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Wie Licht und Schatten

von Talina Leandro (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Ein wunderschönes Haus, eine süße Tochter, ein neuer Job – Iva hat scheinbar alles und doch fehlt ihr etwas: Liebe. Ihre Ehe ist nur noch eine Farce und sie sehnt sich nach Nähe und Geborgenheit. Als sie den verboten attraktiven Amon kennenlernt, ahnt Iva noch nicht, dass ihr zwei große Dinge bevorstehen: das Abenteuer ihres Lebens und ihr schlimmster Albtraum. Iva fühlt sich zu Amon hingezogen, doch eine Beziehung ist keine Option, sind beide doch liiert. Ehe Iva sich versieht, schlittert sie dennoch in eine aufregende Affäre und ein dramatisches Versteckspiel beginnt. Iva muss sich entscheiden: Kann sie sich ihren Gefühlen hingeben und damit riskieren, alles zu verlieren?

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe Mai 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-169-2

Copyright © November 2019, Talina Leandro
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits November 2019 bei Talina Leandro erschienenen Titels Grenzenlos: Im Schatten der Nacht.

Covergestaltung: KÖPKE COVERDESIGN
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Bokeh Blur Background, © Eugene Partyzan
Korrektorat: Katja Wetzel

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

 

Für alle Bonnies & Clydes dieser Welt.

 

 

 

 

 

Eifersucht ist Leidenschaft, die mit Eifer sucht,

was Leiden schafft.

 

– Franz Grillparzer –

Prolog

IVA

Mit großer innerer Unruhe tigerte Iva durch das Wohnzimmer. Ein paar Minuten zuvor hatte sie nach einem harten Arbeitstag gemütlich mit ihrem Mann Adrian auf der Couch gesessen und im Fernsehen eine Dokumentation über Haie angesehen. Iva fand keine Erklärung für ihren inneren Aufruhr. Es war, als zöge sie ein Magnet aus ihrer Wohnung. In ihren Gedanken blitzten Bilder einer Straße auf, die durch einzelne Laternen schwach erleuchtet war. Iva wusste, dass das nicht einfach nur Bilder waren. Es war eine Vision. So etwas hatte sie nicht oft. Aber wenn, dann meist sehr intensiv.

Die Vision zeigte ihr eine menschenleere Straße, ein Auto und schließlich ein Bild von ihm. Dem Mann, durch den sich für sie alles verändert hatte. Dem Mann, an den sie ihr Herz verloren hatte. Dem Mann, für den sie brannte. Dem Mann, der mehr Macht über sie hatte, als sie sich eingestehen wollte. Dem Mann, der Engel und Teufel zugleich war. Amon.

Verunsichert rieb sie sich über die Stirn und blickte zu ihrem Ehemann hinüber, der interessiert der Doku lauschte.

Ein Hai von kolossaler Größe flimmerte über den Bildschirm. Adrian schob sich ein paar Chips in den Mund und starrte gebannt zum Fernseher.

Die Unruhe nahm langsam überhand. Iva atmete ganz bewusst ein und aus, um sich zu fangen. Nervös rieb sie die Hände über ihre Oberschenkel. Die Wände ihrer Wohnung verursachten ein beklemmendes Gefühl in Ivas Kehle.

Wieder diese Bilder. Sternenhimmel. Küsse. Sie verschwanden nicht. Irgendetwas zog Iva hinaus in die klare Nacht. Es erschien ihr übernatürlich.

Ivas Blick fiel auf die Uhr über dem Kamin. Das Zifferblatt zeigte halb elf an. An diesem Tag hatte sie Frühschicht gehabt und wenigstens am Abend frei. Sie schaute aus dem Fenster. Es war schon sehr dunkel. Vereinzelt funkelten kleine Sterne am wolkenfreien Himmel.

Ihr Herz schlug stark. Sie spürte seine Nähe. Mit zittrigen Händen öffnete sie die Balkontür. Frische, klare Luft drang in ihre Lunge. Durchatmen. Langsam trat Iva nach draußen und lehnte sich an das Balkongeländer. Unbändige Sehnsucht und Einsamkeit stiegen in ihr auf. Ein leichter Windhauch schien sie in einer Umarmung zu wiegen.

Gedankenverloren zog Iva ihr Handy aus der Hosentasche und tippte hastig:

Wo bist du?

Ohne auf eine Antwort zu warten, steckte sie das Handy wieder ein. Sie spürte, dass Amon in der Nähe war.

Iva verließ den Balkon, stopfte die Hausschlüssel in die Hosentasche und eilte durch das Wohnzimmer in Richtung Garderobe. Hastig schlüpfte sie in ihre Schuhe und stürmte zur Wohnungstür.
Adrian stand in der Küche und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Ein kurzes „Bin gleich wieder da!“ ging ihr in der Hektik noch über die Lippen.

Ihr Mann schaute sie ein wenig verwundert an. Er schloss den Kühlschrank, zuckte mit den Schultern und setzte sich vor den Fernseher. Ihm war schlichtweg egal, was Iva trieb.

Sie hetzte die Treppen im Hausflur des Zweiparteienhauses so schnell hinab, dass es schallte. Die Haustür fiel laut hinter ihr ins Schloss.

Iva rannte die von Laternen erleuchtete Straße, in der sie wohnte, hinunter.

Kalt war es nicht in dieser lauen Sommernacht. In Ballerinas, Boyfriend-Jeans und einem weißen Sommerkurzarmpulli war sie wie von Sinnen aus dem Haus gelaufen. Sie eilte in die stockfinstere Nacht, als wäre sie auf der Flucht.

Ihr Handy vibrierte. Vor Anstrengung keuchend blieb Iva stehen, kramte das kleine Smartphone aus ihrer Tasche hervor und schaute auf das Display. Amon. Sie öffnete die Nachricht.

Vor der Haustür meines Bruders.

Iva schaute auf und spürte, wie ihr Herz raste. Denn in diesem Moment stand sie keine zehn Meter davon entfernt. Amons Bruder Martin wohnte in Ivas unmittelbarer Nachbarschaft. Zaghaft schlich sie ein paar Schritte geradeaus und blieb plötzlich stehen. Es war sehr dunkel, doch durch die Straßenlaterne, neben der Amon geparkt hatte, erkannte sie seinen weißen Mustang sofort. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und ihre Wangen glühten.

Die Fahrertür stand offen. Er saß mit dem Rücken zu ihr hinter dem Lenkrad. Sein linkes Bein ragte aus dem Wagen. Die kinnlangen, dunkelbraunen Haare, die sich im Nacken leicht kräuselten, trug er mit Haargel nach hinten gestylt. In der Dunkelheit wirkten sie fast tiefschwarz.

Ivas Herz klopfte zunehmend stärker vor lauter Aufregung. Sie war unsicher, ob sie auf ihn zugehen oder besser wieder umkehren sollte. Dann nahm sie vorsichtig ihr Handy und öffnete den Nachrichtenverlauf mit Amon erneut. Mit zittrigen Fingern tippte sie:

Ich auch.

Sie schickte es ab, ohne sich bemerkbar zu machen. In diesem Moment genoss sie die Tatsache, ihn wie ein Voyeur beobachten zu können und zu wissen, dass sie in wenigen Augenblicken aufeinandertreffen würden.

Iva erschrak, als hinter ihr plötzlich ein Radfahrer aus der Dunkelheit auftauchte und dicht an ihr vorbeischoss. So schnell, wie er gekommen war, war er auch schon wieder verschwunden. Ivas Aufregung war so stark, dass sie sich mit einer kleinen Atemübung selbst zu beruhigen versuchte. Sie atmete bewusst in den Bauch und sammelte dabei ihre Gedanken.

Da ertönte nur einige Meter entfernt von ihr Amons Handy. Er nahm es in die Hand, öffnete die Nachricht und las sie. Das Licht des Handys im dunklen Auto ermöglichte Iva einen kurzen Blick auf Amons Antlitz. Das Display erlosch wieder. Sichtlich irritiert stieg er aus dem Wagen und schaute sich überrascht um, während er sich nervös die Hose glatt strich, die vom Sitzen Falten geschlagen hatte. Dann sah er in ihre Richtung. Sein Blick war wie erstarrt. Leise schloss er die Fahrertür.

Iva wusste ganz genau, wie heikel die Situation in diesem Moment war. Ihr Blick streifte von links nach rechts, um die Gefahr, entdeckt zu werden, genau einschätzen zu können. Zu ihrem Glück war die kleine Straße menschenleer. In der Ferne hörte sie eine Feuerwehrsirene, die erst lauter wurde und dann wieder verstummte.
Langsam und ohne ein Wort zu sagen, gingen sie aufeinander zu. Als sie sich in der Mitte der Straße trafen, berührten sich ihre Hände. Sie schauten sich tief in die Augen.

Iva grinste und merkte, wie ihre Knie weich wurden.

Amon nahm sie fest bei der Hand. Seine Mundwinkel zogen sich ebenfalls zu einem Lächeln nach oben.

Entschlossen und mit ihrem frechen Schlitzohr-Blick sah Iva zu ihm auf. Dann rannte sie los, ohne ihre von seiner Hand zu lösen.

Sie sprinteten in die Nacht. Weg von der Straße und weg von Martins Haus. Kurz darauf erreichten sie eine dunkle Gasse und blieben stehen.

Mit seinen Händen nahm Amon Ivas Kopf und zog ihn zu sich heran. Hi“, sagte er. Seine dunkelbraunen Augen bargen so viel Wärme und Liebe in sich.

Sie schauten sich an und die Welt um sie herum schien stillzustehen. Zeit hatte in diesem Augenblick keine Bedeutung mehr.

Amon zog Ivas Gesicht noch näher zu seinem, sodass sich ihre Lippen berührten.

Sie küssten sich so leidenschaftlich, als wäre es der letzte Kuss vor einem langen Abschied.

Amon strich ihr liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht.

Völlig ergriffen von diesem Moment füllten sich Ivas Augen mit Tränen. Sie spürte die Flamme in sich lodern, von der sie gedacht hatte, sie wäre längst erloschen.

Da waren sie wieder: das Leben und das Lieben.

1. Kapitel

IVA

Endlich war es so weit! Ivas erster Arbeitstag bei MALI – Spa & Fitness Club war gekommen. Diesen Tag im Juni hatte sie so sehr herbeigesehnt, dass sie im Kalender sogar einen Countdown notiert und die Achtundzwanzig dick eingekreist hatte.

Aufgeregt rannte Iva nach einer erfrischenden Dusche aus dem Bad in das Schlafzimmer. Die Arbeitskleidung, die aus einer schwarzen Jeans und einem magentafarbenen Shirt bestand, hatte sie bereits am Vorabend auf ihrer Kommode bereitgelegt. Sie schlüpfte hastig in die Jeans und streifte das Shirt über. Mit einem kritischen Blick in den Spiegel begutachtete Iva ihr Arbeitsoutfit.

Das Shirt hätte ich doch besser in XS nehmen sollen, S ist ein wenig zu groß. Na ja, zu körperbetont ist wohl auch nicht so gut. Jetzt muss ich mir noch schnell die Haare machen, mich schminken und dann kann ich los.

Sie schaute auf ihre Armbanduhr.

Mist! Nur noch zwanzig Minuten. Ich will nicht zu spät kommen.

Iva hastete zu ihrem kleinen Schminktisch, trug eine Base auf und ließ sie kurz einwirken. In der Zwischenzeit suchte sie nach ihren Turnschuhen, die sie sich extra für die Arbeit gekauft hatte, und stellte sie neben die Wohnungstür. Dann eilte sie zum Schminktisch zurück und trug das Make-up auf. Puder und Rouge wählte sie etwas dezenter als sonst. Auf ihren Sechzigerjahre-Eyelinerstrich wollte Iva jedoch nicht verzichten. Sie liebte den Vintage-Look und alles aus dem Zeitraum zwischen 1920 und 1970. Ihre zierliche Figur ähnelte der von Twiggy, den Pony des schulterlangen, mittelblonden Haares trug sie wie Brigitte Bardot und die Lippen schminkte sie gern rot wie Marilyn Monroe. Ihr Stil war wie der von Audrey Hepburn inklusive typischer Eyelinerstrich und etwas Mystisches, Katzenhaftes wie Vivien Leigh in der Rolle der Scarlett O’Hara hatte sie auch an sich. Dieser Stil war ihr Markenzeichen. Eine Hommage an früher. Ein Früher, das sie selbst nicht einmal kannte. Jedoch stellte sie es sich so vor, da sie gern in alten Modezeitschriften blätterte und sich von ihnen inspirieren ließ. „Hundert Jahre Vogue“ war eine von ihren Inspirationsquellen.

Als sie die letzte Schicht Wimperntusche aufgetragen hatte, bürstete Iva ihre Haare im Eiltempo und band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Lediglich der Pony durfte ihr ins Gesicht fallen, denn Iva fand, dass sie dadurch ein halbes Jahrzehnt jünger wirkte. Und wer möchte schon nicht wieder fünfundzwanzig sein?! Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel und …

Parfüm!

Ein Spritzer links, ein Spritzer rechts. Fertig.

Iva fuhr zusammen, als sich Adrian mit einem lauten Räuspern bemerkbar machte. Erschrocken fuhr sie herum und entdeckte ihn mit verschränkten Armen im Türrahmen stehend. Sie war so darauf konzentriert gewesen, sich fertig zu machen, dass sie ihn überhaupt nicht kommen gehört hatte.

„Adrian! Du hast mich erschreckt.“

Er wedelte sich Luft mit den Händen zu.

„Hier riecht es übertrieben stark nach Alien. Ein Spritzer weniger hätte doch auch gereicht, oder?“ Adrian verzog angewidert das Gesicht.

„Mensch Adrian. Übertreib doch nicht. In fünf Minuten ist das doch wieder verflogen. Das ist seit zehn Jahren mein Lieblingsduft. Schlimm?“

„Nö. Mich wundert nur, dass du für so einen Job solche Geschütze auffährst mit dem ganzen Make-up und Parfüm.“

Iva hob eine Augenbraue. „So einen Job? Ich arbeite als Servicekraft.“

„Du kippst Kaffee in eine Tasse. Das kann jeder. Dafür musst du dich nicht so aufstylen.“

„Dass du aber auch immer alles schlechtreden musst, was ich mache oder was mir gefällt. Ich freue mich auf diesen Job. Schließlich war ich seit Claras Geburt nur zu Hause.“

„Jaja.“

„Was macht Clara?“

„Guckt Fernsehen.“

„Och Adrian. Spiel doch mal mit ihr, statt sie vor der Glotze zu parken.“

„Ich will aber gleich noch zocken.“

Iva gab ein Marge-Simpson-Brummen von sich. Sie hasste es, wenn Adrian sich nicht so um ihre gemeinsame Tochter kümmerte, wie er sollte.
Sie war wahnsinnig unglücklich mit ihrem introvertierten und egoistischen Ehemann. Ihre Liebe zu ihm war schon vor vielen Jahren eingeschlafen, denn er bemühte sich nicht mehr um Iva und zeigte ihr kaum noch Zuneigung. Er gab ihr stets das Gefühl, ihm egal zu sein. Die erste Zeit hatte das Iva sehr hart getroffen, doch nach und nach hatte sie sich damit abgefunden und mit dem Gedanken angefreundet, die Beziehung zu beenden. Jedoch brachte sie es wegen Clara nicht übers Herz, sich endgültig von ihrem Mann zu trennen.

In den letzten Wochen hatte sie sich oft Gedanken gemacht und festgestellt, dass sie und Adrian eigentlich überhaupt nicht zusammenpassten. Iva war schon immer ein musisch-kreativer Mensch mit Hang zur Esoterik gewesen. Adrian konnte damit nichts anfangen.

Er war eher der nüchterne Faktenmensch, bei dem es für alles eine logische Erklärung gab. Er war nicht wie Iva Autodidakt und voller Ehrgeiz, sondern tat nur, was ihm aufgetragen wurde. Nicht mehr und nicht weniger.

Bei Iva verhielt sich das ganz anders. Was sie lernen wollte, brachte sie sich bei. Was sie sich zum Ziel setzte, erreichte sie. So war es schon immer gewesen.

