Lade Inhalt...

After This Summer

Gegen alle Vernunft

von Elodie Perron (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Celeste Marshall kann ihr Unglück kaum fassen, als sie von ihrem reichen Vater ins südfranzösische Landhaus geschickt wird anstatt den Sommer mit ihm in New York zu verbringen. Als ob das nicht schon schlimm genug ist, wird sie dort von dem wortkargen, rauen Handwerker, der für ihren Vater arbeitet, beaufsichtigt. Yoann Pinot – unverschämt attraktiv, arrogant und unausstehlich – verweigert ihr die Bewunderung, die sie als verwöhnte Tochter aus reicher Familie von ihren Mitmenschen erwartet. Schnell wird ihr klar, dass sie Yoann nicht wie alle anderen so einfach um den Finger wickeln kann. Und selbst Jahre später, zurück in London und eine gescheiterte Ehe weiter, lässt sie der Sommer in Farouse – und vor allem Yoann – nicht los …

Impressum

Secret Desires

Überarbeitete Neuausgabe August 2020

Copyright © 2020 Secret Desires, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-010-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-043-5

Copyright © 2019, Audible Studios
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2019 bei Audible Studios veröffentlichten Audiobooks Celeste. Mein französischer Sommer.

Copyright © 2018, Elodie Perron im Selfpublishing
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2018 bei Elodie Perron im Selfpublishing erschienenen Titels Rückkehr nach Farouse (ISBN: 978-1-71788-997-3).

Covergestaltung: Vivien Summer
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © letovsegda, © tomertu, © WarmHoney_Niki, © Viorel Sima
Korrektorat: Susanne Meier

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

Der Mann auf der anderen Straßenseite

Januar 2016

»Das war’s dann also«, sagt Roger. Da sein Tonfall offenlässt, ob er fragt oder feststellt, nicke ich nur und versuche zu verhindern, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Eine Scheidung ist niemals einfach und unsere liegt gerade mal zehn Minuten zurück. Die Anwälte haben sich schon verabschiedet, aber wir stehen noch neben Rogers grauem Volvo auf dem Parkplatz des Central Family Court und sind bemüht, unserer Ehe ein würdevolles Ende zu geben. So war es immer zwischen uns – reif, erwachsen und ohne Leidenschaft. Das Letztere zumindest von meiner Seite.

»Holt Liz dich ab?«, frage ich.

»Nein. Sie arbeitet. Was ist mit dir? Triffst du dich mit Kathleen?«

»Um Himmels willen!« Jetzt muss ich trotz allem lachen. Meine einst so leichtlebige Schulfreundin ist zu einer schwer verheirateten Frau und gewissenhaften Mutter von Zwillingen geworden. Sie möchte ich heute ganz bestimmt nicht sehen. Nach meiner Beichte, dass meine Ehe am Ende sei, hatte sie mir die Hölle heißgemacht. Erzählte mir etwas von Verantwortung für den Anderen und einem Versprechen, das man gegeben hatte. Und dass ich Roger seine Affäre verzeihen sollte.

Ich habe dazu geschwiegen und mir gedacht: ›Aber es ist keine Liebe.‹

»Das ist vielleicht ein etwas schräger Vorschlag«, Rogers Stimme klingt zaghaft, so, als erwarte er von vornherein eine Abfuhr, »aber wollen wir zusammen essen gehen? Diesem beschissenen Tag wenigstens Rigatoni agli scampi abtrotzen?«

»Ich mag schräg«, erwidere ich. »Und ich mag Pasta.«

 

Eine halbe Stunde später sitzen wir uns im Chez Alphonse gegenüber. Es ist ›unser‹ Tisch, in der Nische hinter dem Tresen. Wir waren oft hier – so oft, dass wir uns einbilden, dem Besitzer etwas zu bedeuten. Auf jeden Fall kennt er unsere Namen und Lieblingsgerichte. Wir haben drei Hochzeitstage hier gefeiert, den vierten verbrachten wir schon getrennt voneinander. Vielleicht ist mir das Restaurant auch deshalb mit einem Mal so fremd. Der rustikale Holztisch, die rotkarierte Decke, die Kerze mit ihren malerischen Wachstropfen – ich verbinde nichts mehr damit. Und auch nicht mit Rogers freundlichem, gutmütigem Gesicht, das mir gleich zweimal in schwierigen Zeiten meines Lebens Sicherheit und Zuverlässigkeit versprochen hatte. Nur ein wenig Wehmut über das Scheitern des Lebensprojektes Ehe klingt in mir. Roger wird nach diesem Essen zu Liz fahren, der Frau, mit der er mich ein halbes Jahr lang betrogen hat und die ihn glücklich machen wird. Sie werden füreinander da sein, sich lieben und ehren bis ans Ende ihrer Tage. Meine Unfähigkeit, ihm das zu geben, was er verdient hätte, führte ihn letztlich zu dem Menschen, der ihn komplettiert.

Ja, ich habe viel Zeit damit verbracht, mir das Scheitern unserer Beziehung schönzureden.

Wir essen, ohne etwas zu sagen, doch die Art und Weise, wie Roger schweigt, zeigt mir, dass ihm etwas auf dem Herzen liegt. »Nun komm schon«, fordere ich ihn auf. »Was ist los?«

Er kann mir kaum in die Augen sehen, schaut von seinem Teller zur Gabel in seiner Hand, auf die Weinflasche und an die Wand. »Liz ist schwanger«, presst er schließlich zwischen zwei Bissen heraus. »Im dritten Monat.«

Ich rechne rasch zurück. Im Oktober holte er seine letzten Sachen. Ich verließ danach drei Tage lang nicht die Wohnung und er zeugte ein Kind. Roger war von uns beiden schon immer der Pragmatischere gewesen. Als Arzt musste er das wahrscheinlich auch.

»Herzlichen Glückwunsch. Ihr werdet wunderbare Eltern sein.«

»Es macht dir nichts aus?«

»Wieso sollte es?«

»Na ja, bei uns hat es nicht geklappt. Wir haben nie probiert –«

»Unsere Trennung lag weder an deinen Spermien noch an meinen Eizellen«, unterbreche ich ihn. Die Schärfe in meinen Worten rührt daher, weil er recht hat. Wäre ich wirklich und wahrhaftig davon überzeugt gewesen, dass unsere Bindung für die Ewigkeit sei, dann hätte ich einfach die Pille absetzen und schwanger werden können.

Das Kratzen der Gabelzinken auf unseren Tellern, als wir die letzten Rigatoni aufspießen, dröhnt wie ein Gewitter durch unser Schweigen. Erst als wir vor der Tür des Restaurants stehen, wendet sich Roger erneut an mich: »Du weißt, weshalb unsere Ehe gescheitert ist, nicht wahr?«

Sofort fahre ich alle Stacheln aus. Das habe ich noch nie an ihm gemocht – diese oberlehrerhafte Art, derer er sich mitunter befleißigt und bei der man nach jeder Antwort eine Zensurenvergabe erwartet.

»Dass du ein Verhältnis mit der Anästhesistin angefangen hast, könnte dazu beigetragen haben, meinst du nicht?«

Mit einem kurzen Kopfschütteln verwirft er meinen Einwand. »Weil während der ganzen Zeit dieser Mann auf der anderen Straßenseite stand. Wir waren nie allein in unserer Ehe, Celeste. Nicht einen einzigen Tag.«

Sein Auto mit ihm darin verschwindet zwischen all den Wagen auf der Straße. Gedankenverloren mache ich mich auf den Weg durch das Menschengewirr in der High Street Kensington. Ein Straßenmusikant versucht sich an Alone again und ich werfe zwei Pfund in seinen Sammelbecher. Nicht, weil er so gut singt, denn das tut er nicht, aber seine Songauswahl trifft meine Situation bemerkenswert genau. Obwohl ich schon längst zu Hause sein müsste, gehe ich in die Gärten, setze mich auf eine der Bänke am Round Pond und beobachte die Enten beim Putzen ihres Gefieders. Touristen laufen im Stop-and-go-Tempo am Kensington Palace vorbei, Jogger sprinten in ihren windschnittigen Plastikhüllen die Wege entlang, geschäftige Frauen und Männer hasten über den Kies, ihre Blicke auf den Boden gerichtet. Jeder dieser Menschen scheint im Hier und Jetzt zu sein, aber meine Erinnerungen schicken mich Jahre und Kilometer hinfort. Nach Farouse, zu Yoann. Er ist ›Der Mann auf der anderen Straßenseite‹, zumindest nannte Roger ihn so. Ich weiß nicht, wie ich ihn bezeichnen würde. Vielleicht als den Mann, der mein Herz in zu kleine Stücke gebrochen hat, um es jemals wieder zusammenzusetzen. Als ich die Augen schließe, verschwinden die Straßengeräusche und die kalten Londoner Januarböen. Fast kann ich den Wind Südfrankreichs auf meinem Gesicht spüren, warme Erde und salziges Meer riechen. Heute lächele ich bei dem Gedanken daran, aber vor acht Jahren war mir nach Heulen und Protestieren zumute. Ich war mit zwanzig ziemlich unausstehlich. Wahrscheinlich bin ich es immer noch.

Wie man New York verschwinden lässt

Mai 2008

»Pass auf, hörst du?«

»Natürlich pass ich auf. Warte, bis ich oben bin und dann kommst du nach.« Ich streife meine High Heels ab und setze meinen Fuß auf die unterste Sprosse des Rosenspaliers. Das Metall drückt sich kalt gegen meine nackte Fußsohle. Mit beiden Händen greife ich die Stangen zwischen den üppigen Blüten der Kletterrosen und danke insgeheim dem Gärtner, der eine Sorte ohne Dornen gepflanzt hat. Jetzt die nächste Sprosse. Und noch eine. Zum Glück ist mein Rock so kurz, dass er mich beim Klettern nicht stört. Und beim Tanzen sieht es heiß aus, wenn ich mich ein wenig nach vorne beuge.

Ich werfe einen Blick zurück, löse eine Hand und winke Kathleen wie ein tollkühner Pirat, der in die Wanten steigt. Sie schlägt sich die Hand vor den Mund, aber ich höre ihr furchtsames Quieken trotzdem.

Dicht an die Backsteinmauer gepresst, klettere ich dann vorbei an Rektor Palins Fenster im ersten Stock, aus dem bläuliches Fernseherlicht flimmert. Das mokant grinsende Gesicht von Simon Cowell füllt die Mattscheibe in Großaufnahme. Unglaublich! Palin sieht das Finale von Britain’s got Talent. Sollte mir der Typ jemals wieder mit seiner Litanei über die Wichtigkeit humanistischer Bildung kommen, werde ich mein neugewonnenes Wissen gegen ihn verwenden. Langsam klettere ich weiter und nähere mich meinem Fenster, das ich einen Spalt weit offengelassen habe, damit Kathleen und ich nach unserem samstäglichen Ausflug heimlich in unsere Schule zurückkehren können.

Die Royal School of Westminster, die wir besuchen und deren Name das Beeindruckendste an ihr ist, schließt ihre Tore nämlich auch am Wochenende um zehn Uhr abends. Und wer am nächsten Morgen nicht auf seinem Zimmer ist, bekommt Ärger, den wir uns gerade überhaupt nicht leisten können. Ich stehe sowieso schon auf der Böse-Mädchen-Liste, weil ich vor ein paar Wochen mein Auto im angetrunkenen Zustand gegen eine Garage gefahren habe, was in einer Gehirnerschütterung und einem einjährigen Führerscheinentzug geendet hat. Kathleen fliegt unter dem Radar, aber ihre Noten sind noch schlechter als meine.

Dabei soll unsere Schule Leute wie uns – mit reicher Familie, aus diversen Gründen eher uninteressiert an einer akademischen Laufbahn und deshalb auf dem Weg dorthin erfolglos – innerhalb von drei Jahren fit machen, damit wir vom ›rich white trash‹ zur Elite des Landes aufschließen können. Oder um wenigstens ein Studium zu beginnen. Ohne mir schmeicheln zu wollen, kann ich behaupten, mich dieser Indoktrination bisher erfolgreich widersetzt zu haben. Als Waffen stehen mir mein undurchdringliches Desinteresse und Vaters Reichtum zur Verfügung, denn das Internat lebt vom Schulgeld und den Spenden vermögender Menschen wie ihm. Also warum um Himmels willen sollte ich mich anstrengen?

 

»Ich komme jetzt auch«, flüsterruft Kathleen von unten. Das Spalier wackelt bedenklich und ich kralle meine Finger so fest um die Metallstangen, dass meine Knöchel weiß werden.

»Nein! Bleib, wo du bist. Das Ding hält gerade mal mich.«

»Was?«

»Bleib unten, Kath!« Aber schon folgt sie mir. Das Metall bebt unter meinen Füßen, die Verankerung löst sich wie in Zeitlupe aus dem roten Gemäuer und das Spalier, an dem Kathleen und ich uns schreiend festklammern, sinkt gen Boden.

Das war es jetzt also: Zwanzig Jahre Leben und nichts, worauf ich stolz sein könnte. Für einen winzigen, fröhlichen Moment kommt mir der Gedanke, dass ich vielleicht meine Mutter wiedersehen werde.

 

»Celeste!«

»Mama?«

»Ich bin’s.« Energisches Rütteln an meiner Schulter. »Wach auf, Mann! Du machst mir Angst!«

Ich öffne die Augen. Kathleen beugt sich über mich, ihr bleiches Gesicht leuchtet in der Dunkelheit wie der Mond und ihre langen Haare kitzeln mich.

»Bist du verletzt?«

Keine Ahnung. Mit beiden Händen taste ich meinen Oberkörper ab, atme tief ein. Die Rippen scheinen in Ordnung zu sein.

Als ich mich jedoch beim Aufsetzen abstütze, schießt ein scharfer Schmerz durch mein rechtes Handgelenk. Kathleen greift mir unter die Arme und zieht mich auf die Beine: »Komm, wir müssen weg, bevor Palin uns hier findet.«

»Zu spät, die Damen.« Die sonore Stimme unseres Rektors zittert vor Zorn, als er uns gegenübertritt. Mit einer Taschenlampe taucht er unser Elend in grellweißes Licht. Er trägt einen blau-weiß-gestreiften Bademantel mit einem Ankeremblem auf der linken Brustseite, dazu ein paar marineblaue Hausschuhe. Dieser Anblick, zusammen mit dem Schock über meinen gerade überstandenen Absturz, rufen bei mir die schlechteste aller möglichen Reaktionen hervor: Ich fange schallend an zu lachen. Kathleen lacht nicht. Palin auch nicht. Und ich bin so richtig am Arsch!

 

Mit einem Verband an meinem verstauchten Handgelenk und handtellergroßen blauen Flecken am ganzen Körper verlasse ich zwei Tage später die Krankenstube, von der aus ich umgehend in Palins Büro zitiert werde. Er sitzt in seinem üppigen braunen Ohrensessel, die Fingerspitzen aneinandergelegt, vor ihm auf seinem Schreibtisch ein Laptop. Als ich eintrete – mein Humpeln ist hoffentlich genauso mitleiderregend, wie es falsch ist – mustert er mich von oben bis unten.

»Miss Marshall. Nehmen Sie Platz.« Mit einer weit ausholenden Geste deutet er auf den Besucherstuhl, der aus Holz und schrecklich unbequem ist. Kaum, dass ich mich niedergelassen habe, dreht er den Laptop herum und ich erkenne, dass ich diesmal wohl mehr als die übliche ›Sie müssen sich endlich anstrengen, wenn Sie in dieser Gesellschaft etwas erreichen und ihr von Nutzen sein wollen‹–Predigt zu erwarten habe. Auf dem Monitor sehe ich meinen Vater. Sein sonst so liebes Gesicht zeigt sich abweisend und kühl. Die Lichter des Times Squares strahlen durch das Fenster hinter ihm. Es muss in New York ziemlich früh am Tage sein.

»Celeste.«

Mist, er hat seinen strengen Tonfall aufgelegt. Das bedeutet nichts Gutes.

»Paps.« Ich bemühe mich um ein fröhliches Lächeln und hebe meinen verbundenen Arm: »Ich freue mich so, dich zu sehen. Mir geht es wieder gut, die Hand ist nur verstaucht. Brauchst dir keine Sorgen machen.«

»Ich sorge mich nicht deshalb, sondern wegen deiner Einstellung.«

Palin gibt ein zustimmendes Grunzen von sich, was ihm einen bitterbösen Blick von mir einträgt. Das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir geht ihn nicht das Geringste an.

»Ich habe lange mit Dekan Palin gesprochen.«

Genaugenommen ist er gar kein Dekan, sondern nur ein Rektor. Aber ich begreife, dass Vater ihm Honig um den nicht vorhandenen Bart schmieren muss, und verkneife mir eine Richtigstellung.

»Wir sind beide der Meinung, dass es dir nicht an Intelligenz mangelt.«

Als ob ich das nicht selbst wüsste. Zufrieden verschränke ich meine Arme vor der Brust und lehne mich zurück. Jetzt werden noch die üblichen Ermahnungen folgen, danach biete ich zerknirschte Reue dar und in drei Wochen fliege ich in den Sommerferien zu Vater nach New York, wo er momentan ein paar Millionäre bespaßt, deren Vermögen er als selbstständiger Fondsmanager und Börsenmakler verwaltet und vermehrt.

»Du scheinst nur keinerlei Interesse an irgendetwas zu haben. Keine Intentionen, wie dein zukünftiges Leben aussehen soll.«

»Bitte? Du weißt doch, dass ich eine Galerie führen möchte.«

Der vollständige Plan ist, dass Vater mir nach Abschluss der Schule eine solche Galerie kauft und ich dort Gemälde junger, aufstrebender Maler ausstelle. Die Vorstellung gefällt mir – ich stehe mit französischem Pony, im schwarzen, enganliegenden Pullover, in dem meine Brüste größer wirken, als sie es sind, vor abstrakten Bildern und formuliere Sätze wie: »Was uns dieser Künstler sagen will, ist, dass es eine Welt, so wie wir sie zu kennen glauben, nicht gibt, nie gegeben hat und niemals geben wird. Wir sind nur Phantasmagorien der Imagination eines Wahnsinnigen.«

Zugegeben, ich habe nicht viel Ahnung von Gemälden, aber dafür könnte ich einen Creative Director einstellen. Für mich bliebe dann mehr Zeit, um Small Talk mit meinen First-Class-Kunden zu halten und Champagner zu trinken.

Vater seufzt. »Eine Galerie, ich weiß. Vor einem halben Jahr sollte ich dir noch einen Fernsehsender kaufen.«

Auch eine schöne Möglichkeit. Ich, wiederum mit französischem Pony und im schwarzen, enganliegenden Pullover, in dem meine Brüste größer wirken, als sie es sind, halte einem korrupten, aalglatten Politiker mein Mikrofon vor die Nase und bringe ihn mit meinen messerscharfen Fragen dazu, sich selbst zu belasten.

