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Juwelenraub in den Hollywood Hills

Band 2

von Rhys Bowen (Autor) Sarah Schemske (Übersetzung)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

England, 1934. Lady Georgies Mutter hört wieder einmal Hochzeitsglocken. Alles scheint perfekt im Leben der schönen Schauspielerin, wäre da nicht ihr letzter Ehemann, von dem sie sich zuerst scheiden lassen muss. Deshalb reist sie zusammen mit Georgie kurzerhand nach Amerika, um einen Strich unter ihre vorherige Ehe zu setzen. Kaum angekommen, wird die schillernde Schauspielerin von Filmmogul Cy Goldman entdeckt und für seinen nächsten Film gecastet.

Währenddessen gerät Georgie in die geheime Untersuchung eines mutmaßlichen Juwelendiebstahls. Aber zu ihrem Glück ist der leitende Ermittler zufällig ihr Verehrer Darcy! Ein Hinweis führt die beiden direkt zu Cys Villa, wo sie nicht nur Bekanntschaft mit Charlie Chaplin machen, sondern auch ein hollywoodreifes Drama auf sie wartet. Denn die Tragödie scheint gerade erst zu beginnen, als Cys Leiche gefunden wird …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe August 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-924-4

Copyright © 2014 by Janet Quin-Harkin
Titel des englischen Originals: Queen of Hearts

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Sarah Schemske
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
stock.adobe.com: © inarik, © Veronika
shutterstock.com: © Raftel, © Vectorpocket, © Vibrant Image Studio, © Hank Shiffman
depositphotos.com: © brebca
Korrektorat: Dorothee Scheuch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Widmung

Dieses Buch ist meinen Kollegen von den Jungle Red Writers gewidmet: Hallie Ephron, Hank Phillippi Ryan, Deborah Crombie, Julia Spencer-Fleming, Lucy Burdette, Susan Elia McNeal. Ich danke ihnen für ihre Freundschaft und Unterstützung und für den Spaß, den wir bei den Gameshows auf der Bouchercon haben.

Eine besondere Widmung geht an Barbara Kindell, die ihren Namen für dieses Buch einer Hollywood-Berühmtheit geliehen hat.

Danke an meine wundervolle Lektorin Jackie Cantor, meine Agentinnen Meg Ruley und Christina Hogrebe, die immer für mich da sind. Mein Dank geht an meine Fans für ihre Unterstützung und wie immer an John, der mir dabei hilft, dem Manuskript den letzten Schliff zu verleihen, mich herumchauffiert und den besten Kaffee in ganz Kalifornien macht.

Kapitel 1

Kingsdowne Place, Eynsford, Kent

Montag, 9. Juli 1934

Liebes Tagebuch: Das Wetter ist schön, aber es gibt überhaupt nichts zu tun. Ich sterbe vor Langeweile.

Ich saß in einem weißen Korbsessel unter einem ausladenden Kastanienbaum auf einem gepflegten Rasen. Hinter mir spiegelten sich die stattlichen Zinnen von Kingsdowne Place, dem Sitz der Herzöge von Eynsford, in der makellosen Oberfläche des Sees, auf der nur ein Paar vorübergleitender Schwäne leichte Wellen schlugen. Vor mir stand ein Teetisch, der sich unter dem Gewicht von Etageren voller Gurken-Räucherlachs-Sandwiches, Erdbeeren mit Sahne, Eclairs, Victoria-Biskuitkuchen, Petit Fours und Scones mit Clotted Cream bog. Einen perfekteren Nachmittag hätte man sich nicht wünschen können. Es war einer jener seltenen Sommertage in England, an denen die einzigen Geräusche vom Summen der Bienen zwischen den Rosen, dem Brummen eines Rasenmähers in der Ferne und dem Aufprall eines Balls auf einem Schläger beim Kricketspiel unten im Dorf stammten.

Ich seufzte tief auf. Es war kein zufriedenes Seufzen, denn ich langweilte mich fürchterlich. Beinahe zur Königsfamilie zu gehören ist nicht immer ein Zuckerschlecken. Zum einen ist es nicht immer leicht, angesichts von königlichen Verwandten, wahnsinnigen Heiratskandidaten und Leichen die berühmte britische Fassung zu bewahren. Und den ganzen Tag nichts zu tun ist wahrlich keine leichte Aufgabe. Ich weiß, dass unser Müßiggang von den gewöhnlichen Menschen, die jeden Tag die Acht-Zwanzig nach Waterloo nehmen müssen, beneidet wird, aber um ehrlich zu sein besteht unser Leben die meiste Zeit darin, gegen die Langeweile anzukämpfen. Ich würde mich liebend gern nützlich machen. Außerdem würde ich liebend gern Geld verdienen. Aber zu meinem Leidwesen gibt es keine Arbeitsplätze für eine junge Frau, deren Ausbildung sie nur befähigt, mit einem Buch auf dem Kopf zu gehen und einem Bischof den richtigen Sitzplatz bei einer Dinnerparty zuzuweisen. Meine königlichen Verwandten wären nicht amüsiert gewesen, hätten sie erfahren, dass ich an der Kasse bei Woolworths arbeitete oder im Lyons Tee servierte. Und dank dieser schrecklichen Wirtschaftskrise fanden selbst hoch qualifizierte Menschen keine lohnenden Anstellungen.

Ich hätte meine Pflicht tun und irgendeine in die Jahre gekommene Dynastie fortführen sollen, indem ich einen schrulligen Prinzen vom Festland heiratete (und dabei riskierte, von Anarchisten hinterrücks ermordet zu werden). Bisher hatte ich es geschafft, allen schrulligen Prinzen, die mir vorgesetzt wurden, aus dem Weg zu gehen. Nicht, dass ihr glaubt, ich hätte etwas gegen die Ehe einzuwenden. Es gab da einen Heiratskandidaten, aber er war ebenso verarmt wie ich und kam nicht infrage. Eine höchst hoffnungslose Situation.

Und so blieb mir nur das, was alle jungen Ladys von meinem gesellschaftlichen Rang tun, bis sie einen Ehemann finden – ich zählte die ereignislosen Tage, die lediglich von Mahlzeiten unterbrochen wurden, unternahm ertüchtigende Spaziergänge im Grünen und genoss die Jagdausflüge, die aufregende Unterbrechungen des Alltags darstellten. Und da das englische Wetter für gewöhnlich verdammt regnerisch ist, verbrachte ich besonders viel Zeit damit, zu lesen, Briefe zu schreiben, zu puzzeln und die Stunden bis zur nächsten Mahlzeit zu zählen.

Einige Monate zuvor hatte ich geglaubt, dass sich das Blatt endlich zum Guten gewendet hätte, als ich gebeten wurde, den neu entdeckten Erben des Herzogs von Eynsford in die gehobene Gesellschaft einzuführen. Kingsdowne Place, der Sitz des Herzogs von Eynsford, bot alle Annehmlichkeiten, die ein Herrenhaus bieten sollte – eindrucksvolle Pracht und Eleganz, ein herrliches Anwesen, ein Stall voller erlesener Pferde und Mahlzeiten, die aus einem extravaganten Gang nach dem anderen bestanden. Auf Kingsdowne Place spürte man nicht das Geringste von der Wirtschaftskrise im Rest der Welt. Aber mein Aufenthalt war nicht wie erwartet verlaufen. Es hatte Intrigen und einen Mord gegeben und als die Normalität wieder eingekehrt war, war ich aus Pflichtbewusstsein geblieben, um der Herzoginwitwe Gesellschaft zu leisten. Auf Pflichtbewusstsein hatten mein Kindermädchen und meine Gouvernante immer gepocht. Es war mir eingetrichtert worden, seit ich laufen konnte. Die Rannochs schätzten Pflichtgefühl höher als Diademe. (Hätte ich Diademe besessen, hätte ich diese ehrlich gesagt vorgezogen.) Erwähnte ich bereits, dass ich Lady Georgiana Rannoch bin, die Cousine Seiner Majestät König George?

Ich gebe zu, dass die Anwesenheit von Darcy O’Mara, dem Mann, den ich eines Tages zu heiraten hoffte, meine Aufgabe angenehmer gestaltet hatte. Er war ebenfalls hiergeblieben, aber Darcy hielt sich nie lang am selben Ort auf. Er war durch und durch ein Abenteurer und stets auf geheimnisvollen Missionen in weit entfernten Teilen der Erde. Jedenfalls war er wieder abgereist, die jüngeren Mitglieder des Eynsford-Clans hatten sich in alle Winde zerstreut und ich war allein mit der Herzoginwitwe, ihren beiden wunderlichen Schwestern und mehreren Dutzend Bediensteten in dem großen Haus geblieben. Ich sehnte mich nach jugendlicher Gesellschaft und einem Tapetenwechsel, da eilte mir meine Mutter zu Hilfe.

Denjenigen unter euch, die meine Mutter nicht kennen, sei gesagt, dass ihr mütterlicher Instinkt nicht besonders ausgeprägt ist. Aber an diesem Nachmittag, als ich die Teestunde mit den drei wunderlichen Schwestern auf dem Rasen verbrachte, blieb die Teetasse der Herzoginwitwe Edwina auf halber Strecke zu ihrem Mund in der Luft schweben und sie sagte: „Das klingt wie ein Automobil, das die Einfahrt hinauffährt. Wie ungewöhnlich. Wer könnte das nur sein?“

„Wir erwarten niemanden, oder?“, fragte ihre Schwester Prinzessin Charlotte Orlovski und drehte sich auf ihrem Stuhl um, damit sie die Auffahrt besser überblicken konnte. „Mein geistiger Führer hat mich nicht vor einem Besucher gewarnt.“ (Prinzessin Orlovski war eine überzeugte Spiritistin.)

„Es ist an der Zeit, dass wir Gesellschaft bekommen“, meldete sich die dritte Schwester zu Wort, die einen Hang zur Frivolität hatte und den unpassenden Namen Virginia trug. „Seit alle fortgegangen sind, ist es so langweilig wie die Zeitung von gestern. Ich bin mir sicher, dass die arme junge Georgiana vor Langeweile und Frust beinahe umkommt. Mir geht es jedenfalls so.“

„Oh nein, natürlich nicht“, sagte ich hastig, was nicht der Wahrheit entsprach.

Das Geräusch des näherkommenden Wagens wurde lauter. Edwina setzte ihre Teetasse ab und nahm ihre Lorgnette hoch, um durch die Bäume zu spähen, als der schwarze Umriss eines Automobils auftauchte. Es war ein offener Sportwagen, niedrig und windschnittig, und er fuhr recht schnell.

Mein Herzschlag beschleunigte sich, als ich ihn näherkommen sah. War es möglich, dass Darcy von seinen Auslandsmissionen zurückgekehrt war, um mich mitzunehmen?

Doch dann wurde mir klar, dass der Fahrer nicht Darcy sein konnte. Die Person war klein, trug keinen Hut und ihr blondes Haar wehte im Fahrtwind. Erst als die Fahrerin uns sah und der Wagen mit quietschenden Reifen auf dem hochspritzenden Kies anhielt, erkannte ich, wer sie war.

„Wer in aller Welt?“, setzte Edwina an.

„Es ist meine Mutter, Euer Gnaden“, sagte ich, als eine schlanke kleine Gestalt in knallroten Hosen und einem weißen Halteroberteil aus dem Wagen stieg. Sie trug eine große Sonnenbrille, die ihr halbes Gesicht verbarg, und ihr Haar saß perfekt, als könnte ihm der Fahrtwind nichts anhaben. Sie winkte, dann stakste sie uns auf Espadrilles mit hohen Plateauabsätzen entgegen.

„Da bist du ja, Georgie“, rief sie mit dieser Stimme, die Theaterbesucher auf der ganzen Welt verzaubert hatte. „Ich habe überall nach dir gesucht. Ich habe in Castle Rannoch angerufen, aber dein Bruder schien nicht zu wissen, wo du bist. Du warst nicht in dem Londoner Haus, wo ich dich vor ein paar Monaten zurückgelassen habe. Ich wollte schon die Hoffnung aufgeben, bis ich gestern Abend zufällig deine Freundin Belinda im Crockfords traf, wo sie mir erzählte, dass du bei den Eynsfords zu Gast bist.“ Sie war nun nähergekommen und überquerte vorsichtig den Rasen. Sie schien erst jetzt die drei älteren Ladys zu bemerken, die dasaßen und meine Mutter mit ihren auffälligen modernen Kleidern anstarrten. „Sehr erfreut“, sagte sie. „Tut mir leid, dass ich einfach so hereinplatze.“

Ich schritt eilig ein. „Euer Gnaden, darf ich Euch meine Mutter vorstellen, die frühere Duchess von Rannoch.“ Ich hielt es für klug, Mummy den einzigen akzeptablen Titel zu geben, den sie je besessen hatte. Eigentlich war das nicht gelogen. Sie war früher die Duchess von Rannoch gewesen. Allerdings war sie seither für sehr viele Männer sehr viele verschiedene Dinge gewesen. Möglicherweise wusste die Herzoginwitwe davon, aber ihre Manieren waren wie immer tadellos.

„Sehr erfreut“, sagte sie und streckte eine Hand aus. „Wie reizend, Georgianas Mutter endlich kennenzulernen. Obwohl ich glaube, dass wir uns vor vielen Jahren begegneten, als Ihr lieber Bertie noch lebte. Ich war die Gesellschafterin seiner Mutter, müssen Sie wissen. Er war ein so liebenswerter kleiner Junge, hatte so ein süßes Lächeln. Wie traurig, dass er so früh starb, genau wie meine eigenen Söhne. Man sollte seine Kinder nicht überleben.“

Meine Mutter, die vermutlich nichts vom Ableben der Eynsford-Söhne gehört hatte, hielt klugerweise den Mund.

„Setzen Sie sich doch und trinken Sie eine Tasse Tee“, sagte Edwina und wies das Dienstmädchen, das in der Nähe stand, mit einer Handbewegung an, eine weitere Tasse zu bringen. „Sie müssen Ihre Tochter natürlich vermisst haben. Und wenn Sie uns nur über Ihr Kommen informiert hätten, hätten wir ein angemessenes Zimmer für Sie vorbereiten können.“ Das kam einer Rüge am nächsten, soweit es die guten Manieren zuließen.

„Äußerst freundlich, aber ich habe nicht vor zu bleiben“, sagte Mummy, nahm die Teetasse entgegen und ließ sich in einen Korbstuhl sinken. „Ich bin nur gekommen, um Georgie aufzusammeln.“

„Um mich aufzusammeln?“

„Ja, Schätzchen. Wir beide machen eine Reise.“

„Eine Reise? Wohin?“

„Amerika“, sagte sie, als sei es nicht aufregender als eine Einkaufsexpedition nach London.

„Amerika?“, entfuhr es mir.

„Ja, Liebling, du weißt schon, dieses große Land mit den Wolkenkratzern und Cowboys.“ Sie schenkte den älteren Schwestern ein entnervtes Lächeln, das besagte, wie schwer von Begriff ihr einziges Kind war. „Warum holst du nicht dein Dienstmädchen, um deine Sachen zu packen, während ich mit diesen entzückenden Ladys Tee trinke?“ Sie bediente sich bereits an den Gurkensandwiches.

„Aber ich kann nicht einfach so abreisen, Mummy. Das wäre nicht schicklich. Ihre Gnaden haben eine äußerst schwierige Zeit durchgemacht. Ich kann sie nicht im Stich lassen, wenn sie mich brauchen.“ Doch noch während ich sprach, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf: „Amerika! Ich gehe mit meiner Mutter nach Amerika!“

Edwina streckte den Arm nach mir aus und tätschelte meine Hand. „Du warst mir ein wunderbarer Trost in meiner Stunde der Not, Georgiana. Ein herzensgutes Mädchen. Aber ich würde nicht im Traum daran denken, dich daran zu hindern, mit deiner Mama zu verreisen, vor allem nach Amerika. Transatlantische Überfahrten sind reizvoll und ein junges Ding wie du sollte etwas von der Welt sehen, anstatt hier oben mit drei alten Frauen festzusitzen. Du musst selbstverständlich abreisen.“

„Selbstverständlich muss sie das“, wiederholte Virginia. „New York ist eine so aufregende Stadt. Und man sagt, dass Cowboys vor Manneskraft geradezu strotzen. Tatsächlich fällt mir eine aufregende Episode mit einem Sattel und einer besonders großen Peitsche ein …“

Edwina räusperte sich. Virginias Sexleben übertraf wahrscheinlich sogar das meiner Mutter und sie hatte keine Scheu, jedes Detail lebhaft wiederzugeben.

„Georgiana, du rennst besser nach oben und packst“, sagte Edwina, „wenn deine liebe Mama wirklich darauf besteht, heute Abend abzureisen. Sind Sie sicher, dass Sie nicht über Nacht bleiben und am Morgen abreisen möchten?“

„Sehr freundlich von Euch, Euer Gnaden, aber ich fürchte nicht“, sagte Mummy. „Wir haben eine Überfahrt auf der Berengaria gesichert und sie sticht am Donnerstag von Southampton in See.“

„Die Berengaria.“ Virginia stieß ein eifersüchtiges Seufzen aus. „Sie nannten es das Millionärsschiff.“

„Das tun sie noch immer“, sagte Mummy. „Wer sonst kann sich heutzutage das Reisen leisten? Wie auch immer, sie sticht am Donnerstag in See und es gibt so viel zu tun, dass ich keine Minute entbehren kann. Nur zu, Schätzchen, auf mit dir.“ Sie warf einen Blick auf den Wagen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir dein Dienstmädchen und deinen Koffer unterbringen können. Hast du immer noch dieses scheußliche Mädchen, das aussieht wie ein Nilpferd?“

„Queenie? Ich fürchte, ja.“

„Sie wird niemals auf den Rücksitz passen, Schätzchen, und mit dem Gepäck erst recht nicht. Lass sie mit deinen Sachen im Zug anreisen. Brown’s Hotel natürlich. Ich würde nirgends anders absteigen.“

„Ah, Brown’s Hotel. Welch teure Erinnerungen.“ Dieses Mal war Prinzessin Charlotte diejenige, die ihren Schwestern einen wehmütigen Blick zuwarf.

„Also, geh schon.“ Mummy klatschte ungeduldig in die unbehandschuhten Hände.

„Wenn Ihr Euch sicher seid, Euer Gnaden?“ Ich sah zu Edwina.

„Lass deine Mutter nicht warten, Georgiana“, sagte Edwina. „Wir alten Ladys halten die Ohren steif, wie wir es immer getan haben.“

Ich setzte meine Teetasse ab und versuchte, mich elegant von meiner Sonnenliege zu erheben. Leider trat ich auf meinen Rock, wodurch mein graziöses Aufstehen zu einem Stolpern wurde, das beinahe den Teetisch umstieß. Ich richtete mich auf und ging mit roten Wangen und so viel Würde, wie ich aufbringen konnte, davon.

„Typisch Georgie. Immer ist sie eine wandelnde Katastrophe, fürchte ich“, hörte ich Mummy sagen, bevor ich außer Hörweite war. „Hat sie Euer Haus bereits zerlegt?“

Du liebes bisschen. Bisher hatte ich mich eigentlich ziemlich gut angestellt, nichts zerbrochen und keine älteren Ladys zu Fall gebracht. Aber leider hatte sie recht. Wenn ich nervös bin, neige ich zu Unfällen – wie das eine Mal, als ich bei meiner Debütantinnenvorstellung mit dem Absatz in meiner Schleppe hängen blieb und unter hoher Geschwindigkeit nach vorn in Richtung Ihrer Majestäten befördert wurde, anstatt rückwärts den Raum zu verlassen.

Als ich mein Schlafzimmer betrat, war von Queenie keine Spur zu sehen. Ich zog am Klingelzug neben dem Bett und wartete. Kein Dienstmädchen. Ich zog erneut daran und begann Kleider aus dem Schrank zu nehmen. Nach mehreren Minuten klopfte es an der Tür und Edie, das oberste Dienstmädchen, kam herein.

„Haben Sie geläutet, Mylady?“ Sie knickste.

„Nach meinem Dienstmädchen“, sagte ich. „Haben Sie sie kürzlich gesehen?“

„Sie war beim Tee“, sagte Edie. „Ich fürchte, ich habe sie seitdem nicht gesehen.“

„Dann lassen Sie sie bitte suchen. Ich brauche sie sofort.“

„Das werde ich, Mylady.“ Sie knickste und ging hinaus.

Warum konnte ich kein solches Dienstmädchen haben, dachte ich. Bereitwillig, effizient und eine wahre Freude im Umgang … Natürlich kannte ich die Antwort. Weil ich es mir nicht leisten konnte eines zu bezahlen. Queenie hatte einen Vorteil. Sie arbeitete beinahe umsonst, da sie wusste, dass keine Adlige, die ihre fünf Sinne beisammen hatte, sie einstellen würde. Die meiste Zeit war diese Situation von Vorteil für uns beide.

Ich hatte gerade den Inhalt der Kommode auf meinem Bett verteilt, als ich ein Geräusch wie von einer trampelnden Elefantenherde vernahm, die über den Flur auf mich zukam. Queenie platzte herein, rot angelaufen und zerzaust.

„Verdammich noch mal“, sagte sie und betrachtete den großen Kleiderberg auf meinem Bett. „Was zum Teufel geht hier vor sich?“

„Wir reisen ab“, sagte ich. „Mein Koffer muss hergebracht und meine Kleider eingepackt werden.“

„Wir reisen ab? Warum sollten Sie abreisen wollen?“, rief sie und stemmte die Hände in ihre ausladenden Hüften. „Seit Monaten haben wir mal wieder vernünftiges Essen.“

„Und wie ich sehe, hast du das sehr ausgenutzt“, gab ich zurück, da mir auffiel, dass ihre Uniform aus den Nähten zu platzen drohte. „Wo bist du gewesen? Ich habe zweimal geläutet.“

„Nun, ich hatte heute beim Tee drei Stücke Mohnkuchen und fühlte mich hinterher ein bisschen schläfrig, also ging ich auf mein Zimmer, um ein kleines Nickerchen zu machen, und bevor ich mich versah, schlief ich tief und fest“, sagte sie. „Wohin reisen wir überhaupt? Nicht zurück zu diesem grauenvollen Schloss in Schottland?“

„Queenie, wie ich dir bereits gesagt habe, solltest du deine Arbeitgeber oder deren Familie nicht kritisieren. Du solltest froh sein, in diesen schweren Zeiten eine Arbeit zu haben.“

„Oh, ich hab’ nichts gegen Sie, Miss“, sagte sie. „Aber gegen die, die in Schottland in diesem Schloss lebt. Die verflixte Duchess. Sie mag mich nich’, was? Hält mich für zu bürgerlich.“

„Nun, das bist du auch. Du hast gesehen, wie sich die anderen Dienstmädchen verhalten, nicht wahr? Du hast noch nicht einmal gelernt, mich mit meinem richtigen Titel anzusprechen.“

Sie seufzte. „Ich weiß, ich sollte Sie ‚Mylady‘ nennen, aber das klingt furchtbar hochnäsig, wenn Sie mich fragen. Und Sie sind so nett und normal und freundlich, dass Sie mir eher wie eine gewöhnliche Miss vorkommen.“

„Queenie, die Gesellschaft verlangt, dass man eine Adlige auf korrekte Weise anspricht. Meine Cousine Elizabeth ist ein liebes kleines Mädchen, aber man muss sie dennoch mit ‚Eure Königliche Hoheit‘ ansprechen. Jetzt beeil dich bitte. Meine Mutter wartet.“

„Ihre Mum? Wir verreisen mit Ihrer Mum? Na, dann ist es in Ordnung. Sie wird sichergehen, dass wir was Ordentliches zu essen bekommen. Wohin fahren wir? Zurück nach London?“

„Nein, wir fahren nach Amerika.“

„Verdammt und zugenäht“, sagte sie.

