Lade Inhalt...

Narbenfrau

von Gerlinde Friewald (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eigentlich wollte Nick Stein, Profiler und bester Mann beim BKA, seine Heimatstadt Mödling so weit wie möglich hinter sich lassen. Doch wegen des Mordes an einer alten Schulkollegin, die er damals verspottete, kehrt er zurück. Genau genommen müsste er den Fall abgeben, denn die Ermittlungen führen mitten hinein in seine alte, feierfreudige Clique, die mittlerweile zur Mödlinger Elite gehört. Aber private Gefühle können einen Nick Stein nicht ablenken, er ist schließlich promovierter Psychologe. 
Allerdings kann der charismatische Nick den Frauen nach wie vor genauso wenig widerstehen wie sie ihm, selbst wenn ihn eine leise Stimme warnt, dass er den Lebensstil seiner alten Freunde seinerzeit nicht grundlos aufgegeben hat. Als sich auch noch der Bürgermeister einmischt und ein zweiter Mord geschieht, ist es mit der professionellen Distanz endgültig vorbei, denn hinter den bürgerlichen Fassaden lauert das nackte Grauen …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe April 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-036-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-099-2
Hörbuch-ISBN: 978-3-96817-153-1

Copyright © September 2009, Sutton Verlag
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits September 2009 bei Sutton Verlag erschienenen Titels Faltenfrei (ISBN: 978-3-95400-214-6).

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © Mizina
shutterstock.com: © PixieMe, © Cagkan Sayin
Korrektorat: Katrin Gönnewig

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

1

Zärtlich strich er ihr über das Haar und lächelte versonnen. „Susi, meine geliebte Susi.“ Seine Finger berührten behutsam ihre Wange, folgten der Linie des Halses und verharrten auf ihrer Brust. Mit langsamen, kreisenden Bewegungen begann er sie zu streicheln, wobei er sich über sie beugte. Endlich fanden seine Lippen die ihren. „Susi“, wiederholte er ihren Namen.

Seine Stimme war so unendlich sanft und liebevoll, dass Susanne ein wohliger Schauer über den Rücken lief. „Nicki, oh Nicki. Du weißt nicht, wie lange ich mir das schon wünsche.“ Ihre Worte waren kaum mehr als ein Hauch.

Er antwortete nicht, doch der glückliche Ausdruck auf seinem ebenmäßigen, ihr so vertrauten Antlitz besagte alles. Seine Hand verließ ihre Brust und strich über ihren Bauch, blieb dort einen Moment lang liegen und glitt tiefer.

Erstaunt stellte sie fest, dass es ihr nicht unangenehm war, wenn er ihren Körper erforschte. Er durfte sie sehen, ihre Rundungen berühren, sie endlich so lieben, wie sie es sich immer erträumt hatte. Ab nun würde er sich auch nie wieder über sie lustig machen, nie wieder gemeinsam mit den anderen im Chor die schrecklichen Worte hinter ihr herrufen: Rippel – Trippel – Trappel – Kugelrund. Rippel – Trippel – Trappel – Kugelrund.

„Hier stimmt etwas nicht!“, fuhr es ihr plötzlich brutal durch den Kopf, und das Gefühl, Nickis Hand auf ihrer Haut zu spüren, verblasste mit einem Mal. „Nein!“, schrie es in ihr auf. Er durfte nicht aufhören, sollte sie bitte – bitte – bitte wieder und immer wieder küssen, genau, wie er es eben getan hatte. Sie wollte sich nicht von diesem wunderbaren Traum lösen und in die Welt zurückkehren, die für sie so schwer zu bewältigen war und ihr stets viel Kummer bereitete.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich mit einer ungeahnten Kraftanstrengung überwinden konnte, die Lider zu heben. Grelles Licht überflutete ihre Pupillen. Rasch presste sie die Augen wieder zusammen. Warum fiel ihr diese kleine Bewegung dermaßen schwer? Und warum konnte sie sich nicht konzentrieren? Ihre Gedanken lagen wie unter einer Schneelawine begraben. Panik kroch in ihr hoch, und sie versuchte krampfhaft, die Situation zu erfassen. Was sollte dieses gleißende Licht über ihr? Wo befand sie sich überhaupt? Und warum schaffte sie es nicht, Nick, ihre unerfüllte Jugendliebe, aus ihrem Leben zu verbannen?

Mit einer automatischen Geste zogen sich ihre Brauen zusammen.

Komm schon! Denk nach! Wo bist du? Hol dir ein Bild, mit dem du arbeiten kannst. Du weißt doch, wie das funktioniert. Du schaffst es!

Oh ja, sie wusste es genau. Man hatte es ihr in der Therapie beigebracht, und mit der Zeit war sie sogar eine Meisterin darin geworden. Es war lange her, doch hatte sie nichts davon vergessen. Wieder versuchte sie, sich zu konzentrieren. Vor ihrem inneren Auge erschien allmählich das Bild einer Stadt im Nebel.

Ich stehe auf einem erhöhten Aussichtspunkt und schaue in Richtung Norden auf die Stadt. Ich sehe! Ich sehe 

… Wien. Die von wenigen Hochhäusern gekennzeichnete Skyline, schemenhafte Gebäude, rauchende Schornsteine, zur Linken die sanften Hügel der Weinberge. Im Hintergrund, wegen des Nebels nicht sichtbar, doch sehr wohl in ihrer Vorstellung vorhanden: die Weite des Burgenlands, der Neusiedlersee, das Leithagebirge.

Ich sehe!

Tief sog sie die Luft in ihre Lungen und stieß sie mit einem kräftigen Ruck wieder aus. „Schleier, heb dich! Nebel, verschwinde!“, formte sie die auswendig gelernten Worte in ihren Gedanken, und wie durch Zauberhand begann sich der Nebel tatsächlich zu lichten. Die Gebäude traten hervor, das Gebirge erhob sich. Nach und nach wurde alles klarer. Noch einmal atmete sie tief durch und wagte endlich, die Augen erneut zu öffnen.

Zuerst war es nur ein winziger Spalt, durch den die Helligkeit, nun dosiert, auf ihre Pupillen traf. Ihre Lider flatterten. Sie wartete, bis sie sich an das weiße Licht gewöhnt hatte, dann schlug sie die Augen ganz auf. Als Erstes erkannte sie eine Lampe auf einem Schwenkarm genau oberhalb ihres Kopfs. Ihr Blick wanderte nach links. Eine weiße Wand mit einem Regal aus dunklem Holz, auf dem unzählige Bücher säuberlich aufgereiht standen, drei Fotos von auffallend schönen Frauen, daneben einige gerahmte Schriftstücke, die sie aus der Entfernung nicht entziffern konnte. Sie schwenkte nach rechts. Ihre Augen brannten, trotzdem empfing ihr Gehirn klare Signale: wieder eine weiße Wand und davor ein Aluminiumschrank mit Glastüren. In den Fächern befanden sich diverse Gegenstände, die sie nicht genau ausmachen konnte. Das gesamte Mobiliar wirkte elegant, allerdings auch klinisch und nüchtern.

Schleier, heb dich! Nebel, verschwinde!

Ihre Schläfen pochten.

Schleier, heb dich! Nebel, verschwinde!

Angsterfüllt ließ sie ihre Pupillen auf der Suche nach einem Anhaltspunkt weiter kreisen. Noch immer war sie nicht ganz bei Sinnen, erfasste ihr Umfeld nur konfus, wie die Teile eines Puzzles, die jemand achtlos ausgeleert hatte.

Zögerlich blickte sie an sich hinab. Sie lag flach auf einer Liege ausgestreckt. Ihre Arme waren in einem Winkel von neunzig Grad gebogen und ruhten auf einem Gestell. Lederne Schlaufen fixierten ihre Gelenke. Ihre entblößten Beine standen seitlich von ihrem Körper ab. Wie in einem gynäkologischen Stuhl steckten sie angehoben in einer Vorrichtung aus Metall und waren ebenfalls mit Lederriemen befestigt. Und zwischen ihnen stand – ein Mann! Susanne erkannte ein weißes Hemd, unter dessen Kragen eine blaue Krawatte lose herabhing. Sie folgte dem Verlauf der Krawatte. Unter den Enden des Hemds blitzte Haut hervor. Seine Hüften waren nackt. Nackt!

Mit seltsam entrückter Miene stierte der Mann zur Decke, sein Becken bewegte sich rhythmisch vor und zurück, wobei er seine Finger in ihre gefühllosen Schenkel krallte.

Ein eiskalter Schauer durchlief ihren Leib. Einem ersten Instinkt folgend, wollte sie aufschreien, um Hilfe rufen, doch drang kein Laut über ihre Lippen. Ihre Furcht ignorierend, betrachtete sie sein Gesicht. Sie kannte ihn. Doch es war nicht dieses verzerrte, ekstatische Antlitz, das sie in ihrem Gehirn gespeichert hatte. In ihrer Erinnerung war es freundlich und lächelte. Sie verband es mit einem Gefühl von Vertrauen und Sicherheit. Vertrauen, Sicherheit – und Hoffnung! Eine sehnsüchtige, verzweifelte Hoffnung.

Jemand im Raum hustete. Nicht dieser Mann, eine zweite Person.

Schleier, heb dich! Nebel, verschwinde! Helft mir! So helft mir endlich!

Verzweifelt kniff sie abermals die Augen zusammen.

Hör auf zu betteln! Niemand wird dir helfen. Weißt du denn nicht, was gerade mit dir geschieht?

Da hoben sich die letzten Nebelschwaden, lösten sich wie der Morgendunst eines herbstlichen Walds schlagartig in nichts auf und offenbarten ihr die furchtbare Wahrheit. Sie erstarrte. Solange es ihre Lungen gestatteten, wagte sie nicht zu atmen und wünschte sich in einem neuerlichen Anflug von Panik wieder in die blasse Welt der Unwissenheit zurück.

Warum habe ich kein Gefühl in den Beinen? Warum spüre ich ihn nicht? Ich sehe doch, was er tut! Weiß, was er mit mir anstellt! Hilfe! Hilfe! Er vergewaltigt mich!

Das Verlangen, sich endlich aufzubäumen, an ihren Fesseln zu zerren und so laut wie möglich zu schreien, überschwemmte sie unvermittelt und war kaum kontrollierbar. Dessen ungeachtet blieb sie bewegungslos liegen und überwand den schier übermächtigen Drang.

Verhalt dich ruhig! Und denk nach, denk nach! Du weißt genau, was passiert, wenn er sieht, dass du wach bist.

Vorsichtig versuchte sie, ihre linke Hand zu bewegen, doch die Manschette saß fest am Gelenk. Sie probierte es mit der rechten Hand, aber auch diese war festgezurrt. Mit dosierter Kraftanwendung drückte sie die Gelenke langsam nach oben; vielleicht konnte sie die Fesseln auf diese Weise unauffällig lockern. Wie Eisenzangen umklammerten die Riemen jedoch ihre Arme und verschoben sich keinen Millimeter. Als ihre Muskeln zu schmerzen begannen, legte sie eine Pause ein. Erneut versuchte sie es. Ohne Erfolg.

Was würde passieren, wenn ich meine Knie mit einem Ruck zusammenpresse? Meine Beine sind zwar dick, aber in den Schenkeln steckt erstaunlich viel Kraft. Ich habe nicht umsonst tagein, tagaus trainiert.

Die nüchterne Antwort folgte umgehend.

Das habe ich dir doch gesagt: Er würde wissen, dass du wach bist. Meinst du, dass er vor dir auf die Knie fällt, sich entschuldigt und dich bittet, den Mund zu halten?

Etwas in ihr schrie auf.

Aber er wird aufhören! Endlich damit aufhören! Egal, was danach passiert, einen endlosen Augenblick lang hätte ich Ruhe.

Ein fremdartiges Hitzegefühl durchströmte ihren Körper, und mit einem Mal orientierte sich ihr gesamtes Denken an diesem kläglichen Hoffnungsschimmer.

Aufhören! Aufhören! Aufhören!

Tief atmete sie ein und gab die Luft mit einem markerschütternden Schrei wieder von sich. Unter Aufbietung ihrer gesamten Kraft presste sie die Knie zusammen, doch hatte sie dabei, noch immer bewusstseinsumnebelt, nicht an die Fußfesseln gedacht. Verzweifelt riss sie an ihnen, aber auch diese saßen fest, sodass sie es gerade schaffte, seinen Körper zu berühren.

Trotzdem stöhnte er auf, und so, als hätte sie ihn tatsächlich verletzt, fiel er nach vorn und sackte auf ihr zusammen. Unversehens war sein Gesicht dem ihren zum Greifen nah.

Sie starrte ihn an, sah seine überraschte Miene, und für den Bruchteil einer Sekunde war sie glücklich und unendlich dankbar, dass ihre Qual ein Ende hatte. Sie konnte nicht sehen, wie jemand hinter ihr die Hände erhob und mit voller Wucht einen Gegenstand auf ihren Kopf herabsausen ließ. Alles um sie herum wurde schwarz.

2

„Er war ein Punker, und er lebte in der großen Stadt, es war in Wien, war Vienna, wo er alles tat. Er hatte Schulden, denn er trank, doch ihn liebten …“

Bereits bei Vienna war Nick hellwach und aufnahmebereit, allerdings benötigte er eine Weile, bis er in der Dunkelheit den Ton seines Handys lokalisiert hatte. Er kletterte aus dem Bett und zog es aus der Tasche seiner auf dem Boden liegenden Hose. Das Display flammte auf, und Nick drückte die Annahme-Taste. „Ja? Stein.“

„Entschuldigen Sie die nächtliche Störung, Doktor Stein, Code 107“, vermeldete eine leicht schleppende Frauenstimme.

Code 107 – ein Mordfall! Nick seufzte. „Geben Sie mir die Adresse.“

Sie hüstelte und erwiderte stereotyp: „Ort: Mödling, Straße: Brühlerstraße Nummer 19. Genügt Ihnen diese Information, oder wünschen Sie weitere Details?“

„Ja.“

„Sie meinen … ich verstehe nicht?“, erkundigte sich die Stimme mit einem Anflug von Missmut.

„Ja, bitte geben Sie mir weitere Details“, setzte er, umgänglicher, nach. Ihm lag nicht daran, die Nerven dieser armen Nachtdienst-Seele zu strapazieren.

„Die Hausnummer 19 ist die Adresse eines Lokals oder Veranstaltungsorts, wie ich am Bildschirm sehe, Name: Kursalon. Den 107er finden Sie laut Angaben am hinteren Ende des rechts an das Gebäude grenzenden Parkplatzes“, erklärte sie, wieder ganz in die monotone Sprachmelodie verfallend.

„Sagen Sie den Leuten vor Ort, ich bin in einer Stunde bei ihnen.“ Er beendete das Gespräch.

Nackt, das Handy fest umklammert, blieb er einen Moment lang bewegungslos inmitten des fremden Schlafzimmers stehen und versuchte sich zu orientieren. Dabei warf er einen Blick auf das Bett, in dem sich jemand regte. Schemenhaft kam ein Kopf zum Vorschein.

„Warum schaltest du mitten in der Nacht das Radio ein?“, murmelte die Frau verschlafen.

Rasch ließ Nick den gestrigen Abend Revue passieren; ein versonnenes Lächeln umspielte seine Lippen. „Das war nur mein Handy. Amadeus von Falco ist mein Klingelton“, flüsterte er und beschloss, sich bei Gelegenheit eine neutrale Melodie zuzulegen.

Aus dem Bett kam als Antwort ein undefinierbares Grunzen.

„Ich muss weg. Wo ist das Bad?“, fragte er.

„Die nächste Tür rechts. Wieso musst du weg?“, nuschelte sie unter einem langen Gähnen.

„Meine Arbeit. Ich ruf dich später an und erkläre dir alles, okay?“

„Hast du denn überhaupt meine Telefonnummer?“

„Du hast mir in der Bar deine Karte gegeben.“

Wieder ertönte eine Art Grunzen.

Mittlerweile hatte Nick seine Kleidungsstücke eingesammelt. Leise durchquerte er den Raum und zog die Schlafzimmertür geräuschlos hinter sich ins Schloss.

Das Badezimmer war klein, aber sauber und ordentlich aufgeräumt; keine Haare im Waschbecken, keine Schimmelspuren in den Ecken. Er atmete auf und schnappte sich eines der auf einem offenen Regal gestapelten rosafarbenen Handtücher. Das folgende Prozedere war ihm mit der Zeit in Fleisch und Blut übergegangen: nicht länger als eine Minute lauwarm duschen, damit die verschlafenen Glieder in Schwung kamen, dabei das Haar mit den Händen und Wasser in Form bringen, danach Zähne putzen, zur Not, wenn er, so wie jetzt, keine Zahnbürste zur Verfügung hatte, mit dem Zeigefinger der linken Hand und einer doppelten Portion Zahnpasta, ankleiden – fertig. Er fasste in die Innentasche seines Sakkos und griff nach dem Schlüsselbund, dem Portemonnaie sowie der Polizeimarke. Perfekt.

Eilig verließ er die Wohnung, ignorierte den Fahrstuhl und öffnete die Tür zum Treppenhaus. Während er die ersten Stufen nahm, drückte er auf seinem Handy die Kurzwahltaste eins.

