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Tödlicher Coup

von David Gordon (Autor) Tobias Eckerlein (Übersetzung)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Joe Brody, ehemaliger Experte für verdeckte Operationen beim Militär und jetziger Strip-Club-Türsteher, hat sich noch nicht von seinem letzten Auftrag erholt, da bekommt er schon den nächsten Anruf: Die Mafia-Bosse brauchen seine Hilfe, um eine Gruppe Dealer zu betrügen. Mit deren Erlösen des Drogenhandels soll die Terror-Organisation Al-Qaida unterstützt werden. Zusammen mit Joe muss der Mafia-Allianz nun ein komplizierter Coup in New Yorks Diamond District gelingen. Auf dem Spiel stehen dabei allerdings nicht nur ihre Geschäfte, sondern die Sicherheit der ganzen Welt …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe August 2020

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-253-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-305-4

Copyright © Dezember 2019 by David Gordon
Titel des englischen Originals: The Hard Stuff

Übersetzt von: Tobias Eckerlein
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © Ensuper
shutterstock.com: © Sean Pavone, © Peshkova, © Malivan_Iuliia, © kzww
Korrektorat: KoLibri Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

1

Joe fühlte sich schrecklich. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war, wie er auf dem Rücksitz eines aufgemotzten BMW saß, der tief über dem Boden hing. Die Felgen drehten sich und die Musik wummerte, als die drei Kids der chinesischen Gang

aus Flushing mit ihm im Dunkel der Nacht über die leere Verrazzano-Brücke fuhren. Weit über ihm, wie die Kuppel einer Kathedrale, stützten die Bögen der Brücke den dunklen Himmel. Die Kabel waren mit Sternen besetzt. Er wachte auf dem Parkplatz eines Diners irgendwo im Nirgendwo auf. Der Sommerhimmel strahlte nun bläulich, die Sterne waren blass, die pinke Morgendämmerung gerade noch am Horizont zu erkennen.

„Guten Morgen, Sonnenschein.“ Der Fahrer, Cash, grinste ihn im Rückspiegel an. Die anderen beiden Kids – die sich als Blackie, vorne, und Feather, auf der Rückbank neben Joe, vorstellten – fingen an zu lachen. Sie alle trugen schwarze oder rote Tanktops, Baggy Jeans, Nikes, goldene Ketten und einen Haufen Tattoos. Außerdem hatten sie alle den gleichen Haarschnitt: oben etwas länger, die Seiten kurz geschoren. Außer Cash, der komplett kurz rasierte Haare hatte. Joe war blass und unrasiert, seine Haare ungekämmt. Er trug ein schlichtes, schwarzes T-Shirt, alte Jeans und schwarze Converse High-Tops. Er war ein Dutzend oder mehr Jahre älter als sie. Doch heute fühlte es sich eher an wie eintausend. Er hatte ein blaues Auge, das noch immer schmerzte und frisch getrocknetes Blut an seinen Handknöcheln, einiges davon sein eigenes.

„Boxenstopp, Boss“, sagte Feather. „Willst du aufstehen und den Typen treffen? Oder weiterschnarchen?“

„Du bist lauter als die Anlage“, sagte Blackie. „Wenn wir nicht deine Hilfe bräuchten, hätten wir dich schon längst erstickt.“

Joe ignorierte sie und konzentrierte sich stattdessen auf das Knacken in seinem Nacken, wenn er gähnte.

„Wir holen uns was zu essen, wenn wir schon hier sind“, sagte Cash und schaltete den Motor ab. „Möchtest du etwas frühstücken?“

Joe nickte. „Vier Aspirin.“

Feather lachte. „Immerhin hast du Appetit. Willst du etwas zu trinken dazu?“

„Ja“, sagte Joe. „Eine Flasche Vomex.“

Die Jungs lachten, während Joe aus dem Auto stieg und sich langsam auffaltete, als hätte man ihn vor dem Versand schlecht verpackt. Er streckte sich und sah sich um.

„Wo sind wir überhaupt?“, fragte er und trottete ihnen hinterher. Cash sprach über seine Schulter.

„Irgendwo in Süd-Jersey“, sagte er. „Weit weg von Zuhause.“ Zuhause war Queens, New York. Sie waren auf dem Weg nach Cumberland County, New Jersey, um einen Mann umzubringen.

 

Die drei jüngeren Männer – Cash, Feather und Blackie – arbeiteten für einen chinesischen Verbrecherboss namens Onkel Chen. Joe arbeitete als Türsteher in einem Club, der seinem Freund aus Kindheitstagen gehörte: Gio Caprisi, welcher das Geschäft seines Vaters übernommen hatte – ein Mafiaboss. Bevor er Türsteher wurde, war Joe Elitesoldat, ein Black Ops „Specialist“ – seine Spezialität war es, Leute zu töten – und er war sehr gut darin, bis ein kleines Opiumproblem, welches er in Afghanistan entwickelte, zu einer nicht allzu ehrenhaften Entlassung aus dem Militär und dementsprechend zur Anstellung bei Gio führte. Es war Gios Idee, Joe zum Sheriff zu machen.

Er war natürlich kein richtiger Sheriff. Als jedoch herauskam, dass Terroristen planten, ein Virus zu verbreiten, das tödlich genug war, ein Yankee-Stadion-großes Stück der Bevölkerung auszulöschen, entschlossen sich Gio, Onkel Chen und all die anderen Bosse von New York – die CEOs der Unterwelt – teils unter Druck von der Regierung, teils als Patrioten und New Yorker, sich zusammenzuschließen und jeden einzelnen Terroristen unter ihnen auszurotten. Sie hatten Joe nicht nur für seine einzigartigen Fähigkeiten rekrutiert, sondern ihn auch autorisiert, sich im Zuge seiner Arbeit frei in ihren Territorien zu bewegen und ihm Hilfe und Unterstützung zugesichert. In der normalen Welt rief man bei Problemen die Polizei. In dieser Welt rief man Joe.

Joe hatte den Job erledigt, den sie ihm gaben. Das Ergebnis waren vier tote Terroristen und zwei tote Verbrecher. Doch Onkel Chens Neffe Derek, ein talentierter junger Autodieb, wurde ebenfalls in der Hitze des Gefechts getötet, als er und Joe auf einer illegalen Waffenmesse ein paar Hinterwäldlern aus dem Süden – „Rednecks“, wie man sie hier in New York nannte – über den Weg liefen. Zuerst gab Onkel Chen Joe die Schuld. Dann stellte sich heraus, dass die Kugel, die Derek umgebracht hatte, aus der Waffe von einem der Rednecks stammte, ein Rechtsextremer namens Jonesy Grables. Doch aufgrund mangelnder Augenzeugen und dem generellen Chaos, das sich am Tatort abspielte, konnte sein Anwalt das Urteil auf fahrlässige Tötung begrenzen und ihn auf Kaution rausholen. Jonesy verschwand daraufhin. Jetzt hatte ihn jedoch eine von Onkel Chens Quellen lokalisiert und er hat seine Männer losgeschickt, um die offene Rechnung zu begleichen. Joe hat sich zögerlich angeschlossen.

Für Gio, die anderen Bosse, die Behörden und die ganze herrlich ignorante zivile Bevölkerung der Stadt war das Leben in New York wieder beim Alten, jetzt, wo die Terroristen ausgeschaltet waren. Nicht aber für Joe.

Nicht, dass er es nicht versucht hätte. Er ging nach Hause zu dem Apartment seiner Großmutter, wo sie ihn großgezogen hatte, nachdem seine Eltern, beide kriminell, jung gestorben waren, und nahm seine Arbeit als Türsteher im Club Rendezvous wieder auf. Doch als Joe erneut eine Waffe in die Hand nahm, kamen auch seine Albträume, Flashbacks und Panikattacken zusammen mit dem Verlangen nach Alkohol und Dope, um sie zu kontrollieren, zurück. Und sobald dieser böse Geist erst einmal aus der Flasche war, wurde er ihn nicht ohne Weiteres wieder los.

2

Die Probleme fingen an, als er zurück im Club war. Ein Türsteher zu sein, erfordert Stärke, Geschick und schnelle Reflexe, doch vor allem erfordert es Geduld. Betrunkene zu beruhigen, Grapscher zu beseitigen und Kämpfe zu schlichten – all das, ohne die zahlende Kundschaft zu verängstigen –, hat genau so viel, wenn nicht sogar mehr, mit einer ruhigen Stimme und lockerem Auftreten zu tun wie mit Fäusten. Doch jetzt war Joe empfindlich. Verkatert bei der Arbeit, weil er die Nacht zuvor zu lange gefeiert hatte oder schon angetrunken, bevor der Club öffnete, weil er zu früh angefangen hatte. Er verlor schnell die Fassung bei Arschlöchern oder, noch schlimmer, verhielt sich selbst ab und zu wie ein Arschloch. Er hatte ein großes Maul und verschärfte Situationen, anstatt sie zu schlichten. Genau so entstand auch der Streit mit dem Gangster Rap-Mogul, ungefähr eine Woche, nachdem Joe zurück bei der Arbeit war und der Goldesel Nummer eins des Moguls, ein kleiner weißer Rapper, in den Club kam.

Yelena Noylaskya war eine erfahrene Tresorknackerin, Einbrecherin, Arschtreterin und, den tätowierten kriminellen Symbolen, die ihren Körper zierten und die sie sich in Russland verdient hatte, nach anzunehmen, eiskalter Killer. Sie und Joe lernten sich bei ihrem letzten Job kennen; arbeiteten und kämpften und zu guter Letzt schliefen Seite an Seite. Als Joe Yelena das letzte Mal sah, war sie verwundet. Eine Kugel der Terroristen hatte ihren Arm gestreift, als sie ihn tötete, um Joe Deckung zu geben, während der geradewegs auf ein heranrasendes Auto zurannte und durch die Windschutzscheibe schoss. Er verfolgte sein Ziel – der Terrorist Adrian Kaan – durch das Gebäude bis aufs Dach, wo er ihn mit einer einzigen Kugel zwischen den Augen zurückließ. Kaans Frau und Partnerin Heather war geflohen. Yelena war ebenfalls verschwunden, irgendwo in den russischen Gegenden von Brooklyn, und mit ihr die Tasche voller Geld.

 

Joe kannte Yelenas Adresse nicht. Er war sich nicht einmal sicher, wie man ihren Nachnamen buchstabierte. Doch da es kaum ein Gesetz gab, das sie noch nicht gebrochen hatte, lebte sie nach einem spezifischen Code und zehn Tage nach der Schießerei, Joe und seine Großmutter Gladys saßen gerade zusammen, um Jeopardy! zu schauen, wie sie es fünf Abende die Woche tat, klingelte es an der Tür.

„Wer ist das?“, fragte Gladys und schaute auf ihre Armbanduhr. Zehn vor Jeopardy!.

„Woher soll ich das wissen?“ Joe stand in der langen, schmalen Küche und wusch Geschirr ab. „Bestimmt eins von deinen Mädels.“

Mit einem Seufzen erhob sie sich aus ihrem Fernsehsessel und ging in das kleine Foyer, um durch den Spion zu gucken. „Sieht eher nach einem von deinen aus“, rief sie zu ihm und als Joe aus der Küche kam, stand Yelena neben ihr. Sie war chic und sah gesund aus in ihren dunkelblauen Jeans und der Bluse, die die Umrisse ihrer Tattoos durchschimmern ließ. Sie hatte ihren Pony etwas gekürzt und sah generell gut aus, als ob sie genug Schlaf und Wasser bekommen hatte. Sogar der Verband um ihren Oberarm, wo die Kugel durch ihr Fleisch geschnitten hatte, war frisch und weiß und irgendwie chic wie ein Armband.

„Hallo, Yelena.“ Joe lächelte. „Kennst du schon meine Großmutter Gladys?“

„Freut mich“, sagte Yelena in ihrem leichten russischen Akzent und küsste Gladys auf die Wange, „die wichtigste Frau in Joes Leben kennenzulernen.“ Sie holte eine Flasche Wodka und eine Dose Kaviar aus ihrer Handtasche und gab sie Gladys. „Das ist für Sie.“

„Ha! Danke, Kleines“, sagte sie. „Ich hole uns etwas Eis.“

„Und das ist für dich, Joe.“ Yelena übergab ihm einen dicken Briefumschlag.

„Danke“, erwiderte Joe. „Aber eigentlich ist das auch für dich“, sagte er zu Gladys, gab ihr den Umschlag und nahm ihr gleichzeitig die Flasche aus der Hand. „Ich gehe und hole das Eis.“ Er ging in die Küche und Yelena folgte ihm.

„Bring gleich eine Limonade mit, Joey, wenn du schon in die Küche gehst“, rief Gladys und setzte sich, um das Geld in dem Umschlag zu zählen.

Yelena sprach leise, während Joe Gläser und Eis herausholte. „Der Großteil des Geldes war nichts wert. Koreanisches Falschgeld. Nach Ausgaben blieben noch fünfzehntausend für jeden; dich, Juno und mich.“

Joe goss den Wodka über das Eis in den Gläsern. „Za zdorovie“, sagte er und sie stießen an und tranken.

„Du trinkst also noch, Joe?“, fragte sie.

Joe füllte nach. „Ich dachte, du wolltest, dass ich mit dir trinke wie die russischen Männer, die du hattest.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Klar, aber die sind fast alle tot.“ Sie streichelte seinen Unterarm, folgte einer dicken Vene. „Und das?“, fragte sie.

„Es geht los“, rief Gladys aus dem anderen Zimmer. „Wo ist meine Limonade?“

Joe lächelte und tätschelte ihre Hand. „Siehst du? Ich habe schon eine Großmutter.“ Er nahm die Limonade und ein weiteres Glas mit Eis und ging zurück ins Wohnzimmer, während Yelena ihm mit dem Wodka folgte.

„Nur bis über das Eis, Kleines“, wies Gladys Yelena an, als sie den Wodka eingoss, „ich fülle den Rest mit Limonade auf.“ Der Umschlag war mittlerweile verschwunden. Gladys’ Augen klebten am Bildschirm und das vertraute Lied aus dem Intro spielte.

„Komm, lass uns in mein Zimmer gehen“, sagte Joe und nahm Yelena an der Hand. „Während Jeopardy! darf nicht geredet werden.“

Eine Stunde später, als sie nackt nebeneinanderlagen, die Klimaanlage auf höchster Stufe, um ihren Schweiß zu trocknen, schaute Joe auf seine Uhr und setzte sich auf.

„Ich muss zur Arbeit“, sagte er.

„Du hast einen Job?“, fragte Yelena. „Ich komme mit.“

Joe lächelte. „Nicht diese Art von Job. Aber klar, komm mit, wenn du willst.“

Sie duschten zügig und zogen sich an. Dann nahm er sie mit in den Club Rendezvous.

3

Es war Yelena, die im Club in eine Schlägerei geraten war – es ging um Crystal, eine halb schwarze, halb kolumbianische Stripperin aus Philly, die tagsüber Rechnungswesen studierte –, aber es war der kleine weiße Rapper-Typ, der angefangen hatte. Joe war mehr oder weniger im Dienst, doch er tauschte gelegentlich den schwarzen Kaffee gegen Shots, die Yelena ihm bringen ließ. Yelena saß vorne in der Mitte an einem der VIP-Tische direkt vor der Bühne, schmiss mit Geldscheinen um sich und bestellte Lapdances und Getränke für die Kellnerin und den Barkeeper.

Wenn eine hübsche Frau in einen Stripclub marschiert, sind die Reaktionen der Angestellten gemischt. Einerseits sind die Tänzerinnen neugierig und wenn die Frau vom anderen Ufer ist, glücklich. Es macht Spaß, ausnahmsweise mal für jemanden zu tanzen, den man heiß findet, sich an weicher, süßlich duftender Haut zu reiben anstatt einem weiteren stinkenden Typen. Am Anfang neigen die Mädchen dazu, sich der Frau hinzugeben. Es ist lustig für alle Beteiligten. Andererseits sind die Stripperinnen nicht hier, um Spaß zu haben, sondern um Geld zu verdienen. Für sie ist eine heiße Kundin wie eine Geburtstagstorte im Büro: Alle versammeln sich im Konferenzraum für ein Stück vom Kuchen, freuen sich auf etwas Abwechslung zwischen all der Routine, aber letztendlich bezahlt niemand im Büro damit seine Miete. Dafür müssen sie sich nämlich zurück an ihren Schreibtisch setzen und ackern. Kuchen ist Kuchen, das täglich Brot einer Stripperin ist jedoch der aufgegeilte aber letztendlich gefügige Durchschnittstyp, der Nerd oder Arbeiter, der die ganze Nacht vor ihnen sitzt und einen Zwanziger nach dem anderen ausspuckt und im Anschluss nach Hause geht. Pleite und allein, aber mit einem Lächeln. Keine attraktive Frau würde so etwas tun.

Ein anderer auf den ersten Blick vielversprechender Typ von Kunde, der problematischer ist, als er Geld wert ist, ist ein Kerl, der sich für einen Player hält: der Prominente oder Athlet. Er mag vielleicht mit einem fetten Batzen Geld herumwedeln, aber da er erwartet, dass sich Frauen ihm an den Hals werfen und er öfters von den verschiedensten Stars eingeladen wird, neigt er dazu, geizig zu sein, denn er denkt, dass er dem Mädchen einen Gefallen tut, wenn sie ihm ihre Titten ins Gesicht drücken darf. Oder er geht zu weit, weil er glaubt, dass die Glückliche es kaum abwarten kann, es mit einem Star wie ihm zu treiben. Bei Typen wie ihm ist es auch wahrscheinlicher, dass sie ausrasten oder respektlos werden, wenn sie von einer Frau zurückgewiesen werden.