Kapitel 2

Im Brown’s Hotel, London

9. Juli

Eine Stunde später rasten Mummy und ich über die Landstraßen von Kent Richtung London. Queenie und mein Koffer waren unter viel Murren ihrerseits in den Geländewagen verfrachtet worden, der sie zum Bahnhof bringen sollte. Was, wenn sie einschlief und ihren Halt verpasste? Was, wenn ein Fremder sich Zutritt zu ihrem Abteil verschaffte und sie anpöbelte? Und wie würde sie mit all dem Gepäck zurechtkommen? Ich erklärte ihr, dass die Zugfahrt an der Victoria Station endete und sie ein Frauenabteil aufsuchen sollte. Wenn sie ankam, musste sie lediglich einen Gepäckträger rufen, der sie zu einem Taxi bringen würde. Als ich sie zuletzt gesehen hatte, war sie auf dem Weg zum nächsten Bahnhof gewesen und ich konnte nur hoffen, dass sie schließlich im Brown’s Hotel eintreffen würde.

„Was in aller Welt hast du bei diesen schrecklich langweiligen alten Frauen getrieben?“, fragte Mummy, als wir durch das eindrucksvolle Tor hinaus auf eine Landstraße fuhren.

„Der Herzoginwitwe Gesellschaft geleistet. Weißt du, sie hat eine aufwühlende Zeit hinter sich. Du hast in Deutschland wahrscheinlich nichts davon mitbekommen.“

„Oh, jetzt, da du es erwähnst, glaube ich, dass ich etwas davon gehört habe. Irgendetwas mit dem Erben, nicht wahr?“

„Genau. Es war alles wirklich furchtbar.“

„Nun, in diesem Fall bin ich froh, dass ich dich von hier forthole. Da, wo wir hingehen, werden wir uns mehr amüsieren.“

„Wohin genau fahren wir? Und warum nimmst du mich mit?“

„Schätzchen, das ist offensichtlich. Ich wollte nicht allein reisen. Als Frau fühlt man sich so verletzlich und diese Amerikaner können wild und gefährlich sein.“

Es gab auf der ganzen Welt niemanden, der besser auf sich aufpassen konnte als meine Mutter. Sie sah vielleicht zart und zerbrechlich aus, aber sie stammte von waschechten Cockneys ab und war so zäh wie Leder. Auf der Bühne war sie Hauptdarstellerin gewesen, bevor sie meinen Vater, den Enkel von Königin Victoria, kennengelernt und geheiratet hatte. Sie hatte beschlossen, ihre bescheidene Herkunft zu vergessen. Duchess zu sein hatte ihr gut gefallen und sie wäre wahrscheinlich länger eine geblieben, wenn es nicht bedeutet hätte, auf Castle Rannoch zu leben. Ich betrachtete ihr Mienenspiel. Sie gab nun vor, eine schwache und hilflose Frau zu sein – und das wie immer sehr überzeugend. Ich musste lachen. „Es gibt keine Cowboys und Indianer mehr, weißt du.“

„Aber viele Gangster“, sagte sie. „Al Capone zum Beispiel. Ich dachte, es würde dir gefallen und du würdest gern Zeit mit deiner Mutter verbringen.“

„Das tut es und das würde ich gern“, sagte ich. „Es kommt nur ziemlich überraschend. Aber bei unserer letzten Begegnung hast du mich in London den Kochkünsten dieser schrecklichen Frau ausgeliefert und bist mit Max an den Luganer See gefahren. Hast du endlich mit ihm Schluss gemacht?“

Au contraire, Schätzchen“, sagte sie. „Max besteht darauf, das Ehrenhafte zu tun und zu heiraten. Im Grunde genommen ist er ein Puritaner.“

„Aber wenn ich mich recht erinnere, bist du noch mit einem anderen verheiratet?“

Ich sollte außerdem erwähnen, dass meine Mutter einen Mann nach dem anderen sitzengelassen und sich bereits durch viele Männer auf allen Kontinenten mit Ausnahme der Antarktis gearbeitet hatte.

„Ist er nicht ein texanischer Ölunternehmer?“, fuhr ich fort. „Und hat er sich nicht geweigert, dir eine Scheidung zu erlauben?“

„Woher hätte ich wissen sollen, dass er merkwürdige religiöse Anwandlungen hatte?“, sagte sie gereizt. „Als ich ihn in den Zwanzigern in Paris traf, machte er einen recht freimütigen und lässigen Eindruck, erfrischend naiv und lächerlich reich. Erst nachdem ich ihn geheiratet hatte, stellte ich fest, dass er keinen Alkohol trank und allen Ernstes von mir erwartete, auf einer Ranch in Texas zu leben.“ Sie drehte sich mit entsetzter Miene zu mir um. „Eine Ranch, Liebling. In Texas. Moi? Kannst du dir das vorstellen? All diese Kühe und Ölquellen. Castle Rannoch war bereits schlimm, aber wenigstens konnte man sich regelmäßig Pakete mit Leckereien von Fortnum’s schicken lassen.“

„Fahren wir deshalb nach Amerika? Willst du ihn bitten, dich aus der Ehe zu entlassen?“, fragte ich. „Oder ist er praktischerweise verstorben?“

„Weder noch“, sagte sie. „Aber ich glaube, ich habe einen Weg gefunden, ihn zu umgehen. Mir wurde gesagt, dass man in Reno, Nevada, wo alles möglich ist, eine schnelle Scheidung bekommen kann.“

„Aber wenn er sich in Texas nicht von dir scheiden lassen wollte, warum sollte er in Nevada damit einverstanden sein?“ Ich schrie beinahe, um das Dröhnen des Motors zu übertönen, da wir nun die London Road erreicht hatten und Mummy aufs Gaspedal drückte.

„Seine Zustimmung ist nicht nötig. Unter gewissen Umständen muss die andere Partei nicht anwesend sein.“

„Allmächtiger. Ist das legal?“

„In Nevada ist es vollkommen legal, wenn man meiner Quelle Glauben schenken darf. Also dachte ich, wir machen zusammen eine nette kleine Reise nach Reno. Du wirst die Überfahrt auf der Berengaria genießen, nicht wahr? Und eine Zugfahrt durch Amerika?“

„Allmächtiger, ja“, sagte ich.

Sie wandte sich mir stirnrunzelnd zu. „Du musst lernen, auf solche schulmädchenhaften Ausdrücke zu verzichten, wenn du je eine Frau von Welt werden möchtest.“

„Tut mir leid“, sagte ich. „Sie rutschen mir in stressigen Momenten einfach heraus.“ Ich räusperte mich. „Danke für deine großzügige Einladung. Es klingt himmlisch.“

„Ausgezeichnet.“ Sie warf mir ein seltenes aufmunterndes Grinsen zu. Ein verschwörerisches Grinsen. „Jetzt haben wir nur zwei Tage, um dich aufzudonnern. Du kannst dich nicht einfach in einem Baumwollkittel wie diesem auf der Berengaria blicken lassen. Du siehst wie eine Waise aus einer Erziehungsanstalt aus.“

„Das liegt daran, dass ich ihn seit meinen Schulmädchentagen besitze“, sagte ich. „Wenn man kein Geld hat, kauft man keine Kleider.“

„Du musst dir wirklich einen reichen Mann suchen, Schätzchen. Ich weiß, dass Darcy ein wahrer Leckerbissen ist, und ich bin mir sicher, dass er im Bett wundervoll ist, aber er ist kein passendes Heiratsmaterial, oder? Er wird nie für einen angemessenen Unterhalt sorgen können.“

„Ich würde lieber mit Darcy in Armut leben als mit einem reichen Mann, den ich nicht liebe“, sagte ich leidenschaftlich.

Sie lächelte. „So jung. So romantisch. Du wirst es lernen. Und wenn du klug bist, schnappst du dir auf dem Schiff einen amerikanischen Millionär.“

„Gibt es heutzutage Millionäre in Amerika?“, sagte ich und lächelte über die Absurdität ihres Vorschlags.

„Natürlich gibt es welche. Leb ein Jahr mit ihm zusammen, lass dich wieder scheiden und du hast für den Rest deines Lebens ausgesorgt.“

„So wie du es getan hast, meinst du? Um dann bei dem Versuch, mich von ihm scheiden zu lassen, den ganzen Ärger zu haben? Das ist nichts für mich, danke“, sagte ich.

„Du bist genau wie mein Vater“, sagte Mummy und runzelte die Stirn. „So verdammt stolz und ehrenhaft.“

„Du warst bei Großvater?“ Mein Herz hüpfte bei der Erwähnung des Mannes, den ich fast so sehr liebte wie Darcy. Der Vater meiner Mutter war ein pensionierter Londoner Bobby, der jetzt in einem Reihenhaus in Essex lebte, das Mummy ihm auf dem ersten Höhepunkt ihres Ruhms gekauft hatte.

„Das war ich, und er nimmt keinen einzigen Penny von mir an. Er behauptet, es sei deutsches Geld, und er würde den Deutschen den Großen Krieg niemals verzeihen.“ Ich hatte ihn dasselbe sagen hören.

„Wie geht es ihm?“, fragte ich und verspürte eine Welle der Sehnsucht nach meinem Großvater.

„Ehrlich gesagt nicht so gut. Ich bot ihm an, uns nach Amerika zu begleiten, da ich dachte, eine Seereise würde ihm guttun, aber er lehnte ab.“

„Ich muss ihn besuchen, bevor wir auslaufen“, sagte ich. „Wie lange, glaubst du, werden wir weg sein?“

„Nicht allzu lange, hoffe ich. Ein paar Tage in New York - immerhin haben sie Alkohol wieder legalisiert. Diese Flüsterkneipen waren so langweilig. Und dann eine Zugfahrt quer durchs Land nach Reno. Hoffen wir, dass wir innerhalb eines Monats alles geregelt haben und zurück sind. Max schmachtet so, wenn ich ihn zu lange allein lasse.“

Ich drehte mich um und sah sie an. „Willst du Max wirklich heiraten und in Deutschland leben?“

„Liebling, er ist reicher als Gott, und der Sex ist himmlisch. Er ist wie ein zügelloser Zuchtbulle und will es mehrmals pro Nacht.“

Ich fühlte, wie mein Gesicht bei der Erwähnung solcher Dinge knallrot anlief, da ich bislang ein behütetes Leben geführt hatte.

„Aber du sprichst kein Deutsch und magst kein deutsches Essen.“

Sie zuckte die Achseln. „Ich kann es, wenn nötig, ein oder zwei Wochen in Berlin aushalten. Es ist eigentlich recht zivilisiert, vorausgesetzt dieser fiese kleine Hitler hält nicht mehr lange durch. Außerdem hat mir Max die Villa in Lugano gekauft, als er merkte, dass ich sie ins Herz geschlossen hatte. Jetzt habe ich also einen Rückzugsort in der Schweiz. Er ist so großzügig. Vielleicht lerne ich eines Tages sogar, mich mit ihm zu unterhalten. Ich habe versprochen, Deutschunterricht zu nehmen.“

„Das wird Großvater nicht gefallen“, sagte ich.

„Dann muss er sich damit abfinden“, antwortete sie mit echter Cockney-Attitüde.

***

Das Brown’s Hotel bereitete Mummy die Art Empfang, die sie gewohnt war.

„Willkommen zurück, Euer Gnaden“, sagte der Portier.

„Willkommen zurück, Euer Gnaden“, sagte der hochmütige junge Mann hinter der Rezeption und verbeugte sich vor ihr. „Champagner auf Eis steht für Euch bereit.“

Ich folgte Mummy die Treppe hinauf und fühlte mich in meinem inzwischen verknitterten Baumwollkleid furchtbar unsicher. Sie hatte ein bezauberndes Zimmer mit Fenstertüren im ersten Stock, die die Albemarle Street überblickten. Ich hatte mich gefragt, warum sie immer das Brown’s wählte anstatt des Ritz oder des Claridge’s, aber nun verstand ich, warum sie hier abstieg. Hier vergaß man bequemerweise, dass sie nicht länger „Euer Gnaden“ war, sondern Mrs Homer Clegg, wenn ich mich recht erinnerte. Und bald würde sie Frau von Strohheim sein. Ich fragte mich, wie das Brown’s damit umgehen würde.

Ich hatte ein kleines, aber charmantes Zimmer bekommen, das nicht zur Straße hinausging. Mir fiel gerade auf, dass ich keine Kleider hatte, die ich zum Dinner anziehen konnte, als Queenie schnaufend und mit erhitztem Gesicht ankam.

„Irgendein Kerl bringt Ihren Koffer hoch“, sagte sie. „War eine verdammt unangenehme Angelegenheit, das vermaledeite Ding selbst aus dem Zug zu schaffen. Meinen Sie, ich hätte einen verfluchten Gepäckträger auftreiben können? Nein, das konnte ich verflucht noch mal nich’. Musste den Wachmann beim Gepäck lassen und nach einem suchen. ‚Lassen Sie das bloß nich’ jemanden stehlen‘, hab’ ich ihm gesagt und der unverschämte Kerl wollte ein Trinkgeld, als ich zurückkam. Eine Frechheit. ‚Lassen Sie sich gesagt sein, dass diese Taschen einer gehören, die ist die Cousine des Königs‘, hab’ ich ihm gesagt. ‚Sie sollten sich geehrt fühlen, auf sie aufpassen zu dürfen‘.“

„Queenie, bitte beeil dich mit dem Auspacken“, unterbrach ich ihren Redefluss. „Ich muss bald zum Dinner und habe nichts anzuziehen.“

„Und wo soll ich dann mein Dinner essen?“, fragte sie, öffnete den Koffer und warf Kleidungsstücke auf das Bett. „Ich hab’ einen Mordshunger nach all der Rennerei.“

„Ich werde Mummy fragen, wo die Bediensteten zu Abend essen“, sagte ich. „Ich denke, ich ziehe das rote Kleid an. Wir haben auf Kingsdowne zu lang Trauer getragen. Ich brauche eine Aufmunterung.“

Als ich das sagte, wurde mir klar, dass sich meine Laune besserte. Morgen ein Einkaufsbummel mit Mummy und dann ein Luxusdampfer über den Atlantik. Was konnte sich ein Mädchen noch wünschen?

Kapitel 3

Im Brown’s Hotel

Noch immer 9. Juli

Für G. Rannoch sind die Aussichten wirklich rosig. Brown’s und ein Einkaufsbummel mit Mummy und dann eine Atlantiküberquerung. Allmächtiger.

Das rote Kleid hatte unter Queenies Packkünsten gelitten und Mummy musterte mich missbilligend, als ich ihr Zimmer betrat, um mit ihr hinunter zum Dinner zu gehen. „Wer hat dir eingeredet, dass dir die Farbe Rot steht, Liebling?“, wollte sie wissen. „Besitzt du keine angemessene Kleidung?“

„Ich habe das Ensemble, das mir Coco Chanel in den Galeries Lafayette gekauft hat“, sagte ich, „aber es ist oben in Schottland. Die Zeit reicht wohl nicht, um Fig anzurufen und es nach London schicken zu lassen?“

„Wie ich deine Schwägerin kenne, würde sie es wahrscheinlich das nächste Klo hinunterspülen und behaupten, sie könnte es nicht finden“, sagte Mummy. „Lass uns einfach hoffen, dass wir dich morgen in London anständig ausstaffieren können. Weiß der Himmel, wo wir etwas Geeignetes finden werden.“ Sie umrundete mich mit taxierendem Blick, als sei sie eine Tigerin, die ihre nächste Mahlzeit begutachtete. „Zu schade, dass du so unglaublich hochgewachsen bist“, sagte sie, „sonst könntest du ein paar meiner Sachen tragen. Max liebt es, mir neue Kleider zu kaufen und ich weiß nie, was ich mit den alten anstellen soll. Aber ich fürchte, ich habe nichts, was dir passen würde.“

„Du klingst, als wäre ich eine Riesin“, sagte ich. „Ich bin nur 1,68 Meter groß. Du bist diejenige, die klein ist.“

„Zierlich, Schätzchen. Ich bin zierlich. Zu schade, dass du den robusten Körperbau deiner schottischen Vorfahren geerbt hast. Die königliche Linie ist eher klein, also müssen diese verdammten kräftigen Schotten schuld sein.“

„Darcy scheint mich so zu mögen, wie ich bin“, sagte ich.

„Meiner Erfahrung nach lassen sich Männer von Liebe blenden“, gab sie zurück. „Ganz egal, wir werden es bis zur Abreise schaffen, dich vorzeigbar aussehen zu lassen, vielleicht sogar modisch.“

***

Am nächsten Morgen machten wir uns gleich nach dem Frühstück auf den Weg. „Wir könnten es eigentlich mit Fenwick’s probieren, das ist gleich um die Ecke in der Bond Street“, sagte sie. Aber eine halbe Stunde später verkündete sie, dass die Kleider dort unmöglich altbacken waren. „Du wirst mit mir auf der Berengaria dinieren, Liebling. Es darf nicht der Eindruck entstehen, ich würde mein einziges Kind in Lumpen herumlaufen lassen.“

„Bisher hast du das“, wollte ich sagen. Meine Mutter war nur zu seltenen Anlässen in mein Leben getreten und sie hatte nie daran gedacht, dass ich kein Geld hatte und von Baked Beans auf Toast überlebte.

Sie winkte ein Taxi heran. „Harrods könnte vielleicht etwas haben“, sagte sie.

„Selfridges ist näher“, merkte ich an.

Sie sah mich entsetzt an. „Bei Selfridges kaufen Sekretärinnen und Hausfrauen der unteren Mittelschicht ein“, sagte sie und vergaß bequemerweise wieder einmal, dass sie in den Seitengassen des East Ends zur Welt gekommen war.

Also gingen wir zu Harrods, wo die Portiers unter Verbeugungen herbeieilten und murmelten: „Willkommen zurück, Euer Gnaden. Euer letzter Besuch ist zu lang her.“

Mummy rauschte hinein, orderte im Vorbeigehen einen Tiegel ihrer Lieblingsgesichtscreme an der Kosmetiktheke, ein Paar roter Lederhandschuhe und ein passendes Beret, für eine Hochseeüberfahrt geeignet, bevor sie den Aufzug zur Abteilung für Damenkleider nahm. Eine stattlich aussehende Frau steuerte auf uns zu. „Und wie kann ich Madame behilflich sein?“, fragte sie.

„Sie können mir eine Assistentin suchen, die jung genug ist, um ein Gespür für die Mode dieser Saison zu haben“, sagte Mummy. „Ich nehme meine Tochter mit auf eine Schiffspassage.“

„Diese junge Lady kann unmöglich Madames Tochter sein“, sagte die Frau mit seidenweicher Stimme und kicherte gekünstelt. „Eher Ihre Schwester.“

Da sie zu den wenigen Menschen in der zivilisierten Welt gehörte, die meine Mutter weder erkannten noch angemessen unterwürfig grüßten, konnte Mummy sie vom ersten Augenblick an nicht ausstehen. „Ich muss Sie darauf hinweisen, dass ‚diese junge Lady‘ Georgiana Rannoch ist“, sagte sie. „Die Cousine Seiner Majestät. Bei unserem Besuch in Amerika wird man sie als Vertreterin unseres Landes sehen. Wir wollen Großbritannien stolz machen, nicht wahr?“

Das Gesicht der Frau war nun ziemlich rot angelaufen. „Oh, das wollen wir allerdings. Verzeiht, dass ich Euch nicht sofort erkannt habe. Ich werde unsere Mademoiselle Dubois rufen. Sie ist vor Kurzem aus Paris zu uns gekommen, wo sie in den großen Modehäusern tätig war. Erlaubt mir, Euch zu einer Umkleide zu begleiten.“

„Das wird ihr eine Lehre sein“, murmelte Mummy, als die Frau verschwand, um die modebewusste Französin zu suchen. „Tut mir leid, aber diese Bemerkung, dass du meine Schwester sein könntest, hat mich auf die Palme gebracht. Und sie hat mich nicht einmal erkannt.“

Ein Klopfen an der Umkleidetür war zu hören und die Frau, noch immer rot im Gesicht, steckte ihren Kopf herein. „Hier ist unsere junge französische Assistentin, Madame“, sagte sie. „Mademoiselle Dubois. Ich bin mir sicher, dass Sie die perfekte Ausstattung für Lady Georgiana finden werden, nicht wahr?“ Sie trat zur Seite und schob eine anmutige dunkelhaarige junge Frau herein.

Bonjour, wie darf isch Madame ‘eute ‘elfen?“, setzte sie an, dann verwandelte sich ihr Lächeln in einen entsetzten Gesichtsausdruck. Ich musste ein Japsen unterdrücken. Ich glaube, Mummy ging es ebenso. Ich wartete, bis die ältere Verkäuferin die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann stieß die junge Französin einen Seufzer der Erleichterung aus.

„Menschenskinder“, sagte sie. „Ich dachte, du würdest mich auffliegen lassen.“

„Belinda!“, rief ich aus. „Was in aller Welt tust du hier?“

Meine beste Freundin Belinda Warburton-Stoke legte einen Finger an die Lippen. „Pssst“, sagte sie. „Hier heiße ich Mademoiselle Dubois.“

„Aber warum?“

„Geld, Schätzchen, warum sonst? Ich bin im Moment ziemlich pleite und sah diese Anzeige für eine Modeverkäuferin, die sich mit Haute Couture auskennt, vorzugsweise eine Französin.“

„Belinda, du bist unverbesserlich.“ Ich fing an zu lachen.

