Lade Inhalt...

Verlieben will gelernt sein

von Gemma Townley (Autor) Andrea Brandl (Übersetzung)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Seit Jahren ist die schüchterne Jessica in ihren Chef Anthony Milton verliebt. Doch als Mauerblümchen traut sie sich nicht, ihm ihre Gefühle zu gestehen. Vor ihrer ältesten Freundin Grace will sie das aber auf gar keinen Fall zugeben. Deswegen erfindet sie kurzerhand ein romantisches Date mit Anthony, den ersten Kuss und ihre Verlobung gleich dazu. Schnell entspinnt sich ein Geflecht aus Lügen, aus dem Jess nicht mehr rauskommt – mit der Folge, dass sie sich schließlich sogar selbst einen Ehering kaufen muss. Als Grace überraschend verstirbt und „Mrs. Jessica Milton“ in ihrem Testament als Erbin erwähnt, steht Jess vor einem schier unlösbaren Problem: Wie kriegt sie nun ihren Chef vor den Altar, um das Geld zu erben?

Dies ist die Neuauflage des Romans Wie angle ich mir meinen Chef?.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2008
Überarbeitete Neuausgabe Mai 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 9783968172484
Taschenbuch-ISBN: 9783968172705

Copyright © 2008 by Gemma Townley im Selfpublishing
Titel des englischen Originals: The Importance of Being Married

Published by Arrangement with Gemma Townley.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück, 30827 Garbsen.  

Copyright © 2019, dp Verlag
Dies ist eine digitale Neuausgabe des bereits 2019 beim dp Verlag erschienenen Titels Wie angle ich mir meinen Chef? (ISBN: 978-3-96087-888-9).

Copyright © 2009, Goldmann Verlag
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2009 bei Goldmann Verlag erschienenen Titels Ein zauberhafter Liebesschwindel (ISBN: 978-3-442-46977-2).

Übersetzt von: Andrea Brandl
Covergestaltung: Grit Bomhauer
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © LightField Studios, © Anastasiia Gevko, © ESB Professional, © AlexanderLipko
Korrektorat: KoLibri Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

 

 

 

Für Atticus:

Das beste Baby auf der Welt

Kapitel 1

PROJEKT: HOCHZEIT

Produkt: Jessica Wild

Jetzt bin ich also schon ein Produkt?

Noch mal zum Mitschreiben: Entweder wir ziehen das auf meine Art durch, oder wir lassen es ganz bleiben.

Na gut. Dann bin ich eben ein Produkt. Von mir aus…

 

Mission: Dem Produkt ein neues Image verpassen, damit es für Zielgruppe unwiderstehlich wird, sodass Zielgruppe dem Produkt auf der Stelle seine unsterbliche Liebe gestehen und Heiratsantrag machen muss.

 

Zeitfenster: fünfzig Tage

 

Zielgruppe: Anthony Milton (Chef des Produkts und toll aussehender Werber der Top­Kategorie)

 

Markenziele:

1. Attraktiv für Anthony Milton sein

2. So attraktiv, dass er mit Produkt ausgehen will.

3. Und Produkt schlussendlich bittet, ihn zu heiraten

4. Oh, und das Ganze innerhalb von fünfzig Tagen. Einschließlich Hochzeit

5. Das ist das dämlichste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe.

Und das lukrativste. Vergiss nicht, wir reden hier von vier Millionen Pfund, einer Summe, bei der wohl keiner die Nase rümpft.

Tue ich ja auch gar nicht. Ich überlege nur, was ich machen soll, wenn es in die Hose geht.

Wird es aber nicht.

Du hast leicht reden. Du musst es schließlich nicht tun.

 

Hauptmerkmale (positive) des Produkts: Äh…

Schlanke Taille. Hübsche Beine. Manchmal ein wenig zu ernst. Und in puncto Männer Versagerin auf der ganzen Linie.

Schönen Dank auch.

Gern geschehen.

 

Probleme beim Rebranding/zu überwindende Hindernisse:

1.) Zielobjekt zeigt bislang keinerlei Interesse an Produkt.

2.) Produkt ist ebenfalls nicht mal ansatzweise an Zielobjekt interessiert.

Anthony Milton? Dieses Sahneschnittchen? Ich bitte dich. Du musst doch wenigstens ein bisschen interessiert sein.

Überhaupt nicht. Er ist nicht mein Typ.

Du hast einen Typ? Du gehst noch nicht mal auf die Piste. Wie kannst du da einen Typ haben?

Ich habe ja auch keinen bestimmten Typ. Ich weiß nur, wenn einer nicht mein Typ ist.

In diesem Fall also Männer im Allgemeinen …

Das Ganze ist eine Schnapsidee. Vielleicht sollten wir lieber überlegen …

O nein, das wirst du hübsch bleiben lassen. Du kannst jetzt keinen Rückzieher machen.

Doch, kann ich.

Nein, kannst du nicht. Außerdem hast du sowieso keine andere Wahl. Wir haben die Alternativen x-mal durchgekaut und festgestellt, dass es keine gibt.

Danke, dass du mir das noch mal unter die Nase reibst.

 

Strategien:

Könnte ich das delegieren? Zum Beispiel ein Supermodel engagieren, das Anthony an meiner Stelle heiratet?

Geht ein bisschen am Thema vorbei, was? Also, so schwierig ist das doch gar nicht. Du brauchst nur einen neuen Haarschnitt. Ein paar neue Klamotten. Dann musst du lernen, wie man nett lächelt. Und dich ein bisschen in der Kunst der Verführung fit machen.

Ich mag meine Klamotten. Und die Kunst der Verführung interessiert mich nicht.

Das wird es aber, wenn ich erst mit dir fertig bin.

Wenn du mit mir fertig bist? Ist das ein Versprechen?

 

Helen, meine Mitbewohnerin, rümpfte die Nase. »Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass du das Ganze nicht richtig ernst nimmst?«

»Keine Ahnung«, antwortete ich unschuldig. »Ich nehme es nämlich sehr ernst. Ich überlege sogar, ob ich nicht in die Bibliothek gehen soll, um mich mit Material über das Hei raten in den letzten zweitausend Jahren einzudecken. Die besten Tipps sammeln, du weißt schon.«

Helen verdrehte die Augen. »Bitte, Jess, das ist kein Witz. Ziehen wir das jetzt durch oder nicht?«

Ich seufzte. »Okay, aber vielleicht haben wir das alles ja auch nicht richtig durchdacht. Ich könnte doch einfach den Anwalt anrufen? Und die Sache klarstellen? Mich entschuldigen und dann die ganze alberne Idee vergessen.«

»Ehrlich? Willst du das wirklich?«, fragte Helen.

Ich wurde rot und schüttelte den Kopf. Nie im Leben würde ich den Anwalt anrufen und die Wahrheit sagen. Das wäre doch viel zu peinlich. Ausgeschlossen.

Helen zuckte mit den Achseln. »Dann sag mir doch mal genau, was du zu verlieren hast, Jess. Ganz im Ernst.«

»Meine Würde«, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. »Meine Unabhängigkeit. Meine …«

»Schulden?«, schlug Helen vor. »Dein nicht existentes Sozialleben? Komm schon, Jess, wann warst du das letzte Mal auf der Piste?«

»Ich will nicht auf die Piste gehen. Das wird doch völlig überbewertet. Genauso wie die Heiraterei und Beziehungskisten.«

»Woher willst du das denn wissen? Du hattest doch überhaupt noch keine einzige Beziehung. Außerdem geht es hier nicht um eine Beziehung, sondern um ein geschäftliches Arrangement.«

Ich biss mir auf die Lippe. »Aber das weiß Anthony nicht. Du behauptest, du könntest dafür sorgen, dass er sich in mich verliebt, aber das wird nie im Leben passieren. Dieses ganze Projekt ist reine Zeitverschwendung.«

Helen kniff die Augen zusammen. »Du kriegst doch nicht plötzlich kalte Füße, oder?«

»Nein!«, stritt ich ab. »Natürlich nicht. Ich finde die Idee nur verrückt.«

»Ich glaube dir kein Wort.« Helen schüttelte den Kopf.

»Du hast die Hosen voll. Jessica Wild, Miss Ehehasserin, hat Angst vor Zurückweisung. Gib’s zu.«

Genervt verdrehte ich die Augen. »Ich habe keine Angst vor Zurückweisung«, erklärte ich spitz. »Ich weiß nur, dass dieses … dieses Projekt bei Anthony nie im Leben funktionieren wird. Genauso wenig wie bei mir. Und, ehrlich gesagt, will ich das auch gar nicht. Ich kann Besseres mit meiner Zeit anfangen, als irgendeinem Weiberhelden hinterherzuhecheln.«

»Auch etwas Besseres, als vier Millionen Pfund zu erben? Mach dich nicht lächerlich. Außerdem täte es dir bestimmt gut, eine feste Beziehung zu haben.«

»Dass du das denkst, glaube ich gern. Aber ich fürchte, das spielt hier keine Rolle. Im Gegensatz zu dir finde ich nämlich nicht, dass Männer die Antwort auf alles sind. Ich will keine feste Beziehung. Ich brauche niemanden, damit ich mich gut fühle. Ich bin auch allein sehr glücklich.« Die Worte hatte ich schon so oft ausgesprochen, dass sie wie ein Mantra klangen. Und ich glaubte, was ich sagte: Die Ehe war eine Primasache für hübsche junge Dinger, die sich gern von einem Mann abhängig machten, aber nicht für mich. Ich wusste es besser.

»Allein und pleite, meinst du wohl. Na schön, du bist auch ohne Beziehung glücklich. Aber wenn das hier klappt, kriegst du nicht nur einen tollen Ehemann, sondern auch noch vier Millionen Pfund. Also bitte. Das ist doch einen Versuch wert, oder?«

Unbehaglich zuckte ich mit den Achseln. Das war ein Argument. Vier Millionen waren eine Menge Geld. Eine Summe, mit der sich mein ganzes Leben auf einen Schlag ändern würde. »Trotzdem wäre ich dann aber verheiratet.«

»Du kannst dich doch wieder scheiden lassen.«

Ich runzelte die Stirn. Klar, ich glaubte nicht an die Ehe, aber ebenso wenig gefiel mir die Vorstellung, mich scheiden zu lassen. Das roch nach Versagen und nach einer schlechten Wahl. Vielleicht könnten Anthony und ich uns ja einfach so trennen – bei diesem Gedanken verpasste ich mir innerlich einen Tritt. Allmählich ließ ich mich tatsächlich von Helens Euphorie anstecken. Aber ich würde mich nicht scheiden lassen oder trennen, weil ich nämlich gar nicht erst heiraten würde. Mochte sein, dass ich Helen damit in gute Laune versetzte, aber das Projekt Hochzeit würde nie im Leben funktionieren. »Könnte ich.«

Helen lächelte. »Also tust du’s? Du versuchst es?«

»Ich versuche es«, erwiderte ich zögernd. »Aber ich werde nichts tun, wobei ich mich nicht wohlfühle. Außerdem glaube ich trotz allem, dass es nicht funktioniert.«

»Tja, wenn es nicht klappt, kannst du ganz unbesorgt sein«, fügte Helen hinzu. »Oder?«

Ich seufzte. »Du findest das alles wahnsinnig lustig, oder?«, fragte ich vorwurfsvoll. »Für dich ist es eben nur ein Spiel.«

»Ist es doch auch.« Helen grinste. »Eine Gameshow. Und der Preis ist wahnsinnig hoch. Los, Jess, Kopf hoch.«

Ich sah sie an und runzelte die Stirn. Ich wollte nicht. Wollte, dass es aufhörte. Obwohl mir klar war, dass es das nicht tun würde. Also zuckte ich mit den Achseln. Ich wusste, wann ich verloren hatte.

»Jippiiie!« Helen klatschte in die Hände. »Also, los geht’s. Verpassen wir dir einen neuen Haarschnitt.« Sie gab mir meinen Mantel. »Bevor du es dir anders überlegst.«

Kapitel 2

Als Erstes sollte ich wohl erklären, was es mit Projekt Hochzeit auf sich hat. Und mit den vier Millionen Pfund. Und dem Anwalt. Sie haben doch bestimmt einige Fragen. Versprechen Sie mir bitte nur, dass Sie mich nicht vorschnell verurteilen, bevor Sie sich nicht ein Bild von der Gesamtsituation gemacht haben. Und auch dann wäre ich sehr froh, wenn Sie nachsichtig mit mir wären.

Die Geschichte fing schon vor langer, langer Zeit an, ganz in der Tradition der guten alten Märchen – allerdings nicht in so grauen Vorzeiten, als noch Kobolde auf der Erde unterwegs gewesen wären, aber immerhin liegen ihre Anfänge lange genug zurück, um ein wenig aus dem Ruder laufen zu können. Um genau zu sein, begann alles vor zwei Jahren, zwei Monaten und sechs Tagen.

Es fing an dem Tag an, als Oma starb. Also gut, nicht exakt am Tag ihres Todes, sondern vielmehr, als sie in ein Altersheim zog, weil sich ja, wie sie zu sagen pflegte, sonst niemand – damit war natürlich ich gemeint – anständig um sie kümmern würde. Oma und ich verstanden uns nicht sonderlich gut. Ich war mit zwei Jahren zu ihr gezogen, nachdem meine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Und Oma, wie sie mir ebenfalls regelmäßig unter die Nase rieb, hätte liebend gern darauf verzichtet, in ihrem Alter noch ein Kind großzuziehen. Als ich schließlich groß war, bemühte ich mich nach Kräften, mich angemessen dankbar zu zeigen, sie regelmäßig zu besuchen und da für zu sorgen, dass alles gut lief, aber bei jedem Besuch fand sie irgendetwas Neues, woran sie herummäkeln konnte – mein Haarschnitt, mein Job, meine Freunde, mein Auto … ich meine, klar, ich war an die Nörgeleien gewöhnt, immerhin war ich in ihrer Obhut aufgewachsen, aber als sie mit der Idee ankam, in ein Altersheim zu ziehen, fand ich das, ehrlich gesagt, ziemlich klasse.

Und auch ihr schien es gelegen zu kommen. Auf diese Weise hatte sie neue Leute um sich, an denen sie herumkritteln, und neue Dinge, über die sie sich beschweren konnte. Die Angestellten hassten sie, die anderen Heimbewohner hatten Angst vor ihr, und ihre Verachtung für sie bescherte uns tatsächlich so etwas wie Gesprächsstoff, sodass sich die eine oder andere Unterhaltung tatsächlich nicht um meine Unzulänglichkeiten drehte, was ziemlich ungewohnt und unglaublich angenehm war.

Aber das ist nicht der Beginn der Geschichte. Alles fing an, als Grace Hampton, Omas Zimmernachbarin, zufällig vorbeikam, als ich zu Besuch war. Ich erzählte Oma gerade, dass ich einen neuen Job bei Milton Advertising angenommen hatte und nun für Anthony Milton, den Superstar der Werbebranche, arbeiten würde. In diesem Augenblick tauchte Grace auf und bot uns eine Tasse Tee an. Was ziemlich überraschend war, weil Oma nur Schlechtes über ihre lebhafte Zimmernachbarin zu erzählen hatte, die »alberne« Liebesromane las und viel zu viel fernsah (Oma bevorzugte dicke, schwülstige Wälzer, von denen sie Kopfschmerzen bekam). Grace schien Omas Verblüffung ebenso wenig zu bemerken wie ihren leicht spröden Tonfall. Sie stellte die drei Tassen ab, setzte sich neben mich aufs Sofa und fragte mich über meinen neuen Job aus. Für eine reizende alte Lady hatte sie ein erstaunlich dickes Fell, und ehe ich michs versah, saß sie jedes Mal da, wenn ich Oma besuchen kam, lächelte mich erwartungsvoll an und wollte alles über mein Leben erfahren, als hätte sie aufrichtiges Interesse daran.

Ein paar Monate später starb Oma, und mit einem Schlag war alles anders. Plötzlich war ich frei. Auf mich allein gestellt. Und mit der Verpflichtung am Hals, ein Begräbnis auf die Beine stellen zu müssen. Für das ich auch noch würde bezahlen müssen. Und das war nicht das Einzige, wofür ich bezahlen musste. Es stellte sich heraus, dass Oma nicht daran gedacht hatte, mir von ihrem schwachen Herzen zu erzählen. Sie hatte ebenfalls nicht daran gedacht, dass sie völlig pleite war und Sunnymead, dem Altersheim, noch mehrere tausend Pfund schuldete.

Grace war dabei, als die Heimleitung mir mit spitzen Fingern Omas Endabrechnung präsentierte. Ich hatte Mühe, nicht umzukippen. Fassungslos hielt ich das Blatt Papier umkrallt, und die Zahlen verschwammen vor meinen Augen.

Fünfundzwanzigtausend Pfund.

Grace legte ihre Hand auf meine. »Ich frage mich, ob du mir einen Gefallen tun würdest, Jess.«

Ehrlich gesagt, war ich nicht in Stimmung, jemandem einen Gefallen zu tun – vielmehr sah ich mein Leben vor mir, ein Leben voller Schulden, ständig abgebrannt. Natürlich sagte ich ihr das nicht, sondern lächelte nur. »Klar.«

Und dann sagte Grace: »Ich frage mich, ob ich vielleicht das Begräbnis deiner Großmutter bezahlen dürfte. Das würde mich wirklich glücklich machen.«

Natürlich lehnte ich ab, aber sie hatte so eine Art, ein Nein nicht gelten zu lassen. Mir war vollkommen klar, dass sie damit in Wahrheit mir einen Gefallen tat, aber sie bestand darauf, dass es umgekehrt sei.

Die Beerdigung war sehr schön – viel schöner, als sie geworden wäre, wenn ich mich darum gekümmert hätte. Oma mochte strikte Presbyterianerin gewesen sein, aber Grace gelang es, die karge Kirche in einen wunderschönen Ort und den ernsten Trauergottesdienst in eine Feier zu Ehren von Oma zu verwandeln. Sie erschien in einem blassrosa Kostüm, lächelte und sagte, dass niemand bei einem Begräbnis Schwarz tragen sollte. Sie hielt die ganze Zeit über meine Hand und reichte mir ein Taschentuch, als ich zu meinem Erstaunen in Tränen ausbrach. »Sie hat dich geliebt«, flüsterte Grace, als der Sarg mit Omas sterblichen Überresten in das offene Grab hinuntergelassen wurde. »Wenn du nicht da warst, hat sie ununterbrochen von dir geredet. Sie war so stolz auf dich.«

Ich war zwar nicht sicher, ob das stimmte, aber es war so nett zu hören.

Natürlich bot ich Grace an, die Schulden zurückzuzahlen. Aber sie lehnte immer ab. Geld spiele keine Rolle, sagte sie. Das Einzige, was zähle, seien die Menschen, ihre Gesellschaft, gemeinsam lachen zu können und die Liebe. Und sie betonte, wie schön sie es fände, wenn ich sie ab und zu besuchen käme, sofern ich nicht zu beschäftigt wäre. Also beteuerte ich, dass ich natürlich nicht zu beschäftigt wäre und gern käme.

Das war auch der Grund, weshalb ich nur wenige Tage nach Omas Begräbnis nach Sunnymead fuhr. Und in der Woche darauf ebenfalls.

Sie müssen wissen, dass Grace ganz anders war als Oma und ich einen Besuch bei ihr keineswegs als lästige Pflicht empfand, sondern eher als einen Abstecher, um eine Freundin zu sehen. Irgendwann fiel mir auf, dass ich mich darauf freute, durch die Flure in Sunnymead zu gehen, neben Grace zu sitzen und fernzusehen, gemeinsam mit ihr eine Zeitschrift durchzublättern oder über ihre Lieblingsbücher zu plaudern. Sie erzählte mir von ihrer Kindheit – von Sudbury Grange, dem Haus, in dem sie aufgewachsen war und das sich seit Generationen im Besitz ihrer Familie befand. Es war ein weitläufiges Anwesen auf dem Land, erzählte sie, voll enger Flure und Nischen und von einem riesigen Garten umgeben, wo sie und ihre Brüder im Sommer immer spielten.

Ich lauschte gespannt und fragte mich, wie es gewesen sein mochte, an einem solchen Ort zu leben, mit Brüdern und Hunden und Freunden, mit Versteckenspielen und Bäumen, auf die man klettern konnte. Selbst ohne Opa war Omas Haus klein und eng gewesen (Opa verschwand eine Woche nach meinem Einzug – er hatte eine Affäre, erzählte Oma mir später bei seinem Begräbnis. Gerade mal ein Jahr hätte er ohne sie gelebt, betonte sie spitz, sodass es klang, als hätte er seine Krebserkrankung selbst heraufbeschworen, aber mein Eintreffen hätte ihn endgültig vergrault). Meine wenigen Spielsachen durfte ich nicht aus dem Kinderzimmer nehmen, damit sie den wenigen Platz nicht mit Beschlag belegten. Dies sei kein Haus für ein Kind, erklärte Oma stets in einer Art, die mir unmissverständlich klarmachte, dass ich ein Eindringling war. Es war kein Haus, in dem Platz für schallendes Gelächter, Freudenschreie, Spiele oder laute Musik war. Omas Haus war ein Ort zum Nachdenken, zum Stillsitzen. Stille, sagte Oma immer, sei etwas überaus Wertvolles. Freunden könne man nicht über den Weg trauen, Männer ließen einen sowieso nur im Stich, aber auf sich selbst könne man jederzeit zählen. Wenn man sich selbst genug sei, garantiere dies ein zufriedenes Leben. Und Zufriedenheit sei ein guter Daseinszustand, fügte sie hinzu. Zufriedenheit, mehr könne man sich nicht erhoffen vom Leben.

Grace hingegen hatte mit Einsamkeit nichts am Hut. Sie liebte Menschen, Trubel und Klatsch. Und ich entwickelte im Lauf der Zeit ein Gefühl liebevoller Vertrautheit für sie. Wann immer ich sie besuchte, war ich ein wenig glücklicher, fühlte mich ein wenig wohler in meiner Haut. Sie schien sich sehr dafür zu interessieren, was ich zu sagen hatte, erinnerte sich an Dinge, die ich in der Vorwoche erzählt hatte, und gab mir nie das Gefühl, ich sei unmöglich oder eine Versagerin. Stattdessen vermittelte sie mir das Gefühl, dass alles grundsätzlich möglich ist. Sie war die geborene Optimistin – ganz im Gegensatz zu Oma, die stets davon ausging, dass alles ein Misserfolg war. Und auch wenn Grace ein wenig zu fixiert auf mein Liebesleben (beziehungsweise den Mangel daran) sein mochte, war das nicht weiter schlimm. Dachte ich zumindest.

Normalerweise zeigte sich Graces Fixierung etwa nach der ersten Hälfte meines Besuchs, wenn sie fragte, ob es jemand Bestimmtes in meinem Leben gäbe. Dann zauberte ich ein leicht ungläubiges Lächeln auf mein Gesicht, ehe ich rasch das Thema wechselte, weil ich sie nicht mit einer Bemerkung, ein Mann sei im Moment so ziemlich das Letzte, was ich brauchte, in Sorge versetzen wollte. Nicht, dass ich etwas gegen Männer hatte. Ich fand sie prima, solange sie blieben, wo sie waren. Romantik war für meine Begriffe eine gefährliche Droge, die vernünftige, unabhängige Frauen in liebeskranke, sabbernde Teenager verwandelte – etwas, was mir ganz bestimmt nicht passieren würde. Nicht wenn ich es verhindern konnte jedenfalls. Ich hatte keine Lust, ständig über irgendeinen Kerl nachzudenken, der mich am Ende sowieso nur hängen lassen würde. Dass Männer sich nur sehr selten mit mir verabredeten – oder überhaupt Interesse an meiner Person zeigten –, war eine überaus praktische Tatsache.

Aber Grace ließ nicht locker. Für sie war die Suche nach Mr Right das Einzige, was wirklich zählte. Wann immer ich sie besuchen kam, nahm sie meine Hand und wollte wissen, ob mein netter Boss denn schon gefragt habe, ob ich mit ihm ausgehen wolle (in ihren Lieblingsromanen lief es immer so ab, dass die Sekretärinnen irgendwann aufgefordert wurden, ihren Haarknoten zu lösen und ihre Brille abzunehmen, bevor ihr Chef sie in die Arme nahm und ihnen seine unsterbliche Liebe gestand). Ich verdrehte dann nur die Augen, weil es dazu natürlich nie im Leben kommen würde. Ich fühlte mich wohl als Single. Sogar mehr als das. Der Zustand gefiel mir.

