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Küsse on Stage

von Alexandra Fischer (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Almond ist überglücklich. Endlich ist sie mit ihrer großen Liebe Morris, dem heißen Leadsänger der Band Burnside Close, vereint. Auch ihr Job als Bandmanagerin ist ein wahrgewordener Traum. Gäbe es da nicht ein kleines Problem namens Rob, wäre ihr Glück perfekt. Doch der Keyboarder der Band Infernality Rises treibt Almond in den Wahnsinn. Beinahe schafft er es ihre Karriere und die Beziehung zu Morris zu ruinieren. Almond gibt ihr Bestes, um ihren Weg zu finden und alles wieder gerade zu biegen, doch die anstehende Europa-Tournee der beiden Bands macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Und dann taucht auch noch Ming auf, die es nicht nur auf Almonds Job abgesehen hat …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe April 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-005-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-093-0

Copyright © November 2017, Drachenmond Verlag
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits November 2017 bei Drachenmond Verlag erschienenen Titels Rockleben (ISBN: 978-3-95991-375-1).

Covergestaltung: Tina Köpke
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © tomertu, © Dragana Jokmanovic, © Away, © Halay Alex, © dwphotos, © AlexMaster
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Chapter 1

Fear us, as we are devils from the birth and cheer us, as we live forever on this earth
(Infernality Rises, »Departure To Hell«)

War es möglich, etwas zu hassen, das man eigentlich liebte? Es war möglich! Dieser Abend brachte mich an den Rand meiner Belastbarkeit.

»Halt, stopp!«, schrie ich und gab der Band ein Zeichen, dass sie aufhören sollte zu spielen. Der Aufnahmetechniker regelte die Musik herunter und ich seufzte. »So funktioniert das nicht! Chuck gibt den Rhythmus vor und die Bassgitarre beginnt erst auf drei. Wie oft habe ich euch das schon gesagt?«

Die Jungs starrten mich durch die Glasscheibe des Aufnahmestudios an. Es waren keine freundlichen Blicke, doch ich ließ mich davon nicht ins Bockshorn jagen.

»Weiter, noch einmal von vorn!«, trieb ich die Band an und sah auf die Uhr. Es war bereits weit nach Mitternacht. Ich seufzte. Es war der erste Tag im Aufnahmestudio und wir kamen nicht voran. Das machte mich nervös. Ich hatte zugesagt, bis Ende der Woche eine brauchbare Demoversion einiger Songs vorzulegen. Doch die fünf Jungs von Infernality Rises legten keine große Disziplin an den Tag.

Norman, der Leadsänger mit dem blonden Surfer Look, war an diesem Tag völlig verkatert zu den Aufnahmen erschienen. Chuck, der muskelbepackte Drummer, hatte offenbar meinen Anruf abgewartet, bevor er sich überhaupt erst aus dem Bett bewegt hatte, denn er hatte ihn offensichtlich geweckt. Mit einer Stunde Verspätung stieß er schließlich zu uns. Raven und Meatpie, die beiden Brüder mit den Langhaarmähnen, deren richtige Namen niemand kannte, verpatzten jeden einzelnen ihrer Gitarreneinsätze und Rob, der Keyboarder, wirkte so unnahbar wie eh und je. Ich begann, an der großen Karriere zu zweifeln, die man der Band vorhersagte.

Erneut gab ich das Zeichen zum Aufnahmestart und Chuck legte mit dem eingängigen Trommel-Intro los.

»Und jetzt«, flüsterte ich und war froh, dass Raven seinen Bass dieses Mal im richtigen Moment zündete. Meatpie fiel mit der Leadgitarre ein. Ich war erleichtert. Doch dann spürte ich Robs Augen auf mir. Irgendwie hatte ich das Gefühl, als wolle er mich provozieren und prompt rieb er sich die Hände, anstatt in die Tasten zu hauen.

»Aus!« Ich stürmte in den Aufnahmeraum. »Was soll denn das, verdammt noch mal?«

»Ich hab keinen Bock mehr«, brummte Rob und sah die anderen an. »Machen wir Schluss für heute?«

Alle nickten und ich stemmte die Hände in die Hüften. »Ihr wisst ganz genau, dass wir bis Freitag abliefern müssen. Was soll ich Simon und der Plattenfirma sagen?«

»Überleg dir was.« Rob ging an mir vorbei und seine Schulter stieß absichtlich gegen meine. Da er groß und muskulös war, stolperte ich zur Seite. Am liebsten hätte ich ihn an seiner Lederjacke gepackt, aber ich traute mich nicht. In der gedimmten Beleuchtung wirkte er mit seinen hohlen Wangen wie ein Untoter und ich fürchtete, er könnte mir vor Wut die Zähne in den Hals rammen.

»Fein«, murrte ich. »Macht nur weiter so. Wenn euer angestrebter Erfolg genauso groß ist wie eure Arbeitsmoral, dann sage ich euch eine ziemlich schwarze Zukunft voraus!«

»Die Verkaufszahlen für unsere Gigs nächsten Monat sprechen da eine andere Sprache, Süße.« Rob war stehen geblieben und warf mir einen Blick über die Schulter zu. »Kümmere dich doch um das, was du kannst, und lass uns Musik machen.«

Wütend ging ich auf ihn zu. »Wenn ihr wenigstens Musik machen würdet! Doch das hier ist einfach Scheiße! Ihr schafft es ja nicht einmal, eine studioreife Version eines eurer Lieder hinzubekommen. Und ich rede nur von der Akustikfassung. Den Gesang von Norman müssen wir separat aufnehmen, aber wir haben das Studio nur für drei Tage gemietet. Wie sollen wir das bitte bis Ende der Woche schaffen, wenn du schon wieder ins Bettchen willst, Rob?«

In meinem Rücken hörte ich Gekicher, das augenblicklich verstummte, als Rob die Augenbrauen hob. In diesem Moment kam er meiner Vorstellung von einem Untoten noch ein wenig näher. Seine Augen wirkten plötzlich tiefschwarz und ich unterdrückte den Impuls, vor ihm zurückzuweichen.

»Ins Bettchen hüpfe ich prinzipiell nur in Begleitung von mindestens zwei Frauen, Mandelmaus, und dann auch nicht, um zu schlafen. Aber das ist nicht der Punkt. Ich bin fertig für heute und deshalb gehe ich jetzt. Und auf dein hysterisches Gelaber habe ich gerade gar keine Lust. Ich frage mich ohnehin, was Simon an dir findet. Du hast meiner Meinung nach nämlich nicht die geringste Ahnung von Rockmusik!«

Ich mochte es nicht, wenn der Typ mich Mandelmaus nannte, nur weil mein Name Almond lautete, der englische Begriff für Mandel. Trotzig schob ich mein Kinn vor. Wenn ich von etwas ganz sicher eine Ahnung hatte, dann war es Rockmusik!

»Jetzt hör mir mal zu, du eingebildeter Freak«, entgegnete ich und bemühte mich, meine Stimme beherrscht klingen zu lassen. »Im Gegensatz zu dir bin ich in den Umkleideräumen von Rockbands aufgewachsen. Und ich weiß, wann man sich Hochmut erlauben darf und wann besser nicht. Wenn ein Steven Tyler nach einem Konzert Orgien mit seinen Groupies feiert, tausende von Dollars verkokst und am nächsten Tag Termine platzen lässt, dann sage ich, okay, der holt das schon wieder rein. Aerosmith haben ja seit 1973 auch erst läppische fünfzehn Studio- und sechs Live-Alben veröffentlicht. Die haben vierundsechzigmal Platinauszeichnungen eingefahren und Millionen mit ihrer Musik verdient. Und was habt ihr vorzuweisen? Ach ja, hab ich ganz vergessen zu erwähnen: gar nichts! Ihr seid eine No-Name-Band aus einem Kaff in Kalifornien. Außer Hochnäsigkeit habt ihr absolut nichts auf eurem Konto und eure Fans vom Land machen euch noch längst nicht zu einer erfolgreichen Rockband, sondern lediglich zu einer Highschool-Band, die beim Frühlingsball performen darf. Tolle Sache, Rob! Wenn du das weiterhin machen willst, nur zu, aber wundere dich nicht, wenn die Plattenfirma euch nächste Woche den Mittelfinger zeigt.«

Totenstille legte sich über den Raum, während Rob und ich uns anstarrten wie zwei aggressive Kampfhunde.

»Du gehst mir so dermaßen auf die Nerven«, knurrte Rob, bevor er sich umdrehte und zur Tür hinausging.

»Und du mir erst«, murmelte ich und sah die anderen an. Keiner wagte es, mir in die Augen zu sehen.

»Hören wir auf für heute«, rief ich resigniert. »Morgen um zehn Uhr treffen wir uns hier wieder. Seid pünktlich!«

»Warum muss ich denn eigentlich die ganze Zeit hier rumhängen?«, maulte Norman. »Mein Gesang wird doch erst später eingespielt.«

»Weil du Bestandteil der verdammten Band bist oder etwa nicht?«, fuhr ich ihn an.

»Ist ja schon gut.« Er hob abwehrend die Hände und folgte den anderen.

Der Aufnahmetechniker grinste mich mitfühlend an. »Kein leichter Job, was?«

»Nicht wirklich.« Ich bedankte mich bei ihm, schnappte mir meine Jacke und verließ ebenfalls den Raum.

Draußen angekommen lehnte ich mich an die Wand des Gebäudes und atmete tief durch. Auf dem Parkplatz sah ich die Bandmitglieder im Schein der Straßenlaternen stehen und miteinander lachen. Rob saß lässig auf seinem Motorrad und ich war mir sicher, dass er über mich lästerte. Es tat weh, auch wenn ich wusste, dass ich es mir nicht so zu Herzen nehmen sollte. Ich hatte diesen Job gewollt. Es war meine Berufung. Das war bereits so, seit ich denken konnte.

Mein Vater war Manager von Rockbands gewesen und als Kind hatte ich es genossen, ihn zu begleiten. Trotzdem hatte es eine Weile gedauert, bis ich mich überwunden hatte, denselben Weg einzuschlagen wie er. Das lag zum einen an meiner Mutter, die mich nach der Scheidung meiner Eltern allein großgezogen hatte, als auch am plötzlichen Tod meines Vaters, der mein Leben von einem Tag auf den anderen völlig auf den Kopf gestellt hatte. Ich war umhergezogen wie ein streunender Hund, bis ich endlich, nach vielen Höhen und Tiefen, den Mut fand, meine Begabung zu meinem Beruf zu machen. Daran war mein Freund nicht ganz unschuldig  Morris Kyle, der Leadsänger von Burnside Close. Jener Band, die mein Vater bis zu seinem Tod gemanagt hatte und die zu meiner Familie geworden war. In diesem Augenblick vermisste ich sie ganz besonders.

Eigentlich arbeitete ich nach wie vor auch für Burnside Close, doch Simon Grey, der Mann, der nach dem Tod meines Dads die Aufgabe des Managers übernommen hatte, war der Meinung, dass ich noch viel zu lernen hatte. Natürlich war mir bewusst, dass er damit recht hatte, aber an diesem Abend hasste ich meinen Job. Ich wollte nach Hause. Ich wollte zu Morris. Ich war es leid, meine Zeit in Los Angeles mit diesen Rockerrüpeln von Infernality Rises zu verbringen, während mein Freund in Miami an seinem eigenen Album arbeitete und neue Songs für Burnside Close komponierte. Ich sehnte mich so sehr nach ihm, dass ich hätte heulen können.

Doch dann fing ich Robs Blick auf. Selbstgefällig lächelte er mir zu, bevor er sich den Motorradhelm überstülpte und seine Maschine startete. Er fuhr eine Suzuki Hayabusa, eines der schnellsten Serienmotorräder der Welt, was definitiv bewies, dass sich Rob gern auf der Überholspur sah. Meine Wut kehrte zurück und verdrängte die aufsteigenden Tränen.

»Fahr zur Hölle«, flüsterte ich in das Aufheulen des Motors hinein, während Rob aggressiv den Hahn aufriss und vom Parkplatz raste.

Alles hatte so vielversprechend begonnen, als ich vor anderthalb Jahren das erste Mal mit der Band zusammengekommen war. Simon hielt Infernality Rises für die Newcomer des Jahres, die nur ein wenig Führung benötigten, um sich auf dem Markt zu positionieren. Doch je mehr Investment wir in die Band steckten, desto aufsässiger und überheblicher wurden die Jungs. Kaum hatten sie ihre ersten Auftritte hinter sich, hielten sie sich für Stars und weigerten sich in einem Anflug von Größenwahn, mit mir zu kooperieren. Ich vermisste bei ihnen die Professionalität, die ich von Burnside Close kannte. Jene Liebe zur Musik, die darin mündete, dass man Zeit und Raum vergaß, wenn man miteinander an einem Song arbeitete. Und die Energie, die einem diesen Kick gab, nach dem man süchtig wurde.

Doch für Norman, Chuck, Raven, Meatpie und Rob war anscheinend nur eines wichtig und zwar, sich im Glanz ihres Rockstarlebens zu sonnen und sich unwiderstehlich zu fühlen. Das war es nicht, was ich einst von Dad gelernt hatte und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, was er über die Jungs gesagt hätte. Hätte er sie fallengelassen oder ihnen eine Chance gegeben?

Erneut spürte ich einen Kloß im Hals, dieses Mal, weil ich an Dad dachte. Er war mehr mein bester Freund gewesen als mein Vater und sein Tod setzte mir in Momenten, in denen ich mich schwach fühlte, immer noch zu. Ich wünschte mir, mit ihm reden und ihn nach seiner Meinung zu fragen zu können, aber mit jedem Jahr, das verging, verblasste sein Gesicht vor meinem inneren Auge. Das war eine schreckliche Erfahrung.

Aus diesem Grund zog ich mein Portemonnaie aus der Tasche und kramte eines der Fotos von ihm hervor, das ich immer mit mir herumtrug. Es tat gut, ihn anzusehen. Er lachte mir entgegen, und es war, als wäre er nie fortgegangen. Ich hörte seine Stimme, sah ihn seinen geliebten Chevi Camaro fahren und nach nächtelangen Proben mit Augenrändern auf einem der Konzerte seiner Bands stehen. Dad war etwas Besonderes gewesen und das lag nicht nur daran, dass indianisches Blut in seinen Adern geflossen war. Er kam mir manchmal vor, als trügen ihn die Schwingen der Musik durchs Leben. Ohne sie war Dad wie ein Fisch ohne Wasser. Das hatte er an mich weitergegeben. Wie auch sein Aussehen. Obwohl meine Mutter blond war, hatte ich Dads lange dunkle Haare geerbt, die mandelförmigen Augen und die drahtige Figur. Außerdem hatte er mir nach seinem Tod seine Flügel hinterlassen, die mich seitdem durch die Welt der Rockmusik trugen.

Ich atmete tief durch und steckte Dads Foto zurück in mein Portemonnaie. Jetzt wusste ich wieder, warum ich tat, was ich tat, auch wenn meine Wut noch immer nicht verraucht war. Ein Blick auf meine Armbanduhr sagte mir, dass es bereits kurz nach eins war. Entschlossen griff ich nach meinem Smartphone und rief Morris an. Obwohl es bei ihm in Miami schon viel später war, vermutete ich, dass er noch nicht schlief. Tatsächlich nahm er nach dem zweiten Läuten ab.

»Al?«

»Hey, hab ich dich geweckt?«

»Nein, ich sitze noch mit den Jungs zusammen.«

Im Hintergrund hörte ich sie grölen und musste lächeln.

»Um vier Uhr früh? Was macht ihr?«

»Du kennst uns doch. Nachts sind wir besonders kreativ. Wir arbeiten gerade an einem Song.«

»Wie heißt er?«

»Distance. Wir vermissen dich, weißt du.« Er wurde von dem anhaltenden Gejohle übertönt.

»Ich vermisse euch auch!«, schrie ich in den Hörer, bevor ich meine Stimme senkte. »Aber vor allem vermisse ich dich.«

Ich hörte, wie sich Morris von dem Geräuschpegel entfernte. Dann klang es, als ob er eine Tür hinter sich schloss.

»Jedes Mal, wenn du anrufst, bricht hier Chaos aus.« Er lachte leise. »Du fehlst mir, Al. Wie kommst du voran?«

»Gar nicht, um ehrlich zu sein. Die Typen von Infernality Rises sind schrecklich.«

»Wann kommt Simon, um dich zu erlösen? Ich halte es langsam nicht mehr ohne dich aus.«

»Das geht mir ebenso.« Ich war gerührt von seiner Ehrlichkeit. Morris und ich hatten einen langen Weg hinter uns, der mehr als einmal steinig und voller Missverständnisse gewesen war. Umso schöner war es nun, dass wir uns gefunden hatten und es seit anderthalb Jahren so perfekt zwischen uns lief.

»Du klingst müde, ist alles okay?«

»Nein, heute war der schlimmste Tag seit langem. Nichts hat funktioniert. Ich weiß gar nicht, wie ich Simon diese Neuigkeiten beibringen soll. Seit zwei Wochen treten wir auf der Stelle und das nur, weil dieser Rob beschlossen hat, mir das Leben zur Hölle zu machen.«

»Ihr habt kein einziges Lied für das Demoband fertig?«

»Kein einziges«, bestätigte ich niedergeschlagen. »Ich verstehe das nicht. Es scheint, als hätte die Band gar kein Interesse daran, an sich zu arbeiten. Die sind jetzt schon so dermaßen neben der Spur, dass ich mich frage, wie das erst werden soll, wenn sie wirklich mal berühmt werden.«

»Die verdienen dich nicht«, sagte Morris und meine Sehnsucht wurde übermächtig.

»Am liebsten würde ich alles hinschmeißen, mich in ein Flugzeug setzen und zu dir kommen«, murmelte ich und hörte Morris lachen.

»Das wäre nicht das erste Mal, dass du sowas machst, Al.«

»Ich weiß und ich tue es auch auf gar keinen Fall. Dieses Mal gebe ich nicht auf, versprochen, aber es nervt mich gerade mächtig.«

»Du solltest mit Simon reden.«

»Der wird mich lynchen und zwar sofort, nachdem er von der Plattenfirma gelyncht wurde.«

»Vermutlich, aber du kennst ihn. Im einen Moment lyncht er dich, im anderen verarztet er deine Wunden. Du leistest tolle Arbeit, Al, das wissen wir alle.«

»Ja.« Ich seufzte. »Doch das bringt mich momentan auch nicht weiter.«

»Vielleicht tröstet es dich, zu erfahren, dass ich endlich unsere Deckenleuchten montiert habe.«

»Im Ernst?« Ich jubelte. Nach dem Ende der letzten Europa-Tournee von Burnside Close waren Morris und ich zusammengezogen. Es erschien uns richtig. Obwohl wir erst seit kurzer Zeit ein Paar gewesen waren, hatten wir uns doch schon eine ganze Weile gekannt und gewusst, worauf wir uns einließen.

Wie es der Zufall wollte, hatte Dads Apartment in Miami noch leergestanden und Granny, meine Großmutter, hatte mich gefragt, ob ich es nicht mieten wollte. So war eins zum anderen gekommen und seitdem lebten Morris und ich dort auf unseren Umzugskisten. Wir waren so viel unterwegs, dass wir es in dem einen Jahr nicht geschafft hatten, uns einzurichten, aber wir liebten unser Nest. Hier trafen wir uns, wenn wir von unseren Reisen zurückkehrten. Es war unser Ruhepol. Hier gab es nur uns beide. Ein fantastisches Gefühl.

Morris riss mich aus meinen Gedanken: »Wenn du nächstes Mal da bist, gehen wir gemeinsam Farbe für unser Wohnzimmer aussuchen. Wir müssen es dringend streichen.«

»Hm.« Ich schmunzelte. Es war lustig, den Mann, den ich als Rockstar und Vollblutmusiker kannte, über Wandfarbe und Deckenleuchten reden zu hören.

»Außerdem brauchen wir abschließbare Schränke. Ich kann meine Gitarren unmöglich einfach so rumstehen lassen.«

»Das klingt, als hätten wir viel zu tun, wenn wir uns sehen.«

»Nicht nur in dieser Hinsicht.« Ich hörte ihn auf diese besondere Art lachen und mir wurde heiß. Vermutlich lag es daran, dass wir uns nicht so oft sahen, aber ich war noch immer verrückt nach Morris.

Ein Grund, warum wir zu nichts kamen, wenn wir uns gemeinsam in der Wohnung aufhielten, war unter anderem der, dass wir unser Bett nur selten verließen. Selbst wenn wir uns nicht liebten, war es einfach schön, mal faul zu sein und miteinander zu reden. Meine Mutter hätte diesen Lebensstil nicht für gut befunden, das war mir sehr wohl bewusst. Deshalb verschwieg ich ihr auch, dass unser Apartment noch immer aussah, als wären wir gerade erst eingezogen.

