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Ohne Zeit

von Evelyn Weyhe (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Nkoidila ist ein Massai. Er liebt seine Heimat die Savanne, denn dort hat die Zeit keine Bedeutung. Als er sich in das Dorf seines Vater aufmacht, um seine zukünftige Braut kennenzulernen, stolpert er in ein Abenteuer, das er nie wieder vergessen wird.

Impressum

booksnacks

Erstausgabe Juli 2020

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-198-2

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von
shutterstock.com: © Rikus Visser
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Der Landrover verschwand hupend in einer Wolke aus Staub und Dieselabgasen. Der feine Sand schwebte langsam zu Boden und gab den Blick wieder frei auf die Ebene und die weit in der Ferne liegenden, sanften, grünen Hügel. Nkoidila, der Massai, blickte noch eine Weile in die Richtung, in die das Fahrzeug sich entfernt hatte, und hing seinen Gedanken nach. Er lehnte sich in der stammesüblichen Art so auf seinen Speer, wobei er mit dem einen Bein das andere in Kniehöhe abstützte, dass er von Weitem einem übergroßen Marabu glich. Die Shuka (rotgemusterte Decke der Massai), das rote Tuch, hing lose um seine Schultern und ergab einen interessanten Farbtupfer im Grün und Grau der Landschaft. Er hörte nicht das Gerede der Dorfbewohner, merkte nicht, wie sie an seiner Shuka zogen, er war in einer anderen Welt und starrte ins Leere.

Er konnte nicht verstehen, was gerade geschehen war. Eigentlich hatte er nur zur Boma (eingezäuntes Dorf) seines Vaters laufen wollen, die zwei Tagesmärsche entfernt lag. Da wo er zuhause war, gab es nicht viele weiße Menschen. In der Tat hatte er nur zweimal bei sich im Dorf einen gesehen. Das war kurz vor seiner Beschneidung gewesen. Er erinnerte sich, dass seine Mutter ihn aufgeregt in die Hütte gerufen hatte. Sie erlaubte ihm nicht hinauszugehen, bis der weiße Gott wieder fort war. Durch eine Ritze erspähte er einen Mann, der die Farbe einer Made hatte. Nur das Gesicht war rosa wie das Hinterteil eines Pavians. Er trug einen Hut und fuhr sich ständig mit einem Tuch über das Gesicht, um die Fliegen zu verscheuchen. Der Mann war mit einem vollbepacktem Auto gekommen, aus dem er ein großes Stück buntes Papier holte. Er hielt es hoch und deutete immer wieder aufgeregt darauf. Irgendwann fuhr er wieder ab. 

Kurz darauf kam ein Fahrzeug mit Menschen, die dunkelhäutig wie er waren. Sie verstanden jedoch seine Sprache nicht. Der weiße Mann, der im Auto geblieben war, gab Anweisungen etwas abzuladen. Keiner im Dorf wusste, wer das war und sie standen nur stumm da und beobachteten, wie mehrere Kisten auf dem Dorfplatz aufgestapelt wurden. Die Männer versuchten, mit den Armen fuchtelnd, ihnen etwas zu erklären, fuhren jedoch dann sichtlich verärgert ab, als sie merkten, dass sie nicht verstanden wurden. Die Kisten ließen sie zurück. Als Nkoidilas Vater sie später öffnete, waren überall schwarze Bücher, die sie ihm Laufe der Zeit zum Feuer machen verwendeten. Die Männer kamen nie wieder.

Heute jedoch hatte Nkoidila zum ersten Mal einen weißen Menschen sprechen gehört und ihn näher betrachten können. Dieser sah anders aus. Seine Haut war von der Sonne bronzefarben gebräunt und die Haare dunkel und lockig. Er trug eine kurze Hose und die Schuhe sahen fast so aus wie seine, die aus alten Autoreifen geschnitten waren, und auf die er sehr stolz war. Er hatte das Fahrzeug von Weitem in einer Staubwolke herannahen gesehen, und neugierig am Straßenrand gewartet. Nicht viele Fahrzeuge kamen in dieser Gegend vorbei, und so war es eine willkommene Abwechslung, einen Blick auf die Gesichter in den Fahrzeugen zu erhaschen. Meist waren es Matatus (Sammeltaxi), übervolle Sammeltaxis, in denen die Menschen zusammengedrängt, geduldig auf den erlösenden Moment des Aussteigens warteten. An diesem Tag war der Landrover mit dem weißen Mann unter einer Dornakazie stehengeblieben. Er war offensichtlich ausgestiegen, um seine Notdurft zu verrichten. Nkoidila beobachtete, wie der Mann sich dann streckte, mit dem Fuß prüfend gegen die Reifen trat. Schließlich öffnete er den Kofferraum und nahm aus einer Kiste eine Flasche, die er geschickt mit einem Stein öffnete und in langen Schlucken austrank. Erst jetzt entdeckte er den Massai im Schatten des Baumes. Freundlich hielt er ihm eine noch geschlossene Flasche hin. Er sprach zu ihm in einer Sprache die Nkoidila nicht verstand, aber die Geste war unmissverständlich. Er nahm die geöffnete Flasche entgegen und trank in durstigen Zügen das kalte Wasser. Wie machte der Mann das Wasser so kalt? Das Wasser, das die Frauen im Dorf holten, war meist brackig und warm. Er fühlte sich erfrischt und gab die leere Flasche zurück. Der Weiße hob die Hand zum Gruß, schaute auf seinen Arm, an dem er einen Armschmuck trug, stieg ein und wollte das Fahrzeug starten. 