„Kein bisschen. Die Beschreibung passt perfekt auf mich. Immerhin habe ich mit Chanel gearbeitet und meine eigene Kollektion kreiert.“

„Oh, ich bin mir sicher, dass du vollkommen qualifiziert bist. Nur bist du keine Französin.“

„Nun, um die anderen Kandidatinnen auszustechen, musste ich mich als Französin ausgeben. Außerdem möchte ich nicht, dass meine Familie davon erfährt. Großmama würde mich aus ihrem Testament ausschließen, wenn sie hören würde, dass ich im Handel arbeite.“

„Aber was, wenn du echte Franzosen bedienen musst?“

„Lass dir gesagt sein, dass mein Französisch verdammt gut ist“, sagte Belinda. „Wir hatten es drei Jahre lang auf Les Oiseaux, erinnerst du dich, und außerdem habe ich mit Chanel in Paris gearbeitet. Und dank meiner Liaison mit Jean-Luc habe ich alle möglichen Wörter gelernt, die ich nie in der Schule hatte.“

„Jean-Luc – war er Chanels Liebhaber, wurdest du nicht seinetwegen entlassen?“

„Wie schön, dich wiederzusehen, liebste Belinda“, unterbrach Mummy. „Ich würde liebend gern hier sitzen und plaudern, aber wir haben einiges zu tun und nicht viel Zeit. Wir brauchen angemessene Kleidung für eine Atlantiküberfahrt für Georgie. Ich dachte an seidene Freizeitanzüge. Sie hat schöne lange Beine, also vielleicht Leinenhosen. Ein paar ordentliche Teekleider, obwohl wir keine Zeit für Änderungen haben werden und ich mir sicher bin, dass nichts von der Stange richtig passen wird.“

Belinda war wunderbar. Innerhalb einer Stunde war ich mit solchen Kleidern ausgestattet, wie ich sie an anderen so bewundert hatte – weiße Freizeitanzüge aus Chinaseide, ein rückenfreies blaues Abendkleid, in dem ich beinahe sexy aussah, Freizeithosen und Jacken, seidige Kleider mit Blumenmuster und sogar ein Abendcape aus Samt.

„Hast du ein Glück, nach Amerika zu reisen“, sagte Belinda sehnsüchtig, als Mummy losging, um einen Scheck auszustellen. „Ich kann es mir gerade nicht leisten, irgendwohin zu reisen.“

„Hast du keine Sugar Daddys in Aussicht?“, fragte ich. „Oder hast du den Männern entsagt, um ein respektables Leben zu führen?“

„Himmel, nein“, sagte sie. „Ich verzehre mich geradezu nach Sex, aber alle ansehnlichen Männer sind diesen Sommer aus London geflohen. Und ich habe leider keine Ersparnisse für Reisen und bin zu Hause nicht länger willkommen. Amerika klingt göttlich. Schreib mir doch und erzähl mir von all deinen Abenteuern dort. Wirst du nach Hollywood gehen?“

„Nur Nevada, glaube ich“, sagte ich.

„Aber das ist ganz in der Nähe. Du musst Hollywood besuchen. Wer weiß, vielleicht wirst du entdeckt, während du auf dem Sunset Strip Limonade trinkst.“

„Wohl kaum“, sagte ich lachend. „Wie auch immer, Mummy sagt, sie kann nicht zu lange wegbleiben. Max wird sich nach ihr verzehren.“

„Was Max angeht, sollte sie auf der sicheren Seite bleiben“, stimmte mir Belinda zu. „Heutzutage gibt es nur wenige Leute, die so vermögend sind. Ich glaube, ich werde sie in Deutschland besuchen müssen. Glaubst du, Max hat irgendwelche reichen jungen Verwandten?“

„Ich habe keine Ahnung. Ich persönlich würde lieber arm in England bleiben. Mir gefällt nicht, wie sich die Dinge in Deutschland entwickeln.“

Wir unterbrachen unser Gespräch, als Mummy wieder auftauchte. „Tja, das ist erledigt. Sie werden die Hosen kürzen und sie bis heute Nachmittag ins Brown’s liefern lassen. Ich muss sagen, dass man sich auf Harrods verlassen kann, was Effizienz angeht. Und ich war auch von der Qualität der Kleider angenehm überrascht. Sehr schick. Vielleicht finden wir doch einen reichen Mann auf dem Schiff für dich, Georgie.“ Sie zwinkerte Belinda zu.

Bevor ich etwas entgegnen konnte, war sie bereits auf dem Weg zum Aufzug.

„Vergiss nicht, mir zu schreiben …“, setzte Belinda an, bevor ihr einfiel, dass sie Französin war. Ich warf ihr eine Kusshand zu und beeilte mich, um mit meiner Mutter Schritt zu halten. Wir traten aus dem Aufzug und Mummy stolzierte gebieterisch über die Verkaufsfläche, an sich verbeugenden Verkäufern vorbei und hinaus zu einem wartenden Taxi.

Kapitel 4

Donnerstag, 12. Juli 1934

Wir stechen heute in See! Kann es kaum erwarten, die Berengaria zu sehen. Amerika, ich komme. Bin sehr gespannt. Aber ich wünschte, ich hätte Darcy mitteilen können, wohin ich gehe. Es ist zum Verrücktwerden mit ihm!!!

Die nächsten Tage waren ein Wirbelwind aus Mummys Einkaufsausflügen, um wichtige Dinge zu besorgen, die es in Amerika anscheinend nicht gab – sie besorgte Zahnpasta, ließ sich die Haare machen, kaufte neues Gepäck für mich und neue Hüte für uns beide. Ich muss zugeben, dass es sehr aufregend war, in diesen Einkaufswirbel zu geraten. Ich hoffte, Max würde keinen Anfall bekommen, wenn er die Rechnungen sah, und beschließen sie doch nicht zu heiraten.

Dann brach der Tag der Abreise an. Es war beinahe wie im Traum, als unsere Taschen nach unten getragen und in die Taxis verladen wurden. Kurze Zeit später dampfte unser Zug aus der Waterloo Station in Richtung Southampton ab. Ich wünschte mir nur, meine missgünstige Schwägerin Fig wäre da gewesen, um meine stilvolle Abreise zu erleben. (Normalerweise bin ich ein liebenswürdiger Mensch, aber Fig hatte mir das Leben lange Zeit sehr schwer gemacht und verdiente einen Dämpfer.) Mein zweiter Wunsch war, dass ich Darcy hätte mitteilen können, wohin ich ging. Wie üblich hatte ich keine Möglichkeit, ihn zu kontaktieren. Wie viel schöner wäre es, wenn er auch mitkäme!

Ich hatte den Kanal schon oft überquert, aber noch nie einen echten Ozeandampfer gesehen. Meine Kinnlade fiel nach unten, als wir neben der Berengaria vorfuhren. Sie war riesig, mit drei glänzenden roten Schloten, aus denen bereits Rauchfahnen dampften. Es war, als starrte man zur Dorchester hinauf.

„Komm schon, Schätzchen, nicht trödeln“, sagte Mummy und hielt auf die Gangway für die erste Klasse zu. „Und versuch nicht zu glotzen. Du siehst aus wie eine Hinterwäldlerin.“

An Bord wurden wir auf die zuvorkommende Weise empfangen, die Mummy gewohnt war. Man geleitete uns hinauf zum A-Deck, wo Mummys Suite lag. Auf einer nächtlichen Kanalüberquerung von Ostende aus hatte ich einmal eine Schlafkabine gehabt, also erwartete ich eine Art Schlafabteil wie im Zug mit Stockbetten an der Wand und einem Waschbecken. Daher war ich unvorbereitet, als der Steward die Tür zu einem geräumigen Wohnzimmer öffnete, das mit Sofa, Sesseln und einem dicken Florteppich ausgestattet war. Es gab zwei Panoramafenster und dazwischen einen Schreibtisch. Auf dem Tisch standen Blumen und eisgekühlter Champagner.

Mummy nickte zufrieden. „Oh ja, das kann sich sehen lassen“, sagte sie. „Ich nehme an, hier geht es ins Schlafzimmer.“ Ich folgte ihr in ein hübsches Schlafzimmer mit zierlichem weißem Holzmobiliar und einer Chintz-Überdecke. Die beiden Fenster gingen zum Deck hinaus. Ich bemerkte, dass es zwei Betten gab.

„Teilen wir dieses Zimmer?“, fragte ich.

„Lieber Himmel, nein.“ Sie klang entsetzt. „Es würde mir gar nicht in den Kram passen, ein Zimmer mit meiner Tochter zu teilen. Man kann nie wissen, wen ich zu mir einladen möchte.“

Ich verzichtete darauf, ihr ins Gedächtnis zu rufen, dass sie unterwegs war, um sich scheiden zu lassen, damit sie einen sehr puritanischen Deutschen heiraten konnte, der über die Nachricht von Ausschweifungen auf dem Schiff nicht erfreut wäre. Außerdem bezahlte er diesen kleinen Ausflug. Der Steward hüstelte diskret, woraufhin Mummy sich unterbrach und grinste. „Danke. Das wäre alles“, sagte sie. „Bitte zeigen Sie Lady Georgiana ihre Unterkunft.“

Meine Kabine lag weiter hinten auf dem A-Deck. Sie war keine Suite und weniger protzig, gefiel mir mit ihrem großen Fenster, das einen Blick auf das Deck und den Ozean dahinter bot, aber besser. Sie hatte auch ein entzückendes großes Badezimmer und als Queenie mit den ersten Gepäckstücken ankam, fühlte ich mich hochzufrieden.

„Sie bringen gleich die letzte Fuhre hoch“, sagte sie. „Potzblitz – das ist nich’ schlecht, was? Sie sollten sich einen Kerl suchen, der genauso reich ist wie dieser Deutsche.“

„Queenie!“ Ich hob einen Zeigefinger. „Du kannst anfangen auszupacken, während ich losgehe und mich umsehe.“

„Das Dienstmädchen Ihrer Mum ist mächtig eingebildet, was? Musste die ganze Zugfahrt neben ihr sitzen und sie hat mich kaum eines Blickes gewürdigt. Und wir müssen die nächsten fünf Tage auch noch eine Kabine teilen – und ich wette, sie ist kleiner als diese hier.“

Ich hatte Queenies Mängel akzeptiert, da ich wusste, dass ich für den Lohn, den ich ihr zahlte, kein anderes Dienstmädchen finden würde, aber diesmal reichte es. Es war an der Zeit, dass ich mich wie eine richtige Lady meines Standes verhielt und nicht zuließ, dass mich meine Bedienstete wie eine Gleichgestellte behandelte. Ich holte tief Luft. „Queenie, ich mache mir große Sorgen um dich“, sagte ich. „In letzter Zeit beschwerst du dich ununterbrochen. Darf ich dich daran erinnern, wie viel Glück du hast, eine Anstellung bei einer guten Familie zu haben, außerdem genug zu essen und ein Dach über dem Kopf, obwohl dich ehrlicherweise niemand sonst einstellen würde. Wenn du schlau wärst, würdest du dir Claudette zum Vorbild nehmen und beobachten, wie sich eine gute Kammerzofe verhält. Sie spricht bestimmt nicht so mit ihrer Arbeitgeberin wie du mit mir, sonst würde sie nach fünf Minuten entlassen werden.“

Sie schenkte mir ein entschuldigendes Grinsen. „Tut mir leid, Miss. Sie haben recht. Bei meinem letzten Besuch bei meinen Eltern hat mein alter Paps gesagt, ich würde den Mund zu voll nehmen. Er meinte, Hochmut kommt vor dem Fall.“

„Dann hör auf deinen alten Paps“, sagte ich. „Und mach ein Bügeleisen ausfindig. Manche von diesen Kleidern bekommen schnell Falten.“ Ich ging auf die Tür zu. „Oh, und Queenie, man bügelt Seide nicht mit dem heißen Eisen, sonst schmilzt sie.“

„Klar wie Kloßbrühe, Miss“, sagte sie. Ich seufzte. Sie würde niemals dazulernen und ich wurde sie nicht los.

Ich ließ sie weiter auspacken und ging aufs Deck. Ich blickte auf die unglaublich kleinen Menschen hinab, die auf dem Dock unter mir wie Ameisen herumliefen. Der Wind in meinem Haar war frisch und schmeckte nach Salz. Ich war so aufgeregt, dass ich einen kleinen Tanz aufführte – eine Art Hüpfen, ein Ausfallschritt und ein Sprung, als ich auf die Reling zuging.

„Sehr attraktiv“, sagte eine Stimme hinter mir. Errötend fuhr ich herum und sah einen jungen Mann, der rauchend am Geländer lehnte.

„Ich muss mir vornehmen, Sie als meine erste Tanzpartnerin im Ballsaal zu sichern.“

„Ich fürchte, im Ballsaal bin ich eine hoffnungslos schlechte Tänzerin“, sagte ich. „Ich kann kaum einen Foxtrott von einem Twostep unterscheiden.“

„Sie bevorzugen die primitivere Art von Tanz, wie den, den Sie gerade aufgeführt haben?“ Seine Augen forderten mich heraus und ich fühlte mich entschieden unbehaglich.

„Das war kein richtiger Tanz, ich habe mich nur ausgetobt, nachdem ich tagelang mit meiner Mutter eingesperrt war.“

Er kam zu mir herüber. „Sie reisen also mit Ihrer Mutter, ja? Auf der Suche nach einem reichen amerikanischen Ehemann? Ich fürchte, davon gibt es heutzutage nicht mehr viele.“

In Stresssituationen schlage ich immer nach meiner Urgroßmutter, Königin Victoria. „Wissen Sie, Sie sind furchtbar unhöflich und wir sind einander noch nicht einmal vorgestellt worden, also sollte ich nicht mit Ihnen sprechen“, sagte ich.

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Wir sind auf einem Schiff. Alles ist möglich. Hier gibt es keine überholten gesellschaftlichen Regeln und auch viel Kabinenhüpfen.“

„Nicht in meiner Kabine“, sagte ich. „Ich habe einen Freund, danke, und brauche keinen reichen Amerikaner.“

Er öffnete sein Zigarettenetui. „Rauchen Sie?“, sagte er. „Übrigens, ich bin Tubby Halliday. Und Sie sind?“

„Georgiana Rannoch“, sagte ich und nahm eine Zigarette an, obwohl ich noch nie auf den Geschmack gekommen bin und den Rauch gewiss nie inhaliert hatte.

„Sind Sie das? Gütiger Himmel. Und Ihre Mutter ist die Schauspielerin Claire Daniels? Ich glaube, sie erkannt zu haben, als sie an Bord kam. Was haben Sie in Amerika vor, wenn man fragen darf?“

„Mummy hat geschäftlich zu tun. Ich leiste ihr Gesellschaft“, sagte ich.

„Geschäftlich. Wie faszinierend. Hat sie vor, im Westen Land zu kaufen? Man bekommt es zurzeit für einen Apfel und ein Ei.“

„Sie stellen wirklich viele Fragen“, sagte ich. „Was haben Sie denn in Amerika vor?“

„Ich möchte mich amüsieren. Das tue ich immer. Und seit ich Ihnen begegnet bin, ist alles viel amüsanter geworden. Normalerweise sind an Bord nur alte Schachteln – junge Leute haben heutzutage selten die Mittel, um zu reisen.“

Ich lehnte mich über die Reling und blickte nach unten. „Es ist so groß, nicht wahr? Als sei man auf der Spitze der St Paul’s Cathedral.“

„Sind Sie zum ersten Mal auf dem Schiff?“

„Ich überquere zum ersten Mal den Atlantik“, sagte ich.

„Lieber Himmel. Dann lassen Sie sich von mir herumführen, damit Sie sich zurechtfinden können“, sagte er.

Ich zögerte. Ich hatte vorgehabt, das Schiff zu erkunden, und war mir nicht sicher, ob ich mich mit dem geschwätzigen Mr Halliday so eng anfreunden wollte. Aber schließlich kam ich zu dem Schluss, dass eine Führung besser wäre, als selbst herumzuwandern. „Also gut. Danke“, sagte ich.

„Wir fangen oben an, auf dem Promenadendeck“, sagte er und führte mich zu einer Außentreppe. „Hier oben gibt es nur ein paar sehr protzige Suiten.“

„Du meine Güte. Mummy wird sich aufregen, wenn sie erfährt, dass sie nicht auf der exklusivsten Etage ist“, kicherte ich.

„Normalerweise bleiben diese Suiten leer. Für Millionäre und königliche Hoheiten reserviert.“ Er ging voraus und half mir die letzten Stufen zum Promenadendeck hinauf. „Hier oben ist auch der Ballsaal und die Erste-Klasse-Lounge. Und die Lounge für die Ladys, wo Sie und Ihre Mutter unzweifelhaft sitzen werden, um Langweilern wir mir zu entkommen.“

„Ich glaube nicht, dass meine Mutter der Typ dafür ist“, sagte ich.

„Oh, tatsächlich?“, fragte er. „Reist sie mit einem Mann nach Amerika? Oder um einen Mann zu treffen?“

„Wissen Sie, Sie sind ausgesprochen unhöflich, egal ob an Land oder zur See“, sagte ich. „Meine Mutter trifft niemanden und ihr Privatleben geht Sie nichts an.“

Ich ließ ihn stehen. Er lief mir hinterher. „Oh, das tut mir furchtbar leid. Mein Vater meint, ich trete jedes Mal ins Fettnäpfchen, wenn ich den Mund aufmache. Ich interessiere mich nur dafür, wie andere Leute leben, das ist alles. Ich bin eine Art Schriftsteller.“ Er streckte mir eine massige Hand entgegen. „Können wir Freunde sein? Ich verspreche, das Privatleben Ihrer Mutter nie wieder zu erwähnen.“

Ich ergriff sie zögernd. „In Ordnung“, sagte ich.

Gemeinsam gingen wir weiter, warfen zuerst einen Blick in den Ballsaal und dann in die Lounge, die beide beeindruckende Oberlichter aus Buntglas hatten. „Wie lange wird die Überfahrt dauern?“, fragte ich.

„Ich glaube, auf dieser alten Nussschale dauert sie für gewöhnlich fünf Tage“, sagte er. „Andere Schiffe haben sie in vier Tagen geschafft, aber seit die Mauretania im Ruhestand ist, haben die Engländer eigentlich keine Kandidatin mehr für den Rekord. Wir werden warten müssen, bis sie die neue Queen Mary fertiggestellt haben. Dann müssten wir das blaue Band des Atlantiks von den Deutschen zurückerobern.“

Er begann die große Schautreppe hinabzusteigen. „Früher war sie ein deutsches Schiff, müssen Sie wissen. An dieser Wand hing ein großes Porträt des Kaisers.“ Er wies auf ein Gemälde, das nun eine nautische Szenerie zeigte. „Ihr ganzer Stolz. Sie trug den Namen Imperator – oder vielmehr er, da es ein Männername ist. Sie mussten ihn nach dem Krieg als Reparationszahlung abtreten und er wurde auf den Namen Berengaria umgetauft.“

„Was genau bedeutet ‚Berengaria’?“, fragte ich.

„Es ist ein altmodischer Frauenname“, sagte Tubby Halliday. „Ich meine mich erinnern zu können, dass ich eine Großtante namens Berengaria hatte. Puh, ich bin froh, dass er nicht mehr in Mode ist, Sie nicht auch?“

„Von Georgiana bin ich nicht allzu begeistert“, sagte ich, „aber da meine anderen Namen Victoria, Charlotte und Eugenie lauten, ist einer so altbacken wie der andere.“

„Es sind alles königliche Namen, was? Leute wie Sie bekommen immer solche Namen. Aber mein Name ist sogar noch scheußlicher. Ich bin mit Montmorency gestraft. Es gibt nichts Schlimmeres, nicht wahr? Deshalb werde ich Tubby genannt.“

„Und ich Georgie“, sagte ich und bereute es gleich wieder. Er wirkte recht nett, allerdings etwas zu vertraulich.

Tubby führte mich über die verschiedenen Decks, durch den Wintergarten mit seinen Korbmöbeln, den Palmenhof mit mannshohen Palmen und einer Orchesterbühne, dem Speisesaal für die erste Klasse und schließlich in den Schiffsrumpf.

„Was ist hier unten?“, fragte ich nervös, da auf dem Weg dorthin niemand sonst zu sehen gewesen war.

„Du wirst schon sehen. Der beste Teil des ganzen Schiffs.“

Mir kam in den Sinn, dass er mich nach unten lockte, um über mich herzufallen. Er wirkte nicht wie jemand, der sich über arglose Frauen hermachte, aber ich war schon früher von ungemein anständigen englischen Jungs überrascht worden, die ihre Hände einfach nicht bei sich behalten konnten.

„Hier entlang“, sagte er. Seine Stimme klang merkwürdig und hallte von den Wänden wider. Ich hielt Abstand. Er verschwand in einem Durchgang. Ich folgte ihm, blieb stehen und sagte: „Allmächtiger.“

Es war ein Schwimmbad. Und nicht irgendein Schwimmbad – es wurde von griechischen Säulen gesäumt, überall Marmor, sanfte Deckenbeleuchtung.

„Ziemlich hübsch, findest du nicht? Vielleicht möchtest du irgendwann mit mir schwimmen?“

„Was passiert bei starkem Wellengang?“, fragte ich.

„Das Wasser schwappt ein bisschen herum. Aber bei Sturm macht es keinen Spaß. Man wird herumgeworfen wie ein Korken. Bei zu starkem Wellengang wird das Becken geschlossen.“

„Kommt das oft vor?“, fragte ich und mir wurde bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, ob ich so etwas vertrug.

„Ständig. Der Atlantik ist dafür bekannt. Hast du nicht bemerkt, dass alle Möbel festgenagelt sind?“ Er sah meinen Gesichtsausdruck und lachte. „Ich ziehe dich nur auf“, sagte er. „Um diese Jahreszeit dürfte es keine Probleme geben. Auch keine Eisberge. Wir gehen besser wieder an Deck. Bald legen wir ab und du solltest die große Abfahrt nicht verpassen.“

Als wir das Deck wieder betraten, war es voller Menschen, manche davon mit Champagnergläsern in den Händen. Unten auf dem Kai spielte eine Band „Anchors Aweigh“. Die Schiffssirene tönte laut und man begann damit, die großen Taue zu lösen, die das Schiff an Ort und Stelle hielten, als ich meinte, eine bekannte Person zu sehen. Sicher hatte niemand sonst so unzähmbare dunkle Locken und diese zielstrebige, selbstbewusste, beinahe arrogante Gangart. Er kämpfte sich durch die Menge, die immer noch um die letzte Gangway versammelt war. Mein Herz schlug einen Salto.