 

Nach einer fünfzehnminütigen Autofahrt vom hessischen Städtchen Florstadt nach Friedberg hatte Iva ihre neue Arbeitsstätte erreicht. Obwohl zu dem Club ein großer Kundenparkplatz gehörte, stellte Iva ihren Wagen in der Nachbarstraße ab. Die letzten Meter wollte sie zu Fuß gehen, um noch einmal tief durchatmen zu können. Ihre Aufregung war auf einmal riesig.

Sie stieg aus und bemerkte, dass es für eine lange Hose viel zu warm war. Mit klopfendem Herzen näherte sie sich dem Club.

Das große Gebäude mit dem überdimensionalen Logo wirkte aus nächster Nähe sehr einschüchternd auf Iva. Sie erreichte den Eingang und atmete noch einmal tief ein, bevor sie die Tür öffnete. Die kalte Luft der Klimaanlage hüllte sie angenehm ein.

Iva stellte sich an die Theke im Eingangsbereich. Sie war sich nicht sicher, wo sie sich melden sollte.
Eine Mitarbeiterin kam herangeeilt und musterte sie. „Kann ich helfen?“, fragte sie ziemlich unfreundlich.

Iva schaute stumm an sich und ihrer Arbeitskleidung herab. Vor lauter Aufregung brachte sie kein Wort heraus.

„Ach so, du bist die Neue. Dann geh bitte mal kurz ins Büro zu Tim, unserem Chef. Ich bin übrigens Yasmina“, sagte sie gelangweilt. Ohne Iva auch nur ein Wort sprechen zu lassen, winkte Yasmina sie hinter sich her und klopfte an die Bürotür. „Tim, darf ich kurz stören?“, fragte Yasmina mit Schwung in der Stimme. „Hier ist diese Neue.“

Hoppla. Diese Neue? Mein Name ist Iva, aber das wirst du auch noch lernen. Doch davon lasse ich mich jetzt nicht beirren.

„Herein!“, hörte Iva eine monotone Stimme aus dem Büro rufen. Sie trat ein und erblickte einen Mann hinter einem großen Schreibtisch.

Ihr neuer Chef hatte feuerrotes Haar und schien Mitte vierzig zu sein. Er blickte auf und lächelte Iva an. „Oh, hallo. Bist du Iva?“

„Ja, das bin ich.“ Sie reichte ihm lächelnd die Hand.

„Schön, dass du da bist. Deine Arbeitskleidung hast du schon an, wie ich sehe. Dann kann es ja gleich direkt losgehen. Yasmina hat heute die Serviceleitung, weil Claudia nicht da ist. Normalerweise macht sie das. Für die ersten Tage reicht es vollkommen, wenn du Yasmina im Service einfach über die Schulter guckst. Doch vorher schaust du dir am besten erst mal unseren Club an.“

Iva atmete erleichtert auf, da es nicht direkt wieder zu Yasmina ging. „Prima.“

„Gut, dann schau ich mal, wer Zeit hat, dich kurz herumzuführen.“

Iva nickte begeistert und sah zu Tim, der sich von seinem Stuhl erhoben hatte und aus seinem Büro trat.

Sie folgte ihm durch einen kleinen Flur hinter der Kaffeetheke, zu dem nur das Personal Zugang hatte.

„Hier rechts sind die Toiletten für die Mitarbeiter und da vorne links geht es zum Personalraum. Dort kannst du deine Sachen in einen Spind schließen.“

„Okay.“

Tim bog am Ende des Flurs links ab und steuerte mit Iva auf die Trainingsfläche zu. „Ah, da vorne ist Bianca. Sie ist eine Trainerin hier und kann dich herumführen.“ Ivas Chef winkte die Trainerin zu sich. „Bianca? Das ist Iva. Heute ist ihr erster Tag als Servicekraft bei uns. Es wäre super, wenn du ihr kurz unseren Club zeigst. Oder warst du schon mal hier, Iva?“

„Nein, noch nicht.“

Bianca, eine sportliche junge Frau mit dunklem Haar, lächelte Iva an. „Kein Problem. Dann komm einfach mal mit.“

„Gern.“

Die Trainerin ging voran und stieg die Treppe zur ersten Etage hinauf. Diese und auch das Erdgeschoss wurden mit den aktuellen Charts beschallt, was Iva richtig gut gefiel. „Hier oben ist eine große Trainingsfläche, auf der unter anderem auch meine Bauchkurse und das Zirkeltraining stattfinden. Da hinten sind Männer- und Damentoiletten und da vorn ist der große Kursraum.“

„Wow. Gefällt mir sehr gut.“

„Wir bieten verschiedene Kurse an. Von Pilates über BOP ist alles dabei. Unten an der Theke liegt ein Kursplan aus. Da kannst du nachher gerne mal draufschauen. Dann siehst du genau, was wir wann anbieten. Wir Mitarbeiter genießen im Übrigen das Privileg, hier kostenlos in unserer Freizeit trainieren und den Wellnessbereich nutzen zu dürfen.“

„Ach was! Echt? Das ist ja toll.“

„Ja, Yasmina macht nachher ein Bild von dir für den Computer und dann bekommst du einen Ausweis zugewiesen. Mit dem kannst du zum Training, aber auch zur Arbeit einchecken. Eine Etage höher ist noch ein weiterer Kursraum, in dem der Cycling-Kurs stattfindet. Den kannst du dir gern in deiner Pause anschauen, wenn du möchtest. Ich habe gleich eine Trainerstunde und zeige dir jetzt erst mal nur die für dich relevanten Bereiche.“

„Okay.“

Nachdem sie die obere Etage besichtigt hatten, stiegen sie die Treppe zum Erdgeschoss wieder hinab.

„Wir duzen übrigens alle.“

„Gut zu wissen. Also ich finde den Club wirklich toll. Das breit gefächerte Angebot und vor allem, dass man hier als Mitarbeiter kostenlos trainieren kann.“

„Hier im Erdgeschoss findest du eine große Trainingsfläche mit Laufbändern und Geräten wie oben auch und einen Kraftraum. In dem halten sich aber meist nur unsere männlichen Mitglieder auf.“

„Ich finde es hier echt klasse. Besonders die hellen, sonnigen Farben und die vielen verschiedenen Geräte. Alles ist so modern und sauber. Das findet man nicht in jedem Club.“

„Danke. In unserem Club wie auch in allen anderen Clubs, die zu dieser Kette gehören, ist das Standard. Du müsstest mal das Mali Deluxe Spa in Frankfurt sehen. Da komme selbst ich aus dem Staunen nicht mehr raus.“ Biancas Augen leuchteten. „Na, komm, ich zeige dir noch die untere Etage.“

Sie gingen die Treppe zum Untergeschoss hinab.

„Wie du bestimmt schon bemerkt hast, sind überall Überwachungskameras installiert.“ Bianca zeigte auf eine der Kameras an der Decke des Flurs der unteren Ebene. „In den Umkleiden sind natürlich keine.“

Iva und Bianca betraten den Wellnessbereich. Es duftete überall nach Lavendel und aus den Lautsprechern erklang Entspannungsmusik.

„Hier ist unser Wellnessbereich. Dazu gehört ein großer Bade- und Massagebereich. Dort wirst du jedoch nicht eingesetzt. Dort arbeiten unsere Masseure, zwei Bademeister und eine Kosmetikerin. Deine Aufgabe ist es, die Sonnenbänke regelmäßig zu säubern und zu kontrollieren sowie morgens die Sauna anzuschalten oder abzuschalten, wenn du Spätschicht hast. Yasmina wird dir noch zeigen, wie das geht.“

„Okay.“

„Die Mitglieder sind eigentlich alle ganz nett. Doch wenn morgens die Sauna nicht rechtzeitig warm ist, können die auch ganz schön ungemütlich werden.“

„Puh, das darf mir nicht passieren.“

„Nun ja, wie dir vielleicht schon aufgefallen ist, ist hier einiges anders, als in einem normalen Fitnessstudio. Die Hälfte unserer Besucher kommen nur, um Wellness zu machen und haben dafür eine eigene Mitgliedschaft. Dann gibt es noch die Leute, die nur zum Training kommen und die Deluxe-Kunden haben eine Kombikarte. Das Konzept hat Mali – die Frau vom Gründer – entworfen. Sie kommt manchmal her. Wenn so ein Termin ansteht, muss hier alles besonders gut laufen. Sonst gibt es schnell Ärger. Ach, noch etwas zum Fitnessbereich: Im Vergleich zu anderen Clubs wird hier nicht jeder angenommen. Anabolika-Typen oder Leute, die schon aussehen, als würden sie hier Ärger machen, nehmen wir grundsätzlich nicht an. Anmelden kann man sich ab 16 mit Einwilligung der Eltern. Darauf achten wir wirklich sehr penibel. Auch die Bekleidung ist hier etwas, auf das wir sehr achten, damit sich niemand belästigt fühlt. Deshalb hat unser Club auch einen ausgezeichneten Ruf.“ Bianca wies auf die eingerahmte Kleiderordnung, die neben ihr im Flur hing. „Achselshirts oder das Trainieren mit freiem Oberkörper sind hier zum Beispiel verboten. Eine Kopie der Regeln bekommst du auch noch. Komm, wir gehen wieder hoch. Hast du noch Fragen?“

„Diese Mali – ist sie oft da? So, wie du es darstellst, scheint sie streng zu sein.“

„Nun ja, sie ist sehr speziell. Keiner kann es ihr wirklich recht machen. Zumindest ist das mein Eindruck.“

„Okay!“ Iva schnaufte kurz.

„So schlimm ist sie nun auch nicht.“

„Wie ist denn so die Stimmung im Team?“

„Also alle hier lieben ihren Job. Ich auch. In diesem Club arbeitet man einfach gerne. Der Chef ist locker, die Mitglieder sind nett. Viele ihnen sitzen nach den Kursen noch beisammen, trinken Shakes und unterhalten sich. Da ist es egal, ob man Geschäftsmann oder Schüler ist. Alle sind hier gleich.“

„Hört sich toll an.“

Die beiden Frauen erreichten die Theke, die Ivas Hauptarbeitsbereich werden würde. Ivas Blick fiel auf Yasmina, die Kaffee für zwei Männer, die auf den Barhockern saßen, zubereitete.

„So, dann übergebe ich dich mal Yasmina. Sie wird dir deinen Bereich näher zeigen.“

„Super und danke fürs Rumführen.“

„Sehr gern.“ Bianca verabschiedete sich und betrat wieder die Theke des Trainerpostens auf der Fläche.

Iva steuerte auf Yasmina zu, die ihr zunächst keine Beachtung schenkte. Wie bestellt und nicht abgeholt stand Iva hinter der Theke und kam sich ziemlich nutzlos vor.

Doch kurze Zeit später nahm Yasmina sich ihrer endlich an. „Ah, Iva, da bist du ja wieder. Hat Bianca dir alles gezeigt?“

„Ja, hat sie. Wirklich ein ganz toller Club.“

„Das ist er wirklich. Hast du schon mal im Service gearbeitet?“

„Nein, das ist absolutes Neuland für mich.“

„Oh“, stieß Yasmina aus und klang etwas enttäuscht.

„Das ist überhaupt kein Problem. Ich liebe neue Herausforderungen. Was ich lernen will, eigne ich mir sehr schnell an.“

„Hm. Na gut. Also das ist unser Computer, mit dem wir alles buchen, was wir an der Theke verkaufen. Das sind nicht nur Getränke, sondern auch Riegel oder Shakes zum Mitnehmen. Das Einchecken können wir auch von hier aus vornehmen. Die Trainertermine machen die Mitglieder eigentlich beim Trainer selbst aus. Aber wenn sie absagen, rufen sie ja meist hier vorne an, weil es am Trainerposten kein Telefon gibt. Dann streichen wir den Termin im System und vereinbaren direkt einen neuen Termin.“

Iva verfolgte Yasminas Erklärungen mit großer Neugierde und Aufregung. Alle Informationen saugte sie sofort auf wie ein Schwamm.

„Am besten beobachtest du, wie ich das mache, und merkst dir alles. Kannst du gut auswendig lernen?“

„Ja, eigentlich schon.“

„Super. Wir sprechen unsere Mitglieder nämlich alle mit Namen an, wenn sie unseren Club betreten oder verlassen. Wir haben ziemlich viele Mitglieder. Keiner erwartet von dir, dass du alle mit Namen kennst, aber die unserer Stammmitglieder solltest du dir merken. Irgendwann wirst du auch automatisch wissen, wer was und wann trinkt. Die Mitglieder sind immer wieder begeistert, wenn wir ihnen die Bestellung von den Augen ablesen. Das hier sind übrigens Mario und Amon. Die beiden sind unsere Masseure. Wenn die zwei auf die Theke zusteuern, hast du am besten schon den Kaffee bereit.“ Yasmina wies mit einem Lächeln auf die beiden Männer, die am Tresen ihren Kaffee tranken. „Stimmt’s, Männer? Das ist Iva, unsere neue Servicekraft. Seid nett.“

„Wir beißen nicht. Ich bin Mario“, sagte der blonde, gut gebaute Kerl, den Iva auf Ende zwanzig schätzte.
Der Mann neben ihm musste also ihrer Schlussfolgerung nach Amon sein. Er war ziemlich breitschultrig, hatte braunes Haar, das ihm bis zum Nacken ging, und braune Augen.

Als Iva den beiden ein verlegenes Lächeln schenkte, fing Mario an, ihr von sich zu erzählen. Von seinem Beruf als Masseur, seinen Hobbys, seinen Fahrradtouren und seiner zuckerfreien Lebensweise.

Amon dagegen trank in aller Seelenruhe seinen Kaffee und sagte nichts.

 

Die ersten beiden Wochen waren schnell vergangen. Die Namen der Stammmitglieder – einige kamen sogar mehrmals am Tag – und Kollegen hatte Iva recht schnell gelernt. Eigentlich war sie gar nicht so gut darin, sich Namen zu merken. Da sich Iva auf der Arbeit viel unterhielt, benutzte sie Gesprächsinhalte als Eselsbrücken.

Julia war zum Beispiel ein Stammmitglied, das sich von hundertvierzig auf stolze sechsundsiebzig Kilo hinunter gekämpft hatte, Jürgen war der Typ, den man zweimal täglich begrüßte, Roxanne die Fitnessbloggerin, Mario der Masseur, der dem Zucker den Kampf angesagt hatte, und dann gab es da noch Amon.

Meistens gab sich Iva den Mitgliedern und Kollegen gegenüber zwar offen und freundlich, jedoch wahrte sie eine professionelle Distanz, da sie nicht zu viel von sich und ihrem Privatleben preisgeben wollte. Schließlich waren die Mitglieder in erster Linie Fremde und die ging das Privatleben der Angestellten nichts an.

Bei Amon war es anders. Auf eine Art und Weise, die Iva sich nicht erklären konnte, fühlte sie sich in seiner Nähe sehr wohl. Sie versuchte jedoch, nicht allzu viel Kontakt zu Amon zu suchen, denn sie wollte nicht unprofessionell wirken. Doch immer wieder versuchte sie, Amon ein paar Details über sich durch Small Talk zu entlocken. Sehr schnell fand sie heraus, dass er Witwer und seit einiger Zeit neu liiert war.

Der durchtrainierte Amon mit seinem leicht südländischen Aussehen und den kinnlangen dunklen Haaren entsprach in jeder Hinsicht Ivas Geschmack. Unbewusst brachte er es mit seiner charmanten Art an so manchen Tagen zustande, Iva jeglicher Konzentration auf die Arbeit zu berauben. Er trank seine Espressi in jeder seiner Pausen und nach Feierabend bei ihr an der Theke. Wie Iva floh auch er gern aus seinem Alltag und vertrieb sich die Zeit im Club, wenn er dieses an seinen freien Tagen besuchte, nicht nur mit Training, sondern auch mit netten Gesprächen.

 

Iva arbeitete inzwischen seit drei Wochen im neuen Club. Sie arbeitete hart, war manches Mal erst gegen Mitternacht zu Hause. Jedoch bekam sie deswegen nie Ärger mit ihrem Mann, denn ihn störte es nicht sonderlich, dass seine Frau so lange weg war. Iva hatte sogar den Eindruck, dass er froh darüber war. Er fragte sie auch nie, wie ihr Tag gewesen war. Nie! Wenn sie spätabends nach Hause kam – total fertig von der Arbeit –, saß er meistens an der Spielekonsole und zockte.