»Das sind doch großartige Pläne, Paps. Ich weiß gar nicht, was du hast.«

»Es sind Kinderträume, Celeste. Du musst endlich auf eigenen Beinen stehen und in der Realität ankommen. Und damit meine ich nicht, dich aus der Schule zu stehlen, zu trinken und wie Spiderwoman die Wände hochzuklettern.«

Palin nickt und wirkt dabei wie ein Mafioso, für den Vater die Drecksarbeit übernimmt.

»Nun, um dieses Ziel zu erreichen, wäre es vielleicht hilfreich, wenn die Schüler hier …«, ich werfe Palin einen langen, vielsagenden Blick zu, »nicht wie Kinder behandelt werden würden. Schließzeit am Wochenende um zehn Uhr abends?«

»Nein, Celeste, nein. Das ist nicht der Punkt. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Du sollst während der Ferien in Ruhe über dein Verhalten nachdenken und deshalb wirst du mich nicht in New York besuchen –«

»Was?« Ich springe von meinem Stuhl auf und beinahe in den Laptop hinein.

»Du verbringst den Sommer in deinem Haus in Südfrankreich.«

Einen Moment dauert es, bis ich mich erinnere. Vor einem halben Jahr hatte Vater mir zu meinem Geburtstag eine Schenkungsurkunde für ein Haus irgendwo in der französischen Pampa überreicht. Dazu noch drei Fotos, die ein langweiliges, schlichtes Gebäude inmitten eines kleinen Gartens zeigten.

»Das ist nicht dein Ernst!«

»Dort ist es ruhig und friedlich. Du wirst für die Schule lernen und darüber nachdenken, was du aus deinem Leben machen kannst.«

»Aber Paps«, vor Enttäuschung fange ich fast an zu heulen, »das kann ich doch auch im Central Park oder in Macy’s. Bitte! Ich wollte dich doch so gerne sehen!«

Ich sehe ihm an, wie schwer es ihm fällt, mich vor den Kopf zu stoßen, aber die Hoffnung, die in mir aufflammt, erlischt mit seinen nächsten Worten.

»Meine Entscheidung steht. Du fliegst nach Toulouse, dort holt Yoann dich ab und bringt dich nach Farouse.«

»Wer?«

»Yoann Pinot. Er arbeitet für mich und wird sich während der Ferien um dich kümmern.«

»Auf mich aufpassen, meinst du.«

»Um dich kümmern.«

Bevor ich noch etwas erwidern kann, klingelt sein Smartphone. Er wirft einen raschen Blick auf das Display. »Tut mir leid, das hier ist wichtig. Wir sprechen uns morgen Abend wieder.«

Und einfach so beendet er die Skype-Verbindung. Kein New York! Kein Paps! Das kann doch nicht wahr sein!

»Ihr Vater und ich«, bricht Palins Stimme durch meine Verzweiflung, »wir glauben, dass ein wenig emotionale und geistige Einkehr genau das Richtige für Sie sein wird, Miss Marshall.«

Ich blicke auf und starre ihm direkt ins Gesicht. Es würde ihm nicht gefallen, wenn er wüsste, was meiner Meinung nach für ihn genau das Richtige wäre. Es beinhaltet meinen Fuß und seinen Hintern.

»Es freut mich, dass Ihr Bein so schnell geheilt ist«, wirft mir Palin auf meinem Weg zur Tür hinterher. Ich drehe mich um. »Was?«

»Ihr Bein. Als sie vor ein paar Minuten mein Büro betraten, hinkten Sie noch. Jetzt scheint alles wieder in Ordnung zu sein.«

Ohne ein Wort verlasse ich das Zimmer. Ich bin eine Zauberkünstlerin. Ich kann New York verschwinden lassen.

Mitten im Nirgendwo

Juli 2008

Ich hasse es hier. Ganz ehrlich! Schon in dem Moment, als ich aus dem Flugzeug steige und mir die heiße, staubtrockene Luft entgegenschlägt, reicht es mir. Das ist Gift für meine Haut. Die endlos erscheinende Warterei am Gepäckband macht es auch nicht besser. Schweiß rinnt mir den Rücken herunter, aber nicht nur mir. Alle in diesem halbherzig klimatisierten Terminal transpirieren und müffeln um die Wette. Wenn ich die Sommerferien wenigstens in Toulouse verbringen dürfte. Mit New York verglichen ist es zwar nur ein Nest, verfügt aber immerhin über Restaurants, Geschäfte und Zivilisation. Stattdessen werde ich in dieses Haus irgendwo in Okzitanien verbannt. Kann man sich eine Region vorstellen, deren Name noch mittelalterlicher klingt? Wahrscheinlich jagt man dort jeden Samstagabend Hexen mit Fackeln und Mistgabeln durch die Stadt.

Na ja, dann wäre wenigstens etwas los.

 

Endlich setzt sich das Gepäckband in Bewegung. Als gefühlt letzte Stücke kommen meine beiden Rollkoffer, die große Handtasche und das Beautycase ans Tageslicht. Damit bepackt, schleppe ich mich in die Ankunftshalle. Überall um mich herum begrüßen sich Familien und in diesem Moment vermisse ich Vater ganz besonders. Er würde mich in die Arme nehmen und sagen, dass er mich liebt. Stattdessen muss ich Ausschau halten nach dem Typen, der sich um meinen Sommerknast kümmert. Hausmeister und Aufpasser in einer Person sozusagen. Vaters Beschreibung war relativ vage: groß, schlank, dunkelhaarig. Diese Eckdaten treffen auf ziemlich viele Franzosen zu, aber als ich meine Blicke über all die hastenden, schleppenden, schwitzenden Reisenden gleiten lasse, sehe ich einen Mann von vielleicht Mitte zwanzig, auf den der Steckbrief passt und der sich ein Stück Papier vor die Brust hält. ›Celeste Marshall‹ steht darauf.

Bingo, mein Gefängniswärter! Etwas Orangefarbenes wäre heute passend gewesen und kein blaues Sommerkleid. Ich lasse meine Koffer stehen und gehe auf ihn zu.

»Sie sind Yoann Pinot?«

»Mademoiselle Celeste?«

Zur Bestätigung reiche ich ihm meine Hand, die er so kräftig drückt, dass ich beinahe zu Boden gehe. Mit einer Kopfbewegung in Richtung meines Gepäcks und einem kurzen »Nehmen Sie das!«, gebe ich ihm zu verstehen, dass er bei mir kein Geld fürs Faulenzen bekommt und gefälligst anzupacken hat. Auf dem Weg zum Ausgang überholt er mich mitsamt Koffern so schnellen Schrittes, dass ich nur mit Mühe hinterherkomme. Unser hastiger Abgang endet vor dem ältesten, unansehnlichsten Wagen auf dem gesamten Parkplatz – einem roten Pick-up, der mit Beulen übersät ist und dessen hintere Stoßstange von zwei Seilen gehalten wird.

»Ist das Ihr Ernst? Sie muten mir diese Schrottkarre zu?«

»Sie können auch laufen«, entgegnet Yoann, hebt meine Koffer hoch und befördert sie unsanft auf die Ladefläche des Wagens. Ich wäre nicht überrascht, würde er mich auf die gleiche Weise verstauen.

Um den Grad der sozialen Entwicklung dieses Mannes auszutesten, bleibe ich neben dem Pick-up stehen. Statt mir die Tür zu öffnen, nimmt er hinter dem Lenkrad Platz, beugt sich über den Beifahrersitz und kurbelt das Fenster herunter: »Wenn Sie den Griff benutzen, geht die Tür auf und Sie können einsteigen.«

Als ich auf den rissigen Ledersitz klettere, rollt mir eine leere Bierdose vor die Füße. Mir liegt die Bemerkung ›Sollten Sie mit Ihrem Nachnamen nicht eher Wein trinken?‹ auf der Zunge, ich verkneife sie mir jedoch. Bestimmt macht jeder Zweite irgendeinen dummen Scherz über seinen Familiennamen, da muss ich mich nicht auch noch einreihen.

Yoann dreht den Schlüssel herum und der Wagen startet mit einem so gewaltigen Knall, dass ich fast einen Herzinfarkt bekomme.

»Die Zündung«, erklärt er und fährt los.

Ich könnte auf dem Weg in eine furiose Weltstadt voller Entertainment, Spaß und interessanter Menschen sein. Stattdessen warten auf mich Okzitanien, ein Pick-up, der jeden Moment explodieren wird und Yoann Pinot.

 

Nachdem wir eine halbe Stunde auf der Autobahn Richtung Montpellier gefahren sind, unternehme ich einen Versuch, das unbehagliche Schweigen zu brechen: »Wo genau bringen Sie mich hin?«

Vater hatte mir zwar gesagt, in welchem Kaff sich mein Sommerhäuschen befindet, aber es interessierte mich zu wenig, um es mir zu merken. Irgendetwas mit ›K‹ am Anfang. Oder mit ›J‹.

»Farouse.«

»Gesundheit.«

»Bitte?«

»Ich dachte, Sie hätten geniest.«

Nein, da kommt kein Lächeln. Nur ein missbilligender Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen. Und wenn schon!

Ich lehne den Kopf gegen die Fensterscheibe und beobachte, wie die grauen Schallschutzwände an mir vorbeiziehen. Was für eine herrliche Landschaft! Und am Himmel ziehen Wolken auf. Wahrscheinlich wird es die ganzen sechs Wochen lang stürmen und gewittern. Und ich mitten im Nirgendwo mit dem Mann zu meiner Linken. Rasch werfe ich einen Blick auf Yoann. Er ist schlank und drahtig, wirkt wie ein Rebell, der sich sein halbes Leben im Maquis versteckt hat. Sein weißes Hemd ist ungebügelt und seine Jeans an den Knien sehr dünn. Vollendet wird sein stylishes Outfit durch ein paar abgetragene Turnschuhe. Dass seine Finger immer wieder an den Ärmelmanschetten zupfen, zeigt mir, dass er nur selten ein Hemd trägt. Seine schäbige Aufmachung bedeutet für ihn wahrscheinlich ›in Schale geworfen, um die Tochter des Chefs vom Flughafen abzuholen‹. Normalerweise trägt er bestimmt graue Jogginghosen und gerippte Unterhemden. Nur der Kontrast zwischen dem Weiß des Hemdes und seiner sonnengebräunten Haut gefällt mir. Und seine vollen, welligen Haare, auch wenn die einen Friseurbesuch vertragen könnten. Die braunen Augen in seinem schmalen Gesicht, das durch einen Bartschatten sehr akzentuiert wirkt. Das und seine bis auf einen Höcker wohlgeformte Nase – ansonsten ist dieser Mann keinen zweiten Blick wert.

Vielleicht noch die kräftigen Hände, die sich fest um das Lenkrad schließen.

»Sie stehen mir also den Sommer über zur Verfügung?«, rette ich mich in Small Talk, um meine schweifenden Gedanken von diesen Händen zu lösen.

Er antwortet, ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen. »Ich kümmere mich um das Haus und um Sie. Wenn Sie spezielle Wünsche bezüglich des Essens haben, geben Sie mir Bescheid. Aber wir sind nicht in Paris, also schrauben Sie Ihre Erwartungen herunter. Räuchertofu und Sojamilch gibt es hier nicht.«

»Meine Erwartungen befinden sich schon auf dem Nullpunkt, seit wir uns kennengelernt haben.«

Er nickt. »Gut so.«

Nach einer guten Stunde Fahrt, die wir in drückendem Schweigen verbringen, passieren wir endlich das Ortseingangsschild von Farouse, durchqueren das Kaff, fahren eine kleine Anhöhe hoch und eine weitere Viertelstunde lang vorbei an Weizenfeldern und Wiesen, bis Yoann endlich neben der Auffahrt zu einem Haus anhält. Sandfarbene Steinmauern blitzen hinter Pinien und Kiefern hervor. In einiger Entfernung strecken sich die Berge des Zentralmassivs in den Himmel. Ich springe aus dem Wagen und atme tief ein. Die Luft riecht nach Erde und Sommer. Das ist also Farouse. Echt nichts Besonderes.

Ein Kiesweg führt durch ein schmales Gartenstück zu meinem Haus, dessen robuste Schlichtheit mich im Original genauso wenig begeistert wie auf den Fotos. Die hellblauen Fensterläden sind geschlossen, in hüfthohen Terracottatöpfen wachsen im Schatten der Wände Kräuterbüsche und Wildblumen. Wirklich sehr originell in Südfrankreich.

Unbemerkt hat sich Yoann neben mich gestellt. Er betrachtet das Gebäude und zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, liegt Wärme in seinem Blick: »Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen alles.«

Diesmal hält er mir die Tür auf und wir treten in den kühlen Flurbereich. Einige Dielen knarren unter meinen Tritten. Ich werfe Yoann einen vorwurfsvollen Blick zu: »Die sollten Sie austauschen.«

Er sieht mich an, als sei ich nicht ganz zurechnungsfähig: »Holz arbeitet.«

Im Gegensatz zu ihm, denke ich.

Mein erster Blick fällt auf die Eichentreppe, die ins Obergeschoss führt. Rechts davon befindet sich das weitläufige Wohnzimmer, dessen rustikale, weißverputzte Wände und freigelegte Holzbalken fast über die hochwertige Einrichtung hinwegtäuschen, aber ich erkenne die Qualität der Möbel. Vater hat sich mein Geschenk etwas kosten lassen. Ein schlichtgehaltener Marmorkamin verspricht knisternde Wärme im Winter und der dunkelrote Berberteppich davor ist ein hübscher Farbfleck im Ensemble aus Weiß und Braun. Vom Wohnzimmer aus führt eine Glastür zur Gartenterrasse und zum enttäuschend kleinen Pool. Auf der linken Seite des Erdgeschosses befindet sich die Küche, die zauberhaft gestaltet ist – mit cremefarbenen Möbeln, Backsteinwänden und einer schmiedeeisernen Küchenkrone über der Kochinsel, von der Töpfe, Pfannen und getrocknete Kräuter hängen. Allerdings werde ich die Küche wohl eher meiden. Ich esse gern, aber koche ungern.

Der letzte Raum befindet sich zwischen Küche und Treppe und mein Versuch, ihn zu betreten, wird von Yoann verhindert, indem er sich vor der Tür postiert: »Das ist mein Zimmer.«

»Da mir das Haus gehört, ist es genau genommen mein Zimmer«, stelle ich richtig.

Statt einer Antwort verschränkt er die Arme vor der Brust. Meinetwegen, lasse ich ihm halt diesen Anschein von Privatsphäre. Außerdem macht er mir ein wenig Angst, wie er mich so ansieht, mit zusammengezogenen Augenbrauen und keinem Funken Humor im Gesicht.

Über die Treppe kommen wir zu meinem Wohnbereich, der das gesamte Obergeschoss einnimmt.

Schwere Gardinen im Schlafzimmer bieten neben den geschlossenen Fensterläden einen weiteren Schutz vor der Tageshitze. Mit Nelken gespickte Zitronenscheiben in Wasserschalen verbreiten frischen Duft, mintgrüne Tapeten und zierliche Möbel geben dem Raum das Flair eines englischen Landhauses. Auf einem weißen Schminktisch steht ein Weidenkorb mit Lavendelblüten. Sogar daran hat Vater gedacht.

Hübsch, denke ich widerwillig. Wirklich hübsch.

Das Wohnzimmer ist ähnlich nostalgisch eingerichtet, aber im kleinen Arbeitszimmer finden sich ein hochwertiger Computer, Drucker und Scanner sowie eine komplette Ausgabe meiner Lehrbücher. Vater scheint zu glauben, dass ich in meinen Ferien etwas für die Schule tun werde.

»Ich bringe gleich Ihre Koffer hoch«, reißt mich Yoann aus meiner Betrachtung. »Abendessen gibt es um sechs.«

»Das ist mir zu früh. Im Urlaub esse ich erst gegen zwanzig Uhr.«

»Bis dahin ist es kalt.«

Ob es an mir liegt, dass mich jede Äußerung dieses Kerls ärgert? Bestimmt nicht. Er ist einfach ziemlich unausstehlich. Und ich muss ihm wohl zeigen, wo sein Platz ist.

»Sie servieren das Essen Punkt zwanzig Uhr. Sie werden überhaupt alles ganz genau so machen, wie ich es will. Denn wenn ich nur ein Wort gegenüber meinem Vater sage, dann sind Sie Ihren Job los. Das ist für jemanden wie Sie wahrscheinlich eine üble Sache, aber ehrlich gesagt, ist mir Ihr Wohlergehen egal. Haben wir uns verstanden?«

Er sieht mich an und auf einmal legt sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht. Als hätte er gerade einen richtig guten Witz gehört. Einen, der auf meine Kosten geht. Salutierend berührt er mit Zeige- und Mittelfinger seine Stirn und verlässt den Raum.

 

Nachdem ich mich im Badezimmer, das mit einer separaten Toilette, Regenwalddusche und freistehender Wanne akzeptabel ausgestattet ist, frischgemacht habe, skype ich Vater an. Von ihm, dem Urbild eines Briten, habe ich meinen Nachnamen, die blauen Augen und den Hang zu schrägem Humor. Von meiner französischen Mutter den Vornamen, ihre brünetten Haare und die Vorliebe für Rotwein.

»Hallo, mein Schatz. Bist du gut angekommen?« Er sitzt an seinem Schreibtisch, eine Tasse Kaffee in der Hand. Sie trägt den Aufdruck ›Bester Vater der Welt‹. Ich hatte sie ihm während unseres ersten Urlaubs nach dem Tod meiner Mutter von meinem Taschengeld gekauft.

»Ja, ohne Probleme.«

»Wie gefällt es dir in Farouse? Es ist gar nicht so schlimm, wie du zuerst befürchtet hattest, oder?«

»Es ist ganz toll. Wirklich. Echt. Einfach super.«

»Du findest es schrecklich.«

»Und wie!«

»Ach, Celeste …« Er nimmt einen hastigen Schluck Kaffee, scheint sich dabei an der Tasse festzuhalten.

»Ach, Paps«, ahme ich seinen genervten Tonfall nach. »Hier ist nichts. Nur Gras und Bäume. Ich werde vor Langeweile sterben und mumifizieren, wie die Frau aus diesem alten Film. Bei dem ich mich an Halloween mal so gegruselt habe.«

»Du meinst Psycho

»Genau. Das kannst du doch nicht wollen. Ich bin dein einziges Kind. Willst du mich nicht um dich haben?«

Gerade stellt er die Tasse ab, da friert das Bild ein. Mist! Wahrscheinlich hätte ich ihn mit dem nächsten Satz dazu gebracht, dass er mir ein Ticket nach New York kauft. Den Jackpot so dicht vor der Nase, wähle ich ihn hastig erneut an.

