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Verloben für Fortgeschrittene

von Gemma Townley (Autor) Angela Stein (Übersetzung)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Nie hätte Jessica Wild gedacht, dass ein erfundenes Date mit ihrem Chef derartige Folgen haben könnte. Doch nun rückt der schönste Tag in ihrem Leben immer näher und sie kann es kaum erwarten, ihren Traummann zu heiraten. Allerdings verhält sich ihr Verlobter immer eigenartiger. Er verschweigt ihr etwas, da ist sich Jessica sicher. Betrügt er sie etwa? Als Jessica eines Morgens in den tröstenden Armen eines Anderen aufwacht, nimmt das Unheil seinen Lauf und Chaos bricht aus, denn der Mann an ihrer Seite ist ausgerechnet der größte Geschäftskonkurrent ihres Verlobten …

Dies ist die Neuauflage des Romans Heiraten will gelernt sein.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe 2009
Überarbeitete Neuausgabe Juli 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-252-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-278-1

Copyright © 2009 by Ballantine Books
Titel des englischen Originals: A Wild Affaire

Published by Arrangement with Gemma Townley.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück, 30827 Garbsen.

Copyright © 2019, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Dies ist eine digitale Neuausgabe des bereits 2019 beim dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH, erschienenen Titels Heiraten will gelernt sein (ISBN: 978-3-96087-889-6).

Copyright © 2010, Goldmann
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2010 bei Goldmann erschienenen Titels Hauptsache Hochzeit (ISBN: 978-3-442-46978-9).

Übersetzt von: Angela Stein
Covergestaltung: Grit Bomhauer
unter Verwendung von Motiven von:
shutterstock.com: © ESB Professional, © Anastasiia Gevko, © Jade ThaiCatwalk
Korrektorat: KoLibri Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Eine abgesagte Hochzeit ist vielleicht einfach nur Pech. Aber zwei abgesagte Hochzeiten sehen nach gefährlichem Leichtsinn aus …

Kapitel 1

»Und wir werden wirklich heiraten?«

Ich schmiegte mich an Max’ Brust. Max war mein Verlobter. Der Mann, mit dem ich von jetzt an mein Leben verbringen wollte.

»Na klar«, bestätigte er und angelte die Fernbedienung unter der Daunendecke hervor. Unserer Daunendecke. Ich war immer noch dabei, mich mit dem Gedanken vertraut zu machen. Kniff mich tagtäglich, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte.

»Und ich werde Mrs. Wainwright?«

»Klar, falls du meinen Namen annehmen willst.«

»Falls?« Auf Max’ Stirn zeichnete sich eine angestrengte Falte ab, die ich eingehend betrachtete. Was wollte er mir damit sagen?

»Bist du dir unsicher, was das angeht?« Max zuckte mit den Achseln, küsste mich und schaute auf den Fernseher.

»Das bleibt ganz dir überlassen. Ich finde deinen Namen ja schön. Wäre eigentlich schade, ihn zu ändern.«

Das musste ich ein Weilchen verdauen. Und einen Anflug von Misstrauen vertreiben. Ich neigte eigentlich nicht zur Paranoia. Aber das war einfach nicht mein Terrain. Die Liebe, meinte ich. Ich hatte geglaubt, mit der ganzen Sache nichts anfangen zu können, bis ich Max kennenlernte; bis dahin hielt ich Liebe für ein Anzeichen von Schwäche, für eine sentimentale Reaktion auf Liebesromane und Make-up-Werbung. Doch das hatte sich in letzter Zeit geändert; binnen weniger Monate hatte ich mich vom Workaholic und überzeugten Single zur liebestrunkenen Verlobten entwickelt. Was natürlich neue Umgangsformen erforderte – die ich erst noch lernen musste. Aber das würde ich schon schaffen.

»Ich werd’s mir mal überlegen«, sagte ich leichthin. Max nickte; ihm schien das Thema keine Sorgen zu bereiten. Mir schon. Diesmal wollte ich alles richtig machen, nicht wie letztes Mal, als ich zum Traualtar schritt. Diese Ehe sollte perfekt werden.

Nicht, dass ich schon mal verheiratet gewesen wäre. Nur … na ja … fast verheiratet.

Aber das ist eine ziemlich lange Geschichte. Die man nicht gerne auf Partys erzählt, es sei denn, man ist dazu gezwungen.

»Was wollen wir dieses Wochenende machen?«, fragte ich. »Lass uns doch heute Abend essen gehen. Dann erzähle ich dir von meinen Catering-Plänen für den Empfang. Und über die Gästeliste sollten wir uns auch Gedanken machen.«

»Heute Abend?« Max wandte sich mir zu. Er sah leicht besorgt aus. »Tut mir leid, aber das geht nicht.«

Ich schaute ihn anklagend an. »Und das sagst du mir erst jetzt?«

Er blickte unbehaglich drein. »Mir ist was dazwischengekommen. Gestern Abend hab ich einen Anruf gekriegt …«

»Ich wusste es!« Ich boxte ihn. »Du hast behauptet, das sei nichts Wichtiges gewesen. Aber ich hab doch bemerkt, dass du dich hinterher komisch benommen hast!« Das stimmte. Das Telefon hatte gegen zehn geklingelt, und er war rausgegangen, um abzunehmen. Das war ganz normal, aber als er wieder ins Zimmer gekommen war, hatte er irgendwie eigenartig gewirkt. Ausweichend und schuldbewusst. Nun wusste ich also, warum.

»Tut mir wirklich leid, Jess. So was kommt eben manchmal vor, das weißt du ja.«

»Klar.« Ich war enttäuscht, versuchte das aber zu verdrängen. Schließlich musste Max ja nicht ständig mit mir zusammen sein. Auch nicht am Samstagabend.

»Ist was Geschäftliches«, äußerte er mit einem Achselzucken. »Ich muss mit einem Kunden essen gehen.«

Ich nickte und hoffte, dabei möglichst verständnisvoll auszusehen. Es würde mir gelingen, verliebt und stark zugleich zu sein, sagte ich mir streng. Wenn ich mich genügend anstrengte, würde ich das auch schaffen, der Überzeugung meiner Oma zum Trotz. Meine Großmutter hatte nämlich nicht viel von der Liebe gehalten. Die Liebe war der Ruin meiner Mutter gewesen, das hatte Oma mir immer wieder erzählt. Falsche Hoffnungen, Unvernunft, Charakterschwäche und Verlust der Moral – das alles wurde durch die Liebe verursacht. Mam war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, aber das hielt meine Großmutter nicht davon ab, Mams Schwäche für Lippenstift, ihre immer hochrutschenden Röcke und ihre Neigung zu großen, gut aussehenden, dunkelhaarigen Männern für ihren Tod verantwortlich zu machen. »Denk immer dran«, hatte Oma mir mindestens einmal die Woche mitgeteilt, »dass du es nur durch harte Arbeit und Unabhängigkeit zu etwas bringst im Leben. Betrachte die Liebe als deinen Feind, Jessica. Am Anfang merkst du es vielleicht gar nicht, aber im Lauf der Zeit wird die Liebe dir alles zerstören.« Bei alldem darf man vielleicht nicht vergessen, dass mein Großvater meine Oma genau zu dem Zeitpunkt verließ, als sie gezwungen war, mich bei sich aufzunehmen. Auch dafür machte sie meine Mutter verantwortlich. Und mich. Und die Männer im Großen und Ganzen. Ehrlich gesagt, war meine Kindheit nicht gerade ein Zuckerschlecken gewesen. »Na schön«, sagte ich. »Ich meine, kein Problem. Ich hatte nur … gedacht, dass wir mal früh ins Bett gehen könnten.«

»Ich dachte, du wolltest essen gehen?«

Max sah mich prüfend an, und ein kleines Lächeln spielte um seine Lippen.

»Ich wollte nur höflich sein«, sagte ich leicht verdrossen.

»Du könntest doch mit Helen ausgehen«, schlug Max vor.

»Ja, klar«, sagte ich. Er hatte natürlich recht. Aber ich wollte eben nicht mit Helen ausgehen, sondern mit ihm. In letzter Zeit war er so eingespannt gewesen – ständig war er aus dem Haus geschossen, um ins Büro zu fahren oder nach der Arbeit Kunden zu treffen. Ich hatte ihm x-mal angeboten, ihm zu helfen, aber er hatte jedes Mal abgelehnt und verkündet, ich solle mir keine Sorgen machen, alles sei bestens. Und das stimmte auch. »Ich wollte nur, na ja, eben den Abend mit dir verbringen.«

Max nickte. »Ich weiß. Tut mir echt leid. Ich würde auch nichts lieber tun, als den Abend mit dir zu verbringen. Es ist nur … du weißt schon. Ich bin jetzt Geschäftsführer. Ich muss eben meinen Job machen.«

»Natürlich«, erwiderte ich artig. Tatsächlich war Max wild entschlossen, in seiner neuen Position erfolgreich zu sein, und dafür musste er seine gesamte Zeit opfern. Im Grunde war ich damit einverstanden, nicht zuletzt weil ich in gewisser Weise schuld daran war, dass er in der Agentur aufgestiegen war. Und es war auch meine Schuld, dass er sich mit seinem besten Freund, Anthony, zerstritten hatte, der die Agentur vorher geleitet hatte. Max hatte mir immer gesagt, etwas Besseres hätte ihm gar nicht passieren können, aber dennoch … ich sollte ihn jedenfalls unterstützen.

»Aber ich könnte doch mitkommen?« Der Einfall kam mir spontan. Sein Kunde war ja auch mein Kunde. Ich war jetzt Etatdirektorin bei Milton Advertising – seit vier Monaten. Max hatte mich befördert, nachdem ihm jeder in der Agentur versichert hatte, man würde ihm keine Vetternwirtschaft unterstellen.

»Nein, es …« Max runzelte die Stirn. »Ist noch ein potenzieller Kunde. Nicht diese Art von … ich meine, ich sollte mit ihm alleine sein. Ich denke … das hat er sich so vorgestellt. Tut mir leid, Jess.«

»Ach so.« Ich biss mir auf die Lippe. »Nein, nein, macht ja nichts. Kein Problem, wirklich.« Ich blickte im Zimmer umher. Es war tatsächlich kein Problem. Bevor ich Max kennenlernte, hatte ich so viele Samstagabende ohne ihn verbracht – da sollte ich doch diesen einen problemlos verkraften. Ich könnte ein Buch lesen. Oder eines der Nachrichtenmagazine, die sich auf dem Küchentisch stapelten. Oder … Ich seufzte. Ich hatte auf nichts davon Lust. »Ich steh jetzt mal auf«, sagte ich mit leicht gekränktem Unterton. »Und mach uns Frühstück. Du kannst ja weiter Nachrichten schauen, wenn du willst.«

»Nun sei doch nicht so. Verzeih mir wegen heute Abend«, sagte Max. »Wie wär’s denn, wenn wir stattdessen frühstücken gingen? Dann kannst du mir die ganzen Sachen wegen der Hochzeit erzählen.«

»Frühstücken gehen?« Ich überlegte kurz, wog meinen Ärger gegen den Wunsch auf, so viel von Max’ knapp bemessener Zeit mit ihm zusammen zu verbringen wie möglich. »Na gut«, räumte ich ein. »Aber es muss ein ausgedehntes Frühstück sein. Und Zeitunglesen ist verboten. Abgemacht?«

»Abgemacht.« Max grinste. »Aber vorher musst du noch mal ins Bett kommen und dafür sorgen, dass ich überhaupt Hunger kriege.«

»Und wie soll ich das wohl anstellen?«, fragte ich, aber das Ende des Satzes klang schon sehr undeutlich, da Max mich unter die Decke zurückzog und meine Frage auf seine Art beantwortete.

»So«, sagte Max. Eine Stunde später saßen wir an einem Tischchen in einer kleinen Brasserie, tranken dampfend heißen Kaffee aus dem Becher und tunkten Croissants in Marmeladenteiche.

»So was?«, fragte ich. Da ich gerade in mein Croissant gebissen hatte, verteilte ich dabei Krümel auf dem ganzen Tisch.

»So, nun erzähl mir von der Hochzeit«, sagte Max und lehnte sich zurück. »Wolltest du nicht mit mir darüber sprechen?«

Ich schluckte den Bissen runter und zuckte mit den Achseln. »Ja, schon. Aber auch noch über andere Sachen. Es gibt ja nicht nur die Hochzeit zu besprechen.«

»Natürlich nicht«, erwiderte Max ernsthaft. »Was gibt’s denn noch?«

Ich dachte einen Moment nach. »Zum Beispiel den Launch von Projekt Handtasche. Ich habe …«

»Nee, über Arbeit darfst du auf keinen Fall reden. Wir haben Wochenende.«

»Stimmt, hast recht.« Ich nickte. Projekt Handtasche war mein großes Projekt bei der Agentur. Trotz des Namens hatte es nichts mit Taschen zu tun, sondern ausschließlich mit Geld. Chester Rydall, Vorstandsvorsitzender von Jarvis Private Banking, hatte einen Investmentfonds für erfolgreiche, wohlhabende Frauen gegründet. Und ich hatte den Auftrag für die Konzeption der Werbekampagne an Land gezogen, indem ich behauptete, man müsse Investmentbanking für Frauen so spannend und einfach erscheinen lassen wie den Kauf einer neuen Handtasche. Darauf war Rydall erstaunlicherweise total abgefahren. »Na gut, dann …«

»Dann was?« In Max’ Augen glomm ein schelmischer Funke. »Willst du stattdessen die Lage am Gaza-Streifen erörtern? Oder mit welchen steuerlichen Maßnahmen man die Inflation bremsen kann?«

»Ja, genau«, antwortete ich bockig. »Genau das wollte ich mit dir besprechen.«

»Gut«, äußerte Max und lehnte sich zufrieden grinsend zurück.

»Finde ich auch«, sagte ich.

»Na, dann mal los.«

Ich machte den Mund auf, bereit, alles auszuspucken, was ich über amerikanische Politik und Wirtschaft wusste. Dann klappte ich den Mund wieder zu. Ich hätte niemals von mir geglaubt, dass ich eine dieser Frauen sei, denen die politische Weltlage weniger wichtig sein könnte als die Beschäftigung mit der kniffligen Frage, was man den Hochzeitsgästen als Gastgeschenk mit auf den Weg geben könnte. Aber so sah es aus, denn ich konnte an nichts anderes denken als an den schönen Raum, den ich für die Feier gefunden hatte, und den zauberhaften kleinen Ort in Südfrankreich, wo ich gerne die Flitterwochen verbringen wollte.

»Oder könnte ich vielleicht doch über die Hochzeit reden?«, erkundigte ich mich kleinlaut.

Max lachte. »Tu das doch bitte, Jess. Es interessiert mich wirklich.«

Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. Zurzeit neckte Max mich ständig, was ulkig war, denn er galt allgemein als ziemlich humorlos. Es machte mir allerdings zu schaffen, dass ich manchmal nicht sicher war, ob er mich auch tatsächlich ernst nahm. »Wenn du lachst, erzähle ich aber gar nichts.«

»Das würd ich doch niemals tun«, versicherte er mir.

»Ich werd ganz ernst bleiben. Es handelt sich schließlich um eine ernste Angelegenheit. Ernster als die Erderwärmung und die Weltwirtschaftskrise und sogar ernster als Projekt Handtasche.«

»Projekt Handtasche?«, wiederholte ich, zog eine Augenbraue hoch und gestattete mir ein kleines Lächeln.

»Ach, jetzt bist du aber wirklich albern. Nichts kann wichtiger sein als das.«

Max grinste. »Das hör ich doch gern. Einen Moment lang hab ich mir ernsthaft Sorgen gemacht, dass du von Aliens entführt wurdest und man mir nur einen Klon hinterlassen hat.«

»Nun, ich bin aber kein Klon, sondern ich selbst«, erwiderte ich pikiert. »Und die Tatsache, dass du mich heute Abend wegen irgendeines langweiligen Kunden versetzt, wirft für mich die Frage auf, ob ich dich tatsächlich heiraten möchte. Aber mal angenommen, ich ziehe das durch, soll ich dich dann jetzt auf den neuesten Stand bringen, oder willst du weiterhin doofe Witzeleien von dir geben?«

»Keine Witzeleien mehr«, gelobte Max. »Obwohl ich nicht verstehen kann, was du gegen die einzuwenden hast. Witzeleien sind das Fundament jeder gesunden Beziehung.«

»Mag ja sein, aber das Fundament für eine Ehe kann nicht nur aus Scherzchen bestehen. Also, ich dachte an Lachs als Hauptgang.«

»Und wie dachtest du dir den Lachs?«

Ich musste wider Willen lächeln. »Mit Spargel«, antwortete ich und verdrehte die Augen. »Zum Dessert dann vielleicht Apfel-Pie. Keine Vorspeise – und nach der Trauung reichen wir zum Champagner nur Canapés.«

»Klingt prima«, äußerte Max beifällig.

»Im Ernst?«

Er nickte. »Das wird wunderbar, Jess, ganz bestimmt. Ich kann’s kaum erwarten.« Er schaute mich so liebevoll an, dass ich rot wurde.

Ich nickte. »Ja, ich find’s auch toll.«

»Gut.« Er beugte sich zu mir und drückte mir die Hand.

»Also, und was passiert dann nach dem Apfel-Pie?«

Ich grinste. »Nicht so wichtig. Erzähl ich dir ein andermal.«

»Nein, ich möchte es aber jetzt wissen«, erwiderte er.

»Ich möchte über die Hochzeitstorte reden, über den ersten Tanz, dein Kleid, meinen Anzug, die Kleider der Brautjungfern, die Farbe der Servietten …«

»Ich darf dir nicht verraten, was ich anziehe«, sagte ich lächelnd. »Aber na gut, wenn du’s unbedingt wissen willst.«

»Will ich. Ehrlich.« Er nahm wieder meine Hand, und zum tausendsten Mal in diesen drei Monaten, seit Max mir einen Heiratsantrag gemacht hatte, dachte ich, dass ich doch wirklich die glücklichste Frau unter der Sonne war. Ich hatte so ein wahnsinniges Glück. Andere Leute wussten nicht, wie schelmisch und witzig und treu Max war. Aber ich wusste es. Und er gehörte mir. Mein Herz schlug jedes Mal höher, wenn ich daran dachte.

»Also gut«, sagte ich und rief mich zur Ordnung. »Wir haben eine Schokoladentorte, ohne Obst, und für den ersten Tanz …«

»Ja?«

»Dachte ich … na ja …«

»Was denn?« Max blickte mich neugierig an und trank einen Schluck Kaffee.

»Ich dachte mir, wir könnten den Tanz aus Dirty Dancing aufführen. Du weißt schon, diese Nummer, die sie zu I’ve Had the Time of My Life gemacht haben.«

»Was?« Max verschluckte sich vor Schreck und spuckte Kaffee auf den Tisch.

»Du willst nicht?« Ich riss enttäuscht die Augen auf und schob leicht die Unterlippe vor.

»Ob ich nicht will? Nein, ich meine, schau, das ist wirklich nicht mein … o mein Gott, ist das dein Ernst?«

Ich schaute ihn unsicher an, schluckte und fing dann an zu kichern. »Nein, mein Schatz. Aber wie du schon sagtest: Witzeleien sind das Fundament einer guten Beziehung, oder etwa nicht?«

»Witzelei? Oh, Gott sei Dank«, schnaufte Max, wischte sich die Stirn und sah mich ungläubig an. »Du bist fies«, sagte er. »Ich hätte einen Herzinfarkt kriegen können.«

»Ich denke, du könntest einen ziemlich guten Patrick Swayze abgeben, wenn du dich ordentlich ins Zeug legen würdest«, erwiderte ich grinsend.

»Du bist eine gefährliche Frau, Jessica Wild. Gefährlich und raffiniert und …«

Sein Handy klingelte.

»Und was?« Ich kicherte. »Gefährlich und raffiniert und was?«

»Und …« Er blinzelte. »Merk dir, wo wir waren«, sagte er, bevor er den Anruf annahm. »Hallo? Hier ist Max.« Er runzelte leicht die Stirn und warf mir einen schnellen Blick zu. Dann lächelte er entschuldigend, stand auf und entfernte sich vom Tisch. »Nein«, hörte ich ihn noch sagen, bevor er nach draußen ging, »nein, so ist es nicht. Ich bin nur …«

Und was noch?, fragte ich mich, während ich meinen Kaffee umrührte. Gefährlich, raffiniert und nervig? Gefährlich, raffiniert und krankhaft besessen von Hochzeitsvorbereitungen? Ich schaute aus dem Fenster. Draußen stand ein glamourös wirkendes Paar. Mit ihren glänzenden, blonden Haaren, blendend weißen Zähnen und dem perfekten Outfit sahen die beiden aus, als seien sie just einem Hochglanzmagazin entsprungen. Irgendwie erinnerten sie mich an Anthony … beim Stichwort ›Anthony‹ fiel mir wieder ein, wie verblüfft ich gewesen war, dass Anthony sich offenbar in mich verliebt hatte, und wie unwohl ich mich immer mit ihm und seinen Freunden gefühlt hatte. Damals hatte ich geglaubt, dass Beziehungen eine Art Tauschgeschäft waren und dass man nur mit makellosen Zähnen und schönen Haaren einen gut aussehenden, reichen Freund finden würde. Inzwischen war ich schlauer. Max liebte mich nicht wegen meiner guten Zähne, sondern weil ich ich selbst war. Und ich liebte ihn auch, mehr, als ich sagen konnte; es fühlte sich an wie ein Glühen, das in meinem Bauch anfing und dann meinen ganzen Körper in Licht tauchte. Es hielt mich warm, dieses Gefühl. Und brachte mich selbst in den unpassendsten Momenten zum Lächeln.