»Ich will dich«, hörte ich Morris flüstern und all mein Blut sammelte sich in meinem Unterleib. »Ich hänge nur hier mit den anderen rum, weil du nicht da bist und ich mich in unserer Wohnung allein fühle ohne dich.«

Ich bemühte mich, meine leidenschaftlichen Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. »Morgen früh rufe ich Simon an und sage ihm, was hier abgeht. Wenn er übernimmt, setze ich mich sofort in den Flieger und komme zu dir.«

»Ohne Umwege?«

Ich kicherte. »Ohne Umwege«, versprach ich und wusste, dass er auf unsere turbulente Vergangenheit anspielte.

»Dann gehe ich jetzt zurück zu den drei Irren. Vielleicht können wir heute noch den Refrain fertigstellen. Das Lied klingt cool, es wird dir gefallen, Al.«

»Davon bin ich überzeugt. Sag den anderen liebe Grüße. Ich kann es kaum erwarten, euch wiederzusehen.«

»Du bist bei mir.«

»Und du bei mir.« Es war eine Zeile aus Here With You, einem Song, den Morris für mich geschrieben hatte und dessen Noten ich mir auf die Innenseite meines linken Oberarms hatte stechen lassen. Ganz nah an meinem Herzen.

Nun besaß ich bereits zwei Tattoos von Liedern, die mir im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gingen. Der andere Song, dessen Noten auf meinem rechten Unterarm prangten, hieß Open Your Eyes. Er hatte mein Leben vor etwa zwei Jahren endlich in die richtigen Bahnen gelenkt. Ich lächelte in Erinnerung an diesen Moment.

»Schlaf gut, Al. Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.«

Als er auflegte, war mir ganz warm ums Herz und meine Sorgen über Infernality Rises waren vergessen. Ich schlüpfte in meine Jacke, ging zu meinem Mietwagen und fuhr vom Parkplatz.

 

»Du musst mit Rob reden.« Es war dieser Satz, der mich am nächsten Morgen mit voller Wucht wieder in mein ganzes Schlamassel zurückkatapultierte.

»Ganz sicher nicht!«, widersprach ich Simon, während ich aufgebracht in meinem Hotelzimmer auf und ab lief. »Der Typ ist ein kompletter Idiot!«

»Er hat die Band gegründet, Al. Ohne ihn wirst du bei den anderen Jungs niemals einen Fuß in die Tür bekommen!«

»Aber ich habe ihm nichts getan! Ich bin nicht schuld an seiner Selbstherrlichkeit und seinem nicht vorhandenen IQ.«

Simon lachte, was mich noch ein wenig wütender machte. »Nicht jede Band ist wie Burnside Close«, versuchte er mich zu beschwichtigen. »Ich habe dich gewarnt, Al. Das Rockmusik-Business ist ein knallhartes Geschäft.«

»Du hast nicht gesagt, dass das an den Musikern liegt. Natürlich weiß ich, was Berühmtheit aus einer Band machen kann, aber im Ernst, Simon, diese Jungs von Infernality Rises sind komplette Idioten! Die haben keine Ahnung, was es heißt, hart für den Erfolg zu arbeiten.«

»Dann ist es deine Aufgabe, sie daran zu erinnern. Sei nicht nur ihre Managerin, Al, sondern ihre Freundin. Nur so kommt ihr voran.«

Ich stöhnte und rieb mir die Stirn. Es war leicht gewesen, sich mit Burnside Close anzufreunden. Morris, Matt, Brad und Sean waren offen, lustig und trotz ihres Erfolgs nicht abgehoben. Aber dieser Rob schaffte es, dass ich meine Arbeit nicht mehr mochte und das verübelte ich ihm. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er eine angenehme Seite hatte. Lieber hätte ich mich mit einer Tarantel angefreundet.

»Komm nach L.A., Simon, bitte!«, bettelte ich, obwohl ich bereits wusste, dass es nichts nutzte.

»Mein Terminkalender bringt mich um, Al. Ich habe so viele Dinge mit dem Plattenlabel zu klären, da kann ich beim besten Willen nicht zu euch fliegen, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Genau dafür habe ich dich eingestellt. Krieg das auf die Reihe!«

»Ich weiß, ich weiß …«, murmelte ich resigniert. Aus irgendeinem Grund hatte ich mir diesen Job in meiner zugegeben manchmal etwas naiven Art einfacher vorgestellt. Außerdem war ich enttäuscht, weil mein Wiedersehen mit Morris wieder einmal verschoben wurde.

»Bekommt ihr wenigstens einen der Songs bis Freitag hin?«, erkundigte sich Simon.

»Vielleicht«, murmelte ich, obwohl ich kaum Hoffnungen hegte. Seit gestern Abend hatte ich überhaupt keine Lust mehr, mit der Band zu arbeiten.

»Gibst du auf, Al?« Der eigentümliche Klang seiner Stimme ließ mich zusammenzucken.

»Nein«, beteuerte ich rasch. Simons Misstrauen rührte daher, dass er schon seine Erfahrungen mit mir gemacht hatte.

Nach dem Tod meines Dads war Simon so etwas wie mein väterlicher Freund. Er war Mentor, Seelsorger und Boss in einer Person und es fiel sowohl ihm als auch mir bisweilen schwer, das alles zu trennen. Er kannte mich zu gut. Vor allem meine Zweifel, die mich des Öfteren Gefahr laufen ließen, meinen Job einfach hinzuschmeißen.

»Du hast doch bisher alles perfekt gemeistert«, sagte Simon nun. »Wir haben den Jungs ein neues Image verpasst, ihren Songs eine Richtung gegeben, ihnen Auftritte vermittelt, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern, und sind kurz davor, ihnen einen Plattenvertrag zu verschaffen. Es läuft prima.«

»Sogar so prima, dass mich nun alle hassen«, murmelte ich.

»Die sind nur sauer, weil du kaum älter bist als sie selbst und ihnen Vorschriften machen willst. Lass dich davon nicht ins Bockshorn jagen.«

»Vielleicht hast du recht«, wich ich aus, weil ich nicht länger mit Simon diskutieren wollte. Er hatte seinen Standpunkt klargemacht. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit Rob auseinanderzusetzen, auch wenn mich der Gedanke störte.

»Ich lasse mir was einfallen und rede mit der Plattenfirma«, fuhr Simon fort. »Sobald ich mehr weiß, melde ich mich. Richte den Jungs aus, dass ich ziemlich enttäuscht bin, weil sie nicht termingerecht abliefern und dass wir ihren Vertrag neu verhandeln müssen, falls das in der Form weiterläuft. Ich bin zu Beginn ihrer Konzerte auf jeden Fall vor Ort.«

»Was? Das ist erst nächsten Monat!« Mein Magen verkrampfte sich vor Enttäuschung, denn das bedeutete, dass ich Morris noch weitere zwei Wochen nicht sehen würde.

»Es tut mir leid, Al, aber dir war von vornherein klar, worauf du dich einlässt.«

War mir das tatsächlich klar gewesen? Ich schüttelte den Kopf und wusste nicht, was ich sagen sollte. Einerseits wollte ich Simon beweisen, dass er sein Vertrauen zu Recht in mich gesetzt hatte, andererseits wünschte ich mir nichts mehr, als eine richtige Beziehung mit Morris zu führen. Aber wie sollte das möglich sein, wenn wir uns nie sahen? Ich war mit einem Mal geknickt.

»Ist alles in Ordnung?«, hakte Simon nach.

»Ja, alles gut«, log ich und starrte auf den palmengesäumten Garten vor meinem Fenster. Im Hotelpool zogen die ersten Gäste ihre Bahnen. In diesem Moment wollte ich eine Arschbombe in das azurblaue Wasser machen, um ihnen den Tag ebenso gründlich zu vermiesen, wie Simon das gerade bei mir getan hatte.

»Du redest mit mir, wenn du Probleme hast, nicht wahr, Al?«

»Klar.«

»Schönen Tag.«

»Dir auch Simon.« Ich legte auf und warf das Handy auf mein Bett. Am liebsten hätte ich geschrien und getobt, aber das wäre natürlich kindisch gewesen. Deshalb trat ich vor Wut gegen die Minibar. Die Flaschen und Gläser klirrten und ich fühlte mich nicht weniger kindisch.

»Autsch!« Ich hielt mir den Zeh, plumpste zu Boden und blieb ernüchtert sitzen.

Ich wusste, dass Simon es nicht gern hörte, wenn ich zu emotional wurde. Aus diesem Grund hatte ich ihm auch nicht anvertraut, was mir wirklich zusetzte. Ich wollte nicht wie ein liebeshungriger Teenager klingen, der es nicht eine Sekunde ohne seinen Freund aushielt. Doch die Wahrheit war, dass ich Morris meistens nur alle vier Wochen sah. Und dann lediglich für ein Wochenende. Das war mir zu wenig.

Nach einem Blick auf die Uhr erhob ich mich und begab mich ins Bad. Ich duschte eine Ewigkeit, weil ich keine Lust hatte, ins Aufnahmestudio zu fahren und die gleichgültigen Gesichter von Infernality Rises zu betrachten. Besonders nicht das von Rob.

Dann zog ich mich an, föhnte mir die Haare und schaltete den Fernseher ein. Auf einem der Musikkanäle lief das Video zu Seven Nation Army von den White Stripes. Ich drehte die Lautstärke auf und bewegte mich im Rhythmus der prägenden Gitarrenriffs durchs Zimmer. Sicherlich sah ich dabei aus wie ein abrockender Roboter, aber es war mir egal. Alles, was zur Besserung meiner Stimmung beitragen konnte, war erlaubt. Nachdem der Song zu Ende war, schaltete ich den Fernseher wieder aus, schnappte mir meine Autoschlüssel und fuhr ins Studio, das sich in North Hollywood befand.

Es war sonnig, die Menschen in ihren teuren Autos perfekt gestylt, nur in meinem Kopf herrschte Nebel. Ich fragte mich, wie ich am besten ein Gespräch mit Rob beginnen sollte. Auf der einen Seite musste ich die Demoaufnahmen voranbringen, auf der anderen wollte ich nicht klein beigeben. Es war kompliziert.

Auf dem Parkplatz des Studios angekommen, war Robs Motorrad nirgends zu sehen. Ich ging hinein, sprach mich mit den Toningenieuren ab und hörte mir an, was am Tag zuvor aufgenommen worden war. Nach und nach trudelten auch die Bandmitglieder ein. Doch anstatt sich gleich an ihre Instrumente zu begeben, lümmelten sie verschlafen auf den Sofas herum und warfen mir fragende Blicke zu. Ich spürte, wie meine Stimmung auf den Nullpunkt sank.

»Wo ist Rob?«, wollte ich um Viertel nach zehn wissen und erntete nur ratloses Schulterzucken.

»Okay«, ich klatschte in die Hände, »dann machen wir eine Planänderung. Norman, du schnappst dir die Kopfhörer und singst deinen Part von Bleaching Dry ein.«

»Aber der Song ist doch noch gar nicht fertig aufgenommen«, protestierte dieser.

»Na und? Es ist euer Song! Du müsstest ihn auswendig können, selbst ohne Melodie.« Ich wandte mich an den Toningenieur. »Spiel ihm die Version von gestern Vormittag ein, die ist halbwegs passabel.«

Norman murrte, doch er stand auf und schlenderte in den Aufnahmeraum, während die anderen gelangweilt an die Decke starrten. Ich schüttelte genervt den Kopf.

»Ich rufe Rob an«, erklärte ich und ging nach draußen, obwohl mich ohnehin niemand beachtete.

In flottem Tempo eilte ich über den Flur, vorbei an den anderen Aufnahmestudios und zückte mein Handy, kaum dass ich vor dem Gebäude angekommen war. In diesem Moment hörte ich das Brummen eines sich nähernden Motorrads. Ich kniff die Augen zusammen und sah Rob auf mich zuheizen. Er schlängelte sich gekonnt durch die parkenden Autos und brachte die Maschine zum Stehen. Als er mich bemerkte, ließ er den Motor dreimal aufheulen, bevor er ihn endgültig ausmachte.

»Was ist, Mandelmaus, hast du Sehnsucht nach mir?«, rief er mir über die Entfernung zu, nachdem er den Helm abgenommen hatte.

Ich knirschte mit den Zähnen und verkniff mir einen bösartigen Kommentar. Angespannt beobachtete ich, wie Rob bewusst langsam abstieg, die Maschine auf dem Seitenständer abstellte und sich mit den Fingern durch die Haare fuhr. Anschließend schlenderte er auf mich zu.

»Du bist spät dran«, sagte ich statt einer Begrüßung.

»Und du noch genauso zickig wie gestern«, war seine rüde Antwort.

Ich atmete tief durch und rief mir Simons Worte ins Bewusstsein. »Wir müssen reden«, erwiderte ich und Rob runzelte die Stirn.

»Wann kommt Simon?«, wollte er wissen.

»Zu Beginn eurer Club-Tournee nächsten Monat.«

»Dann sag ihm, dass wir ihn jetzt sehen wollen!«

»Simon ist nicht euer Sklave, er ist euer Manager. Er kommt, wenn er es für richtig hält.«

»Wenn das so ist …« Rob wandte sich ab und ging davon.

»Was soll das?« Ich eilte ihm hinterher und hielt ihn am Arm fest.

Er drehte sich zu mir um und ich tippte ihm mit dem Zeigefinger gegen die Brust. »Du kannst jetzt nicht abhauen, Rob! Hast du eine Ahnung, was es kostet, dieses Studio für drei Tage zu mieten? Wir investieren in euch, das solltest du langsam verstehen. Das hier ist kein Spiel, das du bestimmst. Simon verschafft euch die Möglichkeit zu einem Plattenvertrag. Das ist eure Chance! Warum wirfst du das einfach weg?«

Rob starrte mürrisch in die Ferne und ich bemühte mich um Ruhe.

»Weshalb hast du die Band gegründet?«, fragte ich ihn.

»Was?« Er sah mich erstaunt an.

»Du hast mich schon richtig verstanden. Was hat dich dazu bewogen, Infernality Rises zu gründen?«

»Keine Ahnung.« Er hob die Schultern. »Langeweile?«

»Das ist alles? Langeweile?« Ich lachte auf. »Verdammt Rob, dann ist unsere Arbeit hier beendet!«

Enttäuscht ging ich an ihm vorbei und steuerte auf mein Auto zu.

»Was ist denn jetzt los?«, hörte ich ihn in meinem Rücken rufen, aber ich reagierte nicht. Meine Gedanken kreisten. Wenn diese Jungs einzig aus Langeweile Musik machten, dann war jeder Cent, den man in sie investierte, verlorenes Geld. Meine Arbeit und die von Simon wären komplett umsonst gewesen. Infernality Rises würden es niemals zu etwas bringen, weil sie nicht bereit waren zu kämpfen. So machte man keine große Rockmusik, das hatte ich längst gelernt.

Energisch drückte ich auf den Funkschlüssel meines Mietwagens und hörte das akustische Signal, als das Schloss die Tür freigab. Ich öffnete sie, doch bevor ich einsteigen konnte, versperrte mir Rob den Weg.

»Gehst du jetzt etwa?« Zum ersten Mal wirkte er verunsichert.

»Ganz recht.« Ich sah ihm in die Augen. »Jede weitere Minute, die ich mit euch verbringe, hält mich davon ab, mich Musikern zu widmen, die es mehr verdient haben als ihr.«

»Dann viel Glück!« Das überhebliche Grinsen kehrte in sein Gesicht zurück.

Ich zog eine Grimasse, stieg in mein Auto und startete den Motor. Geräuschvoll schlug Rob die Fahrertür zu. Ich ignorierte ihn, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr rasant aus der Parklücke.

Anschließend schoss ich mit quietschenden Reifen vom Parkplatz. Mein Herz klopfte wild. Diese Aktion hatte ich nicht mit Simon abgesprochen und ich wagte zu bezweifeln, dass er mein Verhalten gebilligt hätte. Aber ich sah keine andere Möglichkeit. Die Bandmitglieder von Infernality Rises folgten Rob und solange der keinen Einsatz zeigte, befand ich mich auf verlorenem Posten.

Nervös sah ich in den Rückspiegel. Mein Plan war insgeheim gewesen, Rob derart aus der Reserve zu locken, dass er mir folgte. Aber ich sah kein Motorrad, das mir hinterherraste. Kurzzeitig nahm ich den Fuß vom Gas, bevor meine Wut wieder übermächtig wurde. Sollten sie ruhig etwas schmoren, diese dämlichen Rockerproleten!

Mit Schwung bog ich rechts ab und folgte der Beschilderung zu den Universal Studios. Dann fuhr ich über den Barham Boulevard bis zum Canyon Lake Drive. Dort hielt ich an der Kurve des Aussichtspunkts zum Lake Hollywood an, schaltete den Motor ab und stieg aus. Vor mir lag der Hollywood-Schriftzug in seiner ganzen Pracht. Touristen liefen aufgeregt über die Straße, schossen Bilder und Selfies und redeten durcheinander. Ich atmete tief durch und ließ das Szenario auf mich wirken. Dann setzte ich mich auf die Motorhaube meines Wagens und grübelte. Mein Abgang war nicht geplant gewesen und wirkte unprofessionell. Ich war mir unsicher, was ich nun tun sollte.

Noch während ich nachdachte, hörte ich das vertraute Motorengeräusch der Hayabusa. Rob! Ich spürte einen Anflug von Erleichterung, doch den Gefallen, mich zu ihm umzudrehen, tat ich ihm nicht.

Erst als er sich neben mich setzte, beobachtete ich ihn. Sein Blick war starr auf den Hollywood-Schriftzug gerichtet.

»Hier sitze ich oft nachts, um zu komponieren«, sagte er.

»Du meinst, wenn dir die Frauen in deinem Bett zu langweilig werden?«

Er grinste. »So in etwa.«

Wir schwiegen eine Weile. Mir war nicht daran gelegen, Rob weiter Vorwürfe zu machen. Er kannte meinen Standpunkt. Es lag nun an ihm, den ersten Schritt zu machen.

»Der Tod meines Vaters«, murmelte er schließlich.

»Was?« Überrascht sah ich auf.

»Deshalb habe ich die Band gegründet.«

»Das wusste ich nicht. Tut mir leid.«

»Er starb bei einem Autounfall. Ich war am Boden zerstört, wollte mir das Leben nehmen. Die Musik half mir dabei, wieder ich selbst zu sein.«

Ich war verunsichert. Es passte nicht zu Rob, auf einmal derart emotional zu reagieren. Andererseits war sein Gesichtsausdruck zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, nicht abweisend. Im Gegenteil, er wirkte ein wenig verletzlich. Mein Widerstand schmolz.

»Mein Vater starb ebenfalls. Allerdings nicht bei einem Autounfall. Er hatte eine Herzmuskelentzündung. Ich weiß, wie man sich nach einem solchen Verlust fühlt.«

»Vermisst du ihn?« Robs dunkle Augen trafen meinen wunden Punkt.

Ich nickte. »Jeden verdammten Tag. Er war mein bester Freund.«

»Das war mein Dad auch für mich.«

Wir schwiegen erneut, bevor Rob flüsterte: »Ich will dieses Album machen, Al. Und ich will einen Plattenvertrag für Infernality Rises. Aber ich will es auf meine Art machen.«

»Was soll das heißen?«

»Die Lieder bedeuten mir sehr viel. Ich will sie so rüberbringen, wie ich mir das vorstelle. Bleaching Dry ist nicht unser bester Song. Er ist zu weichgespült, nicht das, was wir eigentlich machen. Ich will, dass das Label Departure To Hell zu hören bekommt.«

»Ich fürchte, das passt nicht in ihr Konzept.«

»Aber das sind wir!«

»Das verstehe ich.« Ich zögerte. »Und wie kann ich dir helfen?«

»Halt dich aus den Studioaufnahmen raus.«

»Was?«

»Im Ernst, Al, ich möchte einfach die pure Energie meiner Band einfangen. Das ist es, was ich der Plattenfirma liefern will.«

Zweifelnd schüttelte ich den Kopf. »Ich kann dir nicht komplett freie Hand lassen. Simon und ich haben bereits abgesprochen, welche eurer Songs auf das Demoband kommen. DiscDog Records sind derzeit das angesagteste Label auf dem Markt und sie haben uns sehr genau gesagt, was sie sich vorstellen. Außerdem habt ihr keine Erfahrung.«

»Ich weiß, dass wir es können«, unterbrach er mich und seine Augen schimmerten begierig. Zum ersten Mal sah ich in ihm so etwas wie Ehrgeiz.

»Okay«, lenkte ich ein. »Versuchen wir’s.« Ich streckte ihm meine Hand entgegen und er ergriff sie. »Enttäusch mich nicht.«

»Niemals.« Er grinste. »Es ist wie in unserem Song, weißt du. Departure To Hell.«

»Wir fahren also zur Hölle?« Ich unterdrückte das mulmige Gefühl, das mich mit einem Mal beschlich.

»Du sagst es, Mandelmaus, und es wird ein Heidenspaß!«

Chapter 2

In a world of chaos I long for you, but it’s the missing trust why I won’t follow you
(Infernality Rises, »The Abyss In Your Eyes«)

»Was zum Henker hast du dir dabei gedacht, Al? Fear us, as we are devils from the birth and cheer us, as we live forever on this earth. Ist das dein Ernst?« Ich hielt mein Smartphone ein Stückchen vom Ohr weg, um durch Simons Geschrei nicht taub zu werden. »Wir hatten die Songs abgesprochen! Departure To Hell ist ein No-Go!«

»Das weiß ich«, versuchte ich mich zu verteidigen, doch ich kam gar nicht zu Wort.