Und so gerieten wir in eine Sackgasse. Wenn Grace mich nach meinem Liebesleben ausfragte, erzählte ich ihr von einem neuen Projekt bei der Arbeit. Wenn sie wissen wollte, ob mein Boss immer noch Single sei, fing ich von der Kaffeemaschine an, die Helen und ich erstanden hatten, um so das Geld für die vielen Milchkaffees zum Mitnehmen zu sparen (nur fürs Protokoll: Lassen Sie es bleiben. Die Dinger kosten ein Vermögen, und trotzdem kaufen wir jeden Morgen noch unseren Kaffee auf dem Weg ins Büro). Bei einem Besuch war es mir gelungen, Grace fast die gesamten zwei Stunden von einer Kampagne zu erzählen, an der ich gerade arbeitete, und als ich fertig war, fixierte sie mich mit ihren leuchtenden Augen und sagte: »Also, Jess, jetzt sag schon, wie läuft es mit der Männerjagd? Hat dich der Wunderknabe der Werbung schon bemerkt?«

Ich hatte immer angenommen, dass sie das Thema irgendwann langweilen würde, dass sie aufgeben und akzeptieren würde, dass sie auf verlorenem Posten kämpfte – aber weit gefehlt. Stattdessen setzte Grace jedes Mal noch eins drauf, quetschte mich nach jedem männlichen Single im Büro aus und unterzog ihn einer Prüfung hinsichtlich seiner Qualitäten als potenzieller Ehemann.

Und dann, nachdem ich monatelang ausgewichen war, das Thema gewechselt, ungläubig die Brauen hochgezogen und entschlossen mit den Achseln gezuckt hatte, tat ich etwas, worauf ich alles andere als stolz bin. Ich erfand einen Freund.

Okay, mir ist klar, wie mies das klingt. Einen Freund erfindet man sich, wenn man dreizehn ist. Aber Sie müssen mir glauben, wenn ich sage, dass ich keine andere Wahl hatte. Und wenn ich eine hatte, erkannte ich sie in diesem Moment jedenfalls nicht.

Also gut, die meisten hätten sich etwas anderes einfallen lassen. Aber andere Mädchen hätten wahrscheinlich sowieso einen Freund gehabt, also spielt das jetzt keine Rolle.

Zurück zu meiner Geschichte: Es war ein sehr warmer, sonniger Tag, und ich kam ein wenig früher zum Sunnymead Retirement Home als sonst. Grace wurde gerade untersucht, also wartete ich vor der Tür, weil mir Ärzte mit ihren Stethoskopen und ihren ernsten Gesichtern immer ein bisschen Angst machen. Jedenfalls stand ich auf dem Korridor vor Graces Tür und hörte einen von ihnen sagen: »Tut mir leid, Grace, das sieht nicht besonders gut aus. Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends.«

Ich hatte keine Ahnung, welcher Zustand sich verschlechterte und was genau nicht sonderlich gut aussah, aber wenn Ärzte solche Worte in den Mund nehmen, sind die Details auch nicht so wichtig, oder? Ich erschrak fürchterlich und war auf einmal panisch, weil ich nicht wollte, dass Grace etwas passierte. Nach einer Weile zogen die Ärzte ab, und ich zwang mich, ein breites Grinsen aufzusetzen, weil ich dachte, dass sie bestimmt ein wenig Aufmunterung gebrauchen könnte. Sie strahlte, als sie mich sah, und ich wollte unbedingt, dass dieser fröhliche Ausdruck auf ihrem Gesicht blieb und nicht von Angst, Verzweiflung oder sonst etwas Schlimmem vertrieben wurde.

»Und, Jess, wie geht es dir?«, war das Erste, was sie fragte.

»Gibt es aufregende Neuigkeiten? Irgendwelche netten Männer, die mit dir ausgehen wollen?«

Gerade, als ich antworten wollte: Nein, natürlich nicht, sah ich den winzigen Hoffnungsschimmer in ihren Augen. In diesem Moment wusste ich, dass ich sie nicht schon wieder enttäuschen konnte. Nicht jetzt.

Also sagte ich stattdessen: »Allerdings! Stell dir vor – ich habe ein Rendezvous.«

Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen. Es war, als ginge die Sonne auf – ihre Augen leuchteten, ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln und trotz meines schlechten Gewissens konnte ich nicht anders, als mich darüber zu freuen, sie so glücklich gemacht zu haben.

»Mit wem?«, fragte sie. Ich durchforstete mein Gehirn nach einem Namen, nach irgendeinem, aber unter Druck ist mein Kopf grundsätzlich wie leer gefegt – also lächelte ich nur verlegen, worauf Grace verschmitzt grinste. »Doch nicht etwa dein attraktiver Boss, oder? Anthony? Oh, bitte sag, dass es Anthony Milton ist. Bitte!«

Rückblickend betrachtet wäre es ganz einfach gewesen, Nein zu sagen. Als ich mir die Szene später noch einmal durch den Kopf gehen ließ, wurde mir klar, dass ich eine Million andere Dinge hätte sagen können, die unendlich viel klüger gewesen wären, aber ich stand einfach vollkommen neben mir. »Anthony Milton?«, hörte ich mich sagen. »Äh … Ja, genau. Mit dem gehe ich aus.«

Wahrscheinlich sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ein Rendezvous mit Anthony Milton etwa so wahrscheinlich war wie eines mit Prince William. Oder mit Justin Timberlake. Oder mit James Bond. Anthony Milton war, wie gesagt, der Inhaber und Geschäftsführer von Milton Advertising. Und, auch das hatte ich bereits erwähnt, er war groß, blond, attraktiv, erfolgreich und bei allen beliebt. Es verging keine Woche, in der er nicht in Advertising Weekly abgelichtet wurde, und kein Jahr ohne eine Nominierung für irgendeinen Werber-Preis – vorwiegend deshalb, weil seine Anwesenheit ein Garant dafür war, dass alles, was in der Branche Rang und Namen hatte, zu dem Event kommen würde. Und es verging kein Tag, an dem er nicht von sämtlichen Frauen im Umkreis von vier Meilen angeschwärmt wurde.

Er hatte das Vorstellungsgespräch bei Milton Advertising mit mir geführt – gemeinsam mit Max, seinem Stellvertreter, der mich mit Fragen bombardierte, während Anthony mir mit einem gewinnenden Lächeln versicherte, wie toll die Agentur sei (worauf ich prompt mehrmals den Faden verlor). Als ich aufstand, blieb mein Blick an Max hängen, der mich angrinste, und ehe ich michs versah, lief ich geradewegs in eine Glasscheibe. Wenn ich sage, geradewegs in eine Glasscheibe, meine ich das auch genau so – inklusive fürchterlichem Knall und einer Platzwunde, das ganze Programm eben. Zum Glück sah Anthony das Ganze mit Humor und bot mir den Job trotzdem an. Freundlicherweise wies Helen mich darauf hin, dass er wahrscheinlich Angst gehabt hatte, ich würde ihn sonst wegen Fahrlässigkeit anzeigen und auf Schmerzensgeld wegen körperlicher und seelischer Qualen verklagen.

Natürlich verbreitete sich die Neuigkeit in Windeseile, und als ich schließlich bei Milton Advertising anfing, war ich schon als das Mädchen-das-in-die-Scheibe-gelaufen-ist bekannt. Das störte mich jedoch nicht weiter. Nachdem ich jahrelang in der Datenverarbeitung gearbeitet hatte (Oma rieb mir regelmäßig unter die Nase, dass ich froh sein könnte, überhaupt einen Job zu haben, und wie egoistisch es sei zu jammern, während andere Menschen nicht einmal halb so viele Chancen im Leben hätten wie ich), hatte ich endlich einen Job mit Zukunftsperspektive gefunden. Und mit einem halbwegs anständigen Gehalt noch dazu. Anthony hatte mir eine Chance gegeben, und ich würde sie mit beiden Händen packen, selbst wenn ich mich gleich als Einstieg zur Lachnummer gemacht hatte.

Aber ich greife voraus. Der Punkt war, dass ich nicht nur nicht in Anthonys Liga spielte, sondern dass er sich sozusagen in einer anderen Stratosphäre befand. Selbst wenn ich an ihm interessiert gewesen wäre, hätte nichts aus uns werden können. Was ich aber nicht war.

»Anthony Milton?« Sie zwinkerte. »Ich wusste es! Ich wusste es in dem Augenblick, als du mir erzählt hast, du seist in diese Glaswand gelaufen.«

So fing also alles an. Als harmloses Date, als kleine Geschichte, um Grace aufzumuntern. Ich wollte keine Lawine lostreten. Und ich wollte auf keinen Fall, dass sich das Ganze verselbstständigte. Aber genau das passierte. Irgendwie lief die Situation aus dem Ruder, erst ein klein wenig, dann immer mehr, Stück für Stück, bis es kein Zurück mehr gab.

Nicht, dass je die Möglichkeit bestanden hätte zurückzupaddeln. Ich meine, ich konnte doch nicht in der nächsten Woche ankommen und behaupten, das Date sei ins Wasser gefallen. Es hätte ihr das Herz gebrochen, oder sie hätte einen Rückfall erlitten, und ich wäre schuld gewesen. Also schilderte ich ihr unser erstes Date haarklein. Na ja, in Wahrheit erzählte ich ihr von Helens Date mit dem Direktor einer Plattenfirma und tauschte einfach unsere Namen aus – bloß dass unser Abend nicht mit Sex in seinem Büro endete, sondern mit einem scheuen Kuss vor meiner Haustür. Anthony, so stellte sich heraus, war ein Ehrenmann, interessant, und, was noch viel wichtiger war, völlig verrückt nach mir. Mir ist klar, wie idiotisch das jetzt klingt, und es ist mir auch wahnsinnig peinlich, das zuzugeben (insbesondere weil ich Menschen verachte, die ihre ganze Freizeit auf Männerjagd sind), aber ich genoss es in gewisser Weise, Grace davon zu erzählen. Befreit von den Fesseln der Realität, war es das beste Date, das ich je erlebt hatte. Es war sogar so gut, dass ich es nicht ertragen hätte, wenn er sich anschließend nicht mehr gemeldet hätte. Aber er tat es. Zwei Tage später – genau wie Helens Platten-Typ. Doch während Helen zuhörte, wie er eine sehnsüchtige Nachricht nach der anderen auf den Anrufbeantworter hinterließ, sagte ich für das zweite Date zu. Zumindest im übertragenen Sinne.

Falls ich damals irgendwelche Zweifel gehabt hatte, gelang es mir, sie zu unterdrücken und mir einzureden, es sei doch alles nur ein harmloser Spaß. Nichts als alberne Geschichten, um Graces Sehnsucht nach Romantik zu stillen. Und wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auch ich meinen Spaß daran hatte. Ich meine, natürlich wusste ich, dass es lächerlich war. Meine rationale, bodenständige Seite wusste, dass meine Dates nicht mehr Realitätsbezug als Schneewittchen und die sieben Zwerge oder Aschenputtel hatten, aber genau das macht ein Märchen doch aus – es ist hübsch und nett, es gibt ein Happy End, und auch wenn einem klar ist, dass das Leben nicht so läuft, macht es trotzdem Spaß, alle seine Vorbehalte über Bord zu werfen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Und wenn es nur für eine kurze Weile ist.

Grace hätte nicht aufgeregter sein können. Sie hätte ein gutes Gefühl bei dieser Sache, behauptete sie ständig. So gut, dass sie es kaum erwarten konnte, dass ich sie beim nächsten Besuch auf den neuesten Stand brachte. Meine Liebesgeschichte hielte sie bei der Stange, meinte sie.

Bei der Stange halten. Wie sollte ich ihr da sagen, dass alles nur erfunden war?

Bei jedem Besuch wappnete ich mich innerlich, war entschlossen, Grace die Wahrheit zu sagen, zuzugeben, dass ich mir alles nur ausgedacht hatte. Aber jedes Mal begannen ihre Augen zu leuchten, sobald ich ihr Zimmer betrat, und sie bettelte: »Und? Erzähl! Erzähl mir alles!« So verkniff ich mir mein Geständnis also einmal mehr, sagte mir, die Wahrheit könne ruhig noch ein wenig warten, zumal jetzt auch kein guter Zeitpunkt sei, und außerdem sei die Wahrheit nicht wichtig, solange ich Grace mit meinen Geschichten glücklich machen könnte.

Als ich ihr erzählte, dass wir gemeinsam in Urlaub fahren würden (in Wahrheit nahm ich an einem einwöchigen Seminar mit dem Titel »Wie werten Sie Ihr Aufgabengebiet auf und bekommen so die Beförderung, die Sie verdienen«), sah Grace mich mit strahlenden Augen an. »Du weißt, was er im Schilde führt, oder?«, meinte sie, worauf ich die Stirn runzelte und verneinte. Sie lächelte. »Er wird dich fragen, ob du ihn heiraten willst.«

Natürlich blieb mir die Spucke weg. Und natürlich merkte ich in diesem Augenblick, dass die Dinge gerade ein wenig außer Kontrolle gerieten. Bei der Vorstellung, zu heiraten, und selbst wenn es nur im Märchenland war, brach mir der kalte Schweiß aus. Aber ich hatte Grace noch nie so begeistert gesehen. Sie bebte regelrecht in freudiger Erregung.

Also verdrehte ich die Augen. »Oh, das bezweifle ich.«

»Ich nicht«, erklärte Grace versonnen, ehe sie sich seufzend eine Träne aus dem Augenwinkel wischte und meine Hand nahm. »Jess, ich möchte, dass du mir etwas versprichst.«

»Ja?«, fragte ich argwöhnisch. »Was denn?«

»Bitte versprich mir, dass du es auch annehmen wirst, wenn dir jemand alles vor die Füße legt, was er zu geben hat.«

»Was?« Ich hob die Brauen. »Was meinst du damit? Ich will gar nicht alles, was Anthony zu geben hat.«

Grace lächelte traurig. »Jess, ich weiß, dass du sehr stark und unabhängig bist. Aber weise niemanden ab, der dir helfen will, nur weil du glaubst, du brauchst es nicht. Wir alle brauchen Hilfe, wir alle brauchen Liebe, wir alle … Versprich es mir einfach, ja?«

Wieder legte ich die Stirn in Falten. »Okay, geht klar.«

»Nein«, sagte Grace kopfschüttelnd. »Ich meine es ernst, Jess. Ich will, dass du es mir versprichst.«

Ich sah sie unsicher an. »Versprechen?«

»Versprechen.« Grace nickte. »Versprich mir, dass du nicht davonläufst. Dass du nicht sofort Nein sagst.«

»Wozu Nein sagen?«, fragte ich verblüfft. »Ich verstehe nicht ganz, was du mich hier versprechen lässt.«

»Das wirst du schon noch«, erklärte Grace mit dem Anflug eines Lächelns, »das wirst du schon.«

»Gut«, erwiderte ich in der Annahme, es sei nicht weiter wichtig, denn was ich versprach, bezog sich in Wirklichkeit auf etwas, was ohnehin nicht existierte. »Dann verspreche ich es.«

»Wunderbar«, meinte Grace. »Und jetzt warten wir ab, was im Urlaub passieren wird.«

Er machte mir natürlich einen Antrag. Klar. Grace war so begeistert, dass sie sich in der fraglichen Woche sogar das Handy einer Schwester ausborgte und mir eine SMS schickte, um herauszufinden »wie es so läuft«. Wenn ich ohne einen Heiratsantrag zurückgekommen wäre, hätte es ihr das Herz gebrochen. Und der Sprung vom imaginären Freund zum imaginären Verlobten war nicht allzu groß. Er machte mir also einen Heiratsantrag am Strand. Ein fürchterliches Klischee, ich weiß, aber mir fiel nichts Besseres ein. Er hatte den Ring bereits gekauft – einen perfekten viereckigen Bril lanten, wunderschön und ganz zart (ich kaufte selbstredend Modeschmuck. Es war ziemlich deprimierend, sich seinen eigenen Verlobungsring zu kaufen, aber ich erstand ihn im Internet, sodass ich mir keine allzu großen Gedanken darüber zu machen brauchte, welche Blicke ich von einem echten Verkäufer ernten würde. Und Grace fand, es sei der schönste Ring, den sie je gesehen hätte.)

Der Mond stand voll und rund am Himmel, und nach einem köstlichen Essen, gefolgt von einem Strandspaziergang, hielt er um meine Hand an. Er könnte immer noch nicht glauben, was für ein Glück er gehabt hatte, mir begegnet zu sein, sagte er.

Nein, nein, ich sei der Glückspilz von uns beiden, beteuerte ich natürlich, und dann kniete Anthony sich vor mich und fragte mich, ob ich seine Frau werden wollte. Und ich konnte nur nicken, weil ich keinen Ton herausbrachte.

In Wahrheit hatte ich die Geschichte aus einem billigen Schundblatt abgekupfert, das mir beim Zahnarzt in die Hände gefallen war. Irgendwann fragte ich mich zwar, ob ich nicht ein bisschen zu weit ging und Grace diesen abgedroschenen Unsinn tatsächlich glaubte – aber sie tat es. Ihr kamen sogar die Tränen. Ich sei nicht der einzige Mensch auf der Welt, der kaum glücklicher sein könne, meinte sie. Seit sie mich kenne, hätte sie auf diesen Moment gehofft und dafür gebetet. Ich verdiene genau das und noch viel mehr, und sie wünsche mir – und ihm – so viel Glück, wie sie in ihrem Leben gehabt hätte. Und, ja, ich hatte ein mulmiges Gefühl dabei. Ja, mein Magen verkrampfte sich ein bisschen. Aber ich sagte mir, dass ich das Richtige tat, selbst wenn es sich weiß Gott nicht so anfühlte.

Am Ende brannten wir einfach durch. Das schien mir die einfachste Lösung. Grace war natürlich entsetzt – sie hatte zur Hochzeit kommen wollen –, änderte aber ihre Mei nung, als ich ihr erzählte, es sei Anthonys Idee gewesen, keine große Hochzeit zu feiern und das Geld stattdessen zu spenden, und dass unsere kleine Zeremonie auf dem Standesamt genau das gewesen sei, was wir uns gewünscht hätten – intim, privat und bescheiden.

In der Woche darauf ging ich wieder ins Internet und kaufte mir einen Trauring (Silber, fünfundzwanzig Pfund), und immer, wenn ich Grace besuchen ging, steckte ich ihn und meinen Verlobungsring an und erfand irgendwelche Geschichten über meine Ehe mit dem Traumprinzen.

Und jetzt war sie fort. Wie alles andere auch.

Kapitel 3

Ich erfuhr von Graces Anwalt, dass sie gestorben war. Er tauchte eines Sonntags unangemeldet auf, um mir die Nachricht zu überbringen. Es war genau an diesem einen Sonntag passiert, als ich sie wegen einer Deadline in der Agentur nicht hatte besuchen können. Er erzählte mir, sie sei morgens gestorben, was bedeutete, dass ich ohnehin zu spät gekommen wäre. Trotzdem war es hart.

Ich kam an diesem Abend um sechs nach Hause und fand Helen im Wohnzimmer vor dem Fernseher, wo sie sich eine Folge Deal or No Deal ansah. Als ich den Kopf zur Tür hereinsteckte, hob sie eine Hand, um mir zu signalisieren, ich solle den Mund halten. »No deal«, schrie sie den Fernseher an. »No deal

Helen und ich hatten uns als Erstsemester im Studentenwohnheim kennengelernt, wo wir Tür an Tür gewohnt hatten. Vorher hatte ich noch nie eine beste Freundin gehabt – ich redete mir immer ein, dass ich keine Zeit gehabt hätte. Aber in Wahrheit hatte Oma meine Chancen auf Mädchenfreundschaften im Keim erstickt, indem sie mich nie hatte fernsehen lassen, mich in extrem uncoole Klamotten gesteckt und für acht Uhr abends strikten Zapfenstreich angeordnet hatte, sodass ich für jedes Mädchen, das versuchsweise Anstalten machte, sich mit mir anzufreunden, oberpeinlich war. Oma erklärte mir ständig, dass es ein großer Fehler gewesen sei, meiner Mutter allzu viele Freiheiten einzuräumen. Das habe nämlich dazu geführt, dass sie nur Kleider, Schminke, Jungs und Fernsehen im Kopf gehabt hätte. Bei mir würde ihr das aber nicht noch einmal passieren, schwor sie.

Als ich auf die Uni kam, betrachtete ich diese Erziehungsmethode sogar kurzfristig als Vorteil: Sie bedeutete, dass ich mehr Zeit zum Lernen hatte und mehr Einsen schreiben konnte.

Aber Helen war nicht wie andere Menschen, stellte ich bald fest. Sie war auch nicht wie ich. Ehrlich gesagt, war sie in nahezu jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von mir – sie war schön, reich, impulsiv und gesellig –, aber aus irgendeinem Grund lehnte sie mich nicht von vornherein ab oder freundete sich nur mit mir an, um mich ein paar Wochen später abzuservieren. Stattdessen kam sie regelmäßig in mein Zimmer gestürmt, um mir von ihrer jüngsten Eroberung oder einem Essay zu erzählen, der (wie immer) längst überfällig war. Sie fand es witzig, wenn ich die Augen verdrehte und meinte, ich hätte von den Bands, von denen sie schwärmte, noch nie gehört. Sie organisierte ein Friends-DVD-Wochenende, obwohl ich meinte, ich hätte noch nie eine Folge gesehen, und sie schien sich auch nicht daran zu stören, wenn ich Partys früh verließ, weil ich lernen wollte. Wir waren ein ziemlich seltsames Gespann, aber obwohl ich alles daransetzte, ihr zu zeigen, was für eine unpassende Freundin ich war, standen wir uns nach all den Jahren doch immer noch sehr nahe. Und nicht nur das – wir teilten uns sogar eine Wohnung. Helen arbeitete als Researcherin beim Fernsehen, was bedeutete, dass sie über mehrere Wochen intensiv bei der Planung einer bestimmten Sendung beschäftigt wurde, ehe sie eine mehrwöchige »Ruhephase« hatte, bis das nächste Projekt anlief. Neuerdings schien ihre »Ruhephase« länger zu dauern als sonst, was bedeutete, dass ihre einzigen Einnahmen aus meiner Miete bestanden (die Wohnung war ein »Geschenk« ihres Vaters), was ihre Lebenshaltungskosten allerdings nicht einmal annähernd deckte. Aber während ich mir Sorgen machte, schien sie dieser Zustand nicht weiter zu kümmern. Helen hielt es vielmehr für ihre Pflicht, so viel fernzusehen, wie sie konnte, damit sie auf dem Laufenden war, wenn der nächste Auftrag kam.

»Deal«, sagte der Kandidat, worauf Helen entsetzt die Arme hochriss. »Idiot!«, schrie sie und sprang auf. »Ich ertrage es nicht«, sagte sie dann kopfschüttelnd in meine Richtung. »Ich kann mir diese Leute nicht anschauen. Und was läuft bei dir?«

Ich bekam nicht einmal die Gelegenheit, ihr zu antworten, da es in diesem Moment an der Tür läutete.

»Jessica Milton?«, fragte eine Männerstimme durch die Gegensprechanlage. Ich zuckte zusammen.

»Äh, wer ist da?«, fragte ich zögerlich. Normalerweise bekam ich nicht oft Besuch. Zumindest nicht von Männern. Und nicht sonntagabends. Und schon gar nicht von Männern, die mich mit »Milton« ansprachen.

»Mein Name ist Taylor. Ich bin Grace Hamptons Anwalt. Ich habe schlechte Nachrichten, fürchte ich, und würde Sie gern sprechen.«

»Grace Hampton?«, wiederholte ich neugierig, während mir die Röte ins Gesicht schoss. Sie hatte das mit Anthony herausgefunden! Sie hatte herausgefunden, dass nichts davon stimmte, schoss es mir durch den Kopf. Doch dann rief ich mich zur Ordnung. Bestimmt würde sie mir keinen Anwalt auf den Hals hetzen, selbst wenn sie mir auf die Schliche gekommen wäre. »Äh, kommen Sie herauf.«

Als er durch die Tür trat, lief gerade der Abspann von Deal or No Deal. Helen verließ das Wohnzimmer und meinte, sie koche Chili zum Abendessen. Mit einem dankbaren Lächeln winkte ich Mr Taylor herein.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich eilig, »bitte, setzen Sie sich doch.«

Mr Taylor sah mich traurig an. »Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Mrs Hampton … verstorben ist.«

Ich brauchte fast eine Minute, um die Nachricht zu verdauen. »Verstorben«, stieß ich schließlich mit weit aufgerissenen Augen hervor.