Und dabei hätte ich Max um ein Haar verloren. Oder vielmehr gar nicht erst gefunden: Vor sechs Monaten erbte ich nämlich ein bisschen Geld. Ziemlich viel Geld sogar, aber das Erbe war an Bedingungen geknüpft. Meine Freundin Grace, eine alte Dame, die im selben Altersheim untergebracht war wie meine Großmutter, hatte es mir vererbt, und obendrein noch ein entzückendes Häuschen auf dem Land. Bevor sie starb, hatte Grace es sich allerdings in den Kopf gesetzt, dass ich heiraten sollte. Sie ließ mir keine Ruhe mehr damit. Und zu guter Letzt hatte ich einen Freund erfunden, nur damit sie endlich zufrieden war. Ich hätte mir vorher vielleicht überlegen sollen, dass sie dann über nichts anderes mehr reden würde; als mir die Idee kam, hielt ich sie für die einfachste Lösung. Das Gegenteil war der Fall. Ich musste mir Rendezvous, Wochenendtrips und Liebesgeflüster mit diesem imaginären Mann ausdenken – eine ganze Beziehung also. Und am Ende war ich mit dem Kerl auch noch verlobt – und schließlich verheiratet. Ich wusste, das hörte sich verrückt an. War es auch. Aber in den wenigen Stunden pro Woche, die ich mit Grace verbrachte, war sie völlig glücklich. Ich hatte bei meinen Flunkereien natürlich niemals darauf spekuliert, dass sie mir ein kleines Vermögen hinterlassen würde, wenn sie starb. Und ganz gewiss hatte ich mir nicht gedacht, dass sie es Jessica Milton hinterlassen würde. Mrs. Jessica Milton. Ach so, ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass ich Grace erzählt hatte, ich sei mit meinem Chef liiert, Anthony Milton. Max’ bestem Freund. Anthony hatte sich gleich nach der Hochzeit verabschiedet. Der Hochzeit, die nicht stattfand. Es war nämlich so: Um an das Geld zu kommen, hatten Helen und ich das Projekt Hochzeit gestartet, eine Kampagne, mit der Anthony dazu gebracht werden sollte, sich Hals über Kopf in mich zu verlieben. Als ich merkte, dass ich mich in Max verliebt hatte, konnte ich es jedoch nicht mehr in die Tat umsetzen.

Das perfekte Paar draußen schien sich nicht einig zu werden über das Speiseangebot der Brasserie und schlenderte schließlich weiter.

»Und wunderschön«, raunte Max mir ins Ohr; ich zuckte zusammen, weil ich nicht gemerkt hatte, dass er zurückgekommen war.

»Was?«, fragte ich verwirrt. »Was ist wunderschön?«

»Das gehört noch zu dem ›und‹«, antwortete er und küsste mich auf den Kopf.

»Wunderschön?« Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

»Sei nicht albern.«

»Bin ich nicht«, sagte er und schaute mir tief in die Augen, was mich wiederum zum Rotwerden veranlasste.

»Was war los?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln; Komplimente anzunehmen, fiel mir gar nicht leicht.

Er verdrehte die Augen und schenkte uns Kaffee nach.

»Ach, nichts. Nur ein … etwas schwieriger Kunde. Ich fürchte, ich muss in einer halben Stunde los. Aber ich denke, bis dahin sollten wir uns noch ein paar von diesen kleinen Kuchen zu Gemüte führen. Was meinst du?«

»Du musst wirklich schon so bald los?«, fragte ich, und mein Gesicht fühlte sich plötzlich starr an. »Aber heute Abend hast du doch auch keine Zeit.«

Max schaute mich verlegen an. »Ich weiß. Ich versprech dir, dass ich es wiedergutmache, ja?«

 

»Nicht nötig«, erwiderte ich und zwang mich zu einem Lächeln. Max konnte ja nichts dafür. Er hatte nun mal diesen schwierigen Kunden. Nur weil ich jetzt kein Workaholic mehr war und am liebsten meine gesamte Zeit mit Max verbracht hätte, musste er ja schließlich nicht dasselbe empfinden. Ich meinte, natürlich empfand er das auch so, aber … aber … es war nicht so wichtig, meinte ich. Wir liebten uns, und das war das Einzige, was zählte.

»Es ist wirklich nicht schlimm. Kuchen, ja? Also, holen wir uns welchen.«

Kapitel 2

»Du hast drei von diesen Kuchen gegessen? Und was ist mit deiner Hochzeitsdiät?«

Ich blickte Helen stirnrunzelnd an und verdrehte dann die Augen. Es war Samstagabend, und ich war fest entschlossen, einen netten Abend mit meiner besten Freundin zu verbringen und ausnahmsweise mal nicht an Max zu denken. Nicht zu viel jedenfalls. Nur genau so viel wie eine starke, unabhängige Frau an ihn denken würde, die zufällig auch noch bis über beide Ohren in ihn verliebt war. Das Stirnrunzeln vertiefte sich, als mir der Gedanke kam, dass womöglich auch noch eine andere starke, unabhängige Frau in Max verliebt sein könnte, doch ich rief mich zur Ordnung. »Ich mache keine Hochzeitsdiät«, stellte ich klar. »Ich bin zufrieden mit mir.«

»Im Ernst?« Helen rümpfte die Nase. »Aber niemand, der eine Hochzeit plant, ist zufrieden mit sich. Es geht doch schließlich darum, sich zu verändern, oder etwa nicht?«

»Helen!« Ich schüttelte genervt den Kopf. Seit ich Helen während des Projekts Hochzeit gestattet hatte, mich in einen Bleistiftrock und hochhackige Pumps zu zwängen und mir bei ihrem Friseur goldblonde Strähnchen machen zu lassen, um Anthony Milton den Kopf zu verdrehen, war sie nun der Überzeugung, dass dieser neue Look »mein wahres Selbst« darstelle und es Schlamperei sei, mich »gehen zu lassen« (was hieß, dass ich so aussah wie vorher). »Ich brauch diesen Kokolores nicht. Max liebt mich so, wie ich bin. Er mag es nicht, wenn ich mit aufgestylten Haaren und Stilettos daherkomme. Max ist nicht Anthony, wieso begreifst du das nicht?«

»Weiß ich ja«, erwiderte Helen verdrossen. »Aber es geht schließlich um deine Hochzeit. Du solltest dir schon ein bisschen Mühe geben.«

»Ich gebe mir Mühe«, versetzte ich unerbittlich. »Mit dem Raum. Den Blumen. Dem Essen.«

»Ja, aber was soll mit deinen Haaren werden? Du musst zu Pedro gehen. Bitte. Er wäre am Boden zerstört, wenn er nicht irgendwas damit machen darf.«

»Pedro?« Ich blickte sie unsicher an. Das letzte Mal war ich zu Beginn des Projekts Hochzeit bei Pedro gewesen, und zwar nicht freiwillig, sondern weil Helen mich dorthin geschleppt hatte. Dann hatte sie Pedro aufgetragen, sein Bestes zu geben, worauf er mich in jemanden verwandelt hatte, den ich nicht wiedererkannte. Die betreffende Person war hübsch gewesen, aber es hatte mich dennoch verstört, jedes Mal eine Fremde zu sehen, wenn ich in den Spiegel schaute.

»Du musst ja nicht mal färben lassen«, versuchte Helen, mir die Sache schmackhaft zu machen. »Er kann sie auch nur hochstecken. Und ein bisschen schneiden …«

Sie griff nach meinen Haaren und betrachtete missbilligend die Spitzen.

Ich rückte ein Stück von ihr ab. Ich hatte nichts einzuwenden gegen glänzende, gepflegte Haare. Nicht wirklich. Ich war nur nicht bereit, die notwendigen Schritte dafür zu unternehmen, weil ich mir dabei eitel und oberflächlich vorkam. Aber der Hauptgrund war eigentlich, dass mich gestylte Haare an die junge Frau erinnerten, die Anthony Miltons Verlobte gewesen war. Diese Frau, die ich nun gar nicht mehr verstehen konnte. Die gelogen und betrogen und um ein Haar den Mann verloren hatte, den sie liebte. Jetzt, da ich Max an meiner Seite hatte, wollte ich kein Risiko mehr eingehen. Obwohl er sich bestimmt nicht gleich von mir trennen würde, wenn ich mir die Haare ein bisschen schneiden ließ. Gegen simples Gepflegtsein war schließlich nichts einzuwenden.

»Na gut«, gab ich nach. »Er kann zwei bis drei Zentimeter wegnehmen. Aber nicht mehr.«

Das schien Helen glücklich zu machen. »Und, was wollen wir heute Abend so treiben?«, fragte sie. »Um die Häuser ziehen? Tanzen bis in die Morgenstunden? Oder uns Wiederholungen von CSI anschauen?«

Sie grinste, weil ich bei Letzterem leuchtende Augen bekam. »Wir können auch ausgehen«, sagte ich etwas zögerlich.

»Ist schon gut«, sagte Helen seufzend und legte mir den Arm um die Schultern. »Zuhausebleiben ist bestimmt die neue Form des Ausgehens.«

»Meinst du?«, fragte ich interessiert.

Helen schüttelte fassungslos den Kopf. »Nee, Jess. Ausgehen ist die neue Form des Ausgehens. Aber ich habe mich allmählich mit der Tatsache abgefunden, dass aus dir kein Partygirl mehr wird – egal, was ich anstelle. Und du bist meine Freundin. Wenn du also lieber zu Hause bleiben und dir anschauen willst, wie Leute abgemurkst werden, dann geht das schon in Ordnung.«

Ich musste lachen, obwohl ich gerade empört blicken wollte. »Wie wär’s, wenn wir was zu essen bestellen? Ich lad dich ein«, schlug ich vor.

»Ist schon okay, ich kann uns was kochen«, erwiderte Helen und rümpfte dann die Nase. »Was rede ich denn da? Ich vergesse immer wieder, dass du jetzt ja reich bist. Genau, lass uns doch ein Curry bestellen. Ich hab irgendwo noch Speisekarten. Und lass uns Champagner trinken.«

»Champagner zum Curry? Meinst du wirklich?«, fragte ich grinsend. Ich vergaß selber ständig, dass ich reich war. Um ehrlich zu sein, dachte ich gar nicht oft daran. Ich hegte schließlich nicht die Absicht, meine Arbeit an den Nagel zu hängen oder mir lachhaft teure Schuhe zuzulegen, was laut Helen unbedingt notwendig war. Es war eher so, dass ich die Tatsache geflissentlich zu ignorieren versuchte, dass Grace mir so viel Geld vererbt hatte. Ich wusste nämlich auch gar nicht recht, was ich damit anfangen sollte. Deshalb hatte ich Grace’ Anwalt beauftragt, den größten Teil davon für mich anzulegen. Der Rest war auf meinem Konto geparkt und wartete darauf, dass mir ein sinnvoller Verwendungszweck einfallen würde. Dasselbe galt übrigens für Grace’ Haus.

Helen nickte entschieden. »Wir feiern«, sagte sie. »Und dabei trinkt man nun mal Champagner. Ich weiß auch genau, wo wir welchen kriegen. Ist nur zwanzig Minuten weg von hier.«

»Zwanzig Minuten? Hier um die Ecke ist doch ein Spirituosenladen«, wandte ich ein.

»Schon, aber der Laden, den ich meine, ist viel besser«, erwiderte Helen bestimmt.

Sie schaute mich dabei nicht an, und ich zog zweifelnd eine Augenbraue hoch. »Was meinst du mit ›viel besser‹? Verschweigst du mir irgendwas, Helen?«

»Nein!«, protestierte Helen mit Unschuldsmiene.

»Ganz und gar nicht. Ich, na ja, ich denke bloß, wenn wir schon Champagner trinken, sollten wir uns was richtig Gutes gönnen. Findest du nicht auch?«

Ich zuckte mit den Achseln. Es war schwer, gegen Helen anzukommen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. »Klar, warum nicht.«

»Super!« Helen grinste.

Wir zogen also unsere Mäntel an, tappten die Treppe runter und latschten durch diverse kleine Straßen zur Hauptstraße.

»Ich hoffe jedenfalls, dass du diesen Champagner magst, weil ich nämlich denke, du solltest den für die Hochzeit ordern«, verkündete Helen und hakte sich bei mir ein. »Es ist roséfarbener Champagner und viel besser als der gewöhnliche. Ich meine, weißer Champagner ist inzwischen … ein bisschen aus der Mode, meinst du nicht auch?«

»Ach ja?«, sagte ich zweifelnd.

»Unbedingt. Roséchampagner dagegen … kannst du dich erinnern, wann du zum letzten Mal welchen getrunken hast?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte mich, ehrlich gesagt, nicht einmal erinnern, ob ich überhaupt jemals welchen getrunken hatte. »Findest du das nicht ein bisschen sehr … mädchenhaft?«, fragte ich.

»Kein Stück.«

Ich verzog das Gesicht. »Ich weiß nicht so recht.«

»Vertrau mir«, sagte Helen entschieden. »Roséchampagner ist die richtige Wahl.« Wir blieben vor einem Weinladen stehen; sie öffnete die Tür, und wir gingen rein. Hinter dem Ladentisch stand ein Mann, der Helen erfreut angrinste. Sie warf ihm jedoch einen warnenden Blick zu und zog mich zum Champagnerregal. »Hier, schau mal.« Sie nahm eine Flasche Roséchampagner heraus. »Sieht der nicht toll aus?«

Ich betrachtete die Flasche, deren Etikett mit aufgeprägten Blumen verziert war. Vermutlich war das jetzt kein günstiger Zeitpunkt, um Helen mitzuteilen, dass unsere Caterer die Getränke mitlieferten – auch den Champagner. Aber etwas sagte mir, dass es hier noch um etwas anderes als Alkoholika ging. Außerdem war ich Helen etwas schuldig. Angesichts eines rosafarbenen Schaumgetränks Begeisterung zu heucheln, war das Mindeste, was ich für sie tun konnte. »Doch, wirklich«, pflichtete ich ihr bei. »Aber wie schmeckt er?«

Der Knabe vom Ladentisch kam herüber und verharrte hinter uns. »Hallo«, sagte er.

»Hallo«, erwiderte Helen mit herzlichem Lächeln.

»Wir wollten nur … das ist Jess. Meine Freundin. Von der ich dir erzählt habe. Die den Champagner kaufen will.«

»Ach so?« Ich hatte ganz vergessen, wie diktatorisch Helen sein konnte, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. »Hör mal«, sagte ich. »Ich sollte das wohl vorher mit Max abklären. Ich muss mich doch nicht jetzt sofort entscheiden, oder?«

Helen verschränkte die Arme vor der Brust. »Nein, natürlich nicht.« Sie überlegte kurz. »Ruf ihn doch einfach kurz an.«

»Jetzt?« Ich runzelte die Stirn. »Nein, er hat zu tun. Er hat gleich ein Geschäftsessen mit einem Kunden. Ich frag ihn morgen. Es ist doch nicht eilig, oder?«

Helen wirkte leicht unbehaglich, und ich verengte misstrauisch die Augen. »Was wird hier eigentlich gespielt, Helen?«, fragte ich. »Spuck’s endlich aus.«

Sie starrte mich einen Moment an, dann kicherte sie.

»Also gut«, sagte sie schließlich. »Sam hier …« Sie wies auf den Knaben, der mich belämmert angrinste. »Er und ich … na, jedenfalls gibt es gerade eine Verkaufsaktion für den Roséchampagner. Wenn Sam vierundzwanzig Flaschen verkauft, bekommt er als Belohnung ein langes Wochenende in der Champagne in Frankreich. Für zwei.«

Ich sah sie fassungslos an. »Und du bist der zweite Teil?«

Sie lächelte verlegen. »Der Champagner schmeckt echt lecker«, sagte sie. »Ideal für Hochzeiten.«

Ich schüttelte ungläubig den Kopf, dann kramte ich mein Handy aus meiner Tasche. »Ich frag Max«, sagte ich. »Aber wenn er nicht will, werd ich nicht weiter mit dir diskutieren, ist das klar?«

»Ist klar.« Helen nickte dankbar.

Ich öffnete mein Telefonbuch und starrte dann irritiert auf die Namen. Wer war eigentlich Henry? Und wieso hatte ich hier Stuart Wolfs Nummer abgespeichert? Das war der Finanzdirektor von Milton Advertising, mit dem ich so gut wie nie ein Wort gewechselt hatte. Ich kniff die Augen zusammen. Irgendwas stimmte nicht mit meinem Handy. Es sah sogar anders aus. Dann wurde mir klar, was passiert war.

»Mist. Ich hab das falsche Handy eingesteckt.«

»Falsches Handy?«, fragte Helen. »Wie meinst du das?«

»Das hier ist das Handy von Max.«

»Und jetzt kannst du ihn nicht anrufen?« Helen sah völlig erschüttert aus.

»Ich kann versuchen, ihn auf meinem Handy anzurufen«, sagte ich schnell. Ihre Leichenbittermiene konnte ich nicht ertragen. Wenn Helen sich ins Zeug legte, kriegte sie bei mir eben immer, was sie wollte.

Sie nickte eifrig, aber bevor ich meine Nummer eingeben konnte, klingelte das Handy. Da ich annahm, dass es sich um Max handelte, meldete ich mich, ohne vorher aufs Display geschaut zu haben.

»Hallo?«

Schweigen am anderen Ende. Dann: »Hallo. Könnte ich bitte Max sprechen?«

Eine Frauenstimme. »Oh«, sagte ich enttäuscht. »Ich fürchte, das geht nicht. Er ist nämlich nicht hier. Ich meine, nicht bei mir. Kann ich … ihm was ausrichten?«

»Ausrichten?«, sagte die Frau. »Ich weiß nicht. Mit wem spreche ich denn bitte?«

Sie hörte sich ziemlich merkwürdig an.

»Mit Jessica Wild«, antwortete ich. »Ich bin Max’ Verlobte.«

»Seine Verlobte? Oh je. Ach du meine Güte. Sie sind seine Verlobte?« Die Frau wirkte ziemlich schockiert, und ich merkte, wie mir plötzlich heiß wurde.

»Ja«, sagte ich. »Seine Verlobte. Und wer sind Sie, bitte?«

»Ich? Oh. Oh.« Dann herrschte Schweigen, und die Verbindung wurde unterbrochen. Panisch blickte ich auf das Display. Die Nummer war unterdrückt worden. Nicht anders zu erwarten.

»Was ist?«, fragte Helen und trat zu mir. »Du siehst schrecklich aus. Wer war denn dran?«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Und erst recht nicht, was ich denken sollte. »Wer dran war?«, fragte ich konfus. »Ähem, niemand eigentlich. Nur jemand … für Max.«

»Du hast also noch gar nicht mit ihm gesprochen?« Ich schüttelte den Kopf. Mir war heiß und leicht übel, als hätte ich etwas Unbekömmliches gegessen. »Mach ich jetzt. Ihn anrufen, meine ich.« Ich drehte mich weg und sagte mir, dass ich mich jetzt auf keinen Fall aufregen durfte. Es ging doch um Max. Den lieben, guten, ehrlichen Max. Diese Frau war vermutlich irgendeine irre alte Schachtel, die in ihn verknallt war. Kein Grund jedenfalls, sich Sorgen zu machen. Ich ging das Telefonbuch durch und suchte nach meinem Namen. Er stand nicht drin. Erschüttert starrte ich auf das Display. Er hatte die Nummer von Stuart Wolf abgespeichert, aber meine nicht? Er hatte die Nummer von Gillie, unserer Rezeptionistin, abgespeichert, aber meine nicht? Erbost schaute ich die ganze Liste durch und schüttelte jedes Mal den Kopf, wenn ein Name auftauchte. Dann hörte ich damit auf. Weil ich meine Nummer gefunden hatte. Schatz. Er hatte sie unter »Schatz« abgespeichert.

Wenige Sekunden später hatte ich Max dran.

»Max!« Ich war so erleichtert, seine Stimme zu hören.

»Alles okay mit dir?«

»Ja! Ja, absolut«, sagte ich und fühlte mich sofort besser. Auf einen Schlag vergaß ich die ganzen blöden Zweifel und Sorgen, die mir bis eben im Kopf herumgeschwirrt waren. »Aber ich hab aus Versehen dein Handy eingesteckt.«

»Ach so, jetzt verstehe ich.«

»Was?«

»Ich hab die Wiederholungstaste gedrückt und hatte einen sehr eigenartigen Mann dran, der mit mir über Blumen reden wollte.«

»Ach, das war Giles«, sagte ich kichernd. Giles war mein Florist und mein neuer schwuler Lieblingsfreund. Blumenarrangements hatten für ihn dieselbe Bedeutung wie für Politiker die nächste Wahl. »Tut mir leid.«

»Kein Problem. Und, amüsierst du dich mit Helen?«

»Wir kaufen gerade Roséchampagner«, antwortete ich.

»Sie meint, den sollten wir für die Hochzeit nehmen.«

»Rosé? Wirklich?«, fragte Max zweifelnd.