Samantha Smith meldete sich nach dem ersten Läuten. „Chief!“ Sie stockte und schien zu lauschen. „You’re not at home! Da sind fremde Geräusche im Hintergrund. Wo bist du?“ Ihr weicher britischer Akzent konnte nicht über den beißenden Hohn in ihren Worten hinwegtäuschen.

„Ich werde dich für die neugierigste Sekretärin der Welt nominieren“, konterte Nick. „Bist du schon im Bild?“

„Yep. Ich habe soeben den Anruf erhalten und bin bereit. Soll ich ins Büro fahren?“

„Nein. Bleib vorerst auf Abruf zu Hause. Sollte ich dich vorzeitig brauchen, melde ich mich.“ Er wusste, dass sie rund um die Uhr für ihn zur Verfügung stand.

„Wo bist du?“, wiederholte sie ungerührt.

„Das geht dich nichts an.“

„Hat es gar mit diesen drei Ladys aus der Bar zu tun?“

Nick ächzte. „Kannst du dich an die sportliche Blondine erinnern?“, gestand er.

„Die sich mit dem verräterischen Augenzwinkern als die schöne Bella, weil doppelt hält besser vorgestellt hat?“, spöttelte Samantha.

„Genau die! Im Übrigen heißt sie mit vollem Namen Isabella. Warum bist du auch so schnell verschwunden, Sam? Du hättest auf mich aufpassen sollen.“

„Auf dich kann niemand aufpassen! Wenn du dich nicht änderst, wirst du in ferner Zukunft als old dodderer auf einer Frau liegend sterben. Das prophezeie ich dir. Hättest du dir einfach noch einen Whisky bestellt und wärst dann nach Hause gefahren!“

Bei der Erinnerung an den zwölf Jahre alten Single Malt und den starken Mokka, den er dazu getrunken hatte, verzog sich sein Mund auch jetzt noch genießerisch. Wie er diese Kombination mochte! Der säuerliche Geschmack, den der Mokka auf der Zunge hinterließ, harmonierte in unvergleichlicher Weise mit der Schärfe des Whiskys. Aber nicht nur der Gedanke an das Whisky-Aroma brachte ihn zum Lächeln. „Ich denke, Isabella ist eine wirklich nette Frau. Vielleicht …“

Mit einem derben Lacher unterbrach Samantha ihn. „Du kennst sie überhaupt nicht, und außerdem war sie betrunken. Lass ein paar Wochen ins Land gehen, schieb hundert Nummern mit ihr, dann sprechen wir weiter.“

„Du bist ordinär.“

„Das nehme ich als Kompliment. Thank you.“ Ohne ein weiteres Wort legte sie auf.

Nick steckte das Handy weg und holte im selben Atemzug seinen Autoschlüssel aus der Tasche. Sein schwarzer Range Rover parkte auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er überquerte zügig die leere Fahrbahn und lauschte dem Klicken des sich entsperrenden Wagens. Voller Tatendrang öffnete er die Autotür, sprang auf den Fahrersitz, drückte den Startknopf und stellte den Schalthebel auf Drive. Mit einem Blick in den Rückspiegel fuhr er los. Seine Augen wanderten zur Uhranzeige. Von dem Anruf aus der Zentrale bis jetzt waren knapp zwanzig Minuten vergangen. Bis nach Mödling benötigte er um diese nachtschlafende Zeit noch einmal so lange. Er lag gut im Rennen, zwar nicht sein Rekord, aber zufriedenstellend.

Tatsächlich war auf den Straßen kaum Verkehr, und die wenigen Nachtschwärmer oder Frühaufsteher, die ebenfalls unterwegs waren, wichen aus, wenn sie ihn im Rückspiegel näher kommen sahen. Nach zehn Minuten passierte er die Stadtgrenze Mödling und bog kurze Zeit später auf den Parkplatz neben dem Kursalon ein.

Er hatte sein Ziel erreicht.

Sofort fiel ihm der silberfarbene Porsche Cayenne Turbo mit dem Kennzeichen W DOC 1 auf, der ohne Rücksicht auf Bodenmarkierungen in Poleposition parkte. „Verdammt!“, entfuhr es Nick, und eine eigentümliche Mixtur aus Erleichterung, Enttäuschung und Widerwillen überkam ihn. So war es immer, wenn er mit dem Besitzer dieses Autos zusammenarbeitete: Doktor Robert Hofer, Facharzt für Rechtsmedizin, einer der unsympathischsten, eitelsten und arrogantesten Menschen, die er jemals kennengelernt hatte – dabei mit Abstand der Beste seines Fachs.

Zwei Drittel des Parkplatzes waren weitläufig mit einem Polizeiband abgesperrt. Starke Scheinwerfer, die alles in ihrer Umgebung in eine – wie Nick es gern nannte – Operationsraum-Atmosphäre tauchten, standen überall herum, wobei ihr Fokus auf eine aus seiner Position noch nicht einzusehende Stelle im Hintergrund ausgerichtet war. Doch er wusste auch so, worauf die grellen Lichter zeigten. Genau dort verlief das Bett des Mödlingbachs.

Mit einer schwungvollen Bewegung hob er das Absperrband hoch und schlüpfte hindurch. Unwillkürlich wurde er langsamer und sondierte die Lage. Ein paar Gestalten schwirrten in den Lichtkegeln der Lampen hin und her, zwei Personen knieten auf dem Boden. Auf der kleinen Holzbrücke, die den Parkplatz mit der Bachpromenade verband, lehnten drei Polizisten am Geländer und gafften in die Tiefe. Nick blieb stehen, holte tief Luft und blickte zu dem Aquädukt hoch, das den Parkplatz der Länge nach in zwei Hälften teilte. Das Bauwerk wirkte selbst heute noch mächtig und einschüchternd auf ihn; erstaunlich gut konnte er sich daran erinnern, wie er als kleiner Junge Angst gehabt hatte, ein Ziegel könnte sich lösen und auf ihn herabdonnern. Kopfschüttelnd riss er sich aus der Momentaufnahme seiner Vergangenheit los und setzte sich wieder in Bewegung.

Als er in den ersten Lichtkegel trat, wandten die drei Uniformierten wie auf Befehl ihre Köpfe und ließen von der Stelle ab, die sie fixiert hatten. Mit schnellen Schritten näherten sie sich ihm. Nick ließ es auf kein zeitraubendes Frage-Antwort-Spiel ankommen, sondern zog seine Dienstmarke hervor und setzte ein gewinnendes Lächeln auf. „Wie ich sehe, haben Sie alles im Griff. Setzen Sie mich bitte über die Fakten in Kenntnis.“

Der kleinste der drei Männer trat einen Schritt vor und präsentierte eine durchaus überzeugende Pistolero-Miene. „Sie sind …?“ Seine Worte klangen wie Pistolenschüsse.

Unvermittelt drängte sich Nick ein verräterisches Grinsen auf. Diesem Mann reichte eine schnöde Polizeimarke, die man ihm vor die Nase hielt, keineswegs, er wollte auf Nummer sicher gehen. Prinzipiell respektierte Nick diese Einstellung. Die grimmig zusammengezogenen Augenbrauen, die zum Zücken der Waffe bereiten Arme, leicht angewinkelt, und dazu die Ausdrucksweise waren aber doch einen Tick zu viel.

„Nick Stein“, erwiderte er nichtsdestoweniger betont freundlich.

Augenblicklich glättete sich die Stirn des Angesprochenen. Verlegen räusperte er sich. „Ah, Doktor Stein! Wir … ja, wir haben Sie nicht so rasch erwartet.“ Dienstbeflissen fuhr er fort: „Das Opfer liegt unten am Bachufer. Rein äußerlich sind keine größeren Verletzungen zu erkennen. Trotzdem: Ein schrecklicher Anblick, ich muss Sie warnen!“

„Sie waren da unten?“, fragte Nick. Selbstverständlich kannte er die Antwort, doch wollte er sich das Spielchen nicht entgehen lassen. Ein Dämpfer konnte diesem Reserve-Django nicht schaden.

„N-Nein. Aber man kann von hier oben alles recht gut sehen. Es sind ja nur ein paar Meter“, entgegnete der Polizist und strich mit einer nervösen Geste über sein Kinn.

Nick warf einen Blick auf seine beiden Kollegen. Während der Ältere gelangweilt wirkte und keinerlei Gefühlsregungen zeigte, tat sich der andere sichtlich schwer, ernst zu bleiben. Seine Mundwinkel zuckten. – Das war sein Mann!

In nächster Zeit würde Nick erfahrungsgemäß ständig mit den hiesigen Beamten zu tun haben. Neben dem Leiter des Reviers, den er nehmen musste, wie er war, benötigte er ein oder zwei verlässliche Ansprechpartner, an die er sich immer wenden konnte und die er bei Bedarf sogar eigens für sich abstellen ließ.

„Wie heißen Sie?“, sprach Nick diesen dritten Polizisten direkt an.

„Peter Westernschmidt.“ Kurz und bündig, ohne Anzeichen von Ergebenheit.

Zufrieden streckte ihm Nick die Hand entgegen, blieb jedoch so weit auf Distanz, dass sich der Polizist mit mindestens einem Schritt auf ihn zubewegen musste. Als Peter Westernschmidt seine Hand ergriff, zog ihn Nick mit einer unauffälligen Bewegung noch ein Stück zu sich heran und isolierte ihn auf diese Weise von seinen Kollegen.

„Um ein Uhr dreißig erhielten wir den Anruf eines Mannes“, begann Peter Westernschmidt spontan seinen Bericht. Als Nick ihn mit einer einladenden Geste aufforderte, fortzufahren, legte er sofort nach: „Er habe mit seiner Freundin einen Spaziergang unternommen, sich für ein paar Minuten auf der Brücke aufgehalten und dabei die Leiche entdeckt.“

Nick schaute zum Himmel empor. Beinahe Vollmond, keine Wolken. Die Sicht war fraglos ausreichend. „Haben Sie das Paar gesehen, Herr Westernschmidt?“

„Ja. Sie befinden sich auf dem Revier und werden gerade von einer Kollegin befragt. Er ist etwa zwanzig Jahre alt, und dem Mädchen fehlt noch einiges auf die achtzehn. Wenn Sie mich fragen, wollten die beiden alles denkbar andere, als einen Spaziergang unternehmen.“

Nick unterdrückte ein wissendes Lächeln. Der Wald hinter der Brücke war schon in seiner Jugend ein beliebter Ort für mehr oder weniger romantische Schäferstündchen gewesen. „Können Sie mir etwas über das Opfer sagen?“

„Wie mein Kollege bereits erwähnte, weist sie, zumindest aus der Entfernung, keine sichtbaren, größeren Verletzungen auf. Ein paar Kratzer, zerfetzte Kleidung, sonst konnten wir nichts feststellen. Sie liegt mit dem Bauch nach unten. Kopf und Gesicht befinden sich teilweise unter Wasser. Noch wurden keine persönlichen Gegenstände gefunden. Das ist einstweilen leider alles.“

„Eine Frau also.“

Der Polizist nickte und deutete in Richtung Brücke. „Kommen Sie.“

Gemeinsam betraten sie den Übergang und blickten auf das Flussbeet hinab. Das Bild, das sich Nick bot, war natürlich kein ansprechendes, nichts für empfindsame Seelen, doch hatte er in der Vergangenheit weitaus schlimmere Tatorte gesehen.

Wie von Peter Westernschmidt angekündigt, lag die Frau mit dem Bauch nach unten schräg zum Bachverlauf. Ihre Beine hatten sich in einem Busch verfangen und wirkten seltsam verdreht. Der Kopf war etwa zur Hälfte im Wasser verschwunden, wobei ihre langen, blonden Haare in wellenförmigen Bewegungen der Strömung folgten; ein sanft anmutendes Detail, das in groteskem Gegensatz zur tragischen Wirklichkeit stand. Das weiße Licht der Scheinwerfer ließ den femininen, rundlichen Körper wie eine überdimensionierte Puppe erscheinen, die ein Kind achtlos zur Seite geworfen hatte und deren Glieder an einem Stein zerbrochen waren. Konzentriert versuchte Nick, weitere Einzelheiten auszumachen, doch auch er war nicht imstande, aus der Entfernung explizite Spuren von Gewalteinwirkung festzustellen. Aber das musste noch lange nichts bedeuten. Unter all dem Schmutz, der auf dem Körper klebte, konnte sich leicht ein Einschussloch oder ein Messereinstich verbergen.

Neben der Leiche kniete ein Mann: Doktor Robert Hofer. Nick beugte sich über das Geländer. „Robert, alter Freund!“ Niemand, auch nicht der Angesprochene selbst, bemerkte den unterschwelligen Zynismus.

Der Arzt hob den Kopf und anschließend die Hand zum Gruß. „Nick Stein! Zieh dir etwas Hübsches über, und komm zu mir herunter.“

„Ich bin sofort bei dir“, antwortete Nick. „Ich brauche einen Schutzanzug“, wandte er sich wie selbstverständlich an Peter Westernschmidt.

Der Polizist tippte mit dem Zeigefinger an seine Kappe und entfernte sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Es dauerte nicht lange, und er kehrte mit einem Mitarbeiter der Spurensuche im Schlepptau zurück.

„Nick, schön, dich zu sehen, seit unserem letzten Zusammentreffen sind Wochen vergangen“, rief der Spurensucher bereits aus einiger Entfernung. Als er vor Nick zum Stehen kam, hielt er ihm einen weißen Anzug sowie Überzieher für die Schuhe entgegen. „Hier, dein Ganzkörperkondom.“

„Hallo, Freddy! Ja, es muss mindestens fünf oder sechs Wochen her sein. Ich dachte schon, du hast einen besseren Job gefunden; vielleicht einen Bestseller zum Thema Fingerabdrücke geschrieben – oder gar eine Ode über die Unendlichkeit der DNS.“ Nick zwinkerte und deutete ein ironisches Lächeln an. Er mochte diesen besonnenen Mann mit seinem trockenen Humor, von dem er wusste, dass er ein leidenschaftlicher Verfasser lyrischer Texte war. Im Gegensatz zu Doktor Robert Hofer arbeitete er mit dem Spurenermittler sehr gern zusammen. Nicht nur, weil Freddy ebenfalls einer der Besten seines Fachs war.

„Nichts dergleichen. Flitterwochen auf den Malediven. Ein wahr gewordener Traum! Die Sonne scheint ohne Unterlass, und der Sandstrand hat die Farbe einer Piña colada, dazu das türkisfarbene Meer.“ Er schloss genießerisch die Augen. „Aber ich muss dich enttäuschen, Nick, für dich ist dieser wunderbare Ort definitiv kein geeignetes Urlaubsziel. In deinem Fall würde es sich wohl eher um einen wahr gewordenen Albtraum handeln. Nick Stein, gefangen auf einer winzig kleinen Insel, umgeben von zwanzig verliebten Paaren.“ Der Spurenermittler lachte. „Und du müsstest mit der einen Frau auskommen, die du mitgenommen hast.“

Nick hob die Arme. „Du sagst es! Sollte ich allerdings einmal die Richtige finden, werde ich den Namen dieser Malediven-Insel von dir einfordern.“

„Tu das. Die Malediven könnten allerdings bis dahin im Meer versunken sein“, entgegnete Freddy und drückte Nick endgültig die Kleidung in die Hand. „Rein in das Ding! Und ruinier mir da unten nichts, wir sind noch lange nicht fertig. Wie du weißt, geht es für uns erst richtig los, wenn die Leiche abtransportiert worden ist.“

Nick verdrehte die Augen und schlüpfte in das Gewand. „Habt ihr etwas Verwertbares gefunden?“, erkundigte er sich nebenbei.

Der Spurenermittler verzog sein Gesicht zu einer unzufriedenen Grimasse. „Bis jetzt Fehlanzeige bei Fußspuren und Reifenabdrücken. Keine Handtasche, kein Handy, kein Ausweis. Wir werden das Gebiet natürlich großräumig absuchen, aber ich muss dir nicht erklären, wie rasch sich die Chance verringert, etwas zu entdecken, wenn es sich nicht in unmittelbarer Nähe befindet.“

„Ja, leider. Das rote Notizbuch mit dem Namen des Mörders hinter dem Haus der Großcousine unter einem Stein gibt es nur im Kino“, erwiderte Nick und gab einen höhnischen Lacher von sich.

Freddy stimmte in das Gelächter ein und entfernte sich winkend. Kurz blickte ihm Nick versonnen hinterher, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte. Vom Brückengeländer aus konnte er gut in beide Richtungen sehen. Ein Stück stromaufwärts führte ein asphaltierter Spazierweg zum Bachbett hinunter. Sofort setzte er sich in Bewegung. Wegen des ersten Herbstlaubs, das bereits von den Bäumen fiel, war der Abgang feucht und rutschig. Mit seinen nicht gerade geländegängigen Hugo Boss-Schnürschuhen aus Kalbsleder kam er nur mühsam voran. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er endlich das Ufer erreichte. Er bewegte sich unter der Brücke hindurch und streifte sich wenige Meter vor dem Tatort den Fußschutz über. Achtsam machte er die letzten Schritte. An seinem Ziel angelangt, kniete er sich neben dem Rechtsmediziner hin. „Berichte!“

„Sie ist tot.“ Der Arzt grinste.