»Heute am frühen Morgen. Im Schlaf. Es tut mir sehr leid.«

Ich starrte ihn mit offenem Mund an, doch dann wurde ich stocksteif. »Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor«, sagte ich schnell. »Grace geht es gut. Ich habe sie doch erst letzte Woche besucht.«

Er sah mich mitfühlend an. »Tut mir leid«, sagte er noch einmal.

»Leid?« Meine Kehle wurde eng. »Das sollte es auch. Weil das hier nicht passiert.« Ich wandte mich ab wie ein trotziger Teenager. Ständig starben Menschen um mich herum – meine Mutter, meine Großmutter, mein Großvater (obwohl ich ihn nicht gekannt hatte, war ich doch auf seinem Begräbnis gewesen, deshalb zählte ich ihn mit), und ich würde nicht zulassen, dass auch Grace mich jetzt verließ. Ausgeschlossen.

Er nickte traurig. »Ich fürchte, doch. Soweit ich weiß, ging es mit ihrer Gesundheit sehr schnell und drastisch bergab.«

»Drastisch bergab?« Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

»Sie ist tot, und Sie reden von drastisch bergab?« Ich bereute das Wort tot, sowie es über meine Lippen kam, als würde es erst dadurch real. Ich spürte, wie Tränen in meinen Augen brannten. Tränen der Empörung, der Wut, der Trauer. Und Tränen des schlechten Gewissens. Weil ich bei Omas Tod nicht dasselbe empfunden hatte. Damals hatte ich die Nachricht ihres Todes mit einem Gefühl der Resignation aufgenommen, hatte mit leiser, getragener Stimme gesprochen, weil man das in solchen Situationen eben so macht. Aber ich hatte nicht das Gefühl gehabt, als breche meine Welt zusammen, hatte nicht die Zeit zurückdrehen wollen, um alles ungeschehen zu machen.

»Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?«, erkundigte sich Mr Taylor.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich will kein Wasser. Ich will Grace.« Ich lief ans Telefon und rief in Sunnymead an. »Ja. Grace Hampton, bitte. Ich möchte Grace Hampton sprechen.«

»Grace Hampton?« Die Stimme am Telefon klang leicht unsicher, als wappnete sich die Frau, mir die schlimme Nachricht zu überbringen.

»Ja, Grace Hampton«, wiederholte ich ungeduldig. »Ich möchte sie bitte sprechen.«

Es entstand eine Pause. »Ich … ich fürchte, ich muss Ihnen sagen, dass Grace …«

Ich legte auf, bevor die Frau zu Ende sprechen, wiederholen konnte, was Mr Taylor bereits gesagt hatte.

Grace war tot.

Ich würde sie nie wieder sehen. Nie wieder.

Ich schlurfte zu meinem Sessel zurück, setzte mich und zog die Beine an.

»Soweit ich weiß, standen Sie beide sich sehr nahe. Ich bedaure außerordentlich, der Überbringer so schlechter Nachrichten zu sein«, sagte Mr Taylor.

»Ja, wir standen uns sehr nahe«, bestätigte ich. Mit einem Mal war ich wütend. Wütend auf diesen Mann, der an einem Sonntagabend einfach in meine Wohnung platzte, um mir zu sagen, dass es keine weiteren Plauderstündchen bei Tee und Keksen mit Grace, keine Besuche in Sunnymead mehr geben würde. Und keine Fantasieliebesgeschichte. Von jetzt an war ich ganz allein.

»Sehr nahe.« Wieder spürte ich Tränen in mir aufsteigen und wischte sie abwesend ab. »Ich hätte da sein sollen«, hörte ich mich sagen, während meine Wut einem Gefühl tiefer Traurigkeit und unendlicher Leere wich. »Ich hätte es wissen müssen.«

»Es tut mir sehr leid.« Der Anwalt schien nicht zu wissen, was er sonst sagen sollte. Erst jetzt fiel mir auf, wie schlecht ich mich eigentlich benahm. Er konnte doch nichts dafür. Nichts von all dem war seine Schuld.

»Nein, mir tut es leid«, brachte ich mühsam hervor. »Es ist nur … na ja, ein ziemlicher Schock.«

»Allerdings.« Mr Taylor nickte wissend.

Ein Bild schob sich vor mein geistiges Auge: Grace, wie sie im Bett lag, so wie Oma, als sie gestorben war, die Haut hell und durchscheinend, während ihre Seele sich verflüchtigte. Ich sah vor mir, wie sie hinausgebracht und wie ihre Sachen gepackt wurden, wie jemand anderes ihren Platz einnahm, als hätte sie nie existiert. Ich zwang mich, das Bild beiseitezuschieben.

»Wissen Sie … Wissen Sie schon, wann die Beerdigung stattfindet?«, fragte ich. »Brauchen Sie Hilfe? Ich meine, ich kenne ihre Lieblingsblumen, wenn Ihnen das hilft. Und sie hat I Vow to Thee My Country geliebt. Nur falls Sie sich fragen, welches Lied Sie …« Meine Stimme versagte.

»Danke, Mrs Milton. Ich meine, Jessica. Das ist sehr nett von Ihnen. Mrs Hampton hatte in der Tat sehr … spezielle Vorstellungen im Hinblick auf ihr Begräbnis. Sie hat alles schriftlich festgehalten. Da gibt es nicht viel Spielraum.«

Die Vorstellung, dass Grace ihre Wünsche wie eine Einkaufsliste zu Papier gebracht hatte, entlockte mir ein gequäl tes Lächeln. Sie hatte eine wunderbare Art gehabt, Menschen dazu zu bringen, dass sie genau das taten, was sie wollte, ohne den Eindruck zu hinterlassen, als hätte sie ihnen ihren Willen aufgezwungen – die Schwestern gaben ihr nicht nur einfache Teebeutel, sondern English Breakfast von Twinings, und ich brachte ihr keine gewöhnlichen Äpfel mit, sondern English Coxes, und auch nur während der Saison.

»Okay«, sagte ich und nickte verlegen, weil ich nicht recht wusste, was ich sagen oder tun sollte. Ich wollte nur noch allein sein. Wollte wütend sein und trauern, ohne dass mir jemand dabei zusah. »Tja, danke, dass Sie gekommen sind und es mir gesagt haben. Und Sie lassen mich wissen, wo und wann, ja? Und wenn Sie Hilfe brauchen …«

Ich wartete darauf, dass er aufstand, doch stattdessen erschien ein seltsames Lächeln auf seinem Gesicht.

»Na ja, es gibt tatsächlich etwas.« Er räusperte sich. »Da ist noch Mrs Hamptons letzter Wille.«

»Letzter Wille? Oh. Ja.« Mit einem stummen Seufzer setzte ich mich wieder hin. Mit Testamenten kannte ich mich aus. Omas Testament war zwei Tage nach ihrem Tod verlesen worden.

»Mrs Milton«, sagte Mr Taylor mit ernster Miene, zog einen Hefter heraus und reichte ihn mir. »Sie sind die Hauptbegünstigte von Graces Testament und kommen in den Genuss ihrer Hinterlassenschaft. Ich kann Ihnen jetzt gleich die Details erklären, wenn Sie wollen, oder Sie kommen irgendwann nächste Woche zu mir, dann kümmern wir uns um den ganzen Papierkram.«

Ich legte den Hefter beiseite. »Okay. Ich meine, ich sehe mir das hier später an, wenn das möglich ist. Wenn ich … besser … Sie wissen schon.«

»Sie sind also nicht am Inhalt der Hinterlassenschaft interessiert?«

Ich sah auf. »Inhalt. Doch, natürlich. Sie meinen ihre persönlichen Habseligkeiten.« Ich schniefte und versuchte, mich zu konzentrieren. Sie hatte nicht viel in ihrem Zimmer gehabt – ein paar Fotos, eine Handvoll Bücher. Trotzdem wäre es nett, etwas als Erinnerung an sie zu haben.

»Ah. Ja, die wohl auch«, erwiderte Mr Taylor vage. »Aber das Haus bildet den Hauptteil.«

»Das Haus?«, wiederholte ich und starrte ihn ausdruckslos an.

Mr Taylor lächelte mich an, als wäre ich ein Kleinkind.

»Das Haus befindet sich seit Generationen im Besitz ihrer Familie. Ich weiß, wie wichtig ihr war, dass Sie es bekommen.« Er reichte mir die Fotografie eines leicht zerbröckelten Steinhauses. Ich sage Haus, dabei war es ein riesiges Anwesen inmitten eines gewaltigen Grundstücks. Und mit einem Mal wusste ich, was ich da vor mir hatte. Ich sah Grace als kleines Mädchen, wie sie mit ihren Brüdern durch die Gänge und hinaus in den Garten lief.

»Sudbury Grange?«, japste ich. »Sie hat mir Sudbury Grange hinterlassen?«

»Dann kennen Sie das Haus also? Oh, das ist gut.« Der Anwalt nickte. »Zusätzlich zum Haus gibt es einige nicht unbeträchtliche Anlagen, dazu Gemälde, Schmuck und so weiter. Bestimmt machen Sie sich Sorgen wegen der Erbschaftssteuer, aber ich darf Ihnen versichern, dass Grace auch in dieser Hinsicht vorgesorgt hat. Sie hat einen Treuhandfonds in Höhe von einer Million Pfund eingerichtet, der zu Deckung der Steuerschulden ausreichen sollte.«

Meine Augen weiteten sich, und ich lächelte. »Oh, das war ein Scherz. Einen Moment lang dachte ich wirklich, Sie meinen es ernst. Eine Million Pfund für die Steuern. Das ist gut. Wirklich sehr gut.«

Mr Taylor lächelte nicht, sondern räusperte sich verlegen.

»Dank einiger Anlagen konnte die Steuerlast gemindert werden«, erklärte er. »Ohne sie wäre die Summe noch höher, fürchte ich.«

»Noch höher?«, wiederholte ich stumpf. Ich spürte, wie meine Haut zu prickeln begann und mir plötzlich warm wurde.

»Grace hatte eine sehr hohe Meinung von Ihnen«, sagte der Anwalt, noch immer wohlwollend lächelnd, als hätte er ein Kleinkind vor sich sitzen. »Da sie selbst … keine eigene Familie hatte, waren Sie so etwas wie eine Angehörige für sie.«

»Das war sie für mich auch«, sagte ich, »trotzdem muss hier ein Missverständnis vorliegen. Sie würde mir niemals das Haus hinterlassen. Nie.«

»Oh, aber sie hat es getan.« Wieder lächelte Mr Taylor.

»Sie wissen ja selbst, wie Grace Hampton war, oder?«

Ich musterte ihn ungeduldig. »Natürlich weiß ich, wie sie war. Ich habe sie seit fast zwei Jahren regelmäßig besucht.« Er sah erleichtert aus. »Also, dann zum Anwesen«, fuhr er ernst fort, zog ein paar Unterlagen aus seinem Aktenkoffer und reichte mir ein Foto. »Es gibt da ein Ehepaar, das sich im Moment darum kümmert und in einem der Nebengebäude wohnt. Soweit ich informiert bin, würden sie auch weiterhin gern dort beschäftigt bleiben, wenn es Ihnen recht ist. Außerdem gibt es mehrere Gärtner, einen Koch und zwei Putz frauen, die auf Abruf zur Verfügung stehen.«

Ich starrte das Foto an. Es war sogar noch eindrucksvoller als nach Graces Beschreibungen – Efeu, der sich an den Mauern emporrankte, ein riesiges Grundstück mit lauschigen Gärten, Nebengebäuden und Verstecken, in denen einen keine Menschenseele jemals finden würde. Als ich bei meiner Großmutter in ihrem kleinen Reihenhaus in Ipswich gewohnt hatte, hatte ich mir immer ausgemalt, dass mei ne Mutter gar nicht gestorben sei, sondern irgendwo anders lebte – in einem zerfallenen Haus wie diesem hier (nur eben wesentlich kleiner), und dass sie eines Tages vorbeikommen würde, um mich abzuholen. Nicht, dass sie das je getan hätte. Und ich wusste auch, dass es nur ein Traum war. Aber dieses Haus auf dem Foto war absolut real. Und jetzt gehörte es tatsächlich mir?

»Es ist … sehr groß«, sagte ich zögerlich.

»Ja, das ist es allerdings«, bestätigte Mr Taylor nickend.

»Ich habe alle Informationen hier, ebenso wie die Details über die Einrichtung. Es bleibt alles mit Lady Hamptons persönlichen Sachen im Haus, sodass Sie es sich in Ruhe durchsehen können.«

»Lady … Lady Hampton?«, wiederholte ich krächzend.

»Wussten Sie das nicht?«

Ich schüttelte den Kopf. Vielleicht hatte ich sie ja doch nicht so gut gekannt, wie ich immer dachte.

»Dann hatten Sie auch keine Ahnung, dass sich die Gesamtsumme ihres Erbes auf rund vier Millionen Pfund beläuft?«

»Vier Millionen?« Mit einem Mal begann sich die Welt, um mich zu drehen, sodass ich Mühe hatte, noch klar zu sehen.

Mr Taylor wollte seinen Aktenkoffer öffnen, doch ich hob die Hand. »Tut mir leid«, sagte ich mit einer Stimme, die mehrere Oktaven höher war als sonst. »Könnten wir noch mal kurz … ich dachte, Sie reden davon, dass Grace mir ein paar Bücher vermacht hat oder so. Ich wusste nicht … ich meine, ein Anwesen? Ich … Und sie war eine Lady? Das hat sie mir nie erzählt. Aber ich will ihr Geld doch gar nicht. Das ist nicht … Ich meine …«

»Grace lag es sehr am Herzen, dass jemand das Anwesen bekommt, dem sie vertraut«, erklärte der Anwalt sanft. »Je mand, der sich liebevoll darum kümmert, der vielleicht eine Familie dort gründet. Jemand, dem sie ihre Besitztümer anvertrauen kann«, erklärte er. »Grace war eine … Frau, die ein sehr zurückgezogenes Leben geführt hat. Als Sie sie kennenlernte, wurde ihr eine große Last von den Schultern genommen, weil sie wusste, dass Sie eine gute und vertrauenswürdige Erbin sein würden. Grace wusste, dass sie ihr Anwesen schützen würde, indem sie es Ihnen vermachte. Ich weiß, dass sie diese Gewissheit sehr glücklich gemacht hat. Sehr glücklich sogar.«

»Aber … aber …«, stammelte ich. »Gibt es denn sonst niemanden? Familie? Jemanden außer mir?«

Der Anwalt nickte. »Lady Hampton hatte tatsächlich einen Sohn. Hat einen Sohn. Aber sie stehen einander nicht sonderlich nahe. Sie … hat ihn vor vielen Jahren enterbt. Er ist mit achtzehn von zu Hause weggegangen.«

Ich riss die Augen auf. »Sie hatte einen Sohn? Sie hat nie einen Sohn erwähnt.«

»Sie hat es nicht so gesehen, dass sie noch einen Sohn hatte.« Mr Taylor runzelte kaum merklich die Stirn. »Sie … Vater und Sohn hatten Streit, soweit ich weiß. Nachdem er mit achtzehn weggegangen war, hatten sie, meines Wissens nach, keinerlei Kontakt mehr.«

»Aber will er das Geld denn nicht? Das Haus?«

Mr Taylor schüttelte den Kopf. »Soweit ich informiert bin, ist er ins Ausland gegangen. Ich versichere Ihnen, dass er keinerlei Ansprüche an dem Testament geltend machen wird.« Er richtete den Blick auf einen Punkt ein Stück rechts von mir, als könne er sich nicht überwinden, mir in die Augen zu sehen.

»Aha.« Ich nickte. Mir schwirrte der Kopf. Grace hatte nie einen Sohn erwähnt. Andererseits hatte sie auch die vier Millionen Pfund nie erwähnt. Oder das Anwesen.

 

»Mrs Milton, Sie werden bald eine sehr reiche Frau sein«, erklärte der Anwalt. »Und mit dem Reichtum kommt auch eine gewisse Verantwortung auf Sie zu. Es ist ziemlich viel auf einmal, deshalb schlage ich vor, Sie besprechen das Ganze vielleicht mit Ihrem Ehemann und denken in Ruhe darüber nach, was Sie tun möchten.«

»Tun?«, krächzte ich. Ich hatte Mühe, die Flut an Informationen zu verarbeiten, die auf mich einprasselte. Ich würde reich sein. Und zwar richtig reich. Was bedeutete: keine Schulden mehr. Kein ängstliches Schielen auf den Kontostand, der sich zum Monatsende gefährlich dem Überziehungslimit näherte. Ich hatte nie damit gerechnet, reich zu werden. Hatte nie darauf gehofft. Und ich konnte nicht glauben, dass Grace mir allen Ernstes alles hinterlassen wollte.

»Ob Sie in das Anwesen ziehen möchten, oder … es veräußern.«

»Verkaufen?«, fragte ich ungläubig. Der Anwalt zuckte mit den Achseln.

»Das Anwesen verkaufen, das Grace mir explizit vererbt hat, damit ich mich darum kümmere?«

Mr Taylor lächelte. »Ich bin froh, dass Sie das so sehen«, sagte er. »Grace hat sich immer gerühmt, eine gute Menschenkenntnis zu besitzen. Trotzdem werde ich diese Unterlagen bei Ihnen lassen, wenn ich darf, und vielleicht kommen Sie ja zu mir ins Büro, damit wir die Übereignung besprechen können … sagen wir, nächste Woche?«

Ich nickte, während sich meine Gedanken weiter überschlugen.

»Wieso war sie in Sunnymead?«, fragte ich. »Ich meine, sie war reich. Hätte sie sich nicht von einem Ärztestab und einer Armee Schwestern in ihrem Anwesen pflegen lassen können?«

Der Anwalt sah mich einen Moment nachdenklich an.

»Sie war einsam«, sagte er dann. »Grace hatte immer gern andere Leute um sich. Und nach dem Tod ihres Mannes wollte sie nicht länger in Sudbury Grange bleiben. Das Haus sei so leer und gleichzeitig so voller Erinnerungen, hat sie immer gesagt.«

»Und sie hat mir wirklich ernsthaft alles hinterlassen?«

»Sie sagte, Sie seien die Tochter, die sie nie gehabt hätte. Oder die Enkelin, die sie sich immer gewünscht hat. Ich weiß, dass es ihr sehr wichtig war, dass gerade Sie das Haus erben. Sonst wäre es an den Staat gegangen und von irgendwelchen Immobilienhaien kaputt gemacht worden, die es zu einem potthässlichen Konferenzzentrum umbauen würden.«

Er lächelte erneut, diesmal ein wenig verschlagen, und ich musste ebenfalls grinsen. Genau das war einer der typischen Grace-Sprüche.

»Wie gesagt«, fuhr Mr Taylor fort, »bestimmt kommen Sie gern bei mir im Büro vorbei, damit wir den Papierkram erledigen können. Dann besprechen wir auch die Details zum Anwesen und die finanziellen Arrangements.«

»Papierkram«, wiederholte ich vage.

»Nichts Großartiges. Nur ein Identitätsnachweis, Unterschriften, solche Dinge.« Er lächelte. »Es gibt eine seltsame, aber sehr wichtige Klausel in dem Testament, die besagt, dass das Erbe innerhalb von fünfzig Tagen angetreten werden muss, sonst verfällt es.«

Ich runzelte die Stirn. »Verfallen?«

Mr Taylor nickte. »Das ist eine Besonderheit der Hamptons – alle Testamente der Familie enthalten diese Klausel. Sie wurde eingeführt, um Familienquerelen zu vermeiden. Wenn jemand ein Testament nach Ablauf dieser Frist anficht, geht das gesamte Erbe verloren. Ist übrigens eine sehr wirksame Vorgehensweise.«

»Fünfzig Tage.« Wieder nickte ich, und meine Stimme drohte zu versagen. »Das klingt … okay.«

»Das ist alles ziemlich viel auf einmal, nicht?«, sagte Mr Taylor freundlich, worauf ich nickte und ihn anlächelte, damit er mich nicht für unhöflich hielt.

»Ich kann es immer noch nicht glauben«, hörte ich mich sagen. Es war, als stünde ich neben mir und beobachtete mich.

»Tja, das sollten Sie aber, Mrs Milton, denn Sie werden bald eine schwerreiche Frau sein.«

Mr Taylor stand auf und reichte mir die Hand. »Ich freue mich, von Ihnen zu hören. Danke für Ihre Zeit. Ich werde mich schon bald wegen des Begräbnisses melden. Es findet in London statt. In Kensington. Irgendwann nächste Woche. Vielleicht möchten Sie ja gern Ihren Ehemann mitbringen?«

»Meinen Ehemann?« Ich sah ihn irritiert an, doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. »O ja, meinen Mann, natürlich. Tja, ja. Ich meine, wenn er Zeit hat. Er ist immer sehr, sehr beschäftigt, wissen Sie.«

Mr Taylor nickte. Ich schüttelte ihm die Hand – unter Aufbietung all meiner Willenskraft, ruhig zu bleiben und nicht aufzuspringen und vor Freude laut zu schreien, sondern so zu tun, als sei eine Erbschaft von vier Millionen Pfund ein Klacks. Innerlich jedoch schrie ich aber begeistert, brüllte, tobte und tanzte. Ich würde reich sein. Reicher, als ich es mir in meinen wildesten Träumen ausgemalt hatte. Ich konnte nicht fassen, dass Grace nie ein Wort hatte verlauten lassen, mir nie einen Hinweis gegeben hatte.

Und dann kam mir auf einmal ein Gedanke. Einer, bei dem sich mir ziemlich abrupt der Magen umdrehte.

»Äh, gut, das Testament«, sagte ich, um einen beiläufigen Tonfall bemüht. »Grace hat alles Jessica Milton hinterlassen, richtig? Ich meine, mir. Auf meinen Ehenamen.«

»In den Papieren ist eine Mrs Jessica Milton angegeben, ja.«

Ich nickte und schaffte es irgendwie, ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern, als mich das dringende Bedürfnis überfiel, mich hinzusetzen. »Es ist nur …« Ich hielt inne. Meine Gedanken überschlugen sich. »Na ja, in Wahrheit habe ich meinen Namen gar nicht geändert. Ich bin immer noch Jessica Wild. Zumindest offiziell. Ist das … ist das okay?«

»Das ist völlig in Ordnung«, antwortete Mr Taylor, und ich spürte, wie mich ein Gefühl der Erleichterung durchströmte. »Ich brauche nur ein Ausweispapier, aus dem Ihr Geburtsname hervorgeht, sprich einen Pass oder eine Geburtsurkunde. Dann mache ich mir noch eine Kopie der Heiratsurkunde, damit ich die Papiere ändern kann.«

»Heiratsurkunde?«

»Genau. Irgendwann nächste Woche reicht aus, Mrs Milton. Rufen Sie einfach mein Büro an, meine Sekretärin gibt Ihnen einen Termin. Und entschuldigen Sie bitte nochmals, wenn ich Sie und Ihre …« Er sah vage in Richtung Küche.

»… Köchin gestört habe«, fügte er hinzu, und ich ertappte mich dabei, dass ich nickte. »Ich bedauere es wirklich sehr, Sie an einem Sonntagabend zu belästigen. Bitte grüßen Sie Ihren Mann von mir, der natürlich jederzeit an der Besprechung in meinem Büro teilnehmen kann. Nochmals danke. Ich finde schon hinaus. Oh, und könnten Sie mir vielleicht Ihre Nummer geben oder …«

Ich starrte ihn ausdruckslos an. »Ja. Sie lautet null-zwei-null-sieben-sechs-null …« Ich runzelte die Stirn. Null-zwei-null-sieben-sechs-null-drei. Nein, vier … sieben-sechs-null-vier …« Ich lächelte schwach. So weit war es also schon mit mir gekommen. Ich konnte mich nicht einmal mehr an meine eigene Telefonnummer erinnern. Leicht schwitzend zog ich eine Visitenkarte aus meiner Handtasche. »Bitte«, sagte ich, »meine Nummer steht hier drauf.«

»Danke.« Er nahm die Karte und verabschiedete sich. Zwei Sekunden später stand Helen in der Tür.

»Und?«, fragte sie. »Was wollte dieser Typ? Und wieso hat er gerade zu mir gesagt, dass er sich auch jemanden wie mich zu Hause wünschen würde?«

Ich lächelte nervös, unsicher, ob ich einen Ton herausbringen würde. Doch dann riss ich mich zusammen.

»Nichts«, sagte ich schließlich. »Er ist nur … er ist nur gekommen, um mir zu sagen, dass Grace gestorben ist.«

»Grace? Oh, du Ärmste. Oh, Jess, das tut mir so leid.« Helen eilte zu mir und nahm mich in die Arme. »Oh, das sind aber traurige Neuigkeiten.«

»Traurig?«, wiederholte ich vorsichtig, weil ich meiner Stimme immer noch nicht recht über den Weg traute.

