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Thief of my Heart

Liebe gegen die Vernunft

von Jo Jonson (Autor) Phil Schönenberg (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Samantha führt ein riskantes Doppelleben. Während sie tagsüber die wohlerzogene, reiche Mrs. Carstairs mimt, schlüpft sie nachts in die Rolle der Kunstdiebin Liv. Jahrelang gelingt es ihr, die beiden Leben voneinander zu trennen, doch bei den Vorbereitungen ihres größten Coups lernt sie Derrick Graves kennen. Der Detective wurde damit betraut die Kunstdiebstähle aufzuklären und ist Samantha dichter auf den Fersen als sie ahnt. Bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen wird der jungen Frau klar, dass Derrick ihr auf verschiedene Arten gefährlich werden könnte. Als Samantha jedoch bei ihrem letzen Coup bewusslos geschlagen wird und zwischen zwei Leichen erwacht, ist sie plötzlich nicht mehr nur eine gesuchte Diebin, sondern Hauptverdächtige eines Doppelmordes … Wird Derrick der prickelnden Spannung zwischen ihnen widerstehen und Samantha helfen?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-191-3
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-203-3

Covergestaltung: Vivien Summer
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © vitek3ds, © Svyatoslava Vladzimirska
Lektorat: Lektorat Reim

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für Liv

Heller Stern in kalter Winternacht

Kapitel 1

Klatschmohn in der Gegend von Argenteuil
~ Claude Monet ~

Gedankenverloren sah Samantha aus dem Fenster auf die Straße, die sich unter dem prasselnden Regenguss langsam in einen reißenden Fluss verwandelte. Sie spülte die Teller mechanisch, wie alles, was sie in dem Haus tat, das sie in ihrem Kopf als gläsernes Gefängnis bezeichnete. Es war eines dieser modernen Häuser mit einer Fassade aus Glas und exklusiven Möbeln, die auf dem teuren Boden um den ersten Preis einer Schönheitskonkurrenz wetteiferten, die erst noch erfunden werden musste. Es war ein dreistöckiges wunderschönes Gebäude mit einem Spitzdach aus dunkelgrauem Schiefer und besaß einen Salon für Robert und seine Geschäftsfreunde, den sie nur betreten durfte, wenn sie ihnen Häppchen und Aperitifs servierte. Direkt daneben befand sich eine Bibliothek mit Büchern, von denen sie kein einziges interessierte. Nicht dass sie nicht gern gelesen hätte, doch ihre Groschenromane – wie ihr Mann sie nannte – fanden genauso gut in ihrer Kommode im Schlafzimmer Platz. Das Wohnzimmer beherrschte beinahe das gesamte Untergeschoss und bot keinerlei Gemütlichkeit bis auf die kleine Ecke weitab der verglasten Wände, die sie sich in einem langen Disput mit ihrem Mann erkämpft hatte. Ein hölzerner Schaukelstuhl vor dem Kamin, von dem aus sie das Treiben draußen beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. So war es ihr am liebsten.

Es gab noch viele weitere perfekt eingerichtete Räume im Haus, die niemand jemals betrat außer ihr Hausmädchen Nancy. Ohnehin war Samantha die meiste Zeit in der Küche. Zuerst, weil Robert es verlangt hatte. „Eine anständige Ehefrau soll in der Lage sein, ein anständiges Essen zu kochen.“

Irgendwann hatte ihr das Herumexperimentieren mit den verschiedenen Zutaten und Gewürzen Spaß gemacht und ihrem Leben einen Sinn gegeben, den sie lange Zeit vermisst hatte.

Robert war ein vermögender Banker, schon damals, als sie als naive Unschuld von achtzehn Jahren seine Frau geworden war. Samantha kam aus einem zerrütteten Elternhaus. Sie konnte nicht sagen, ob es an der Armut gelegen hatte, dass es auch an der Liebe mangelte. Bereits als kleines Mädchen schwor sie sich, so niemals enden zu wollen. Und so wählte sie sich schon immer Freundinnen aus besseren Kreisen, die sie hauptsächlich in diversen Kunstkursen kennenlernte. Ihre kultivierten Umgangsformen, die sie sich mühevoll selbst antrainierte, sowie ihre Schönheit öffneten Samantha Tür und Tor. So zog sie nachts mit ihren Freundinnen durch die gehobenen Szenelokale der angesagtesten Viertel New Yorks. In einem dieser Lokale lernte sie Robert kennen, der sofort von ihr angetan war. Sie tauschten Telefonnummern aus und nur zu gern hatte sie sich in die Romanze mit dem schönen, reichen Prinzen fallen gelassen. Er umschmeichelte sie mit Rosen, holte sie in seinem teuren Auto von der High School ab, und sie war so geblendet von seinem Reichtum, seinem guten Aussehen und seiner Art, die so anders war als die der unreifen Jungs an ihrer Schule, dass sie seinem Werben nachgab.

Heute war sie eine reiche verheiratete Frau. Hier in den Hamptons, wo Long Island viel mehr als nur ein Eistee war, gehörte es sich nicht, dass die Frauen einer anderen Karriere nachgingen, als der, ihrem Mann eine gute Ehefrau zu sein. Samantha durfte sich kaufen, was sie wollte, konnte ihre Zeit in den Country Clubs der Schönen und Reichen verbringen.

Schließlich war sie selbst nicht weniger als das. Ihr langes blondes Haar, das ihr bis über die Hüfte reichte, war seidenweich und sprach von teurer Pflege. Ihre Haut war weiß und makellos, was weniger ihrem Bankkonto als guten Genen ihrer Familie mütterlicherseits zu verdanken war. Sie hatte große rauchgraue Augen, mit denen es ihr ein Leichtes gewesen war, einen gutaussehenden reichen Mann wie Robert dazu zu bringen, sie zu heiraten. Nur dass es ihr damals nicht ums Geld gegangen war. Sie hatte wirklich geglaubt, sich in diesen Mann verliebt zu haben.

Heute konnte sie es nicht mehr sagen. Heute war sie klüger. Heute wusste sie, dass sie nur ein hübsches Spielzeug für ihn war. Eines von vielen, wenngleich sie das Privileg bekommen hatte, den Namen Carstairs tragen zu dürfen. Sie erwartete längst keine Blumen mehr, die bekamen nur die Frauen, die er auf seinem Schreibtisch vögelte, wenn er ihr sagte, er müsse mal wieder Überstunden machen. Ein Blick in sein Telefon hatte genügt, es herauszufinden. Er hielt sie nach wie vor für ahnungslos. Seit sie es wusste, hatte sie damit aufgehört, abends auf ihn zu warten. Stattdessen hatte sie sich ebenfalls neue Anreize gesucht und diese in der Kunst gefunden.

Robert würde Augen machen, wenn er wüsste, wie weit sie dabei bereits gegangen war. Es bereitete Samantha im wahrsten Sinne des Wortes ein diebisches Vergnügen, sich vorzustellen, wie er eines Tages die doppelte Wand in ihrem Kleiderschrank entdeckte, die sie nur zu dem Zweck eingebaut hatte, ihre gesammelten Kunstwerke dahinter zu verbergen. Wer hätte schon gerade bei einer tugendsamen Frau aus gutem Hause nach jahrelang gesuchtem Diebesgut geforscht?

Sie trocknete sich die Hände ab und glättete den Zeitungsausschnitt, der auf der Spüle lag und den sie seit Wochen mit sich herumtrug. Das Bild über dem Artikel zeigte ein verwaschenes Ölgemälde von Monet. Darauf zu sehen war ein Mohnfeld und dahinter ein kleines Haus, das sie als so heimisch empfand, dass sie zu gern durch das Bild gestiegen wäre, um durch den strahlenden Mohn zu laufen.

Es erinnerte sie an das Haus ihrer Großmutter. Sie dachte nicht gern an sie zurück, da die Erinnerungen schmerzten. Gleichzeitig bargen sie eine Freude und Liebe, die Samantha so nie wieder empfunden hatte. Auch Grannys Haus war im Sommer stets von einem prachtvoll blühenden Mohnfeld umgeben gewesen. Samantha hatte es genossen, frei von den Streitereien ihrer Eltern, dort ihre Ferien verbringen zu können. Sie war stundenlang durch das Mohnfeld gewandert und stets hatte Granny sie danach mit offenen Armen und einem Lächeln erwartet. Diese Art des Sich-Zuhause-Fühlens hatte sie sich auch von ihrer Ehe versprochen. Heute war sie klüger. Aber vielleicht war das Bild in der Lage, ihr etwas von diesem Gefühl in das kalte Glashaus zu bringen. Deswegen musste sie es haben und war bereit, alles dafür aufs Spiel zu setzen, was sie ausmachte. Ein Einbruch ins Met war kein Sonntagsspaziergang. Das wusste sie umso besser, da sie sich seit Wochen darauf vorbereitete. Es gab noch eintausend Unwägbarkeiten, die sie nicht vorhersagen konnte. Sie hatte versucht, das Gemälde zu vergessen, doch es hatte sich in ihre Träume geschlichen und war fast ein Teil ihrer selbst geworden.

Sie faltete lächelnd den Artikel zusammen und steckte ihn sich in die Tasche ihrer teuren Seidenbluse, ehe sie sich daran machte, das Haus zu verlassen. Sie würde sich das Bild in der Galerie ansehen und herausfinden, ob es den Aufwand wert war, es zu ihrem eigenen zu machen.

 

Regen prasselte auf die Windschutzscheibe des schwarzen Ford Crown Victoria, den Derrick seit Anfang seiner Karriere als Detective beim NYPD fuhr. Den Commissioner hatte er gebeten, ihm einen der neuen Dodge Charger zu überlassen.

„Man kann es sich nun mal nicht aussuchen“, hatte dieser nur trocken erwidert.

Ein Charger hätte wenigstens eine vernünftige Heizung gehabt, regelmäßig musste er die beschlagenen Scheiben freiwischen. Drei Stunden in klirrender Kälte in einem halb defekten Ford wartete er nun bereits vor dem Metropolitan Museum of Art auf eine unbekannte Person, die vielleicht auftauchte. Niemand im NYPD wusste, ob der Unbekannte wirklich kommen würde. Aber die Raubzüge, die die Ostküste der USA plagten, wurden in den letzten Monaten immer mehr. Und dies war die bedeutendste Ausstellung des Jahres. Die Chancen standen nicht schlecht.

Es gab durchaus angenehmere Möglichkeiten, einen Freitagabend zu verbringen. Direkt hinter ihm war ein italienisches Restaurant, Giovanni Venticinque. Viel zu teuer für seine Gehaltsklasse, allerdings perfekt für die umliegenden Bewohner der E 83rd Street, zwischen Fifth und Madison Avenue.

Derrick spielte an einem abgenutzten Stück Plastik herum, das von der Mittelkonsole abgefallen war. Zehntausend Gäste würden dieser Ausstellung in drei Tagen beiwohnen. Darunter vielleicht ein Kunsträuber. Eine komplette Einsatzgruppe des NYPD war abgestellt worden, um die Sicherheit der ausgestellten Gemälde zu gewährleisten. Der Commissioner wusste genauso gut wie Derrick, dass jeder Treffer hier ein Glücksgriff wäre.

„NYPD, hier Detective Graves, bitte um Ablösung an der 83rd, ich will mir den Laden mal von innen ansehen“, sprach er in das Funkgerät, als er das Warten leid war.

In der Sekunde, in der er die Autotür aufschwang, war er schon komplett durchnässt. Die langen dunkelblonden Haare hatten sich zu einem golden schimmernden Schwarz verfärbt und hingen in sein Gesicht. Er strich sie sich aus dem Sichtfeld und lief mit schnellen Schritten auf den Haupteingang des Met zu. Sein dunkelblauer Trenchcoat konnte ihm vor dem Regenguss kaum Schutz bieten.

Ausgerechnet er hatte den Beobachtungspunkt bekommen, der am weitesten vom Eingang entfernt war. Aus der Perspektive seines Autos war die sonst so belebte Upper East Side beinahe menschenleer, aber je näher er der Fifth Avenue kam, desto deutlicher war die Traube von Menschen sichtbar, die sich vor den Treppen zum Eingang gebildet hatte.

Zu seinem Glück war die Schlange unter einer Art Pavillon vor dem Regen geschützt. Seine Dienstmarke durfte er an der Tür nicht vorzeigen, das war Teil der Mission. Niemand im NYPD wusste, wie gut sich der Räuber vorbereitete, aber eine Erfolgsquote von einhundert Prozent war definitiv Grund genug, mit größtmöglicher Sorgfalt vorzugehen.

Obwohl sich die Schlange relativ zügig voranbewegte, nahm sich Derrick die Zeit, alle Personen in der Umgebung unter die Lupe zu nehmen. Verdächtig kam ihm allerdings nichts vor. Ein Herr sah ständig auf sein Smartphone, etwas nervös, aber wer tat das in New York City nicht? Ein anderer sah häufig zum Dach hinauf, wieder ein anderer schaute ständig über die Schulter. Eine Gruppe Herren hatte größere Rucksäcke dabei. Einer, fast noch ein Junge, schien sich pedantisch die Lederhandschuhe zu reinigen. Als ob er keine Spuren hinterlassen wollte. Oder als ob er einfach an einem gewöhnlichen Putzfimmel litt. Jeder konnte ein Verdächtiger sein.

„Name?“, fragte das Wachpersonal am Eingang barsch.

„Graves. Ich habe eine Einla…“

„Okay, Sie können weiter“, wurde er unfreundlich unterbrochen.

In weit ausfallenden Schritten bewegte sich Derrick bis zum hinteren Ende der Eingangshalle. Vor ihm hing ein Schild. Es verwies auf Kandinsky, Kirchner, Nolde und Chagall zur Linken, der Flügel für expressionistische Kunst. Renoir, Monet, Van Gogh zur Rechten, Impressionismus. Geradeaus ein Ensemble verschiedener Künstler der klassischen Epochen. Sein Blick wanderte nach oben, zur gläsernen Dachkuppel, von der Regentropfen langsam hinabliefen.

„Wo bist du?“, murmelte er.

 

Sie näherte sich dem Museum in dem nachlässigen Studentinnen-Look, der zwei Stunden akribische Vorbereitungszeit benötigt hatte. Sie hatte kaum Make-up aufgelegt, doch ihre Augen mittels buntem Lidschatten groß und unbedarft gezaubert. Der hohe unordentliche Zopf schenkte ihr noch einmal fünf Jahre, auch wenn der Regen sie ihr fast schon lasziv an der Haut kleben ließ. Die zerfetzten Jeans und der Oversize-Pullover taten ihr Übriges. Die neu gekauften Converse hatte sie so lange mit einer Küchenschere bearbeitet, dass sie gerade noch gepflegt genug aussahen, um im Met Einlass zu finden. Über ihrer Schulter hing lässig ein schwarzer Rucksack, der übersät war mit bunten Buttons sowie einem Aufnäher der Tierschutzorganisation „Sea Shepherd“, den sie in Rekordzeit in ihrem Auto angenäht hatte.