Diese Gleichgültigkeit und das Desinteresse an ihr und ihrer Arbeit waren für Iva unerträglich und machten sie jedes Mal traurig. Sie stellte fest, dass er ihr nicht mehr geben konnte (oder wollte). Sie nahm die Tatsache frustriert hin.

Als sie Adrian vor fünf Jahren kennengelernt hatte, war er viel offener gewesen. Als nach drei Jahren dann das erste gemeinsame Kind und die Hochzeit gefolgt waren, war für Iva eigentlich alles perfekt gewesen.

Schleichend hatte Adrians Desinteresse an Iva und ihrer Tochter Clara mit den Jahren jedoch immer weiter zugenommen. Mehr und mehr hatte er sich in seine Zockerwelt zurückgezogen, in die er jeden Tag nach der Arbeit eintauchte.

Damit konnte und wollte Iva nicht für immer leben. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als einfach nur von ihrem Mann geliebt zu werden. Sie wollte endlich wieder glücklich sein.

2. Kapitel

IVA

Es war fast Ende Juli. Die Sonne brannte und ließ das Thermometer auf vierunddreißig Grad Celsius im Schatten ansteigen. Abgesehen vom öffentlichen Schwimmbad war der einzige Ort, an dem es gut auszuhalten war, der ausgezeichnet klimatisierte Club.

Iva wischte die Theke ab, nachdem sie Amon seinen zweiten Espresso serviert hatte. Karsten und Roxanne – die immer gemeinsam trainierten – hatten sich neben Amon niedergelassen, um dort bei einem Isodrink kurz zu verweilen.

„Gibst du uns zwei Isodrinks?“ Roxanne warf Iva ein freundliches Lächeln zu.

„Natürlich.“ Iva bediente die zwei und buchte die Bestellung in den Computer. Sie war stolz darauf, inzwischen die gesamte Theke alleine führen zu können.

Mike, einer von Ivas Kollegen, der ihr in den letzten Wochen so manches Mal schmachtende Blicke zugeworfen hatte, betrat den hinteren Teil der Theke und schaute auf ihre Hände. Er war neben Bianca einer der drei Trainer des Clubs. „Sag mal, du bist doch verheiratet, oder? Warum trägst du eigentlich keinen Ring?“

Karsten und Roxanne schauten Iva verdutzt an, als diese dreist gestellte Frage von Mike im Raum stand.

Iva schnaufte verärgert. „Ich weiß doch, dass ich verheiratet bin. Außerdem stört er mich bei der Arbeit.“

„Also trägst du ihn gar nicht? Auch zu Hause nicht?“, bohrte Mike nach.

Iva war dieses Thema vor den Mitgliedern sehr unangenehm. Sie entgegnete gereizt: „Wenn man glücklich verheiratet ist, trägt man mit Sicherheit auch seinen Ehering. Themawechsel bitte.“

Das war ihre letzte Antwort. Sie war ziemlich genervt, über ihre Ehe sprechen zu müssen. Es stimmte sie traurig und gehörte wahrlich nicht zu ihrer Lieblingsthematik. Sie stellte schwungvoll eine Tasse in den Abwasch, dass es nur so schepperte.

Mit beleidigtem Gesicht verzog sich Mike in den Kraftraum.

Iva schaute zu Amon, der leicht schmunzelte und schließlich verlegen auf seinen Espresso hinunterblickte.

Nachdem sie ihre Isodrinks geleert hatten, verließen Roxanne und Karsten die Theke und setzten ihr Training fort.

Daraufhin sah Amon Iva verständnisvoll an und sagte leise: „Ich kenne das.“

Iva lächelte peinlich berührt, da er allem Anschein nach auch keine glückliche Beziehung führte.

Amon deutete mit seinem Zeigefinger vorsichtig auf sein Handy. „Wenn du magst, gebe ich dir meine Nummer. Dann können wir ja einfach mal so schreiben.“ Ein wenig verlegen sah er Iva an.

Sein plumpes Angebot warf sie total aus der Bahn. So schaute sie ihn nur verdutzt an. Doch anschließend lächelte sie verhalten. Iva zögerte und wunderte sich darüber, dass sie nicht sofort Nein gesagt hatte, wie sie es normalerweise getan hätte. Bei Amon war es auf eine ihr unerklärliche Weise anders. Sie wollte nicht Nein sagen, weil er ihr so gut gefiel, dass sie mehr von ihm erfahren wollte. Entschlossen beendete sie ihre Grübelei. „Na gut. Aber ohne Hintergedanken, Amon. Ich habe ein Kind und bin verheiratet.“

„Ich bin doch auch liiert“, sagte er leise, grinste ungeniert und schaute sie dann ernst an. Vorsichtig sah er sich um und winkte Iva mit dem Finger zu sich heran.

Sie beugte sich bedacht zu ihm vor.

„Wir können aber nicht hier die Nummern austauschen“, flüsterte er. Er schaute zu den Überwachungskameras des Clubs hinüber.

„Ich habe gleich Feierabend“, entgegnete sie leise und wandte sich daraufhin sofort wieder von ihm ab, aus Angst, zu auffällig zu wirken.

Hoffentlich hat das jetzt niemand gesehen. Ich möchte keinen Ärger bekommen. Aber es kann ja nicht falsch sein, neue Freundschaften zu knüpfen, oder? Jedoch wäre es besser, wenn meine Arbeitskollegen das nicht unbedingt mitbekommen.

„Ich habe auch gleich frei.“ Er zwinkerte ihr zu und bestellte sich einen weiteren Espresso, um die Wartezeit bis zu ihrem Feierabend zu überbrücken.

Yasmina kam um die Ecke und rümpfte die Nase, die sie immer höher trug als alle anderen, sagte jedoch nichts. Sie warf Iva nur einen herablassenden Blick zu. Die siebenundzwanzigjährige Blondine hielt sich für etwas Besseres, weil sie die Nichte vom Gründer des Clubs war. Sie duldete keine Konkurrenz und das waren alle Frauen im Club. Das ließ sie auch unmissverständlich jedermann um sich herum wissen.

Die ersten Tage war sie noch einigermaßen nett zu Iva gewesen, aber auch nur, weil Tim in seiner Funktion als Clubleiter ein Auge mehr als sonst auf den Thekenbereich geworfen hatte. Claudia, die den Service leitete, war jedoch inzwischen wieder aus ihrem Urlaub zurück.

So fristete Yasmina ihr Dasein in der hintersten Ecke des Clubs an ihrem Beraterschreibtisch. Sie war offenbar ein wenig neidisch auf Iva, weil sie dort nicht mehr ständig jemanden um sich hatte. Iva hingegen hatte an der Theke immer Gesellschaft und unterhielt sich oft mit den Mitgliedern.

Iva verdrehte verspielt die Augen, während sie sich daranmachte, die Zuckerdosen aufzufüllen.

Was für eine eingebildete Ziege. Die denkt auch, dass alle Welt sie toll findet. Aber solche Menschen gibt es ja leider überall. Die brauchen nicht mal einen Anlass, um ihre schlechte Laune an anderen auszulassen. Ich versuche besser, ihr einfach aus dem Weg zu gehen.

Mittlerweile waren es noch fünf Minuten bis Arbeitsschluss. Iva zog sich in der Umkleide um, packte ihre Klamotten und Arbeitsschuhe ein und loggte sich danach im System aus. Sie wünschte ihrer Kollegin Fiona, die sie abgelöst hatte, eine angenehme Schicht und machte sich auf den Weg nach draußen.

Wenig später verließ auch Amon den Club.

Sie gingen um die Ecke, wo sein weißer Mustang parkte.

Amon setzte sich in seinen Wagen und ließ das Fenster der Fahrerseite herunter.

Iva trat näher, während Amon sein Handy zückte.

„Dann gib mir mal deine Nummer. Ich schreibe dir und dann hast du ja auch meine“, sagte er leise.

Sie sagte ihm ihre Nummer an.

Amon tippte in sein Handy eine Nachricht an Iva.

Als ihr Smartphone einen Signalton von sich gab, schaute Iva in ihren Nachrichteneingang, las die SMS:

Hi.

Sie schickte ebenfalls ein Hi zurück.

Er grinste und verabschiedete sich mit einem „Ciao“.

Iva sah ihm nach, bis sein Auto in der Ferne verschwand, und machte sich dann auf den Weg nach Hause.

3. Kapitel

IVA

Einige Tage später klingelte Iva bei ihrer Freundin Vivien. Nachdem sich die Tür mit einem lauten Surren geöffnet hatte, eilte sie die Stufen des Treppenhauses hinauf in die erste Etage.

Vivien, die Iva schon aus Schulzeiten kannte, stand bereits lächelnd im Türrahmen, als Iva die letzte Stufe nahm, und spielte mit einer Strähne ihrer blonden Haare.

Sie umarmten sich zur Begrüßung.

Vivien wies mit einer einladenden Handbewegung in Richtung Küche. „Hi meine Liebe. Schön, dass du kommst. Alles gut zu Hause? Was macht die Kleine?“

„Na, immer doch. Clara geht es gut. Ich sehe sie durch die Arbeit nur leider nicht mehr so oft.“

„So geht es anderen berufstätigen Müttern auch. Du wirst dich noch daran gewöhnen.“

Iva nickte. „Hat Carlos sich noch nicht beschwert, dass ich hier fast jede Woche abhänge?“

Lachend trat sie ein.

Carlos kam aus dem Bad geeilt, schlüpfte in seine Schuhe und drückte Vivien einen Kuss auf die Wange. „Olá! Bin jetzt weg.“

„Du gehst jetzt aber nicht extra wegen mir, oder?“, fragte Iva verwundert.

„Nein, nein. Die Baustelle ruft. Und so habt ihr Ruhe für euren Hokuspokus.“

Die Zweizimmerwohnung von Carlos und Vivien war nicht sehr groß. Aus Rücksicht auf Viviens Freund hielten sich die beiden Frauen meistens in der Küche auf. Dort waren sie ungestört. Trotz dass Carlos nicht da war, setzten sich die zwei an diesem Nachmittag wieder an den kleinen, rustikalen Küchentisch. Frischer Kaffee lief durch die Maschine und der Geruch von Räucherstäbchen lag in der Luft.

„Du strahlst ja so. Was ist passiert?“

„Ach Vivien.“ Iva seufzte verlegen und fuhr sich durch die Haare.

Die Augen ihrer Freundin weiteten sich vor Neugierde. „Raus damit!“

„Aber Carlos sagst du nix, ja?“

„Uhh, das klingt ja spannend.“

„Schwör!“

„Na schön, ich sage nichts. Indianer-Ehrenwort.“ Vivien gestikulierte fordernd mit den Händen. „Jetzt raus damit!“ Sie platzte offenbar vor Aufregung.

Iva holte tief Luft. „Ich habe einen Mann kennengelernt.“

Verblüfft starrte Vivien ihre Freundin an, während ihr Mund sich zu einem breiten Grinsen wie bei der Katze von Alice im Wunderland verformte. „Nee! Echt jetzt?“

Iva nickte und spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss, als ihrer Freundin die Kinnlade runterfiel.

Doch Vivien nahm schnell wieder Fahrt auf. „Name, Alter, Beruf, Familienstand und …“ Sie hielt inne. „Was ist eigentlich mit Adrian?“

Traurig blickte Iva zu Boden. „Ach, immer noch das alte Drama.“

„Tut mir leid, Liebes.“

Iva fing sich wieder. „Nun ja. Also er heißt Amon, ist Ende dreißig und arbeitet als Masseur bei mir auf der Arbeit.“

Vivien lehnte sich amüsiert zurück. „Soso.“ Ihre Freundin grinste wieder.

„Wir haben unsere Nummern ausgetauscht und … Na ja, mal gucken, was kommt. Er ist ja auch liiert.“

„Ui. Na, das klingt spannend. Aber was kommt, das gucken wir jetzt sofort“, sagte Vivien, stand auf und holte ihr altes Wahrsagekartendeck aus der Vitrine im Flur. Sie holte die Karten aus der Schachtel und setzte sich an ihren Platz zurück.

Iva bewunderte die alten Illustrationen, die ganz besonders mystisch wirkten.

Vivien zündete eine Kerze an und legte ihrer Freundin den Stapel Karten hin.

„Los, mischen und dabei an Amon denken!“

Iva folgte Viviens Anweisung, doch immer wieder rutschten ihr die Karten aus den Händen.

„Aufgeregt?“

„Neiiiiiin, ich doch nicht“, sagte Iva grinsend.

„Na, dann wollen wir doch mal schauen.“ Vivien nahm den Stapel und legte ein Bild, indem sie nacheinander die von Iva gemischten Karten in einer bestimmten Reihenfolge auf dem Tisch anordnete.

„Das Kartenbild zeigt, was in der Zukunft passieren wird, und legt hoffentlich einige Eigenschaften über Amon offen.“

„Da bin ich aber gespannt, Vivi.“

Vivien flog mit dem Zeigefinger über die Karten und murmelte vor sich hin.

Dann hielt sie inne und schaute zu ihrer Freundin. „Also. Die Karten sagen, der junge Mann ist sehr häuslich und eine treue Seele. Familie ist ihm wirklich wichtig. Er ist sehr an sein Umfeld gebunden.“

Ihr Zeigefinger schwebte anschließend von Karte zu Karte. Sie murmelte weiter und klang dabei besonders mystisch. Über einer Karte verharrte sie und wurde plötzlich ganz still.

„Was ist?“ Iva merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

Vivien blickte auf und sah Iva mit ernster Miene an. „Siehst du diese Karte hier? In Kombination mit den Karten, die um sie herumliegen, deutet sie auf eine starke diabolische Seite in ihm hin.“

„Jeder hat doch eine dunkle Seite.“

„Schon, aber diese Kartenkombination deutet auf mehr als eine dunkle Seite hin.“

„Was meinst du?“

Vivien rieb sich mit dem Finger über die Stirn. „Holst du mir bitte mal ein Glas Wasser?“

„Natürlich. Trink was und dann geht es bestimmt gleich wieder.“ Äußerst besorgt erhob sich Iva von ihrem Platz und nahm ein Glas aus dem Küchenschrank. Sie füllte es mit Wasser aus der Karaffe, die auf dem Tisch stand, und hielt es Vivien hin. „Hier.“

Dankbar nahm Vivien das Glas entgegen und leerte es in einem Zug. Sie schüttelte sich und zündete ein Räucherstäbchen an. „So, damit werden alle bösen Geister vertrieben.“ Sie fuhr sich durch das Haar und richtete den Blick erneut auf das Kartenbild. „Meine Liebe, ich kann nicht genau sagen, was es ist. Aber irgendetwas Teuflisches ist in ihm. Es kann sein, dass er dich diese Seite niemals sehen lassen wird. Dennoch ist sie in ihm. Sei bitte vorsichtig.“

Iva nickte stumm.

Murmelnd ließ Vivien ihren Finger wieder über die Karten schweben und verharrte über einer Karte, die eine Frau mit einem Blumenstrauß in den Händen haltend zeigte. „Hier bist du. Links von dir liegt Amon und dazwischen der Garten.“

„Was bedeutet das?“

„Ihr werdet euch an einem öffentlichen Ort treffen.“

Plötzlich hallte ein lautes Signal durch die kleine Küche.

Iva und Vivien fuhren erschrocken zusammen.

Iva schaute auf ihr Handy, das neben ihr auf dem Tisch lag. Am Klingelton hatte sie genau erkannt, dass eine Nachricht von Amon eingegangen war – Aurora. Nur ihm hatte sie diesen einen Ton zugeordnet. Zögernd starrte Iva auf das Display. „Das war Amon“, stammelte sie.

Viviens Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Was? Das kann doch nicht wahr sein.“

„Doch, ich schwöre es dir.“

„Bist du sicher?“

„Ja. Ich habe nur ihm diesen speziellen Nachrichtenton zugeordnet, damit ich weiß, ob ich ans Handy gehen kann, wenn Adrian in der Nähe ist. Ihm ist zwar egal, was ich treibe, aber ich will trotzdem Vorsicht walten lassen.“

„Ganz schön clever, Fräulein.“

Iva zögerte und schaute ihre Freundin fragend an.

„Nun lies schon!“, forderte Vivien sie energisch auf.