„Darcy“, rief ich, aber meine Stimme ging in dem zweiten Ton der Schiffssirene unter. Rauch flutete das Deck und als ich erneut hinsah, konnte ich ihn nicht entdecken. Die Menge hatte sich von dem Dampfer entfernt und alle winkten nun wie wild mit ihren Taschentüchern. Wir entfernten uns Zoll um Zoll vom Dock. Ich beugte mich so weit vor, dass mich eine Hand zurückriss. „Wir wollen Sie nicht verlieren, junge Frau“, sagte ein älterer, militärisch wirkender Mann. „Es ist ein weiter Weg nach unten, müssen Sie wissen.“

„Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, den ich kenne“, sagte ich mit einem entschuldigenden Lächeln. „Ich wollte sehen, ob er an Bord kam.“

„Wenn er an Bord ist, werden Sie es schon bald herausfinden.“ Der Mann lächelte mir freundlich zu.

Mein neuer Freund schien verschwunden zu sein. Die Menschenansammlung auf dem Deck begann sich zu lichten, als uns die Schleppboote weg vom Dock und hinaus in den Schifffahrtsweg zogen. Ich blieb auf Deck und erwog hinunterzugehen und Darcy zu suchen, aber dann ging mir auf, dass es auf einem Schiff dieser Größe ein unmögliches Unterfangen sein würde. Ich versuchte mir einzureden, dass er es nicht an Bord geschafft haben konnte, während das Schiff auslief. Der Mann, den ich dabei beobachtet hatte, wie er sich durch die Menge kämpfte, hatte kein Gepäck bei sich getragen und die Schiffsoffiziere hätten ihn ohne Ticket nicht an Bord gelassen. Aber warum war er dann nicht mehr in der Menge zu sehen? Ich blieb stehen und blickte auf das Dock und die winkenden Menschen, die in immer weitere Ferne rückten. Wir fuhren den Solent hinauf, an der Küstenlinie vorbei. Ich wünschte, ich wüsste, ob es wirklich Darcy gewesen war, und verspürte einen kurzen aufregenden Glücksmoment, da er von meiner Reise erfahren hatte und gekommen war, um mich zu verabschieden, selbst, wenn er zu spät gewesen war.

Und wenn er es wie durch ein Wunder an Bord geschafft hatte, würde er mich früher oder später finden.

Kapitel 5

Auf hoher See auf der Berengaria

12. Juli

Oh Gott, endlich führe ich das Leben der Reichen und Berühmten. Ziehe mich gleich um und diniere am Kapitänstisch. Nimm das, Fig.

Als wir die Isle of Wight umschifft und das offene Meer erreicht hatten, spürte ich zum ersten Mal das Auf und Ab des wogenden Ozeans. Hoffentlich werde ich nicht seekrank, dachte ich. Welch eine Verschwendung das angesichts der vielen herrlichen Mahlzeiten und Vergnügungen wäre. Ich beschloss, nach unten zu gehen und mich für das Dinner umzuziehen. Wenn Darcy wundersamerweise an Bord war, würde ich ihm begegnen, falls er nicht zuerst meine Kabine fand. Ich eilte den Gang entlang.

Als ich ankam, sah ich Queenie, die aus dem Fenster meiner Kabine blickte. „Schaukelt ganz schön, Miss“, sagte sie.

„Du wirst dich schnell daran gewöhnen, Queenie, du wirst schon sehen. Du hast also schon ausgepackt, gut gemacht. Jetzt würde ich mich gern zum Dinner umziehen.“

„Was wollen Sie denn tragen? Diese neuen Freizeitanzüge, die gerade der letzte Schrei sind?“

„Nein, ich glaube, in dem rückenfreien mitternachtsblauen Kleid werde ich elegant und weltgewandt aussehen.“

„Klar wie Kloßbrühe“, sagte sie. Dann hielt sie inne. „Hier. Welche Art Unterwäsche trägt man zu einem rückenfreien Kleid?“

„Gar keine, Queenie.“

„Was, kein Mieder? Kein Büstenhalter?“ (Sie sprach es wie „Bürstenhalter“ aus.)

Ich lachte. „Ganz bestimmt kein Mieder und auch kein Büstenhalter, fürchte ich.“

„Menschenskinder. Ganz schön mutig von Ihnen. Was, wenn Ihre Brüste rausfallen?“

Ich lachte. „Queenie, das Kleid ist so genäht, dass das nicht passieren wird. Außerdem habe ich kleinere Brüste als du und muss mir keine Sorgen machen.“

Sie begann die Kleider auf meinem Bett auszubreiten, während ich mich frisch machte.

„He“, rief sie. „Und was ist mit meinem Abendessen? Wo soll ich essen?“

„Ich glaube, der Speisesaal für Dienstmädchen ist oben auf dem Promenadendeck, aber du solltest Claudette fragen. Und Queenie, bitte gib dir Mühe, gute Manieren an den Tag zu legen, ja? Die anderen Dienstmädchen wären von deiner Wortwahl entsetzt.“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Miss“, sagte sie. „Ich werde zu sehr mit Essen beschäftigt sein, um viel zu reden. Ich habe vor, so viel zu futtern, wie ich kann, falls ich mich später seekrank fühle.“

Ich überließ es ihr, den Rest meiner Sachen einzuräumen, und ging auf den Gang, um meine Mutter zu suchen. Als ich nachsah, ob sie bereit zum Dinner war, wirkte sie zufrieden. „Du siehst zur Abwechslung recht vorzeigbar aus, Schätzchen. Aus dir wird niemals eine große Schönheit wie ich, aber wenn du lernst, das Beste aus dir zu machen, wirst du viele Blicke auf dich ziehen. Vor deinem Debüt war es in Ordnung, frisch geschrubbt auszusehen, aber du solltest wirklich ein paar Schminktricks lernen. Ich werde sie dir beibringen müssen. Komm her und lass mich ein bisschen Rouge und Lippenstift auftragen.“

„Nein, wirklich, das ist nicht nötig“, sagte ich, aber Mummy schwang bereits den Lippenstift. Daher fühlte ich mich etwas unsicher, als wir die Stufen zum Speisesaal der ersten Klasse hinabstiegen. Er war nun voller Menschen und das Murmeln vieler Stimmen hallte von der hohen Buntglasdecke und der Galerie wider. Lichter funkelten auf dem polierten Silberbesteck und den Gläsern auf den weißen Tischtüchern. Der Maître d’ verbeugte sich, als er Mummy erblickte. „Miss Daniels, Lady Georgiana. Der Kapitän hat darum gebeten, dass Ihr ihm die Ehre erweist, an seinem Tisch zu dinieren. Hier entlang, bitte.“

Mummy blieb stehen und warf sich in Pose, um sicherzugehen, dass der ganze Speisesaal sie bemerkte, und schenkte mir ein zufriedenes kleines Grinsen, als der Maître d’ uns durch den gesamten Speisesaal führte. Ich blickte mich um, nur für den Fall, dass Darcy an einem der Tische saß, aber ich sah keine Spur von ihm, als ich meiner Mutter folgte. Leider hatte das modische, am Rücken tief ausgeschnittene Kleid auch einen sehr engen Rock. Ich musste viele kleine Schritte auf meinen ungewohnten hohen Absätzen machen, um mit Mummy mithalten zu können. Bedauerlicherweise schlingerte das Schiff auf halbem Weg durch den Speisesaal beachtlich. Plötzlich taumelte ich vorwärts, immer schneller und schneller, und die einzige Möglichkeit, meinen Sturz zu bremsen, war, mich an der Rückenlehne eines herannahenden Stuhls festzuhalten. Leider war der Stuhl von einem großen nackten Rücken besetzt, gegen den ich krachte. Die arme Frau hatte gerade einen Schluck von ihrem Cocktail nehmen wollen und ich hatte es geschafft, ihr Gesicht direkt in das Glas zu drücken. Ich vermutete, dass die Kirsche ihre Nase hochgerutscht war, denn sie schnaubte seltsam erstickt, bevor sie entrüstet nach Luft schnappte.

„Es tut mir furchtbar leid“, japste ich. „Es war keine Absicht …“

Sie fuhr zu mir herum, ihr Gesicht mit bernsteinfarbenen Spritzern übersät. „Du dummes, tollpatschiges Mädchen“, sagte sie mit kurzangebundenem amerikanischem Akzent. „Was bildest du dir ein …“

Plötzlich war der Maître d’ an meiner Seite. „Es tut mir sehr leid, Eure Hoheit. Ich hätte Euch persönlich eskortieren sollen, da wir in unruhigen Gewässern kreuzen.“

Diesmal hatte ich nichts dagegen Hoheit statt Lady genannt zu werden. Das Gesicht der Frau spiegelte nun Scham wider. „Oh, Eure Hoheit. Ich hatte keine Ahnung“, stammelte sie. „Natürlich hätte ich merken müssen, dass das Schiff schwankte.“

„Es tut mir wirklich schrecklich leid“, sagte ich. „Kann ich irgendetwas tun?“

„Ich bin mir sicher, dass kein Schaden entstanden ist, ich muss mir nur das Gesicht abwischen.“

„Und ich lasse Ihnen mit Freuden einen neuen Cocktail bringen, um den verschütteten zu ersetzen“, sagte der Maître d’. „Der Kapitän wartet auf Euch, Eure Hoheit.“

Ich setzte meinen Weg fort, diesmal an seinen Arm geklammert. Wir kamen zu einem Tisch in der Mitte des Raumes, an dem acht Personen Platz hatten. Vier saßen bereits dort – der Kapitän, der in seiner über und über mit Gold besetzten Uniform einen formidablen Eindruck machte, eine ehrfurchtgebietende juwelenbehängte Inderin und ein untersetztes Paar mittleren Alters – die Frau trug ein eher altbackenes braunes Kleid. Die Männer erhoben sich.

„Miss Daniels, Lady Georgiana. Willkommen. Ich bin Kapitän Harrison. Setzen Sie sich doch.“ Der Kapitän bedeutete Mummy, sich neben ihn zu setzen und für mich wurde der Stuhl neben der indischen Lady hervorgerückt. „Darf ich Sie unseren Tischgefährten vorstellen: Prinzessin Promila, Tochter des verstorbenen Maharadschas von Kaschmir, sowie Sir Digby und Lady Porter. Sir Digby ist der Vorsitzende des British Industries Development Board.“ Er gestikulierte zu meiner Mutter und mir. „Sicher kennen Sie Claire Daniels, die frühere Duchess von Rannoch, und ihre Tochter, Lady Georgiana.“

„Claire Daniels. Natürlich“, sagte Sir Digby und betrachtete Mummy mit regem Interesse. „Haben Sie in den guten alten Zeiten vor dem Krieg auf der Bühne gesehen, als Sie noch Schauspielerin waren, nicht wahr, altes Mädchen? Famose Darbietung. Wirklich famos.“

Lady Porter brachte ein schwaches Lächeln zustande. Ich konnte sehen, dass sie sich darauf gefreut hatte, am Kapitänstisch im Mittelpunkt zu stehen, doch nun wurde sie bereits von einer Prinzessin, einer berühmten Schauspielerin und mir überschattet. Prinzessin Promila lächelte mir herzlich zu, als ich mich neben sie setzte. „Sie sind eine Enkelin der alten Königin, nicht wahr?“

„Urenkelin“, sagte ich.

„Mein Vater sprach in den höchsten Tönen von ihr. Als junger Mann war er auf Osborne House zu Gast und war bei seiner Rückkehr sehr beeindruckt. Eine so kleine Frau, pflegte er zu sagen, und dennoch befehligt sie ein weltumspannendes Imperium. Er war ein großer Fürsprecher der Briten, mein Vater.“ Sie sprach mit präzisem, beinahe übertriebenem englischen Akzent ohne eine Spur Indisch. Entweder hatte sie eine englische Gouvernante gehabt oder ein englisches Mädcheninternat besucht.

„Lebt Ihr noch in Indien?“, fragte ich.

„Gelegentlich. Ich habe eine Wohnung in Paris, die ich bei Weitem bevorzuge, aber von Zeit zu Zeit muss man nach Hause zurückkehren.“ Sie wedelte mit ihrer zierlichen Hand auf eine nachlässige Weise, die eine Europäerin niemals beherrschen würde. „Ich muss sagen, dass ich meine Freiheit außerhalb des Hofes genieße. Zu viele Einschränkungen für eine Frau in Kaschmir. Sind Sie jemals dort gewesen?“

„Nein, noch nie. Das ist mein erstes Mal außerhalb Europas“, gestand ich.

„Sie sollten irgendwann nach Indien kommen. Wir geben absolut großartige Partys. Wir scheuen keine Kosten.“

„Ich habe davon gehört“, sagte ich. „Mein Cousin, der Prince of Wales, hat sich bei seinem Staatsbesuch prächtig amüsiert.“

„Ja. Er wohnte bei uns. Ich war zufällig zu Hause und half dabei, dass er sich gut unterhalten fühlte. Was für ein Charmeur. Glauben Sie, dass er jemals heiraten wird? Er muss auf die vierzig zugehen.“

„Ja, das tut er. Und seine Eltern hoffen immer noch, dass er das Vernünftige tun und heiraten wird. Ich bin mir da nicht so sicher.“

„Es heißt, es gäbe da eine gewisse Amerikanerin, nicht wahr? Mit einem gewissen Ruf. Sie ist zum zweiten Mal verheiratet, oder ist es das dritte?“

„Ich bin mir nicht sicher. Aber sie eignet sich ganz sicher nicht als zukünftige Königin.“

„Zum Glück für Großbritannien ist sie immer noch mit einem dieser Ehemänner verheiratet, sodass diese unmögliche Situation ausgeschlossen ist, nicht wahr? Sind Sie ihr schon begegnet?“, fragte sie.

„Ja. Ich mag sie nicht besonders.“

„Das tut außer dem Prinzen auch niemand, wie man hört. Scharfe Zunge und messerscharfer Verstand. Ich fahre nach Amerika, um alte Freunde zu besuchen, wie steht es mit Ihnen?“

„Ich leiste meiner Mutter Gesellschaft“, sagte ich. Ich sah, wie Mummy warnend die Stirn runzelte, und ließ es dabei bewenden. Ein Sommelier hatte eine Flasche Champagner entkorkt und schenkte unsere Gläser voll.

„Ah, hier kommen unsere anderen Tischgenossen, wie mir scheint.“ Der Kapitän war wieder aufgestanden. Ein stämmiger Bär von einem Mann mittleren Alters kam auf uns zu. Er hatte einen grauen Haarschopf und trug eine runde Drahtbrille, die ihm einen eulenartigen Blick verlieh. An seiner Seite war eine unglaublich sinnliche und glamouröse Frau in silbernem Lamé mit einem Silberfuchspelz, der nachlässig über eine Schulter drapiert war. Ich erkannte sie sofort, ebenso wie alle anderen im Speisesaal, da hatte ich keinen Zweifel.

Der Kapitän wandte sich an Mummy. „Sicher kennen Sie bereits Mr Cy Goldman, den Impresario von Golden Pictures, und selbstverständlich den Filmstar Stella Brightwell.“

Der Mann breitete seine Arme überschwänglich aus. „Das ist ja Claire Daniels“, sagte er mit donnernder transatlantischer Stimme. „Endlich begegnen wir einander. Sie können sich nicht vorstellen, wie lang ich mich nach diesem Moment verzehrt habe.“

Mummy lief rot an und nun, da die Aufmerksamkeit des ganzen Speisesaals auf sie gerichtet war, sah sie selbstzufrieden und geschmeichelt aus. „Sehr erfreut, Mr Goldman.“ Sie streckte eine Hand aus. „Ich habe so viel von Ihnen gehört.“

„Und gewiss kennen Sie Stella. Jeder kennt Stella.“

Die glamouröse schwarzhaarige Schönheit offenbarte eine Reihe perfekter Zähne, als sie sich Mummy gegenübersetzte. „Nach so langer Zeit begegnen wir einander wieder, Claire“, sagte sie. „Wie ich sehe, waren die Jahre ebenso gut zu dir wie zu mir.“

Sie sprach mit tiefer, heiserer Stimme und ihr englischer Akzent war durch viele Jahre in Amerika gefärbt.

Mummy starrte sie an, dann warf sie ihren Kopf in den Nacken und lachte. „Das ist ja Gertie. Mein Gott. Die kleine Gertie Oldham.“

Sie wandte sich uns anderen zu. „Vor dem Krieg sind wir zusammen in einer Pantomime aufgetreten. Ich spielte natürlich den Jungen in der Hauptrolle und Gertie und ihre Schwester waren die verirrten Kinder im Wald. Jetzt fällt mir alles wieder ein. Gertie und Flossie, die Oldham-Schwestern. Ganz entzückend. Sie sangen, tanzten und machten akrobatische Kunststücke. So talentiert. Weißt du, als ich deinen neuesten Film sah, kamst du mir bekannt vor.“

Stella Brightwell wirkte nicht besonders erfreut darüber, an ihre Zeit als Gertie Oldham erinnert zu werden. „Gertie und Flossie. Kannst du dir vorstellen, wie grässlich das heute klingt?“ Stella Brightwell lachte glockenhell. „Kurz nachdem du deinen Duke geheiratet hattest, ließen wir diese Namen hinter uns und wurden zu Stella und Bella Brightwell.“ Sie hielt inne, um einen Schluck von dem Martini zu nehmen, den der Kellner vor sie gestellt hatte.

„Und was wurde aus deiner Schwester?“, fragte Mummy.

„Sie hat das Showgeschäft verlassen“, sagte Stella. „Ihr Aussehen und Talent reichten nie an meines heran, nicht wahr? Und ich war klug genug, nach Hollywood zu gehen, um mein Glück beim Film zu versuchen. Sie wollte England nicht verlassen. Ich habe sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“ Sie griff über den Tisch und legte ihre Hand auf die von Mummy. „Aber es ist so schön, dich wiederzusehen, Claire. Weißt du, Cy, sie könnte die Antwort auf unsere Gebete sein.“

„Weißt du, vielleicht hast du recht, Süße.“ Beide starrten Mummy an.

„Welche Gebete sind das?“, fragte Mummy und wirkte leicht amüsiert.

„Besprechen wir das später“, sagte Cy Goldman. „Ich bin sicher, die anderen lieben Leute am Tisch wollen nicht mit Geschwätz über das Showgeschäft belästigt werden.“

„Oh, aber wir finden es faszinierend“, sagte Lady Porter. „Ein so anderer Lebenswandel, wenn sich das eigene Dasein darauf beschränkt, in einer englischen Kleinstadt zu leben und das Women’s Institute zu leiten.“

„Du leistest mit deiner Wohltätigkeitsarbeit ausgezeichnete Dienste, meine Liebe“, sagte Sir Digby. „Und du bist ein echter Star in deinem Laientheater.“

Er wandte sich an uns. „Sie war hervorragend in ‚Die Piraten von Penzance‘.“

„Oh, Digby. Sprechen wir nicht über meine kleinen Bühnenerfolge.“ Lady Porter kicherte und wurde ganz rot.

„Waren Sie einer der Piraten?“, fragte Prinzessin Promila.

Mummy prustete in ihren Champagner und überspielte es gekonnt mit einem Husten.

„Ich glaube, wir sind einander noch nicht richtig vorgestellt worden, Miss Brightwell“, fuhr Sir Digby überschwänglich fort. „Ich bin Sir Digby Porter und das ist meine Frau Mildred.“

„Und darf ich Ihnen Prinzessin Promila vorstellen?“, fügte ich hinzu. „Ich bin Georgiana Rannoch, Claire Daniels’ Tochter.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen. Und Euch auch, Prinzessin“, sagte Cy Goldman. „Meine Güte, wir sind eine königliche Tafelrunde, nicht wahr? Ich komme mir hier wie ein Hinterwäldler vor.“

„Du bist alles andere als ein Hinterwäldler, Cy“, sagte Stella lachend. „Ich wette, dein Palast ist größer als die der Anwesenden.“ Während sie sprach, sah sie sich um. „Ich sehe Juan nirgends“, sagte sie.

„Wer ist Juan?“, fragte Mummy.

„Juan de Castillo. Ein wunderschöner junger Mann, den wir in Spanien kennengelernt haben“, sagte Stella. „Cy war auf einer seiner Plünderfahrten, wissen Sie.“

„Plünderfahrten?“ Lady Digby warf ihrem Mann einen Blick zu.

„Cy baut sein eigenes Schloss auf einem Hügel über dem Pazifik“, sagte Stella. „Er stattet es vollständig mit Antiquitäten aus Europa aus. Er stürmt Klöster und Konvente und nimmt ihre Schätze mit.“

„Ich plündere nicht“, sagte Cy Goldman in seiner dröhnenden Stimme. „Ich zahle einen angemessenen Preis. Sie brauchen Geld. Ich brauche ihre Kerzenständer und Refektoriumstische. Am Ende sind wir beide zufrieden. Sie sollten die Sachen sehen, die ich diesmal zurückschicken lasse: Schöne Holztäfelungen, die ich in einem Kloster in der Nähe von Sevilla gefunden habe. Alles geschnitzte Eiche. Und Buntglasfenster aus dem fünfzehnten Jahrhundert, nicht wahr?“ Er wandte sich zur Bestätigung an Stella.

„Sechzehntes, Cy. Ich habe dir schon mal gesagt, dass die Fünfzehnhunderter das sechzehnte Jahrhundert sind.“

Cy lachte. „Für mich ist das einerlei. Alt ist alt. Und wenn es alt ist, will ich es in meinem Schloss haben.“

Stella lehnte sich zu uns hinüber. „Und er lässt eine ganze Kapelle abbauen, Stein für Stein, Fenster für Fenster, und nach Übersee bringen“, sagte Stella und sah Cy Goldman an, als wäre er ein ungezogenes, aber liebenswertes Kind. „Und sein erbeuteter Hauptgewinn ist diesmal ein Paar goldener Kerzenständer, die über und über mit Juwelen besetzt sind.“

„Und das Gemälde, Stella. Vergiss das Gemälde nicht.“

„Ach ja, das Gemälde. Eine Madonna von El Greco. Er fand es in einer Klosterkapelle. Cy lässt diese Schätze nicht aus den Augen.“

„Sie sind außer Reichweite, Süße. Sie sind im Schiffstresor eingeschlossen.“

Stella wandte sich ab, ihr Blick schweifte wie zuvor meiner durch den Speisesaal. „Wo ist Juan? Spanier sind immer so unpünktlich. Ich nehme an, der freie Platz an unserem Tisch ist für ihn bestimmt?“

„Nein, Miss Brightwell. Ich fürchte, der letzte Platz am Tisch gehört einer Amerikanerin“, sagte der Kapitän. „Ah, da kommt sie ja.“

Ich sah auf und erblickte niemand anderen als Mrs Simpson, die durch den Speisesaal auf uns zukam. Als sie an den Tisch trat, erhoben sich die Männer. Sie war wie immer glamourös und perfekt zurechtgemacht in einem langen schwarzen Fransenkleid und einem weißen Nerz um die Schultern.