Genau das ist auch mit Lil’ Whitey passiert. Ein schmächtiger, kleiner weißer Rapper aus Long Island, der vor Kurzem mit seinem Song Cookies and Cream einen Hit gelandet hatte. Er tauchte mit seiner Entourage im Club auf, bestehend aus einem Grasdealer, einem weniger bekannten Rapper, einem aufstrebenden MMA-Kämpfer, der sich selbst Flex nannte, und seinen Bodyguards, zwei Stiere in Trainingsanzügen. Nach ihrem Auftritt rief Lil’ Whitey Crystal zu sich herüber und bestellte einen Lapdance. Das Stripclub-Protokoll hat klare Regeln: Sie fasst dich an, aber du sie nicht, es sei denn, sie erlaubt es dir oder platziert deine Hände auf einer Stelle ihrer Wahl. Whitey vergaß – oder nahm an, dass diese Regeln nicht für ihn galten – und platzierte seine Hand an der Stelle, die Crystal am wenigsten mochte. Sie sprang auf und als er sie packte und an sich riss, klatschte sie ihm eine. Yelena, die in der Nähe saß, beobachtete, wie sich die Situation entwickelte und als Whitey ausholte, um Crystal ebenfalls eine zu verpassen, schritt sie ein. Blitzschnell verdrehte sie seine Hand hinter seinem Rücken, das Handgelenk verrenkt und die Schulter kurz vorm Auskugeln.

Die Bodyguards packten Yelena, die sich befreite und einen von ihnen auf den Tisch beförderte. Crystal kreischte und schlug dem anderen eine Flasche über den Kopf. Der Grasdealer machte sich aus dem Staub, weil er Stoff dabeihatte und der zweite Rapper versuchte einzugreifen, doch bekam den Ellenbogen des Türstehers auf die Nase, als dieser sich umdrehte, um Crystal wegzustoßen. Dann machte Joe sich an die Arbeit.

Als Türsteher war es Joes Aufgabe (1) die Angestellten zu beschützen, (2) Ärger rasch zu schlichten, ohne die Kunden zu stören und, wenn nötig, (3) die Unruhestifter zu entfernen. All das mit minimaler Gewaltanwendung. In Rage von dem Anblick, wie Yelena und Crystal von den Bodyguards angegangen wurden, und selbst einen oder zwei Drinks zu viel intus vergaß Joe für einen Moment die letzte Klausel bezüglich minimaler Gewaltanwendung. Er sprang mitten ins Geschehen und schleuderte Bodyguard Nummer eins mit dem Gesicht zuerst in den Eimer mit Eis und versetzte Bodyguard Nummer zwei einen Schlag in die Niere. Anschließend rammte er seine Faust in Whiteys Solarplexus, woraufhin dieser nach Luft rang. Mittlerweile waren die beiden Barkeeper, ein großer, attraktiver, dunkelhäutiger Typ, der Schauspiel studierte, aber auf dem College Football gespielt hatte, und ein stämmiger, junger Mexikaner, herübergekommen. Während sie zusammen mit einem Bodyguard rauften und Yelena den anderen auseinandernahm, zerrte Joe Whitey in Richtung Ausgang, wo eine Kellnerin die Tür aufhielt. Die Keilerei verlagerte sich daraufhin nach draußen. In diesem Moment mischte sich Flex ein.

Mit mehreren Siegen in Folge und seinem bevorstehenden ersten Kampf im Fernsehen sah sich Flex als professionellen Athleten und nicht als Schläger. Er hatte kein Interesse daran, verletzt zu werden oder andere zu verletzen, ohne dafür bezahlt zu werden. Doch an Whiteys Seite Zugang zu Clubs und Events zu bekommen und den berühmten Rapper bei seinen Kämpfen am Ring stehen zu haben, war eine berufliche Angelegenheit und als er sah, wie sein Glücksbringer im hohen Bogen auf den Bürgersteig vorm Club befördert wurde, wie ein Müllsack bereit zur Abholung, schritt er ein. Als Profi war ihm sofort klar, dass niemand außer ihm dort mit Joe fertig werden würde.

Als Erstes erledigte er einen der Barkeeper, der zwar kräftig und flink, aber kein trainierter Kämpfer war, und ließ ihn stöhnend am Boden zurück. Der zweite Barkeeper ließ sich davon nicht einschüchtern und teilte einen kräftigen Schlag aus, doch auch er war unterlegen: Flex wich seinem Schlag mit Leichtigkeit aus und schlug ihm mit dem Unterarm auf die Nase, wodurch er das Gleichgewicht verlor. Dann ging er auf Joe los. Er packte ihn an den Beinen und warf ihn über seinen Rücken. Joe flog kopfüber auf den Boden zu, doch rollte sich im richtigen Moment ab und griff Flex dabei an den Knöcheln und brachte ihn ebenfalls zu Boden. Beide sprangen auf und standen sich gegenüber. Flex musterte Joe mit demselben irren Blick, den er auch im Ring hatte und zeigte auf die Tattoos auf seiner Brust: YOLO auf der rechten, FLEX auf der linken. „Du weißt, was das heißt, oder?“, fragte er und spannte sie an.

Joe dachte einen Moment nach. „Du magst wirklich gerne Joghurt?“

Flex wurde wütend. „Du meinst Froyo, du Wichser. Das hier heißt, ich bin völlig irre und gebe einen Fick. Du hast gerade den schlimmsten Fehler deines Lebens begangen.“

Joe grinste. „Ich befürchte, dass das noch nicht einmal der schlimmste des Tages ist.“

In Rage ging Flex auf ihn los und Joe versuchte, seine Tritte und Schläge zu parieren. Yelena war mit den beiden Bodyguards beschäftigt. Sie trat dem einen so hart in die Eier, dass er sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmte, doch dann verpasste ihr der andere eine Faust direkt gegen das Kinn. Sie taumelte zurück, grinste und leckte das Blut von ihren Lippen, bevor sie wieder auf ihn zustürmte. Dann, kurz bevor es ernsthaft zu eskalieren drohte, trafen die Obrigkeiten ein. Die Obrigkeiten waren in diesem Falle ein großer Range Rover voll beladen mit großen, schwarzen Typen und ein großer, breiter Denali, voll beladen mit großen, breiten weißen Typen.

In einer Welt, in der niemand jemals die Bullen ruft, neigen die Menschen in Krisensituationen dazu, jemanden etwas höher in der Befehlskette zu rufen. Whiteys Grasdealer und Handlanger hatte, sobald er in Sicherheit war, Ernest „Cold Daddy“ Collins gerufen, dem nicht nur Lil’ Whiteys Plattenlabel, sondern auch das Fitnessstudio, in dem Flex trainierte, und ein Unternehmen im Showbusiness gehörte. Der Manager des Club Rendezvous rief Gio, der wiederum Nero und ein paar andere Jungs losschickte, bevor er sich selbst in sein Auto setzte und hinterherfuhr.

Als Cold eintraf und sah, wie Joe Schläge mit Flex austauschte, welcher stark aus der Nase blutete und Whitey stöhnend am Boden lag, sah er rot und stürmte an seinen Männern vorbei, um Joe am Hals zu packen. Joe drehte sich instinktiv um und schlug Cold in den Magen, woraufhin dieser vornüber klappte. Beide von Colds Männern zogen daraufhin ihre Waffen und richteten sie auf Joe. Nero und seine Jungs stiegen gerade aus dem Auto, als sie dies sahen und zogen ebenfalls ihre Waffen und richteten sie auf Colds Leute. Yelena, die gerade einen der Bodyguards verprügelte, blickte auf und zog sofort ihren kleinen Revolver, den sie um ihren Knöchel geschnallt hatte und hielt ihn Whitey an den Kopf. Er fing an zu wimmern – kein Geräusch, das auf einem seiner Tracks zu hören war.

„Was zur Hölle ist hier los?“, schrie Nero. „Wer seid ihr?“

„Wer ich bin?“, rief Cold zurück. „Für wen hältst du dich, mich das zu fragen, du Wichser?“

„Legt die Waffen weg und dann reden wir“, sagte Nero.

„Ihr legt die Scheißwaffen weg und dann reden wir.“

Es war eine Sackgasse. Jeder guckte sich an, doch niemand bewegte sich. Dann traf Gio ein. Er stieg aus seinem Audi und ging unbewaffnet direkt in die Mitte der Party.

„Nero. Joe.“ Er nickte den anderen zu. „Leute, was soll das hier werden? Ich weiß, dass keiner von euch dumm genug ist, irgendjemanden in meinem Club zu töten.“

 

Nachdem Cold Daddy Collins und seine Leute zusammen mit Whitey und Flex abgezogen waren, ist auch Nero wieder verschwunden, nachdem er einen seiner Leute an der Tür des Clubs als Vertretung positioniert hatte. Die beiden Barkeeper erholten sich schnell mit etwas Eis für ihre Wunden und etwas Geld für ihre Hilfe und gingen zurück an die Arbeit. Gio setzte sich gegenüber von Joe und Yelena in eine Sitzecke, die dauerhaft reserviert war. Joe drückte ein Glas mit Eis auf sein geschwollenes Auge. Yelena hielt zwischen den Schlucken ein kaltes Bier an ihre zerschrammte Wange und geplatzte Lippe.

„Sorry, Gio“, sagte Joe. „Das ist alles meine Schuld. Ich hatte einen schlechten Abend.“

Gio zuckte mit den Schultern. „Du hast Glück, dass ich sowieso schon auf dem Weg hierher war, um dich zu sehen. Aber du weißt hoffentlich, dass Collins noch nicht mit dir fertig ist. Du hast ihn vor den Augen seiner Leute umgehauen und seinen großmäuligen Rapper zum Heulen gebracht.“

„Ehrlich gesagt, war das Yelena und er hat es verdient.“

„Tut mir leid, Gio“, sagte sie. „Nächstes Mal bringe ich ihn vorher aus dem Club.“

„Ist schon in Ordnung, Kleines. Ich würde sagen, du hattest genug Spaß für heute? Ich muss etwas mit deinem kleinen Freund hier besprechen.“

Joe drehte sich zu ihr. „Wenn du willst, kann dir Eddie vorne an der Tür ein Taxi bestellen.“

„Schon okay.“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Crystal hat mir schon angeboten, mich nach Hause zu bringen.“

Joe lächelte. „Richte ihr von mir aus, dass sie sich gut um dich kümmern soll.“ Sie winkte Gio zu und ging zu Crystal herüber, die bereits in ihren Freizeitklamotten an der Tür wartete. Die beiden Männer schauten ihnen nach, wie sie Arm in Arm den Club verließen.

„Vergiss den Rest dieser Arschlöcher“, observierte Gio. „Das Mädchen ist diejenige, die dir noch richtig Ärger bereiten wird.“

„Sie hat mich auch schon vor einigem Ärger bewahrt.“

Gio seufzte. „Wenn du das sagst. Jetzt solltest du dich aber erst mal auf Klo frisch machen. Onkel Chen hat angerufen. Einer seiner Waffenlieferanten hat diesen gottverdammten Redneck aufgespürt, der seinen Neffen erschossen hat und wegen dem er uns dauernd auf den Sack geht. Er hält sich gerade in irgend so einem White Power Ferienlager auf, irgendwo weit draußen in Jersey. Er schickt seine Leute vorbei, um dich abzuholen.“

„Ich weiß nicht, Gio. Ich mochte Derek. Aber Rache ist nicht so mein Ding.“

„Ich weiß. Ich habe gesagt, dass du nur mitkommst, um den Typen zu identifizieren. Nur in beratender Funktion quasi. Er war ihr Freund, also drücken sie auch den Abzug. Danach bist du im Reinen mit Chen. Dann können wir uns überlegen, was wir wegen deiner neuen Feinde machen.“

4

So fand Joe sich einige Stunden später verkatert und grün und blau geschlagen mit drei Kids aus Flushing auf einem Parkplatz eines Diners in South Jersey wieder und sah mit zusammengekniffenen Augen die Sonne aufgehen. Blackie und Feather zündeten sich eine Zigarette an, Cash packte ein frisches Kaugummi aus und bot Joe ebenfalls eines an, der daraufhin den Kopf schüttelte.

„Weißt du“, sagte Cash und schaute Joe nachdenklich durch seine gespiegelten Sonnenbrillengläser an, „Derek war mein ältester Freund. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben zusammen angefangen zu klauen. Er hat mir gezeigt, wie man ein Auto kurzschließt. Er war kurz davor zu heiraten.“

„Ich weiß“, sagte Joe. „Mein Beileid. Ich mochte Derek.“

„Er mochte dich auch. Hat gesagt, du wärst ein echter Profi. Oldschool.“

Joe nickte. „Er war ein guter Junge.“

„Wie kommt es dann, dass du nicht mitkommen wolltest, um es seinem Mörder heimzuzahlen?“, fragte Cash. Seine Stimme wurde lauter und er nahm seine Sonnenbrille ab. „Wenn er dein Freund war?“

Blackie und Feather standen still und warteten auf Joes Antwort. Joes Ton änderte sich nicht.

„Ich habe nicht gesagt, dass er mein Freund war. Ich habe gesagt, dass er ein guter Junge war. Wir haben zusammen ein Ding gedreht. Er wurde erschossen. So läuft das eben. Das wusste er genau so gut wie jeder andere.“ Er schaute Cash ruhig in die Augen. „Ich begehe nicht jedes Mal einen Mord, wenn ein guter Junge erschossen wird.“

Blackie schnaubte. Feather schüttelte den Kopf.

„Wann begehst du denn einen Mord, Mr. Oldschool?“, fragte Cash.

Joe zuckte mit den Schultern. „Wenn es zu meinem Vorteil ist.“

Die Lippen spöttisch verzogen, setzte Cash seine Sonnenbrille wieder auf. Er machte eine Kaugummiblase und wandte Joe den Rücken zu, als ein großer Truck auf den Parkplatz fuhr. Ein übergroßer Ford Exposition hielt neben ihnen, der umgebaute V8 schnurrte. Ein sonnenverbrannter, weißer Typ im Baseball Cap lehnte sich aus dem Fenster und guckte sie prüfend an.

„Seid ihr Chens Jungs?“, fragte er mit einem starken südlichen Akzent.

Cash nickte. „Wäre ein ziemlicher Zufall, wenn wir das nicht wären, stimmt’s?“

„Da ist was dran“, sagte er mit ernster Miene und kletterte aus dem Truck. „Ich bin Clevon. Dermott schickt mich.“

Dermott war einer von Chens Waffenlieferanten. Das Hauptquartier lag in Florida. Seine Leute besorgten überall im Süden Waffen, wo die Gesetze locker und der Zugang leicht war, und schickten sie dann in den Norden zu Chen für seine eigenen Leute oder zum Weiterverkauf. Als Gefallen für Dermotts besten Kunden hatte er Jonesy Grables ausfindig gemacht, der in einem Camp für Überlebenstraining untergetaucht war, und hatte Clevon geschickt, einen seiner Kuriere, um ihnen die Richtung vorzugeben. Das Camp war eine Durchlaufstation für illegale Waffen sowie Meth und Oxycodon. Jetzt, wo sich die anderen mit Clevon austauschten, lehnte Joe sich zurück gegen die Seite des Autos und wartete. Er fand eine kaputte Sonnenbrille in seiner Tasche, bog sie gerade und setzte sie auf. Clevon hatte eine Karte dabei, die er aus dem Internet ausgedruckt hatte.

„Ich habe die GPS-Koordinaten hier notiert“, sagte er, „aber ich wollte noch ein paar Dinge anmerken. Hier, das Camp liegt einige Meilen außerhalb der Stadt, oben in diesen Nadelwäldern. Der einzige Weg rein ist über diesen Fluss hier. Da ist eine Holzbrücke, gerade so breit wie ein Fahrzeug. Dann nehmt ihr die Straße über den Bergkamm hier, welche euch direkt ins Camp führt.“

„Also, wenn wir die Brücke überquert haben“, sagte Cash zu den anderen, „setze ich euch beide ab, damit ihr durch den Wald gehen könnt, dann fahre ich weiter über die Straße und lenke sie ab.“

„So habe ich mir das auch vorgestellt“, stimmte Clevon zu. „Irgendwelche Fragen?“

„Klingt gut“, sagte Blackie.

„Kein Problem“, sagte Feather.

Cash schüttelte den Kopf und blies eine weitere Kaugummiblase.

Joe seufzte. „Ich habe eine“, sagte er.

Sie alle drehten sich zu ihm.

„Wie komme ich nach Hause, wenn ihr alle tot seid?“

Die drei Kids starrten ihn an. Cash ließ seine Blase platzen. Clevon runzelte die Stirn. „Sorry“, sagte er. „Wer bist du? So eine Art Söldner?“

„Nein“, sagte Joe. „Ich bin ein Türsteher.“

„Türsteher?“

„In einem Stripclub.“

„Ich will dir nicht zu nahe treten, aber deinem Gesicht nach zu urteilen, bist du schon mit ein paar Titten überfordert. Überlass das hier lieber uns.“ Er breitete die Karte wieder aus und fing an, der Straße mit dem Fingernagel zu folgen, als Joe ihn erneut unterbrach.