Ich lächelte und spürte, wie mich dieses wunderbare, warme Leuchten durchströmte, wie immer, wenn ich mit Max redete. »Sie meint, normaler Champagner sei mittlerweile nicht mehr angesagt.«

Max lachte. »So einfach wird eine ganze Region von der Landkarte gestrichen. Na großartig. Also, dann … Und Roséchampagner klingt doch prima. Glaube ich jedenfalls.«

»Super. Dann bestelle ich den. Wir sehen uns dann später, oder?«

»Ich kann’s kaum erwarten. Ach, und, Jess?«

»Ja?«

»Es ist nicht so extrem wichtig, aber es wäre vielleicht ganz sinnvoll, wenn du mein Handy ausschalten würdest.«

»Ausschalten?«

»Ja. Ich meine … ich kriege eine Menge geschäftliche Anrufe. Ist vielleicht einfacher, wenn die Leute mir gleich eine Nachricht hinterlassen. Sonst musst du dir haufenweise langweilige Nachrichten merken.«

»Ach so«, sagte ich unsicher. »Okay, mach ich.«

Ein kurzes Schweigen entstand. »Bis jetzt hat noch niemand angerufen, oder?«

»Nein!«, antwortete ich, fragte mich aber, weshalb ich ihn anlog. »Nein, niemand.«

»Gut. Dann bis später.«

»Bis später.«

»Und?«, fragte Helen, die auf mich zugeschossen kam.

»Und was?«, fauchte ich.

»Der Champagner«, sagte Helen leicht gekränkt. »Der Roséchampagner, was ist damit?«

»Ach so, ja«, sagte ich und rief mich zur Ordnung. Das warme Leuchten. Denk an das warme Leuchten in deinem Inneren. »Er meint, das wäre in Ordnung.«

Helen klatschte in die Hände. »Oh, prima. Sam, Jess kauft den Champagner!«

Sie zog Sam, der mir ein schiefes Grinsen zuwarf, hinter dem Ladentisch hervor. »Sie werden’s nicht bereuen«, sagte er. »Das Zeug ist wirklich klasse. Ich nenne es Glückschampagner. Wenn man den trinkt, macht das einfach nur glücklich. Wie viele Flaschen möchten Sie denn?«

»Eigentlich würde ich ihn schon gerne vorher mal probieren, wenn das geht.« Ich fühlte mich sehr eigenartig, als sei ich in eine andere Dimension der Realität geraten, in der alles so war wie immer … und doch auch wieder nicht. Denn in dieser Dimension bekam Max sonderbare Anrufe und hielt mich dazu an, sein Handy auszuschalten, obwohl er sonst geradezu versessen auf jeden einzelnen Anruf war.

»Probieren? Aber natürlich«, sagte Sam liebenswürdig. Er öffnete eine Flasche, und der Korken gab ein wohltönendes leises Ploppen von sich, anstatt zur Decke hochzuschießen. »Bitte.«

Er reichte mir ein Plastikglas, und ich trank einen Schluck. »Ist wirklich gut«, äußerte ich. Was auch stimmte. Den Rest goss ich mir ziemlich zügig hinter die Binde.

 

»Und? Jetzt sind Sie bestimmt schon ganz glücklich, wie?«, fragte Sam, der selbst einen Schluck getrunken hatte und bereits breit grinste.

»Wäre möglich«, antwortete ich. Das warme Leuchten kam wieder. Nicht ganz dasselbe wie vorher, aber jedenfalls ein warmes Leuchten. »Könnte ich noch einen Schluck haben?«

»Ich hätte auch gern ein Glas«, warf Helen ein.

Sam schenkte uns beiden ein. Helen trank einen Schluck und nickte. »Siehst du? Ich wusste, dass der gut ist. Schmeckt doch wunderbar, oder?«

»Äußerst wunderbar«, pflichtete ich ihr bei, denn der Champagner sorgte dafür, dass mein Kopf sich leichter anfühlte und die Frau am Telefon mir auf einmal ziemlich irreal vorkam. Außerdem sah Helen jetzt glücklich aus, und das steigerte mein Wohlbefinden. Es spielte auch wirklich keine Rolle, dass wir gar keinen Champagner brauchten für die Hochzeitsfeier. Ich könnte die Kisten ja in unserer Wohnung aufbewahren. Dann konnten Max und ich uns jeden Abend, wenn wir von der Arbeit heimkamen, ein Glas Roséchampagner als Aperitif genehmigen. »Ich schätze mal, ich nehme die vierundzwanzig Flaschen.«

»Sie sind ein Schatz.« Sam blinzelte. »Für Ihre Hochzeitsfeier, nicht wahr? Das ist ein guter Griff. Eine Hochzeit ist eine ganz große Sache. Man muss ja wissen, dass man die richtige Entscheidung getroffen hat, nicht wahr?« Ich sah ihn an und dachte an Max, an den lieben Max, der mich nie belogen und der noch nie etwas getan hatte, was mich verletzt hätte. Dann nickte ich. »Ich weiß«, sagte ich lächelnd. »Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Auf jeden Fall.«

Sam wickelte eine Flasche für uns ein und sagte, den Rest würde er liefern. Dann küsste Helen ihn auf die Wange, woraus etwas mehr wurde, und ich wandte mich verlegen ab und überlegte, ob ich einstweilen nach draußen gehen sollte, oder ob das die beiden nur noch ermuntern würde. In diesem Moment kam ein Mann herein, der mir vage bekannt vorkam. Wir sahen uns an.

»Jessica Wild?«

Ich zuckte leicht zusammen; ich hatte nicht gedacht, dass der Mann mich kannte, und betrachtete nun sein Gesicht eingehender. »Hugh?«

»Schön, dass du dich erinnerst. Meine Güte, wie geht’s dir?«

Es war Hugh Barter. Hugh »Schlaumeier«, wie wir anderen bei Milton Advertising ihn damals peinlicherweise nannten. Er gehörte zur Agentur, als ich gerade dort anfing, benahm sich aber immer, als sei seine Arbeit unter aller Würde, als sei er viel zu gut für so ein kleines Unternehmen. Max hatte Anthony vorgeworfen, dass er Hugh eingestellt hatte, während Anthony Hugh ständig verteidigte. Das Problem bei alledem war nur, dass Hugh tatsächlich sehr gut war – bei seiner Arbeit jedenfalls. Die Kunden waren vernarrt in ihn. Und er hatte immer alles parat – nicht zuletzt deshalb, weil er jeden drangsalierte, um an alles ranzukommen, was er brauchte, aber den Kunden war das einerlei. Wir Kollegen waren alle erleichtert, als er endlich zu einer größeren Agentur namens Scene It wechselte, auch wenn er dabei unsere gesamten Kundendaten mitgehen ließ.

Ich sah, wie Helen sich von Sam löste, um Hugh in Augenschein zu nehmen, und stellte mich so hin, dass er sie nicht sehen konnte. Ich wollte ihn nicht noch ermutigen.

Er hielt sich ohnehin schon für das Allertollste unter der Sonne.

»Gut, danke. Und dir?«, fragte ich in ziemlich gezwungenem Tonfall.

»Super«, antwortete er leichthin. »Ich bin jetzt Account Director bei Scene It, also quasi der zweitwichtigste Mann in der Agentur. Hast du gehört, dass wir letzten Monat einen Preis gewonnen haben? Das geht auf mein Konto.«

»Toll«, sagte ich ungerührt. Helen hatte sich nun komplett aus Sams Umarmung gelöst und blickte mich erwartungsvoll an. »Hugh war früher bei Milton«, sagte ich mit angespanntem Lächeln. »Er ist jetzt bei Scene It, einer anderen Agentur. Hugh, das ist meine Freundin Helen. Und das ist Sam.«

Helen grinste Hugh an, doch er schien es nicht zu bemerken. Er nickte flüchtig zu den beiden hinüber und wandte sich dann wieder mir zu. »Ich hab gehört, dass Anthony bei Milton aufgehört hat. Wolltet ihr beiden nicht heiraten oder so?«

Ich räusperte mich und verkniff mir das Grinsen. Als Hugh noch bei Milton war, nannten ihn einige Leute »Mini-Tony«, weil er Anthony in allem nacheiferte. Na gut, schon möglich, dass der Spitzname auf meinem Mist gewachsen war; ich wusste es nicht mehr so genau. »Ja, er hat aufgehört. Ist gegangen. Für eine Weile jedenfalls. Oder vielleicht auch für länger. Und ja, wir wollten heiraten. Aber wir … haben uns dann doch dagegen entschlossen. Ich heirate jetzt Max.«

»Max?« Hugh sah mich so fragend an, als müsste ich zu dem Witz noch die Pointe erzählen. »Ist das dein Ernst?«

Ich nickte. »Ja. Totaler Ernst.«

»Und Max ist jetzt Geschäftsführer?«

Ich nickte wieder, diesmal etwas widerstrebender. Hugh gab ein leises Pfeifen von sich. »Sehr interessant. Du bist doch auch befördert worden, oder?«

»Ja, bin ich.«

Hugh grinste. »Gut gemacht. Schlau eingefädelt. Hätte nicht gedacht, dass du so was drauf hast, aber Anthony abzustoßen, war ein genialer Zug. Max bringt’s viel mehr. Ist für uns natürlich eine weitaus massivere Bedrohung, aber das macht auch mehr Spaß. Wenn man schon kämpft, will man ja einen ebenbürtigen Gegner haben.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Ich habe Anthony nicht ›abgestoßen‹. Er ist von sich aus gegangen. Aber was Max angeht, hast du recht: Er ist wirklich richtig super.«

Hugh zuckte mit den Achseln. »Richtig super ist vielleicht übertrieben, aber gut ist er wohl schon, auf seine Art. Und, was gibt’s an Klatsch und Tratsch? Neue Kunden? Irgendwas, das ich wissen sollte?«

»Nein«, antwortete ich argwöhnisch und fragte mich, was er wohl mit »auf seine Art« gemeint hatte. Es war nicht so, dass ich Hugh nicht vertraut hätte, sondern eher … na gut, ich vertraute ihm nicht. Genau genommen traute ich ihm nicht im Geringsten. Und seiner Agentur auch nicht. Sie konkurrierte seit jeher mit Max und setzte bei jedem Pitch alle erdenklichen hinterhältigen Methoden ein, um Kunden von uns abzuziehen. Max hatte mir schon x-mal gesagt, dass Scene It all das repräsentierte, was er bewusst vermied; jedes Mal wenn er Scene It irgendwo in der Fachpresse erwähnt fand, trat ein Ausdruck auf sein Gesicht, der jedermann in seiner Nähe dazu veranlasste, ihn absolut in Ruhe zu lassen. Max zufolge war Scene It für sämtliche Probleme in der Werbebranche verantwortlich zu machen. Die Scene-It- Leute waren intrigant, halsabschneiderisch und unehrlich; außerdem verbreiteten sie immer wieder bösartige Gerüchte. Und am allerschlimmsten war die Tatsache, dass Scene It um ein Haar Milton Advertising aufgekauft hätte, ohne dass Max überhaupt davon Wind bekommen hatte. Das lag mittlerweile etliche Jahre zurück und war zu einer Zeit passiert, als Anthony dem Alkohol und dem Glücksspiel verfallen war und sich furchtbar in die Klemme gebracht hatte. Der Geschäftsführer von Scene It hatte ihm das Angebot gemacht, seine Schulden komplett zu übernehmen und ihm eine Stelle mit einem ansehnlichen Gehalt in Aussicht gestellt; im Gegenzug hätte Anthony sämtliche Angestellten entlassen und die Agentur an die Lathams übergeben müssen. Max war noch rechtzeitig dahintergekommen, aber dieses Vorkommnis hatte er nie vergessen: das niederträchtige Komplott und die Verlogenheit sämtlicher Beteiligten. Dass Hugh zu Scene It überwechselte und etliche Kunden mitnahm, verbesserte das Verhältnis auch nicht gerade – im Gegenteil: Das hatte in Max’ Wahrnehmung vermutlich das Fass zum Überlaufen gebracht.

»Ich meine, jedenfalls nichts, was dich interessieren könnte«, fügte ich hinzu.

»Ach, ich gehe jede Wette ein, dass dem nicht so ist«, sagte Hugh, trat näher zu mir und setzte ein kleines Lächeln auf. »Bei euch tobt doch bestimmt das Leben. Ich hab zum Beispiel von eurem Projekt Handtasche gehört. Klingt eindrucksvoll. Das ist deine erste große Kampagne, oder?«

»Ja«, sagte ich. »Ich hab den Pitch gewonnen, und du weißt ja …«

»Dann kriegst du auch die Kampagne, schon klar«, sagte Hugh mit herzlichem Lächeln. »Sehr schlau, Jess. Ich wusste, dass du’s draufhast.«

»Im Ernst?« Ich betrachtete ihn prüfend.

»Ich hab das Max ständig gesagt. Anthony wahrscheinlich auch, aber der war damals nur daran interessiert, wen er als Nächstes flachlegen konnte, deshalb war das ziemlich sinnlos …« Er grinste ein wenig verlegen. »Ich meine, ich dachte mir damals, das sei sinnlos. Ich konnte ja nicht wissen, dass ihr beide dann … na ja …« Er blickte zu Helen hinüber und wieder zu mir. »Will mir keiner hier aus dem Fettnäpfchen raushelfen, in das ich gerade reingetrampelt bin?«

Ich musste wider Willen lachen. »Ich glaube, du steckst schon zu tief drin«, erwiderte ich, »aber danke für die Bemühung. Ich nehme an, du hast wenigstens versucht, mir was Nettes zu sagen, oder?«

»Ja, stimmt«, antwortete Hugh sichtlich erleichtert.

»War jedenfalls nett, dich wiederzusehen, Jess.« Er schaute mich so direkt an, dass ich den Blick abwandte. Als ich ihn erneut ansah, spielte wieder das lässige Lächeln um seine Lippen.

»Geht mir auch so«, sagte ich munter. »Aber wir müssen los. Stimmt’s, Hel?«

»Stimmt«, sagte Helen. »Hast recht. Tschüss, Sam. Tschüss, Hugh.« Sie pustete Sam einen Kuss zu und bedachte Hugh mit einem langen Blick. Dann folgte sie mir nach draußen.

»Was war denn da los?«, fragte sie, sobald wir außer Hörweite waren.

»Das war Hugh Barter«, antwortete ich.

»Na, das weiß ich doch«, erwiderte Helen ungeduldig.

»Ich möchte wissen, warum er dich so angeschmachtet hat.«

»Angeschmachtet?«, sagte ich und lief rot an. »Ich weiß nicht, was du meinst.«

»Na ja«, sagte Helen achselzuckend, »wenn man furchtbar verliebt ist, merkt man wahrscheinlich nicht, wenn man von anderen Männern abgecheckt wird. Muss nett sein. Mich hat er jedenfalls nicht mal wahrgenommen.«

Während Helen sprach, wurde mir bewusst, dass ich unterdessen Max’ sonderbares Benehmen und die Frau am Telefon komplett vergessen hatte.

»Stimmt«, sagte ich, nicht ganz aufrichtig. »Wenn man so verliebt ist wie ich, fällt einem das wirklich nicht auf. Und, bleibt’s beim Curry?«

Kapitel 3

Nach dem Treffen mit Helen kam ich erst spät nach Hause und deshalb auch nicht dazu, mit Max über den Anruf oder die Begegnung mit Hugh zu sprechen. Er wartete schon auf mich und nahm mich sofort in die Arme, was zu weiteren Aktivitäten führte, und danach gingen wir schlafen. Als wir aufwachten, war ich dann so gut gelaunt, dass ich die Stimmung nicht verderben wollte, indem ich komische Fragen stellte und mich wie eine eifersüchtige Irre aufführte. Ich versuchte also, den Anruf der Frau zu verdrängen, und während unseres zauberhaften gemeinsamen Sonntags (Brunch, dann – mein Vorschlag – ein Streifzug durch die Shoppingmall Camden Markets und – Max’ Vorschlag – ein Spaziergang am Themse-Ufer, danach Essen bei einem Italiener) bemühte ich mich, nicht jedes Mal argwöhnisch auf Max’ Handy zu starren, wenn es sich meldete.

Aber es gelang mir nicht wirklich, den Anruf zu vergessen. Ich hatte ihn zwar erfolgreich in den hintersten Winkel meines Kopfes geschoben – hinter Projekt Handtasche; hinter meinen Versuch, eine Strumpfhose ohne modische Löcher zu finden; hinter die Betrachtung meiner Haare und die Erwägung, ob sie tatsächlich unbedingt einen Einsatz von Pedro nötig hatten; hinter die gemeinsame Suche nach Max’ Autoschlüsseln vor dem gemeinsamen Dinner; hinter einen neuerlichen Ausflug ins Badezimmer, weil mir in letzter Minute eingefallen war, dass etwas Mascara vielleicht nicht schaden könne –, aber das Erlebnis ließ mir keine Ruhe. Unbewusst wartete ich die ganze Zeit darauf, dass Max mir von einer Verrückten erzählen würde, die ihn ständig anrief, einer Kundin, die sich in ihn verknallt hatte und ihn nun verfolgte, oder von irgendetwas anderem, das mein seltsames Gespräch mit dieser fremden Frau erklären und mich davon abhalten würde, mir ständig Dinge vorzustellen, die ich gar nicht im Kopf haben wollte.

»Chester kommt heute um zehn«, sagte Max, als wir ein paar Tage später auf den Parkplatz der Agentur fuhren.

»Wir machen erst die Sitzung zum Projekt Handtasche, und dann werd ich eine Weile mit ihm alleine reden.«

»Ach ja?« Ich sah Max fragend an. »Warum?«

»Warum? Darum. Weil wir was besprechen müssen.« Ich überlegte einen Moment. »Was denn?«

Max warf mir einen sonderbaren Blick zu. »Na ja, Geschäftliches eben.«

»Ah ja.« Ich öffnete die Autotür und zog sie dann wieder zu. »Es ist nur …«, sagte ich, als Max aussteigen wollte. Er wandte sich um, sah meinen Gesichtsausdruck und blieb sitzen.

»Nur was?«, fragte er.

»Es ist nur so: Ich finde, wenn wir heiraten, sollten wir auch Vertrauen zueinander haben«, hörte ich mich sagen. »Und wir sollten vor allem keine Geheimnisse voreinander haben.«

»Findest du das wirklich?«

Ich nickte mit verbissener Miene. »Ja.«

»Du meinst also, dass unsere Ehe zum Scheitern verurteilt wäre, wenn ich eine Unterredung mit Chester habe, bei der du nicht dabei bist?«

In seinen Augen lag ein amüsiertes Funkeln, aber ich wollte mich auf keinen Fall zum Lächeln bringen lassen.

»Mit Chester oder mit anderen Kunden …« Ich suchte nach den richtigen Worten. Und mit Frauen, die dich auf dem Handy anrufen und die Panik kriegen, wenn ich mich als deine Verlobte zu erkennen gebe. »Ich finde einfach, dass wir offen miteinander umgehen sollten, das ist alles. Wenn du mir also irgendwas sagen möchtest – was auch immer –, dann mach es einfach. Mehr will ich gar nicht.« Max seufzte. »Also gut«, sagte er, lehnte sich zurück und sah mich von der Seite an. »Da ist schon was. Aber …«

»Kein Aber!«, sagte ich mit fester Stimme. »Du musst es mir sagen, Max.«

»Du meinst, du musst es wirklich wissen? Ist dir das so wichtig?«

»Ja«, sagte ich, obwohl mir plötzlich höchst unbehaglich zumute war. Wollte ich es denn tatsächlich wissen? Würde ich überhaupt damit umgehen können, wenn er sich in eine andere verliebt hatte? Wenn wir am Ende wären, dann …

»Es ist nur …« Max kratzte sich am Kinn. »Schau, ich möchte es dir ja sagen, aber es ist nicht so einfach.«

»Das ist doch immer so«, erwiderte ich steif.

»Weiß ich, aber in diesem speziellen Fall … Wenn es an die Öffentlichkeit kommt – würde es natürlich nicht, ich weiß –, aber wenn, könnte es viel kaputt machen.«

Unsere Hochzeit zum Beispiel, dachte ich düster.

»Max, du musst damit rausrücken. Sonst ist unsere Ehe in Gefahr.«

»Meinst du wirklich?« Er sah mich prüfend an. »Also gut, aber das ist alles streng vertraulich, Jess. Es gibt Regeln und Vorschriften hier in London, an die man sich halten muss. – Und du meinst wirklich, dass unsere Ehe in Gefahr sei, wenn ich es dir nicht sage?«

Regeln und Vorschriften? Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Gut, es gab so etwas wie Regeln des Anstands und der Moral, aber die waren ja wohl nicht nur in London gültig. »Ja, das meine ich«, gab ich zur Antwort.

Max dachte einen Moment nach, dann beugte er sich zu mir. »In Ordnung. Aber du darfst es wirklich keinem sagen. Ich hab nämlich eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschrieben, die mich eigentlich dazu verpflichtet, Stillschweigen über die Sache zu bewahren. Aber wenn du es wirklich wissen willst; wenn du wirklich meinst, unser Eheglück hängt davon ab …«

»Ja?« Mein Herz hämmerte.