»Ich stehe da wie ein Idiot! Die ganze Zeit habe ich den Leuten vom Plattenlabel vorgeschwärmt, was sie von Infernality Rises erwarten können und jetzt das! Was bitte soll das sein?«

»Das ist die Band, wie Rob sie sich vorstellt.«

»Was redest du da für einen Bullshit? Die Band, die sich Rob vorstellt, muss sich erst einmal am Markt behaupten. Dafür müssen wir die Mainstream-Hörer erreichen. Aber das wird uns mit den Songs, die ihr abgeliefert habt, kaum gelingen!«

»Hat uns die Plattenfirma abgelehnt?«

»Nein, doch begeistert waren sie auch nicht. Verdammt Al, ich habe eine Stange Geld zum Fenster rausgeschmissen! Ich kann dir gar nicht sagen, wie stinksauer ich bin.«

»Es tut mir leid, Simon, aber ich hatte das Gefühl, die Jungs waren erst dann zum Leben erwacht, als sie endlich die Songs spielen durften, die ihnen am Herzen lagen.«

»Ihnen sollten die Songs am Herzen liegen, die den verfluchten Rubel rollen lassen! Und es ist deine Aufgabe, ihnen das zu verklickern. Haben wir uns verstanden? Ich komme morgen früh nach L.A. Diese Stümperei kann so nicht weitergehen.«

Ich ließ den Kopf hängen. Die letzten zwei Tage waren gut gelaufen. Endlich war die Band bei der Sache gewesen und hatte ihre Songs diszipliniert eingespielt – auch wenn es nicht die gewesen waren, die auf Simons Liste standen. Trotzdem hatte ich mit einem Mal die Energie gespürt, die ich die ganze Zeit über vermisst hatte.

»Wenn du die Jungs erst siehst …«, begann ich, wurde jedoch sofort abgewürgt.

»Ich brauche die kleinen Mistkerle nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie dir auf der Nase herumtanzen! Die hatten nur keinen Bock, nach deinen Regeln zu spielen, Al. Und ich werde nun sehr schnell dafür sorgen, dass sich das wieder ändert, bevor ich noch mehr Geld in den Sand setze.«

»Okay, dann bis morgen, Simon.«

Wortlos legte er auf und ich rieb mir die Augen. Es waren zwei arbeitsintensive Tage gewesen, die mir wie eine ganze Woche vorgekommen waren. Entsprechend müde und ausgelaugt fühlte ich mich nun.

»Was hat er gesagt?« Rob sah mich an. Sein Blick war undurchdringlich.

»Kannst du es dir nicht denken?«

»Er mag es nicht.«

»Er ist nur sauer, weil wir es vorher nicht mit ihm abgesprochen haben.«

»Und die Plattenfirma?«

»Die überlegt noch.«

Rob stützte die Hände in die Hüften. »Kommt Simon morgen?«

Ich nickte und bemerkte, dass Rob ein Lächeln übers Gesicht huschte. Mein Misstrauen wuchs. Ich wurde einfach nicht schlau aus ihm. Wenn er sich nicht gerade unnahbar gab, konnte er ganz nett sein, aber dann gab es wieder Momente wie diese, in denen ich das Gefühl bekam, dass er mich verarschte.

Ich sah zu den anderen hinüber und sagte: »Ihr habt den Rest des Tages frei. Simon will euch morgen sehen. Wir treffen uns so gegen Mittag hier im Studio. Ich gebe euch noch Bescheid.«

Es schien, als wenn sich alle einen Jubelschrei verkniffen, bevor sie sich ihre Instrumente schnappten und sich trollten. Erschöpft sank ich auf eines der Sofas und starrte auf das riesige Mischpult. Ich war den Weg gegangen, den ich für richtig gehalten hatte, aber mein Verständnis über das Rockgeschäft schien noch nicht weit zu reichen. Natürlich war es lukrativer, Songs zu machen, die die breite Masse erreichten, doch war das am Ende erstrebenswert?

Mein Dad war in seinem Leben immer seinem Gefühl gefolgt und dafür hatte ich ihn stets bewundert. Ich wollte meinen Job mit derselben Leidenschaft ausüben, die auch er an den Tag gelegt hatte und bisher war mir das gelungen. Aber in diesem Moment bekam ich zum ersten Mal einen Dämpfer und wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.

»Bleibst du noch?«

Ich fuhr herum, weil ich gar nicht bemerkt hatte, dass Rob da war.

»Nein, ich bin quasi weg.« Ich stand auf und griff nach meiner Jacke. »Ich muss am Empfang fragen, ob für morgen überhaupt ein Raum zur Verfügung steht.«

»Vermutlich fliegst du dann anschließend gleich nach Hause, oder?«

»Das würde dir so passen«, murmelte ich und schüttelte den Kopf, weil Rob sich aus der Tür drängte, ohne mir den Vortritt zu lassen.

»Ich werde mit Simon reden. Er wird verstehen, dass wir uns nicht verbiegen können«, sagte Rob, während wir nebeneinander den Flur hinuntergingen.

»Hm.« Ich wusste, was den Jungs morgen bevorstand und hatte keine Lust, Rob zu warnen. Was immer er für ein Spiel spielte, ich wollte ihm keine Breitseite für seinen Angriff liefern.

Am Empfang angekommen klärte ich die weiteren Formalitäten, bevor ich mich von Rob verabschiedete und in mein Hotel fuhr.

Dort ging ich eine Runde schwimmen, um den Kopf freizubekommen und wollte mich anschließend eigentlich hinlegen, um den Schlaf nachzuholen, der mir fehlte. Aber ich fand keine Ruhe. Irgendwann sah ich auf die Uhr. Es war früher Nachmittag in Los Angeles, was bedeutete, dass es bei meiner besten Freundin Barbara bereits neun Uhr morgens am nächsten Tag war. Sie lebte mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Sydney. Ich seufzte und langte nach meinem Handy.

»Zeit für eine Lebensberatung?«, schrieb ich ihr.

Schon einige Minuten später kam die Antwort: »Das kannst du dir doch gar nicht leisten!«

Ich grinste und drückte die Schnellwahltaste.

»G’Day, lieber Anrufer!«, meldete sich Barbara fröhlich. »Sie erreichen mich heute im sonnigen Manly, wo wir herrlichen blauen Himmel und milde 25 Grad haben.«

»Halt die Klappe, damit kannst du mich schon lange nicht mehr neidisch machen! Ich bin gerade in Los Angeles.« Ich freute mich wie ein Keks, sie zu hören. »Wie geht es dir, du verrücktes Huhn?«

»Bestens, Süße! Was machst du denn in Los Angeles? Bist du wieder bei dieser Band?«

»Ja, ich bin wieder bei dieser Band und versuche, ihre Managerin zu sein. Gelingt mir nicht besonders gut in letzter Zeit.«

»Oje, ist es so schlimm?«

»Schlimmer! Ich bin kurz davor, alles hinzuschmeißen.«

Barbara kicherte. »Du hast dich nicht verändert, Al. Erzähl, wie geht es dir wirklich?«

»Die Wahrheit ist, dass ich feststecke. Ich glaube, dass die Band großes Potenzial hat, aber ich bin nicht einer Meinung mit Simon. Er will den sicheren Weg gehen, ich den ehrlichen. Keine Ahnung, ob das Sinn macht, was ich gerade sage.«

»Natürlich tut es das. Verlass dich auf dein Gefühl«, erwiderte Barbara. »Damit bist du doch bisher gut gefahren. Zumindest nachdem du es endlich zugelassen hast.«

»Ja, aber ich weiß nicht, ob ich der Band vertrauen kann. Die ist wirklich nicht mit Burnside Close zu vergleichen.«

»Wer ist das schon?«, neckte mich Barbara. »Apropos, wie geht es Morris?«

»Es geht ihm prima. Er darf komponieren und das macht ihn glücklich, wie du weißt. Ich vermisse ihn. Wir hatten uns vorgenommen, nicht ständig voneinander getrennt zu sein, aber das lässt sich nicht so einfach umsetzen, wie ich gehofft hatte. Dabei würde ich so gerne mehr Zeit in unserer Wohnung verbringen.«

»Warum fliegst du nicht öfter nach Hause?«

»Ich kann nicht. Irgendwie hatte ich geglaubt, dass Simon sich mehr um Infernality Rises kümmert, doch er ist nur noch mit dem Plattenlabel und seinen anderen Bands beschäftigt, während ich hier vor Ort sein muss, um seine Anweisungen durchzusetzen. Es ist anders, als ich mir das vorgestellt hatte.«

»Und Morris versteht das?«

»Ich denke schon. Er ist ja selbst Vollblutmusiker. Aber Telefonate ersetzen eben keine normale Beziehung. Ich nehme gar nicht mehr an seinem Leben teil, ebenso wenig wie er an meinem.«

»Da liegt also das Problem. Du hast Angst, ihn zu verlieren.«

Hatte ich das? Ich ignorierte das bange Pochen meines Herzens. »Nein, ich vertraue ihm«, sagte ich rasch und Barbara schnalzte mit der Zunge.

»Ich glaube dir kein Wort! Du sitzt frustriert auf deinem Hotelzimmer und denkst nach. Und je mehr du nachdenkst, desto mehr Zweifel kommen in dir hoch. Du zweifelst an deiner Arbeit und an deiner Beziehung zu Morris. Hör damit auf, Al, und schalte deinen Kopf aus. Morris liebt dich. Davon konnte ich mich eindeutig überzeugen, als ihr uns in Sydney besucht habt.«

»Du hast ja recht«, murmelte ich und dachte wehmütig an unsere drei Wochen in Australien zurück, die Morris und ich völlig unbeschwert genossen hatten. Es schien eine Ewigkeit her zu sein und nicht erst anderthalb Jahre. Seitdem hatten wir keine einzige Woche mehr am selben Ort verbracht.

»Kann es sein, dass du deinen Frust, Morris so selten zu sehen, irgendwie auf diese Band in L.A. projizierst? Klappt es deswegen so schlecht mit denen?«

»Keine Ahnung.« Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht.

Plötzlich war ich froh, Barbara angerufen zu haben. Sie war nicht nur meine beste Freundin, Seelenverwandte und Schwester im Herzen, sondern vor allem meine innere Stimme. Ich hatte sie während meiner Weltreise kennengelernt, die ich nach Dads Tod unternommen hatte, um mir über einige Dinge klar zu werden. Seitdem begleitete mich Barbara durch sämtliche Höhen und Tiefen meines Lebens. Man hätte meinen können, dass unsere Freundschaft die Distanz, die zwischen uns lag, nicht überdauerte, doch genau das Gegenteil war der Fall.

»Mit Morris und dir ist es wie mit uns beiden«, sagte Barbara nun. »Die Entfernung trennt zwar die Menschen, aber nicht ihre Herzen.«

»Mein Gott, deine Kalenderweisheiten werden auch immer abgedroschener«, neckte ich sie, war jedoch froh über ihren aufmunternden Spruch.

»Ja, nun bin ich eben Mutter.« Es klang resigniert.

»Höre ich da etwa Frust heraus?«, hakte ich sofort nach.

»Ein wenig. Cooper ist furchtbar anstrengend zurzeit und Olivia will einfach nicht schlafen. Sie schreit und schreit und schreit. Ich werde noch wahnsinnig! Mein Leben besteht einzig aus Windeln wechseln und Kleinkindgebrabbel. Deswegen bin ich so froh, dass du angerufen hast.«

»Was ist mit Riley? Hilft er dir nicht?«

»Natürlich tut er das. Aber tagsüber ist er arbeiten und abends dreht sich dann alles um die Kinder. Es ist Ewigkeiten her, dass wir mal allein ausgegangen oder nicht vor Erschöpfung vor dem Fernseher eingeschlafen sind. Es mag ja sein, dass es allen frischgebackenen Eltern so geht, doch manchmal komme ich mir wie ein Roboter vor, der tagsüber eine ellenlange Liste abarbeitet, bevor er abends in den Standby-Modus schaltet. Von Romantik keine Spur.«

»Oje, und wieder einmal habe ich gedacht, ich hätte Probleme …«

»Es sind einfach andere Probleme. Ich schäme mich, das zu sagen, aber zurzeit wünsche ich mir nichts mehr, als morgens aus dem Haus gehen zu dürfen, um andere Menschen zu treffen. Einen Job zu haben, irgendeine sinnvolle Aufgabe. Nicht dass ich meine Kinder nicht liebe. Oh Gott nein, das tue ich wirklich von ganzem Herzen, doch ich will mal wieder in Ruhe duschen, mich schön anziehen, einfach mal eine normale Konversation mit jemandem führen, ohne dass eines meiner Kinder mich dabei stört.« Barbara stockte. »Ich klinge wie eine frustrierte Hausfrau. Dafür hasse ich mich selbst.«

Wir scherzten über ihre Probleme, doch schnell wurde Barbara wieder ernst. Im Hintergrund setzte Babygeschrei ein.

»Hörst du, was ich meine?«, murmelte sie. »Hätte mir das vorher jemand gesagt, hätte ich es mir gut überlegt, ob ich noch ein zweites Kind will. Ein drittes ist nicht drin, das garantiere ich dir!«

»Du hast wunderbare Kinder und einen wunderbaren Mann«, versuchte ich, sie aufzuheitern.

»Na klar, und wenn du hier in der Nähe leben würdest, dann würde ich dir dieses wunderbare Dreigespann für einen Abend anvertrauen. Glaub mir, dieses Erlebnis wäre lebensverändernd. Du wärst für alle Zeit vom Kinderwunsch befreit.«

Ich lachte zwar, war aber gleichzeitig verunsichert. Barbara klang ehrlich frustriert und das setzte mir zu. Wir waren einst gemeinsam um die Welt gereist, um uns darüber klar zu werden, ob unsere großen Lieben eine Zukunft hatten. Am Ende hatte es für uns beide ein Happy End gegeben, doch nun begann ein neues Kapitel in unseren Leben, das sich Alltag nannte, und ich fragte mich, ob das ebenso glücklich enden würde.

Das Babygeschrei nahm an Lautstärke zu.

»Tut mir leid, Al«, entschuldigte sich Barbara. »Ich muss mich um Olivia kümmern. Wir hören uns.«

»Okay, mach’s gut«, sagte ich, bekam jedoch nur noch das Besetztzeichen als Antwort. Barbara hatte aufgelegt.

Ich seufzte und legte mein Smartphone zur Seite. Das gute Gefühl, auf das ich nach dem Telefonat mit meiner besten Freundin gehofft hatte, wollte sich nicht einstellen. Im Gegenteil, ich fühlte mich ruheloser als zuvor.

 

Am nächsten Tag kam ich völlig übermüdet im Studio an. Ich hatte die halbe Nacht nicht geschlafen und mich mit endlosen Grübeleien wach gehalten. Das Ergebnis war, dass ich aussah wie ein Mops: aufgedunsen und faltig mit blutunterlaufenen Augen. Gegen mich wirkte Simon wie das blühende Leben. Wer ihn kannte, wusste, dass das nicht so einfach war, denn seine Arbeit als Rockmanager hatte bei ihm durchaus Spuren hinterlassen. Meistens mutete er wie ein furchteinflößender Hell’s Angel an, der innerlich jedoch das Gemüt eines Teddybären besaß. Manchmal auch das eines Grizzlys. An diesem Tag zeigte er sich zunächst noch auf Kuschelkurs.

»Al, schön, dich zu sehen!«

»Meinst du das ernst?« Ich grinste schief.

»Natürlich meine ich das ernst!« Er boxte mich kameradschaftlich gegen die Schulter. »Wo sind die Jungs?«

»Die sind nicht gerade die pünktlichsten, sie …« In diesem Moment öffnete sich in meinem Rücken die Tür und Rob trat vor allen anderen Bandmitgliedern in den Raum.

»Simon, hey Mann! Gut, dich zu sehen!« Er klatschte Simon ab und warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu.

Ich zog die Stirn kraus. »Hey, Rob.«

Was für ein Spielchen spielst du hier, fügte ich in Gedanken hinzu, während Simon den Rest der Band begrüßte.

Die Jungs alberten herum, gaben sich aufmerksam und derart aufgedreht, wie ich sie bisher noch nie zu Gesicht bekommen hatte.

»Was sagt die Plattenfirma?«, erkundigte sich Rob in den Tumult hinein.

»Darüber wollte ich mit euch sprechen.« Simon ließ sich auf einen der Stühle fallen und bedeutete dem Rest, sich ebenfalls zu setzen.

Ich nahm etwas abseits Platz, um alle beobachten zu können. Rob stützte die Ellbogen erwartungsvoll auf den Oberschenkeln ab und sah Simon an. »Al meinte, die Plattenfirma überlegt noch«, sagte er und es klang, als glaube er mir nicht.

Simon räusperte sich. »Nachdenken ist sehr höflich formuliert, möchte ich meinen. Genau genommen wird sie euch mit dem abgelieferten Material nicht unter Vertrag nehmen.«

Stille legte sich über den Raum und Rob schien zu erstarren. »Aber weshalb nicht?«, brach es plötzlich aus ihm heraus. »Du hast selbst gesagt, dass wir Potenzial haben. Weshalb sehen die das denn nicht?«

Simon hob beruhigend die Hände. »Ihr habt zweifelsfrei Potenzial, doch ihr solltet die Musikwelt verstehen, in der ihr euch bewegt. Ein Plattenlabel verkauft Illusionen. Das habe ich euch bereits ganz am Anfang gesagt. Eure Geschichte ist folgende: Von der Highschool Band zur aufstrebenden Rocklegende. Diesen Weg wird das Label mit euch gehen. Dazu gehört die Geschichte vom angeblichen Tod deines Vaters …«

»Was?«, unterbrach ich Simon und er warf mir einen erbosten Blick zu.

»Darf ich weiterreden, Al?«

Ich nickte benommen und nahm Rob ins Visier. Was meinte Simon mit dem angeblichen Tod seines Vaters? Dass die Geschichte gar nicht stimmte?

»Ihr wart schon als Kinder Freunde«, fuhr Simon fort. »Habt ständig zusammen rumgehangen und euch gegenseitig Halt gegeben, wenn es in euren Familien mal nicht so gut lief. Das ist eure verdammte Geschichte, habt ihr das verstanden? Und dazu gehört, dass ihr die entsprechenden Songs abliefert. Diese Mischung aus Grunge und Gothic eignet sich hervorragend, um eine miese Kindheit zu verarbeiten. Das bietet einen großartigen Rahmen für eure Promotion und die habt ihr als unbekannte Band dringend nötig. Also haltet euch gefälligst daran!«

Die Jungs starrten betreten zu Boden und Rob ballte die Hände zu Fäusten. »Ich habe gedacht, dass wir das Label mit unserem wahren Gesicht überzeugen können.«

»Für euer wahres Gesicht ist später noch Zeit, wenn niemand mehr danach fragt«, entgegnete Simon barsch.

Ich konnte nicht länger schweigen. »Soll das heißen, diese ganze Geschichte mit deinem toten Vater war komplett erfunden?«

Rob verzog das Gesicht. »Frag Simon«, murmelte er.

Dieser grinste. »Was ist daran so verwunderlich, Al? Du kennst das Business. Und es wird jedes Jahr härter. Überall gibt es Castingshows, die Leute tummeln sich im Web, laden Videos ihrer Songs hoch und werden millionenfach gefeiert. Es ist nicht mehr viel Platz für eine Band, die nichts zu erzählen hat. Bei all der Sensationsgeilheit der Fans ist ein toter Vater eine sehr pressefreundliche Geschichte, die Aufmerksamkeit bringt. All die Groupies werden Rob trösten wollen und sich nachts bei seinen Liedern in den Schlaf heulen. Das ist es, was wir brauchen.«

»Auch wenn es Lug und Trug ist?«

»Das Fernsehen und die Medien sind voll von Lug und Trug. Keiner ist an der langweiligen Wahrheit interessiert, Al.«

Ich runzelte die Stirn. Wann war aus Simon so ein frustrierter, sarkastischer Mensch geworden, dem es einzig um seinen persönlichen Gewinn ging?

»Was ist, wenn jemand herausfindet, dass Robs Vater noch lebt?«

»Er hat die Familie vor Jahren verlassen. Niemand weiß, wo er steckt. Und wenn er plötzlich wieder aufersteht, umso besser. Das lässt sich hervorragend ausschlachten.«

»Also ich weiß nicht«, murmelte ich und bemerkte, dass Rob mich dabei ansah.