„Schaut mal, diese Typen sind Überlebenskünstler, richtig? Waffennarren, die Krieg spielen und auf einem Haufen Waffen und Drogen sitzen?“

Clevon zuckte mit den Schultern. „Scheint so.“

„Dann sind die Wälder definitiv mit Sprengfallen gesichert. Ihr jagt euch auf dem Weg da durch in die Luft. Wenn die Brücke nicht verkabelt ist, dann haben sie jemanden, der aufpasst oder irgendeine Art Alarm. Ihr bewegt euch geradewegs in eine Falle.“

Sie alle runzelten nun die Stirn. Cash blies eine weitere Blase. „Guter Punkt“, sagte er.

„Willst du nur dasitzen und kritisieren?“, fragte Clevon, „oder hast du einen konstruktiven Vorschlag?“

„Vielleicht“, sagte Joe, „aber dafür werden wir uns deinen Truck ausleihen müssen.“

„Einen Scheiß werdet ihr tun“, sagte er, „der hier ist speziell umgebaut.“

„Ist mir schon aufgefallen“, sagte Joe, „und wir werden was auch immer du für Spielzeuge da drin versteckt hast benötigen.“

„Du erwartest also, dass ich den einfach so gegen euer Auto tausche?“

„Nein“, sagte Joe, „das Auto nehmen wir auch.“

„Wie soll ich dann nach Hause kommen?“

Joe zuckte mit den Schultern. „Bus?“

„Ich weiß nicht, was du für ein Problem hast, Türsteher, aber ich schlage vor, du schaltest einen Gang zurück, es sei denn, du willst, dass dein blaues Auge Teil eines passenden Sets ist.“

Joe lächelte. „Warum rufst du nicht einfach deinen Boss an?“

„Und was soll ich ihm sagen, wer du bist?“

„Joe.“

„Joe?“ Er lachte. „Joe wer? Der Türsteher? Das soll wohl ein Scherz sein.“

Joe seufzte. Er zog sein Shirt hoch und zeigte ihm eine sternförmige Brandnarbe auf seiner Brust, links über seinen Rippen, unter seinem Herzen. Die anderen musterten sie ebenfalls unauffällig. „Sag ihm, dieser Joe.“

Clevon schüttelte den Kopf. „Wenn du das sagst. Ihr seid mir alle zu merkwürdig. Aber ich rufe ihn an.“

„Großartig. Danke“, sagte Joe, „du findest uns drinnen.“ Er drehte sich zu den anderen. „Ich glaube, jetzt brauche ich doch ein paar Eier und einen Kaffee“, sagte er zu ihnen auf dem Weg ins Diner. „Und danach unterhalten wir uns mit den örtlichen Behörden.“

„Behörden?“, fragte Blackie, „wovon zum Teufel redet der?“

Feather schüttelte den Kopf.

„Warum machst du dir auf einmal solche Sorgen um uns?“, fragte Cash, „ich dachte, du wärst hier nur der kritische Beobachter?“

„Genau“, stimmte Feather zu, „was kümmert’s dich, wenn ein paar gute Jungs abgeknallt werden?“

„Die Dinge haben sich geändert. Jetzt ist es zu meinem Vorteil, euch am Leben zu halten.“ Er lächelte Feather zu. „Und ich habe nie behauptet, dass ihr gute Jungs seid.“

5

Agent Donna Zamora überquerte die Brücke nach New Jersey. Als sie den Tipp bezüglich des Aufenthaltsortes eines gewissen Jonesy Grables bekam, ein Waffenhändler und allgemeiner Drecksack, der auf Bewährung freigekommen ist, nachdem er für den Mord an Derek Chen verhaftet worden war, kontaktierte sie das Büro der US-Marshals in Trenton und arrangierte dieses Treffen. Diese Angelegenheit war für sie von persönlichem Interesse. Die Schießerei ereignete sich während einer FBI/ATF-Operation, in die sie involviert gewesen war. Sie hatte Grables jedoch nicht festgenommen. Stattdessen lag sie am Boden, zu Fall gebracht durch einen Schuss mit einem Bean Bag aus der Schrotflinte eines maskierten Mannes, bei dem sie mittlerweile überzeugt war, dass es sich um einen gewissen Joseph Brody aka Joe der Türsteher handelte. Es war ihr erstes Date gewesen, es sei denn, man zählt das eine Mal mit, als sie ihn im Zuge einer Razzia in einem Stripclub verhaftet hatte. Wenn man bedenkt, dass sein Komplize ihm befohlen hatte, sie umzubringen, war der Schuss mit nichttödlicher Munition im Großen und Ganzen eine nette Geste – er hatte sich vorm Abdrücken sogar entschuldigt – und auch wenn sie es nicht gerne zugab, war sie von Joe fasziniert.

Der Marshals Service hatte sie mit Field Agent Deputy Marshal Blaze Logan vermittelt und sie haben ein Treffen auf der New-Jersey-Seite der George Washington Bridge vereinbart. Donna hatte in Washington Heights gewohnt, ist im Schatten der Brücke aufgewachsen, und plante, heute einen der Zwei-Dollar-Shuttles zu nehmen, in denen die Spanisch sprechenden Fahrer den ganzen Tag Pendler hin und her fuhren. Doch als sie aufwachte, war es so ein herrlicher, sonniger Tag, dass sie sich stattdessen dazu entschied zu laufen. Es war früh morgens, noch etwas kühl und die Sonne ging hinter ihr auf und verzierte die Ränder der Skyline, als sie in Richtung der grün bedeckten Felswand der Palisaden spazierte. Der Hudson schimmerte unter ihr. Nicht ganz so berühmt oder schön wie die Brooklyn Bridge, überraschte sie die George Washington Bridge doch auf eine Art: das nackte Stahlskelett, die schwingenden Kabel, einen Kilometer quer über den Fluss und hundertachtzig Meter hoch über der glitzernden, rauschenden Tiefe. Sie war eine Schönheit und sie berührte Donna jedes Mal aufs Neue.

Deputy Logan hatte ihren Chevrolet Impala, ein Behördenfahrzeug, in der Taxischlange geparkt. Die einzige Frau, strahlend blond, in einer Menge aus dunkelhäutigen Männern. Sie sah Donna und nickte. Sie lehnte an der Motorhaube, die Jacke ihres Hosenanzugs leicht gewölbt an der Hüfte, wo sie ihre Waffe trug. Donna trug Jeans und ein Sweatshirt, ihre Haare hatte sie unter ihrem Cap zu einem Zopf zusammengebunden. Sie fühlte sich ein wenig underdressed, doch dann musste sie über sich selbst lachen, weil sie sich so benahm, als wäre dies ein Date. Dann fühlte sie sich merkwürdig und fragte sich, ob sie so dachte, weil Logan lesbisch war.

Zumindest laut Andrew und der musste es wissen. Als offen schwuler, verheirateter FBI-Agent sah er sich selbst als Experte, was alle LBGTQIAPK betreffenden Angelegenheiten der Strafverfolgung anging (das schloss auch mit ein, sie regelmäßig bezüglich der Bedeutung des neuesten Akronyms auf dem Laufenden zu halten). Als sie erwähnte, mit wem sie zusammen an dem Fall arbeiten würde, musste er lachen.

„Deputy Logan ist der männlichste Marshal seit Wyatt Earps Schnurrbart grau wurde.“

„Andy!“ Sie guckte sich im Büro um, um sicherzugehen, dass ihn niemand gehört hatte. „Wie kommt es, dass der einzige schwarze, schwule Agent in diesem Raum, der auch noch mit einem Juden verheiratet ist, die beleidigendste Scheiße von sich gibt?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wir sind lustiger.“

„Wer wir? Schwarze? Juden? Schwule?“

„Alle drei. Deswegen dominieren wir das Showbiz.“

„Aber nicht das FBI, also pass auf. Diese Weißen verstehen keinen Spaß. Noch nicht einmal die Liberalen.“

„Na gut“, sagte er und lehnte sich herüber, um ihr ins Ohr zu flüstern: „Lass mich wissen, wie das Date lief.“

 

„Agent Zamora?“, rief Logan und stellte sich aufrecht hin, während Donna sich näherte. Sie streckte ihre Hand aus.

„Guten Morgen“, sagte Donna, „danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.“ Sie gaben sich die Hand.

„Kein Problem“, sagte Logan, „brauchen Sie irgendetwas? Kaffee? Toilettenpause?“

„Nein, schon okay.“

„Alles klar.“ Sie ging zur Fahrerseite. „Steigen Sie ein. Es ist ein guter Tag für eine Verbrecherjagd.“

6

Joe fuhr den Truck vor das kleine Rathaus der Gemeinde, in welchem sich ebenfalls die Polizeistation befand. Die Feuerwehr war direkt nebenan. Er parkte, warf einen Blick auf die zwei leeren Sitzbänke hinter ihm und schloss ab, bevor er zu der Tür mit der Aufschrift POLIZEI ging. Hinter der Tür befand sich ein mit Leuchtstoffröhren beleuchtetes Wartezimmer mit einer Reihe aus Plastikstühlen, an dessen Ende ein großer, blonder Mann hinter einem Tresen stand. Sowohl Hemd als auch Hose seiner Uniform spannten über seinem Bauch und sein Haar war abgeflacht durch seinen Schweiß und die Mütze, die auf dem Stuhl neben ihm lag.

„Guten Morgen“, sagte er, „kann ich Ihnen helfen?“

„Das hoffe ich“, sagte Joe, „ist der Chief in der Nähe?“

„Der ist beschäftigt. Ich bin Deputy Cook. Warum erzählen Sie mir nicht, worum es geht?“

„Gerne“, sagte Joe, „soll ich es von hier herüberschreien?“

Der Deputy zeigte auf die Schwingtür am Ende des Tresens und nahm zögerlich seine Mütze von dem Stuhl. Joe setzte sich und warf einen Blick auf das Jumble-Rätsel, das vor dem Deputy lag. „Glücklich“, sagte er.

„Was?“, fragte Cook.

Joe zeigte mit dem Finger. „Das Wort ist ‚glücklich‘. Nicht Glück.“

Cook runzelte die Stirn, dann nahm er seinen Stift und füllte die fehlenden Felder aus. „Also, was kann ich für Sie tun?“, fragte er genervt.

Joe streckte seine Hand aus und der Deputy schüttelte sie zögerlich. „Mein Name ist John Mayoff. Aber die Leute nennen mich Jack.“

„Okay, Jack.“

„Ich jage einen flüchtigen Verbrecher. Ein Mann namens Jonesy Grables. Er hat seine Kaution verfallen lassen. Mir wurde von einer Quelle meines Vertrauens mitgeteilt, dass er sich in den Bergen in der Nähe verstecken soll.“

„Ist das so?“, fragte Cook, „sind Sie ein Kopfgeldjäger?“

„Ja, Sir.“

„Können Sie sich ausweisen?“

„Nun ja, Deputy, das ist das Problem.“ Joe lehnte sich zu ihm herüber und lächelte. „Ich mache das hier quasi inoffiziell. Ich hatte jedoch gehofft, dass Sie mir inoffiziell assistieren könnten und ich Ihnen dafür, sagen wir, fünfundzwanzig Prozent meines Finderlohns überlasse. Das sind tausend Dollar für Sie.“

„Sie kriegen viertausend?“

„Richtig, Sir. Wenn ich ihn lebendig vor seinem Gerichtstermin zurückbringe.“

„Nun ja, ich denke, wenn wir in der Sache zusammenarbeiten, inoffiziell, sollten es ja wohl fünfzig-fünfzig sein, habe ich recht?“

„Sie sind ein harter Verhandlungspartner“, sagte Joe, dann lächelte er, „aber ein fairer. Deal.“ Er hielt seine Hand erneut ausgestreckt und dieses Mal schüttelte der Deputy sie enthusiastisch. Er setzte seine Mütze auf.

„Mein Auto steht hinten.“

„Ich glaube“, sagte Joe, „wir sollten lieber meinen Truck nehmen. Der ist für dieses Terrain gemacht. Und sobald ich den Flüchtigen darin gefesselt habe, geht es geradewegs zurück, keine Stopps. Ist sicherer.“

„Ist mir recht“, sagte Cook, „wir treffen uns vorne. Ich geh nur schnell aufs Klo.“

 

Joe und Deputy Cook fuhren raus zum Camp. Sie verließen die Hauptstraße ein paar Meilen außerhalb der Stadt und folgten einer kurvigen einspurigen Straße bergauf durch Bäume und Gestrüpp, welches das Dach des Trucks streifte. Sie beide waren still, der Classic Rock Radiosender spielte leise. Sie erreichten einen tiefen Fluss wie eine scharfe Fissur in der Straße, über den eine unebene Brücke aus Holzbrettern führte. Joe hielt an.

„Ganz ruhig“, sagte Cook, „sie ist breit genug, doch es gibt keine Spurrillen oder Schienen.“

„Richtig.“ Joe streckte seinen Kopf aus dem Fenster, sodass er die Reifen im Auge behalten konnte, während sie langsam über die Brücke rollten. Cook passte auf der anderen Seite auf und rief: „Okay. Okay. Sie schaffen das.“ Joe sah das Wasser unter ihnen, wie es gegen scharfkantige Felsen schlug. Auf der anderen Seite waren die Bäume dichter und die Straße wurde zu Sand. Staub stieg auf, als sie den Truck den steilen Berg hinaufzwangen, der zum Camp führte, welches auf einer Lichtung lag, verdeckt mit Tarnplanen. Es gab eine Quonsetbaracke, einen Trailer, der auf Betonklötzen stand, und ein paar Hütten aus Sperrholz, ebenfalls in Tarnfarben und mit Propangasflaschen und gasbetriebenen Stromgeneratoren. Pick-ups und Pkws parkten auf der einen Seite und auf der anderen befand sich ein selbst gebauter Schießstand und ein menschenförmiges Ziel aus Holz, in dem Wurfmesser steckten.

„Folgen Sie meinen Anweisungen. Die können launisch sein“, sagte Cook, während sie einparkten. Bärtige Männer in Militärhosen und Tarnwesten traten mit Maschinengewehren aus den Hütten. Zwei gingen vor, die anderen blieben weiter hinten.

„Alles klar“, sagte Joe und schaltete den Motor ab, ließ jedoch die Schlüssel in der Zündung. Er öffnete seine Tür und kletterte hinunter, während der Deputy vorging.

„Guten Morgen“, rief Cook, als er sich den Männern näherte, Joe einen Schritt dahinter.

„Morgen …“, erwiderten die Männer und nickten.

Cook fuhr fort: „Das ist Mayoff. Ein Kopfgeldjäger, der uns aus New York City besuchen kommt.“ Cook zeigte auf einen Typen mit rotem Ziegenbart und einer Baseball Cap zusammen mit seiner Militärausrüstung. „Das ist Jonesy“, sagte Cook, während er seine Pistole zog und sie auf Joe richtete. „Und das“, fügte er hinzu und nickte in Richtung eines anderen stämmigen, blonden Typen mit buschigem Bart, „ist mein Cousin Randy.“

Joe nahm seine Hände hoch. „Ich bin nicht hier, um euch in die Quere zu kommen. Wissen Sie, dass Mr. Grables gesucht wird, um sich vor Gericht zu verantworten?“

Grables lächelte und seine braunen stummeligen Zähne kamen zum Vorschein. „Dann haben wir ja Glück, dass wir nicht in Jew York sind, stimmt’s?“

Cousin Randy nickte und musterte Joe, während er seinen Zeigefinger um den Abzug seiner Waffe legte. „Das hier ist Herrschaftsgebiet der Vereinigten Staaten von Amerika.“

„Tut mir leid, Jack“, sagte Deputy Cook, „sieht so aus, als hättest du dir den falschen Deputy ausgesucht.“

„Das muss dir nicht leidtun“, sagte Joe, „ich habe mir genau den richtigen ausgesucht.“ Dann duckte er sich, schloss seine Augen und hielt seine Ohren zu, als er die erste Rakete an ihm vorbeikreischen hörte. Die Quonsetbaracke explodierte. Als sich alle anderen duckten und zerstreuten, hagelten Schüsse in den Propangastank neben dem Trailer und auch dieser explodierte in einer orangefarbenen Wolke aus Flammen und Rauch.

Während Cook verdutzt um sich blickte, rannte Joe auf ihn zu und griff den Arm, der die Pistole hielt, mit seiner rechten Hand, während seine Linke die Waffe am Lauf entriss und sie beiseite schmiss. Cook feuerte eine Kugel in den Sand, bevor Joe ihm die Waffe entnahm und ihm dabei den Zeigefinger brach, der sich am Abzug befand. Cook stöhnte vor Schmerz, bevor Joe ihm die Pistole gegen die Stirn schleuderte. Als Grables auf ihn zustürmte, drehte er sich und hielt ihm die Waffe gegen die Stirn.