Kritisch besah sie ihr Spiegelbild in einer der überdimensionalen Fensterscheiben der Fifth Avenue und dachte zufrieden, dass sie gut und gerne als Anfang zwanzig durchging. Zur Krönung setzte sie noch eine große Brille mit schwarzem Rahmen auf. Diese hatte sie in einer Drogerie um die Ecke gekauft, zusammen mit den Requisiten, bestehend aus Block und Stift, mit denen sie sich nun bewaffnete, ehe sie mit einem einstudiert begeisterten Lächeln die Stufen des Metropolitan Museum of Art hinauflief.

Eine der Frauen im teuren Businesskostüm am Kartenschalter musterte sie beinahe abwertend, so als ob sie bezweifelte, dass sie das nötige Kleingeld für die Eintrittskarte besaß. Sie kramte so lange in ihren Taschen nach dem Geld, wie es die Dame am Schalter zweifelsohne erwartete, und förderte schließlich grinsend einen Zwanzig-Dollar-Schein zutage.

Als die Dame mit gespitzten Lippen die Eintrittskarte über den Tresen schob und sich schon dem nächsten Besucher zuwenden wollte, schob Emily Singer – wie sie sich als Studentin nannte – demonstrativ ihren Studentenausweis über den Tresen. „Sie schulden mir noch fünf Dollar, Miss. Ich bin für meine Bachelor-Arbeit hier, wissen Sie?“

Natürlich hatte sie das nötige Kleingeld und war nicht auf Sparmaßnahmen angewiesen, doch sie war eine geborene Perfektionistin und so zog sie ihre Rolle gnadenlos durch. Außerdem bereitete es ihr ein diebisches Vergnügen zu sehen, wie die Dame am Schalter kritisch ihren perfekt selbstgefälschten Ausweis prüfte und ihn ihr resigniert mit einer Fünf-Dollar-Note zurückgab.

„Vielen Dank.“ Grinsend wandte sie sich ab und machte sich vergnügt auf eine Entdeckungstour durch das Museum. Zuerst kramte sie in ihrem Rucksack nach dem Museumsplan, wobei sie absichtlich ihr Haarspray herausfallen ließ, welches lautstark auf die Fliesen knallte. Die Leute drehten sich kopfschüttelnd zu ihr um. Sie tat peinlich berührt und packte es hektisch wieder ein. Wer versuchte, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen, erregte viel Aufmerksamkeit.

Liv – wie sie sich insgeheim in ihrem zweiten Leben nannte, wenn sie nicht gerade gezwungen war, andere Identitäten anzunehmen – war die geborene Täuscherin. Genauso wie sie bei Robert die glückliche Ehefrau spielte, schlüpfte sie nun mühelos in die Rolle der schusseligen Studentin Emily.

Sie schlenderte in gespielter Planlosigkeit durch die Räume, blieb hier und da vor einem Gemälde stehen und machte sich eifrig Notizen. Natürlich wusste sie genau, wo ihr Zielobjekt hing, aber sie war nicht so dumm, es als erstes anzusteuern. Sie musste den richtigen Zeitpunkt abwarten. Es durfte nur ein Zwischenstopp von maximal zehn Minuten sein, ehe sich die Studentin Emily wieder Dingen zuwandte, die sie mehr interessierten als ein Gemälde von roten Blumen.

Während sie lässig durch die Räume schritt, prägte sich ihr messerscharfer Verstand alles ein. Die Notausgänge, die Lage der Fenster, die Höhe der Decken, mögliche Nischen als Versteck, sollte es hart auf hart kommen. Woran sie nicht glaubte, denn sie war noch nie erwischt worden. Sie tat es seit drei Jahren. Und sie war gut.

Sie bog in den Flügel der Arts of Africa ab und stellte sich staunend vor eine der großen Maskenskulpturen, bei deren Betrachtung man fast schon die Trommeln im Hinterland Afrikas hören konnte. Während sie eine Skizze davon anfertigte, nahm sie aus den Augenwinkeln die Leute im Raum ins Visier. Eine Reisegruppe ließ sich gerade die Skulptur neben ihr erklären – eine afrikanische Frau mit einem Neugeborenen zwischen den Schenkeln, die in der typischen Gebärhaltung der Bantu neues Leben auf die Welt brachte.

Als ein einzelner Mann den Raum betrat, stellte sie sich automatisch zu der Reisegruppe und tat so, als höre sie zu, während ihre Sinne gespannt waren wie die Sehnen eines Bogens.

Der Neuankömmling roch förmlich nach Cop. Für Liv hatte sich mit seinem Eintreten die komplette Atmosphäre des Raumes verändert. Er hatte nicht das typische Aussehen eines Cops – aus den Augenwinkeln meinte sie, lange nasse Haare zu sehen. Ihr war die Gefahr der Situation durchaus bewusst. Wenn er gut war, konnte er sie ebenso erspüren wie sie ihn.

Ergriff sie sofort die Flucht, würde sie sich verraten, und so harrte sie noch zehn Minuten aus, ehe sie mit der Reisegruppe zusammen den Raum verließ. Sie wandte sich noch einmal um. Als sie sah, dass er ihr nicht folgte, machte sie sich zu ihrem eigentlichen Ziel auf den Weg.

Sie betrat die Welt des Impressionismus und nahm die anderen Gemälde nur am Rande ihres Sichtfeldes wahr wie Felder, an denen man auf der Autobahn vorbeirast. Das Zielobjekt hing in einer anheimelnden Ecke, welche einem Wohnzimmer nachempfunden war. Es thronte an einer olivfarbenen Wand über einer alten viktorianischen Couch, neben der eine ebenso alte Stehlampe stand und sanftes Licht auf die roten Blüten auf dem Gemälde warf.

Selbstvergessen trat Liv näher heran und sah auf das Häuschen hinter dem Mohnfeld. Die Sehnsucht, die sie bei diesem Anblick ergriff, riss sie beinahe von den Füßen. Sie musste es besitzen, um es immer wieder ansehen zu können, wenn sie sich wurzellos und verloren fühlte.

Kapitel 2

Die Begegnung
~ Gustave Courbet ~

Derrick stand einen Moment in der Halle der Arts of Africa, holte tief Luft und sah sich noch einmal um. Das Mädchen gehörte sicher nicht zur Gruppe, die nun von einem Guide zur nächsten Skulptur geführt wurde. Er war ihr anscheinend direkt aufgefallen, für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Er hob den Arm und brachte die Hand vor seinen Mund. In das kleine Mikrofon, das in seinem Ärmel befestigt war, flüsterte er: „Verdächtige Personen gefunden. Ein Mann, Haupthalle, und ein Mädchen, Halle für Impressionismus. Beide erstaunlich aufmerksam, reagieren merkwürdig auf Beobachtung. Achtet auf einen jüngeren Herrn, etwa 1,75 Meter groß, trägt ein blau-kariertes Hemd und eine schwarze Brille. Ich schaue nach dem Mädchen.“

Mit langen Schritten machte er sich auf den Weg, den Saal für impressionistische Kunst zu betreten. Im großen Portal zwischen den Sälen vibrierte sein Handy. Seine Hand wanderte in die Jackentasche, und er zog es hervor. Auf dem Sperrbildschirm blinkte eine Nachricht von „Hernandez“ auf. Der Commissioner. Der Nachricht ließ sich entnehmen, dass dieser anscheinend große Probleme mit dem Gedanken hatte, dass ein seit Jahren gesuchter Kunstdieb, für die Polizei bislang absolut ungreifbar, weiblich sein könnte. Derricks erste Vermutung wäre es auch nicht gewesen, aber bei ihr hatte er ein seltsames Gefühl.

„Nähere mich Zielperson“, murmelte er schnell in sein Funkmikrofon und näherte sich dem Mädchen, das sich gerade einen Monet ansah. Aus der Nähe konnte er einen Collegeblock erkennen, auf dem anscheinend Notizen über diverse Kunstgegenstände der Galerie niedergeschrieben waren. Eine Studentin vielleicht?

„Sie studieren Kunst?“, bemerkte er, sich neben sie stellend, ohne sie auch nur eine Sekunde anzusehen. Ein kurzes Zucken durchfuhr ihren Körper, sie wandte sich erschreckt zu ihm, wobei beinahe ihre Brille herunterfiel.

„Oh. Ja, genau, an der Columbia. Eigentlich bin ich wegen der afrikanischen Ausstellung hier. Ein Projekt über die Völker Afrikas. Aber das Bild hier ist auch ganz hübsch.“

Sie sah zu Monets Klatschmohn in der Gegend von Argenteuil und rückte ihre Brille zurecht. Einen Moment lang betrachtete sie wortlos das Gemälde. Derricks Blick folgte dem ihren und musterte es eingehend. Er wollte gerade etwas sagen, um die Stille zu brechen, als sie loslachte. „Entschuldigen Sie, ich habe nicht wirklich Erfahrung mit diesen malerischen Sachen.“

Er drehte sich zu ihr. Im Augenwinkel erkannte er die Reisegruppe aus der afrikanischen Halle, die sich nun bis hierhin vorkämpfte. „Es gefällt Ihnen? Ein Monet. Eines seiner berühmtesten Werke, soweit ich weiß.“

Das Mädchen fixierte ihn kurz, aber intensiv, bevor sie sich ruckartig von ihm abwandte. „Ja, es gefällt mir. Es ist still und lebendig zugleich, meinen Sie nicht?“

Einen Moment lang überlegte er, welche Rolle er nun am besten spielen sollte, entschied sich dann allerdings doch für eine sehr vertraute. Als Kunstkritiker könnte er sowieso nicht durchgehen. „Ich bin da vermutlich nicht die Person, die Sie fragen sollten. In Sachen Kunst bin ich absolut ungebildet“, antwortete er lächelnd nach einer etwas zu langen Wartezeit.

Neugierig drehte sie sich zu ihm. „Und was tun Sie dann hier, wenn Kunst nicht Ihr Gebiet ist?“

„Eine Einladung zum bedeutendsten Event der Stadt kann man schwer ablehnen, oder? Man trifft ’ne Menge interessanter Menschen hier.“

Ihre Schultern fielen in dem Moment ein wenig in sich zusammen, ihr Blick nur noch auf den Boden gerichtet. „Sie vielleicht. Eine Studentin beachtet hier niemand“, antwortete sie etwas bedrückt.

Derrick lachte laut los, was nicht nur einen verwirrten Blick der jungen Studentin verursachte, sondern auch das Interesse einiger Personen im Raum weckte. „Sie haben ’ne Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen, vorhin. Die Spraydose“, entgegnete er, auf den schwarzen Rucksack auf ihrem Rücken deutend.

Die Studentin kicherte ebenfalls. „O Gott, ist mir das peinlich! Nun, ich bin nicht so oft in so edlen Etablissements. Ich schätze, das merkt man mir an.“ Sie hielt einen Moment inne. „Und Sie sind ein ziemlich wichtiger Mann, wenn Sie eine Einladung vom Met erhalten.“

Derrick ertappte sich dabei, wie er leicht rot wurde, so was hatte er nun wirklich selten gehört. Er starrte einen Moment auf den Monet. „Wichtig nicht, nein, um Gottes willen! Ich kann mir ja kaum ein Essen in einem der Restaurants hier auf der Fifth leisten. Fiel mir eben auf. Ich kenne bloß die ein oder andere Person hier im Museum.“

Sie waren nun etwa auf einer Wellenlänge, die Miene der Studentin besserte sich merklich.

„Ich ziehe eh eine wirklich gute Pommesbude vor. Das kennen Sie sicher noch. Sie waren ja auch mal Student. Auch wenn Sie mit dieser Frisur eher wie ein Musiker aussehen.“

Er wischte sich die nassen Haare aus dem Gesicht. „Ich habe nie studiert.“

Sichtlich aufgelockert lachte sie los und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, die aus dem Zopf gerutscht war. „Das war ein Fehler, die Partys sind der Hammer! Aber wenn Sie nicht studiert haben, was haben Sie dann getan?“

„Ach, eigentlich unspektakulär. Ein Bürojob, bei der Bank of America. In ’nem Bürowürfel. Aber hey, immerhin habe ich eine tolle Aussicht.“ Seufzend tippte er mit dem Finger auf seiner Hose herum und zuckte mit den Schultern. Ihre ohnehin schon groß wirkenden Augen wurden noch um ein Vielfaches größer. „Wow, danach sehen Sie wirklich nicht aus!“

„Wonach sehe ich denn aus?“, fragte er frech und fixierte ihre Augen.

Sie wandte sich von ihm ab, schlenderte etwas den Gang hinab. Links und rechts von ihnen hingen diverse Werke Monets, weiter hinten begann ein Abschnitt zu Renoir. Vor den letzten zu Monet gehörenden Werken blieb sie stehen. „Nach einem Rockstar, das sagte ich Ihnen doch. Die Mädchen in meinem Kurs wären verrückt nach Ihnen, wissen Sie?“

Sie zwinkerte ihm zu und bekam ein freches Grinsen als Antwort. „Dann habe ich es also bisher nur bei den Falschen versucht?“

„Jetzt machen Sie sich nicht lächerlich“, antwortete sie, das Bild musternd.

„Wie bitte?“

Das Mädchen drehte sich um und stemmte strahlend die Hände in die Seiten. „Ich kenne Männer wie Sie. Tun, als wären sie einsame Wölfe, um sich an arme, unschuldige Mädchen heranzumachen!“ Ihre Augen blitzten humorvoll auf.

„Mein großes Geheimnis ist gelüftet“, prustete er los, ehe sein Handy vibrierte. Er griff flink in die Tasche seines Trenchcoats und holte es hervor.

„Die werte Gattin?“, fragte sie und nickte in dessen Richtung.

„Die gibt es leider noch nicht. Es ist …“, setzte er an, die Nachricht lesend. Etwas leiser, ernster fuhr er fort. „… die Arbeit.“

„Diese Bank nimmt Sie ganz schön in Anspruch, was?“, erkundigte sie sich, leise, ohne die mädchenhafte Stimme, die sie zuvor gepflegt hatte. Eine Zeit lang schwiegen sie. Das Stimmenmeer der Halle hatte sie beide eingeschlossen, eine Weile lang, und niemand traute sich, diesen Käfig zu durchbrechen.

Bis Derrick das Schweigen brach. „Werden Sie morgen hier sein?“

Die Studentin, die gerade erst diesem merkwürdigen Zustand entkam, blinzelte verwirrt. „Morgen?“

„Die Ausstellung. Ist ja morgen auch noch da.“

Sie kratzte sich an der Schulter und lachte. „Oh, sicher … eigentlich hatte ich es nicht vor, es sei denn, Sie geben mir einen Grund.“

Ein breites Grinsen zierte nun sein Gesicht. „Ist es Grund genug, dass ich morgen wieder hier bin?“

„Banker sind eigentlich nicht so meins, aber wer weiß? Vielleicht überraschen Sie mich ja!“

„Wer spricht denn von Romantik? Um halb neun in der Haupthalle?“ Er drehte sich um und ging los, vernahm noch eindeutig ein hinterhergerufenes „Wir werden sehen“.