„Ich bin untröstlich, dass ich Sie alle habe warten lassen, Kapitän“, sagte sie mit tiefer Stimme, die eine Spur Südstaatenakzent aufwies. „Sie hätten ohne mich anfangen sollen.“

„Oh, aber das haben wir“, sagte Mummy und hob ihr Champagnerglas in Mrs Simpsons Richtung.

„Du liebes bisschen. Was für eine Überraschung. Wenn das nicht die Schauspielerin und ihre kleine Tochter sind, die einen kleinen transatlantischen Ausflug machen“, sagte Mrs Simpson. „Wie reizend, Sie wiederzusehen.“

„Ebenfalls, Mrs Simpson“, sagte Mummy. „Reisen Sie allein? Haben Sie diesmal keinen Mr Simpson im Schlepptau?“

„Keinen Mr Simpson“, sagte sie. „Ich muss eine geschäftliche Angelegenheit in Baltimore regeln und leider konnten mich meine Freunde nicht begleiten.“

Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie den Prince of Wales meinte.

„Wie schade“, sagte Mummy. „Doch ich bin mir sicher, dass Sie auf dem Boot bald viele Freunde finden werden.“

„Schiff“, verbesserte der Kapitän.

Die beiden Frauen starrten einander hasserfüllt an. Seit ihrer ersten Begegnung hatten sie sich nicht ausstehen können und die Abwesenheit hatte ihre Herzen nicht erweicht.

„Und wie geht es Ihnen, Georgiana, Liebes?“ Mrs Simpson wandte sich mir zu. „Noch immer nicht verheiratet? Die Familie hat es nicht geschafft, Sie mit einem hinreißenden europäischen Prinzen zu verheiraten?“

„Ich fürchte nicht“, sagte ich. „Anscheinend ist die Familie nicht besonders gut darin, ihre Mitglieder mit passenden Ehepartnern zu verkuppeln.“

Ich sah, wie ihre dunklen Augen einen Moment lang hasserfüllt aufblitzten, dann lächelte sie. „Soso. Die Kleine wird erwachsen und zeigt ihre Krallen.“

„Lassen Sie mich Ihnen den Rest unserer Tischgenossen vorstellen“, sagte der Kapitän eilig. Reihum stellte er alle vor. Ich bemerkte, dass Sir Digby und Lady Porter nun eindeutig peinlich berührt wirkten. Ich vermutete, dass das Gerücht von Mrs Simpsons Liaison mit dem Prince of Wales nun auch endlich die Außenbezirke der Stadt erreicht hatte, obwohl die Zeitungen das Thema auf Geheiß von König und Königin bislang nicht hatten erwähnen dürfen.

Das Dinner war hervorragend. Nachdem ich in den Monaten auf Kingsdowne Place gut gespeist hatte, beeindruckte es mich weniger, als es zu der Zeit, in der ich noch kurz vorm Verhungern gewesen war und mich von Baked Beans ernährt hatte, der Fall gewesen wäre, aber ich langte dennoch freudig bei jedem Gang zu. Mrs Simpson war zur Abwechslung bemerkenswert still. Sie antwortete höflich auf Fragen, aber mehr nicht. Cy Goldman unterhielt die Runde mit Geschichten von seinem Anwesen über Malibu und den wilden Tieren, die er importiert hatte und dort frei herumlaufen ließ.

„Ist das nicht ein bisschen gefährlich?“, sagte Lady Porter. „Ich habe gehört, dass Zebras so tödlich wie Löwen sein können.“

„Wir lassen sie nur von den unleidlichen Gästen füttern.“ Cy brach in schallendes Gelächter aus.

Sir Digby versuchte, das Gespräch auf das Talent seiner Frau für das Amateurtheater zu lenken, woraufhin Mummy und Stella einander angrinsten.

Wie sich herausstellte, überquerten Sir Digby und seine Frau ebenfalls zum ersten Mal den Atlantik. „Sir Digby wurde gebeten, einen Vortrag an der Harvard University zu halten, und die Gelegenheit war zu gut, um sie auszuschlagen“, sagte Lady Porter. „Ich muss zugeben, dass ich gezögert habe. Wir haben einmal eine Rundfahrt auf dem Mittelmeer gemacht und das Meer bekam mir nicht so gut, nicht wahr, Digby.“

„Sie lief ganz grün an“, sagte Sir Digby. „Hat alles vollgekotzt.“

Lady Porter wandte sich an den Kapitän. „Also sagen Sie mir, Kapitän, sinken Schiffe wie dieses besonders oft?“

„Nur einmal, Lady Porter“, sagte er und behielt dabei eine ernste Miene.

Als wir uns erhoben, um uns in den Palmenhof zu begeben, wo eine Musikkapelle zum Tanz aufspielte, sahen wir einen hinreißenden jungen Mann, der durch die Menge auf uns zukam. Eine Sekunde lang hielt ich ihn für Darcy, aber dann bemerkte ich, dass sein schwarzes Haar mit Pomade zurückgekämmt war und er einen mediterranen Teint hatte, anders als Darcys dunkle irische Züge. Die dunklen Augen des jungen Mannes blitzten vergnügt auf, als er uns sah. Stella eilte zu ihm.

„Da bist du ja, Juan. Wir haben dich beim Dinner vermisst.“

„Euch bittet man an den Kapitänstisch“, sagte er. „Aber mich steckt man zu den Ladys aus Milwaukee. Madre de Dios. Solche Plappermäuler. Wo liegt Milwaukee überhaupt?“

„Nicht weit von Chicago.“

„Wir besuchen Milwaukee doch hoffentlich nicht?“

„Keine Sorge. Wir fahren nicht dorthin.“

„Dem Himmel sei Dank dafür“, sagte er und entblößte beim Lächeln blendend weiße Zähne.

Stella drehte sich zu uns um, als weidete sie sich an einem neuen Spielzeug. „Ist er nicht himmlisch?“, fragte sie. „Cy hat ihn in der Nähe von Sevilla entdeckt, als er wieder einmal ein Kloster plünderte. Er spricht so gutes Englisch und hat auch schon Bühnenerfahrung. Cy wird aus ihm einen Star in meinem nächsten Film machen, müsst ihr wissen. Er wird König Philip von Spanien spielen und ich die Mary Tudor.“

„Philip von Spanien und Mary Tudor?“ Mummy lachte. „Sie waren das uninteressanteste Paar der Geschichte. Sie war alt, hässlich und religiös und er schlief kein einziges Mal mit ihr, nicht wahr?“

„Man muss sich nicht streng an die Geschichte halten.“ Stella lächelte listig. „Immerhin ist es Hollywood.“

„Hier ist unser guter alter Juan“, donnerte Cy und drängte sich zu uns durch. „Lass uns Brandy und Zigarren besorgen, alter Knabe, und die Ladys ihrem Geplänkel überlassen, ja?“ Er drehte sich zu uns um. „Ist er nicht ein echter Knaller? Clark Gable wird vor Neid erblassen. Und weißt du, wer auch ein echter Knaller ist? Sie, Claire Daniels. Sie sind noch immer angesagt. Die sprichwörtliche englische Rose. Ich weiß nicht, warum Sie so lang mit Filmauftritten gewartet haben. Aber das werden wir beheben.“

„Seien Sie nicht albern. Ich bin jetzt eine alte Frau. Ich habe eine erwachsene Tochter.“ Mummy lachte, aber ich konnte sehen, dass sie geschmeichelt war. „Komm, Georgie, machen wir uns auf die Suche nach Tanzpartnern.“

Sie hakte sich bei mir unter und führte mich fort. „Und glaub ihnen kein Wort, Schätzchen“, flüsterte sie mir zu, als wir wieder die Treppe hinaufstiegen. „In Hollywood meint es niemand ehrlich. Es ist alles eine herrliche große Scharade.“

Ich drehte mich um und beobachtete, wie der hinreißende Juan mit Cy Goldman verschwand. Etwas an ihm erinnerte mich an Darcy, abgesehen von dem mediterranen Aussehen und den blitzenden braunen Augen. Ich nahm an, dass er es gewesen war und nicht Darcy, den ich am Kai gesehen hatte, als er in letzter Minute zum Schiff geeilt war. Ich stieß einen leisen Seufzer der Enttäuschung aus. Anscheinend war die Fantasie mit mir durchgegangen, oder mein Wunschdenken. Darcy war eindeutig nicht an Bord der Berengaria. Er wusste nicht einmal, dass ich unterwegs nach Amerika war. Ich ließ zu, dass mich meine Mutter Richtung Palmenhof lenkte, aus dem lebhafte Musik erklang. Mummy blieb am Eingang stehen und beobachtete die Paare auf der Tanzfläche und die Leute, die an Tischen saßen und Cocktails tranken.

„Hier ist niemand von Bedeutung“, sagte sie nach ihrer üblichen schnellen Musterung. „Alle Männer sind noch in der Raucherlounge. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich mir heute Abend die Mühe machen werde, hier zu warten. Irgendeine Langweilerin wie Lady Digby wird mich abfangen und mir Geschichten von ihrer Amateurtheatergruppe erzählen, die Gilbert und Sullivan aufgeführt hat. Ich gehe schlafen, Georgie. Du kannst bleiben und dich nach einem würdigen Tanzpartner umsehen.“

„Es scheint nicht allzu viele Leute in meinem Alter zu geben“, sagte ich, als ich mich umsah und nicht einmal den übertrieben freundlichen Mr Halliday entdeckte.

„Nicht in der ersten Klasse, nein“, stimmte mir Mummy zu. „Die wenigsten Menschen können sich einen solchen Ausflug leisten. Du könntest immerhin eine stürmische Affäre mit dem gut aussehenden Spanier eingehen.“

„Mummy, ich bin nicht der Typ für stürmische Affären. Das weißt du.“ Ich musste lachen. „Außerdem schien er meine Existenz nicht einmal bemerkt zu haben. Wenn er ein Auge auf jemanden geworfen hatte, dann auf dich.“

„Wirklich?“, fragte sie unschuldig, dann warf sie mir ein selbstzufriedenes Lächeln zu, bevor sie sich zu ihrer Kabine begab.

Kapitel 6

An Bord der Berengaria

Freitag, 13. Juli 1934

Am nächsten Morgen wurde ich von einem Klopfen an der Tür geweckt, doch statt Queenie kam ein Steward mit einem Teetablett und Keksen herein.

„Eine steife Brise heute, Mylady“, sagte er. „Würden Sie das Frühstück gern in Ihrem Salon einnehmen?“

„Danke, das wäre wundervoll“, sagte ich. „Nur ein gekochtes Ei und ein wenig Obst nach diesem großen Festmahl gestern Abend.“

Beim Aufsetzen merkte ich, dass die Kabine schwankte. Ich stand auf, ging zum Fenster und sah hinaus. Es war ein grauer Morgen und die Wellen trugen Schaumkronen. Ich klingelte nach Queenie, die mit ziemlich bleichem Gesicht hereintaumelte.

„Schaukelt ganz schön auf und ab, Miss“, sagte sie. „Ich hoffe, ich werde nich’ krank. Ich will nichts vom Essen verpassen. Es ist verdammt gut, sogar im Speisesaal der Dienstmädchen.“

„Ich habe gehört, dass der Trick ist, regelmäßig kleine Mahlzeiten zu essen, nichts zu Schweres“, sagte ich. „Und wenn dir schlecht wird, geh nach draußen an die frische Luft und konzentrier dich auf den Horizont.“

„Ich fühle mich gerade ein bisschen wie Onkel Frank“, sagte sie.

„Onkel Frank?“

„Das ist gereimter Dialekt und bedeutet seekrank“, sagte sie mit einem schwachen Lächeln. Sie sah wirklich nicht besonders gut aus.

„Ich werde es schaffen, mich allein anzuziehen“, sagte ich. „Geh aufs Deck, trink eine Tasse Tee und iss eine Scheibe Toast.“

„Sehr wohl, Mylady“, sagte sie, was bewies, wie krank sie sich fühlte.

Ich stellte fest, dass mir kein bisschen übel war. Ich langte beim Frühstück herzhaft zu und ging dann aufs Deck, um mich umzusehen. Ein paar Leute saßen mit Decken über den Knien auf Liegestühlen. Ein Steward ging mit einem Tablett mit heißer Consommé umher. Eine Gruppe junger Männer versuchte sich mutig an einem Wurfringspiel. Ich erkannte Tubby Halliday unter ihnen. Er bemerkte mich und winkte.

„Komm und mach mit“, sagte er. „Es ist eine echte Herausforderung, wenn das Schiff herumrollt wie Wackelpudding.“

Ich zögerte, doch mir fiel kein Grund dagegen ein. „Also gut.“ Ich ging hinüber und jemand reichte mir einen Wurfring. Es war unerheblich, dass ich es noch nie gespielt und meine Gliedmaßen nicht immer unter Kontrolle hatte, oder? Mein erster Wurf endete damit, dass ich den Ring im falschen Moment losließ, er übers Deck rollte und eingefangen werden musste, bevor er über die Kante kullern konnte. Mein zweiter Wurf flog direkt in die Luft anstatt in Richtung Pflock. „Ups“, sagte ich. Die Männer waren so nett, es dem Schwanken des Schiffs zuzuschreiben. Es gelang mir, mich zu entspannen und ich hatte bald Spaß am Werfen und Rollen. Ich schaffte es sogar, einen Treffer zu landen.

„Ausgezeichnet“, sagte ein hochgewachsener junger Mann, dem grellen Karomuster seiner Jacke nach zu schließen eindeutig ein Amerikaner. „Ich werde dich bei einem der Tenniswettkämpfe an Deck als Partnerin sichern müssen.“

„Oh, das glaube ich nicht“, sagte ich. „So gut bin ich nicht.“

„Falls es dir nicht aufgefallen ist, es gibt auf dem Schiff nicht besonders viele Frauen unter vierzig“, sagte er mit allzu großer Ehrlichkeit.

„Danke. Du sorgst dafür, dass ich mich sehr begehrt fühle“, sagte ich, stolz darauf, dass mir zur Abwechslung einmal eine Retourkutsche eingefallen war.

Er lief rot an. „Entschuldige, das war nicht sehr diplomatisch, nicht wahr? Dabei möchte mein alter Herr, dass ich eines Tages Diplomat werde. Ich bin sicher, dass du eine wunderbare Partnerin wärst, außerdem hast du eine gute rechte Vorhand. Ich bin übrigens Jerry. Bleibst du in der Stadt oder reist du weiter?“

„Ein paar Tage in New York, glaube ich, und dann nehmen wir den Zug quer durch das Land.“

„Nach Kalifornien?“

„Nevada, glaube ich.“

„Interessant.“ Tubby Halliday war neben mich getreten. „Der einzige Grund, warum jemand nach Nevada reist, ist, um sich scheiden zu lassen.“

„Wir überlegen uns, Land zu kaufen“, sagte ich und musterte ihn kühl.

„In Nevada gibt es kein Land, das sich zu kaufen lohnt“, fuhr Tubby fort. „Und ich sehe, dass die berühmte Mrs Simpson an Bord ist. Gerüchten zufolge reist sie aus genau diesem Grund heim nach Baltimore.“

„Um Land zu kaufen?“, fragte ich unschuldig.

Er lachte. „Um sich von Mr Simpson scheiden zu lassen.“

„Donnerwetter. Dann hat sie tatsächlich vor, den Prinzen zu heiraten“, sagte der junge Amerikaner. „Was für eine Wendung das wäre. Stellt euch eine Yankee-Königin vor. Was würdet ihr Tommys dazu sagen?“

„Das ist unmöglich“, sagte ich. „Der Prince of Wales darf keine geschiedene Frau heiraten. Als König wäre er Oberhaupt der Church of England und die akzeptiert keine Scheidungen.“

„Das wird sich zeigen“, sagte der Amerikaner. „Nach allem, was ich gehört habe, ist sie eine durchsetzungsstarke Lady.“

„Gegen eine jahrhundertealte englische Tradition wird sie sich nicht durchsetzen können“, sagte ich.

„Es gibt immer ein Schlupfloch“, erwiderte der Amerikaner und zog lässig an seiner Zigarette. „Bitte, du bist dran.“

Ich warf den Ring über das Deck. Er hatte natürlich recht. Ich hatte geglaubt, dass ich Darcy nicht heiraten dürfte, weil er römisch-katholisch und ich Teil der Thronfolge war – wenn auch an fünfunddreißigster Stelle. Aber ich hatte den Hinweis bekommen, dass ich nur auf meinen Anspruch auf den Thron verzichten musste, um frei entscheiden zu können, wen ich heiratete. Da es unwahrscheinlich war, dass ich Königin werden würde, es sei denn, der schwarze Tod käme wieder über das Land, würde mir die Entscheidung leichtfallen. Wir hatten unsere Heiratspläne noch nicht verkündet, da keiner von uns über nennenswerte Geldmittel verfügte.

Tubby Halliday kam mir noch näher. „Will deine Mutter sich wirklich scheiden lassen? Mit wem ist sie eigentlich verheiratet?“

„Das geht Sie wirklich nichts an, Mr Halliday“, sagte ich.

„Nenn mich doch Tubby. Auf einem Schiff duzt man sich. Ich war nur neugierig. Immerhin ist sie eine Person des öffentlichen Lebens und die sind vogelfrei, nicht?“

„Warum dieses morbide Interesse an dem Leben anderer Leute, Mr Halliday?“, fragte ich. „Das gehört sich eigentlich nicht.“

Der junge Amerikaner kicherte und verpasste Tubby einen Stoß. „Weißt du es nicht - er ist Zeitungsreporter bei der Daily Mail. Es ist sein Job, Schlagzeilen auszugraben.“

Ich fühlte, wie die Wut in mir aufstieg. Ich war dazu erzogen worden, meine Gefühle zu kontrollieren (eine Lady hat sich stets unter Kontrolle; eine Lady zeigt nie, was sie fühlt), aber ich platzte heraus: „Sie sollten sich schämen. Sie sollten sich schämen, sich als Freund auszugeben, nur damit Sie in Ihrer Zeitung schreckliche Dinge über meine Mutter und meine Familie drucken können. Sie können mich von Ihrem Ringewerfen und jedem anderen Spiel ausschließen, das Sie zu spielen beabsichtigen.“

Ich stolzierte davon. Ich hörte, wie Tubby zu dem Amerikaner sagte: „Dieses Mal hast du mich ganz schön blamiert, altes Haus.“

„Ich finde, das hast du ziemlich gut selbst hinbekommen“, war die Antwort.

Gott sei Dank hatte mich seine lockere, freundliche Art nicht dazu verleitet, ihm von Mummys Scheidungsreise nach Reno zu erzählen. Das hätte sie mir nie verziehen. Ich vermutete, dass sie inzwischen wach war, und machte mich auf den Weg zu ihrer Kabine. Als ich anklopfte, glaubte ich Stimmen zu hören. Ich öffnete die Tür vorsichtig.

„Mummy, bist du wach?“, rief ich.

„Komm rein, Liebling“, antwortete Mummy. „Ich bin nicht nur wach, ich habe sogar Besuch.“

Ich trat ein und erkannte Cy Goldman und Stella Brightwell, die meiner Mutter gegenüber auf dem Sofa saßen. Der Raum war von schwerem Zigarrenrauch erfüllt. Mummy saß aufrecht da, vollständig bekleidet und perfekt geschminkt. Sie sah sehr prüde und korrekt aus, nicht über den Sessel gefläzt wie sonst.

„Du erinnerst dich doch an unsere Tischgenossen von gestern Abend, Mr Goldman und Miss Brightwell, nicht wahr, Georgie? Anscheinend liegen ihre Kabinen nicht weit von meiner entfernt. Die Unterkünfte auf dem Schiff sind prächtig, nicht wahr?“

„Cy findet sie recht beengt.“ Stella lachte. „Aber du solltest sehen, wie groß die Alhambra Zwei ist.“

„Alhambra Zwei?“

Stella warf Cy Goldman einen herausfordernden Blick zu.

„Sie meint das Anwesen, das ich über Malibu erbauen lasse. Nur weil ich darin Elemente alter spanischer Gebäude unterbringe, hat Stella es Alhambra Zwei getauft. Eigentlich hat es noch keinen Namen.“ Er sah zu mir auf und klopfte neben sich auf das Sofa. „Du bist genau die Person, die wir brauchen, junge Lady. Nimm Platz. Wir versuchen, deine Mutter zu überreden, in unserem Film mitzuspielen. Aber aus irgendeinem Grund ist sie der einzige Mensch auf der Welt, der kein Filmstar werden möchte.“

„Lächerlich, Schätzchen“, sagte Mummy. „Was würde Max denken? Was würden die Leute denken? Sie würden sagen, ich hätte den Höhepunkt meiner Karriere überschritten und würde versuchen, wieder ins Rampenlicht zurückzukehren.“

„Ganz im Gegenteil“, sagte Stella. „Sie wären erstaunt, dass du immer noch so jung und umwerfend aussiehst.“

„Ach, sei doch nicht albern.“ Mummy lachte, aber ich konnte sehen, dass sie sich geschmeichelt fühlte. Vielleicht spielte sie die Unnahbare. „Außerdem habe ich keine Zeit für Hollywood. Dies ist nur eine kurze Reise, dann muss ich zurück zu meinem lieben Max nach Deutschland. Er hasst es, wenn ich fort bin.“

„Wohin genau reist du in den Staaten?“, fragte Cy.

„Reno, wenn du es unbedingt wissen musst“, sagte Mummy. „Ich bin an einen lästigen Ehemann gebunden, der nichts von Scheidung hält. Aber mein jetziger Beau besteht auf einer Heirat, und mir wurde gesagt, dass eine Scheidung in Reno einfach und unkompliziert arrangiert werden kann.“

„Ja, aber nicht über Nacht, Süße“, sagte Cy Goldman. „Frag Stella. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie hat es am eigenen Leib erfahren, nachdem sie sich von Freddie lossagte.“

„Ein englischer Ehemann, Schätzchen. Einfach unmöglich. Soff wie ein Loch und war hinter allen Röcken her, die nicht Dudelsack spielten.“

„Also, wie lange wird es dauern?“, fragte Mummy.