„Keine Bewegung“, sagte Joe und Gables erstarrte. „Bleib, wo du bist“, sagte er zu Randy, dem Cousin, der noch immer auf dem Boden kauerte, um seinen Kopf vor den Explosionen zu schützen. Joe stellte sich hinter Grables und legte einen Arm um seinen Hals, um ihn als Schutzschild zu benutzen, und drückte ihm die Pistole an die Schläfe. Doch Randy griff trotzdem nach dem Maschinengewehr auf seinem Rücken und richtete es auf Joe, also schoss Joe ihm durchs Herz.

 

Joe hatte den Jungs seinen Plan im Diner erklärt. Er benutzte Clevons Karte des Camps und probte die Schritte kurz mit ihnen auf dem Parkplatz, inklusive einer kurzen Einführung in den Gebrauch des Raketenwerfers, den Clevon zusammen mit ein paar AR-15 in den Schließfächern verstaut hatte, die er unter den beiden hinteren Sitzbänken angebracht hatte. Dann stiegen Feather und Blackie ein, jeder nahm eines der beiden Schließfächer. Joe klappte sie zu und senkte die Sitze, er schloss sie jedoch nicht ab, damit sie sich mit den Waffen verstecken konnten, während er mit dem Deputy redete. Auf dem Weg zum Camp versuchte Joe, möglichst keine Schlaglöcher zu erwischen, während Cash, der beste Fahrer der Gruppe, unauffällig mit seinem eigenen Auto folgte, ebenfalls bewaffnet mit einem Maschinengewehr. Joe hatte ihnen gesagt, dass sie, sobald er den Motor abgeschaltet hat, bis zehn zählen und dann herauskommen sollten, um Zeug in die Luft zu jagen. Blackie hatte die Baracke mit dem Raketenwerfer gesprengt, während Feather auf die Gasflaschen feuerte. Jetzt feuerten sie beide auf die sich zurückziehenden Rednecks, während Joe Grables in den Truck zerrte.

„Rein mit dir“, befahl er und nahm ihm die Waffen ab, bevor er ihn in das Schließfach stieß.

„Warte“, schrie Grables, „das ist nicht erlaubt. Ich habe Rechte.“

„Ich lese sie dir später vor“, sagte Joe und schlug ihm die Pistole gegen den Unterkiefer. Er schloss das Schließfach, dieses Mal schob er den Riegel vor, und senkte den Sitz. „Lasst uns verschwinden!“, rief er.

Blackie setzte sich hinters Lenkrad, Feather feuerte vom Beifahrersitz aus weiter auf die Rednecks, während Joe auf dem Rücksitz, unter dem Grables lag, den Raketenwerfer nachlud. „Anschnallen“, rief Joe, als sie sich in Bewegung setzten. Zur gleichen Zeit gruppierten sich die Rednecks neu, um das Feuer zu eröffnen. Joe duckte sich und hielt den Raketenwerfer aus dem Fenster. Er schoss und jagte einen Pick-up in die Luft, der in der Nähe des Eingangs parkte, um die Rednecks zu verängstigen, während sie davonrasten.

Ohne sich dieses Mal Sorgen um das Wohl des Passagiers in dem Schließfach zu machen, den Joe unter sich herumrollen und stöhnen hören konnte, holperten sie die steile Sandstraße hinunter. Sie wirbelten eine Menge Sand auf, doch Joe konnte sehen, wie sich die Rednecks in der Ferne in ihren Trucks näherten. Joe lud den Raketenwerfer mit einer der letzten beiden Raketen nach, dann machte er sich bereit und wartete.

Sie erreichten die Holzbrücke und Blackie fuhr langsamer. Sie konnten Cash auf der anderen Seite sehen, der auf der asphaltierten Straße wartete. Er hatte das Auto gewendet, um schnell fliehen zu können und stand nun mit gerichteter Waffe dahinter, um ihnen Deckung zu geben.

„Okay, Blackie“, sagte Joe, „lass dir Zeit. Immer mit der Ruhe.“

Blackie fing an, den Truck langsam über die Brücke zu manövrieren, fokussiert darauf, zentriert zu bleiben. Cash eröffnete das Feuer, um sie zurückzuhalten, als er sah, dass die Rednecks den Hügel hinter ihnen überquert hatten. Während der Truck die Brücke überquerte, versuchte Joe, den Raketenwerfer genau auszurichten, um die Brücke hinter ihnen zu sprengen, sobald sie auf der anderen Seite waren. Plötzlich kam ein Redneck von der Ladefläche eines Pick-ups hervor und zerschoss ihren hinteren linken Reifen mit einer Schrotflinte. Der Truck schaukelte schwindelerregend und für einen Moment dachte Joe, dass sie im Fluss landen würden. Doch Blackie drückte das Gaspedal durch und riss das Lenkrad herum. Der Motor heulte auf und das Heck rutschte seitwärts, doch die Vorderräder waren auf festem Boden. Der Pick-up hinter ihnen begann, die Brücke zu überqueren. Joe feuerte.

Bei einem Schuss aus so kurzer Entfernung war die Wucht der Explosion gewaltig. Die Brücke zersplitterte, die Front des Pick-ups war zerstört und der Truck stürzte hinunter und landete am Flussufer. Das Heck hing über der zerstörten Brücke und begann zu brennen. Joe war nach dem Schuss auf dem Boden des Trucks in Deckung gegangen, doch er war benommen und hatte keinen Schimmer, wo der Raketenwerfer oder die verbleibende Rakete war. Das Heck des Trucks war durch den Aufprall eingedrückt und die Achse gebrochen. Feather und Blackie, die auf Joes Beharren beide angeschnallt auf ihren Sitzen saßen, waren etwas durch den Wind aber in Ordnung. Sie krochen aus den vorderen Fenstern des Trucks und riefen nach Joe.

Joe hörte Grables panisch gegen den Sitz treten. Er entfernte die Abdeckung und versuchte, das Schloss zu öffnen. Es war blockiert. Er rüttelte dran, doch der Riegel war durch den Unfall verbogen und steckte fest. Grables hörte ihn und trat fester. „Hey!“, hörte Joe eine Stimme rufen, gedämpft wie durch ein Kissen. „Hey!“

„Joe!“ Es war Feather. „Komm schon. Die Scheiße fliegt gleich in die Luft.“

Er hatte recht. Joe konnte sehen, wie die Flammen größer wurden. Kugeln hagelten durch die Rückseite des Trucks. Solange er am Boden blieb, konnten sie ihn durch all den Stahl nichts anhaben, doch früher oder später würden die Kugeln oder die Flammen den Tank oder die letzte Rakete erreichen. Joe lehnte sich zurück und trat fest mit dem flachen Fuß auf das Schloss. Nichts. Noch mal. Es rührte sich kein bisschen.

Blackie und Feather schrien. „Joe! Was zur Hölle?! Komm schon!“

Der Truck schaukelte erneut, als eine brennende Planke unter ihm nachgab. Joe sah die Flammen näherkommen. Maschinengewehrmunition prasselte und ein Heulen ertönte aus dem Schließfach, als Grables angeschossen wurde. Die Kugel durchbohrte das Schließfach.

„Sorry“, sagte Joe, auch wenn er wusste, dass man ihn nicht hören konnte. Dann ging er.

 

Joe kletterte durch das Fenster auf der Fahrerseite. Blackie zog ihn heraus, während Feather und Cash auf dem Boden lagen und Deckungsfeuer gaben. Sie liefen den Hang hinauf zum BMW und Cash gab Vollgas, wodurch das Heck leicht ausbrach, bevor sie sich aus dem Staub machten. Dann hörten sie die Explosion.

Die Flammen hatten die Rakete erreicht und sie ist explodiert, wodurch umgehend die Gase in dem Tank entzündet wurden, die erst einen orangefarbenen Feuerball und dann schwarzen Rauch in die Luft beförderten, während die Einzelteile von zwei Trucks und höchstwahrscheinlich Grables in der Gegend verteilt wurden. Die Struktur der Brücke, die bisher standgehalten hat, brach nun ebenfalls unter der Wucht der Explosion zusammen und fiel brennend in den Fluss, wo die Flammen mit einem Zischen erloschen.

Während sie die schmale Straße hinunterrasten und die Bäume links und rechts verschwommen an ihnen vorbeizogen, entfernte Joe rasch das Magazin aus der Glock des Deputy und warf es aus dem Fenster. Dann zog er den Schlitten zurück, um die Kugel, die im Lauf steckte, ebenfalls aus dem Fenster zu schmeißen. Im Anschluss montierte er den Schlitten ab und machte die Pistole untauglich, indem er seinen Haustürschlüssel in eine kleine Öffnung steckte, den Verschlussfang entsicherte und den Schlagbolzen entnahm. Er warf die Teile während der Fahrt nacheinander aus dem Auto.

„Waffen weg. Wischt sie ab und dann gebt sie mir.“

„Bist du sicher?“, fragte Feather neben ihm auf dem Rücksitz, „was ist, wenn die uns einholen?“

„Selbst, wenn sie es über den Fluss schaffen, sind sie zu Fuß. Aber wenn wir angehalten werden, sind wir am Arsch.“

Feather nickte. Er holte ein Bandana heraus und fing an, sein Gewehr abzuwischen und auseinanderzubauen, während Blackie auf dem Beifahrersitz dasselbe mit seiner tat und Cashs Waffe nach hinten zu Joe gab. Sie schmissen die Teile in den Wald.

7

Als Donna und Logan das Polizeirevier erreichten, starrte Donna schweigend aus dem Fenster. Anfangs hatte sie noch versucht, Konversation zu machen und Logan ein Update bezüglich des Kerls zu geben, den sie jagten, doch Logan unterbrach sie mit einem: „Schon klar, ich habe die Akte gelesen.“ Also ließ Donna es bleiben und als ihr Handy wegen einer Nachricht aus dem Büro klingelte, nutzte sie die Gelegenheit als Ausrede, um erst ihre E-Mails und dann, unauffällig, Instagram zu checken. Sie hielten vor einem kleinen Rathaus, in dem sich sowohl ein Gerichtssaal als auch eine Polizeistation befanden.

„Da wären wir“, sagte Logan. Ihre ersten Worte seit einer Stunde. „Das örtliche Polizeirevier.“

„Alles klar.“ Donna stieg aus und ließ sie vorgehen. Sie folgten den Schildern in ein leeres Wartezimmer und warteten an einem hüfthohen Tresen. Donna hörte eine Stimme hinter der Tür am anderen Ende murmeln.

„Hallo?“, rief sie, „irgendjemand da?“ Sie schaute Logan an und zuckte mit den Schultern, bevor sie die Schwingtür am Ende des Tresens öffnete und durch die Tür ging. Von ihr ging ein Flur mit weiteren Türen ab. Die Stimme kam von einer offenen mit der Aufschrift CHIEF. Sie streckte den Kopf durch die Tür. Ein großer, weißer Mann mit weißen Haaren und einer mit Pusteln bedeckten Nase sprach in ein Funkgerät.

„Entschuldigen Sie, Chief?“ Er hob seinen Blick. Sie hielt ihren Ausweis hoch. „Special Agent Donna Zamora. Tut mir leid, dass ich so hereinplatze, aber vorne war leider niemand.“

„Da sollte eigentlich ein Deputy sein. Ich kann ihn auch nicht über das Funkgerät erreichen. Das Merkwürdige ist, dass sein Auto draußen steht.“ Er seufzte. „Wie dem auch sei. Das ist nicht Ihr Problem. Was kann ich für Sie tun?“

„Nur einen kleinen Gefallen. Ich bin in Begleitung eines US-Marshal und wir sind auf der Suche nach einem geflohenen Straftäter. Sie erzählte ihm das Nötigste über Grables und von dem Tipp, dass er sich in dem Camp aufhielt.

„Wenn das so ist“, sagte der Chief, „ich wollte da sowieso mal vorbeigucken. Vielleicht komme ich mit und schaue ihnen zu.“ Er ging zu einem Waffenschrank und holte seine Schlüssel heraus. „Und nehme meine Schrotflinte mit, falls wir ein paar Wachteln sehen sollten.“

Er folgte ihnen nach draußen, schloss die Türen hinter sich ab und hing ein Schild mit der Aufschrift BALD ZURÜCK an die Eingangstür, dann stieg er in seinen Streifenwagen. Die beiden Frauen stiegen in ihren Impala und hielten hinter seinem Wagen, während er den Motor anließ und weiterhin versuchte, seinen verdammten Deputy zu erreichen. Dann hörten sie den Knall.

 

Als Joe Donna sah, fühlte er sich einen Moment lang wie in einem Traum. Nach der Explosion war Cash den Berg des Camps hinuntergerast und manövrierte das Fahrzeug dabei meisterhaft um die Kurven. Als sie auf die Hauptstraße abbogen, bremste er sachte auf die erlaubte Geschwindigkeit ab und fuhr durch die kleine Stadt in Richtung Highway. Jetzt, wo er allmählich das Gefühl hatte, dass sie in Sicherheit waren, fing Joe gerade an, sich etwas zu entspannen. Er nahm die kaputte Sonnenbrille aus seiner Tasche und klappte sie aus; ein Bügel war abgebrochen. Sie war hinüber. Ein Kriegsopfer. Er konnte das gedämpfte Klopfen noch immer hören, das aus dem Schließfach kam. Grables, der verzweifelt um sein zugegeben ziemlich wertloses, abartiges und dummes Leben kämpfte. Doch es war immer noch ein Leben und das Leben kämpfte gegen den Tod, ob Ratte, Käfer oder Keim. Nicht wirklich immer, erinnerte sich Joe. Einige gaben auf oder waren bereits besiegt, bevor ihre Herzen zu schlagen aufhörten. Nicht jedoch Grables. Sein kleines, beschissenes Herz raste bis zum bitteren Ende.

Dann hörten sie Sirenen. Nicht hinter ihnen, sondern sich vom Stadtzentrum aus nähernd. Eine Minute später sahen sie das Polizeifahrzeug. Es kam mit eingeschaltetem Blaulicht auf der Gegenfahrbahn auf sie zu.

„Fuck“, nuschelte Blackie auf dem Beifahrersitz.

„Ganz ruhig“, sagte Joe, „wir sind sicher.“

Als die Ampel an der Kreuzung auf Rot sprang, raste das Polizeiauto an ihnen vorbei. „Keine Sorge“, sagte Cash in ruhigem Ton und blickte Kaugummi kauend in den Rückspiegel. „Ich hab’s im Griff.“ Er blieb zusammen mit dem restlichen Verkehr stehen, um das Polizeiauto durchzulassen. Hinterm Steuer saß ein älterer weißer Mann mit einer großen, knubbeligen Nase. Er trug dieselbe Uniform wie der Deputy sowie einen Hut und eine Pilotenbrille. Direkt hinter ihm fuhr ein schwarzer Impala mit Behördenkennzeichen. Und da, auf dem Beifahrersitz, saß Donna und schaute nichtsahnend aus ihrem Fenster und direkt in Joes. Ihre Augen weiteten sich, als hätte sie einen Geist gesehen. Sie sah ein zweites Mal hin, um sich zu vergewissern. Ihre Blicke trafen sich und obwohl er wie festgefroren war, merkte er, dass er lächelte, ohne es zu wollen. Ein paar Sekunden später war sie wieder verschwunden. Einige weitere Sekunden später brach das Feuerwehrfahrzeug mit heulenden Sirenen den Zauber. Männer in Schutzanzügen und Helmen hielten sich an der Seite fest. Direkt dahinter ein roter Krankenwagen. Die vier Männer im Auto saßen in angespannter Stille, während der Konvoi an ihnen vorbeiraste.

„Verdammt. Das war knapp“, sagte Feather und guckte durch die Heckscheibe. Er klopfte Joe auf den Arm. „Gut, dass wir die Knarren losgeworden sind, Alter.“

„Ja“, sagte Joe. „Gut.“

 

Als Donna Joe sah, dachte sie einen Moment lang, sie würde träumen. Der plötzliche Knall einer Explosion hatte sie in Bewegung gesetzt. Der Chief hatte die Sirene eingeschaltet und war losgeeilt. Logan fuhr dicht hinter ihm her und ein paar Minuten später folgte ihnen auch die Feuerwehr. Der Knall kam aus der Richtung des Camps, doch welche mögliche Verbindung könnte es zwischen der Routineuntersuchung im Falle eines gesuchten Verbrechers und einer plötzlichen Explosion in der gleichen ungefähren Gegend geben? Dennoch, Donna glaubte nicht an Zufälle und sie hatte das Gefühl, dass eine weitere scheinbar standardmäßige Operation kurz davor war, ins absolute Chaos zu stürzen. In diesem Moment, als sie gerade durch ihr Fenster die Autos beobachtete, die rechts ranfuhren, um sie durchzulassen, sah sie ihn auf dem Rücksitz eines BMW, wie er beiläufig in ihr Auto starrte. Joe Brody. Es waren lediglich einige Sekunden, doch ihre Blicke haben sich definitiv getroffen und er hat sie garantiert erkannt. Er sah aus, als hätte er einen Geist gesehen. Und dann, gerade als er aus ihrem Sichtfeld verschwand, glaubte sie, ihn lächeln gesehen zu haben.

„Glauben Sie wirklich, dass dies etwas mit Grables zu tun haben könnte?“, fragte Logan zur einen Hälfte Donna, zur anderen sich selbst.

„Irgendetwas sagt mir, dass es das tut“, sagte Donna.