Nick seufzte. „Robert! Es ist drei Uhr nachts. Nerv mich nicht mit solchen Sprüchen. Hast du etwas Interessantes für mich oder nicht?“

„Ist ja gut, ich verstehe dich. Aber du musst dich wegen eines kleinen Scherzes nicht gleich so aufregen“, beschwichtigte ihn Robert Hofer und deutete mit dem Kinn auf das Opfer. „Sie liegt noch nicht lange hier, maximal seit ein paar Stunden; die aktuelle Umgebungstemperatur beträgt knapp elf Grad, und die Totenstarre hat eben erst begonnen einzusetzen. Konkretes zum Todeszeitpunkt kann ich dir nach der Untersuchung sagen.“ Er wies auf ihren Kopf. „Hier an der Schläfe hat sie eine größere Verletzung.“

Nick beugte sich über die Leiche und hob das Haar sachte an. Die Haut war am Haaransatz aufgeplatzt und zeigte das darunterliegende Fleisch; ein Stück weißer Knochen blitzte hervor. „Die Todesursache?“

Robert schüttelte abwehrend die Hände. „Was willst du von mir hören? Du weißt doch, dass ich nicht irgendwelche obskuren Vermutungen äußern werde. Warte die Autopsie ab, dann bekommst du Fakten, mit denen du etwas anfangen kannst.“

Nick senkte den Kopf. Warum versuchte er es immer wieder! „Okay. Wenn es in dieser Position sonst nichts mehr zu sehen gibt, drehen wir sie um“, antwortete er resigniert.

Robert Hofer nickte zustimmend und erhob sich. Vorsichtig fassten sie den Körper seitlich an und legten ihn sanft auf den Rücken, wobei sie darauf achteten, dass der Kopf nicht wieder im Wasser landete. Instinktiv trat Nick einen Schritt zurück. Fassungslos starrte er auf das Gesicht des Opfers. Er kannte dieses herzförmige, hübsche Antlitz mit der kleinen, ein wenig zu breiten Nase und den großen, wasserblauen Augen, die sich nun für immer hinter geschlossenen Lidern verbargen.

„Ich kenne sie“, flüsterte Nick tonlos und mehr zu sich selbst.

„Was?“ Robert blickte ihn überrascht an.

„Susanne Rippel. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. Eine Schulkollegin aus alten Zeiten.“ Nick presste die Lippen zusammen. Sie war vom Teenager zur Frau gereift. Um die Augen herum befanden sich nun winzige Lachfalten, und ihr Haar war länger als früher. Aber sie war es, da gab es keinen Zweifel.

Ohne weiteren Kommentar griff er nach seinem Handy und wählte eine Kurzrufnummer. Als am anderen Ende der Leitung eine Stimme erklang, diktierte er, vermeintlich emotionslos, folgende Meldung: „Nick Stein. Vorfall Mödling, Parkplatz Kursalon. Code 107. Name des Opfers: Susanne Rippel. Letzte bekannte Adresse: Wien, siebenter Bezirk, Mariahilfer Straße, keine Hausnummer.“

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Die Aktualität der Adresse liegt allerdings zehn Jahre zurück.“ Erneute Pause. „Ja, ich bin jederzeit erreichbar.“

Betont gelassen steckte Nick sein Handy wieder weg. Unvermutet kam ihm ein alter Reim in den Sinn, den er in seinem Unterbewusstsein vergraben und lange nicht mehr gehört hatte: Rippel – Trippel – Trappel – Kugelrund. Rippel – Trippel – Trappel – Kugelrund.

3

„Möchten Sie einen Kaffee, Herr Doktor Stein?“, fragte Peter Westernschmidt, kaum, dass sie den Vorraum des Polizeireviers Mödling betreten hatten. Seine beiden Kollegen, der Kleine und der Alte, waren am Tatort geblieben und warteten auf ihre Ablösung.

„Danke, gern. Ein Kaffee wäre jetzt genau das Richtige“, erwiderte Nick und folgte dem Beamten in einen nüchtern ausgestatteten Aufenthaltsraum mit einer kleinen Küche.

„Ich weiß, nicht gerade ein Highlight des guten Geschmacks, aber es fehlt an nichts.“ Entschuldigend deutete der Polizist auf einen modernen Mikrowellenherd sowie eine glänzende Kaffeemaschine.

„Eine Jura-Maschine! Sie verstehen es, meine Vorfreude zu schüren!“

„Dieses wunderbare Stück haben wir uns vor einem Jahr geleistet“, erklärte Peter Westernschmidt mit unverhohlenem Stolz.

„Vortreffliche Investition“, entgegnete Nick mit einem so ernsten Gesichtsausdruck, als ginge es um einen Millionendeal.

„Fürwahr! Wie möchten Sie Ihren Kaffee?“

„Nach dieser Nacht? Schwarz und sehr stark mit viel Zucker. Kann sie das?“

Peter nahm seine Kappe ab und fuhr sich durch das dichte Haar. „Unser Prachtstück kann nur eines nicht: Tango tanzen.“ Dabei lachte er herzlich, fischte eine weiße Kaffeetasse aus einem schmalen Schrank, stellte das Gefäß unter den Auslauf, drehte einen Schalter und drückte auf einen Knopf. Zunächst ertönte ein dumpfes Brummen, gefolgt von einem metallischen Knacken, dann wieder ein Brummen, und schließlich lief dampfender, herrlich duftender Kaffee in die Tasse. Fast unmittelbar erfüllte den Raum ein unvergleichliches Aroma. Während die letzten Tropfen in die Tasse perlten, stellte er eine Zuckerdose auf den Tisch und bereitete eine Untertasse vor, auf die er die Kaffeeschale platzierte. „Bitte, Herr Doktor Stein.“

Nick schaufelte reichlich Zucker in den Kaffee, rührte um, nahm einen Schluck und gab ein bewunderndes „Ah“ von sich.

Der Polizist holte eine weitere Tasse aus dem Schrank. Von ihren Ausmaßen her hätte sie als Teetasse durchgehen können. „Ich bin der Milchkaffee-Typ.“

Wenn auch nur so dahingesagt, passte diese knappe Selbsteinschätzung doch erstaunlich gut, fand Nick. Peter Westernschmidt war groß und trotz eines Bauchansatzes noch als schlank zu bezeichnen, er hatte dunkelblonde Haare und eine helle Haut. Obwohl in Nicks Alter, wirkte er jungenhaft und strahlte Sanftmut und Gelassenheit aus. Ja, er war ganz und gar der Milchkaffee-Typ!

„Nun, jedem das Seine.“ Nick grinste breit und streckte dem Mann zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit die Hand entgegen. „Ich bin Nick.“

Peter Westernschmidt ergriff Nicks Hand und erwiderte die Geste mit einem wohldosierten Gegendruck. „Peter.“

Für eine Weile herrschte einhelliges Schweigen. Sie tranken ihren Kaffee und erholten sich von den letzten Stunden.

„Es ist sicherlich nicht ganz einfach, wenn man das Opfer gekannt hat“, durchbrach Peter die Stille. Natürlich hatte am Tatort jeder mitbekommen, dass die Tote für Nick keine Fremde gewesen war.

Nick warf einen prüfenden Blick auf den Beamten, der ihn offen und ohne übertriebene Neugierde ansah. „Ich habe sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Sie war nur eine Schulkollegin.“ – Eine Schulkollegin, die ich verspottet und missachtet habe, obwohl sie ihr junges Herz an mich verloren hatte, fügte Nick in Gedanken hinzu.

„Kann das zu Komplikationen führen?“

„Du meinst Schwierigkeiten bei der Leitung der offiziellen Ermittlungen?“

Als Antwort zog Peter nur die Augenbrauen hoch. Entweder verfügte dieser Mann tatsächlich über ein außerordentliches Feingefühl, oder er verbarg seine Neugierde gekonnt hinter einer mitfühlenden Fassade.

„Ich muss es auf jeden Fall melden. Solange es für mich persönlich aber kein Problem darstellt, handelt es sich um eine Pro-forma-Angelegenheit.“ Nick streckte sich, er hatte genug preisgegeben. „Wir sollten jetzt weitermachen.“

Wie auf ein Stichwort steckte eine junge Polizistin den Kopf durch die Tür. „Da bist du ja, Peter, ich habe dich überall gesucht! Wie ich hörte, hast du Doktor …“ Als sie den Kriminalpsychologen registrierte, hielt sie mitten im Satz inne. Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Hand durch ihr dunkles Haar und straffte die Schultern. Ihr Gesicht präsentierte ein kokettes Lächeln. „Doktor Stein?“, schnurrte sie.

Nick reichte auch ihr seine Hand und erwiderte das Lächeln.

Sie schmolz förmlich dahin. Er war ein attraktiver Mann, ohne Zweifel, besaß Charisma sowie eine ungekünstelte Eleganz. Für die Polizistin machte ihn jedoch erst die Tatsache unwiderstehlich, dass er in Polizeikreisen als lebende Legende galt. Seit Beginn seiner Karriere war er an der Aufklärung einiger medienwirksamer und vieler vornehmlich innerbetrieblich bemerkenswerter Fälle maßgeblich beteiligt gewesen. Sein Ruf als herausragender Ermittler und Analytiker war weit über die Grenzen hinaus bekannt. Die Medien hatten ihn im Laufe der Zeit mit Namen wie österreichischer Grissom oder Mister Profiler tituliert, und obwohl Nick mit diesen von Fernsehserien inspirierten Bezeichnungen nichts anzufangen wusste, umgaben sie ihn automatisch mit einem Hauch von Magie. In der Vergangenheit hatte ihm dieses Image drei Liebesabenteuer mit Damen aus den eigenen Reihen eingebracht, die alle ein glückloses Ende gefunden hatten und auf die er keineswegs mit Stolz zurückblickte. Danach hatte er sich geschworen, fortan nach einem Leitsatz zu leben, den er sich anlässlich eines USA-Aufenthalts eingeprägt hatte: You don’t shit where you eat.

Die Polizistin kicherte verhalten. „Wie gut, dass ich Sie gefunden habe, Herr Doktor Stein!“ Sie legte den Kopf schief und fuhr sich abermals durchs Haar. „Franz Mayerhofer, unser Chef, möchte mit Ihnen sprechen. Er erwartet Sie in seinem Büro.“

„Ich bin in zehn Minuten bei ihm. Könnten Sie ihm das bitte ausrichten?“, entgegnete Nick und ermahnte sich, auf Distanz zu bleiben, egal, wie verlockend ihre Stimme klang und wie hübsch ihr Körper war. Ihre langen Beine und die schlanken Hüften in der dunkelblauen Uniformhose waren ihm nicht entgangen.

„Selbstverständlich, das erledige ich gern … für Sie!“ Kurz blieb sie noch, scheinbar unentschlossen, im Türrahmen stehen und entfernte sich dann widerstrebend.

„Interessante Reaktion“, bemerkte Peter und deutete mit dem Kinn in die Richtung, wo die Polizistin gestanden hatte.

Nick zuckte mit den Schultern, blieb jedoch eine Antwort schuldig. Er kannte den Beamten nicht gut genug, um sich offen, von Mann zu Mann, zu äußern.

Den Polizisten schien das nicht zu stören. „Trink in Ruhe deinen Kaffee aus. Danach begleite ich dich zu unserem Chef“, fuhr er ungerührt fort und stellte seine Kaffeetasse im Ausguss ab.

Nick kippte den letzten Schluck hinunter, platzierte seine Tasse ebenfalls in der Spüle und folgte Peter auf den Gang hinaus. Vor der hintersten Tür blieb der Uniformierte stehen, klopfte einmal kräftig dagegen und öffnete sie, ohne abzuwarten. Dabei vollführte er eine einladende Handbewegung. „Bitte!“

Nick dankte ihm mit einem knappen Nicken und betrat den Raum.

Hinter einem Holzschreibtisch mit zerkratzter Platte und ramponierten Ecken saß ein etwa fünfzigjähriger Mann. Um seine blauen Augen drängten sich Lachfalten. Sein meliertes Haar hätte einen neuen Schnitt vertragen. Er erhob seinen fülligen Körper und umrundete den Schreibtisch, wobei er eine erstaunliche Geschmeidigkeit an den Tag legte. „Herr Doktor Stein! Ich freue mich aufrichtig, Sie kennenzulernen.“ Er streckte Nick seine Hand entgegen und deutete mit der anderen auf einen kleinen Besprechungstisch. „Setzen wir uns!“

Nick drückte die Hand des Revierleiters und nahm auf einem dem Fenster abgewandten Sessel Platz. Franz Mayerhofer setzte sich vis-à-vis und nahm auf diese Weise in Kauf, von den ersten herbstlichen Sonnenstrahlen, die durch das Fenster in den Raum fielen, geblendet zu werden. Neugierig, wie und ob der Mann darauf reagieren würde, ließ Nick ihn nicht aus den Augen. Seine Geduld wurde nicht lange auf die Probe gestellt. Franz Mayerhofer verzog seinen Mund, sprang auf und marschierte zügig auf das Fenster zu. Mit einer resoluten Geste schnappte er sich die Vorhangenden und zog sie ruckartig zu. „So, besser.“ Zufrieden ließ er sich wieder auf den Sessel fallen.

Nick lächelte verhalten. Der Mann agierte prompt und gut. Einen Revierleiter an seiner Seite zu wissen, der effizient Entscheidungen zu treffen vermochte, erleichterte seine Arbeit. Mehr als einmal hatte er es anders erlebt.

„Wie ich schon sagte, freut es mich, Sie kennenzulernen, und ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie so rasch zur Stelle waren“, wiederholte Franz Mayerhofer.

„Danken Sie nicht mir, jemand beim Bundeskriminalamt hat ausgesprochen schnell reagiert.“

„Habe ich es mir doch gedacht, dass bestimmte Personen ein paar Rädchen gedreht haben! Kein Wunder, bei der aktuellen Lage.“ Der Revierleiter stieß einen undefinierbaren Laut aus. „Aber egal, welcher glückliche Umstand Sie hergebracht hat, ich bin ungemein froh darüber.“

„Von welcher aktuellen Lage sprechen Sie?“

„Vom Schönberg-Festival natürlich!“ Franz Mayerhofer blickte in Nicks fragendes Gesicht. „Sie wissen nichts davon?“ Er lehnte sich vor und stützte die kräftigen Arme am Tisch ab. „Im Frühjahr fand hier in Mödling ein kleines Schönberg-Festival statt. Das Echo war unerwartet gewaltig. Also wurde es im Juni wiederholt, größer und medienwirksamer.“ Er senkte seine Stimme. „Plötzlich waren auch viele Institutionen und hiesige Persönlichkeiten involviert, die sich ursprünglich dezent zurückgehalten hatten – Sie verstehen, was ich meine …“

Nick senkte den Kopf als Zeichen seiner Bestätigung. Er verstand. Eilig kramte er in seinem Gedächtnis nach Erinnerungen aus der Schulzeit. „Sprechen Sie von dem Komponisten Arnold Schönberg?“

„Von wem denn sonst?“ Die Ironie war unüberhörbar, trotzdem setzte Franz Mayerhofer zur Sicherheit schnell nach: „Um bei der Wahrheit zu bleiben, wusste ich bis zum heurigen Jahr nicht, welche Art von Musik er komponierte. Und schon gar nicht, dass er einige Jahre in Mödling gelebt und gearbeitet hat. Sein Haus gilt sogar als die Geburtsstätte der Zwölftontechnik! Fragen Sie mich bitte nicht, was das zu bedeuten hat.“

In Nicks Kopf blitzten Schlagwörter aus dem Musikunterricht auf. Das hier genügte aber vorerst. „Ich verstehe immer noch nicht, in welchem Zusammenhang der Mord mit diesen Schönberg-Veranstaltungen stehen soll“, kam er wieder auf das Kernthema zu sprechen.

„Nun, in Kürze wird ein drittes Schönberg-Festival veranstaltet. Unser Bürgermeister und die Verantwortlichen holen dazu jeden Prominenten und jeden VIP nach Mödling, den sie bekommen können. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist.“ Franz Mayerhofer zwinkerte.

„Ein Mord kommt in solch einer Situation denkbar ungelegen.“

„Sie sagen es, Herr Doktor, Sie sagen es!“

 

Eine Stunde später ließ Nick die Eingangstür des Polizeireviers hinter sich ins Schloss fallen und verharrte kurz auf dem Treppenabsatz. Das Gespräch mit Franz Mayerhofer war erfreulich unkompliziert verlaufen. Der Mann verfügte über Esprit und hatte mehrmals auf eine mögliche Unterstützung seinerseits hingewiesen, wobei er – mit Erleichterung – einen beträchtlichen Teil der Verantwortung abzugeben gedachte. Nick kannte das. Morde standen in einem normalen Polizeirevier nicht auf der Tagesordnung.

