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Schwiegermutter-Sch(r)eck

von Caitlyn Young (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Sierra steht kurz vor der Hochzeit mit ihrem Traummann Ben und schwebt eigentlich auf Wolke 7. Dort holt sie aber ihr Schwiegermonster Ludmila schmerzhaft herunter, als sie ihr einen Scheck für „nach der Scheidung“ anbietet. Gibt es etwa einen Grund zur Sorge, von dem Sierra nichts weiß – und was hat Ben dazu zu sagen?

Impressum

booksnacks

Erstausgabe Juni 2020

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-211-8

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von
shutterstock.com: © Dean Drobot
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Schwiegermutter hin oder her, Sierra hatte sich diese Frau, die auch noch Ludmila hieß, in den letzten Monaten schön geredet. Damit musste jetzt Schluss sein! Nun standen sich die beiden in Ludmilas Küche gegenüber, Sierra in ihrer zu kurzen Jeanshose und der brav geblümten Bluse, die bis oben zugeknöpft war, und Ludmila in einem pinkfarbenen Minirock, mit ihren fleischigen Lippen und den künstlichen, viel zu langen Wimpern. In Sierra kamen all die klischeebehafteten, feindseligen Gefühle hoch, die man einer Schwiegermutter gegenüber angeblich empfinden musste. Bisher hatten sie sich gut versteckt. Sierra begann, an ihren Nagelbetten zu kratzen. Wie immer, wenn sie nervös wurde. Ihr Therapeut sagte, sie solle dieses Zeichen rechtzeitig deuten und sich auf ihren Atem konzentrieren. Bewusst in den Bauch einatmen, – bis drei zählen – langsam ausatmen. Sie versuchte es, aber es gelang ihr nicht.

Außerdem starrte Ludmila auf ihren Bauch.

Sie würde ihn nicht für sie aufblähen. Stattdessen zog sie ihn ein. So, wie sie es seit dem Teenageralter oft tat. Sie atmete schnell in ihre zu flache Brust.

Beim ersten Treffen auf Bens Dreißiger-Geburtstag hatte Sierra gedacht, Bens Mutter sei dem zwielichtigen Club auf der gegenüberliegenden Straßenseite entflohen, um ein paar Drinks zu schnorren. Als sie ihr als Bens Mutter vorgestellt wurde, verschluckte sich Sierra an ihrem Cocktail.

„Kannst du das bitte noch einmal wiederholen?“, fragte Sierra nun und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Ein leiser Fettgeruch hing in der Luft und auf der Arbeitsplatte türmten sich die Lebensmittel. Ludmila sah Sierra immer noch nicht ins Gesicht.

Ob sie denkt, dass ich schwanger bin?, fragte sich Sierra. Dass wir deswegen nach nur einem halben Jahr Beziehung heiraten wollen?

Ein leichtes Ziehen durchzuckte Sierras Mitte. War sie etwa tatsächlich schwanger und diese Hexe konnte es schon jetzt wissen? Weil eine Mutter es spürt, wenn ihr Sohn seinen Samen in eine andere Frau gepflanzt hat? Nein, dachte Sierra und schüttelte unwillkürlich den Kopf, wir haben aufgepasst.

Lass dich nicht von dieser Frau verrückt machen.

„Komm mit, Schätzchen“, sagte Ludmila, schob sich ein Stück Schogette in den Mund, ohne Sierra etwas von der Schokolade anzubieten, und ging ins Wohnzimmer voraus. Die beiden waren zusammen einkaufen gewesen. Jetzt erinnerte sich Sierra mit einer lähmenden Vorahnung: Ludmila hatte sie die Getränkekisten nicht heben lassen und war insgesamt sehr zuvorkommend gewesen. Sie musste tatsächlich annehmen, dass ein Enkelkind unterwegs war!

Ludmila nahm auf dem karierten IKEA-Sofa Platz und stellte die Füße auf den Couchtisch. Sie hatte die Socken ausgezogen, wie sie es im Haus immer tat. Ihre Zehen waren knorrig wie die Äste eines alten Baumes und ihre Fußnägel tiefrot lackiert.

„Ich kann gern wiederholen, was ich vorhin im Auto zu dir gesagt habe“, erklärte Ludmila und sah Sierra nun direkt in die Augen. Sierra hatte auf einmal Mühe, dem Blick ihrer Schwiegermutter standzuhalten.

„Oder möchtest du es schriftlich haben?“ Jetzt ertönte Ludmilas röchelndes Lachen.

Sie ist eine Horror-Schwiegermutter. Und das fällt mir jetzt erst auf.