Die Mittagshitze war gewaltig, die Luft flimmerte, kein Laut war zu hören. Der weiße Mann stieg wieder aus und Nkoidila verstand, ohne die Worte übersetzen zu können, dass er ärgerlich war. Er öffnete die Motorhaube und verschwand mit seinem halben Oberkörper darin, wobei er laut redete. Wieder setzte er sich hinter das Steuer und drehte den Schlüssel. Der Motor gab keinen Laut von sich. Der Mann stieg aus, beugte sich nochmals über den Motor, versuchte zu starten, wieder ohne Erfolg. Nkoidila war näher herangekommen, denn er hatte noch niemals ein Auto von innen gesehen. Der Anblick des Motors faszinierte ihn und er beobachtete, wie der Weiße seine Hände hinabtauchte und diese sicher zwischen Schläuchen und Schrauben bewegte. Wieder und wieder lief er zwischen offener Motorhaube und Fahrersitz hin und her, wobei sein Gesichtsausdruck sich abwechselnd hoffnungsvoll und ärgerlich zeigte. 

Nkoidila sah zur Sonne hinauf. Er wusste, dass er spät dran war. Wenn er das Dorf seines Vaters noch im Hellen erreichen wollte, musste er jetzt sofort weiter. Die Dunkelheit in der Savanne barg viele Gefahren und er musste an die eine Nacht denken, die ihm unvergesslich bleiben sollte. Als kleiner Junge hatte er sich einmal zum Ausruhen unter eine Akazie gelegt. Die Wanderung mit der Ziegenherde war lang gewesen und seine Glieder hatten nach Schlaf verlangt. Er war sofort eingeschlafen und hatte nicht bemerkt, wie schnell die Nacht ihn mit ihrem schwarzen Tuch zugedeckt hatte. Warum er plötzlich aufgewacht war, wusste er nicht. Der scharfe Geruch war ihm sofort in die Nase gestiegen und all seine Sinne waren geschärft. Etwas Haariges streifte ihn und gleichzeitig hört er das Schnappen eines kräftigen Kiefers. Er fühlte einen unsagbaren Schmerz an der Schulter und sprang, von Angst überwältigt, auf. Er tastete über seinen Arm und griff in eine tiefe, stark blutende Wunde. Er schrie laut um das unbekannte Scheusal zu vertreiben und versuchte gleichzeitig panisch den Baum zu erklimmen. Dort verbrachte er weinend die Nacht und wartete auf die Morgendämmerung. Als die Sonne die Savanne mit Gold überzogen hatte, war er schwach vom Blutverlust weiter gewandert. Seine Ziegen waren verschwunden. Irgendwann war sein Geist aufgestiegen und sein Körper war zurückgeblieben. So hatte man ihn gefunden. Viel später im Krankenhaus hatte man ihm gesagt, dass er großes Glück gehabt habe, da Hyänen gewöhnlich ihre Opfer ins Gesicht bissen. Die Wunde war lange nicht verheilt und hatte eine tiefe Narbe hinterlassen.

Nkoidila strich sich über den Arm und wollte sich auf den Weg machen, als er sah, dass der Mann ihn zu sich winkte. Er führte ihn zum hinteren Teil des Fahrzeugs und bedeutete ihm zu schieben. Der Weiße schob vorne, wobei er mit der linken Hand noch das Lenkrad betätigte. Beide Männer mussten all ihre Kräfte einsetzen, bis das Fahrzeug sich endlich einige Zentimeter vorwärts bewegte. Der Schweiß lief ihnen aus allen Poren, ließ die Augen brennen und die Lippen versalzen. Es erschien ein unmögliches Unterfangen, den schwerbeladenen Landrover zum Rollen zu bringen. Schwer atmend hielten sie ein und wischten sich die Gesichter trocken. Der Mann öffnete die Kühlbox, holte zwei Dosen hervor, öffnete sie und reichte eine dem Massai. Nkoidila hob sie an den Mund und setzte zum Trinken an. Das war kein Wasser, das war eine merkwürdig bittere, aber köstlich kalte Flüssigkeit und er trank die Dose gierig in einem Zug leer. Er fühlte sich beschwingt danach und stark und er lachte, sich den Mund abwischend, dem Mann zu. Dieser lachte zurück und klopfte dem Massai auf die Schulter.

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968171982
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906187
Schlagworte
spann-ung-en-de Kurz-geschichte kurz-e Liebes-roman-e Savanne Massai Heirat-en Hochzeit-s-vorbereitungen Zeit

Autor

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    Evelyn Weyhe (Autor)

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