Von seiner erhöhten Position aus überblickte er den Parkplatz des benachbarten Museums in Richtung Hauptstraße. Langsam setzte der Morgenverkehr ein. Er gähnte, wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und marschierte die Klostergasse entlang in Richtung Fußgängerzone, um sein Auto zu holen. Vom Fundort der Leiche zum Revier war er in Peters Polizeiwagen mitgefahren.

Mit jedem Schritt brachte sein Gehirn neue Erinnerungen an Susanne Rippel hervor. Er hatte sie nach der Schule aus den Augen verloren. Das einzige Aufeinandertreffen war eine zufällige Begegnung vor etwa zehn Jahren auf der Kärntnerstraße in Wien gewesen. Daher stammten auch seine Informationen, die er an die Zentrale weitergegeben hatte. Damals war sie ihm, beladen mit zwei riesigen dunkelbraunen Einkaufstaschen von Louis Vuitton, beinahe in die Arme gelaufen. Ihr rundlicher Körper war unter ihrer weiten Kleidung nach wie vor nicht zu übersehen gewesen. Allerdings hatte sie selbstsicher und fröhlich gewirkt, ganz anders als in ihrer Teenagerzeit. Wie bei einer Aufziehpuppe war es aus ihr herausgesprudelt: dass sie dem kleinstädtischen Wahnsinn entflohen sei und nun ein ausgelassenes Singledasein in Wien führe, viele Freunde habe und kaum ein Tag ohne Feiern bis in die Morgenstunden vergehe. Irgendetwas an diesem euphorischen Auftritt war Nick suspekt vorgekommen, doch hatte er sich viel zu hastig verabschiedet, um diesem Gefühl auf den Grund gehen zu können.

Jetzt bereute er diese Unachtsamkeit. Noch während er versuchte, sich Susannes Worte zu vergegenwärtigen, passierte er den Platz mit der Dreifaltigkeitssäule, überquerte die Straße zur Fußgängerzone und schritt zügig voran. Unwillkürlich streifte sein Blick das gläserne Schaufenster eines Restaurants. Die Eingangstür war einladend einen Spaltbreit geöffnet, offensichtlich, um frische Herbstluft in die Räumlichkeit einzulassen. Licht schimmerte hindurch. Nick las das Namensschild: Echtzeit living-room. Plötzlich überkam ihn eine unbändige Lust nach Wärme und einer weiteren Tasse Kaffee. Durch die Glasscheibe nahm er eine Bewegung wahr. Kurz entschlossen betrat er das Lokal und setzte sich nach einem Rundumblick an die Bar. Ein hinter dem Tresen lehnender, verschlafener Kellner richtete sich auf. „Guten Morgen, was darf es sein?“

„Einen großen Braunen mit Süßstoff und eine Cola light, kalt, bitte.“ Nick rieb sich die mittlerweile tonnenschweren Augenlider. Susanne … Susanne Rippel. Sie versetzte ihn in eine Zeit und in ein Leben zurück, das er als abgeschlossen verbucht hatte. Aber die Vergangenheit holte jeden Menschen ein, unausweichlich und erbarmungslos. Reiß dich zusammen!, ermahnte er sich. Was damals geschehen war, ließ sich nicht mehr ändern, doch jetzt konnte er dafür sorgen, dass Susannes Mörder seine gerechte Strafe erhielt.

Schwungvoll stellte der Kellner die Getränke auf die Theke und knallte das kleine Silbertablett auf den Stapel mit den anderen Tabletts zurück; erschrocken fuhr Nick aus seinen Gedanken hoch. Der Kaffeeduft half ihm, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Er angelte sich das Süßstoffsäckchen auf der Untertasse und schnipste die kleinen Pillen in die heiße, schwarze Flüssigkeit, wo sie sich sofort auflösten und feine Schaumkrönchen an der Oberfläche hinterließen. Versonnen betrachtete er den Bildschirm eines großflächigen Fernsehers: Models mit endlos langen Beinen, die über einen Laufsteg liefen und in knappen Shorts und Sandalen Winterjacken und Mäntel präsentierten.

Ein Mann, bewaffnet mit einem iPad in der einen und einem iPhone in der anderen Hand, schoss um die Ecke. Nick nahm ihn zunächst nur aus dem Augenwinkel wahr. Eigentlich hatte er vom appetitlichen Anblick der schlanken Frauen noch nicht genug, doch irgendetwas an dieser Person irritierte ihn.

Auch der andere schien erstaunt, verharrte in seiner Bewegung und stieß einen erstickten Laut aus. „Nick Stein? Stoni! Ich kann es nicht glauben! Es muss eine Ewigkeit her sein … Was machst du in meinem Lokal?“ Er bewegte sich mit einem Riesensatz auf Nick zu, wobei er seine Apple-Geräte achtlos auf den Tresen katapultierte, und schloss den alten Freund in die Arme.

„Daniel!“, antwortete Nick atemlos und spürte förmlich, wie das Adrenalin in seinem Körper zu arbeiten begann und Blutdruck und Herzschlagfrequenz in die Höhe trieb. Daniel Bachinger! Alter Schulkamerad, ehemals enger Freund und einer von jenen, die ebenfalls mit Freude hinter Susanne hergerufen hatten: Rippel – Trippel – Trappel – Kugelrund. Rippel – Trippel – Trappel – Kugelrund.

In Nicks Kopf explodierte ein viele Jahre lang tief vergrabener Sprengkörper. Die Vergangenheit hatte ihn nicht nur eingeholt, er saß sogar mitten in ihrem verzehrenden, vermeintlich faszinierenden Zentrum.

Daniel deutete auf die beiden Getränke vor Nick. „Kaffee und Cola light? Kein doppelter Gin mit Tonic Water zum Aufwärmen? Oder wenigstens ein kleiner Rum und ein Schlückchen Cointreau in den Kaffee?“

Nick schüttelte den Kopf. „Das ist zwanzig Jahre her, Dani. Danke, nein, es hat sich einiges geändert.“ Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte fluchtartig das Lokal verlassen, doch einem Instinkt folgend blieb er sitzen.

„Als du damals in das Flugzeug nach Amerika gestiegen bist, habe ich gewusst, dass dir das nicht guttun wird“, erwiderte Daniel ungerührt. „Na ja, wenigstens ist etwas aus dir geworden, nachdem du dem Lotterleben in Mödling den Rücken gekehrt hast. Ich habe jeden gottverdammten Bericht über dich gesehen und gelesen, den die Medien im Laufe der Zeit ausgespuckt haben.“ Er verbeugte sich mit einem süffisanten Grinsen, wurde aber schlagartig wieder ernst und blickte Nick eindringlich an. „Was führt dich in die alte Heimat? Handelt es sich um einen Freundschaftsbesuch, oder hat deine Anwesenheit unter Umständen mit dem Tumult auf dem Parkplatz beim Kursalon zu tun, oder beides …?“

„Woher weißt du von der Kursalon-Sache?“ Nick hatte ganz vergessen, dass Daniel schon früher über jeden Vorfall und jedes kleinste Gerücht bestens informiert gewesen war und außerdem wie ein Wasserfall zu reden vermochte. Womöglich konnte er ihm die eine oder andere Geschichte über Susanne Rippel entlocken – Geschichten, die er selbst längst vergessen hatte. Es war zumindest ein Anfang.

„Ich habe seit über einer Stunde geöffnet. Du bist nicht mein erster Gast.“ Daniel klopfte auf die Theke. „Lenk nicht vom Thema ab. Ich bin neugierig.“

Beschwichtigend hob Nick die Arme und packte Daniel bei seiner Wissbegierde. Damit hatte er ihn genau da, wo er ihn für eine Befragung haben wollte. „Ich erzähle es dir. Beantworte mir jedoch zuvor eine Frage.“ Er wartete geduldig, bis Daniel widerstrebend nickte, und sprach gelassen weiter: „Erinnerst du dich an Susanne Rippel?“

Daniel sah ihn erstaunt an. „Susi? Was soll die Frage? Natürlich. Sie kommt nahezu jeden Tag nach der Arbeit hierher.“

„Was?“ Diese überraschende Wende vollendete das, was das Adrenalin begonnen hatte: Nick war schlagartig hellwach und aufnahmebereit.

„Vor einiger Zeit ist sie wieder nach Mödling gezogen und hat sich eine große Wohnung in dem neuen Gebäudekomplex am Ende der Neusiedler Straße gekauft. Weißt du das denn gar nicht?“ Er verdrehte die Augen und gab sich selbst die Antwort: „Wie solltest du auch! Du lässt dich ja nicht mehr blicken.“

Nick zuckte entschuldigend mit den Schultern, doch Daniel tat seine Reue mit einer Handbewegung ab und fuhr fort. „Susi arbeitet im Industriezentrum Wiener Neudorf in der Zentrale der EVER AG. Sie ist die Chefin der Marketing-Abteilung und hat immer lustige Geschichten über ihre Angestellten auf Lager.“

„Susanne Rippel und lustige Geschichten?“

„Sie hat sich verändert, sehr sogar.“

„Verheiratet?“

„Nein, kein Ehemann, kein Lebenspartner. Aber einen Lover gibt es sehr wohl. Den hält sie allerdings geheim, aus welchem Grund auch immer.“ Daniel beugte sich verschwörerisch nach vorn. „Vertrau mir, ich bin Barkeeper, und Barkeeper erkennen so etwas instinktiv.“

„Du bist kein Barkeeper, mein Lieber! Was du hier geschaffen hast, ist beeindruckend!“ Mit seinem Arm zeichnete Nick einen Halbkreis in die Luft.

Daniel straffte die Schultern. „Mit dem Echtzeit living-room habe ich meine Vorstellung von Gastronomie verwirklicht. Das hier ist nicht nur ein Café oder ein Restaurant, auch keine Bar, sondern ein Gesamtkonzept – mit allem, was du dir als Gast wünschen kannst. Lust auf ein zeitiges Frühstück? Bitte sehr! Brunch, Mittagessen, ein Nachmittagsimbiss, Abendessen? Kein Problem. Unterhaltung an der Bar? Wird alles geboten!“

Nick lachte. „Ich bin auch ohne deine Erklärungen restlos begeistert und erinnere mich dunkel daran, dass ein eigenes Lokal schon immer dein Traum war.“

„Deine Erinnerung trügt dich nicht.“

„Ein paar Details von damals habe ich mir nicht weggesoffen.“

„Und weggekifft“, fügte Daniel hinzu.

Nicks Nacken versteifte sich unmerklich. „Wie gesagt: Das ist alles lange her.“

Daniel sah dem alten Freund prüfend in die Augen. „Ob du es mir glaubst oder nicht, ich verstehe deine Entscheidung zu verschwinden und bewundere dich dafür.“ Er zückte seine Brieftasche und klappte sie vor Nicks Nase auf. Ein Foto kam zum Vorschein. „Meine beiden Kinder und meine Frau – meine Exfrau. Das Leben, das ich unbedingt führen wollte, hat mich einiges gekostet.“

„Du hast wenigstens Kinder und eine Exfrau. Weißt du, was ich auf diesem Gebiet vorzuweisen habe? Nichts, nada, niente.“

„Tja, jeder hat sein Päckchen zu tragen, Stoni.“ Daniel schüttelte sich. Lautstark klopfte er wieder auf den Tresen. „Aber zurück zum Thema! Du kommst um eine Antwort nicht herum. Jetzt will ich endlich wissen, was am Kursalon-Parkplatz los war und warum du dich plötzlich für Susi interessierst? Die Kleine war dir doch früher völlig gleichgültig.“ Er kicherte wie ein junges Mädchen, verstummte jedoch sofort, als er Nicks ernsten Gesichtsausdruck bemerkte.

„Daniel.“ Nicks Stimme klang leise und eindringlich. „Ich bin wegen Susanne hier. Sie wurde heute Nacht beim Mödlingbach gefunden; bei der Brücke hinter dem Kursalon-Parkplatz. Ich führe die Ermittlungen.“

Daniel starrte Nick fassungslos an. „Susi ist … tot? Willst du mir gerade schonend beibringen, dass sie … ermordet wurde?“

Nick senkte bejahend den Kopf. „Wenn du irgendetwas weißt, das mir weiterhelfen könnte, sag es mir bitte.“

„Ich weiß nicht viel mehr über sie als das, was ich dir erzählt habe“, antwortete Daniel heiser. Sämtliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Nichts erinnerte mehr an den eben noch so lebhaften, gut gelaunten Mann.

„Lass mich dir ein paar Fragen stellen. Das hilft bei der Erinnerung.“ Mit geeigneter Unterstützung würde Daniel alles preisgeben, was er in seinem Gedächtnis versteckt hatte.

„Okay.“ Daniel stieß einen tiefen Seufzer aus.

Einem plötzlichen Impuls folgend, legte Nick seine Hand auf den Arm des Jugendfreunds. „Welchen Eindruck hattest du von ihr? War sie glücklich? Wirkte sie zufrieden? Das kleinste Detail kann wichtig sein. Denk in Ruhe nach, bevor du antwortest.“

„Glücklich?“ Daniel blies seine Wangen auf. „Ich weiß nicht recht, wie ich es dir beschreiben soll. In der Schule war sie zurückhaltend, ängstlich und in sich gekehrt.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wie ich schon sagte: Sie hatte sich verändert. Aber was heißt verändert? Das Wort trifft es nicht einmal annähernd. Sie hatte sich um hundertachtzig Grad gedreht! Meistens war sie richtig aufgekratzt, redete und lachte viel.“ Er kniff die Lippen zusammen. „Du kannst es dir wahrscheinlich nicht vorstellen, sie hat Schwung in unsere Runde gebracht, war immer witzig und sprühte vor Lebensfreude. Wir haben sie alle sehr gemocht.“ Mit einer fahrigen Geste rieb er sich das Kinn. „Und sie hatte einen geheimen Liebhaber! Ganz sicher. Aber auch das erwähnte ich bereits.“

„Du hast nicht die leiseste Ahnung, wer es gewesen sein könnte?“, bohrte Nick weiter.

Daniel schüttelte entschieden den Kopf. „Nicht die leiseste. Vielleicht jemand aus der Runde? Oder ein Arbeitskollege?“

„Aus der Runde?“ Innerhalb kürzester Zeit hatte Daniel die Runde zweimal erwähnt. Nick ahnte, dass er mit dieser Frage auf weitere Personen aus seiner unrühmlichen Vergangenheit stoßen würde.

„Es sind fast alle noch hier: Georg, Andreas, Rudolf, Gabriel, Carl, Carina, Alexander, Tina und Lisa, Thomas, Werner.“

„Alle außer mir. Das meinst du doch?“

„Stimmt“, erwiderte Daniel abschätzig.

Mit einem letzten Schluck aus der Kaffeetasse überspielte Nick die Peinlichkeit. „Ich muss leider wieder an die Arbeit. Was bin ich dir schuldig?“

Daniel verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Du meinst für die beiden Coffein-Wässerchen? Die gehen aufs Haus, wenn du mir versprichst, bald wiederzukommen.“

„Darauf kannst du dich verlassen“, entgegnete Nick.

Wie früher küssten sie sich links und rechts auf die Wange. Dann verließ Nick das Lokal. Vor dem Ausgang wandte er sich noch einmal zufrieden um. Sein spontaner Lokalbesuch war völlig unerwartet ein Erfolg gewesen. Jetzt verfügte er nicht nur über erste Informationen zum Fall, Daniel hatte ihm, ohne es zu wissen, bei seiner Erinnerungsarbeit geholfen. Endlich war ihm klar, was ihn an Susanne bei dem zufälligen Aufeinandertreffen in Wien gestört hatte: die beiden riesigen Louis-Vuitton-Taschen. Schon ein Täschchen oder eine Geldbörse der exquisiten Marke kostete viel Geld. Ihre Position in einem Konzern wie der EVER AG wäre die Erklärung, doch stellte sich die Frage, ob sie diese Stellung bereits vor zehn Jahren innegehabt hatte.

Gleich als Nächstes würde er Susannes finanzielle Situation und ihr Arbeitsumfeld unter die Lupe nehmen. Zuvor brauchte er aber dringend einige Stunden Schlaf. Wie lautete eines der berühmtesten Filmzitate aller Zeiten: After all, tomorrow is another day. Diesem weisen Rat wollte er nun Folge leisten, fühlte er sich im Augenblick doch tatsächlich wie vom Winde verweht.

4

Nick sammelte alle Unterlagen, die auf seinem Schreibtisch verstreut lagen, zusammen und ließ sie unter dem Aktendeckel verschwinden. Draußen begann es zu dunkeln. Er beugte sich nach vorn und schaltete die Lampe auf seinem Schreibtisch ein. Den ganzen Tag hatte er damit zugebracht, Susannes Leben zu durchforsten. Nicht jenen Teil, der sich mit Gefühlen, Wünschen und Emotionen beschäftigte, sondern die – wie Nick es nannte – technische Seite eines Menschen. Diese technische Seite beinhaltete alle transparenten Spuren, die eine Person unweigerlich hinterließ, wenn sie einen festen Wohnsitz hatte, zur Arbeit ging, Steuern bezahlte, ein Bankkonto besaß und gelegentlich eine Pizza am Telefon bestellte.