Sierras Kopf wurde heiß. Sie hatte sich am Morgen noch gefreut, gemeinsam mit Ludmila den Lebensmitteleinkauf zu erledigen. Vielleicht, weil es geselliger war und sie ohnehin viel Zeit allein verbrachte. Ihre Tätigkeit als Übersetzerin, die sie zu Hause ausübte, fesselte sie stundenlang und einsam an den Computer. Umgeben von Fotos von sich und Ben, auf denen sie verliebt in die Kamera lächelten, tippte sie Zeile um Zeile und fühlte sich oft schon mittags verlassen von der ganzen Welt. Ludmilas Anruf war eine willkommene Abwechslung gewesen.

Sie hatte ja nicht geahnt, was ihre Schwiegermutter im Schilde führte!

Ludmila bezahlte an der Kasse sogar für alles und warf Sierra diesen Ohje-du-armes-Mädchen-was-weißt-du-schon-vom-Leben-Blick zu, während sie den Einkaufswagen zu Ludmilas knallgrünem Opel Corsa schoben. Ludmila konnte einem das Gefühl geben, das naivste, unerfahrenste Geschöpf auf der ganzen Welt zu sein.

Und vielleicht hat sie sogar Recht, dachte Sierra.

Ich habe nicht viel erlebt.

Bin nie in eine andere Stadt gezogen. Habe kaum etwas gesehen von der Welt. Und nun heirate ich meinen ersten Freund.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Ludmila und schien aufrichtig besorgt zu sein. Wohl kaum um Sierra. Eher um das Kind, das sie vielleicht in ihrem Unterleib trug. Wahrscheinlich hatte Sierra auf einmal an Wert und Bedeutung in Ludmilas Leben gewonnen. Zumindest, solange sie von Ludmilas geliebtem und einzigen Sohn schwanger war.

„Du siehst etwas verwirrt aus“, fügte Ludmila hinzu. Dann fuhr sie sich mit den Krähenfingern durch das lockige, blonde Haar. Fast, als sei sie in Verlegenheit.

„Mir geht es gut“, log Sierra und zupfte ihren Kragen zurecht. Warum wunderte sie sich überhaupt? Was wusste sie schon über diese Frau? Sie sollte nicht überrascht sein, schließlich kannte sie Ludmila kaum. Seit Sierra und Ben vor einem Monat zusammengezogen waren, beschränkte sich der Kontakt auf einen wöchentlichen Besuch zu Kaffee und Kuchen, zu dem Ludmila ihr Selbstgebackenes mitbrachte. Sie setzte sich wie selbstverständlich an den ovalen Esstisch, den Sierra auf dem Flohmarkt erstanden hatte und der von bunt zusammengewürfelten Stühlen umringt war. Sie musterte den Raum, bemängelte die kahlen Wände, schlug vor, man könnte sie doch bunt streichen, fragte, wie es Ben bei seinem neuen Job bei einer renommierten Versicherung erginge, und entblößte früher oder später ihre unansehnlichen Füße. In ihrer eigenen Wohnung riss sie sich sogar den BH vom Leib, sobald sie zu Hause war. Sie verrenkte sich, um den Verschluss unter ihrem Oberteil zu lösen, ließ erst den einen, dann den anderen Träger über die Schulter gleiten und schlüpfte so mit den Armen hindurch, dass sie das Ding vorne durch die Halsöffnung herausziehen konnte.

„Ich kann die nicht brauchen, sowas Unbequemes!“, murmelte sie dann in ihren Damenbart und warf den Büstenhalter von sich, während ihr Busen bereits zehn Stockwerke nach unten gesackt war.

„Möchtest du vielleicht etwas trinken?“, fragte Ludmila und riss Sierra aus ihren unangenehmen Gedanken.

Es fehlt nur noch, dass sie sagt, Schwangere müssen viel trinken!

„Nein, danke. Ich würde gern noch einmal hören, was du vorhast.“ Sierra versuchte zu lächeln, aber ihre Gesichtsmuskeln wehrten sich dagegen.

„Ich habe einen Barscheck ausgestellt“, sagte Ludmila langsam und deutlich. „Auf deinen jetzigen Namen. Denn ich gehe davon aus, dass du als emanzipierte Frau nicht den Namen deines Mannes annehmen möchtest.“

Ludmila machte eine Pause, erhob sich, trat auf die Schrankwand zu und klappte die dort hinter einem Holzbrett stilvoll versteckte Bar auf. Sie goss sich einen Sherry ein. Sierra bot sie nichts an. Dabei hätte ein Drink ihren Nerven gut getan.