»Traurig trifft es nicht einmal ansatzweise.«

Kapitel 4

PROJEKT: HOCHZEIT – Tag 1

To do
Panik schieben.

Mitten in der Nacht schreckte ich aus dem Schlaf hoch. Ich war kurz vor dem Ausflippen. Ich hatte von Grace geträumt – und zwar so realistisch, dass es sich eher wie eine Erinnerung anfühlte. Ich war in ihrem Zimmer, wo wir uns irgendeine Schnulze im Fernsehen ansahen. Grace wandte sich mir zu und sagte, ich solle mir die Haare genauso schneiden lassen wie das Mädchen in dem Film, ich glaube, es war Drew Barrymore. Und ich verdrehte die Augen, weil ich fand, dass ich wesentlich wichtigere Dinge zu tun hatte, als mir die Haare schneiden zu lassen, und dann drückte Grace mir eine Bürste in die Hand und bat mich, ihr das Haar zu bürsten. Das tat ich auch. Sie lächelte dabei und erzählte mir, ihr Mann hätte das früher immer getan. Es gehöre zu ihren schönsten Erinnerungen, wie sie sich mit dem Rücken an seine Brust lehnte, während er behutsam mit der Bürste über ihren Kopf strich. Sie hoffe, ich fände eines Tages auch jemanden, der mir das Haar bürste, sagte sie schließlich träumerisch. Keine Ahnung, wieso eine kleine Träne in meinem Auge brannte, was wirklich ganz und gar lächerlich war. Aber als ich sie abwischte, trat sofort eine weitere an ihre Stelle. Natürlich ermahnte ich mich, mit diesem Unsinn aufzuhören und mich nicht lächerlich zu machen. In der Realität, meinte ich. Als es tatsächlich passierte. Im Traum hatte ich jedoch keine Zeit, mir die Tränen abzuwischen oder mich zur Ordnung zu rufen, denn auf einmal ging die Tür auf, und Mr Taylor kam herein, zeigte mit dem Finger auf mich und sah Grace an. »Das ist sie. Sie ist diejenige, die Sie angelogen hat.« Ich sprang aus dem Bett, und Grace sah mich mit aufgerissenen Augen an, brach dann in Tränen aus, schüttelte den Kopf und flüsterte, ich hätte sie im Stich gelassen, ich sei eine riesige Enttäuschung. Und auf einmal war sie nicht mehr Grace, sondern meine Großmutter, und sie flüsterte auch nicht mehr, sondern schrie mich an, brüllte, dass ich nur Platz auf der Welt verschwände, dass sie wünschte, mir nie begegnet zu sein. Und dass es umso besser sei, wenn ich früher als später lernen würde, für mich selbst zu sorgen, weil sie es nämlich satthätte, sich um mich zu kümmern.

Das war der Augenblick, als ich aufwachte und feststellte, dass ich in meinem völlig durchgeschwitzten Bettzeug saß und die Wand anstierte. Ich nahm ein paar tiefe Atemzüge, holte mir ein Glas Wasser, legte mich wieder hin und dachte nach. Ich wollte nicht wieder einschlafen, wollte nicht in den Albtraum abtauchen, der garantiert bereits auf mich wartete. Genau mit diesem Gedanken dämmerte es mir – der Albtraum spielte sich nicht in meinem Kopf ab, sondern er war Realität. Und ich hatte ihn selbst heraufbeschworen. Vier Millionen Pfund waren mehr, als ich mir jemals zu besitzen erträumt hätte. Es war unglaublich, so verlockend. Aber ich konnte keine Ansprüche darauf erheben. Was immer ich auch tat, es wäre ein Fehler.

Ich sehnte mich danach, die Wahrheit zu sagen. Das wäre das Richtige – den Fehler zuzugeben, Mr Taylor zu beich ten, dass ich nicht diejenige war, für die Grace mich gehalten hatte. Aber was, wenn dies bedeuten würde, dass ich das Erbe dann nicht antreten konnte? Graces wunderschönes Haus würde dem Staat oder irgendwelchen Immobilienhaien in die Hände fallen, und ich wanderte wahrscheinlich wegen Betrugs hinter Gitter.

Die Alternative war … tja, wie ich es auch drehte und wendete: Es gab keine Alternative. Zumindest nicht, solange ich nicht mit einem Dokument nachweisen konnte, dass ich mit Anthony Milton verheiratet war. Hätte ich Grace doch nur nicht erzählt, dass wir geheiratet hätten. Hätte ich nur … Ich runzelte die Stirn. Hätte ich ihr nicht erzählt, dass ich verheiratet war, hätte sie mir vielleicht nicht einmal das Haus vermacht. Hatte sie nicht eine Familie in ihrem Haus gewollt, anstelle von Helen und mir, zwei Singles, die nur abhingen und DVDs anschauten?

Ich fand keine Ruhe mehr. Also hievte ich mich, als der Montag anbrach, mit dicken Tränensäcken und hängenden Schultern mühsam aus dem Bett. Ich schaffte es kaum, mich von Helen zu verabschieden, und schlurfte aus der Wohnung zur U-Bahn-Station. Alle paar Sekunden zuckte ich zusammen, wenn die Erinnerungen an Gelegenheiten über mich hereinbrachen, die sich geboten hatten, meinen Fehler richtigzustellen, Grace die Wahrheit zu sagen und so diesen Albtraum zu verhindern. All die Gelegenheiten, die ich zu ergreifen versäumt hatte, tauchten vor meinem inneren Auge noch einmal auf. Vielleicht spendet mir die Arbeit ja ein wenig Trost, dachte ich. Doch dann verdrehte ich die Augen über meine Dummheit. Arbeit war gleichbedeutend mit Anthony Milton – und damit eine ständige Erinnerung an mein dummes, dummes kleines Märchen. Damit hatte sich das mit dem Trost auch erledigt.

Milton Advertising befand sich in Clerkenwell, einem Stadtteil Londons, der sich auf wundersame Weise von einer reichlich tristen Gegend in der Nähe des Finanzdistrikts zu einem nicht mehr ganz so tristen Viertel in der Nähe von Hoxton gemausert hatte, dem Zentrum der Neo-Coolen-Szene-London. Aus diesem Grund begegnete man dort vorwiegend Finanztypen und Medienleuten, aber während sie früher noch in Nobelanzügen durch das Viertel flanierten, sah man sie nun im pseudo-punkmäßigen Kunststudentenlook mit passendem Haarschnitt, der meiner bescheidenen Meinung nach bestenfalls Künstlern in den Zwanzigern stand, der bei einem leicht übergewichtigen Mittdreißiger oder Anfangvierziger jedoch reichlich albern aussah.

Die Agentur selbst war in einem zweigeschossigen Geschäftsgebäude zwischen zwei höheren Häusern untergebracht, was es wehrlos und zugleich trotzig wirken ließ. Beide Stockwerke waren offen, mit einer weitläufigen Treppe, die in der Mitte nach oben führte. Im Erdgeschoss waren die Chef-Büros (Anthony Miltons großes und Max’ etwas kleineres) untergebracht, außerdem die der »Account-Leute«, die projektbezogen arbeiteten (damit waren die Account Directors gemeint, die für eigene Kunden verantwortlich waren und diese »hätschelten« – besser gesagt, die »die Kunden überreden, uns noch mehr Budget anzuvertrauen«). Dann residierten dort noch die Account Executives, zu denen auch ich gehörte und die dafür da waren, sich um die Einhaltung der Abgabefristen zu kümmern, die sich, unermüdlich die Treppen hinauf- und hinuntereilend, mit den »Kreativen« auseinandersetzten und die am Ende die Schuld in die Schuhe geschoben bekamen, wenn etwas nicht klappte. Es war nicht der beste Job auf Erden, aber ich hatte Perspektiven: Ich könnte es, so hatte Max mir beim Einstellungsgespräch erklärt, innerhalb von drei Jahren zum Account Di rector schaffen, wenn ich hart genug arbeiten und Eindruck machen würde. Ich hatte keine Ahnung, ob ich »Eindruck machte« oder nicht – niemand hier schien Zeit zu haben, darauf zu achten –, aber dass ich hart arbeitete, stand außer Frage. Abende, Wochenenden, das ganze Programm. Account Directors machten richtig Kohle und hatten ein Spesenkonto. Dass solche Privilegien mit harter Arbeit verbunden waren, verstand sich von selbst.

Die »Kreativen« bei Milton Advertising waren für die optische Umsetzung zuständig. Sie hatten das obere Stockwerk für sich, wo sie an ihren Macs saßen und Logos entwarfen oder sich mit ihren Kollegen darüber stritten, ob eine bestimmte Rotschattierung lebendiger wirkte als eine andere, wobei sie für mich beide gleich aussahen.

Mein Schreibtisch stand etwa fünf Meter links neben Anthonys Büro und gute drei Meter links von Max’ Büro und, was noch viel wichtiger war, direkt gegenüber von Marcias Platz. Marcia hatte mehrere Monate nach mir angefangen, aber bekam schon mehr Kunden zugeteilt als ich, obwohl sie ebenfalls nur Account Executive war.

Langsam durchquerte ich die Lobby und trat an meinen Schreibtisch, ließ mich auf meinen Stuhl fallen, stellte die Wasserflasche, die ich am Kiosk in der U-Bahn gekauft hatte, vor mir ab und fuhr den Computer hoch. Wenn ich mich in die Arbeit stürzte, sagte ich mir, würde sich die Lösung meines Problems von ganz allein ergeben. Der Trick war nur, sich nicht darauf zu fixieren.

Zum Glück war auch Marcia allem Anschein nach nicht interessiert, mir Zeit zum Nachdenken zu geben. Marcia hatte für Arbeit nicht sonderlich viel übrig, ebenso wenig wie für alles andere, was mit ihrem dichten Netz aus Maniküre-, Friseur- und Kosmetikterminen kollidierte. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte sie eine Karriere in der Wer bung gewählt, weil es dort so viel umsonst gab – so verbrachte sie beispielsweise den größten Teil ihrer Zeit damit, in Modezeitschriften zu blättern, und schien lediglich bei Kunden aufzuwachen, die Schuhe, Handtaschen, Klamotten oder Kosmetika vertrieben.

»Und, hast du die Druckvorlage fertig, die ich dir am Freitag gegeben habe?« fragte sie, sobald ich mich gesetzt hatte.

»Du weißt ja, dass ich die heute Morgen brauche, deshalb wäre es besser, wenn du …«

Ich zwang mich zu einem Lächeln. Marcia hatte die Angewohnheit, mit mir zu reden, als wäre sie mein Boss. Dabei war es Max gewesen, der mir die Druckvorlage zur Fertigstellung gegeben hatte. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für Streitereien. »Hier ist sie«, sagte ich schnell und zog sie aus meiner Tasche. »Ich schicke dir auch eine Kopie per Mail.«

Argwöhnisch kniff sie die Augen zusammen. »Du hast das übers Wochenende gemacht?«

»Ja. Ich war gestern hier.« Gestern. Yesterday. Am liebsten hätte ich meine Gitarre ausgepackt und die »All-my-troubles-seemed-so-far-away«-Zeile angestimmt.

Marcia zog eine Braue hoch. »Ehrlich? Und sonst? Schönes Wochenende gehabt? Abgesehen von der Arbeit, meine ich?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Es war … okay. Bei dir auch?«

»Bei mir?« Marcia lächelte. »Oh, es war toll, danke. Essen gehen, Mittagessen mit Freunden, ein bisschen Shoppen. Das Übliche eben.«

Ich hob fragend die Brauen. Es erstaunte mich immer wieder, mit welcher Begeisterung sich Marcia auf ihre Einkaufsbummel stürzte und wie sie jedes neue Beutestück in Hochstimmung versetzte, obwohl sie im Grunde immer mit demselben ankam – Gürtel, Taschen, Schuhe, Pullis, Röcke …

Und wofür? Rausgeschmissenes Geld, hatte meine Oma zu solchen Erwerbungen immer gesagt.

»Aha, ich sehe, Anthony ist im Anmarsch«, bemerkte Marcia, als Anthony Miltons Tür aufgerissen wurde und er mit Max herauskam. Schlagartig schoss mir die Hitze ins Gesicht, und ich tauchte hinter meinem Bildschirm ab, während Marcia winkte und Anthony ihr sein gewohnt breites, strahlendes Lächeln zuwarf. Die beiden kamen geradewegs auf uns zu. Mir fiel auf, dass Max mich eindringlich anstarrte. Und Anthony ebenfalls. Ich wurde blass. Anthony starrte mich sonst nie an. Normalerweise bemerkte er mich nicht einmal. Hatte ich etwas falsch gemacht? War mir bei einem wichtigen Kunden ein Fehler unterlaufen?

Die beiden trennten nur noch wenige Meter von mir. Max’ Miene war ernst, Anthonys dagegen fragend. Und dann spürte ich, wie mein Mut sank. Nein, nicht nur, wie er sank, sondern wie ein Bleigewicht auf den Grund meines Magens plumpste. Ich hatte Mr Taylor meine Visitenkarte gegeben. Wahrscheinlich hatte er angerufen, nach Mrs Milton gefragt und war dann irgendwie bei Anthony gelandet … ich konnte nicht fassen, dass ich so dämlich gewesen war. Und dass mein Kartenhaus so schnell einstürzen würde.

Mit jeder Sekunde wurde mir heißer. Ich wischte meine Handflächen an der Hose ab und konzentrierte mich auf meine Atmung. Ich musste mir eine Ausrede einfallen lassen. Entweder das oder aus dem Gebäude stürmen, bevor sie etwas sagen konnten.

Die beiden blieben vor Marcias Schreibtisch stehen, die Blicke noch immer auf mich geheftet.

»Hi, Anthony«, hauchte Marcia, worauf er sie anlächelte. Ich fing Max’ Blick auf und sah schnell wieder nach unten. Er hatte blaue Augen. Tiefblaue Augen. Aber sie waren nicht einfach zu erkennen, weil sie die meiste Zeit hinter Brillen gläsern verborgen waren. Er war etwas kleiner als Anthony – was nicht weiter schwierig war, wenn man bedachte, dass Anthony weit über einen Meter achtzig groß war – und schaffte es, dass selbst teure Anzüge zerknautscht an ihm aussahen. Die meisten Leute gingen Max nach Möglichkeit aus dem Weg. Er galt als leidenschaftlicher Workaholic ohne jeden Sinn für Humor, aber das stimmte nicht. Wenn er lächelte – was er zugegebenermaßen nicht allzu häufig tat –, begann sein ganzes Gesicht zu strahlen. Er kniff dabei immer die Augen zusammen, sodass man sie kaum mehr erkennen konnte, während man sich selbst dabei ertappte, dass man dümmlich mitgrinste. Nicht, dass ich ihn sonderlich mochte oder so. Ich meine, klar, natürlich mochte ich ihn. Aber als Kollegen. Außerdem war er garantiert nicht an mir interessiert. Max war an überhaupt niemandem interessiert.

Ich wischte mir die Stirn ab, auf der mittlerweile Schweißperlen standen.

»Alles in Ordnung, Jess?«, erkundigte sich Max. »Du siehst fürchterlich aus.«

»Ehrlich?« Meine Züge entglitten mir. »Ernsthaft? Ich fühle mich nämlich eigentlich ganz gut.«

»Und wie war dein Wochenende?«

Ich holte tief Luft – und bemerkte, wie meine Brust eng wurde. Wusste er Bescheid? Spielte er nur mit mir?

»Nicht so gut, ehrlich gesagt«, antwortete ich mit hämmerndem Herzen. »Grace … meine Freundin Grace … na ja, sie ist gestorben.«

Max’ Augen weiteten sich vor Entsetzen. »O Jess, das tut mir leid. O Gott, das ist ja entsetzlich.«

Ich sah ihn unsicher an und spürte, wie sich mein ganzer Körper entspannte. Er hatte keine Ahnung. Wenn er von dem Testament wüsste, wüsste er logischerweise auch, dass Grace tot war. Ich war also in Sicherheit.

»Ist schon okay«, stieß ich atemlos hervor. »Danke, Max.«

»Also, Max.« Anthony zog eine Braue hoch. »Willst du Jess vielleicht erklären, weshalb wir hier sind?« Schlagartig wurde seine Miene wieder ernst, und ich spürte, wie mir das Herz bis zum Hals schlug.

»Weshalb …«, stammelte ich.

Max zuckte unbehaglich mit den Achseln. »Vielleicht ist der Zeitpunkt nicht so günstig.«

Ich starrte ihn an. »Stimmt etwas nicht?«

»Sogar ganz und gar nicht«, antwortete Anthony ernst.

Ich riss die Augen auf. »Was ist denn los? Es war nicht meine Schuld. Ich wollte doch nicht … ich … ich …« Wieder zog sich meine Brust zusammen.

Anthony hob eine Braue. »Mag ja sein, aber willst du mir vielleicht verraten, was diese Evian-Flasche auf deinem Schreibtisch zu suchen hat?«

»Ganz im Ernst, Anthony, jetzt ist nicht der richtige …«, fing Max an, aber Anthony brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen.

Besorgt musterte ich die Flasche. »Das Wasser? Es ist… ich meine, ich habe sie nur für mich mitgebracht. Ich … ich …« Der Raum begann, sich um mich zu drehen. Ich konnte nicht mehr richtig sehen. Konnte nicht mehr richtig sprechen.

»Versteck sie lieber, wenn die Eau-Best-Leute später vorbeikommen, klar?« Ein breites Lächeln erschien auf Anthonys Miene. »Unser neuer Kunde! Max hat das Rennen letzte Woche gemacht. Na, was sagt ihr dazu?«

Marcia warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Nie im Leben! Gott, das ist ja irre! Echt abgefahren!«

Ich starrte Max an, der nur die Augen verdrehte.

»Äh … das ist toll«, stammelte ich, während sich mein Herzschlag allmählich normalisierte, und warf die Flasche in den Papierkorb. Erst jetzt fiel mir auf, wie durstig ich war.

»Ich sollte vielleicht los und … mir einen Schluck … aus dem Spender …« Ich erhob mich und stand auf wackligen Beinen da.

»Jess?«, hörte ich Max rufen, blieb aber nicht stehen. Ich verlor die Kontrolle. Ich musste mir Wasser ins Gesicht spritzen, musste mich beruhigen. Musste weg von diesen Leuten. In diesem Augenblick läutete mein Handy. Das auf meinem Schreibtisch lag.

Abrupt blieb ich stehen. Wieder packte mich die nackte Panik. Doch ich riss mich zusammen. Das war nicht Mr Taylor. Klar, meine Handynummer stand auf der Visitenkarte, die ich ihm gegeben hatte, aber das bedeutete doch noch lange nicht, dass jeder Anruf, den ich bekam, automatisch von ihm sein musste. Und selbst wenn er es wäre, brauchte ich ja nicht dranzugehen. Das Gespräch würde auf die Mailbox umgeleitet werden.

In diesem Moment verstummte das Handy. Zu schnell, als dass die Mailbox angesprungen wäre. Vorsichtig drehte ich mich um. Und wurde blass. Max hatte mein Telefon in der Hand und hielt es sich ans Ohr. Und er sah verwirrt drein.

Er fing meinen Blick auf und sah mich neugierig an. Plötzlich war mir übel. Ich stürzte zu meinem Schreibtisch zurück, doch es war zu spät. Meine Beine gaben nach. Das war’s. Mr Taylor erklärte wahrscheinlich in dieser Sekunde, warum er Jessica Milton sprechen wollte. Mrs Jessica Milton. Mein Leben war vorüber. Max wusste Bescheid. Was bedeutete, dass Anthony es erfahren würde. Dass es alle erfahren würden. Und dass ich die größte Lachnummer Londons würde.

Entsetzt umklammerte ich meine Schreibtischkante. Es fühlte sich an, als bekäme ich keine Luft mehr. Ich japste wie ein Fisch, mein Brustkasten drückte auf mein Herz und meine Lungen. Ich presste die Hände darauf und geriet ins Straucheln.

»Das Telefon … ist es für mich …«, brachte ich noch heraus, bevor mein Kopf aufschlug.

»Jess? Verdammt, was ist denn?«

Max sah mich verwirrt an, doch ich ignorierte ihn.

»Wer … war dran? Ich kann das alles erklären. Ich …«, stammelte ich mit erstickter Stimme.

»Jess, jetzt beruhige dich doch. Ganz ruhig atmen. Ein und aus. Ein und aus. Los, eine Papiertüte.« Max klappte mein Telefon zu. Marcia reichte ihm ihre Croissant-Tüte, die Max mir vor den Mund hielt. Sekunden später drohte ich, an einem Croissant-Krümel zu ersticken, der beim Einatmen in meine Luftröhre geraten war.

»Es geht mir gut«, beteuerte ich eilig. »Ich muss … äh …« Ich spürte, wie Max mich hochzog, und sah Anthonys Blick.

»Jessica?« Seine Besorgnis war unübersehbar.

»Sie muss nach Hause«, sagte Max ernst.

»Nein, ich …« Es war beruhigend, Max’ Arme um mich zu spüren. »Es geht mir gut.«

»Seht ihr? Es geht ihr gut«, sagte Marcia.

»Nein.« Max musterte mich prüfend. »Nein, es geht ihr nicht gut. Los, Jess, besorgen wir dir ein Taxi.« Seine Arme schlossen sich noch fester um mich, und er führte mich in Richtung Tür, sodass mir gerade noch genug Zeit blieb, mein Handy und meine Handtasche zu schnappen.

»Der … Anruf«, brachte ich mühsam hervor, als er mich auf den Gehsteig bugsierte und ein Taxi heranwinkte. »Wer war dran?«

Max warf mir einen eigentümlichen Blick zu. »Oh, stimmt ja. Es war jemand namens Helen. Sie meinte, sie wolle dich etwas zu Mord ist ihr Hobby fragen. Sie war ziemlich … aufgebracht.«

»Helen?« Eine Woge der Erleichterung durchströmte mich, als ich ins Taxi stieg. »Sie ist meine Mitbewohnerin.«

»Und sie ist zu Hause?«, hakte Max nach. Ich nickte.

»Gut. Dann solltest du sie vielleicht anrufen und ihr sagen, dass du unterwegs bist. Wer weiß, vielleicht bist du ja rechtzeitig da, um herauszufinden, wer der Mörder ist.«

»Es geht mir gut, ehrlich.« Ich bemühte mich um ein Lächeln. »Ich muss nicht nach Hause.«

»Ich glaube, doch.« Max schlug die Tür zu. Seine Miene war undurchdringlich. »Ich kann nicht zulassen, dass unsere Leute zusammenklappen. Das ist nicht gut für die Moral.«

Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, zu erklären, aber es gab nichts, was ich sagen könnte, und bevor ich auch nur ein Danke oder Bis morgen herausbrachte, fuhr das Taxi auch schon los, Max kehrte ins Büro zurück, und ich ließ mich auf den Rücksitz sinken und fragte mich, was um alles in der Welt ich jetzt tun sollte.

Helen erwartete mich mit weit aufgerissenen Augen und ernster Miene. Ich hatte sie aus dem Taxi angerufen, aber nicht viel gesagt – nur, dass ich mich nicht wohlfühlte und auf dem Weg nach Hause sei. Sie setzte Wasser auf. Kochte Tee. Dann setzten wir uns hin.

»Du bist doch nicht … krank, oder?«, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nicht krank.«

»Oh, Gott sei Dank. Gut«, stieß sie hervor. »Also, was ist

dann los?«

Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber es kam nichts heraus.

»Du siehst jedenfalls krank aus«, erklärte Helen ernst.

»Sogar ziemlich grauenhaft, wenn ich ehrlich sein soll. Bist du sicher, dass du nicht irgendeine schreckliche Krankheit oder so was hast? Heute lief eine Sendung über Leute, die an Krankheiten sterben, von denen sie nicht mal wussten, dass sie die haben …«

»Ich bin nicht krank«, widersprach ich. »Zumindest nicht körperlich.«

»Sondern? Psychisch? O Gott, was ist los? Hast du Depressionen? Eine Psychose? Okay, solange du nicht gefährlich bist, helfe ich dir jederzeit. Ich habe mal an einer Doku über Psychologen mitgearbeitet, deshalb kenne ich mich ein bisschen aus mit der Thematik …«

»Ic hbin auch nicht psychisch krank«,unterbrach ich sie und bemerkte, dass sich meine Atmung beschleunigte. »Ich …«

»Ja?« Die Neugier drang ihr förmlich aus jeder Pore.

»Ich habe etwas ziemlich Schlimmes angestellt.«

»Was Schlimmes?«

»Und jetzt stecke ich in Schwierigkeiten und weiß nicht, was ich tun soll.«

»O Gott. Okay. Ich glaube, ich weiß, was es ist.« Helen stand auf und nickte ernst.