Nick entfuhr ein gequältes Schnauben, als er einen letzten Blick auf seine handschriftlichen Notizen warf und den Block danach in die Schreibtischlade steckte. Einige Stunden lang hatte er an der Oberfläche eines Menschenlebens gekratzt, und schon befand er sich inmitten eines Lügenkonstrukts. Seine Alarmglocken hatten noch nie ohne guten Grund geläutet, und sie tönten bei jedem Satz, den er über Susanne zu lesen bekam, immer lauter.

Angefangen bei ihrer Wohnung: Anders als Daniel erzählt hatte, war es keine Eigentumswohnung gewesen, sondern eine einfache Mietwohnung, wie die monatlichen Abbuchungen auf ihrem Konto bezeugten. Dann ihre Arbeit: Es stimmte zwar, dass sie bei der EVER AG in der Abteilung Marketing angestellt gewesen war, doch in keiner bedeutungsvollen Position – nicht als Leiterin, wie sie Daniel und allen anderen weisgemacht hatte, sondern als Sekretärin des Werbemanagers.

Sie hatte drei Kreditkarten besessen, die sie alle regelmäßig und großzügig strapaziert hatte. Die genauen Daten von Visa, American Express und Diners Club fehlten zwar noch, doch waren bei den Endsummen jeder Karte bereits jetzt gewisse Regelmäßigkeiten zu erkennen. Nick war gespannt, was sich hinter diesen Zahlen verbarg.

Man brauchte kein Finanzgenie zu sein, um rasch zu erkennen, dass Susannes Leben einem Kartenhaus gleich aufgebaut gewesen war. Ein Wohnungsdarlehen hier, ein paar Leasingraten dort, ein Kleinkredit zur Abdeckung einer Kreditkartenabrechnung, Ratenzahlungen bei Einrichtungshäusern und Versandunternehmen.

Susannes Hausbank hatte prompt reagiert und sämtliche Unterlagen umgehend an das Bundeskriminalamt weitergeleitet, was bedeutete, dass sie zu den kleinen, unwichtigen Fällen zählte. Dieses kooperative Verhalten der Banken war durchaus üblich. Heikel wurde es nur, wenn es sich um spezielle Kunden oder gar Berühmtheiten aus Politik oder Wirtschaft handelte.

Nick lehnte sich in seinem Sessel zurück und setzte die Zeigefinger kreisend an seine Schläfen. Für heute reichte es. Er kannte sein Maß sehr gut. Hätte er weitergemacht, wäre nichts Sinnvolles mehr dabei herausgekommen. Kurz entschlossen drehte er seinen Oberkörper zur Seite und kramte in der Innentasche seines Sakkos, das über der Stuhllehne hing, nach dem Portemonnaie. Fluchend zog er die Brieftasche heraus, wie immer hatte sie sich verkeilt, und entnahm ihr einen dünnen Packen Visitenkarten. Die Karte, nach der er suchte, lag zuoberst. Auf dickem, geripptem Papier stand hier in eleganter Schrift: Mag. Isabella Meininger, Public Relations. Er hielt inne, schnappte sich sein Handy und wählte die angegebene Nummer.

Nach fünfmaligem Läuten hob jemand ab: „Meininger.“ Ihre Stimme klang businessmäßig und kühl, völlig anders als in der vergangenen Nacht.

Nick räusperte sich und setzte einen ernsten Gesichtsausdruck auf. Nur mit der entsprechenden Mimik klang man wirklich überzeugend. „Bundeskriminalamt Wien, ich wünsche einen guten Tag. Wie ich hörte, haben Sie gestern Nacht in Ihrer Wohnung Unzucht mit einem Mann getrieben. Ich muss überprüfen, ob es sich dabei um eine einmalige Sache handelte oder ob daraus eine Serienangelegenheit werden könnte.“

Kurz herrschte Schweigen. „Nick?“

„Ja, ich bin es. Entschuldige den Scherz, ich konnte nicht anders!“ Sein verlegenes Lachen wirkte echt. „Ich würde dich gern zum Abendessen einladen.“ Das Angebot kam eindeutig besser an als sein vermeintlicher Witz.

„Wann?“, fragte sie wie aus der Pistole geschossen.

„Heute! Ich könnte dich abholen, oder wir treffen uns in einem Restaurant. Du entscheidest.“

„Was hältst du davon, wenn du in einer Stunde zu mir kommst, und wir bleiben zu Hause?“

„Nur, wenn du etwas zu essen für mich hast“, erwiderte er mit einem schalkhaften Unterton. Inständig hoffte er, dass sie seine Worte trotzdem ernst nahm. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen und war mittlerweile hungrig wie ein Bär.

„Bei mir sollst du nicht verhungern. Zum Glück gibt es die italienische Küche. Dank ihr ist es nicht schwer, Leckereien zu zaubern, selbst wenn man bloß sechzig Minuten Zeit hat.“

„Wenn das eine Umschreibung für Spaghetti mit Soße ist, schaffe ich es in einer dreiviertel Stunde zu dir.“

„Okay, fünfundvierzig Minuten – nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Sie schnalzte mit der Zunge und legte auf.

 

Nick schaffte es tatsächlich in einer dreiviertel Stunde, einen Halt im Blumenladen inklusive. Er läutete, und fast gleichzeitig ertönte der Summton der sich öffnenden Eingangstür. Anders als in der vergangenen Nacht benutzte er nun den Fahrstuhl.

Isabella erwartete ihn an der Türschwelle. Ihr kurzes, blondes Haar hatte sie mit Gel in Form gebracht. Sie war dezent geschminkt, trug einen langen schwarzen Pulli, dazu schwarze Leggings. Ihre Füße steckten in Flipflops von Puma, und eine lange, silberne Kette mit einem runden Anhänger baumelte zwischen ihren hübschen Brüsten. So angenehm, wie sie roch, war sie mit Sicherheit gerade eben der Dusche entstiegen.

Nick deutete ein Husten an und verbarg hinter der vorgehaltenen Hand ein zufriedenes Lächeln. Offenbar hatte sie sich eigens für ihn zurechtgemacht. Mit einem beschämten Zwinkern hielt er ihr den Blumenstrauß entgegen. „Sorry, es ist nicht leicht, um diese Uhrzeit noch etwas Adäquates zu bekommen; vor allem, wenn man es eilig hat.“

„Die gute Absicht zählt.“ Sie nahm die Blumen entgegen und trat zur Seite. „Komm herein. Im Wohnzimmer wartet eine Flasche Wein darauf, von dir geköpft zu werden. Ich muss in die Küche.“ Sie stolzierte davon und überließ es Nick, die Tür zu schließen.

„Wohnzimmer …“, murmelte er und marschierte los. Gestern Nacht, als sie unter wilden Küssen vom Vorraum direkt ins Schlafzimmer gestolpert waren, hatte er einen Blick in den Raum zu seiner Rechten erhaschen können; das musste das Wohnzimmer sein. Als er es jetzt zum ersten Mal betrat, nahm er die Einzelheiten in Windeseile auf: heller Holzboden, er tippte auf Ahorn, weiße Wände, beigefarbener Hochflorteppich unter dem Couchtisch, rotes Sofa, zwei passende Fauteuils, ein Flachbildfernseher, Regale, keine Vorhänge. Isabella bewies guten Geschmack. Nick mochte diese moderne, schnörkellose Linie, die Platz für freie Flächen ließ.

Auf dem Tisch standen eine Flasche Weißwein in einem Weinkühler und zwei Gläser. Nick setzte sich, zog die Flasche heraus und betrachtete das Etikett. Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. Auch die Wahl des Weins entsprach ganz seinem Geschmack: ein Rotgipfler Student vom Freigut Thallern aus der Thermenregion. Interessiert warf er einen Blick auf die zarte Gravur der Gläser: Riedel. Diese Frau gefiel ihm immer besser.

Aus der Küche drangen gedämpfte Geräusche. Schleunig öffnete er die Flasche, schenkte einen Schluck in ein Glas und kostete: ein hervorragender Wein, bedauerlicherweise zu warm. Er befüllte die beiden Gläser.

Indessen war Isabella mit zwei Tellern und Gabeln in der Hand erschienen. „Ich habe leider kein Speisezimmer und möchte nicht in der Küche essen. Ist es dir hier recht?“ Sie deutete mit dem Kinn auf den Couchtisch.

„Du machst mir sogar eine große Freude damit, ich finde dein Wohnzimmer sehr gemütlich.“

„Wenn das eine Frau nicht mit Glück erfüllt?!“, entgegnete sie mit einem Anflug von Zynismus. „Im Fernsehen läuft gerade Columbo, soll ich einschalten?“

Obwohl er den kleinen Seitenhieb natürlich verstand, war die Aussicht auf ein behagliches Abendessen in Kombination mit einer Folge Columbo äußerst verlockend. Er setzte sein breitestes Grinsen auf und nickte eifrig.

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ Ungläubig musterte sie ihn, zuckte schließlich mit den Schultern, stellte beide Teller ab, schnappte sich die Fernbedienung und schaltete den entsprechenden Kanal ein.

Nick benötigte nur wenige Sekunden, um die Serienfolge wiederzuerkennen. „Playback mit Oskar Werner. Herrlich!“ Spontan drückte er ihr einen Kuss auf die Wange.

Sie lächelte verkrampft, griff nach dem vollen Glas, nahm einen großen Schluck und schüttelte sich angewidert. „Viel zu warm! Dein Besuch war zu kurzfristig. Die Flasche war nur eine halbe Stunde im Tiefkühlfach. Wir brauchen Eiswürfel! Ich hasse warmen Weißwein.“ Entschlossen sprang sie auf.

Nick blickte ihr aufmerksam hinterher, als sie den Raum verließ. Ja, sie gefiel ihm.

Nachdem sie wieder zurück war und reichlich Eis in beiden Gläsern verteilt hatte, machten sie sich über die beiden Teller her. Isabella hatte Spaghetti mit einer schmackhaften Soße aus Tomaten, Oliven, Gewürzen und frischen Basilikumblättern gezaubert und darüber eine gehörige Portion grob geriebenen Parmesan gestreut. Schweigend saßen sie vornübergebeugt, sahen fern und drehten die Nudeln auf ihre Gabeln. Nick war als Erster fertig.

„Hat es dir geschmeckt?“, wollte Isabella wissen und schob ihren Teller ebenfalls beiseite, obwohl er noch nicht leer war.

„Ob es mir geschmeckt hat, fragst du? Ich bin hingerissen und schwöre dir, dass ich seit einer Ewigkeit keinen so angenehmen Abend mehr erlebt habe.“ Einer spontanen Eingebung folgend, zog er sie in seine Arme.

Geschickt entwand sie sich ihm, schwang mit einer dynamischen Bewegung ihre Beine über seine Oberschenkel und lehnte sich zurück. „Ich würde gern wissen, warum du gestern Nacht so übereilt abgehauen bist.“ Automatisch legte sich ihre Stirn in Falten. „Dein schnelles Verschwinden hatte mit deiner Arbeit zu tun, oder? Du hast nicht viel über deinen Beruf gesprochen. Ich weiß kaum etwas über dich.“ Beim letzten Satz hatte ihre Stimme einen scharfen Ton angenommen.

„Ja, ich musste zu einem Notfall.“ Nick seufzte. „Das ist kein Job, über den man an einem vergnügten Abend spricht.“

„Und an einem Abend wie heute?“

„In Wahrheit eignet sich kein Abend dazu, Isabella. Aber wenn du willst, erzähle ich dir mehr über meinen Beruf, ganz allgemein. Ich arbeite für das Bundeskriminalamt Wien als Sonderermittler und Fallanalytiker. Das heißt, im Normalfall sind es nicht die einfachen Fälle, mit denen ich betraut werde.“

Prüfend sah sie ihn von der Seite an. Auf einmal gab sie einen erstaunten Laut von sich und ruckte hoch. „Du bist derjenige, der den Waldviertel-Ripper überführt hat! Ich wusste doch, dass ich dein Gesicht von irgendwoher kenne.“

„Der Waldviertel-Ripper … ja, genau.“ Nick verzog den Mund. „Ich sehe es nicht besonders gern, wenn die Medien allzu reißerische Namen kreieren. Die Berichterstattung ist wichtig und kann bei den Ermittlungen hilfreich sein, doch gehen die Journalisten manchmal leider zu weit. Der Glock-Jimmy, der Waldviertel-Ripper – alles für gute Schlagzeilen. Oft wissen die Medien nicht, was sie damit anrichten.“

„Ich erinnere mich an den Feuerwerkmann. Das warst auch du?“

„Ja. Ein hervorragendes Beispiel! Die Hälfte der Leser hat anstelle von Feuerwerkmann das Wort Feuerwehrmann gelesen, und auf einmal avancierten alle Feuerwehrmänner in der betreffenden Gegend vom Retter zum Verdächtigen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das die Interviews und Abläufe beeinflusst hat.“

„Das heißt, es gibt seit gestern Nacht einen neuen Fall für dich.“

„Genauso ist es“, erwiderte Nick und richtete seinen Blick offen auf Isabella. „Wenn es für dich in Ordnung ist, möchte ich jetzt nicht darüber sprechen. Der Abend ist viel zu schön, um ihn damit zu verderben.“

Wieder versöhnt, beugte sie sich zu ihm hin. „Dann sollten wir rasch auf andere Gedanken kommen, was meinst du?“ Ihre Stimme hatte einen schnurrenden Klang angenommen.

Das ließ sich Nick nicht zweimal sagen. Für Aufforderungen dieser Art hatte er immer ein offenes Ohr. Sanft schlang er seinen Arm um ihre Schultern und küsste sie seitlich auf den Hals. Isabella warf den Kopf in den Nacken und stöhnte auf. Ihr kehliges Lachen wirkte auf Nick wie ein Aphrodisiakum; fordernd zog er sie mit sich in eine waagrechte Position. Was vergangene Nacht geschehen war, hatte zwar seine Sinne geweckt, doch war es nichts weiter als das ungestüme Aufeinanderprallen zweier Menschen gewesen, die sich unter dem Einfluss von Alkohol vergnügt hatten. Im Gegensatz dazu gedachte er heute gemächlicher vorzugehen und Isabellas Körper Zentimeter für Zentimeter kennenzulernen. Allerdings hatte er nicht mit ihrem Feuer gerechnet, das ihn daran hinderte, Ruhe zu bewahren. Unter ihm liegend, schlang sie ihre Beine um seine Hüften und begann seinen Körper mit ihren Händen zu erkunden; dabei bewegte sie ihr Becken kreisförmig in einem schnellen Rhythmus und presste ihre Lippen ungestüm auf seinen Mund. Nur mit Mühe entwand er sich ihrem leidenschaftlichen Kuss, umspannte ihre Handgelenke mit seinen Fingern und hielt sie fest. „Jetzt bin ich an der Reihe“, flüsterte er und küsste abermals ihren Hals.

Als er keinen Widerstand mehr spürte, entließ er ihre Hände in die Freiheit und zog ihr behutsam den Pulli über den Kopf. Sie trug keinen BH. Die schwarzen Leggings waren bis über die Hüften hochgezogen und bildeten einen reizvollen Kontrast zu ihrer hellen Haut. Nick berührte ihre kleinen, festen Brüste; vorsichtig ließ er seine Lippen über ihre Brustwarzen gleiten und bewegte sich langsam tiefer, die Leggings und ihren Slip bis zu den Knien hinabziehend. Isabella atmete keuchend, mit angespannten Muskeln lag sie starr vor ihm. Erst als Nicks Zunge ihren Oberschenkel berührte, bäumte sie sich auf, zerrte Nicks Hemd aus seiner Hose und krallte ihre Finger in seinen Rücken. Fieberhaft glitten ihre Hände über seine Haut und suchten nach dem Reißverschluss seiner Hose. Für den Bruchteil einer Sekunde versuchte Nick noch, sie von ihrem Vorhaben abzubringen, doch dann übermannte auch ihn die blinde Leidenschaft. Mit wenigen Handgriffen hatte er sich seiner Kleidung entledigt. „Nun bekommst du, was du willst.“ Seine Stimme war atemlos, und ohne Umschweife zog er Isabella das restliche Gewand vom Körper.

Wie hungrige Löwen stürzten sie sich aufeinander. Nick drang ohne weitere Vorsichtsmaßnahme in sie ein und hatte augenblicklich das Gefühl, sie würde ihn in sich aufsaugen. Isabella schrie auf, ermunterte ihn aber, noch wilder und tiefer zuzustoßen. Ihr Körper glich einem Lavastrom, der ihn mitriss und zu verbrennen drohte. Als er schließlich mit einem erstickten Ton über ihr zusammensank, spürte er deutlich ein ekstatisches Zittern, das ihren Leib durchflutete. Eine ungeheure, zweite Woge erfasste ihn und elektrisierte jede Faser seines Körpers. Um nicht laut aufzustöhnen, vergrub er sein Gesicht in ihren Haaren und verharrte einen Moment in dieser Position. Dann drehte er sich ächzend auf den Rücken und zog Isabella mit sich. Er lachte. „Ich hoffe, du verstehst mich nicht falsch, aber du bist ein verdammt wildes Weib.“

„Ich nehme an, deine Worte sind als Kompliment gemeint“, antwortete sie mit einem zufriedenen Grinsen.

