewaschenen Kleidung des Doktors, seltsam verlockend war. Sie spürte ein sachtes Prickeln auf der Oberseite ihrer Arme.

Brenna sagte sich, dass das lediglich daher kommen musste, dass sie schon so lange nicht mehr in der Gesellschaft eines Mannes gewesen war, der tatsächlich regelmäßig badete, aber es half nichts. Als sie damit fertig war, Lucais’ Wunde zu nähen, waren ihre Wangen so rot geworden, als wäre es ein heißer Sommertag, sodass sie sich für einen Moment entschuldigen und sich in ihr Schlafzimmer zurückziehen musste.

Dort eilte sie zu ihrem Waschtisch und legte sich ein nasses Handtuch auf das Gesicht. Was war nur mit ihr los? Sie war errötet wie Flora, wann immer Iain MacLeod ihren Weg kreuzte.

Und warum? Weil ein Mann – ein Mann, der zufälligerweise und im Gegensatz zu allen anderen Männern, denen sie in letzter Zeit begegnet war, frisch gebadet roch – zu nah neben ihr gestanden hatte.

Wie lächerlich! Er war nur der Doktor, der lästige und törichte junge Arzt, den Iain MacLeod, der neunzehnte Earl von Glendenning, eingestellt hatte, um ihr das Leben schwerzumachen. Einen Glaubenseiferer hatte ihn Lord Glendenning genannt und er hatte bestimmt Recht. Warum sonst sollte ein Mann, der so gut roch, sich so weit in den Norden wagen?

Tja, er würde sich auf eine Enttäuschung gefasst machen müssen. Er würde hier auf Skye keinen Ruhm und kein Gold finden, so viel war sicher.

Dafür würde sie schon sorgen.

Sie riss sich zusammen und holte ein paar Dinge aus dem angrenzenden Raum, den sie immer sorgfältig verschlossen hielt. Als sie zurückkam, war der junge Arzt in ein ernsthaftes Gespräch mit Hamish vertieft. Anscheinend hatte der Junge seine Feindseligkeit dem Doktor gegenüber so weit überwunden, dass er ihn über die Details des Vorfalls in Kenntnis setzte. Dabei fielen auch einige unbarmherzige Bemerkungen über Lord Glendenning und seine Gewohnheit, Fallen auf seinen Ländereien aufzustellen.

„Er sagt, es gibt Wölfe, die sein Wild reißen“, sagte Hamish. „Nur, dass ich noch nie Wölfe gesehen habe. Füchse vielleicht, aber keine Wölfe.“

Dr. Stanton saß am Esstisch und hatte sein Kinn auf eine Hand gestützt, während er mit der anderen langsam – und wahrscheinlich ganz unbewusst – Lucais’ rechtes Ohr streichelte. Er nickte ernst.

„Und in der Zwischenzeit“, fuhr Hamish fort, „brechen sich gute Hunde wie Lucais darin die Beine.“

„Es ist nicht gebrochen“, sagte Brenna forsch und trat ins Zimmer. „Der Knochen ist zwar geprellt, aber sonst ist er intakt.“

Dr. Stanton erhob sich bei ihrem Erscheinen höflich, so, wie es jeder Londoner Gentleman getan hätte, und es entging Brenna nicht, dass seine dunklen Augen strahlten, als sein Blick auf sie fiel. Sie sah eilig weg und ärgerte sich ein wenig, als sie bemerkte, dass ihr schon wieder warm war, obwohl sie sich gerade erst einen ganzen Schwall eiskaltes Wasser ins Gesicht geschöpft hatte.

„Ich werde es trotzdem mit einer Schiene versehen“, fuhr sie fort und stellte erleichtert fest, dass sie sich ganz normal anhörte – zumindest für ihre eigenen Ohren. Die Anwesenheit des gutaussehenden Dr. Stanton übte überhaupt keine Wirkung auf sie aus. Nicht im Geringsten. „Halte Lucais davon ab, die Schiene abzukauen. Hast du verstanden, Hamish?“

Der Junge sagte etwas Unverständliches. Das lag anscheinend daran, dass Hamish sich – ebenso wie Rob – ein Stück des Gewürzkuchens genommen hatte, den sie zum Auskühlen auf die Anrichte gestellt hatte, und sie beide sich den Mund damit vollgestopft hatten.

„Ich wollte Ihnen sagen“, bemerkte Reilly Stanton, „dass ich Ihre Technik vortrefflich finde.“ Er zeigte auf die Pfote des Hundes. „Hat Ihr Vater Ihnen das beigebracht?“

„Das hat er“, sagte Brenna. Sie setzte sich und versuchte angestrengt sich nicht anmerken zu lassen, wie unbehaglich sie sich fühlte, wenn sie Dr. Stanton Blick so auf sich spürte. Sie hoffte, dass er jetzt nicht anfangen würde, nett zu ihr zu sein. Wie sollte sie ihn hassen – und das tat sie, das tat sie durch und durch –, wenn er Anstalten machte, nett zu ihr zu sein?

„Also, ich nehme an“, begann der Arzt, „dass Sie sich um die Menschen hier kümmern, seit Ihr Vater die Insel verlassen hat?“

„Um die Menschen“, begann Brenna mit gedämpfter Stimme. Sie hatte einen Holzstab zwischen ihre Zähne geklemmt und wickelte einen Verband um das Bein des Hundes, „und um ihre Haustiere, wie Sie sehen.“

„Dann müssen Sie erleichtert sein, dass ich hergekommen bin“, sagte er.

Brenna blickte erstaunt zu ihm hoch. So ein eingebildeter, arroganter –

„Also, weil es eine ziemliche Belastung für Sie gewesen sein muss“, erklärte er eilig, als ob er befürchtete, dass seine Worte missverstanden worden wären … was natürlich auch der Fall war. „Allen im Dorf auf Abruf zur Verfügung zu stehen, meine ich. Denn ich stelle mir vor, dass Sie Besseres zu tun haben.“

„Nicht wirklich“, sagte Brenna. Sie konnte jetzt deutlich sprechen, da sie die Schiene aus ihrem Mund genommen und an Lucais’ Bein befestigt hatte.

„Na ja, ich dachte nur … Sie wissen schon, als junge Dame könnten Sie vielleicht … Alle jungen Damen, die ich in London kenne, verbringen ihre … Zeit … meistens damit, na ja, Einkäufe zu machen und Gartenpartys zu besuchen und …“

Seine Stimme verstummte allmählich, als er ihr ins Gesicht blickte. Sie wusste nicht, was für eine Miene sie zur Schau trug, aber sie musste wohl recht verblüfft ausgesehen haben, denn seine nächsten Worte waren: „Aber ich vermute, dass es hier auf Skye wohl keine Gartenpartys gibt.“

„Selten“, sagte Brenna, als sie das Bein des Hundes mit einigen Lagen Mull umwickelte, in der Hoffnung, dass das dicke Material Lucais davon abhalten würde, an die Schiene zu gelangen.

„Und ich glaube auch nicht“, fuhr Dr. Stanton in dem gleichen ironischen Tonfall fort, „dass Sie sie besuchen würden, wenn es welche gäbe.“

Brenna spürte, wie sie errötete, aber diesmal geschah es aus ganz anderen Gründen. Wie konnte er es wagen? Sie schäumte innerlich vor Wut. Wie konnte er es wagen, anzudeuten, dass sie, nur weil sie medizinisch interessiert war, irgendwie unweiblich war und sich nicht an etwas so Belanglosem wie einer Gartenparty erfreuen könnte? Sie war auf Dutzenden von Gartenpartys gewesen und hatte sich jedes Mal sehr gut amüsiert …

Na gut, vielleicht waren es nicht Dutzende gewesen, und vielleicht hatte sie sich bei den Partys, die sie besucht hatte, nicht sehr gut amüsiert, aber das konnte er nicht wissen. Und was kümmerte es sie überhaupt, was dieses Londoner Emporkömmling mit seinen frisch gewaschenen, duftenden Kleidern und seinem breiten Brustkorb von ihr dachte? Es war ihr egal. Das war es. Es war ihr vollkommen egal.

Abgesehen davon, dass …

Na ja, da sie eine sorgfältige Wissenschaftlerin war, musste sie zugeben, dass Reilly Stanton ein durchaus gutaussehender Mann war, der nicht nur regelmäßig zu baden schien, sondern offenbar auch nicht auf den Kopf gefallen war. Und wenn die Tatsache, wie sie vorhin auf seine Nähe reagiert hatte, ein Anhaltspunkt war, würde es sehr schwierig werden zu verhindern, dass sie sich von ihm angezogen fühlte.

Sie würde sich jedoch nicht von seinen weltgewandten Manieren und dem Geruch von Lavendelseife bezirzen lassen. Und die einfachste Möglichkeit, das zu erreichen, war, sich daran zu erinnern, was genau er in ihrem Cottage wollte.

„Also hat Lord Glendenning Sie geschickt, nicht wahr, Dr. Stanton?“ Sie verzurrte Lucais’ Schiene und tätschelte dem Hund den Kopf, um ihm zu zeigen, dass sie fertig war. Er sah zur Antwort gutmütig zu ihr hoch, wobei sein Schwanz gegen die Tischplatte klopfte, und ihr zeigte, dass er nicht beleidigt war.

„Das hat er nicht“, erklärte Dr. Stanton mit Nachdruck.

„Ach?“ Brenna zog die Augenbrauen hoch. „Ich dachte, das hätten Sie gesagt. Dann sind Sie also von allein hergekommen? Planen Sie, irgendwelche Maße zu nehmen? Das Feuer raucht ein wenig, wenn es regnet, aber sonst kann ich den Ort vorbehaltlos empfehlen.“

Mit Vergnügen bemerkte sie, dass es ihr gelungen war, ihn aus der Fassung zu bringen. Sein Kiefer verkrampfte sich, und er stammelte: „Ich bin nicht deshalb – ich bin auch nicht deshalb hergekommen.“

Sie saß einfach da und lächelte ihn mit einem Gesichtsausdruck an, aus dem er hoffentlich distanzierte Geringschätzung lesen würde, als er herausplatzte: „Gut, in Ordnung. Lord Glendenning hat mich geschickt. Aber nicht, um mir das Cottage anzusehen.“

„Nein?“ Brenna war überrascht. „Was wollen Sie dann –“

Und da dämmerte es ihr auf einmal. Und sie errötete zum dritten Mal. Aber diesmal geschah es vor blanker Wut.