Immer noch irritiert, aber ohne Widerstand zu leisten, nahm Iva ihr Handy, öffnete die Nachricht und las den Text laut vor. „Treffen um 19:15 Uhr am Shopping Park in Friedberg. Den Rest besprechen wir vor Ort. Bis gleich.“ Perplex schaute sie ihre Freundin an.

Diese guckte auf die Uhr.

Ivas Blick wanderte ebenfalls dort hin. „Das ist ja gleich schon. Hm. So viel zum baldigen Treffen“, sagte sie und war ein wenig erschrocken.

„Also ein gutes Timing hat der Herr schon mal.“ Vivien lächelte.

Iva war verwirrt. Sie fühlte sich wie im falschen Film. „Hast du hier Wanzen oder Kameras versteckt?“

Vivien lächelte noch immer und schaute Iva eindringlich an. „Und?“, platzte es aus ihr heraus.

Iva kniff skeptisch die Augen zusammen und wich zurück. „Was und?“

Sie war hin- und hergerissen, als sie überlegte, was sie antworten sollte.

„Na, ob du hingehst?“, wollte ihre Freundin wissen und beugte sich zu ihr herüber.

Im selben Moment tippte Iva für Vivien sichtbar Okay ins Handy und schickte die Nachricht ab. „Frage erübrigt?“

Vivien nickte zufrieden. „Du spielst mit dem Feuer, meine Liebe“, sagte sie, legte die Karten beiseite und schenkte sich einen Kaffee nach. „Auch noch einen?“

Iva schüttelte mit dem Kopf. „Nein, lieber nicht. Sonst bekomme ich nachher noch einen Herzkasper. Ich bin so aufgeregt“, sagte Iva und fuhr sich mit den Händen durch ihre Haare. „Komm, Vivien, jetzt schauen wir mal in deine Zukunft.“

 

Um viertel nach sieben erreichte Iva den reichlich belebten Parkplatz des Shopping Parks im Herzen Friedbergs – einem kleinen Einkaufcenter. Dieser war umgeben von vielen Geschäften. Zwei Lebensmitteldiscounter, ein Blumenladen, ein gut besuchtes Sonnenstudio, zwei Bekleidungsgeschäfte, eine Bäckerei und ein Buchladen.

Sie blickte sich um, doch sah nirgends den weißen Mustang von Amon.

Ihr Wagen fuhr langsam auf den seitlichen Teil des Parkplatzes. Sie stellte den Motor ab, zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und atmete einmal tief durch. Aufgeregt schaute sie auf die Uhr und blickte dann nach rechts und links.

Immer noch kein weißer Mustang.

Der Sommerhimmel strahlte in intensivem Blau und die Sonne ließ ihre warmen Strahlen über den Parkplatz wandern. Das Thermometer im Auto zeigte sechsundzwanzig Grad. Nervös rieb Iva sich mit ihren verschwitzten Händen über die Knie.

Was mache ich hier bloß? Bin ich denn eigentlich bescheuert? Was würde Adrian von mir halten, wenn er mich jetzt sehen könnte? Oh Mann. Wenn mich hier jemand, den ich kenne, mit Amon sieht, bin ich geliefert.

Ihre Gedanken schweiften umher. Sie war unsicher, ob das Treffen ein Fehler war. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen, um sich zu entspannen. In ihrem Kopf tauchten Bilder und Gesprächsfetzen von dem Tag auf, an dem sie mit Amon die Handynummern ausgetauscht hatte. Ein wohliges Gefühl machte sich breit. Sie checkte noch einmal ihr Outfit. Sie trug ihre eng anliegende Lieblingsjeans und das weiße Spitzentop im Boho-Stil. Dazu die goldenen Hängeohrringe aus dem Vintage-Shop und den roten Lippenstift. Sie nickte ihrem Spiegelbild zu.

Perfekt für ein Date. Halt – nein! Ist es überhaupt ein Date? Eigentlich war ja nur von einem harmlosen Treffen die Rede. Aber es ist ein geheimes Treffen. Also doch ein Date?

Sie schreckte auf, als sie neben sich ein Auto hörte, und wusste ganz genau, dass es Amon war.

Er ließ das Fahrerfenster herunter, lächelte sie an und winkte sie zu sich herüber.

Iva lächelte zurück und spürte, wie ihr Puls in die Höhe schoss. Ihre Hände zitterten.

Er machte sie nervös, ohne auch nur ein Wort mit ihr gesprochen zu haben.

Als sie ausstieg und den Knopf ihres Autoschlüssels für die Zentralverriegelung drückte, klopfte ihr das Herz bis zum Hals. Mit unsicheren Schritten ging sie auf Amons Auto zu. Obwohl sie nicht wusste, was sie erwarten würde, öffnete sie die Beifahrertür und stieg ein.

„Hi! Schön, dass du gekommen bist!“

Iva lächelte verhalten und nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

Amon musterte sie lächelnd. „Jetzt sehe ich dich ja ausnahmsweise mal nicht in Arbeitskleidung. Toll schaust du aus!“

„Dankeschön“, antwortete sie leise.

Aufmerksam ließ Amon seinen Blick über den Parkplatz schweifen. „Hoffentlich sieht uns niemand, den wir kennen. Wenn meine Freundin davon Wind bekommt, kann ich was erleben!“

Iva schaute ihn skeptisch an. „Ist sie so schlimm?“

„Oh ja, wenn du wüsstest.“ Amon nickte, verdrehte die Augen und rieb sich nervös den Bart. Er setzte seine Brille ab, die er zum Autofahren getragen hatte, und wischte die Gläser mit einem Tuch sauber.

Im Club hatte Iva ihn auch schon ein paar Mal mit Brille gesehen und sich gefragt, ob er sie nur aus Eitelkeit manchmal nicht aufsetzte. Die Dicke der Gläser ließ immerhin erahnen, dass er sie brauchte.

Seine Augen zogen Ivas Blick auf sich. Sie waren tiefbraun und warm, wirkten jedoch gleichzeitig diabolisch und mystisch. Iva fand das wahnsinnig anziehend, musste jedoch sofort an das Kartenbild und Viviens Warnung denken. Sie verwarf den Gedanken sofort wieder und wandte sich Amon zu.

Er erzählte Iva von den Problemen mit seiner Freundin.

Während er redete, musterte Iva ihn ganz genau.

Die Spitzen seiner dunklen Haare waren leicht feucht. Sie fragte sich, ob er vor ihrem Treffen im Club gewesen war und dort nach dem Training wie üblich geduscht hatte.

Ihr Blick wanderte zu seinen Lippen, die voll und sinnlich aussahen und von einem flauschigen schwarzbraunen Vollbart umgeben waren. Jeder Mann, der etwas auf sich hielt, züchtete seine Gesichtsbehaarung – so auch Amon. In Ivas Gedanken spielten ihre Finger mit der Spitze seines Bartes.

Sie hatte eine Schwäche für Männer mit langen Haaren und Bart. Vor allem aber für dunkelhaarige, große. Das genaue Gegenteil ihres Ehemannes.

Adrian hatte kurze blonde Haare, war stets glatt rasiert und fiel mit seinen hellblauen Augen nicht gerade in Ivas Beuteschema.

Schon manches Mal hatte sich Iva gefragt, warum sie sich damals in ihn verliebt hatte. Sie wusste es mittlerweile selbst nicht mehr genau.

Um den Hals trug Amon eine Kette mit einem goldenen Anhänger und ein eng anliegendes Shirt betonte seinen muskulösen Oberkörper. Es war nicht zu übersehen, dass er sich im Club hauptsächlich im Kraftraum aufhielt.

Während Iva ihn so anschaute, spürte sie das Verlangen, ihn zu küssen. Und in ihrer Fantasie tat sie das in diesem Moment. Ein Kälteschauer durchfuhr Iva und holte sie wieder in die Realität zurück. Aufmerksam hörte sie Amon weiter zu.

„Na ja, wir sind noch nicht sehr lange zusammen. Ich war ja schon einmal verheiratet. Meine Frau und ich kannten uns schon seit unserer Kindheit. Sie war meine erste große Liebe. Als Teenies sind wir zusammengekommen und waren dann aber ein paar Jahre getrennt. Sie war in der Zeit mit einem anderen Mann zusammen und hat mit ihm einen Sohn. Sie ist mit siebzehn Jahren Mutter geworden. Mit Mitte zwanzig kamen wir wieder zusammen und haben gleich geheiratet. Vor drei Jahren ist sie ums Leben gekommen. Sie hat als Stewardess gearbeitet und der Flieger ist verschollen. Ich konnte mich nicht einmal von ihr verabschieden. Ihre Leiche wurde nie gefunden. Irgendwann wurde sie dann für tot erklärt und ich war Witwer. Danach wollte ich erst mal nichts von der Frauenwelt hören oder sehen. Mit Leon – meinem Stiefsohn bin ich aber in unserem Haus geblieben. Das kann ich einfach nicht aufgeben, obwohl es mich ständig an Ellen erinnert. Nun ja. Seit ein paar Monaten bin ich neu liiert, aber das ist nicht wirklich das Wahre. Glücklich bin ich nicht. Du kennst meine Freundin auch.“

Iva sah ihn irritiert an.

„Es ist Yasmina. Aber das muss unter uns bleiben. Ich möchte kein Getratsche im Club. Durch Yasmina habe ich die Stelle bekommen. Erst war ich ja reines Fitnessmitglied bei MALIs. Mein altes Massagestudio hat dann jedoch vor einem halben Jahr dichtgemacht. Yasmina hat mir die Stelle im Club besorgt und kurz darauf kamen wir zusammen. Doch sie ist sehr einnehmend und nun ja, irgendwie auch nicht so, wie sie anfangs auf mich den Eindruck machte. Sie war erst so lieb und nett. Aber das hat sich sehr schnell geändert, als sie vor einem Monat bei mir eingezogen ist. Mit Leon kommt sie auch nicht gut zurecht, obwohl er echt unkompliziert mit seinen zwanzig Jahren ist. Na ja, das sind meine Probleme. Wie ist es denn bei dir? Warum läuft es bei dir und deinem Mann nicht?“

Das Thema war Iva sehr unangenehm. Sie holte tief Luft. „Mein Mann und ich haben uns auseinandergelebt. Er ist ein großer Egoist. Ihm ist egal, wo ich bin und was ich so treibe. Er hinterfragt auch nie etwas. Jemandem gleichgültig zu sein, ist für mich das Allerschlimmste und macht mich unglaublich traurig. Irgendwann habe ich mich aber daran gewöhnt und angefangen, mein Leben für mich zu leben. Er merkt das ja nicht mal. Für ihn ist alles in bester Ordnung. Traurig, aber wahr. Wir haben zusammen eine Tochter. Clara. Sie ist mein Ein und Alles. Leider teilt Adrian meinen Familiensinn nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Damit muss ich wohl leben.“

„Das ist nicht schön. Du hast es offenbar auch nicht so leicht zu Hause.“

Iva nickte und spürte Tränen in sich aufsteigen.

Amon nahm ihre Hand. „Hey, nicht traurig sein. Du bist nicht allein.“

Sein Lächeln schenkte ihr Kraft und sie spürte, wie gut er ihr tat.

Iva und Amon saßen fast zwei Stunden lang in seinem Wagen und erzählten. Sie waren auf einer Wellenlänge und ihre persönliche Problematik schien beinahe dieselbe zu sein. Je länger sie so dasaßen und redeten, desto deutlicher spürte sie, welch große Anziehungskraft von ihm ausging.

Amon, der während des Gesprächs zufällig aus dem Fahrerfenster geschaut hatte, hielt plötzlich inne. „Mist! Da ist Claudia aus dem Club! Das gibt Getratsche. Du bist noch in der Probezeit, Iva. Das kommt nicht gut. Kopf runter!“ Er drückte ihren Kopf auf seinen Schoß.

Der Nervenkitzel und vor allem die Position ihres Kopfes ließen Iva schmunzeln. Ihr Herz klopfte stark vor Schreck und Adrenalinrausch.

„Sie ist weg, du kannst wieder hochkommen.“

Die beiden sahen einander an und fingen herzlich an zu lachen.

„Jeder, der mich gerade gesehen hat, muss sich ja sonst was denken.“

Amon grinste amüsiert. Sein Blick wanderte hinüber zu der Uhr seines Wagens. „Ich muss jetzt leider los, Yasmina wollte noch ins Kino. Sehen wir uns denn bald wieder?“ Leicht nervös und ein klein wenig schüchtern rieb er sich mit der Hand über die Stirn, als sie nicht sofort antwortete. „Es war wirklich sehr schön mit dir. Deine positive Ausstrahlung färbt auf mich ab und in deiner Nähe fühle ich mich total tiefenentspannt“, fuhr er fort.

„Danke, das freut mich zu hören. Ich fand es auch wirklich sehr schön und würde mich freuen, wenn wir uns bald wiedersehen“, entgegnete sie schüchtern lächelnd.

Amon legte seine Hand auf Ivas.

Sie schaute ihm daraufhin erwartungsvoll in die Augen.

Die Magie dieses Moments legte sich schützend wie ein Mantel um sie. In diesem Augenblick schloss sich irgendwo im Universum ein Kreis und erschuf eine tiefe Verbindung zwischen ihnen, das spürte Iva.

Amon nahm sie zum Abschied in den Arm.

Iva spürte, wie er behutsam seine Nase in Ivas Nacken legte. „Du riechst so wahnsinnig gut“, raunte er.

Sie löste sich von ihm und lächelte sanft. Dann öffnete sie die Beifahrertür, um auszusteigen.

„Wir sehen uns dann morgen auf der Arbeit. Viel Spaß im Kino“, sagte sie und stieg aus.

„Danke, auf den Frauenfilm freue ich mich schon seit Monaten“, sagte er ironisch, verdrehte die Augen und lachte anschließend.

„Du Armer. Ich bin in Gedanken bei dir.“ Lächelnd schloss Iva die Beifahrertür und sah Amon noch kurz nach, als er den Parkplatz verließ.

4. Kapitel

AMON

Amon saß in seinem Wagen und schaute immer wieder ungeduldig auf die Uhr. Er hatte seit dem Treffen vor ein paar Tagen oft an Iva gedacht und sich mit ihr auf einem abgelegenen Flugplatz außerhalb von Friedberg verabredet, um nicht gesehen zu werden. Dieser war nur von weitläufigen Feldern und einer kleinen Straße, die mehr Schotterweg als Straße war, umgeben. Amon schaute an sich herab. Er war leger mit einem schwarzen T-Shirt gekleidet, in dem sein trainierter Oberkörper gut zur Geltung kam. Dazu trug er kakifarbene Shorts und schwarze Sneakers. Das Outfit für dieses Treffen hatte er sorgfältig ausgewählt, da er Iva unbedingt gefallen wollte.

Unruhig trommelte er mit den Fingern auf dem Lenkrad herum und blickte suchend in die Umgebung. Dabei hielt er nicht nur nach Iva, sondern auch nach Yasmina Ausschau, da er fürchtete, dass sie ihm vielleicht gefolgt sein könnte. Doch außer dem weitläufigen Feld war nichts und niemand zu sehen. Um die Zeit, bis zu Ivas Eintreffen zu überbrücken, nahm er sein Smartphone aus der Mittelkonsole und schaute sich die Bilder in seiner Handygalerie an. Als er ein Bild öffnete, auf dem Yasmina zu sehen war, durchfuhr ihn ein Kälteschauer. Plötzlich war er sich nicht mehr sicher, ob das Treffen mit Iva eine gute Idee war. Kurz überlegte er, ob er nach Hause fahren sollte, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Die Anziehungskraft, die von Iva auf ihn ausging, war zu groß, als dass er sich dagegen hätte wehren können.

Amon wartete schon seit zehn Minuten da, als er Ivas Wagen endlich auf der Straße zum Flugplatz entdeckte. Mit klopfendem Herzen stieg er aus und lehnte sich an die Motorhaube des Mustangs.

Er lächelte, als Iva bedeutungsvollen Schrittes auf ihn zuging. Sie trug einen feinen Blazer über einem weißen Top, was Amon auf Anhieb gefiel.

Amon umarmte Iva zur Begrüßung. „Na, wie geht es dir, Süße?“, fragte er, während er ihr sanft durch die Haare strich.

Iva schnaufte, aber lächelte ihn dann an. „Wieder mal Stress. Und bei dir?“

Amon brachte ein kurzes „Auch!“ heraus und schaute verlegen zu Boden.