„Viel mehr als ein schnödes Kompliment! Sie sind die reine Wahrheit.“ Nick richtete sich auf. „Ich frage mich, ob das wilde Weib gezähmt werden kann.“ Wie eine Feder hob er sie rittlings auf seine Schenkel.

5

Nick setzte seine Nespresso-Kaffeemaschine in Gang und gähnte. Es war noch früh am Morgen. Obwohl er zu seinem eigenen Erstaunen gern bei Isabella geblieben wäre, hatte er sie noch in der Nacht verlassen und war auf der Suche nach einigen Stunden Schlaf nach Hause gefahren. An der Seite eines so heißblütigen Wesens wie Isabella hätte er keine Ruhe gefunden. Ihren Gesichtsausdruck, als sie ihn zum Abschied an der Türschwelle geküsst hatte, sah er in seinen Gedanken noch vor sich. Sie war verständnisvoll gewesen und hatte gelächelt, doch bis jetzt verfolgte ihn das untrügliche Gefühl, dass sie mit seinem nächtlichen Abgang in Wahrheit nicht einverstanden gewesen war und ihren Unmut bloß geschickt verborgen hatte. Vielleicht bildete er sich das aber auch nur ein. Suchte er nicht immer nach einem verborgenen Haken? Nach dem berühmt-berüchtigten Pferdefuß. Nach einem guten Grund, die betreffende Person nicht zu nahe an sich heranzulassen.

Diese Frau war hübsch, klug und offenbar unkompliziert, zudem so wild und ungezügelt wie ein Tornado. Außerdem hatte er sich bei ihr wirklich wohlgefühlt und ihre Gegenwart uneingeschränkt genossen. Das bedeutete bereits sehr viel. Blinde Verliebtheit war noch nie Teil seines Repertoires gewesen; das Gefühl, verrückt vor Liebe zu sein, hatte er zeit seines Lebens nicht kennengelernt. Fasziniert, ja. Erotisiert, auf jeden Fall. Aber verrückt? Ganz sicher nicht.

Schwungvoll beförderte Nick zwei Süßstofftabletten in die Tasse und goss etwas Milch nach. Mit einem genussvollen Laut nahm er einige kräftige Schlucke heißen Kaffee und kippte den Rest in den Ausguss. Höchste Zeit, in der Rechtsmedizin aufzukreuzen.

Draußen wehte ein rauer Wind, der ihn schon beim Blick aus dem Fenster erschauern ließ. Kurzerhand zog er einen klassischen Burberry-Trenchcoat über seinen anthrazitgrauen Versace-Anzug und verstaute Polizeimarke, Geldbörse und Handy in der Innentasche. Die Schlüssel behielt er in der Hand.

 

Robert Hofer erwartete Nick mit einem Siegerlächeln. „Schnapp dir eines von unseren schicken Autopsie-Outfits und leiste mir Gesellschaft. Ich habe bei deiner Lady ein paar interessante Dinge gefunden.“

„Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Wenn einer einlocht, dann bist du es“, erwiderte Nick und setzte ein gekünsteltes Grinsen auf.

„Mein Golf-Handicap liegt bei zwölf, hier am Tisch bin ich indessen eine glatte Eins“, entgegnete der Rechtsmediziner und klopfte zur Bekräftigung mit den Knöcheln seiner rechten Hand gegen die nächstbeste Wand.

Nun, Arroganz hin oder her, wo er recht hatte, hatte er recht. Beileibe gab es einiges, das Nick an diesem Mann nicht ausstehen konnte, aber seine berufliche Kompetenz würde er nie infrage stellen. „Was hast du herausgefunden?“, erkundigte er sich, während er die vorschriftsmäßige Kleidung anlegte.

Deine kleine Lady hat ihren Körper erheblich geschunden, wenn ich es einmal salopp formulieren darf“, setzte Robert zu sprechen an, doch Nick unterbrach ihn barsch: „Bitte, nenn sie nicht meine Lady.“ Auf keinen Fall wollte er Gefahr laufen, dass Susanne Rippel durch solch unbedachte Worte, die der Rechtsmediziner ohne mit der Wimper zu zucken allerorts anbringen würde, tatsächlich zu seiner kleinen Lady wurde. Die Situation war so schon schwierig genug.

Robert zuckte verlegen mit den Schultern. „Nimm nicht immer alles so dramatisch“, verteidigte er sich und deutete auf Susannes ausgestreckten Körper. „Willst du jetzt wissen, was ich herausgefunden habe?“

Nick schluckte eine bissige Antwort hinunter und nickte.

Der Rechtsmediziner atmete durch und gönnte sich eine Pause, in der er Nicks Aufmerksamkeit auf Susannes Oberschenkel und Bauch lenkte. „Siehst du diese kleinen Narben? Sie stammen mit ziemlicher Sicherheit von Fettabsaugungen. Ich gehe davon aus, dass es drei gewesen sind, mindestens. Auf jeden Fall die Oberschenkel an der Innenseite, dann der Bauch und schließlich noch die Reiterhosen. Kein Eingriff dürfte älter als maximal vierundzwanzig Monate sein. Die Narben, die von den Kanülen stammen, die eingeführt werden, sind nämlich nach wenigen Jahren überhaupt nicht oder kaum mehr sichtbar.“

„Fettabsaugungen!“ Nick zog die Augenbrauen hoch. Insgeheim wunderten ihn diese Eingriffe jedoch nicht sonderlich, immerhin hatte Susanne bereits in ihrer Jugend an ihrem Übergewicht gelitten.

Rippel – Trippel – Trappel – Kugelrund.

Der Spruch kam nicht von ungefähr. Versteckt ballten sich seine Finger zu Fäusten. So wie die einen irgendwann mit ihrem vermeintlichen Stigma zu leben lernten und sich damit bisweilen sogar anfreundeten, quälten sich die anderen ein Leben lang.

Rippel – Trippel – Trappel – Kugelrund.

Wer konnte wissen, was diese kindsköpfigen Dummheiten mit Susannes Psyche angestellt hatten und welche unsichtbaren Narben sie deswegen zeit ihres Lebens mit sich herumtragen musste. Unvermutet spürte er, wie ein altbekanntes Gefühl von ihm nun vollends Besitz ergriff: Jagdinstinkt. Auf leisen Sohlen breitete er sich zu Beginn eines Falls in seinem Körper aus, bis er brennend wie Feuer durch seine Adern peitschte und jeden einzelnen seiner Sinne schärfte. Das unbändige Verlangen und der alles beherrschende Wille, den Täter zu überführen, würden ihn so lange nicht ruhen lassen, bis er sein Ziel erreicht hatte.

Robert unterbrach Nicks Gedanken. „Das ist noch lange nicht alles! Siehst du diese feinen Striche hier in der Augenlidfalte? Sie hatte eine Lidkorrektur. An der Brust ist auch herumgeschnitten worden, ich tippe auf eine Straffung. Und last, but not least …“, triumphierend deutete er auf ihr Gesicht, „… diese feinen, roten Pünktchen. Siehst du sie?“

Mit zusammengekniffenen Augen starrte Nick angestrengt auf das Antlitz der Toten. „Um ehrlich zu sein, kann ich die Stellen nur erahnen. Wenn du mich nicht darauf aufmerksam gemacht hättest, wären sie mir nicht aufgefallen.“

Mit einer geschickten Bewegung zog Robert den Schwenkarm der Vergrößerungsapparatur in die richtige Position und wies Nick mit einem Wink an, sich Susannes Haut im Bereich von Stirn und Lippen genauer anzusehen.

Nick stieß einen erstaunten Laut aus. „Wahrhaftig! Als Laie würde ich sagen, dass es sich um entzündete Poren handelt. Aber was ist es wirklich? Und was bedeuten diese bläulichen Verfärbungen rundherum?“ Er hob den Kopf und schob die Unterlippe vor. „Mit freiem Auge hätte ich das zweifellos übersehen. Respekt, Herr Doktor.“

„Das ist mein Job.“ Robert setzte ein selbstgefälliges Lächeln auf. „Mein Freund, hier handelt es sich um die Einstiche einer jüngst durchgeführten Faltenunterspritzung; Stirnfalten und Zornesfalten, die Falten um die Oberlippe und die Nasolabialfalten links und rechts vom Mund. Dann bei den Augen und hier noch, unterhalb der Wangen. Zudem dürften auch die Lippen behandelt worden sein.“

„Das heißt: Vor ein paar Tagen wurde an ihr eine Botox-Behandlung durchgeführt?“

Robert hob den Zeigefinger und schüttelte ihn energisch. „Oh nein, nicht vor ein paar Tagen, sondern maximal vor ein paar Stunden, und ich betone: maximal. Botox wird mit den feinsten Hohlnadeln injiziert, die es gibt. Sie haben einen Durchmesser von 0,3 Millimetern. Nach ein paar Tagen sieht man im Normalfall nichts mehr, keine Einstichstelle, keinen Bluterguss, keine Schwellung. Nebenbei bemerkt, sollten wir den Terminus Faltenunterspritzung verwenden, denn es kam mit Sicherheit nicht nur Botox, also Botulinumtoxin, zum Einsatz.“

„Sie hat sich also Botox und andere Substanzen ins Gesicht spritzen lassen, ist aus der Praxis des Arztes spaziert und ihrem Mörder direkt in die Arme gelaufen?“

„Mehr oder weniger, ja.“ Robert Hofer klatschte in die Hände. „Noch etwas, bevor wir zur Todesursache übergehen.“ Er griff nach Susannes linkem Arm und drehte ihn so, dass Nick die Innenfläche betrachten konnte. „Zwei Einstichstellen in die Vene. Ich kann dir zwar nicht exakt sagen, warum sie diese Einstiche aufweist, aber es gibt nicht allzu viele Möglichkeiten. Ich tippe entweder auf eine Blutabnahme oder das Gegenteil, die intravenöse Gabe etwa von Medikamenten. Wahrscheinlich helfen ihre ärztlichen Unterlagen weiter.“

„Das liegt nahe. Wenn ich die Unterlagen ihrer Ärzte auf dem Schreibtisch habe, gebe ich dir umgehend Bescheid.“

Einen Moment lang standen sich die beiden Männer schweigend gegenüber und betrachteten die Leiche; außerhalb ihres beruflichen Kontakts hatten sie einander nichts zu sagen.

„Todesursache?“, fragte Nick schließlich.

„Mir fehlen zwar noch sämtliche Analysedaten – wie du weißt, dauert das immer eine Weile –, doch kann ich den Hergang schon jetzt gut rekonstruieren und dir mit ziemlicher Genauigkeit sagen, was geschehen ist.“

Nick deutete mit dem Kinn auf Susannes Kopf und wiederholte seine Vermutung: „Der Schlag auf den Schädel?“

„Der Schlag war zwar heftig, und ich vermute, dass sie davon ohnmächtig wurde, er war aber nicht die Todesursache.“ Der Rechtsmediziner wies auf den Hals. „Der Tod wurde durch mangelnde Sauerstoffzufuhr herbeigeführt. Sie ist schlicht und ergreifend erwürgt worden.“

„Ich nehme an, dass du außer den klar erkennbaren Hämatomen noch weitere Anzeichen dafür feststellen konntest.“

„Ganz genau: Neben den Würgemalen finden sich auch die anderen üblichen Verdächtigen. Zungenbein und Kehlkopf sind in Mitleidenschaft gezogen, und die bläuliche Hautfarbe komplettiert das Bild.“

Wieder schwiegen sie. „Sonst noch etwas?“, unterbrach Nick die peinliche Stille.

„Im Augenblick nicht. Wie gesagt, die Analysen von Blut, Mageninhalt, Scheidenflüssigkeit und so weiter stehen noch aus, und sonst …?“ Robert Hofer zuckte mit den Schultern. „Die Würgemale führe ich mir nochmals zu Gemüte. Irgendetwas stört mich daran, ich kann dir aber noch nicht sagen, was.“

„Gib mir Bescheid, wenn du etwas Neues entdeckst. Ich bin rund um die Uhr auf meinem Handy erreichbar.“ Nick wandte sich zum Gehen. An der Türschwelle drehte er sich noch einmal um. „Wenn sie eine Faltenbehandlung hatte, warum sind die Falten immer noch da?“

Robert, der sich bereits mit den blauen Flecken am Hals des Opfers beschäftigte, hob unwillig den Kopf. „Es dauert ein paar Tage, bis man die Wirkung von Botox sieht.“

„Danke!“, rief Nick dem Rechtsmediziner über die Schulter zu und verließ endgültig den Raum. „Wie Columbo! Die letzte Frage im Gehen“, fuhr es ihm durch den Kopf, als er auf den Gang trat. Unwillkürlich musste er schmunzeln.

 

Als Nick kurze Zeit später sein Büro betrat, verging keine Minute, bis Samantha Smith ohne anzuklopfen die Tür aufriss und in den Raum stürmte. „Da bist du ja endlich!“, rief sie. „Habt ihr die Leiche in Einzelteile zerlegt, oder was? Willst du einen Kaffee? Mit oder ohne Milch? Was hat Doc Superstar herausgefunden?“

Ihre lebhafte Stimme donnerte wie eine Lawine in seine Richtung, doch er schien es nicht einmal zu bemerken. Seelenruhig ließ er sich in seinen Sessel fallen. „Erstens: Nein, wir haben sie nicht zerlegt. Zweitens: Ja, bitte mit Milch. Drittens: Wie immer hat er einwandfrei gearbeitet und äußerst interessante Informationen geliefert. Aber das erzähle ich dir später. Jetzt brauche ich erst einmal meinen Kaffee. Und zwar möglichst schnell!“

Samantha fauchte. Unübersehbar genoss sie es, wenn sie sich über Nick aufregen durfte. Seit sechs Jahren war sie nicht von seiner Seite wegzudenken. Sie fungierte als seine Assistentin, kochte Kaffee, führte Recherchen durch und war seine direkte Verbindung zu den anderen Abteilungen. Sie war Nicks Vertrauensperson Nummer eins.

„Auf deinem Schreibtisch liegen die Abrechnungen von zwei der drei Kreditkartenfirmen, Visa und Amex. Diners Club sollte in den nächsten Stunden eintreffen. Dort hat sich offenbar eine Schlaftablette der Sache angenommen“, zeterte sie. Ob ihr Geschimpfe noch immer Nick galt oder bereits dem Bearbeiter von Diners Club, war nicht erkennbar.

„Sind die Unterlagen von den Ärzten schon da?“

Samantha schüttelte energisch den Kopf. „Mittlerweile habe ich alle erreicht; es war schwerer als gedacht. In zwei bis drei Tagen sollten wir die Krankenakten beisammenhaben. Erwarte dir aber nicht zu viel. Wie ich vorab am Telefon erfahren habe, gab es beim Zahnarzt und Gynäkologen nur die üblichen jährlichen Kontrollen, und auch den Hausarzt dürfte sie nicht übermäßig in Anspruch genommen haben.“

„Hat der Hausarzt einen Gesundheitscheck oder einen Bluttest erwähnt?“

„Nein. Ich habe ihn aber auch nicht danach gefragt. Soll ich nochmals anrufen?“

„Das kann warten. Mein Kaffee allerdings nicht.“

„Asshole“, zischte Samantha laut genug, dass er es gerade noch hören konnte, und trampelte zum Ausgang.

„Ich habe es gehört!“, rief er ihr nach, ohne sich umzuwenden, und erntete ein giftiges „Solltest du auch“. Dann knallte sie die Tür zu.

Nick griff nach der ersten Mappe. Darin befanden sich die Unterlagen von Visa. Er brauchte nicht lange, um Susannes Einkaufsrhythmus mit dieser Kreditkarte zu verstehen. Bis auf einen regelmäßigen Friseurbesuch hatte sie Visa nur in Ausnahmefällen benutzt. 98 Euro in einem Sportgeschäft, 219 Euro bei einem Optiker, 148 Euro in einer Boutique, sonst war nichts zu finden – außer fünf Einträgen von einem Baby- und Kindermodenausstatter in der Shopping City Süd, einem riesigen Einkaufscenter vor den Toren Wiens. Der erste Eintrag des Geschäfts stammte von Ende März und der letzte war nicht einmal zwei Wochen alt.

Susanne war kinderlos gewesen. Wieso besuchte sie innerhalb von sechs Monaten fünfmal eine Kinderboutique? Eine Schwangerschaft hätte der Rechtsmediziner zweifellos bemerkt. War sie Taufpatin geworden? Hatte eine Freundin ein Baby bekommen? Rechtfertigte das aber die kostspieligen Einkäufe innerhalb kürzester Zeit? Einkäufe, die sich Susanne aufgrund ihrer desaströsen Finanzlage gar nicht leisten konnte.

Auch den Friseurladen würde er genauer unter die Lupe nehmen. Gemäß den Aufzeichnungen war sie jeden zweiten Freitagnachmittag dort gewesen. Friseure wussten oft erstaunlich viel über das Leben eines Menschen zu berichten, vor allem wenn es sich um einen Stammkunden handelte. Vielleicht hatte er Glück und würde so einen Schritt weiterkommen.