Simon seufzte. »Leute, muss ich das jetzt wirklich mit euch diskutieren? Ich habe euch nicht gebeten, ein Atom zu spalten, sondern nur, eure Geschichte in die Welt zu tragen und euer erstes Album mit herzzerreißenden Songs über eure Vergangenheit zu füllen. Wenn das Album abgeht, dann machen wir ein Re-Release und packen zwei Bonus-Tracks drauf, an denen euer Herz hängt. Und anschließend sehen wir weiter. Wenn die Medien euch lieben und ihr euch verkauft, dürft ihr beim nächsten Album gern etwas experimentieren. Bis dahin habt ihr die Wahl: Beugt euch dem Willen des Plattenlabels oder geht zurück in euer Kaff und lebt euer langweiliges Leben weiter.«

Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Das war nicht die Art, wie ich arbeiten wollte.

»Hast du die Idee vom toten Vater von mir?«, fragte ich mürrisch und bemerkte, dass Simon eine Augenbraue hochzog. Er duldete es nicht, wenn ich ihm vor versammelter Mannschaft in den Rücken fiel. Aber ich konnte nicht still sein. »Müssen wir uns wirklich dem Willen der Plattenfirma beugen? Es gibt noch tausend andere Wege. Wenn wir vielleicht …«

Weiter kam ich nicht, denn Simon unterbrach mich: »Ich will diese verträumten Ansichten jetzt nicht hören, Al! Dieses Label ist bereit, für Aufnahme, Mischung, Mastering, Marketing und Promotion eine Stange Geld in die Hand zu nehmen. Mehr als jedes andere Label. Wenn wir abspringen, hinterlasse ich verbrannte Erde und verliere meine Investition. Das könnte meinen Namen in der Branche ruinieren.« Er deutete auf die Jungs, die in ihren Stühlen immer kleiner wurden. »Diese Band hier hat mir vor einem Jahr ihr Wort gegeben. Sie hat bei mir einen Vertrag unterschrieben und dieser Vertrag bezahlt auch dein Gehalt, Al. Ich würde mir also jeden Satz genau überlegen. Denn wenn du raus willst, dann spare ich mir einiges. Du musst es nur sagen.«

Diese Situation kannte ich bereits. Simon war nicht zum ersten Mal kurz davor, mich zu feuern. Zum ersten Mal allerdings wollte ich wirklich gehen.

»Wir machen das nicht ohne Al«, sagte Rob in diesem Moment.

Ich hielt inne und traute meinen Ohren kaum. Selbst Simon verengte überrascht die Augen.

»Woher kommt denn der plötzliche Sinneswandel, Rob?«, erkundigte er sich spöttisch.

»Wir vertrauen ihr«, erwiderte Rob und die anderen Bandmitglieder nickten, wenn auch zögerlich.

»Wenn ihr meint, ihr habt es mit Al leichter als mit mir, dann habt ihr euch geschnitten.« Simon sah mich an. »Was ist mit dir? Gehst du oder bleibst du?«

Zu bleiben bedeutete, dass ich mich Simon und seiner neuen Art zu denken unterordnen musste. Alles in mir sträubte sich dagegen. Doch die bittenden Blicke, die mir die Jungs nun zuwarfen, konnte ich nicht ignorieren.

»Ich bleibe«, entschied ich spontan und Simon atmete kaum merklich aus, als hätte er die Luft angehalten.

»Ihr werdet in den nächsten Tagen die Songs einspielen, die wir abgesprochen haben, ist das klar? Bis Mitte nächster Woche erwarte ich das entsprechende Demo Tape. Wenn ich noch einmal hier aufschlagen muss, um euch die vereinbarte Strategie in die Köpfe zu prügeln, dann seid ihr raus. Ihr alle. Verstanden?«

Ich sah die Band nicken und hielt Simons Blick stand. »Hast du das auch verstanden, Al? Keine Alleingänge mehr!«

»Keine Alleingänge«, bestätigte ich.

»Abgemacht.« Er stand auf. »Kann ich dich noch kurz allein sprechen, Al?«

Ich stand ebenfalls auf und folgte Simon hinaus auf den Flur.

Dort angekommen sah er mich an. »Ist alles klar zwischen uns?«, wollte er wissen.

Ich zuckte mit den Achseln. »Weshalb hast du mir diese ganze Geschichte verheimlicht, die du dir für die Band ausgedacht hast?«

»Das war nicht ich, sondern die Plattenfirma. Aber ich muss dabei mitspielen und weil ich dich kenne, habe ich dir diesen Teil des Deals verschwiegen. Du hättest das niemals unterstützt.«

»Aber ich muss dir vertrauen, Simon! Was ist nur los mit dir? So kenne ich dich gar nicht. Ich meine, du managst Burnside Close seit einigen Jahren, doch Worte wie gerade eben habe ich noch nie aus deinem Mund gehört.«

Simon stemmte die Hände in die Hüften. »Ich werde alt, Al.« Seine Augen bohrten sich in die meinen. »Du verstehst das vielleicht nicht, aber dieses Geschäft frisst dich auf. Es raubt dir deinen Idealismus. Ich werde das nicht mehr lange durchhalten können und deshalb will ich, dass meine Rente gesichert ist, begreifst du das? Das bin ich meiner Frau und meinen Kindern schuldig. Und mir selbst. Ich brauche das Geld, um mir meinen Lebensabend zu finanzieren und dafür muss ich Erfolg haben. Burnside Close machen ihr Ding, die verbiegen sich für niemanden, aber diese Jungs dort drinnen …« Er deutete auf die verschlossene Tür. »… die wollen nichts außer Ruhm. Die wollen sich verbiegen, nur um ihre Gesichter in der Zeitung zu sehen, glaub mir. Und das Label braucht genau solche Leute. Infernality Rises wird ein Knaller auf dem Markt, das garantiere ich dir.«

Ich biss mir auf die Unterlippe, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Einerseits verstand ich Simon, andererseits hatte ich das Gefühl, dass wir gerade dabei waren, eine Herde Lämmer an die Löwen zu verfüttern.

»Das Musikbusiness ist nicht immer eitel Sonnenschein«, hörte ich Simon sagen und sah auf. Er blickte mich beinahe flehend an. »Dieses Label ist riesig. Es ist eines der größten am Markt und wir haben die Chance, bei diesem Deal richtig abzusahnen. Bist du dabei, Al? Kann ich auf dich zählen?«

Ich zögerte. War es das, was ich wirklich wollte?

»Ich brauche deine Unterstützung, Al, ohne dich schaffe ich das nicht.«

»Okay.« Ich schlug ein und dachte daran, dass Simon mir in der Vergangenheit mehr als eine Chance gegeben hatte. Er bedeutete mir viel und weil mir nicht wohl bei dem Gedanken war, dass Simon sich gerade selbst verkaufte, wollte ich ihn nicht im Stich lassen.

»Danke!« Er umarmte mich und ließ mich nicht mehr los.

»Wir kriegen das hin«, hörte ich mich sagen und war mir bewusst, dass ich mir damit selbst Mut zusprach.

»Alles klar.« Simon drückte mir einen Kuss auf die Stirn. »Ich muss los. Wir hören uns.«

»Ja, bis dann.« Ich sah ihm hinterher und fühlte mich noch unwohler als vor unserem Treffen.

 

Am darauffolgenden Sonntag saß ich um Mitternacht im Studio, den Kopf in den Armen vergraben. Simon war bereits einige Stunden nach unserem Gespräch wieder abgeflogen und hatte mich und die Band zurückgelassen. Seitdem hatten wir das Studio quasi nicht mehr verlassen. Ich fühlte mich ausgelaugt. Um mich herum herrschte Ruhe, nur meine Ohren summten und in meinem Kopf hörte ich das Echo des Songs, den wir den Tag über aufgenommen hatten. The Abyss In Your Eyes sollte die erste Singleauskopplung werden. Rob hatte recht, das Lied war Durchschnitt. Liebliche Synthie-Sphären und abgedämpfte Powerchords ließen keine Spannung entstehen. Es war farblos, tot und marktkonform. Eben das, was DiscDog Records haben wollte.

Die Jungs waren bereits gegangen und ich war froh, allein zu sein. Es machte mich fertig, in ihre emotionslosen Gesichter zu blicken, wenn sie ihre Lieder ohne jegliche Motivation auf die vorgegebene Art und Weise zum Besten gaben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand solche Art von Musik hören wollte. Für mich besaß sie keine Seele. Es waren Songs für die breite Masse, für das Radio oder einen TV-Spot, aber nichts, was einen bewegte, einem eine Gänsehaut bescherte oder einen derart inspirierte, dass plötzlich ein ganzer Film im Kopf ablief. Ich holte tief Luft. Das war nicht das, was ich von Dad gelernt hatte.

»Hey!«

Ich fuhr herum. Rob stand hinter mir, ein Sixpack Bier unter seinem Arm.

»Was tust du denn hier?«, fragte ich und unterdrückte ein Gähnen.

»Wir hatten seit Simons Abreise gar keine Zeit zum Quatschen.« Er stellte das Bier auf einen Hocker und sah mich unschlüssig an.

»Ich habe auch nicht gedacht, dass du quatschen willst.«

»Na ja, es lief nicht alles nach Plan.«

»Du wolltest mich ausbooten, um mit Simon dein Ding durchzuziehen. Außerdem hast du mich angelogen. Redest du davon?«

»Ja.« Rob fuhr sich durch die Haare. »Und es tut mir leid. Das war nicht richtig von mir.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Warum sollte ich dir das glauben, Rob? Ich werde das Gefühl nicht los, dass du immer versuchst, das Beste für dich rauszuholen. Erst war es Simon, nun bin ich es.«

»Hier!« Rob warf mir eine Bierdose zu. Ich fing sie auf, öffnete sie und nahm einen großen Schluck. Dabei beobachtete ich ihn.

»Ich wollte dich ausbooten«, gab er unumwunden zu. »Weil ich es satthatte, dass du uns in dieses Schema presst.«

»Wie du gehört hast, war das nicht meine Idee. Ihr kanntet die ganze Geschichte. Ich nicht.«

»Das weiß ich ja, aber ich dachte, wenn ich es schaffe, dass Simon unsere Songs hört und nicht diesen weichgespülten Scheiß, dann erinnert er sich wieder daran, warum er uns unter Vertrag genommen hat. Ich hatte gehofft, dass er die Plattenfirma vielleicht überzeugen kann. Egal, es hat nicht funktioniert.«

»Hm.« Ich starrte auf das Mischpult. »Und was ist nun eure wahre Geschichte?«

»Du meinst die, die Simon für zu langweilig hält?« Rob grinste schief. »Die ist schnell erzählt. Ich wollte schon als Kind Rockstar werden. Andere liefen mit Schwertern herum oder spielten Cowboy und Indianer, aber ich habe auf meinem Keyboard rumgehauen, habe mir Gel in die Haare geschmiert und die Lederjacken meines Vaters angezogen. Ich wollte berühmt werden, bejubelt und umschwärmt. Weil ich nicht gerade ein begnadeter Sänger bin, habe ich irgendwann angefangen, mir Jungs zu suchen, die ebenfalls berühmt werden wollten. Wir gründeten eine Band und das war’s auch schon. Im Grunde kennen wir uns alle gar nicht wirklich.«

Ich musste lachen. Das war in der Tat keine herzzerreißende Geschichte. »Aber ihr habt es geschafft, Simons Aufmerksamkeit zu erregen. Egal was einst die Beweggründe waren, diese Band zu gründen. Ihr habt einen sehr eigenen Stil, der den Leuten gefällt.«

»Den wir mehr und mehr aufgeben.« Rob leerte seine Bierdose und griff nach einer weiteren.

»Dafür habt ihr die Chance, berühmt zu werden. Das ist es doch, was du willst, oder?«

Rob sah mich an. »Ich mache mir keine Gedanken darüber, was andere von mir denken. Ehrlich gesagt war es mir am Anfang scheißegal, was Simon von uns verlangt hat. Ich wollte mit der Band nur in die Charts aufsteigen. Aber dann habe ich dir die Geschichte von meinem angeblich toten Vater erzählt und es fühlte sich falsch an. Genauso wie die Musik, die wir gerade machen. Wir alle wollen nach oben, doch ich denke, heute ist mir klar geworden, dass ich keine Marionette sein will.«

»Verstehe.« Ich nippte an meinem Bier. »Und jetzt?«

»Keine Ahnung. Ich will den verdammten Vertrag. Ich will auf der Bühne stehen und eine Show abziehen, aber gleichzeitig vermisse ich die Zeit, in der wir in meiner Garage geprobt haben. Mein Vater mag nicht tot sein, doch er ist abgehauen und die Band hat mir dabei geholfen, wieder an etwas zu glauben. Es hat gutgetan, als wir einfach nur wir selbst waren. Ohne die übergestülpte Hülle einer Illusion. Das ist alles. Vielleicht gewöhne ich mich mit der Zeit daran. Was denkst du?«

Ich verzog den Mund. »Darin habe ich keine Erfahrung. Ich bin noch nicht lange genug im Geschäft, um das wirklich beantworten zu können. Aber eines weiß ich: Mein Dad hätte sich niemals auf so einen Deal eingelassen. Er war immer davon überzeugt, dass Musik von Herzen kommen muss. Deshalb muss ich mich auch erst an diese Art des Managements gewöhnen.«

»Man sagt, dein Dad sei eine Legende gewesen. Was hätte er uns wohl geraten?«

»Er hätte dafür gesorgt, dass ihr auf dem Boden bleibt. Er hielt Ruhm für gefährlich, hat immer gesagt, er würde einem den gesunden Menschenverstand vernebeln und einen an den Abgrund führen. Deshalb hätte er wohl auch nicht zugelassen, dass ihr allzu schnell die Charts stürmt. Aber das ist etwas, was man sich heute nicht mehr leisten kann.«

Wir schwiegen eine Weile, bevor Rob wieder das Wort ergriff: »Ich kann dir nicht versprechen, dass mit uns immer alles glatt läuft, Al. Du bist manchmal wirklich extrem anstrengend.« Er lachte leise. »Doch nach all dem, was vorgefallen ist und was jetzt noch auf uns als Band zukommen wird, bin ich froh, dass du da bist. Ich will nicht unbedingt auf dem Boden bleiben, aber ich will auch den Gedanken nicht aufgeben, dass wir nur bezahlte Affen eines Plattenlabels sind.«

Ich runzelte die Stirn. »Das wird ein ziemlicher Spagat werden, das garantiere ich dir.«

»Dann lass uns darauf trinken, dass wir nicht abstürzen.« Er hielt mir seine Bierdose entgegen und ich stieß mit ihm an.

»Auf Infernality Rises und die Versuchungen des Ruhms«, sagte Rob und ich hatte keinen Zweifel mehr daran, dass die nächsten Wochen und Monate auch mich an den Rand des Abgrunds bringen konnten.

Chapter 3

We see the distance in your eyes and hope for a sign of true advice. Is this a game, are we all playing in disguise?
(Burnside Close, »Distance«)

Die Boeing der American Airlines dockte am Gate an und ich wurde zappelig. Miami. Ich war wieder zu Hause! Endlich. Draußen kündete ein wolkenloser Himmel von einem wundervollen Tag und ich konnte es kaum erwarten, das Flugzeug zu verlassen.

Morris wollte mich abholen und ich musste mich beherrschen, nicht sämtliche Passagiere zur Seite zu schubsen, um als Erste in der Schlange zu stehen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Stewardess die Flugzeugtür öffnete und sich die Karawane der bereits wartenden Menschen in Bewegung setzte. Ungeduldig folgte ich dem Strom zur Gepäckausgabe. Dort angekommen schielte ich zu den Glastüren am Ausgang, um Morris zu entdecken.

Und wirklich, da stand er! Ich erblickte seine große Gestalt, die Sonnenbrille, die seine dunklen Augen verbarg, und die dunkelblonden Haare, die er nun deutlich kürzer trug, als zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens vor sieben Jahren. Vor Nervosität bekam ich ganz feuchte Hände. Wir hatten uns vier Wochen nicht mehr gesehen und ich verging beinahe vor Sehnsucht nach ihm. Hastig riss ich meinen Koffer vom Band und rannte mehr als dass ich ging auf die großen Schiebetüren zu.

Er stand direkt hinter der Absperrung und ich warf mich mit einem glücklichen Quietschen in seine Arme.

»Al«, murmelte er in meine Haare. »Du erdrückst mich!«

Ich lachte und küsste ihn. Dabei hielt er meinen Kopf mit beiden Händen fest. Erst als einige Leute neben uns anfingen, dumme Bemerkungen zu machen, lösten wir uns voneinander und er setzte die Sonnenbrille ab.

Sein Gesicht war so vertraut, seine Augen so warm und sein Lächeln entließ einen kribbelnden Wasserfall in meinem Inneren, der sich über meinen Rücken bis hinunter zu meinen Füßen zog.

»Ich habe dich vermisst«, flüsterte ich.

»Und ich dich erst!« Er küsste mich erneut, bevor er seinen Arm um mich legte und wir eng umschlungen durch die Empfangshalle gingen.

»Mein Koffer!« Ich schlug mir gegen die Stirn. Vor lauter Wiedersehensfreude hatte ich den völlig vergessen.

Rasch lief ich zurück, um ihn zu holen. Morris strahlte über das ganze Gesicht, als ich zu ihm zurückkehrte.

»Was ist?« Ich konnte nicht aufhören, ihn anzusehen.

»Ich liebe dich, Al. Du bist mir so viel wichtiger als meine Gitarren«, sagte er.

»Oh mein Gott!« Ich gab mich gespielt verzückt. »Das ist das Schönste, was du mir je gesagt hast. Sperrst du mich dann auch demnächst in einen Schrank, damit ich nicht einstaube oder mich jemand klaut?«

»Das sollte ich tun!« Er zog mich erneut in seine Arme und hob mich hoch, sodass mein Gesicht über dem seinen schwebte. »Ich halte dieses Getrenntsein von dir nicht länger aus. Ich werde mit Simon sprechen. Du musst wieder mehr für Burnside Close arbeiten.«

»Ja.« Ich küsste seine Unterlippe und saugte mich kurz daran fest. »Darüber müssen wir reden. Es gibt da einiges, was ich dir noch nicht erzählt habe.«

Morris setzte mich ab und sah mich mit gekrauster Stirn an. »Was ist los?«

»Nicht jetzt«, wiegelte ich ab. »Ich bin so froh, wieder bei dir zu sein und das möchte ich nicht mit Themen über unsere Arbeit zerstören. Lass uns nach Hause fahren.«

Es tat gut, es auszusprechen. Unser Zuhause. Das Wort zerging mir förmlich auf der Zunge. Nur Morris und ich. Für drei Tage. Anschließend musste ich zurück nach Los Angeles. Aber das konnte und wollte ich Morris noch nicht erzählen.

»Okay.« Er nahm mir den Koffer ab. Das Lächeln wich nicht aus seinem Gesicht.

»Du hast doch was«, bohrte ich neugierig nach.

»Ja, aber es hat mit der Arbeit zu tun und darüber wolltest du nicht reden.«

»Jetzt sag schon!« Ich knuffte ihn die Seite.

»Das Loudwire Magazine hat mich zum Sänger des Jahres gewählt. Kannst du das glauben?«

»Im Ernst?« Ich fiel ihm um den Hals. »Das ist ja Wahnsinn! Ich gratuliere dir. Mann, bin ich stolz auf dich!«

»Ja, ich habe es erst gestern erfahren. Und außerdem werden wir im April auf dem Coachella Festival auftreten. Ich meine, hey, dort feiern Guns N’ Roses dieses Jahr ihre Wiedervereinigung. Und wir werden dort ebenfalls auf der Bühne stehen! Ich kann es noch gar nicht glauben.«

»Da muss ich dabei sein, das ist ja der Hammer! Was sagen die Jungs dazu?«

»Du wirst sie heute Abend treffen. Sie haben uns den Tag freigegeben, aber sie meinten, die Nacht gehöre ihnen.«

»Oh nein!« Ich stöhnte gequält auf. »Ich bin so müde. Ich dachte, ich könnte hier etwas schlafen.«

»Tut mir leid, Baby.« Morris biss zärtlich in mein Ohrläppchen. »Schlafen lassen werde ich dich mit Sicherheit nicht.«

Ich kicherte und folgte ihm hinaus auf den Parkplatz. Kurze Zeit später standen wir vor Dads schwarzem 67er Chevi Camaro SS. Er hatte ihn mir nach seinem Tod vererbt, aber weil ich eine Weile nicht wusste, wo ich leben und was ich in Zukunft tun wollte, hatte ich ihn den Mitgliedern von Burnside Close überlassen. Inzwischen fuhren ihn jedoch Morris oder ich. Der vertraute Geruch des Autos, als ich in den Beifahrersitz sank, gab mir ein zusätzliches Gefühl von Heimat. Im Inneren dieses Wagens hatte ich mir jede Sommerferien Dads Schwärmereien über eine seiner Bands angehört. Doch dass es mich eines Tages wie ein Blitz treffen würde, das hatte ich nicht geahnt. Jener Sommer, in dem ich Morris und die Jungs von Burnside Close getroffen hatte, hatte mein Leben verändert.

Gedankenversunken nahm ich Morris’ Hand und lauschte mit geschlossenen Augen, wie er den V8-Motor startete. Durch die geöffneten Fenster wehte warme Luft herein. Ich atmete tief durch und verdrängte die störenden Gedanken an meine Zeit in Los Angeles. Für drei Tage gab es nur Morris, mich und Burnside Close.