„Ach, jetzt verstehe ich das“, erklärte sie und stand so plötzlich auf, dass sie Jo erschreckte, die überrascht mit den Flügeln schlug. „Er hat Sie geschickt, um mich anzusehen. Habe ich Recht?“ Sie konnte an seinem verunsicherten Gesichtsausdruck erkennen, dass es so war. „Also was genau hat er Ihnen erzählt? Dass ich schwachsinnig bin? Nein, warten Sie, ich weiß es.“ Sie streckte beide Handflächen aus. „Eine Gefahr für mich selbst. War es das?“

„Er hat nichts dergleichen gesagt“, antwortete Stanton mit offensichtlich vorgetäuschter Empörung.

„Natürlich hat er das. Das hat er schon mal gemacht. Er hat Sie hierher geschickt, um einen Blick auf die arme, bedauernswerte Miss Donnegal zu werfen, weil er hofft, dass Sie versuchen würden, sie dazu zu überreden, seinen großmütigen Heiratsantrag zu akzeptieren.“ Sie schritt der Länge nach in dem kleinen Cottage auf und ab. Ihr Rock wirbelte jedes Mal durch die Luft, wenn sie sich drehte. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so wütend gewesen zu sein. Zur Hölle mit dieser aufdringlichen, dummen Witzfigur von einem Adligen!

„Aber er hat versäumt, Ihnen zu sagen, dass die Miss Brenna, die Sie gestern Abend kennengelernt haben, und die arme, bedauernswerte Miss Donnegal ein und dieselbe Person sind, nicht wahr?“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie müssen ziemlich schockiert gewesen sein, als ich die Tür geöffnet habe.“

Man musste ihm zugutehalten, dass er ehrlich antwortete.

„Ich war nicht so sehr schockiert“, gab er zu, „wie enttäuscht darüber, dass Sie keine Hosen mehr anhatten.“

Seine Offenheit ließ sie innehalten. Sie überzeugte sich selbst davon, dass es an seiner unverblümten Antwort lag und nicht an seinem Lächeln. Sie starrte ihn an, weil sie überhaupt nicht wusste, was sie antworten sollte …

In genau diesem Moment klopfte zum dritten Mal an diesem Morgen jemand an die Haustür von Burn Cottage.

7.

„Das ist er wahrscheinlich, es würde mich nicht wundern“, knurrte das Mädchen. Sie klang immer noch zutiefst entrüstet. Sie besuchte vielleicht nicht sehr regelmäßig Gartenpartys, dachte Reilly, aber sie beherrschte ganz gewiss die Kunst der weiblichen Empörung.

„Er kommt bestimmt, um zu sehen, wie ich mit meiner Diagnose vorankomme“, bestätigte Reilly. Er war begierig darauf, ihren Zorn weiter anzufachen. Es kam nicht oft vor, dass er eine schöne Frau zu Gesicht bekam, die so außer sich war, und er amüsierte sich sehr gut. „Ja, ich bin sicher, dass er es ist.“

Es wirkte. Das Mädchen wurde noch wütender. Reilly fand, dass es wohl keine Übertreibung wäre zu sagen, dass Funken aus ihren strahlend blauen Augen sprühten.

Er musste seinen Hut vor ihr ziehen. Christine hätte Miss Brenna Donnegal selbst in Hochform nicht das Wasser reichen können, wenn sie sich zum Beispiel über den Missstand der Kinderarbeit empörte. Miss Donnegals Rage war köstlich.

Iain MacLeod tat ihm wirklich sehr leid. Der Earl hatte offensichtlich kein glückliches Händchen, was diese bestimmte junge Dame anging. Reilly hegte nicht den geringsten Zweifel daran, dass Brenna Donnegal, wenn sie ihre Tür öffnete und den Earl auf der Schwelle vorfand, ihm mindestens noch ein weiteres Veilchen schlagen würde. Es schien auch im Rahmen des Möglichen zu liegen, dass das ein oder andere Körperteil abgetrennt werden würde. Reilly stellte sich so hin, dass er der Dame schnell zu Hilfe eilen könnte, sollte sie seine Hilfe benötigen … und auch so, dass er einen uneingeschränkten Blick auf das Geschehen hätte.

Aber als Miss Donnegal die Tür aufzog, stand dort gar nicht der Earl, sondern eines der Mädchen aus dem Gasthaus, das vor Kälte blau war und ziemlich atemlos aussah.

„Oh“, rief Maeve. „Oh, Miss!“

„Mein Gott!“ Miss Donnegal war offensichtlich bestürzt und ergriff den Arm des Mädchens. Bevor Reilly einschreiten und helfen konnte, trieb sie das Schankmädchen zum Feuer und scheuchte Rob, Hamish und eine sehr empörte Tigerkatze vom Ofen herunter.

„Maeve, du bist ganz durchgefroren“, schalt sie Miss Donnegal. „Was hast du dir dabei gedacht, hierher zu laufen, ohne wenigstens ein Schultertuch zu nehmen?“

„Es geht um Flora, Miss“, brachte Maeve stammelnd durch ihre klappernden Zähne hervor. „Es ist soweit. Sie müssen sofort zur Burg kommen.“

Das war einfach zu viel. Reilly war bereit gewesen, zurückzutreten und zusammen mit Rob, den nichts aus der Fassung bringen konnte, und dem Jungen Hamish das Geschehen zu beobachten, während er einen Bissen Gewürzkuchen zu sich nahm, aber das war einfach zu viel.

„Zur Burg?“ Reilly sah auf das zitternde Mädchen herab. „Was macht Flora in der Burg?

„Sie geht immer in die Burg“, sagte Miss Donnegal, „wenn es soweit ist.“

„Tut sie das?“ Reilly zog seine Augenbrauen hoch. Wahrlich, seit er den Bach überquert hatte, hatte es eine Überraschung nach der anderen gegeben. Er hätte natürlich wissen müssen, dass der Earl … nun ja, die Wahrheit etwas ausgeschmückt hatte. Das war die einzige höfliche Art und Weise, die Reilly einfiel, um sein Vorgehen zu beschreiben. Dennoch war es ein wenig beunruhigend, wie weit Lord Glendenning in seinem Bemühen gegangen war, die Wirklichkeit vor Reilly zu verbergen.

Und die Wahrheit war natürlich, dass nicht das Geringste an Miss Donnegals Geisteszustand auszusetzen war. Außer dass sie genügend gesunden Menschenverstand besaß – und das war, wie Reilly wusste, für eine junge Dame in ihrem Alter ungewöhnlich –, um den Earl und sein byronisches Gehabe zu durchschauen.

Trotzdem war Reilly äußerst überrascht gewesen, als sich die Tür zu Burn Cottage geöffnet und sich niemand anderes gezeigt hatte, als die junge Frau, die in der Nacht zuvor so grob zu ihm gewesen war. Sein Schock war so groß gewesen, dass es einige Minuten gedauert hatte, bis er diese Verbindung hatte herstellen können: Miss Brenna war eigentlich Miss Brenna Donnegal, die gleiche Miss Donnegal, in die Lord Glendenning so vernarrt war.

Dieselbe Miss Donnegal, deren Vater hier Chirurg gewesen war, bis er seine Anstellung so plötzlich niedergelegt hatte.

Dieselbe Miss Donnegal, wegen der Reillys zukünftige Unterbringung so ungewiss war.

Es war Miss Donnegal, die den Fährmann wiederbelebt hatte, Miss Donnegal, die Whisky direkt aus der Flasche getrunken hatte, Miss Donnegal, die diese reizenden Hosen getragen hatte, und Miss Donnegal, die rittlings im Nebel davongaloppiert war.

Und es war auch Miss Donnegal, die anscheinend eine ziemliche Abneigung gegen ihn hegte.

Was er ein wenig unfair fand. Es war nicht so, als hätte er gewusst, worauf er sich einließ, als er auf Iain MacLeods Inserat in der Times geantwortet hatte.

Zumindest nicht vollständig.

Miss Donnegals tiefe Stimme unterbrach ihn in seinen Gedanken.

„Bring Lucais nach Hause“, sagte sie. „Sorge dafür, dass er zumindest ungefähr einen Tag lang nicht so viel läuft. Und es wird auch nicht mit ihm im Bach herumgetollt! Halte das verletzte Bein trocken.“ Es dauerte einen Augenblick bis Reilly erkannte, dass sie den Jungen mit dem Border Collie ansprach und nicht ihn. „Bring ihn in ein paar Tagen wieder her – früher, wenn du einen komischen Geruch bemerkst, oder wenn er starke Schmerzen zu haben scheint – und dann sehen wir ihn uns noch einmal an.“

Der Junge nickte gehorsam. „Ja, Miss“, sagte er. „Komm schon, Junge.“ Der Hund, der eine sehr gute Imitation einer ohnmächtig gewordenen Matrone abgegeben hatte, sprang auf und stand bald wieder auf allen vieren, wobei er den verletzten Fuß nur ein wenig nachzog.

Reilly wandte sich behutsam an Miss Donnegal. „Haben Sie eine Ahnung, wie weit sie ist? Flora, meine ich?“

„Weit genug“, kam es unverblümt zurück. Miss Donnegal war im anderen Zimmer verschwunden. Ihre Stimme, die heiser und doch merkwürdig sanft klang, drang zu ihm durch. „Wann hat sie sich auf den Weg zum Burg gemacht, Maeve?“

„Ich weiß nich’ genau.“ Maeve hatte wieder etwas Farbe ins Gesicht bekommen, nachdem sie sich an dem warmen Feuer und dem dampfenden Becher, den sie hielt, aufgewärmt hatte. Miss Donnegal hatte ihr eine Tasse Tee in die Hand gedrückt, bevor sie im Nebenzimmer verschwunden war. „’S war nach dem Frühstück, aber noch vor dem Abwasch. Es gab viel abzuwaschen. Lord Glendenning ist zum Frühstück da gewesen, hat sie gesagt.“

Du meine Güte, dachte Reilly. Das Mädchen hatte vorzeitige Wehen bekommen, und zwar deswegen, weil er zugelassen hatte, dass Glendenning, dieses Ungeheuer, sie weckte und von ihr verlangte, dass sie ihnen dieses üppige Frühstück zubereitete. Es war alles seine Schuld. Jetzt würde ein Kind zu früh auf die Welt kommen und er würde mit dem Wissen leben müssen, dass das nur geschehen war, damit er ein paar Würstchen essen konnte.