»Du bist ja immer noch keine Mumie«, ist sein Kommentar, als die Verbindung steht.

»Paps, bitte!«

»Hör auf zu quengeln. Die Abgeschiedenheit wird dir guttun. Dann kannst du in Ruhe darüber nachdenken, welches Verhalten deinem Alter angemessen ist.«

Mir liegt so einiges bezüglich der Angemessenheit dieses Urlaubs auf der Zunge, aber ich erkenne, wenn ich verloren habe.

»Außerdem bist du nicht allein. Im Dorf gibt es Gleichaltrige und Yoann ist ja auch noch da.«

Ich rolle mit den Augen, was er natürlich sofort richtig deutet: »Du hast Streit mit ihm angefangen?«

»Streit kann man das nicht nennen. Dafür ist er viel zu maulfaul. Warum hast du gerade den angeheuert? Soweit ich weiß, soll es auch charmante, attraktive Franzosen geben.«

»Yoann ist ein durch und durch anständiger Kerl und ein sehr fähiger Handwerker. Außerdem hat er mir das Leben gerettet.«

»Was?« Mein Herz setzt einen Schlag lang aus. Der bloße Gedanke daran, auch Vater zu verlieren, ist vernichtend.

»Na ja, Leben gerettet ist etwas übertrieben, aber als ich letzten Sommer das Haus besichtigen wollte, blieb der Mietwagen mitten auf der Landstraße stehen und mein Smartphone war nicht aufgeladen.«

»Oh Gott, Paps, dein Smartphone ist nie aufgeladen, wenn du es brauchst. Weißt du noch, als wir uns in St. Augustin treffen wollten, du mir das falsche Hotel genannt hattest und ich dich nicht erreichen konnte?«

»Das ist zwei Jahre her, Schatz.«

»Und noch immer hast du keine Lösung für dieses Problem gefunden.«

Ich fühle mich ganz albern erleichtert. Vater war nicht wirklich in Lebensgefahr. Ich hasse es, wenn er so übertreibt.

»Auf jeden Fall stand ich fast eine Stunde in der prallen Mittagssonne, bis endlich Yoann vorbeikam. Er hielt an, gab mir Wasser, ließ mich sein Smartphone nutzen und nahm mich mit nach Farouse. Wir kamen ins Gespräch, und als sich herausstellte, dass er schon auf dem Bau gearbeitet hat, bat ich ihn, mich zur Besichtigung zu begleiten. Er gab mir Tipps und nützliche Hinweise, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Und da er einen Job suchte, bot ich ihm an, für mich zu arbeiten und das Haus zu renovieren.«

»Das ist eine rührende Geschichte und sogar Gandhi würde angesichts Yoanns Selbstlosigkeit vor Ehrfurcht erblassen, aber muss er wirklich hier leben? Er ist immerhin ein wildfremder Mann und du lässt ihn mit deiner Tochter allein.«

»Für Yoann lege ich meine Hand ins Feuer. Glaub mir, Schatz, ich kenne viele Menschen, und ich weiß, wann ich einen anständigen Kerl vor mir habe. Außerdem gibt es keine Stelle in diesem Haus, die er nicht bearbeitet hat. Im Grunde gehört es ihm genauso sehr wie dir und deshalb hat auch er ein Recht, dort zu wohnen.«

Diese Eloge ist ein gutes Beispiel für den Salonsozialismus meines Vaters, den er sich hin und wieder wie einen Orden an die Brust heftet. Seine Stimme kriegt in solchen Momenten einen feierlichen Klang und man vermeint, einen russischen Matrosenchor zu hören, der die ›Internationale‹ singt. Glücklicherweise hinderte ihn diese Einstellung nicht daran, sich um das Geld schwerreicher Leute zu kümmern und dabei selbst ein Vermögen zu machen.

»Außerdem ist er Bildhauer und braucht Platz. Ich habe ihm den Schuppen im Garten zur Verfügung gestellt, damit er künstlerisch tätig sein kann.«

»Aber wenn du das Haus doch mir geschenkt hast, Paps, sollte dann nicht ich darüber entscheiden, wer hier was machen darf?«

Sein Gesicht wird mit einem Mal so traurig, dass ich mir für meine Worte auf die Zunge beißen möchte.

»So habe ich dich nicht erzogen, Kind. So engherzig.«

Eigentlich hat nicht er mich erzogen, sondern Mutter. Zumindest bis vor zwölf Jahren. Dann ließ ein Autounfall sie aus meinem Leben verschwinden und daraufhin verschwand auch Vater – in seinem Büro, hinter seinen Akten, unsichtbar geworden wegen seines Kummers und seiner Unfähigkeit, ihn mit mir zu teilen. Meine Erziehungsarbeit wurde von den Lehrern all der sauteuren Internate geleistet, in die er mich abschob. Letztlich sind meine charakterlichen Schwächen also deren Schuld.

»Ist schon gut, Paps. Er kann ruhig weiter im Garten basteln. Vielleicht schraubt er ja für den Winter ein Vogelhäuschen zusammen.«

»Und wirst du wenigstens versuchen, dich wohlzufühlen?«

»Ja. Versprochen.«

Mit diesem Zugeständnis will ich ihn nur glücklich machen. Ich weiß ganz genau, dass ich hier eine schreckliche Zeit verbringen werde. Das wird umso deutlicher, als es um achtzehn Uhr an meine Tür klopft und ich auf dem Flur ein Tablett mit einer Schüssel Caesar Salad, ofenwarmem Baguette und einem Glas Rotwein vorfinde. Mich ärgert weniger, dass sich Yoann nicht an meine Vorgaben hält, sondern dass ich tatsächlich einen Wahnsinnshunger habe. Außerdem schmeckt es hervorragend.

Willkommen zu den schlimmsten sechs Wochen meines Lebens.

 

Am nächsten Morgen fällt es mir schwer, meine Unlust aufrechtzuerhalten. Die Sonne scheint golden unter den Gardinen ins Zimmer, ich bin hellwach und es sind Ferien. Also springe ich aus dem Bett und mache mich ungekämmt, im Schlafshirt und Flip-Flops, auf die Suche nach Yoann. Wenn mir einer die Laune verderben kann, dann er. Meinem guten Vorsatz kommt jedoch das Frühstück in die Quere, das ich in der Küche vorfinde: ein butterweiches Croissant, Himbeerkonfitüre, ein perfekt gekochtes Ei und in einer Thermoskanne der köstlichste Kaffee, den ich je getrunken habe. Keine Viertelstunde später befinden sich auf meinem marmeladeverkleckerten Teller nur noch ein paar Krümel. Wenn das so weitergeht, kehre ich als Tonne nach England zurück.

 

Nachdem ich Yoann im Haus nicht gefunden habe, streife ich durch den Garten, der viel weitläufiger ist, als er mir gestern Abend vorkam. Obwohl bei Weitem nicht so getrimmt wie ein englischer Rasen, wirkt er doch nicht verwildert. Eher – entspannt. Neben Rosenbüschen wachsen Wiesenblumen, morgentaunasse Kräuter verbreiten ihren würzigen Duft. Zu meiner Freude gibt es auch einige Olivenbäume. Sofort laufe ich zu ihnen und streiche über ihre grobe Rinde. Ich liebe diese knorrigen, staubgraublättrigen Bäume, die immer so aussehen, als würden sie gerade tanzen. Und der Pool ist zwar nicht sehr groß, aber man kann seine Bahnen darin ziehen und sich hinterher in einem der beiden Liegestühle von der Sonne bräunen lassen.

Okay, Celeste, rufe ich mich zur Ordnung, du sollst dich hier unwohl fühlen. Der Pool ist zu klein, der Garten zu unordentlich, die Bäume könnten beschnitten werden.

Hinter einer wuchernden Brombeerhecke stoße ich schließlich auf den Schuppen, in dem Yoann seinem Hobby nachgeht. Eine fast mannshohe Skulptur steht auf dem Rasen. Es sind nur mit groben Schweißnähten verbundene rostige Metallteile und doch sehe ich etwas darin. Eine Gestalt, die vornübergebeugt kniet, das Gesicht in den Händen verborgen. Je länger ich sie betrachte, umso mehr gibt sie ihren unsäglichen Kummer preis. Einen Kummer, den ich kenne. Genauso habe ich gekniet, genauso habe ich getrauert, damals, als mir Vater mit erstickter Stimme erzählte, dass Mutter gestorben war. Mein Hals wird eng, als läge eine Schlinge darum, und meine Augen beginnen zu brennen.

»Morgen.«

Ich zucke zusammen. Natürlich schleicht sich Yoann genau in diesem Moment an mich heran.

»Himmel, müssen Sie mich so erschrecken?« Ich mustere ihn mit einem abschätzigen Blick. Keine Jogginghosen, kein Unterhemd, sondern die Jeans von gestern und ein dunkelblaues T-Shirt.

»Müssen nicht. Aber es bot sich an.«

War das der Versuch eines Scherzes – oder besser gesagt, ein Versuch dessen, was dieser Kerl für einen Scherz hält? Na, das kann ich auch.

»Hier bewahren Sie also das Altmetall auf, bevor Sie es entsorgen?«

Nein, vergebliche Liebesmüh. Er nimmt meine Worte für bare Münze.

»Das ist eine meiner Skulpturen. Ist Ihnen möglicherweise zu abstrakt. Ich schätze, Sie mögen Jeff Koons. Oder Disney.«

Ich würde gerne widersprechen, aber da ich tatsächlich ein Faible für Zeichentrickfilme habe, halte ich den Mund.

»Und stellt Ihre Skulptur auch etwas dar?«

»Das ist Penelope.«

»Eine Freundin von Ihnen?«

»Die Gattin des Odysseus.« Yoanns Stimme klingt, als könne er nicht glauben, wie dumm ich bin. »Ich wollte den Moment einfangen, in dem sie nach Jahren der Einsamkeit und Stärke in ihrem Zimmer zusammenbricht und sich erlaubt, um ihren verschollenen Mann zu trauern.«

»Okay.« Keine Ahnung, was ich sonst sagen soll. Ich finde in seinen Worten nichts, worüber ich mich lustig machen könnte. Sanft berührt Yoann das rostrote Metall.

»Sie hat ihren Geliebten und Vertrauten verloren. Rings um sie herum nur Höflinge, die ihr schöntun und sie doch nicht ernst nehmen. Ihre Seele verhärtet. Irgendwann wird sie sich nicht mehr aufrichten können.«

Nie hätte ich gedacht, dass so viele Worte in diesem Mann Platz finden. Solche Worte. Hastig blinzele ich meine Tränen weg.

Yoann sieht mich über die Schulter hinweg an. Sollte er bemerken, wie aufgewühlt ich bin, dann überspielt er es meisterhaft. »Waren Sie mit dem Frühstück zufrieden?«

»Woher wissen Sie, dass ich schon gefrühstückt habe?«

Nachlässig deutet er mit dem Zeigefinger auf mich. »Ihnen klebt Himbeermarmelade auf der Wange.«

Hastig wische ich über mein Gesicht.

»Die andere Seite. Ja, genau da. Und – hat Ihnen alles geschmeckt?«

»Ja. Sehr. Der Kaffee …«

»Salz und Kakao. Jeweils nur eine Prise. Das Salz intensiviert den Geschmack, der Kakao macht ihn weicher.«

Mir wird das hier zu viel. Die Erinnerung an meine Mutter, ein gesprächiger Yoann, seine zarte Berührung des Metalls … Ohne ein weiteres Wort verschwinde ich auf mein Zimmer, ziehe mich an und mache mich auf den Weg nach Farouse. Der einstündige Fußweg führt mich vorbei an gelben Weizenfeldern, Mohnblumen und Zypressen. Die Erde ist so trocken, dass meine Schuhe nach ein paar Metern von rötlichem Staub bedeckt sind. Mit ihren hohen Absätzen sind sie ohnehin völlig unpassend auf diesem Stolperpfad. Ich ziehe sie aus und laufe erst vorsichtig, dann beherzter über den warmen Boden und die kleinen Steine. Das Zirpen der Grillen und die noch sanfte Hitze des Morgens begleiten mich auf meinem Weg.

Farouse selbst ist ein typischer südfranzösischer Ort: Am Ortseingang befindet sich die Renault-Werkstatt als ökonomisches Zentrum, an den Häusern aus sonnengedörrten Steinen ranken Bougainvillea. Ihr Purpur spiegelt sich auf den Pflastersteinen der engen Gassen, die durch die Tritte vieler Jahrhunderte abgenutzt und glänzend geworden sind.

Im Café auf dem Marktplatz, im Schatten der romanischen Kirche, mache ich halt, ziehe meine Schuhe über meine staubigen Füße und bestelle einen Cappuccino. Hier gibt es keine Hektik – wenn man einmal von den lauten und gestenreichen Gesprächen der Franzosen absieht – und meine Anspannung löst sich ein wenig. Wie soll ich mit Yoann umgehen?, überlege ich, während ich den Milchschaum löffele. Es scheint ihn nicht zu interessieren, wenn ich mich über ihn lustig mache, aber bei einer normalen Unterhaltung fühle ich mich unsicher. Am besten wäre es, jeden Kontakt zu vermeiden, aber das ist in meinem winzigen Haus schwer zu erreichen. Ich wusste ja, dass die Zeit hier fürchterlich wird.

Nach dem Kaffee bestelle ich mir eine Cola und sehe den Eiswürfeln darin beim Schmelzen zu. Während ich mir so den Tag vertreibe, bemerke ich aus den Augenwinkeln einen Mann. Er bemüht sich, unauffällig zu wirken, läuft zwischen den Gästen umher, hebt die Eiskarte an, die auf einem nichtbesetzten Tisch steht und studiert sie so sorgfältig, als wolle er sie auswendig lernen, aber letztlich pirscht er sich immer dichter an mich heran. Der Typ sieht ganz süß aus, ist vielleicht Anfang zwanzig, die Frisur im Emo-Style, was so gar nicht zu seinen hellen Haaren und der Stupsnase passt. Schließlich wagt sich Emo-Blondie vor: »Hi. Sorry, wenn ich störe …«

»Ja, du störst wirklich.«

Ich bin gespannt auf seine Reaktion. Männer, die sich nicht gleich einschüchtern lassen, gefallen mir. Auch der hier bemüht sich, tapfer zu sein, tritt aber nervös von einem Bein aufs andere. Unwillkürlich stelle ich mir Yoann in seiner Situation vor. Der würde sich setzen und noch nicht einmal ›Guten Tag‹ sagen.

»Ich bin Laurent.«

»Dann stört mich also Laurent. Gut zu wissen.«

»Du musst die Tochter von Monsieur Marshall sein.«

»Muss ich das?«

»Mein Vater hat den Verkauf eures Hauses beglaubigt und dein Vater hat danach noch bei uns zu Abend gegessen und Bilder von dir gezeigt. Daher kenne ich dich.«

Oh Gott, Paps!

Seufzend weise ich auf den Stuhl mir gegenüber: »Nimm Platz, Laurent.«

Er setzt sich und strahlt mich an. Der ist drollig. Wie ein Welpe.

»Charlotte, nicht wahr?«

»Celeste.«

Und so mache ich meine erste Urlaubsbekanntschaft: Laurent Dubois, Sohn einer gutsituierten Notars- und Lehrerinnenfamilie im Nachbarort. Er ist fünfundzwanzig, studiert Jura an der Universität Aix-Marseille, macht allerdings gerade ein studienfreies Jahr, um herauszufinden, ob das – so drückt er sich aus – wirklich sein Weg ist. Er zeigt sich hochbeeindruckt von mir. Und vom Reichtum meines Vaters. Vielleicht noch ein bisschen mehr von Letzterem. Wenn Männer mich anschauen, sehen sie immer eine hübsche Frau neben einem hübschen Sack Geld. Das sollte mich stören, aber ich bin es nicht anders gewohnt.

»Willst du an den Strand? Ich kenne da eine Ecke, an der sich nicht so viele Preks herumtreiben.«

»Preks?«

»Proleten, Billigtouristen, du weißt schon. Das Prekariat.«

Ich stehe auf und klemme zehn Euro unter mein Glas. »Klingt gut. Lass uns fahren.«

»Super. Wir müssten noch kurz zu mir und meine Badesachen holen –«

»Wieso? Ich habe auch keine dabei.«

Laurent starrt mich an – überrascht, unsicher. Er gehört eindeutig zu der Männerkategorie ›große Klappe, nichts dahinter‹. Aber egal. Ich will mir hier die Zeit vertreiben, nicht die Liebe fürs Leben finden.

 

Der Strand, den wir nach einer halben Stunde Fahrt in seinem silbergrauen Cabrio erreichen, ist menschenleer. Auf einer Grasnarbe im Schatten einer Pinie entledige ich mich meiner Kleidung und amüsiere mich darüber, wie Laurent erfolglos und großäugig versucht, nicht zu starren.

»Was ist? Willst du dich nicht ausziehen?«

»Doch, schon, aber …«

Auf meinen abschätzigen Blick hin, legt er seine Klamotten ab, entblößt einen schmalen, jungenhaften Körper und seinen erigierten Schwanz, der mich unvermittelt an den tapferen Zinnsoldaten denken lässt. Leider erregt mich der Anblick kein bisschen. Ich werde trotzdem mit ihm schlafen.

 

Das Wasser ist nur oberflächlich warm, schon wenige Zentimeter in der Tiefe ist es so kühl, dass ich fröstele. Dennoch tauche ich ab, gleite mit kräftigen Zügen hinaus. Als ich weit draußen wieder auftauche, steht Laurent immer noch am Strand. Ich winke ihm zu, hole tief Luft und verschwinde wieder. Ich liebe den Geruch des Meeres, wie sich die Sonne darin bricht und die Leichtigkeit, die es einem beschert. In solchen Augenblicken wünsche ich mir, ich könnte in das Dunkle sinken, einfach weiterschwimmen. Zu einem Fisch werden.

 

Nach gut zwei Stunden, in denen Laurent unter fadenscheinigen Begründungen keinen Fuß ins Wasser gesetzt hat, fahren wir zu mir. Ich habe keine Lust, seine Familie kennenzulernen, allerdings ist mein Begleiter nicht sonderlich erfreut, Yoann zu sehen, dem wir beim Heckeschneiden in der Einfahrt begegnen. Laurent bringt kaum eine Begrüßung über die Lippen und verhalten flüstert er mir zu: »Der arbeitet für dich?«

Ich zucke mit den Schultern: »Was soll ich machen?«, strahle ein breites Grinsen in Yoanns finstere Miene und ziehe mich mit Laurent auf mein Zimmer zurück.