Nach einem letzten prüfenden Blick auf die Datenblätter von Visa klappte er den Aktendeckel zu und nahm sich die nächste Mappe vor: American Express. Langsam und konzentriert ging er die Einträge Zeile für Zeile durch. Als er zum letzten Vermerk kam, riss er plötzlich die Augen auf und ein ungläubiger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Das gibt es doch nicht!“ Seine flache Hand klatschte auf den Tisch.

Samantha, die soeben mit dem Kaffee in der Hand das Zimmer betreten hatte, zog die Stirn in Falten und fuhr Nick sofort an: „Sorry, Babe, ich hatte noch ein Telefongespräch zu erledigen. Bloß, weil dein verdammter Kaffee ein paar Minuten Verspätung hat, musst du nicht so ungehalten sein. It’s fresh and hot! Isn’t that enough?“ Ihre Stimme überschlug sich. „Sometimes you’re an awful man.“

„Ich meinte doch nicht den Kaffee“, entgegnete Nick ungeduldig und tippte mit dem Finger auf besagte Stelle. „Sieh dir das an!“

Samantha balancierte die heiße Tasse über seinen Kopf hinweg und stellte sie schwungvoll auf dem Schreibtisch ab. Der Kaffee schwappte über, doch sie achtete nicht darauf. „Doktor Carl Wallenberg, Facharzt für Dermatologie und kosmetische Medizin“, entzifferte sie und zuckte mit den Schultern. Dann registrierte sie das Datum und die Uhrzeit der Transaktion, was sie zu einem nicht eben ladylike anmutenden Pfiff veranlasste. „Fuck! 23. September, zwanzig Uhr siebenunddreißig! Das muss unmittelbar vor ihrem Tod gewesen sein.“

„Der Hammer kommt noch, Sam.“ Nick seufzte. „Doktor Carl Wallenberg war ein Schulfreund von mir.“ Nachdenklich wiegte er den Kopf hin und her und murmelte: „Er muss der Botox-Arzt sein!“

Rippel – Trippel – Trappel – Kugelrund.

Ja, auch Carl Wallenberg hatte Spaß an diesem Spruch gehabt.

„Schulfreund? Botox-Arzt?“ Sams Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

„Setz dich hin. Ich erzähle dir alles.“

6

Nick parkte vor der renovierten Jugendstilvilla und warf einen Blick auf seine Armbanduhr, eine Rolex Deepsea aus Edelstahl mit schwarzem Ziffernblatt; sie schien wie eigens für ihn gemacht.

Samantha hatte unter ihrem Namen einen kurzfristigen Termin in der Praxis von Doktor Carl Wallenberg vereinbart. So vermied es Nick, dass Carl schon vorher wusste, was ihn erwartete. In speziellen Fällen war es von Vorteil, eine ungeschminkte, spontane Reaktion zu erhalten. Samantha Smith war nichts weiter als eine neue Patientin, die es ungemein eilig hatte, sich verschönern zu lassen. Kein Arzt würde sich im Vorfeld darüber den Kopf zerbrechen.

Die Gegensprechanlage verfügte über zwei Klingeln: Ordination und Privat. Nick drückte den Ordinationsknopf, der Türöffner summte. Er zog an der Tür und marschierte einen gepflasterten Gehweg entlang auf einen weißen Eingang zu, auf dem ein großes Schild mit der Aufschrift Ordination Dr. Carl Wallenberg prangte. Entschlossen drückte Nick die massive schmiedeeiserne Klinke nach unten und riss die Tür auf. Unversehens stand er auf der Schwelle eines erstaunlich behaglichen Wartezimmers. In den Ecken standen Yucca-Palmen, vor zwei niedrigen Tischen luden Rattansessel mit blütenweißen Auflagen zum Verweilen ein. Passend dazu zierten Bilder mit afrikanischen Motiven in Orange- und Rottönen die weißen Wände. Die halbrund verlaufende Rezeptionstheke auf der rechten Seite des Raums fügte sich harmonisch in das Gesamtbild ein. Genauso stellte sich Nick den Empfangsbereich eines kenianischen First-Class-Hotels vor. „Natürlich!“, fiel es ihm ein. Carl war ein großer Afrika-Liebhaber gewesen. Offensichtlich hatte sich an dieser Leidenschaft nichts geändert.

„Ich bin sofort bei Ihnen!“, erklang eine wohltönende Frauenstimme hinter einer halb geöffneten Tür neben dem Rezeptionsbereich.

Die Stimme kam Nick seltsam vertraut vor. Hatte Carl es nach all den Jahren etwa immer noch nicht geschafft, sich von Carina zu lösen? Erinnerungsfetzen drängten sich spontan in sein Bewusstsein. Carina! Sie war wohl die attraktivste Frau in seiner Jugend gewesen, dabei so frigide und unterkühlt wie ganz Antarktika. Mittlerweile musste es über zwanzig Jahre her sein, dass er den Versuch unternommen hatte, Carina von ihrem vermeintlichen Leid zu befreien. Allein er hatte es nicht geschafft und dementsprechend rasch das Interesse an ihr verloren. Schon nach einer einzigen – äußerst unerfreulichen – Liebesnacht war die Angelegenheit für ihn erledigt gewesen. Doch es hatte Männer gegeben, die an Carina haften geblieben waren, wie Mücken an einer fleischfressenden Pflanze. Carl war einer von ihnen gewesen – und wie es aussah, hatte sich daran nichts geändert.

Da erschien sie tatsächlich! Wie keine Zweite hatte Carina es früher verstanden, sich in Szene zu setzen und offenbar nichts von ihrem Können verlernt. Mit unvergleichbar geschmeidigen Bewegungen umrundete sie die Rezeption und schwebte auf ihn zu. Ihr Haar war kohlrabenschwarz gefärbt und zu einem kantigen Pagenkopf geschnitten, was kaum einer anderen Frau gepasst hätte; sie sah damit blendend aus. Mitten in der Bewegung hielt sie inne und musterte ihn ungläubig. „Nicki?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Sie benötigte nur einen Moment, um übergangslos ihr altbekannt betörendes Lächeln aufzusetzen, zog ihn mit einer formvollendeten Geste zu sich hinab und küsste ihn direkt auf den Mund. „Was machst du denn hier? Mir scheint, wir haben uns seit Lichtjahren nicht mehr gesehen.“

Nick spielte den Überraschten. „Ich habe einen Termin bei Carl.“

Entschieden schüttelte Carina den Kopf, wobei ihre schwarzen Haarspitzen irritierend hin und her schwangen. „Ich verwalte Carls Termine. Glaub mir, wenn du einen Termin bei ihm hättest, wüsste ich das. In Kürze kommt eine neue Patientin, und danach erwarten wir zwei Stammgäste.“

„Ist es möglich, dass deine neue Patientin Samantha Smith heißt?“

„Woher weißt du das?“

„Samantha Smith ist meine Assistentin. Sie stammt aus England, und obwohl sie unsere Sprache gut beherrscht, kommt es noch immer zu Missverständnissen. Nicht sie, sondern ich möchte mit Carl sprechen.“ Mit gespielter Reue senkte er den Kopf und gab sich zerknirscht.

Carina blickte ihm prüfend ins Gesicht, dann verzogen sich ihre Lippen zu einem breiten Schmunzeln. „Die wenigen Falten, die du hast, stehen dir gut, Stoni, du siehst besser aus denn je. An deiner Stelle würde ich sie mir nicht entfernen lassen.“

„Das habe ich auch nicht vor! Ich komme aus einem anderen Anlass – beruflich.“

„Du bist ein Profiler oder so etwas Ähnliches“, stellte Carina fest und setzte mit einem zynischen Lächeln erklärend nach: „Manchmal steht etwas über dich in den Zeitungen, und im Fernsehen habe ich dich auch schon gesehen. Zumindest ein kleines Lebenszeichen, wenn auch ein sehr unpersönliches.“

Nick verstand den Seitenhieb. „Schuldig!“ Er hob die Hände. Auf den Profiler ging er bewusst nicht ein. Er war nicht hier, um sich mit Carina über seine Berufsbezeichnung zu unterhalten. „Bringst du mich zu Carl?“

Carina schnappte sich seine Hand. „Komm mit!“ Sie führte ihn einen Gang entlang, vorbei an drei Türen mit den Schildern Behandlung 1, Behandlung 2 und Behandlung 3, und blieb vor einem Schild mit der Aufschrift Besprechung stehen. Nach einem kurzen Klopfen öffnete sie schwungvoll die Tür und überließ Nick den Vortritt.

Carl saß hinter einem großen Glasschreibtisch, vor dem drei im Halbkreis platzierte weiße Fauteuils standen. Auf der Arbeitsplatte lagen neben einem geschlossenen weißen MacBook ein karierter Schreibblock und ein silberfarbener Montblanc-Kugelschreiber. So sehr sich Nick auch bemühte, er konnte keinen einzigen Fingerabdruck auf dem Glas erkennen. Genauso wie dieses mustergültige Bild wirkte die restliche Raumausstattung auf ihn. Wahrscheinlich wollte man auf diese Weise verzweifelten Patienten ein Gefühl der Sicherheit und des ärztlichen Perfektionismus vermitteln.

Carl war äußerlich zwar unübersehbar gealtert, hatte sich vom Typ her aber nicht verändert. In seinem dunkelblonden, sehr kurz geschnittenen Haar waren einige graue Strähnen zu erkennen, und um seine Augen zeigten sich Fältchen. Ansonsten trug er dieselbe kleine, runde Brille wie früher und hatte auch seine kräftige, sportliche Figur behalten. Der weiße Arztkittel verlieh ihm Seriosität und eine gewisse Würde, die ihm früher gefehlt hatte.

Carls patientengerechte Miene hellte sich schlagartig auf, als er Nick erblickte. „Stoni!“ Mit einem Satz kam er hinter dem Schreibtisch hervor und eilte mit ausgestreckten Armen auf Nick zu. „Was machst du hier? Warum hast du nicht angerufen? Ich habe jetzt leider keine Zeit.“

„Nick ist dein Termin“, informierte Carina den Arzt. „Und er ist nicht hier, weil er mit seinem Aussehen unglücklich ist oder uns so sehr vermisst. Er ist beruflich unterwegs.“

Unverzüglich änderte Carl sein Verhalten. Er zügelte seinen Enthusiasmus und deutete einladend auf einen der Fauteuils. „Setz dich. Wenn ich gewusst hätte, dass du uns einen Besuch abstattest, hätte ich eine Flasche Gin kaltgestellt.“ Er kehrte wieder auf die andere Seite des Schreibtischs zurück und nahm Platz. „Was führt dich zu mir?“

„Susanne Rippel.“

Carl zog die Brauen hoch. „Was ist mit Susanne?“

Nick beugte sich nach vorn. „Susanne hatte vor Kurzem einen Termin bei dir?!“

Carl überlegte nicht lange. „Klar, sie war Anfang der Woche bei mir.“ Er wandte sich an Carina. „Ein Abendtermin, oder?“

Carina, die sich wie selbstverständlich neben Nick gesetzt hatte, nickte. „Sie war dein letzter Montag-Termin. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie die Ordination gegen zwanzig Uhr dreißig verlassen. Weißt du nicht mehr, Carl, wir sind hinterher nach Hause gegangen und haben uns diesen Vampir-Film auf Blu-ray angesehen. Wunderbar, Johnny Depp als Vampir. Wie hieß der Film doch gleich?“ Unzufrieden schnalzte sie mit der Zunge.

„Dark Shadows!“, rief Carl triumphierend aus und klatschte in die Hände. „Tim Burton.“

Nick blickte fragend von Carina zu Carl. „Lebt ihr zusammen? Ich weiß, hier spricht die reine Neugier, aber es interessiert mich wirklich ungemein.“ Charmant zwinkerte er in Carinas Richtung.

Carl lächelte. „Schon seit einer geraumen Weile.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte Nick, wie Carina zu sprechen ansetzte, sich dann allerdings wie zufällig mit ihrem Zeigefinger über die Lippen fuhr und schwieg. Er räusperte sich verlegen. Bewusst wollte er den Eindruck erwecken, dass das folgende Gespräch für ihn nur eine leidige Pflicht darstellte. Darüber hinaus beabsichtigte er, einen effektvollen Schockmoment herbeizuführen. „Weil wir Freunde sind, solange ich zurückdenken kann, möchte ich nicht um den heißen Brei herumreden. Susanne ist tot. Sie kam kurz nach dem Termin bei euch ums Leben.“

Augenblicklich schienen Carina und Carl zu erstarren.

Carls Augen weiteten sich vor Entsetzen, er wurde blass. Einige Sekunden lang wirkte er wie eine Statue. Endlich lockerten sich seine Gesichtsmuskeln, und er stieß einen erstickten Laut aus, wobei er sich in seinen Sessel zurückfallen ließ.

Carina reagierte ähnlich. Nachdem sie den Zustand der Betäubung überwunden hatte, schlug sie die Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen.

Aufmerksam beobachtete Nick das Verhalten der beiden.

Carina gewann als Erste ihre Fassung wieder, indem sie die Hände von ihrem Gesicht löste und sich über die Augen fuhr. „Susi und ich haben noch miteinander geplaudert, bevor sie gegangen ist. Sie fragte mich, ob wir uns später im Echtzeit treffen würden. Ich verneinte und sagte, dass wir uns zu Hause einen Film ansehen wollten.“ Sie blickte Carl eindringlich an. „Verstehst du? Hätte ich an dem Abend nicht unbedingt diesen Film sehen wollen … “ Bei jedem Wort war sie immer leiser geworden, bis sie mitten im Satz abbrach und abermals aufschluchzte.

Nick strich ihr sanft über die Hand. „So darfst du nicht denken. Leider habe ich das schon allzu oft gehört. Vertrau mir, wenn ich dir sage, dass solche Überlegungen nichts bringen. Du bist weder schuld noch hättest du etwas ändern können.“

„Ich weiß. Aber es ist schrecklich und so unglaublich tragisch. Allein der Gedanke … “ Wieder versagte ihre Stimme.

„Weißt du, ob sie trotzdem zu Daniel wollte? Auch wenn ihr zu Hause geblieben seid?“, erkundigte sich Nick diskret.

„Offen gestanden, ich weiß es nicht.“ Verzagt hob Carina die Schultern. „Man achtet nicht auf die Kleinigkeiten, die rund um einen geschehen. Warte … ich werde versuchen, meine letzten Minuten mit Susanne zu rekonstruieren.“ Sie tippte mit dem Zeigefinger gegen ihre Schläfe und fixierte einen imaginären Punkt in der Ferne. Schließlich begann sie in ruhigem Ton zu sprechen: „Susanne und ich kamen aus dem dritten Behandlungsraum und gingen direkt zur Rezeption. Sie fragte mich, ob wir noch Lust auf einen Drink bei Daniel hätten. Ich sagte Nein und erzählte ihr von Dark Shadows. Wir unterhielten uns kurz über den Film, und ich versprach, ihr die Blu-ray zu leihen. Dann hat sie bezahlt, ich glaube, mit Kreditkarte. Abschließend wollte ich noch wissen, ob alles in Ordnung war und ob sie sich wohlfühlte.“ Sie musterte Nick aufmerksam. „Das ist bei uns Standard. Nach einem Eingriff erkundige ich mich am Schluss immer nach dem Befinden des Patienten: ob ihm schwindlig ist, ob er Kopfschmerzen hat, ob er sich normal und kräftig fühlt.“

Carl richtete sich auf. „Wir sind sehr vorsichtig. Wenn wir den Eindruck haben, dass es dem Patienten nicht hundertprozentig gut geht, gibt es keine Entlassung. Du hast keine Ahnung, was Kollegen alles erlebt haben. Wenn etwas passiert, ist die Reputation des Arztes schneller dahin, als man zum Handy greifen kann, um seinen Anwalt anzurufen; da helfen tausend Patientenunterschriften nichts. Auch wenn der Arzt rechtlich nicht belangt werden kann, ist seine Existenz hochgradig gefährdet. Die Rechnung ist simpel: Keine Patienten ist gleich kein Geld ist gleich keine Praxis.“

Nick ging nicht auf Carls Klagen ein. „Weshalb kam Susanne zu dir?“

Carl faltete die Hände und straffte den Oberkörper; jetzt war er in seinem Element. „Ich bin Dermatologe und habe mich vor einigen Jahren auf die kosmetische Medizin spezialisiert. Das heißt, Behandlungen gegen Falten, gegen Cellulitis, gegen Besenreiser, Fettreduktion, alles bis zur Augenlidkorrektur. Susanne gehörte zu meinen eifrigsten Patientinnen.“

„Was meinst du mit eifrigsten Patientinnen?“

„Nun, es gibt Menschen, die einen gewissen Zwang entwickeln. Das ist in der Schönheitschirurgie weit verbreitet. Susanne musste man die Behandlungen richtiggehend ausreden.“ Er machte eine abweisende Handbewegung. „Der letzte Eingriff war sehr umfangreich. Ich weiß noch, dass wir im Vorfeld eine intensive Diskussion über das Ausmaß der OP hatten und uns letzten Endes auf einen Kompromiss einigten.“

„Was hast du bei ihr gemacht?“

Als Antwort klappte Carl sein MacBook auf und schrieb etwas auf der Tastatur. „Schau es dir selbst an.“ Er drehte das Gerät um fünfundvierzig Grad, damit Nick den Bildschirm sehen konnte. „Auf der Stirn kam Botox zum Einsatz, die Falten um die Oberlippen und die Nasolabialfalte habe ich mit Hyaluronsäure aufgespritzt. Ihre Lippen waren ebenfalls an der Reihe, außerdem einige weitere Falten; und an der Nase habe ich ein paar Besenreiser mit dem Laser beschossen – ein sehr unangenehmer Prozess, dieses Verfahren geht einem durch Mark und Bein. Aber sie hat nichts gespürt, weil ich sie ins selige Träumeland geschickt habe.“ Bestürzt über seine unbedachten Worte zuckte er zusammen. „Mein Gott! Was rede ich da: ins selige Träumeland.“ Wieder überflutete ihn eine Welle des Entsetzens. Mit einem durchdringenden Stöhnen ließ er den Kopf auf die Glasplatte sinken. „Arme, arme Susanne …“

Alarmiert beugte sich Nick eilig vor und berührte die Schulter des Arztes. Carl durfte jetzt nicht zusammenklappen. Mit betont sachlicher Stimme sprach er auf ihn ein: „Der Rechtsmediziner hat festgestellt, dass Susis rechter Arm in der Beuge zwei Einstiche unterschiedlichen Datums aufweist. Weißt du, woher sie stammen?“ Bei der Frage ging es Nick im Augenblick weniger um die Einstiche selbst, als Carl auf den Weg zurückzubringen.