»Jarvis Private Banking verhandelt derzeit mit Glue, der Internet-Bank, um die Übernahme.«

Ich starrte ihn an. »Was?« Er wollte es noch einmal wiederholen, aber ich schüttelte den Kopf. »Ich meine, ist das wirklich alles?«

Max sah etwas gekränkt aus. »Aber das ist eine Riesensache. Der Marketing-Sektor von Glue ist einer der größten der Branche. Wenn die wirklich von Jarvis Private Banking übernommen werden, kriegen wir den ganzen Batzen. Ich helfe Chester dabei, ein Positionierungsstatement für die Teilhaber zu entwerfen, damit sie die Übernahme als attraktiv empfinden. Er und der Vorstand von Glue arbeiten schon seit Monaten daran.«

»Oh. Ich verstehe.« Ich runzelte die Stirn. Dann kam mir ein Gedanke. »Der … Vorstand von Glue. Ist das eine Frau?«

Max zog eine Augenbraue hoch. »Ob der Direktor eine Frau ist? Du meinst, transsexuell?«

Ich verdrehte die Augen. »Nein, natürlich nicht. Ich meine, ob er oder sie – also, ob der Vorstand …« Ich seufzte, weil Max jetzt laut lachte, mich also sichtlich nicht mehr ernst nahm. »Ich meine, ist der Vorstand männlich oder weiblich?«

»Es ist ein Mann«, antwortete Max und sah mich ernsthaft an. »Ich finde auch, es ist ein inakzeptabler Zustand, dass es so wenige Frauen in Führungspositionen gibt. Chester wird bestimmt etwas dagegen unternehmen, sobald er in der Lage dazu ist.«

»Bestimmt.« Ich schaute zum Fenster raus. Das war in der Tat eine aufregende Neuigkeit und noch eine höchst erfreuliche dazu. Wenn er mir das gestern gesagt hätte, wäre ich mit Fragen zum Leistungsangebot, dem Branding des neuen Unternehmens, zu Marktanteilen und Zielvorgaben über ihn hereingebrochen. Aber im Moment war ich dazu außerstande. Im Moment war ich nur imstande, mich zu fragen, was Max mir verschwieg.

»Jess, ist alles in Ordnung mit dir? Du machst so einen verstörten Eindruck. Tut mir leid, dass ich es dir nicht vorher gesagt habe, aber ich hatte Chester versprochen, mit niemandem darüber zu reden. Das ist ein ganz großes Ding. Eine Riesensache. Aber absolut geheim, bis wir damit nächste Woche an die Öffentlichkeit gehen.«

»Jaja, schon klar«, sagte ich hastig. »Verstehe ich schon. Es muss geheim bleiben, keine Frage.« Ich blickte bedrückt unter mich. Wieso verbarg Max etwas vor mir? Wer war diese verdammte Frau überhaupt? Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ziemlich aufregend, das Ganze, wie?« Max nickte mit leuchtenden Augen. »Ist es«, sagte er.

 

»Und du sprichst auch ganz bestimmt mit niemandem drüber? Du sagst niemandem ein Sterbenswörtchen? Nicht mal Chester? Vor allem nicht zu Chester. Und auch sonst zu niemandem. Es ist wirklich wichtig, Jess.«

Ich verdrehte die Augen. »Max, ich kann Dinge für mich behalten. Das weißt du doch.«

»Ja, stimmt«, sagte er und drückte mir die Hand. »Das liebe ich ja auch so an dir. Dir kann ich alles anvertrauen.«

»Alles«, pflichtete ich ihm bei und stieg nun wirklich aus. »Wirklich alles.«

In der Agentur herrschte Hochbetrieb. Max hatte mich noch schnell draußen geküsst – wir waren uns einig, dass Küsse am Arbeitsplatz unangebracht waren, selbst wenn wir heiraten würden –, und als wir auf den Empfangstresen zugingen, zwickte er mich in den Hintern. Ich zuckte zusammen – und genau in diesem Moment erhob sich Chester im Wartebereich von der Couch. Ich funkelte ihn böse an (Max, nicht Chester), aber der zwinkerte bloß und streckte Chester die Hand hin.

»Chester«, sagte Max herzlich, »wie geht’s?«

Chester schüttelte ihm die Hand und klopfte ihm obendrein noch auf den Rücken; er war Amerikaner und legte Wert darauf, alles eine Nummer größer zu machen als andere Leute. Dazu grinste er breit. »Gut geht’s«, antwortete er. »Und selbst? Wie geht es dir, Max? Kümmerst du dich auch gut um Jess?«

Er packte meine Hand, und bevor ich michs versah, klopfte er auch mir auf den Rücken. »Er kümmert sich doch gut um dich, oder etwa nicht?«, wollte er wissen.

Ich lächelte schwach. »O ja, keine Sorge.«

 

»Dann ist es ja gut«, sagte Chester ernsthaft. »Freut mich, das zu hören.«

Tatsächlich war Chester einigermaßen verwirrt gewesen, als Max ihm vor einigen Monaten dargelegt hatte, dass ich Anthony nicht heiraten würde, sondern dass Anthony vielmehr eine Weltreise machte und seine Agenturanteile an Max verkauft hatte, der nun das Unternehmen leiten und mich außerdem in Bälde zur Frau nehmen würde. Max und ich hatten damals gewitzelt, dass Chester nun womöglich glaubte, bei der Hochzeit handele es sich entweder um eine Art Bonusvertrag, eine Eigenart unserer Branche oder einen seltsamen britischen Brauch, demzufolge der neue Geschäftsführer nicht nur das Büro und den Schreibtisch des Vorgängers übernahm, sondern auch noch gleich dessen Verlobte. Wir hatten uns aber beide so redlich bemüht, Chester die Hintergründe des Ganzen darzulegen, dass er nichts in den falschen Hals bekommen hatte. Zum Glück, denn Chester war enorm wichtig für Milton Advertising. Seinen Pitch zu gewinnen, war der beste Moment meiner Karriere gewesen – überhaupt einer der besten Momente meines Lebens. Es war nämlich der Augenblick gewesen, in dem ich an mich selbst zu glauben begann.

»Tut mir leid, dass ich so früh dran bin«, verkündete Chester nun, »aber ich hab einen heftigen Tag vor mir. Wenn es möglich wäre, Max, würde ich unser Gespräch gerne vorziehen und die Sitzung zum Projekt Handtasche erst danach abhalten.«

»Passt bestens«, sagte Max. »In meinem Büro?«

»Sehr gerne. Wir sehen uns später, ja, Jess? Ich bin schon gespannt, was du dir für uns ausgedacht hast.«

»Fein«, sagte ich und sah den beiden nach, als sie in Max’ Büro steuerten. Dann schlenderte ich zu meinem Schreibtisch und schaltete meinen Computer ein.

Witzigerweise hatte Max zwar Anthonys Verlobte übernommen (in gewisser Weise, meinte ich – ich fühlte mich bemüßigt, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass ich nicht irgendeine Maid aus dem fünfzehnten Jahrhundert war, die darauf gewartet hatte, endlich von den Füßen gefegt zu werden; Anthony war einfach ein Irrtum, und ich hatte Max immer schon sehr gern gemocht), nicht jedoch Anthonys großes Büro; das hatte er zum Konferenzraum gemacht und für sich sein kleines altes behalten. Er behauptete, er brauche keinen größeren Raum, aber ich glaubte, dass er die Agentur lieber von einem Büro aus leiten wollte, an dem seit jeher »Max Wainwright« stand, als von einem Raum aus, den man immer mit Anthony Milton verbinden würde.

Das liebte ich so an Max; er machte alles auf seine Art. Wobei man natürlich der Vollständigkeit halber hinzufügen musste, dass das selbstverständlich nicht das Einzige war, was ich an ihm liebte. Genau genommen liebte ich einfach alles an ihm.

Na ja, fast alles. Alles, was nichts mit anderen Frauen zu tun hatte. Nein, nicht allen anderen Frauen. Nur diese eine Frau, wer immer sie auch sein mochte. Von ihr abgesehen, lief alles hervorragend zwischen Max und mir. Wir waren unzertrennlich. Wir waren …

»Jess?« Caroline, meine Kontakterin, blickte besorgt zu mir herüber. »Alles in Ordnung?«

Ich schaute erschrocken auf. »Wie? Ja, sicher. Warum?«

»Du hast gute fünf Minuten reglos auf deinen Bildschirm gestarrt. Ich dachte, du hättest vielleicht eine schlechte Nachricht bekommen oder so.«

Caroline entstammte der jüngeren Generation der Londoner Oberschicht. Sie hatte schon mit Prinz Harry Partys gefeiert, ging fünfmal im Jahr Skilaufen und hatte lange, blonde Haare, mit denen sie offenbar nichts anderes anzustellen wusste, als sie ständig über die Schulter zu werfen. Sie war außerdem einer der reizendsten Menschen, denen ich in meinem ganzen Leben begegnet war. Ich musste gestehen: Als sie zum Vorstellungsgespräch erschien, strich ich sie schon von der Liste, bevor sie den Mund aufmachte. Aber dann war sie so ernsthaft und so enorm bemüht, einen guten Eindruck zu machen, dass ich gar nicht anders konnte, als sie einzustellen, obwohl sie keinerlei Berufserfahrung hatte.

Als ich ihr die Stelle anbot, brach sie in Tränen aus. Worauf ich auch fast zu heulen anfing, weil mir wieder einfiel, wie dankbar ich damals gewesen war für die Chance, in der Werbebranche zu arbeiten, und weil ich mich freute, diese Chance nun selbst jemandem bieten zu können.

»Ich bin ja so glücklich«, hatte Caroline geschnieft.

»Weil mich jetzt endlich jemand ernst nimmt. Wow, jetzt hab ich wirklich Arbeit. Eine echte Stelle. Sie werden es nicht bereuen, dass Sie mich genommen haben, das versprech ich Ihnen. Ich werde fleißiger sein als jeder andere.« Ich meinte, wie sollte man so jemanden nicht mögen? Sicher, ich musste ein paarmal für sie geradestehen, aber nur, weil meine Anweisungen nicht präzise genug gewesen waren; einmal hatte ich sie gebeten, für ein Mass Mailing per Post Umschläge zu adressieren, und anstatt die Adressenaufkleber auszudrucken, hatte Caroline die Umschläge von Hand beschriftet, alle tausendzweihundertfünfzig Stück. Witzigerweise war dies unser erfolgreichstes Mailing aller Zeiten geworden. Die Beschriftung von Hand war ein genialer Einfall gewesen, auch wenn Caroline das nicht bewusst gewesen war.

Und nun, einen Monat später, betrachtete sie mich besorgt. »Nein, nein, keine schlechten Nachrichten«, beruhigte ich sie. »Ich hab nur nachgedacht, du weißt schon.« Caroline nickte, förderte postwendend ihr Notizbuch zutage und schrieb etwas hinein.

»Schreibst du dir jetzt auf, dass ich nachgedacht habe?«, fragte ich lächelnd. Dieses Buch trug sie seit ihrem ersten Tag in der Agentur bei sich, und sie machte sich ständig Notizen. Das gehörte zu ihrem Lernprozess, hatte sie mir sehr ernsthaft mitgeteilt – sie wollte nicht, dass ihr etwas entging.

Sie blickte auf und errötete leicht. »Ist das okay? Ich dachte nur, ich sollte mir einprägen, dass Zeit zum Nachdenken ungemein wichtig ist.«

»Ja, sicher ist das okay«, antwortete ich. »Hast du alles vorbereitet für die Sitzung zum Projekt Handtasche?« Ihre Augen leuchteten auf. »Ja, alles fertig. Ich hab deine Präsentation grafisch ausgearbeitet, mit Handtaschen und allem Drum und Dran.« Sie reichte mir einen Ausdruck, und ich zuckte innerlich zusammen: Er sah aus wie eine Geburtstagseinladung für Fünfjährige. Doch es gelang mir, erfreut zu lächeln, da ich Caroline nicht entmutigen wollte.

»Und wie sieht’s mit potenziellen Kunden aus?«, fragte ich. »Ich hatte dich ja gebeten, dich an die Presseleute zu wenden, damit wir an ein paar Promi-Frauen rankommen, die in den Fonds investieren wollen und die Handtasche für uns tragen.«

Caroline nickte verlegen, und mir wurde mulmig. Promis an Land zu ziehen, gehörte zu meinen Trümpfen für diese Kampagne. Wenn wir kein Namedropping bieten konnten, ging die Präsentation baden. »Ist nichts dabei rausgekommen?«, fragte ich, bemüht, meine Enttäuschung zu verbergen.

»Ich …«, begann Caroline, wurde aber von ihrem Telefon unterbrochen. Sie warf mir einen entschuldigenden Blick zu und nahm ab. »Hallo!«, sagte sie mit etwas piepsiger Stimme. »Ja, nee, es war komplett chaotisch … Jamie? Ja, ich glaub schon!« Sie kicherte und bemerkte dann meinen Blick. »Hör mal, ich muss aufhören … nee, wirklich … Schuhe shoppen gehen? Was, jetzt? Nein … nein, hör zu, ich bin bei der Arbeit, also … Ja. Okay. Tschüss.« Sie legte auf und sah mich wieder an.

»O Gott, hör zu, Jess. Ich hab es über die Journalisten versucht, aber keiner wollte mit mir reden, und es war so furchtbar und deprimierend.«

»Ach, na ja, nicht so schlimm«, äußerte ich so munter wie möglich, weil Caroline völlig niedergeschmettert aussah.

»Und jetzt hoffe ich sehr, dass du nichts dagegen hast, dass ich ein paar Freundinnen angerufen habe, die uns ganz gerne behilflich sein wollen. Ist das in Ordnung?«

»Deine Freundinnen«, sagte ich unsicher. »Na ja, das ist schon gut, aber weißt du, dass wir diese Handtaschen von Mulberry haben anfertigen lassen? Sie sind ziemlich teuer, und wir haben nicht viele, deshalb …«

»Ja, ich weiß. Verstehe ich vollkommen«, sagte Caroline und nickte heftig. »Ich sag Beatrice gleich Bescheid, dass es nicht geht.«

Sie nahm den Hörer ab, und ich kehrte zu meinem Computer zurück. Aber irgendetwas schwirrte mir im Kopf herum, und ich konnte mich nicht konzentrieren. Dann wurde mir bewusst, worum es sich handelte.

»Du meinst nicht zufällig Prinzessin Beatrice?«, fragte ich beiläufig.

Caroline nickte ernsthaft. »Sie geht gerade nicht ran«, sagte sie. »Aber sobald ich sie erreichen kann …«

»Die Tochter von Fergie. Zehnte in der Thronfolge, nicht wahr?«

Caroline nickte wieder. »Ich hätte sie nicht fragen sollen, oder?«, sagte sie kleinlaut.

Ich räusperte mich. »Caroline, wen hast du noch gefragt?«

Sie lief rot an. »Ähm, na ja, Eugenie, aber nur, weil ich sie gerade getroffen hab. Und Peaches Geldof, weil sie auf dieser Party war und … ach, nicht so wichtig. Und meine Mam war bei dieser Sache mit Elle MacPherson eingeladen, und die fand die Idee mit der Tasche super …«

Ich schluckte. »Zwei Prinzessinnen, die Tochter von Bob Geldof und Elle MacPherson.«

»O Gott. Hab ich’s völlig verpfuscht?« Caroline warf mir einen panischen Blick zu. »Ich hab’s verbockt, oder? Ich hab ein furchtbares Chaos angerichtet.«

Ich stand mit zittrigen Beinen auf, tappte zu Carolines Schreibtisch und umarmte sie. »Du hast gar nichts verpfuscht«, sagte ich mit fester Stimme. »Im Gegenteil. Du bist ein Star.«

Als ich Caroline losließ, schaute sie mit aufgerissenen Augen und breitem, belämmertem Grinsen zu mir auf.

»Oh wow. Das ist ja so cool. Im Ernst? Dürfen sie wirklich Handtaschen-Frauen werden?«

»Und ob«, bestätigte ich, marschierte zu meinem Schreibtisch zurück und griff wieder nach dem Ausdruck. Auf einmal kamen mir die Schleifchen recht niedlich vor. »Und du solltest bei der Präsentation dabei sein«, sagte ich unvermittelt, weil mir einfiel, wie sehr es mich als junge Kontakterin frustriert hatte, dass Marcia, die Etatdirektorin, mich nie zu irgendwas mitgenommen hatte.

»Ich? O nein. Das geht nicht. Viel zu aufregend. Das macht mir Angst«, erwiderte Caroline und schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Aber danke fürs Angebot.« Sie grinste mich an, griff nach ihrem Notizbuch und schrieb los. Dann schaute sie wieder auf. »Ach so, und deine Freundin Helen hat angerufen. Sie wollte dich an den Termin wegen des Brautkleids in der Mittagspause erinnern.«

»Mittagspause?« Das war mir vollkommen entfallen.

»Soll ich deinen Termin um zwölf mit der Kreativabteilung verlegen?«

Ich nickte. »Danke dir, Caroline. Und du bist dir ganz sicher, dass du nicht bei der Sitzung dabei sein willst? Chester ist wirklich nett, wenn man ihn näher kennenlernt.«

Caroline schüttelte sich. »Nee, wirklich, danke«, sagte sie.

»Okay.« Ich sah sie an und grinste. »Möchtest du vielleicht stattdessen deine Freundin zurückrufen und ihr sagen, dass du doch Zeit zum Shoppen hast?«

»Was, jetzt?« Sie blickte mich begeistert an. »Echt?«

»Wenn du magst.« Ich lächelte. »Betrachte es als Belohnung für deinen Erfolg mit den Handtaschen-Ladys.«

»Cool«, strahlte Caroline. »Du bist der beste Boss unter der Sonne.«

Kapitel 4

»Elle MacPherson wird eine von euren Handtaschen-Ladys?« Helen starrte mich fassungslos an. Ich hatte ihr gerade die ganze Geschichte erzählt – wie Caroline mir von ihren Promi-Freundinnen berichtete, wie Chester mich verblüfft anstarrte, als ich das der Runde kundtat, wie Max mich stolz angrinste. Und dass ich nun vermutlich Elle, Beatrice und Eugenie persönlich kennenlernen, zumindest aber mit ihnen telefonieren würde.

Nicht dass Promis mich nun so fürchterlich beeindruckten. Und ich tat auch so, als empfände ich es als Qual, dass Helen so enorm beeindruckt war. »Du sollst dir das Kleid anschauen«, forderte ich sie auf. Ich stand schließlich auf einem kleinen Podest, umgeben von Spiegeln, und trug das grandioseste Hochzeitskleid der Welt. Und eine Tiara.

»Mach ich doch. Sieht zauberhaft aus. Aber Elle MacPherson? Ich dachte, es ginge bei diesem Projekt Handtasche um irgendeinen langweiligen Finanzierungsfonds. Ich wusste ja nicht, dass echte Handtaschen dabei eine Rolle spielen. Und Elle MacPherson, unfassbar!«

Ich kicherte. »Ich weiß. Cool, oder?«

»Eher ziemlich unglaublich«, bestätigte Helen. Sie betrachtete jetzt prüfend das Kleid. Ich hatte mich in dieses Kleid schon beim letzten Mal verguckt, als ich heiraten wollte, hatte mich dann aber doch für eine weniger glamouröse Variante entschieden. Glamourös war damals nicht angesagt. Damals hatte ich das Gefühl gehabt, so etwas Schönes nicht verdient zu haben. »Ist wirklich sehr hübsch«, äußerte Helen. »Ich meine, du wirkst richtig strahlend darin.«

»Ich weiß«, sagte ich aufgeregt. »Und was meinst du zu der Tiara?«

Helen rümpfte nachdenklich die Nase und nickte dann.

»Ich glaube, das passt«, sagte sie ernsthaft. »Passt wirklich gut.«

»Giles kommt gleich noch vorbei, damit er es auch sehen kann«, sagte ich entzückt, drehte mich und betrachtete mich eingehend in den Spiegeln. »Er will es als Inspiration für das ganze Event nehmen.« Giles war ursprünglich nur mein Florist gewesen, hatte sich aber inzwischen irgendwie zum Eventmanager entwickelt, obwohl ich ihm versichert hatte, dass ich dergleichen nicht bräuchte.

»Ich frage mich, was Ivana davon halten wird«, sinnierte Helen. Ich zog eine Augenbraue hoch.

»Ivana?« Ivana war eine … eine … ich wusste nicht recht, wie ich das am dezentesten ausdrücken sollte. Sie war keine echte Prostituierte. Eher so etwas wie eine … Eskorte. Ja, so könnte man das sagen. Sie war eine ziemlich furchterregende Russin, die mit einem erstaunlichen Mann namens Sean verheiratet war, und sie hatte mir im Alleingang sämtliche Verführungskünste beigebracht, die ich benötigte, um Anthony Milton zu einem Heiratsantrag zu bewegen, damit mir Grace’ Erbschaft zuteilwerden konnte. »Sie kommt nicht etwa hierher, oder?«

Helen lächelte strahlend. »Du magst Ivana doch. Außerdem hat sie mich angerufen, weil sie dir irgendwas sagen wollte. Und sie macht schließlich bei der Sendung mit. Deshalb dachte ich, sie könnte herkommen.«

»Sie macht bei der Sendung mit?«, fragte ich argwöhnisch.

Helen nickte. »Sie bringt den Leuten die Kunst der Verführung bei.«

Das musste ich erst mal verdauen. Helens »Sendung« war eine Reality-TV-Show, in der die Teilnehmer erst ihr frustrierendes Liebesleben ausbreiteten und dann von sogenannten Experten lernten, wie sie es wieder aufpeppen konnten – durch Stylingtipps und Flirtunterricht. Ich hatte Helen dabei offenbar als Inspiration gedient; sie hatte sich furchtbar bemüht, mich zu überreden, dass ich die ganze Sache noch mal durchlaufen und mich dabei als ihre erste Kandidatin gnadenlos von Kameras verfolgen lassen sollte, aber ich hatte dankend abgelehnt.