„Es gibt eine sechswöchige Residenzpflicht“, sagte Stella.

„Sechs Wochen?“ Mummy sah entsetzt aus. „Ich muss für sechs Wochen in Nevada leben? Warum hat mir das niemand gesagt?“

„Es gibt Wege, das zu umgehen“, sagte Cy. „Sag es ihr, Stella.“

„Manche Leute mieten sich in einem Urlaubsort ein, faulenzen in der Sonne und amüsieren sich“, sagte sie. „So habe ich es gemacht. Es war eine Wonne. Herrlicher Pool und nächtliche Glücksspiele. Aber wenn du wirklich dagegen bist, mitten im Nirgendwo festzusitzen, miete dir ein kleines Haus in der Wildnis, sorge dafür, dass man dich in der Gegend sieht, und bezahle dann jemanden, der deinen Platz einnimmt.“

„Ich kann eine Stellvertreterin bezahlen?“

„Gewiss kannst du das. Lass sie wissen, dass du als Berühmtheit jede schlechte Presse meidest. Lass das Essen liefern und sorg dafür, dass du von Zeit zu Zeit aus der Ferne gesehen wirst. Dann tauchst du erst wieder auf, wenn es vor Gericht geht. In Reno stellt man nicht allzu viele Fragen. Es ist eine Haupteinnahmequelle für den Staat.“

Cy schlug sich mit der Faust in die Handfläche. „Und während dieser sechs Wochen drehst du einen Film mit uns. Es könnte nicht einfacher sein. Wir werden euch im Beverly Hills Hotel unterbringen. Die Wochenenden verbringt ihr auf meinem Schloss auf dem Hügel. Du wirst dich prächtig amüsieren. Die junge Lady ebenfalls. Statt Cowboys wird sie Filmstars kennenlernen. Viel spaßiger als im öden Nevada.“

Mummy spielte mit ihrem Haar herum – ein deutliches Zeichen dafür, dass sie nervös war. „Kann man diese Sache mit den sechs Wochen nicht umgehen?“

„Sicher. Du kannst nach Guam reisen. Ich habe gehört, dass man dort im Handumdrehen eine Scheidung bekommt.“

„Guam? Wo liegt das?“

„Auf der anderen Seite des Pazifischen Ozeans“, sagte Goldman. „Eine lange Schiffsreise. Primitiv. Strohhütten. Moskitos. Und keine Luxusdampfer wie dieser. Trampschiffe auf ganzer Strecke mit orientalischen Besatzungen, allesamt Trinker.“

„Nein danke“, sagte Mummy schaudernd.

„Oder du könntest einen Abstecher über die Grenze nach Mexiko machen, aber nicht alle Staaten erkennen eine mexikanische Scheidung an.“

Ich merkte, dass Mummys Entschlossenheit ins Wanken geriet. „Welche Rolle würde ich in diesem Streifen spielen? Ich werde niemandes Mutter spielen.“

„Süße, du wirst eine verführerische weibliche Hauptrolle bekommen. Eine herrliche Kontrastfigur zu meiner lieben Stella. Du bist ein waschechtes britisches Mädchen und eine echte Schauspielerin, genau das, was ich brauche. Nicht irgendeine Hollywoodpersönlichkeit, die versucht eine Britin zu imitieren.“

„Und du meintest, es sei ein Film über Mary Tudor und Prinz Philip von Spanien?“ Sie klang zweifelnd. „Welche Rolle spiele ich darin?“

„Du wärst die Mary Tudor, Schätzchen“, sagte Stella.

„Und wer wärst du?“

„Elizabeth, ihre Schwester. Du weißt schon, die zukünftige Königin Elizabeth I. Er wird Die Tudor-Schwestern heißen oder so ähnlich, nicht wahr, Cy?“

Mummy schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, ich verstehe nicht ganz …“

„Ganz einfach, Claire, meine Süße.“ Cy Goldman legte seine Zigarre auf dem Aschenbecher ab und beugte sich zu ihr. „Es geht um Romantik und Rivalität. Rivalinnen um denselben Mann, verstehst du?“

„Elizabeth und Mary? Welcher Mann?“

„Philip von Spanien. Darum geht es: Phil reist an, um Mary zu heiraten, aber er sieht ihre jüngere Schwester Elizabeth und verliebt sich stattdessen in sie. Also wirft Mary Elizabeth in den Tower von London und will sie köpfen lassen, begegnet dann aber Don Alonso, Philips rechter Hand, und macht ihm schöne Augen, um Philip eifersüchtig zu machen. Doch dann verliebt sie sich in ihn und als Philip herausfindet, dass sein Getreuer ein Techtelmechtel mit seiner frischgebackenen Braut hat, duellieren sie sich. Don Alonso ist klar, dass er den spanischen König nicht töten kann, also stirbt er den Heldentod. Philip ist voller Reue und kehrt zu seiner Frau zurück. Elizabeths Herz ist gebrochen. Gute Geschichte, hm?“

„Gute Geschichte?“, sagte Mummy mit einem Blick zu mir. „Sie ist völliger Blödsinn. Zum einen gab es keine Liebesgeschichte zwischen Mary und Philip. Die Ehe war rein politisch und ich glaube nicht, dass sie je miteinander das Bett geteilt haben, oder? Und Elizabeth war viel jünger, ich bin mir sicher, dass sie damit nichts zu tun hatte.“

Cy warf den Kopf in den Nacken und lachte – sein schallendes Bärenlachen. „Meine liebe Claire, es ist ein Film. Es ist Hollywood, keine Geschichtsstunde. Wenn die Historie zu langweilig ist, bin ich dafür, sie pikanter zu machen. Und Amerikaner lieben eure britische Geschichte mit all diesen alten Königinnen und Prinzessinnen einfach.“

„Cy wird sogar selbst Regie führen, denk nur“, sagte Stella.

Cy strahlte. „Claire, Liebes, einen besseren Regisseur als mich wirst du nicht finden können. Es wird ein absoluter Kassenschlager. Du wirst ein Star werden. Was meinst du?“

„Und dieser gut aussehende Jüngling Juan wird Philip spielen?“

„Ganz recht.“

„Aber er ist nicht viel älter als meine Tochter.“

Cy beugte sich vor und tätschelte ihr Knie. „Dank den Wundern der modernen Maskenbildner beim Film wirst du so jung und umwerfend aussehen wie er. Ich verspreche es hoch und heilig.“

Mummy warf mir einen erneuten Blick zu und zuckte mit den Schultern. „Was soll ich sagen? Es ist allemal besser, als sechs Wochen in einem Motel in Reno zu verbringen.“

Kapitel 7

Auf der Berengaria

Noch immer 13. Juli

Starker Wellengang, aber ich fühle mich nicht seekrank. Mummy wird zum Filmstar werden. Als würde sie noch mehr Bewunderung brauchen.

Wir würden also nach Hollywood gehen. Ich musste zugeben, dass ich ziemlich aufgeregt war. Immerhin hörte so man viel über den Glanz dieses Ortes und es würde Spaß machen, meiner Mutter dabei zuzusehen, wie sie sich in einen Filmstar verwandelte. Cy hatte uns fürs Erste zur Geheimhaltung verpflichtet, bis er bei der Ankunft in Hollywood eine große Pressekundgebung organisieren konnte. Zu diesem Zeitpunkt würde Mummys Stellvertreterin bereits die Frist in einem Motel in Reno absitzen. Ich warnte sie, dass Tubby Halliday an Bord sei und sie in seiner Hörweite nichts sagen dürfe.

„Oh, darauf hat er es also abgesehen?“, sagte Cy Goldman. „Ich sah ihn gestern Abend in der Bar herumlungern und hatte den Eindruck, er würde die Nase zu sehr in die Angelegenheiten anderer Leute stecken.“

„Er wollte mir das Reiseziel meiner Mutter in Amerika entlocken“, sagte ich. „Zum Glück habe ich es ihm nicht verraten.“

„Ich schätze, du könntest ihm gegenüber fallen lassen, dass deine Mom nach Hollywood geht“, sagte Cy Goldman. „Das wird ihn von der richtigen Fährte ablenken.“

„Genial“, sagte Mummy. „Ja, Georgie, wenn er dich weiter ausfragt, sag ihm, dass ich meine alte Freundin Stella Brightwell nach Hollywood begleite, und belass es dabei.“

***

Am Ende des Tages hatten wir den Sturm durchkreuzt, die See hatte sich beruhigt und der Abend war hell und klar.

Anscheinend sollte an unserem dritten Abend auf See ein Kostümball stattfinden und das Gespräch auf dem Schiff drehte sich darum, was jeder anziehen würde. Es gab sogar einen Kostümverleih, der sich in einem der Geschäfte an Bord befand.

„Was meinst du, Georgie? Wie sollen wir uns verkleiden?“

Ich zuckte die Achseln. „Es ist ziemlich albern hinzugehen, wenn wir keine Tanzpartner haben.“

„Sei nicht so eine Spielverderberin“, sagte sie. „Also wirklich, du schlägst zu sehr nach deiner Urgroßmutter. Es macht Spaß sich zu verkleiden und ich bin sicher, dass dich jemand zum Tanz auffordern wird.“

„Hast du denn vor, ein Kostüm auszuleihen oder eines zu erfinden?“, fragte ich. „Ich habe nichts Passendes mitgebracht, es sei denn, wir wickeln uns in unsere Laken und gehen als vestalische Jungfrauen.“

„Du könntest als vestalische Jungfrau gehen“, sagte Mummy. „Aber das würde meine schauspielerischen Fähigkeiten wirklich auf die Probe stellen. Außerdem wird niemand ein provisorisches Kostüm tragen. Entweder bringt man eines mit oder mietet es an Bord. Lass uns nach unten gehen und nachsehen, was es gibt, bevor die besten weg sind. Ich weiß noch, dass ich einmal zu spät kam und als Höhlenmensch gehen musste. Ganz und gar nicht mein Stil.“

Ich folgte ihr nach unten in den Raum hinter dem Büro des Chefstewards, der jetzt voller Kleiderständer war. Wir verbrachten über eine Stunde damit, die Gewänder zu durchstöbern, und Mummy vertrieb jede Frau, die vielleicht ein Auge auf eines der Kostüme geworfen hatte, die ihr zusagten. Am Ende entschied sie sich für Kleopatra. Sie versuchte mich zu überreden als Meerjungfrau zu gehen, aber ich würde meine Brust ganz sicher nicht nur mit zwei kleinen Muscheln bedecken. Ich lehnte auch die fröhliche Milchmagd mit viel zu viel Dekolleté ab.

„Komm schon, Schätzchen. Mach es nicht so kompliziert“, sagte Mummy.

„Ich glaube, ich könnte als Nonne gehen“, schlug ich vor und hielt einen schwarz-weißen Habit hoch.

„Schätzchen, meine Tochter wird sich nicht als Nonne blicken lassen. Du bist unverbesserlich prüde. Ich wünschte wirklich, dieser Darcy hätte dich bei eurem ersten Treffen leidenschaftlich verführt.“

„Das hat er versucht“, gab ich zurück und errötete bei der Erinnerung daran und an die anderen Male, bei denen wir „es“ beinahe getan hätten. Aber irgendetwas war immer dazwischengekommen. „Ich habe ja gar nichts dagegen. Es gab nur nie eine günstige Gelegenheit.“

„Es gibt immer noch Brighton, Schätzchen. Es gibt immer eine Möglichkeit, wenn du es nur genug willst. Jetzt leg dieses Nonnenkostüm wieder hin. Ich verbiete es dir. Hier, probier das schwarze Katzenkostüm an. Es sieht sehr lustig aus.“ Mummy hielt es mir hin. „Und du hast reizende lange Beine, die du herzeigen kannst.“

Also stimmte ich widerwillig zu. Zumindest würde mich mit einer schwarzen Schnauze und Schnurrhaaren niemand erkennen. Als wir zum Abendessen an den Kapitänstisch kamen, war der Ball das Hauptgesprächsthema.

„Wir verkleiden den göttlichen Juan als Cowboy. So sexy. Alle Frauen werden in Ohnmacht fallen“, sagte Stella. „Was ist mit den anderen?“

„Wir haben unsere Kostüme selbst mitgebracht“, sagte Sir Digby. „Meine Frau ist mit Nadel und Faden sehr geschickt und wir gewinnen immer den ersten Preis beim örtlichen Gartenfest. Nicht wahr, altes Mädchen? Aber wir sagen Ihnen nicht, als was wir gehen. Es ist eine Überraschung.“

„Ich habe für solche kindischen Vergnügungen nichts übrig“, sagte Mrs Simpson. „Im echten Leben trage ich schon oft genug extravagante Kleider.“

„Vielleicht verkleidet sie sich als Königin“, flüsterte mir Mummy zu. Ich wäre fast an meiner Hummercremesuppe erstickt. Alle unterhielten sich fröhlich, mit Ausnahme von Prinzessin Promila, die verhalten und distanziert wirkte.

„Werdet Ihr zum Ball kommen, Eure Hoheit?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht.“

Sie beantwortete den Rest meiner Fragen einsilbig und ich fragte mich, ob sie seekrank geworden war und sich immer noch davon erholte.

„Also, Schätzchen“, sagte Mrs Simpson zu mir, als die andere Seite des Tisches lebhaft über die Zukunft des Tonfilms diskutierte, „verraten Sie mir, was Sie in Amerika vorhaben?“

„Ich leiste nur meiner Mutter Gesellschaft. Sie hasst es, allein zu reisen“, sagte ich.

„Und was mag Ihre Mutter wohl vorhaben? Sie reist ohne den gut aussehenden Deutschen? Ist er nicht mehr auf der Bildfläche oder sucht sie nach neuer Beute?“

„Max ist mit seinen Fabriken in Deutschland beschäftigt und konnte nicht fort“, sagte ich. „Daher hat sie mich gefragt.“

„Also ist das nur ein kleiner Vergnügungsausflug? Ich habe gehört, dass Sie Richtung Westen reisen? Aus welchem Grund?“

Mir fiel der Tratsch ein, den ich am Vormittag an Deck gehört hatte. „Vermutlich aus demselben Grund, aus dem Sie allein reisen“, sagte ich.

Sie musterte mich mit zusammengekniffenen Augen und schien sich zu fragen, wie viel ich wusste. „Ich werde lediglich einige finanzielle Angelegenheiten regeln“, sagte sie. „Ich hatte mich gefragt, ob die Reise Ihrer Mama etwas mit einem Film zu tun hat.“

„Möglich“, sagte ich. „Wie ich höre, möchte jemand unbedingt ihre Lebensgeschichte verfilmen.“

Sie stieß ihr charakteristisches heiseres Lachen aus. „Mein Gott. Das wäre unerhört. Ein solcher Film würde nie an der Zensur vorbeikommen.“

Das Dinner ging weiter. Ich war ziemlich stolz auf mich. Die Zeiten, in denen ich in Gegenwart von Leuten wie Mrs Simpson kein Wort herausbrachte, waren vorbei. Endlich wurde ich wirklich erwachsen. Später an der Bar gesellte sich der gut aussehende Juan zu uns und tanzte mit Stella und Mummy. Ich beobachtete Cys Miene, als Stella tanzte, und bemerkte eine tiefe Furche zwischen seinen Augenbrauen. In welchem Verhältnis stand er zu Stella? Hatte nicht jemand etwas von einer Mrs Goldman erwähnt?

***

Der nächste Tag zog sonnig und klar auf. Der Steward hatte meinen Tee schon gebracht, bevor Queenie in meine Kabine wankte, noch immer leicht grün im Gesicht.

„Du kannst heute unmöglich seekrank sein“, sagte ich. „Das Meer ist vollkommen still. Das Wetter draußen ist herrlich.“

„Ich spüre immer noch, wie es rauf und runter geht, rauf und runter“, sagte sie.

„Was du brauchst, ist ein gutes Frühstück“, sagte ich. „Ich werde mich selbst ankleiden. Du siehst zu, dass du Eier und Speck in den Magen bekommst.“

Sie stöhnte. „Erwähnen Sie mir gegenüber nichts von Essen, Miss. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder etwas essen werde.“

„Nun, das hält die Lebensmittelkosten gering“, sagte ich, vielleicht ein wenig zu unsensibel, da ich mich selbst bemerkenswert gut fühlte. „Kopf hoch, Queenie. Geh raus an die frische Luft. Dreh eine Runde über das Deck und iss dann etwas, selbst wenn es nur etwas Tee und Toast ist. Ich verspreche dir, du wirst dich besser fühlen.“

Sie taumelte davon. Ich badete und zog mich an. Mummy war eine notorische Langschläferin, also ging ich an Deck und entdeckte sogleich meinen amerikanischen Freund, der inmitten einer Gruppe jüngerer Männer wieder Ringewerfen spielte. „Komm und setz dich zu uns“, rief er.

Ich war froh, Tubby Halliday nirgends zu sehen, und gesellte mich zu ihnen.

„Du liebes bisschen. Georgiana Rannoch, nicht wahr?“, rief einer von ihnen aus. Oh Gott. Nicht noch ein Zeitungsreporter, dachte ich.

Er war groß und schlaksig, seine Haare fielen ihm in die Stirn und sein Miene wirkte kindlich und geistesabwesend. Er rannte auf mich zu wie ein überdrehter Welpe. Ich erkannte ihn im selben Moment, als er zu sprechen begann: „Ich bin Algie. Algie Broxley-Foggett. Wir haben uns während deiner Saison auf einem Jagdball getroffen. Bei den Windermeres.“

„Oh ja, jetzt erinnere ich mich“, sagte ich. „Hast du nicht die Vorhänge in Brand gesteckt?“

Er grinste. „Ach, das. Ein dummer kleiner Unfall mit einer Zigarette, von der ich dachte, ich hätte sie ausgedrückt. Nicht böse gemeint, ja? Ich fürchte, ich werde vom Pech verfolgt. Neige zu Unfällen, weißt du.“

Er nahm den Ring, den ihm jemand reichte, und schleuderte ihn in Richtung Pflock. Stattdessen segelte er durch die Luft und traf einen älteren, militärisch aussehenden Mann, der mit seiner Frau an Deck einen Spaziergang machte, am Hinterkopf.

„Was zum Teufel?“, beschwerte der sich und wirbelte herum.

„Tut mir leid und so weiter“, sagte Algie mit einem entschuldigenden Grinsen. „Plötzlicher Windstoß, wissen Sie.“

Er drehte sich wieder zu uns um. „Siehst du, was ich meine? Mein alter Herr hält mich für einen völligen Reinfall. Ich finde das ziemlich harsch. Ich würde mich eher als Enttäuschung oder sogar als hoffnungslosen Fall bezeichnen, aber nicht als völligen Reinfall. Aber als ich das Badezimmer überschwemmt habe und die Decke über ein paar ziemlich wertvollen Bildern einstürzte, war er etwas konsterniert. Also kaufte er mir eine einfache Fahrkarte nach Amerika und befahl mir, gen Westen zu reisen und meinen Mann zu stehen.“

„Was hast du vor?“, fragte ich.

„Sein Pa möchte, dass er auf einer Ranch arbeitet, damit ein zäher Bursche aus ihm wird“, sagte mein amerikanischer Freund. „Wahrscheinlich wird er die ganze verdammte Viehherde in die Flucht jagen.“

„Gut möglich“, sagte Algie leichthin. „Und werde dabei zu Boden getrampelt werden. Würde dem alten Herrn recht geschehen, wenn sein Sohn und Erbe plattgemacht wird und der Adelstitel ausstirbt. Komm, Georgie. Du bist dran.“

Merkwürdigerweise warf ich ausgesprochen gut. Vielleicht wurde mein Selbstvertrauen dadurch gestärkt, dass jemand an Bord war, der tollpatschiger war als ich und Unfälle mehr anzog. Danach wurde vorgeschlagen, unten schwimmen zu gehen. Es war seltsam, in diesem hallenden, höhlenartigen Raum zu schwimmen. Es hatte etwas Düsteres und als Algie beim Sprung vom Beckenrand mit einem Platschen auf einer dicken Amerikanerin landete, die anfing herumzuzetern, zogen wir uns hastig zurück. Ich war froh, wieder ins helle Sonnenlicht zu treten.

***

Als ich schließlich nach Mummy sah, war sie wieder bei ihren Filmleuten und las im Drehbuch. Anscheinend hatte Stella das Drehbuch schon vor Ewigkeiten fertiggestellt und sie hatten nach einer Besetzung für Mary gesucht. „Und wer soll diesen Don Alonso spielen, in den ich mich unsterblich verlieben soll?“, fragte Mummy.

„Wir haben ihn noch nicht gecastet. Aber er wird genauso ungezähmt und gut aussehend wie Juan, das verspreche ich dir“, sagte Cy.

„Dann könnte es durchaus amüsant werden“, kommentierte Mummy.

Als wir zum Dinner nach unten gingen, war Promila nirgends zu sehen.

„Gestern Abend war sie sehr ruhig“, sagte ich. „Ich hoffe, es geht ihr gut.“

„Heute war das Meer so glatt wie ein Teich“, sagte Sir Digby. „An einem solchen Tag kann sich doch niemand seekrank fühlen, nicht wahr, altes Mädchen?“

„Ich fühle mich äußerst gesund“, sagte Lady Digby, „aber ich halte es für eine Frage der Willenskraft. Zuhause bin ich sehr aktiv in der Bewegung für Gesundheit und Schönheit und bei den Pfadfinderinnen. Auf Bewegung und frische Luft lege ich allergrößten Wert. Sir Digby und ich sind heute schon fünfmal über das Deck spaziert.“

Nach dem Dinner zogen wir uns zum Kostümball um. Sobald ich mich als schwarze Katze kostümiert hatte, merkte ich, dass es ein Fehler gewesen war. Ich bin recht groß und dünn und das Kostüm war sehr eng anliegend, wodurch ich wie eine schwarze Regenrinne mit Ohren und Schnurrhaaren aussah.

„Du siehst sehr nett aus“, sagte Mummy liebevoll, „und ich bin mir sicher, dass du Spaß haben wirst.“

Sie selbst sah als Kleopatra natürlich umwerfend aus. Die schwarze Perücke betonte ihre großen blauen Augen, die sie mit Kohlstift umrandet hatte, und angesichts der bewundernden Blicke, die sie auf sich zog, lächelte sie selbstzufrieden, bis wir den Ballsaal betraten und herausfanden, dass Stella Brightwell ein identisches Kostüm trug.