Nachdem ich mir Sand und Salz von der Haut geduscht habe, warte ich nackt auf meinem Bett, bis Laurent sich ebenfalls gesäubert hat. Zögernd setzt er sich neben mich und wir nippen vom Rotwein, den ich vorsorglich mitgenommen habe.

»Kann ich …«, fasst er sich schließlich ein Herz, »kann ich dich berühren?«

In einer zustimmenden Geste breite ich die Arme aus und sofort legt er seine Hände auf meine Brüste. Sein Kuss wirkt wie aus einem Lehrbuch für Erotik: erst sanfte Berührungen der Lippen, die sich mit festerem Druck abwechseln, ein leichtes Lecken mit der Zungenspitze und schließlich – Trommelwirbel – die ganze Zunge, die neckisch bald hierhin, bald dorthin irrt. Ich schließe die Augen und lasse mich aufs Bett sinken. Was soll‘s, mehr habe ich nicht erwartet und es könnte durchaus unangenehmer sein. Müsste ich Laurent ein Zeugnis ausstellen, würde ich wohl schreiben: ›Er war stets bemüht …‹. Wir schlafen zweimal miteinander und verabreden uns noch für den nächsten Tag, bevor er geht. Jetzt habe ich einen süßen, ungefährlichen Sommerbegleiter, mit dem ich Zeit verbringen und mich Yoanns Nähe entziehen kann. Ein guter Deal, wie ich finde. Sex ist für mich immer ein Tauschmittel. Ich offeriere eine Intimität, die selten tiefer geht als die Durchschnittspenislänge von gut 14 Zentimetern, und bekomme im Gegenzug Dankbarkeit, Bewunderung, Gefolgschaft. Und solange ich dabei die Kontrolle behalte, ist alles in Ordnung.

 

Da es zum Schlafen noch zu früh ist, ziehe ich mich an und streife durch das Haus. Köstlicher Geruch treibt mich in die Küche, wo Yoann am Tisch sitzt und eine Gemüsesuppe löffelt. Er deutet darauf: »Ich hätte Ihnen etwas gebracht, aber ich wollte Sie und Ihren Begleiter nicht stören.«

»Sehr rücksichtsvoll. Ich bin auch gar nicht hungrig.«

»Schön.« Er beugt sich wieder über seinen Teller und isst. Wie gut das riecht! Und natürlich habe ich Hunger, aber das kann ich jetzt nicht mehr zugeben. Kurzerhand greife ich mir eine Flasche Mineralwasser und stopfe mir unauffällig zwei Stück Baguette in die Hosentasche. Als ich die Küche verlassen will, hält mich Yoanns Stimme zurück. »Lassen Sie lieber die Finger von Laurent. Er ist ein Taugenichts.«

Was glaubt dieser Kerl eigentlich, wer er ist? Ein abgeklärter Ratgeber, der den rechten Pfad weist? Die Rolle liegt ihm nicht.

»Ein junger Mann, der studiert, ist also ein Taugenichts? Ist auf Häuser aufzupassen für Sie dann das Äquivalent für beruflichen Erfolg?«

»Nehmen Sie es so, wie ich es gesagt habe, und denken Sie darüber nach.«

Innerlich scharre ich mit den Hufen wie ein Stier, bevor er auf den Torero losgeht. Noch nie hat mich jemand so streitsüchtig gemacht, wie dieser Typ. Mein ganzes Leben lang verliefen meine Provokationen im Sande gutwilliger Akzeptanz. Immer prügelte ich auf weiche Kissen ein. Weil ich Halbwaise bin, weil ich reich bin, weil ich eine Frau bin. Yoann erscheint mir dagegen wie eine Wand, an der ich mir die Fäuste blutig schlagen kann. Und das gefällt mir.

»Ich will mit Laurent nicht den Rest meines Lebens verbringen. Es ist einfach schön, sich mit jemandem zu unterhalten.«

Yoann hebt den Kopf, sein ernster Blick bereitet mich in keiner Weise auf die Unverschämtheit vor, die im nächsten Moment aus seinem Mund kommt: »Um sich zu unterhalten, muss man keinen Sex haben.«

Vor Empörung pruste ich wie ein Walross. »Das geht Sie nichts an! Nicht das Geringste. Und überhaupt – haben Sie etwa an der Tür gelauscht?«

»Das war nicht nötig. Ihre Orgasmen waren sehr laut. Sehr laut und sehr falsch.«

Ich werde knallrot. Er hat den Nagel dermaßen auf den Kopf getroffen, dass ich widersprechen muss: »Das ist überhaupt nicht wahr! Wie kommen Sie darauf?«

In Zeitlupe breitet sich auf seinem Gesicht ein Grinsen aus, das beredter ist als Worte. Es sagt, dass er genau weiß, wie eine Frau beim Höhepunkt klingt. Weil er sehr gut darin ist, einen zu bereiten. Weil bei ihm keine Gespielin etwas vortäuschen muss.

Mein Mund wird trocken, die Hitze beißt noch stärker in meine Wangen. »Sie sind unverschämt!«

Statt einer Antwort hebt er nur kurz die Augenbrauen und wendet sich seiner Suppe zu. Mein Herzschlag pocht mir bis in den Hals, ich bleibe wartend stehen. Warte, dass etwas geschieht. Als ich beginne, mich albern zu fühlen, gehe ich in mein Zimmer, esse hastig die Brocken, in die sich das Baguette in meiner Tasche verwandelt hat, und verbringe den Rest des Abends mit knurrendem Magen allein. Als hätte ich mir selbst Stubenarrest erteilt.

Kräuterluft

Januar 2016

Es ist spät geworden, spät und dunkel, doch noch immer bestaunen Touristen den Palast, joggen Sportler über die Kieswege, gehen Menschen nach Hause. Nur die Enten sind verschwunden. Vaters Pflegerin hat schon zehnmal angerufen, aber da ich mein Smartphone im Gericht auf Flugmodus gestellt hatte, habe ich nichts davon mitbekommen. Ich schicke ihr eine Nachricht, dass ich auf dem Weg bin, und haste, so schnell ich nur kann, zu unserer Wohnung am Belgrave Square. Mit einem Taxi käme ich in Londons Feierabendverkehr auch nicht rascher voran, eher im Gegenteil.

Pansy erwartet mich mit ihrem Mantel über dem Arm. Ihr Blick ist vorwurfsvoll.

»Tut mir leid«, murmele ich, »Behördengänge«, und das ist noch nicht einmal komplett gelogen.

»Ich habe auch eine Familie, wissen Sie. Die Hunger hat.«

»Und zu der dürfen Sie jetzt. Bestellen Sie ihr doch mit …« – ich krame in meinem Portemonnaie – »mit diesen fünfzig Pfund etwas Leckeres zu essen.«

Pansy greift das Geld und lächelt. »Ihrem Vater geht es gut. Ist gefüttert, gewaschen und liegt im Bett, glücklich wie eine Lerche. Wir waren heute im Garten spazieren, eine ganze halbe Stunde.«

Ich nicke. Es sollte mich freuen, dass er einen guten Tag hatte, aber immer wieder spüre ich Ärger und Trauer über die Tatsache, dass er mit Mitte fünfzig nicht mehr in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen. Dass er nicht allein essen kann, nicht allein laufen und kaum noch sprechen.

»Danke, Pansy. Wir sehen uns morgen.«

Als sie gegangen ist, stelle ich meine Handtasche beiseite und ziehe Mantel und Schuhe aus. Atme tief durch, setze ein Lächeln auf und öffne die Tür zu seinem Zimmer. Der Raum riecht nach Hustenbonbons, Pansy reibt Vaters Waden und Füße jeden Abend mit einer durchblutungsfördernden Salbe ein und so umfangen mich Salbei, Arnika und Eukalyptus.

Vater sitzt in seinem Bett, den Kopf dem Fenster zugewandt. Ich ziehe die Gardinen weiter auseinander, damit er den Bussen und Passanten nachschauen kann. Er lächelt mich an, tastet nach meiner Hand, als ich mich auf den Bettrand setze.

»Cel.«

Meinen vollen Namen auszusprechen, ist ihm durch die schlaganfallbedingte Aphasie nicht mehr möglich, aber mir gefällt ›Cel‹. Ich hatte noch nie einen Spitznamen, immer nur Kosenamen. Roger nannte mich ›Prinzessin‹, was ich ziemlich übertrieben fand. Yoann sagte ›Mädchen‹ zu mir und das klang je nach Situation abschätzig oder liebevoll.

»Paps.« Ich drücke seine Finger, reibe sie warm. Er hält den Kopf schief, sieht mich an. Ich weiß, was er mich fragen will.

»Es ist alles in Ordnung, wirklich. Roger und ich sind zwar geschieden, aber wir verstehen uns noch. Wir waren sogar zusammen essen.«

Seine hellblauen Augen weiten sich.

»Doch, glaub es ruhig. Im Chez Alphonse. Es war köstlich wie immer. Was meinst du, soll ich uns am Wochenende etwas von dort liefern lassen? Worauf hättest du Appetit?«

»Nicht.«

»Ja, stimmt, dumm von mir. Du kannst jetzt noch nicht wissen, was du in ein paar Tagen essen willst. Wir reden darüber, wenn es so weit ist.«

Lächelnd streicht er über meinen Handrücken und diese Geste ist so zärtlich, dass mir ungewollt Tränen in die Augen steigen.

»Cel?«

Ich lege mich neben ihn, schmiege den Kopf an seine Brust. »Alles gut, Paps. Mach dir keine Sorgen. Es war nur ein anstrengender Tag.«

 

Nachdem er eingeschlafen ist, verlasse ich auf Zehenspitzen das Zimmer und setze mich an meinen Schreibtisch. Nach Vaters Invalidität vor fünf Jahren übernahm ich die Verwaltung seines Vermögens. Es ist ein richtig großes Vermögen – viel größer, als ich mir vorgestellt hatte – und ich hatte damals so gut wie keine Ahnung, was zu tun wäre. Sylvie, seit ich denken kann seine linke Hand, sein Zweitgedächtnis und eine gute Freundin, half mir während der ersten schweren Monate und mittlerweile ist das mein Job: Geld zu verwalten. Nicht gerade das, was ich mir für mein Leben vorgestellt habe, aber ich hatte auch keine echten Pläne. Nur der Gedanke an eine eigene Galerie schwebte mir früher durch den Kopf, was ziemlich absurd ist, denn ich habe von Kunst nicht die geringste Ahnung. Worauf ich wirklich stolz bin, ist die Stiftung, die ich mit Vaters Vermögen gegründet habe. Sie unterstützt Familien, in denen ein oder beide Elternteile Suchtprobleme haben. Genauso, wie wir die Kinder schützen wollen, soll auch den betroffenen Müttern und Vätern dabei geholfen werden, ihr Leben in den Griff zu bekommen, damit sie mit ihren Kindern zusammenbleiben können. Im April steht eine Sitzung des Stiftungsrats an, die Website benötigt eine Überarbeitung, Unterstützer müssen geworben werden und neue Familien in unser Programm aufgenommen. Also heißt es für mich: Papiere und Finanzberichte wälzen, Angebote prüfen, Schicksale beurteilen. Vor allem für das Letztere fühle ich mich in keiner Weise geeignet.

Gegen Mitternacht schaue ich wieder auf, als mein Magen mir lautstark zu verstehen gibt, dass die Rigatoni inzwischen Geschichte sind. In der Küche ist mein erster Impuls, mir eine Mikrowellenpizza warm zu machen und meinen Hunger mit schaumstoffartigem Teig, fetter Salami und Analogkäse zu stillen, aber die Echos viel zu vieler Artikel zum Thema ›Gesunde Ernährung‹ gebieten mir bedauerlicherweise Einhalt. Also einen Salat. Beim Schneiden von Tomaten, Gurke und Lollo rosso fallen mir fast die Augen zu und Erinnerungen brechen sich ungehindert Bahn. Erinnerungen an meine ersten Tage in Farouse, während derer ich meine anfängliche Überlegung, mich von Yoann fernzuhalten, rasch über Bord warf. Zu sehr gefiel es mir, mit ihm zu streiten. Und ich genoss es, abends auf dem Küchentisch zu sitzen, die Beine baumeln zu lassen und ihm beim Kochen zuzusehen. Bei ihm wirkte es nie wie eine langweilige Pflicht, sondern wie ein Abenteuer, wenn die Flammen beim Schwenken der Pfanne hochschossen oder wie eine meditative Sinnsuche, wenn er Kräuter zwischen seinen Handballen zerrieb und ihr Aroma mit tiefen Atemzügen in sich aufnahm.

Ich schließe die Augen, im Kopf das gleichmäßige, schnelle Klacken seines Messers auf dem Schneidebrett, in der Nase den Duft von Basilikum, Thymian, Rosmarin.

Sie müssten mich retten, nicht wahr?

August 2008

»Was machen Sie da?«

»Ich weiß noch nicht.«

»Sie rühren Sahne in Schüsseln. Könnte ein Dessert werden, oder?«

Yoann hat das abschätzige Schnauben zu einer eigenständigen Sprache entwickelt, die ich in den ersten beiden Urlaubswochen gut interpretieren gelernt habe. Da gibt es ein Kurzes, Tiefes, das Verachtung ausdrückt; ein Langgezogenes, in dem Bedauern über die Dummheit des Gegenübers mitschwingt und dann das, mit dem er mich in diesem Moment bedenkt: hell, beinahe leichtfüßig. Fast schon ein Lachen.

»Ich experimentiere.«

»So wie Frankenstein?«

Wieder ein Schnauben, kurz und tief diesmal. Ich halte besser für eine Weile den Mund.

Während er weiter den Schneebesen tanzen und gelegentlich zwischen seinen Fingerspitzen etwas in die Schüsseln rieseln lässt, betrachte ich ihn. Die Abendsonne fällt durch das Fenster und bringt die feinen Härchen auf seinen gebräunten Unterarmen zum Glänzen.

»Trauen Sie sich?«

Aus heiterem Himmel hält er mir auf einem Esslöffel einen winzigen Klecks Schlagsahne vor die Nase. Rote und dunkle Punkte zeichnen sich in ihr ab. Schokolade und Himbeere, wie viel Mut braucht es schon, das zu kosten?

Ich greife mir den Löffel, springe vom Tisch und schaufele eine ordentliche Portion aus der Schüssel in meinen Mund.

Und im nächsten Moment steht meine Zunge in Flammen und meine Kehle explodiert. Ich taumele zurück, taste röchelnd nach meinem Wasserglas, trinke, verschlucke mich, huste und spucke, während mir Tränen aus den Augen laufen.

»Was zum Teufel – was ist das?«

Ich erkenne meine Stimme kaum wieder. Sie ist hoch und trotzdem rau, wahrscheinlich sind meine Stimmbänder für alle Ewigkeit verätzt. Yoann steht vor mir, die Arme vor der Brust verschränkt, der Blick sehr ernst. »Nicht gut?«

»Nicht gut? Fragen Sie das wirklich?«

»Wie stufen Sie das Geschmackserlebnis ein auf einer Skala von 1 bis 10, wobei 1 für hervorragend und 10 …«

»100, Yoann. Eine glatte 100. Wollen Sie mich umbringen? Was ist das?«

»Schlagsahne mit Habanero-Chili und schwarzem Pfeffer. Ich dachte, die Schärfe könnte im Zusammenspiel mit einer Mousse aus Vollmilchschokolade interessant sein.«

Ich wische mir mit einem Geschirrhandtuch die Tränen von den Wangen. »Sie sind komplett verrückt. Warum nicht Sahne mit Früchten? Noch ein bisschen Eis dazu. Jeder liebt das. Damit könnten sogar Sie sich Freunde machen.«

»Sie sind zwanzig, nicht wahr, Mademoiselle Celeste?«

»Ja. Und?«

Er wendet sich wieder seinen Schüsseln zu. »Für jemanden in diesem Alter sind Sie sehr festgefahren. Wenn etwas nicht genau so ist, wie Sie es kennen, geben Sie ihm keine Chance.«

»Wissen Sie was, Yoann? Das muss ich auch gar nicht. Weil ich genug Geld habe. Die Welt muss sich nach mir richten.«

Über die Schulter wirft er mir einen vernichtenden Blick zu. »Die Welt interessiert sich nicht für Sie. Nur die armseligen Lakaien, die sich von Ihnen einen Vorteil erhoffen. Wie Ihr Laurent.«

Gekränkt bis ins Mark, stelle ich mich neben ihn, halte das Messer, mit dem er gerade Schokolade hacken will, auf dem Schneidebrett fest. »Und Sie, mein Lieber. Sie sind der Erste, der von mir profitiert. Ohne mich hätten Sie weder einen Job noch ein Zuhause.«

»Ohne Sie, Mademoiselle, wäre ich halt woanders. Kann ich jetzt weiterarbeiten?«

Ich lasse das Messer los, verlasse die Küche. Rufe ihm dabei zu, dass Laurent heute bei mir zu Abend essen wird und er gefälligst genug vorbereiten soll. In meinem Zimmer fange ich an zu lachen. Ich weiß nicht, wieso, es passiert einfach. Alles in mir klopft und pocht und mein Blut rast durch meine Adern. Ich habe mich gestritten, bin sehr verletzend behandelt worden, bin beinahe erstickt. Aber ich fühle mich so lebendig, wie schon lange nicht mehr.

 

Als Laurent abends vorbeikommt, mich mit einem Kuss begrüßt und mir einen Blumenstrauß in die Hand drückt, verfliegt dieses Gefühl, diese Lebendigkeit. Wir sitzen zusammen am Esstisch im Wohnzimmer, trinken Rotwein, essen Yoanns delikates Coq au Vin, tauschen wundervoll oberflächliche Banalitäten aus und ich lache über den Spitznamen, den Laurent für Yoann hat: ›Miesgram‹. Irgendwann werde ich ihn fragen, warum er Yoann nicht mag – abgesehen vom Offensichtlichen – aber nicht jetzt. Heute Abend will ich mich in seiner an Bewunderung grenzenden Zuneigung baden. Es gefällt mir, wenn sich alles um mich dreht.

 

Nach einer weiteren Woche in Farouse kann ich mir kaum noch vorstellen, jemals wieder in den Londoner Trubel zurückzufinden. Das Leben hier bewegt sich mit einer Langsamkeit, in die ich mich hineinfallen lasse wie in eine Hängematte. Wenige Konstanten strukturieren meinen Tagesablauf: der Geschmack von Yoanns Kaffee morgens in der Küche; die Mittagssonne, die mich jede unnötige Bewegung vermeiden lässt; das Glas Rotwein am Abend. Nicht zu vergessen die köstlichen Mahlzeiten, die stets Punkt achtzehn Uhr für mich zubereitet sind und dazu führen, dass meine Hüften runder und meine Brüste voller werden. Diese Urlaubspfunde muss ich im Herbst in meinem Fitnessclub im Sloane Square abtrainieren. Ich werde einen ganzen Monat lang das Laufband nicht verlassen.