Dann wurde er von der Menge verschluckt. Schritt für Schritt begab er sich in Richtung der Herrentoilette, sein Handy in der Hand. Er schaltete es ein, auf die Worte des Commissioners konzentriert. „Sie ist es nicht.“

Derrick wusste, dass er jedes Wort mitgehört hatte. Vielleicht hatte er recht. Vermutlich. Er kam in einem der vielen Gänge zum Stehen. Die digitale Tastatur öffnete sich auf dem Touchscreen, und er tippte die knappe Antwort ein. Nach Drücken des Sendebuttons erschien seine Nachricht im Chatverlauf.

„Sieht so aus.“

Kapitel 3

Spielende Formen
~ Franz Marc ~

Liv wusste, sie sollte sofort die Stadt verlassen und sich ein anderes Ziel suchen. Der Cop hatte sie ins Visier genommen. Auch wenn sie ihre Rolle mit Bravour gemeistert hatte, glaubte sie dennoch nicht, dass er sich aus reinem Vergnügen mit einer einfachen Studentin unterhalten hatte. Oder in einer Galerie herumschlenderte.

Auch wenn sie nicht jede seiner Lügen durchschaut hatte, so glaubte sie ihm doch, dass er morgen Abend hier auf sie warten würde. Und sie wäre närrisch, ihm dann direkt in die Arme zu laufen. Eigentlich hatte er ihr mit seiner Konfrontation die Chance gegeben, von ihrem Plan abzuweichen und den Monet zu vergessen. Doch Liv war nicht gut im Vergessen.

Es war nicht allein das Bild, das konnte sie sich beim besten Willen nicht einreden. Irgendwie hatte er sie mit seinem Verhalten geradezu herausgefordert, es sich zu holen. Sie wusste, sie hatte sich töricht benommen und ihren Auftritt als Emily gefährlich übertrieben. Doch die Unterhaltung hatte ihr so viel Spaß bereitet wie zuvor schon lange nichts mehr. Und da war noch etwas anderes. Er reizte sie. Sie fand es faszinierend, einem Menschen zu begegnen, der es genauso gut wie sie verstand, Poker zu spielen.

Sie besah sich ihr Gesicht im zerbrochenen Spiegel der öffentlichen Toilette des Central Parks. Die übertriebene Mädchenschminke hatte sie entfernt, ebenso den Zopf, sodass ihr langes Haar nun wieder in sanften Wellen über ihre Schultern floss. Sie zog sich das edle Chanelkleid an und stopfte die Requisiten und Kleider der Studentin in eine große Plastiktüte.

Während sie ihre Pumps wieder überzog, klingelte ihr Telefon. Sie stöhnte auf. Das konnte nur Rob sein, der eher zu Hause war und sich fragte, wo sie war. Sie würde sich beeilen und den Monet vergessen müssen.

Ein Blick auf ihr Handydisplay sagte ihr jedoch, dass es ihr Hausmädchen war. Erleichtert nahm sie ab. „Nancy, ich grüße Sie.“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, Mrs. Carstairs“, begrüßte das Mädchen sie höflich. „Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass Ihr Mann anrief. Er lässt ausrichten, dass er über das Wochenende geschäftlich in Florida ist.“

Mit einer seiner Geliebten, während er stets zu viel zu tun hatte, um mit ihr zu verreisen. Ein gefährliches Lächeln breitete sich auf Livs Gesicht aus. „Verstehe. Danke, Nancy. Ich werde selbst über das Wochenende fort sein. Nehmen Sie sich doch die Tage frei.“

„Oh, das ist sehr großzügig, Mrs. Carstairs!“ Sie hörte die unverhohlene Freude in der Stimme der anderen Frau.

„Dafür erwarte ich absolute Verschwiegenheit, haben Sie mich verstanden, Nancy?“, fragte sie lächelnd.

„Natürlich, Ma’m. Wie immer.“

Nun, das eröffnete ihr völlig neue Möglichkeiten. Kurzerhand schnappte sich Liv die Tasche mit Emilys Sachen und verließ die Toilettenkabine. Die Sonne hatte den Regen verdrängt und wärmte ihr Gesicht, während sie durch den Park schritt, vorbei am Museum zu dem pompösen Hotel, das sich genau auf der gegenüberliegenden Seite der Straße befand.

Selbstbewusst betrat sie das gigantische Foyer mit den roten fluffigen Teppichen. Die Blicke der Angestellten am Empfangstresen richteten sich sofort auf sie. Liv wusste, sie sahen ihr den Reichtum an. Und so behandelte man sie auch.

Ein Page kam eilig zu ihr. „Willkommen in The Mark Hotel, Miss. Darf ich Ihnen das Gepäck abnehmen?“

Sie ließ es lächelnd in seine Hände sinken und ging zum Tresen, hinter dem sie eine lächelnde Angestellte erwartete. „Guten Tag. Ich hätte gern das schönste Zimmer mit Ausblick auf den Park, das Sie mir bieten können.“

„Sie haben Glück, gerade ist eine unserer schönsten Suiten freigeworden. Wie lange möchten Sie bleiben?“, fragte die Angestellte freundlich.

Liv lächelte sanft. „Bitte checken Sie mich bis Montagabend ein.“ Sollte der Job unerwartet länger dauern, wäre es unklug, sich zu lange an ein und demselben Ort einzuquartieren.

„Ihren Namen und Ihr Geburtsdatum benötige ich bitte noch.“

„7. Juli 88“, erwiderte sie ohne Zögern. „Shannia Roberts.“ Sie förderte die passende Kreditkarte mit dem Ausweis zutage und fragte sich gleichzeitig, ob sie noch ein Konto für Emily eröffnen sollte, verwarf den Gedanken aber schließlich. Diese Identität würde sie nur noch einmal brauchen. Und zwar morgen Abend für den Cop.

Die Garden Suite war ein Traum aus weichen Teppichen, ausladenden Sesseln, stylischen Möbeln und einem atemberaubenden Blick auf den Central Park – und was für sie noch viel wichtiger war – auf das Museum.

„Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit, Miss?“, fragte der Page, der gerade mit den beiden Taschen hinter ihr in der Tür erschienen war.

Sie sah hinunter auf das Museum und lächelte. „Es ist perfekt. Oh, stellen Sie die Taschen einfach vorn ab, bitte.“

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“

„Danke, nein“, sagte sie lächelnd und reichte ihm ein großzügiges Trinkgeld.

Sobald er verschwunden war, ging Liv wieder ans Fenster und sah auf das Metropolitan Museum hinab wie die Königin ihres eigenen Königreiches. Sie konnte viele Dachfenster erkennen. Das Gemälde befand sich auf einer leichten, nicht allzu großen Leinwand. Erst einmal aus dem Rahmen befreit, könnte sie es zusammengerollt auf ihren Rücken binden und es damit sogar durch einen Schacht schaffen. Doch es waren noch einige Recherchen vonnöten, ehe sie eine finale Entscheidung darüber traf, wie sie es angehen sollte.

Und immer wieder schweiften ihre Gedanken ab zu dem Cop. Sicher war ein Treffen mit ihm mehr Mittel zum Zweck, um die Gegend noch besser in Augenschein zu nehmen, doch normalerweise ließ sie sich vor einem Zugriff nie zweimal am Tatort sehen. Sie fand es interessant, dass sie sich darauf einließ, und spielte sogar kurz mit dem Gedanken, in ihrer wahren Gestalt zu erscheinen, ehe sie ihn lächelnd wieder verwarf.

„Du benimmst dich kindisch“, schalt sie sich selbst. Sie musste sich auf ihre Aufgabe konzentrieren, doch das hinderte sie nicht daran, das Treffen als netten Abstecher auf ihrem Weg anzusehen.

 

Die Straßen New Yorks verschwammen vor seiner Windschutzscheibe, sein Ford bahnte sich den Weg durch den dichten Verkehr des FDR Drive. Zu seiner Rechten ragten gigantische Glasfassaden hoch auf, beugten sich beinahe über ihn, verdeckten den Himmel. Zu seiner Linken der East River, jenseits davon Queens und Brooklyn. Vor ihm ragte die Williamsburg Bridge in die Höhe. Das leicht bläuliche Stahlskelett war als einzige der drei Brücken im Süden Manhattans schon aus der Ferne zu sehen. Gleichzeitig war sie sein Heimweg.

Seine neue Wohnung in Williamsburg, der Metropolitan Avenue, war keineswegs schlecht, aber ernüchternd, in Anbetracht der Tatsache, dass sie den größten Teil seines Gehalts vereinnahmte. Noch konnte er allerdings nicht den Weg nehmen, der ihn zur Auffahrt der Brücke führte. Er durfte noch dem Commissioner berichten.

Derrick schaltete das Radio ein. Die Sendersuche sprang automatisch auf 97.9, KissFM. Der Radiomoderator bewarb gerade Fastrac Coffee, machte eine ziemlich unverständliche Ansage und spielte dann „Homecoming“ ein. Er drehte das Radio lauter. Nicht weil er das Lied besonders mochte, sondern um die hunderten Hupen, die gleichzeitig am Werk waren, zu übertönen.

Als er vor Jahren von Flemington in den Big Apple gezogen war, hätte er nie gedacht, dass ihm die Geräusche der Stadt einmal auf die Nerven gehen würden. Aber an Tagen wie heute hätte er sie einfach gern abgestellt. An der Abfahrt der Brooklyn Bridge schluckten ihn die Häuserschluchten dann endgültig. Sofort tauchte der große braune Block auf, der das Hauptquartier des NYPD war.

Je näher er kam, desto bekannter wurde alles. Die Schleifen, die er an der Park Row drehen musste, um auf die richtige Straße zu kommen, das Pförtnerhaus an der Einfahrt des Geländes, an dem er nicht einmal mehr seine Dienstmarke vorzeigen musste. Einige Gesichter kannte hier jeder. Sogar seine Parkplatznummer kannte er mittlerweile besser als seine eigene Telefonnummer.

Einen Moment blieb er im Wagen sitzen, ließ das Lied ausspielen. Die letzte Textzeile kam bei ihm kaum noch bewusst an. „Maybe we could start again.“ Sanft prasselten die Regentropfen auf den Wagen, das war ein anderer Regen als vorhin, leichter, beinahe schon erfrischend. Schließlich drückte er die Wagentür auf. Mit hastigen Schritten lief er durch die Drehtür, zum Aufzug, hinauf in den neunten Stock des Departments. Die Aufzugtüren glitten auf. Direkt ihm gegenüber stand Elijah, sein ehemaliger Partner. Derrick hatte vor Monaten darum gebeten, allein arbeiten zu dürfen. Nicht weil er Elijah nicht mochte, sondern weil er Gesellschaft nicht mochte.

„Der Commissioner wartet schon“, meinte dieser, zwei Ordner in der Hand, und betrat den Aufzug, den Derrick soeben verließ. Bevor sich die Türen wieder schlossen, ging er vorbei an den Schreibtischen der Detectives zum Hauptbüro am anderen Ende des Raumes.

„Detective Graves! Da sind Sie ja!“, rief eine Stimme. Auch wenn er sie eindeutig Commissioner Hernandez zuordnen konnte, tat er sich einen Moment lang schwer, diesen in dessen Büro zu finden. Das Licht war karg, künstliche Beleuchtung gab es gar nicht. Die einzige Lichtquelle waren die Lichter der Stadt, die durch die Jalousien fielen und den Raum in regelmäßigen Abständen in hell und dunkel teilten. Aus irgendeinem Grund arbeitete Hernandez lieber im Halbdunkel.

„Sie wollten mich sprechen. Wegen dem Mädchen, nehme ich an?“

Ein kurzer Blick der Verwirrung zeichnete sich auf dem Gesicht seines Vorgesetzten ab. „Was? Nein, es geht um den anderen, den Typen aus der Haupthalle, auf den Sie uns aufmerksam machten. Es gab einen Treffer in der Datenbank. Der Typ ist schon häufiger wegen Diebstahl auffällig geworden. Kunst noch nicht. Zumindest nicht bekannt. Wir sind uns sehr sicher, dass er es ist.“

„Sie trauen dem zu, drei Jahre lang unentdeckt Kunst im Wert von Millionen zu stehlen?“

Hernandez beugte sich etwas nach vorn. „Sie trauen es einem Mädchen zu, Graves. Ich bitte Sie.“

Derrick wandte sich ab, schaute durch die Spalten der Jalousien, sein Gesicht in ein Film-Noir-esques Schattenmuster getaucht. „Ich treffe mich trotzdem mit ihr. Ich traue ihr nicht. Vielleicht ist sie nicht die Person, die wir suchen, aber irgendwas an ihr ist faul. So richtig.“

Er schaute zurück zum Schreibtisch, wo die nun noch mehr in Schatten getauchte Gestalt mit den Schultern zuckte, bevor sie ihre kräftigen Arme auf der Holzplatte abstützte. „Tun Sie, was Sie wollen. Aber bleiben Sie bei der Mission. Auch wenn wir Sie nicht unbedingt körperlich brauchen, mental brauchen wir jeden Detective.“

Durch die Spalten erkannte Derrick eine Frau, die mit ihrem Baby am Fuß der Brooklyn Bridge ankam. In der Hand hielt sie etwas, das wie Blumen aussah. Einen Moment lang folgte sein Blick der Person in der Ferne. Sie legte die Blumen ab, an einem Geländer, das Straße und Gehweg trennte. Ein sichtlich neuerer Abschnitt als die Umliegenden. Er war wohl vor gar nicht so langer Zeit ersetzt worden. Seine Gedanken wanderten ab, er malte sich Szenarien aus, eins düsterer als das andere. Dann riss der Commissioner ihn abrupt aus seiner Gedankenwelt. „Gehen Sie nach Hause, Graves, und trinken Sie ein Glas Wein.“

Kapitel 4

Die Elster
~ Claude Monet ~

Liv hatte sich für diese Nacht genau vier Stunden Schlaf eingeteilt. Punkt ein Uhr klingelte ihr Wecker. Sie war sofort hellwach. Sie schlug das teure Laken zurück und hüllte sich in einen der seidenen Morgenmäntel, in denen die Initialen des Hotels eingestickt waren. Die Lichter im Zimmer ließ sie gelöscht. Sie fand wie eine Raubkatze zielsicher ihren Weg durch die Dunkelheit in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an. Sie hätte sich auch einen guten italienischen Latte Macchiato kommen lassen können, doch sie wäre dumm, mitten in der Nacht die Aufmerksamkeit der Hotelangestellten zu erregen.