„Aber dann wollte sie nicht beim Abwaschen helfen, weil sie sich nicht so gut fühlte –“ Als Maeve diese Bemerkung hinzufügte, schien es, als ob sie diese Ausrede immer noch nicht ganz glaubte. Im Gegenteil, sie schien zu glauben, dass Flora sich die gesamte Schwangerschaft nur ausgedacht hatte, um sich vor dem Abwasch zu drücken. „Und ehe ich mich versah, hat sie schon ihre Handschuhe angezogen und schickte mich los, um schnell –“

„Ja“, sagte Reilly so beruhigend wie möglich. „Aber natürlich. Ich werde gleich da sein. Rob, nimm dein Pony und reite zurück in die Schenke, um meinen Arztkoffer zu holen, ja? Bring ihn einfach direkt in die Burg. Ich werde dich dort treffen.“

Rob, den Reilly nicht gerade für den Hellsten hielt, starrte ihn nur dümmlich an.

„Hast du mich verstanden, Rob?“ Reilly war natürlich schon das ein oder andere Mal mit idiotischen Bediensteten gesegnet gewesen, aber das übertraf bisher alles. „Mach dich jetzt auf den Weg. Hier ist eine …“ Er schob eine Hand in seine Hosentasche und wühlte nach seinem Kleingeld. „Eine Guinee für dich.“

Aber Rob saß einfach weiter regungslos da, bis Reilly allmählich misstrauisch wurde und fragte: „Stimmt irgendetwas nicht?“

Rob blickte zu Maeve, die ein wenig ängstlich sagte: „E-Entschuldigen Sie, Sir. Aber Flora hat nicht nach Ihnen gefragt. Sondern nach Miss Brenna.“

„Miss Brenna?“, wiederholte Reilly ungläubig.

„Oh, aye, Sir“, sagte Maeve, die ihre blauen Augen weit aufgerissen hatte. „Miss Brenna hat alle Babys von Flora auf die Welt geholt. Also, mit Mr Donnegals Hilfe jedenfalls.“

„Alle Babys …“ Jetzt riss Reilly die Augen auf. Das Mädchen hatte ja erwähnt, dass Flora immer zur Burg ging, „wenn es so weit ist.“ Aber wie oft war es denn so weit gewesen? „Wie viele Babys hat Miss Flora schon bekommen?“

Maeve zählte es eilig an ihren Fingern ab. „Dieses müsste ihr viertes sein, glaube ich.“

Vier Kinder? Ganze vier? Und alle sollte das kleine Mädchen herausgepresst haben, das selbst kaum alt genug aussah, um überhaupt die Schulbank verlassen zu haben? Das war ja barbarisch. Mehr als barbarisch. Es war –

„Rob.“ Die Stimme der unbeugsamen Miss Donnegal erklang aus dem anderen Zimmer. „Geh und sattle Willow für mich. Bring sie sofort her, sei ein guter Junge.“

Zu Reillys Verwunderung stopfte sich der Junge das letzte Bisschen seines Kuchenstücks in den Mund und eilte aus der Hütte. Reilly drehte sich um und sah, dass die Amazone aus einem Raum kam, der wohl ihr Schlafzimmer sein musste. Ja, Reilly konnte sie nur als Amazone bezeichnen – Miss Donnegal schien ein viel zu förmlicher Name für dieses Wesen zu sein, das ganz aus dem Feuer eines glühenden Temperaments zu bestehen schien, und Brenna … na ja, es verstand sich von selbst, dass der Name Brenna ganz und gar nicht zu ihr passte.

Trotz seiner Verwirrung bemerkte Reilly entzückt, dass Brenna das Kleid ausgezogen hatte, das sie bei seiner Ankunft getragen hatte. Es war wirklich ein reizendes Gewand aus prächtiger blauer Wolle gewesen, die den goldenen Schimmer in ihrem rotbraunen Haar betonte. Aber trotzdem hatte es ihn nach ihrer aufsehenerregenden Garderobe des Vorabends ein wenig enttäuscht. Stattdessen trug sie jetzt wieder genau diese Hosen. Sie hatte eine schwarze Tasche bei sich, so eine, in der Mediziner für gewöhnlich ihre Instrumente aufbewahrten, und erteilte Befehle wie ein Armeegeneral.

„Maeve, leg dir diesen Umhang um und trag ihn, bis du zu Hause bist. Wehe du wagst dich noch einmal hinaus, ohne etwas Warmes über deine Schultern zu legen. Trotz des warmen Wetters wird es noch eine ganze Weile dauern, bis der Frühling kommt. Dr. Stanton, wenn Sie mich bitte entschuldigen, ich werde anderswo gebraucht …“

„Sie entschuldigen?“ Reilly schüttelte den Kopf. „Sicherlich nicht!“

Die Amazone hatte sich auf den Weg zur Haustür gemacht, wo ein Paar hohe Stiefel standen. Jetzt hielt sie inne, warf ihr herrliches rotgoldenes Haar zurück – das sie offen trug, eine Frisur, die bei Christine und ihren modebewussten Freundinnen nicht besonders beliebt war – und blickte über ihre Schulter.

„Wie bitte?“, fragte sie in ihrer beunruhigend rauen, aber seltsam anziehenden Altstimme. Reilly setzte sich seinen Hut auf. „Ich werde mich natürlich darum kümmern“, sagte er. Schon vor langer Zeit hatte er gelernt, dass man zunächst einmal Selbstvertrauen ausstrahlen musste, um das Vertrauen anderer zu gewinnen. „Es gibt keinen Grund, warum Sie sich die Mühe machen sollten, Miss Donnegal.“

„Mir die Mühe machen?“ Die Amazone richtete sich auf – sie war dabei gewesen, ihre Schuhe aufzuschnüren, um leichter in die Stiefel schlüpfen zu können. „Wovon in aller Welt reden Sie da?“

„Tja, so wie ich es sehe“, begann Reilly, „haben Sie sich seit dem Weggang Ihres Vaters um die medizinische Versorgung der Dorfbewohner gekümmert. Aber das ist jetzt wirklich nicht mehr nötig, oder? Ich meine, jetzt, wo ich hier bin.“

Brenna starrte ihn an. Er starrte unbewegt zurück und versuchte, einen freundlichen Gesichtsausdruck beizubehalten. Das war schwierig, weil er das Gefühl hatte, dass sehr viel davon abhing, wie diese Sache – oder na ja, man konnte es wohl eine Diskussion nennen – ausging. Nicht, dass er sich besonders darauf gefreut hätte, Floras Baby auf die Welt zu bringen. Tatsächlich war Reilly in London nur in sehr seltenen Ausnahmefällen zu einer Geburt gerufen worden, denn dafür gab es natürlich Hebammen. Und wenn es Komplikationen gab, schickte man nach einem Chirurgen. Ärzte wurden in der Regel erst nachträglich hinzugezogen, wenn die junge Mutter ein Medikament gegen die Schmerzen brauchte oder es dem Kind nicht gutging.

Also, warum diskutierte er darüber? Warum machte er so einen Aufstand darum, wer das Recht hatte, den unehelichen Nachwuchs des örtlichen Schankmädchens auf die Welt zu bringen?

Weil es nicht reichen würde. Es würde wirklich nicht reichen, wenn diese Menschen sich, was ihre medizinische Versorgung anging, allein auf diese sicherlich unsachgemäß ausgebildete junge Frau ohne Approbation verließen – nicht jetzt, wo er auf der Insel war. Wie sollte er sich jemals beweisen – und diesmal dachte er nicht daran, es Miss Christine King zu beweisen, zumindest nicht nur –, wenn er nie eine Chance dazu bekäme?

Er würde natürlich vorsichtig vorgehen müssen. Er wollte Miss Donnegal nicht kränken. Offensichtlich wurde sie von den Dorfbewohnern sehr geschätzt. Aber jeder musste dazu gebracht werden, einzusehen, dass Reilly Stanton derjenige war, der im Notfall gerufen werden musste, und nicht die Tochter des ehemaligen Chirurgen, egal wie viel genießbarer ihre einnehmende Art die bittere Medizin auch machen mochte.

Und es war schließlich auch zu ihrem Besten. Keine Frau, die so aussah wie Brenna Donnegal, sollte herumlaufen, Babys auf die Welt holen und betrunkene Fährmänner wiederbeleben. Das Ganze war wirklich absurd. In London wäre sie zweifellos die Schönheit der Saison gewesen. Ja, sie und Christine King wären vielleicht sogar Freundinnen gewesen!

Aber als er sich daran erinnerte, mit welch einer routinierten und unbekümmerten Bewegung Miss Donnegal die Whiskyflasche an ihre Lippen gesetzt hatte, dachte er, dass eine Freundschaft zwischen ihr und Christine vielleicht doch unwahrscheinlich gewesen wäre. Dennoch konnte es nur an einem so isolierten und rückständigen Ort wie diesem geschehen, dass eine schöne Frau wie Brenna Donnegal genauso behandelt wurde, wie alle anderen …

Nun, vielleicht nicht ganz genau wie alle anderen. Reilly hatte auf Skye nicht allzu viele andere Frauen in Hosen gesehen.

„Dr. Stanton“, erwiderte die junge Frau langsam, „Ich weiß die Geste zu schätzen, wirklich. Aber ich versichere Ihnen, dass das völlig unnötig ist. Ich habe bereits sehr viele Babys auf die Welt geholt, und ich brauche sicherlich keine –“

„Ich bin sicher, dass Sie das nicht brauchen“, sagte Reilly. Er war sich bewusst, dass weder Maeve noch Hamish gegangen waren, und dass beide das Gespräch mit großen und interessierten Augen verfolgten. „Aber ich bin der neue Arzt hier. Es gibt keinen Grund, warum man Ihnen die Geburt von Miss Floras Baby aufbürden sollte.“

Ihre außergewöhnlich hell strahlenden Augen verengten sich.