 

Spät abends, wenn sich die Sonne hinter den Bergen versteckt, gehe ich ein letztes Mal in den Garten, laufe mit nackten Füßen über die hart und braun werdenden Grashalme. Die Luft ist noch warm und die Sommerhitze steckt in der Erde, in den Bäumen, man kann sie beinahe greifen, wenn man die Hände ausstreckt.

London ist sehr weit weg.

***

Ein Schatten fällt auf mich. »Wollen Sie einen Ausflug machen? Morgen?«

»Bitte was?« Ins Gegenlicht blinzelnd erkenne ich Yoanns große Gestalt, taste nach meiner Sonnenbrille auf dem Boden neben der Poolliege, setze sie auf und betrachte ihn durch die dunkelgrüne Tönung.

»In Sète gibt es sonntagvormittags einen Markt. Danach können wir an den Strand.«

Ich glaube, nicht richtig zu hören. »Sie wollen mit mir einen Ausflug machen? Sie mögen mich doch überhaupt nicht.«

»Aber Sète ist sehr schön.«

Ich setze mich auf. Er ist nicht der Typ dafür, dumme Geschichten zu erfinden und ›ätschi bätsch‹ zu rufen, wenn man darauf hereinfällt. Trotzdem ist hier irgendetwas faul.

»Mit Ihnen an den Strand?«

»Ja.«

»Und wir wären mit Ihrem – ich nenne es mal ›Auto‹ – unterwegs?«

»Okay, lassen wir es.«

»Jetzt schmollen Sie nicht gleich wie ein Kleinkind. Wenn Sie unbedingt wollen, dann machen wir halt diesen Ausflug.«

Yoann grinst breit. »Wie großmütig von Ihnen.«

 

Den ganzen Tag denke ich darüber nach, wieso er mich einlädt. Bis dato hat er mir nicht den Eindruck vermittelt, dass er gerne Zeit mit mir verbringt. Er scheint mich noch nicht einmal attraktiv zu finden, zumindest verraten seine Blicke nichts Derartiges, wenn ich im Garten sonnenbade. Aber vielleicht will er ja doch etwas von mir. Vielleicht glaubt er, ein gemeinsamer Tag mit ihm am Strand könnte den gesellschaftlichen Abgrund zwischen ihm und mir verschwinden lassen, der so weit und so tief ist, dass wir uns nicht einmal mit Signalflaggen verständigen können. Ob er sich ein Happy End mit der Prinzessin wünscht? Die Vorstellung ist dermaßen absurd, dass ich Vater beim abendlichen Skypen nichts davon erzählen will, bis er in einem verdächtig unverfänglichen Tonfall fragt: »Unternimmst du morgen etwas Schönes?«, und da begreife ich, woher der Wind weht.

»Du steckst dahinter! Du hast Yoann gebeten, mich auf einen Ausflug einzuladen.«

»Ich? Nein! Wie kommst du denn darauf?« Seine bemüht entrüstete Miene, mit aufgerissenen Augen und leichtem Schmollmund, ist noch weniger überzeugend als sein Tonfall. Er ist ein richtig schlechter Lügner. Keine Ahnung, wie er in der Finanzbranche so erfolgreich sein kann.

»Ach, bitte, Paps. Verkauf mich nicht für blöd.«

»Sei nicht böse. Er hat gesagt, du würdest dich sehr zurückziehen und du sollst doch deinen Urlaub genießen.«

»Du redest mit ihm über mich?« Keine Ahnung, was mich mehr schockiert – dass Yoann sein neuer Vertrauter zu sein scheint oder dass er glaubt, dieser Mensch könnte dazu beitragen, meine Ferien zu einem Erfolg zu machen.

Vater schweigt so lange, dass ich glaube, Skype wäre abgestürzt. Aber dann höre ich sein tiefes Seufzen: »Egal, was ich jetzt sage, ich kann nur noch verlieren.«

»Nein, ist schon gut. Du sorgst dich um mich. Und du hast ein schlechtes Gewissen, weil du mich nicht bei dir haben wolltest und mich stattdessen in dieser Einöde geparkt hast. Ich verstehe das.«

»Celeste!«

»Ich verspreche dir, ich fahre mit meinem Aufseher ans Meer, werde einen tollen Tag verbringen und meinen Urlaub so richtig genießen. Danach läuft hier alles wieder so, wie ich es möchte. Einverstanden?«

»Mein gutes Kind.«

 

Am nächsten Morgen weckt mich Yoann mit lautem Klopfen. Es ist erst acht Uhr, aber ich unterdrücke meine Flüche, werfe mich in Jeansshorts und ein cremefarbenes Shirt und binde meine Haare zum Pferdeschwanz. Dann greife ich meinen Vuitton-Lederrucksack, den ich schon gestern Abend mit meinen Badesachen bestückt habe. Obwohl all das keine fünf Minuten gedauert hat, begrüßt Yoann mich mit »Na endlich«, und während ich hinter ihm die Treppe heruntergehe, strecke ich ihm die Zunge heraus. Das hier wird genauso grässlich werden, wie gedacht. Ein wenig versöhnlich stimmt mich der Anblick eines Picknickkorbs im Wagen.

»Haben Sie Sandwiches gemacht, Yoann?«

»Ja.«

»Auch eins mit Rucola, Schinken und Grana Padano?«

»Ja.«
»Und eins mit Pute, Ingwer-Honig und Radicchio?«

Er brummt zustimmend.

»Wunderbar. Egal, was man sonst über Sie sagen kann, aber Ihre Sandwiches sind unübertroffen.«

»Ich weiß. Schade für Sie, dass ich Ihnen keines abgeben werde.«

»Hey!« Ich haue ihm leicht mit der Faust gegen die Schulter. Er lächelt mich mit einem Lächeln an, das einen innehalten lässt, egal was man gerade tut. Er zieht eine Sonnenbrille aus dem Handschuhfach und setzt sie auf. Es ist eine altmodische Brille mit schwarzer, eckiger Fassung und breiten Bügeln. Seine Augen sind dahinter nicht einmal mehr zu erahnen. Ihr Anblick fehlt mir. Hastig richte ich meinen Blick aus dem Fenster, denn mein Gesicht hat sich in den dunklen Gläsern gespiegelt und einen Ausdruck gezeigt, den er besser nicht sehen sollte. Hitze beißt in meine Wangen. Seit wann sieht der Kerl so gut aus?

Na toll, das hat mir noch gefehlt. Leide ich unter Lagerkoller oder dem Stockholm-Syndrom oder beidem? Das ist Yoann, sage ich mir. Yoann, der Miesgram. Bau bloß keinen Scheiß, Celeste!

 

Sète ist traumhaft. An einer Lagune gelegen, ragt es mit seinen bunten Bürgerhäusern wie ein schimmerndes Juwel aus dem Mittelmeer. Auf unserem Weg den Canal Royal entlang bleibe ich an jedem Souvenirshop stehen, begutachte die Auslagen, die aus maritimen Schmuck bestehen, aus Tüchern und aus Urlaubsandenken, über die sich wirklich niemand freut. Nach dem dritten Stand bin ich schrecklich gelangweilt, aber ich will Yoann seine Aufgabe nicht zu einfach machen. Er erträgt die Shoppingfolter mit stoischer Gelassenheit, und nachdem ich ein blau-weiß-gestreiftes Halstuch erworben habe, erlaube ich, dass wir den Markt aufsuchen. Die kleinen Stände im Freien, direkt an der Uferpromenade gelegen, bieten alles an, was die französische Küche ausmacht. Neben Orangen, Feigen und Weintrauben türmen sich in Weidenkörben Zucchini, Auberginen und Artischocken. Mein Magen beginnt beim Anblick von Wildschweinschinken an Haken und aufgeschnittener Bergsalami zu knurren und mit jedem Schritt steigen mir wundervolle Gerüche in die Nase – Obst, Käse, Fisch, Kräuter. Yoann strahlt übers ganze Gesicht, als er einen Pfirsich kostet, sich den Saft vom Kinn wischt und mit der Marktfrau scherzt, während sie seine Bestellung abwiegt.

Diesen fremden Menschen zeigt er eine andere Seite von sich, doch kaum, dass er sich mir zuwendet, liegt ein abschätziges Lächeln auf seinem Gesicht. Na gut, dass er mich nicht leiden kann, sollte mich nicht stören. Tut es aber trotzdem.

 

Wenig später lerne ich, dass ›an den Strand gehen‹ für Yoann etwas komplett anderes bedeutet als für den Rest der Menschheit. Statt sich leicht bekleidet in den Sand zu legen, klettert er mit mir auf einen Felsen, der ins Meer hinausragt. Für den letzten Schritt nach oben reicht er mir seine Hand und zieht mich mit festem Griff hinauf. Ein tiefer Atemzug hebt seine Brust. »Was sagen Sie?«

Ich richte mich auf und sehe mich um. Der Ausblick ist unbeschreiblich. Die Weite des Meeres verschmilzt mit dem Blau des Himmels, weiße Segelboote schneiden durch das Wasser und erscheinen wie Spiegelbilder der Wolken. Ich stelle mich dicht an den Rand der Klippe und lausche dem Wind und dem Brechen der Wellen. Salz legt sich auf meine Lippen.

Als ich mich umdrehe, ist Yoann damit beschäftigt, unser Picknick vorzubereiten. Auf einer Decke breitet er seine Sandwiches und das Obst vom Markt aus. Ich lasse mich neben ihm nieder und wir stoßen mit Rotwein in Plastikgläsern an.

»Gefällt es Ihnen hier?«

Ich zucke mit den Schultern. »Ist okay.«

»Sie können es einfach nicht.«

»Was?«

»Zugeben, dass Sie an etwas Freude empfinden. Oder gibt es tatsächlich nichts, das Ihren hohen Erwartungen entspricht?«

»Auf jeden Fall weiß ich, was mir nicht gefällt.«

Nach diesen unheilschwangeren Worten lege ich eine nicht minder unheilschwangere Pause ein. Fragend hebt Yoann die linke Augenbraue.

»Es missfällt mir, dass Sie in meinen eigenen vier Wänden als Spitzel fungieren. Wie kommen Sie dazu, meinem Vater Bericht über meine Aktivitäten zu erstatten?«

»Er hatte sich nach Ihnen erkundigt«, erwidert Yoann und diese Erklärung ist so einfach und verständlich, dass meine Entrüstung in sich zusammenfällt.

»Ja, schon, aber –«

»Ich respektiere Ihren Vater. Er ist ein anständiger Mann, der mir einen guten Job gegeben hat. Selbstverständlich sage ich ihm, wie es seiner Tochter geht, wenn er mich danach fragt.«

»Ist ja gut.« Ich nehme einen großen Schluck Wein, bevor ich die Frage stelle, die mich in Wahrheit so aufbringt: »Haben Sie ihm auch von mir und Laurent erzählt?«

»Nein. Wieso sollte ich? Sie können tun und lassen, was Sie wollen. Sie sind eine erwachsene Frau.« Er sagt den letzten Satz in einem Ton, als wäre er nicht davon überzeugt. Und das ärgert mich! Seit ich in Farouse angekommen bin, gibt er mir mit jeder Faser seines Wesens zu verstehen, dass er auf mich herabsieht. Selbst eine Marktfrau wird netter behandelt als ich, dabei bin ich diejenige, für die er arbeitet. Mit der er seine Tage verbringt. Die er verdammt noch mal gut finden sollte, auch wenn er keine Chance bei ihr hat.

Ich stelle mein Glas ab und gehe zum Rand der Klippe.

»Wie tief geht das hier herunter? Vier Meter?«

»Eher fünf.«

»Ich könnte ins Wasser springen.«

Jetzt steht auch er auf, nähert sich mir verhalten. »Das sollten Sie bleiben lassen.«

»Wieso? Ich bin eine gute Schwimmerin.«

»Um den Felsen bilden sich Strudel und gefährliche Strömungen.«

Als er noch ein paar Schritte auf mich zukommt, weiche ich weiter an den Rand zurück. Mein Puls pocht in meinen Handgelenken.

»Sie müssten mich retten, nicht wahr, Yoann? Sie können mich nicht leiden, aber Sie müssten mich retten.«

»Hör mit dem Scheiß auf, Mädchen!«

Ich drehe mich um, stoße mich ab, springe. Wie ein Vogel fliege ich über das Meer, zumindest ein paar Sekunden lang, bevor ich mit gestreckten Armen die Oberfläche durchbreche. Eingehüllt in wirbelndes Wasser, das trotz der Sommerhitze eiskalt ist, sinke ich tief in die Dunkelheit. Als ich auftauchen will, ist es, als packte mich eine stahlharte Hand am Knöchel und hielte mich fest. Mit kräftigen Armschlägen kämpfe ich gegen den Zug an, aber es gelingt mir nicht, auch nur einen Zentimeter nach oben zu kommen. Als mir die Luft knapp wird, erkenne ich glasklar, dass ich einen Riesenfehler begangen habe. Ich denke an Paps. Dass ich sterben werde und was ich ihm mit meiner dämlichen Aktion antue. Krampfhaft beiße ich mir auf die Lippen, um ja nicht einzuatmen, paddele wie ein Hund gegen die Strömung. Meine Ohren rauschen, meine Lunge brennt. Keinen Augenblick länger kann ich den Drang bekämpfen, Luft zu holen, da werde ich gepackt und gerissen, tauche aus der grünblauen Ewigkeit in grelles Sonnenlicht. Keuchend schnappe ich nach Luft, schlage in Panik um mich und höre Yoanns Stimme: »Bleib ruhig, du verdammte Idiotin!«

Für dieses Mal gehorche ich ihm. Die Arme um mich gelegt, bringt er mich sicher an den Strand, wo ich hustend und spuckend auf allen vieren lande.

»Okay«, gebe ich zu, als ich wieder sprechen kann und mich auf die Füße arbeite, »das war wirklich eine blöde Idee. Jetzt könnte ich einen Kaffee vertragen. Ich hoffe, Sie haben welchen mitgebracht.«

Mit verschränkten Armen steht er vor mir, sein Gesicht ist hart und zornig und er trieft vor Nässe.

»Das war ein Scherz. Wir können auch ins Café gehen. Ich zahle.«

»Sie«, sagt er und seine Stimme klirrt eiskalt, »Sie sind die dümmste Person, die mir jemals begegnet ist. Wenn Ihnen Ihr eigenes Leben schon nichts wert ist, dann denken Sie wenigstens daran, andere nicht in Gefahr zu bringen.«

Ich weiß, dass er recht hat. Eine Bitte um Entschuldigung wäre das Mindeste, was ich zu leisten hätte. Andererseits ist da dieses aufregende Gefühl, ihm die Stirn zu bieten.

»Jetzt haben Sie sich nicht so, Yoann. Wir sind am Meer, wir waren schwimmen, wo liegt das Problem?«

Ein Schritt und er steht dicht vor mir, packt meine Oberarme mit festem Griff.

»Sie verstehen es nicht, oder? Wir hätten beide draufgehen können.«

»Sie tun mir weh!«

Er packt härter zu, ich unterdrücke einen Schmerzenslaut.

»Wenn Sie so etwas noch einmal tun …«

»Was dann?«, fordere ich ihn heraus. Er antwortet nicht, aber seine ganze Gestalt verströmt kaum beherrschbaren Zorn. Lebendig fühlt sich das hier an, lebendig und aufregend. Mein Herz rast; wie gerade eben unter Wasser habe ich auch jetzt das Gefühl, nicht atmen zu können.

»Was dann?«

Er schüttelt ein wenig den Kopf, als erwache er aus einer Trance. Sein Blick wandert über mein Gesicht, hinunter zu meinem T-Shirt. Erst jetzt bemerke ich, dass es durch das Wasser fast durchsichtig geworden ist. Hart recken sich meine rosa Knospen Yoann entgegen und nur noch dieser hauchdünne, beinahe transparente Stoff steht zwischen ihm und meiner Entblößung.

»Was dann?«, frage ich zum dritten Mal, meine Stimme bebt vor Erregung und Anspannung. Yoann lässt meine Arme los.

»Dann verdienen Sie eine Tracht Prügel«, sagt er. »Und jetzt kommen Sie, wir fahren zurück. Ich will nicht mehr so tun, als würde ich gerne Zeit mit Ihnen verbringen.«

Ich starre ihm nach, wie er durch den Sand zum Auto stapft, reibe dabei über die schmerzenden Abdrücke seiner Finger auf meinen Armen. Dann klettere ich auf den Felsen, sammele unsere Sachen ein und folge ihm.

 

Nach einer schweigenden Rückfahrt gehen wir getrennter Wege. Während Yoann im Garten hantiert, ziehe ich mich in mein Zimmer zurück. Ich würde es zwar nie zugeben, aber mein Beinahe-Ertrinken hat mich ziemlich mitgenommen.

Es ist nach elf Uhr abends, als mich die Ankunft eines Autos aus einem leichten Schlummer reißt. Neugierig schaue ich aus dem Fenster und sehe, wie eine dunkelhaarige Frau aus einem Citroën DS steigt. Ein altes Modell – das Auto, nicht die Frau. Die ist jung, üppig und scheint attraktiv zu sein. Yoann küsst sie zur Begrüßung auf beide Wangen, bevor sie ins Haus gehen.

Damit habe ich nicht gerechnet. Die ganze Zeit erschien er mir beinahe als mein Eigentum und jetzt ist da diese Person. Könnte seine Schwester sein. Vielleicht gibt es eine riesengroße Familie Pinot. Oder er ist gebunden. Warum auch nicht? Selbst noch unangenehmere Männer als er haben eine Freundin. Außerdem ist es sowieso vollkommen egal.

 

Ich schreibe eine E-Mail an Kathleen, lese eine von Laurent, antworte ihm. Über all dem vergeht fast eine Stunde und der Citroën steht immer noch in der Auffahrt.