 

»Al!« Kaum trat ich am späten Abend durch die Tür der Bar, in der wir uns verabredet hatten, sprangen die Jungs von ihren Stühlen.

Ich spürte, dass Morris mich vor sich herschob und es gelang mir nicht, in Deckung zu gehen, bevor Matt, Sean und Brad mich wie Abwehrspieler beim Football zu Boden warfen.

»Ihr seid völlig irre«, keuchte ich unter ihrem Gewicht, ehe ich hochgezogen und in die Luft geworfen wurde. So war das immer. Ich war der Glücksbringer der Band, auch wenn sie mich manchmal wie ein ausgestopftes Maskottchen behandelten.

»Not seen for a long time«, hörte ich Matt sagen, der mir die Haare zerzauste. Ich schlug um mich und traf Sean versehentlich im Gesicht. Mit gespielter Dramatik sackte er in sich zusammen.

»Rache!« Brad umarmte mich von hinten und schnürte mir dabei beinahe die Luft ab.

»Lasst mich los, ihr Wahnsinnigen!«, protestierte ich lachend.

»Das kommt davon, wenn du uns so lange alleine lässt!« Matt küsste mich auf die Stirn und Brad tat es ihm gleich.

Sean hing derweil ächzend an meinem Arm und redete unverständliches Zeug. »Wir können nicht ohne dich leben«, nuschelte er. »Wenn du nicht bei uns bist, dann wollen wir sterben.«

Morris grinste und bot seinem Kumpel die Hand, um ihn auf die Beine zu ziehen. »Ihr habt es ihr nun klar und deutlich gesagt«, murmelte er und sein Blick fand den meinen. »Wir vermissen dich.«

»Oh Jungs, kommt her!«, rief ich gerührt und zog alle in meine Arme. Innerhalb kürzester Zeit führte das zu einer erneuten Balgerei. So sentimental die vier sein konnten, umso alberner versuchten sie anschließend, die Situation wieder zu neutralisieren.

»Setz dich.« Matt deutete auf den Tisch, an dem sie gesessen hatten, bevor Morris und ich in die Bar gekommen waren. Die meisten Gäste sahen belustigt zu uns herüber. Bei so viel Tumult fragten sie sich vermutlich, wer ich eigentlich war.

»Hey, noch eine Runde Bier!« Sean winkte dem Kellner und sank auf den Stuhl neben mir. »Was gibt’s, Al? Warum warst du so lange in L.A.?«

»Komplizierte Geschichte«, wich ich aus. »Lasst mich doch erst mal hören, was es bei euch Neues gibt. Wie kommt ihr mit den Songs voran?«

Mehr musste ich gar nicht sagen, denn schon redeten alle durcheinander. Lächelnd versuchte ich, ihren Ausführungen zu folgen.

»Wir wissen noch nicht, in welche Richtung es geht. Es kann einfach alles werden, Al.« Brads Augen leuchteten.

»Wir haben tonnenweise Ideen. Beim letzten Album war es ein Geistesblitz nach dem anderen, aber dieses Mal werden wir von den ganzen Erfahrungen förmlich überflutet, die wir bei unseren ersten beiden Alben sammeln konnten«, erklärte Matt.

»Wir wollen Metal, Hardrock und Alternative perfekt miteinander verbinden. Fette Riffsalven und wuchtige Rhythmen. Unsere Fans sollen von Anfang an den Sturm fühlen, der in uns tobt.« Sean zeigte mir mit Zeige- und kleinem Finger die Metal Fork.

»Wir werden drei bis vier Monate brauchen, um alles auszuleben und zu entscheiden, wie das neue Album aussehen wird. Bis dahin musst du dich unbedingt mit unseren Fanartikeln beschäftigen, Al. Wir wollen mehr Erlebnisse für unsere Fans. Meet & Greet-Aktionen, signierte Instrumente, die wir bei den Aufnahmen verwenden, handgeschriebene Songtexte, all so was. Am besten, wir versteigern einige der Dinge im Vorfeld, um zusätzlich Geld für die Tonaufnahmen zu bekommen. Das Label wird nicht alles finanzieren.« Matt lehnte sich zu mir herüber. »Wir brauchen dich jetzt mehr denn je in der Band. Ich hoffe, du weißt das.«

Mir wurde flau im Magen. Ich hatte Simon und Rob ein Versprechen gegeben, auch wenn ich nicht wusste, ob ich mir damit selbst einen Gefallen tat.

»Alles okay?«, fragte Sean, der meinen starren Blick bemerkte.

»Ihr solltet über lebenslange VIP-Pässe nachdenken«, schlug ich vor, um von meinem Zögern abzulenken. »Ich weiß, dass es Fans gibt, die bereit wären, einiges dafür zu bezahlen. Wir sollten dann nur definieren, was ein derartiger Pass beinhaltet.«

»Genau solche Ideen brauchen wir!« Matt hob seine Hand und ich schlug ein.

Der Kellner brachte das Bier und fragte, ob wir etwas zu Essen bestellen wollten. Nach einem kurzen Blick in die Karte entschied ich mich für einen Cheeseburger. Das Gespräch der Jungs drehte sich derweil um ihre Instrumente und ich lehnte mich zurück, um sie zu beobachten. Es war lange her, dass ich sie bewusst angesehen hatte.

Da gab es Matt Tormani, er war der Gitarrist der Band und einfach ein toller Kumpel. Ich liebte ihn. Selbstverständlich nicht so, wie ich Morris liebte, aber er war mir unglaublich wichtig. Das ging mir allerdings nicht allein so. Mit seinen dunklen Haaren, den braunen Augen und dem durchtrainierten, tätowierten Körper hatte er vermutlich die meisten Fans. Regelmäßig erreichten uns tonnenweise Liebesbriefe für ihn, Fan Art oder Schlüpfer in jeglicher Form. Es war unglaublich, was Leute alles in Briefumschläge stopften, um es an jemanden zu senden, den sie eigentlich gar nicht kannten.

Dann gab es Brad Mayfield, den Bassisten. Er war ein ewig gut gelauntes Gummibärchen, das für die Bühne geboren worden war. Und für die Frauen. Seinem Charme konnte keine widerstehen und das wusste er. Momentan trug er seine hellbraunen Haare schulterlang, aber das konnte sich jederzeit ändern, denn er wechselte seine Frisuren so schnell wie seine Freundinnen. Ich vergötterte Brad, er war Ecstasy fürs Gemüt.

Der Dritte im Bunde hieß Sean Pitt. Er war der Drummer von Burnside Close und ein kleines Sensibelchen. Mit seinen pummligen Wangen und den rotblonden Locken sah er auf den ersten Blick nicht wie ein Rocker aus. In Gesellschaft war er eher wortkarg, auf der Bühne ging er dagegen ab wie eine Rakete. Dass seine Drumsticks keine Funken sprühten, wenn er sie durch die Luft peitschte, war ein Wunder. Es hatte ein Weilchen gedauert, bis ich mich mit ihm angefreundet hatte, aber mittlerweile wollte ich ihn nicht mehr missen. Er war der Ruhepol von Burnside Close und definitiv der Vernünftigste von uns allen.

Seit dem Tod meines Vaters war die Band meine Familie. Ich liebte ihre Musik, ihre verrückte Art, und ich wünschte mir nichts mehr, als ein Teil von ihnen zu sein. Ich glaubte an ihren Erfolg, hatte es immer getan, aber ich nahm auch meinen Job für Infernality Rises ernst, obwohl mir nicht gefiel, in welche Richtung er sich gerade entwickelte. Was sollte ich also tun?

»Du bist so still, Al. Was ist los?« Matt runzelte die Stirn und mir wurde bewusst, dass die Jungs mich zu gut kannten, als dass ich mich allzu lange vor ihnen verstellen konnte. Dennoch wollte ich zuerst mit Morris über die ganze Situation sprechen. Seine Meinung war mir sehr wichtig.

»Ich bin müde«, log ich deshalb und gähnte halbherzig.

»In diesem Fall wird es Zeit, dass wir dich aufwecken.« Sean klatschte in die Hände. »Wenn wir gegessen haben, fahren wir zu Brad. Er hat einen schalldichten Übungsraum für uns eingerichtet, den du noch nicht gesehen hast. Außerdem musst du dir unbedingt unsere Songideen anhören.«

»Alles klar.« Ich bemühte mich um Begeisterung und sah mit Erleichterung, dass der Kellner mit dem bestellten Essen zu unserem Tisch eilte.

Sofort nahm die Konversation wieder ihren Lauf und ich beteiligte mich lebhaft daran, um mein schlechtes Gewissen zu unterdrücken, das immer stärker wurde, je länger ich mit den Jungs zusammen war.

Kaum ließ ich meine Serviette auf den Teller fallen, sprangen alle auf.

»Los, komm!« Matt zog mich auf die Beine. »Wir spielen dir jetzt ein paar Schlafliedchen vor.«

Ich lachte und folgte den Jungs nach draußen, während Morris die Rechnung für alle beglich. Als wollte er mich entführen, zerrte mich Matt in Brads alten Transporter, einen GMC Van, der mit jedem Mal klappriger anmutete, wenn ich ihn sah. »Morris weiß, wohin er muss. Ich will jetzt endlich wissen, was mit dir los ist«, flüsterte er in mein Ohr.

Ich winkte Morris noch kurz zu, der aus der Bar trat, bevor sich die Schiebetür hinter Matt und mir schloss. Brad sprang hinters Steuer und Sean hechtete neben ihn auf den Beifahrersitz. Sie fuhren derart abrupt los, als seien sie tatsächlich auf der Flucht. Resigniert drehte ich mich zu Matt um und sah ihn an.

»Was willst du wissen?«, fragte ich.

Matt runzelte die Stirn. »Was ist in L.A. passiert?«

»Ich will nicht drüber reden«, murrte ich. »Sicher ist es das normale Leben im Musikbusiness. Ich muss mich nur noch daran gewöhnen.«

»Al!«, mahnte Matt und ich biss mir auf die Unterlippe. Ich hatte vergessen, dass mich Matt beinahe so gut kannte wie Morris. In der Vergangenheit hatte es einmal einen Moment zwischen uns gegeben, der etwas verfänglich gewesen war. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich Morris von mir gestoßen und in meiner Verwirrung geglaubt, dass meine Freundschaft zu Matt mehr war. Am Ende konnten wir die Situation klären, doch eine besondere Verbundenheit war geblieben.

»Ich wollte die ganze Sache erst mit Morris besprechen, aber alles in allem habe ich einige Erkenntnisse erlangt, die mich erschüttert haben, Matt. Simon tut Dinge, die ich so nicht von ihm erwartet hätte. Und auch Infernality Rises sind nicht das, was ich geglaubt habe. Trotzdem fürchte ich, dass ich da jetzt durch muss. Es ist mein Job.«

»Und der beinhaltet was?«

»Dass ich Infernality Rises weiterhin vor Ort betreue. Diese Jungs kann man nicht alleinlassen und die Plattenfirma hat gewisse Erwartungen an sie.«

»Hat sich Simon von diesem Label kaufen lassen?«, hakte Matt nach.

Ich nickte unsicher. »Ich glaube schon. Aber ich will ihn nicht hängen lassen.«

»Das ist ein gefährliches Spiel, Al. Sei vorsichtig.« Er nahm mich in den Arm und ich lehnte meinen Kopf gegen seine Schulter. »Wenn das Plattenlabel Simon und die Band wegen ausbleibenden Erfolges fallen lässt, dann ist deine Reputation ebenfalls angekratzt. Das solltest du wissen, bevor du dich darauf einlässt.«

»Simon zählt auf mich, was soll ich denn tun?«

»Du bist zu gut für diese Welt, Al.« Grinsend lehnte er seine Stirn gegen die meine. »Aber wir sind für dich da. Rede mit Morris, dann sehen wir weiter. Wir finden eine Lösung.«

»Danke.« Ich sah ihn an und zog meine Nase kraus. »Ich habe geglaubt, es sei kindisch, dass ich ständig bei euch sein will. So eine Art Abhängigkeit nach Dads Tod, irgendeine Flucht aus dem Alltag, keine Ahnung, aber ihr seid meine besten Freunde.«

»Das wissen wir doch.« Er lehnte sich zurück und sah zufrieden aus. »Ich bin froh, dass du mir immer noch vertraust.«

»Warum sollte sich das ändern?«

Er grinste geheimnisvoll.

»Was ist los?«, bohrte ich, neugierig geworden nach, doch Matt ließ mich zappeln.

»Matt!«

»Ich werde heiraten.«

Überrascht schlug ich mir die Hände vor den Mund, bevor ich zu quietschen begann. »Das ist nicht dein Ernst! Hast du Deborah einen Antrag gemacht?«

»Schon letzten Monat. Und sie hat Ja gesagt. Ich kann es noch immer nicht glauben.«

Ich strampelte aufgedreht mit den Beinen. »Wie aufregend!« Wir umarmten uns. »Ich freue mich so für dich! « Ich meinte es ehrlich und wedelte nun hektisch mit den Armen vor seinem Gesicht herum. »Wann werdet ihr heiraten? Und wo? Erzähl, erzähl!«

»Wir sind gerade mitten in der Planung. Deborah ist der Ansicht, ich sei sicher entspannter, wenn unser Album fertiggestellt wäre, deshalb fassen wir den Herbst ins Auge. Wir dachten an Costa Rica. Da waren wir zum ersten Mal gemeinsam im Urlaub.«

»Wie schön! Und? Bin ich eingeladen?«

»Natürlich nicht«, scherzte Matt und warf eine leere Bierdose nach mir, die unbeachtet auf dem Boden gelegen hatte. »Morris wird mein Trauzeuge. Und du wirst Brautjungfer. Keine Widerrede!«

»Wahnsinn, ich freue mich so für euch!«

Wir umarmten uns erneut und wurden plötzlich nach vorn geworfen, als Brad den Transporter unvorhergesehen zum Stehen brachte.

»Hört auf zu schmusen«, rief er zu uns nach hinten. »Wir sind da. Steigt aus! Morris ist hinter uns hergefahren, als sei er ein Cop. Wenn er euch so erwischt, gibt’s Ärger.«

Lachend drängten wir aus der Seitentür. Direkt in Morris’ Arme.

»Was soll das?« Er deutete einen Kinnhaken in Matts Richtung an. »Du entführst mir meine beste Gitarre. Auf keiner kann ich so spielen wie auf ihr.«

Es entwickelte sich ein Scheingefecht, in dem Matt irgendwann von Morris in den Schwitzkasten genommen wurde. Beide keuchten und johlten und ich verfolgte die Albernheit mit hochgezogenen Augenbrauen und vor der Brust verschränkten Armen. In der Nachbarschaft begannen die Hunde zu bellen und bald schrie jemand, dass um Mitternacht gefälligst Ruhe zu herrschen habe.

Brad machte dem Kampf ein Ende, indem er Morris und Matt an den Ohren mit sich ins Haus zog. »Ich will hier noch länger wohnen«, ermahnte er sie.

Ich betrat das Haus als Letzte und begrüßte sofort Brads Hund, der schwanzwedelnd um uns herumlief. Es war ein Staffordshire Terrier mit dem Namen Warrior. So gefährlich wie er aussah, so gutmütig war er und schleckte mir von oben bis unten das Gesicht ab.

»Hey, Brad.« Seine On-Off-Beziehung Stacy kam um die Ecke. Momentan waren sie wieder On, aber bei Brad war es meistens nur eine Frage der Zeit, bis er einen Seitenblick zu viel riskierte und Stacy den Beziehungsstatus zu Off änderte.

»Hey!« Wir umarmten uns. Ich kannte Stacy schon länger und mochte sie. Sie war der Typ Pamela Anderson, the next generation, platinblond, vollbusig und schmolllippig.

»Wie geht es dir?«, fragte sie und ich registrierte, dass sie ausnahmsweise einmal nicht zentimeterdick geschminkt war und erfrischend natürlich aussah.

»Alles gut«, erwiderte ich und folgte Brad und den anderen in einen Nebenraum.

»Übt ihr noch?«, wollte Stacy wissen und küsste Brad so lange, dass wir alle grinsen mussten.

»Ein bisschen, aber dann bin ich bei dir, Baby«, flötete Brad und gab seiner Freundin einen Klaps auf den Hintern, bevor sie den Raum verließ.

»Widerlicher Macho«, murmelte ich und Brad streckte mir die Zunge heraus.

»Rock’n’Roll, Al«, erwiderte er nur, als wäre damit alles geklärt.

Ich ließ mich auf ein durchgesessenes Sofa plumpsen, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sagte: »Dann mal los, ihr Rocker, beweist mir, dass euer Gerede nicht bloß heiße Luft gewesen ist.«

Die Jungs lachten und machten ihre Instrumente bereit. Es folgten die üblichen schiefen Klänge, bevor sich Morris mit seiner Gitarre ans Mikro stellte.

»Lauscher auf, Al«, scherzte er, dann zählte er die Band an, und ich schloss die Augen, um die Musik besser wirken zu lassen.

»Der Song heißt Distance, ich habe dir schon von ihm erzählt. Achte nicht zu sehr auf den Text, wir experimentieren noch. Auch die Melodie ist noch wenig ausbalanciert. Fühl es einfach.«

Es folgte ein ruhiges Akustik-Intro, durchbrochen von Morris’ charakterstarkem Gesang. Beinahe gespenstisch glitten die Töne durch den Raum, bis sich Tempo und Intensität plötzlich änderten. Matts Riffs untermalten Seans pulsierende Drums und formten ein Lied, das dynamisch und überraschend war. Der druckvolle Metal steigerte sich immer mehr und explodierte schließlich in einem eingängigen Refrain: We see the distance in your eyes and hope for a sign of true advice. Ich öffnete die Augen und bemerkte Morris’ Blick. Er zwinkerte mir zu und ich nickte anerkennend.

»Wow!«, johlte ich, als die letzten Töne verklungen waren, und klatschte in die Hände. »Eure Leads brennen ein hübsches Feuerwerk ab. Das ist der pure Wahnsinn!«

»Dann hör dir das hier an!«, rief Matt und griff in die Saiten, um sie aufheulen zu lassen. »Der Song kracht noch mehr.«

Es folgte ein heroisches Riff-Gewitter, das definitiv die Grenze zum Metal überschritt, aber durch seine Komplexität beinahe wie eine Hymne anmutete. An diesen Song schloss sich eine ruhige, tiefschwarze Blues-Nummer an, die ich von Burnside Close so überhaupt nicht erwartet hatte, bevor eine leidenschaftliche Hardrock-Ballade den Abschluss bildete.

Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte und beobachtete die Jungs dabei, wie sie ihre Instrumente ablegten. Nacheinander fielen sie neben mir aufs Sofa.

»Und?«, fragte Sean nach einer Weile des Schweigens. »Was sagst du, Al?«

»Ich bin total geflasht!« Ich sprang auf und lief durch den Raum, weil ich vor Begeisterung nicht mehr stillsitzen konnte. »In jedem Ton spürt man euer Herzblut. Das ist wirklich mutiges, komplexes Songwriting, Jungs. Mal knallt ihr rein und mäht alles nieder, dann überrascht ihr durch feines, melodisches Verständnis, bei dem der Gesang klar und leidenschaftlich im Vordergrund steht. Ihr habt echt ein Niveau erreicht, das mich fasziniert. Damit werdet ihr euch von all dem emanzipieren, was ihr vorher gemacht habt. Einfach Wahnsinn! Ich frage mich nur …«, ich hielt inne und alle sahen mich erwartungsvoll an, »… ihr wart bisher mehr im Alternative-Bereich unterwegs, aber das hier ist eine andere Nummer. Ihr zeigt vermehrt eure Metal-Seite und ich frage mich, was die Fans davon halten werden. Mit diesen Songs wollt ihr nicht unbedingt gefallen, sondern ihr veranschaulicht, was ihr draufhabt. Ihr verliert euch bisweilen in Gitarrensoli, verwendet ein komplexes kompositorisches Muster, das ihr geradezu auslebt. All das wirkt, als wolltet ihr sagen: Seht her, die Alternative Rock-Schublade ist inzwischen viel zu klein für uns, wir sind für etwas Größeres geboren. Die Frage ist, ob die Radiostationen Songs mit einer Länge von fast sechs Minuten spielen werden.«

»Sicher nicht«, gab Matt zu. »Geben wir uns keiner Illusion hin, auch wir wollen so viele Platten wie möglich verkaufen. Dafür werden wir den ein oder anderen kommerziellen Track mit aufs Album nehmen, aber in erster Linie wollen wir unser Ding durchziehen und die Musik machen, die uns am Herzen liegt. Wir verbiegen uns ganz sicher nicht für irgendwelche Radiostationen oder die Airplay-Charts.«

»Das ist gut.« Ich rieb mir die Stirn.

»Was ist los, Al? Warum bist du auf einmal so vorsichtig?«, wollte Brad wissen.

Ich fing Matts Blick auf und wich ihm aus. »Ich denke nur an euren Verdienst«, spaßte ich.