Auf dem verlassenen Flugplatz standen eine morsche dunkelbraune Bank und ein dazugehöriger Tisch. Abgesehen von einer alten abgeschlossenen Hütte und ein paar hochgewachsenen Tannen befand sich nur ein großer Rasenplatz zum Starten und Landen der Modellflugzeuge auf dem Gelände.

Iva lehnte sich rücklings an den Tisch und stützte sich mit den Händen auf der morschen Tischplatte ab.

Amon stellte sich vor sie, um sie vor dem Wind zu schützen. Er sah sich gerne in der Rolle als starker Mann und Beschützer. Von solch zierlichen Frauen wie Iva fühlte er sich ganz besonders angezogen. „Wie läuft es denn zu Hause?“

„Es geht. Adrian bringt mich im Moment oft an den Rand der Verzweiflung.“

„Warum?“

„Ach, weißt du, er kümmert sich nicht so um unsere Tochter, wie ich mir das wünsche. Viel lieber verbringt er seine Freizeit mit seiner Spielekonsole.“

Als Iva von ihren aktuellen Problemen mit Adrian sprach, hörte Amon ihr aufmerksam zu. Er liebte es, wenn sie erzählte, denn ihre Stimme wirkte auf ihn sehr beruhigend. Außerdem freute es ihn, dass sich Iva ihren Frust von der Seele sprechen konnte. Die ganze Zeit über hielt Amon ihre Hand und sah sie einfach nur an. Es schmeichelte ihm sehr, dass sie ihm so vertraute und private Dinge erzählte.

Doch die Stimmung kippte, als Iva ihm berichtete, dass Yasmina angefangen hatte, ihr das Leben auf der Arbeit schwer zu machen, seit sie beobachtet hatte, wie gut Iva und Amon sich verstanden.

„Sie schikaniert mich plötzlich, wo sie nur kann, und niemand reagiert darauf. Dabei habe ich mir überhaupt nichts zuschulden kommen lassen.“

Amon nickte besorgt, während er sich nervös mit der Hand durch die Haare fuhr. Er schaute Iva an und presste kurz die Lippen aufeinander. „Sie hat halt alle im Griff. Das ist Yasmina. So war sie schon, bevor du im Club angefangen hast. Sie denkt, weil sie nicht gerade hässlich ist und sie mit dem Chef verwandt ist, wie sie öfter mal erzählt, liegen ihr alle zu Füßen.“ Amon legte tröstend den Arm um Iva.

Sie schaute ihn mit traurigen Augen an.

Er nahm ihr zierliches Gesicht und zog es zu sich. Ihm fiel ihre weiche Haut auf, als er ihre Wange streichelte. „Du hast so wahnsinnig viel Liebe und Wärme in deinen Augen, Iva!“

Sie lächelte verlegen.

Er zog Iva zu sich, sodass sie ganz dicht vor ihm stand. Mit dem Zeigefinger schob er behutsam ihr Kinn zu sich nach oben. Ihre Nasenspitzen berührten sich.

Amon atmete tief ein. Er liebte ihr Parfüm. Dann schloss er die Augen, küsste Iva zaghaft. Dieser Kuss dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Der Wind rauschte ihnen um die Ohren, doch das störte ihn nicht.

Amon wollte die Augen am liebsten gar nicht mehr öffnen. Zu sehr gefiel ihm der Kuss. Ihm wurde heiß und kalt und ein Glücksgefühl füllte ihn in diesem Augenblick komplett aus.

Als der Kuss endete, schaute Iva Amon mit ernster Miene an.

Er spürte vor lauter Unsicherheit einen Kloß in seinem Hals. Peinlich berührt fuhr er sich durch die Haare, trat einen Schritt zurück und suchte nach Worten. „Ich weiß, das dürfen wir nicht, aber es kam einfach über mich“, entschuldigte er sich und stellte sich auf Ivas Standpauke ein.

Wie konnte ich sie auch einfach so ohne Vorwarnung küssen? Ich Idiot.

Er schämte sich plötzlich für diesen spontanen Gefühlsausbruch. Sein Blick richtete sich wieder auf Iva. Bereit für eine Abfuhr, eine Strafpredigt – irgendetwas in der Art. Das war er schon von Yasmina gewohnt.

Iva blickte ihn wortlos an und biss sich auf die Lippe. Sie setzte zum Reden an, doch statt zu schimpfen, grinste sie und trat auf ihn zu. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, griff ihm in den Nacken und zog ihn zu sich. Dann küsste sie ihn so leidenschaftlich, dass ihm Hören und Sehen verging.

Das Kribbeln, das er in diesem Augenblick verspürte, ging ihm durch Mark und Bein. So war er schon ewig nicht geküsst worden.

Amon konnte sich gar nicht mehr von Iva lösen und sie küssten sich mit völliger Hingabe. Plötzlich riss sie ein starker Windstoß auseinander.

Iva geriet ins Taumeln, doch Amon reagierte blitzschnell und fing sie auf. Er nahm sie bei der Hand und sah sie an.

Ivas Wangen glühten und ihre Augen funkelten. Der Wind verwehte ihr Haar und trieb Amon den lieblichen Honigduft ihres Shampoos in die Nase.

Er grinste und leckte sich über die Lippen.

„Sorry, ich weiß, das dürfen wir nicht“, zitierte sie ihn. „Aber es war toll.“ Sie hielt sich die Hand vor den Mund und kicherte verlegen.

Amon grinste und küsste sie abermals.

Doch die Romantik wurde plötzlich von seinem vibrierenden Handy unterbrochen.

Amon wühlte nervös in der Hosentasche seiner knielangen Shorts. Er griff nach dem Handy, schaute auf das Display und presste verärgert die Lippen aufeinander. „Verdammt! Yasmina. Zwanzig Anrufe in Abwesenheit. Oh Mann. Wie die wieder übertreibt!“

„Oje!“

Amon verdrehte genervt die Augen.

„Möchtest du jetzt lieber nach Hause fahren?“

„Eigentlich nicht, Iva. Aber ich habe gar nicht mitbekommen, wie die Zeit verflogen ist. Ich sehe nämlich gerade, dass wir schon drei Stunden hier sind. Lange kann ich nicht mehr bleiben.“ Er drückte die Anzeige wieder weg und legte sein Handy beiseite. Dann wandte er sich wieder Iva zu, obwohl er sich im Klaren darüber war, dass seine Freundin sich wahrscheinlich in diesem Augenblick ernsthaft Sorgen machte. Amon wusste, dass sie schnell misstrauisch wurde, seit sie ihn einmal dabei erwischt hatte, wie er einer jungen Frau hinterhergeschaut hatte.

Yasmina ist bestimmt am Club vorbeigefahren. Ich habe ihr ja gesagt, dass ich trainieren gehe. Wenn sie mein Auto nicht an meinem Stammparkplatz vorfindet, geht sie nachher noch rein und fragt, ob ich da bin.

 

Als Amon zwei Stunden später nach Hause kam, stand Yasmina nervös in der Küche, starrte auf die Uhr und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Küchentisch herum. „Ach nee, der Herr Steinbach. Auch schon da? Wo kommst du her?“

„Ich …“

„Spar es dir – du warst nicht arbeiten und trainieren warst du auch nicht! Ich weiß das!“

Amon war auf diese Aussage vorbereitet und antwortete, dass er einen Freund besucht habe.
„Bei wem warst du denn?!“, bohrte sie nach. Wütend baute sich Yasmina vor Amon auf. Dabei schlich sich eine Träne in ihre blauen Augen.

„Bei Oliver aus dem alten Massagestudio. Den kennst du nicht“, versuchte er seine Freundin zu beschwichtigen.

Plötzlich bemerkte er Leon, seinen erwachsenen Stiefsohn, der mit genervtem Gesichtsausdruck die Treppe herunterkam. „Ey, nicht schon wieder!“ Leons Augen funkelten böse. „Könnt ihr eure Streitereien nicht mal sein lassen? Ich würde gerne einen einzigen Tag ohne Stress hier erleben.“

Perplex hielt Amon inne und schaute Leon beschämt an.

Leon verschwand wieder nach oben.

„Der wieder. Der soll sich mal raushalten oder kann ja auch ausziehen, wenn ihn so vieles hier stört“, sagte Yasmina schnippig.

„Er hat aber recht.“ Amon seufzte und ließ den Kopf sinken.

Amon setzte sich an den Esstisch. „Ist noch was vom Essen übrig?“

Yasmina bejahte, stellte das Mittagessen in die Mikrowelle und erwärmte es. Als es fertig war, setzte sie sich wortlos zu ihm.

Er aß, während seine Freundin ihn ansah. Doch sie schwiegen sich weiterhin an.

Amon kaute auf dem Essen herum, als sei es zu zäh, um es vernünftig mit den Zähnen zu zerkleinern. Doch das langsame Kauen war pure Absicht, denn er brauchte die Zeit, um zu überlegen, was er antworten konnte, falls Yasmina weitere unangenehme Fragen stellen würde.

Aber sie stellte keine. Sie schaute ihn einfach nur an.

Seine Nervosität stieg dadurch noch weiter. Er wusste, dass Yasmina am längeren Hebel saß und das genoss. Doch schließlich gab er auch immer wieder klein bei. Warum er das tat, wusste er ganz genau: Wenn Yasmina ihn aus einer Laune heraus aus dem Club werfen ließe, würde er sein Haus und damit die Erinnerung an seine geliebte Frau verlieren. Es sei denn, er hätte sich zuvor woanders eine neue Arbeitsstelle gesichert.

5. Kapitel

IVA

Frischer Kaffee lief durch den Hightech-Automaten. Iva schaute auf die Uhr.

Noch vierzig Minuten. Dann geht es schon wieder los zur Arbeit. Wenigstens habe ich noch Zeit für einen Kaffee.

Bei ihrem Einzug hatte er die Küche mit allem möglichen Schnickschnack ausstatten lassen. Selbstschließende Schubladen, Hightech-Mikrowelle und natürlich E-Geräte der Luxusklasse. Für Iva hätte es auch eine Nullachtfünfzehn-Küche getan, doch über den Kaffeeautomaten hatte sie sich ziemlich gefreut. Iva trank leidenschaftlich gerne Kaffee.

Adrian betrat die Küche, nahm sich eine Banane aus der Obstschale und schenkte der Anwesenheit seiner Frau gar keine Beachtung.

Verärgert gab Iva ein lautes Räuspern von sich. Sie hasste es, ignoriert zu werden. Als er immer noch nicht reagierte, stupste sie ihn an. „Hör mal, ich bin nachher ja wieder arbeiten. Denk dran, dass Clara vor dem Schlafengehen noch baden muss, ja?“

„Mach du das doch noch schnell.“ Er gähnte müde und steckte sich die Banane in den Mund.

„Ähm … nee?! Ich packe jetzt meine Arbeitstasche und dann muss ich auch schon los“, sagte Iva verärgert.

Adrian aß in aller Ruhe die Banane zu Ende, bevor er seine Frau ansah. „Dann badet sie halt heute mal nicht. Ich will nachher noch zocken“, erwiderte er.

Iva verschränkte die Arme. „Adrian, das sind maximal dreißig Minuten Arbeit für dich. Ein halbes Stündchen. Mehr nicht. Das wirst du doch wohl hinbekommen. Danach schläft sie und du hast Zeit für dich.“

„Mhm.“

„Ach ja …“ Sie ließ ihren Blick kurz zur Wanduhr schweifen. „Ich komme heute wahrscheinlich wieder etwas später, denn ich muss den Club allein schließen.“

Gleichgültig zuckte ihr Mann mit den Schultern. „Ja, du machst das schon.“

Das Verhalten ihres Mannes verärgerte Iva zutiefst und sie spürte es in sich leise brodeln. „Du interessierst dich echt nur noch für dich selbst, kann das sein?“ Sie funkelte ihn böse an.

Überrascht sah er sie schließlich an. „Nein, aber ich bin nun halt auch mal dran. Es kann nicht immer nur um Clara gehen.“

Langsam kochte die Wut in Iva hoch. „Mensch, Adrian! Körperpflege und Sauberkeit sind Grundbedürfnisse.“ Sie bohrte nach, als Adrian nicht reagierte. „Hörst du?!“

„Jaja!“, antwortete er genervt.

„Ich verlasse mich auf dich, Adrian. Bin jetzt weg.“ Iva verharrte noch einen Moment, um seine Reaktion abzuwarten.

Doch ihr Mann schlurfte ins Wohnzimmer und legte sich Fernbedienung und den Controller zurecht, um sich vermutlich wieder seiner Spielekonsole widmen zu können.

„Was habe ich da nur für einen Egoisten geheiratet?!“, murmelte sie daraufhin in sich hinein.

Iva eilte ins Kinderzimmer und schloss ihre Tochter, die gerade ihre Puppe fütterte, liebevoll in die Arme. „Maus, Mami muss jetzt zur Arbeit.“

„Oh. Mama, nein.“ Clara verzog verbittert die Mundwinkel und umklammerte Ivas Bein.

„Dafür darfst du gleich noch in die Badewanne. Mami hat auch Tinti besorgt. Du liebst es doch, wenn du damit das Badewasser einfärben kannst.“

„Au ja!“ Freudestrahlend schaute Clara auf und löste sich von Ivas Bein.

„Siehst du, ist doch alles gut. Ruck, zuck ist Mami zurück.“

„Okay.“

„Hab dich lieb, Maus.“

Clara lächelte.

Iva küsste ihre Tochter auf die Stirn. „Spiel noch schön und sieh zu, dass deine Puppe gleich auch brav ins Bett geht.“ Iva zwinkerte ihrer Tochter zu und verließ das Zimmer.

Sie eilte am Wohnzimmer vorbei und stieß ein genervtes „Tschüss!“ aus.

Adrian reagierte nicht, sondern starrte gebannt auf den Fernseher.

Frustriert verließ Iva das Haus.

Hoffentlich badet Clara nachher noch. Was ist Adrian nur für ein Egoist? Mein armes Kind. Wenn ich nicht arbeiten müsste, hätte ich sie liebend gern noch gebadet. Ich finde es immer so süß, mit anzusehen, wie sie mit ihren Quietscheentchen im Badewasser spielt. Adrian interessiert das gar nicht. Schnell waschen und fertig. Amon ist als Vater bestimmt nicht so. By the way … Es wäre doch ganz nett, sich noch einmal mit ihm zu treffen. Vielleicht am Freitag, wenn Clara am Vormittag in der Kita ist. Ich sollte ihm gleich mal schreiben.

Nachdem sie in ihr Auto gestiegen war, zog Iva ihr Handy aus der Tasche und schrieb eine Nachricht an Amon.

Hi Amon, ich brauche dringend eine Auszeit von zu Hause. Wollen wir uns Freitagvormittag treffen? Ich habe gestern im Arbeitsplan gesehen, dass du auch Spätschicht hast. LG Iva

 

Als Iva am Freitagmorgen am Parkplatz vor dem Schlosspark ankam, war Amons Mustang noch nicht zu sehen. Sie stieg aus und bemerkte, dass es im Schatten noch ziemlich kühl war.

Ganz schön frisch. Hieß es gestern nicht im Wetterbericht, dass es heute warm werden soll? Hm. Amon ist noch nicht hier. Was mache ich so lange?

Sie blickte auf ihre Uhr.

Halb neun. Also ich bin pünktlich. Am besten vertrete ich mir noch ein wenig die Füße. Dann wird mir wenigstens warm.

Iva spazierte auf das verschlossene Eingangstor zu, neben dem in der prallen Sonne eine Infotafel stand.

Komisch. Das Tor ist ja noch zu. Haben die noch nicht auf? Was steht denn hier? Moment mal.

Sie überflog die Öffnungszeiten.

Die öffnen hier ja erst um zehn Uhr. Ob Amon das nicht wusste, als er das Treffen hier vorgeschlagen hat? Ist ja auch egal. Hauptsache, er hat Zeit. Mit seiner Schicht ist das ja nicht immer so einfach. Hoffentlich gefalle ich ihm heute.

Iva schaute an sich hinab. An diesem Tag war sie kleidungstechnisch wieder total im Vintage-Stil gekleidet. Sie hatte sich für dieses Treffen einen waldgrünen Minirock und ein romantisch verspieltes weißes Rüschenshirt ausgesucht. Ihre Haare trug sie halb offen. Sie hatte sich ein paar Strähnen geflochten und am Hinterkopf zusammengesteckt.