»Ivana gibt Ratschläge im Fernsehen? Ehrlich?«, fragte ich. Ivana war nämlich der Ansicht, dass man lediglich ein beachtliches Dekolleté brauchte, um sich jeden beliebigen Mann zu angeln.

Helen zuckte etwas unbehaglich mit den Achseln. »Ja. Mein Produzent meint allerdings, man müsste sie etwas entschärfen. Die Ausdrucksweise, meine ich. Und auch … die Ratschläge.«

»Du meinst Sprüche wie: Frauen mit flachen Schuhen sind für Männer ungefähr so attraktiv wie Lesben?«, fragte ich, um eine ernsthafte Miene bemüht.

»Das und noch ein paar andere Sachen.« Helen verzog das Gesicht. »Aber ich versteh eigentlich nicht so recht, warum. Das Wunderbare an Ivana ist doch gerade, dass sie sich selbst nicht zensiert. Was sie sagt, kommt aus tiefstem Herzen, weißt du. Sie sagt einfach unverblümt die Wahrheit.«

»Das kann man so sagen«, bestätigte ich und dachte daran, wie sie mich gezwungen hatte, durch den Regents Park zu rennen und dabei »Ich bin wiiiiild!« zu schreien.

»Ich sagge Warrheit? Ja. Das ist beste.« Ich drehte mich um und sah, wie der Vorhang, der meine Kabine umgab, beiseitegeschoben wurde und die kleine Ivana in Erscheinung trat, bombastisch aufgemacht mit einem hautengen Lackkleid und zwölf Zentimeter hohen Absätzen. »Ah. Diese Kleid. Ist besser als anderres. Anderres Kleid warr billik und hässlich. Dies ist okay. Gutt.« Befriedigt ließ sie sich auf dem einzigen Stuhl in der Kabine nieder. »Aberr ich happ Frage.«

Ich blickte Helen unsicher an.

»Ach ja?«, sagte Helen.

Ivana nickte, ohne mich aus den Augen zu lassen. »Du heiratten Max, ja? Immerr noch Max?«

»Ja, ich heirate Max«, antwortete ich geduldig und bedeutete Helen, dass sie mir beim Ausziehen helfen sollte. Stille Orte, an denen sich überdies Mütter mit ihren Töchtern einzufinden pflegten, waren nicht das geeignete Ambiente für Ivana. Giles sollte sich das Kleid an einem anderen Tag anschauen, beschloss ich. Jetzt war erst mal zügiges Verlassen dieses Ladens angesagt.

»Ja, happ ich mirr gedacht. Deshalp ich frrak mich, warum er ausgett mit anderre Frau?«

Ich fuhr herum und starrte Ivana an. »Andere Frau?«

»Samstakabend«, antwortete Ivana und betrachtete eingehend einen ihrer langen roten Fingernägel. »In Restaurant. Ich bin da mit Kunde, dreh ich mich um, seh ich Max, mit Frau.« Sie blickte auf. »Serr sexy Frau. Serr elegant. Besser Haare als du. Vill besser Haare.« Sie beäugte mit vernichtendem Blick meinen Pferdeschwanz.

»Max hatte am Samstagabend einen Geschäftstermin«, sagte ich steif und wünschte mir, dass Helen sich mit den Knöpfen mehr beeilen würde. Max hatte mir gesagt, dass es sich bei seiner Verabredung um einen Mann handelte.

»Ah, Geschefftsterrmin«, sagte Ivana. »Happ ich auch.« Sie lächelte, was ihr Gesicht für einen Moment weicher erscheinen ließ. Dann schaute sie wieder auf ihre Nägel.

»Hat nicht ausgesehn nach Geschefftsterrmin«, fuhr sie dann fort. »Kunden umarmen Mann nicht nach Essen, oderr?«

Ich warf ihr einen schneidenden Blick zu. »Er hat sie umarmt? Wahrscheinlich wollte er nur höflich sein.«

»Sie hatt umarmt ihn zuerst, aber dann er hatt auch.« Ivanas Tonfall war jetzt weniger grob, und sie trat zu mir und legte mir etwas unbeholfen die Hand auf die Schulter; Frauenfreundschaften fielen ihr nicht leicht. Sie sah mich ein paar Momente an, dann sprach sie weiter. »Ich glaube, sie ist geferrliches Biesst«, sagte sie. »Ich kenn aus mit so was.«

»Mag ja sein«, erwiderte ich. »Aber es verhält sich jedenfalls nicht so, wie du denkst.«

»Hatt so ausgesehn, wie ich denke«, sagte Ivana leicht gekränkt und wich ein wenig zurück.

Helen hatte die Hände sinken lassen und sah mich nun beunruhigt an. »Scheiße. Glaubst du, Max …?« Als sie meinem Blick begegnete, schüttelte sie den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Tut mir leid.«

»Sollte es auch«, versetzte ich erbost und drehte das Kleid herum, sodass ich es selbst weiter aufknöpfen konnte. »Max war mit einer Kundin Abendessen, Schluss, aus. Umarmt hat sie ihn vermutlich, weil das Gespräch gut lief. Er ist ziemlich gut im Verhandeln.«

Ivana zog eine Augenbraue hoch.

»Und du kannst ruhig aufhören mit deinen Andeutungen, Ivana«, sagte ich. »Nicht alle Männer sind Schweinehunde. Nicht alle Männer finden tiefe Dekolletés toll oder halten hautenge Plastikkleider für das Sexyste unter der Sonne. Max liebt mich. So, wie ich bin. Ist das jetzt klar? Ja?«

Ich merkte, dass ich mit den Tränen zu kämpfen begann, und Ivana sah es auch. Sie hob die Hände. »Okay, ich nemme alles zurrick. Kein Bumm-Bumm. Nur Geschefft.« Ich ärgerte mich über Ivanas Tonfall, bei dem sich alles irgendwie anzüglich und zweideutig anhörte. Aber ich würde ihr einfach nicht länger zuhören. Max war nicht wie andere Männer. Ich vertraute ihm. Wirklich. Auch wenn er behauptet hatte, dass er mit einem Mann verabredet sei. Es gab bestimmt eine Erklärung dafür. Ganz sicher.

»Ja, in der Tat, nur Geschäft«, erwiderte ich aufgebracht und wünschte mir, ich könnte das selbst so leicht glauben.

»Hallo!« Vanessa, die Verkäuferin, streckte den Kopf durch den Vorhang.

»Hallooo!«, erwiderte ich übertrieben munter.

»Und, das ist wohl das Kleid für den großen Tag, wie?« Sie half mir beim Ausziehen und drapierte es über ihren Arm. »Es ist auch wirklich zauberhaft.«

»Ist es«, pflichtete ich ihr bei.

Sie lächelte bedeutungsvoll. »Und diesmal heiraten Sie aber auch wirklich, nicht wahr?«

Das war natürlich als Witz gemeint – als ich den Termin mit ihr vereinbart hatte, hatten wir beide über meine verflossenen Hochzeitspläne gewitzelt; aber in dem Moment fand ich ihren Kommentar alles andere als witzig. Nicht im Mindesten.

»Ja«, fauchte ich. »Natürlich heirate ich wirklich. Max. Den ich liebe.« Ich blickte Ivana herausfordernd an. »Und der mich liebt. Wer ein Problem damit hat, kann sich gerne allein damit befassen – es interessiert mich nämlich nicht die Bohne.«

Während ich meine Alltagskleidung wieder anzog – die ich jetzt langweilig und abscheulich fand, weil ich gar nicht strahlend darin aussah –, herrschte Schweigen in der Kabine.

»Ja, sicher, gar keine Frage«, murmelte Vanessa schließlich und wich zurück. »Ich … ich … warte dann draußen.« Sie schien es sehr eilig zu haben, die Kabine zu verlassen. Und ich merkte, dass es mir genauso ging.

»Ich muss los«, sagte ich und griff nach meiner Handtasche.

»Jess, ist alles …«, begann Helen, aber ich hörte ihr nicht zu, weil ich schon halb an der Tür war. Ich musste jetzt unbedingt zur Arbeit zurück, zu Max, wo alles wieder normal sein und es eine vernünftige Erklärung für Ivanas Geschichte geben würde. Wo Max mich beruhigen und ich wieder restlos glücklich sein würde.

Ich brauchte zwar nicht lange bis zum Büro, hatte mich aber schon wieder etwas beruhigt, als ich dort ankam. Wahrscheinlich war ich einfach nur nervös, wie das vor Hochzeiten eben so üblich war, sagte ich mir. Es war ausgeschlossen, dass Max am Samstagabend mit einer Frau ausgegangen war. Oder jedenfalls war es ausgeschlossen, dass es sich bei dieser Frau nicht um eine Kundin gehandelt hatte. Ivana hatte die Situation vollkommen falsch gedeutet, weil sie das immer tat; sie unterteilte die Welt in Schwarz und Weiß, und Männer waren ihrer Ansicht nach immer erpicht auf »Bumm-Bumm«. Sie kannte Max ja auch gar nicht. Und wusste nicht, was uns verband.

»Hi, Gillie«, trällerte ich, als ich auf den Empfangstisch zusteuerte. »Ist Max in seinem Büro?«

»Max?« Gillie schüttelte den Kopf. »Nee. Ist weggegangen.«

»Weggegangen?« Ich starrte sie verunsichert an. »Aber wir haben in einer halben Stunde eine Sitzung für das Projekt Handtasche.«

»Ja, aber er hat mir aufgetragen, das abzusagen«, erwiderte sie und blickte auf ihren Bildschirm. »Er meinte, er hätte was anderes zu erledigen. Hat wahrscheinlich gedacht, du seiest bei der Anprobe aufgehalten worden. Und, hast du jetzt eines ausgesucht? Wie sieht’s aus? Unten eng oder weit? Oh, du solltest unbedingt eins mit weitem Rock nehmen. Du hast die richtige Taille dafür.« Ich seufzte ungeduldig. Ich war nicht in der Stimmung für Gespräche über Brautkleider, ob weit oder eng. »Ja, ich hab eins gefunden«, antwortete ich knapp. »Aber ich muss jetzt unbedingt mit Max reden. Es ist wichtig. Kannst du mir wenigstens sagen, wo er hingegangen ist?« Gillie schüttelte den Kopf. »Er hat nichts gesagt«, erwiderte sie nachdenklich, »aber er hat sich ein Taxi bestellen lassen. Ich könnte die Firma anrufen und fragen, wo er hingefahren ist. Wenn du möchtest.«

Sie sah mich prüfend an und fragte sich vermutlich, was nun so wichtig war, dass es nicht warten konnte, bis Max von seinem Spontan-Lunch zurückkehrte. Ich lächelte heiter. »Das wäre super, danke, Gillie.«

»Maida Vale hat er angegeben«, sagte sie kurz darauf.

»Ich dachte, er würde in ein Restaurant gehen. Aber ich glaube, das ist kein Restaurant.«

»Was soll das heißen?«, fragte ich nervös, zwang mich dann aber zu einem Lächeln. »Ich meine«, fuhr ich so leichthin wie möglich fort, »kannst du mir die Adresse geben?«

Sie reichte mir einen Klebezettel, auf den sie »42 St. John’s Wood Road« notiert hatte.

»Danke«, sagte ich angespannt.

»Alles in Ordnung?«, fragte Gillie.

Ich nickte heftig. Es war ja schließlich alles in Ordnung. Und falls irgendwas vielleicht gerade doch nicht so toll war, wie ich es mir wünschte, würde ich es Gillie ganz gewiss nicht mitteilen. Sie war eine Art wandelndes YouTube: Wenn Gillie irgendetwas Interessantes zu Ohren kam, konnte man sich darauf verlassen, dass binnen fünf Minuten jeder im Umkreis von fünf Kilometern darüber Bescheid wusste. »Ach so, natürlich«, rief ich aus. »Da wohnt einer von Chesters wichtigsten Geschäftspartnern. Ich hatte ganz vergessen, dass Max noch ein paar Unterschriften brauchte.«

»Ach so, dann ist es ja gut.« Etwas enttäuscht wandte sich Gillie wieder ihrem Bildschirm zu.

Ich hastete nach draußen und hielt panisch nach einem Taxi Ausschau. Mein Handy klingelte, und ich presste es nervös ans Ohr.

»Ja?«

»Schätzchen, hier ist Giles. Wo steckst du denn?«

Mir wurde ganz flau. »O Gott. Tut mir leid, Giles. Ich hab vergessen … ich meine, mir ist was dazwischengekommen …«

»Jess? Alles okay mit dir?«

»Ja«, sagte ich matt und schniefte. Ich war es leid, diese Frage zu beantworten, vor allem, weil ich wusste, dass ich dabei nicht aufrichtig war. »Ich meine, nein. Eigentlich nicht.«

»Du hörst dich ganz schrecklich an. Wo bist du denn?«

»Auf der Straße«, sagte ich und merkte, dass ich einen Kloß im Hals hatte. »Ich versuche gerade, ein Taxi zu finden. Aber ich kann keins sehen. Und … und …« Meine Stimme brach. »Und …«, machte ich noch einen Versuch, aber ich brachte keine Worte mehr hervor, nur noch merkwürdige Laute. Die sich in meinen eigenen Ohren wie Seehundgebell anhörten.

»Okay, bleib, wo du bist. Nein, halt. Sag mir erst, wo du überhaupt stehst. Ich komme. Alles wird gut. Komm schon, sag es: Alles wird gut.«

»Alles … wird … gut«, krächzte ich. »Ich bin vor der Agentur. Aber ich geh jetzt um die Ecke, weil ich nicht gesehen werden will. Er ist mit einer anderen Frau ausgegangen.« Ich brach in Tränen aus. »Ivana hat ihn gesehen. Und die Frau hat ihn auf seinem Handy angerufen. Ich hab mit ihr gesprochen.«

»Ich bin in fünf Minuten bei dir. Maximal in zehn.«

Ich nickte, verstaute das Handy, steckte die Hände in die Hosentaschen und wandte mich einem Schaufenster zu, damit niemand meine Tränen sehen konnte. Ich benahm mich wirklich lächerlich. Es gab doch keinen Grund, sich so aufzuregen. Oder etwa doch?

Ich wusste nicht, wie lange ich dort stand. Ich merkte kaum, dass ich auf die Auslagen eines Juweliers starrte, bis direkt neben mir ein Taxi anhielt und ich erschrocken zusammenzuckte.

»Jess?«

Giles saß auf dem Rücksitz und spähte zu mir heraus. Ich wischte mir übers Gesicht und brachte wenigstens ein dankbares Lächeln zuwege, als ich einstieg.

»Und, wo soll’s hingehen?«, fragte er.

»42 St. John’s Wood Road.«

Giles gab dem Fahrer die Adresse weiter und wandte sich wieder mir zu. »Was ist denn nun los?«

Ich seufzte. Mit Giles neben mir kam ich mir schlagartig ziemlich dämlich vor. »Wahrscheinlich gar nichts«, antwortete ich. »Ziemlich sicher sogar nichts. Ich meine, Max würde doch niemals … Er würde einfach nicht … Er ist eben nur in letzter Zeit abends so oft lange weggeblieben, und dann kriegt er ständig irgendwelche Anrufe und geht aus dem Zimmer.« Während ich das sagte, merkte ich, dass ich mir bislang nicht einmal gestattet hatte, mir diese Punkte selbst einzugestehen. »Und am Samstagabend hatte er auch einen Termin. Er hat behauptet, er träfe sich mit einem Mann, aber …«

»Aber es war keiner?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ivana hat ihn mit einer Frau gesehen. Und sie hat ihn umarmt.«

»Ivana hat ihn umarmt?«

»Nein, diese Frau«, erwiderte ich mit einem kleinen Lächeln.

»Sie hat ihn nur umarmt?«, fragte Giles gelassen. »Das hat doch rein gar nichts zu bedeuten.«

»Wenn sich eine Frau meinem Verlobten dabei an den Hals wirft, aber schon«, entgegnete ich indigniert.

»Und jetzt?«

»Er ist zu dieser Adresse gefahren. Und ich weiß nicht, warum. Deshalb …«

»Du stellst ihm nach?«, fragte Giles grinsend.

Ich lächelte wieder, diesmal schon etwas kräftiger, was sich gut anfühlte. Dann lachte ich. »Ich bin echt Brautzilla, oder? Gott, bitte sag mir, dass ich keine total durchgeknallte Paranoikerin bin, ja?«

»Ich fürchte, doch«, antwortete Giles ungerührt. »Aber ich nehme mal an, dass es das gute Recht einer künftigen Braut ist, irrational und ein wenig obsessiv zu sein. Das hat was mit Revierverhalten zu tun.«

»Danke, dass du mich abgeholt hast«, sagte ich und lehnte mich zurück. »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich meine …« Ich schaute zum Fenster raus.

»Vielleicht sollten wir da lieber doch nicht hinfahren. Ich möchte Max nicht nachstellen oder ihm hinterherspionieren.«

»Zu spät«, sagte Giles. »Wir sind schon in der St. John’s Wood Road.«

Tatsächlich waren wir gerade in eine von Bäumen gesäumte Straße eingebogen, in der adrette weiße Häuschen sich mit großen, gesichtslosen Apartmentblocks abwechselten – solche, in denen sich abgehetzte Geschäftsleute für einen Kurzaufenthalt einmieteten. Das Taxi gondelte die Straße entlang und hielt schließlich an. »Nummer zweiundvierzig«, sagte der Fahrer.

»Könnten Sie … ein Stück weiter hinten halten?«, fragte ich nervös. Mir war plötzlich äußerst unbehaglich zumute. Ich wollte unter allen Umständen vermeiden, dass Max mich entdeckte und mir womöglich auf die Schliche kam.

»Ist hier okay?« Wir hielten vor der Nummer 54. Das Haus Nummer 42 konnte ich gerade noch erkennen.

»Prima, danke«, sagte ich. Im Grunde hätte ich sagen müssen, »ach, können Sie uns bitte wieder zurück nach Clerkenwell bringen? Ich habe es mir anders überlegt«. Doch aus irgendeinem Grund war ich außerstande dazu. Auch wenn ich mich furchtbar irren sollte – auf jeden Fall war ich jetzt hier, und ich wollte Bescheid wissen.

»Wartest du auf mich?«, fragte ich Giles.

»Keine Frage«, meinte er beruhigend.

Ich stieg aus und huschte hinter geparkten Autos entlang zur Nummer 42. Dieses Haus sah ebenso gepflegt aus wie die anderen in der Straße und verriet rein gar nichts über die Menschen, die darin lebten. Ich schaute mich um, dann überquerte ich die Straße und spähte in eines der vorderen Fenster, aber das Zimmer war leer. Max hielt sich offenbar in einem anderen Raum auf. Ich sah ihn plötzlich vor meinem geistigen Auge in einem Schlafzimmer, mit einer Frau, rief mich aber sofort zur Ordnung. Es war so unwahrscheinlich und absurd. So … Irgendwo ging eine Tür auf – die Haustür des Apartmentblocks nebenan. Ich huschte zurück und duckte

mich hastig hinter ein Auto.

Eine Frauenstimme sagte etwas, und ich war mir sicher, den Namen Max gehört zu haben.

Mir blieb fast das Herz stehen. Sie wohnte gar nicht in der 42. Zitternd richtete ich mich auf und spähte durch die Fenster des Wagens, hinter dem ich mich versteckte. Tatsächlich stand dort eine Frau in der offenen Tür, Max ihr gegenüber. Das Apartmenthaus hatte die Nummer 44-112. Gillie musste die falsche Nummer notiert haben. Oder Max hat dem Taxiunternehmen eine falsche Nummer gesagt, um mich abzuschütteln, dachte ich panisch. Dann hielt ich mir vor Augen, dass dieser Gedanke absurd war. Max würde niemals ein so abgekartetes Spiel mit mir treiben. Aber vielleicht kannte ich ihn ja tatsächlich gar nicht wirklich. Ihm gegenüber stand jedenfalls eine elegant gekleidete Frau, die ihre Haare zu einem Chignon hochgesteckt hatte und ausgesprochen glamourös wirkte. Eine Kundin, sagte ich mir eisern. Es musste eine Kundin sein. Ich versuchte, mich aufzurichten, um etwas zu hören – ließ das aber ganz schnell wieder sein, denn so konnten sie mich zu leicht entdecken. Also blieb ich in meiner Deckung und beobachtete entsetzt, wie Max die Hand der Frau nahm und sie festhielt.

Die Frau schüttelte den Kopf und sagte etwas, worauf Max nickte. Dann nahm sie ihn in die Arme und umschlang ihn so fest, dass mir der Atem stockte. Und schließlich küsste sie ihn auch noch. Nur auf die Wange, aber sie küsste ihn so zärtlich und langsam, dass man daraus schließen konnte, dass … nun, ich wollte gar nicht darüber nachdenken, was man daraus schließen konnte. Ich war so erschüttert und schockiert, dass ich mich nicht mehr rühren konnte. Ich stand nur mit offenem Mund da und glotzte.

Max winkte der Frau zum Abschied, dann schloss sich die Tür, und Max drehte sich um. Er kam direkt auf mich zu, aber ich konnte mich immer noch nicht bewegen.

»Hier rüber«, sagte jemand und zog mich gerade noch rechtzeitig aus Max’ Sichtweite. Es war Giles, dessen Arm fürchterlich zitterte. Dann merkte ich, dass nicht Giles’ Arm zitterte, sondern ich. Und zwar von Kopf bis Fuß.

»Das war Max«, brachte ich mühsam hervor.