Nachdem Ludmila mit ihrem Glas in der Hand wieder Platz genommen hatte, fuhr sie fort, als erzähle sie von einem alltäglichen Vorschlag.

„Der Scheck ist beträchtlich.“ Sie nippte an ihrem Glas und ließ ihre Wimpern schlagen. „Ich habe sozusagen mein Konto geplündert.“

Sierra hörte gebannt zu. Sie hatte also richtig gehört. Ihr Hals schnürte sich zusammen.

„Du wirst den Scheck annehmen“, beschloss Ludmila, „und gut verstecken. Es ist eine Sache zwischen dir und mir.“ Jetzt lächelte die Hexe. Ihre Zähne waren gelblich verfärbt und schief.

„Und wenn du dich eines Tages von Ben scheiden lässt, dann hast du ein wenig eigenes Geld, mit dem du wieder auf die Beine kommen kannst. Ich weiß ja, dass du mit der Übersetzerei nicht viel verdienst. Und wer weiß, bis dahin seid ihr vielleicht sogar zu dritt. Oder zu viert.“

Sierra wollte etwas sagen, aber ihr Mund war trocken und sonderbar klebrig.

„Ich tue das nur aus Rücksicht, Sierra“, sagte Ludmila und nahm einen kräftigen Schluck Sherry. Am Rand des Glases hing ihr dunkler Lippenstift.

Woher hatte sie überhaupt Geld? Das Bild der Puffmutter drängte sich Sierra erneut auf, aber sie verscheuchte es sofort wieder. Sie wollte anderen gegenüber positiv eingestellt sein. So, wie sie es in ihrem Elternhaus gelernt hatte. Aber Ludmila machte es ihr nicht leicht.

„Ich will nicht hören, dass ich dich nicht vor Ben gewarnt habe“, fügte die Schwiegermutter in spe hinzu.

Sierras Kopf glühte und ihre Stirn begann zu schmerzen. Vielleicht hatte Ludmila recht? Was wusste sie, Sierra Kieble, – und ja, sie würde sogar Bens Nachnamen, Kalbskopf, annehmen! – schon von der Männerwelt? Sie hatte keinerlei Erfahrung gehabt, als sie in der Straßenbahn saß und dieser junge Mann gerade noch in den Wagen hüpfte. Draußen hatte es in Strömen geschüttet und das Wasser tropfte von seinen langen, dunkelbraunen Haaren auf den Kragen seiner Wildlederjacke. Er blickte sofort in Sierras Richtung, setzte sich ihr schräg gegenüber, strich sich die nassen Strähnen aus der Stirn und sah sie mit seinen fast schwarzen Augen an. Sierra mochte sofort seine weichen, wohlgeformten Lippen. Ludmilas Lippen, ob sie es wahrhaben wollte oder nicht. Und seine lange, schmale Nase.

„Was für ein Wetter“, sagte Ben und lächelte sie schelmisch an. „Ich glaub, sogar meine Unterhose ist nass.“

Und sie war nass. Die beiden begannen sich zu unterhalten. Ben stellte eine Frage nach der anderen, und Sierra war Hals über Kopf verliebt. Ben stieg zusammen mit ihr aus und lud sich zu ihr in ihr bescheidenes Wohnheimzimmer ein. Es war in der letzten Woche des Semesters und sie hatte schon ihre Sachen in Kartons gepackt, die überall herumstanden. Ben wusste, was er wollte. Als es draußen schon dämmerte, nahm er Sierras Gesicht zwischen seine warmen Hände und näherte seinen Mund dem ihren. Es war Sierras erster Kuss und sie würde ihn niemals vergessen!

„Ist dieses Angebot für dich in Ordnung?“ Wieder riss Ludmila Sierra aus ihrer Erinnerung. Ihr Kopf wollte nicht in der Gegenwart bleiben. Die Szene war allzu absurd!

Sag etwas, los! Das, was du darüber denkst!

„Was hat dein Schweigen zu bedeuten?“, fragte Ludmila und zückte den Scheck, der in ihrer Gesäßtasche gesteckt hatte. „Du wirst mir eines Tages dankbar sein, glaub mir, Schätzchen.“

Sierra hasst es, wenn sie Schätzchen genannt wurde. Noch dazu von dieser Frau!