Der Chief fuhr von der Hauptstraße ab und führte sie einen steilen Hügel hinauf. Die Motoren heulten auf dem Weg nach oben auf. Logan erschrak und trat auf die Bremse, als der Chief vor ihr plötzlich eine Vollbremsung hinlegte, sich nach links querstellte und mit dem Heck die Straße blockierte. Sie schlidderte nach rechts und wühlte eine Wolke aus Staub auf, bevor sie zum Stehen kam. Die Wracks zweier Fahrzeuge lagen zusammen mit schwelenden Überresten einer Brücke in dem Fluss. Am anderen Ufer standen ihnen außerdem mehrere schwer bewaffnete, größtenteils bärtige Männer in Tarnausrüstung gegenüber, die sowohl gefährlich als auch verwirrt aussahen.

Donna zog ihre Waffe, während sie ihren Gurt löste und stieg in einer fließenden Bewegung aus dem Auto, Logan tat dasselbe auf ihrer Seite.

„Keine Bewegung“, riefen sie beinahe im Chor, bevor sie beidhändige Schusspositionen einnahmen. Der Chief sprang aus seinem Fahrzeug und entsicherte sein Gewehr.

Wie verängstigte Kreaturen, die zwischen Flucht oder Kampf entscheiden, zögerten die bewaffneten Männer eine Sekunde lang und guckten nervös hin und her. Dann hob der letzte in der Reihe, welcher am dichtesten zu Donna stand, sein Gewehr und sie feuerte einen tödlichen Schuss ab, der seine Brust zerriss. Keine Sekunde später, als ob jemand ein Streichholz in eine Kiste mit Feuerwerkskörpern geschmissen hatte, brach eine Schießerei aus. Mit zwei Kugeln in den Bauch schaltete Donna den nächsten in der Reihe aus, während Logan zwei weitere auf ihrer Seite außer Gefecht setzte. Den ersten tötete sie, während er selbst feuerte, den anderen traf sie in die Seite, als er sich gerade wegdrehen wollte. Der Chief erschoss einen großen, stämmigen Typen in Jagdbekleidung, den die Kraft der Schrotflinte direkt hintenüber zu Boden warf.

„Stopp! Hört auf!“, schrie jemand hinter den Felsen. „Chief, ich bin es!“

„Feuer einstellen“, rief der Chief und Donna ging hinter dem Auto in Deckung, um die Situation zu beobachten, während sich der Staub legte. Fünf Männer lagen auf der Straße, einer zuckte und stöhnte noch. Ein Arm wedelte mit einem Hut.

Der Chief rief: „Sind Sie das, Cook?“

„Ja, ich bin es!“

„Wie viele von Ihnen sind noch am Leben?“

„Drei“, rief der Deputy. „Vier, wenn Sie Ronny hier mitzählen.“

„Okay. Lasst die Waffen fallen und kommt mit erhobenen Händen heraus, und zwar alle!“ Die Männer traten langsam aus ihren Deckungen hervor. Donna und Logan richteten ihre Waffen auf sie. „Legen Sie sich auf den Boden“, fuhr der Chief fort. Er richtete seine Schrotflinte auf den Deputy. „Sie auch, Cook. Ich will nicht bereuen müssen, dass ich Sie nicht erschossen habe.“

Er legte sich auf den Boden und die drei machten sich daran, jeden von ihnen in Handschellen zu legen und die Gegend abzusichern, bevor sie die Feuerwehr und den Krankenwagen durchließen. Die State Trooper trafen ein und um sie zu unterstützen, durchsuchten sie den Rest des Camps, wo sie ein paar Ausreißer einsammelten und einen Drogenvorrat in einem trockengelegten Brunnen sicherstellten. Nachdem Donna angerufen hatte, tauchte das FBI auf, um sich um die Forensik zu kümmern, sowie das ATF, um sich den enormen Vorrat an Waffen in dem Camp anzuschauen. Logan blieb vor Ort, um die Verdächtigen zu vernehmen und rauszufinden, ob ihre Zielperson unter den Toten war oder nicht. Donna fand sie in ihrem Auto, wo sie in der kühlen Luft der Klimaanlage Papierkram erledigte, und setzte sich zu ihr.

„Also, die Forensiker haben die Überreste einer männlichen Person gefunden, deren einziger nicht verkohlter Fingerabdruck mit dem von Grables übereinstimmt“, sagte Donna, „besonders interessant ist die Todesursache. Scheint, als wäre er, basierend auf Ballistik und Schussbahn, von einem seiner eigenen Leute erschossen worden, was ihn jedoch vorm verbrennen gerettet hat, was ihn wiederum vorm Ertrinken gerettet hätte.“

„Scheint nicht sein Tag gewesen zu sein“, sagte Logan.

„Kommt drauf an, wie man es sieht. Er ist tot, aber es hätte schlimmer kommen können.“

Logan blätterte durch ihre Unterlagen. „Ich habe hier einen Haufen widersprüchlicher Aussagen. Die meisten behaupten, das Camp sei von einem gut ausgerüsteten Team von zehn bis zwanzig, in Anführungsstrichen, Asiaten überfallen worden. Denk dir dabei, was du willst. Die Krönung ist ‚Deputy Anhängsel‘ hier. Er behauptet, er wäre von einem ‚Jack Me Off‘ reingelegt worden.“ Sie grinste. „Ich werde ihn nur spaßeshalber mal einem Backgroundcheck unterziehen, aber irgendetwas sagt mir, dass das kein echter Name ist.“

„Da stimme ich zu“, sagte Donna, während sie an Joe dachte, der im Auto an ihr vorbeizog. Sie wollte lachen und gleichzeitig wollte sie schreien.

„War mir eine Freude, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Agent Zamora“, sagte Logan und streckte ihre Hand aus. Donna schüttelte sie.

„Danke, Marshal. Die Freude ist ganz meinerseits.“

„Ich muss zugeben, dass ich mich vorher ein wenig über Sie informiert habe und als ich hörte, dass Sie am Hinweistelefon sitzen, habe ich befürchtet, dass Sie außer Reden nicht viel draufhaben.“

Donna zuckte mit den Schultern und dachte daran, was Andrew ihr erzählt hatte. „Kein Problem.“

Zum ersten Mal lächelte Logan sie an. „Sie haben wahrscheinlich gehört, dass ich eine gemeine, alte Kampflesbe bin.“

Donna wurde rot. „Das würde ich nicht sagen.“

„Sie haben richtig gehört. Das bin ich! Aber ich lag falsch, was Sie anging. Sie wissen, wie man mit einer Waffe umgeht und Sie wissen, wann man zu reden und wann zu schweigen hat. Zwei meiner Lieblingseigenschaften bei einer Frau. Wir sollten ein Bier trinken gehen.“

Donna lachte. „Das klingt gut, aber ich habe noch eine Sache, um die ich mich in der Stadt kümmern muss. Ein anderes Mal.“

8

Joe wachte erneut in demselben Auto auf, aber er fühlte sich noch schlechter als beim letzten Mal. Cash rüttelte ihn.

„Hey, Joe. Wach auf. Wir sind zu Hause.“

„Zu Hause?“, murmelte er. Er war sich nicht ganz sicher, was das bedeutete.

Als er sich aufrecht hinsetzte, sah er, dass Feather und Blackie verschwunden waren.

„Zurück in Queens, Mann. In Sicherheit“, sagte Cash. „Ich habe die Jungs abgesetzt, aber ich habe keine Ahnung, wohin ich dich bringen soll.“

Joe guckte aus dem Fenster. Flushing. Auf der Hauptstraße wimmelte es vor Menschen, hauptsächlich asiatisch. Nur ein Afroamerikaner in einem Dashiki verteilte Flyer und ein mexikanischer Gemüsehändler diskutierte mit einer alten, chinesischen Dame oder, genauer gesagt, er zuckte mit den Schultern und lächelte, während sie schimpfte. Es war eine komplett andere Welt, als die, aus der sie gerade kamen und Joe fragte sich, was diese White-Power-Camper wohl denken würden, wenn sie hier, in ihrer Version der Hölle, aufwachen würden.

„Joe?“, sagte Cash und schaute ihn durch den Rückspiegel an. „Kann ich dich mal etwas fragen?“

„Klar.“

„Bist du auf Drogen? Oder machst du Entzug?“

„Vielleicht ein bisschen von beidem.“

„Ich habe mich nur gewundert, weil du da hinten um dich geschlagen und gestöhnt hast.“

„Oh.“ Joe erinnerte sich nicht an seinen Traum, Gott sei Dank, doch er wusste, was er beinhaltete. Das war der Grund, warum er auf Drogen war. „Ach ja, das. Tut mir leid.“

„Der Grund, warum ich frage“, sagte Cash, „es geht mich nichts an, aber … ich kenne da diesen Arzt in der Nähe. Ein Freund von mir ist auf Heroin abgestürzt und sie hat ihn mit Akupunktur und Kräutern und so entgiftet. Ich meine …“ Cash wandte sich wieder dem Verkehr zu. „Wenn du willst.“

Joe dachte darüber nach. Entweder das oder zurück zu seiner Großmutter und dann was? Wieder eine Schlägerei im Club? Mehr Stress mit diesen Rap-Typen? Er war erschöpft, zu schwach, um seine Faust zu ballen. Seine Knochen fühlten sich hohl an und in ihnen spürte er das vertraute Jucken, das Opiatentzug mit sich brachte. Seine Gelenke schmerzten. Seine Nerven zuckten und kribbelten und ließen seine Extremitäten zittern und ausschlagen.

„Hat es funktioniert?“, fragte er. „Wie geht es deinem Freund jetzt?“

„Er ist tot.“ Cash runzelte die Stirn im Rückspiegel. „Aber die Entgiftung hat großartig funktioniert. Ein paar Monate später ist er dann rückfällig geworden und hatte eine Überdosis. Seine Toleranz war zu gering.“

Joe nickte. „Okay. Darüber machen wir uns Gedanken, wenn es so weit ist. Bring mich zu dem Arzt.“

 

Donna fand einen Parkplatz auf der Roosevelt Avenue unter den Bahnschienen der Zuglinie 7, die täglich nicht nur die weiße, reiche Gesellschaft Manhattans hin und her fuhr, sondern auch die multiethnischen Gruppen aus dem Schmelztiegel Queens, dem vielfältigsten Ort des Planeten, wo Millionen Menschen lebten, liebten, aßen, schlafen, spielten, stritten und starben. All das, so hatte sie es gehört, auf bis zu achthundert verschiedenen Sprachen und Dialekten. Jackson Heights, das Viertel, durch das sie jetzt ging, hatte sich in den letzten Jahren von einer irisch-italienisch-jüdisch-dominikanisch-puerto-ricanischen Gegend zu einer kolumbianischen und dann zu einer indischen Gegend gewandelt. Jetzt gab es dort Little Pakistan und Little Bangladesh und tibetische und nepalesische Restaurants eröffneten. Auch ein mexikanischer Zufluss war zu beobachten. Allein der Gedanke daran machte sie hungrig und sie überlegte, wo sie später Essen für ihre Mutter und ihre Tochter zu Hause holen sollte. Ecuadorianisch vielleicht? Plötzlich hatte sie das Verlangen nach Encebollado – ein Fischeintopf mit Zwiebeln, Tomaten und Koriander. Außerdem ein paar Empanadas für Larissa, aber erst musste sie dem Club Rendezvous einen Besuch abstatten, in dem Joe als Türsteher arbeitete. Die erste Nummer, die sie wählte, nachdem sie in die Stadt zurückkehrte, war die des Clubs. Man sagte ihr, Joe sei aus „persönlichen Gründen beurlaubt“ und daher nicht erreichbar. Sie entschloss, es als Nächstes bei seiner Großmutter zu versuchen. Abgesehen von dem Club, war das der einzige ihr bekannte Ort, an dem Joe sich regelmäßig aufhielt.

Sie ging die Stufen hinauf und überquerte den Hof, auf dem sie an spielenden Kindern und tratschenden älteren Damen auf Klappstühlen vorbeilief, von denen sie wusste, dass sie über sie reden würden, sobald sie sie sahen. Gladys war nicht dabei, also ging sie in das Treppenhaus, das durch die kaputte Glühbirne nur schwach beleuchtet war, und klingelte. Eine verzerrte, aber vertraute Stimme antwortete.

„Hallo? Wer ist da?“

„Hallo, Mrs. Brody. Hier ist Donna Zamora.“

„Wer?“

„Special Agent Donna Zamora? Wir haben uns schon einmal unterhalten?“

„Wer?“

Donna seufzte. „Die FBI-Agentin.“

Es wurde kurz still und dann öffnete sich die Tür. Der Aufzug funktionierte nicht oder zumindest schien er nicht zu kommen, also nahm sie die Treppen ins vierte Stockwerk, wo Gladys durch die leicht geöffnete Tür spähte, die sie mit der Türkette gesichert hatte.

„Ach, Sie sind es“, sagte sie. „Tut mir leid, Liebes.“ Sie gab Donna einen Kuss auf die Wange und ließ sie herein. „Sie wissen ja, wie das ist. Man kann nie vorsichtig genug sein.“

„Da haben Sie recht, Mrs. Brody“, sagte Donna und fragte sich, ob die Eindringlinge, die sie fürchtete, Einbrecher oder Polizisten waren.

„Nennen Sie mich Gladys“, sagte sie zu ihr, während sie sich wieder in ihren Sessel neben dem Telefon und gegenüber des stumm geschalteten Fernsehers setzte. Sie winkte in Richtung der Couch. „Wir sind doch schon alte Freunde.“

„Danke, Gladys“, sagte Donna und setzte sich. „Schön, das zu hören. Ich sehe uns gerne als Freunde.“ Sie guckte sich um. „Ich hatte gehofft, dass Joe auch hier sein würde. Erwarten Sie ihn noch?“

„Joe? Nein. Der war in letzter Zeit nicht hier.“

„Gar nicht?“, fragte Donna. Sie sah die halb volle Flasche Wodka und einige leere Gläser auf dem Tisch sowie Reste von etwas, das wie Kaviar anmutete. Neben ihren Füßen standen Hausschuhe, die aussahen, als wären sie für Männer.

„Ne“, sagte Gladys und schaute ihr lächelnd in die Augen. „Ich habe natürlich noch andere Freunde außer Ihnen, die mich besuchen kommen.“ Sie war eine gute Lügnerin. Kein Zögern, keine Scham, kein Rechtfertigen. Ihr Leben unter Gaunern machte sich bemerkbar. Diese Menschen wickelten einen mit ihrem Selbstbewusstsein um den Finger. Und bei einem Profi wie ihr wurde die Überzeugung der Lüge so absolut, dass sie sie in gewisser Weise selbst glaubte, sie zu ihrer Wahrheit machte. Es infrage zu stellen und zum Beispiel zu sagen: „Sind das da nicht seine T-Shirts in dem Wäschekorb?“ würde nur zu noch größerem Widerstand führen, vielleicht sogar etwas Wut auslösen, weil man es wagte, an der Wahrheit ihrer Lüge zu zweifeln.

„Ich habe den Club angerufen“, sagte Donna und wechselte die Taktik. „Man hat mir gesagt, dass er aus persönlichen Gründen beurlaubt wurde. Ich hoffe, er ist in Ordnung. Darum bin ich vorbeigekommen.“

„Ihm geht es gut, da bin ich mir sicher.“

„Er hat nicht gesagt, wohin er geht?“

„Liebes, er ist schon mal zum Militär gegangen, ohne es mir zu sagen.“

„Er hat noch nicht einmal angerufen? Was, wenn er in Schwierigkeiten steckt?“

„Er meldet sich nicht einmal, wenn er verhaftet wurde. Er kommt danach einfach vorbei und sagt, dass er wieder draußen sei. Hören Sie“, sie tätschelte Donnas Bein, „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Joe ist wie eine Katze. Er kommt und geht und wenn man versucht, ihm ein Halsband umzulegen, wird man gekratzt. Aber wenn man ihn in Ruhe lässt, dann kommt er früher oder später zurück, schnurrend und so süß, wie es nur geht.“

„Oder mit einem toten Vogel im Mund.“

„Ha!“ Gladys lachte und griff nach dem Wodka. „So langsam begreifen Sie es. Tun Sie mir doch bitte einen Gefallen, Liebes. Holen Sie mir etwas Eis und eine Limonade aus dem Kühlschrank und auch ein Glas für Sie.“ Sie nahm die Fernbedienung in die Hand. „Meine Sendung fängt gleich an.“

 

Die kleine, süße Beamtin lehnte den Drink wie erwartet ab. Gladys wäre überrascht und sogar ein wenig beeindruckt gewesen, hätte sie sich tatsächlich einen Wodka mit Limo gemacht und sich zurückgelehnt, um die Sendung mit ihr zu gucken. Aber sie ging und drückte Gladys wieder eine ihrer Karten in die Hand und betonte noch einmal, wie wichtig es sei, dass sie mit Joe spricht. Wichtig für wen? Für Joe auf jeden Fall nicht, so viel war sicher. Gesetzeshüter jeglicher Art kamen bei ihr vorbei, um nach ihrem Enkelsohn zu fragen, seit er zehn war und davor war es sein Vater und ihr damaliger Ehemann und sie selbst auch. Aber niemand, den sie kannte, rief selbst die Polizei.