»Ehrlich?«, fragte ich neugierig.

»Es hat mit den Ringen zu tun, stimmt’s?«

»Den Ringen?«

Helen nickte. »Ich habe neulich die Ringe in deiner Schmuckschatulle gesehen. Brillanten. Du hast Graces Schmuck gestohlen, hab ich recht? O Jess, ich hatte befürchtet, dass das passieren könnte. Und, war der Anwalt gestern Abend hier, weil er danach sucht? Okay, ist schon in Ordnung – wir besorgen dir einen richtig guten Anwalt. Ich meine, du hättest sie natürlich nicht stehlen dürfen, aber ich bin sicher, du wanderst dafür nicht ins Gefängnis.«

»Gefängnis?« Ich starrte sie ungläubig an. »Ich komme nicht ins Gefängnis. Und ich habe auch Graces Schmuck nicht gestohlen.«

»Aber die Ringe. Ich hab sie doch gesehen.« Helen stand mit weit aufgerissenen Augen vor mir. »Und dann ist dieser Mann aufgetaucht … O Gott, ist es womöglich noch schlimmer? Hast du Diamanten geschmuggelt oder so? War Grace die Anführerin eines Verbrecherrings?«

»Ich glaube, hier sieht jemand ein bisschen zu viel fern.«

»Also gut, dann sag mir jetzt endlich, was los ist«, verlangte Helen ungeduldig. »Wenn du die Ringe nicht gestohlen oder geschmuggelt hast, wieso liegen dann ein Verlobungs- und ein Ehering in deinem Schmuckkästchen? Und wieso bist du heute so früh aus der Arbeit zurück? Du machst doch sonst nie früher Schluss.«

Ich seufzte. »Ich habe die Ringe gekauft.«

»Gekauft? Aber du bist doch völlig pleite. Zumindest dachte ich das.«

»Sie sind nicht echt.«

Helen runzelte die Stirn. »Nicht echt? Jess, ich verstehe nicht, was du meinst.«

Ich holte tief Luft, ließ sie wieder entweichen, japste noch einmal, dann noch einmal. Und als ich sicher war, dass ich den Mund öffnen konnte, ohne dass es mir die Luft abschnüren würde, rückte ich mit der Sprache heraus. Langsam, aber sicher, sorgsam darauf bedacht, ihr nicht in die Augen zu sehen, erzählte ich Helen alles von der Lüge, die außer Kontrolle geraten war, von der erfundenen Hochzeit und dem Anwalt, von dem Anwesen und all dem Geld. Und Helen schwieg.

Vielleicht hätte ich vorher erwähnen sollen, dass Helen nicht gerade für ihre ruhige Art berühmt war. Sie quatschte während eines Films. Sie redete mit dem Fernseher, wenn ich nicht zu Hause war (das wusste ich, weil ich schon mehrmals ins Zimmer gekommen war, während sie gerade einen erbitterten Disput mit dem Nachrichtensprecher ausfocht).

Sie rief mich bei der Arbeit an, wenn sie Langeweile hatte, und nagelte mich manchmal eine geschlagene Stunde lang fest. Dieses Mädchen hatte so viel zu erzählen, zu jeder Zeit und zu jedem Thema … Nur jetzt nicht.

Stattdessen beugte sie sich vor, griff nach ihrer Teetasse und nahm einen großen Schluck.

»Also, nur noch mal zum Mitschreiben«, sagte sie schließlich. »Grace war Lady Hampton. Sie hat dir ihr Anwesen in der Größenordnung von, wie war das, vier Millionen Pfund hinterlassen?«

Ich nickte. »Vier Millionen und ein paar Zerquetschte.«

»Zerquetschte«, wiederholte Helen nickend, nahm ihr langes, braunes Haar im Nacken zusammen und richtete ihre dunkelbraunen Augen auf mich. »Das Problem ist nur, dass sie dachte, du wärst mit deinem Boss verheiratet, und dass sie das Geld deshalb einer Jessica Milton hinterlassen hat. Mrs Jessica Milton. Die du nicht bist. Die in Wahrheit gar nicht existiert. Unterbrich mich, wenn ich falschliege …« Ich schüttelte den Kopf. »Bislang trifft es das so ziem lich.«

»Und du hast eine moralische Verpflichtung, das Erbe anzutreten, weil Graces hübsches Haus sonst dem Staat zufällt, der es verkauft und Eigentumswohnungen auf dem Grundstück bauen lässt. Oder ein Casino. Hab ich recht?«

Ich nickte. »Es ist das schönste Haus der Welt. Und seit Generationen im Besitz ihrer Familie. Sie wollte, dass jemand dort lebt, der eine Familie hat. Sagt der Anwalt.«

»Natürlich.« Helen nickte langsam. »Eine Familie. Mit deinem Fantasie-Ehemann, vermute ich?«

Ich lächelte nervös.

»Und jetzt kannst du das Erbe nicht antreten, weil du nicht Jessica Milton bist? Ich meine, das Haus, all das Geld … und du kommst nicht dran?«

»So in etwa«, erwiderte ich mit einem angedeuteten Lächeln. Auch wenn ich mich bemühte, lässig und unbeschwert zu wirken, stand mir immer noch der Schweiß auf der Stirn, und ich hatte Mühe, regelmäßig zu atmen.

Wieder nickte Helen. »Und als Jessica Wild kannst du das Erbe nicht antreten?«

»Der Anwalt hat gemeint, dass ich meine Heiratsurkunde vorlegen müsste.«

»Was wäre, wenn du ihm die Wahrheit sagst?«

Ich schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht. Es würde herauskommen. Es wäre so peinlich. Und wahrscheinlich könnte ich das Erbe trotzdem nicht antreten. Es gibt eine Fünfzig-Tage-Regelung. Wenn das Erbe nicht innerhalb dieser Zeitspanne angetreten wird, verfällt es.«

»Das heißt, das Geld … verschwindet einfach?«

»Es fällt an den Staat. Ja.« Tief einatmen, beschwor ich mich. Und jetzt ausatmen.

»Die ganzen vier Millionen?«

Ich nickte, konzentrierte mich auf meine Atmung, während Helen einen abgrundtiefen Seufzer ausstieß.

»Verdammte Scheiße«, sagte sie und nahm noch einen Schluck Tee. »Ich meine, mal im Ernst. Verdammte Scheiße. Etwas anderes kann ich dazu nicht sagen.«

»Es gibt auch nichts anderes dazu zu sagen«, bestätigte ich düster. »Ich bin eine Idiotin.«

»Idiotin trifft es nicht mal annähernd.« Helen schüttelte ungläubig den Kopf, doch dann begannen ihre Augen auf einmal zu leuchten. »Du hast fünfzig Tage, sagst du?«

Ich nickte.

»Okay«, rief Helen aufgeregt. »In dieser Zeit kannst du deinen Namen garantiert ändern lassen. Durch eine offizielle Absichtserklärung oder so.«

Ich starrte sie an. »Eine Absichtserklärung! Natürlich! O Gott, du bist meine Rettung, Helen. Eine Absichtserklärung! Wieso bin ich darauf nicht selber gekommen?«

»Jessica Milton. Eigentlich ein hübscher Name«, meinte Helen. »Also kann ich mitkommen und mit dir in deinem hübschen großen Haus wohnen? Können wir einen Butler einstellen? O bitte, Jess, lass uns einen Butler einstellen. Einen gut aussehenden. Und wir können eine Party nach der anderen …«

Sie sah, dass ich den Kopf schüttelte, und runzelte die Stirn. »Was denn? Was ist los? Also gut, dann eben keinen Butler. Aber die Partys können wir doch trotzdem schmeißen, oder?«

Ich seufzte und sah die Unterlagen an, die Mr Taylor mir gegeben hatte.

»Mrs«, erklärte ich düster. »Da steht ausdrücklich Mrs Jessica Milton.«

»Dann änderst du das eben auch«, schlug Helen vor. »Vorname: Mrs.«

»Vorname: Mrs? Wer ist hier die Idiotin von uns beiden? Außerdem hat er gesagt, dass er einen Ausweis oder Führerschein braucht. Den kriege ich bis dahin nie im Leben. Außerdem habe ich ihm erzählt, ich hätte meinen Namen gar nicht geändert. Wenn ich jetzt plötzlich mit einem Ausweis auf den Namen Jessica Milton auftauche, riecht er doch den Braten, meinst du nicht auch?«

Helen ließ sich auf das Sofa zurücksinken. »Okay, aber es muss einen Ausweg geben. Komm schon, Jess, das ist wahnsinnig viel Geld. Wir müssen eine Möglichkeit finden, da dranzukommen.« Sie fing meinen Blick auf und wurde leicht blass. »Dein Geld, meine ich natürlich. Aber im Ernst, wenn wir nur lange genug nachdenken, fällt uns bestimmt was ein. Es muss einfach.«

Sie runzelte die Stirn, griff zum Hörer und wählte eine Nummer. Als sie meine besorgte Miene sah, winkte sie nur ab. »Rich? Hel … Ja, hi … Ich weiß, tut mir leid, aber ich war echt beschäftigt. Hör zu. Ich habe eine kurze Frage. Du kennst dich doch mit Testamenten aus, stimmt’s? … Ja, ich weiß, dass du Anwalt bei einer Bank bist, aber du musst dich doch irgendwann mal mit Erbrecht beschäftigt haben, oder? Gut. Also, nehmen wir mal an, es wurde ein Testament gemacht, in dem eine Summe einer gewissen … keine Ahnung

… Mrs Jones vermacht wurde. Nehmen wir an, diese Mrs Jones ist in Wahrheit gar nicht Mrs Jones, sondern heißt Sarah Smith. Nur derjenige, der ihr das Geld hinterlassen hat, hält sie für Mrs Jones. Könnte Sarah Smith trotzdem das Geld bekommen? Hm-hm … Klar … Okay … Ja, gut. Danke, Rich … Ja, ein Drink wäre nett. Rufst du mich an? Okay, bis dann. Ciao.«

Sie wandte sich mir zu. »Das war Rich.«

»Das habe ich mitbekommen. Und Rich ist wer?«

»Richard Bennett. Der Anwalt, mit dem ich vor ein paar Wochen im Bett war.«

Ich riss die Augen auf. »Er ist Anwalt? Was hat er gesagt?«

Helen verzog das Gesicht. »Er sagt, Sarah Smith käme an das Geld heran, wenn sie beweisen kann, dass sie in Wahrheit die Person ist, die der Erblasser für Mrs Jones gehalten hat, aber wahrscheinlich würde der Fall vor Gericht gehen.«

»Vor Gericht?«

Helen biss sich auf die Lippe, während ich die Knie anzog und die Arme darumschlang. »Ich kann nicht vor Gericht gehen. Gott, ich kann nicht glauben, dass ich der totale Loser bin.«

»Du bist kein Loser. Zumindest kein totaler. Nur ein kleiner.« Helen bemühte sich um eine aufmunternde Miene, versagte jedoch kläglich. »Trotzdem kann ich es nicht fassen. Du, die absolute Zynikerin, die Männer hasst, führt die ganze Zeit eine kleine Fantasie-Ehe …«

»Ich hasse Männer ja gar nicht«, wandte ich seufzend ein.

»Ich halte Beziehungen nur für Zeitverschwendung. Und ich führe auch keine Fantasie-Ehe. Ich habe das nur für Grace getan. Es war ihre Fantasie, nicht meine.«

»Bist du sicher, dass du insgeheim nicht doch gern einen Freund wolltest? Nur ein kleines bisschen?«

»Nein«, antwortete ich steif. »Natürlich wollte ich keinen

Freund.«

»Sondern nur einen Ehemann?« Helen grinste.

»Nein! Hel, ich will weder einen Freund noch einen Ehemann. Und das weißt du auch ganz genau!«

»Wie willst du wissen, dass du etwas nicht willst, was du noch nie hattest?«

»Ich hatte schon mal einen Freund«, erklärte ich hitzig.

»Sogar zwei.«

»Einen an der Uni und einen vor drei Jahren. Wow, du bist ein echter Vamp.« Helen schüttelte den Kopf, und ich verdrehte entnervt die Augen.

»Nur weil sich in deinem Leben alles um Männer dreht, heißt das noch lange nicht, dass es bei allen anderen genauso sein muss«, erklärte ich hastig. »Ich habe eben keine Lust, bei irgendwelchen Dates nur Small Talk zu machen und zu hoffen, dass das Telefon klingelt. Und ich habe auch keine Lust, das Ego eines Mannes aufzupolieren, nur damit er mich dafür mag, und dann zusehen zu müssen, wie er sich nach ein paar Monaten oder Jahren mit einer anderen aus dem Staub macht. Romantik ist ein Mythos, Hel. Und die Liebe nichts als eine hormonelle Reaktion. Zwei von drei Ehen landen vor dem Scheidungsrichter, und der Rest läuft wahrscheinlich hundsmiserabel. Am Ende sind wir alle al lein. Wieso sollten wir die Hälfte unseres Lebens damit zubringen, einem Hirngespinst nachzujagen?«

»Ein Hirngespinst? Du meinst, etwas, das gar nicht existiert?«

Ich nickte.

»So etwas wie ein imaginärer Ehemann, meinst du?« Helens Augen funkelten, und ich wurde rot.

»Also bist du nicht im Geringsten an Anthony Milton interessiert?«, hakte sie mit einem verschmitzten Grinsen nach. »Ist das nicht der, der so unglaublich gut aussieht? Der aus dem Artikel, den du mir neulich gezeigt hast?«

»Stimmt, das ist er«, gab ich zu. »Aber ich bin trotzdem nicht interessiert.«

»Ehrlich?« Helen sah mich zweifelnd an. Ich schüttelte den Kopf.

»Nein. Glaub mir, wenn ich einen Ehemann suchen würde – was ich übrigens nicht tue –, dann wäre es ganz bestimmt nicht Anthony. Er ist zu …« Ich zog die Nase kraus und suchte nach dem passenden Wort.

»Erfolgreich? Gut aussehend?«, warf Helen hilfsbereit ein.

»Oberflächlich«, sagte ich, schüttelte jedoch sofort den Kopf. »Nein, nicht oberflächlich.« Ich seufzte. »Ach, keine Ahnung. Er ist einfach nicht mein Typ. Nicht ernsthaft genug. Er geht mit Models aus. Na ja, zumindest mit Mädchen, die wie Models aussehen.«

»Du willst damit andeuten, dass er nicht dein Typ ist, weil du dir nicht vorstellen kannst, dass er auf dich steht?«

»Ich meine«, erklärte ich ernsthaft, »dass er nicht mein Typ ist, weil ich nicht auf ihn stehe.« Ich hielt inne und errötete bei Helens Anblick, die schon wieder eine Braue mindestens einen Zentimeter höher gezogen hatte als die andere. »Sonst stehe ich auch auf niemanden. Ach, und er steht garantiert auch nicht auf mich.«

»Im Moment wenigstens«, meinte Helen.

»Im Moment?«

»Ich denke nur ein wenig um die Ecke«, sagte sie nachdenklich. »Grace dachte, du bist mit Anthony Milton verheiratet, stimmt’s?«

»Ja.«

Helen grinste. »Tja, damit haben wir die Lösung direkt vor der Nase. Du musst ihn eben auch im wahren Leben heiraten.«

Ich lachte. »Klar!«, konterte ich trocken. »Gott, wieso bin ich nicht selbst darauf gekommen! Tolle Idee. Ich frage ihn gleich morgen.«

»Ich meine es ernst«, fuhr Helen fort. »Ich meine, es ist doch den Versuch wert, oder? Zieh es durch, und du bist nicht nur mit Mr Perfect verheiratet, sondern auch noch vierfache Millionärin und hast Graces Haus gerettet.«

»Er ist nicht Mr Perfect. Und eines hast du vergessen. Ich will nicht heiraten.«

»Das ist doch völlig unwichtig. Du willst nicht heiraten, weil du keinen Sinn darin siehst, und du hältst Romantik für Zeitverschwendung. Aber das hier ist etwas anderes.«

»Ach so? Ist es das?«, hakte ich nach.

»Natürlich. Du heiratest nicht, um bis zum Ende deiner Tage glücklich zu sein. Sondern um vier Millionen Pfund einzustreichen. In Wahrheit ist das ist eine Anti-Heirat. Nur ein Tauschgeschäft. Du musst deinem Kunden eine Idee verkaufen und dafür sorgen, dass er mit dir ins Geschäft kommen will.«

»Anthony ist also mein Kunde?«

»Genau!«

Ich runzelte die Stirn. »Aber …«

»Aber was? Hast du vielleicht eine bessere Idee?« Ich starrte zu Boden.

»Du willst doch das Geld, oder? Und du willst dich um Graces Haus kümmern, wie sie es sich gewünscht hat«, fuhr Helen fort.

Ich nickte. »Ja, aber …«

»Schluss mit den ›Abers‹«, unterbrach mich Helen und stand auf. »Hat Anthony Milton eine Freundin?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Dann ist die Sache perfekt. Projekt Hochzeit ist angelaufen.«

Meine Schultern sackten nach vorn. »Helen, bitte versuch doch zu verstehen. Was du da vorschlägst, ist … Irrsinn. Es ist, als würdest du behaupten, dass du Tom Cruise heiratest. Und vergessen wir die Fünfzig-Tage-Regel nicht.«

»Tom Cruise ist schon verheiratet. Anthony Milton nicht. Und in fünfzig Tagen kann eine Menge passieren.«

»Ich kann das nicht«, jammerte ich. »Ich kann einfach nicht.«

»Kann nicht, gibt’s nicht. Und sag jetzt nicht, du hast Angst.«

»Angst?«, wiederholte ich eine Spur zu trotzig. »Natürlich nicht. Ich bin eben einfach kein Model, nicht sonderlich geschickt im Umgang mit Männern, und außerdem halte ich diese ganze Idee für ausgemachten Schwachsinn.«

»Im Umgang mit Männern bist du allerdings ungeschickt, das stimmt«, bestätigte Helen. »Aber daran können wir arbeiten. Und an deinen Klamotten auch.«

»Meine Klamotten? Was ist denn an denen verkehrt?« Nun schoss meine Braue in die Höhe.

»Alles«, erwiderte Helen mit einem Achselzucken. »Und dein Haar.«

»Mir gefällt mein Haar.«

»Hier geht es aber nicht um dich. Sondern um Anthony Milton, und ich wette, ihm gefällt dein Haar nicht.«

»Ich bezweifle, dass es ihm jemals aufgefallen ist«, konterte ich verärgert.

»Genau.«

»Ich lege mir aber nicht wegen eines Mannes eine neue Frisur zu.« Ich merkte, wie ich mich versteifte. »Oder meine Klamotten. Ich werde nicht …«

Helen seufzte. »Gib’s auf, Jess. Sieh mal, ich weiß, dass deine Großmutter eine Kneifzange war und Bescheidenheit bei dir an oberster Stelle steht, oder was dich auch immer umtreibt. Aber das heißt nicht, dass man sich nicht auch amüsieren darf. Lippenstift zu benutzen, reduziert nicht automatisch deinen IQ. Und ein Rendezvous verwandelt dich auch nicht in ein jämmerliches Geschöpf, das nicht ohne Mann leben kann.«

»Das hat nichts mit meiner Großmutter zu tun«, widersprach ich hitzig.

»Von mir aus. Ich sage ja nur, dass du neue Klamotten und einen neuen Haarschnitt brauchst. Dieser Anthony Milton bemerkt dich im Moment vielleicht nicht, aber das liegt nur daran, dass du alles in deiner Macht Stehende tust, dass er es nicht tut. Und du stehst nicht auf ihn, weil du es dir selbst nicht erlaubst«, erklärte Helen entschlossen. »Weil du überzeugt davon bist, dass er nie im Leben auf dich stehen wird, deshalb ist es einfacher, ihn von vornherein auszuschließen. Hättest du bei Männern denselben Ehrgeiz wie in deinem verdammten Job, stünden die Typen Schlange bis auf die Straße.«

Ich musste lachen. »Wohl kaum.«

»Jess, so wie ich es sehe, musst du es entweder versuchen, oder du lässt es bleiben. Und wenn du das tust, verabschiedest du dich von verdammt viel.«

»Aber …«

»Kein Aber, Jess, überleg dir nur, was dir entgeht, wenn du es nicht wenigstens versuchst.«

»Es ist ein schönes Haus«, sagte ich zögerlich.

»Es ist ein tolles Haus«, bestätigte Helen.

»Und ich könnte alle meine Schulden abzahlen.«

»Du wirst reich sein, Jess. Reicher, als du es dir je erträumt hast. In deinen bescheidenen Träumen.«

»Und verheiratet.«

»Ja, okay. Aber nicht in einer romantischen Weise, mit großen Hoffnungen. Du wirst reich, aber unabhängig von deinem Ehemann sein, und du wirst Graces Erbe bewahren.«

Beim Klang von Graces Namen spürte ich ein leises Ziehen in der Magengegend. »Das stimmt, aber mir ist immer noch nicht klar, wie ich das anstellen soll.«

»Wie du Anthony Milton dazu kriegen sollst, sich in dich zu verlieben, meinst du?«, fragte Helen. »Tja, du musst … wie nennt man das, wenn man ein Produkt verändert? So wie damals, als sie den Kitkat Chunky auf den Markt gebracht haben?«

»Rebranding«, antwortete ich.

Helens Augen begannen zu leuchten. »Genau! Wir werden ein Rebranding bei dir durchführen.«

»Als Kitkat Chunky?«

»Als perfekte Partie für jeden Junggesellen.«

Ich schnaubte. »Und als Nächstes drängen wir die Flut im Meer zurück, ja?«

Helen warf mir einen vernichtenden Blick zu. »Darauf gehe ich jetzt nicht ein«, sagte sie steif. »Jess, du musst mir versprechen, dass du das ernst nimmst. Das ist wie bei Deal or No Deal. Es geht um alles oder nichts. Also, was willst du? Deal oder No Deal, Jess? Wofür entscheidest du dich?«

»Das ist kein Spiel, Helen, sondern blanker Wahnsinn. Es ist unmöglich. Es ist … lächerlich.«

»Deal or No Deal«, beharrte Helen und starrte mich an.

Ich hielt ihrem Blick einen Moment lang stand. »Ist dir klar, dass das die dämlichste Idee ist, von der ich je gehört habe?«

»Deal or No Deal! Ja oder nein?«

Ich stieß einen langen, gequälten Seufzer aus.

»Ich kann nicht … ich …«

»Du kannst, wenn du willst. Los, Jess. Riskier es. Versuch es. Tu es für Grace.«

Ich starrte zu Boden und rief mir ins Gedächtnis, wie aufgeregt Grace gewesen war, als ich ihr das erste Mal erzählt hatte, dass Anthony mit mir ausgehen wollte. Ich erinnerte mich an das Leuchten in ihren Augen, als sie prophezeit hatte, dass er im Urlaub um meine Hand anhalten würde. Und dann runzelte ich die Stirn.

»Was?«, fragte Helen. »Was ist denn jetzt schon wieder?«

Ich biss mir auf die Lippe. »Nichts. Es ist nur … etwas, das Grace gesagt hat. Vor einer halben Ewigkeit.«

»Was denn?«

»Ich dachte, sie meinte … ich meine … Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht hat sie sogar gemeint …«, stammelte ich.

»Was denn?«, drängte Helen ungeduldig. »Was hat sie gesagt?«

»Sie hat mich versprechen lassen … sie hat mich versprechen lassen, dass ich, wenn mir jemand etwas schenken möchte, es auch annehme«, sagte ich leise. »Ich dachte, sie meinte Anthony damit. Ich hielt es für eine ihrer albernen romantischen Träumereien.«

»Und jetzt glaubst du, es ist ihr Erbe?«

»Keine Ahnung. Vielleicht.«

»Und du hast versprochen, dass du es annimmst?« Ich nickte.

»Das heißt also … Das heißt, du machst es? Ja?«

Ich sah Helen einige Augenblicke lang an, dann nickte ich.

»Deal«, sagte ich so leise, dass ich mich selbst kaum hören konnte.

»Wie war das?«

»Deal.« Meine Augen waren vor Angst geweitet. Ich konnte nicht fassen, worauf ich mich da gerade eingelassen hatte.

Helen stürzte sich auf mich und fiel mir um den Hals. »Du wirst es nicht bereuen, Jess. Gott, es wird einzigartig werden.«

»Es ist nur eine Kampagne, ja?«, fragte ich nervös. »Ich mache nur eine Werbekampagne?«

»Projekt Hochzeit«, erklärte Helen. »Projekt Vier Millionen Pfund

»Und wenn es nicht funktioniert, vergessen wir es einfach, und ich ändere meinen Vornamen auf Mrs.«

Ich sah Helen in die Augen, und wir brachen in schallendes Gelächter aus, auch wenn in meinem ein hysterischer Unterton lag.