„Sie hat nach mir gefragt.“

Tja, dachte Reilly. Da hatte sie natürlich Recht.

„Trotzdem“, sagte er, in einem – wie er hoffte – gebieterischen Tonfall, der keinen Widerspruch duldete, „werde ich gehen.“

Falls sie von seinem Tonfall beeindruckt war, ließ Miss Donnegal sich nichts anmerken. Sie sah ihn ein wenig eigentümlich an und sagte: „Wie Sie wollen. Aber ich komme mit.“

„Gut“, sagte er und biss die Zähne zusammen.

„Gut“, erwiderte sie und auch die Muskeln in ihrem Kiefer spannten sich an.

„Gut“, sagte er wieder.

„Ähm“, kam es kleinlaut von Maeve, die am Ofen saß. „Entschuldigen Sie die Unterbrechung, Sir, Miss, aber wenn Sie gehen wollen, dann machen Sie sich besser auf den Weg. Flora sah nich’ so munter aus, als ich sie das letzte Mal gesehen habe …“

Aber wie es sich ereignete, war Maeves Sorge übereilt gewesen. Flora lag zwar in den Wehen. Aber ihre Wehen kamen immer noch im Abstand von gut zehn Minuten und Reilly fand, dass sie entgegen Maeves Behauptungen äußerst munter wirkte. Tatsächlich saß sie auf einem Strohlager, das man ihr in einem Raum neben der Burgküche bereitet hatte, und las, wie er erstaunt feststellte, Frauenzeitschriften. Lesen war vielleicht das falsche Wort, da Flora zweifellos nicht lesen konnte. Aber sie schien sich daran zu erfreuen, die Modezeichnungen zu betrachten.

„Sehen Sie sich das hier an, Miss Brenna“, sagte sie, als die beiden in den Raum eilten. „Ist das nich’ hübsch? Ich hätte fast Lust, mir das Schnittmuster schicken zu lassen.“

Reilly, den der wilde Ritt zur Burg ziemlich strapaziert hatte, brach auf einen klapprigen Stuhl neben dem Bett zusammen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Alle seine Glieder waren taub vor Kälte. Er konnte weder seine Finger noch seine Ohren spüren. Brenna Donnegal war eine ausgezeichnete Reiterin, deren Schimmelstute Willow gerne moderne Annehmlichkeiten wie Brücken und Straßen mied und stattdessen anspruchsvolleres Gelände mit Schluchten und Felshängen bevorzugte.

Entweder war es das, oder aber die unbeugsame Miss Donegal hatte gehofft, Reilly abzuschütteln. Er glaubte, dass es wohl Letzteres sein musste, denn als sie hinter dem Fallgatter der Burg Willows Zügel angezogen und gesehen hatte, dass Reilly noch hinter ihr war, hatte sich ein erstaunter Blick auf ihrem Gesicht ausgebreitet. Dennoch hatte sie mit nur widerwilliger Bewunderung gesagt: „Sie reiten gut … für einen Londoner.“

Er hatte sowohl seine zunehmende Erschöpfung verbergen müssen – zweifellos eine Folge der großen Menge Whisky, die er in der Nacht zuvor konsumiert hatte – als auch seine Verwunderung über den verwahrlosten Zustand des Gebäudes. Wie der Name schon sagte, war Burg Glendenning tatsächlich eine echte Burg mit Türmchen, Zinnen und, wie Reilly vermutete, sogar einem Kerker. Die dunkle und hässliche Festung aus bröckelndem Stein war von irgendeinem alten Verwandten des jetzigen Earls erbaut worden und Reilly konnte sich vorstellen, dass ihre Bewohner sich wirklich sehr unbehaglich fühlen mussten. Es war kein Wunder, dass Brenna Donnegal sich weigerte, den Earl zu heiraten. Burn Cottage schien viel wohnlicher zu sein.

Warum die zarte Flora sich dafür entscheiden sollte, an diesem schrecklichen Ort ihr Kind zu bekommen, konnte sich Reilly nicht erklären. Sie hatte dabei sicherlich nicht ihr eigenes Wohl oder das ihres Kindes im Sinn. In dem schäbigen Raum, in den sie eine dicke, aber ausgesprochen unglücklich aussehende Köchin geführt hatte, waren Kartoffeln und Zwiebeln aufgehäuft und es gab kein Feuer. Reilly hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Oh, er hatte natürlich von solchen Räumen gehört, nämlich von Dozenten, die an sein College gekommen waren und einige der widrigen Umstände beschrieben hatten, unter denen sie zu arbeiten gezwungen sein würden. Aber Reilly hätte nie erwartet, einen solchen Raum in einer Burg vorzufinden, noch dazu in einer Burg, die einem angeblich so fortschrittlich eingestellten Mann wie dem Earl gehörte.

Trotzdem war er immerhin genau deswegen hierhergekommen: um den Armen und Benachteiligten zu helfen. Noch mehr wollte er allerdings Christine beweisen, dass er sich nicht zurücklehnen und seine Bekanntheit als „Arzt-Marquis“ für sich arbeiten lassen würde. Nein, er wollte seinen Wert als Arzt mit eigenen Verdiensten beweisen, mit seinen Fähigkeiten und nicht mit der Anzahl der Adligen in seinem Patientenverzeichnis.

Und doch hatte er sich irgendwie nie ausgemalt, dass er jemals inmitten von Gemüsehaufen sitzen und einem schwangeren Schankmädchen zuhören würde, das sich eloquent über ein paar Modezeichnungen ausließ.

„Sehen Sie mal“, sagte Flora und blätterte eine der Seiten um, damit Brenna sie begutachten konnte. „Puffärmel sind gerade in Mode. Ich habe selbst keine, aber wenn seine Lordschaft und ich erst verheiratet sind, werde ich einen ganzen Schrank voll davon haben.“

„Natürlich wirst du das“, sagte Brenna. Sie hatte es sich auf einen umgedrehten Apfelkorb bequem gemacht – wenn man das so sagen konnte – und selbst eine Zeitschrift genommen, die sie ebenso beiläufig durchblätterte wie Christine, wenn sie in ihrem Wohnzimmer eine Ausgabe von Godey’s angesehen hatte.

„Wenn dieses hier ein Junge wird“, sagte Flora glückselig, „wird er mich diesmal bestimmt heiraten.“

„Das will ich doch hoffen“, lautete Brennas gelassene Antwort.

„Wird es Mrs Murphy nicht leidtun“, plapperte Flora weiter, „wenn sie mich mit Mylady anreden muss? Ich werde auf jeden Fall lachen, wenn das passiert.“

„Das solltest du auch“, sagte Brenna.

„Denken Sie –“ Floras Stimme klang schwermütig. „– dass ich dieses hier behalten darf, Miss Brenna?“

„Wir werden sehen“, antwortete Brenna.

Reilly saß auf seinem Stuhl und dachte allmählich, dass es vielleicht doch falsch von ihm gewesen war zu kommen. Das war eindeutig eine Situation, mit der die unerschütterliche Miss Brenna souverän umgehen konnte. Gut, sie war vielleicht keine zugelassene Ärztin, aber welche Hebamme war das schon? Warum erlaubte er ihr nicht diesen kleinen Sieg? Das könnte ihm vielleicht letztlich ihr Wohlwollen einbringen, und das Wohlwollen einer Frau wie Brenna Donnegal könnte viel dazu beitragen, dass die anderen Inselbewohner Vertrauen zu ihm fassten.

Vielleicht sollte er sich auf die Suche nach dem Earl machen, dachte er. Irgendwo in dieser monströsen Burg musste er sein. Und er hatte bestimmt Whisky. Whisky, der bewirken könnte, dass er seine Füße und Hände wieder spürte. Reilly musste sowieso mit Lord Glendenning sprechen. Er musste ihm erklären, dass Brenna Donnegal, was auch immer sie sonst noch sein mochte, eindeutig bei bester geistiger Gesundheit war und weder für sich selbst noch für andere eine Gefahr darstellte. Reilly überlegte, dass es vielleicht möglich wäre, den Earl zu bitten, ihm ein Zimmer im Wirtshaus zu anzumieten, sodass Miss Donnegal Zeit hatte, eine andere Unterkunft zu finden?

Weil er fand, dass er besser genau aufschreiben sollte, was er dem Earl sagen wollte, nahm Reilly sein Tagebuch, seinen Federhalter und sein Tintenfass heraus. Es war nicht einfach, mit einem offenen Buch auf dem Schoß zu schreiben, aber es gelang ihm ganz gut.

15. Februar 1847

Begleite Geburt eines Kindes des örtlichen Schankmädchens. Vielleicht ein väterlicher Ratschlag an das Mädchen: Er wird die Kuh nicht kaufen, wenn er die Milch umsonst bekommt oder so etwas in der Richtung.

Burn Cottage ist überaus bezaubernd und malerisch wie ein Gainsborough. Christine würde das rustikale Reetdach sehr gut gefallen. Nur ein Problem: derzeit von Amazone bewohnt.

Zu diesem Zeitpunkt setzte sich Flora plötzlich auf und ließ einen ohrenbetäubenden Schrei los.

Reilly stellte erleichtert fest, dass er nicht der Einzige war, der über diesen plötzlichen Aufschrei erschrak. Brenna ließ ihre Zeitschrift fallen und erhob sich blitzschnell von dem Apfelkorb. „Was ist los, Flora?“, fragte sie und eilte zu dem Mädchen um ihr eine Hand auf die Schulter zu legen. „Was ist los?“

Floras hübsches Gesicht sah jetzt überhaupt nicht mehr hübsch aus. Es war von entsetzlichen Schmerzen verzerrt. „Irgendetwas stimmt nich’“, erklärte sie. „Irgendwas stimmt ganz und gar nich’, Miss Brenna.“

Brenna reagierte sofort, warf die Decken zurück, die den Unterleib des Mädchens bedeckten, und blickte darunter, bevor sie nach etwas tastete. Flora war in die Kissen zurückgefallen und begann zu klagen und zu stöhnen, mit einer Stimme, die erstaunlich laut für so ein zierliches Mädchen war.