Routiniert legte sie ihre Utensilien auf dem breiten Fenstersims vor der großen Glasfassade, die einen herrlichen Blick auf das Met bot, ab. Ein Fernglas, Zettel, Stift, die gute Spiegelreflex mit dem Nachtsichtobjektiv. Eine Waffe besaß sie nicht. Sie war keine Kämpferin, hasste Gewalt. Sie wollte sich einfach nur holen, was ihr Herz begehrte, und fand nichts Falsches daran, wenn sie schon dazu verdammt war, ein unglückliches Leben zu führen.

Der Kaffee war durch. Sie stellte die Tasse mit der dampfenden nachtschwarzen Flüssigkeit ebenfalls auf den Fenstersims ab, setzte das Fernglas an die Augen und beobachtete alle fünf Minuten einen anderen Punkt des Museums. Stunde um Stunde um Stunde. Ihre Glieder schmerzten, doch sie rührte sich nicht. Ihre langen Beine, die nackt unter dem Morgenmantel hervorblitzten, waren eiskalt. Ihre Augen tränten. Doch ihr Hirn arbeitete auf Hochtouren.

Wachmänner an jedem Ausgang, selbst an den kleinen Nischen, bei denen man davon ausgehen konnte, dass sie nicht mehr benutzt wurden. Hier und da konnte sie in den Seitenstraßen einen Streifenwagen in Zivil erkennen, von dem ihr ihre Kamera verraten hatte, dass jemand in ihm saß, bewegungslos, starr. Genau wie sie hier oben. Sie wurde erwartet.

Als es dämmerte, legte sie das Fernglas beiseite und ließ sich an der eiskalten Heizung zu Boden sinken, trank den jämmerlich kalten Kaffee aus. Das Gemälde war sicherlich durch einen besonders ausgefuchsten Alarm gesichert. Das Museum war voller Kameras und so groß und verwinkelt, dass sie einiges mehr an Vorbereitungszeit bräuchte als die zwei Tage, die sie sich genommen hatte. Was hatte sie erwartet? Einen jämmerlichen müden alten Wachmann wie in den kleinen Schuppen nahe Washingtons? Oder eine Alarmanlage, die selbst sie mit ihrem geringen technischen Verständnis hacken konnte wie neulich im El Museo del Barrio? Wahrscheinlich war das hier eine Nummer zu groß für sie.

Sie vergrub das Gesicht in den Händen. Warum konnte sie nicht einfach nach Hause fahren und all das vergessen? Dankbar sein, dass sie bisher davongekommen war und sich in das Leben fügen, das nun mal das ihre geworden war?

„Weil es nicht ausreicht“, flüsterte sie zu sich selbst. „Reiß dich zusammen!“

Sie stand abrupt auf, das Gesicht wieder kühl und klar, und machte sich bereit für den Tag.

 

Punkt acht Uhr war sie wieder in der öffentlichen Toilette des Central Parks und zog sich Emilys Haut über. Tauschte Pumps gegen Turnschuhe, die teuren Ohrclips gegen simple Stecker. Doch ihr Make-up ließ sie dieses Mal, wie es war. Auch den Zopf ließ sie weg. Sie strich sich zögernd durch das goldene Haar und versuchte, zu rechtfertigen, warum sie die Verwandlung nicht zu Ende führte. Warum wollte sie, dass dieser Cop einen Teil ihrer Wahrheit sah?

Sie schüttelte die Frage ab und erklärte sich ihr Verhalten damit, dass dies auch für Emily kein gewöhnliches Treffen war. Dass sie natürlich hübsch sein wollte für den fremden älteren Mann. Liv besah sich nochmal kritisch im Spiegel. Wirkte sie so noch wie das junge naive Mädchen? Nun, sie würde es herausfinden. Wenn er Verdacht schöpfte, sagte sie sich, konnte sie noch immer ihre Siebensachen packen und verschwinden. Doch ihre Neugierde war geweckt. Wie weit durchschaute er sie bereits?

Viertel vor neun spazierte sie lässig durch den Park und ließ sich bewusst Zeit. Sie würde nicht pünktlich sein, auch wenn sie wusste, dass er sie bereits erwartete. Schließlich war Emily keine verantwortungsbewusste erwachsene Frau. Viertel nach neun konnte sie sich nicht mehr zügeln und ging zum Museum.

Er wartete inmitten der Great Hall auf sie, den Rücken dem Eingang zugewandt, sodass er sie nicht kommen sah. Etwas an der Tatsache, dass er tatsächlich Wort gehalten hatte und gekommen war, ließ eine unbändige kindische Freude in ihr aufsteigen. Sie näherte sich ihm leise wie eine Katze, so nah, dass er ihr teures Parfum riechen konnte, als sie ihn ansprach. „Ich hätte nicht gedacht, Sie noch einmal wiederzusehen.“

Er drehte sich zu ihr um und wirkte nicht im mindesten überrascht. „Nicht?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Für jemanden, der mit Kunst nichts anfangen kann. Und was nun? Wollen Sie mir die Werke etwa aus Ihrer Sicht erklären?“

„Ich wollte erst einmal anmerken, dass ich Ihren Namen nicht kenne.“ Er trat einen Schritt näher.

Aus irgendeinem Grund raubte seine Nähe ihr den Atem. Automatisch trat sie einen Schritt zurück, ehe es atemlos aus ihrem Mund stolperte. „Liv.“

Sie verfluchte sich selbst. Sie war doch die Studentin Emily. Warum stellte sie sich als die Diebin bei ihm vor? Es war gleich, dass er den Namen nicht kannte, sie daran nicht identifizieren konnte. Es ging ihr ums Prinzip. Liv machte keine Fehler. Und wenn sie es schon tat, wollte sie wenigstens auf demselben Wissensstand sein wie er. „Darf ich vielleicht auch den Ihren erfahren?“

„Selbstverständlich!“ Er streckte die Hand aus. „Ich bin Derrick.“

Sie sah auf die Hand, versuchte zu entscheiden, ob das ein Trick war, und legte schließlich zögernd ihre hinein, um sie ihm dann genauso schnell wieder zu entziehen. „Und nun, Derrick?“

„Ich weiß nicht.“ Er schlenderte den Gang hinab. „Wie geht es mit Ihrer Arbeit voran?“

Er spielte mit ihr. Sie war selbst zu gut darin, um einen Meister bei der Arbeit nicht zu erkennen. „Nicht sonderlich gut, fürchte ich. Offensichtlich verbringe ich meine Zeit lieber mit Ihnen, anstatt daran zu arbeiten.“

„Das klingt so negativ. Haben Sie eigentlich schon die Ausstellung gesehen? Abgesehen von der Afrikaausstellung und der impressionistischen Galerie?“

„Oh, einen Teil. Nicht alles, fürchte ich.“ Sie beschleunigte ihre Schritte, holte ihn ein und ging langsam rückwärts vor ihm, um ihn nicht aus den Augen lassen zu müssen. „Was von dem Zeug hier interessiert Sie eigentlich wirklich?“

„Die verschiedenen Epochen, Funde aus der Bronzezeit. All so etwas. Die Geschichte der Menschheit fasziniert mich einfach.“

Die Antwort kam eine Spur zu schnell, wie auswendig gelernt. Sie lächelt ihn an. „Dann lassen Sie uns das doch zusammen anschauen. Aber lassen Sie mich vorher noch einen Kaffee in der Cafeteria holen, ich hatte eine furchtbare Nacht.“

„Eine Ihrer legendären Partys?“ Er lachte und lehnte sich an eine Säule.

„Hm … kann man so sagen.“ Sie blieb unschlüssig stehen. „Soll ich Ihnen einen mitbringen?“

„Ja, das wäre nett, ich saß auch noch Ewigkeiten über …“ Er hielt kurz inne. „Schwarz, wenn es geht.“ Er lächelte sie an.

Er legte ihr bewusst Köder. Sie kniff die Augen zusammen, sah ihn noch einen Moment an, dann lächelte sie und ging.

Liv ließ sich Zeit mit dem Kaffee, nahm bewusst einen längeren Weg, von dem aus sie ihn beobachten konnte. Er sah auf sein Handy, wie bei ihrem ersten Aufeinandertreffen. Ob er sie in diesem Augenblick schon an seine Kollegen verriet? Und warum zum Teufel ging sie nicht einfach? Doch jetzt zu verschwinden wäre ebenso auffällig, sagte sie sich und ignorierte das Gefühl, dass sie seine Gegenwart genoss.

„Da bin ich wieder. Ich habe Ihnen einen Schokoriegel mitgebracht. Ich denke, Sie können etwas Süßes vertragen.“ Sie überreichte ihm den schwarzen Kaffee und den Schokoriegel und nippte grinsend an ihrem eigenen Becher.

„Sehr aufmerksam von Ihnen!“ Er lachte, trank einen großen Schluck und machte sich langsam auf den Weg zur Ausstellung.

Sie ging schweigend neben ihm her und sah sich unauffällig die Gemälde und Skulpturen an, ihre Befestigungen. Sie zählte die Fenster, schätzte ihre Höhe ab und fragte sich, ob sie sich mit einem Sprung sehr verletzen würde.

Sie betraten die altertümliche Halle mit Reliquien aus längst vergangenen Zeiten. Die Menschen, die sie benutzt hatten, waren seit tausenden von Jahren tot, dennoch wirkten die ausgestellten Stücke sehr lebendig. Liv konnte förmlich die Geschichten hinter den Materialien summen hören.

„Die Ausstellung beherbergt Gegenstände aus den unterschiedlichsten Epochen, von der frühen Bronzezeit bis zur islamischen Ära“, sagte Derrick, als sie gerade einen gotischen Wandteppich ansah, der mit seinen goldenen Ornamenten überladen wirkte.

Sie sah ihn überrascht an. „Für jemanden, der sich nicht besonders gut auskennt, wissen Sie erstaunlich viel.“

„Ich habe etwas recherchiert. Neben einer Frau von Bildung will ich nicht wie ein Idiot aussehen.“ Er lächelte sie frech an, und näherte sich einem Gegenstand. Eine Art Zange. Sie bestand aus Bronze und war mit einer grünlichen Patina überzogen.

Liv blieb hinter ihm stehen und musterte stumm seine Statur, fast wie er das Ausstellungsstück musterte. Sie fragte sich, was für ein Mann er war; wo er sie belog und wo er die Wahrheit sagte. Dann trat sie neben ihn. „Ich bin nur eine Studentin. Ich weiß noch gar nicht, was ich am Ende wirklich tun will.“

„Gar keine Idee?“ Er musterte sie kurz, wandte sich dann wieder der Zange zu und hielt einen Moment inne. „Die ist aus dem neuen Reich. Sie erraten nie, wofür die benutzt wurde.“

„Ich wette, Sie überraschen mich.“ Sie lachte und besah sich die Zange näher. „Ein Folterinstrument?“

„Sozusagen. Damit brach man Dieben die Finger.“ Er war einen Moment absolut still, nicht einmal ein Atemgeräusch war zu hören. Dann prustete er los.

Sie wusste, ihr hätte nicht nach Lachen zumute sein sollen. Er hatte sie eindeutig enttarnt. Warum verriet er ihr das dermaßen eindeutig? Er war kein Idiot. Alles, was er sagte, schien System zu haben. Wieder sagte ihr Kopf, dass sie sich sofort eine Ausrede einfallen lassen und verschwinden sollte, solange sie noch konnte. Aber da war dieser Funken. Etwas, das sie bisher nur von Kunstwerken kannte, die sie interessierten. Sie wollte unbedingt herausfinden, was hinter seinen Farben steckte.

Langsam drehte sie sich zu ihm um und sah ihn direkt an. „Sie haben eine perfide Art, die mir gefällt, Derrick. Und jetzt seien Sie ehrlich, treffen Sie sich immer mit jungen Studentinnen? Nach Ihrem Feierabend in der Bank?“ Das letzte Wort betonte sie übertrieben. Sie wollte, dass er wusste, dass sie ihn genauso überführt hatte, wie er sie.

„Nur wenn sie besonders interessant sind.“ Er wich ihrem Blick aus und sah sich im Ausstellungsraum um.

Aha. Auf diesem Gebiet war er nicht sonderlich gut im Spielen. Dafür war sie es umso mehr. Sie lächelte. „Wissen Sie, ich habe keine Lust, meinen freien Nachmittag zwischen verstaubten Antiquitäten zu verbringen, Sie etwa?“ Sie lachte frech und nickte zu den Fenstern, durch die das Sonnenlicht flutete. „Haben Sie Lust auf einen Spaziergang im Central Park?“

„Nichts lieber als das! Es fiel mir langsam schwer, Interesse an Kunst vorzutäuschen.“

Sie legte den Kopf schräg und blitzte ihn an. „Das alles für mich? So viel Mühe müssen Sie sich gar nicht geben.“ Sie ging ihm voran zielstrebig Richtung Hinterausgang, der zum Park führte.

Er folgte ihr mit etwa einem Meter Abstand, sein Blick auf Livs nun offene Haare gerichtet. „Steht Ihnen! Die Frisur.“

„Freut mich, dass es Ihnen gefällt.“ Das Lächeln breitete sich automatisch auf ihren Zügen aus, doch sie wandte sich nicht um, damit er es nicht sah. Sie fragte sich besorgt, was zur Hölle sie hier tat. Zum ersten Mal hatte sie keinen Plan.

Draußen in der Sonne wurde ihr leichter ums Herz, die Luft war erfüllt vom Stimmengewirr der Spaziergänger. Sie wartete am unteren Treppenabsatz auf ihn.

Innerhalb von zwei Sekunden stand er neben ihr, atmete tief durch. Er warf seinen leeren Kaffeebecher in die Mülltonne neben dem Ausgang und drehte sich zu ihr um. „Angenehm frische Luft hier. So was bekommt man leider viel zu selten, egal, in welchem Stadtteil man wohnt.“

Sie lächelte geistesabwesend. „Sie sollten mal in die Hamptons fahren. Wenn das Meer gegen die Felsen schlägt, dann …“ Sie brach erschrocken ab und verstummte. Was war nur in sie gefahren? Genauso gut konnte sie ihm gleich ihre Fingerabdrücke geben.

„Dann bin ich immer noch zu arm, um mir dort auch nur ein Handtuch für den Strand zu mieten.“ Er lachte los. „Was machen Sie denn in den Hamptons?“

„Meine Großeltern haben dort ein Strandhaus“, erwiderte sie schnell. „Im Sommer bin ich verdammt gern dort.“

„Glaube ich Ihnen. Ich war ein paar Mal geschäftlich da, es ist wirklich unglaublich schön.“ Er setzte langsam einen Schritt vor den anderen und ging tiefer in den Central Park.

„Vielleicht sehen wir uns dort ja mal“, erwiderte sie und versuchte, ihre Nervosität zu verbergen, indem sie unentwegt lächelte.