Nach ein paar Minuten griff Helen nach dem Hörer, wählte eine Nummer und zwinkerte mir zu. »Hi, hier ist Helen Fairbrother. Ich brauche dringend einen Termin bei Pedro. Das Problem ist, dass es noch heute Nachmittag sein muss. Ehrlich? Fantastisch. Und kann ich danach ein paar Schönheitsbehandlungen haben? Ja, Pediküre, Wachsen, Solarium und eine Gesichtsbehandlung. Um zwei? Super, bis später. Es ist für meine Freundin Jessica. Jessica Wild.«

Sie wandte sich mir zu. »Also, ich schätze, wir brauchen einen Plan. Hol mal Stift und Papier. Wir starten Projekt Hochzeit

Kapitel 5

Pedro war, wie sich herausstellte, ein kleiner spanischer Friseur, der in einem winzigen Salon in der Nähe der Islington High Street arbeitete, der von der Straße aus kaum zu finden war – was, laut Helen, der springende Punkt war: Der Salon war ein absoluter Geheimtipp mit der besten Fadenenthaarung der Stadt.

Ich hatte zwar keine Ahnung, was mit Fadenenthaarung genau gemeint war, und ich wollte mir auch die Haare nicht schneiden lassen, aber wie ich schnell herausgefunden hatte, war jeder Widerstand zwecklos.

»Helen! Hiiiiiiii! O mein Gott, was hast du denn für irre Stiefel an?« Der Mann, der sich als Pedro entpuppte, stürzte auf Helen zu, kaum dass wir den obersten Absatz der Treppe zum Salon erklommen hatten. »Ich wusste gar nicht, dass du heute kommst. Was machen wir denn?«

»Eigentlich ist heute meine Freundin Jessica dran.« Helen trat zur Seite, damit Pedro mich in Augenschein nehmen konnte. »Wir brauchen ein Komplettstyling für sie.«

Pedro fiel die Kinnlade herunter, und ich spürte, wie mir heiß wurde, als sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf mich richtete – aller, damit waren drei Spitzenfrauen gemeint, deren Augen bis zu meinem Eintreffen auf ihr eigenes Spiegelbild gerichtet gewesen waren.

»Ein Komplettstyling? Ich liebe Komplettstylings. Was stellst du dir vor?«

»Einmal total, von oben bis unten.«

»Nur ein Haarschnitt«, warf ich besorgt ein. »Nichts allzu Dramatisches«, fügte ich hinzu, sah jedoch, wie Helen neben mir den Kopf schüttelte.

Pedro grinste, griff nach einer Strähne und begann, mein Haar zwischen den Fingern zu zwirbeln. »Kurz? Farbe?«

»Blond«, erklärte Helen entschlossen, gerade als ich

»Nein, keine Farbe, danke« sagte.

Pedro nickte, und ich wurde blass. »Blond?«, japste ich.

»Ich kann nicht blond sein.«

»Natürlich kannst du«, widersprach Helen. »Also, Pedro, was meinst du?«

Er runzelte die Stirn. »Ja, ich denke schon. Aber welches? Flippig-peroxidig oder lieber chichchimäßig mit Highlights?«

Helen musterte mich. »Highlights«, sagte sie. »Es soll teuer aussehen.«

»So wird es nicht nur aussehen, Süße«, lachte Pedro.

»Okay. Also machen wir natürlich aussehende Strähnchen. Und der Schnitt?«

Stirnrunzelnd betrachteten sie mich, wobei keiner sonderlich interessiert zu sein schien, mich in die Überlegungen einzubeziehen. Ich ertappte mich dabei, wie ich die Fäuste ballte. Ich hatte versprochen zu machen, was Helen wollte, aber blond? Wie bitte?

»Nur die Spitzen, bitte«, hörte ich mich sagen. »Ich habe sie erst vor ein paar Wochen schneiden lassen.«

»Ich würde sagen, Stufen wären nett«, erklärte Helen, ohne mich zu beachten.

»Stufen. Ja, das denke ich auch«, stimmte Pedro zu und verfrachtete mich auf einen Stuhl. »Stufen und ein langer Pony. So etwa …«

Er hob mein Haar vorn an, sodass ein dichter Pony über meine Stirn fiel. »Gott, Jessica, das wird absolut sensatio nell. Okay, Pedro, sie lässt auch die Brauen und die Beine machen, aber wir müssen auch noch einkaufen gehen, also mach nicht zu lange.«

Pedro grinste. »Alles klar. Setz dich einfach hin«, meinte er dann zu mir und zeigte auf einen Stuhl neben dem Waschbecken, »dann geht’s gleich los.«

Ich saß stocksteif da und umklammerte die Armlehnen. Blonde Stufen. Ich würde wie Lassie aussehen. Lächerlich. Wie eines dieser Flittchen, bei deren Anblick Oma immer den Kopf geschüttelt hatte. Frauen in Miniröcken, Frauen in Pastellrosa, Frauen mit zu viel Make-up. »Die enden eines Tages wie deine Mutter«, hatte sie stets düster gemurmelt.

»Und du auch, wenn du nicht aufpasst. Wenn Männer solche Frauen sehen, sehen sie nur ein Beutestück, ein Opfer. Sie werden über dich hinwegtrampeln, du wirst schon sehen. Und dann machen sie sich aus dem Staub – so schnell kannst du gar nicht gucken.« Ich hatte dann mit ernster Miene genickt, fest entschlossen, mich niemals so erwischen zu lassen, mich niemals zum Opfer oder zum Beutestück degradieren zu lassen. Aber auch den Gedanken, meine Mutter könnte eines von beidem gewesen sein, verbot ich mir. Oma täuscht sich in ihr, sagte ich mir immer. Sie hat mich nicht im Stich lassen wollen. Und sie hat auch nicht bei einem Verkehrsunfall sterben wollen.

Aber auch ohne meine Mutter als warnendes Beispiel war Oma Beweis genug. Nach vierzig Jahren Ehe, vierzig Jahren, wie sie immer wieder betonte, ließ mein Großvater sie wegen einer Frau sitzen, die halb so alt war wie sie. Er machte sich einfach aus dem Staub. Das war der Tag, an dem Oma aufhörte, Make-up zu tragen. An dem sie aufhörte zu lächeln – zumindest war ich mir in diesem Punkt ziemlich sicher. Auf all den Fotos mit Opa war eine völlig andere Frau zu sehen – eine glückliche, mit leuchtenden Augen. Aber seit er sie verlassen hatte, war ihre Miene stets finster. Um genau zu sein, verließ er Oma einen Monat, nachdem meine Mutter mich übers Wochenende bei ihr gelassen hatte. Einen Monat, nachdem meine Mutter in einen Wagen gestiegen, eine Straße hinuntergefahren und getötet worden war. Sie hätte ebenso gut nicht in diesen Wagen steigen können, sagte ich wieder und wieder zu Oma. Sie könnte noch leben, wenn sie zu Hause geblieben wäre.

Oma teilte meine Meinung nicht. Meine Mutter hätte einen Minirock angehabt, sagte sie, als erkläre das alles. Eine Frau ihres Alters in einem Minirock – das schreie förmlich nach Ärger.

Aber bevor ich Pedro Erklärungen über Strähnen und Miniröcke geben konnte, setzte sich der Stuhl bereits in Bewegung und rollte Richtung Waschbecken. Er packte mich beim Haar und begann, etwas einzumassieren – kein Shampoo, sondern etwas anderes, Öliges.

Es war Öl, wie ich wenige Minuten später feststellte.

»Für die Geschmeidigkeit«, hob Pedro hilfreicherweise hervor. »Bevor wir das Peroxid auftragen, ja?«

»Peroxid?« Mehr bekam ich nicht heraus. Dann wurde ich aus dem Stuhl gezerrt, auf einen anderen gesetzt, bekam eine Vogue in die Hand gedrückt und die Anweisung, strikt geradeaus zu sehen, während Pedro sich meinem Haar widmete, ein paar Strähnen herauszog, sie mit einer weißen Pampe bestrich und in Alufolie verpackte, bevor er die Prozedur mit einer anderen Strähne wiederholte. Ich konzentrierte mich auf einen Artikel über das fortwährende Streben nach Exklusivität in der Modewelt und versuchte, nicht an meine brennende Kopfhaut zu denken.

Kaum war mein Kopf mit Alupäckchen bedeckt, brachte man mich nach unten zu Maria, einer stämmigen Frau, die sich als Pedros Mutter entpuppte. Sie musterte mich streng von oben bis unten, befahl mir, mich auszuziehen und mich auf eine schmale Liege zu legen, wo sie sich über meine Beine hermachte. Sie bestrich meine Beine mit heißem Wachs und drückte einen Stoffstreifen darauf, den sie mit einem Ruck abriss. Es fühlte sich an, als sei die Hälfte meiner Haut gleich mit abgegangen. Es war grauenhaft, aber ich wollte nicht jammern, also biss ich die Zähne zusammen und schloss die Augen, als mir die Tränen kamen.

Als Nächstes widmete Maria sich meinen Brauen, die sie mit einer solchen Willkür ausriss, dass ich unter Garantie am Ende wie eine Gestalt aus einem Horrorfilm aussehen würde. Anschließend reichte sie mir einen Spiegel, damit ich ihr Werk begutachten konnte, doch ich hatte viel zu große Angst, hineinzusehen, deshalb legte ich ihn gleich weg, nickte und zwang mich zu einem Lächeln.

Sekunden später zerrte sie mich von der Liege, schrie:

»Pedro! Ich fertig!«, und schickte mich nach oben, wo meine Haare gewaschen werden würden.

»Ah«, rief Pedro, dessen Züge sich erhellten. »Ah, ja, schon besser, ja?«

Ich starrte auf meine Knie und nickte. Es war so unglaublich peinlich. Ich fühlte mich wie eine gerupfte Weihnachtsgans.

»Also, jetzt der Schnitt«, verkündete Pedro, nachdem er die Farbe ausgewaschen hatte, zückte seine Schere und schwenkte sie wie ein Matador sein rotes Tuch.

»Also, jetzt der Schnitt«, wiederholte ich nervös. Kaum begann die Schere zu klappern, schloss ich die Augen und versuchte, nicht an die Strähnen zu denken, die ununterbrochen auf meinen Schoß und meine Hände fielen und mir in der Nase kleben blieben. Notfalls konnte ich mir immer noch einen Schal kaufen. Ich könnte anfangen, Hüte zu tragen. Ich könnte mir den Schädel rasieren und allen sa gen, dass ich an einer stressbedingten Krankheit litt, bei der einem die Haare ausfielen.

Als Nächstes spürte ich die Hitze eines Föhns auf der Kopfhaut und wie mein Haar zerzaust und gebauscht wurde.

»Okay, jetzt musst du es dir ansehen.«

Ich schlug die Augen auf, ganz langsam, und richtete den Blick auf Pedros Gesicht im Spiegel. »Toll«, sagte ich. »Ganz toll.«

»Aber du hast ja nicht mal hingesehen«, erwiderte Pedro gekränkt.

»Oh. Stimmt.« Ich wurde rot und zwang mich, mein eigenes Spiegelbild anzusehen, wappnete mich innerlich für den verblüffenden Anblick und setzte ein Lächeln auf, das wahrscheinlich nicht ganz bis zu meinen Augen reichte, aber ausreichen würde, mit einem Minimum an Brimborium aus diesem Laden zu kommen.

Nur dass mein Anblick keine Verblüffung auslöste, sondern einen Schock.

»O mein Gott!«

Pedro starrte mich entsetzt an. »Gefällt es dir nicht?«

Ich riss die Augen auf. »Ich sehe gar nicht mehr aus wie ich.« Ich sah noch einmal genauer hin. Ich sah aus wie diese Mädchen, die laut in ihr Handy plappernd auf der Kings Road flanierten. Vor mir saß eine Frau, die ich sonst nur mit Verachtung strafte – eines dieser Mädchen, die samstags im Straßencafé saßen und mit einer Horde Freundinnen zu Mittag aßen und über Jungs, Schuhe und unwichtiges Zeug faselten, das sowieso keiner brauchte. Mein Haar besaß einen wie von der Sonne geküssten Honigblondton und war in dichte, bauschige Stufen geschnitten, die mein etwas kantiges Kinn weicher wirken ließen. Meine Brauen waren auch nicht vollständig verschwunden, sondern nur schmaler und mit mehr Schwung, sodass meine Wangenknochen stärker hervortraten und meinem Gesicht einen leicht fragenden Ausdruck verliehen.

»Es gefällt dir nicht«, wiederholte Pedro niedergeschlagen. »Das Komplettstyling gefällt dir nicht.«

»Nein«, beteuerte ich schnell. »Ich meine … ich weiß nur nicht … es ist nur … Ich …« Ich räusperte mich. »Ich hätte nur nie gedacht, dass ich so aussehen könnte«, brachte ich schließlich heraus. »Es ist nur so anders, das ist alles.«

»Gut anders?« In seinem Tonfall lag so große Hoffnung, dass ich es nicht über mich brachte, ihm zu sagen, wie schockiert ich war. Ich sah auf meine Hände hinunter, die von einer Schicht Haare bedeckt waren. Meinem Haar. Ich fühlte mich wie Samson. Und wie Aschenputtel. Ich war völlig durcheinander.

»Gut anders«, bestätigte ich, wenn auch ein wenig unsicher. Pedro, der zu dem Entschluss gelangt war, dass nun doch alles in Ordnung war, strahlte.

»Ja«, bestätigte er. »Anders ist gut. Alles ist gut.«

»Gut? Sieht gut aus?« In diesem Moment trat Maria hinter ihn und starrte mein Spiegelbild an. »Ah, ja«, meinte sie wohlwollend. »Jetzt hübsches Mädchen, ja? Viel besser.«

Ich nickte schwach, während ich noch immer versuchte, das Mädchen im Spiegel mit mir selbst in Einklang zu bringen.

»Wow« sagte Helen, riss den Blick von ihrer Zeitschrift los und hob die Brauen. »Du bist echt Wahnsinn, Pedro«, murmelte sie und musterte mein Spiegelbild.

»Und du auch, Maria«, fügte sie eilig hinzu, als sie Marias finsteren Blick bemerkte.

Pedro legte mir die Hände auf die Schultern. »Manche Leute gehen zum Schönheitschirurgen«, sagte er traurig, »dabei bräuchten sie nur einen Haarschnitt.«

 

»Und Brauen«, fügte Maria hinzu, »Augenbrauen sogar noch mehr als Haare.«

Alle Anwesenden ließen diese Erkenntnis eine Weile auf sich wirken – keiner war bereit, ihr zu widersprechen –, dann zog Helen mich auf die Füße. »Okay, Zeit zu gehen. Wir müssen noch ein bisschen einkaufen.«

»Einkaufen? Aber ich hasse einkaufen. Außerdem habe ich überhaupt kein Geld.«

Helen verdrehte die Augen. »Sieh es als Investition«, sagte sie ungeduldig.

Langsam stand ich auf und strich mir mit einer reflexartigen Geste das Haar hinter die Ohren. Doch es wollte einfach nicht dort bleiben. Es war glatt und glänzend, und der dichte Pony sprang sofort wieder zurück.

»Ein Jessica-sicherer Haarschnitt«, bemerkte Helen lächelnd, als sie mich zur Tür hinausschob. »Ein kleines Wunder.«

Kapitel 6

»Ich kann das nicht!«

Am Morgen nach meinem Komplettstyling entpuppte sich das, was wie eine von Helens ausgeflippten Ideen ausgesehen hatte, als sehr real und sehr beängstigend.

»Ich kann das auf keinen Fall. Aber so was von überhaupt nicht!«

Ich schluckte nervös. Helen und ich standen vor ihrem Ganzkörperspiegel, während sie mit den letzten Handgriffen meines Make-ups beschäftigt war. Make-up! Ich hatte noch nie vorher bei der Arbeit Make-up getragen.

Und damit nicht genug: Ich war seit anderthalb Stunden auf den Beinen und ließ mich von Helen in der Kunst unterweisen, wie man richtig flirtete (immer im gleichen Zimmer bleiben wie das zu beflirtende Objekt der Begierde), wie man lächelte, (die Lippen zuerst schürzen, bevor man den Mundwinkeln gestattet, sich zu heben, und nicht zu viel Zähne zeigen), wie man ein Kompliment annahm (verführerischer Augenaufschlag und »Danke« sagen, dann lächeln. Nicht die Brauen heben, als wolle man andeuten, dass derjenige, der das Kompliment macht, ein kompletter Vollidiot ist) und was man auf keinen Fall mit seinen Händen anstellen durfte (mit den Fingern auf dem Tisch trommeln, heftig gestikulieren). Und gerade war mir aufgegangen, dass das hier kein Spiel war, sondern knallharte Realität.

»Es geht einfach nicht«, stöhnte ich und holte tief Luft.

»Ehrlich, Helen. Und ich brauche das Geld auch nicht. Ich meine, Geld macht nicht unbedingt glücklich. Freundschaft und Liebe, das macht die Menschen glücklich, oder?«

Helen lächelte und schlang die Arme um mich. »Jess, ich bin deine einzige Freundin. Vertrau mir, du brauchst das Geld.«

Ich verzog das Gesicht, riss mich zusammen und konzentrierte mich wieder auf mein Spiegelbild. Meine Füße steckten in sieben Zentimeter hohen Hacken, meine Beine in hauchzarten Nylonstrümpfen, darüber trug ich einen knallengen Rock, der nicht einmal vorgab, bis zu den Knien zu reichen, dazu einen flauschigen Kaschmirpulli, und meine frisch geschnittene Mähne schimmerte, als wäre ich bei einem Shooting für eine Haarspray-Anzeige.

Helen musterte mich. »Es gefällt dir also nicht?«

Ich runzelte die Stirn. »Nein, ich sehe aus wie … wie …«

»Wie jemand, zu dem sich tatsächlich ein Mann hingezogen fühlen könnte?«, ergänzte Helen mit funkelnden Augen. »Wie jemand, der sich erlaubt, sich von Zeit zu Zeit zu amüsieren?«

Ich sah ihr in die Augen und errötete leicht. Eigentlich hatte ich »wie eine bescheuerte Schlampe« sagen wollen.

»Okay, ich muss jetzt los«, sagte ich stattdessen, sah eilig zu Boden und fragte mich, wieso er nur so weit weg war.

»Okay«, meinte Helen. »Und denk daran: Mund zu beim Lächeln und nicht hinter dem Computer abtauchen.«

Ich hob eine Braue, worauf sie mir einen Klaps auf die Schulter verpasste. »Los, Jess, reiß dich zusammen. Du musst offen und freundlich sein.«

»Alles klar«, sagte ich in der Annahme, dass Widerstand sowieso zwecklos war.

»Dann beweise es auch. Hör auf, ständig an dir herumzufummeln und in den Spiegel zu sehen, als wärst du in eine Freakshow geraten«, befahl Helen.

»Ich fummle nicht an mir herum«, widersprach ich trotzig.

»Lass die Arme an den Seiten baumeln und steh gerade. Du bist Jessica Wild, ein heißes Babe. Also noch mal: Wer bist du?«

Ich zuckte ungelenk mit den Achseln. »Ich bin Jessica Wild«, murmelte ich.

Helen verdrehte die Augen. »Du bist Jessica Wild, ein heißes Babe, in das sich Anthony Milton Hals über Kopf verlieben wird«, blaffte sie. »Und jetzt sag es!«

»Nein. Du hast dich bei den Haaren durchgesetzt, und ich trage Make-up. Aber ich werde nicht auch noch sagen, dass ich ein heißes Babe bin.«

»Doch, wirst du. Wenn du es nicht laut aussprichst, wirst du es nicht glauben. Deshalb gehst du erst hier raus, wenn du es gesagt hast«, befahl Helen.

»Aber ich glaube nicht daran.«

»Okay, Jess, wir können das hier auf die einfache Tour durchziehen oder auf die harte. Du kannst es sagen und gehen, oder … oder wir bleiben den ganzen Morgen hier stehen. So lange, bis du es gesagt hast.«

»Du kannst mich nicht zwingen«, erklärte ich tonlos.

»Ich habe die Wohnungstür abgeschlossen und deinen Schlüssel versteckt.«

Meine Augen weiteten sich. »Das hast du nicht …«

»Sag es.«

Flehend starrte ich sie einige Sekunden an, doch ihre Miene blieb ausdruckslos. Am Ende gab ich nach. »Ich bin Jessica Wild«, brummelte ich. »Ein heißes Babe.«

»In das …? Los, sprich den Satz zu Ende.«

»In das sich Anthony Milton Hals über Kopf verlieben wird«, murmelte ich. »Nur dass er das nicht tun wird. Helen, das ist doch idiotisch.«

»Nein, ist es nicht. Los, noch mal. Ich bin Jessica Wild, ein heißes Babe, und ich bin hinreißend, leidenschaftlich und einzigartig

»Ich bin Jessica Wild«, seufzte ich. »Ein heißes Babe. Ich bin hinreißend, leidenschaftlich und …«

»Und einzigartig.«

»Und einzigartig«, wiederholte ich lustlos. Vor meinem geistigen Auge sah ich meine Oma, die mich kopfschüttelnd beobachtete.

»Und jetzt sag es, als würdest du es auch so meinen.«

Verärgert sah ich Helen an. Wenn es so weiterging, kam ich noch zu spät zur Arbeit. »Ich meine es aber nicht so.«

»Solltest du aber besser. Wann musst du im Büro sein?«

Ich sah auf die Uhr. »Ich muss jetzt los«, sagte ich. »Und zwar auf der Stelle.«

»Also, dann sag es gleich noch mal.«

Ich kniff die Augen zusammen und wog im Geiste die Vorstellung, zu spät ins Büro zu kommen, gegen die Peinlichkeit der Worte ab, die Helen mir zu entlocken versuchte. Schließlich zuckte ich mit den Achseln. »Von mir aus. Ich bin Jessica Wild.« Ich warf mein Haar zurück. »Ich bin ein heißes Babe, und Anthony Milton wird sich Hals über Kopf in mich verlieben.«

»Wer bist du?«

»Jessica Wild.« Breites Grinsen mit viel Zahn.

»Und jetzt mit dem Lächeln, das wir geübt haben.«

»Jessica Wild«, erklärte ich mit einem effektvollen Schmollen.

»Und was bist du?«

»Ein heißes Babe, hinreißend, leidenschaftlich und einzigartig.« Ich unterstrich meine Worte mit einem kurzen Hüftschwung in Helens Richtung, nur zur Sicherheit, damit sie mich auch wirklich gehen ließ.

»Und wer wird sich Hals über Kopf in dich verlieben?«

»Anthony Milton.«

»Gut«, meinte sie und zog den Hausschlüssel aus ihrer Tasche. »Jetzt kannst du gehen. Nein, noch nicht. Diese Handtasche kannst du unmöglich nehmen. Hier, nimm eine von meinen.«

Ungläubig sah ich zu, wie sie den Inhalt meiner Handtasche in eine ihrer jüngsten Errungenschaften verfrachtete.

»Als wäre eine Handtasche wichtig«, meinte ich und verdrehte die Augen.

»Die Tasche? Natürlich ist die wichtig. Taschen sind deine Visitenkarte«, erklärte Helen im Brustton der Überzeugung.

»Eine Tasche sagt alles, was gesagt werden muss. Okay, Taschen und Schuhe.«

»Toll, ich werde es mir merken«, behauptete ich abfällig, schnappte die Tasche und wartete darauf, dass Helen die Tür aufschloss, ehe ich vorsichtig (auf knapp sieben Zentimeter hohen Absätzen war das nicht anders möglich) die Straße entlang zur U-Bahn eierte.

 

Als ich in Farringdon ausstieg, fühlten sich meine Füße an, als bluteten sie. Wahrscheinlich taten sie das auch. Wer auch immer diese Schuhe entworfen hatte, die Helen mir aufgezwungen hatte, hasste entweder Frauen oder Füße oder trug solche Dinger nie selbst.

Genervt – inzwischen fühlte ich mich von »Jessica Wild, dem heißen Babe« etwa so weit entfernt wie der Südpol vom Äquator – humpelte ich in den Coffeeshop an der Ecke, um mir meine gewohnte Morgenration Koffein zu kaufen (ein kleiner Cappuccino ohne Schokolade, falls es Sie interessierte) und stellte mich in die Schlange.