„Also wirklich, das ist unerhört“, sagte Mummy. „Man sollte das gleiche Kostüm nicht mehrmals verleihen.“

„Das kümmert niemanden“, sagte Stella. „Außerdem sehen wir beide hinreißend darin aus, nicht wahr, Cy?“

„Ich platze vor Stolz auf meine beiden Stars“, sagte er und legte seine Arme um sie. Er war als Benjamin Franklin verkleidet und mit der Perücke und der runden Nickelbrille sah er wirklich so aus. Als Juan sich uns anschloss, gaben sowohl Stella als auch meine Mutter ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Stöhnen und Seufzen lag. Hätte ich geglaubt, dass er auch nur ansatzweise Interesse an einer schwarzen Regenrinne mit Schnurrhaaren zeigte, hätte ich ebenfalls aufgestöhnt. Er trug enge Hosen mit Fransen, Stiefel mit Sporen, ein Lederhemd, das ihm bis zur Taille offen stand, und einen schwarzen Cowboyhut. Er hob ihn grüßend in Stellas Richtung, dann nahm er ihre Hand und küsste sie.

„Ich bin mir sicher, dass Cowboys keine Handküsse geben“, lachte sie.

„Du wärst erstaunt, was Cowboys können“, sagte er in seiner verführerischen spanischen Stimme. Wir durchquerten den Ballsaal zu einem der Tische am Fenster. Ich beobachtete, wie meine Mutter sich bewegte, wie sich Köpfe nach ihr umdrehten, als sie vorbeiging. Warum hatte ich nicht mehr von ihrer Anmut und ihrem Aussehen geerbt? Stattdessen hatte ich das Äußere und den Körperbau meiner kerngesunden schottischen Vorfahren. Trotzdem fand Darcy mich begehrenswert, rief ich mir in Erinnerung. Doch das machte mich wehmütig. Wenn Darcy mit mir auf dem Schiff gewesen wäre, hätten wir miteinander tanzen und im Mondschein über das Deck spazieren können. Er hätte mich in seine Arme gezogen und mich geküsst …

Ich seufzte. Würden wir jemals genug Geld haben, um heiraten zu können? Ich wurde von einem lauten Klonk aus meiner Träumerei gerissen und als ich aufsah, stand ein Kreuzritter über mir. „Hallöchen, Georgie, altes Haus“, sagte eine Stimme hinter dem Visier. „Hast du Lust, das Tanzbein zu schwingen?“

Du meine Güte. Es war Algie Broxley-Foggett. Mit schrecklicher Klarheit fielen mir wieder die Einzelheiten unseres letzten gemeinsamen Balls ein. Er hatte mich so wild herumgewirbelt, dass wir eine Statue umgestoßen hatten, die mit einem fürchterlichen Krachen zu Boden gepoltert war. Er war mir und jeder anderen weiblichen Person auf die Zehen getreten. Dennoch fiel mir kein guter Grund ein, um die Einladung abzulehnen. Wir klapperten auf die Tanzfläche und fingen in halsbrecherischem Tempo an zu tanzen, was allen Umstehenden Flüche, Schreie und Ächzen entlockte.

„Ich glaube, dein Schwert pikst die Leute“, bemerkte ich.

„Oh, tut mir leid. Kann unter diesem Visier rein gar nichts erkennen“, sagte er.

„Dann nimm es ab.“

„Aber das würde den Effekt zerstören“, sagte er. „Ich soll doch einen furchteinflößenden Ritter abgeben, weißt du.“

„Passen Sie auf, junger Mann“, warnte ein älterer römischer Senator. „Sie haben beinahe meine Frau umgestoßen.“

Ich war froh, als der Tanz zu Ende war. Zum Glück bat mich Sir Digby, verkleidet als König Charles II, zum nächsten Tanz. Lady Porter war als Nell Gwyn mit orangefarbener Lockenperücke und beachtlichem Dekolleté nicht allzu überzeugend. Ich bemerkte, dass sie ihren Gatten mit Argusaugen beobachtete, für den Fall, dass er zu eng mit mir tanzte. Von Tubby Halliday fehlte jede Spur, es sei denn, er war so verkleidet, dass ich ihn nicht erkannte. Als die Band einen Quickstepp anstimmte, wirbelte mich der junge Amerikaner Jerry über die Tanzfläche, und ich stellte fest, dass auch mein eigenes Kostüm einen großen Nachteil hatte. Es hatte einen langen schwarzen Schwanz, der ein Eigenleben zu führen schien: Er flog hin und her und klatschte anderen Tänzern im Vorbeigehen auf den Hintern, woraufhin sie mich entrüstet anstarrten. Danach hielt ich es für klüger, nicht mehr zu tanzen.

Wenigstens hatte ich eine gute Ausrede, nicht mit Algie auf dem Parkett herumzuhüpfen. Ich bemerkte, dass die anderen Ladys ihn auf ähnliche Weise abgewiesen hatten und er seine Sorgen anscheinend mit einer Menge Cocktails ertränkte. Was Drinks anging, hatte ich ebenfalls Probleme. Cocktails stiegen mir sehr schnell zu Kopf und Cy Goldman spendierte mir immer wieder neue Drinks, die ich nicht wollte.

„Komm schon, Herzchen. Davon bekommst du Haare auf der Brust“, sagte er jedes Mal, wenn ein neues Glas vor mir stand. Ich nahm einen Schluck oder zwei und überlegte, wann ich mich davonstehlen konnte, um schlafen zu gehen, ohne unhöflich zu wirken. Entsetzt schaute ich auf, als Algie wieder auf mich zustolperte. Er hatte nun sein Visier abgenommen und sah ziemlich verquollen aus. „Hallöchen Georgie. Lust, noch mal das Tanzbein zu schwingen?“, fragte er. „Diesmal ist es ein langsamer Walzer. Nichts zu wildes.“ Aber er sprach es als „Wallsser“ aus und schwankte dabei so, dass er beinahe unseren Tisch umstieß.

„Weißt du, Algie, ich glaube, es ist an der Zeit, dass du zu Bett gehst“, sagte ich. „Wenn du noch einen Tanz versuchst, endet es wieder in einem Desaster.“

„Da könntest du recht haben, altes Haus“, sagte er. „Das Zimmer schwankt ein bisschen. Bin ich es oder schwankt das Schiff?“

„Das bist du“, sagte ich. „Komm mit, ich bringe dich nach draußen.“

Wir durchquerten den Ballsaal ohne größere Zwischenfälle. „Auf welchem Deck ist deine Kabine?“

„A-Deck.“

„Oh, meine auch.“

Ich führte ihn eine Treppe hinunter und zu seiner Kabine. Ohne Warnung packte er mich und ich bekam einen schrecklich feuchten Kuss. Ehrlich gesagt erinnerte er mich an den Labrador, den wir besessen hatten, als ich jünger gewesen war – nur weniger angenehm. Ich wehrte ihn ab und stieß ihn fort.

„Was glaubst du, was du da tust, Algie?“

„Nur ein kleiner Kuss, altes Haus. Für die guten alten Zeiten.“

„Nur, weil ich dich zu deiner Kabine begleitet habe, bedeutet das nicht, dass ich ein solches Benehmen gutheiße.“

Er hielt noch immer meine Taille umfasst. „Aber verdammt noch mal, Georgie. Du bist ein Mädchen und ich ein gesunder, heißblütiger Mann. Mein alter Herr sagt mir immer, dass ich die Gelegenheit beim Schopf packen soll, also habe ich es getan.“

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder entrüstet sein sollte. „Tut mir leid, aber das heißt nicht, dass du mich beim Schopf packen kannst. Geh schon, ab ins Bett mit dir.“

„Wo wir von Betten sprechen“, sagte er und warf mir einen, wie er hoffte, lüsternen Blick zu. „Du hättest nicht zufällig Lust auf ein schnelles Nümmerchen, was? Wo unsere Kabinen doch so nah beieinander liegen.“

„Vielen Dank, aber nein“, gab ich zurück. Dieses Mal konnte ich ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Das sagen alle Mädchen. Ich habe gehört, dass amerikanische Mädchen leichter zu haben sind. Gott, ich hoffe, das stimmt.“ Damit stolperte er fort, den Gang entlang.

Ich wollte ebenfalls zu Bett gehen, aber von den Cocktails war mein Kopf noch benebelt, also ging ich aufs Deck hinaus und lehnte mich über das Geländer. Ein beinahe voller Mond leuchtete über dem schwarzen Meer und erhellte die weißen Schaumspitzen des Kielwassers. Die Klänge des Orchesters drifteten zu mir hinaus, ein langsamer Walzer. Ich stand da, von einem melancholischen Gefühl und tiefer, schmerzhafter Sehnsucht erfüllt. Plötzlich bemerkte ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Ich glaubte zu sehen, wie etwas vom Schiff flog. Etwas Großes stürzte ins Wasser. Einen Moment lang traute ich meinen Augen nicht und hielt es für eine Illusion des Mondlichts, aber dann hörte ich weit, weit unter mir das Klatschen des Aufpralls auf den Wellen.

Kapitel 8

Auf der Berengaria

Spätabends, Samstag, 14. Juli 1934

Ich konnte nicht glauben, was ich soeben gesehen hatte. Ich beugte mich so weit vor, wie ich mich traute, und spähte hinunter in die Dunkelheit. Das Mondlicht malte seltsame Formen auf das Wasser, aber ich war mir sicher, dass in der Bugwelle etwas dümpelte – etwas, das wie der Kopf eines Menschen aussah. War das Haar, das auf der Wasseroberfläche schwamm? Langes, dunkles Haar?

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Einen Moment lang stand ich wie angewurzelt da. Falls ich Alarm schlug und falschlag, würde ich mich lächerlich machen, aber was, wenn wirklich ein Mensch im Ozean trieb? Mir fiel der Mann ein, der mich zurückgezogen hatte, als ich mich an der Anlegestelle über die Reling gelehnt hatte. Was, wenn jemand, der ebenso betrunken war wie Algie, sich zu weit hinausgelehnt hatte und gestürzt war? Ich rannte wieder hinein. Was rief man in einer solchen Situation?

„Mann über Bord“, schrie ich in den Treppenaufgang. Dann erinnerte ich mich an das lange Haar. „Nein – Frau über Bord. Ich meine – Person über Bord. Hilfe. Schnell. Jemand ist ins Meer gestürzt.“

Auf der großen Treppe waren einige Leute, die aus dem Ballsaal kamen. Sie handelten sofort. Zwei Männer begleiteten mich aufs Deck, während ein dritter sich auf die Suche nach einem Besatzungsmitglied machte.

„Ich stand etwa hier“, sagte ich, während einer der Männer die Teakholzkiste in der Nähe öffnete, Rettungsringe herausnahm und begann, sie über Bord zu werfen.

„Nicht sehr aussichtsreich, in dieser Dunkelheit jemanden wiederzufinden“, sagte er. „Sind Sie sicher, dass es eine Person war und nicht einfach Müll, den jemand über Bord geworfen hat?“

„Ich bin mir überhaupt nicht sicher“, sagte ich, „aber ich dachte, ich hätte Haare gesehen, die auf der Wasseroberfläche trieben.“

„Aber niemand schrie um Hilfe? Kein Platschen?“

„Nein. Gar nichts.“

Nun traf ein Offizier ein, begleitet von weiteren Besatzungsmitgliedern.

„Hier ist die junge Lady, die es gesehen hat“, sagte der Mann, der die Rettungsringe geworfen hatte.

„Wie lange ist das her?“, fragte der Offizier und spähte in das schwarze Wasser unter uns.

„Nicht lange. Es geschah ganz plötzlich. Vor ein paar Minuten.“

„Wir fahren mit sechsundzwanzig Knoten“, sagte er. „Eine Person wäre innerhalb weniger Minuten meilenweit hinter uns. Ich werde es dem Kapitän mitteilen.“

Wir standen an der Reling und starrten hilflos in die Dunkelheit. Dann spürten wir, wie die Motoren des Schiffes aussetzten und wir drehten. Ein Suchscheinwerfer wurde auf ein Deck unter uns gebracht und unheimliches Licht spielte auf dem Wasser. Ein Rettungsboot wurde herabgelassen, aber ich glaube, wir wussten alle, dass es beinahe aussichtslos war. Wie sollte man in den Weiten dieses Ozeans jemanden wiederfinden, wenn wir uns alle paar Minuten eine Meile von ihm entfernt hatten? Mir war mulmig zumute und ich stellte fest, dass ich zitterte. Einer der Männer bemerkte dies.

„Sie frieren, junge Lady. Bringen wir Sie rein. Hier oben können wir nichts mehr tun. Es liegt jetzt in den Händen der Schiffsbesatzung. Kommen Sie mit. Wir besorgen Ihnen einen Brandy.“

Der Kostümball war zu Ende und der Ballsaal lag verlassen da. Von meiner Mutter und ihrer Gefolgschaft keine Spur. Die Männer begleiteten mich durch den Ballsaal zum Palmenhof, setzten mich auf einen Stuhl und reichten mir ein Gläschen Brandy. „Trinken Sie das aus. Dann geht es Ihnen besser“, sagte einer von ihnen. Eigentlich wollte ich mich nur noch in mein Bett verkriechen, aber ich nahm an, dass mir irgendwann jemand Fragen stellen würde, und tatsächlich kam ein Schiffsoffizier auf uns zu, bevor ich meinen Brandy austrinken konnte. Er erklärte, dass der Kapitän mit mir sprechen wolle. Ich folgte dem Offizier durch lange Gänge, bis er an eine Tür am Ende eines Korridors klopfte und mich dann hineinführte. Ich erkannte, dass ich mich auf der Brücke befand.

„Die junge Lady, Sir“, sagte er.

Der Kapitän stand am Ruder, während die anderen Besatzungsmitglieder aus den Fenstern spähten.

„Übernehmen Sie für mich, Higgins“, sagte der Kapitän. „Eine letzte Runde, dann werden wir es aufgeben müssen.“

„Sehr wohl, Sir.“

Der Kapitän wandte sich mir zu und ich sah das Wiedererkennen in seinen Augen, trotz des Katzenkostüms. „Ah, Lady Georgiana. Sie sind es. Mir wurde nur gesagt, es sei eine junge Frau im Katzenkostüm. Bitte setzen Sie sich. Das muss sehr aufwühlend für Sie gewesen sein.“

Ich nickte. Ich zitterte immer noch, als ich mich auf einen Stuhl setzte, den ein Besatzungsmitglied für mich geholt hatte.

„Sie beobachteten also, wie jemand vom Schiff ins Meer stürzte. Sind Sie sich da sicher?“

„Das Problem ist, dass ich nicht genau weiß, was ich sah. Es passierte alles so schnell. Ich sah die Bewegung nur aus dem Augenwinkel.“

„Hat es noch jemand gesehen?“

„Nein. Ich war zu dem Zeitpunkt ganz allein an Deck.“

„Glauben Sie nicht, Ihre Fantasie könnte Ihnen einen Streich gespielt haben? Das Mondlicht kann seltsame Illusionen auf dem Ozean erzeugen, besonders nach einer Nacht voller Trank und Tanz.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe ganz sicher etwas gesehen.“

„Erzählen Sie uns ganz genau, was Sie gesehen haben.“ Er zog einen Stuhl neben mir heran.

Ich runzelte die Stirn und versuchte, heraufzubeschwören, was ich gesehen hatte. „Ich stand oben auf dem A-Deck und schaute auf das Meer hinaus, als ich zu sehen glaubte, wie etwas aus einem Fenster weiter hinten auf dem Schiff flog. Ich beobachtete, wie es ins Meer fiel. Ich hörte ein Platschen und als ich hinunterblickte, kam es mir so vor, als würde langes dunkles Haar auf der Wasseroberfläche treiben.“

„Sind Sie sich sicher, dass es eine Person war?“

„Ganz und gar nicht. Es hätte ein großer Gegenstand sein können. Ein großes Bündel.“

„Ein Bündel, sagen Sie?“, fragte er scharf. „Weshalb verwenden Sie diesen Ausdruck?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Ist mir so in den Sinn gekommen.“

„Und als sie hinunter auf den Ozean blickten, sahen Sie niemanden, der strampelte, mit Wasser spritzte oder um Hilfe rief?“

Ich schüttelte den Kopf. „Keinerlei Bewegung.“

„Kein bleiches Gesicht? Bleiche Arme und Füße?“

„Nein. Nur eine dunkle Form und das treibende Haar.“

Der Kapitän warf dem Offizier neben mir einen Blick zu.

„Würden Sie sagen, dass der Gegenstand oder die Person direkt nach unten fiel, oder sprang sie vielleicht zuerst?“

Erneut dachte ich nach. „Das kann ich nicht sagen. Ich bemerkte nur eine Bewegung und hatte den Eindruck, dass etwas stürzte. Etwas recht Großes und Dunkles.“

„Und woher, glauben sie, stürzte es?“

„Es muss wohl auf gleicher Höhe wie ich gewesen sein“, sagte ich. „Auf dem A-Deck, ein gutes Stück weiter rechts von meinem Standort aus. Ich schätze, es hätte auch von einem Deck weiter unten fallen können, aber das glaube ich nicht.“

„Richtung Heck, meinen Sie?“

„Ja.“

„Das wäre also der Teil des A-Decks, wo es kein Promenadendeck gibt. Wo die Kabinenfenster direkt zur Wand des Schiffs hinausgehen?“

„Ja, ich glaube schon.“

„Jones, finde heraus, wem diese Kabinen auf der Steuerbordseite gehören“, sagte der Kapitän.

„Möchten Sie sofort mit den Bewohnern sprechen, Sir?“

Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht. Wenn wir bei unserer Suche heute Nacht niemanden auf dem Meer finden und bis zum Morgen niemand als vermisst gemeldet wird, müssen wir weitere Schritte einleiten, aber im Moment möchte ich die Passagiere nicht unnötig beunruhigen. Brooks müsste sich jeden Augenblick vom Rettungsboot aus melden. Ich persönlich halte es für höchst unwahrscheinlich, dass wir etwas finden werden. Die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen wäre im Vergleich dazu eine leichte Aufgabe.“

Seit dem Vorfall hatte ich mich unwohl und ängstlich gefühlt, aber jetzt war ich mir eines anderen Gefühls bewusst. Jemand beobachtete mich. Als ich mich umdrehte, um nachzusehen, ob noch jemand außer uns auf der Brücke war, spürte ich, wie mir ein Schauer über den Rücken lief. Doch ich sah niemanden.

„Ich glaube, Sie gehen besser zu Bett, Lady Georgiana.“ Der Kapitän tätschelte meine Hand. „Danke für Ihr schnelles Handeln, aber heute Nacht können Sie nichts mehr tun. Morgen früh müssen Sie eine offizielle Erklärung abgeben.“

Ich stand mit zittrigen Knien auf.

„Johnson, begleiten Sie Lady Georgiana zurück in ihre Kabine“, sagte der Kapitän, „und lassen Sie sich von ihr genau zeigen, wo sie stand und was sie gesehen hat.“

Ein junger Seemann nahm meinen Arm. „Hier entlang, Mylady“, sagte er und führte mich von der Brücke.

Als ich ging, hörte ich einen Offizier sagen: „Was denken Sie, Sir? Irgendeine Verbindung?“

„Könnte gut sein“, hörte ich eine andere Stimme leise antworten - eine sanfte, tiefe Stimme, kaum lauter als ein Flüstern. „Wenn sie sagt, sie hat etwas gesehen, dann hat sie es gesehen.“

„Wir sollten also sofort die Suite der Prinzessin aufsuchen?“

„Unbedingt.“

Ich drehte mich um, aber die Tür schloss sich, als ich auf halber Höhe der Treppe war, und ich hörte nichts mehr. Die Suite der Prinzessin? Mir fiel ein, dass Prinzessin Promila nicht zum Abendessen erschienen war. Vermuteten sie etwa, dass ihr etwas zugestoßen war?

Der junge Seemann führte mich auf die Promenade des A-Decks, und ich zeigte ihm die genaue Stelle, wo ich gestanden hatte, und wiederholte, was ich gesehen hatte. Dann begleitete er mich zu meiner Kabine. Queenie war nirgends zu sehen, was nicht weiter verwunderlich war, da sie es selten schaffte, bis spätabends wach zu bleiben, und jedes Mal, wenn sie in Erscheinung trat, jammerte wie Banquos Geist. Es gelang mir das Katzenkostüm auszuziehen und ich nahm die schwarze Nase und die Schnurrhaare ab, bevor ich zu Bett ging und mich in die Decke wickelte. Was für ein merkwürdiger Abend, dachte ich. Wie schrecklich es wäre, wenn jemand versehentlich nach übermäßigem Alkoholgenuss über Bord gegangen wäre. Aber warum hatte es dann nach dem Sturz keine Anzeichen dafür gegeben, dass jemand versucht hatte, über Wasser zu bleiben? Warum hatte ich keine Hilferufe gehört? Hatte jemand beschlossen, sich umzubringen, und daher nicht versucht, Gegenwehr zu leisten, als er in den Wellen versunken war? Es schien mir unwahrscheinlich. Und wenn ich etwas völlig Harmloses beobachtet hatte, jemanden, der einen unliebsamen Gegenstand aus dem Fenster geworfen hatte? Aber welcher Gegenstand war so groß? Und was war auf dem Wasser getrieben wie menschliches Haar?

Der Alkohol der Cocktails und der darauffolgende Brandy ließen das Zimmer um mich herum schwanken. Ich schloss meine Augen und wünschte, der Schlaf würde kommen. Ich nickte gerade ein, als ich ein kaum merkliches Geräusch wahrnahm – das Klicken eines Türknaufs oder eines Schlüssels im Schloss. Jemand betrat mein Zimmer. Sofort war ich hellwach und in Alarmbereitschaft. Meine Tür hatte ich gewiss abgeschlossen. Und lediglich der Steward hatte einen Generalschlüssel. Ein schmaler Lichtstreifen erschien, als sich die Tür Zoll für Zoll öffnete, dann schob sich eine schwarze Silhouette vor das Licht. Ein hochgewachsener Mann in dunkler Kleidung trat ein.

Binnen einer Sekunde war ich auf den Beinen und sah mich nach etwas um, das ich als Waffe verwenden konnte. Wie ärgerlich, dass auf Schiffen alles festgeschraubt war. Es gab weder eine Vase noch eine Nachttischlampe oder einen Waschkrug. Alles, was mir einfiel, war das Obstmesser in der Obstschale auf dem Tisch, und das würde kaum genügen, um einen entschlossenen Eindringling abzuwehren. Dennoch griff ich danach und spürte die Kälte des Perlmuttgriffs, als sich meine Hand darum schloss.