Sollte ich nicht wissen, wer bei mir zu Gast ist? So geräuschlos wie möglich steige ich die knarrende Treppe hinunter. Yoanns Tür ist natürlich geschlossen. Ich könnte klopfen und mich vorstellen. Nicht, dass er die arme Frau glauben macht, das Haus gehöre ihm. Als ich mich seinem Zimmer weiter nähere, höre ich Stimmen, zu leise, um etwas zu verstehen. Dann, so unvermittelt, dass ich zusammenzucke, ertönt ein Schlag und gleich darauf das Keuchen einer Frau. Und wieder ein Schlag. Und ein Dritter. Klatschende, dumpfe Geräusche. Noch einmal. Die Frau schreit, der Klang ihrer wollüstigen Qual verursacht mir Gänsehaut. Yoanns dunkle Stimme gibt knappe, harte Worte von sich. Ihr Stöhnen wird schneller und heftiger, als erneute Schläge ertönen. Ich gehe in die Knie, als würden sie mich treffen. Durch die kleine Öffnung des Schlüssellochs sehe ich, dass sie mit dem Oberkörper auf einem Tisch liegt. Sehe ihre Hände, die sich daran festklammern, ihr Gesicht, das verzerrt ist – vor Lust, vor Schmerz, ich kann es nicht sagen. Yoanns Finger greifen in ihre Haare, ziehen grob ihren Kopf in den Nacken. Sie schreit seinen Namen, es klingt wie ein Hilferuf. Jetzt wird auch Yoann lauter, sein Keuchen vereint sich mit ihrem, gemeinsam erreichen sie den Höhepunkt und die wilden, unbeherrschten Laute, die die Frau dabei von sich gibt, machen mir deutlich, wie lächerlich mein Gestöhne und Gekeuche klingt, wenn Laurent sich auf mir abmüht.

Stille kehrt ein. Ich schließe kurz die Augen, stelle mir vor, wie sie beieinanderliegen, heiße Haut an heißer Haut. Vorsichtig stehe ich auf, schwanke, stoße gegen die Tür. Nach einer Schrecksekunde, in der ich Schritte zu hören vermeine, renne ich in mein Zimmer und drehe den Schlüssel herum. Habe das Gefühl, zum zweiten Mal an diesem Tag einer lebensbedrohlichen Situation entkommen zu sein. Aber dann knarren die Dielen im Flur, knallt ein lauter Faustschlag gegen meine Tür. Hastig weiche ich zurück bis ans Fenster. Was, wenn Yoann sich gewaltsam Eintritt verschafft und ich keine Möglichkeit zur Flucht habe? Wenn er die Tür einschlägt und in einem Regen aus splitterndem Holz vor mir steht? Endlose Augenblicke, bis sich seine Schritte endlich entfernen. Ich atme aus, meine Hände sind schweißnass. Vorsichtig wage ich mich in den Flur. Yoann ist weg. Und ich bin enttäuscht.

Im Bett geht mir die Szene nicht aus dem Kopf. Die Schläge, dieser zornige, raue Sex – ich bin mir sicher, dass Yoann diese Frau benutzt hat, um seine Wut auf mich abzureagieren. Er dachte an mich, während er sie fickte. Mein Schoß ist so nass und gierig, dass ich mich anfassen will, aber ich würde mir dabei vorstellen, dass Yoann mich schlägt und auf diesem Tisch nimmt. Und das will ich nicht! Schlaflos wälze ich mich hin und her. Höre spät in der Nacht, dass das Auto abfährt.

 

Am nächsten Morgen erscheint mir der vergangene Tag wie ein wüster Albtraum, bei dem man nach dem Erwachen minutenlang nicht weiß, ob er wahr ist oder nicht. Kurzentschlossen presse ich einen frischen Orangensaft und mache mich damit auf die Suche nach Yoann. Es soll ein Waffenstillstandsangebot sein und mir die Möglichkeit geben, ihn ein wenig auszuhorchen. Allerdings werde ich mit keinem Wort darauf eingehen, dass er gestern Nacht vor meiner Tür stand. Auf dieses dünne Eis begebe ich mich ganz sicher nicht.

Yoann hockt neben dem Schuppen im Gras und schraubt am Rasenmäher herum. Obwohl es noch früh am Tag ist, scheint die Sonne brütend heiß und Yoann arbeitet mit bloßem Oberkörper. Seine Haut glänzt vor Schweiß. Als er mich sieht, steht er auf und wischt sich mit dem Arm über die Stirn.

»Hier.« Ich reiche ihm den Saft. Er beäugt ihn misstrauisch.

»Jetzt trinken Sie schon. Er ist nicht vergiftet. Nur ein kleines Dankeschön.«

Endlich nimmt er das Glas und leert es in einem Zug. »Dankeschön wofür?«

»Sie haben mir das Leben gerettet, schon vergessen?«

Ein ganz, ganz schmales Lächeln erscheint auf seinen Lippen. »Nein, ich vergesse meine Fehler nicht.«

»Sehr witzig.«

»Haben Sie Ihre Dummheit denn gut überstanden?«

»Natürlich. Und bei Ihnen – alles in Ordnung?« Ich neige den Kopf zur Seite und ziehe einen Schmollmund. Das wirkt neckisch. Männer stehen darauf. »Gestern kam noch Besuch vorbei, nicht wahr?«

Sein Lächeln wird breiter. »Ja.«

»Stellen Sie mir Ihre Bekannte das nächste Mal doch vor.«

»Womöglich.«

Schade, ich hatte gehofft, ihn durch Freundlichkeit aus der Reserve locken zu können und etwas über diese ominöse Dame zu erfahren. Aber bei jemandem wie ihm ist Nettigkeit vergebliche Liebesmüh.

»Nur um sicherzugehen – mein Vater hat Ihnen erlaubt, Ihre nächtlichen Gäste hier zu empfangen?«

Das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht wie die Sonne hinter einer Wolke.

»Hören Sie, Mädchen, wenn Sie etwas wissen wollen, dann fragen Sie mich einfach.«

Ich schlucke schwer. Jetzt kann ich nicht mehr kneifen. »Wer war die Frau?«

»Das geht Sie nichts an.«

Arschloch!

»Ich habe Sie beide gehört. Und es klang nicht nach einvernehmlichem Sex.«

Da ist es wieder, sein abschätziges Lächeln. »Machen Sie sich deshalb keine Gedanken. Ich finde die passenden Frauen für mich. Manchmal finden sie auch mich.«

»Und welche Frauen wären das?«

Er geht einen Schritt auf mich zu, steht so dicht vor mir, dass der Geruch seiner warmen Haut in meine Nase steigt. Er riecht nach frischem Schweiß, nach Sommer und so intensiv nach Mann, dass ich nur schwer meinen gleichgültigen Gesichtsausdruck bewahren kann. Der Wunsch, seine glatte, gebräunte Haut zu erkunden, mit den Fingern über seine Muskeln zu streichen, wird beinahe übermächtig.

»Frauen, die es hart mögen«, erwidert er. »Hart und geil. Beantwortet das Ihre Frage?«

Meine Schuld, ich wollte es ja wissen. Ab sofort können mich nicht einmal mehr seine hervorragenden Kochkünste darüber hinwegtäuschen, dass ein rückständiger, brutaler Macho in meinem Haus wohnt. Ich strecke mich und blicke ihm direkt in die Augen.

»Wenn Sie so viel überschüssige Energie haben, müssen Sie schwerer arbeiten. Die Olivenbäume müssten beschnitten werden.«

»Dafür ist nicht die Jahreszeit.«

Unbewusst balle ich meine Fäuste. »Und ob sie das ist! Und zwar, weil ich es sage. Es ist mir egal, was Sie mit Ihren Frauen im Bett anstellen, aber hier tun Sie genau das, was ich möchte.«

Er grinst. »Im Bett? Wie langweilig.«

Ich drehe mich um und gehe. Flüchte, besser gesagt. Dann rufe ich Laurent an und bestelle ihn für den Abend zu mir. Seine Berechenbarkeit kommt mir gerade sehr entgegen.

Die toten Blätter

August 2008

Rings um die Kirche ist es brechend voll, halb Okzitanien scheint nach Farouse gekommen zu sein. Der Lindenbaum in der Mitte des Platzes ist mit bunten Lichterketten behangen, von den beiden Crêpes-Ständen wehen köstliche Gerüche durch die Nachtluft, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Ein DJ lässt ein Best-of fürchterlicher Sommerhits erklingen, hauptsächlich aus Refrain bestehende Retortensongs, gefüllt mit »Uhs« und »Ahs«. Unbeirrt tanzen Leute dazu. Ein Sommerfest anlässlich Mariä Himmelfahrt soll das hier sein, das Geschehen wirkt jedoch wenig katholisch.

»Aufregender als das wird es in Farouse nicht«, sagt Laurent.

»Ist doch nett«, erwidere ich.

Wenn ich in London freitagabends meinen Lieblingsclub besuche, wird mein Erscheinen mit Hallos und Küsschen begleitet. Hier dagegen kennt mich keine Sau. Derart ignoriert fühle ich mich so fehl am Platz, wie lange nicht mehr. Laurent greift meine Hand und zieht mich zu einer mobilen Cocktailbar. Nach einem extrem cachaçahaltigen Caipirinha bin ich schon wesentlich entspannter, wir mischen uns unter die Feiernden, tanzen zu der Musik, die wirklich entsetzlich ist und spötteln über die Gäste in ihrem ländlichen Chic. Unser Amüsement erhält allerdings einen Dämpfer, als wir in der Menschenmenge auf Yoann in Begleitung eines älteren Ehepaares treffen.

Seit der Sache in Sète, oder besser, seit der Nacht und dem Morgen danach, halte ich Abstand zu Yoann. Das scheint mir sicherer, gelingt mir gedanklich allerdings nicht immer. Tatsächlich denke ich seither beim Sex an das, was er mit der Frau auf seinem Tisch gemacht hat. Auch deshalb stehe ich befangen vor den Dreien und Laurent macht die Sache nicht besser, als er sich ohne ein Wort umdreht und in der Menge untertaucht. Wenigstens Yoann hat sich im Griff und stellt mir seine Begleiter vor – einen kahlköpfigen, beleibten Mann namens Bastien und dessen Frau Adele, deren rundes Gesicht Freundlichkeit und Gutmütigkeit ausstrahlt. Freunde von ihm, sagt Yoann.

Aha, sage ich. Dann stehen wir da und ich richte meinen Blick gen Boden.

»Bestimmt wollt ihr jungen Leute zusammen Spaß haben«, höre ich Bastiens zigarettenraue Stimme.

»Nicht doch …«, wenden Yoann und ich gleichzeitig ein, aber Adele stößt mit »Für uns ist es sowieso Zeit, nach Hause zu gehen« ins gleiche Horn.

»Die beiden wollen mich immer verkuppeln«, erklärt Yoann, kaum dass sie verschwunden sind. »Ist so eine Art Hobby.«

»Sagen Sie ihnen, ein Hauch Subtilität könnte dabei nicht schaden.«

Schweigend stehen wir uns gegenüber, bis Yoann seinen Finger genau in den wunden Punkt steckt. »Sie machen sich rar, Mademoiselle.«

»Ach ja? Ist mir gar nicht aufgefallen.«

»Haben Sie Angst vor mir?«

Ich lache auf, laut, grell und übertrieben. »Angst? Angst? Wieso sollte ich?«

»Keine Ahnung. Sagen Sie es mir.«

»Ich bin nicht ängstlich, ich bin ärgerlich. Sie haben gesagt, ich sei die dümmste Person, die sie kennen. Das ist beleidigend.«

»Sie sind ohne jeden Grund beinahe in den Tod gesprungen. Wenn das nicht dumm ist, dann weiß ich auch nicht.«

Ich schweige. Dieser Moment am Strand ist auf einmal wieder sehr präsent. Sein Zorn und das Gefühl, zu leben. Mein Körper unter nassem Stoff.

Yoanns Augen fixieren mich. Sie sind von einem ganz dunklen Braun. Wie regennasse Erde. Ob er sich gerade die gleichen Gedanken über mich macht? Wie hell das Blau meiner Augen ist und woran es ihn erinnert?

In diesem Moment vibriert mein Smartphone. Aufatmend nehme ich Laurents Anruf an: »Wo bist du denn?«

»Bei meinem Auto. Komm, wir fahren zu dir.«

»Du willst schon weg? Ich dachte, es gibt noch ein Feuerwerk und …«

»Scheiß auf das Feuerwerk. Lass uns abhauen.«

Yoann tut nicht einmal so, als würde er Diskretion wahren. Den Kopf ein wenig schief gelegt, scheint er zu warten, wie ich mich entscheide.

Wenn ich bleibe, bin ich hier mit ihm gestrandet und muss darauf bauen, dass er mich wieder zurückfährt, da ich nicht nachts durch die menschenleere Pampa laufen will. Wenn ich gehe, denkt er noch, ich hätte tatsächlich Angst vor ihm. Die Wahl fällt mir nicht leicht, aber ich muss sie treffen.

»Tut mir leid, Laurent, ich bleibe.«

»Spinnst du? Was willst du denn auf diesem Provinzrave?«

»Mich vergnügen. Deshalb hast du mich doch hierhergeschleppt.« Ich lege auf und lasse das Smartphone sinken.

»Ärger im Paradies?«

»Halten Sie die Klappe, Yoann.«

Grinsend salutiert er: »Sehr wohl, Missy.«

Unwillkürlich muss ich lachen. Er wirkt viel gelöster als sonst. Kein Vergleich zu dem Miesgram, der meine Tage verdunkelt.

»Gefällt Ihnen das Fest?«

Ich zucke mit den Schultern. »Es ist niedlich.«

»Das gemeine Volk amüsiert sich. Warten Sie ab, um Mitternacht werden Essensreste in die Menge geworfen. Es ist lustig anzuschauen, wie sich die Bauern darum balgen.«

Schon wieder bringt er mich zum Lachen. Ich stoße ihm in die Rippen. »Sie sind albern. Was ist los mit Ihnen?«

Er beugt sich zu mir herunter, bis seine Lippen ganz dicht an mein Ohr sind: »Ich bin ein bisschen betrunken.«

Ja, das ergibt Sinn: Sein lockeres Verhalten und sein weiches Lächeln rühren daher, dass er einen sitzen hat. Das ist irgendwie süß.

»Zuviel Pinot?«, nutze ich die Gelegenheit, ihn endlich mit seinem Nachnamen aufziehen zu können, was er mit einer entzückend gekräuselten Nase und einem Lachschnauber quittiert.

»Caipirinha. Und nur, weil ich ein bisschen betrunken bin, werde ich jetzt tun, was ich jetzt tun werde.«

Während ich noch über seine seltsame Satzkonstruktion nachdenke, legt er einen Arm um meine Taille und zieht mich an sich. Mit der anderen Hand greift er meine Rechte und dreht sich mit mir zwischen die Tanzenden. Hilfe suchend klammere ich meine Finger in sein T-Shirt. »Ich kann nicht tanzen. Nicht so.«

»Das merke ich. Lassen Sie einfach los.«
»Dann falle ich zu Boden und werde totgetrampelt!«

»Innerlich. Machen Sie die Augen zu und geben Sie die Kontrolle ab.«

Gottergeben schließe ich meine Lider. Gegen Yoanns Griff und seine schnellen, trotz Alkohol sicheren Schritte habe ich sowieso keine Chance. Und plötzlich klappt das mit dem Loslassen. Meine Fingernägel graben sich nicht mehr krampfhaft in Yoanns Rücken und meine Füße bewegen sich im Einklang mit seinen. Nur noch ab und zu spüre ich seine Schuhe unter meinen und empfinde dabei jedes Mal eine Mischung aus Scham und kindischem Amüsement.

Die Musik stoppt, wir kommen zum Stehen, ich stolpere gegen Yoanns Brust oder er zieht mich an sich, ich weiß es nicht, vielleicht bin ich auch betrunken. Die ersten, getragenen Töne von Brels Dans le port d’Amsterdam erklingen. Schon ist die Atempause wieder beendet; langsam, allmählich schneller werdend, dreht Yoann mich im Kreis und ich habe keine Angst, zu fallen oder mich lächerlich zu machen.

»Na also«, sagt er, »geht doch.« Sein Atem riecht nach Rum und Minze und ich frage mich, ob ich beides in seinem Kuss schmecken würde und dann frage ich mich gar nichts mehr, als wir uns weiter und weiter drehen. Die Musik ist in meinen rauschenden Ohren kaum noch zu hören, ich lasse meinen Kopf nach hinten sinken, sehe zwischen halb geschlossenen Lidern die Lichterketten blitzen, spüre Yoanns Wärme durch den Stoff seines Shirts und seinen Arm um meine Taille. Es gibt nur noch uns beide, so lange, bis das Lied endet und er mich loslässt. Atemlos beuge ich mich nach vorne, die Hände auf die Oberschenkel gestützt.

»Wollen Sie nach Hause, Mademoiselle?«

»Absolut nicht.« Ich presse die Spitze meines Zeigefingers gegen seine Brust. »Ich will mit Ihnen tanzen. Das macht verdammt noch mal Spaß.«

Nach zwei Uhr morgens, das Feuerwerk ist längst bunt im Himmel verpufft, werden die Lieder langsamer und die Tanzfläche leert sich. Als Gitarrenklänge und Juliette Grècos dunkle Stimme erklingen, legen wir unsere Arme fest um den Körper des Anderen.

Les Feuilles mortes, dieses Lied über eine große Liebe, die durch das Leben getrennt wird – heute Abend berührt es mich unendlich. Wenigstens einmal will ich auch so geliebt haben, selbst wenn am Ende nur Erinnerungen bleiben, wie totes Laub zum Ausklang des Sommers.

 

Die Musik ist verstummt, eine ganze Weile schon. Außer uns ist niemand mehr auf dem Platz, die Stände werden geschlossen. Langsam lösen wir unsere Umarmung.

»Machen wir uns auf den Weg«, sagt Yoann.

Wir schweigen während der Fahrt. Ich könnte ihm sagen, dass es ein schöner Abend war, dass ich mich amüsiert habe und er nett sein kann, wenn er nur will. Dass es sich gut angefühlt hat, in seinen Armen zu liegen. Dass ich es gerne noch einmal machen würde. Am liebsten sofort. Aber ich fürchte mich vor seiner Reaktion. In dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde, wäre eine Zurückweisung nicht nur eine schallende Ohrfeige, sie wäre ein Schlag in die Magengrube.

»Warum eigentlich …«, fange ich schließlich an und höre wieder auf.

»Was?«

»Ach, ich weiß nicht …«

»Nun kommen Sie schon.«

»Warum können Sie und Laurent sich nicht leiden? Haben Sie ihm die Freundin ausgespannt?«

Yoann sieht mich kurz an, richtet den Blick dann aber wieder auf die Dunkelheit vor uns.

»Nett, dass Sie mir das zutrauen, aber nein. Einige Wochen, bevor Sie nach Farouse kamen, standen Laurent und ich an der gleichen Kasse beim Supermarkt. Es gab Probleme, als er mit der Karte zahlen wollte und er wurde gegenüber der Kassiererin ausfällig.«

Das kann ich mir vorstellen. Laurent lässt gerne den anspruchsvollen Kunden heraushängen.