„Ich bin etwas überrascht“, sagte sie schließlich. „Mit so etwas habe ich nicht gerechnet.“

„So ist das, Schätzchen.“ Ludmila legte das Wertpapier vor Sierra auf den Couchtisch. „Im Leben kommen viele Überraschungen auf einen zu. Da ist es gut, gewappnet zu sein.“

„Und woher …“, Sierra stockte. Sie hatte Angst, diese Frage zu stellen. Aber es war wichtig. Schließlich war die Hochzeit schon in drei Monaten. „Woher weißt du, dass es mit Ben und mir nicht klappen wird?“

Ludmila stand auf, um sich Sherry nachzuschenken. Anschließend ließ sie ihren plumpen Körper auf das Sofa fallen und sah Sierra verständnislos an. „Och Schätzchen, du kennst unsere Familie nicht.“

Sierra schluckte. Sie steckte die eiskalten Hände unter ihr Gesäß.

„Alle Männer in unserer Familie waren am Ende Schweine. Warum sollte Ben da anders sein?“

Nachdem Ludmila ihren dritten Sherry getrunken hatte und dabei war, eine Jazz-Schallplatte aufzulegen, – denn sie liebte die alte Art, Musik abzuspielen – erhob sich Sierra wortlos.

„Du willst schon gehen?“, fragte Ludmila gespielt überrascht. Sie wusste, dass Sierra Jazzmusik nicht ausstehen konnte.

Gut, dass mir noch vor der Hochzeit klar wird, was für eine Schwiegermutter ich haben werde, dachte Sierra und holte ihre Jacke und Handtasche aus der Garderobe.

„Ich fahre dich mit deinen Lebensmitteln natürlich nach Hause“, erklärte Ludmila bestimmt, ließ ihre nackten Füße in ihre neongelben Flipflops gleiten und zückte den Autoschlüssel aus der obersten Schublade.

Die Fahrt dauerte lediglich fünf Minuten und die beiden sprachen kein Wort miteinander. Draußen dämmerte es bereits.

„Soll ich dir beim Tragen helfen?“, wollte Ludmila wissen, während Sierra ihre beiden Einkaufstüten aus dem Kofferraum hob.

„Nein, das geht schon. Danke für alles.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Sierra und betrat den grauen Wohnblock. Sie hoffte, Ben wäre schon zu Hause. Sie wollte mit ihm reden. Doch die Wohnung empfing sie dunkel und kühl, und während Sierra ihre Einkäufe in den Kühlschrank einräumte, rannen ihr die Tränen über die Wangen.

Ist das auch ein Zeichen dafür, dass ich schwanger bin?

Kurz vor neunzehn Uhr, als Sierra Bens Heimkehr erwartete, nahm sie den Scheck aus ihrer Handtasche. Ludmila hatte eine schöne Handschrift. Aber diese Geste war alles andere als schön. Mit einem Kloß im Hals versteckte Sierra den Scheck in ihrer Wäscheschublade, unter den schwarzen Spitzenhöschen. Dort würde Ben niemals nach etwas suchen. Die Wäsche interessierte ihn nur, wenn Sierra sie trug.

 

***

 

Ben kam erst gegen zweiundzwanzig Uhr nach Hause. Ein ungeplantes Geschäftsessen hatte sich vorgedrängelt. Nun lagen die beiden nebeneinander im Bett und durch den Vorhang schien das störende Licht der Straßenlaterne, die im Innenhof angebracht war. Sie warf einen milchigen Kreis direkt auf Sierras Bauch.

„Ben?“ Sie drehte sich zu ihrem Verlobten hin. Sein Atem ging schon seit einer halben Stunde ruhig, aber Sierra konnte nicht einschlafen. Zu viele Gedanken marterten ihr Hirn.

„Ben, bist du noch wach?“ Sie berührte sanft seine breite Schulter.

„Jetzt schon“, murmelte er, holte den Arm unter seinem Kissen hervor und wälzte sich auf die andere Seite, so dass sich ihre beiden Gesichter nun fast berührten. Als Ben das erste Mal bei ihr übernachtet hatte, war Sierra schon aufgefallen, wie der sein Kopfkissen umklammerte wie ein Baby-Affe den Bauch seiner Mutter. Er lag nicht nur darauf, sondern er nahm es sich. Nahm er sich auch seine Frau? Sein Kind? Alles, was er haben wollte? Sierra versuchte, nicht in absurde Gedankengänge abzudriften.

„Was ist los, Sierra? Ich muss morgen früh raus.“ Jetzt klang er beinahe sauer.

„Weißt du, dass ich es nicht ausstehen kann, wenn deine Mutter mich Schätzchen nennt?“

„Und deswegen weckst du mich auf?“ Ben blies seinen Schlafatem in Sierras Gesicht.