»Kaffee?«

Ich lächelte. »Das Übliche, bitte.«

Gary, der Kerl am Tresen, runzelte die Stirn, dann grinste er. »Ach, Sie sind’s. Sie sehen ganz anders aus.«

Ich errötete vor Verlegenheit. Er fand, dass ich albern aussah. Und er hatte vollkommen recht damit.

»Sie haben die Haare anders, ja? Sieht gut aus!«, fuhr er fort. »Sehr glamourös.«

»Wohl kaum.« Ich biss mir auf die Lippe. »Sie glänzen viel zu sehr. Und es ist völlig unpraktisch.«

»Nein, es sieht gut aus.« Gary grinste mich noch immer an. »Sehr gut. Mir gefällt’s.« Eigentlich hieß er gar nicht Gary, hatte er mir mal erzählt. Er war Pole und hieß Gerrik, aber wenn ihn die Leute nach seinem Namen fragten, musste er ihn pausenlos wiederholen mit dem Resultat, dass sein Gegenüber glaubte, er habe trotzdem »Gary« gesagt, also hatte er es aufgegeben, noch irgendjemanden zu korrigieren.

Er wandte sich um, bereitete meinen Kaffee zu und reichte mir den Becher. »Kein Geld«, erklärte er, als ich ihm zwei Pfundmünzen geben wollte. »Und den Muffin des Tages kriegen Sie auch noch dazu. Von mir. Als Geschenk.«

»Ein Geschenk?« Ich sah ihn bestürzt an. Er hatte Mitleid mit mir. Das war die einzige Erklärung. »Nein, nein, Sie müssen das Geld nehmen, Gary. Hier …«

Doch er hob die Hände. Und dann zwinkerte er. Stirnrunzelnd wandte ich mich um, aber hinter mir war niemand, und als ich mich wieder umdrehte, zwinkerte er erneut.

»Geht aufs Haus«, erklärte er mit fester Stimme.

»Ehrlich?«, fragte ich staunend.

»Ehrlich. Dafür, dass Sie mir den Tag versüßt haben.« Ihm den Tag versüßt? Soweit mir bekannt war, hatte ich noch nie jemandem den Tag versüßt. Gary schenkte mir ein breites Grinsen, das ich halbwegs erwiderte, ehe ich leicht verwirrt kehrtmachte und den Laden verließ.

»Wenn Sie mir ein Croissant schenken, versüße ich Ihnen auch den Tag«, hörte ich eine Frau sagen, als ich die Tür öffnete.

»Ist schon süß genug, danke«, erwiderte Gary mürrisch.

»Und wenn Sie weiter so grinsen, zahlen Sie das Doppelte.«

Auf unsicheren Beinen stakste ich die Straße entlang zum Büro. Als ich vor der Tür stand, läutete mein Handy. Ich nahm meinen Kaffee und den Muffin in die linke Hand und zog es heraus. ZU HAUSE stand auf dem Display.

»Hallo?«

»Ich hab vergessen, dir zu sagen, dass du den Kopf hochhalten sollst. Du siehst immer auf den Boden. Also lass das unbedingt, okay?«

Ich seufzte. »Sollest du dich heute nicht um neue Aufträge bewerben?«

»Tue ich doch«, erwiderte Helen schnell. »Aber du stehst an oberster Stelle.«

»Tja, vielen Dank«, meinte ich. »Ich verspreche, den Kopf oben zu halten, wenn du deinen Lebenslauf zusammenstellst.«

»Wenn du das hier hinkriegst, werde ich keinen Job mehr brauchen. Dann bist du Millionärin. Und ich deine bezahlte Gesellschafterin.«

»Bis dann, Helen.« Ich verstaute mein Telefon in der Tasche. In diesem Moment erblickte ich Anthony hinter den Glastüren. Er war auf dem Weg nach draußen. Ich spürte, wie ich mich schlagartig anspannte.

Ich drückte gegen die Tür, doch Anthony zog sie in derselben Sekunde zu sich heran, sodass ich, statt wie ein normaler Mensch hindurchzugehen, vorwärtsfiel und gegen ihn prallte. Hastig richtete ich mich wieder auf, doch meine Beine, die nicht daran gewöhnt waren, auf Absätzen mit dem

 

Durchmesser eines Stecknadelkopfs zu balancieren, gaben unter mir nach, während ich die Hände Halt suchend nach etwas – irgendetwas – ausstreckte, um nicht zu Boden zu gehen. Ich ließ meinen Kaffeebecher los, der wie in Zeitlupe durch die Luft segelte, direkt in Anthonys Richtung, sodass der Kaffee auf seine Schuhe spritzte und nur knapp seine Hosenbeine verfehlte. Und hätte Anthony mich nicht aufgefangen, wäre auch ich dort gelandet.

»Scheiße! Ich meine, o Gott, es tut mir so leid.« Sämtliche Farbe wich aus meinem Gesicht. Anthony musterte mich einen Moment lang. Seine strahlend blauen Augen waren eine Spur größer als sonst, und auf seiner Miene lag ein erstaunter Ausdruck. Dann grinste er, streckte die Hand aus und brachte mich wieder in aufrechte Position.

»Jessica. Geht es dir heute Morgen besser?«

»Ja. Danke«, stammelte ich. »Und es tut mir leid. Das mit dem Kaffee, meine ich.«

»Muss es nicht«, meinte er, noch immer lächelnd. »Es war meine Schuld. Hübsche Schuhe, übrigens. Sind die neu?«

Ich nickte unsicher, als er mir die Tür aufhielt.

»Bis dann.« Er zwinkerte mir zu, machte dann kehrt und ging zielstrebig auf sein Büro zu, während ich fassungslos zurückblieb. Schuhe? Wieso um alles in der Welt gefielen ihm meine Schuhe?

»Jess?«

Marcia starrte mich fassungslos an, als ich an meinen Schreibtisch trat.

»Hi, Marcia.« Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen und fuhr den Computer hoch.

»Du … du hast was an dir verändert.« Sie musterte mich argwöhnisch.

»Nur ein neuer Haarschnitt.«

»Was? Gestern? Ich dachte, du bist krank.«

Ich wurde rot. »Meine … Mitbewohnerin hat sie geschnitten. Um mich aufzumuntern«, log ich.

Marcia kniff die Augen zusammen. »Deine Mitbewohnerin?«

Ich nickte und hoffte, dass sie nicht noch mehr Fragen stellte. Zum Glück griff sie nach einer Akte.

»Also geht es dir besser, ja? Keine Schwächeanfälle mehr, um Aufmerksamkeit zu kriegen?«, meinte sie spitz.

Ich nickte und sah nach, ob mein Handy sicher in meiner Tasche verstaut war. »Danke. Es geht mir gut.«

»Gut.« Seufzend lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück.

»Also, hör zu, du kennst dich doch mit dem Jarvis-Projekt aus, oder?«

Ich zog meine Schuhe aus. »Klar. Die Bank.« Es war ein Neukunde, den Marcia bekommen hatte trotz ihres Protests, dass sie sich im Bankenwesen nicht auskannte.

Marcia nickte. »Das Problem ist, dass ohne diese PowerPoint-Präsentation gar nichts geht«, fuhr sie fort. »Du kannst das doch so gut … Du würdest mir nicht zufällig helfen, oder?«

Ich sah sie streng an. »Marcia, ich habe dir PowerPoint doch schon x-mal erklärt. Es ist kinderleicht …«

Sie lächelte. »Weiß ich, weiß ich. Aber du kannst das viel besser als ich. Ich dachte nur … weil du doch gestern den ganzen Tag gefehlt hast, würdest du mir vielleicht helfen …«

»Also gut.« Seufzend zog ich den Ordner heran. »Also, bis wann brauchst du die Präsentation?«

Sie wich kaum merklich zurück. »Um zehn.«

»Morgen?«

»Heute.«

Ich starrte sie an. »Heute? Das ist in … einer Stunde!«

»Ich weiß, ich weiß.« Marcia sah mich mit einem Da ckelblick an. »Ich hätte wirklich früher anfangen sollen, aber es war so viel zu tun. Ich meine, ich habe es seit Wochen nicht mehr geschafft, mir die Haare schneiden zu lassen …« Sie sah mich hoffnungsvoll an, worauf ich rot wurde. Das mit dem Haarschnitt war keine gute Idee gewesen. Ich hatte es gewusst.

»Klar«, erwiderte ich tonlos. »Ich sehe, was ich machen kann.«

»Danke, Jess, du bist ein Schatz.« Marcia zwinkerte mir zu, wartete einen Moment, bis ich ihr Lächeln erwiderte, und griff dann zum Hörer. »Hi, Net-A-Porter? Ja, hallo, ich habe mich gefragt, ob Sie mir wohl ein bisschen mehr über ein Kleid von Marc Jacobs erzählen könnten, das mir aufgefallen ist …«

Ich schlug die Akte auf. Darin befand sich ein zwanzigseitiges Dossier von Jarvis Private Banking, die die Lancierung eines neuen Investmentfonds für Frauen planten – für junge, berufstätige Frauen, für die Investmentfonds eigentlich ein Fremdwort waren. Die Agentur sollte sich einen Namen, eine Marke und ein Konzept überlegen, die dem Ganzen den Touch verliehen, als sei es witzig, lässig, anspruchsvoll und etwas, was man unbedingt haben musste.

Dabei lagen zwei DIN-A4-Seiten mit Marcias kaum entzifferbaren Notizen:

Chester Rydall, Vorstand aus New York. Lässiger Anzug.

Wichtiger Kunde, braucht etwas Anständiges, Solides.

Frauen – jung. Farben? Logo? Bunt, aber nicht billig und auch nicht protzig. Teuer.

Anspruchsvoll? Wie …?

Biomarkt – herausfinden, was Krauskohl ist??

 

Engelbuch. Habe ich einen Schutzengel? Kann ich ihn einspannen?

Ausverkauf, Kensington Church Street. Samstag, 12 Uhr. NICHT VERGESSEN!

Auf dem zweiten Blatt hatte sie hilfreicherweise eine Liste all jener Dinge zusammengestellt, die sie beim Ausverkauf zu ergattern erhoffte, einschließlich einer schwarzen Hose und eines Cocktailkleids, das zu ihrer Handtasche passte.

Ich starrte die Liste an. Das waren keine Notizen für eine Kampagne. Nicht mal ansatzweise. War das irgendein Scherz, den ich nicht verstand?

»Und? Viel Arbeit?« Ich hob den Kopf und sah Anthony, der sich über mich beugte. Hastig klappte ich den Ordner zu. »Ich dachte, du willst vielleicht einen. Ich meine, immerhin ist dein erster Becher … ausgelaufen. Tut mir übrigens wahnsinnig leid.«

Er stellte einen Becher Kaffee vor mir ab, den ich verständnislos anstarrte. »Du … hast mir den hier mitgebracht?«, fragte ich verdattert.

»Ich wusste nicht, wie du ihn trinkst«, fuhr Anthony lässig fort. »Also habe ich Zucker mitgebracht.«

»Zucker«, wiederholte ich stumpfsinnig. Anthony Milton hatte mir gerade eben einen Kaffee gekauft. Es kam so … unerwartet.

»So ist es. Ich hoffe, es stört dich nicht?«

»Stören? Nein, nein, es stört mich nicht«, brachte ich mühsam hervor. Er lächelte mich an. Augenblicklich war Marcia zur Stelle.

»Anthony«, schalt sie ihn säuselnd. »Jessica hat eine Menge Arbeit. Und wir müssen über Chester Rydall reden.«

Er wandte sich ab, und ich widmete mich eilig wieder Marcias Notizen.

»Natürlich«, sagte er. »Bei mir?«

»Perfekt.« Marcia stand lächelnd und geschmeidig auf und strich sich kokett den Rock glatt.

»Du gehst weg?«, fragte ich. »Aber … bevor du gehst … ich glaube, du hast mir die falschen Notizen gegeben.«

»Die falschen Notizen?«

»Für die Präsentation. Ich habe nicht die Informationen, die ich brauche.«

Marcia verdrehte die Augen. »Es ist alles da drin«, erklärte sie ärgerlich, ehe sie Anthony mit einem weiteren Lächeln bedachte. »Ich meine, sei doch mal ein bisschen kreativ, ja? Schließlich arbeiten wir hier in einer Werbeagentur.«

»Kreativ sein?«, wiederholte ich und zog eine Braue hoch.

»Okay, aber … bist du ganz sicher, dass das der richtige Ordner ist? Oder soll ich die Präsentation auf der Basis des Dossiers zusammenstellen?«

Marcia warf einen Blick auf den Ordner vor mir. »Ja, es ist der richtige. Und wieso sollte jemand eine Präsentation auf der Basis des Dossiers zusammenstellen, die uns der Kunde gegeben hat? Jess, Anthony und ich haben wichtige Dinge zu besprechen, deshalb wäre ich wirklich froh, wenn du einfach nur eine Präsentation für mich erstellen würdest, wie ich dich gebeten habe. Okay, Jess?«

»Also gut«, seufzte ich. »Gut, dann tippe ich eben alles zusammen.«

»Danke, Jess.« Marcia zauberte ein honigsüßes Lächeln auf ihr Gesicht und machte sich auf den Weg. »Das wäre ganz toll. Und mir gefällt dein Haarschnitt echt gut. Steht dir.«

 

Um 9:50 Uhr kehrte Marcia an ihren Schreibtisch zurück. Es war mir gelungen, ganze sechs Präsentationsblätter zusammenzustellen – darunter eines mit den Worten BUNT, NICHT BILLIG, NICHT PROTZIG, wie ich zu meiner end losen Schande gestehen musste. Ich wand mich innerlich bei der Vorstellung von Marcias Gesicht, wenn eine Reihe seriöser Banker die Blätter zu Gesicht bekäme, aber das war nicht mein Problem. Ich überprüfte ein letztes Mal die Rechtschreibung, sorgsam darauf bedacht, mir die Präsentation nicht allzu genau anzusehen, dann speicherte ich sie und schickte sie per Mail an Marcia, ehe ich mich meiner eigenen Arbeit zuwandte.

Zwei Minuten später stand Marcia leichenblass neben mir am Schreibtisch.

»Das soll die Präsentation sein?«, fragte sie und starrte entsetzt auf den Ausdruck der sechs PowerPoint-Folien.

Ich nickte.

»Aber das ist ja überhaupt nichts!«, sagte sie mit kaum hörbarer Stimme. »Ich muss in zehn Minuten präsentieren. Vor dem Vorstand von Jarvis. Das hier ist keine Präsentation, das ist … das ist ein Witz! Jessica, ich dachte, ich könnte auf dich zählen. Ich war sicher, dass du das zusammenkriegst. Ich habe mich auf dich verlassen!«

Behutsam zog ich die Notizen heran, die sie mir gegeben hatte. »Marcia, das sind deine Notizen aus der Akte. Ich habe mich ganz genau daran gehalten.«

Marcia nahm die Blätter und musterte sie, dann streckte sie die Hand aus, um sich an meiner Tischkante abzustützen.

»Ach du Scheiße. Verdammt noch mal, das sind die verkehrten Notizen. Die hier sind …« Ihr Blick heftete sich auf den unteren Seitenrand, wo sie angefangen hatte, ihre Einkaufsliste zusammenzustellen. »Das war nur … ich meine, das waren nur die ersten …«

»Bereit für das Meeting? Anthony sagt, du bist sehr zuversichtlich, was diese Präsentation betrifft, Marcia. Willst du schon mal etwas verraten?«

Marcia und ich sahen gleichzeitig auf. Max war hinter uns getreten. Marcias Gesicht nahm eine grünliche Farbe an, während ich dunkelrot anlief. Mir fiel auf, dass das in Max’ Nähe ständig passierte. Vielleicht sollte ich deswegen mal zum Arzt gehen.

»Nein, nein, alles bestens«, sagte sie, auch wenn ihre Miene etwas anderes ahnen ließ. Dann sah sie mich mit einem eigentümlichen Ausdruck an. »Wo wir gerade dabei sind, Max, ich habe mir überlegt, ob Jessica nicht an dieser Präsentation teilnehmen sollte.«

Ich sah sie verblüfft an. Sie hatte mich noch nie zu einem ihrer Meetings eingeladen.

»Tolle Idee. Wo ist sie eigentlich? Ist sie überhaupt da?« Ich rang mir ein Grinsen ab. »Sehr witzig.«

Max runzelte die Stirn und starrte mich an. »Jess?« Er kam näher und musterte mich eingehend. »Heiliger Strohsack, bist du das wirklich? Was ist passiert? Was hast du mit deinen Haaren angestellt?«

»Sie hat sie schneiden lassen«, erklärte Marcia. »Und ein paar schicke neue Klamotten hat sie auch. Erstaunlich, dass sie die Zeit dafür hatte, wo sie doch so krank war.«

»Ich dachte, du bist eine neue Praktikantin oder so etwas«, meinte Max stirnrunzelnd, ohne auf Marcias Spitze einzugehen.

Wieder rang ich mir ein Lächeln ab. »Nein, ich bin’s nur.«

Einige Sekunden lang musterte er mich argwöhnisch, als müsste er sich immer wieder versichern, dass seine Sinne ihn nicht trogen.

»Also, was sagst du, Max?«, schaltete sich Marcia wieder ein.

»Zu Jess’ Haar? Gefällt mir, würde ich sagen. Ich meine, ich muss mich erst noch daran gewöhnen, aber …«

»Ich meine, dazu, dass sie mitkommt«, unterbrach Marcia ihn mit einem genervten Seufzer.

Max zuckte kaum merklich zusammen. »Klar. Natürlich. Na ja, ich denke, das ist eine tolle Idee. Jess, bist du bereit?« Ich nickte. »Natürlich. Ich meine, es wäre wirklich hilf reich …«

»Gut«, warf Marcia ein, »denn Jess hat an diesem Projekt sehr viel mitgearbeitet, und es wäre bestimmt eine tolle Chance für sie, wenn sie heute präsentiert. Na, was meinst du, Max?«

Es dauerte einige Sekunden, bis der Groschen bei mir fiel.

»Nein … ich meine … ich kann nicht …«, stammelte ich.

»Natürlich kannst du. Ich meine, du hast sie doch praktisch geschrieben«, sagte Marcia, ohne mir in die Augen zu sehen.

»Das habe ich nicht! Ich habe überhaupt nichts …« Ich starrte sie entsetzt an.

»Tolle Idee!«, meinte Max lässig, ohne meinen Protest zu beachten. »Ich sage nur kurz Anthony Bescheid, aber was mich angeht, ist Jessica herzlich willkommen im Team. Ich sehe euch dann in ein paar Minuten, ja?«

Ehe ich noch etwas erwidern konnte, war er verschwunden. Ich fuhr zu Marcia herum.

»Ich kann diesen Mist nicht präsentieren!«, protestierte ich. »Das ist nämlich keine Präsentation, die ihren Namen verdient. Außerdem weißt du genau, dass ich nicht frei sprechen kann. Marcia, das kannst du mir nicht antun!«

»Ich weiß.« Marcia erhob sich. »Aber das ist nicht meine Schuld. Du hast die Präsentation zusammengestellt, Jess. Also übernimm gefälligst ein wenig Verantwortung.«

»Ich? Ich habe dir nur einen Gefallen getan. Ich hatte nichts mit all dem –«

»Das ist deine erste Präsentation«, unterbrach Marcia.

»Wenn sie in die Hose geht, werden es alle auf deine Unerfahrenheit schieben. Ich werde dich in Schutz nehmen. Und alles ist in bester Ordnung. Aber wenn ich es vergeige …« Sie seufzte dramatisch. »Max hat sowieso etwas gegen mich. Ihm kommt jede Gelegenheit entgegen, mich zu feuern.«

»Du wirst nicht gefeuert!« Ich war völlig verzweifelt.

»Aber ich, wenn ich diesen Mist präsentiere. Marcia, ich kann einfach nicht. Wirklich nicht. Du musst es machen.«

»Nein.« Marcia schüttelte den Kopf. »Nein, das werde ich nicht. Also, wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich langsam anfangen zu üben. Okay?« Mit einem knappen Lächeln wandte sie sich wieder ihrem Schreibtisch zu. Und ich wünschte mir zum zweiten Mal innerhalb von genauso vielen Tagen, ich wäre tot.

Kapitel 7

Auf unsicheren Beinen (was diesmal nicht an den Schuhen lag) betrat ich den Konferenzraum. Augenblicklich war Max an meiner Seite.

»Tja, Premiere, was?« Er lächelte. Normalerweise hätte ich mich sofort besser gefühlt, aber das hier war nicht die Normalität. »Wird auch allmählich Zeit.«

»Stimmt«, erwiderte ich, sorgsam darauf bedacht, Ruhe zu bewahren. »Also, welcher ist Chester Rydall?«

Max zeigte auf einen Mann mit Silberschopf und gebräuntem Teint, der mit Anthony redete – der Kerl sah aus, als käme er geradewegs von Bord einer Yacht. Alle flatterten um ihn herum – er bekam Kaffee angeboten und Orangensaft, er wurde gefragt, ob er Hunger habe. Nur Anthony und Max schienen von dem Titan der Finanzwelt völlig unbeeindruckt zu sein.

»Max! Komm her und begrüße Chester Rydall!« Anthony eilte zu ihm und packte ihn bei den Schultern.

»Natürlich. Und Jess sollte ihn auch kennenlernen«, sagte Max wie aus der Pistole geschossen. »Immerhin macht sie heute die Präsentation.«

»Definitiv!« Anthony schenkte mir ein wohlwollendes Lächeln, das ich unsicher erwiderte. Das war schon das zweite Mal heute, dass er mich so anlächelte. Ziemlich beunruhigend. »Tolle Haare, übrigens«, flüsterte er. »Steht dir gut.« Verblüfft starrte ich ihn an, aber bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er den Arm um Chester gelegt. »Chester, darf ich Ihnen Max, meinen Geschäftspartner, vorstellen. Und Jessica. Jessica Wild.«

»Anthony, könnte ich dich kurz sprechen?« Ohne Vorwarnung materialisierte sich Marcia mit einem breiten, einfältigen Grinsen neben ihm.

»Klar. Kein Problem.« Anthony nickte und ließ Max und mich allein mit Chester zurück.

»Jessica Wild«, sagte Chester und schüttelte mir die Hand.

»Toller Name. Und, sind Sie schon lange dabei?«

Ich räusperte mich. »Äh, ja, eine Weile«, brachte ich schließlich hervor. »Na ja, ein paar Jahre.«

»Jess ist eine unserer besten Projektmanagerinnen«, erklärte Max mit bierernster Miene. Verblüfft sah ich ihn an. Das hatte er noch nie zu mir gesagt.

»Tatsächlich? Wunderbar.« Chester lächelte. »In diesem Fall freue ich mich auf Ihre Präsentation, Jess.«

»Die Präsentation. Genau.« Mir rutschte das Herz in die Hose. Schlimm genug, dass meine Präsentation ohnehin eine peinliche Lachnummer werden würde, aber nun waren auch noch die Erwartungen hochgeschraubt – das Schlimmste, was überhaupt passieren konnte. Ich sah bereits Max’ tödliche Blicke, wenn ich die Präsentation vermasselte, spürte die Last seiner Enttäuschung auf meinen Schultern.

Aber bevor ich Gelegenheit hatte, mir eine Ausrede einfallen zu lassen, aus dem Konferenzraum zu flüchten, oder gar einen weiteren Schwächeanfall zu mimen, kehrte Anthony zurück. »Also, Leute, es ist Viertel nach zehn. Was haltet ihr davon, die Sache über die Bühne zu bringen? Bist du bereit, Jess?«

Mit hämmerndem Herzen nickte ich zaghaft.

Er führte Chester zum Tisch und nahm neben ihm Platz. Marcia setzte sich neben Anthony, während Max sich ge meinsam mit Chesters beiden Begleitern gegenüber hinsetzte. Ich nahm den Stuhl neben Marcia und versuchte, meinen Puls unter Kontrolle zu bringen, obwohl mir klar war, dass es nur eines gab, um ihn zu drosseln: den Raum zu verlassen und nie, nie wieder zurückzukehren.

»Ich habe deine Präsentation auf den Projektor gelegt«, verkündete Marcia lächelnd. Ich schluckte.

»In Wahrheit ist es gar nicht meine Präsentation«, behauptete ich und spürte alle Blicke auf mir. »Ich meine, so viel hatte ich gar nicht damit zu tun.«

»Sei nicht albern, Jess, du hast sie zu Papier gebracht«, warf Marcia zuckersüß ein, worauf mich eine Woge der Übelkeit erfasste. Ich fühlte mich, als würde ich das Szenario von oben betrachten und könnte beim Anblick der Jessica am Tisch ganz locker mit den Achseln zucken. All die Arbeit, die ich auf mich genommen hatte, seit ich diesen Job an Land gezogen hatte, würde sich in ein paar Minuten als vergebliche Liebesmüh erweisen. Mein würdevolles Auftreten, das ich mir so mühsam abgerungen hatte, gleich würde alles in Schutt und Asche liegen.