Morris stand auf, gab mir einen Kuss und holte seine Gitarre. »Du hast nun die ersten Songs gehört, Al, und ich bin gespannt, was du zu dem Rohmaterial sagst, das wir sonst noch auf Lager haben.«

Brad langte nach einigen Zetteln, die hinter ihm lagen, und Matt schnappte sich ebenfalls seine Gitarre.

»Lasst uns ein wenig improvisieren.« Er griff in die Saiten.

Was folgte, war das, weshalb ich mich einst in die Band und in Morris verliebt hatte. Gelebte Musik, ekstatisches Komponieren und dieses Gefühl, eine verschworene Gemeinschaft zu sein. Wir sangen vor uns hin, probierten verschiedene Melodien aus, testeten den Beat, indem wir auf unseren Knien trommelten und lachten viel. Zwischendurch wurden die Ideen schriftlich festgehalten und kaum einer von uns bemerkte, wie die Zeit verstrich.

»Hey, es ist schon halb vier«, sagte Matt irgendwann und gähnte. »Ich muss nach Hause. Deb hat diese Woche Frühschicht. Vielleicht erwische ich sie noch, bevor sie loszieht.«

Matts Verlobte war Krankenschwester und ich fragte mich, wie sie und Matt es schafften, ihre völlig chaotischen Arbeitszeiten unter einen Hut zu bekommen. Aber es schien zu funktionieren, denn immerhin wollten sie heiraten.

»Wir fahren auch, oder?« Morris legte mir einen Arm um die Schulter und zog mich zu sich heran.

»Hm.« Obwohl ich völlig übermüdet in Miami angekommen war, hatte es mir so unglaublich viel Freude bereitet, mit der Band zusammen zu sein, dass ich nun nicht gehen wollte.

»Na komm.« Morris zog mich mit sich und ich winkte allen zum Abschied zu. »Wir sehen uns.«

Wir verließen Brads Haus, stiegen in den Camaro und fuhren in die Nacht hinein in Richtung Kendall, einem Vorort von Miami, wo Morris und ich wohnten. Während der Fahrt sah ich aus dem Fenster und summte einige der Melodien vor mich hin.

»Geht es dir gut, Al?«, erkundigte sich Morris nach einer Weile. »Was hast du mit Matt besprochen?«

Ich drückte seine Hand, da ich einen Anflug von Eifersucht in seinen Worten hörte. »Er hat mir erzählt, dass er und Deb heiraten werden.«

»Das ist alles?«

»Nein, er wollte auch wissen, was mich bedrückt.«

»Und? Hast du es ihm verraten?« Ich sah, dass Morris’ Kiefermuskulatur zuckte. Ein Zeichen dafür, dass er angespannt war.

»Ich habe gesagt, dass ich zuerst mit dir darüber reden will«, beruhigte ich ihn, aber Morris’ Stimmung blieb gedämpft.

»Manchmal bist du verschlossen wie eine Auster, Al! Liegt es an mir? Ich meine, wenn dich etwas bedrückt …«

»Es liegt nicht an dir«, beteuerte ich und gähnte erneut. »Ich bin ein wenig angespannt. Lass uns morgen ganz in Ruhe darüber sprechen.«

Er sah mich an und ich bemühte mich um ein Lächeln. Ich wusste, dass ich manchmal nicht einfach war, wenn es um meine Entscheidungen ging. Ich wollte niemanden verletzen und tat es dann meistens doch.

Als wir vor dem Wohnkomplex hielten, in dem sich unser Apartment befand, dämmerte es bereits. Morris sperrte den Camaro ab und wir stiegen schweigsam die Treppen in den obersten Stock hinauf. Kaum dass die Tür hinter uns zugefallen war, legte Morris seine Arme um mich und wir stellten uns ans Fenster. Vereinzelte Sonnenstrahlen fielen in den Raum.

»Erinnerst du dich an unseren ersten gemeinsamen Sonnenaufgang?«, fragte Morris.

»Wie könnte ich den vergessen?« Ich lächelte. »Wir saßen am Pool von irgendeinem dubiosen Hotel in Orlando und du wolltest mich nicht küssen, weil du Angst vor meinem Dad hattest.«

»Die Zeiten haben sich geändert.« Er gab mir einen intensiven Kuss, den ich bis in jede einzelne meiner Haarspitzen fühlte.

»Ich wünsche mir, dass ich dir dieselbe Stärke geben kann, die du mir schenkst«, murmelte er, den Kopf an meinen Hals gelehnt.

»Oh Gott, das tust du«, seufzte ich und spürte seine Hände unter meinem T-Shirt.

»Dann rede mit mir.« Er zog sich zurück und sah mich an.

»Jetzt?«, fragte ich heiser und blickte in seine ernsten Augen. Er war alles, was ich je gewollte hatte. Seit wir uns das erste Mal begegnet waren, faszinierte er mich.

»Ich liebe dich, Morris, und wenn du reden willst, dann tun wir das.«

Er schien zu überlegen. Doch bevor ich erneut das Wort ergreifen konnte, packte er mich und warf mich aufs Bett. Dann zog er sich sein Shirt über den Kopf und beugte sich über mich.

»Das wollte ich hören«, gestand er und grinste schelmisch. »Aber ich denke, das hat Zeit bis später.«

 

Als ich aufwachte, war es bereits weit nach Mittag. Morris lag neben mir auf dem Bauch, den Kopf in den Armen vergraben. Ich kuschelte mich ganz eng an ihn und genoss seine Nähe. Es tat mir leid, dass ich ihn mit meiner abweisenden Art verletzt hatte. Es war nur so, dass ich mich vor seiner Reaktion fürchtete, wenn ich ihm offenbarte, dass ich zurück nach L.A. musste, anstatt mich komplett auf Burnside Close zu konzentrieren, so wie er und die Jungs sich das wünschten. Dabei hatte ich gehofft, dass mein Leben nie wieder derart kompliziert werden würde, wie es schon einmal gewesen war.

»Bist du wach?« Morris hob den Kopf, um mich zu küssen.

»Ein wenig.« Ich gähnte. »Ich denke schon wieder zu viel nach.«

Morris schwieg und ich wusste, dass er mich nicht noch einmal darum bitten würde, ihm davon zu erzählen.

»Es ist wegen Simon und Infernality Rises. Diese ganze Geschichte ist komplizierter, als ich erwartet hätte.«

»Geht es um das Demo Tape?«

»Damit fing alles an. Simon und ich waren uns uneinig über den Inhalt und dann stellte sich heraus, dass er einige Dinge vor mir verheimlicht hatte. Es gab Absprachen mit dem Plattenlabel, das Infernality Rises unter Vertrag nehmen soll. Die wollen die Band ganz groß rausbringen und sind bereit, eine gigantische Summe Geld in die Hand zu nehmen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine festgesetzte Story, die die Bandmitglieder in die Öffentlichkeit tragen sollen. Dazu gehören eine üble Kindheit, ein verstorbener Vater, dicke Männerfreundschaften und ein Debütalbum voll von Liedern, in denen sie dieses Trauma verarbeiten. Es ist die ganz große Lüge für den ganz großen Erfolg. Und Simon nimmt das einfach so hin. Er redet davon, dass er das Geld braucht, um seinen Lebensabend zu finanzieren. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, Morris.«

»Wow!« Er stützte sich auf den Ellbogen ab und sah mich aufmerksam an. »Warum hast du mir das nie erzählt?«

»Weil ich mir bis vor kurzem selbst nicht darüber im Klaren war, was ich tun soll. Mein Gefühl sagte mir, sofort aus der Sache auszusteigen. Ich will bei euch sein und euren Weg durch meine Arbeit unterstützen. Auf der anderen Seite will ich nicht bei den ersten Schwierigkeiten davonlaufen. Ich mag Simon und ich kann noch immer nicht glauben, dass er sich auf so einen Deal eingelassen hat. Ich möchte ihn nicht hängenlassen. Ebenso wenig wie Infernality Rises. Die Jungs sind jetzt schon so labil, dass sie beim Erfolg völlig durchdrehen würden. Vielleicht tun sie das auch ohne meine Anwesenheit, doch ich hoffe, dass ich sie unter Kontrolle bekomme.«

»Und deshalb wirst du weiterhin in L.A. sein.«

»Ja.« Ich nickte unglücklich. »Aber ich habe Angst, dass das unsere Beziehung gefährden könnte. Ich meine, wir sehen uns kaum mehr …«

»Hör auf mit dem Unsinn!« Morris setzte sich auf und nahm mein Gesicht in seine Hände. »Ich sage es dir nicht zum ersten Mal. Du gehörst zu mir.« Sein Daumen fuhr sanft über meine Unterlippe. »Du erinnerst dich hoffentlich nicht nur an unseren ersten gemeinsamen Sonnenaufgang, sondern auch an all das Chaos, das anschließend folgte. Es hat viel zu lange gedauert, bis wir endlich zusammengekommen sind und ich will nicht mehr, dass Missverständnisse zwischen uns herrschen, verstehst du das?«

Ich nickte und war erleichtert, dass Morris nicht sauer über meine Entscheidung war.

»Wir wussten von Anfang an, dass es schwierig werden wird. Rockmusiker sind nicht gerade bekannt für ihre stabilen Beziehungen. Aber ich will, dass es funktioniert und deshalb müssen wir lernen, miteinander zu reden.«

»Das tun wir doch gerade!«, protestierte ich und Morris grinste.

»Viel zu spät, Al. Von all dem habe ich nichts gewusst. Du hast es mit dir allein ausgemacht, so wie du das immer tust. Wenn wir voneinander getrennt sind, dann musst du mir nicht die heile Welt vorspielen, nur um mich nicht zu beunruhigen. Ich höre es, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Also erzähl es mir ruhig.«

»Aber du hast so viel zu tun. Die Musik, die Band …«

»Das ist richtig, doch gerade weil das so ist, müssen wir einen Weg für uns finden, okay?«

»Okay«, stimmte ich zu und sah Morris an. »Wann bist du so erwachsen geworden? Früher warst du immer in dich gekehrt und hattest Zweifel.«

»Ich hab meine Momente«, erwiderte er lächelnd und strich sich die Haare aus dem Gesicht. »Ich bin glücklich mit dir, das ist alles. Und das will ich nicht verlieren.«

»Ich auch nicht.« Wir küssten uns, bevor Morris innehielt und den Kopf schieflegte.

»Ich glaube, ich habe eine Idee«, sagte er und ich runzelte die Stirn.

»Was meinst du?«

»Hm, ich denke, ich weiß, wie wir vielleicht beides hinbekommen könnten, uns und unsere Jobs.«

»Ach ja?«

»Wir machen Infernality Rises zu unserer Support-Band, wenn wir im Sommer auf Club-Tournee nach Europa gehen!«

»Im Ernst?« Der Gedanke gefiel mir. Auf diese Idee war ich noch gar nicht gekommen.

»Ja, damit schlagen wir gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Du kannst für uns und für Infernality Rises arbeiten, behältst diese Jungs gleichzeitig im Auge, hältst dein Versprechen Simon gegenüber und wir beide sind zusammen. Außerdem werden die Plattenfirmen sehr glücklich sein, eine aufstrebende und eine etablierte Band gemeinsam auf Tour zu schicken. Das ist gut für Image und Marketing und bereichert uns in musikalischer Hinsicht gegenseitig. Es ist ein Nutzen für uns alle.«

»Du bist ein Genie!« Ich fiel Morris um den Hals und wir kippten beinahe vom Bett, so stürmisch war ich.

Morris hielt mich fest und bugsierte mich zurück in die Kissen. »Hättest du eher mit mir geredet, wärst du gar nicht erst in all diesen Grübeleien versunken«, ermahnte er mich. »Ist dir das eine Lehre?«

»Natürlich!« Aufgekratzt bedeckte ich seinen Hals mit Küssen, und er wehrte sich lachend.

»Dafür will ich eine Belohnung.« Er hielt meine Hände fest, seine Augen blitzten.

»Alles«, flüsterte ich. »Du bekommst alles.«

»Alles ist mir nicht genug«, erwiderte er und seine Zunge löschte jeden Zweifel, der bis jetzt noch in mir geschlummert hatte.

Chapter 4

Don’t believe yours is the only way, you’ll end up as a fool and you’re gonna pay
(Burnside Close, »The Only Way«)

Ich atmete tief ein und spürte, wie die Atmosphäre von mir Besitz ergriff. Es war das erste Wochenende des Coachella Festivals. Der Himmel leuchtete in einem strahlenden Blau und zeigte sich ohne eine einzige Wolke, während die Sonne das Festivalgelände in gleißendes Licht tauchte. Die kleine Stadt Indio, unweit von Palm Springs, lag inmitten der kalifornischen Wüste und wurde bereits seit einigen Tagen von einer Vielzahl Menschen heimgesucht. Zwischen den Übertragungswagen der landesweiten Fernseh- und Radiostationen ragte das berühmte Riesenrad auf. Weiße Zelte begrenzten die riesige Coachella Stage, wo Burnside Close an diesem Abend spielen würde.

»Scheiße, wie geil ist das denn?«, sagte Rob an meiner Seite und ich bemerkte seinen gierigen Blick bei all den blonden California Girls, die in Hotpants an ihm vorüberzogen.

»Ruhig, Brauner«, kommentierte ich sein Gesabber. »Pünktlich zum Start werden sich hier auch noch einige Hollywood-Sternchen und -Stars einfinden, also verschleudre dein Pulver nicht zu früh.«

Er grinste und brachte seine neue Frisur in Form. Das Plattenlabel hatte den Jungs von Infernality Rises in den letzten Wochen einen kompletten Imagewechsel verpasst. Aus den schwarz gekleideten Musikern waren kultige Grunger geworden, mit lässigen Flanellhemden, derben Working Boots und Bärten, die an verarmte Holzfäller denken ließen. Die Wirkung auf die Fans verblüffte selbst mich. Obwohl Infernality Rises sein erstes Album noch nicht auf dem Markt hatte, waren ihre Auftritte stets ausverkauft und Berge von Fanpost warteten darauf, abgearbeitet zu werden.

Da die Karriere von Burnside Close langsamer und steiniger begonnen hatte, war ich die vergangenen Wochen bisweilen mit der ganzen Organisation für Infernality Rises überfordert gewesen. Es gab Fotoshootings für Autogrammkarten, Teenagermagazine und Fanartikel. Die Videos der ersten beiden Singleauskopplungen wurden abgedreht und das Mastering für die CD abgeschlossen. Das Plattenlabel legte ein unheimliches Tempo vor, das vor allem Robs Augen leuchten ließ. Die Vorstellung, eine Marionette zu sein, schien ihn nicht länger zu stören. Obwohl die Songs auf dem Album nur wie ein Abklatsch dessen klangen, was ich von der Band kannte, störte er sich nicht mehr daran. Der aufkeimende Ruhm unterdrückte jeden seiner Zweifel und mir war klar, dass Rob sich längst verliebt hatte. In die Auftritte, den Jubel, die Fans und das Herumreisen. Er war ein Junkie geworden und ich hoffte, dass es bei seinem eigenen Adrenalin blieb, an dem er sich berauschte.

»Wir treffen gleich Burnside Close, seid ihr bereit?«, fragte ich und sah in leere Gesichter. Für Norman, Chuck, Raven, Meatpie und Rob hatte der Name nicht dieselbe Faszination wie für mich. Sie gierten danach, Guns N’ Roses zu sehen. Ihrem Engagement als Vorband für Burnside Close maßen sie keine große Bedeutung bei. Manchmal beschlich mich sogar das Gefühl, als wären sie von der unsinnigen Idee beseelt, man hätte Burnside Close zu ihrer Gastband auserkoren und nicht umgekehrt.

In diesem Moment sah ich Simon, der auf uns zuhielt.

»Hey, Leute!« Er begrüßte die Jungs von Infernality Rises stürmisch und gab mir übertrieben höflich die Hand.

»Du hast tolle Arbeit geleistet, Al«, sagte er. »Die Plattenfirma ist sehr zufrieden mit uns. Sie planen gerade die ganze Promotion zur Europatournee.«

»Es ist eine einfache Club-Tour«, berichtigte ich ihn. Simons Getue um seine neuen Goldesel erreichte langsam ein Level, das mir gewaltig auf die Nerven ging.

»Wir werden sehen«, tat Simon meinen Kommentar ab und wandte sich an Rob. »Die Vorbestellungen für euer Album laufen grandios. Zum Veröffentlichungstermin hat das Label euch in der Morning Show von KTLA untergebracht. Was sagt ihr dazu?«

»Cool«, erwiderte Rob, ganz Rockstar, und die anderen nickten. Ich verdrehte die Augen. Dieser Hype, der bereits jetzt um die Jungs von Infernality Rises gemacht wurde, gefiel mir absolut nicht.

Während wir weiter über das Festivalgelände schlenderten, erschien Simon an meiner Seite. Mit einem Mal sah er nicht mehr euphorisch, sondern abgearbeitet aus.

»Danke, Al. Ich weiß es wirklich zu schätzen, wie sehr du dich in die ganze Sache reinhängst. Infernality Rises geht gerade ab wie eine Rakete. Ich kann es noch gar nicht glauben. Die Idee, sie mit Burnside Close auf Tour zu schicken, war genial! Das wird den Start ihres Albums zusätzlich beschleunigen und sie darüber hinaus auch in Europa bekannt machen.«

»Ganz bestimmt.« Ich sah in Simons Gesicht. »Du bist also zufrieden, wie es läuft?«

»Absolut. Die Investition in diese Band war die beste Entscheidung meines Lebens.«

Ich runzelte die Stirn und Simon blieb stehen.

»Wage es nicht, über mich zu urteilen«, knurrte er und ich blickte ihn erstaunt an. »Dein Vater hätte es ebenso gemacht, wenn er die Chance dazu gehabt hätte, Al! Er hätte es für dich und deine Mutter getan.«

»Niemals!« Ich musste nicht eine Sekunde nachdenken, um das mit Sicherheit sagen zu können. »Dad war ein viel zu großer Idealist. Er war nicht käuflich.«

»Das denkst du also? Dass ich mich habe kaufen lassen?«

Verzweifelt hob ich die Hände. »Was soll ich denn sonst denken, Simon? Ich habe dich als energischen und ambitionierten Manager von Burnside Close kennengelernt. Nach Dads Tod hast du den Jungs wieder eine Richtung gegeben. Du warst stark für sie und hast sie geführt. Du wolltest nur das Beste für sie. Aber jetzt kommt es mir vor, als würdest du nur das Beste für dich selbst wollen.«

»Weil dieses verdammte Business mir etwas schuldet! Ich habe mir mein Leben lang den Arsch für irgendwelche Musiker aufgerissen. Es ist an der Zeit, dass sich mal jemand für mich den Arsch aufreißt.«

»Wow!« Ich sah ihn ungläubig an. »Das meinst du ernst, oder? Ging es dir nie um die Musik?«

»Ich habe es dir schon einmal gesagt, Al. Begeisterung ist etwas für die Jugend. Im Alter bringt sie dich nicht voran.«

Ich schüttelte zweifelnd den Kopf. »Was ist passiert, Simon? Woher kommt diese Wandlung? Das bist nicht du!«

»Lass es gut sein, Al.« Er ließ sich zurückfallen und nahm sein Gespräch mit den Jungs von Infernality Rises wieder auf.

In Gedanken versunken setzte ich meinen Weg fort, bis wir den Treffpunkt erreichten, den wir mit Burnside Close vereinbart hatten. Bereits von weitem sah ich Morris in der Menge stehen. Er trug eine ärmellose Weste, die die bunten Tattoos auf seinen sehnigen Armen zur Geltung brachte, lässige Jeans und seine schweren Boots, die er bei jedem Konzert anhatte. Weil sie ihm Glück brachten, wie er sagte. Um seinen Hals baumelten einige lange Ketten und er trug seine schwarz verspiegelte Pilotensonnenbrille. Obwohl ich seine Augen nicht sah, wusste ich, dass er mich ebenfalls bemerkt hatte.

»Al!« Er hob die Hand und ich drängte mich zu ihm durch. Wieder einmal hatten wir uns vier endlose Wochen nicht gesehen.

Ohne auf die Umstehenden zu achten, sprang ich in seine Arme und umschlang seine Hüfte mit den Beinen.

»Hey, Baby!« Er küsste mich und ich wünschte mir, mit ihm allein zu sein, aber schon drängten Brad, Sean und Matt heran.

»Lasst mich in Ruhe!«, wehrte ich sie ab und lachte, als sie es schlussendlich doch schafften, mich in ihre Mitte zu zerren.

»Du siehst heiß aus, Al.« Brad leckte mir über die Wange und ich schob ihn angeekelt zur Seite.

»Such dir ein anderes Opfer«, schimpfte ich und schlug Sean auf die Finger, weil er mir in den Hintern zwickte. »Pfoten weg, ihr Wilden! All das …« Ich formte die Umrisse meiner Silhouette mit den Händen nach. »… gehört nur Morris!«

Dieser lachte und umarmte mich von hinten. Zufrieden lehnte ich mich an ihn.