„Nein, nicht deswegen.“

„Was ist denn los?“

Sierra wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Sie hatte Ben am Telefon von dem gemeinsamen Einkauf mit seiner Mutter erzählt. Auch von ihrem fluchtartigen Aufbruch, kaum waren die ersten Jazz-Töne erklungen. Aber den Scheck hatte sie nicht erwähnt. Sollte sie es tun? Sagte man sich in einer Beziehung alles? Sie hatte keine Erfahrung, aus der sie hätte schöpfen können.

„Was ist los, Sierra?“ Nun zog Ben ihren Körper zu sich heran.

Bloß keinen Sex jetzt!, dachte Sierra.

Bens Hand suchte sich den Weg unter ihr Oberteil und begann ihren Rücken zu liebkosen.

„Hast du mich deswegen aufgeweckt?“, flüsterte er.

Sierras Körper verkrampfte sich, aber das schien Ben nicht zu stören.

„Glaubst du, dass ich schwanger bin?“, fragte sie plötzlich und wunderte sich über die eigenen Worte. Ben ließ von ihr ab und blickte sie, soweit sie das bei Mond- und Laternenschein erkennen konnte, entgeistert an. „Woher soll ich das wissen? Geht es dir nicht gut?“ Er klang aufrichtig besorgt.

„Es ist nur so eine Vorahnung“, sagte Sierra mit gedämpfter Stimme und schämte sich für ihre dämliche Frage.

„Was ist los? Komm schon, sag die Wahrheit.“ Jetzt umschloss Ben sie mit seinen kräftigen Armen und atmete in ihren Nacken. Sein Hals roch vertraut, nach süßem Schweiß und einfach nach Ben.

„Ich weiß nicht so recht, was ich von deiner Mutter halten soll“, platzte es aus Sierra heraus. Sie sprach die Worte in Bens Hals und war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt verstand. Er löste sich sogleich von ihr, ließ aber eine Hand auf ihrer Flanke liegen. Sie war schwer und beruhigend, ein Gewicht, das ihr Halt gab. Vielleicht half sie manchmal mehr als all die Therapiestunden, die Sierra wegen ihrer Angststörung schon hinter sich hatte.

„Du heiratest mich, nicht meine Mutter“, sagte Ben und lächelte.

„Ja schon, aber manchmal macht sie mir Angst. Sie ist so …“ Sierra suchte nach dem passenden Adjektiv, das nicht zu verletzend sein würde. Schließlich war Ludmila Bens Mutter. „So rätselhaft.“

„Du machst dir mal wieder zu viele Sorgen, Sierra.“ Die Hand glitt wieder unter den Schlafanzug. Sierra ergriff sie und hielt sie fest.

„Nein, ich meine es ernst, Ben.“ In Sierras Brust zog die bekannte Enge ein und ihr Atem ging zu schnell. „Es ist kein Scherz. Ich habe das Gefühl, dass deine Mutter mehr über dich weiß, als sie sagen möchte.“

Jetzt verstand Ben gar nichts mehr. Das war kein Thema, in dem er sich als Mann gern wälzte. Schon gar nicht um kurz vor Mitternacht und mit dem Wissen, am nächsten Morgen um acht Uhr einen wichtigen Termin zu haben.

„Dann sprich sie doch direkt an“, schlug er also vor. „Warum fragst du mich? Was weiß ich schon, was meine Mutter über mich denkt?“

„Weiß man das nicht, was die eigene Mutter über einen denkt?“ Sierra war erstaunt. Sie wusste ganz genau, wie ihre Mutter zu ihr stand.

„Ich hab jetzt wirklich keine Lust, über sowas zu reden, Sierra.“ Ben klang genervt. „Ich will schlafen.“

Sierra wusste, dass sie beleidigt sein müsste, aber sie war es nicht. Weil sie diesen Mann liebte und mit ihm eine Familie gründen wollte. Weil er Teil dessen war, was sie sich als ihre Zukunft ausmalte. Und Ludmila sollte nicht Teil der Gleichung sein! Aber sie drängte sich immer mehr in den Vordergrund, und das gefiel Sierra nicht!

„Kannst du auch schlafen, wenn ich dir sage, dass deine Mutter mir heute einen Scheck gegeben hat?“, fragte sie geradeheraus. Was hatte sie schon zu verlieren? Höchstens einen Verlobten.

Ben sagte eine Weile nichts. Dann knipste er seine Leselampe an, als wolle er sich vergewissern, dass er nicht träumte.

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968172118
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v704371
Schlagworte
Ehe-mann-frau Hochzeit-heirat-en Verlob-en-ung Schwieger-mutter-monster Beziehung-en-Paar trenn-ung-en Liebe-s-kurz-geschichte

Autor

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    Caitlyn Young (Autor)

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Titel: Schwiegermutter-Sch(r)eck