Ein paar Minuten lang ging er schweigend neben ihr her, dann sah er Sie direkt an. „Wissen Sie, Sie können aufhören, mir etwas vorzumachen.“

Sie blieb abrupt stehen. Es war, als hätte er einen Eimer Eiswasser über ihr entleert. „Was reden Sie da?“

„Das teure Parfum, die Hamptons. Ich weiß, was Sie versuchen.“ Er lächelte sie herausfordernd an.

Sie musste improvisieren! Und wenn es noch so billig war, hatte sie keine andere Waffe parat, als die Waffe einer Frau. Sie setzte ein verführerisches Lächeln auf, trat einen Schritt näher und fragte dann leise: „So? Was versuche ich denn?“

„Sie sind gar nicht irgendeine Studentin, die viermal die Woche Ramen essen muss, Sie sind wohlhabender als das. Sie verstecken das nur vor Ihren Kommilitonen.“ Er zwinkerte ihr zu.

Für einen Moment sah sie ihn entgeistert an, ehe sie laut auflachte. „Ich glaubte, Sie unterstellen mir stattdessen, ich wollte Sie verführen.“

„Wollen Sie es denn?“ Er lachte. „Na? Wer aus Ihrer Familie macht denn das große Geld? Ihre Eltern? Großeltern?“

Ihr Lächeln verschwand. Er ließ sich nicht auf den Flirt ein. Er wollte sie einfach nur kriegen. Sie hatte keine andere Wahl mehr außer Flucht. „Sie haben recht. Ich verstelle mich nur vor meinen Kommilitonen. Und das macht einsam, kennen Sie das? Wenn man sich fast schon wünscht, sie mögen es herausfinden? Damit jemand etwas mehr von einem weiß als man selbst.“ Sie beschleunigte ihre Schritte und brachte Abstand zwischen sich und ihn.

„Ich weiß, was Sie meinen.“ Er lief ein wenig, um sie wieder einzuholen.
„Was ist Ihnen dermaßen peinlich daran, dass Sie es vor Ihren Kommilitonen verschweigen? Messen Sie sich an Ihren eigenen Errungenschaften, dann wird Ihnen niemand etwas übelnehmen, wer auch immer Ihre Familie sein mag.“

„Hören Sie auf damit, mich entschlüsseln zu wollen!“, sagte sie heftiger als beabsichtigt. Weil sie ungewollt darüber nachdachte, was ihre eigenen Errungenschaften waren. Gestohlene Träume anderer … „Ich muss jetzt gehen, Derrick. Leben Sie wohl.“

Sie drehte sich um und ging mit schnellen Schritten davon.

Kapitel 5

Blauschwarzer Fuchs
~ Franz Marc ~

Derrick sah ihr einen Moment hinterher, wie sie sich langsam ihren Weg durch die belebten Wege und Pfade des Central Park bahnte, und dann hinter einem großen Baum verschwand. Er setzte sich auf eine Parkbank, die nur wenige Meter von der Stelle entfernt war, an der das Mädchen so plötzlich verschwunden war. Das war eine Achterbahn. Irgendetwas war schiefgelaufen; nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Und nicht einmal annähernd so, wie er es sich erhofft hatte.

Er hatte vieles aus ihr herausbekommen, aber nicht das, was er wirklich wissen wollte. Ihr Name war vermutlich Olivia. Er glaubte nicht, dass das gelogen war, und sie lebte in den Hamptons. Ob sie wirklich Kunst studierte, ob sie überhaupt studierte, er war sich nicht sicher.

Der Commissioner bestand darauf, dass er sich auf den eigentlichen Verdächtigen fokussierte. „Olivia“ hatte sich durch ihre Hamptons-Ausflucht nicht gerade reingewaschen. Was verbarg sie vor ihm? Und warum? So unerwartet offen sie auch in mancherlei Hinsicht war, was ihre Motive sein könnten, was für ein Typ Mensch sie war - in ihre Persönlichkeit ließ sie niemanden hineinschauen.

Derrick stand auf und sah sich kurz um. Ein Junge rannte mit einem Frisbee in der Hand auf ihn zu, die Augen scheinbar überall, nur nicht auf dem Weg vor ihm. Er machte einen schnellen Schritt zur Seite, der Junge rannte an ihm vorbei, in Richtung des Hinterausgangs des Metropolitan Museum. Derrick sah ihm noch eine Weile hinterher. An der untersten Stufe des Met blieb er stehen, holte einen Freund zu sich. Die beiden redeten über irgendetwas, der dazugestoßene Junge lachte.

Derrick war dabei, seinen Blick abzuwenden, in Richtung seines Wagens zu gehen. Doch seine Aufmerksamkeit blieb an einem Objekt kleben, direkt neben den beiden Freunden. Dem Mülleimer. Ein älterer Herr mit orangefarbener Weste näherte sich dem Kübel und griff den Rand des grauen Müllsacks, bereit, ihn herauszuziehen. Er rannte im Vollsprint auf den Mann zu, der den Müllsack gleich wieder fallen ließ.

Derrick zog seine Marke hervor und keuchte: „NYPD!“

Seine Hand griff die Tüte und öffnete sie weit genug, um die beiden Kaffeebecher zu sehen. Aus der Innentasche seines Trenchcoats zog er einen durchsichtigen Plastikbeutel, in dem er die Becher vorsichtig verstaute. Dem Herrn der städtischen Müllentsorgung warf er ein hastiges „Vielen Dank“ entgegen, bevor er sich im Eiltempo auf den Weg zu seinem Auto machte.

 

Die Türen des Aufzugs auf Etage neun des Police Departments schwangen auf, und Derrick trat energisch an den ersten Schreibtisch zu seiner Linken. Eine junge Detective saß an der Arbeitsplatte und schob sichtlich gelangweilt Zettel hin und her.

„Können Sie das für mich ins Labor bringen? Ich brauche Fingerabdrücke und Speichelanalysen von beiden Bechern. Auf einem von denen sollte ich sein“, fragte Derrick und warf den Plastikbeutel auf den Tisch.

Sie schenkte ihm ein kurzes, aber herzliches Lächeln und verschwand sofort mit dem Beutel in einen anderen Aufzug. Derrick zögerte nicht lang und befand sich Sekunden später im Büro seines Vorgesetzten.

„Commissioner, ich habe von diesem Mädchen erfahren …“, setzte er an, als ihm dieser bedeutete, ruhig zu sein.

„Ich weiß, Graves, Sie hat jetzt der Ehrgeiz gepackt, aber Sie interpretieren da zu viel rein.“

Er war einen Moment still, dann setzte er erneut an. „Ich kann jetzt beweisen, dass sie mich angelogen hat, die ganze Zeit!“

Hernandez war nicht beeindruckt. „Es gibt Millionen Gründe, die ein Mensch hat, zu lügen. Die wenigsten sind kriminell, und mit Kunstraub hat fast keiner zu tun. Sie haben mich ja auch schon oft genug belogen.“

Derrick schaute ein wenig beschämt zu Boden. „Ich habe doch nur …“, warf er kleinlaut ein, wurde aber direkt wieder unterbrochen.

„Sogar in der Police Academy haben Sie gelogen, beim medizinischen Test. Ich erinnere Sie an Ihre Leber. Ich nehme Ihnen das nicht übel, aber verstehen Sie, dass nicht hinter jeder Lüge böse Absicht steckt.“

„Erlauben Sie mir, dem nachzugehen, Commissioner. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da irgendetwas ist, und dem haben Sie bisher auch immer getraut.“

Hernandez seufzte, nickte dann aber zustimmend und drückte ihm eine Akte mit Informationen zum Hauptverdächtigen im Kunstraub-Fall in die Hand. „Vergessen Sie dabei aber nicht Ihren eigentlichen Fall.“

Die Sonne senkte sich und rotes Licht erfüllte das Büro, in dem Derrick stundenlang die Akten studierte. Dort stand alles über diesen Typen, jedes Detail, das mit richterlicher Anordnung auffindbar war. Aber nichts, das herausstach, nichts, das ihn so wirklich zum gesuchten Kunstdieb machen würde. Zumindest nicht in seinen Augen. Er legte die Akten weg und trank noch einen Schluck aus seiner Tasse, während er seine Sachen zusammenräumte.

Gerade, als er sich umdrehen wollte, stand eine Gestalt vor ihm. Die junge Detective, der er die Proben gegeben hatte. „Ah, das Labor ist schon fertig?“

Sie grinste. „Abgesehen von Essensresten, Bakterien und anderen unappetitlichen Dingen waren an den Bechern Spuren. Spuren von Derrick Graves …“

Derrick rollte mit den Augen. „Was Sie nicht sagen!“

Triumphierend hielt sie ihm einen Zettel unter die Augen. „Und von einer Samantha Carstairs, wohnhaft in …“

„… den Hamptons“, beendete er ihren Satz.

Sie nickte. Derrick machte sich daran, seine Sachen weiter einzupacken, doch die Detective blieb an seinem Schreibtisch stehen. „Ich bin Valentina Neri. Ich glaube, wir wurden einander noch nicht vorgestellt. Ich bin erst vor Kurzem in diese Abteilung versetzt worden.“

Er blickte auf und sah direkt in ihre tiefdunklen Augen. Das Lächeln auf seinen Lippen wurde breiter. „Derrick Graves, Sie kennen meinen Namen ja schon von der … der Probe.“ Er lachte.

Sie beugte sich ein wenig nach vorn. „Hat Derrick Graves von der Probe denn schon Pläne für heute Abend?“

Er stützte sich auf seiner Arbeitsplatte ab. „Nein, hat er noch nicht.“

 

Liv hatte sie zu ihm gesagt. Das war zwar nicht ihr richtiger Name, doch es war der Name, den sie sich für das Leben gewählt hatte, in dem sie bisher am glücklichsten gewesen war. Liv war eine Aufforderung, die sie sich selbst gestellt hatte. Leb! Lebe, fernab der toten Schaufensterpuppe, die du in Robs Gegenwart sein musst.

Warum hatte sie nicht Emily gesagt? War es wirklich unbeabsichtigt gewesen?

Sie saß auf einer Bank im Central Park und sah zu, wie die Sonne immer längere Schatten warf, ehe sie gänzlich hinter den Bäumen verschwand. Emily hatte sie in einer Tüte in einem nahegelegenen Mülleimer entsorgt. Nach dem letzten Gespräch mit Derrick gab es für sie nur noch eine clevere Option: nach Hause fahren.

In diesem Moment gab ihr Handy den ersten Laut nach Stunden von sich. Es war Rob. In fast schon widerwilliger Hoffnung öffnete sie den Chat. Vielleicht war er früher nach Hause gekommen und fragte sich besorgt, wo sie war. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung für ihre Ehe.

Doch als sie den Chat öffnete, erwartete sie dort nur ein Foto mit einer kurzen Notiz. „Bin am Arbeiten, Darling. Es könnte ein paar Tage später werden.“

Auf dem Foto sah sie nur seine Beine in den teuren Jeans, die auf den Laken eines teuren Bettes lagen, den Laptop auf dem Schoß. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, den schwarzen Spitzen-BH von der Stuhllehne zu nehmen, der sie im Hintergrund des Bildes höhnisch auszulachen schien.

Von einer heißen abgrundtiefen Scham erfasst, schloss sie das Fenster des Chats und blinzelte die Zornestränen aus ihren Augen. Nein, sie würde nicht nach Hause fahren und dort weiß Gott wie lange auf ihn warten. Lieber würde sie sterben! Sie stand entschlossen auf und machte sich auf den Weg zurück ins Hotel.

In ihrem Zimmer angekommen, aß sie noch eine Kleinigkeit, die sie sich nach oben kommen ließ, danach reinigte sie die Räume gründlich mit Handschuhen und Desinfektionsspray. Niemand würde auch nur eine Spur hier von ihr finden. Vielleicht sollte sie dasselbe in ihrem Heim tun und für immer verschwinden. Auf dem Boden knieend hielt sie kurz inne und dachte über diese Option nach, die ihr zuvor niemals in den Sinn gekommen war. Warum verließ sie Rob nicht einfach? Weil es sich nicht gehörte? Weil ihr Leben dann mit dem Makel der Scheidung befleckt wäre? Oder liebte sie diesen kalten Bastard noch immer?

Sie konnte es beim besten Willen nicht sagen und es war ohnehin egal. Liv war es egal, denn Liv war nicht verheiratet. Liv mochte es einsam und gefährlich. Und genauso würde diese Nacht sein.

„Hat Ihnen der Aufenthalt gefallen?“, fragte die freundliche Hotelangestellte am Empfang.

„O ja, sehr!“, erwiderte Liv mit einem strahlenden Lächeln. „Für eine Frau, die aus einem Kaff bei Texas kommt, ist New York das berühmte Großstadtmärchen.“

„Das glaube ich Ihnen.“ Die Angestellte lachte und nannte den zu zahlenden Restbetrag.

Liv schob Shannias Kreditkarte über den Tresen, bedankte sich und verließ das Hotel.

Draußen angekommen bog sie sofort in eine kleine unbelebte Nebenstraße ab und machte sich auf den Weg zu ihrem Wagen, der eine dreiviertel Stunde Fußmarsch entfernt auf dem Parkplatz eines anderen Hotels stand, in dem sie sich der Form halber mit einem weiteren falschen Namen eingecheckt hatte. Sie warf ihre persönlichen Sachen ins Auto, schnappte sich nur die teure Tasche mit den Utensilien für die kommende Nacht und machte sich gemächlich auf den Weg zum Metropolitan Museum – nichts anderes mehr als ihr Ziel vor Augen.

Dieses Mal betrat sie das Museum in ihrem normalen Aussehen – dem roséfarbenen Chanelkleidchen und den hohen Schuhen. Niemand erkannte Emily in der eleganten Frau wieder. Und da sie sich perfekt in die teure Umgebung fügte, achtete niemand auf sie.

Sie hatte noch gute zwei Stunden bis zur Schließung und so benahm sie sich, wie jeder andere im Museum auch. Sie ging staunend durch die Räume und sah sich die Ausstellungen an. Dabei konnte sie es nicht lassen, noch einmal die Ausstellung zu besuchen, in der sie am Vormittag mit Derrick gewesen war. Als sie vor der Zange ankam, blieb sie stehen. „Damit brach man Dieben die Finger.“

„Sehr witzig“, murmelte sie bei der Erinnerung an seine Worte. „Wir werden sehen, Detective.“

Viertel vor neun ging sie auf die Damentoilette. Das Museum hatte sich schon fast gänzlich geleert. Gleich würden die Reinigungskräfte mit ihrer Arbeit beginnen. Schnell holte sie das Defektschild aus ihrer Handtasche, brachte es an der Tür einer der Kabinen an und schloss sich darin ein. Sie stellte sich auf den Toilettensitz, damit man weder ihre Füße noch ihren Schatten durch den Türspalt sah, und wartete.