Carl fuhr sich über das Gesicht, sichtlich um Contenance bemüht. „Der ältere Einstich wird wohl von der Blutabnahme stammen, die ich ein paar Tage vor dem Eingriff durchgeführt habe. Bei Susanne stand ein Gesundheitscheck an, und ich nutzte die Gelegenheit vor der geplanten Behandlung. Der andere ist sicherlich auf die Sedierung zurückzuführen.“

„Für eine Faltenunterspritzung benötigt man eine Narkose?“

„Unabhängig davon, dass manche Injektionen sehr unangenehm und mitunter schmerzhaft sein können, etwa im Bereich der Lippen, ist der Laser eine qualvolle Angelegenheit; doch das erwähnte ich bereits. Zudem hatte Susanne eine ausgesprochene Aversion gegen Nadeln.“ Carl wiegte den Kopf. „Vor allem bei längeren Sitzungen wende ich in Absprache mit dem Patienten eine sogenannte Analgosedierung an, im Laienjargon auch Dämmerschlafnarkose genannt.“

„Eine Kombination aus Analgetika und Sedativa, wenn ich mich nicht täusche.“

Carl präsentierte einen wohlwollenden Gesichtsausdruck. „Ganz recht. Über einen Venenzugang verabreichen wir eine geeignete Mischung aus Schmerz- und Schlafmitteln.“ Seine Miene verkrampfte sich. „Ich kann dir versichern, dass wir während der Sedierung eine peinlichst genaue Überwachung durchführen. Wir haben uns beide eigens dafür ausbilden lassen. Mit der Narkose kann Susannes Tod nichts zu tun haben, das schwöre ich dir. Wenn du die Patientenakte brauchst, kannst du sie gern haben.“

Nick strich über seinen Nasenrücken und zeigte sich unangenehm berührt; eine alte Taktik, um sein Gegenüber in Sicherheit zu wiegen. „So meinte ich das nicht, Carl. Die Anästhesie hat natürlich nichts mit Susannes Tod zu tun. Ich wundere mich nur, dass bei einem solchen Eingriff überhaupt eine Betäubung zur Anwendung kommt.“

Es funktionierte auch diesmal.

Carls Züge glätteten sich. „Das Terrain der kosmetischen Medizin ist mittlerweile hart umkämpft. Du würdest es nicht glauben, Nick … “

Ein unüberhörbarer Summton unterbrach seine Worte.

Carina sprang auf. „Unsere nächste Patientin.“

Auf der Stelle griff Nick nach den Armlehnen seines Fauteuils und stemmte sich hoch. „Ich will eure Termine nicht durcheinanderbringen.“

Carl erhob sich ebenfalls. „Was hältst du davon, wenn wir uns später im Echtzeit treffen?“

Nick warf einen Blick auf seine Uhr. „Ich muss noch aufs Mödlinger Revier. Einem Treffen danach steht nichts im Weg.“

„Perfekt. Nach meinen beiden Terminen gehen wir sofort los. Der Benz bleibt in der Garage. Vielleicht trinken wir aus Wiedersehensfreude ja ein Schlückchen zu viel. Vor einem Mitglied des Polizeiapparats können wir nicht betrunken ins Auto steigen.“

Nick lächelte zurückhaltend. „Genau. Untersteht euch!“

7

Nick okkupierte den letzten freien für Polizeiautos reservierten Parkplatz. Unschlüssig, ob er Isabella anrufen oder ihr nur eine SMS schicken sollte, blickte er fragend auf das Display seines Handys und entschied sich schließlich für die SMS-Variante: „Schöne Bella! Ich bin heute beruflich im Einsatz, melde mich morgen, werde aber jede Sekunde an dich denken! Nick.“

Zufrieden mit dem Text drückte er auf Senden und stieg aus dem Auto. Er hatte die Stufen zum Eingang des Polizeireviers noch nicht erklommen, als die Tür bereits aufgerissen wurde. Peter Westernschmidt stand im Türrahmen und deutete auf das Fenster neben dem Eingang. „Ich habe dich kommen sehen.“

„Ich bin froh, dass du hier bist, Peter. Ich brauche deine Unterstützung. Setzen wir uns irgendwo hin, vielleicht in euren Aufenthaltsraum, dann kann ich dir alles in Ruhe erklären.“

„Wenn du einen Kaffee möchtest, sag es einfach.“ Der Polizist blinzelte vergnügt.

„Nun, wenn du es schon weißt …“ Nick grinste. Der Mann lag genau auf seiner Wellenlänge. Die spontane Wahl war goldrichtig gewesen.

Sie betraten den Aufenthaltsraum und Peter machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Nick begann im Plauderton zu erzählen: „Für meine Arbeit benötige ich im Revier eine Kontaktperson, einen verlässlichen Mitarbeiter. Bevor ich diesbezüglich offizielle Schritte einleite, frage ich den Kandidaten gern, ob er bereit dazu ist.“

Peter wandte sich abrupt um. „Fragst du mich gerade allen Ernstes, ob ich mit dir an dem Fall arbeiten möchte?“

Nick wiegte den Kopf. „Offen gestanden: eher für mich als mit mir. Aber ich kann dir versichern, dass es trotzdem mit Sicherheit einiges zu tun gibt, das dein Interesse wecken wird. Also, was ist?“

„Egal wie, egal was, egal wann, du kannst frei über mich verfügen.“ Auf Peters Gesicht erschien ein glückliches Lächeln.

„Freut mich. Ich spreche mit deinem Chef. Es wird notwendig sein, dich aus deinem regulären Polizeidienst zu nehmen. Theoretisch musst du rund um die Uhr für mich zur Verfügung stehen. Ich hoffe, das stellt kein Problem für dein Privatleben dar?“

Peter schüttelte den Kopf und antwortete knapp: „Keineswegs.“

Nick erhob sich und warf einen prüfenden Blick auf den Polizisten. Die Erwähnung seines Privatlebens war ihm eindeutig unangenehm gewesen. Es war immer von Vorteil zu wissen, in welchem Umfeld sich eine Person bewegte und welche Probleme sie hatte. Doch noch war es zu früh, um ihn direkt darauf anzusprechen; erst musste eine Vertrauensbasis zwischen ihnen geschaffen werden.

„Okay, dann kläre ich das jetzt mit der Revierleitung. Danach besprechen wir den morgigen Tagesablauf. Ich möchte dem Friseur des Opfers einen Besuch abstatten und will dich dabeihaben; als Ortsansässigen, sozusagen.“

Die beiden Männer nickten sich zu, und Nick verließ den Raum.

Vor dem Arbeitszimmer von Franz Mayerhofer angelangt, klopfte Nick an, öffnete die Tür, harrte jedoch auf der Schwelle so lange aus, bis der Revierleiter den Kopf hob und ihn heranwinkte. Auf einem Sessel vor dem Schreibtisch saß die junge Polizistin mit den langen Beinen, die ihn so angehimmelt hatte.

„Doktor Stein!“ Franz Mayerhofer wies mit einer einladenden Geste auf den freien Sessel. „Nehmen Sie Platz, bitte.“ Seine Hand wanderte weiter zur Polizistin. „Ich möchte Ihnen Monika Schwinsky vorstellen.“

Nick murmelte ein „Sehr erfreut“ in ihre Richtung und setzte sich.

Der Revierleiter hüstelte. „Wir haben eben von Ihnen gesprochen, Herr Doktor Stein. Frau Schwinsky hat mich gebeten, im Bedarfsfall für Ihre Ermittlungen abgestellt zu werden. Von meiner Seite aus spricht nichts dagegen, doch wollte ich die Angelegenheit natürlich auch mit Ihnen persönlich abklären.“

Nick warf einen Seitenblick auf die junge Frau. Sie machte keinerlei Anstalten, den Raum zu verlassen, und auch Franz Mayerhofer tat nichts dergleichen. Nun befand er sich in einer Zwickmühle. Eine ablehnende Antwort war in dieser Situation kaum möglich. „Ich nehme jede Hilfe gern an“, entgegnete er mit jovialer Miene. „Ich komme übrigens aus demselben Grund zu Ihnen. Weil mir Peter Westernschmidt bereits am Tatort zur Seite gestanden hat, möchte ich ihn mit ins Boot nehmen.“ Eine durchaus diplomatische Erwiderung, wie er fand.

Franz Mayerhofers Antwort ließ nicht lange auf sich warten. „Sie bekommen alles, was Sie brauchen.“ Er deutete mit dem Kinn auf die Polizistin. „Monika, wir sind fertig. Einzelheiten besprechen wir später.“

Ohne ein Wort erhob sie sich mit einem lässigen Hüftschwung und durchquerte den Raum. Die Freude stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Nick sah ihr nach und schluckte.

 

Kurze Zeit später verließ Nick das Polizeirevier und machte sich zu Fuß auf den Weg in Daniels Lokal. Die Sache mit der jungen Polizistin behagte ihm zwar überhaupt nicht, doch war ihm keine schlüssige Begründung eingefallen, um ihre Mitarbeit zu verhindern. „Sie hat mir schmachtende Blicke zugeworfen“, wäre wahrlich kein Zeichen von Professionalität gewesen. Allein der Gedanke daran brachte ihn zum Lachen. Er hatte sich fest vorgenommen, von ihr fernzubleiben, und nun war genau der gegenteilige Fall eingetreten.

Geistesabwesend zog er die Tür des Echtzeit living-room auf. An der Bar hatte sich trotz der frühen Abendstunde bereits eine stattliche Gruppe versammelt. Man lachte und unterhielt sich offenbar ausgezeichnet. Nick wollte sich schon nach links wenden, um an einem Tisch im hinteren Bereich Platz zu nehmen, als Daniels markante Stimme ertönte. „Nicki!“

„Überraschung!“, rief Carl, der neben Daniel stand, und breitete seine Arme aus.

Nick blickte hoch. Er war so in Gedanken versunken gewesen, dass er bei seinem Eintreten keines der anwesenden Gesichter registriert hatte. Aber da standen sie, aufgereiht wie zum Rapport, mit einem breiten Grinsen: seine alten Freunde, seine Jugendclique.

Einen Augenblick lang musste er dem dringenden Bedürfnis widerstehen, die Flucht zu ergreifen, dann verzog er den Mund zu einem, wie er hoffte, nicht allzu gequälten Lächeln.

Er hatte diesem vermeintlich süßen Leben vor vielen Jahren den Rücken gekehrt und wusste nur allzu gut, dass es für ihn besser wäre, seinem Instinkt zu folgen und schleunigst das Weite zu suchen, aber das konnte und durfte er nicht. Diese Menschen aus seiner Vergangenheit waren Susannes Freunde gewesen. Sie alle hatten direkten Kontakt mit ihr – seinem Opfer – gehabt. Er wusste nicht, wie Susi vom hässlichen Entlein zum allseits umschwärmten Schwan mutiert war, doch Daniel hatte auf jeden Fall die Wahrheit gesagt; die Verbindung zu Carl und Carina sprach ebenfalls dafür. Warum hätte einer von ihnen lügen sollen?

Welche zwiespältigen Gefühle er mit seinen Schulkameraden verband, war irrelevant. Mit seinem Beruf war er eine Verpflichtung eingegangen, und diese Verpflichtung war ihm wichtiger als alles andere auf der Welt.

„Jungs! Ich fass es nicht! Andreas, Georg, Rudolf, Gabriel, Werner, Thomas, …“ Mit einer ausladenden Geste umarmte Nick die ersten drei. „Lisa! Meine süße Lisa!“ Er drückte die bildhübsche, zarte Frau mit den hellblonden Haaren an sich. In diesem Fall war seine Freude sogar ernst gemeint.

„Nicki, hast du mich etwa vergessen?“, drang auf einmal eine dunkle, rauchige Stimme an sein Ohr.

Nick fuhr herum. Unbemerkt hatte sie sich bis zu ihm durchgeschlängelt – Tina! Groß, kurvenreich, mit ihren dichten, rotbraunen Haaren und den großen, tiefblauen Augen so verführerisch, dass es einem den Atem verschlug. Die Jahre hatten ihr nichts anhaben können, im Gegenteil: Das Alter stand ihr hervorragend. Er war nie in sie verliebt gewesen und hatte dementsprechend auch nie das Bedürfnis verspürt, eine ernsthafte Beziehung mit ihr einzugehen. Allerdings hatte sie ihn mit ihrer sexuellen Ausstrahlung einst beinahe um den Verstand gebracht; und wie er mit Schrecken feststellen musste, war diesbezüglich alles beim Alten geblieben. Bilder aus früheren Zeiten schossen durch seinen Kopf.

„Ich könnte dich nie vergessen“, erwiderte er zweideutig, zog Tina zu sich heran und küsste sie auf beide Wangen. Wie vor zwanzig Jahren stieg ihm der Duft der Marke Opium in die Nase.

Carl klatschte in die Hände. „Stoni, lass ab von Tina, und schenk diesem wertvollen Artefakt hier deine Aufmerksamkeit!“ Er deutete auf einen metallenen Sektkübel, der bis zum Rand mit Eis gefüllt war. Darin prangten eine Flasche Gin und eine Flasche Tonic Water.

Mit demonstrativer Verblüffung schüttelte Nick den Kopf. „Also hat sich in all den Jahren nichts verändert!“

„Das kann man so nicht sagen“, entgegnete Werner lachend. „Immerhin habe ich fünf Ehefrauen verschlissen.“

„Gleich fünf?“, staunte Nick.

Wieder lachte Werner, eine Spur zu laut, wie Nick fand. Diese offenkundige Heiterkeit war nicht echt, nicht einmal besonders gut gespielt, dennoch schien es sonst niemandem aufzufallen.

„Fünf Frauen und drei Kinder. Hast du die süßen Kleinen vergessen?“, mischte Gabriel sich ein.

„Wie könnte ich! Ich denke jeden Monat an sie, wenn ich einen Blick auf meinen Kontostand werfe“, antwortete Werner und wandte sich wieder an Nick. „Vierzehn Jahre, sechs Jahre und vier Jahre. Und alle drei liebe ich aufrichtig, auch wenn mir niemand auf der Welt die Medaille für den Vater des Jahres verleihen würde.“

„Und wie sieht es bei dir aus, Tina?“, rutschte es Nick heraus. Für seine Frage hätte er sich am liebsten in derselben Sekunde geohrfeigt.

„Nicht frei, aber verfügbar“, konterte sie geradeheraus und zwinkerte ihm zu; Tina hatte auch früher nicht lange gefackelt.

„Unsere Tina hat einen Wiener Kaffeehaus-Besitzer geheiratet“, meldete sich Andreas zu Wort.

Thomas grinste. „Kaffeehaus-Besitzer ist eine dezente Untertreibung. Tinas Mann gehört eine Kaffeehaus-Kette.“

Tina stieß ihn in die Seite, erwiderte aber nichts.

Nick blickte um sich. „Carl, wo ist Carina?“

„Carina fühlt sich nicht wohl und wollte zu Hause bleiben. Die Sache mit Susanne hat sie sehr mitgenommen.“

Niemand antwortete. Die plötzliche Stille stand im Raum wie eine unüberwindbare Mauer. Schließlich begann Werner zögerlich zu erzählen: „Wir haben vorher darüber gesprochen. Es ist furchtbar und geht uns allen sehr nahe. Seit Susi wieder nach Mödling gezogen ist, haben wir sie oft gesehen und viel Zeit mit ihr verbracht. Sie war so …“ Er stockte und fasste sich ans Genick. In seinen Zügen spiegelte sich eine Bestürzung, wie sie Nick bei keinem der übrigen Anwesenden erkennen konnte.

„Wann ist das Begräbnis?“, fragte Lisa.

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Gerlinde Friewald (Autor)

Zurück

Titel: Narbenfrau