»Ich kenne die Frau. Alleinstehend, drei Kinder, mieser Job. Sie hat es nicht verdient, dass jemand wie der sie beleidigt. Und das gab ich ihm zu verstehen.«

»Wie genau?«

Bedächtig wiegt er den Kopf. »Ich sagte, dass wir zwei Möglichkeiten hätten: Entweder er bittet die Dame um Verzeihung oder wir gehen vor die Tür und regeln die Angelegenheit wie Männer. Er entschuldigte sich und fürchtet sich seitdem vor mir.«

»Wow! Das beeindruckt mich in seiner antiquierten Ritterlichkeit genauso, wie es mich in seinem antiquierten Machismo abstößt.«

Yoann schnaubt. »Warum verstecken Sie sich hinter so einem Wortgewölle? Wollten Sie nicht, dass sich jemand für sie einsetzt, wenn Sie selbst es nicht können?«

So, wie er es tat, als er sich in Sète in Gefahr brachte, um mein Leben zu retten. Wofür ich ihm unglaublich dankbar bin. Doch das kann ich nicht zugeben, denn ich schlafe mit dem Arschloch in dieser Geschichte.

»Nichts gegen Ihre guten Absichten, aber was hat Sie daran so geärgert? Ist ihre Mutter auch Verkäuferin? Haben Sie die Familienehre verteidigt?«

Als Yoann mich ansieht, erkenne ich in seinem Blick, dass ich innerhalb weniger Sekunden den schönen Abend völlig zerstört habe. Gut gemacht, Celeste, denke ich und verpasse mir einen mentalen Facepalm.

»Wer Schwächere schlägt, mit Worten oder mit Fäusten, der hat eine schlechte Seele. Und meine Mutter ist schon lange tot.«

Kompletter moralischer K. o. Mir steigt sozusagen der Staub vom Boden des Boxrings in die Nase.

»Oh, das … das tut mir leid. Ich wollte nicht … ich hatte nicht vor …«

»Ich weiß. Sie sagen so etwas nicht aus Bösartigkeit, Mademoiselle. Sie sind nur sehr jung und sehr reich und wurden viel zu selten für Ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen.«

Ich lache ein jämmerliches Lachen: »Klingt, als hielten Sie mich für eine schreckliche Person.«

Natürlich widerspricht er nicht: »Ich passe trotzdem auf Sie auf. Und setze mich für Sie ein, wenn es sein muss.«

 

Am nächsten Morgen weckt mich der Lärm von Yoanns startendem Pick-up. Es ist Samstag, also macht er sich auf den Weg zum Marché des Arceaux in Montpellier, um dort einzukaufen. Ich hätte ihn gerne begleitet. Vielleicht hat er das geahnt und sich deshalb so früh aus dem Staub gemacht – es ist noch nicht einmal sieben Uhr. Zwei Stunden später werde ich endgültig munter und schlendere mit einer Tasse Kaffee in der Hand, wie jeden Morgen durch den Garten, dann im Erdgeschoss herum, wieder und wieder an Yoanns Zimmer vorbei. Was ja eigentlich mein Zimmer ist. Nach einer halben Ewigkeit bleibe ich vor der Tür stehen, berühre die Klinke, drücke sie hinunter. Es ist nicht abgeschlossen. Beinahe eine Einladung, denke ich und trete ein.

 

Der Raum ist klein und spartanisch eingerichtet. Die Möbel sehen abgewohnt aus, ich vermute, dass sie zu der früheren Ausstattung dieses Hauses gehört haben. Ein Bett, ein schmaler Schrank, der Tisch und zwei Stühle. Auf einem Regal steht ein Fernseher, kaum größer als eine Briefmarke. Das angrenzende Duschbad scheint in den letzten zwanzig Jahren auch keine Veränderung erfahren zu haben. Fliesen in Dunkelbeige. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber das hier enttäuscht mich. Und es hinterlässt ein schales Gefühl, dass Vater kein Geld gescheut hat, das Haus für mich zum Besten sanieren zu lassen, jedoch an Yoanns Unterkunft gespart hat. Ich öffne den Schrank. Ein Rucksack, drei T-Shirts, Unterwäsche und Socken liegen auf dem Boden, eine Jeans hängt auf einem Bügel und daneben das weiße Hemd, das er trug, als er mich vom Flughafen abholte. Ich streichele den Stoff zwischen den Fingern, aber lasse schnell wieder los, als hätte er mich gebissen.

Im Regal stehen drei Bücher, zwei Einführungen in die Kunstgeschichte mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Bildhauerei und ein Kochbuch. Man könnte das Zimmer für eine billige, unpersönliche Touristenabsteige halten, gäbe es da nicht diesen einen Gegenstand, der zwischen den Büchern hervorschaut. Ein Polaroid, auf dem in verblichenen Farben eine dunkelhaarige, sehr junge Frau in einem Krankenzimmer zu sehen ist. Sie zeigt ein schlafendes, zerknautschtes Baby stolz in die Kamera. Auf der Rückseite des Fotos steht in der ungelenken Schrift eines Menschen, der selten etwas zu Papier bringt: ›Yoann, 15.8.1981‹, daneben ein gezeichnetes Herz. Somit weiß ich also, dass Yoanns Sternzeichen Löwe ist, gestern sein siebenundzwanzigster Geburtstag war und ich ihm noch nicht einmal nachträglich gratulieren kann, weil ich in diesem Zimmer nichts zu suchen habe und auf keinen Fall in seinen Sachen kramen sollte.

Meine Überlegungen werden abrupt unterbrochen, als das Knattern seines Pick-ups ertönt. Hastig packe ich das Bild zurück zwischen die Bücher, es will nicht dort steckenbleiben, wo ich es gefunden habe, rutscht immer wieder herunter, fällt zu Boden und mit schweißnassen Händen gelingt es mir erst in letzter Minute, es richtig zu platzieren, den Schrank zu schließen, meine Kaffeetasse zu greifen und aus dem Zimmer zu verschwinden. Genau in diesem Moment betritt Yoann schwer bepackt das Haus. Überrascht sieht er mich an. Ich springe drei Schritte von seiner Tür weg, strecke ihm die Tasse entgegen und flöte: »Gerade aufgestanden.«

»Dann guten Morgen.«

Ich schlendere ihm hinterher in die Küche: »Was haben Sie Schönes eingekauft?«

Er hockt vor dem Kühlschrank auf dem Boden, räumt einen Salatkopf ins unterste Fach: »Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch.«

»Also alles, was nötig ist. Gut gemacht.«

»Was ist los mit Ihnen?«

»Nichts. Gar nichts.« Das stimmt auch – bis auf eine absolute Schwerstverwirrung.

Yoann steht auf. »Mademoiselle, ich denke, wir müssen miteinander reden.«

Vor Nervosität trete ich von einem Fuß auf den anderen. Was passiert jetzt? Wie verhalte ich mich, wenn er eine Annäherung sucht? Wenn er mich in die Arme nimmt? Und wie schaffe ich es, dass meine Knie nicht mehr zittern?

»Ich habe mich gestern nicht korrekt benommen.«

»Wieso? Sie haben doch nichts –«

»Wir hätten nicht zusammen tanzen sollen. Das gehört sich nicht. Es tut mir leid, wenn Sie sich belästigt gefühlt haben.«

»Belästigt? Nein, ich –«

»Wir sollten nicht vergessen, dass ich für Sie arbeite und wir keine Freunde sind. Auf diese Weise bringen wir die sechzehn Tage bis zu Ihrer Abreise am besten hinter uns.«

Er zählt die Tage, bis ich wieder weg bin. Streicht sie wahrscheinlich auf seinem Kalender ab. Das ist demütigend.

»Ich sehe das wie Sie, Yoann. Sie waren übergriffig. Sie können froh sein, wenn ich meinem Vater nichts davon erzähle. Halten Sie sich in Zukunft zurück.«

Ich gehe auf mein Zimmer, rufe Laurent an, verabrede mich mit ihm. Und versuche, nicht zu denken.

Postscheidungsmelancholie

Januar 2016

Klingeln reißt mich hoch. Nach einer kurzen Orientierungsphase begreife ich, dass ich am Küchentisch eingeschlafen sein muss, der Salatteller steht unangetastet vor mir. Ich sollte ins Bett gehen.

Erneutes Läuten, heftig diesmal, ohne Pause. Verärgert haste ich zur Tür und reiße sie auf. Wer auch immer das ist, er kriegt ordentlich was zu hören: »Was soll das? Sind Sie vollkommen übergeschnappt, um diese Zeit … Roger?«

Mein frisch geschiedener Ex steht vor mir, mit geröteten Wangen und glasigen Augen. Er hat entweder getrunken oder geweint oder beides.

»Entschuldige, Prinzessin. Ich hoffe, Richard ist nicht wach geworden.«

Seine Stimme klingt verwaschen. Getrunken hat er also auf jeden Fall.

»Was ist los?«

»Kann ich reinkommen?«

Ich trete zur Seite. Roger bleibt bei der Garderobe stehen, sein Blick gleitet die Wände entlang, in den Flur, wieder zurück zu mir.

»Das war unsere Wohnung.«

»Ja, das war sie.«

»Du bist mir seit unserer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich wollte mit dir glücklich sein, bis zum Ende. Warum konntest du mich nicht einfach lieben?«

Was wird das?

»Ich habe dich doch …«

»Unsinn! Ich war immer nur die zweite Wahl für dich. Ein Mann spürt so etwas.«

»Roger, geh nach Hause. Liz macht sich bestimmt Sorgen, wenn sie von der Arbeit kommt und du nicht da bist.«

»Warum kannst du nicht ehrlich sein? Wenigstens jetzt? Ein einziges Mal? Wir sind geschieden, das Schlimmste hast du doch überstanden.«

Himmel, ich bin müde. Ich will ins Bett. Und immerhin ist er derjenige, der fremdgegangen ist und trotzdem eine Familie hat.

»Es stimmt, ich habe dich nie so geliebt, wie ihn. Ich werde überhaupt nie wieder jemanden so lieben. Mein Vorrat an dieser Art von Gefühl ist aufgebraucht und ich bin froh darüber, weil es nur Schmerz bringt. Aber du fängst mit dem heutigen Tag etwas Anderes an. Etwas Besseres. Mit Liz und eurem Kind. Du wirst deine Zukunft kaputtmachen, wenn du die Vergangenheit nicht loslässt.«

Wem erzähle ich das – ihm oder mir?

Rogers Augen glänzen verräterisch. »Ich habe nur solche Angst«, sagt er, »dass du in meinem Herzen seine Rolle einnimmst. Zur Frau auf der anderen Straßenseite wirst. Die Unerreichbare, heimlich Gewollte.«

Um nicht selbst zu heulen, nehme ich meinen Exmann in die Arme und drücke ihn an mich. »Das wird nicht passieren. Morgen früh, wenn du aufwachst und Liz neben dir liegt, dann weißt du das auch. Sie liebt dich so, wie du es verdienst. Und jetzt gehst du nach Hause. Nach Hause, hörst du?«

»Okay.« Wie ein Schuljunge wischt er sich mit dem Ärmel über die Augen. Im Gehen begriffen, dreht er sich zu mir um. »Sag mir nur noch eins. Hätte es in meiner Macht gelegen, dass es mit uns funktioniert? Hätte ich irgendetwas anders machen können?«

Ich schüttele den Kopf. »Es ist nicht dein Fehler. Es ist auch nicht mein Fehler. Es ist einfach so.«

Ich schließe die Tür hinter ihm und lehne meine Stirn dagegen.

Roger hat alles richtig gemacht. Das Problem ist, dass mir das Falsche gefällt.

Entschuldigung

August 2008

Jetzt sind es nur noch zehn Tage, die Yoann überstehen muss, bis ich wieder weg bin. Ich stelle mir vor, dass er eine Flasche Champagner öffnet, kaum, dass ich auf dem Weg zum Flughafen bin. Mir geht es ja nicht anders – ich freue mich über jede Stunde, die ich weniger in Farouse und mit ihm verbringen muss. Wenn ich zurück bin, werde ich Vater sagen, dass ich dieses Haus verkaufen möchte und Yoann die Kündigung zukommen lassen. Höchstpersönlich!

 

An diesem Nachmittag, der sich wie ein Hochglanzfoto aus dem Reisekatalog präsentiert, ziehe ich ein paar Bahnen im Swimmingpool. Der Himmel ist blau und einige Schäfchenwolken spenden vorüberziehend Schatten. Das Wasser auf meiner Haut trocknet während des kurzen Wegs vom Pool zu meiner Liege. Blauschillernde Libellen umschwirren meine Finger, als ich meine Hand herunterhängen lasse und das trockene Gras berühre. Es ist vollkommen still, bis auf das schabende Geräusch der Grillen und das Klacken von Yoanns Astschere, mit der er die Olivenbäume beschneidet, wie ich es von ihm verlangt habe. Laut Google ist der Hochsommer tatsächlich nicht die richtige Zeit dafür, aber jetzt kann ich nicht mehr zurück, ohne mich lächerlich zu machen. Als mir das sonnige Idyll öde wird, entscheide ich, ein wenig mit Yoann zu spielen und ihm zu zeigen, wer hier das Sagen hat. Auf meinen Ruf reagiert er mit einer Langsamkeit, die eigentlich beleidigend ist, aber ich ignoriere das fürs Erste. Er lässt die Schere ins Gras fallen und kommt auf mich zu.

»Ja?«

Yoanns knurrige Stimme zeigt mir, dass er momentan überall lieber wäre als in meiner Nähe. Ungerührt lächele ich ihn an und reiche ihm die Sonnencreme: »Reiben Sie mich doch bitte ein. Die Sonne scheint noch sehr intensiv.«

Die Tube in der Hand, starrt er mich an. Zwischen seinen Augenbrauen bildet sich eine tiefe Falte. »Das können Sie selbst.«

»Vorne schon«, sage ich, öffne mein Bikinioberteil und lasse es lasziv zu Boden gleiten, »aber beim Rücken bräuchte ich Hilfe.«

Seine Mimik verändert sich kaum, obwohl ich mich fast nackt vor ihm zur Schau stelle. Ich lese nur Gleichgültigkeit in seinen Zügen und das ärgert mich. Niemand sonst sieht mich so an – als wäre es egal, ob ich lebe oder sterbe.

»Also los, Yoann, worauf warten Sie? Sollte ich einen Sonnenbrand kriegen, müssten Sie mich pflegen. Das muss doch eine fürchterliche Vorstellung für Sie sein.«

Ich setze mich auf, streiche meine Haare zur Seite, strecke meine Brüste noch ein wenig vor. Zögerlich setzt er sich auf die andere Liege und ich drehe ihm den Rücken zu. Als er mich berührt und die Creme sich auf meiner sonnengewärmten Haut eisig anfühlt, zucke ich zusammen. Meine Knospen reagieren sofort.

»Soll ich aufhören?«

»Nein, ist schon in Ordnung.«

Mit gleichmäßigen Bewegungen verteilt er die Creme auf meinem Rücken. Er macht das ziemlich gut und die Rauheit seiner Hände verleiht seinen Berührungen eine Intimität, die meinen Atem flacher gehen lässt. Einen Moment hält er inne und ich verkneife mir gerade noch ein: »Nicht aufhören«, dann spüre ich, wie sich seine Finger dem Bund meiner Hose nähern. Kurz davor stoppen sie, gleiten hoch, massieren meine Schultern, meinen Nacken mit festem Griff.

Eigentlich wollte ich mit dieser Aktion ihn in Verlegenheit bringen. Aber jetzt sitze ich hier, mit trockenem Mund, die Augen geschlossen und wünsche mir, seine Hände würden sich noch weiter nach vorne arbeiten, meine Brüste berühren. Meine Knospen zwischen seinen groben Fingern …

Das macht die Hitze. Diese unablässige Sommerwärme, die einen den eigenen Körper so deutlich spüren lässt. Gott, bin ich froh, wenn ich hier weg bin.

»Das wird reichen.« Abrupt steht Yoann auf. »Den Rest schaffen Sie allein.« Damit verschwindet er wieder zu seiner Schere, den Olivenbäumen und dem monotonen Knack-Knack-Knack, wenn die Äste durchtrennt werden.

Ich lehne mich zurück, schmiere Creme auf meine Arme und spüre das nasse Pochen in meinem Schoß. Laurent kommt heute vorbei, ich sollte mir diese Erregung für ihn aufheben, aber bis zum Abend ist es noch so lange hin. Ach, was soll’s – selbst ist die Frau! Ich gleite mit der Hand unter meine Bikinihose, streiche seufzend über weiche, feuchte Haut. Ich versuche, an Laurent zu denken oder an irgendeinen imaginären Kerl, jedoch drängt sich kurzerhand Yoann in meinen Kopf. Ich stelle mir vor, er wäre nicht gegangen. Stelle mir vor – und meine Berührungen werden kräftiger – er hätte mir einfach die Hose heruntergerissen.

Stöhnend reize ich meine Perle mit kreisenden Bewegungen, sehe vor meinem geistigen Auge, wie Yoann mich ins Gras wirft, mich ohne ein Wort nimmt, ohne Vorspiel, ohne Rücksicht.

Schweiß sammelt sich in meinen Achselhöhlen, rinnt kitzelnd meine Flanken hinunter, als sich meine Finger immer schneller bewegen und ein kleiner Höhepunkt mich von der Spannung erlöst, die Yoanns Berührungen in mir hervorgerufen haben. Mit geschlossenen Augen bleibe ich liegen, spüre das Zucken der Muskeln in meinem Schoß. Als ich meine Lider öffne, fällt mein Blick auf Yoann. Er beobachtet mich. Hat er wahrscheinlich die ganze Zeit. Betont langsam ziehe ich meine Hand aus der Hose und wische sie am Badelaken ab. Dann drehe ich mich auf den Bauch und strecke ihm mein Hinterteil entgegen. Der Kerl soll sich bloß keine Schwachheiten einbilden. Niemals würde ich mich mit jemandem wie ihm einlassen. Niemals würde ich jemandem erlauben, so mit mir umzuspringen. Nur als Gedankenspiel lasse ich es zu.

 

Als Laurent dann abends mit mir im Wohnzimmer sitzt und wir herummachen, ist leider so gar keine Erregung mehr vorhanden. Zumindest nicht bei mir, Laurent hingegen betatscht mich eifrig und ausgiebig. Abturnend ist dabei auch, dass seine Küsse nach der kubanischen Zigarre schmecken, die er aus dem Humidor seines Vaters genommen und bei mir geraucht hat. Nach einer Weile wird mir seine Mischung aus Tabak und Speichel zu viel und ich schiebe ihn beiseite.

»Was ist los?«

»Nichts.«

»Aber?«

Laurents Stimme klingt genervt. Wenn ich ihn zu sehr vor den Kopf stoße, geht er vielleicht und ich stehe vor Yoann wie eine Verliererin da.