„Kommen Sie nicht näher, ich habe ein Messer und keine Skrupel es zu benutzen“, sagte ich mutig.

Ich hörte ein tiefes Lachen, dann machte der Eindringling einen Schritt auf mich zu, packte meine Hand mit dem Messer und schob sie beiseite. Mit dem anderen Arm zog er mich an sich und erstickte den Schrei, den ich ausstoßen wollte, mit einem Kuss. Einen Augenblick lang war ich zu überrascht, um zu reagieren. Dann schwand mein Widerstand dahin. Ich kannte diese Lippen gut. Einen langen Moment vergaß ich, wütend auf ihn zu sein, dann schob ich ihn weg, als sich seine Arme um mich schließen wollten.

„Was zum Teufel soll das, du hast mich beinahe zu Tode erschreckt“, rief ich aus.

Darcy lächelte auf mich hinab. In dem Licht, das vom Gang hereindrang, sah ich das Funkeln in seinen Augen.

„Entschuldige. Ich musste dich irgendwie davon abhalten zu schreien und das schien mir die beste Möglichkeit.“

Er ging zur Tür und schloss sie, während ich die Lampe über dem Bett einschaltete. Er nahm meine Hand, die noch immer das Obstmesser umklammerte, und fing an zu lachen. „Mit diesem Messer wolltest du deine Ehre verteidigen?“

„Angesichts der Umstände war es das Beste, was mir einfiel“, sagte ich. Ich ließ mich auf das Bett sinken und er setzte sich neben mich.

„Was tust du hier, Darcy?“, fragte ich. „Ich dachte, ich hätte dich im Hafen gesehen, aber ich redete mir ein, dich verwechselt zu haben, weil ich dich seitdem nicht gesehen habe.“

„Niemand darf wissen, dass ich auf dem Schiff bin“, sagte er und führte seinen Finger auf eine Weise an meine Lippen, die mir angenehme Schauer über den Rücken jagte. „Ich wusste nicht einmal, dass du an Bord warst, bis ich die Passagierliste sah. Natürlich konnte ich dich nicht kontaktieren, was mich in den Wahnsinn trieb. Ich hätte nicht herkommen dürfen, aber ich wollte dich warnen. Morgen wird man dich zu einem Treffen berufen, bei dem ich anwesend sein werde.“

„Aber warum die Heimlichtuerei? Bist du auf der Flucht vor dem Gesetz oder auf irgendeiner Mission?“

„Eher Letzteres“, sagte er, „aber ich fürchte, ich darf dir im Augenblick nichts davon verraten. Wie erstaunlich, dass du diejenige warst, die sah, wie die Person über Bord ging. Auf der Brücke musste ich mich zusammenreißen, als ich sah, dass du hereingeführt wurdest. Ich hatte keine andere Wahl, als mich in die Ecke unter der Treppe zu ducken, damit du mich nicht sehen konntest.“

„Es ist merkwürdig, aber ich habe gespürt, dass du da warst“, sagte ich. „Ich glaube, nach dem, was ich kurz vorher erlebt hatte, wäre ich auf der Stelle in Ohnmacht gefallen, wenn ich dich gesehen hätte.“

Er schüttelte den Kopf. „Du nicht. Du bist aus härterem Holz geschnitzt.“

„Das Problem ist, dass ich wirklich nicht weiß, was ich gesehen habe, außer, dass es mir wie langes Haar vorkam, das draußen auf dem Meer trieb. Glaubst du, dass jemand über Bord gegangen ist?“

„Das werden wir erst erfahren, wenn jemand als vermisst gemeldet wird“, sagte er. „Der Kapitän hat unseren Kurs gut zurückverfolgt, aber ich fürchte, bis wir dort ankamen, hätte eine Person im Meer abgedriftet oder von einer Welle verschluckt werden können – oder sie gab vielleicht einfach auf. Und wenn es, wie du sagst, keine Anzeichen für einen Überlebenskampf gab, war sie vielleicht bewusstlos oder tot, als sie auf dem Wasser aufkam.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken. „Sag das nicht. Es ist zu schrecklich. Im einen Moment haben wir alle Spaß auf dem Ball und im nächsten passiert so etwas.“

Er legte mir einen Arm um die Schultern. „Und – hattest du denn ohne mich Spaß auf dem Ball?“

„Es war furchtbar, wenn du es genau wissen willst. Mummy hatte ein schwarzes Katzenkostüm für mich ausgesucht, in dem ich aussah wie eine schwarze Regenrinne mit Schnurrhaaren, Cy Goldman versuchte unablässig mir Cocktails aufzudrängen und ein schrecklicher Kerl namens Algie Broxley-Foggett war als Ritter in falscher Rüstung verkleidet und bestand darauf mit mir zu tanzen, wobei er alle Umstehenden anrempelte. Also nein, ich kann nicht behaupten, dass ich Spaß hatte.“

Darcy grinste. „Broxley-Foggett? Er ist mit mir zur Schule gegangen. In der sechsten Klasse war er ein dürrer kleiner Kerl. Ein völlig unbedarfter kleiner Bursche. Ich glaube, einmal hat er beim Versuch das Rauchen zu üben den Schlafsaal in Brand gesetzt.“

„Ja, das klingt nach Algie. Er hat auch einmal bei einem Jagdball, auf den ich eingeladen war, die Vorhänge angezündet. Er wurde nach Amerika geschickt, damit ein Mann aus ihm wird.“

„Ein Glück für Amerika“, sagte Darcy. „Wahrscheinlich wird er einen erneuten Börsenkrach an der Wall Street auslösen.“ Er verstummte und betrachtete mich mit einem Lächeln. „Es ist schön, hier bei dir zu sein, wenn auch nur für wenige Augenblicke. Was hast du in Amerika vor? Ich hatte ja keine Ahnung. Ich dachte, du wärst noch in Kingsdowne, nach dem, was ich zuletzt hörte.“

„Ich reise mit meiner Mutter. Das ist streng geheim, aber sie versucht, sich scheiden zu lassen, und jetzt sieht es so aus, als würde sie einen Film mit Cy Goldman und Stella Brightwell drehen.“

„Tatsächlich, bei George! Also hält sie sich für einen Filmstar. Was ist mit dem Deutschen passiert?“

„Er will sie heiraten und ich weiß nicht, ob ihm ein Leinwandauftritt seiner zukünftigen Frau gefallen wird. Aber ich glaube nicht, dass sie der Chance widerstehen kann, wieder berühmt und verehrt zu werden. Mummy liebt es, angebetet zu werden.“

„Tun wir das nicht alle.“ Er nahm mein Gesicht in seine Hände, zog mich an sich und küsste mich. Dann fielen wir unversehens zurück in die Kissen und aus dem Kuss wurde mehr. Es war fast wie im Traum, doch eine leise Stimme in meinem Hinterkopf flüsterte, ich solle jetzt aufhören, bevor es zu spät sei. Aber ich wollte nicht aufhören.

Plötzlich fiel ein heller Lichtstrahl auf uns und ein großer schwarzer Schatten betrat das Zimmer.

„Ich wollte sehen, ob Sie Hilfe beim Entkleiden brauchen, Miss“, sagte Queenie verärgert, „aber wie ich sehe, sind Sie bereits ausgezogen.“

Kapitel 9

Auf der Berengaria auf See

Sonntagmorgen, 15. Juli 1934

Als der Steward am nächsten Morgen meine Kabine betrat, tat er so, als sei nichts Ungewöhnliches vorgefallen. Damit meinte ich nicht Darcy und mich. Darcy war nach Queenies Erscheinen eilig, wenn auch widerwillig, gegangen und hatte ihr eingeschärft, kein Wort von seiner Anwesenheit an Bord zu erwähnen, sonst würde ich sie auf der Stelle entlassen. Ich war mit einem Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen, da ich wusste, dass er auf dem Schiff ganz in meiner Nähe war.

„Guten Morgen, Mylady“, sagte der Steward. „Ein weiterer schöner Tag. Wir haben dieses Mal großes Glück bei der Überfahrt.“

Großes Glück? Nicht für denjenigen, der Pech gehabt hatte, dachte ich und fragte mich, ob jemand inzwischen als vermisst gemeldet worden war. Ich verspeiste gerade den Rest meiner Kekse und trank meinen Tee aus, als eine verschlafene Queenie erschien.

„Da schaffe ich es einmal, wach zu bleiben, und dann wollen Sie mich nicht in der Nähe haben“, sagte sie und starrte mich finster an, die Hände in die Hüften gestemmt. „Ich sagte mir, aus diesem vermaledeiten Katzenkostüm kommt sie ohne Hilfe nie raus, also pass ich besser auf, dass ich nich’ einschlaf’. Da saß ich oben in meiner Koje, bis der letzte Walzer spielte. Und als ich dann reinkam, sah ich, dass Sie es selbst gut hinbekommen haben, das Katzenkostüm auszuziehen. Oder vielleicht mit ein bisschen Hilfe von dem Gentleman.“ Sie warf mir einen vielsagenden Blick zu, als sie das Zimmer durchquerte und das Katzenkostüm vom Boden aufhob. „Was für eine Überraschung, dass er mit uns an Bord ist. Das ist eine unerwartete Wendung, was? Oder wussten Sie es und haben nichts verraten?“

„Queenie, ich hatte keine Ahnung, und du darfst es niemandem erzählen. Mr O’Mara ist sozusagen auf geheimer Mission.“

„Menschenskinder“, sagte sie. „Er führt ‘n ganz schön aufregendes Leben, was?“

„Ein aufregendes Leben“, verbesserte ich sie.

„Ja, sag ich doch.“

Ich seufzte. Sie würde es nie lernen.

„Soll ich Ihnen dann ein Bad einlassen?“, fragte sie. „Und was möchten Sie tragen?“

„Ich glaube, ich ziehe die marineblaue Leinenhose und eine weiße Bluse an, bitte.“

Sie ging zum Kleiderschrank. „Hören Sie, es tut mir leid, dass ich letzte Nacht hereingeplatzt bin, als Sie gerade mitten bei Sie-wissen-schon waren.“

„Ja, mir tut es auch leid“, sagte ich.

„Sie sollten es mich in Zukunft wissen lassen, wenn ich Sie nich’ stören soll. Binden Sie ein Band an die Tür oder so.“

„Queenie, ich hatte das ja nicht geplant.“

„Das tut nie jemand“, sagte sie. „Jedenfalls sagt meine alte Mum das immer. Sie meinte, sie war mit meinem Paps bei den Lichtspielen und sie machten einen Umweg am Kanal entlang und ehe sie sich versah, war sie mit mir schwanger und sie mussten überstürzt heiraten.“

„Ich werde daran denken, keine Umwege am Kanal entlang zu machen“, sagte ich.

Plötzlich erwachte der Lautsprecher in meinem Zimmer knisternd zum Leben. „Achtung, an alle Passagiere. Um zehn Uhr Schiffszeit wird eine Rettungsbootübung für alle Passagiere stattfinden. Alle Passagiere bitte um zehn Uhr zu ihrer Rettungsbootstation. Sie müssen Ihre Schwimmweste nicht mitbringen. Das ist nur eine Übung. Wiederhole, das ist nur eine Übung.“

„Ich frage mich, was das soll“, sagte Queenie. „Es gab schon eine Rettungsbootübung, als wir an Bord kamen. Wir haben doch keinen Eisberg gerammt, oder?“

Ich schaute aus meinem Fenster und sah an Deck Menschen in kurzen Ärmeln. „Das halte ich für höchst unwahrscheinlich“, sagte ich.

Beim Baden wurde mir klar, dass ich den Grund für die Übung kannte. Sie wollten herausfinden, ob jemand fehlte, ohne die Passagiere in Alarmbereitschaft zu versetzen. Ich zog mich an und ging zum Frühstück hinunter, wo nicht wenige Leute ihrem Ärger darüber Luft machten, dass ihr Morgen von einer weiteren lächerlichen Übung unterbrochen worden war.

„Schließlich sind wir nicht auf der Titanic“, sagte eine Frau.

Offensichtlich hatten nicht viele Menschen von dem Vorfall gestern Abend erfahren und ich fragte mich, ob diejenigen, die davon wussten, um Stillschweigen gebeten worden waren. Ich schaffte es, ein herzhaftes Frühstück zu essen, dann begab ich mich zu meiner Rettungsbootstation auf dem Oberdeck. Meine Mutter, Cy Goldman und Stella Brightwell schlossen sich mir an.

„Was für eine alberne Zeitverschwendung“, sagte meine Mutter. „Wie viele Rettungsbootübungen sind noch nötig?“

„Ich glaube, die führen etwas im Schilde.“ Cy spähte über die Reling. „Ich glaube, sie wollen uns vom Promenadendeck fern halten.“

„Was sollten sie im Schilde führen?“, fragte Stella.

„Tja, warum haben sie uns gefragt, ob wir etwas aus dem Kabinenfenster geworfen haben oder ob etwas fehlt?“, meinte Cy.

„Das war wirklich seltsam“, stimmte Stella zu. „Ich verstand nicht, worauf sie hinauswollten. Ich sagte, dass ich vielleicht hin und wieder einen Zigarettenstummel hinausgeworfen habe.“

Ich schwieg. An unserer Rettungsbootstation notierte man unsere Namen und ließ uns eine ganze Weile warten. Erst als eine Meuterei drohte, durften wir wieder gehen. Ich war gerade auf dem Rückweg zu meiner Kabine, als der Offizier von gestern Abend auf mich zukam.

„Lady Georgiana. Der Kapitän bittet um eine kurze Unterredung, wenn es Ihnen recht ist.“

Ich wurde wieder die Treppe hinauf zu den Offiziersquartieren am Heck des Sonnendecks eskortiert. Ich betrat eine freundliche, sonnige Kabine, die mit dunklem Holz getäfelt war. Ein ausgesprochen männlicher Raum. Der Kapitän erhob sich, als ich hereinkam. Ein anderer Offizier stand hinter seinem Schreibtisch und ich zuckte zusammen, als ich sah, dass Darcy am Fenster stand.

„Ah, da sind Sie ja, Lady Georgiana“, sagte der Kapitän. „Wie freundlich von Ihnen, dass Sie gekommen sind. Darf ich den Ersten Offizier Higgins vorstellen. Ich glaube, mit Mr O’Mara sind Sie bereits bekannt.“

„Ja“, sagte ich und verkniff mir ein Lächeln. „Mr O’Mara und ich kennen einander.“

„Bitte setzen Sie sich.“ Er wies auf ein Ledersofa. „Möglicherweise haben Sie schon erraten, was hinter der Vorstellung auf dem Rettungsbootdeck gerade eben steckt.“

„Ich schätze, Sie wollten herausfinden, ob jemand fehlt.“

„Ganz recht.“

„Und was war das Ergebnis?“, fragte ich.

„Anscheinend sind wir vollzählig.“

„Dann muss ich mich dafür entschuldigen, fälschlicherweise Alarm geschlagen zu haben“, sagte ich. „Ich zögerte, bevor ich um Hilfe rief. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das, was ich im Wasser gesehen hatte, ein Mensch war oder nicht.“

„Ich hätte den Vorfall als harmlos abgetan, wenn ich nicht vor zwei Tagen eine beunruhigende Nachricht erhalten hätte. Sie haben Prinzessin Promila an unserem Tisch getroffen. Ihnen wird aufgefallen sein, dass sie gestern Abend abwesend war. Sie ist völlig aufgewühlt, da anscheinend ein großer und äußerst wertvoller Rubin gestohlen wurde, der sich in ihrem Besitz befand. Er wird der Stern von Srinagar genannt und ist ein Familienerbstück von unschätzbarem Wert.“

„Sie gab Ihnen das Schmuckstück nicht zur Aufbewahrung im Schiffstresor?“

Er schüttelte den Kopf. „Sie trägt ihren Schmuck gern. Außerdem wog sie sich in Sicherheit, da sie ihre Juwelen entweder trug oder in ihrem Schmuckkästchen in ihrer Kabine verwahrte.“

„Trug sie den Rubin, als er gestohlen wurde?“, fragte ich.

Er schüttelte wieder den Kopf. „Sie sagt, er habe sich in ihrem Schmuckkästchen befunden. Aber sie schwört, dass ihre Leibdienerin ihre Suite zu keiner Zeit verlassen hat.“

„Ist es nicht möglich, dass die Leibdienerin bestochen wurde, um bei dem Diebstahl mitzuhelfen?“, fragte ich.

„Die Dienerin ist ein altes Faktotum der Familie und der Prinzessin so treu ergeben, dass sie am Fußende ihres Bettes schläft.“

Ich sah zu Darcy hinüber. „Glaubst du, das steht mit meiner Beobachtung letzte Nacht irgendwie in Verbindung? Hast du mich deshalb herbringen lassen?“

Darcy durchquerte den Raum und ließ sich neben mir auf der Lehne des Sofas nieder. „Es ist möglich“, sagte er.

„Aber einen gestohlenen Juwel würde ein Dieb wohl kaum über Bord werfen, oder? Es sei denn, unten wartete ein Boot, um ihn herauszufischen, was nicht der Fall war.“

Darcy nickte. „Es ist verwirrend, da gebe ich dir recht. Aber die Bewohner der Kabinen, aus denen das Objekt geworfen worden sein könnte, schwören, dass sie nichts aus ihren Fenstern geworfen haben und dass nichts zu fehlen scheint.“

„Wenn Sie den Gegenstand, der ins Wasser geworfen wurde, für eine Person gehalten haben, muss er recht groß gewesen sein“, sagte der Kapitän.

Ich nickte. „Als ich sah, wie er in den Ozean stürzte, war die Größe schwer zu bestimmen, aber er war ziemlich sperrig.“ Ich hielt meine Hände auseinander, um es zu demonstrieren.

„Und die Form?“

„Keine eindeutige Form. Jemand erwähnte das Wort ‚Bündel‘ und ich denke, das beschreibt es gut. Vielleicht mehrere in ein größeres Stofftuch gewickelte Gegenstände?“

Darcy verlagerte sein Gewicht auf der Armlehne des Sofas. „Wenn die Kabinen während des Balls ausgeraubt worden wären, würde es alles erklären. Der Dieb schleuderte die Gegenstände über Bord, damit ein Komplize sie aufsammeln konnte – allerdings sind wir mitten im Atlantik und niemand hat gestern Nacht etwas als gestohlen gemeldet, außerdem ist von einem anderen Schiff in der Nähe keine Spur zu sehen.“

„Hier draußen in einem kleinen Boot zu schippern wäre töricht“, sagte der Kapitän. „Ein Schiff von unserer Größe könnte ein kleines Boot auslöschen, ohne es überhaupt zu bemerken. Und wie hätte es so weit aufs Meer hinaus kommen sollen? Nein. Ich muss sagen, dass das Szenario, das Sie vorschlagen, unmöglich ist. Warum also hat jemand etwas über Bord geworfen, wenn er es nicht einem Komplizen überreichen wollte?“

„Jemand, der versucht hat, etwas Belastendes loszuwerden“, schlug ich vor.

Darcy schüttelte den Kopf. „Aber was? Was würde jemand mitten auf dem Ozean loswerden wollen, das man im New Yorker Hafen nicht einfach hinauswerfen kann?“

„Vielleicht fürchtete jemand, dass die Kabinen durchsucht würden?“, sagte ich.

„Wegen des verschwundenen Rubins, meinst du?“, fragte Darcy. „Leider ist es extrem einfach, einen Edelstein auf einem Schiff dieser Größe zu verstecken. Man schiebt ihn zwischen die Schwimmwesten oder steckt ihn in eine Topfpalme. Unsere beste Hoffnung ist, jeden Passagier bei der Landung zu durchsuchen – und was für einen Skandal das verursachen wird.“

„Aber genau das ist nun eingetreten, weil er den Gegenstand überhaupt erst weggeworfen hat“, sagte der Kapitän. Er schaute zu Darcy hinüber. Darcy legte mir eine Hand auf die Schulter, eine Berührung, die mich sofort elektrisierte und für einen Moment vergessen ließ, worüber wir sprachen.

„Georgie, was du nicht weißt, ist, dass die Rettungsbootübung auch dazu diente, jede Kabine nach dem Juwel der Prinzessin zu durchsuchen. Offensichtlich hatten wir nicht genug Zeit, um diese Aufgabe wirklich gründlich zu erledigen, aber es gab viele Kabinen, von denen wir wussten, dass wir sie nicht durchsuchen mussten. Die Familien, die in der zweiten Klasse reisen, ältere Geistliche, alte Jungfern …“

„Was ist mit den Kabinen der Besatzung? Wurden die auch durchsucht?“

„In diesem Fall war das nicht nötig“, sagte Darcy. „Siehst du, der Grund, warum ich auf diesem Schiff bin, ist, dass ich auf der Spur eines berüchtigten Einbrechers bin, der für eine Reihe von Juwelendiebstählen verantwortlich ist. Wir vermuten, dass er ein Gentleman ist. Er lässt immer einen schwarzen Handschuh am Tatort zurück und die Einbrüche finden bei Zusammenkünften der gehobenen Gesellschaft statt. Wer auch immer er ist, er ist clever und verwegen. Er begeht seine Diebstähle direkt vor den Nasen der Leute.“

„Und hinterlässt keine Spuren, keine Beweise?“

„Nichts, nur auf einem der Handschuhe hat jemand die Buchstaben BOB mit Tinte auf das Etikett geschrieben. Ob es sich dabei um eine Markierung des Herstellers oder der Verkaufsstelle handelt, wissen wir nicht. Da unser Einbrecher akribisch ist, können wir davon ausgehen, dass er, wenn er es selbst geschrieben hat, wollte, dass wir es erfahren. Er spielt mit uns.“

„Du sagst immer wieder ‚er‘“, sagte ich. „Bist du sicher, dass es unbedingt ein Mann ist?“

„Es müsste eine außergewöhnlich agile und starke Frau sein, da wir vermuten, dass derjenige Regenrinnen hinaufklettern, auf Fensterbänken balancieren und diverse andere athletische Kunststücke vollbringen kann. Wenn es einer der Gäste der verschiedenen Hauspartys war, was wir vermuten, wäre eine Frau außerdem von ihrer Kleidung eingeschränkt.“

„Und ihr habt Grund zu der Annahme, dass er auf diesem Schiff ist?“

Darcy nickte. „Zwei Gründe, um genau zu sein. Wir wissen, dass es in Paris bereits einen Versuch gegeben hat, die Juwelen der Prinzessin zu stehlen. Und wir wissen, dass Stella Brightwell auf dem Schiff ist.“

Autoren

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    Rhys Bowen (Autor)

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    Sarah Schemske (Übersetzung)

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Titel: Juwelenraub in den Hollywood Hills