Anthony sah einen Moment lang nachdenklich drein, ehe er Chester ein Lächeln schenkte. Sekunden später stand er auf und trat ans Fenster. »Milton Advertising«, begann er nach einer Pause, »ist keine gewöhnliche Werbeagentur. Klar, wir tun gewöhnliche Dinge, allerdings mit dem Unterschied, dass wir dabei ungewöhnliche Vorgehensweisen wählen. Wenn wir für einen Klienten arbeiten, wird dieser Klient Teil unserer Familie, Teil unseres Daseinszwecks, wenn man es so ausdrücken will. Die Probleme unserer Kunden machen wir damit zu unseren Problemen und ihre Erfolge zu unseren Triumphen. Wir teilen Ihnen nicht einfach Mitarbeiter zu, die für Ihre Belange verantwortlich sind, sondern wir vertrauen sie Ihnen an. Wir arbeiten mit unseren Klienten, nicht für sie. Wir nehmen weite Wege auf uns, wir stehen zur Verfügung, wann immer Sie uns brauchen und nicht, weil unser Büro zufällig gerade besetzt ist. Und wenn wir den Auftrag bekommen, eine neue Marke zu entwickeln, kreieren wir nicht nur individuell angepasste Logos und Schriftzüge, sondern denken über die wesentlichen Werte nach, die sie vermitteln sollen. Wir überlegen, wofür ein Unternehmen steht und was seine Marke kommunizieren muss – im Hinblick auf Kunden, auf Mitbewerber, auf Aktionäre, auf die Medien, die Öffentlichkeit …, und wir helfen Ihnen, Ihr gesamtes Unternehmen zu einer unverwechselbaren Marke zu machen. Damit Sie nichts dem Zufall überlassen müssen und Ihre Firmenphilosophie perfekt nach außen kommunizieren, machen wir nicht nur Ihre Empfangsdame in Sachen Rhetorik fit, sondern wir schulen auch Ihre Online-Mitarbeiter in der Kundenbetreuung. Wir denken in großen Dimensionen, sind aber genauso versessen auf Perfektion im Detail. Wir sind unermüdlich, engagiert und kompetent. Manchmal sagen wir Ihnen vielleicht Dinge, die Sie nicht gern hören, aber wir sagen Ihnen lieber die Wahrheit, als zu riskieren, dass Sie sie später anderswo erfahren. Kurz gesagt – wir engagieren uns für Sie. Mit ganzem Einsatz – angefangen von der heutigen Präsentation bis zur Entwicklung Ihrer Marke, sofern Sie uns damit betrauen sollten. An dieser Stelle wandte er sich Chester zu – »was ich aufrichtig hoffe.«

Die Spannung im Raum war förmlich mit Händen greifbar. Alle Augen waren auf Anthony gerichtet. Ich wusste, dass er in Wahrheit rein gar nichts gesagt hatte – zumindest nichts von substanziellem Wert –, aber seine Worte hatten trotzdem gut eingeschlagen. Selbst ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich ihn an Chesters Stelle engagieren würde.

Wortlos setzte Anthony sich. Niemand sagte etwas. Sekunden später räusperte sich Chester erwartungsvoll; trotzdem ergriff niemand das Wort. War das Taktik?, fragte ich mich. War das der Versuch, den Kunden zu verunsichern, ihn aufs Glatteis zu führen? In diesem Moment spürte ich einen Tritt gegen meinen Knöchel. Ich fuhr herum und stellte fest, dass Marcia mich finster musterte. »Die Präsentation«, zischte sie. »Du bist dran.«

Meine Augen weiteten sich. Jetzt? Ausgerechnet jetzt musste ich die lausigste Präsentation aller Zeiten halten? Nach dieser Vorlage? Verlegen lächelnd stand ich auf, worauf mir Marcia die Fernbedienung in die Hand drückte.

»Schönen guten Tag«, sagte ich, räusperte mich, gefolgt von einem verzweifelten Husten. Schönen guten Tag? Was war das denn bitte? War ich ein Handlungsreisender aus dem achtzehnten Jahrhundert, dass ich mich so geschwollen ausdrückte?

»Guten Morgen, meine ich«, korrigierte ich mich eilig.

»Ich bin Jessica Wild, und ich werde heute einige grundsätzliche Gedanken über unsere Interpretation der Lancierung von Jarvis Private Banking äußern.«

Ich zauberte ein strahlendes Lächeln auf mein Gesicht, um die grauenhafte Angst zu kaschieren, die mir die Knie schlottern ließ.

»Du bist viel zu bescheiden, Jessica«, bemerkte Anthony ermutigend. »Ich bin sicher, du hast mehr als ein paar grundsätzliche Gedanken, an denen du Chester und seine Kollegen teilhaben lassen möchtest.«

Ich wurde blass. »Stimmt. Ja, natürlich.« Schon jetzt verfasste ich im Geiste mein Kündigungsschreiben und fragte mich, welche Alternativen ich hatte.

Zögernd drückte ich eine Taste auf der Fernbedienung, worauf meine Präsentation zum Leben erwachte. Ich hatte vor, so lange wie möglich bei der ersten Seite zu verharren – die mit dem Titel –, weil sie ohne jeden Zweifel die beste von allen war. Wenn sie erst einmal verschwunden war, würde das Schicksal seinen Lauf nehmen.

»Jarvis Private Banking«, verkündete ich so autoritär, wie ich nur konnte. Ich sah zu Max hinüber, der die Akte von Jarvis Private Banking studierte, mit so ernster Miene, dass sich wieder diese konzentrierten kleinen Fältchen um seine Augen legten. Eilig wandte ich den Blick ab und spürte, wie mir der Schweiß ausbrach. Fieberhaft dachte ich daran, was Anthony gesagt hatte, versuchte, mir etwas einfallen zu lassen, wodurch diese Präsentation weniger schlimm als absolut grauenhaft werden könnte. Irgendetwas, um die Situation wenigstens halbwegs zu retten.

»Was … äh, welche Werte assoziieren wir mit Jarvis Private Banking?«, fragte ich schließlich und ließ die Frage für einen Moment im Raum hängen. Alle musterten mich erwartungsvoll, während mir dämmerte, dass ich nicht die leiseste Ahnung hatte, welche Werte das sein könnten. Also beschloss ich, eine weitere Frage nachzulegen.

»Welche Werte sind die zentralsten? Und welche Werte müssen über den neuen Investmentfonds transportiert werden?«

Mittlerweile glühte ich endgültig. Ich hob die Hand und wischte mir die Schweißperlen von der Stirn. »Qualität«, presste ich mühsam hervor, »Qualität und … Exklusivität.« Ich warf dem leicht verdattert wirkenden Chester einen Blick zu.

»Qualität, Exklusivität und … Luxus«, schloss ich. »Luxusprodukte, Luxusservice. Für all jene, die sich … Luxus wünschen.«

Ich lächelte, aber es war kein frohes Lächeln. Sondern Ausdruck reiner Verzweiflung.

Und dann bemerkte ich Marcias Mund. Sie feixte. Kein Zweifel. Als sie meinen Blick auffing, wurde ihre Miene schlagartig wieder ernst, aber mir war nicht entgangen, wie sich ihre Mundwinkel gehoben hatten. Sie fand das alles furchtbar witzig. Für sie war es ein Riesenspaß, mich hier stehen zu sehen und zu beobachten, wie ich mich zum Narren machte.

Ich drückte auf die Enter-Taste der Fernbedienung und rief die zweite Seite auf.

Wichtigste Person: Chester Rydall, Vorstand

Was wir über ihn wissen: New Yorker, smart, Sinn für Luxus

Chester sah mich an, als erwarte er, dass ich ihm die Pointe gleich verriet, weil er den Witz der Präsentation offenkundig nicht verstand.

»Der Grund, weshalb diese Seite hier so wichtig ist«, fuhr ich fort und zwang mich, Chester ernst anzusehen, »ist folgender: Sie sind das Gesicht der Marke, und damit werden Sie und das, was Sie verkörpern, automatisch selbst zur Marke. Wenn wir Sie verstehen, verstehen wir auch die Marke und umgekehrt. Und wenn ich wir sage, meine ich nicht nur Milton Advertising, sondern die ganze Welt.« Ich spürte, wie ich mit jeder Sekunde mehr zu glühen begann. Alle Blicke waren auf mich gerichtet, nur leider nicht in positiver Weise.

Chester lächelte, und ich räusperte mich erneut. Es gab kein Zurück. Mir blieb nur noch eine Möglichkeit: Augen zu und durch.

Eilig rief ich die nächste Seite auf.

Investmentfonds für Frauen

»Und hier«, sagte ich, »ist das Konzept, das wir heute diskutieren wollen. Ein Investmentfonds für Frauen. Denken wir einen Moment lang darüber nach, ja?«

Alle starrten mich ausdruckslos an. Es war wie einer dieser Albträume, in dem man mitten in einer Prüfung steht und sich die Fragen ändern, sobald man sie beantwortet hat. Oder wenn man beim Schulball auftaucht, nur um festzustellen, dass man vergessen hat, sich etwas anzuziehen.

»Also«, fuhr ich, mittlerweile am Rand der Verzweiflung, fort, während ich mir einige der Zahlen und Fakten aus der Mappe von Jarvis ins Gedächtnis rief, »es gibt ungefähr eine Million Investmentfonds. Wahrscheinlich sogar noch mehr. Es gibt sie wie Sand am Meer. Und Investmentfonds sind nicht gerade das, was man als wahnsinnig spannend bezeichnen würde, oder? Aber ein Investmentfonds für Frauen? Das ist etwas anderes. Etwas Besonderes. Das ist … wagemutig. Innovativ. Das sprengt Grenzen.«

Aus Marcias Richtung ertönte ein Schnauben. Ich kochte vor Wut. Während ich mich innerlich wappnete, ging ich zu Seite vier über.

Üblicher Markt für Investmentfonds: Weltgewandte Investoren mit hohem Einkommen

Es war nicht viel, aber wenigstens standen auf dieser Seite mehr als vier Worte. Langsam las ich sie vor. Und dabei hatte ich lediglich Helens Stimme im Ohr, die mir sagte, was für ein heißes Babe ich war. Ein heißes Babe? Gott, ich wünschte, ich wäre heute Morgen nicht zur Arbeit erschienen. Während ich duldsam vor dem Spiegel gestanden hatte und Helen sich das Hirn zermarterte, welche ihrer zahllosen Handtaschen ich mitnehmen sollte, hatte das Schicksal in Wahrheit bereits meinen Untergang geplant. Ehrlich gesagt, waren Handtaschen sogar in gewisser Weise der rote Faden, der sich durch diese Horrorgeschichte zog: auf Marcias Einkaufsliste standen mindestens drei Stück.

»Also«, sagte ich zögerlich, während mir die erste Regel wieder einfiel, die Max mir über Werbung gesagt hatte: Die Kunden erwarten grundsätzlich, dass du die Antworten weißt, obwohl sie in Wahrheit diejenigen sind, die sie haben, also stell ihnen Fragen, denn irgendwann wird einer damit rausrücken. »Wie viele Leute in diesem Raum haben schon einmal Geld in Investmentfonds gesteckt?«

Langsam hoben Chester und seine zwei Kollegen die Hände, ebenso wie Anthony und Max.

Schätzungsweise blieben mir zwanzig Sekunden, bevor sie den Sicherheitsdienst riefen.

»Tja, das ist sehr interessant«, fuhr ich fort und holte tief Luft. »Alle Männer hier im Raum. Alles Besserverdiener…« Ich errötete zart, da ich nicht genau sagen konnte, ob es schlau gewesen war, an diesem Punkt das Gehalt unseres potenziellen Kunden ins Spiel zu bringen.

Ich fing Anthonys Blick auf, der fragend eine Braue hob, worauf sich die Röte auf meinem Gesicht noch vertiefte.

Eilig ging ich zur nächsten Seite über.

Farben? Logo?

Hell, nicht billig, nicht schickimicki.

Ich starrte die Worte an, spürte, wie mir sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich. Es war vorbei. Endgültig vorbei. Langsam schaltete ich den Projektor aus. Ich würde eine Entschuldigung vorbringen und aufgeben müssen. Ich hatte nichts zu sagen, keine Strategie zu präsentieren.

Ich nahm meine Handtasche – Helens Handtasche –, wohl wissend, dass mich alle anstarrten, dass meine Kar riere bei Milton Advertising in wenigen Sekunden beendet wäre. Und was Projekt Hochzeit anging – es würde schon schwierig genug werden, Projekt Wie schaffe ich es, dass Anthony jemals wieder mit mir redet anzuleiern.

»Jess? Ist alles in Ordnung?« Max sah mich besorgt an.

»Natürlich ist alles in Ordnung mit ihr«, erklärte Anthony eilig. »Los, komm schon, Jess, spann uns nicht auf die Folter. Ich wette, du hast etwas in dieser Tasche da, stimmt’s?«

Ich zögerte eine Sekunde lang. Dann biss ich mir auf die Lippe. Vielleicht war es ja doch noch nicht ganz vorbei. Anthony war jedenfalls nicht der Ansicht, dass hier etwas schieflief. Er glaubte allen Ernstes, dass ich etwas aus der Tasche ziehen würde, im wahrsten Sinne des Wortes. Und vielleicht konnte ich das ja auch. Helen hatte vollkommen recht – manchmal musste man sich einfach beherzt in eine Sache hineinstürzen. Deal or No Deal. Und dieser Job war zu wichtig, als dass ich jetzt einfach alles hinschmiss. Die Parole hieß Deal. Ganz eindeutig. Entschlossen stellte ich meine Handtasche wieder ab.

»Tut mir leid«, sagte ich, als das Schweigen am Tisch unbehaglich wurde. »Aber keine PowerPoint-Präsentation der Welt trifft den wahren Kern von all dem hier.«

»Den wahren Kern?«, fragte Chester vorsichtig.

Ich nickte. »Den wahren Kern.« Jetzt ging es um alles oder nichts. Schwimmen oder absaufen. Und ich würde alles tun, um an der Wasseroberfläche zu bleiben. »Seien wir einmal ehrlich. Tatsache ist doch, dass Frauen, besonders diejenigen, die genug Geld haben, um es in einen Investmentfonds zu stecken, das Geld wahrscheinlich lieber für …«

Ich sah zu Marcia hinüber, als mein Blick an etwas auf dem Boden neben ihr hängen blieb. Etwas, das aus dem butterweichsten, softesten Leder bestand. Etwas, das, daran hatte ich nicht den geringsten Zweifel, mindestens drei hundert Mäuse gekostet hatte. Und in diesem Moment hatte ich eine Idee.

»… für eine Handtasche ausgeben würden«, schloss ich.

»Eine Handtasche?« Chester starrte mich verblüfft an.

»Eine Handtasche«, bestätigte ich. »Oder für ein tolles Paar Schuhe.«

»Statt eines Investmentfonds?«

Ich nickte. Wenn ich schon unterging, würde ich das jedenfalls glanzvoll tun. »Marcia«, sagte ich ernst, »wie viele Paar Schuhe besitzt du?«

»Das werde ich hier bestimmt nicht verraten, Jessica«, sagte Marcia und sah sich leicht verblüfft um.

»Nein, sagen Sie es uns«, forderte Chester sie auf. Marcia sah zu Anthony hinüber, der nickte. Sie seufzte.

»Oh, keine Ahnung. Vielleicht dreißig.«

»Einschließlich der, die du nur selten trägst?«, hakte ich nach.

Marcia lächelte unbehaglich. »Okay, vielleicht eher vierzig. Nein, fünfzig. So in der Größenordnung.«

»Und Handtaschen?«, bohrte ich weiter. »Wie viele Handtaschen?«

Inzwischen schien sich Marcia äußerst unwohl zu fühlen. Allein in den letzten zehn Monaten hatte ich sie mit mindestens zehn Designerhandtaschen gesehen.

»Fünfzehn«, antwortete sie mit einem Achselzucken.

»Zwanzig. Weshalb ist das wichtig? Wir reden hier von einem Investmentfonds, Jessica, schon vergessen?«

»Fünfzig Paar Schuhe und zwanzig Handtaschen. Durchschnittlich im Wert von dreihundert Pfund. Das macht …« Stirnrunzelnd rechnete ich nach und zögerte kurz – unsicher, wie viele Nullen ich anhängen sollte. »Einundzwanzigtausend Pfund. Einundzwanzigtausend Pfund, die ebenso gut in einem Investmentfonds hätten angelegt werden kön nen, aber eben nur, wenn dieser Investmentfonds Marcia ein ebenso gutes Gefühl gegeben hätte wie ein neues Paar Schuhe oder eine Handtasche.«

»Einundzwanzigtausend Pfund für … Accessoires?«, wiederholte Chester ungläubig und notierte die Summe auf einem Blatt Papier. »Und das ist normal?«

»Absolut«, bestätigte ich beim Gedanken an Helens Kleiderschrank. »Manche Frauen haben natürlich ein niedrigeres Budget, aber die Proportion zum Gehalt ist ähnlich.«

»Wirklich? Also, wie gehen wir vor? Wie schaffen wir es, einen Fonds so reizvoll wie eine Handtasche zu machen?« Chester beugte sich vor und griff nach seinem Stift. Anthony grinste mich an, worauf sich die Spannung in meinen Schultern ein klein wenig löste.

»Tja«, sagte ich, als mir plötzlich der Vogue-Artikel wieder einfiel, den ich gelesen hatte, während Pedro mich gerupft hatte, als wäre ich ein Huhn, das fürs sonntägliche Mittagessen vorbereitet wird. Thema des Artikels war gewesen, was in dieser Saison angesagt sein würde – Kleidungsstücke mit ellenlangen Wartelisten – und um welche modischen Accessoires sich die Fashion Victims prügeln würden. Ich hatte nur gestaunt, wie jemand über tausend Pfund für einen grünen Pulli hinblättern konnte, aber jetzt brachte mich diese Erkenntnis auf eine Idee. »Faktoren wie Renditen und Wachstumsmöglichkeiten zu erklären, wird hier nicht funktionieren, soviel steht fest. Denn das machen ja alle Fondsanbieter schon lange, und Marcia will ihr Geld immer noch lieber für Handtaschen ausgeben.«

Anthony lachte, und Marcia verzog kaum merklich das Gesicht. Mehr war nicht nötig, um mich weiter anzuspornen. »Nein«, fuhr ich fort und legte noch einen Zahn zu, »um einen Investmentfonds so sexy und erstrebenswert wie eine Handtasche zu machen, muss er schwer zu bekommen sein. Was bedeutet: Es muss Wartelisten geben. Und es muss attraktiv sein, ihn zu erwerben – wie wäre es mit schnuckeligen kleinen Prämien, meinetwegen einem hochwertigen Geldbeutel in limitierter Auflage? Die Eingeweihten würden sich dann daran erkennen können – und schon wäre eine Art exklusiver Club entstanden. Selbstverständlich muss der Fonds teuer sein – eine Summe von, keine Ahnung, zweitausend Pfund pro Monat oder so, damit ihn sich nicht jeder leisten kann. Und bezeichnen Sie die Zielgruppe auf keinen Fall als Klientinnen oder gar Kundinnen – sondern als Mitglieder, um ihnen ein Gefühl der Exklusivität zu vermitteln. Außerdem sollten Sie Ihre PR-Aktivitäten nicht auf die Finanzzeitungen konzentrieren, sondern vor allem auf die Hochglanzmagazine. Auf Vogue und Harper’s Bazaar. Finden Sie ein paar Prominente und bringen Sie sie dazu, den Fonds in einem Interview in der Hello! zu erwähnen.«

Ich holte tief Luft und sah Chester an. Eine Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, sagte er kein Wort, sondern blickte nur auf seine Notizen und kratzte sich am Kopf. Dann sah er auf.

»Ich bin begeistert.«

Unsicher sah ich ihn an. »Sie … im Ernst?«

»Ich bin absolut begeistert«, wiederholte er. »Sie haben es geschafft … wie haben Sie es gerade genannt? Den wahren Kern zu finden! Genau, Sie haben den wahren Kern getroffen. Sie haben vollkommen recht – eine formale Präsentation mit gewöhnlichen PowerPoint-Bildchen wäre verkehrt gewesen. Eines muss ich Ihnen lassen, Anthony, das war eine verdammt eindrucksvolle Präsentation. Am Anfang war ich mir nicht ganz sicher, worauf das Ganze hinausläuft, aber ich schätze, das ist es, was Sie vorhin mit ›ungewöhn lich‹ meinten. Und gewöhnlich war das hier bei Gott nicht, soviel steht fest.«

Ich bekam Gänsehaut. Er war begeistert von meiner Idee?

»Natürlich war es nicht gewöhnlich«, sagte Anthony voller Wärme und zwinkerte mir zu, worauf Marcias Augen schmal wurden. »Jess, du hast uns wirklich stolz gemacht. Danke«, fügte er hinzu. Ich sah Max an, um herauszufinden, ob auch er lächelte und mich voller Respekt ansah, aber sein Blick war gesenkt, und ich spürte, wie meine Schultern leicht nach unten sackten.

»Danke«, brachte ich mühsam hervor. Das Wort klang fremd in meinem Mund.»Freut mich, dass es dir gefallen hat.« Ich grinste, als ich Marcias Blick und das fest betonierte Grinsen auf ihrem Gesicht bemerkte. »Das klingt ja alles ganz toll«, meinte sie. »Aber was ist mit dem Branding? Ich dachte, wir legen das auch heute gleich fest, Jess.«

»Ich bin sicher, das hat sie bereits getan«, warf Anthony zuversichtlich und mit leuchtenden Augen ein. Mit einem Mal sah er nicht mehr so plastikmäßig und künstlich aus, sondern sogar richtig attraktiv – zumindest wenn man etwas für diese blonde, blauäugige Art übrighatte. »Was hast du dir zum Thema Branding überlegt, Jess?«

Ich kehrte ins Hier und Jetzt zurück. »Tja, logischerweise«, sagte ich, »muss das Branding diese … Werte und … Bestrebungen widerspiegeln.«

»Und zwar welche?«, hakte Marcia unschuldig nach.

»Das solltest du doch eigentlich wissen, Marcia«, konterte ich mit sanfter Stimme. »Die wesentlichen Werte sind Luxus, Mitgliedschaft und Exklusivität.«

»Genau«, bestätigte Chester grinsend.

»Und wie sieht das Ganze optisch aus, Jess?«, erkundigte sich Max.

»Ich …« Ich bemerkte, dass er mich wohlwollend anlächelte. Ein Glücksgefühl durchströmte mich. Dann fiel mein Blick wieder auf Anthony, der von einem Ohr zum anderen grinste. »Ich dachte, wir könnten eine Handtasche als Logo verwenden«, hörte ich mich sagen, als hätte ich eine geschlagene Woche über diese Frage nachgedacht. »Oder ein Paar Schuhe. Etwas, das den Männern sagt, dass dies kein Club für sie ist.«

Chester betrachtete mich immer noch erwartungsvoll, also beschloss ich, fortzufahren. »Und der Slogan könnte etwas in der Richtung sein, was mit dem Logo spielt«, erklärte ich. Wieder blieb mein Blick an Anthony hängen, dessen zuversichtliches Lächeln mir augenblicklich Selbstvertrauen gab. »Etwas wie Mehr brauchen Sie nicht dabeizuhaben oder Damit Sie auch weiterhin unbesorgt genießen können oder so.«

»Mehr brauchen Sie nicht dabeizuhaben. Das wird ja immer besser«, sagte Chester und stand auf. »Also, ich bin dabei. Ich kann nicht länger bleiben, weil ich noch einen anderen Termin habe. Aber ich melde mich. Ich habe ein gutes Gefühl bei der Sache.« Er sah mich an. »Jessica Wild, ja?«, fragte er. Ich nickte. »Freut mich, Sie kennengelernt zu haben«, fügte er hinzu. »Und Sie im Team zu haben.«

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968172484
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v594919
Schlagworte
Chick-Lit-Roman-c-e roman-tisch-e Komödie Mauerblümchen-Roman Chef-Bachelor-Boss-Liebes-Roman-e humor-voll-e-rliebe-s-roman-e Hochzeit-liebe-s-roman-e Heirat-en-liebe-s-roman-e

Autoren

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Gemma Townley (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Andrea Brandl (Übersetzung)

Zurück

Titel: Verlieben will gelernt sein