»Ich weiß«, sagte Giles und nahm mich fest in die Arme. »Ich weiß.«

Kapitel 5

Die Rückfahrt nach Clerkenwell nahm ich kaum wahr. Giles redete, aber ich hörte nicht zu. Ich konnte nur an Max denken. Den ich zusammen mit dieser Frau gesehen hatte, und zwar mit eigenen Augen. In meinem ganzen Leben hatte ich mich noch nie so gedemütigt gefühlt. Bis ich Max kennengelernt hatte, war ich gut allein zurechtgekommen. Aber jetzt … jetzt war ich nur noch ein wandelndes Chaos. Die Vorstellung, Max zu verlieren, machte mich regelrecht krank. Das konnte ich nicht zulassen. Und ich würde es auch nicht.

»Du musst heute nicht zur Arbeit zurück«, sagte Giles, als wir vor der Agentur hielten. »Lass uns was trinken gehen. Dann planen wir die nächsten Schritte.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich muss mit Max reden«, sagte ich entschlossen.

»Meinst du wirklich? Ich könnte ja mitkommen.«

»Nein«, erwiderte ich. »Nein, das muss ich alleine erledigen. Ich ruf dich später an, ja?«

Giles nickte, und ich stieg aus und steuerte auf die großen Glastüren zu. Bevor ich ins Gebäude ging, wandte ich mich noch einmal kurz um, und Giles winkte mir zu. Dann fuhr das Taxi los.

Max war schon wieder da. Ich sah ihn beim Reinkommen schon durch die Glastür. Er entdeckte mich auch und stürmte zur Tür, um sie mir aufzuhalten.

»Da bist du ja«, sagte er und beugte sich herab, um mich zu küssen.

»Ich hatte doch diesen Termin, weißt du nicht mehr?«, murmelte ich. Er löste sich von mir und betrachtete mich prüfend.

»Stimmt, entschuldige. Aber du siehst so verloren aus. Und so hinreißend. Wo hast du denn gesteckt? Ich hab versucht, dich anzurufen.«

Ich kramte mein Handy aus der Tasche. »Ich hatte mein Handy ausgeschaltet«, sagte ich, obwohl mir das Sprechen schwerfiel. Ich habe es ausgeschaltet, als ich in der St. John’s Wood Road vor dem Haus Nummer 44 stand und dich beobachtet habe, hätte ich beinahe hinzugefügt.

Max sah mich besorgt an. »Ist auch alles in Ordnung mit dir, Jess? Gillie meinte, du hättest mich gesucht.«

Ich holte tief Luft und betrachtete ihn prüfend. Es hieß ja immer, die Stillen müsste man besonders im Auge behalten. Das stimmte offenbar. Ich hatte nie verstanden, wie Frauen auf charmante Betrüger hereinfallen konnten, die sie umgarnten, ihnen dann ihre gesamte Kohle abzockten und dann mir nichts, dir nichts wieder zu ihren fünfzehn anderen ahnungslosen Frauen verschwanden, die ihnen Jachten und Autos finanzierten. Es war mir auch schwergefallen, Mitleid zu empfinden für Frauen, die immer wieder zu denselben windigen Typen zurückkehrten, weil sie glaubten, die würden ihr Treiben irgendwann bereuen und sich ändern. Solche Frauen hatte ich immer für strohdoof gehalten und geglaubt, dass sie selbst schuld waren an ihrem Elend, weil sie zu leichtgläubig und liebeshungrig gewesen waren. Und wenn Max so ein Kerl war? Auch jetzt, als es keinen Zweifel mehr daran gab, was ich gesehen hatte, hoffte ich noch, dass es eine Erklärung für alles gäbe. Auch jetzt war ich noch nicht bereit, die Wahrheit zu akzeptieren.

»Ja, war aber nicht so wichtig«, sagte ich leichthin, als wir Richtung Büro gingen. »Ich hab mich nur mit Giles über die Blumen unterhalten.«

»Blumen. Schön«, erwiderte Max. Ich spürte, dass er mich von der Seite ansah, reagierte aber nicht. In diesem Moment konnte ich ihm einfach nicht in die Augen blicken.

»Und wo warst du?«, fragte ich, als wir in sein Büro gingen. Meine Stimme klang gezwungen und irgendwie flach. »Gillie meinte, du seist irgendwo zum Lunch gewesen?«

Max nickte. »Ja, mit einem Kunden. Erinnerst du dich noch an Roger von Speedy Logistics? War mir eigentlich ein bisschen lästig und hat auch keinen großen Spaß gemacht.«

Ich schloss die Augen.

»Ich erinnere mich nicht an ihn, nein«, sagte ich schließlich und blickte Max forschend an. Ich wünschte mir so sehr, dass er etwas sagen würde, wollte ihn anschreien, verlangen, dass er die Wahrheit sagte. Aber ich wusste schon, dass ich das nicht tun würde. Ich fürchtete mich zu sehr davor. Genauer gesagt, war ich völlig kopflos vor Angst.

»Max, kann ich noch mal mit dir über das Logo reden? Ich möchte es dir mal auf meinem Bildschirm zeigen. Wir haben die Farbe ein bisschen verändert.« Gareth, der Kreativdirektor der Agentur, lehnte in der Tür.

»Na klar.« Max lächelte. Als er an mir vorbeiging, legte er mir leicht die Hand auf die Schulter. Es fühlte sich so beruhigend und tröstlich an. Sogar seine Berührungen lügen, dachte ich verzweifelt. »Bin gleich wieder da, Jess«, sagte er, bevor er hinausging.

Ich lächelte gezwungen und sah den beiden nach. Dann ging ich an Max’ Schreibtisch, griff nach seinem Handy und ging rasch seine Rufliste durch. Edward Finnian. Eleanor Harris. Esther Short. Als ich den Namen sah, sog ich scharf die Luft ein. Dann nahm ich mir einen Zettel und einen Stift, schrieb mir die Nummer auf und ging. Bei meinem Schreibtisch machte ich kurz Halt, um Caroline zu begrüßen, die von ihrem Einkaufsbummel zurückgekehrt war, und sie zu bitten, für den Rest des Tages meine Anrufe anzunehmen. Ich zog meinen Mantel an, nahm meine Handtasche und verließ das Büro. Gillie teilte ich noch mit, dass sie Max ausrichten solle, ich sei nach Hause gegangen, weil ich Kopfschmerzen hatte. Esther Short. Ich war vielleicht noch nicht bereit, mich Max zu stellen, dieser Dame aber schon. Ich würde sie anrufen, dachte ich mir, als ich zur Subway ging. Ich würde sie anrufen und ihr sagen, sie solle meinen Mann in Ruhe lassen, sonst könne sie was erleben.

Ich seufzte. Was dachte ich da eigentlich für einen Quatsch? Wenn Max womöglich gar nicht mich, sondern sie liebte, wollte ich auf keinen Fall mehr mit ihm zusammen sein. Diese blöde Frau mit ihrer schicken Frisur und ihren hautengen Edelklamotten! Für wen hielt die sich eigentlich? Und was, um alles in der Welt, gefiel Max an ihr? Vermutlich eben gerade die schicke Frisur und die engen Klamotten, dachte ich bitter, als ich in die U-Bahn stieg und meine Oyster Card in den Automaten schob. Nun gut. Wenn er so was haben wollte, dann konnte er es haben. War mir doch egal.

Ich schaffte es in weniger als zwanzig Minuten zu Max’ Wohnung – ich betrachtete sie jetzt nicht mehr als unsere gemeinsame – und packte in weniger als fünf Minuten ein paar Klamotten und andere wichtige Utensilien zusammen. Ich führte mich melodramatisch auf, das war mir schon klar, aber das wollte ich auch. Mir stand der Sinn danach, Sachen auf den Boden zu feuern und kaputtzumachen. Vor allem aber wollte ich spurlos verschwinden, damit Max sich Sorgen um mich machte. Er sollte ruhig merken, was er angerichtet hatte, und er sollte von Reue und Selbsthass gepeinigt werden. Ich marschierte mit meinen Taschen zur Tür – und blieb stehen. Ich war noch nicht bereit zum Aufbruch. Noch nicht ganz jedenfalls. Erst musste ich mich noch verabschieden. Ich stellte die Taschen ab und ging ins Wohnzimmer zurück. Auf dem kleinen Tisch in der Ecke, den ich in Beschlag genommen hatte, lag ein großer Stapel Papier – der Hochzeitsstapel: Zeitschriften, Prospekte vom Hotel, in dem wir feiern wollten, Infos vom Fotografen, Geschenklisten … alles mit Marker angestrichen und mit Notizen versehen. Ich hatte Max eine eigene Liste gemacht; er musste diverse Vorschläge begutachten, mir den Namen seines Trauzeugen mitteilen und seine Gäste auflisten. Das hatte er alles schon erledigt und außerdem noch jedes Bild, jeden Artikel oder Vorschlag mit lustigen Kommentaren versehen. »Gefällt mir«, hatte er auf einen Artikel mit dem Titel »Die Beule aufdressen: Warum Schwangerschaft und Glamour gut zusammenpassen« geschrieben, obwohl aus meinen Anweisungen deutlich hervorging, dass ich einen Kommentar zu den Anzügen für den Bräutigam auf der anderen Seite haben wollte. »Diesen Typen willst du bei deiner Hochzeit haben? Na gut. Aber ich bleibe der Bräutigam, ja?«

Ich zwang mich, das Lächeln einzustellen, zerknüllte den Artikel und feuerte ihn quer durchs Zimmer. Dann griff ich nach den Einladungen, die Max pflichtgetreu am Wochenende in adressierte Umschläge gesteckt hatte; sie mussten nur noch frankiert und abgeschickt werden. Trübsinnig schaute ich den ganzen Stapel durch, las die Namen der Leute, die beinahe an unserer Hochzeit teilgenommen hätten. Zehn davon waren meine Freunde, vierzig kamen von Max; ich wusste, dass Max die Liste absichtlich klein gehalten hatte, damit ich mich nicht schlecht fühlte, weil ich so wenige Freunde und überhaupt keine Verwandten vorzuweisen hatte. Er war der einzige Mensch, mit dem ich je darüber gesprochen hatte, wie es gewesen war, ohne Eltern aufzuwachsen, nur mit einer Großmutter, die mich nicht bei sich haben wollte. Ich war gerade bei ihr zu Besuch gewesen, als meine Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam, und so war meine Großmutter quasi gezwungen gewesen, sich um mich zu kümmern. Andernfalls hätte sie mich womöglich gar nicht erst aufgenommen. Und da meine Mutter selbst ein Einzelkind gewesen war und ihr den Namen meines Vaters nie verraten hatte, war meine Großmutter eben meine einzige Verwandte gewesen. Aber auch sie lebte inzwischen nicht mehr.

Von Max abgesehen, hatte ich also keine Familie. Und nun war ich ganz alleine.

Ich schaute auf die Liste und spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen bei dem Gedanken an die Hoffnung und Freude, die ich bisher empfunden hatte, und an alles, was ich nun verloren hatte. Dann ließ ich die Einladungen fallen wie glühende Kohlen. Er hatte mich betrogen. Max hatte mich betrogen, und es würde keine Hochzeit geben und keine Hoffnung, nie wieder. Ich rannte aus dem Zimmer, zog meinen Mantel an, legte den Schlüssel auf den Tisch an der Tür und griff nach meinen Taschen. Aber es stimmte nicht, dass ich ganz allein war. Helen war ja da. Giles auch. Vielleicht sogar Ivana. Und jeder von ihnen war fünfmal mehr wert als Max. Zehnmal mehr. Zwanzigmal. Ich lief nach draußen und winkte ein Taxi herbei. Und ließ mich zu der einzigen Adresse chauffieren, die mir in dieser Lage einfiel: zu der Bude, in der Helen und ich jahrelang gemeinsam gehaust hatten und in der sie derzeit alleine umherirrte, sofern man in einer Zweizimmerwohnung umherirren konnte, die noch kleiner war als eine durchschnittliche Einzimmerwohnung.

Ich fuhr nach Hause.

Kapitel 6

»Jetzt erzähl doch noch mal genau, was passiert ist.« Helen und ich saßen auf ihrem Sofa. Unserem Sofa.

Wir hatten es damals für hundert Pfund bei Ikea gekauft, in der Woche, nachdem ich meine Stelle bei Milton Advertising bekommen hatte. Ich blickte kläglich unter mich und erzählte die ganze Geschichte noch einmal, angefangen von dem seltsamen Handyanruf über meine Fahrt zur St. John’s Wood Road nach Ivanas Hinweis bis zu Max’ Aussage, dass er mit einem langweiligen Kunden zu Mittag gegessen habe und nicht bei einer Frau, die ihr Haar in einem kunstvollen Chignon-Knoten trug.

Den Teil verabscheute ich am meisten. Ich war so ganz und gar nicht der Chignon-Typ. War ich nie und würde ich auch nie werden. Und ich hatte auch nicht geglaubt, dass Max etwas für diesen Typ Frau übrighätte.

»Und er war es ganz bestimmt? Ich meine, du bist dir absolut sicher?«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Jetzt klammerst du dich aber wirklich an Strohhalme. Ich denke, ich weiß, wie Max aussieht.«

»Ich weiß, ich weiß«, seufzte Helen. »Es ist nur so … unfassbar.«

Ich nickte. »Und das macht es ja gerade noch schlimmer.«

»Genau«, erwiderte Helen. »Ich meine, wenn man jemandem wie Max nicht vertrauen kann, dann …«

»Dann können wir alle Männer vergessen. Verstehst du jetzt, weshalb ich immer so zynisch war im Umgang mit Beziehungen? Aus diesem Grund. Weil genau so was immer wieder passiert; meiner Mutter ging es ja genauso. Meine Großmutter hat mich immer vor romantischen Gefühlen gewarnt, und nun schau dir an, wie die Sache endet.«

Helen zog die Augenbrauen hoch. »Es kann nicht sein, dass wir alle Männer vergessen müssen.«

»Triffst du dich noch mit Sam?«, fragte ich.

Sie zuckte zusammen. »Er hat seine Ex-Freundin zu dem Wochenende in der Champagne eingeladen. Kannst du dir das vorstellen?«

Ich legte ihr den Arm um die Schultern. »Das kriegt er vermutlich eh nicht«, antwortete ich düster. »Weil ich nämlich den Champagner abbestelle.«

»Na toll«, sagte Helen trübsinnig. »Jetzt fühl ich mich echt besser.«

Ich lehnte mich zurück. »Und was soll ich jetzt machen?«

»Was meinst du?«

»Soll ich die Hochzeit absagen? Oder Max’ Anzüge zerschneiden? Oder fange ich irgendwo ein neues Leben an?«

»Aber du arbeitest doch auch mit ihm.«

Ich warf ihr einen gequälten Blick zu. »Dieser Kommentar ist nicht gerade hilfreich.«

»Du könntest kündigen«, äußerte Helen nachdenklich.

»Ich meine, das Geld brauchst du ja wohl nicht, oder?«

Ich verdrehte die Augen. »Helen, ich arbeite nicht wegen des Geldes. Ich arbeite, weil …« Ich runzelte die Stirn. Meine üblichen Argumente lagen mir auf der Zunge, aber im Moment erschienen sie mir wenig überzeugend: weil ich es toll finde; weil ich mich freue, wenn mir etwas gelingt; weil ich es liebe, mit Max zu arbeiten, und das unter keinen Umständen aufgeben würde … »Weil ich gerne arbeite. Es ist mir wichtig. Und ich bin gut und habe Erfolg.«

»Gut, dann könntest du vielleicht hinter seinem Rücken die Agentur aufkaufen und ihn rausschmeißen. Das wär doch super!«

Ich blickte Helen mit steinerner Miene an. »Klingt verführerisch«, erwiderte ich, »kommt aber nicht infrage.«

»Na schön«, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich meine ja nur, dass die Strategie, aus seinem Leben zu verschwinden, nicht sehr praktisch ist. Was meinst du denn selbst, was du tun solltest?«

Ich zuckte hilflos mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Deshalb frag ich ja dich.«

Helen nickte ernsthaft, dann ging sie aus dem Zimmer. Als sie wieder reinkam, schaute ich erwartungsvoll auf.

»Und?«

»Und was?«, fragte sie stirnrunzelnd.

»Ich dachte, du hättest was geholt. Um mir zu helfen.«

»Was denn zum Beispiel?«, erkundigte sich Helen.

»Was weiß denn ich!« Ich warf entnervt die Hände in die Luft. »Ich wollte von dir wissen, was ich tun soll, und da bist du aus dem Zimmer gegangen. Deshalb dachte ich, es hätte was damit zu tun.«

»Ach so.« Helen lächelte. »Ja, das stimmt auch.«

»Und?«

»Es ist eine Überraschung.«

Ich verengte die Augen. »Was für eine Überraschung?«

»Eine gute«, versicherte sie mir.

Ich runzelte die Stirn. Helens Augen funkelten. Dann wurde mir ganz anders. »Du hast doch nicht etwa Ivana angerufen, oder?«, fragte ich panisch. »Sag mir, dass du das nicht gemacht hast. Versprich mir …«

»Möchtest du einen Tee?«, fragte Helen unvermittelt mit piepsiger Stimme. »Einen Tee oder ein Glas Wein oder …«

»Wie viel Zeit hab ich noch?«

Sie sah mich einen Moment lang an, als überlege sie, ob sie die Wahrheit zugeben sollte oder nicht. Dann gab sie klein bei.

»Eine halbe Stunde.«

Ich seufzte. »Okay. Wenn Ivana kommt, rufe ich jetzt Giles an. Und du kannst mir ein Glas Wein bringen. Und schenk es voll, bitte.«

Wie sich herausstellte, hatte Helen nicht nur Ivana eingeladen, sondern auch ihren Mann Sean und Mick, einen Typen aus ihrem Sender, dessen Anwesenheit ich mir gar nicht erklären konnte. Ich vermutete, dass Helen in ihn verknallt war und nun einen guten Grund gefunden hatte, ihn endlich mal einzuladen. »Mick hat bei einer Show über Beziehungen mitgemacht«, sagte Helen ernsthaft, als sie ihn mir vorstellte, sah mich aber dabei nicht an.

»Deshalb dachte ich mir, er könnte hier nützlich sein.«

»Beziehungen?«, fragte ich Mick höflich.

Der lächelte verlegen. »Genau genommen ging es um das Ende von Beziehungen. Und um Frauen, die den Wagen ihres Ehemanns plattwalzen lassen und so.«

»Uuuh!«, äußerte Giles begeistert, verstummte aber angesichts meiner Miene und biss sich auf die Lippe.

»Wenn du dich für so eine Lösung entscheiden solltest, kann Mick dir jede Menge Informationen geben«, versicherte mir Helen und reichte ihm ein Glas Wein.

»Wenn Frrau weiß, wie mit Mann umgenn, sie ihn erst garr nicht verliert«, bemerkte Ivana.

»Na klar. Schönen Dank für das Kompliment«, erwiderte ich ärgerlich. Ich war zu Helen gefahren, um Zuflucht bei ihr zu finden und nicht, um analysiert zu werden wie eine unbekannte Spezies. »Und hört mal, ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber ich glaube, ich brauche das nicht. Dass ihr alle hier seid, meine ich. Ich brauche nur … ein bisschen Zeit, das ist alles. Zum Nachdenken.«

»Nachdenkken?«, fragte Ivana. Ich nickte.

»Max macht er doch Bumm-Bumm mit diese anderre Frau?«, wollte sie wissen. »Wie ich gesakt?«

Ich lief rot an. »Ich weiß es nicht. Ich meine, ich weiß, dass er … Ich habe die beiden zusammen gesehen … Aber ich weiß nicht …«

»Er war bei ihr zu Hause«, schaltete sich Giles ein. »Ich hab es auch gesehen.« Er wandte sich mir zu und nahm meine Hand. »Was natürlich nicht unbedingt etwas zu bedeuten hat«, fügte er beruhigend hinzu. »Nicht unbedingt …«

»Er warr in irr Haus. Bestimmt Bumm-Bumm«, erwiderte Ivana abschätzig. »Jetzt wirr habben Frage. Du willst ihn zurrück, oderr du willst Rache?«

Ich runzelte die Stirn. Aus diesem Blickwinkel hatte ich die Lage noch nicht betrachtet, aber es hatte etwas für sich. Wollte ich um Max kämpfen, oder wollte ich mich aus dem Staub machen?

»Ich weiß nicht«, sagte ich leise. »Ich meine, ich will ihn schon zurück, natürlich. Ich liebe ihn doch. Aber ich möchte den Max wiederhaben, der mich nicht … belügen würde. Den Max, dem ich vertraut habe.«

»Max ist Mann«, bemerkte Ivana verächtlich. »Ist nicht gutt, zu vertrauen Männerr. Ist gutt, Männer zu behandeln richtik. Sie zu beherrschen.«

Sie warf Sean einen Blick zu, aus dem sich schließen ließ, dass sie sich mit seiner Beherrschung bestens auskannte; er erwiderte den Blick und grinste dämlich.

»Aber ich will Max nicht beherrschen«, entgegnete ich ärgerlich. »Ich will eine gleichberechtigte Beziehung, eine freundschaftliche Beziehung, die …«

»… auf wahrer Liebe beruht«, ergänzte Giles träumerisch.