»Ich habe mich heute über den Miesgram geärgert«, improvisiere ich eine Erklärung für mein abweisendes Verhalten und lüge damit noch nicht einmal. »Er ist manchmal recht dreist.«

»Der Kerl ist eine Landplage.« Laurents Entrüstung wäre überzeugender, wenn sie nicht nur hinter Überheblichkeit versteckte Angst wäre. »Ich verstehe nicht, wie du überhaupt mit ihm auskommen kannst.«

»Ist mir auch ein Rätsel.« Ich zucke mit den Schultern und hoffe, dass Laurent die Sache auf sich beruhen lässt.

»Du solltest ihm eine Lektion erteilen, Celeste. Ich meine, du bist hier der Boss.«

Ja, das bin ich wohl. Schnell leere ich mein drittes Glas Rotwein. Alkohol hilft mir für gewöhnlich dabei, zu entspannen, nur jetzt funktioniert es überhaupt nicht.

»Hey!« Großmännisch winkt Laurent Yoann heran, der gerade den Flur durchquert. Er betritt das Wohnzimmer, baut sich vor uns auf, die Hände in die Hüften gestemmt. Nein, es ist so gar nicht ersichtlich, wer der Boss ist. Aber Laurent ist entschlossen, meine Sache zu vertreten, das merke ich im nächsten Augenblick, als er auf den Dielenboden deutet: »Wischen Sie den Rotweinfleck auf.«

Yoann und ich starren beide auf den Boden. Unisono entfährt uns: »Welcher Fleck?«, worauf Laurent sein Glas bis an den Rand füllt und es dann langsam und bedächtig ausleert: »Dieser Fleck.«

Yoann sieht auf, Laurent direkt ins Gesicht. Der hält seinem Blick einen kurzen Moment stand, bevor er sich mir zuwendet. Ich folge seiner unausgesprochenen Aufforderung, Yoann zurechtzuweisen: »Nun machen Sie schon, sonst leidet das Holz.« Einen Hauch Genugtuung verspüre ich dabei und einen Orkan an Schuld. Yoann geht in die Küche, kehrt mit Wischmopp und Eimer zurück. Wortlos schafft er Laurents Provokation aus der Welt. Bevor er wieder verschwindet, sieht er mich an. Sehr ernst. Und ich weiß, dass dies hier noch nicht ausgestanden ist.

Um mich der Situation zu entziehen, gehe ich mit Laurent ins Bett.

»Das hat mich ziemlich angemacht eben«, sagt er. »Dich auch?«

Keine Ahnung, was ich darauf antworten soll.

»Komm schon, sei nicht so zimperlich. Ich bin gerade richtig geil. Wie willst du es?«

Meine Fantasie vom Nachmittag kommt mir in den Sinn und sorgt dafür, dass mich ein leichtes Prickeln durchläuft.

»Ich weiß nicht. Vielleicht … vielleicht …«, oh, es fällt mir unglaublich schwer, es auszusprechen, »vielleicht könntest du ein bisschen gröber sein als sonst.«

»Gröber?« Laurents runde Augen weiten sich, bis er fast wie eine Manga-Figur aussieht, dann wirft er sich über mich, stöhnt, dass ich eine dreckige Schlampe sei und kommt, ohne überhaupt in mich einzudringen. Anschließend fragt er, ob es für mich auch so schön war, und schläft ein.

So etwas glaubt einem keiner, wenn man es erzählt. Nicht, dass ich es irgendjemandem erzählen wollte.

Nach einer Weile, in der ich überlege, was jetzt am besten zu tun sei, entscheide ich mich dafür, Yoann um Verzeihung zu bitten. Hastig ziehe ich mir mein Schlafshirt über und verlasse das Zimmer. Vor seiner geschlossenen Tür bleibe ich allerdings stehen, und weil ich ein Feigling bin, klopfe ich nicht an, leere stattdessen die Rotweinflasche, die noch auf dem Wohnzimmertisch steht und gehe zurück in mein Zimmer. Laurent schläft tief und fest und ich fühle mich wie ein Stück Dreck. Ich schätze, morgen gibt es einiges mit Yoann zu klären.

In seinen Händen

August 2008

Kopfschmerzen hämmern mich aus einem bewusstlosen Schlaf zurück in die Realität. Meine Zunge fühlt sich pelzig an und ich stinke nach Zigarrenrauch. Bilder tauchen auf: Laurent, der Wein verschüttet, Yoann, der die Pfütze aufwischt.

Mühsam öffne ich meine Lider und schließe sie sofort wieder, als sich frühes Morgenlicht in meine Augen brennt. Verdammt, tut mein Kopf weh! Habe ich gestern wirklich so viel getrunken? Und kann ich mein Verhalten damit entschuldigen? Ich arbeite mich hoch, finde auf meinem Schminktisch eine Nachricht von Laurent: ›Bin weg, wollte dich nicht wecken. Es war geil letzte Nacht.‹ Daneben hat er einen grinsenden Smiley gemalt. Ich zerknülle den Zettel, werfe ihn in den Papierkorb und schlurfe ins Bad. Nach einer sehr heißen Dusche und einer Kopfschmerztablette geht es mir besser. Ein Blick vor die Tür zeigt mir, dass Yoanns Schrottkarre weg ist. Wahrscheinlich ist er einkaufen gefahren.

Die Stunden vertröpfeln, ich gehe in die Stadt, frühstücke im Café, ignoriere Laurents Anrufe, gehe zurück nach Hause, hänge am Swimmingpool ab und lege mich schließlich mit einem Buch auf mein Bett. Die Dämmerung setzt ein, ein rötliches Zwielicht, das die Weizenfelder rings um das Haus in Brand zu setzen scheint. Als wäre ich der letzte Mensch auf der Erde, so fühle ich mich. Alleingelassen. Ich könnte jederzeit Vater, Laurent, Kathleen oder auch Sylvie anrufen, aber was würde das ändern? In diesem Moment fährt knatternd Yoanns Pick-up vor und das Buch in meiner Hand zittert. Von der Treppe aus sehe ich, wie er das Haus betritt, die Tür ins Schloss fallen lässt und in seinem Zimmer verschwindet. Bestimmt war er bei dieser Frau und es scheint ihn überhaupt nicht zu bekümmern, wie es mir geht. Dabei ist das sein Job. Ich bin sein Job. Nach einem tiefen Atemzug gehe ich die Treppe herunter.

»Wo waren Sie?«, frage ich, kaum, dass sich auf mein Klopfen die Tür öffnet.

»Unterwegs.«

»Den ganzen Tag?«

»Offensichtlich.«
Gestern Nacht wollte ich mich noch bei ihm entschuldigen, aber das fällt nicht leicht, jetzt, wo sein Blick wie eine Mauer ist.

»Sie hätten mir Bescheid sagen müssen.«

Er zieht die Augenbrauen hoch. »Hätte ich?«

Ich husche an ihm vorbei in sein Zimmer und versuche mit in die Hüften gestemmten Armen Eindruck auf ihn zu machen. Was aber nicht funktioniert. Er packt mich an der Schulter, will mich vor die Tür schieben. Ich stemme mich dagegen. Soll er mich doch an den Haaren hinauszerren!

»Sie haben hier nichts zu suchen, Mademoiselle.«

»Sie sind sauer wegen gestern Abend, das kann ich verstehen, aber …«

»Ich bin sauer, weil Sie hier nichts zu suchen haben.«

Mit einem entschiedenen Ruck entwinde ich mich seinem Griff. »Stellen Sie sich nicht so an! Das ist doch nur ein Zimmer.«

In diesem Moment passiert etwas mit ihm. Wie damals am Strand in Sète, wird seine Unnahbarkeit durch Wut ersetzt.

»Das ist alles, was ich besitze. Sie haben so viel, also lassen Sie mir wenigstens dieses Zimmer.«

»Sind Sie neidisch auf mich?«

»Neidisch wäre ich, wenn Sie aus all dem etwas machen würden. Aber Sie schätzen nichts davon. Weder die Liebe Ihres Vaters, noch dieses Haus oder die vielen Möglichkeiten, die sich Ihnen bieten. Noch nicht einmal Ihren strohdummen Freund.«

»Laurent ist nicht mein Freund.«

»Und warum schläfst du dann mit ihm?«

»Warum sollte ich es nicht tun, wenn es mir Spaß macht?«

»Das tut es doch gar nicht. Du spielst ihm etwas vor, du spielst dir etwas vor. Du bist ein potemkinsches Dorf, Celeste. Eine hübsche Fassade, hinter der sich nichts verbirgt.«

Meine Hand schnellt vor, aber bevor ich ihn ohrfeigen kann, hält Yoann mein Handgelenk fest und stößt mich gegen die Wand. Seine Finger schließen sich hart um meinen Nacken. Der Moment, den er noch zögert, ehe er mich küsst, dauert nur einen Wimpernschlag und scheint sich doch in alle Ewigkeit zu dehnen.

So ist es also mit ihm, denke ich. Ganz anders als mit Laurent. Anders als mit jedem, den ich bisher hatte. Dieser Kuss ist keine erotische Tändelei, kein zärtliches Vortasten. Er dringt in mich ein, lässt mein Herz stolpern, macht mich weich und erwartend. Ich fühle mich wie nach meinem Klippensprung, als das Wasser über mir zusammenschlug und ein unentrinnbarer Sog mich tiefer und tiefer hinunter wirbelte. Ich streiche über Yoanns Rücken, seine angespannten Muskeln, gleite mit den Fingern unter sein T-Shirt, auf warme Haut. Sanft kitzelt Yoanns Zungenspitze meine Lippen. Die Liebkosung zuckt durch meinen Körper bis in meinen Schoß, ich höre mich leise stöhnen. Mit beiden Händen umfasst er mein Gesicht, sieht mich siegessicher lächelnd an. »Mir machst du nichts vor, Mädchen. Alles, was ich von dir kriege, wird echt sein.«

»Nichts wirst du kriegen. Gar nichts.«

Er greift den Ausschnitt meines Kleides, reißt es ein Stück weit ein, gerade so tief, dass der Ansatz meiner Brüste zu sehen ist. Mit den flachen Händen stoße ich gegen seinen Oberkörper: »Hey, das Teil war teuer.«

Sofort zieht er mich entschlossen in seine Umarmung und ich will mich abermals freikämpfen, nur um erneut so ergriffen zu werden. Unter seinen Fingern reißt der Stoff des Kleides zur Gänze, fällt zu Boden. ›Endlich‹, denke ich, als ich fast nackt vor ihm stehe.

Er vergräbt den Kopf in meiner Halsbeuge, seine intimen Küsse lassen meinen Slip nass werden. Ich schlinge die Arme um Yoanns Hals, spüre Sommerwärme auf seiner Haut, drücke meine Brüste gegen seinen Oberkörper. Vorsichtig nimmt er eine Knospe zwischen Daumen und Zeigefinger. Genau das habe ich mir gestern gewünscht. Unter seiner Berührung wird sie steinhart, langsam drückt er sie, erst nur wenig, dann stärker, bis ich leise keuche. Als seine rauen Hände über meine Hüften streichen, blitzt das Bild der Frau vor meinem geistigen Auge auf. Die Frau, deren Ekstase ich durch ein Schlüsselloch beobachten konnte. Erschauernd wird mir klar, dass ich jetzt an ihrer Stelle bin – in seinem Zimmer, in seinen Händen.

Er kniet sich vor mich hin und zieht meinen Slip hinunter auf meine Knöchel und über meine Füße.

»Spreiz deine Beine.«

»Auf gar keinen Fall.«

»Auf gar keinen Fall«, wiederholt er belustigt und seine Hand schiebt sich zwischen meine Knie, gleitet meine geschlossenen Oberschenkel empor. Seine Lippen wandern ihr entgegen, streichen sanft wie Federn über meinen Bauch, hinunter zu meinem Venushügel. Und ich spreize meine Beine für ihn. Nicht mein Kopf entscheidet das. Andere Regionen meines Körpers übernehmen das Kommando und die wissen ganz genau, was sie wollen.

Nachlässig streichelt Yoanns Daumen meine intimste Stelle, ich beiße mir auf die Lippen, um stumm zu bleiben, aber ein Kuss auf meine geschlossene Spalte lässt mich keuchen. Ich senke den Kopf, betrachte, wie er mich betrachtet. Sein Blick ist eindringlich, ernst. Er sieht mich. Mit zwei Fingern zieht er meine Schamlippen auseinander, kostet mit der Zungenspitze meine quellende Feuchtigkeit.

»Wie nass du schon bist. Du willst mich.«

»Sicher nicht.« Ich wünschte, ich klänge weniger atemlos.

Er lacht, leckt mich mit der ganzen Breite seiner Zunge, einmal, zweimal, dreimal. Indem ich zähle, will ich mich ablenken von diesem elektrisierenden Gefühl, von der Lust, die meinen Körper mit einem Funkenschlag in Brand setzt, aber dann gibt es im kompletten Universum keine Zahlen mehr, nur noch diese weichen Berührungen. Krampfhaft presse ich meinen Rücken gegen die Wand, unterdrücke einen Aufschrei. Ich will ihm diesen Triumph nicht gönnen, doch er weiß genau, was er mit mir tun muss. Als er seine Lippen um meine geschwollene Perle schließt, sie heftig saugt, ist es um meinen Widerstand geschehen. Meine Knie geben nach, ich stöhne kehlig, der Laut scheint nicht aus mir zu kommen. So habe ich mich noch nie gehört. Aber so etwas habe ich auch noch nie empfunden. Meine Finger fassen in Yoanns Haare, ich zerfließe, als seine Zunge über meine Schamlippen leckt, in mich eindringt, mich stößt.

»Das ist so gut«, keuche ich. »Hör nicht auf. Mach weiter.«

Und er hört nicht auf. Er bearbeitet mich, bis ich am ganzen Körper zittere und meine Lust hinausschreie.

Es dauert, bis ich mich beruhige und das Pulsieren in meinem Schoß aufhört, aber dann breitet sich eine ungekannte Befriedigung in mir aus. Das ist also Sex, denke ich. Genauso habe ich es mir immer vorgestellt.

Als ich die Augen öffne, zieht Yoann sein T-Shirt über den Kopf, steigt aus der Jeans und den schwarzen Boxershorts. Sein nackter Körper strahlt eine selbstbewusste Männlichkeit aus, die mir den Atem raubt. Er ist auf eine natürliche Weise muskulös, sein Schwanz steht hart und groß. Noch nie habe ich mir so sehr gewünscht, gefickt zu werden. Noch nie war dieser Wunsch so falsch. Was wird mit mir, wenn ich ihm erlaube, mir so nahe zu kommen?

»Ich gehe jetzt«, sage ich, aber Yoann packt mich am Arm und stößt mich auf sein Bett.

»Du bleibst.«

»Das hast nicht du zu entscheiden.«

Er legt sich neben mich auf die schmale Matratze, schmiegt sich eng an mich. Sein Körper ist warm und fest, riecht nach Schweiß und Leder. Wenn ich meinen Kopf ein wenig beuge, könnte ich seine karamellfarbenen Brustwarzen küssen. Die Versuchung ist groß, es zu tun. Wie sie sich wohl zwischen meinen Lippen anfühlen würden?

»Doch, genau das. Ich entscheide«, sagt er, und ehe ich begreife, was er da tut, hat er mit einer Hand meine Handgelenke umfasst und drückt sie auf die Matratze. Ich will mich seinem Griff entziehen, aber er hält mich ohne erkennbare Anstrengung fest.

»Lass mich los.«

Seine Lippen streicheln meinen Hals, mit seiner freien Hand knetet er sanft meine rechte Brust.

»Lass mich los«, wiederhole ich, obwohl mein Körper genau das Gegenteil sagt.

»Wenn wir fertig sind, dann lasse ich dich los.«

»Du willst mich ficken, ja?« Es fällt mir schwer, ungerührt zu wirken, wo mir das Herz bis in den Hals pocht und mein Schoß in Hitze und Nässe zerrinnt. »Na los, mach schon. Bringen wir es hinter uns.«

»Ich will dich nicht ficken. Ich will dich besitzen. Ich will, dass du deinen falschen Stolz verlierst und mich bittest.«

»Keine Chance, Yoann.«

Ich versuche, mich zu befreien, als er seine Knie zwischen meine Beine zwängt, aber er umschließt meine Hände mit eisernem Griff. Sein Schwanz reibt gegen meine Schamlippen, stöhnend presse ich mich ihm entgegen und schreie, als er nur ein Stück in mich eindringt, mich spüren lässt, was mich erwartet. Hastig atme ich gegen dieses Gefühl der Schwere und Größe in mir. Ich bin ihm nicht gewachsen und ich bin meiner Lust nicht gewachsen, die mich bis zur Atemlosigkeit ertränkt, die Kontrolle übernimmt, mich wider jede Vernunft seine Berührungen ersehnen lässt. »Ich hatte noch nie jemanden wie dich«, flüstere ich.

Mit geschlossenen Augen, den Kopf in den Nacken geworfen, drängt Yoann sich weiter in mich. Deutlich spüre ich, wie er mich in Besitz nimmt und schon jetzt habe ich das Gefühl, zu kommen, aber damit beginnt es erst. Hart und schnell teilt sein Schwanz mein nasses Fleisch, das jeden kraftvollen Stoß gierig erwartet. Meine Finger krallen sich in seine Hände, die mich gefangen halten, ich bäume mich auf und er drückt mich zurück auf die Matratze, seine Lippen suchen meinen Mund. Er schmeckt nach meiner Erregung, ich presse meine Zunge gegen seine, um mehr davon zu kosten. Unser beider Schweiß nässt meine Haut, mein schmelzender Schoß ergibt sich bedingungslos der Härte, mit der er genommen wird. Yoann lässt meine Hände los, fasst meine Brüste und knetet sie grob, leckt meine Knospen, bis mir vor unerträglicher Lust Tränen über die Wangen laufen. Meine Finger krallen sich in seinen Rücken, ich suche Halt an diesem Mann, der meine Grenzen einreißt, der sich alles von mir nimmt, was er möchte. Es ist zum Sterben schön, so begehrt zu werden. Ich öffne meine lustschweren Lider, will ihn ansehen. Der Ausdruck in seinem Gesicht zeigt mir, dass er weiß, was hier mit mir geschieht, was er mit mir macht.

»Du willst es genauso, nicht wahr?«

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968170107
ISBN (Buch)
9783968170435
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v913165
Schlagworte
erotische-r-liebe-s-roman-c-eerotische-s Abenteuerliebe-frauen-erotik-a-roman-tikSommer-buch-lektüreSüd-frankrich-Urlaubgroße-LiebeNew-Adul

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Elodie Perron (Autor)

Zurück

Titel: After This Summer