Eine professionelle Kriminelle zu sein, bedeutete laut Definition offensichtlich, dass viele ihrer Aktivitäten illegal waren. Doch abgesehen davon, lebte sie in einer Klasse der Gesellschaft, die ganz einfach außerhalb des Gesetzes existierte, auch wenn die meisten nie ein Verbrechen begangen hatten. Nicht einmal ein Opfer eines Verbrechens rief in ihrer Welt die Polizei: Man rief seine Freunde oder, wenn man konnte, die kriminelle Gruppierung, die in der entsprechenden Gegend das Sagen hatte. Dass das Gesetz jemals helfen würde, kam hier niemandem in den Sinn. Viele männliche Schwarze hatten zum Beispiel das Gefühl, dass sie höchstwahrscheinlich selbst in Handschellen landen würden – oder schlimmer, mit Kugeln durchlöchert auf dem Asphalt –, sollten sie jemals die Polizei rufen, egal, in welcher Situation. In ihren Augen war ein vorbeifahrender Streifenwagen dasselbe wie ein bekannter Schläger oder ein aggressiver Kampfhund – etwas Gefährliches und Unberechenbares, das man meiden sollte. Einwanderer, legal oder nicht, fürchteten, dass jede noch so harmlose Begegnung mit der Regierung sie in die Fänge der Einwanderungsbehörde befördern und ihre Visa oder Green Cards gefährden könnte. Einige Frauen, die Opfer von sexueller Belästigung auf der Arbeit oder der Straße geworden sind oder vielleicht sogar zu Hause misshandelt wurden, erwarteten mittlerweile nichts mehr – oder gar weniger als nichts – von den Behörden. Und so weiter. Wenn man keine Versicherung hatte, kein Grundstück oder Portfolio besaß, wenn man keine Stimme in der Politik hatte und wenn man im Fernsehen oder den Medien nicht seine eigene Realität reflektiert sah, dann verstand man, sei es irgendwann ganz plötzlich oder von Geburt an, dass das soziale Auffangnetz von Schutz und Unterstützung, das die Gesellschaft bot, nicht für einen selbst gespannt wurde. Oder es hatte so viele Löcher, dass es nutzlos war, sodass man sich selbst nicht dazu verpflichtet sah, seinen eigenen Teil der Abmachung einzuhalten. Wenn man das Gefühl hatte, das Gesetz war nicht für einen da, gab es auch keinen Grund, sich ihm zu unterwerfen. Die Regeln des Spiels werden wertlos, wenn man realisiert, dass das Spiel manipuliert ist.

Solche Leute waren in gewisser Weise natürliche Anarchisten, was auch immer ihre politische Einstellung war oder welchen Lifestyle auch immer sie pflegten. Sie gingen ihren eigenen Weg, trafen ihre eigenen Entscheidungen und lebten mit ihren Konsequenzen. Sie waren frei. Doch wenn sie fielen, dann fielen sie und niemand fing sie auf. Wenn sie sich verletzten, krank oder alt oder verhaftet wurden, sie verhungerten oder erfroren, waren sie auf sich allein gestellt – es sei denn, sie hatten Freunde oder Familie, an die sie sich wenden konnten. Wenn Joe also aus der Tür hinausging, wusste Gladys: Vielleicht würde er mit einer Tasche voller Geld nach Hause kommen, vielleicht würde er kriechend und blutverschmiert nach Hause kommen, vielleicht würde er sie anrufen und ihr sagen, dass sie etwas Geld aus der Tasche nehmen und ihm irgendwo hinschicken sollte, vielleicht würde sie ihn aber auch nie wieder sehen.

Und daher würde diese Agentin, Donna wie auch immer ihr Nachname lautete, nie etwas anderes als ein Außenseiter in Gladys’ Welt sein. Sie waren Gesetzlose und sie war das Gesetz. Katz und Maus. Das Problem an der Sache: Gladys mochte Donna. Und Donna mochte Joe, das konnte Gladys sehen, vielleicht sogar besser als sie selbst. Gladys’ Instinkt sagte ihr, dass sie genau die Frau war, die Joe in seinem Leben brauchte. Jemand Anständiges, mit dem er anständig werden konnte. Jemand, der ihn glücklich machen konnte. Sie war jedenfalls besser als diese Russin Yelena. Die roch nach Ärger, als wäre es Parfum. Auch wenn sie Wodka und Kaviar mitbrachte und mit Gladys mithalten konnte und Safes wie ein Meister knackte und sich wie eine Katze bewegen konnte, geboren und aufgezogen, um den Hunden zu entkommen.

Das war das Komische an der Sache: Donna schien perfekt zu Joe zu passen, doch nur der Gedanke daran war lächerlich, als würde man einen Fisch mit einem Vogel paaren. Yelena schien im Gegensatz das Letzte zu sein, das ihr Enkel gebrauchen konnte, doch sie war eine von ihnen, ein natürliches Mitglied des Stammes. Sie gehörten zusammen, wie immer, gegen das Gesetz.

9

„Verdammt, Joe“, dachte Gio auf dem Weg zu dem Treffen mit Alonzo und dem Rap-Mogul Cold Daddy Collins. Er meinte es nicht so oder zumindest meinte er es so, wie man so etwas über seinen ältesten und zugegeben engsten Freund dachte. Sie waren Freunde, seit Joe ihn in der Grundschule vor ein paar älteren Schlägern gerettet und Gio ihn daraufhin gewissermaßen als Bruder adoptiert hatte. Seine Familie arrangierte für Joe ein Stipendium an einer exklusiven katholischen Schule, auf die er selbst ging. Er war bestürzt zu sehen, in welcher Verfassung Joe sich nach seiner Zeit in der Spezialeinheit befand: ausgelaugt von den Drogen und extrem traumatisiert. Also gab er ihm den Job als Türsteher als eine Art Vorruhestandsprogramm. Ein einfacher Job, der ihm ein geregeltes Einkommen für ihn und seine Großmutter Gladys sicherte, die sich ebenfalls nach einem Leben als Gaunerin mehr oder weniger im Ruhestand befand. Dass ihm das alles jetzt so um die Ohren flog, ging ihm gehörig auf die Nerven. Gio Caprisi war ein viel beschäftigter Mann. Er führte ein weitreichendes Familienimperium, sowohl die legitime obere Hälfte mit Immobilien, Aktien, Restaurants, Trucks, Straßenbau, Umzug und Bauunternehmen als auch die untere, nicht so legitime Hälfte: hochorganisiertes Verbrechen. Ein Mann, den Hunderte fürchteten, doch von dem sie gleichzeitig abhängig waren wie eine Kombination aus General und CEO. Im Auto mit Nero und ein paar anderen seiner Soldaten zu sitzen und nach Brooklyn zu einem Treffen mit Alonzo zu fahren, der die schwarzen Gangs im Zentrum von Brooklyn kontrollierte, nur um einen unbedeutenden Streit um nichts mit ein paar unwichtigen Idioten beizulegen, verschwendete nicht nur kostbare Zeit, sondern es war auch beleidigend. Darum verfluchte er Joe still und leise, während Nero hinterm Steuer saß und schweigend auf die Straße vor ihm starrte.

Dann wiederum hatte er in seinem Leben niemanden wie Joe. Er vertraute ihm seine Geheimnisse, sein Geld und seine Sicherheit an. Er war zweifellos die Person, die Gio anrufen würde, wenn er selbst in Schwierigkeiten stecken würde. Und auch wenn Gio ihm den Job als Türsteher aus Mitgefühl gegeben hatte, hatte er dabei auch Joes besondere Talente im Hinterkopf gehabt: Zehn Jahre im Krieg haben seinen Freund zwar etwas verkorkst, doch sie haben ihn auch zu einer stahlharten, tödlichen Waffe geschmiedet und als Terroristen Gios Welt infiltriert hatten und seine Heimatstadt bedrohten, setzte er diese Waffe ein. Jetzt sind die Terroristen tot und ihr Virus zerstört. Darum, egal wie sehr es ihn nervte und wie viel er fluchte, fuhr er quer durch die Stadt, um sich um Joes Problem zu kümmern. Er passte auf ihn auf, jetzt und für immer. Nero, der nichts sagte, um zu vermeiden, dass er seinen gereizten Boss noch mehr verärgerte, konnte nicht anders, als zu grinsen, als sie den Treffpunkt erreichten – ein Chicken-and-Waffles-Restaurant, eröffnet, um an der gentrifizierten Szene in Crown Heights mitzuverdienen. Es war Alonzos Laden, lief jedoch auf einen anderen Namen. Das Gebäude, eine umgebaute Lagerhalle, gehörte einem alten Freund – natürlich ebenfalls unter einem Decknamen – Menachem „Rabbi“ Stone, der den chassidischen Untergrund kontrollierte. Alonzo und Gio waren sozusagen Gleichrangige in ihren jeweiligen Organisationen, deren Wege sich in der Vergangenheit wiederholt kreuzten, was gelegentlich zu Zusammenstößen führte, doch letztendlich gründeten sie eine Allianz auf ihrem Weg an die Spitze. Genau so war es mit Rabbi und seinem Vater: Rabbi war bereits an der Spitze, als Gio seinen Führerschein gemacht hatte. Dort war er auch seitdem geblieben und führte seine orthodoxe Armee an, die mit ihren Bärten, Anzügen und langen Mänteln viel mehr wie eine Gruppe Outlaws aussahen als der Rest von ihnen. Gio erinnerten sie immer an eine Gang aus dem Wilden Westen und er nannte sie die Black Hats.

Doch im Moment war die einzige Kopfbedeckung in Sicht ein Haarnetz auf dem Kopf des Küchenarbeiters, der genervt von vorne anfangen musste, die eintreffende Ware mit seiner Liste abzugleichen, als Gio und seine Entourage in der Ladezone auftauchten. Dann erkannte er die Gesichter in dem Auto und trat respektvoll beiseite und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Barry, einer von Alonzos Männern, ein riesiger Typ im Trainingsanzug und Kangol Mütze, nickte ihnen zu und öffnete die Küchentür. Pete, einer von Gios Jungs, blieb zurück, setzte sich auf die Motorhaube des Autos und zündete sich eine Zigarette an, während die anderen hineingingen. Es sah aus, als würde es ein weiterer warmer Sommertag werden.

Drinnen glänzten Arbeitsflächen und Messer, während das Personal durch die Gegend hetzte, Lieferungen entlud und haufenweise Gemüse klein hackte. Riesige Töpfe köchelten über den Industrieöfen. In einer Ecke zwischen dem begehbaren Kühlschrank und der Abstellkammer stand ein einzelner Tisch, bedeckt mit einer makellos weißen Tischdecke. An ihm saß Alonzo und aß einen großen Teller Chicken and Waffles, nippte an seinem Kaffee und laß das Wall Street Journal. Er hob seinen Blick und lächelte.

„Gio!“ Er stand auf und nahm die weiße Serviette aus seinem Kragen, wodurch sein dreiteiliger marineblauer Nadelstreifenanzug, sein hellblaues Shirt und die elektroblaue Krawatte zum Vorschein kamen. Diamanten funkelten an seinen Ringen, Ziffernblatt und Ohrläppchen. Auch Gio hatte sich ebenfalls gut gekleidet – sie unterhielten sich öfters über Stoffe und tauschten Schneider aus -, aber etwas mehr leger. Er trug einen sommerlichen Leinenanzug, ein weißes Shirt und seine Rolex, ein Geburtstagsgeschenk seiner Frau und seinen Kindern. Sie umarmten sich.

„Habt ihr Hunger?“, fragte Alonzo, als Gio und Nero sich setzten. Der andere von Gios Männern, Big Eddie, blieb zusammen mit Barry an der Tür. Nachdem sie sich ausreichend gemustert hatten, verbrachten sie die Zeit damit, munter über Rezepte für Proteinshakes und Trainingsübungen zu diskutieren. „Ich will ja nicht angeben“, sagte Alonzo zu ihnen, „aber das Essen hier wird nach dem Rezept meiner Großmutter zubereitet mit dem Unterschied, dass wir unsere eigenen organischen Hühner züchten und eine Connection für puren Ahornsirup aus Vermont haben.“

„Es riecht fantastisch“, sagte Gio, was die Wahrheit war, „aber ich nehme nur einen Kaffee. Ich komme ein anderes Mal zum Abendessen vorbei.“ Es war schließlich zehn Uhr morgens und er war noch mit ein paar Bankern in der Innenstadt verabredet.

„Also gut.“ Alonzo warf die Serviette auf den Tisch. „Lasst uns diese Scheiße regeln.“ Er rief Barry zu: „Bring Cold rein.“

Der Bodyguard ging zur Tür, die zum Essbereich führte und streckte seinen Kopf hindurch, während eine junge Frau in weißer Küchenkleidung und einem Schal über ihren Flechtzöpfen den Kaffee servierte, bevor sie wieder hinter die Arbeitsfläche ging und gekonnt Grünzeug mit einem riesigen, glänzenden Messer hackte. Cold Daddy betrat den Raum in einem Anzug, der deutlich protziger war als die von Gio und Alonzo: hellgrünes, breites Revers und ein passender Hut. Im Schlepptau hatte er einen seiner Leute im engen T-Shirt und einer Wrap-Around-Brille. In der Hand hielt er einen Koffer. Die ganze letzte Woche hatten er und seine Freunde Lärm gemacht und jetzt hatte er Alonzo endlich um ein Treffen gebeten.

„Gio, das ist mein Geschäftspartner Cold Daddy Collins. Cold, das hier ist mein alter Freund Gio Caprisi.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Gio halb im Stehen und streckte seine Hand aus.

„Ist mir eine Ehre, Mr. Caprisi“, erwiderte Cold und ließ seinen Blick von Gio zu Alonzo schweifen. Alonzo nickte und sie setzten sich. Cold räusperte sich.

„Zuallererst möchte ich sagen, dass ich, wenn ich gewusst hätte, dass das Ihr Laden ist, niemals so hereingeplatzt wäre. Und mein Bro Lil’ Whitey, er hätte ihrem Club mehr Respekt entgegenbringen sollen.“

Gio lächelte. „Er sollte wissen, dass man nirgendwo eine Frau so behandelt. Sie ist diejenige, der er mehr Respekt entgegengebracht haben sollte.“

„Da ist was dran. Er hätte die Finger von dieser Pussy lassen sollen. Hören Sie, um ehrlich zu sein, ist sein Spitzname im Büro Lil’ Tighty, weil er so ein ekelhaftes Arschloch ist, aber dieses Arschloch hat letzten Monat eine Million Downloads ausgeschissen, also …“

Gio lächelte Alonzo zu, der mit den Schultern zuckte. Colds Plattenlabel machte ein Vermögen mit Lil’ Whitey und Alonzo verdiente im Hintergrund daran mit.

„Ich verstehe“, sagte Gio verständnisvoll. „Geschäft ist Geschäft. Ich sehe keinen Grund, ein kleines Missverständnis dazwischenkommen zu lassen. Ich schlage vor, wir vergessen das Ganze. Nichts für ungut.“

Alonzo lächelte. „Danke, dass du so verständnisvoll bist, Gio.“ Er drehte sich zu Cold. „Siehst du? Ich habe es dir doch gesagt. Wir sind alle immer noch Geschäftsmänner. Keine Zeit für Gangster-Schwachsinn. Lasst uns einfach weitermachen, als wäre das nie passiert.“

„Exzellent“, sagte Cold. „Bleibt nur noch eine letzte Sache.“ Er hielt seine Hand auf und sein Bodyguard holte einen Ordner aus dem Koffer und gab ihn Cold. Er öffnete ihn auf dem Tisch und ein Stapel rechtlicher Dokumente kam zum Vorschein. „Ich habe meinen Anwalt diese einfachen Geheimhaltungsverträge ausstellen lassen. Wenn Sie die nur unterschreiben und Ihre Leute dasselbe machen lassen könnten.“

Gio blickte für einen langen Moment auf die Unterlagen, während Alonzo und Nero ihn anstarrten und sich auf seine Reaktion gefasst machten. Dann brach er in Gelächter aus. Alonzo und Nero begannen daraufhin, ebenfalls erleichtert zu lachen. Wütend sprang Cold auf und hämmerte so doll auf den Tisch, dass der Kaffee über die Dokumente kleckerte, was sein Handlanger versuchte aufzutupfen.

„Ihr lacht über mich? Wisst Ihr, was es für Auswirkungen auf die Verkaufszahlen hat, wenn sich herumspricht, dass Lil’ Whitey von einer Bitch fertiggemacht wurde? Das ist mein Geld, von dem wir hier reden. Und dein Türsteher hat meinem Kämpfer den Arm gebrochen! Er musste seinen nächsten Kampf absagen.“ Er zeigte mit einem dicken, juwelenbesetzten Zeigefinger auf Gio. „So, wie ich das sehe, haben mich deine Leute ein Vermögen gekostet, aber ich bin bereit, es wie ein Gentleman zu lösen, aus Gefälligkeit gegenüber meinem Mann Alonzo hier. Also schlage ich vor, du hörst auf zu lachen.“

Gios Lachen verstummte. Seine dunklen braunen Augen schienen ganz schwarz zu werden, während er den dicken Finger fokussierte. „Entschuldigen Sie bitte, Miss“, sagte er zu der Köchin, die das Grünzeug klein hackte. „Könnten Sie kurz herüberkommen?“

Das Mädchen hörte auf zu arbeiten, der Staccato-Rhythmus ihrer Klinge verstummte und sie kam neugierig herüber.