Die Köchin erschien und trug einen Kessel mit heißem Wasser. „Was soll das ganze Geschrei?“, wollte sie wissen. „Damit könnte man ja die Toten aufwecken.“

Reilly, der sein Tagebuch und den Federhalter völlig vergessen hatte, sprang auf und nahm ihr den Kessel ab. „Wir werden viel mehr brauchen als das“, sagte er. „Und ein paar saubere Laken und Handtücher, wenn Sie welche haben.“

„Laken?“ Die Köchin starrte ihn mürrisch an. „Und Handtücher? Wenn Sie denken, junger Mann, dass ich die guten Laken und Handtücher seiner Lordschaft für dieses lose Ding da drüben verschwende –“

Flora ließ einen weiteren Schrei los. Reilly, der sich nicht als gewalttätiger Mann bezeichnet hätte, sagte finster: „Gnädige Frau, wenn Sie nicht tun, was ich sage, sehe ich mich gezwungen, handgreiflich zu werden.“

Und tatsächlich sah die Frau beunruhigt aus. „Ich werde sehen, was ich tun kann“, sagte sie und verließ eilig den Raum. Reilly hegte so eine starke Antipathie gegen die Köchin des Earl von Glendenning und gegen den Earl von Glendenning selbst und gegen Männer im Allgemeinen, weil sie so vollkommen unmoralisch waren, dass er ziemlich erschrak, als Miss Donnegal im nächsten Augenblick mit besorgtem Gesichtsausdruck an seinem Ärmel zupfte.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll“, flüsterte sie, um nicht von der Patientin belauscht zu werden. „Es hat sich nicht vollständig gedreht.“

„Was hat sich nicht vollständig gedreht?“, fragte Reilly verwirrt.

Brenna warf ihm den verächtlichen Blick zu, den er verdient hatte. „Das Baby. Was denn sonst? Es muss … gewendet werden.“

„In Ordnung.“ Reilly versuchte, gelassen zu wirken. „Haben Sie das schon mal gemacht? Ein Baby in der Gebärmutter gedreht hat, meine ich?“

„Ja.“ Brenna blinzelte. „Das heißt: Nein. Kein menschliches Baby. Aber Lämmer ein paar Mal.“

Reillys Gesicht hellte sich auf. „Also, dann machen Sie schon.“

Brenna starrte ihn an. „So einfach ist das nicht. Da drinnen ist nicht gerade viel Platz. Floras Babys sind immer riesig, und sie ist ein sehr schlankes Mädchen. Ich glaube nicht, dass ich das kann.“

„Tja“, sagte Reilly rundheraus. „Ich kann es jedenfalls nicht machen.“

Ihr Blick wurde noch finsterer. „Ich dachte, Sie hätten in Paris studiert“, zischte sie. „Mit den klügsten Köpfen der Medizin.“

„Auch die klügsten Köpfe der Medizin nützen in so einem Fall nichts“, zischte er zurück. „Wir brauchen jemanden mit kleinen Händen.“ Er stellte den dampfenden Wasserkessel ab und streckte seine Finger aus, wobei er ihr die Handflächen zudrehte. „Sehen Sie sich diese riesigen Dinger an. Denken Sie, dass die für diese Aufgabe geeignet sind?“

Brenna hielt selbst eine Hand hoch und drückte sie an seine, so, als wolle sie den Größenunterschied dazwischen messen. Ihre Finger waren ungefähr halb so breit wie seine und jeweils gut zwei Zentimeter kürzer.

Als Reilly auf ihre Hände herabblickte, die Handfläche an Handfläche lagen, überkam ihn ein seltsames Gefühl. Er wusste nicht genau, was er fühlte. Doch er wusste, dass es ihn beunruhigte, ihre Hände so zusammen zu sehen, ihre schlanken und weiblichen Finger, die an seinen lagen. Der Anblick bewirkte, dass das Schreien im Hintergrund verblasste, bis es kaum noch hörbar war. Stattdessen wurde ihm mit verblüffender Deutlichkeit die Tatsache bewusst, dass Miss Donnegals blaue Iris von einer dunklen Linie umrandet wurde, die fast schwarz zu sein schien.

Unwillkürlich dachte er, dass es ein überaus glücklicher Umstand war, dass Miss Donnegal ihrerseits einen Blick auf den Größenunterschied ihrer beider Hände warf und dann sehr bildhaft fluchte. Gleich einem Eimer kalten Wassers löschte es jegliche warmen Gefühle, die in Reilly vielleicht aufgeflackert waren. Schnell zog er die Hand zurück.

„Also, das wäre geklärt“, sagte er. „Dann machen Sie sich an die Arbeit.“ Er packte sie an den Schultern und drehte sie wieder der Patientin zu. „Und Vorsicht mit der Nabelschnur. Passen Sie auf, dass sie sich nicht um den Hals des kleinen Kerls legt.“

„Ich werde versuchen, daran zu denken“, murmelte sie.

Reilly nahm neben Floras Kopf Platz, ergriff ihre Hand und sagte: „Schon gut, Miss. Kein Grund zur Sorge. Miss Donnegal hat alles unter Kontrolle.“

Flora beäugte ihn misstrauisch. „Was machen Sie dann hier?“

„Ich?“ Reilly lächelte sie an. „Ich bin hier, um Sie beide zu unterstützen. Ich habe gehört, dass Sie sich eben über Mode unterhalten haben, und da ich gerade aus London komme, sollte ich Sie wohl darauf aufmerksam machen, dass diese Zeitschriften etwas veraltet sind. Puffärmel sind überhaupt nicht mehr in Mode. In Wirklichkeit …“

8.

„Noch ein Mädchen, was?“ Lord Glendenning erhob sich nicht aus dem Stuhl, in den er sich zurückgelehnt hatte, und den er so nah wie möglich an das lodernde Feuer gestellt hatte, ohne selbst in Flammen aufzugehen. „Tja, das ist ein Jammer.“

Reilly dachte darüber nach, sich herunterzubeugen, den Earl an der Kapuze seines lächerlichen Umhangs zu packen und ihn dann gewaltsam durch den Raum zu schleifen.

Aber Reilly wusste aus Erfahrung, dass Gewalt bei solchen Flegeln wie dem Earl für gewöhnlich nicht sehr wirkungsvoll war. So etwas verwirrte sie nur.

Stattdessen sagte er: „Sie hätten es beinahe nicht geschafft. Weder Mutter noch Kind. Nur dank Miss Donnegals Geschick haben sie überlebt.“

Glendenning blickte zu Brenna Donnegal herüber, die am Feuer stand, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Sie denkt nich’ etwa immer noch, dass ich sie heiraten werde, oder?“, wollte er wissen.

„Das tut sie allerdings“, sagte Brenna mit einer Seelenruhe, um die Reilly sie beneidete. „Sie wartet unten auf Euch. Sie will Euch Eure Tochter zeigen.“

„Pah.“ Glendenning drückte sich aus seinem Stuhl hoch und ging zur Anrichte, wo eine Whiskykaraffe und mehrere Gläser standen. „Eine Tochter. Ich habe jetzt schon vier davon, weißt du.“

„Ich weiß“, sagte Brenna.

Glendenning, der ihnen den Rücken zugekehrt hatte, knallte seine Faust plötzlich auf die Anrichte, sodass das Kristall darauf bedrohlich klirrte. Die Hunde, die teilweise weggedämmert waren und über den Boden verstreut lagen, hoben ihre Köpfe und blinzelten ihn an.

Dann drehte sich der Earl ohne ein weiteres Wort um und ging aus dem Zimmer, wobei sein wallender schwarzer Umhang hinter ihm herumwirbelte.

Reilly sah ihm hinterher, dann blickte er Brenna an. „Wie um alles in der Welt haben Sie es bloß geschafft, ihn all die Jahre zu ertragen, ohne ihm einen Dolch ins Herz zu rammen?“, fragte er nur halb im Scherz.

Brenna lachte. Erschrocken über das Geräusch blickte er sie an. Er hatte sie, seit er sie getroffen hatte, nur einmal zuvor lachen hören. Doch damals war er sich ziemlich sicher gewesen, dass es ein sarkastisches Kichern auf seine Kosten gewesen war. Sie jetzt an diesem bedrückenden Ort aus voller Kehle lachen zu hören, schockierte ihn ein wenig.

Oder vielleicht war er auch einfach im Begriff, so verrückt zu werden wie alle anderen Bewohner dieses gottverlassenen Nestes. Zum Beispiel Flora. Reilly wusste jetzt, warum sie darauf bestanden hatte, in die Burg zu kommen, um ihr Kind zur Welt zu bringen: Aus demselben Grund, warum sie darauf bestanden hatte, bei den drei vorherigen Geburten in die Burg zu kommen. Das Mädchen klammerte sich an die traurige Hoffnung, dass der Earl, falls sie einen Sohn gebar, das Baby vielleicht legitimieren würde, indem er sie heiratete.

Nach dem, was Brenna ihm erzählt hatte, als sie auf dem Weg zum Palas gewesen waren, um dem Earl die Nachricht von der Geburt seiner jüngsten Tochter zu überbringen, war das überhaupt nicht wahrscheinlich, aber Flora gab nicht auf. Diese Hoffnung trieb sie während jeder Schwangerschaft von neuem an.

Und dann gab es da noch Iain MacLeod selbst. Er hatte freimütig bekannt, Hals über Kopf in Brenna Donnegal verliebt zu sein, und trotzdem ließ er keine Gelegenheit aus, mit den Angestellten der örtlichen Bierschenke zu schlafen, wann immer ihn die Lust dazu überkam. Reilly glaubte nicht, dass er in seinem Leben schon mal einen so heuchlerischen und abscheulichen Mann getroffen hatte. Der Earl von Glendenning verkörperte alles, was Reilly sein ganzes Leben lang mit aller Kraft zu vermeiden versucht hatte, weil er eben nicht so werden wollte.

„Ach, er ist gar nicht so schlimm“, sagte Brenna überraschenderweise, als er seine Gefühle über das Verhalten des Earls zum Ausdruck gebracht hatte.