»Du siehst wirklich heiß aus«, hörte ich ihn sagen. Ich freute mich, dass ihm mein Outfit gefiel. Passend zum Hippie-Flair des Festivals trug ich Jeans Pants im Used Look, eine weite weiße Carmenbluse, die eine Schulter freiließ, und mit Fransen verzierte Plateausandalen. Außerdem hatte ich meine Haare zu zwei Indianerzöpfen geflochten und die Frisur mit einem dünnen Stirnband aufgepeppt.

»Alles okay?«, fragte Matt. »Wie war die Arbeit?«

»Die Hölle«, flüsterte ich ihm zu. »Simon ist komplett neben der Spur. Ihr werdet es gleich selbst merken.«

Ich beobachtete, wie die Jungs die Bandmitglieder von Infernality Rises begrüßten. Simon stellte sie einander vor, erklärte kurz die jeweilige Bandformation und blieb schließlich vor Morris und mir stehen.

»Das hier ist Morris Kyle, der Leadsänger von Burnside Close.«

Rob kniff die Augen zusammen, als er Morris und mich in vertrauter Zweisamkeit bemerkte.

»Du bist seine Schnalle?«, fragte er erstaunt.

»Entschuldige mal«, empörte ich mich und hielt Morris zurück, dessen Muskeln sich in meinem Rücken anspannten. »Wir sind ein Paar. Und das schon seit längerer Zeit. Alles klar?«

Rob grinste süffisant und gab Morris lässig die Hand. »Du gibst dich mit nur einer zufrieden?«, setzte er noch einen drauf und überging Morris’ genervtes Grunzen. »Ich dachte, wahre Rockstars sind mit ihrem Beruf verheiratet und gönnen sich den Luxus, jede Frau haben zu können, die sie wollen.«

»Mag sein, dass sich manch einer darüber definiert«, murmelte Morris.

In diesem Moment stellte sich Matt zwischen uns und rempelte Rob bewusst kameradschaftlich mit der Schulter an. »Wie sieht’s aus, Bruder, habt ihr Lust auf eine Jam-Session?«

»Was?« Rob blinzelte verwundert.

»Na, wir werden bald gemeinsam auf Tour gehen. Sollten wir uns da nicht kennenlernen?«

Ich bemerkte die Verunsicherung in den Gesichtern von Infernality Rises und musste grinsen. Waren die Jungs vielleicht gar nicht so gleichgültig gegenüber Burnside Close, wie sie immer taten?

»Ja, das wäre cool, denke ich.« Rob vergrub die Hände in den Hosentaschen seiner Jeans und sah Simon an. »Ist das okay?«

»Klar!« Simon hob beide Daumen nach oben. »Macht ihr nur euer Ding, ich habe noch etwas zu erledigen.«

»Du kommst nicht mit?« Matt zögerte. »Bist du denn bei unserem Soundcheck dabei?«

»Bin ich, bin ich. Bis später«, erwiderte Simon zerstreut und eilte davon. Matt, Sean und Brad tauschten einen vielsagenden Blick, bevor sie mir wissend zunickten.

»Dann los.« Matt ging voran, während Morris und ich uns zurückfallen ließen und den anderen in einigem Abstand folgten.

»Was war das denn?« Morris sah mich an.

»Das war eure neue Support-Band. Darf ich vorstellen? Rob, der Vollpfosten, und seine Freak-Show.«

Morris lachte, aber es klang etwas gequält. »Ich hatte mir die Typen ja schlimm vorgestellt, doch das …« Er hielt inne. »Ich bin sprachlos.«

»Und hast du Simon beobachtet? Er wirkt ständig so abwesend, stiert auf sein Handy und redet nur noch davon, dass ihm das Musikgeschäft etwas schuldet. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn.«

Morris blieb stehen, um mich zu küssen. »Wir kriegen das hin, Al«, flüsterte er. »Immer eins nach dem anderen. Heute Abend rocken wir Coachella und anschließend kümmern wir uns um Freakshow Rises und unseren abgewrackten Manager. Wir gegen alle, okay?«

»Wir gegen alle«, bestätigte ich. »Ich bin so froh, wieder bei dir zu sein.«

»Ich habe übrigens eine Überraschung für dich.« Morris ließ seine Augenbrauen hüpfen. »Damit wir heute Nacht ungestört sind.«

»Ach ja?« Ich drückte mich lasziv gegen ihn.

»Hm«, seufzte er genießerisch. »Heb dir das noch etwas für unser Zelt auf.«

»Zelt?« Ich runzelte die Stirn. »Du willst mit mir campen?«

»So in etwa. Ich habe uns für heute Nacht ein Safarizelt in der Wüste gemietet. Keine Sorge, das ist purer Luxus«, erklärte er wegen meines kritischen Gesichtsausdrucks. »Wir haben einen 24-Stunden-Concierge-Service.«

»Wahnsinn!« Ich klatschte begeistert und strahlte Morris an. Dieses Wochenende gefiel mir bereits jetzt.

»Wir müssen vier Wochen nachholen.« Er nahm meine Hände und ich hätte ewig dastehen und ihn mitten im Getümmel ansehen und küssen können, doch schon nach kurzer Zeit drang ein Pfiff zu uns.

»Das ist Brad«, seufzte Morris. »So ruft er auch immer seinen Köter.«

Ich lachte und ahmte Hundegeheul nach, bevor wir uns wieder in Bewegung setzten und zu den anderen aufschlossen.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du dich zum Groupie eignen würdest«, bemerkte Rob, nachdem wir alle im VIP-Bereich angekommen waren. Inmitten blühender Rosen hatte uns Matt ein kleines Zelt besorgt, in dem wir ungestört waren.

»Ich bin kein Groupie!« Ich betonte jedes Wort und blitzte Rob wütend an.

»Ist klar.« Das dumme Grinsen wollte nicht aus seinem Gesicht weichen und ich bemühte mich, ihn zu ignorieren.

»Ihr könnt euch einige Instrumente von Burnside Close nehmen. Wir haben genügend dabei«, sagte ich stattdessen zu Chuck, Raven und Meatpie, die mit staunenden Mienen herumstanden. »Spielst du noch etwas anderes außer Keyboard?«, fügte ich an Rob gewandt hinzu.

»Nee.« Er schüttelte den Kopf und sah nicht aus, als wäre er traurig darüber.

»Hey!« Sean drängte Chuck zur Seite, der an den Drums Platz nehmen wollte. »Das sind meine!«

»Oh, Al meinte, dass …« Chuck sah mich hilfesuchend an.

»Wie willst du jammen, wenn du nicht teilen kannst?«, warf ich Sean scherzhaft vor. Dieser verdrehte die Augen und deutete auf einige Trommeln in der Ecke. »Soll er auf denen spielen.«

»Herrje«, murmelte ich und schüttelte den Kopf. Die Jungs führten sich jetzt schon auf wie ein Rudel Hyänen, das knurrend um seine Beute kämpfte.

Nach einer Weile legte sich jedoch das Knurren. Jeder außer Rob hatte einen Platz gefunden. Beide Bands waren auf den gemütlichen Sofas und Sitzkissen verteilt, während Sean wie das Alphamännchen einer Affengruppe auf seinem Berg von Drums thronte. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen.

»Fangen wir doch mit einem eurer Songs an, wie wär’s?«, schlug Morris vor. Stille legte sich über den Raum.

»Schlechter Vorschlag?«, fragte Matt und ließ seine Gitarre singen, indem er ihr jene charakteristisch hohen Töne entlockte. »Kommt schon, Brüder, wir beißen nicht! Wie heißt eure erste Singleauskopplung? The Abyss In Your Eyes

»Ich glaube kaum, dass ihr das so hinbekommt wie wir«, sagte Rob neben mir und alle starrten ihn an.

»Dann steig doch einfach mal von deinem hohen Ross runter und zeig uns, ob hinter deiner großen Klappe auch ein großes Talent steckt«, konterte Brad.

»Ja, genau«, pflichtete ich bei und sah Rob herausfordernd an.

»Ich habe leider kein Keyboard.« Rob verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

»Dann lass mal deine Bandkollegen machen«, sagte Sean und gab den Rhythmus vor. Ich hatte nicht geglaubt, dass er den Song von Infernality Rises bereits gehört hatte, doch da lag ich falsch, denn er traf jeden Ton. Ich klatschte entzückt in die Hände, als Brad und Matt mit ihren Gitarren nach und nach vorsichtig einsetzten. Sie ergänzten Sean perfekt und verliehen dem Song eine völlig neue Richtung. Was auf dem Album wie leichte Kost wirkte, interpretierten Burnside Close gekonnt neu. Die seichte Ballade erhielt durch die deftigen Riffs einen Progressive-Touch, der knackig durch die Drums untermalt wurde.

Zuerst sahen Chuck, Raven und Meatpie mit großen Augen zu, bevor sie nach der Wiederholung des Refrains spontan mit einfielen. Dann erhob Morris seine Stimme. Er war nicht textsicher und erweiterte das Lied um ein paar lustige Zeilen, bei denen alle lachen mussten, während der Song eine immer größere Spannweite bekam. Er wirkte plötzlich auf lässige Art hart, spannungsgeladen und nicht mehr kommerziell weichgespült. Morris und Norman wechselten sich beim Gesang ab und Chuck überflügelte Sean bisweilen mit seinen kleinen Trommeln. Es war wie ein unsichtbarer Wettkampf, den die Jungs austrugen und der das gesamte Zelt mit Energie durchflutete. Alle Bandmitglieder von Infernality Rises hatten dabei leuchtende Augen. Alle außer Rob.

»Gefällt’s dir nicht?«, fragte ich ihn und konnte meine Begeisterung kaum verbergen.

Er schüttelte mürrisch den Kopf. »Das ist doch scheiße«, grummelte er.

Ich seufzte und beschloss, mir von ihm nicht die Laune verderben zu lassen. Deshalb stand ich auf und setzte mich neben Morris. Dieser bemerkte mich kaum, weil er mit geschlossenen Augen dem Rhythmus des Songs folgte. Mit den Daumen trommelte er den lebhaften Beat auf seine Oberschenkel, während seine Stimme das eingängige Motiv untermalte.

Ich beobachtete ihn gern bei seiner Arbeit und war auch in diesem Moment ganz hingerissen. Man merkte einfach, dass Morris in einer Welt lebte, die aus Tönen bestand. Bei ihm wurden Worte zu Noten und Gefühle zu Melodien. Ich genoss die neue Version des Liedes, das so gar nichts mehr mit dem gemein hatte, was die Plattenfirma daraus gemacht hatte.

Kaum war der Song verklungen, ertönte ein Klatschen. Ich blickte auf und bemerkte eine Gestalt, die in der Zeltöffnung stand.

»Slash, Mann!« Matt sprang auf und begrüßte den Besucher. »Hey Leute, seht, wer bei uns reinschneit: The one and only Slash!«

Ich sah, dass den Mitgliedern von Infernality Rises die Münder offen standen, während die Jungs von Burnside Close aufsprangen, um ihren berühmten Musikkollegen zu begrüßen.

»Das klang sehr geil«, hörte ich Slash sagen, dessen Augen wie immer hinter einer Sonnenbrille verborgen lagen. Sein Gesicht wurde beinahe komplett von den Haaren verdeckt, auf denen sein Markenzeichen, der schwarze Zylinderhut mit den silbernen Beschlägen, saß.

Ich war voller Ehrfurcht, als ich diesem großen Musiker gegenübertrat, dem ich vorher noch nie begegnet war.

»Du bist Al, habe ich recht?« Er küsste mich rechts und links auf die Wange und mir blieb vor Überraschung die Spucke weg. »Ich kannte deinen Vater. Der Chief war eine bedeutende Persönlichkeit.« Er nahm mich bei den Schultern und schüttelte mich erfreut. »Du siehst ihm ähnlich, verdammt! Das ist eine geile Sache. Es freut mich, dich kennenzulernen.«

»Und mich erst.« Langsam kehrte meine Sprache zurück. Ich drehte mich um und sah Morris an. »Slash hat mich geküsst«, sagte ich und alle brachen in schallendes Gelächter aus.

»Was macht ihr hier?« Slash stemmte die Hände in die Hüften. »Jam-Session?«

Matt nickte. »Ja Mann, wir lernen uns gerade kennen. Das hier sind die Mitglieder von Infernality Rises. Sie werden unsere Vorband bei der Club-Tournee durch Europa sein.«

»Hey!« Slash gab allen die Hand und ich glaubte, Rob würde ohnmächtig werden. Es tat gut, seine arrogante Fassade bröckeln zu sehen.

»Macht weiter!« Slash zeigte uns die Metal Fork und streckte dabei die Zunge heraus. »Ihr rockt, Männer!«

»Mach doch mit«, schlug Matt vor und reichte seine Gitarre an den unerwarteten Besucher weiter.

»Ja, Bruder!« Brad klatschte in die Hände, bis alle anderen einfielen. Unter tobendem Applaus nahm Slash die Gitarre an sich und ließ unter großem Jubel die ersten charakteristischen Töne von Sweet Child O’ Mine erklingen.

Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie Sean und Brad wieder an ihren Instrumenten waren und Morris sich ein Mikro schnappte. Es folgte ein hoher Rückkopplungston, weil es bisher nicht eingeschaltet gewesen war, aber dann erklang seine Stimme und ich bekam eine Gänsehaut. Es war ein gekonntes Remake, eine Hommage an eine der legendärsten Bands der 80er und 90er Jahre, die nach knapp 23 Jahren ihre Reunion auf diesem Festival feiern würden.

»Guns N’ Roses forever!«, schrien einige Leute und ich sah, dass sich vor unserem Zelt bereits eine Traube Menschen gebildet hatte.

»Wenn jetzt auch noch Axl Rose erscheint, dann drehe ich durch«, flüsterte Rob neben mir und zum ersten Mal an diesem Tag klang er begeistert.

»Das ist es, oder?« Ich sah ihn an. »Das ist Rockmusik!«

»Ich weiß, was das ist«, knurrte er. »Lass mich in Ruhe mit deiner Philosophie über die wahre Musik, die aus dem tiefsten Inneren der Seele kommen sollte. Ich wette, die Jungs waren die meiste Zeit zugedröhnt, als sie diese Lieder geschrieben haben.«

»Dass einen Drogen oder Alkohol kreativ machen, ist unbestritten«, entgegnete ich spitz. »Die Frage ist doch, wie abhängig man von etwas sein möchte.«

»Echt jetzt, Al? Ist das deine Art, mir zu sagen, was für ein rückgratloser Arsch ich bin?«

»Das hast du gesagt.«

»Ja, klar.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »So spricht die Tochter eines berühmten Musikmanagers und die Freundin eines Rockstars. Aber nicht jeder kann sich einfach ins gemachte Nest setzen.«

Langsam wurde ich wütend. »Du wolltest, dass ich bleibe, schon vergessen? Als Glückskind, dem der liebe Gott offenbar den Hintern geküsst hat, kann ich gern darauf verzichten, für euch zu arbeiten.«

Aufgebracht starrten wir einander an. Um uns herum schwoll der Lärm der applaudierenden und grölenden Menschen an. Die kleine Session in unserem Zelt erregte immer mehr Aufmerksamkeit.

»Hey!« Ein Typ mit Zigarette im Mundwinkel stellte ein Keyboard neben uns ab. »Hab gehört, hier wird Musik gemacht.«

»Das ist Dizzy Reed!« Rob stieß mich an und schien unsere Auseinandersetzung augenblicklich vergessen zu haben.

Ich reagierte sofort. »Hi, ich bin Al!«, begrüßte ich den Keyboarder von Guns N’ Roses. »Ich bin die rechte Hand von Simon Grey. Und das hier ist Rob, der Keyboarder von Infernality Rises. Sie werden dieses Jahr ihr erstes Album auf den Markt bringen und gemeinsam mit Burnside Close eine Club-Tournee durch Europa machen.«

»Hey, freut mich!« Dizzy gab uns die Hand und schlug Rob anschließend auf die Schulter. »Wird Zeit, dass wir mitmischen, nicht wahr, Mann?«

Rob folgte Dizzy wie hypnotisiert ins Getümmel. Ich beobachtete, wie alle das weitere Bandmitglied von Guns N’ Roses in ihrer Mitte willkommen hießen und Rob das Keyboard anschloss. Anschließend nickten sich Dizzy und Slash zu und stimmten Estranged an. Der Rest der Band fiel kurz darauf mit ein und ich war erstaunt, wie Brad und Sean sich reibungslos einfügten. Auch Morris erwies sich als textsicher und lieferte eine erneute Kostprobe seines breiten Gesangsspektrums.

Nach dem ersten Drittel des Songs trat Dizzy zurück und ließ Rob ran. Dieser stellte sich mit ernster Miene an das Keyboard und übernahm, sehr zu meiner Überraschung, sofort die Leadmelodie, die er das gesamte Lied über durchhielt. Das Grinsen auf seinem Gesicht wurde dabei immer breiter. Ich seufzte. So sehr mir Rob auch auf die Nerven ging, es freute mich zu sehen, dass er Spaß hatte. Vielleicht hatte er es verdrängt, aber ich glaubte fest daran, dass in der Band mehr steckte als die farblosen Designertöne, die das Plattenlabel aus ihnen herausquetschte.

Nach zwei weiteren Liedern legte Slash schließlich die Gitarre zur Seite und klatschte die Musiker ab. Ich bekam erneut einen Kuss und lief dabei hochrot an.

»Wir sehen uns. Viel Glück für euren Auftritt«, rief er, bevor er mit Dizzy das Zelt verließ und sofort von all den Leuten umringt wurde, die dort bereits auf ihn warteten.

»Wow!« Brad ließ sich in einen Sitzsack fallen. »Ich bin fertig. Das war eine der tollsten Sessions, die ich je erlebt habe.«

»Unglaublich!«

»Wahnsinn!«

Alle redeten durcheinander und ich beobachtete die Jungs. Etwas Besseres als Slashs spontaner Besuch hätte ihnen nicht passieren können. Es war ein Erlebnis gewesen, das Burnside Close und Infernality Rises einander nähergebracht hatte.

»Hast du meine Keyboardsoli gehört?« Rob boxte Norman gegen die Brust. »Ich habe mit Slash und Dizzy Reed gespielt!«

»Der Song Estranged ist über neun Minuten lang, Al.« Matt kam zu mir und legte mir den Arm um die Schulter. »Und er ist legendär. Jetzt sag uns nicht noch einmal, dass wir unsere Songs in passender Radiolänge aufnehmen sollen.«

»Ist ja gut«, wiegelte ich lachend ab. »Das war ganz großes Ohrenkino, was ihr gerade abgeliefert habt.«

»Nicht wahr?«, rief Rob und hob beide Arme in die Höhe. »Wir sind die Größten.«

»Wohl kaum«, flüsterte mir Morris zu und er und Matt warfen sich einen vielsagenden Blick zu. »Aber er hat’s gespürt. Die Musik hat uns alle gepackt. Das sind die Momente, die dich verändern.«

Matt sah auf die Uhr. »Wir sollten uns langsam zum Soundcheck begeben. Bereit, Jungs?«, rief er in die Runde und hob seine Hand in Richtung Infernality Rises. »Macht es gut Brüder, wir sehen uns.«

»Ich lasse die Instrumente rüberbringen«, sagte ich und gab Morris einen Kuss. »Viel Glück für euren Auftritt.«

»Bis später.« Er umarmte mich. »Nach dem Auftritt gibt es nur noch uns.«

Ich grinste und die Jungs verschwanden aus dem Zelt.

»Das war so cool!« Rob war noch immer völlig aus dem Häuschen. »Ich hätte ein Selfie für unsere Social Media-Gemeinde machen sollen. Oder hast du die Session vielleicht gefilmt, Al?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, tut mir leid.«

»Als unsere Managerin solltest du an sowas denken«, beschwerte er sich. »Es ist wichtig, dass unsere Fans davon erfahren.«

»Komm wieder runter«, entgegnete ich. »Genieß doch einfach den Moment.«

»Nächstes Mal filmst du das«, sagte Rob bestimmt.

»Ich habe zu tun. Bis später!«, überging ich seinen Kommentar und begab mich auf die Suche nach unseren Roadies, um zu kontrollieren, welches Equipment bereits hinter der Bühne stand und was wir für den Auftritt von Burnside Close noch dorthin schaffen mussten.

Nachdem diese Arbeiten erledigt waren, schlenderte ich über das Festivalgelände. Die Abenddämmerung hatte längst eingesetzt und hüllte alles in ein magisches rosa Licht. Ab und zu sah man einige Prominente, die meist von Horden fotografierender Fans verfolgt wurden, aber auch ansonsten waren all die schillernd gekleideten Festivalbesucher einen Blick wert. Ich genoss die Atmosphäre und das zufriedene Gefühl in meinem Inneren. Das Erlebnis des heutigen Tages hatte mich zutiefst glücklich gemacht. Der Stress der vergangenen Wochen fiel von mir ab und ich spürte, dass ich langsam wieder zur Ruhe kam. Ich freute mich auf den Auftritt von Burnside Close und konnte es kaum erwarten, anschließend mit Morris im Safarizelt zu verschwinden, um unser Wiedersehen ausgiebig zu feiern. Es war ein guter Tag.