„Alonzo“, sagte Gio, „magst du japanische Gangsterfilme genau so sehr wie ich?“

Alonzo, der seinen Atem anhielt, antwortete überrascht: „Filme? Ja, klar, Gio. Die sind ziemlich cool.“

„Nicht wahr? Und es gibt da immer einen, der seine Vorgesetzten missachtet. Erinnerst du dich, was der dann machen muss?“

Jetzt nickte Alonzo mit einem finsteren Grinsen. „Ja, klar. Er muss sich einen Finger abschneiden.“

„Richtig“, sagte Gio. Er nickte der jungen Köchin zu. „Liebes, lassen Sie Mr. Cold hier doch bitte Ihr Messer für eine Sekunde ausleihen.“

Mit weit geöffneten Augen hielt sie ihm das Messer entgegen. Colds nervöser Blick schweifte von dem Messer in die versteinerten Gesichter um den Tisch herum und wieder zurück auf das Messer. Niemand lächelte oder lachte mehr. Gio starrte ihm ins Gesicht und sagte mit monotoner Stimme: „Leg deine Hand auf den Tisch.“

„Was zur Hölle?“, sagte Cold, „ich dachte, du hättest gesagt, das hier wäre nur Business, Mann. Kohle.“

„Keine Sorge. Du darfst den Ring behalten. Ich will nur meinen Finger.“

„Bei allem Respekt, Gio, ich glaube, in den Filmen ist es der kleine Finger, den sie abschneiden.“

Gios Augen waren leer und kalt wie die einer Echse. „Dann hätte er mit seinem kleinen Finger auf mich zeigen sollen, nicht wahr?“

Alonzo lehnte sich zu Gio herüber. „Hör zu, ich bitte dich, die Sache hier zu vergessen, als Gefallen, und ich verspreche dir persönlich, dass es von seiner Seite aus keine Schwierigkeiten mehr geben wird. Ansonsten schneide ich ihm etwas ab und es werden keine Finger sein. Dieser Junge hat keine Ahnung. Hätte er eine, wüsste er, dass niemand hier irgendetwas unterschreiben muss. Dein Handschlag ist genug.“ Alonzo streckte seine Hand aus. Gio zögerte einen Moment, dann schüttelte er seine Hand und stand auf.

„Danke für den Kaffee“, sagte er zu Alonzo. Der Köchin rief er zu: „Und, Miss, was auch immer Sie da kochen, riecht wundervoll.“

„Danke“, sagte sie mit weicher Stimme. Dann ging er, gefolgt von Nero und Big Eddie. Die Tür schloss sich hinter ihnen.

Cold ließ sich seufzend in den Stuhl fallen. Das Mädchen nahm leise ihre Arbeit wieder auf. Alonzo schüttelte den Kopf. „Du zurückgebliebener Motherfucker. Du hast Glück, dass er dir nicht den Kopf abgeschnitten und in meine Grütze geworfen hat. Ich hätte es ihm nicht übelgenommen. Dokumente? Was für ein Schwachmaten-Pussy-Scheiß ist das denn bitte?“ Cold zuckte mit den Schultern und schob die Unterlagen zusammen, um sie zurück in den Koffer zu stecken.

„Mein Anwalt hat mir dazu geraten“, schnaufte er, „und wie du schon sagtest, wir sind Geschäftsmänner.“

„Jetzt hör mal zu.“ Alonzo lehnte sich zu ihm herüber. „Lass mich eines klarstellen. Was wir vorhin über Geschäftsmänner gesagt haben?“

Cold nickte.

„Das war alles Bullshit. Du bist ein Geschäftsmann in Gangsterverkleidung. Dieser Mann da, in dem Businessanzug? Das war ein verdammter Gangster.“

 

Gio, Nero und Big Eddie warteten, bis sie draußen waren und sich die Tür hinter ihnen schloss, bevor sie in Gelächter ausbrachen.

„Heilige Scheiße, G“, sagte Nero und zündete sich eine Zigarette an, „eine Sekunde lang habe ich selbst geglaubt, dass du ihn seinen eigenen Finger abschneiden lässt.“

„Gut, dass wir nicht die Yakuza sind“, sagte Big Eddie und betrachtete seinen eigenen diamantenbesetzten kleinen Finger. Er konnte sich an einige Fehltritte in seiner eigenen Karriere erinnern, genug, um an mindestens einer Hand keinen einzigen Finger mehr zu haben. Ob es japanische Gangster gab, die mit nur einem oder zwei Fingern durch die Gegend liefen? Brauchten die erst eine und dann die andere Hand auf oder erst beide kleinen Finger, dann beide Ringfinger und so weiter?

Gio grinste. „Ich wette, der hat sich in seinen Seidenanzug geschissen. Im Auto wird nicht geraucht.“

„Nein, hatte ich auch gar nicht vor“, sagte Nero und nahm schnell einen großen Zug, bevor er sie auf dem Boden austrat, obwohl es eigentlich sein eigenes Auto war. Big Eddie öffnete die Beifahrertür und Gio setzte sich ins Auto. Eddie und Pete stiegen hinten ein. Nero fuhr. Als sie auf die Straße abbogen, klingelte ein Telefon und Pete antwortete.

„Ja? Wer ist da? Moment.“ Er lehnte sich zu Gio nach vorne und verdeckte dabei das Telefon mit seiner Hand. „Das ist Little Maria, Boss. Für dich.“

Gio sprach über seine Schulter. „So solltest du nicht ans Telefon gehen, Pete. Sag: ‚Dürfte ich fragen, mit wem ich spreche?‘ und dann sag, dass sie doch bitte kurz dranbleiben möchten. Okay?

„Sorry, Boss“, sagte Pete und sprach ins Telefon: „Bitte bleiben Sie kurz dran.“

Gio seufzte. „Danke, Pete.“ Er nahm das Telefon. „Guten Morgen, Maria. Wie kann ich dir heute helfen?“

„Gio, mi papi chulo, wir sollten reden.“ Sie sprach in überschwänglichem dominikanischem Akzent, der ihn irgendwie an seine eigene Großmutter erinnerte. Wie seine Großmutter auch, war Little Maria sehr klein, aber knallhart. Ihr Ehemann hatte einen Großteil des Heroinhandels in Washington Heights und der Bronx kontrolliert. Als er starb, hielt sie nicht nur an dem Geschäft fest, sondern sie expandierte es.

„Klar, Maria. Worum geht es?“

„Es geht um deinen Freund Joe.“

„Fuck!“ Gio schlug auf das Armaturenbrett. Nero warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und sah Eddie und Pete wie versteinert auf der Rückbank sitzen. „Was zur Hölle hat er jetzt schon wieder gemacht?“

„Gemacht? Ich verstehe nicht, was du meinst. Er hat gar nichts gemacht. Noch nicht. Aber, Baby, was er machen muss, das willst du nicht über das Telefon hören.“

10

Joe fühlte sich besser. Seit einer Woche befand er sich in Dr. Zhangs Obhut.

Das Ganze hätte nicht weiter von dem Bild entfernt sein können, das ihm Film und Fernsehen vermittelt hatten: keine Buddha-Statuen, keine kahl rasierten Mönche, die sangen oder den Boden fegten, keine Räucherstäbchen. Nur ein Wartezimmer voll mit alten Chinesen, die telefonierten, Kindern, die umherrannten oder auf dem Boden spielten, ein paar junge gestresste Arzthelferinnen in engen Jeans und Stöckelschuhen. Joes war das einzige weiße Gesicht. Nachdem er und Cash sich setzten, kam eines der Mädchen mit einem Klemmbrett zu ihnen herüber und fragte ihn nach seiner Krankenversicherung, woraufhin Cash mit ihr im rauen Ton auf Chinesisch redete, bis sie ihn in Ruhe ließ. Er wurde nur mit Joe angesprochen. Dann rief er seine Großmutter Gladys an und Cash fuhr zu ihrer Wohnung, wo sie ihm einen dicken Umschlag mit Hundertern aus der Tasche gab, die er ihr zur Aufbewahrung gegeben hatte, zusammen mit einem Einkaufsbeutel mit einer Zahnbürste, sauberen T-Shirts und Unterwäsche, und dem Buch auf seinem Nachttisch, ein Taschenbuch von Becketts Trilogie. Er las Molloy zum zweiten Mal. Cash übergab den Beutel Dr. Zhang.

Am ersten Tag der Behandlung untersuchte sie ihn, wie ihn noch nie ein Arzt zuvor untersucht hatte: Unter anderem inspizierte sie seine Zunge ganz genau, dann maß sie seinen Puls an zwei verschiedenen Stellen gleichzeitig und meckerte, wie sehr er aus dem Gleichgewicht sei. Sie fragte ihn im Detail über sein Stuhl-, Ess- und Schlafverhalten aus und schien so interessiert, wie es seit seiner Kindheit niemand mehr gewesen war. Er fühlte sich entspannt in ihrer Gegenwart und erzählte ihr offen von seinem Drogenkonsum, seinen Entzugserscheinungen und seinen Albträumen. Sie war eine kleine, stämmige Frau mit rundem Gesicht und einem stumpf geschnittenen, schwarzen Bob. Sie trug einen weißen Laborkittel. Hinter ihren runden Brillengläsern prüfte sie ihn mit einem durchdringenden Blick. Sie sprach perfektes Englisch mit leichtem Akzent und bezeichnete sich selbst als Shanghainesin – etwas, das Joe als New Yorker gut verstehen konnte. Sie trug einen Ehering und auf ihrem Schreibtisch standen Bilder, die sie mit ihren Kindern beim Skifahren zeigten, Joe hätte aber ohnehin gewusst, dass sie Kinder hatte. Wenn sie zuhörte, runzelte sie leicht die Stirn, sie schimpfte ihn für sein schlechtes Verhalten aus, kümmerte sich sorgsam um ihn und versicherte ihm, dass sie ihm helfen konnte, sein Problem, zumindest auf physischer Ebene, zu lösen. Dann führte sie ihn zurück durch das Wartezimmer und einen langen Flur mit Türen auf beiden Seiten entlang in ein kleines Behandlungszimmer, wo er sich bis auf die Unterwäsche auszog und auf den Massagetisch legte. Sie holte ihre Akupunkturnadeln heraus und als Joe vor Schreck zusammenzuckte, sagte sie in ihrem mütterlichen Ton: „Ich weiß, dass du keine Angst vor Nadeln hast.“ Er lachte und blieb still liegen, während sie ihm die Nadeln in die Ohren, Hände und zwischen die Zehen stach und ihn unter Strom setzte. Ein ihm bisher unbekanntes Gefühl überkam ihn. Wie wenn man sich den Musikantenknochen gestoßen hatte, nur im ganzen Körper. „Entspann dich“, sagte sie zu ihm und warf eine Decke über seinen Rücken, bevor sie das Licht dimmte und eine Wärmelampe einschaltete. „Wie zur Hölle soll ich mich entspannen, wenn mein Körper mit elektrisierten Nadeln übersäht ist?“, hätte er ihr am liebsten gesagt, doch dafür hatte sie ihn zu sehr eingeschüchtert. Einen Moment später, ohne es zu merken, war er eingeschlafen.

Er schlief, wie er es seit seiner Kindheit nicht mehr getan hatte, tief und traumlos, und wachte regeneriert und hellwach auf. Ein riesiger Unterschied zu dem Gefühl der Starre, das er jedes Mal hatte, nachdem er aus einem drogeninduzierten Schlaf erwachte. Eine ältere Dame in Pyjamahosen, Hausschuhen und einem unpassenden Hollister T-Shirt, die er noch nie gesehen hatte, gab ihm einen Bademantel und eskortierte ihn mit Zeichensprache in ein einfaches Schlafzimmer etwas weiter den Flur entlang, das eher wie ein billiges Hotelzimmer als ein Krankenhaus aussah. Sie kam mit einer Schale Reis und einer Tasse leicht süßlichem Tee zurück. Er aß auf, trank den Tee und legte sich wieder schlafen.

Der zweite Tag startete erneut mit Akupunktur und Dr. Z begann mit den Kräutern, Kapseln, die wie Vitamine aussahen, und selbst gemachten Teebeuteln, die die Entgiftung beschleunigen und weniger qualvoll machen sollten. Sie hatte recht. Es half, doch die Symptome blieben dennoch: Durchfall, Schüttelfrost, Fieber, die laufende Nase und tränenden Augen. Doch wie immer war das Schlimmste das schreckliche Gefühl der Leere in seinen Knochen und das puppenartige Zucken seiner Gelenke, während er zwanghaft versuchte, eine Position zu finden, in der er es länger als ein paar Sekunden aushalten konnte. Er würde es als eine Art Seelenkrankheit beschreiben, sollte die Seele tatsächlich ein materielles Wesen sein, ein Geist, eine warme, lebendige Substanz, die zu kaltem Schleim oder klammem Dampf in unserem Mark werden konnte.

Doch die Tage in ihrer Obhut vergingen und es ging ihm immer besser. Er schlief ohne Albträume durch, aß ganze Mahlzeiten und trank nur Wasser, Saft und Kräutertee. Nach einer Woche ging es ihm richtig gut. So gut wie schon lange nicht mehr. Und das machte ihm Angst. Jeder Junkie weiß, dass man am schwächsten ist, wenn es einem am besten geht. Man ist empfänglicher für diese kleine Stimme, der Dämon im Ohr, der einem sagt, dass ein einziges Mal schon nicht so schlimm ist.

Mit diesem Gedanken in seinem Kopf betrat Joe das Veteranenkrankenhaus. Cash hatte ihn morgens mit seinem Auto zu dem riesigen Gelände auf der 23rd Street in Manhattan gebracht. Als Joe nach sechs Stunden das Krankenhaus wieder verließ, hätte selbst ein mormonischer Olympia-Athlet an seiner Stelle einen Shot Jack Daniels gebraucht, da war er sich sicher. Zuerst wartete er am Empfang, dann folgte er einigen ungenauen Wegbeschreibungen zu anderen Abteilungen, die ihn dann wieder zur ersten Abteilung schickten. Zwischendurch musste er gelegentlich mehrere Minuten lang auf den einzigen funktionierenden Fahrstuhl warten. Schlussendlich landete er in einem Wartezimmer im Erdgeschoss, das aussah wie eine Mischung aus Pflegeheim, Notaufnahme und Psychiatrie mit einem Hauch Obdachlosenheim. Ein Obdachloser schlief quer auf drei Sitzen, sein strenger Geruch deutete auf eine lange Karriere auf der Straße hin. Ein paar Typen redeten mit sich selbst, während sie auf und ab liefen oder wild zuckten.

Die meisten jedoch saßen einfach nur da und lasen, spielten mit ihren Handys oder starrten mit demselben hoffnungslosen Blick der in der Bürokratie Gefangenen in die Leere, den man auch am Flughafen oder beim Verkehrsamt beobachten konnte. Der Unterscheid war jedoch, dass der Großteil der hier Wartenden hustete oder nieste oder sich kratzte oder stöhnte, was nicht unbedingt zu Joes Wohlbefinden beitrug. In Anbetracht seiner posttraumatischen Belastungsstörung und seinem aufblühenden Drogenproblem war es vielleicht schlauer, einfach nach Hause zu gehen, anstatt es hier gegen etwas noch Schlimmeres zu tauschen. Doch er blieb auf seinem Platz sitzen, gegenüber von der Latina mit nur einem Bein, die ihre Prothese unter ihrem Arm hielt wie einen Regenschirm an einem sonnigen Tag. Stunden vergingen. Joe versuchte zu lesen, doch der Gedanke an Molloys zerfallenen Körper, der durch eine zerstörte, trostlose Landschaft kriecht, verstärkte seine Anspannung nur noch mehr. Dann wurde die Frau aufgerufen und ein übergewichtiger, weißer Mann mit Sauerstofftank und offenem Hosenstall nahm ihren Platz ein. Er hustete stark, ohne sich den Mund zu verdecken. Endlich, gerade als Joe entschied, dass diese Umgebung in der Tat eine panische Episode auslösen würde, wurde er aufgerufen.

Zehn Minuten Später war er durch: durch seine versiegelten Akten und unkenntlich gemachten Daten, zusammen mit der Tatsache, dass es ihm nicht erlaubt war, von den streng geheimen Ereignissen, die ihn traumatisiert haben, zu erzählen oder sie auch nur zu beschreiben, befand er sich in einer bürokratischen Grauzone. Er war nicht für eine Behandlung geeignet, da er nicht beweisen konnte, dass seine Krankheit existierte, obwohl er all ihre Symptome hatte. Die Sozialarbeiterin, die ihn behandelte, war verständnisvoll. Sie war sichtlich gestresst und hatte Krümel auf der Bluse vom Mittagessen an ihrem Schreibtisch, die Akten stapelten sich bis zur Decke und sie hatte zwei Brillen, eine auf ihrer Nase und die andere steckte in ihrem chaotischen, grauen Haar. Sie hatte ihr Leben denen gewidmet, die ihres riskierten und Joe dankte ihr für den Versuch, ihm zu helfen und ging. Doch sobald er die Tür hinter sich schloss, hatte er eine kleine Panikattacke. Er führte sie auf aufgestaute Klaustrophobie, Frustration und eine beinahe toxische Überdosis Langeweile zurück. Er ging an der kleinen Grüninsel vor dem Haupteingang vorbei, setzte sich auf die erste Bank, die er sah, schloss seine Augen und versuchte, tief durchzuatmen.