„Nicht so schlimm?“ Reilly blinzelte sie an. Ihr Oberteil war von der Nachgeburt befleckt worden und sie hatte einen Blutfleck auf der Stirn, aber um die Wahrheit zu sagen, war sie immer noch beunruhigend hübsch. Wahrscheinlich, sagte er sich, lag das an diesen Hosen. Den Gedanken an die faszinierenden dunklen Ringe um ihre Iris verdrängte er allerdings entschieden aus seinem Kopf. „Ich denke, Glendenning hat Recht: Sie sind geistig verwirrt, Miss Donnegal.“

Sie schmunzelte. „Ich gebe zu, dass er oberflächlich betrachtet vielleicht wie ein Schuft oder ein Flegel wirkt, aber ich kenne Lord Glendenning schon mein Leben lang und weiß, dass unter all dem Gehabe ein vergleichsweise gutes Herz steckt. Nicht –“ das Schmunzeln wurde durch eine Grimasse ersetzt, „wie bei manchen anderen Männern von Rang und Vermögen, die ich getroffen habe.“

Reilly zog die Augenbrauen hoch, als er das hörte. „Sie haben wohl viele von ihnen getroffen?“ Seine Verwunderung musste an seiner Stimme zu hören gewesen sein, denn Brenna warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Ich bin in London gewesen, Dr. Stanton“, sagte sie trocken. „Ich bin keine dumme Bäuerin. Mir sind Männer begegnet, die ihren Titel benutzt haben, um sich persönlich zu bereichern, und die sich dann hinter ihm versteckt haben, wenn auf irgendeine Weise Kritik an ihnen geäußert wurde. Die ganzen Männer an Ihrem Royal College of Physicians, zum Beispiel. Die meisten von ihnen interessieren sich nicht für die Medizin als Wissenschaft oder gar für ihre Ausübung, sondern dafür, wie sie ihre eigenen Namen damit verzieren können. Bringen Sie einen von denen an die Bettstätte eines kranken Kindes, dessen Eltern die entsprechende Gebühr nicht zahlen können, und dieses Kind würde nicht behandelt werden und sterben.“ Die blauen Augen funkelten. „Die Hälfte davon denkt, weil sie Adlige sind, müssten sie sich nicht dazu bequemen, eine gründliche medizinische Ausbildung zu durchlaufen, weil sie Sir So-und-So oder Lord Irgendwas heißen und das eine ausreichende Qualifikation sei. Es ist praktisch unmöglich für einen Mann, der kein Adliger ist, eine Zulassung zu bekommen, aber das bedeutet nicht, dass alle, die zugelassen sind, geeignet sind, als Ärzte zu arbeiten. Nicht im Geringsten.“

Reillys Augen weiteten sich. Ihre Aussage kam seinen eigenen Ansichten so nahe – vor allem, was die blaublütigen Angehörigen seines Berufsstandes betraf – dass er einen Moment lang ziemlich fassungslos war.

Dann überkam ihn eine Erkenntnis ganz anderer Art: Miss Donnegals Tonfall machte deutlich, dass sie Reilly nicht als zu jener privilegierten Oberschicht zugehörig betrachtete, über deren Moral – beziehungsweise das Fehlen derselben – sie so verächtlich gesprochen hatte. Und zwar deshalb, weil er ihr nicht gesagt hatte, dass er in Wirklichkeit nicht Dr. Stanton war, sondern Lord Stillworth. Und er entschied in diesem Moment, dass er das vorerst einfach für sich behalten würde.

„Aber trotz all seiner Fehler“, fuhr Brenna in etwas milderem Tonfall fort, „ist Lord Glendenning nicht so. Er würde niemals jemanden absichtlich verletzen. Er hat Flora wirklich gern, wissen Sie. Auf seine Weise.“

Reilly schüttelte den Kopf. Er hatte gewiss nicht erwartet, zu hören, wie Miss Brenna Donnegal das Verhalten des Earl von Glendenning verteidigte, denn sie hatte nicht nur allen Grund, den Mann zu verachten, sondern war auch die geistig unabhängigste Frau, der er jemals begegnet war. Und er hatte viele dieser Männerhasserinnen getroffen, die offenbar von den wohltätigen Veranstaltungen angezogen wurden, zu denen Christine ihn in London immer geschleift hatte. Es war mit der Zeit recht ermüdend gewesen, mit anzuhören, wie sein Geschlecht runtergemacht wurde. Er war sich durchaus bewusst, dass es darunter mehr als nur ein paar Schurken gab. Außerdem waren die Gesetze, die besagten, dass eine fähige Frau ihre Angelegenheiten nicht selbst regeln konnte, natürlich lächerlich …

Aber Reilly war sich nicht ganz sicher, ob sie nicht in bestimmten Einzelfällen gerechtfertigt wären.

„Tja, nun“, hörte Reilly sich kurz angebunden sagen. „Ich kann nicht behaupten, dass mir die Art, wie er sie mag, gefällt, wenn das jedes Jahr ein Baby bedeutet. Wer füttert diese kleinen Bälger durch, würde ich gerne wissen?“

„Oh, das macht Lord Glendenning“, antwortete Miss Donnegal bereitwillig. „Flora kann man natürlich nicht zutrauen, sie großzuziehen – es hat sich gezeigt, dass sie nicht besonders mütterlich veranlagt ist. Aber sie liebt sie und besucht sie häufig. Ich bin der Meinung, dass sie sich mit Hilfe eines zuverlässigen Kindermädchens nicht so schlecht machen würde. Doch seine Lordschaft zieht es vor, seine Nachkommen in einem Kloster in Lochalsh zu verstecken, wo man sicher sein kann, dass sie eine bessere Ausbildung erhalten, als sie jemals bekommen würden, wenn sie hierblieben. Und auch besseres Essen, wie ich vermute. Darum kümmern sich die Nonnen und bekommen im Gegenzug eine großzügige Spende aus dem Vermögen des Earls.“

Reilly runzelte die Stirn. „Tja“, sagte er mit grimmiger Miene. „Immerhin. Ich nehme an, es ist besser, als wenn sie hier aufgezogen würden.“

Er blickte sich in dem Palas um, in dem sie standen, und konnte nicht umhin, ein wenig zu erschaudern. Es war bitterkalt in dem großen Raum – so wie scheinbar überall in der ganzen Burg. Der Saal war spärlich eingerichtet und die Möbelstücke schienen fast zufällig angeordnet worden zu sein, mit Ausnahme von Lord Glendennings Stuhl, der gezielt an der wohl wärmsten Stelle im gesamten Gebäude platziert worden war.

„Ach“, sagte Brenna achselzuckend. „Ich dachte immer, dass ein paar Kinder helfen könnten, die düstere Stimmung dieses alten Gemäuers aufzuhellen.“

Reilly beäugte sie skeptisch. „Verstehe ich es also richtig, dass Ihre Zurückhaltung gegenüber Lord Glendennings Liebeswerben nur Koketterie ist?“

Sie riss die Augen weit auf. „Großer Gott, nein. Ich will ihn nicht heiraten. Und, wie Sie sicher wissen, will er mich auch nur deshalb heiraten, weil –“

Sie verstummte. Als sie weitersprach, gewann Reilly den merkwürdigen Eindruck, dass dies nicht das war, was sie eigentlich hatte sagen wollen: „– ich die einzige Frau auf der Insel bin, die er noch nicht gehabt hat, und er weiß, dass er mich nicht anders bekommt.“

Reilly zog ob dieser Information eine Augenbraue hoch. Miss Donnegal war wirklich eine der unverblümtesten Frauen, denen er je begegnet war. Unverblümt und willensstark. Er versuchte sich vorzustellen, wie Christine dem unehelichen Nachwuchs einer losen Schankmagd auf die Welt half und scheiterte. Viel wahrscheinlicher war, dass sie dem armen Mädchen einen Vortrag über die Sünde der Unzucht gehalten hätte. Obwohl Lord Glendenning sie zweifellos fasziniert hätte. Er konnte beinahe hören, wie sie ausrief: „So gefühllos!“, und: „Was für ein Mann von einem Mann.“

Jetzt, wo Reilly etwas Zeit fern von Christine und ihrer Welt verbracht hatte, musste er zugeben, dass sie nicht immer das beste Urteilsvermögen gehabt hatte, was den Charakter eines Menschen anging.

„Soll ich Ihnen etwas zeigen?“, fragte Brenna ihn plötzlich.

Reilly war kein Narr. Ohne zu zögern sagte er: „Natürlich.“

Aber was Miss Donnegal ihm zeigte, war nicht etwa, wie er gehofft hatte, ein interessantes Geburtsmal oder einen Leberfleck auf oder über ihrer Brust – und das war auch eine recht unangemessene Hoffnung gewesen. Stattdessen war es eine kleine Tür an der Längsseite des Palas’, hinter der eine steile und gewendelte Treppe nach oben führte.

Dennoch war der Weg nicht ganz umsonst, da Miss Donnegal vor ihm ging und Reilly so einen reizenden Blick auf ihre Hüften und ihren herzförmigen Hintern erhaschte. Die Hose passte wie angegossen, und Reilly konnte den Blick nicht abwenden.

Dann warf sie eine weitere Tür auf und ihm blieb förmlich die Luft weg … und zwar nicht nur wegen der Kälte, sondern weil sie sich auf den Zinnen der Burg befanden, Dutzende von Metern in der Luft. Überall um ihn herum konnte er den Ozean sehen. Er war schieferblau, außer an den Stellen, wo das aufgewühlte Meer weiße Schaumkronen auftürmte. Über ihren Köpfen erstreckte sich der weite blaugrüne Himmels, an dem keine einzige Wolke zu sehen war. Felder, die im Frühling mit Heide übersät sein würden, gingen in Hügel über und schließlich in schroffe Berge, die zu dieser Jahreszeit schneebedeckt waren.

Noch nie in seinem ganzen Leben hatte sich Reilly ein atemberaubenderer Anblick geboten. Die Schweizer Alpen, in die er seine Mutter oft begleitet hatte, wenn sie eine Kur gemacht hatte, waren nichts dagegen.