Natürlich war diese Vorgehensweise riskant. In einem solch renommierten Museum konnte es durchaus passieren, dass die Angestellten versuchten, in den Kabinen nachzusehen, ob noch jemand da war. Gleichzeitig wusste Liv, dass dies die einzige Möglichkeit mit ihren beschränkten Mitteln war, die immensen Sicherheitsvorkehrungen am Eingang zu umgehen. Wenn man sie hier fand, konnte sie immer noch einen Schwächeanfall vortäuschen.

Kurz vor neun kam wie erwartet der Putzdienst mit einem Wagen herein, sie hörte das Quietschen der Räder, das Klappern der Putzmittel, das Rauschen von Wasser. Dann war der kritische Moment da, als jemand vor ihrer Tür stehen blieb, Liv hielt die Luft an. Ihr wurde klar, dass sie noch nie so nah dran gewesen war, erwischt zu werden wie in diesem Augenblick, und sie machte sich schon auf das Schauspiel ihres Lebens gefasst, als einmal kurz die Türklinke nach unten gedrückt wurde. Doch dabei blieb es.

Danach dauerte die Reinigung des Raumes weitere zehn Minuten, ehe das Licht gelöscht wurde und sie allein war. Sie konnte es nicht glauben. Das war fast schon zu einfach. Sie wartete noch so lange, bis sie draußen keine Geräusche mehr hörte, dann stieg sie von der Toilette und öffnete ihre Tasche. Sie traf die Vorbereitungen so routiniert wie jemand, der sich für einen Kinoabend zurechtmachte. Schnell legte sie ihre teuren Sachen ab und verstaute sie in der mitgebrachten Tasche, ehe sie in Livs wahre Haut schlüpfte. Diese bestand aus einem schwarzen Einteiler aus glattem Stoff, der nirgendwo hängen blieb und keine Fasern hinterließ. Darüber zog sie kniehohe Stiefel, die ebenso hauteng an ihren schlanken Beinen anlagen und eine nahezu lautlose Sohle mit gutem Profil besaßen – eine Eigenanfertigung vom Schuster ihres Vertrauens. Ebenso verhielt es sich mit den dünnen Lederhandschuhen, die für ihre kleinen Hände erst gefertigt werden mussten. Doch zuvor setzte sie die schwarze Langhaarperücke auf, was praktische Hintergründe hatte. Schwarz war in der Nacht einfach besser zur Tarnung geeignet als ihr langes blondes Haar. Sie verbot sich den Gedanken an eine Kapuze, denn noch immer kam sie aus gutem Hause und besaß auch in ihrem Leben als Diebin einen gewissen Anspruch an Stil.

Als sie die Handschuhe angezogen hatte, zog sie ein Tuch aus ihrer Tasche und begann, die Kabine von ihren Spuren zu reinigen, ehe sie mit der Tasche daraus hervortrat und zielstrebig zum Fenster ging. Es schien nicht alarmgesichert, da es viel zu hoch und zu klein war, als dass ein Mensch hindurchgepasst hätte. Doch es war perfekt, um ihre Tasche zu entsorgen. Wenn alles glatt ging, würde sie diese auf dem Rückweg zu ihrem Wagen einsammeln.

Als das geschafft war, checkte sie die Aufzeichnungen auf ihrem Smartphone. Dort befanden sich Skizzen der Reichweite der verschiedenen Überwachungskameras. Es waren erstaunlich wenige für die Größe des Museums, sodass sie niemals alle Winkel erfassen konnten. Sie hatte die Sichtwinkel grob berechnet und sich einen Weg zur Abteilung der impressionistischen Ausstellung ausgearbeitet. Diesen überflog sie noch einmal grob, ehe sie sich daran machte, leise wie ein Schatten die Toilette zu verlassen.

Die Gänge waren gespenstisch ausgestorben, doch sie wusste, dass Wachen an den Ausgängen postiert waren, weshalb sie lieber den langen dafür aber sicheren Weg zu ihrem Ziel wählte. Allein war sie allerdings auch hier nicht. Natürlich hatte sie damit gerechnet, dass die Gänge sporadisch bewacht würden, aber es war etwas ganz anderes, in der Situation zu sein. Das hatte nichts mehr von den ausgestorbenen Gängen der kleinen Museen, denen sie sonst einen Besuch abstattete. Zweimal wurde es richtig knapp. Das erste Mal, als sie gerade den Augen eines Wachmannes entkommen war, indem sie sich in einen kleinen Seitengang flüchtete, wo gleich der nächste um die Ecke kam. In ihrer Verzweiflung konnte sie nichts anderes tun, als sich hinter die Säule zu kauern, auf welche der Kopf König Davids thronte und zu hoffen, dass sie nicht den Alarm auslöste. Sie hatte Glück. Beim zweiten Mal entfuhr ihr ein Nieser, der zwei in der Nähe patrouillierende Wachen auf den Plan rief, die sofort alarmiert in den Gang gerannt kamen, in dem sie sich gerade befand. Liv schlug alle Vorsicht in den Wind und rannte blindlings davon. Im nächsten Gang blieb sie atemlos stehen und lauschte zitternd, ob sie über dem Geräusch ihres lauten Herzschlages noch Schritte vernahm. Auch dieses Mal hatte sie Glück. Doch wenn es ihr jetzt noch möglich gewesen wäre, dann wäre sie umgekehrt. Einen Moment schloss sie angstvoll die Augen und wünschte sich zurück ins Hotelzimmer. War ein Bild, das ihr etwas Behaglichkeit vermittelte, dieses Risiko wert? Oder wollte sie erwischt werden, um ihrem alten Leben in irgendeiner Weise ein Ende zu setzen? Wie armselig dieser Gedanke doch war. Und wie naheliegend. Aber jetzt war nicht die Zeit, darüber nachzudenken. Sie sammelte sich und machte sich daran, zu Ende zu führen, wofür sie hergekommen war. Sie bewegte sich schnell aber achtsam, suchte immer wieder in kleinen Nischen Schutz, um zu überprüfen, ob sie noch allein war, wobei sie penibel darauf achtete, an keiner der Skulpturen Alarm auszulösen.

Was unweigerlich spätestens dann geschehen musste, wenn sie bei ihrem Ziel angekommen wäre. Sie vermutete hinter dem Bild einen Human Detector – ein Alarmmodul, was als eine Art Folie direkt am Rahmen hinter der Leinwand angebracht wurde. Eine kostengünstige und effiziente Variante, die viele Museen bei Einzelbildern anwandten. Sie hatte keine Möglichkeit, diesen Alarm zu umgehen, also musste sie auf ihre Schnelligkeit setzen. War das Bild erst einmal von der Wand runter, hatte sie höchstens zwei Minuten, es aus seinem Rahmen zu lösen und zu verschwinden, bis die Wachen vom nächsten Ausgang bei ihr wären. Vielleicht auch weniger. Es war ein vages Unternehmen, denn sie hatte keine Muster in den Bewegungsabläufen der Wachen erkannt. Diese schienen ihre Streifzüge spontan zu verändern. Ihr würde nichts anderes übrigbleiben, als die Scheibe des Fensters einzuschlagen und zu hoffen, dass das Glück auch dabei auf ihrer Seite wäre. Liv war klar, dass dies die riskanteste Aktion war, die sie jemals durchgeführt hatte. Doch nun gab es kein Zurück mehr.

An der Ecke kurz vor dem Gang zum Impressionismus wurde es noch einmal brenzlig, da sich hier zwei Überwachungskameras befanden, die sich überkreuzten. Sie war sich nicht sicher, wie weit diese reichten, aber es gab keinen anderen Weg, also setzte sie alles auf eine Karte und rannte in den nächsten Raum. Sie rannte weiter zum Gemälde und verlor keine Zeit.

Als sie gerade Hand anlegen wollte, ertönte rechts über ihr ein ohrenbetäubendes Scheppern und es regnete Glas. In der nächsten Sekunde war die Hölle los. Ohrenbetäubender Alarm ertönte, eine komplett in Schwarz gekleidete Gestalt landete neben ihr. Für eine Sekunde sahen sie einander an. Es war eindeutig ein Mann, das konnte sie an der Statur sehen. Ansonsten konnte sie nichts erkennen, da er eine Maske trug. Im nächsten Moment traf sie etwas Kaltes, Hartes so fest am Kopf, dass sie sofort zusammenbrach.

Schmerz explodierte in ihrem Schädel, sodass sie nicht mal mehr in der Lage war, den Kopf zu heben. Sie hörte über den Alarm hinweg, wie sich Schritte näherten und dachte noch „Jetzt ist es aus“.

Im nächsten Moment sah sie verschwommen zwei Wachmänner um die Ecke kommen. Ehe sie etwas tun konnten, ertönten Schüsse. Noch mehr Schmerz in ihrem Kopf. Zwei Körper fielen neben ihr zu Boden, etwas Kaltes wurde unter ihre Hand geschoben. Sie sah, wie die Gestalt das Gemälde an sich nahm und aus dem Fenster verschwand.

Dann fiel sie in tiefe Schwärze.

Kapitel 6

Grenzen des Verstandes
~ Paul Klee ~

Die Williamsburg Bridge war noch voller, als sie es normalerweise war. Ausgerechnet heute. Valentina tippte neben ihm auf dem Türgriff herum, und Derrick gab sich Mühe, nicht loszuhupen wie ein Verrückter.

„Wohin wollen wir denn?“, fragte sie und beugte sich zu ihm herüber.

Derrick lächelte. „Ins Queen, ein Restaurant in Brooklyn. Die haben ’ne tolle Pasta-Karte! Und es ist ganz bei mir in der Näh…“

Er wurde unterbrochen durch das Rauschen seines Funkgeräts. Sie wussten beide, was das bedeutete. Er drückte auf die Sprechtaste und fauchte entnervt: „Was ist denn?“

Die anfangs unverständliche Stimme klarte etwas auf. Es war Hernandez. „Graves. Ihr Fall ist gerade deutlich interessanter geworden.“

Derrick schaute Valentina an.

„Wir haben Ihr Mädchen ohnmächtig im Metropolitan Museum gefunden. Neben zwei Leichen.“

Seine Augen weiteten sich. Vor schierem Entsetzen ließ er das Funkgerät fallen. Das kleine Blaulicht, das im Handschuhfach des Ford verstaut war, platzierte er durch sein Fenster auf dem Dach. Es begann, einen schrillen Ton abzugeben, eine Sirene, die den Lärm der Brücke durchschnitt. Die Wagen vor ihm formten eine Gasse in ihrer Mitte. Erstaunlicherweise. Normalerweise gaben die Fahrer New York Citys nicht viel auf die Polizei.

Derrick trat das Gaspedal durch. Sein alter, gebrechlicher Wagen konnte nicht viel. Nur an Pferdestärken mangelte es kaum. Der Motor heulte auf, die Reifen quietschten und mit einem Satz raste der Crown Victoria durch die Gasse nach Brooklyn, wendete und raste die andere Seite der Brücke hinab, zurück nach Manhattan.

„Fahren Sie zum Lenox Hill Hospital“, befahl Hernandez, Derrick nahm es eher unterbewusst wahr. Die Farben der Ampeln und Straßenlichter verschwammen in der Dunkelheit, während er Block für Block passierte.

Er bog auf die Siebenundsiebzigste Straße, vor den Haupteingang des Hospitals. Die Straße war eng, aber es war ihm egal. Er stellte seinen Wagen verkehrtherum mitten auf der Einbahnstraße ab und stieg aus. Zwei Schritte hinter ihm folgte Valentina. Eine Gruppe Krankenschwestern wartete in der Eingangshalle. „NYPD. Wir suchen eine Samantha Carstairs. Sie ist Hauptverdächtige in zwei Ermittlungsfällen“, ratterte er schnell herunter, um keine Zeit zu verlieren.

„Etage fünf!“, rief ihm eine der Schwestern zu. Derrick nickte und lief in Richtung des Aufzuges.

Valentina gelang es gerade so, sich zwischen die schließenden Türen zu werfen, um mitzufahren. Derrick hämmerte energisch auf den Knopf mit der Fünf ein. Einige Meter weiter oben glitten die Türen wieder auf. Er musste nicht fragen, auf welchem Zimmer sie lag. Es war Zimmer 502, das Zimmer, vor dem eine ganze Horde Polizisten stand.

„Commissioner!“, rief Derrick.

Hernandez machte ein paar Schritte auf ihn zu. Er drückte ihm einen Ordner in die Hand. Derrick öffnete ihn. Zu sehen waren zwei Fotos, eines von einem auf dem Boden liegenden Körper, eines von der Halle, sowie ein Textdokument, das den Sachverhalt grob umriss. „Am wahrscheinlichsten ist, dass ein Komplize sie niederschlug, nachdem sie sich um die Wachen gekümmert hatte.“ Derrick nickte.

„Ist sie wach?“, fragte er eine vorbeilaufende Schwester. Diese zuckte nur mit den Schultern. „Ich gehe gleich mal zu ihr rein.“ Er warf noch einen fragenden Blick zu Hernandez, um sich dessen Erlaubnis einzuholen. Dieser nickte nur kurz. „Wir wollten sowieso, dass Sie das machen.“

Er drückte die Türklinke hinunter und trat langsam in das Zimmer. Kein Licht war eingeschaltet, der Raum wurde nur durch die Lichter der Stadt erhellt. Doch dass sie wach war, merkte er an ihrem unregelmäßigen Atem. Wortlos trat er an sie heran, unsicher, was er von all dem halten sollte. Gegenüber vom Bett stand ein Stuhl, den er nun heranzog. Sie sollte das Gespräch eröffnen, denn er wusste nicht, was er sagen sollte. Irgendwo hatte er sich gewünscht, sich in diesem Fall zu irren.

„Auf diesen Moment haben Sie gewartet, habe ich recht?“, begann sie dann, in ihrer Stimme eine seltsame Mischung aus Verteidigung und Resignation.

Er holte tief Luft. Hatte er es wirklich so aussehen lassen? „Nein. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich heute Abend auf zwei Morde und einen Millionen-Diebstahl verzichten können.“ Er sah zur Tür, hinter der Valentina Neri auf ihn wartete. Er könnte einfach gehen, ihren gemeinsamen Abend noch retten. Aber er hatte hier eine Aufgabe zu erfüllen. Er blickte zurück zu Liv, deren Augen nun sichtlich feucht wurden.

„Sie sind tot?“ Konnte sie wirklich so gut schauspielern? Sein Kopf senkte sich. „Zweimal Kopfschuss.“ Er schob den Stuhl beiseite und ging langsam zum Fenster. Sein Gesicht wurde von den Lichtern der benachbarten Büros hell erleuchtet. „Können Sie mir sagen, wie ich das zu interpretieren habe?“

Livs Kinnlade fiel hinunter, zitternd setzte sie sich auf. „Sie glauben, dass ich das war?“

Seine Hand wanderte in seine Jackentasche. Er holte das Foto aus dem Ordner hervor und betrachtete es genau. „Sie hatten eine Waffe in der Hand, als man Sie fand. Eine Colt M1911, neun Millimeter. Zwei Schüsse fehlen im Magazin. In den Köpfen der Opfer stecken zwei Kugeln, neun Millimeter. Was soll ich damit machen?“

Er drehte sich um und sah sie direkt an. Vor dem Hintergrund der von Bürolichtern gefluteten Scheibe war er für sie vermutlich nur als schwarzer Umriss zu erkennen.