Hoffentlich kommt er auch gleich. Nicht, dass mich hier jemand sieht, den ich kenne.

Sie blickte sich suchend um, doch niemand war zu sehen.

Diese Warterei macht mich nervös. Nicht, dass er es sich doch anders überlegt hat.

Auf einmal war Iva verunsichert. Um sich abzulenken, spazierte sie am Wegesrand entlang zurück in Richtung Parkplatz. Das laute Knacken von Steinen und ein Motorengeräusch ließen sie plötzlich aufhorchen. Noch bevor ihre von der Sonne geblendeten Augen den weißen Mustang registrierten, wusste Iva, dass es Amon war.

Nachdem er seinen Wagen geparkt hatte, schlenderte Amon mit einem breiten Lächeln im Gesicht auf sie zu. „Hi! Na, alles gut?“

„Jetzt ja.“

Liebevoll nahm er sie in den Arm, um sie zu begrüßen.

Nachdem sie sich von ihm gelöst hatte, deutete Iva auf den verschlossenen Parkeingang.

„Wir können noch nicht rein, Amon. Der Park macht erst um zehn Uhr auf.“

„Das macht nichts. Gehen wir eben hier vor dem Park noch ein wenig spazieren.“ Amon musterte sie von oben bis unten und lächelte. Sein Blick blieb an ihren Beinen hängen. Er streckte ihr eine Hand entgegen.

Sie legte ihre Hand in seine und hielt sie sanft fest.

„Toll siehst du aus, Baby. Komm mal her.“ Er zog sie zu sich. Dann legte er einen Arm um ihre Taille und drückte Iva an sich heran. Dabei wanderte seine rechte Hand in Richtung ihres Pos.

Mit gespielter Empörung schlug Iva sie beiseite. „Hallo? Was ist, wenn gleich jemand kommt, der dich oder mich kennt? Im Park wären wir jetzt ungestört, aber der hat ja noch geschlossen.“

„Nur offiziell.“ Amon grinste. Sein Blick schweifte nach rechts, wo ein kleines Seitentor offen stand.

Iva begriff und zwinkerte ihm zu. Sie nahm Amon bei der Hand und schlich mit ihm langsam auf das offene Tor zu.

Kurz vor dem Eingang blieben sie stehen und schauten sich um.

Iva erblickte hinter dem Tor nur einen herrenlosen Rasenmäher, eine Gießkanne, einen großen Sack Rindenmulch und zwei alte Schaufeln. Von einem Arbeiter oder Gärtner war nichts zu sehen.

Der Park war auf der anderen Seite des Tores ziemlich dunkel. Nicht so hell und einladend wie der Teil des Parks, der direkt hinter dem Schloss lag, sondern ziemlich düster, verwildert und gruselig.

Doch das machte keinen einschüchternden Eindruck auf Iva, weil Amon bei ihr war. Allein jedoch hätte sie nichts über die Schwelle des Eingangstores gebracht, zumal sie wusste, dass es verboten war, den Park vor Beginn der Öffnungszeit zu betreten. Iva zögerte und schaute sich abermals unsicher um. „Meinst du, das ist eine gute Idee, Amon? Nicht, dass wir Ärger bekommen.“

„Dazu müsste uns jemand erwischen, aber das wird nicht passieren.“

Iva spürte, wie ihr Herz zunehmend stärker schlug.

Oh Mann, wenn uns da gleich jemand erwischt und Adrian mitbekommt, dass … Ich mag gar nicht darüber nachdenken, wie ich das dann erklären soll. Das ist ja schon kein Teenie-Streich mehr. Abgesehen davon sind Amon und ich längst aus dem Alter raus, in dem man so einen Blödsinn macht. Aber es reizt mich schon irgendwie. Wenn ich jetzt einen auf Moralapostel und Spaßbremse mache, bin ich ja schon fast wie Adrian. Immer korrekt sein und geradeaus gehen. Bloß keinen anderen Weg einschlagen als der, der vorgegeben ist. Niemals gegen den Strom schwimmen … Nein, so will ich nicht sein. Na dann mal los!

Sie schaute sich ein letztes Mal um, um auszuschließen, dass jemand ihren Einbruch beobachten konnte.

Entschlossen blickten sie dann einander an.

Amon ergriff Ivas Hand und zog sie mit sich. „Komm schnell!“, flüsterte er und steuerte mit Iva im Schlepptau auf das Tor zu.

Sie betraten den Park und rannten los.

Der schmale Weg ging schon nach ein paar Metern in einen Trampelpfad über. Die Baumkronen in diesem Teil des Parks waren so groß und dicht, dass der Himmel nicht mehr zu sehen war. Efeuranken wickelten sich um die Stämme der dicken Mammutbäume. Überall roch es nach Laub und frisch gemähtem Gras.

Amon und Iva erreichten einen kleinen Tümpel, welcher mit Moos umrandet war. Ein paar Enten watschelten vom Wegesrand darauf zu, sprangen hinein und glitten elegant und leise über das Wasser. Alles sah so unwirklich aus und die Stille wirkte auf Iva befremdlich. Wie ein von Menschenhand noch unberührter Urwald, in dem die Gefahr schon hinter dem nächsten Busch lauern konnte.

Iva hörte in der Ferne vereinzelt ein paar Vögel, jedoch konnte sie diese in den dichten, schwindelerregend hohen Baumkronen nicht sehen. Sie drehte sich um die eigene Achse und betrachtete fasziniert ihre Umgebung. Dann wandte sie sich wieder Amon zu und stupste ihn an. „Schau dir das an! Das ist ja wie in einem verwunschenen Zauberwald. Wahnsinn, wie ruhig und friedlich es ist. Als wir durch das Tor gegangen sind, hätte ich nicht gedacht, dass es ein paar Meter dahinter doch so schön ist.“

Iva war begeistert und auch Amon wirkte beeindruckt. Sie blieben stehen und hielten inne. Plötzlich herrschte Totenstille. Sie schauten sich irritiert um und ließen ihre Hände dabei nicht los.

Amon legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und gab ein leises „Pst!“ von sich.

In der Ferne hörten sie eine Eule rufen.

Iva schaute Amon verwundert an und blickte anschließend suchend in die Baumkronen hinauf.

Amon trat näher an sie heran und lächelte. Dann hob er sie vor sich hoch. Erst zappelte Iva erschrocken mit den Füßen, doch dann klammerte sie ihre Beine wie ein Äffchen um seinen Rücken.

Sie neigte ihren Kopf zu ihm herunter und sah ihm tief in seine warmen braunen Augen.

Er flüsterte ihr ins Ohr: „Na, meine schöne Einbrecherin, gefällt es dir hier?“

„Ja, sehr. Aber du bist hier der Einbrecher, immerhin hast du mich zu dieser Schandtat angestiftet.“

„Ich doch nicht.“

Der unschuldige, aber offensichtlich gespielte Gesichtsausdruck von Amon amüsierte Iva so sehr, dass sie in schallendes Gelächter ausbrach. Kurz darauf fing sie sich wieder. „Wir sind wie Bonnie und Clyde – immer auf der Flucht. Erst vor unseren Partnern oder Bekannten, die uns zusammen sehen könnten, und nun auch noch vor dem Parkpersonal.“

Sie lachten.

Amon ließ Iva herunter. „Stimmt, Bonnie. Komm weiter“, sagte er und grinste.

Iva stellte sich vor, sie wären wirklich Bonnie und Clyde auf der Flucht und bewegten sich weiter in den Park hinein. Ihre Schritte verlangsamten sich erst, als eine morsche Parkbank in ihr Sichtfeld rückte. Die dunkelbraune Holzbank hatte allerdings wirklich schon bessere Tage gesehen.

Amon nahm Platz und klopfte auffordernd auf seinen Schoß.

„Setz dich besser hier hin, damit dein Rock nicht dreckig wird. Aber pass auf, am Rand der Bank ist überall Vogelscheiße.“

Iva ließ sich so auf Amons Schoß nieder, dass ihr Gesicht vor seinem war, und umarmte ihn. Sie legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab, schloss die Augen und versank in Gedanken.

Kann dieser Augenblick nicht ewig dauern? Warum habe ich solche Momente mit Adrian nicht? Mit Amon ist alles so aufregend. Endlich fühle ich mich, wie ich wirklich bin. Bei ihm brauche ich mich nicht zu verstellen.

Sie hob den Kopf, fuhr ihm durch sein langes Haar und kraulte seinen Nacken. Entspannt lehnte sich Amon zurück und schloss die Augen. Er legte seine Hände seitlich auf ihren Beinen ab und ließ sie dann die Oberschenkel hoch zu ihrem Rock gleiten.

Iva küsste ihn leidenschaftlich und fühlte sich dabei leicht und glücklich.

Amons Hände kneteten sanft die Haut ihrer Oberschenkel und wanderten zu der Innenseite.

Das fühlt sich so gut an. Nicht aufhören …

In der Ferne hörte Iva in diesem Moment etwas laut rascheln. Sie zuckte zusammen und sprang auf. „Oh mein Gott, das ist bestimmt ein Parkwächter! Wie spät ist es eigentlich?“

Amon schaute auf seine Uhr. „Halb elf.“

„Was? Schon? Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verflogen ist.“

Amon legte seine Arme um Iva und zog sie wieder zu sich. „Na, dann brauchst du vor den Parkwächtern keine Angst mehr zu haben. Jetzt dürfen wir hier sein. Und selbst wenn nicht, der hat gegen mich keine Chance. Ich weiß eh nicht, was du hast. Mir machen die Tauben mehr Sorgen.“

Im selben Moment spürte Iva etwas Nasses auf ihren Arm platschen. Bei dem Anblick der Vogelkacke sprang sie von seinem Schoß und schüttelte sich vor Ekel. „Ihhhh! Amon, kaum hast du es ausgesprochen, macht sich ein Vogel ans Werk.“

Amon presste die Lippen aufeinander, denn er hatte Mühe, nicht zu lachen. Er zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und hielt es ihr hin.

Iva spuckte darauf und wischte sich ihren Arm sauber. Angewidert verzog sie das Gesicht.

Da brach Amon in schallendes Gelächter aus.

„Du lachst mich einfach aus? Na warte!“ Iva sprang auf ihren Clyde, um neckend nach ihm zu schlagen, doch er war schneller und hielt ihre Arme mit einer Hand fest. Mit der anderen Hand drückte er sie an sich.

Iva saß nun wieder mit dem Gesicht Amon zugewendet auf seinem Schoß und schaute ihn an.

Er packte sie im Nacken und küsste sie leidenschaftlich, während seine Hände sich durch ihre Haare wühlten.

Sie vergaß die Welt um sich herum und ließ sich treiben. Als ein Räuspern erklang, wollte Iva peinlich berührt schon wieder von Amons Schoß springen, doch dieser hielt sie fest. Iva erblickte ein Rentnerpärchen.

„Entschuldigung. Wir haben uns ein wenig verlaufen. Können Sie uns weiterhelfen?“ Der ältere Herr von bestimmt siebzig Jahren schaute Iva und Amon grimmig an, als hätte er gesehen, welches unzüchtige Verhalten die beiden an den Tag legten.

Iva spürte, wie ihre Wangen vor Aufregung glühten, und nickte schüchtern.

Amon – unerschütterlich selbstbewusst – grinste.

„Wir sind uns nicht sicher, ob wir hier richtig sind. Aber vielleicht können Sie uns weiterhelfen. Ist das hier das Schloss der Kelly Family?“ Der Mann klopfte mit seinem Gehstock auffordernd auf den Boden.

Iva und Amon schauten sich verwundert an. Iva war die Situation so peinlich, dass sie die Frage des Mannes nur mit einem Kopfschütteln beantworten konnte.

„Na ja, trotzdem danke. Dann ist es wohl doch das andere Schloss“, sagte der Mann, hakte sich bei seiner Frau ein und die beiden setzten ihren Weg fort.

Kaum war das alte Ehepaar ein paar Meter entfernt, brach ein schallendes Gelächter aus Iva und Amon heraus.

Die beiden Rentner drehten sich empört um.

Iva verstummte und Amon pfiff unschuldig ein Liedchen, während er in die Luft starrte.

„Pah! Na so was. Die Jugend von heute. Unmöglich. Komm, Hilde, wir suchen weiter. Wir müssen uns doch hier von den jungen Leuten nicht auf den Arm nehmen lassen.“ Der alte Mann drehte sich wieder um, wahrscheinlich um mit seiner Frau die Suche fortzusetzen.

„Die Jugend von heute!“, äffte Iva ihn laut prustend nach. Sie sprang auf und zog Amon von der Bank. Lachend hakte sie sich bei ihm ein. „Komm, Hilde! Wir suchen jetzt die Kellys“, scherzte sie.

Der alte Mann blieb stehen, drehte sich erneut um und hob drohend seinen Gehstock. Er hatte wohl doch ein besseres Gehör, als Iva angenommen hatte. „Was für eine Frechheit! Das ist mir bisher noch nicht untergekommen! Sich erst so unzüchtig verhalten und einen dann noch so verhöhnen! Lumpenpack!“

Amon riss schockiert die Augen auf. Dann hielt er sich die Hand vor den Mund, um einen erneuten Lachanfall zu vermeiden.

Doch Iva konnte nicht an sich halten, brach wieder in schallendes Gelächter aus und steckte Amon schließlich damit an.

„Na wartet!“, schrie der Alte und warf seinen Gehstock nach ihnen.

Um dem nahenden Wurfgeschoss und den Rentnern zu entgehen, hievte Amon Iva, die sich vor Lachen nicht rühren konnte, auf den Rücken und rannte mit ihr quer durch das Gestrüpp.

Sie waren schon fast beim Parkausgang, als Iva sagte: „Ich glaube, wir sind jetzt weit genug entfernt, Amon. Der Alte holt uns nicht mehr ein.“

Amon keuchte, ließ Iva hinunter und rieb sich den Schweiß von der Stirn. „Wie war der denn drauf?“ Er lachte.

„Wenn wir mal so alt sind, sind wir total gechillt.“

„Total.“

„Lumpenpack!“, äffte Iva den Rentner nach. Sie konnte ein dreckiges Lachen nicht unterdrücken.

Amon sah sie erst eindringlich an und grinste dann. „Du bist mir eine. Du bist eine richtige Bonnie. Nicht so lieb und nett, wie du aussiehst. Vor dir muss man sich ja richtig in Acht nehmen.“

Zärtlich zupfte er Iva ein Blatt aus den Haaren, das sich bei ihrer Flucht durch das Geäst dort verfangen hatte.

„Ach, und vor dir nicht, Clyde? Du Parkeinbrecher“, erwiderte sie lächelnd.

„Wir sind das perfekte Duo“, sagte Amon und lächelte anschließend.

„Ja, das sind wir. Bonnie und Clyde eben.“

Sie nahmen einander wieder bei der Hand und spazierten in den wesentlich freundlicheren Teil des Parks, der mittlerweile vor Besuchern wimmelte. Diese schlenderten zwischen den riesigen Blumenbeeten umher und bewunderten das Schloss sowie die Farbenpracht der Blüten.

Amon blieb stehen und wandte sich Iva zu. „Weißt du was? Lass uns durchbrennen! Wir wandern aus und bauen uns ein Haus am Strand.“ Amons Augen leuchteten.

„Oder ein Baumhaus im Dschungel“, warf Iva belustigt ein.

Beide mussten herzhaft lachen.

„Im Ernst. Ich bin es so satt mit dem Stress, den ich mit Yasmina habe. Ich will nur noch weg. Aber nicht ohne dich!“ Zärtlich küsste er sie auf die Stirn. „Ich meine das mit dem Durchbrennen wirklich so. Du bist mir wichtig.“

Iva errötete.

Sanft umfasste Amon mit seinen Händen ihren Kopf und zog ihn zu sich. Er schaute ihr so tief in die Augen, dass sie ganz weiche Knie bekam. Dann prasselte es plötzlich und unerwartet aus ihm hinaus: „Das mit dir ist seit unserem ersten Treffen etwas ganz Besonderes für mich. Du gibst mir alles, was ich zum Glücklichsein brauche. Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt!“

Iva, die mit so einem Geständnis nicht gerechnet hatte, wusste nicht, was sie antworten sollte, und lächelte nur verlegen.