Plötzlich klingelte mein Handy. Es war eine mir unbekannte Nummer.

»Hallo, hier ist Al«, meldete ich mich und verstummte.

Ich hörte eine Stimme und konnte nicht glauben, was sie mir erzählte. Mein Herz raste und ich glaubte, mich augenblicklich setzen zu müssen, aber ich wollte mich nicht mitten im Getümmel auf den Boden sinken lassen. Also blieb ich stehen und spürte, wie Panik mein Innerstes erfasste.

Nachdem ich aufgelegt hatte, verharrte ich für einige Minuten an meinem Platz und bemerkte kaum, dass die Menschen mich anrempelten, wenn sie sich an mir vorbeidrängelten. Ein seltsamer Nebel legte sich über alles und in meinem Kopf wirbelten die Gedanken. Ich griff zum Handy, ließ es wieder sinken, nur um es erneut anzustarren. Wen sollte ich anrufen? Was sollte ich tun?

Wie ferngesteuert ging ich schließlich in Richtung Coachella Stage, nur um dort erneut unschlüssig stehen zu bleiben. Morris und die Jungs waren längst mitten in den Vorbereitungen zu ihrem Auftritt. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Und dieses Warten nahm kein Ende und fraß mich innerlich auf.

Noch nie war mir ein Live Act von Burnside Close so endlos vorgekommen. Noch nie zuvor hatte ich mir gewünscht, sie würden keine Zugabe spielen, sondern augenblicklich die Bühne verlassen. Ich lauschte ihrem Song The Only Way, als hätte ich ihn selbst komponiert. Welcher Weg war der richtige und was sollte ich jetzt nur tun?

Während die Jungs mit ihrer Zugabe die tobende Masse unterhielten, ging ich backstage. Ich zeigte den Security-Leuten meinen Ausweis, begrüßte wie in Trance einige bekannte Gesichter und begab mich ohne Umwege in die Umkleide von Burnside Close. Dort saß ich und wartete erneut.

Irgendwann hörte ich Schritte und das Gelächter, mit dem die Jungs euphorisch den Flur hinunterkamen. Ich stand auf, um mich zu sammeln. Mein Herz klopfte so heftig, dass es meine Halsschlagader zum Vibrieren brachte.

Die Tür flog auf.

»Al!«, rief Brad überrascht und die anderen drängten hinter ihm zur Tür hinein. Alle waren verschwitzt und ich sah ihren glücklichen Gesichtern an, dass sie einen erfolgreichen Auftritt hingelegt hatten. Bei meinem Anblick verflog ihr Lachen jedoch schlagartig und alle starrten mich an.

»Hey, was ist los?« Morris kam zu mir. Er war ein wenig heiser und ein Schal war um seinen Hals geschlungen.

Ich schluckte tapfer die Tränen hinunter. »Wir haben ein Problem«, sagte ich.

Chapter 5

We were so wrong, but how could we know it, we must move on until we blow it
(Burnside Close, »So Wrong«)

Es roch intensiv nach Krankenhaus und ich schüttelte mich. Diese Mischung aus Desinfektions- und Putzmitteln, aufgewärmtem Essen und kranken Menschen hatte ich schon immer gehasst. Dennoch stand ich tapfer hinter der Glasscheibe und starrte Simon an. Eigentlich hätte es auch irgendein Patient sein können, denn vor lauter Schläuchen und medizinischen Geräten erkannte man ihn kaum.

Ich spürte Morris, der beruhigend meine Schulter knetete, und hörte, wie Matt mit jemandem telefonierte. Brad und Sean saßen etwas abseits und starrten ins Leere. Wir waren alle völlig paralysiert von der Nachricht, die ich vor einigen Stunden von Simons Frau erhalten hatte. Offenbar war Simon mitten auf dem Festivalgelände zusammengebrochen. Herzinfarkt. Das ließ Bilder von meinem Dad in mir aufsteigen und jenes Gefühl der Hilflosigkeit, das mich völlig um den Verstand brachte.

»Mary, Simons Frau, sitzt schon im Auto. Sie wird in etwa einer Stunde hier sein.« Matt stellte sich zu uns. Beim Anblick von Simon schüttelte er traurig den Kopf.

»Du hast gesagt, dass etwas nicht mit ihm stimmt, Al, aber ich hätte nicht gedacht …« Seine Stimme brach.

Ich griff nach seiner Hand und drückte sie.

»Wer hätte das auch ahnen können?« Äußerlich war ich wieder einigermaßen gefasst, doch in meinem Inneren ging es drunter und drüber. Ich fragte mich, ob dieses Ereignis Burnside Close erneut ohne Manager zurücklassen würde. Ohne Freund, der ihnen zur Seite stand, und ohne den Menschen, dem wir alle vertrauten.

»Warten wir hier, bis Mary da ist?«, wollte Sean wissen und vermied es, in das Zimmer zu blicken, in dem Simon lag.

»Ich bleibe hier«, entschied ich spontan. »Aber ihr dürft gern ins Hotel fahren. Ihr seid sicher fertig von eurem Auftritt.«

Matt verneinte. »Ich bleibe auch.«

»Okay, dann warten wir ebenfalls.« Sean sah Brad an und dieser nickte abwesend.

Ich hob meinen Kopf und begegnete Morris’ Blick. Er lächelte müde und erklärte: »Ich bin da, wo du bist.«

Ich dachte wehmütig an unser Luxus-Safarizelt, das nun umsonst auf uns wartete, aber Simon war in diesem Moment wichtiger. »Danke.« Ich gab Morris einen Kuss und wir starrten erneut durch die Glasscheibe.

Die Zeit schlich dahin. Um zwei Uhr morgens traf Mary ein. Ich hatte sie nur einige Male getroffen und erkannte sie an ihren knallrot gefärbten Haaren. In jungen Jahren musste sie einmal eine Schönheit gewesen sein, aber Alter und Zigaretten hatten ihr zugesetzt. Ihre Haut sah fahl aus und die Sorge um ihren Mann stand ihr ins Gesicht geschrieben.

»Wo ist er?« Sie griff nach meinen Händen und drückte sie schmerzhaft, als sie Simon erblickte. »Oh mein Gott!« Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle und ich sah Tränen über ihre Wange laufen. »Wie schlimm ist es?«

»Das wissen wir nicht«, erklärte ich leise. »Die Ärzte dürfen uns keine Auskunft geben.«

»Verstehe.« Mary fuhr sich hektisch durch die Haare. »Ich werde mich gleich erkundigen.« Sie lief davon.

Brad und Sean blickten ihr schläfrig nach. Sie sahen aus, als würden sie jeden Moment auf den Stühlen einnicken. Matt und Morris lehnten an der Wand und sahen mich an.

»Alles okay, Al?«, fragte Morris. Er schien zu ahnen, dass dieses Erlebnis schmerzhafte Erinnerungen bei mir zutage förderte.

Ich zuckte mit den Schultern, fühlte mich aber mittlerweile zu ausgelaugt, um ihm zu antworten.

Und so warteten wir weiter, während ich den Gang auf- und ablief. Bald schon glaubte ich, jeden Fleck und jede Kerbe in dem ausgetretenen grauen PVC-Boden zu kennen. Ich hörte das regelmäßige Piepsen aus Simons Zimmer und registrierte die Linien seines EKGs. Ab und zu ging eine Schwester zu ihm hinein, kontrollierte die Infusionen und eilte dann wieder mit quietschenden Schuhen davon.

Als die Zeiger der großen Uhr am Ende des Flurs auf drei Uhr zu krochen, kam Mary zurück. Sie wirkte ruhiger und die Jungs rappelten sich auf.

»Gehen wir einen Kaffee trinken?«, fragte sie. »Ich könnte jetzt einen gebrauchen.«

Wir nickten und folgten ihr in die Cafeteria im untersten Stockwerk des Krankenhauses. Nachdem wir uns alle mit unseren Getränken um einen der kleinen Tische platziert hatten, begann Mary zu erzählen.

»Sie haben ihn ins künstliche Koma versetzt. Sein Herz wird mechanisch unterstützt und weil sich in seiner Lunge Wasser angesammelt hat, wird er auch beatmet. Aber er ist stabil.« Mary lächelte. »Der Arzt sagt, er ist ein Kämpfer.«

Erst jetzt merkte ich, dass ich vor Anspannung die Luft angehalten hatte und atmete erleichtert aus.

»Ich bin so froh, das zu hören.«

Mary nickte und Tränen schimmerten in ihren Augen. »Danke, dass ihr hier auf mich gewartet habt. Das würde ihm viel bedeuten. Simon hält so große Stücke auf euch. Er redet von nichts anderem als von eurer Karriere. Er sagt, das sei das Größte, was er je geschaffen hat.«

»Hm.« Ich fixierte die Tischplatte. Offensichtlich wusste Mary nicht, dass Simon damit eine andere Band meinte.

»Aber er hat sich zu viel zugemutet«, hörte ich sie sagen. »Seit der Krankheit unserer Tochter ist er nicht mehr derselbe. Er arbeitet so hart, um die Behandlung und die Medikamente zu finanzieren.«

»Ich wusste nicht, dass eure Tochter krank ist«, sagte Matt.

»Sie hat Knochenkrebs, hat Simon das nicht erzählt?«

Wir sahen einander an.

»Nein«, meinte ich erschüttert. »Das höre ich zum ersten Mal.«

Mary fingerte nervös an ihrem Kaffeebecher herum. Man merkte ihr an, dass sie dringend eine Zigarette nötig hatte. »Wir haben es vor etwa einem Jahr erfahren. Seitdem dreht sich unser Leben nur noch um diese Krankheit. Wir haben keine Krankenversicherung und mussten Schulden machen, um die Chemotherapie zu finanzieren.« Sie lachte gequält. »Aber Simon meinte, er würde uns da wieder rausholen und unsere Tochter in ein richtig gutes Krankenhaus bringen. Eines, das auf Knochenkrebs spezialisiert ist.«

Auf einmal verstand ich. Simons Wandlung, sein Interesse an Infernality Rises und der Deal mit der Plattenfirma. All das tat er für seine Tochter. Ich lehnte mich zurück, weil mir bewusst wurde, was der Herzinfarkt für Simons Familie bedeuten konnte.

Mary sah mich an, als verstünde sie meine unausgesprochenen Gedanken. »Du lässt ihn nicht hängen, nicht wahr?«

Alle Blicke richteten sich auf mich und ich glaubte, mich nach all der Aufregung und der plötzlichen Erkenntnis, dass nun die ganze Arbeit an mir hängenblieb, übergeben zu müssen.

»Du bist total grün im Gesicht, Al«, bemerkte Sean, der neben mir saß.

»Mir ist schlecht.« Ich schoss in die Höhe und stürzte aus der Cafeteria ins Freie. Erst als ich unter dem klaren Nachthimmel stand, ging es mir ein wenig besser. Wie eine Ertrinkende schnappte ich nach Luft.

»Al!« Morris war mir nachgelaufen und nahm mich in den Arm.

»Ich kann das nicht«, keuchte ich, den Kopf in seiner Halsbeuge vergraben. »Das krieg ich nicht hin! Ich habe gedacht, Simon ist auf einmal geldgierig geworden, aber er tut das alles für seine Tochter. Meine Güte Morris, ich kann Simon nicht ersetzen. Ich kann nicht …« Ich begann zu schluchzen.

»Hey, Simon ist noch am Leben«, hörte ich seine beruhigende Stimme. »Er ist nicht weg wie dein Dad.«

Die Anspannung des Tages löste sich und ich konnte die Tränen nicht länger zurückhalten.

»Aber er liegt da drinnen und Gott allein weiß, wann er wieder hier rauskommt«, wimmerte ich.

Morris strich mir übers Haar. »Ich bringe dich jetzt ins Bett, okay? Wir sind alle überfordert mit der Situation, doch wir können sie momentan nicht lösen. Lass uns drüber schlafen.«

Ich war hin- und hergerissen. »Was ist mit Mary?«

»Matt wird ihr dabei helfen, ein Hotelzimmer zu finden. Morgen sehen wir weiter.«

»Alles klar.« Schniefend ließ ich mich von ihm zurück ins Krankenhaus führen. Mary wartete bereits am Eingang der Cafeteria auf uns.

»Es tut mir leid, Al«, sagte sie. »Ich weiß, dass dich diese Sache mitnimmt. Ich kannte deinen Vater …« Sie brach ab und zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Es ist nicht hilfreich, wenn dich jeder daran erinnert, habe ich recht?«

»Ist schon okay.« Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.

»Fahrt in euer Hotel und legt euch hin«, schlug sie vor. »Ich melde mich bei euch, sobald ich mehr weiß.«

»Danke, Mary.« Ich umarmte sie und sie tätschelte mir den Rücken. »Er schafft das«, meinte sie zuversichtlich und ich nickte, weil ich ihr glauben wollte.

Dann ging ich mit Morris zum Haupteingang des Krankenhauses und wir bestiegen ein Taxi. Bereits auf dem Weg in Richtung Hotel schlief ich ein.

 

Am nächsten Morgen erwachte ich zum Geräusch von zirpenden Grillen und Gitarrenakkorden. Ich drehte mich auf den Rücken und blickte auf weißes Zeltleinen, das sich im warmen Wind bewegte. Langsam kehrte meine Erinnerung zurück. Glück, Entsetzen und Verzweiflung reihten sich aneinander, als ich den gestrigen Tag Revue passieren ließ.

Ich rieb mir die Augen und bemerkte, dass Morris nicht neben mir lag. Seine Seite des Bettes war zerwühlt, aber von ihm fehlte jede Spur. Langsam setzte ich mich auf und sah mich um. Wäre die Situation eine andere gewesen, hätte ich gejauchzt, denn Morris hatte nicht zu viel versprochen. Ich befand mich wirklich in einem Zelt, noch dazu in einem besonders geräumigen. Das Bett thronte etwas erhöht in der Mitte des Raumes und war umgeben von Teppichen, gemütlichen Sitzgelegenheiten und allerlei Dekoartikeln, die einem das Gefühl gaben, unter Beduinen zu leben.

Ich stand auf, um die frischen Blumen zu bewundern, die auf einem Tischchen neben dem Eingang platziert waren. Überall gab es hübsche Kerzenleuchter und ich konnte mir vorstellen, wie romantisch Morris und ich es hier unter anderen Umständen gehabt hätten.

Als ich durch die aufgeschlagene Zeltwand ins Freie trat, musste ich meine Augen zusammenkneifen. So gedämpft das Licht im Inneren gewesen war, so grell war es außerhalb. Die Luft war heiß und trocken und ich erkannte mannshohe Kakteen, die das Zelt umrahmten. Auf einer kleinen Terrasse unter einem Sonnensegel saß Morris, barfuß und in Jeans sowie ärmellosem Worker-Hemd und spielte auf seiner Gitarre.

»Hey.« Ich blickte vorsichtig um die Ecke, weil ich einzig mit einem geringelten Oversize-Shirt bekleidet war. Doch da wir keine direkten Nachbarn zu haben schienen, ging ich zu ihm. »Was machst du?«

»Ich probiere einige Ideen aus, die mir zu einem unserer neuen Songs im Kopf rumschwirren. So fällt es mir leichter, die Sache von gestern auf die Reihe zu bekommen.«

Er verknüpfte rhythmische Akkorde mit einer spannungsgeladenen Melodie. We were so wrong, but how could we know it, we must move on until we blow it, sang er. »Gefällt es dir?«

»Es bringt unsere Situation ziemlich genau auf den Punkt«, erwiderte ich.

Morris hob sein Kinn. »Komm her.« Er legte die Gitarre zur Seite und zog mich in seine Arme. Ich kuschelte mich an ihn, während ich mich umsah.

Vor uns lag eine Bergkette mit schneebedeckten Spitzen, ein Ausläufer der nahegelegenen San-Andreas-Verwerfung, wie ich wusste. Sie hob sich eindrucksvoll von der wilden Kargheit der Colorado-Wüste ab, in der wir uns befanden.

»Wahnsinn!« Ich hielt meine Hand vor die Augen, um besser sehen zu können. »Es ist wunderschön hier.«

»Warst du schon mal im Joshua Tree National Park?«, fragte Morris. »Der beginnt gleich dort drüben.«

Ich schüttelte den Kopf. »Leider nicht, aber da sollten wir mal hinfahren.«

»Ja, sobald wir Zeit finden.« Er drückte mich eng an sich. »Wie geht es dir?«

»Ich fühle mich wie betäubt. Ich glaube, mir ist erst gestern bewusst geworden, wie sehr ich an Simon hänge. Er hat mich nach Dads Tod nie mit Samthandschuhen angefasst, sondern mir etwas zu tun gegeben. Das war das Beste, was mir passieren konnte. Aber zu erfahren, dass ich eigentlich gar nichts über ihn weiß, tat irgendwie weh.«

»Ich denke, er wollte keinen von uns mit seinen Sorgen belasten. Im Grunde ist er ja auch unser Manager und dein Boss. Er hat immer Wert auf ein professionelles Arbeitsverhältnis gelegt.«

Ich kaute auf meiner Unterlippe und Morris sah mich belustigt an. »Was geht in deinem Kopf vor?«, wollte er wissen.

»Ich denke darüber nach, dass ich nicht so professionell sein kann. Ich kann nicht vergessen, was Mary uns gestern gesagt hat. Simon ist auf das Geld aus dem Plattenvertrag mit Infernality Rises angewiesen. Das heißt, es hängt nun alles an mir.«

»Und das macht dir Angst.«

»Mehr als ich sagen kann. Mir wird schon wieder schlecht, wenn ich nur daran denke.«

Morris lächelte beruhigend. »Du könntest aussteigen. Arbeite nur für uns und lass Simon seine Dinge regeln.«

»Weglaufen?« Ich sah ihn erstaunt an. »Verlockende Idee. Aber würdest du das tun?«

Er überlegte und schüttelte schließlich den Kopf. »Ich fürchte, ich bin ebenso unprofessionell wie du. Für mich ist Simon auch ein Freund und nicht nur unser Manager. Und Freunde lässt man nicht hängen.«

»Du sagst es.« Ich stöhnte, weil ich das Gefühl hatte, als drehe sich mir erneut der Magen um.

»Wieder Wochen, die wir voneinander getrennt sind«, bemerkte Morris und ich suchte seinen Blick.

»Kriegen wir das hin?«, wollte ich wissen.

Er nickte. »Wir leben für die Musik, Al. Keiner von uns könnte das tun, was er tut, wenn er dafür nicht brennen würde.«

»Ich meinte nicht unsere Jobs, ich meinte uns.«

Morris küsste mich und all die Gefühle, die ich für ihn hatte, trafen mich heftiger als jemals zuvor.

»Brennst du für unsere Beziehung?«, hörte ich ihn murmeln.

»Und ob ich das tue!« Ich knöpfte ihm hastig das Hemd auf. In diesem Moment war es mir gleichgültig, ob uns jemand beobachtete. Er reagierte sofort und schob mir das T-Shirt über den Kopf. Wenn uns diese Funken entzündeten, gab es kein Halten mehr. Wir waren uns sehr ähnlich. Unangenehme Situationen kompensierten wir mit körperlicher Nähe, um uns zu versichern, dass wir einander hatten. Die Leidenschaft riss uns mit und wir fielen zu Boden.

Ich überließ mich seinen Händen. Mit ihm war mir nichts unangenehm. Wir wälzten uns im Gras herum, ignorierten die spitzen Steine und Morris achtete sorgsam darauf, dass wir vor lauter Ekstase nicht in den Kakteen landeten. Es war innig, heftig und erfüllend und für kurze Zeit vergaß ich meine Sorgen. Als am Ende mein gesamter Körper pulsierte und ich in seine Augen sah, sprach er aus, was mir gerade durch den Kopf ging.

»Wir kriegen das hin«, sagte er rau und ich umschlang ihn mit den Beinen, um unsere Verbindung nicht zu schnell zu verlieren.

 

Am späten Nachmittag desselben Tages fuhr ich allein ins Krankenhaus. Mary hatte angerufen und Bescheid gesagt, dass Simon bei Bewusstsein war und ich wollte ihn sehen. Die ganze Sache ließ mir keine Ruhe. Ich konnte erst weitermachen, wenn ich wusste, woran ich war.

Als ich über den Krankenhausflur ging, der mir inzwischen schon vertraut war, kam mir Mary entgegen. Sie umarmte mich.

»Es ist schön, dass du da bist, Al. Er ist in keiner guten Verfassung. Körperlich geht es ihm den Umständen entsprechend. Er muss operiert werden. Die Ärzte sagen, seine Herzkranzarterien sind über längere Strecken verengt. Vermutlich braucht er einen Bypass. Anschließend soll er zur Reha. Du kannst dir vorstellen, dass er das auf keinen Fall will.« Sie sah mich bittend an. »Wenn er sich weiterhin dem Stress mit Infernality Rises aussetzt, dann wird ihn das umbringen.«

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968170053
ISBN (Buch)
9783968170930
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v538707
Schlagworte
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Autor

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    Alexandra Fischer (Autor)

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Titel: Küsse on Stage