Sie stotterte, nach Worten suchend. „Ich … ich besitze gar keine Waffe! Ich weiß, wie das alles für Sie aussehen muss, aber ich war nicht allein dort! Glauben Sie, ich habe mich selbst zu Boden geschlagen?“

Er seufzte. „Sie machen es mir nicht leicht. Der Commissioner will, dass ich das Gemälde finde. Und dass ich erkläre, wie sie es erst verstecken konnten, um dann niedergeschlagen zu werden.“

Kraftlos sah sie zu Boden und murmelte ein paar kaum verständliche Worte vor sich hin. „Sie haben Ihr Urteil doch längst gefällt.“

Er musterte sie eingehend. Er war kein Psychologe, doch er hatte keine schlechte Menschenkenntnis. „Ja, habe ich tatsächlich. Ich glaube nicht, dass Sie für die Morde verantwortlich sind.“

Er stellte sicher, hier nur die Morde anzubringen, nicht den Kunstraub. Eigentlich war es egal, er hatte hier sowieso schon gegen diverse Regularien verstoßen. Trotzdem achtete er sehr genau darauf, eine Art Versuch, etwas Seriosität zu wahren. Ihr Blick war ehrlich überrascht, nichts daran schien im Entferntesten gespielt. „Sie glauben mir?“

In seinem Kopf ging er wieder die möglichen Formulierungen für seinen nächsten Satz durch. „Ich glaube nicht, dass Sie die beiden Wachmänner erschossen haben. Aber das wird einem Richter vermutlich nicht reichen. Sie müssen mir alles sagen, was Sie wissen. Von Anfang an. Sonst kann ich Ihnen nicht helfen.“

Ironische Wortwahl für einen Ermittler. Eigentlich sollte er ihr nicht helfen, sie war Hauptverdächtige in zwei Verfahren. Aber irgendwas in ihm wollte ihr helfen. Vielleicht aus einer Mischung aus seinem Bauchgefühl und seinem Gerechtigkeitssinn heraus. Vielleicht wegen etwas Anderem. Er zwang sich, diesen Gedanken zu verwerfen. Sie wandte den Blick von ihm ab, schaute demonstrativ in eine andere Richtung.

„Woher soll ich wissen, dass ich Ihnen vertrauen kann? Warum sollten Sie mir helfen wollen, Derrick? Sie haben mich von Anfang an genauso belogen wie ich Sie!“

Er ging langsam zurück zum Stuhl, zog seine Jacke aus und warf sie über die Lehne. Erst jetzt fiel ihm auf, wie schmutzig und verschwitzt sein weißes Hemd war. Er stemmte die Arme in die Seiten. „Ich bin Detective, lügen ist Hauptbestandteil meines Jobs. Hätte ich Ihnen sagen sollen, dass ich gegen Sie ermittle?“

Sie wandte sich ihm wieder zu. „Und was glauben Sie, was ich tue?!“, schrie sie ihn fast an, offenbar ein wenig zu laut, da ihre Hand sofort zu ihrer Schläfe fuhr und sie zurück in ihr Kissen sank. „Wir versuchen doch alle nur, unsere Aufgabe zu erfüllen.“

Er schüttelte den Kopf. „Und Ihre Aufgabe ist es, Leute zu bestehlen? Hören Sie, für Doppelmord bekämen Sie lebenslang. Was haben Sie denn zu verlieren?“

Er erhoffte sich nicht viel von diesem Überzeugungsversuch, aber er wollte es trotzdem probieren. Die Vorstellung, dass sie den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen würde, drehte ihm den Magen um.

Sie funkelte ihn wütend an. „Ich weiß, Sie halten mich für kleinkriminellen Abschaum und sich selbst für den guten Jungen! Wie kommen Sie darauf, dass ich stehlen würde? Hätten Sie auch nur einmal gefragt, was ich in dem Museum verloren hatte, hätte ich Ihnen sagen können, dass ich mich versehentlich in der Toilette eingeschlossen hatte und nur den Ausgang gesucht habe!“

Ihre Worte hörten sich erstaunlich erbärmlich an. Er war von ihr gute Lügen gewohnt. Oft war sie ein Buch mit sieben Siegeln gewesen, und es brauchte einen Fehler von ihr, kombiniert mit seinem aufmerksamen Gehör, um einen Funken Wahrheit zu erfahren. Heute war es anders. Diese Ausrede hätte ein Dreijähriger besser präsentiert.

Er lachte. „Auf der Toilette eingeschlossen. Dabei versehentlich meisterhaft an den Kameras vorbeigeschlichen. Auf den Monet zu, den Sie so anhimmelten. Mit Handschuhen und Perücke?“

Ihre Augen weiteten sich, als sie das Wort „Handschuh“ hörte. „Natürlich! Ich habe Handschuhe getragen! Haben Sie auch nur einen Fingerabdruck von mir am Abzug der Waffe gefunden, Sie Genie?“

Einen Moment dachte er, das sei alles eines ihrer Spielchen, aber es kam ihm sehr schnell, dass sie es ernst meinte. Sie wurde mit einer Waffe in der Hand neben zwei Toten gefunden und berief sich auf Fingerabdrücke. Er schüttelte den Kopf und ging auf die Tür zu. „Sie wissen anscheinend nicht, wie schlecht es wirklich um Sie steht.“

Ihr triumphierender Tonfall der Handschuh-Bemerkung verflog komplett, und wandelte sich in reine Verzweiflung. „Wo wollen Sie hin?“

Er griff nach der Klinke. „Wenn Sie mir nichts zu sagen haben, kann ich auch gehen. So viel Spaß machen mir Befragungen auch nicht.“

Er drückte die Tür auf und trat hinaus. Am Ende des Ganges sah er noch, wie Valentina im Aufzug verschwand. „So viel zu meinem Abend …“, murmelte er, die Hände zu Fäusten geballt. Hernandez sparte sich genauere Fragen, er konnte sich sicher denken, dass dieses Gespräch zu nichts geführt hatte.

„Scheiße!“, fluchte er noch, ehe er schnellen Schrittes verschwand, und sich nun allein auf den Weg zu seinem Wagen machte, um zu seiner Wohnung zu fahren. Anstatt eines Dates mit einer Frau wartete nun ein Date mit einer Flasche Whiskey auf ihn.

Kapitel 7

Die Geburt der Venus
~ Sandro Botticelli ~

Sie befand sich in einem großen dunklen Raum. Ein unsichtbares Fenster zersplitterte und messerscharfe Scherben regneten auf sie herab. Dann hörte sie Schritte. Eilige Schritte, gefolgt von scharfen Rufen. Sie waren hinter ihr her. Wie ein in die Enge getriebenes Tier drängte sie sich in die Schatten an der Wand. Es gab keinen Ausweg, die Wachmänner kamen immer näher. Jetzt konnte sie sogar ihre Gesichter erkennen. Die Augenfarbe, die feinen Schweißperlen auf der Stirn.

Im nächsten Moment fielen zwei laute Schüsse und die Männer fielen leblos zu Boden. Im fast selben Augenblick bemerkte sie das kalte Metall in der Hand. Von Grauen erfüllt sah sie nach unten und entdeckte die Pistole, ein Rinnsal Blut tropfte ihren Ärmel hinab und benetzte ihre Finger. Schluchzend ließ sie die Waffe fallen und wurde von ihren eigenen Schreien geweckt.

Den Rest der Nacht tat sie kein Auge mehr zu, aus Angst, die Bilder mochten sich wiederholen. Hatte sie tatsächlich Blut an den Händen kleben? Liv wusste, sie hatte die Männer nicht getötet. Auch erinnerte sie sich deutlich an die Gegenwart einer weiteren Person. Doch sie fragte sich, ob die Männer ihretwegen hatten sterben müssen. Ohne ihre Anwesenheit wäre der zweite Dieb vielleicht nicht so abgelenkt gewesen und hätte das Gemälde mit sich genommen, bevor er die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich gelenkt hatte.

Um nicht weiter über diese Möglichkeit nachdenken zu müssen, setzte sie sich langsam auf und schwang die Beine über den Bettrand. Noch immer schwankte das ganze Zimmer bei der kleinsten Anstrengung. Die rasenden Gedanken in ihrem Kopf waren nicht gerade hilfreich, zur Ruhe zu kommen.

Trotzdem erhob sie sich und tastete sich vorsichtig an der Wand entlang Richtung Fenster. Die Lichter der Stadt funkelten zu ihr herauf. Für einen Fluchtversuch war sie viel zu weit oben und sie nahm an, dass vor der Tür mindestens ein Polizist Wache saß. 

Ob Derrick dort draußen war? Kurz verspürte sie den starken Impuls, nachzusehen und mit ihm zu sprechen, doch dann rief sie sich zur Vernunft. Sie sollte ihm gar nichts sagen, ehe sie nicht mit ihrem Anwalt gesprochen hatte. Aber konnte Daniel sie aus dieser Situation herausboxen?

Man hielt sie für eine Mörderin. Alles, was sie zu diesem Zeitpunkt noch für sich selbst tun konnte, war, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Auf keinen Fall durfte Rob davon erfahren! Wenn sie an seine Reaktion dachte, wurde ihr übel.

Natürlich hatten sie ihr das Handy abgenommen, das hatte sie schon am Abend bemerkt, ehe sie eingeschlafen war. Sicher gab es auf der Station ein Telefon. Sie bezweifelte allerdings, dass man es sie benutzen lassen würde. Doch wenn sie Rob keine Nachricht hinterließe, würde er sich automatisch an die Polizei wenden. Oder wäre es ihm egal und er würde sich einfach eine seiner Gespielinnen zur neuen Frau machen?

Auch dieser Gedanke war nicht gerade angenehm, wenn er auch durchaus seine Berechtigung hatte. Doch vermutlich war dies ein Luxusproblem, das sie sich in ihrer Situation nicht mehr leisten konnte. So wie sie es sah, bekäme sie lebenslänglich.

Es war nicht so, dass sie nie zuvor über die Möglichkeit nachgedacht hatte, doch sie hatte sich immer für unberührbar gehalten. Als könnte ihr das nicht passieren und wenn doch, würde sie es sicherlich schaffen, sich irgendwie herauszuwinden. Die vielen Identitäten hatten ihr eine trügerische Freiheit verliehen, die sie nun auf einen Schlag verloren hatte. Morgen würde man sie mitnehmen und vielleicht – oder sogar wahrscheinlich – wäre sie dann nie mehr frei. Die Vorstellung erschien ihr unerträglich.

An was sollte sie zurückdenken, um als mutmaßliche Mörderin in einer tristen Gefängniszelle, Kraft zu schöpfen? An ihr erfülltes Leben? Sie hatte nichts von den Dingen getan, die sie sich als Jugendliche für sich erträumt hatte. Keine Reisen, keine Kinder, keine Freude. Niemand würde sie vermissen. Mit ihren Eltern hatte sie sich aufgrund ihrer frühen Heirat mit Rob zerstritten. Geschwister hatte sie keine und die Freundschaften aus dem Country Club basierten auf oberflächlichem Klatsch.

Ihre Kehle wurde trocken und sie griff nach dem Hebel, um das Fenster zu öffnen. Was hielt sie davon ab, diesem Wahnsinn ein Ende zu setzen, dieser gescheiterten Existenz? Doch es war natürlich verschlossen. Sie fluchte laut, als ihr bewusst wurde, was sie im Begriff gewesen war zu tun, und wandte sich schnell ab. Liv gab nicht auf. Liv lebte. Doch wie lebte es sich in einem Käfig?

 

Am nächsten Morgen war sie wieder mehr sie selbst. Mehr wie Liv. Sie hatte ein Ziel und wenn sie ein Ziel hatte, konnte sie hartnäckig sein. Seit gut zehn Minuten bearbeitete sie die Schwester, die die Visite durchführte. „Bitte lassen Sie mich kurz telefonieren. Nur zwei Minuten!“

Die Tür schwang auf und Derrick betrat den Raum.

„Das trifft sich gut!“, begrüßte ihn die ältere rüstige Schwester wütend. „Sagen Sie ihr, dass sie nicht telefonieren darf! Ich bin für heute durch. Sie können sie in einer halben Stunde mitnehmen. Ich mache die Papiere fertig.“ Damit stapfte sie an ihm vorbei aus dem Raum.

„Telefonieren?“, fragte Derrick neugierig. „Wie geht es Ihrem Kopf?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust, weil sie sich über sich selbst ärgerte, dass sie so froh war, ihn zu sehen. „Jetzt interessiert es Sie plötzlich, wie es mir geht, nachdem Sie mich gestern einfach sitzen gelassen haben?“

Er zog einen Stuhl heran und setzte sich verkehrtherum darauf, die Arme auf der Lehne abgestützt. „Was wollen Sie eigentlich von mir?“

„Mein Handy wäre für den Anfang nicht schlecht! Wo ist es?“

„Das liegt in der NYPD-Zentrale und wird gerade ausgewertet. Es ist mir auf Anordnung des Commissioners nicht erlaubt, Sie telefonieren zu lassen. Ich kann aber, wenn Sie es wollen, eine Nachricht weiterleiten.“

Liv schoss jeglichen falschen Stolz in den Wind und setzte sich auf. „Bitte! Es ist wirklich wichtig. Ich schwöre, ich belüge Sie nicht oder spiele irgendwelche Spielchen.“

Er schwieg und mied ihren Blick. Sie ergriff mit beiden Händen seine rechte Hand.

„Wenn es sein muss, können Sie im Raum bleiben“, fügte sie flehend hinzu.

Er seufzte und sah sie nachdenklich an. Seine Finger tippten auf dem Stahlrahmen des Krankenbettes herum. Er kniff die Augen zusammen, die aufgehende Sonne blendete ihn. Dann langte er in seine Tasche und reichte ihr sein Handy.

Vor Überraschung riss sie die Augen auf, schwang die Beine aus dem Bett und umarmte ihn kurz und heftig. „Tausend Dank“, flüsterte sie an seinem Hals.