Oh! Amon, das ging aber schnell … äh ja …

Schließlich sagte sie: „Wir kennen uns kaum. Wie kannst du schon so was sagen?“

„Das ist, was ich fühle.“ Amon druckste herum. „Ach ja, da ist noch etwas.“

Iva schaute ihn angespannt an.

Oh Mann, kommt jetzt etwa ein Heiratsantrag?

Amon holte tief Luft. „Also gut …“

Stille.

Iva schluckte.

„Ich fahre nächste Woche mit Yasmina nach Spanien in den Urlaub.“

Wieder Stille.

Iva fühlte sich wie erschlagen.

Bitte was? Hallo? Bin ich im falschen Film?

Fassungslos über das Gehörte funkelte sie ihn an, während sich ihre restlichen Gesichtszüge versteiften.

Irritiert schaute er zu ihr herüber.

Iva zog eine Augenbraue nach oben. „Wie jetzt? Ich dachte, es läuft gerade so schlecht. Du hast mir gerade noch ein ‚Ich habe mich in dich verliebt!‘ vor den Latz geknallt. Und nun sagst du mir, dass du einen auf happy Couple machst und mit deiner tollen Yasmina in den Urlaub fährst? Sogar schon in ein paar Tagen. Das ist doch jetzt nicht wahr, oder?“

Amon atmete laut aus.

Als Iva sich genervt von ihm wegdrehte, nahm er sie kumpelmäßig in den Arm und küsste sie auf die Stirn. „Es ist ja nur, um Yasmina bei Laune zu halten. Ich bin ja schon auf der Suche nach einem neuen Job. Ich habe keine Lust mehr auf das Leben mit Yasmina und erst recht nicht, sie auf der Arbeit ständig vor meiner Nase rumlaufen zu haben. Und in zwei Wochen sehen wir uns doch auch wieder. Ich muss halt noch eine Weile mit Yasmina auskommen, bis ich was Neues habe.“

Iva schnaufte.

„Okay?“, fragte Amon und sah sie mit seinem Hundeblick an, der so komisch war, dass Iva einknickte und ein Lächeln nicht zurückhalten konnte.

„Ruck, zuck bin ich doch wieder da. Und dann nehme ich mir ganz viel Zeit für dich. Versprochen!“

„Mhm“, brummte Iva und verdrehte die Augen.

Na toll! So schlimm kann es ja mit seiner tollen Yasmina nicht sein. Hat er mich etwa angelogen und er hat gar keine Probleme mit seiner Freundin? Und warum hat er mir von dem Urlaub nicht schon früher erzählt?

6. Kapitel

AMON

„Amoooooon, kommst du?!“ Noch nicht einmal auf dem Weg in den Urlaub und Amon war bereits genervt. Zusammen mit Yasmina schleppte er seine beiden Reisetaschen und ihre drei pinken Koffer zum Auto. Es war kurz vor acht und eigentlich hatten sie schon seit einer Stunde auf der Autobahn in Richtung Spanien sein wollen.

Yasmina stieg ein und warf sich mit motzigem Gesichtsausdruck auf den Beifahrersitz. Amon verstaute eine Tasche mit Proviant unter ihren Füßen. „Spinnst du? Das ist mir hier alles zu eng. Ich habe keinen Platz!“

„Sei froh, dass wir überhaupt fahren“, sagte Amon mit strenger Stimme.

Meine Güte! Wir sind noch nicht mal losgefahren und schon fängt der Stress an. Ich hätte viel lieber Iva dabei statt Yasmina. Die stresst wenigstens nicht rum.

„Können wir los?“ Amon schaute zu Yasmina, die genervt nickte. Schnell nahm er sein Handy aus der Tasche.

Ich muss Iva ganz kurz noch Bescheid geben, dass ich losfahre.

Er hielt sein Handy so, dass Yasmina keine direkte Sicht auf das Display hatte, und tippte hastig eine Nachricht für Iva.

Hi. Fahren jetzt los. Melde mich.

„Was machst du da?“ Yasmina versuchte, nach Amons Handy zu greifen.

„Ich schreibe Leon, dass ich mich melde, wenn wir angekommen sind.“

Beruhigt ließ Yasmina sich in den Beifahrersitz sinken, schnallte sich an und schloss die Augen.

Amon startete den Wagen. Im Radio erklang ein Song, der auch während des Gesprächs mit Iva in seinem Auto lief. Sofort beschlichen ihn ein unwohles Gefühl und ein Anflug von Angst, dass Yasmina herausfinden würde, dass es in seinem Leben inzwischen eine zweite Frau gab, die im Begriff war, sein Herz im Sturm zu erobern.

 

„Endlich sind wir da!“, stöhnte Yasmina Stunden später erschöpft.

Amon parkte den Wagen neben dem Ferienhaus. Auch er war ziemlich müde von der langen Fahrt. Er drückte Yasmina die Schlüssel für das Haus in die Hand, stieg aus und öffnete den Kofferraum. Sein Blick fiel auf die vielen Koffer und Taschen.

„Das trage ich aber nicht alles allein. Du kannst mal schön mithelfen.“ Er drehte sich nach Yasmina um und stellte verärgert fest, dass sie nicht mehr am Auto stand. „Na super!“, stöhnte er genervt. Amon schnappte sich zwei Koffer und trug sie zum Hauseingang.

„Was ist das denn, bitte?!“, rief Yasmina entsetzt aus.

Amon betrat verwundert das Ferienhaus und warf seiner Freundin einen irritierten Blick zu. „Was ist los?“

„Da fragst du noch? Was ist das hier für eine billige Absteige?“

Das Ferienhaus, das Amon in einem kleinen spanischen Ort angemietet hatte, war ein uriges Häuschen aus den Siebzigerjahren. Es verfügte über zwei Zimmer und ein kleiner Garten mit Terrasse gehörte ebenfalls dazu. Das Badezimmer war mit dunkelgrünen Kacheln gefliest und wirkte wie auch das Wohnzimmer mit der dunklen Holzverkleidung wenig einladend.

Amon fand es trotzdem völlig ausreichend. „Das ist doch voll okay. Wir sind sowieso die meiste Zeit am Meer.“

„Trotzdem hättest du ein schöneres Haus anmieten können.“

Yasminas Beschwerden gingen Amon auf die Nerven. „Meine liebe Yasmina, jetzt hör auf, dich zu beschweren! Wir haben mit richtig viel Glück dieses Haus bekommen. Da du dich ja bis vor drei Wochen immer noch nicht entscheiden konntest, ob wir fahren oder nicht, kannst du froh sein, dass wir überhaupt ein Haus haben. Oder wäre dir ein Campingplatz lieber gewesen?“

Yasmina wandte sich von Amon ab.

„Wohin gehst du?“, fragte er verwundert.

„Ich hole mein Gepäck aus dem Auto. Und dann will ich was essen. Gehen wir später ins Restaurant?“

„Erst zum Meer, okay?!“

„Na schön“, sagte Yasmina und verschwand in Richtung Auto.

Amon öffnete die Schiebetür zum Garten. Er trat hinaus und schaute in den wolkenfreien Himmel. Er schloss die Augen, hörte die Möwen in der Ferne, ließ sich die leichte Brise salziger Meeresluft um die Nase wehen. Das sorgte bei ihm für Tiefenentspannung. Er ließ seine Gedanken schweifen. Vor seinem inneren Auge erschien Iva.

Ihr Lächeln und ihre funkelnden Augen. Ihre Leichtigkeit, von der er sich hatte mitreißen lassen, fehlte ihm hier. Wehmut machte sich bei dem Gedanken breit, dass er sie in der nächsten Zeit nicht bei sich hatte. Er dachte an ihren Lachanfall, als das ältere Ehepaar nach den Kellys gefragt hatte, und ihren Blick bei jedem ihrer Treffen, der so warm und voller Liebe war.

Sie fehlt mir!

Die schrille Stimme seiner Freundin drang zu ihm durch. Er hörte sie im Schlafzimmer immer noch über das Haus schimpfen und der aggressive Unterton dabei ließ ihn erschaudern. Daraufhin zuckte Amon zusammen. Vorbei war seine Entspannung. Vor zwei Minuten hatte er sich noch leicht und frei gefühlt, doch nun bemerkte er wieder die Schwere und den Frust in sich aufsteigen. Dabei hatte er insgeheim gehofft, seine Beziehung durch diese Auszeit wieder ins Lot bringen zu können. Zumindest so lange, bis er einen neuen Job gefunden hatte. Die Beziehung mit Yasmina war aus dem Ruder gelaufen. Viel zu schnell war er mit ihr zusammengekommen, obwohl sie sich erst ein paar Wochen kannten und ruck, zuck hatte sie sich bei ihm eingenistet. Für die Notbremse war es zu spät. Daher musste er nun sehen, wie er sie wieder loswerden konnte, ohne seinen Job zu riskieren. Yasmina war schließlich so rachsüchtig, dass sie ihn sofort wegen irgendeiner Banalität feuern lassen würde, um ihm eins auszuwischen.

Amon kehrte ins Ferienhaus zurück. Er betrat die Türschwelle und rief: „Ich gehe jetzt ans Meer.“

„Waaaaaarte!“ Hektisch kam Yasmina angelaufen, nahm ihre große Strandtasche und schloss die Tür hinter sich.

Amon schüttelte schmunzelnd den Kopf.

Geht doch. Hoffentlich bekommt sie gleich bessere Laune.

 

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten sie das Meer. Die Wellen schlugen Schaum und das monotone Meeresrauschen sorgte bei Amon wieder für Entspannung.

Als sie den Sandstrand betraten, zog sich Amon die Schuhe aus, um mit nackten Füßen weiterzugehen.

Seine Freundin stand mit einer Sonnenbrille auf der Nase und einem viel zu großen Sonnenhut auf dem Kopf neben ihm. Über ihrem Bikini trug sie ein lockeres weißes Strandkleid. Das mochte er sehr an ihr.

Yasmina nahm ihre Sonnenbrille ab und ihre viel zu stark geschminkten Augen kamen zum Vorschein.

Amon lief ein kalter Schauer über den Rücken und er spürte, wie sehr Iva ihm in diesem Moment fehlte. Er dachte daran, wie lieb und aufrichtig sie zu ihm war.

„Ist das schön hier. Ich teste mal, wie warm das Wasser ist“, schwärmte Yasmina plötzlich und strahlte Amon an, als hätte sie seine Gedanken gelesen und seine Sehnsucht nach Iva vertreiben wollen.

Amon lächelte sie an und sah ihr nach, als sie auf das Meer zulief. Die Gefühle, die er zu Anfang der Beziehung für Yasmina hegte, kamen wieder zum Vorschein. Doch dann kamen ihm wieder Bilder seiner Freundin in Erinnerung, die alles andere als schön waren. Wie sie ihn wild beschimpfte, wie sie ausrastete, wie sie ihm hasserfüllte Blicke zuwarf und wie ihr öfter schon die Hand ausgerutscht war. Nicht nur bei ihm – auch bei Leon.

Nein, Amon, so eine unberechenbare Frau kannst du nicht lieben!

Er lief ein paar Schritte, bis er den nassen Sand erreichte. Seine Gedanken waren wieder bei Iva und ihrer Warmherzigkeit, die ihm in diesem Augenblick sehr fehlte. Die Wellen schlugen Schaum über seine nackten Füße und spülten ein paar Muscheln an den Strand. Er hob eine davon auf und steckte sie in seine Hosentasche.

Die bringe ich Iva mit und sage ihr, dass ich in dem Moment, als ich diese Muschel fand, an sie gedacht habe. Sie wird sich bestimmt sehr darüber freuen.

Amon kniete vorsichtig nieder, malte mit einem Zeigefinger ein Herz in den Sand und dachte dabei an seine Bonnie.

Plötzlich schlang Yasmina die Arme von hinten um Amon. Er erschrak und fühlte sich ertappt.

„Ist das für mich? Das ist aber süß“, schwärmte Yasmina, als sie das Herz sah.

Amon nickte verlegen.

Seine Freundin ließ von ihm ab und rannte wieder zum Meer, wo sie im kniehohen Wasser baden ging.

Währenddessen zückte er sein Handy und machte ein Foto von dem Herz im Sand und sendete es Iva.

Dazu schrieb er: Für dich.

Mit einem Lächeln im Gesicht stellte sich Amon vor, wie es wäre, mit Iva hier zu sein. Er würde mit ihr Hand in Hand in der Abenddämmerung am Strand entlanglaufen und einige unanständige Dinge mit ihr anstellen. Er sah sie vor sich, wie sie ihn anlächelte, und ein warmes Gefühl machte sich in seinem Herzen breit.

Bonnie und Clyde – wir beide – unschlagbar.

 

Am Abend konnte Amon nur sehr schlecht einschlafen, weil er seine Beziehung komplett infrage stellte.

Seine Freundin lag schnarchend mit dem Rücken zu ihm gedreht neben ihm in dem muffigen Bett des alten Ferienhauses. Die Uhr zeigte fünf vor zwei. Langsam dämmerte er weg.

Er träumte, dass er sich in einem feinen Restaurant direkt am Strand befand. Ein langer Steg führte zu dem Restaurant. Dieser war mit Blumenketten und Fackeln dekoriert. Der Sonnenuntergang badete das Meer in einen warmen Goldton.

Amon hatte sich so herausgeputzt wie noch nie zuvor in seinem Leben und trug einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Fliege. Überall um ihn herum waren Kerzen angezündet. Ein Windhauch ließ sie kurz aufflackern. Der Tisch neben ihm war mit leckeren Köstlichkeiten gedeckt. Eine Etagere mit Trauben, Mousse au Chocolat, ein Büfett mit Meeresfrüchten, Hummer und Kaviar.

Im hinteren Teil des Raumes spielten Musiker auf Violine und Klavier und Iva schritt in einem cremeweißen Vintage-Kleid, welches bis zum Boden reichte, über den langen Steg auf Amon zu. Sie hielt einen kleinen Blumenstrauß aus Pfingstrosen in den Händen. Die Haare trug sie gewellt und offen. Der Blumenkranz, den sie auf dem Kopf trug, war ebenfalls aus Pfingstrosen. Ihr Kleid bestand aus feinster Spitze und war mit funkelnden Steinen besetzt. Passend dazu trug sie Schmuck, der ziemlich alt und kostbar aussah.

Ihr Anblick ließ Amons Herz höherschlagen und er spürte einen Kloß im Hals.

Iva lächelte ihn an, während sie langsamen Schrittes auf ihn zukam.

Nervös und ein wenig schüchtern fuhr er sich durch sein Haar. Er roch ihr Parfüm, welches sich betörend um ihn legte. Ihm wurde heiß und kalt.

Das Meer rauschte angenehm und gleichmäßig im Hintergrund.

Der zarte Klang der Violine verzauberte Amons Sinne. Sein Atem beschleunigte sich und sein Blick blieb an Ivas vollen roten Lippen hängen.

Sie erreichte ihn und schaute tief in seine Augen. Sie schlang ihre Arme um ihn, während Amon seine Hände um ihre schmale Taille legte. So begannen sie, ganz romantisch zur Musik zu tanzen.

Nur vage konnte Amon die Lichter der Kerzen im Hintergrund wahrnehmen. Sein Fokus lag wie gebannt auf Ivas Augen. Er war wie verzaubert.

„Amon“, drang ihm eine Stimme in sein Bewusstsein.

„Amon.“

Er erwachte und rieb sich die Augen. Neben sich entdeckte er Yasmina.

„Was ist? Warum weckst du mich?“

„Hier ist eine Mücke im Zimmer. Kannst du die bitte verjagen? Ich kann so nicht schlafen.“

Amon schüttelte den Kopf und ärgerte sich, dass Yasmina ihn aus seinem Traum geholt hatte. „Warum fängst du sie nicht selbst?“

„Du kannst das besser. Außerdem bin ich müde und will schlafen.“

Das darf doch jetzt nicht wahr sein.

Verärgert schlug er seine Bettdecke beiseite, schaltete neben seinem Bett das Nachtlicht ein und begab sich auf die Suche nach der Mücke, die nicht der eigentliche Störenfried für ihn war.