„Hübsch, oder nicht?“ Brenna strich einige ihrer rotgoldenen Locken beiseite, denn der Wind schien entschlossen zu sein, sie ihr immer wieder ins Gesicht zu wehen. „Ich komme gerne hierher und so oft ich kann. Man hat eine ausgezeichnete Aussicht. Sehen Sie das da unten? Das ist das Wirtshaus. Und da drüben ist der Friedhof. Und Burn Cottage ein wenig dahinter. Sie können den Bach sehen, der in der Sonne funkelt.“

Reilly versuchte, ihren Gesten mit seinen Blicken zu folgen. Er gab sich wirklich Mühe. Aber bald erspähte er eine Aussicht, die ihm deutlich mehr Ehrfurcht einflößte als das, worauf sie zeigte, und zwar direkt vor ihm. Brenna Donnegal war in jedem Licht ein außergewöhnlicher Anblick, aber direktes Sonnenlicht schien ihre Vorzüge – wie die goldenen Reflexe in ihrem roten Haar und die zarte Ebenmäßigkeit ihrer cremefarbenen Haut – besonders zu betonen. Jetzt konnte er sehen, dass nicht nur ihre Iris schwarz umrandet war, sondern auch ihre Wimpern die Farbe von Ebenholz hatten, was angesichts ihrer rotbraunen Haare und Augenbrauen erstaunlich war.

Reilly stellte fest, dass er nicht einmal in der Lage war, auch nur einen flüchtigen Blick auf die Aussicht zu werfen. Warum sollte er auch, wenn sich direkt vor ihm solch ein beinah vollkommener Anblick bot?

„Und diese kleinen weißen Punkte, ob Sie es glauben oder nicht, sind Schafe“, erklärte sie. „Zu dieser Tageszeit ist es Hamishs Herde, sollte ich meinen. Sie werden wohl bald seine Eltern treffen. Sehr angenehme Leute. Einfach, aber freundlich. Hamish ist ein wenig außer Rand und Band, aber er hat Lucais, der auf ihn aufpasst …“

„Sie waren da unten brillant“, sagte Reilly, bevor er sich überhaupt dessen bewusst war, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte.

Sie sah ihn neugierig an. „Wie bitte?“

„Da unten“, sagte Reilly. Er wollte die Worte zurücknehmen, sie sich wieder in den Mund stopfen und herunterschlucken. Schmeichle ihr nicht, wies er sich selbst zurecht. Irgendwie wusste er, dass Schmeicheleien von der argwöhnischen Miss Donnegal falsch ausgelegt werden würden.

Aber es war zu spät. Sie hatte ihn bereits gehört und blickte mit diesen großen, wissenden Augen, die bereits misstrauisch funkelten, zu ihm auf.

„Bei Flora, meine ich“, fügte er eilig hinzu und hoffte, die Situation zu retten. „Ich finde, Sie haben großartige Arbeit geleistet. Wenn man bedenkt, unter welchen Umständen Sie arbeiten mussten.“

Sie blinzelte ihn an. Der Argwohn war wie von Zauberhand aus ihren Augen verschwunden, die, wie er bemerkte, von derselben Farbe waren wie der Himmel über ihnen.

„Tja“, sagte sie. „Dankeschön. Diese Worte bedeuten mir viel, wenn sie von einem Mann mit Ihrer tadellosen Ausbildung kommen.“

Er schmunzelte. Sarkasmus war jedenfalls besser als Misstrauen.

„Ich bin Arzt“, sagte er, „Und keine Hebamme. Ich war vorher nur bei einer Geburt anwesend, und das war meine eigene.“

Sie starrte ihn an. „Warum um Himmels willen haben Sie dann darauf bestanden, bei dieser mitzukommen?“

Er dachte darüber nach, ihr die Wahrheit zu sagen – dass er entschlossen war, von der Dorfgemeinschaft akzeptiert zu werden, so rückständig sie auch war. Aber das wäre ungefähr dasselbe gewesen, wie zuzugeben, dass er entschlossen war, sie aus eben dieser Gemeinschaft zu vertreiben … zumindest, was deren medizinische Versorgung anging. Und er wusste, dass das nicht dazu beitragen würde, dass sie ihm irgendwie freundlich gesinnt wäre.

Und es war ihm wichtig, dass sie ihm freundlich gesinnt war. Weil er das Vertrauen ihrer Patienten gewinnen musste, damit er sie wiederum zu seinen Patienten machen konnte.

Oder zumindest entschied er, dass das der Grund war. Er wollte sich lieber nicht allzu genau fragen, warum es ihm so wichtig war, dass Brenna Donnegal ihn mochte.

Also entschied er sich dazu, leichtfertig zu antworten: „Ich schätze, ich wollte mir die Burg ansehen.“

Sie zog ihre hübschen Augenbrauen zusammen und starrte zu ihm hoch. „Sie sind ein sehr seltsamer Mann, Dr. Stanton.“

„Oh, wie amüsant“, sagte er lachend, „und das aus dem Mund einer Frau, die in Hosen herumläuft und anscheinend übermäßig viel Zeit auf Friedhöfen verbringt.“

Sie konnte seine Heiterkeit nicht teilen. Stattdessen kniff sie die Augen zusammen, um ihn im grellen Sonnenlicht besser sehen zu können.

„Wer hat Ihnen das erzählt?“, fragte sie hölzern. „Das mit den Friedhöfen, meine ich?“

Reilly zuckte mit den Schultern. Er fand nicht, dass er seinen Arbeitgeber hintergehen würde, wenn er die Wahrheit sagte. Er war vielmehr der Ansicht, dass sein Arbeitgeber ihn hintergangen hatte, indem er ihm nicht von vornherein die ganze Wahrheit gesagt hatte.

„Lord Glendenning“, sagte er. „Er hat es erwähnt, um Ihren labilen Geisteszustand zu illustrieren. Es sei einer der Gründe, warum man nicht zulassen sollte, dass Sie alleine in Burn Cottage bleiben –“

Sie drehte sich abrupt um und ging zur Tür, die zur Treppe führte. Reilly, den diese Reaktion auf seine Worte völlig unvorbereitet traf, konnte sie nur mit einer schnellen Bewegung abfangen.

„Moment mal“, rief Reilly und schaffte es, sie am Arm zu fassen, kurz bevor sie durch die Tür schlüpfte. „Wohin gehen Sie?“

„Ihn umbringen“, antwortete sie mit dumpfer Stimme, während sie mit erstaunlicher Kraft für eine Frau an ihrem Arm zerrte. „Lassen Sie mich los.“

Du meine Güte! Er hatte natürlich schon von Rothaarigen und ihren Launen gehört, aber das war seine erste richtige Kostprobe davon.

„Jetzt warten Sie doch einen Moment.“ Reilly machte eine Bewegung, um ihr den Weg zur Tür zu versperren. „Sie wollen den Mann doch nicht am Geburtstag seiner kleinen Tochter ermorden, oder? Das wäre nicht sehr nett, stimmt’s?“

Brenna riss ihren Arm aus seinem Griff und streckte die Hand aus, um einige vom Wind zerzauste Haarsträhnen aus ihrem Gesicht zu streichen. „Dr. Stanton“, sagte sie ruhig. „Gehen Sie mir aus dem Weg.“

„Wissen Sie, Sie sollten sich den Klatsch nicht so zu Herzen nehmen“, sagte Reilly und versuchte, seinen unbeschwerten Tonfall beizubehalten. „Die Leute könnten sonst allmählich glauben, dass doch ein Körnchen Wahrheit darin steckt.“ So wie ich das tue, dachte er bei sich.

Sie lächelte nicht.

Er versuchte es erneut. „Zum Glück für Sie haben wir das neunzehnte Jahrhundert. Andernfalls könnten Sie für so etwas als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, wissen Sie. Dafür, nach Einbruch der Dunkelheit auf Friedhöfen umherzustreifen, meine ich.“

Wieder kein Lächeln. Stattdessen fragte sie: „Wie viel hat er Ihnen bezahlt?“

Reilly schüttelte verwirrt seinen Kopf. Diese Inselbewohner verhielten sich wirklich unerklärlich. Sie wechselten das Thema schneller als alle anderen Menschen, die er je zuvor getroffen hatte.

„Wie viel hat mir wer bezahlt?“, fragte er verwirrt. „Und wofür?“

„Lord Glendenning.“ Diese azurblauen Augen mit dem scharfsinnigen Blick wichen nicht von seinem Gesicht. „Wie viel hat er Ihnen dafür bezahlt, hierher zu kommen? Denn ich bin bereit, den Betrag zu verdoppeln.“

Reilly war so verblüfft, dass er sie nur anstarren konnte.

„Ich meine das vollkommen ernst.“ Und das tat sie wirklich. Es war ihr so ernst, dass jede Faser ihres Körpers angespannt war – wie bei einer Katze, kurz bevor sie einen Sprung macht. „Wie hoch auch immer Ihre Schulden in London sind, ich begleiche sie gerne, wenn Sie bloß fortgehen.“

Schulden? Wovon in Gottes Namen sprach das Mädchen? Vielleicht hatte Glendenning Recht. Vielleicht war sie geistig verwirrt.

„Ich danke Ihnen freundlichst für das Angebot“, sagte Reilly bedächtig, „aber ich habe keine Schulden in London.“

Die junge Frau runzelte die Stirn. „Sie müssen welche haben. Warum sollten Sie sonst hierhergekommen sein? Bestimmt hat Lord Glendenning Ihnen angeboten –“

„Der Lohn für die von Lord Glendenning ausgeschriebene Anstellung als Arzt ist, wie Sie sicherlich wissen, unerheblich.“ Reilly starrte auf sie herab. Dieser Tag verlief aber auch wirklich immer eigenartiger. Wenn er sich nicht irrte, versuchte diese junge Dame tatsächlich, ihn zu bestechen, damit er die Insel verließ. Und weil sie nicht wusste, dass er einer dieser Adligen war, die sie so sehr zu verabscheuen schien, glaubte sie, dass sie das mit Geld erreichen könnte. Er schmunzelte, als er hinzufügte: „Ich kann Ihnen versichern, dass meine Beweggründe, diese Anstellung angenommen zu haben, nicht pekuniärer Natur sind.“

Sie legte die Stirn in noch tiefere Falten. „Warum sonst?“, fragte sie. Ihre heisere Stimme zeigte deutlich ihren Missmut. „Warum um alles in der Welt würde man aus London weggehen und ausgerechnet hierherkommen? Es müsste Hunderte von weitaus profitableren Anstellungen für einen Arzt Ihres Formats geben. Warum gerade hier?