Seine Arme weiteten sich automatisch und legten sich um sie. „Ich hoffe einfach, dass Sie mein Vertrauen nicht missbrauchen.“

Sie löste sich von ihm und sah ihn dankbar an. Das hatte sie nicht erwartet und sie würde es nicht vergessen. Ebenso wenig wie das Gefühl, von ihm gehalten zu werden. „Bestimmt nicht.“

Sie entfernte sich einige Schritte, soweit es in dem kleinen Zimmer möglich war, und wählte mit schnellen Fingern eine Nummer. Ehe die Person am anderen Ende etwas sagen konnte, gab Liv ihr schon Anweisungen. „Ich bin es, Nancy. Tun Sie mir einen Gefallen. Fahren Sie zum Haus und richten Sie Rob, wenn er kommt, aus, dass ich auf Reisen bin.“

Die junge Frau wirkte ehrlich überfordert. „Er wird sehr wütend werden, Miss. Und wissen wollen, wo Sie sind.“

„Das weiß ich! Ist mir vollkommen egal. Stellen Sie keine Fragen! Sagen Sie ihm, ich hätte von seinen Affären erfahren und wäre fort. Ich werde zu gegebener Zeit meine Sachen holen. Sagen Sie einfach, Sie wissen nicht, wo ich bin!“

„Sie machen mir gerade fürchterliche Angst, und ich mache mir Sorgen um Sie“, kam die ehrliche Erwiderung.

Liv hörte die Nervosität aus Nancys Stimme klingen, aber je weniger sie wusste, desto besser. Außerdem hatte sie ja noch einen stummen Mithörer. „Kann ich mich auf Sie verlassen?“

„Natürlich“, kam die resignierte Erwiderung. „Wie immer, Miss. Passen Sie auf sich auf.“

„Vielen Dank. Ich melde mich bei Ihnen, sobald ich kann.“

Sie legte auf, löschte die gewählte Nummer geistesgegenwärtig aus dem Protokoll des Telefons und hielt Derrick wortlos das Handy entgegen.

„Was war das denn?“ Er nahm das Handy entgegen. „Sie werden bald aus dem Krankenhaus entlassen. Das ist die letzte Gelegenheit für uns, unter vier Augen zu reden.“

Sie sah ihn an. „Was wollen Sie denn wissen?“

„Was wollen Sie denn erzählen?“

„Fragen Sie einfach … dann fällt es mir leichter zu entscheiden, ob ich Ihnen die Wahrheit erzählen kann.“ Dann wurden ihr seine Worte klar. „Was meinen Sie damit, es ist die letzte Gelegenheit für uns, unter vier Augen zu reden?“

„In Untersuchungshaft ist immer ein Psychologe dabei, mehrere Detectives, gelegentlich diverse Experten für das jeweilige Gebiet. Dort ist immer ein ganzer Stab anwesend. Hier sind wir allein.“ Er überlegte einen Moment über die Wahl seiner nächsten Worte. „Sie müssen mir alles erzählen, was Sie wissen.“

„Das kann ich auch noch dort tun, oder?“, sagte sie mit einem traurigen Lächeln. „Dort haben wir mehr als genug Zeit … lassen Sie uns über etwas anderes reden.“ Sie setzte sich ihm gegenüber auf das Bett und sah zur Uhr. „Laut dem Stationsdrachen haben wir noch genau fünfzehn Minuten.“

„Über was wollen Sie denn reden?“, fragte er und setzte sich neben sie auf das Bett.

„Von welchem Zeitpunkt an wussten Sie, dass ich …“ Sie stockte kurz und fragte sich, wie nahe sie mit den nächsten Worten einem Geständnis war. „Nicht die bin, für die ich mich ausgegeben habe?“

Er lächelte und trommelte auf seinem Bein herum. „Als Sie mir bei der Ausstellung im Met direkt in die Augen gesehen haben.“

Sie lächelte. „Ich wusste es. Ich habe es nicht wirklich versucht, wissen Sie.“

„Drei Jahre sind Sie fehlerlos vorgegangen, niemand hatte auch nur eine Ahnung, wen wir suchten. Was war diesmal anders?“

Sie schwieg lange, doch dann sah sie ein, dass ihre Lage aussichtslos war. Ihre Lügen brachten sie nicht mehr weiter. Darum war sie ehrlich und antwortete nur: „Sie.“

Er sah auf, direkt in ihre Augen. „Ich?“

Müde legte sie den Kopf auf seiner Schulter ab. „Keine Bange, in zehn Minuten werde ich wieder die Diebin und Sie der Detective sein. Ich brauche nur kurz etwas … Normalität.“

Er legte den Arm um ihre Schultern und hielt sie fest. „Sie sind immer noch Liv, ich bin immer noch Derrick.“

Liv schloss die Augen und lächelte. Sie hatte fast vergessen, wie es sich anfühlte, so von einem Mann gehalten zu werden.

Die Tür öffnete sich und die schlechtgelaunte Schwester trat ein. Beim Anblick der beiden blieb sie fassungslos in der Tür stehen. Liv hob langsam den Kopf und brachte Abstand zwischen Derrick und sich.

Dieser erhob sich. „Ich glaube, Ihre Eskorte ist hier.“

Die Schwester sah ihn nach wie vor entsetzt an, dann drückte sie ihm brüsk die Papiere in die Hand. „Die sind für Sie. Und jetzt nehmen Sie sie mit. Es hat sich herumgesprochen, dass eine Mörderin auf der Station ist. Die anderen Patienten sind nervös.“

Derrick nahm die Papiere entgegen und lächelte die Schwester frech an. „Es ist eine Mörderin auf der Station und ich weiß nichts davon? Dann bringen Sie mich besser mal zu ihr.“

Liv lächelte dankbar in sich hinein und folgte ihm auf den Gang hinaus. Zumindest gab es einen Menschen auf dieser Welt, der ihr glaubte.

Kapitel 8

Aufbruch
~ Silvian Sternhagel ~

Das weiße Licht des Knopfes zwischen den Aufzügen leuchtete auf, und ein dezentes Summen näherte sich dem Flur des neunten Stocks. Die Türen des Aufzugs öffneten sich und Derrick trat hinein, Liv direkt hinter ihm. In dem Moment, als sich die Türen schlossen, wurde es auf einmal sehr eng. Es fühlte sich an, als würde die Decke auf sie hinabfallen, oder die Wände sie zerquetschen. Als ob sich unter ihnen eine Falltür öffnete, sank der Boden hinab. Seine Hände langten zu den kalten Handschellen an seinem Gürtel. Er musste nun tun, was er immer hatte vermeiden wollen. Die falsche Person verhaften. Er verlor sich in seinen Gedanken, als sie ihn ansprach.

„Sie haben etwas auf dem Herzen, oder, Derrick?“

Nein. Vielleicht war sie nicht für diesen Fall verantwortlich, aber unschuldig war sie sicher nicht. Er musste sie verhaften, so oder so. Es fühlte sich nur so falsch an. Er versuchte, sie nicht direkt anzusehen.

„Ich will das nicht tun.“ Er spürte, dass sie nicht genau wusste, wovon er redete. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Handschellen nach wie vor durch seine Jacke bedeckt waren. „Sie sind nicht schuldig, ich sollte Sie nicht so abführen müssen.“ Zu seiner Überraschung war seine Stimme brüchig und heiser, gar nicht so, wie sie es sonst immer war. Ob das an seiner Sympathie für sie lag oder am übermäßigen Whiskeykonsum der letzten Nacht, wusste er nicht genau. Hoffentlich war es Letzteres.

„Es bedeutet mir viel, dass Sie an meine Unschuld glauben. Aber ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.“ Sie klang so viel selbstsicherer als er in dieser Situation. Niemals durfte ein Detective solche Schwäche zeigen. Zorn kam in ihm auf, auf alles, Liv, seinen Job, sich selbst. Er ballte die Hand zur Faust und eine bestimmte Tastenkombination der Knöpfe im Aufzug. Sie brauchten Zeit. Etwas, das sie von Anfang an zu wenig hatten. Der Fahrstuhl kam abrupt zum Stehen. Die Handschellen blitzten hinter seiner Jacke hervor, sodass Liv sie sehen konnte.

Sie wurde bleich. Dann atmete sie langsam aus. „Es ist Ihr Job. Das haben Sie letzte Nacht selbst gesagt.“

Sie drehte sich um, ihre Handgelenke ihm entgegengestreckt. Sie hatte recht. Es war sein Job. Er musste es tun. „Es tut mir leid“, brachte er hervor, während die Handschellen mit einem Klickgeräusch um Livs Gelenke schnappten. Derrick hielt sie einige Zeit fest. Ihre Hände waren eiskalt, blutleer. Dann drückte er eine Taste, und der Fahrstuhl setzte sich wieder in Bewegung.

„Ich wünschte, wir hätten uns unter anderen Umständen kennengelernt, Derrick“, flüsterte Liv. Von ihm kam keine Antwort, doch sein Blick sagte in diesem Fall alles.

„Können wir bitte schnell gehen?“, fragte sie, der Aufzug bremste. Die Türen glitten auf. Derrick griff ihren Oberarm und führte sie schnell durch den Eingangsbereich. Die Polizisten, die Wache standen, schienen sich nicht für das Geschehen zu interessieren, und die Blicke der Schwestern durchlöcherten die beiden wie eine Tommy Gun. Wäre er allein, hätte er jetzt eine Szene gemacht, aber Liv hatte ihn gebeten, sich zu beeilen. Also beließ er es bei einem bösen Blick durch den Raum.

Schon bevor sie die große Glastür am Eingang des Krankenhauses erreichten, hörte Derrick den Regen auf die Scheiben einprasseln. Es war Morgen, aber es sah aus wie spät am Abend. Wolken hatten den Himmel über New York verdunkelt. Sein Auto stand direkt vor der Tür, doch die wenigen Meter durch den Regen reichten, um sie beide komplett zu durchnässen. Wie aus Reflex hielt er die erste Tür auf, die er greifen konnte. Die Tür hinter dem Fahrersitz. Es war gegen das Protokoll, Verhaftete genau hinter sich sitzen zu lassen, wenn nur eine Person transportiert wurde. Aber es war auch zu spät, um die Tür wieder zu schließen.

Liv war schon halb eingestiegen. Das nasse Haar hing ihr ins Gesicht, und er musste den Impuls unterdrücken, es ihr beiseite zu streichen. Rasch stieg er vorne ein. Jetzt erst kam ihm der Gedanke, dass er mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit noch Restalkohol im Blut hatte. Obwohl er vorhin schon die komplette Strecke von Brooklyn bis zum Krankenhaus gefahren war.

Ein Flimmern entzündete sich in ihm, und Bilder flogen vor seinem inneren Auge vorbei. Er dachte an alles, was er verpasst hatte. Dank seines Jobs und dank dieses speziellen Falls. Ein Date mit Valentina Neri hätte er haben können. Überhaupt ein Date. Aber wie jedes Mal, wenn sein Privatleben begann, sich zart zu entwickeln, wenn seine Arbeit ein wenig in den Hintergrund rückte, geschah irgendwas. Seine Kiefermuskulatur arbeitete sichtlich, seine Backenzähne schliffen aufeinander, bis es ihm Kopfschmerzen bereitete. Der Autoschlüssel glitt ins Schloss und Derrick drehte in herum. Der V8-Motor röchelte etwas, dann ging er aus. Er versuchte es nochmal. Demütigender konnte es für ihn nicht mehr werden. Ein Detective der New Yorker Polizei hat nicht einmal Zugriff auf ein funktionierendes Auto.

„Hätten Sie mir nicht wenigstens einen glamourösen Abgang verschaffen können?“, klang es sarkastisch vom Platz hinter ihm.

Hätte er ihr einen glamouröseren Abgang verschaffen können? Hätte er, wenn der Commissioner ihm ein richtiges Auto gegeben hätte, wie vielen anderen Detectives auch. Oder wenn man sich um seine Schrottmühle vernünftig kümmern würde. Oder viel besser, wenn das Alles nicht passiert wäre und er einen einzigen Abend lang hätte Freizeit genießen dürfen, fernab von Akten, Dokumenten und Wänden von Text, von unnötigen Verhören dreister Drogenkuriere, von Besuchen auf zu lauten Partys, weil die Streife sich dafür zu fein war, von jugendlichen Schlägern, die ihm stockbesoffen auf die Schuhe kotzten, fernab von diesem gottverdammten Job als Hüter lückenhafter Gesetze in einer von Arschlöchern besiedelten Stadt. Ein Tropfen zu viel.

Seine ganze Energie entlud sich plötzlich, unangekündigt, und wie wild drosch er auf die Plastikarmatur neben seinem Lenkrad ein. Die Personifikation aller Probleme erschien genau dort, genau jetzt. Jeder Schlag fester, tiefer in das Plastik, bis es abfiel. Er atmete aus, lang, tief.

„Vielleicht werden wir beide eingesperrt, wenn Sie Polizeieigentum beschädigen. Das würde mir gefallen“, witzelte Liv, diesmal etwas leiser.

Er war sich sicher, es würde ihr gefallen. Sein Puls entsprach gerade dem eines Spitzensportlers, doch er versuchte, ruhig zu bleiben. Er drehte den Schlüssel erneut im Schloss, und nach einer Sekunde des Röchelns sprang der Motor blubbernd an. Er holte Luft, als ob er etwas sagen wollte, entschied sich dann aber dagegen. Er trat nur das Gaspedal durch, die Drehzahl des Wagens schoss nach oben und der Motor schrie auf. Das Ende der Straße war in Sekunden da. Gefolgt vom Nächsten. Und vom Nächsten. Derrick schoss über einige Blocks mit einer gefährlich hohen Geschwindigkeit. Jede Gerade heulte der Motor auf, die Umgebung verschwamm. In jeder Kurve wurde der gesamte Wageninhalt umhergeworfen, seine Aktentasche, sein Mantel, die unzähligen leeren Papp-Kaffeebecher.

„Kommt mir fast vor, als könnten Sie es gar nicht abwarten, mich abzuliefern“, kommentierte Liv leise.

Er sah in den Rückspiegel, sein Fahrstil normalisierte sich wieder. Liv machte ihm erst bewusst, wie gefährlich er fuhr. „Ich will Sie nicht abliefern. Ich wünschte, ich könnte abhauen.“

Ihre Blicke trafen sich. Ohne auch nur eine Miene zu verziehen starrte sie ihm in die Augen. „Dann tun wir’s doch“, erwiderte sie todernst.

„Sie wissen genau, dass ich das nicht kann.“

Sie lehnte sich zur Seite und sah aus dem Fenster. „Nein, natürlich nicht. Dafür ist Ihr Gerechtigkeitssinn viel zu ausgeprägt. Schade eigentlich. Ich dachte, wir beide könnten zusammen so eine Bonnie-und-Clyde-Sache durchziehen.“

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968171913
ISBN (Buch)
9783968172033
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v902716
Schlagworte
Romantik-Thrill-er Romantic-Thriller-Suspense Romantische Krimi Kunst-dieb-in USA-Liebe-s-roman-e pannende Liebes-romane reiche Frau Doppel-leben

Autoren

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    Jo Jonson (Autor)

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    Phil Schönenberg (Autor)

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Titel: Thief of my Heart