»Und da du irrst«, verkündete Ivana. »Ist nimalls gleich. Immerr einerr beherrscht. Einerr hat Peitsche, andererr beukt sich …«

»Okay«, warf Helen hastig ein und schaute zu Mick, der Ivana mit aufgerissenen Augen anstarrte. »Danke, Ivana. Aber bleiben wir doch beim Thema, ja? Wir brauchen einen Plan.«

»Ein Plann?« Ivana verengte die Augen. »Was fürr Plann?«

»Einen Plan, wie wir Max für Jessica zurückholen können. Oder wie wir dafür sorgen, dass er sich schrecklich schämt.«

»Damit ihre Liebe wieder gedeihen kann«, bemerkte Giles. »Als ihr Wedding-Planner weiß ich, dass die beiden leidenschaftliche und romantische Menschen sind, und diese Leidenschaft und Romantik müssen wir nähren.«

»Also, ich bin Jess’ beste Freundin, und ich weiß, dass sie ganz bestimmt niemanden braucht, der lügt und sie betrügt«, stellte Helen klar.

Mein Handy klingelte; ich schaute aufs Display und zuckte zusammen, als ich Max’ Nummer erkannte.

»Ist err?«, fragte Ivana. Ich nickte. »Du nicht rangehn«, sagte sie, nahm mir das Handy weg und legte es neben sich auf den Stuhl. »Du lässt inn schwitzen, ja?«

»Okay«, sagte ich widerstrebend. Ich hatte sonderbare Schmerzen im Bauch. Es fühlte sich an, als sei etwas aus mir herausgerissen worden. Dann fiel mir auf, dass es sich um Sehnsucht handelte. Ich vermisste Max jetzt schon. Er fehlte mir schon so sehr, dass es wehtat.

»Du solltest mit seinem besten Freund schlafen«, äußerte Sean plötzlich. »Damit er versteht, wie es sich anfühlt. Wer ist sein bester Freund?«

Ich warf ihm einen eisigen Blick zu. »Ich schlafe mit gar niemandem«, erwiderte ich.

Sean zuckte mit den Achseln. »Wie du meinst.«

»Ich finde das eigentlich gar nicht so verkehrt«, sagte Helen. »Ich meine, du musst ja nicht wirklich mit ihm schlafen. Nur mit ihm flirten, wer es auch sein mag.«

»Max’ bester Freund ist Anthony«, sagte ich trocken.

»War er jedenfalls.«

»Aha.« Diese Information mussten alle erst mal verarbeiten.

»Jedenfalls«, sagte ich seufzend, »fehlen mir sowieso noch Informationen. Ich sollte mir doch wohl zumindest mal Max’ Version der Geschichte anhören, oder?« Ich blickte auf mein Handy, auf dem ein Briefkuvert blinkte. Helen schüttelte den Kopf. »Ivana hat recht. Du solltest nicht mit ihm reden, solange du keinen Plan hast. Sonst machst du womöglich einen Fehler.«

»Richtig«, sagte Giles mit dramatischem Unterton.

»Die nächsten Stunden sind entscheidend. Jetzt solltest du dir auf keinen Fall irgendwelche Fehler erlauben.«

»Was denn für Fehler?«, fragte ich und starrte sehnsüchtig auf mein Handy. Vielleicht hat Max ja eine Erklärung, dachte ich und seufzte. Ich machte mir etwas vor. Es gab keine Erklärungen außer der einen, die ich aber einfach nicht akzeptieren wollte.

»Fehler, dass du imm zuhörst, dann err errfindett Geschichte, du klaubst, du heirattest, und dann, bumm, passiertt widder«, erklärte Ivana.

»Ich werde Max nicht heiraten«, sagte ich leise und wich dabei Giles’ Blick aus. »Jedenfalls nicht jetzt. Nicht wenn er …« Es wollte mir immer noch nicht über die Lippen kommen, weil es sich so unfassbar anhörte. Aber ich wusste, dass ich es genau so meinte. Wenn Max eine Affäre hatte, würde ich ihn niemals heiraten. Ich hatte nie besonders große Erwartungen gehabt an die Liebe – offen gestanden, hatte ich ohnehin nie damit gerechnet, dass es sie gab, und mich bereits mit einem Single-Leben abgefunden. Aber Untreue, eine verlogene Ehe? Das würde ich nicht hinnehmen. Nie und nimmer.

»Also doch Rache?«, fragte Mick, dem es jetzt endlich gelang, den Blick von Ivanas Dekolleté zu lösen. »So aus dem Stand heraus würde ich vorschlagen, dass wir sein Auto zerkratzen, eine Annonce in der Zeitung schalten und verkünden, dass sein bestes Stück eher klein geraten ist, eine Website designen, in der man ihn als totale Niete darstellt, ähm …« Er legte angestrengt die Stirn in Falten. »Mit dem besten Freund schlafen hatten wir schon, oder?«

Sean nickte.

»Man könnte auch noch seine Identität verkaufen. Das hat eine Frau mit ihrem Mann gemacht. Sie hat einfach seinen Ausweis weggegeben und alle anderen persönlichen Dokumente. Ein paar Monate später ist er wegen Betrug verhaftet worden!«

Ich sah Mick fassungslos an. »Ich möchte nicht, dass Max verhaftet wird.«

Er zuckte leicht gekränkt mit den Achseln. »Der Mann kam aber nicht ins Gefängnis oder so. Sie haben alles aufgeklärt und gemerkt, dass er die Tat nicht begangen hatte. Aber er hat einen ordentlichen Schreck gekriegt. Ich dachte, du wolltest dich rächen.«

»Nein«, entgegnete ich und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

»Aber die Frage war doch, ob du ihn zurückhaben oder dich rächen möchtest, und da du ihn offenbar nicht zurückhaben willst …«

»Nein!«, sagte ich und stand auf. »So war das nicht gemeint. Ich habe lediglich gesagt, dass ich ihn nicht zurückhaben will, wenn er eine Affäre hat. Ich will mich nicht rächen. Ich will … ich will …« Ich ließ meine Augen mit irrem Blick durch den Raum schweifen. »Ich will, dass das alles einfach nicht mehr da ist.«

Ich wischte mir Tränen aus den Augen und setzte mich wieder. Leider quollen weitere Tränen hervor, und ich schlug die Hände vors Gesicht. Dann kam auch noch das Schluchzen, erst gemäßigt, aber dann ziemlich zügellos. Mein Körper wurde von den Schluchzern geschüttelt, und meine Hände waren völlig verrotzt.

»Was ist mit Gellt?«, fragte Ivana plötzlich.

Ich schaute sie schniefend an. »Welches Geld?«

»Dein Gellt«, antwortete sie ungeduldig. »Hast du es?«

Ich nickte. »Natürlich.«

»Wo hast du es?«

»Auf unserem Konto.«

»Deinem Konto?«

»Unserem gemeinsamen Konto«, murmelte ich kläglich. Dieses Konto war ursprünglich Max’ Konto gewesen, aber er meinte, wir sollten doch unsere Einkünfte beide darauf einzahlen und sie uns teilen. Das Problem dabei war aber, dass er etwa fünfmal so viel wie ich verdiente, weshalb mir diese Lösung nicht gerecht vorkam. Weshalb ich mich entschloss, das Geld aus Grace’ Erbe, das ich nicht beiseitegepackt hatte, auf dieses Konto zu transferieren. Max wollte das nicht und meinte, ich solle es doch irgendwo anlegen, aber das wollte wiederum ich nicht. Es sollte gerecht zugehen, fand ich, und wir sollten beide gleiche Rechte haben.

Gleiche Rechte. Pah. So viel dazu.

»Ah.« Ivana schnalzte mit der Zunge.

»Ah was?«

»Dissmal vielleicht er dich heirratet wegen Gellt. Ich denke, besser Gellt auf dein eigen Konto tun.«

»Gott, daran hatte ich noch gar nicht gedacht«, äußerte Helen beunruhigt. »Ivana hat recht, Jess. Du musst das Geld wirklich aus diesem Konto rausziehen. Unbedingt.«

»Max hat doch kein Interesse an meinem Geld«, widersprach ich indigniert. »An anderen Frauen offenbar schon. Aber nicht an meinem Geld. Er hat selbst genug.«

»Dann es macht imm nichts aus, wenn du rausnimmst«, erwiderte Ivana triumphierend. Als sie meine Miene sah, zuckte sie mit den Achseln. »Du musst denken an dich selbst. Wir sintt deine Freunde, ja?«

»Freunde?«, sagte ich zu hastig und sah Ivanas gekränkten Gesichtsausdruck, bevor sie den Blick abwandte. »Kumppel vielleicht«, fügte sie dann nüchtern hinzu.

»Oder so wass.«

»Nein, nein, ich … du hast vollkommen recht«, sagte ich. »Ihr seid meine Freunde. Und … danke dafür, dass ihr an mich denkt.«

»Istt schon gutt«, erwiderte Ivana mit einer wegwerfenden Handbewegung und betrachtete dann eingehend ihre Fingernägel.

»Mach das jetzt sofort«, sagte Helen und stellte ihren Laptop auf den Tisch.

Widerstrebend klappte ich ihn auf, schaltete den Rechner ein und öffnete Schritt für Schritt mein Konto bei der Bank.

»Ich mache das nur, weil es sich vernünftig anhört«, sagte ich, während ich klickte und doppelklickte. »Max würde mein Geld niemals anrühren. So ist er nicht.«

»Du denkst auch, er macht nicht Bumm-Bumm mitt andere Frau, aber hatt er bestimmt gemachtt«, entgegnete Ivana und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie Männer sintt, man weiß nie.« Sie warf Sean einen vielsagenden Blick zu, und der verdrehte seinerseits nur die Augen.

»Scheint so«, seufzte ich, als ich auf unserer Seite angelangt war. Es fühlte sich falsch an, was ich hier machte, wie eine schreckliche Tat. Aber Max hatte schließlich auch etwas Schreckliches getan. Ich schützte nur mein Hab und Gut. In gewisser Weise hatte Ivana durchaus recht: Ich kannte Max wohl wirklich nicht so gut, wie ich glaubte. Traurig ging ich unsere Ausgaben durch: gemeinsamer Supermarkteinkauf, eine Anzahlung für das Hotel, in dem wir feiern wollten.

So viele Hoffnungen und Träume. War ich wirklich bereit zu akzeptieren, dass sie niemals Wirklichkeit werden konnten?

»Also«, sagte ich zögernd, »ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich …«

Dann brach ich ab. Als ich die Abbuchungen anschaute, hatte ich etwas entdeckt, das mir die Zornesröte ins Gesicht trieb und meinen Herzschlag beschleunigte. Eine Zahlung an Esther Short. Ich ging noch mal zurück, um mich zu versichern, dass es kein Irrtum war, aber es gab keinen Zweifel. Vor zwei Tagen waren tausend Pfund auf ihr Konto überwiesen worden. Rasch sah ich die vergangenen Wochen durch: In der Tat waren den ganzen letzten Monat über regelmäßig Beträge an sie überwiesen worden – hier zweitausend, dort dreitausend Pfund.

»Was ist?«, fragte Helen, als sie sah, wie ich schreckensbleich auf den Bildschirm starrte. »Was ist los?«

»Er bezahlt sie«, brachte ich mühsam hervor. »Er gibt ihr unser Geld.«

»Nein!« Helen schlug sich die Hand vor den Mund.

»Das kann nicht sein.« Sie hockte sich auf den Boden und zog den Laptop zu sich heran. Dann legte sie mir den Arm um die Schultern. »O Gott, Jess. Das tut mir wirklich leid. So ein Dreckskerl.«

»Ach du meine Güte«, äußerte Giles, der völlig schockiert aussah. »Du liebes bisschen. Ich hätte nie gedacht, dass …«

»Tja, wirst du wohl müssen«, erwiderte ich steif. »Ich komme mir ziemlich blöd vor, weil ich ihm so blind vertraut habe.«

Rasch transferierte ich mein Geld auf mein altes Konto, das ich noch nicht aufgelöst hatte, und klappte den Laptop zu. Dann schaute ich Helen mit wildem Blick an.

»Ich denke, wir sollten ausgehen«, sagte ich. »Kann ich mir von dir was zum Anziehen leihen?«

»Na klar«, antwortete Helen. »Alles, was du willst.«

»Nimm was richtig Schickes«, warf Giles ernsthaft ein.

»Ich will«, sagte ich, benommen vor Wut, »hochhackige Pumps. Und mich betrinken. Und das sofort.«

Kapitel 7

Zu meiner großen Enttäuschung wollte Giles nicht mitkommen. Er sagte, er hätte noch wichtige Dinge zu erledigen, aber ich hatte den Verdacht, dass ihn die Ereignisse zu sehr erschüttert hatten. Giles hatte sich seit Monaten mit Leib und Seele unserer Hochzeit gewidmet und wirkte nun völlig verstört ob der Vorstellung, dass das große Ereignis gar nicht stattfinden würde.

Wir entschieden uns für eine Bar, die brechend voll war. Das hieß, genau genommen traf Helen die Entscheidung. Wir kamen an ein paar Lokalen vorbei, die ruhig und deutlich leerer wirkten, aber Helen ließ sie links liegen. Und ich hatte nicht mal was dagegen einzuwenden. Normalerweise hätte ich mich gesträubt, ein Lokal mit Türstehern zu betreten, in dem man nur Cocktails bekam und das von einer Mischung aus Bankern und den Frauen von Fußballspielern oder den Geliebten von Finanzhaien frequentiert wurde. Ihr wisst, was ich meine. Aber heute Abend war mir so ein Ambiente gerade recht. Ich wollte mich irgendwo aufhalten, wo die Musik so laut dröhnte, dass man nicht denken konnte. Ich wollte umgeben sein von Leuten, denen Beziehungen völlig schnuppe waren und denen nur daran gelegen war, zu sehen und gesehen zu werden. Und vom Barkeeper hoffentlich bemerkt zu werden, bevor der Laden dichtmachte.

»Cocktail?«, fragte Helen munter, nachdem wir uns durch die Menschenmenge zu einer hinteren Ecke der Bar durchgedrängt hatten.

»Klar«, antwortete ich. »Was Starkes.«

»Du hast gehört, was die Dame gesagt hat«, äußerte Helen und zwinkerte dabei Mick zu, der sein Stichwort kapierte, sich nach Ivanas und Seans Wünschen erkundigte und dann den abenteuerlichen Weg zur Bar antrat. Helen heftete sich an seine Fersen und erklärte, jemand müsse ihm beim Tragen helfen. Ivana versuchte unterdessen, einen ihrer hochhackigen Pumps vom Fuß zu streifen. Als sie merkte, dass ich sie beobachtete, warf sie mir einen trotzigen Blick zu.

»Ich happ Blase«, schrie sie, um die dröhnende Musik aus den Lautsprechern über ihrem Kopf zu übertönen.

»Ich brauch neue Schuhe für Arbeitt spetterr.«

Ich nickte so mitfühlend wie möglich. Aber sonderlich mitfühlend war mir nicht zumute. Du hast eine Blase am Fuß?, hätte ich am liebsten gesagt. Und das hältst du für schlimm? Du solltest mal erleben, wie sich das anfühlt, wenn der Mann, den man liebt, der Mann, den man eigentlich heiraten wollte, nicht der ist, für den man ihn gehalten hat. Du solltest mal erleben, wie schlimm das schmerzt.

Doch stattdessen wartete ich geduldig, bis Mick mit den Drinks zurückkam und leerte meinen in einem Zug. Helen zog eine Augenbraue hoch. »Okay«, sagte sie. »So ein Abend wird es dann also wohl, wie?«

Ich blickte sie verständnislos an. »Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte ich. »Wer möchte Nachschub?«

Niemand meldete sich zu Wort; Ivana schien es sich zu überlegen, aber ihr Glas war noch voll, weshalb sie nach kurzem Zögern den Kopf schüttelte.

 

»Dann nur ich«, äußerte ich und steuerte auf den Tresen zu. Ich brauchte zehn Minuten, um mich durch die Menschenmassen zu kämpfen, aber ich teilte ein paarmal mit Ellbogen und spitzen Absätzen aus und erreichte schließlich mein Ziel.

Erst als der Barkeeper mich abwartend anblickte, wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte, was ich eigentlich getrunken hatte. Es war ein Cocktail gewesen, so viel war mir bewusst, aber da es sich hier um eine Cocktailbar handelte, engte das die Auswahl nicht wesentlich ein.

»Sie nimmt eine Bloody Mary«, sagte plötzlich jemand hinter mir. Ich drehte mich um. »Das hast du jedenfalls früher immer getrunken«, sagte jemand, der mich freundlich anblickte. »Was führt dich denn ins Slamming, Jess?«

Es war Hugh. Hugh Barter. Ich blickte ihn etwas belämmert an. »Slamming?«

»Diese Bar?«, antwortete er grinsend. »Das ist der Name der Bar.«

»Oh, ach ja … Das … wusste ich nicht. Und außerdem kann ich mir selbst was bestellen, danke«, sagte ich und wandte mich ab.

»Zu spät«, äußerte Hugh, als die Bloody Mary vor mir stand. Ich holte mein Portemonnaie heraus.

»Kommt nicht infrage«, sagte Hugh und hielt die Hand hoch. »Den übernehme ich.«

»Ach ja?« Ich starrte ihn argwöhnisch an. »Und warum? Was willst du von mir?«

»Nichts!« Hugh runzelte die Stirn. »Hab ich dich irgendwie verärgert?«

Ich trank einen Schluck.

»Du nicht«, räumte ich schließlich ein.

»Jemand anders? Na, der soll in der Hölle schmoren«, erwiderte Hugh munter.

Ich gab ein undefinierbares »Hm« von mir und wartete darauf, dass er sich verziehen würde. Was er jedoch nicht tat.

»Da ich ja kein Problem mit dir habe« – er grinste – »dürfte ich dir vielleicht sagen, dass du heute Abend ganz großartig aussiehst? Sieht toll aus, was du da anhast. Solche Sachen hast du nie getragen, als ich noch bei Milton Advertising war.«

Ich blickte an mir herunter; als ich in meiner Rage das Top von Helen angezogen hatte, war mir gar nicht aufgefallen, wie tief es ausgeschnitten war. »Oh, stimmt«, sagte ich und errötete leicht. »Na ja, es gehört mir auch nicht.«

»Sollte es aber«, äußerte Hugh, worauf ich noch röter wurde.

»Und, wie läuft’s bei dir? Ich meine: So allgemein?«, fragte ich hastig.

»Gut. So allgemein«, antwortete Hugh mit amüsiertem Funkeln in den Augen und lachte. Mir war warm. Zu warm. Ich trank einen Schluck von meiner Bloody Mary und dann gleich noch einen, damit es sich auch lohnte.

»Schön«, sagte ich munter. »Also, jedenfalls vielen Dank für den Drink. Aber ich muss jetzt wohl zu meinen Freunden zurück.«

»Na klar.« Hugh lächelte. »Wo sind die denn?«

Ich blickte mich um und entdeckte Ivana und Sean, die zur Tür steuerten. Ivana bewegte sich sonderbar hinkend vorwärts, woraus ich schloss, dass sie ihren Schuh nicht wieder angezogen hatte. Wie sie auf diese Art nach Hause kommen wollte, war mir schleierhaft.

»Da … drüben.« Ich deutete zum Ende des Tresens, wo Helen und Mick ins Gespräch vertieft waren. Als ich zu ihnen hinüberschaute, berührte sie ihn am Hals und warf lachend den Kopf in den Nacken; in der nächsten Sekunde hielt er sie fest umschlungen, und sie küssten sich. Es sah nicht aus, als hätten sie in absehbarer Zeit vor, Luft zu holen.

»Die scheinen mir aber im Moment sehr beschäftigt zu sein«, äußerte Hugh.

Ich trank einen großen Schluck. »Ja«, pflichtete ich ihm bei. »Kommt mir auch so vor.«

Ein Schweigen entstand. Es war zwar nicht still, denn die Musik war ohrenbetäubend, und die Leute mussten sich anschreien, um den Lärm zu übertönen, aber es war dennoch ein so intensives Schweigen, dass man nicht umhin konnte zu bemerken, dass man seinem Gegenüber eigentlich nichts zu sagen hatte. Ich spürte, wie Hugh mich ansah, und lief wieder rot an. Es lag mir nun mal nicht sonderlich, in Clubs und Bars Gespräche zu führen. Und anderswo im Grunde auch nicht. Dieser Ausflug war gar keine gute Idee gewesen. Ich sollte eigentlich in Helens Wohnung zurückgehen, mich ins Bett legen und darüber nachdenken, wie ich mich am nächsten Tag verhalten wollte. Meinen Handyklingelton hatte ich abgestellt, aber ich spürte, wie das Ding in meiner Handtasche herumrumorte. Ich musste Max ja gegenübertreten. Und dazu brauchte ich meine ganze Kraft.

»Weißt du, es steht dir gut, wenn du dich über Leute aufregst«, bemerkte Hugh. »Du hast heute Abend so eine beeindruckend tragische Ausstrahlung.«

Das hatte ich nicht erwartet. Ich blickte argwöhnisch auf. »Tragisch?«, sagte ich gereizt. »Ich fühle mich nicht tragisch. Mir geht es gut. Richtig gut sogar.«

»Das bezweifle ich ja nicht«, erwiderte Hugh lächelnd.

»Aber dennoch, irgendetwas in deinen Augen …«

Ich schaute wieder unter mich. Mir war durchaus bewusst, dass meine Augen noch vom Weinen gerötet waren. Ich trank einen Schluck, beschloss dann, dass das nicht reichte, und leerte das ganze Glas.