„Tja, das ist leicht zu beantworten“, sagte er schulterzuckend. „Ich bin wegen des Haggis hergekommen.“

Als sie bloß weiterhin ungeduldig zu ihm aufsah, sagte er: „Schon gut, schon gut. Ich sage Ihnen, warum ich mich für Skye entschieden habe: Weil mir schien, dass es so weit von London entfernt ist, wie man nur kommen kann, ohne britischen Boden zu verlassen.“

„Und was ist in London“, wollte sie wissen, „dem Sie so unbedingt entfliehen wollen?“

Ihr Scharfsinn überraschte ihn nicht. Wie auch, wenn man in Betracht zog, was er bisher über sie wusste?

„Na ja, wenn Sie das unbedingt wissen müssen“, begann er, „meine ehemalige Verlobte.“

Welche Reaktion auch immer er von ihr erwartet hatte, war jedenfalls nicht die, die folgte: Sie brach in Gelächter aus.

„Oh, nein“, sagte sie. „Nicht im Ernst.

Verärgert biss er die Zähne zusammen. Die Bemerkung über den Haggis hatte sie nicht im Geringsten amüsant gefunden, aber das hier, das fand sie offensichtlich köstlich.

„Ich schätze, ich wollte nicht so sehr vor ihr fliehen“, erklärte er knapp, „wie ich ihr beweisen wollte, dass sie Unrecht hat. Wissen Sie, die Dame hat mich beschuldigt, ein Prasser und Verschwender zu sein, und ich dachte –“

„Sie dachten, nach Lyming zu kommen, wäre das ganze Gegenteil dessen, was ein Prasser zu tun geneigt wäre?“ Sie nickte, grinste aber immer noch. „Ich verstehe. Entschuldigen Sie, dass ich lache. Es ist nur so, dass ich Lord Glendenning gesagt habe, dass es einen Grund dafür geben müsste, warum Sie hierherkommen, an einen Ort, der so weit von Ihrer Praxis entfernt liegt, die, wie ich höre, recht gut besucht war. Ich nahm an, er hätte Sie bestochen. Aber er sagte, es sei so etwas wie … na ja, wie das, was Sie gerade gesagt haben: Der Wunsch, gute Werke zu tun.“

Er mühte sich ein Lächeln ab. Es war wohl nicht sehr überzeugend, vermutete er, aber nichtsdestotrotz ein Lächeln.

„Und was ist mit Ihnen?“, fragte er. „Warum sind Sie auf die Insel zurückgekehrt, obwohl Sie wussten, dass Ihre Eltern gegangen waren und Sie hier ganz allein leben müssten?“

Sie legte den Kopf schief. „Haben Sie das gehört?“, fragte sie. „Ich glaube, der Earl ruft nach uns.“

Eigentlich hörte Reilly nichts außer dem Wind und dem gelegentlichen Geschrei einer Möwe, die auf den Wellen unter ihnen schaukelte. „Ich habe überhaupt nichts gehört“, sagte er. „Und jetzt sagen Sie mir die Wahrheit. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre Eltern, wenn sie es wüssten, sehr erfreut darüber wären, dass Sie hier allein leben.“

„Wir sollten runtergehen“, sagte sie. Und dann begann sie, an ihm vorbeizugehen. Reilly war sich nicht sicher, wer von ihnen verblüffter war, Miss Donnegal oder er selbst, als er den Arm ausstreckte und sie an der Hand packte. „Miss Donnegal“, hörte er sich sagen. „Warum weichen Sie meiner Frage aus?“

Ihre Hand fühlte sich in seiner warm und sehr lebendig an. Bildete er sich das nur ein oder hatte sich ihr Puls unter seinen Fingern beschleunigt? War es möglich, dass Miss Brenna Donnegal von seiner Nähe genauso verunsichert wurde wie er von ihrer?

Falls ja, zeigte es sich gewiss nicht an ihrer Stimme, die ebenso heiser und herrisch war wie eh und je.

„Dr. Stanton“, sagte sie ruhig, „bitte lassen Sie meine Hand los.“

„Das werde ich“, sagte er, „wenn Sie meine Frage beantwortet haben.“

Auch sein eigener Puls ging nicht gerade gleichmäßig, was merkwürdig war. Es ließ sich nicht leugnen, dass Brenna Donnegal ein außergewöhnlich hübsches Mädchen war, aber sie war sicherlich nicht die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Christine entsprach mit ihrem hellen Haar und der zierlichen Statur viel mehr dem konventionellen Schönheitsideal als Miss Donnegal.

Also was war es, dass sein Herz so unregelmäßig schlagen ließ?

Brenna zog immer wieder kräftig an ihrer Hand und sagte: „Ich verstehe natürlich, dass zu der Stellung, die Sie angenommen haben, auch eine Unterkunft gehört. Aber bis gestern Abend hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass Sie herkommen, daher …“

Wenn das kein unverfrorener Versuch war, das Thema zu wechseln.

„Miss Donnegal“, sagte er. „Alles, was ich wissen möchte, ist –“

„Ich werde ein wenig Zeit brauchen“, fuhr sie fort, während sie immer noch an ihrer Hand zerrte, „um das Cottage zu räumen. Ich hoffe, dass Ihnen das nichts ausmacht …“

„Miss Donnegal“, sagte er noch einmal.

„Es wird nicht lange dauern“, versicherte sie ihm. Sie schien überhaupt nicht bemerkt zu haben, dass er etwas gesagt hatte. Sie hatte einen Entschluss gefasst und ließ sich nicht davon abbringen, ihre kleine Ansprache zu halten. Seine Unterbrechungen würden nur dazu führen, dass sich das Ganze in die Länge zog, da sie ihm überhaupt nicht zuhörte. „Nur bis zum Sommer. Wenn Sie mir bis dahin noch Zeit geben könnten, wäre ich Ihnen überaus dankbar. Ich weiß, dass das sehr viel verlangt ist, aber ich muss wirklich auf der Insel bleiben – und in Burn Cottage – bis –“

Sie verstummte abrupt, als er einen Finger hob und ihn fest auf ihre Lippen drückte. „Pscht“, machte er und hoffte, dass er dabei beruhigend klang. „Ich verstehe. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen. Ich werde eine andere Unterkunft finden, keine Sorge.“

Sie schielte mürrisch auf den Finger, den er auf ihre warmen Lippen drückte, die erstaunlicherweise unter seinen Fingern zitterten. Dabei kam ihm plötzlich in den Sinn, dass er nichts dagegen gehabt hätte, diesen Mund auch an anderen Stellen seines Körpers zu spüren. Es war ein ziemlich erregender Gedanke.

„Dr. Stanton“, sagte sie.

„Ich will nichts mehr hören“, sagte er und drückte den Finger fester herunter. „Ich sagte Ihnen doch, dass ich vollkommen –“

Sie griff nach oben und riss seinen Finger von ihrem Gesicht. Ihr Griff war, wenn er ehrlich war, sehr schmerzhaft.

Im nächsten Moment tat es noch mehr weh, weil sie sein Handgelenk auf eine Weise verdrehte, die Schmerz durch seinen Arm schießen ließ. Vor Schreck ließ er ihre Hand los.

„Miss Donnegal!“, rief er. Sie bewegte ihren warmen, roten Mund bis auf wenige Zentimeter an sein Ohr heran und flüsterte: „Tun Sie das nie wieder.“

Dann ließ sie ihn los.

Er richtete sich auf und rieb sich sein Handgelenk an der Stelle, wo sie es gepackt hatte. Du meine Güte! Glendenning hatte doch recht gehabt.

Sie war wirklich verrückt!

Glücklicherweise – oder vielleicht auch bedauerlicherweise, da war sich Reilly ganz und gar nicht sicher – öffnete sich hinter ihnen die Tür zu den Zinnen und Lord Glendenning trat heraus. Er sah erleichtert aus, als er sie entdeckte.

„Oh“, sagte er. „Da seid ihr ja. Ich habe mich gefragt, wohin ihr wohl gegangen seid. Aber ich hätte es wissen müssen. Brenna kommt hier hoch, wann immer sich ihr die Gelegenheit bietet.“

Seine Worte wurden in einem warmherzigen Tonfall voller Zuneigung ausgesprochen und der Blick, den er Brenna Donnegal dabei zuwarf, war so lüstern, wie es Reilly kaum jemals gesehen hatte. Er konnte nicht umhin, sich zu fragen, ob Iain MacLeod jemals der Adressat dieses schmerzhaften Griffes gewesen war, den Brenna bei ihm angewandt hatte, und falls ja, wie er sie dann weiterhin so vernarrt anschauen konnte.

„Wenn es Flora Eurer Meinung nach gut geht, Mylord“, sagte Miss Donnegal in einem forschen Tonfall, „werde ich aufbrechen.“

Lord Glendenning sah verblüfft aus. Er sagte: „Na ja, es geht ihr ganz gut, nehme ich an, aber du musst noch nicht gehen, Brenna. Die Köchin bereitet uns ein Mittagessen zu, kalter Braten und was weiß ich nicht alles. Ich dachte, du und der Arzt –“

„Nein“, sagte Brenna. „Ich kann leider nicht. Aber Dr. Stanton würde gerne bleiben, da bin ich mir sicher.“

Reilly begann sofort eine Entschuldigung zu stammeln, aber dann erkannte er, dass er keine hatte: Er hatte anderswo kein Mittagessen zu erwarten und konnte nirgendwo hingehen, da er keine Bleibe und auch nichts zu tun hatte, weil sich seine einzigen beiden Patienten innerhalb der Burgmauern befanden.

„Bestens!“, rief Lord Glendenning aus und klopfte ihm auf den Rücken. „Und nach dem Mittagessen gehen wir runter ins Dorf, um einen Blick auf Ihre Apotheke zu werfen.“

Reilly warf Brenna einen unheilvollen Blick zu, aber sie drehte ihm nur den Rücken zu und sagte eilig: „Ich schaue nur noch ein letztes Mal nach Flora und dann bin ich weg.“

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968171074
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v536672
Schlagworte
historisch-er-liebe-s-roman-e historic-al-regency-victorian-romance herz London-England-british-Britannien Gentleman-Lord-Lady Schiff-s-kapitän Verführ-ung-er-in

Autor

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    Patricia Cabot (Autor)

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Titel: Stolze Herzen der Highlands