7. Kapitel

IVA

Die erste Zeit ohne Amon war Iva wie eine Ewigkeit erschienen. Sie war nervös, denn seit seiner Abreise hatte er sich immer noch nicht bei ihr gemeldet. Erneut schaute sie auf ihr Handy. Keine neue Nachricht von Amon. Kein neuer Status auf dem Handy. Iva rechnete aus, wie lange man mit dem Auto unterwegs sein würde, plante Staus ein und kam zu dem Ergebnis, dass Amon sein Urlaubsziel schon längst erreicht haben musste. Ihre Nervosität stieg an. Ob er einen Unfall gehabt hatte? Vielleicht lag er irgendwo in einem ausländischen Krankenhaus und sie würde nie erfahren, was passiert war. Iva öffnete Amons Profil erneut und studierte seinen Status. „In der Ruhe liegt die Kraft stand dort geschrieben. Ungeduldig tigerte sie im großen Wohnzimmer auf und ab.

Wenn ich daran denke, dass er sich jetzt ein paar schöne Tage mit Yasmina macht, wird mir ganz schlecht. Wie kann er nur? Ich weiß, dass er es für seinen Stiefsohn und seinen Arbeitsplatz tut, aber trotzdem. Oder ist seine Freundin gar nicht so schlimm und er behauptet das nur, um mich rumzukriegen? Hat er mich verarscht? Werde ich überhaupt noch von ihm hören? Ich dachte eigentlich, er meint es ernst mit mir. Ist er vielleicht ein talentierter Schauspieler? Aber immerhin hat er mir gesagt, dass er mich liebt. Das sagt man doch nicht einfach so. Oder? Ach verdammt, ich werde noch wahnsinnig hier.

Das Vibrieren ihres Handys riss Iva aus ihren Gedanken. Aurora. Der Klingelton, den sie speziell für seine Nachrichten eingestellt hatte.

Oh Gott, jetzt kommt die Nachricht, dass ihm etwas passiert ist!

Ihr Herz klopfte immer schneller. Sie traute sich kaum, die SMS zu öffnen. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie. Aber dann tat sie es schließlich doch. Ein Bild von einem Herz aus Sand erschien. Darunter stand Für Dich. Dann folgte eine weitere Nachricht:

Bin gut angekommen. Sorry, melde mich erst jetzt, weil ich kein Internet hatte. Schreibe gerade von der Toilette aus, damit Yasmina nichts merkt. Bis bald.

Gott sei Dank! Es geht ihm gut und er denkt an mich.

Erleichtert atmete Iva auf und schickte eine kurze Nachricht zurück – auch wenn sie wusste, dass er sie nicht sofort lesen konnte. Doch nun war sie wenigstens beruhigt und hatte endlich die Gewissheit, dass Amon wohlauf war. In diesem Moment spürte Iva, wie schwer es sie getroffen hätte, wenn die Nachricht nicht so positiv gewesen wäre.

 

Die Vögel zwitscherten fröhlich, als Iva zwei Wochen später im Schlosspark nervös zum vereinbarten Treffpunkt spazierte. Nachdem sie am Morgen erwacht war und auf ihr Handy geschaut hatte, hatte sie gesehen, dass Amon ihr in der Nacht geschrieben hatte.

Gegen 12 im Park, Nähe Vogelscheiße, hatte er ihr gesimst.

Iva musste beim Lesen herzhaft lachen und wusste natürlich sofort, dass Amon die Parkbank gemeint hatte. Sie hatte ihre Hündin als Alibi im Schlepptau. Bellas Lust auf diesen Ausflug hielt sich allerdings in Grenzen, denn sie hasste das Autofahren. Doch Iva nahm diesmal keine Rücksicht auf ihre Hundebefindlichkeiten.

Sie folgten der Biegung des Weges zu der kleinen Lichtung, wo die alte, mit Vogelkacke beschmutzte Parkbank stand. Sie liefen auf der Lichtung auf und ab, denn Amon würde sicherlich erst zur vereinbarten Uhrzeit kommen und so musste Iva sich noch ein paar Minuten gedulden. Überpünktlichkeit war Iva schon in die Wiege gelegt worden. Ihre Eltern waren genauso, wenn nicht sogar noch schlimmer.

Die Sonne schien durch das dichte Geäst und wärmte Iva. Sie trug ein weißes Vintage-Kleid, das mit pinken und blauen Blumen bedruckt war. Der große Tellerrock streifte beim Laufen leicht die wild wuchernden Hecken am Rand der Lichtung.

Ivas Blick fiel auf die Vogelkacke auf der Bank, die unweit der Lichtung stand. Sie dachte daran, wie sie dort mit Amon gesessen und ihr der Vogel auf den Arm geschissen hatte. Bei diesem Gedanken konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen. Und natürlich erinnerte sie sich auch an den prickelnden Moment auf Amons Schoß. Wieder lächelte sie über ihr Kopfkino und ließ anschließend den Blick auf ihre Hündin schweifen.

Bella lief artig neben ihr.

Was für ein braves Mädchen. Wenn ich bedenke, was für ein Wirbelwind Bella als Junghund war. Ich dachte ja schon fast, dass ich sie niemals so gut erzogen bekomme, wie sie es jetzt ist. Was sie alles kaputt gemacht hat, als sie gezahnt hat, und wie Adrian die Krise gekriegt hat, als Bella noch nicht stubenrein war und überall hingepinkelt hat. Das war vielleicht ein Drama.

Iva hatte sich so lange einen Hund gewünscht, doch Adrian war jahrelang dagegen gewesen. Er hatte schon Clara als sehr anstrengend empfunden. Erst als Iva die kleine Bella im zarten Alter von zwölf Wochen einfach mit nach Hause gebracht und Clara sich sofort in sie verliebt hatte, hatte Adrian ihrem Wunsch unter Protest nachgegeben.

„Bella, hierher!“, rief Iva.

Die kuschelige Eurasierhündin tapste vergnügt auf sie zu.

„Braves Mädchen. Und sitz!“

Bella nahm schwanzwedelnd vor ihrem Frauchen Platz.

Iva wollte Bella gerade mit einem Leckerli belohnen, als es um sie herum plötzlich ganz ruhig wurde. Nirgends war ein Geräusch zu hören.

Bella spitzte die Ohren und auch Iva lauschte in die Stille.

In der Ferne waren plötzlich ein leises Rascheln und ein Knacken zu hören. Bella und Iva schauten neugierig umher.

Iva fuhr herum, aber entdeckte nichts, womit die Geräusche zu erklären gewesen wären. Sie zuckte mit den Schultern. „Ist gut, Bella. Das ist bestimmt nur ein Kaninchen.“ Sie drehte sich wieder zur Lichtung.

Das Geräusch, das nun von hinten kam, wurde immer lauter.

Erschrocken fuhr Iva abermals herum. Auf dem kleinen Trampelpfad, auf dem Iva sich mit Bella befand, sah sie Amon auf sie zukommen. Wenige Sekunden später hatte auch er sie entdeckt und lächelte. Ihr Herz klopfte vor Aufregung. Nachdem sie tagelang gewartet und ihn ziemlich vermisst hatte, war er nun endlich wieder da.

Braun gebrannt, die langen Haare nach hinten gestylt, spazierte er Iva lässig entgegen.

Oh mein Gott! Er sieht einfach toll aus.

Iva ließ Leine und Tasche fallen, rannte auf Amon zu und fiel ihm um den Hals.

Er hob sie hoch und küsste sie stürmisch.

„Mein Clyde! Endlich bist du wieder da. Wahnsinn, wie toll erholt du aussiehst“, begrüßte sie ihn euphorisch.

„Hi Bonnie. Es geht mir auch blendend. Habe mich richtig erholt.“ Freudestrahlend hielt er Iva bei den Händen, trat einen Schritt zurück und musterte sie von oben bis unten. „Wow, du siehst toll aus! Das Kleid steht dir richtig gut. Bestimmt wieder so ein Vintage-Ding, oder?“

Sie nickte und spürte die Röte, die in ihr Gesicht schoss. „Das ist mein Lieblingskleid – aber leider trage ich es zu selten. Nur zu besonderen Anlässen. Na ja, eigentlich trage ich es heute zum ersten Mal“, sagte sie grinsend.

Iva und Amon spazierten mit Bella durch den Park. Sie unterhielten sich über Amons Urlaub. Darüber, wie es mit seiner Freundin gelaufen war, was Iva in der Zwischenzeit so getan hatte usw.

Nach einer Weile erreichten sie einen der riesigen Steine, die sich als Blickfang im Park befanden, und kletterten auf ihn.

Bella legte sich brav auf die Wiese.

Das Klettern war für Iva gar nicht so einfach. Sie war gerade einmal einen halben Meter größer als der Stein und mit dem Kleid dort hochzukommen, war eine richtige Herausforderung.

Oben angekommen, setzte sich Iva auf Amons Schoß und ergriff das Wort. „Warum sind wir beide nur vergeben? Können wir nicht einfach die Zeit zurückdrehen und uns ein bisschen früher kennenlernen?“ Sie atmete schwer und sah Amon mit großen Augen an.

„Stimmt, das wäre ein ganz anderes Leben. Es ist halt alles nicht so einfach, Baby.“ Amon streichelte zärtlich Ivas Haar und fuhr fort: „Ich finde es so faszinierend. Wir hatten nicht mal Sex, doch es ist schon unglaublich schön zwischen uns, weil da einfach so viel mehr ist. Zwischen uns ist eine Verbindung. Ich spüre dich jedes Mal, wenn du in meiner Nähe bist, noch bevor ich dich sehe.“

„Mir geht es genauso. Ich wollte dir das auch schon sagen, aber ich dachte, dass du dann denkst, ich hätte sie nicht alle. So etwas habe ich noch nie mit einem Menschen erlebt. Und glaub mir, mir sind schon einige übernatürliche Dinge passiert.“ Iva berichtete ihm von ihrer geheimen Leidenschaft – der Esoterik.

Amon lauschte sichtlich interessiert ihren Worten, denn ihre Stimmfarbe und die Art und Weise, wie Iva ihre Erzählungen ausführte, zogen ihn in ihren Bann. „Ich glaube ja auch an so was. Aber ich praktiziere nichts in der Richtung. Ich würde jedoch gern andere Sachen mit dir praktizieren“, sagte Amon lächelnd und ließ seine linke Hand zwischen Ivas Oberschenkel wandern.

Iva wurde heiß und kalt. Sie wusste nicht recht, was sie tun sollte, und hielt inne.

Ist das, was gerade passiert, gut oder schlecht? Adrian würde mich zehn Köpfe kleiner machen, wenn er das sehen würde. Verdammt, das möchte ich nicht! Das würde nur unnötig Ärger geben, denn eigentlich ist ja nichts Schlimmes passiert. Noch nicht. Ich will mehr von Amon. Aber nicht hier. Ob er mir freiwillig woandershin folgen wird? Bisher bin ich immer dort hingekommen, wo er es wollte. Mal sehen, wie es andersherum ist. Ich möchte nicht seine Marionette sein.

„Hör auf!“, sagte sie plötzlich und sah ihn mit ernster Miene an.

„Habe ich etwas Falsches gemacht?“, fragte Amon verunsichert.

Iva stand auf und kletterte vorsichtig von dem Stein hinunter und hoffte, dass er ihr folgen würde. Sie verließ schnellen Schrittes mit Bella den Park und steuerte auf ihr Auto zu.

„Iva, es tut mir leid, wenn ich etwas zu weit gegangen bin“, rief Amon und lief ihr hinterher.

Ohne zu reagieren, eilte sie weiter zum Parkplatz.

Schließlich holte er sie ein und stellte sich vor sie.

Iva hatte keine Chance, an dem breitschultrigen Amon vorbeizukommen. Sie schaute ihn erst ausdruckslos, dann streng an. „Komm, umparken!“, sagte sie kalt.

„Wie? Jetzt?“ Amon sah sie verständnislos an.

„Ich bringe Bella noch schnell nach Hause und du fährst schon mal zum Flugplatz.“

„Iva, ich habe nur noch zwei Stunden Zeit und es wird gleich dunkel!“, platzte es aus ihm hervor.

„Na das reicht doch. Bis gleich.“ Sie grinste und küsste ihn zum Abschied auf den Mund.

8. Kapitel

AMON

Amon war geplättet und verstand die Welt nicht mehr. Dass Iva ihn plötzlich stehen gelassen hatte, war ihm auch noch nie passiert. Seine Freundin konnte zwar auch blitzschnell zwischen guter und schlechter Laune hin und her switchen, aber meist war der Gesprächsverlauf vorauszusehen. Bei Iva war das jedoch nicht der Fall gewesen und das machte sie für ihn noch viel interessanter. Er spürte, wie unberechenbar sie war. Genau wie er. Und das faszinierte ihn – das musste er sich eingestehen. Er stieg in sein Auto und machte sich auf den Weg zum verabredeten Treffpunkt.

 

Kurze Zeit später erreichte er das Feld und nahm die Abbiegung zum Flugplatz. Inzwischen war es dunkel geworden und es hatte während der Fahrt kurz geregnet. Die Scheinwerfer seines Autos wiesen ihm den holprigen Weg. Steine knirschten laut unter den Autoreifen. Die Umgebung wirkte bei Dunkelheit wenig einladend und sogar etwas unheimlich. Der Flugplatz rückte in sein Sichtfeld. Die großen Matschpfützen bemerkte Amon erst, als das Wasser gegen die Fenster spritzte. Nachdem er geparkt hatte, stieg er aus, begutachtete empört sein Auto und fuhr sich dabei mit den Händen verzweifelt durch die Haare. Der weiße Wagen war komplett eingesaut – von vorne bis hinten.

So ein Mist! Yasmina bringt mich um, wenn sie das sieht! Wie soll ich ihr das denn erklären? Zur Waschanlage schaffe ich es auch nicht mehr, die macht gleich zu.

Plötzlich näherte sich ein Scheinwerferlicht. Amon zuckte zusammen und dachte sofort an seine Freundin, die ihn auf keinen Fall erwischen durfte – doch es war Iva.

Sie parkte, stieg aus und stellte sich lachend neben Amon. „Na, den musst du aber mal waschen. Ist ja peinlich“, neckte sie ihn.

Sie wollte ihm etwas auf die Kofferraumscheibe schreiben, doch Amon hielt ihre Hand fest.

„Was denn? Das kann doch jeder gewesen sein.“

„Zu auffällig! Wir müssen aufpassen. Ich muss mir jetzt echt eine Ausrede ausdenken, warum der Wagen so dreckig ist. Yasmina weiß ganz genau, dass auf dem Weg zum Club keine Feldwege und in der Nähe meines Hauses keine Matschpfützen sind. Wie soll ich das denn erklären?!“, sagte er streng.

Iva zog ihn am Arm. „Hast du ein Messer dabei?“

„Ja, wieso? Willst du mich abstechen?“ Er lachte.

„Hol es mal!“

Amon war irritiert. „Warum? Wofür brauchst du denn ein Messer?“

„Ist nicht eher die Frage, warum du überhaupt eines dabeihast? Na los, mach jetzt!“, sagte sie ihm mit einem zärtlichen, aber dennoch bestimmten Unterton.

Amon holte sein kleines schwarzes Taschenmesser aus der Mittelkonsole seines Wagens und legte es Iva vorsichtig in die Hand. „Und was willst du jetzt damit?“

Sie grinste schelmisch und zog ihn zu einem der Bäume, die den Flugplatz umrandeten. „Pass auf. Siehst du den Baum da? Du machst mein I und ich dein A.“

„Du willst unsere Initialen dort hineinschneiden?“

Sie nickte eifrig, holte ihr Handy aus der Tasche und leuchtete mit der Taschenlampen-App, da in der Abenddämmerung kaum noch etwas zu sehen war.

Amon stellte sich dicht vor den Baum. Etwas zaghaft ritzte er ein I in die Rinde und stellte sich dabei nicht sehr geschickt an, denn er rutschte ein paar Mal mit dem Messer ab.

Iva schnaubte erst genervt, lächelte dann aber und drängte ihn zärtlich beiseite. „Lass mich mal, Hilde. Ich zeige dir jetzt, wie das geht.“

Gleichzeitig lachend und kopfschüttelnd machte er Iva Platz. „Du bist doch verrückt.“

Mit ihrem Schlitzohr-Blick sah sie ihn an. „Sind wir das nicht alle, Clyde?“

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968171692
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v583761
Schlagworte
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Autor

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    Talina Leandro (Autor)

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Titel: Wie Licht und Schatten