»Na gut«, sagte ich. »Ich sehe vielleicht ein bisschen angeschlagen aus. Hatte einen anstrengenden Tag, okay?«

Hugh legte die Stirn in Falten. »Angeschlagen?«, wiederholte er erstaunt. »O nein, du siehst kein bisschen angeschlagen aus, sondern ausgesprochen bezaubernd. Nur ein bisschen … ich weiß nicht … traurig. Wie eine Figur aus einem Brontë-Roman oder so. Als sei dir Unrecht angetan worden, und nun seist du um Tapferkeit bemüht.«

Ich starrte ihn an. War das wirklich so offensichtlich? Sah ich wirklich aus wie eine Brontë-Figur? Aber welche? Ich meinte, einige von denen waren nicht gerade Schönheiten, aber die Bemerkung gefiel mir. Es gefiel mir, dass Hugh die Brontës kannte.

»Nun, vielleicht trifft das auch zu«, hörte ich mich sagen. »Aber ist das wirklich so deutlich zu erkennen?«

Hugh nickte mitfühlend, aber auf seinen Lippen lag der Hauch eines Lächelns. »Ja. Aber es steht dir wirklich gut. Ich finde, du solltest immer so aussehen.«

Ich sah ihn unsicher an. »Du meinst, mir sollte regelmäßig Unrecht angetan werden?«

»Vielleicht schon. Wenn du dann so gut aussiehst …« In seinen Augen lag ein schelmisches Funkeln. »Obwohl es natürlich darauf ankommt, wie dir Unrecht angetan wird, nicht wahr? Und auch darauf, von wem.«

Ich sah ihn prüfend an. Er flirtete mit mir. Ich kannte mich nicht gut aus mit Flirten, aber ich merkte immerhin, wenn ich da hineingeriet. Was jetzt gerade der Fall war. Ich machte den Mund auf, um etwas zu erwidern, brachte aber keinen Ton heraus. Vorher hatte ich nicht gemerkt, dass wir flirteten. Ich konnte das gar nicht. Ich wusste überhaupt nicht, wie man das machte – und wollte es auch nicht wissen.

Dachte ich zumindest.

»Tut mir leid«, sagte Hugh, als das Schweigen anfing, peinlich zu werden. »Ich sollte nicht darüber lachen, dass du leidest. Leidest du?« Er betrachtete mich so prüfend wie ein Arzt einen Patienten.

Ich musste wider Willen lächeln. »Bist du mit jemandem hier?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.

»Kann man so sagen«, antwortete Hugh und blickte mich eindringlich an. »Sie sind da drüben.« Er deutete vage in eine Richtung, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Dann beugte er sich vor. »Sind aber keine guten Freunde. Eher Bekannte, wenn du weißt, was ich meine.« Ich nickte wissend. »O ja«, sagte ich. »Ich weiß genau, was du meinst. Mit so was kenne ich mich aus.«

»Ach ja? Das ist ja interessant.«

»Na ja, vielleicht doch nicht so richtig«, sagte ich rasch. Wovon redete er? Wovon redeten wir?

Hugh lachte. »Du bist echt witzig, Jess, weißt du das? Ich glaube, jemandem wie dir bin ich noch nie begegnet.«

»Nee?«, erwiderte ich matt.

»Nee. Na komm, erzähl mir doch mal, in welcher Weise dir Unrecht getan wurde. Wer es gewagt hat, die künftige Mrs. Milton zu kränken. Wainwright, meine ich natürlich.« Er verzog das Gesicht. »Verzeihung, das hörte sich komisch an. Aber du weißt, was ich meine. Mrs. Milton Advertising. Die Frau vom Chef. Die Frau mit Einfluss.«

Als er »Einfluss« sagte, zwinkerte er, und ich presste die Lippen aufeinander.

»Oder auch nicht«, sagte ich.

»Nicht?« Hugh runzelte die Stirn. »Was meinst du damit?«

»Nichts.« Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste, dass ich nicht mit Hugh über das alles sprechen sollte. Ich sollte mit Max reden. Aber der hätte treu und mir ergeben sein sollen, und nun konnte man ja sehen, was daraus geworden war.

»Es sieht so aus«, sagte ich abrupt, »dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich Max heiraten werde.«

»Was?« Hugh riss überrascht die Augen auf. »Im Ernst? Das ist ja interessant. Und warum hast du’s dir anders überlegt?«

Ich schluckte. »Ich … na ja …«

»Ja?« Einen Moment lang kam ich mir vor wie Jemima Pratschel-Watschel, als sie von dem gut aussehenden Fremden verführt wird.

»Ich möchte lieber nicht darüber sprechen«, sagte ich und wich ein wenig zurück.

»Kann ich verstehen. Max muss ganz schön fertig sein.«

»Meinst du?« Ich hörte mich überraschter an, als ich beabsichtigt hatte.

»Und ob.« Jemand drängte sich an uns vorbei und schob Hugh dabei näher an mich heran; als die Leute weg waren, rührte er sich aber nicht mehr von der Stelle. »Heißt das also, dass du jetzt jung, frei und ungebunden bist?«

Ich wusste nicht mehr, wo ich hinschauen sollte. Er stand zu dicht bei mir, und sein Blick schien sich in meine Augen zu bohren.

»Möchtest du noch was trinken?«, sagte ich und wandte mich rasch der Bar zu. »Ich gebe einen aus. Was nimmst du?«

»Bloody Mary, wie du«, antwortete er leichthin. »Lass mich mal.« Er winkte den Barkeeper herbei und wartete, während ich bestellte. Dass ich schon ordentlich angeschickert war, merkte ich daran, wie ich mit meinem Portemonnaie herumhantierte und dann in einen Wortwechsel mit dem Barkeeper geriet, dem ich statt zehn Pfund fünf Pfund gegeben hatte, wie er zu Recht behauptete. Als ich mich umdrehte, war Hugh verschwunden. Ich blickte mich irritiert um und war im ersten Moment erleichtert, weil ich instinktiv spürte, dass ich ihm nicht vertrauen sollte. Doch dann spürte ich, dass ich enttäuscht war, weil ich mich ganz gut amüsierte mit ihm und Vertrauen sich in meinem Leben ohnehin als Illusion erwiesen hatte und weil es wichtiger war, sich wohlzufühlen und von niemandem etwas zu erwarten. Und um das Leben zu genießen, war Hugh bestimmt ein geeigneter Partner. Doch nun war er verschwunden, und ich stand hier wie bestellt und nicht abgeholt, weil ich noch nicht nach Hause gehen wollte und Helen mit Mick beschäftigt war.

»Jess!« Ich schaute auf und entdeckte Hugh, der mir wild zuwinkte. Ich fühlte mich schlagartig besser, als ich sah, dass er nicht verschwunden war, sondern uns vielmehr einen Tisch organisiert hatte.

»Super, oder?«, sagte er triumphierend, als ich mich zu ihm durchgedrängt hatte. »Hier wurde gerade frei, und ich hab mich drauf gestürzt, bevor ihn jemand anders schnappen konnte.« Ich zog eine Augenbraue hoch, und er grinste. »Na gut, ich musste vorher ein paar Leute aus dem Feld schlagen.«

Das war Hugh, wie ich ihn kannte. Als er noch bei Milton Advertising war, hatte er auch ein paar Leute aus dem Feld geschlagen, um befördert zu werden. Er hatte dort den Ruf des charmanten, smarten Jungen genossen, der nur darauf lauerte, sich den Stuhl eines anderen krallen zu können, sobald dieser mal kurz aufstand. Und der dann auch gleich noch den Schreibtisch mit dazunahm. Bei Milton Advertising witzelte man, dass er sich auch gleich noch die Familie der anderen unter den Nagel reißen würde, wenn man ihn nicht daran hinderte. Aber wenigstens machte Hugh keinen Hehl daraus. Bei ihm wusste man jedenfalls, woran man war.

»Sag mal, und ist das nun wirklich dein Ernst?«, fragte er, als ich mich niedergelassen hatte, und beugte sich mit besorgter Miene zu mir. »Mit dir und Max?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Schon möglich.«

»Puh«, sagte er und pfiff durch die Zähne. »Armer Max.« Er bemerkte meinen Blick. »Und für dich ist es natürlich auch schlimm. Aber du wirst schon klarkommen damit, oder? Ich meine, du könntest ja wirklich jeden kriegen. Aber Max …« Er schüttelte den Kopf. »Wie verkraftet er das denn?«

Ich wich seinem Blick aus und zuckte erneut mit den Achseln.

»So schlimm«, sagte Hugh und nickte. Dann schaute er auf. »Nun gut. Der Schnee von gestern kommt einem in den Sinn und andere abgedroschene Phrasen. Kommen wir also zum ernsten Teil. Erzähl mir den neuesten Klatsch von Milton. Macht Gillie noch den Empfang?«

»Macht sie.«

»Ist sie immer noch der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Ladens?«

Ich lächelte. »So ziemlich.«

»Na klar«, sagte Hugh und rieb sich die Hände, bevor er einen Schluck von seinem Drink nahm. »Und was ist mit Gareth, unserem Oberkreativen? Kriegt er immer noch alle fünf Minuten Wutanfälle wegen des kleinen, aber feinen Unterschieds zwischen Türkis und Blaugrün?«

Ich lachte. »Lieber Gott, du hast ja keine Ahnung.« Ich berichtete ihm, wie Gareth vor einigen Wochen aus einer Sitzung mit Kunden gestürmt war, weil die seine Lieblingsschattierung von Kirschrot als »dieses grässliche Rosa« bezeichnet hatten. Dann hechelten Hugh und ich die gesamte Kreativabteilung durch, ereiferten uns gut eine Stunde über Marcia und kamen dann, nachdem unser Klatschbedürfnis erschöpft war, wieder auf mich zu sprechen. Nur, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon drei weitere Bloody Marys intus hatte und mich fühlte, als könnte ich Bäume ausreißen.

Um Mitternacht saßen wir schon so eng aneinander gekuschelt in unserer Ecke wie uralte Freunde, und mir wurde klar, dass ich Hugh komplett unterschätzt hatte. Er war ein supernetter Typ. Ein bisschen oberflächlich vielleicht und hemmungslos ehrgeizig, aber was war dagegen schon einzuwenden?

»Du meinst also, du wirst es verkraften? Diese Max- Geschichte?«, fragte er und legte den Arm um mich.

»Ich? Na klar!« Ich nickte und ließ den Kopf an seine Brust sinken. Ich würde es auf jeden Fall verkraften. Schließlich war ich stark. Im Moment fühlte ich mich jedenfalls geradezu unbesiegbar.

»Aber du wirst weiterhin dort arbeiten? Für ihn?« Hugh löste sich ein wenig von mir, damit er mich anschauen konnte.

»Na ja, das vielleicht nicht«, antwortete ich unsicher. Darüber hatte ich noch gar nicht richtig nachgedacht. Wobei mir auffiel, dass ich über einiges überhaupt noch nicht nachgedacht hatte.

»Und wo willst du dann arbeiten? Wenn du überhaupt arbeiten willst. Hast du nicht irgendeine riesige Erbschaft gemacht?«

»Natürlich werde ich arbeiten«, entgegnete ich indigniert. »Ich werd doch nicht aufhören zu arbeiten, nur weil ich ein bisschen Geld habe. Ich weiß nur noch nicht, wo. Aber da wird mir schon was einfallen.«

»Im Ernst? Du willst nicht abhauen und durch die Welt reisen? Oder dir einen eigenen Hubschrauber zulegen? Das würde ich machen.«

»Wenn du ein bisschen Geld geerbt hättest, würdest du dir einen Hubschrauber kaufen?«

»Nicht mit ein bisschen Geld. Aber du sollst ja Millionen geerbt haben.«

Ich lief rot an. »Aber nicht viele«, sagte ich verlegen.

»Und das meiste davon hat mein Anwalt. Ich weiß, ehrlich gesagt. gar nicht, was ich damit anfangen soll.«

»Du weißt nicht, was du damit anfangen sollst?« Hugh sah mich mit großen Augen an. »Ich kann dir gerne behilflich sein. Ich bin sehr gut im Geldausgeben. Wir könnten zusammen shoppen gehen. Warst du schon mal bei Prada?«

»Nein!« Ich schüttelte entschieden den Kopf. »Ich werde nicht shoppen gehen, und ich werde auch keinen Hubschrauber kaufen, okay?«

»Wie du meinst«, erwiderte Hugh ungerührt. Dann beugte er sich mit leuchtenden Augen zu mir. »Dann arbeite doch bei mir.«

Ich sah ihn zweifelnd an und wartete auf die Pointe. Aber es schien sein voller Ernst zu sein.

»Nee. So ein Quatsch«, sagte ich halbherzig.

»Das ist kein Quatsch. Scene It braucht gute Leute, und du gehörst zu den Besten. Ich hab von dem Pitch zum Projekt Handtasche gehört. Jeder andere aus der Branche auch. Wenn du zu Scene It kommst, kommt Jarvis auch mit. Du weißt doch, dass du mit dieser Kampagne Chancen für einen Preis hast, oder?«

Ich strahlte ihn an. »Meinst du wirklich?«

»Aber sicher. Stimmt es, dass du Prinzessin Beatrice für die Promotion gewonnen hast? Ich meine, das ist ein Geniestreich. Wie zum Teufel hast du das nur geschafft?« Ich lächelte. »Oh, das war meine Kontakterin, Caroline. Sie hat Freunde in der High Society.«

»Und du warst so schlau, sie einzustellen. Jess, du wirst es ganz nach oben schaffen, und mit Scene It wirst du da ziemlich schnell hinkommen. Komm zu uns. Denk doch nur an die ganzen finanzstarken Kunden, die du mit einbringen kannst! Wir werden sie Milton direkt unter der Nase wegklauen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte ich fest. »Nein, ich werde keine Kunden stehlen. Nicht einmal Jarvis.«

»Was? Ach, sei doch nicht albern, Jess. Du hast den Pitch gewonnen – das ist dein Kunde.«

»Nein«, widersprach ich mit Nachdruck. »Er ist Max’ Kunde. Und außerdem gibt es zig andere Banken.«

»Die Milton auch kriegen wird, weil sie Jarvis haben«, sagte Hugh so geduldig, als rede er mit einem kleinen Kind. Ich schüttelte den Kopf und leerte mein Glas.

»Nein«, sagte ich entschieden. »Darum geht es ihnen nicht. Die haben genug zu tun, wenn Jarvis erst …« Ich unterbrach mich.

»Wenn Jarvis erst was?«, fragte Hugh neugierig.

»Ach, nichts. Mein Glas scheint leer zu sein«, sagte ich und reichte es Hugh grinsend. Er nahm es in Empfang und deutete eine Verbeugung an.

»Ganz wie Sie wünschen, Madame. Aber nun komm schon, spann mich nicht so auf die Folter. Was ist los, fusioniert Jarvis mit jemandem? Oder kaufen sie jemanden auf? Oder sponsern sie den Grand Prix? Oder was?«

»Kann ich dir nicht sagen«, antwortete ich, wobei mein Versuch, mysteriös zu wirken, durch mein Nuscheln einigermaßen zunichte gemacht wurde. Ich merkte, dass ich mir wohl mindestens einen Drink zu viel einverleibt hatte. Vielleicht auch eher zwei oder drei. Aber es war mir einerlei. Ich amüsierte mich. »Meine Lippen sind versiegelt.«

»Wie du meinst«, sagte Hugh und beugte sich mit funkelnden Augen vor. »Aber wenn du bei uns einsteigst, musst du uns gegenüber natürlich auch loyal sein.«

»Ach ja?«, fragte ich kokett.

»O ja, allerdings.«

»Verstehe«, sagte ich. »Nun, ich werd’s mir überlegen.«

»Gut«, sagte Hugh, der mir jetzt so nahe gekommen war, dass ich seinen Atem spüren konnte. »Weil wir nämlich sehr schnell eifersüchtig werden, meine Agentur und ich. Und es wäre mir gar nicht recht, wenn du dich … dann immer noch Max verbunden fühlen würdest.« Er küsste mich so leicht auf den Mund, dass es mir beinahe unwirklich vorkam.

»Eifersüchtig?«, sagte ich und merkte, wie mein Herz schneller schlug. »Das würde ich nicht wollen.«

»Er war es, der dir so wehgetan hat, nicht?«, sagte Hugh, schlagartig sehr ernst. »Max, meine ich. Du darfst nicht zulassen, dass dir so was angetan wird, Jess. Du darfst denen nicht die Befriedigung verschaffen, dass sie dich verletzen können. Schieß den Typen in den Wind, der ist deiner nicht würdig. Verlass ihn und verlass Milton Advertising und arbeite mit mir. Und bring Jarvis mit. Es ist mein voller Ernst.«

»Wirklich?« Es kam mir so einfach vor. Als könnte ich mit einem Schlag die ganze Max-Geschichte hinter mir lassen, wie man eine Seite aus einer Zeitschrift herausreißt oder aus einem Albtraum aufwacht. Oder vielmehr aus einem wunderschönen Traum mit einem grauenhaften Ende.

»Leute wie du«, fuhr Hugh fort, »die loyal sind, hart arbeiten und ihre Kraft großzügig zur Verfügung stellen, werden oft nicht entsprechend geachtet. Das ist scheußlich, muss aber nicht so sein. Du musst jetzt mal besser auf dich achten, Jess. Ich mache das auch so. Vergiss die anderen, tu das, was dich glücklich macht und weiterbringt. Wenn du dir ständig Sorgen um die anderen machst, hast du schon verloren. Lebe in der Gegenwart, Jess. Leb für dich selbst.«

Ich nickte. Er hatte recht. Natürlich hatte er recht. Das wusste ich schließlich schon mein Leben lang. Meine Großmutter hatte mir das tagtäglich gepredigt. Das, und: »Aus dir wird nie mehr eine Schönheit, Jessica Wild. Deshalb musst du hart arbeiten, weil kein Mann für dich sorgen wird.« Doch sie hatte sich geirrt. Ich war vielleicht keine Schönheit, aber im Moment konnte ich mich doch nicht beklagen. Max war nicht der einzige Mensch, der andere Leute kennenlernte und sich eine Affäre erlauben konnte. Und Hugh Barter war eine ansehnliche Beute. Marcia, meine ehemalige Chefin und Anthonys Ex-Freundin, war verrückt nach ihm gewesen, als er noch bei Milton Advertising arbeitete.

Jetzt zwinkerte Hugh mir vielsagend zu und nahm einen Schluck von seinem Drink. Mutig tat ich es ihm gleich. Ich beschloss, mich ernsthaft zu betrinken. Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich jegliche Vorsicht außer Acht lassen und mich ein bisschen amüsieren. Oder vielmehr: Es richtig krachen lassen.

Kapitel 8

Am nächsten Morgen öffnete ich die Augen so behutsam, wie man es tat, wenn man wusste, dass einen nichts Erfreuliches erwartete. Was meist der Fall war, wenn man gesoffen hatte und schon ahnte, dass einen der grausame Kater vollends erwischte, sobald man Licht in die Augen kriegte. Ich schlug vorsichtshalber erst mal nur ein Auge auf. Mein Kopf hämmerte, aber es war zu ertragen; ein paar Aspirin, und ich würde den Tag in den Griff kriegen. Halbwegs jedenfalls. Was mir viel mehr Sorgen machte als der Kater, war mein Aufenthaltsort. Und die Frage, wer sich möglicherweise in meiner Nähe befinden mochte. Ich richtete mich ein bisschen auf und spähte einäugig in die Gegend. Eine weiße Daunendecke. Mehr konnte ich nicht erkennen. Ich schlug das andere Auge auf, machte es aber rasch wieder zu, als die Sonne mich wie ein Faustschlag traf. Ich beschattete die Augen, bevor ich sie wieder zu öffnen wagte, und inspizierte meine Umgebung.

Die gute Nachricht war, dass sich niemand in meiner Nähe aufhielt. Soweit ich sehen konnte, lag niemand neben mir im Bett. Ebenfalls als gute Nachricht konnte ich verbuchen, dass ich ein T-Shirt trug. Durchaus eine schlechte Nachricht war allerdings die Tatsache, dass ich mich nicht in meinem Bett befand. Nicht einmal in meiner Wohnung.

Das Zimmer sah gar nicht übel aus: harmlose eierschalenweiße Wände, ein bequemes Bett, mit Büchern vollgestopfte Eichenholzregale in der Ecke. In einem Fach sichtete ich ein Buch mit dem Titel Durchmogeln in der Literatur; darunter standen Werke wie Nieten ziehen immer den Kürzeren und Schluss mit nett und lustig. Zu meiner maßlosen Erleichterung war Hugh nirgends zu entdecken. Keine Kleider auf dem Boden, kein Abdruck auf dem Kissen neben mir. Seufzend setzte ich mich auf. Just in diesem Moment ging die Tür auf – zu abrupt, als dass ich mich hätte schlafend stellen können. Und Hugh trat ein. Hugh im Bademantel. Leicht panisch lehnte ich mich zurück und zog mir ein Kissen hinter den Rücken.

»Ich wollte dich nicht stören«, sagte Hugh lächelnd.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968172521
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906228
Schlagworte
Chick-Lit-Roman-c-e roman-tisch-e Komödie Mauerblümchen-Roman Chef-Bachelor-Boss-Liebes-Roman-e humor-voll-e-rliebe-s-roman-e Hochzeit-liebe-s-roman-e Heirat-en-liebe-s-roman-e

Autoren

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    Gemma Townley (Autor)

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    Angela Stein (Übersetzung)

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Titel: Verloben für Fortgeschrittene