„Ich kann nicht weitermachen. Man muss weitermachen. Ich werde also weitermachen.“

Es war nicht seine Stimme und er war sich relativ sicher, dass sie auch nicht in seinem Kopf war. Er öffnete seine Augen. Ein alter, schwarzer Mann saß neben ihm. Er trug ein Arbeitshemd aus Baumwolle, eine beige Arbeitshose, eine karierte Mütze und mit Farbflecken übersäte Sicherheitsschuhe. Um seinen Hals hing eine Brille und er hielt einen Gehstock.

„Entschuldigung?“, fragte Joe.

„Hieraus.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf das Buch in Joes Hand. „Auch wenn es Godot ist, woran ich jedes Mal denke, wenn ich durch diese Türen gehe.“ Er streckte ihm seine Hand entgegen. „Frank Jones, United States Marine Corps.“

Joe schüttelte sie. „Joe Brody. Army. Freut mich.“ Er war ein großer Kerl und seine Kleidung sah aus, als hätte er sie häufig getragen, doch seine Hand war weich und grazil.

„Wo hast du gedient, Joe?“

Joe zuckte mit den Schultern. „Ich bin ziemlich viel herumgekommen.“

„Spezialeinheit?“

„Anscheinend ist es mir nicht erlaubt, das zu beantworten.“

Frank nickte. „Schon verstanden. Ich war sechzehn, als ich nach Vietnam ging. Es kam mir nie in den Sinn, dass es einen schlimmeren Ort als Harlem geben könnte. Als ich zurückkam, ließ ich meine Haare wachsen und war die nächsten zehn Jahre lang durchgehend high. Meine erste Ehefrau wusste nicht einmal, dass ich gedient habe. Sie war ein Hippie. Ein jüdisches Mädchen aus Long Island. Wäre nicht so gut bei ihr angekommen, ich, der Babymörder. Also vergaß ich einfach, dass das alles passiert ist und schloss mich der Peace-and-Love-Generation an.“

„Ich verstehe“, sagte Joe, „klug.“

„Nur, dass ich es nicht wirklich vergaß. Ich habe es unterdrückt und die Zeit verging. Doch hin und wieder saß ich in einer Bar oder auf einem Rockkonzert und hatte einen zu viel. Oder zehn zu viel. Ich guckte mich um und sah all diese scheißnormalen Leute lachen und reden und tanzen und diese Stimme in meinem Kopf sagte: Du hast mehr Menschen umgebracht als alle anderen in diesem Raum. Du bist der tödlichste Motherfucker hier.“

Was hast du dann gemacht?“

„Mehr getrunken, bis es nicht mehr funktionierte. Dann habe ich diese negative Energie in meine Arbeit übertragen.“

„Was machst du?“

„Ich male hauptsächlich. Und du?“

„Ich bin aus persönlichen Gründen von meiner Arbeit als Türsteher in einem Stripclub beurlaubt.“

Frank schmunzelte. „Klingt nach dem perfekten Job. Nichts baut den Stress so gut ab, wie ein paar betrunkene Idioten zu verprügeln. Ich würde mich direkt bewerben, wenn das kaputte Knie nicht wäre. Vielleicht, nachdem ich ein neues von Uncle Sam bekommen habe.“ Er stützte sich auf seinen Gehstock und richtete sich langsam auf. Joe stand ebenfalls auf.

„Es geht mich nichts an“, fragte Joe, „aber stört das Knie nicht beim Malen? Kletterst du nicht den ganzen Tag Leitern auf und ab?“

Frank lachte. „Ne, ich meinte nicht diese Art von Malen.“ Er griff in seine Brusttasche und holte eine Karte heraus. „Hier. Komm bei meinem Atelier vorbei und mach dir selbst ein Bild.“ Er zeigte mit seinem Stock auf einen schwarzen Lexus, der gerade neben dem Bürgersteig hielt, während sie sich unterhielten. „Ich glaube, du wirst abgeholt.“

„Ich?“ Joe erwartete Cash in seinem weißen BMW. Dann stieg Nero aus und nickte ihm zu. Er öffnete die hintere Tür und wartete. „Du scheinst recht zu haben“, sagte Joe, „wir sehen uns, Frank.“

Frank nickte. „Mach’s gut, Joe.“ Er beobachtete Joe, als er zu dem schwarzen Auto ging. Die Silhouette eines anderen Mannes war schwach in dem dunklen Innenraum zu erkennen. Er wandte sich nach Süden und begann, mithilfe seines Gehstocks zu laufen.

 

„Hey, Joe“, sagte Nero, während er sich näherte. „Cash hat gesagt, dass wir dich hier finden würden.“ Er holte ein Päckchen aus seiner Tasche. „Er hat gesagt, ich soll dir das hier geben und dir mitteilen, dass Dr. Z eine Tasse zusammen mit deinen Mahlzeiten und vor dem Schlafengehen vorschreibt.“

„Danke, Nero.“ Er nahm das Päckchen und setzte sich auf die Rückbank, wo Gio wartete. Nero schloss die Tür.

„Du siehst gut aus“, sagte Gio. „Erholt und wohlgenährt.“

„Ja“, sagte er, „ich fühle mich deutlich besser. Sorry noch mal für das alles.“

Gio winkte ab. „Schon okay. Nicht der Rede wert“, er grinste, „oder sollte ich sagen, nicht den Finger wert? Stimmt’s, Nero?“ Nero lachte und nickte, während er sich auf den Fahrersitz begab, die Tür schloss und sich anschnallte. „Die Frage ist jedoch, wie viel besser du dich fühlst“, fragte Gio und musterte ihn. „Gut genug, um dich wieder an die Arbeit zu machen?“

„Heute Nacht?“ Joe zuckte mit den Schultern. „Ja, ich denke schon. Ich muss diesen Tee hier trinken, aber ich kann den Wasserkoche im Club benutzen.“

„Das ist nicht die Art von Arbeit, die ich meinte“, sagte Gio, während Nero das Auto in den fließenden Verkehr steuerte.

11

Sie fuhren nach Long Island City, ein ehemals industrielles Brachland, das erst in eine Künstlerkolonie umgewandelt und anschließend durch die neuen kommerziellen Hochhäuser rekolonisiert worden war, die am Ufer dieses kleinen Stückchen Queens erbaut wurden. Sie fuhren eine mit Schlaglöchern übersäte Straße entlang, die zweifelsohne neu gepflastert werden würde, sobald der Wolkenkratzer, zu dem sie führte, vollständig erbaut wurde. Seine untere Hälfte war durch Glas umhüllt, die obere war lediglich ein Stahlskelett. Ganz oben auf diesem Skelett thronte ein Kran wie ein gigantischer Schnabel oder ein Roboterarm. Inmitten der kargen Baufläche dominierte er die Landschaft wie eine Festung, die hier aus dem Weltall herabgelassen wurde. Die westlichen Sonnenstrahlen ließen das Glas in roter, goldener und orangefarbener Pracht scheinen. Es schimmerte wie ein zur Hälfte geschlüpfter Drache, der aus seiner Schale emporstieg. Ein Mann in Bauhelm und Warnweste öffnete das Tor für sie und kettete es hinter ihnen wieder zu. Gios Familie besaß die Transportunternehmen und die Zementhersteller, die auf der Baustelle arbeiteten. Außerdem kontrollierten sie die Gewerkschafter der Elektriker und Stahlarbeiter. Zusätzlich gehörte ihnen durch eine Briefkastenfirma ein beträchtlicher Anteil des Grundstücks, auf dem der Wolkenkratzer stand, den sie als angeblich verunreinigtes Ödland aufkauften. Doch für heute wurde die Arbeit niedergelegt und sie fuhren über die stille Baufläche, vorbei an gestapeltem Baumaterial, vollgestopften Müllcontainern, Zementmischern und einem Trailer, in dem ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes saß und Zeitung las.

Nero fuhr durch die Öffnung im Erdgeschoss, die später die Eingangstür werden würde. Durch den Betonboden und die Kabel entlang der Holzbalken, die an Ranken erinnerten, wirkte das Innere des Gebäudes rau und höhlenartig. Trockenbauwände lagen auf Paletten und gelbe Gabelstapler standen herum wie zurückgelassenes Spielzeug. Big Eddie, der in seinem makellosen blauen Anzug und braunen Abendschuhen wie ein Mieter wirkte, der zu früh eingezogen war, stand neben dem Lastenaufzug, ein großer Käfig in der Mitte der Struktur, ein Turm aus Stahl, der eines Tages die Fahrstühle, Badezimmer, Müllschächte und Elektronikräume tragen würde. Nero manövrierte das Auto in den Aufzug und hielt. Eddie schloss das Tor und betätigte den Fahrstuhl, der ratterte und summte, bevor er sich in Bewegung setzte.

Im Auto starrte Nero mit den Händen am Lenkrad geradeaus, als wenn er fahren würde. Gio und Joe guckten durch ihre Fenster in die vorbeiziehenden Stockwerke. Ohne die Wände war jedes einzelne von ihnen eine eigene Landschaft oder ein Diorama, ein staubiger Wald aus Säulen oder eine Höhle mit Stalaktiten aus Beton, unter denen die Glaswände eine atemberaubende Aussicht auf den Fluss und die Skyline von Manhattan umrahmten. Keiner sagte ein Wort. Sie passierten die letzte verglaste Etage und jetzt, mit all dem Licht und der Luft um sie herum, schien es, als würden sie die Startrampe eines Spaceshuttles hinaufgetragen. Gios Telefon klingelte.

„Carol“, sagte er zu Joe. Joe nickte und blickte dann wieder aus dem Fenster, während Gio telefonierte. „Hi, Schatz. Hast du meine Nachricht bekommen?“ Er nahm das Telefon von seinem Ohr, als eine verzerrte Stimme hindurchplärrte. „Ich weiß“, sagte er, „ich weiß. Es tut mir leid. Es ist leider etwas dazwischengekommen. Auf der Arbeit. Ein Notfall. Dann sag ihnen, dass ich einen Notfall auf der Arbeit hatte. Okay. Ich melde mich, sobald ich auf dem Weg bin. Ja, bestell es einfach, dann hole ich es ab.“

Er schaltete das Telefon aus. „Elternabend“, sagte er zu Joe. „Nora fällt in Trigonometrie durch und soll das mit dem Lehrer besprechen. Ich weiß noch nicht einmal, was zur Hölle Trigonometrie sein soll.“

„Ich auch nicht“, sagte Joe.

„Anscheinend unterrichten sie das nicht in Harvard.“

„Ich habe meinen Major in Literatur und Philosophie gemacht. Dann haben sie mich rausgeworfen, erinnerst du dich?“

Nero mischte sich ein. „Das ist die Lehre von Dreiecken, Boss. Ein Zweig der Mathematik, der sich mit den Seiten von Dreiecken und den Funktionen der Winkel beschäftigt. Ich hatte eine Zwei in dem Fach.“

„Dreiecke? Mehr nicht? Ein ganzer Kurs? Warum gibt es denn dann keinen Kurs für Viereckonometrie? Oder Kreisonometrie?“

„Ich glaube, das ist dann reguläre Geometrie, Boss.“

„Wie auch immer. Ich unterhalte mich mit Joe.“

„Sorry, Boss.“

„Jedenfalls“, fuhr Gio fort, „es wird ein Drama geben und Carol wird angepisst sein, weil ich nicht da sein werde. Aber ich hole uns Chinesisch für danach. Das muntert immer alle auf.“

„Schön“, sagte Joe, als der Fahrstuhl anhielt. Eddie öffnete das Tor und Nero fuhr langsam hinaus und hielt neben den anderen geparkten Autos – Benzer, Caddies, Lexi –, alle teuer und neu. Die Fahrer standen zusammen, rauchten und redeten. Der Rest des Stockwerks war leer. Eine riesige Plattform, durch die der vom Fluss kommende Wind konstant hindurchblies.

„Die Treppe rauf“, sagte Eddie und zeigte auf ein paar Metallstufen. Joe und Gio gingen hinauf, während Nero sich eine Zigarette anzündete und sich zu den anderen stellte, die ihn bereits beim Namen grüßten. Es gab kein Dach über dem letzten Geschoss und es war zu allen Seiten hin offen. Stahlträger ragten aus dem Boden und der riesige Kran thronte über ihnen, sein Arm hing über dem Abgrund. Obwohl die Plattform weitläufig und solide war, rief das plötzliche viele Licht und der Wind, der grenzenlose Himmel über einem und die beinahe grenzenlose Stadt, die sich unter einem erstreckte, das Verlangen hervor, in die Hocke zu gehen und den Boden zu berühren. Gio führte Joe stattdessen zu einer Hütte, die der Bauaufsicht als Büro diente, ein fensterloser Raum mit Plastikwänden auf Betonklötzen. Daneben standen ein paar Toilettenhäuschen wie altmodische Außentoiletten. Gio öffnete die Tür und sie gingen hinein.

Fünf Leute saßen um ein paar Klapptische, die zusammengeschoben worden waren und auf denen nichts außer ein paar unbenutzten Aschenbechern und einer Kiste ungeöffneter Wasserflaschen standen. Auf den Regalen und Schreibtischen auf der anderen Seite des Raumes stapelten sich Papiere, Akten und Skizzen, was den Eindruck erweckte, dass der Bereich hastig freigeräumt worden war. Am Ende des Tisches saß Little Maria. Sie trug Stretch Jeans, rote High Heels, eine rote Bluse sowie roten Lippenstift und Nagellack und goldene Ohrringe. Ihre Augen und ihr Haar schimmerten schwarz. Onkel Chen, der Boss der chinesischen Gangs aus Flushing, saß neben Menachem „Rabbi“ Stone, dem chassidischen Verbrecherboss. Beide waren sehr alt und in Schwarz gekleidet. Menachem trug außerdem eine Kippa. Alonzo war in demselben Anzug wie heute Morgen gekommen und sah immer noch genau so frisch aus. Pat White, der letzte der irischen Westies, die einst Hell’s Kitchen kontrollierten, jedoch noch immer tief in Politik, Glücksspiel und Schutzgelderpressung sowie Auftragsmorde involviert waren, war gekleidet wie ein Pensionär: Knicks Cap, kurzärmeliges Karohemd und Goldhose. Anton, der Russe aus Brighton Beach, trug ein halb offenes, schwarzes Hemd, wodurch seine Goldketten und Tattoos zum Vorschein kamen. Er war der Einzige in dem Raum, der rauchte – russische Zigaretten mit Pappfiltern, dessen säuerlicher Rauch ihn umgab.

„Hallo und danke, dass ihr alle gekommen seid“, sagte Gio, „bitte entschuldigt den Aufstieg.“ Die Gruppe schmunzelte. „Ich musste kurzfristig einen sicheren Ort finden und solange niemand einen Hubschrauber bemerkt hat, denke ich, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, hier zusammen gesehen oder gehört zu werden.“ Gio und Joe setzten sich nebeneinander ans andere Ende des Tisches. „Maria hat um dieses Meeting gebeten, also lasse ich sie alles Weitere erklären.“

„Danke, Gio. Danke euch allen und danke dir, Joe, fürs Kommen. Ich weiß, dass du gerade erst aus dem Urlaub zurück bist. Ich hoffe, du hattest eine schöne Zeit.“ Joe nickte und lächelte. „Ich komme gleich auf den Punkt. Vor ein paar Wochen habe ich ein Angebot erhalten. Fünfzig Kilo Persian White direkt aus Afghanistan. Doch ich habe noch nie von dem Verkäufer gehört, also mache ich ein paar Anrufe. Stellt sich heraus, dass meine übliche Quelle erwischt wurde und die Typen jetzt versuchen, das Dope zu verkaufen. Ich lehne also ab, sage, dass ich das Zeug nicht anfassen werde. Aber anda el diablo, diese kleine Bitch, die für mich arbeitet, sein Name ist Carlo, hintergeht mich und nimmt das Angebot an. Will jetzt sein eigener Boss sein, dieser Möchtegern.“

Onkel Chen zuckte mit den Schultern. „Wir alle haben Verräter, mit denen wir uns hin und wieder herumschlagen müssen, Maria. Das hier klingt nach einem privaten Problem.“

Maria lächelte. „Versteh mich nicht falsch. Ich würde diesen Schwanzlutscher liebend gerne mit meiner Machete in Stücke schneiden und ihn an meinen Hund verfüttern. Aber als ich gestern Nacht ein persönliches Gespräch mit Carlo geführt habe, wie du schon meintest, hat er mir gesagt, dass der Perser bereits in New York sei. Jemand wird es also kaufen. Ich kann nicht jeden in Stücke hacken.“

Jeder am Tisch schmunzelte. Gio sagte: „Aber was hat das mit Joe zu tun? Als wir ihm die Autorität gaben, sich frei durch unsere Territorien zu bewegen, haben wir es deutlich gemacht. Er führt keine Auftragsmorde durch. Oder Revierkriege. Oder schaltet rivalisierende Drogengangs aus. Das ist einfach nicht sein Ding.“

„Das hier ist was ganz anderes, Gio“, meldete sich Pat zu Wort, „ich habe Marias Info an meine Leute beim Militär gegeben. Es besteht kein Zweifel. Die gehören zu einer Splitterzelle von Al-Qaida, deren Vorgehensweise immer dieselbe ist: Sie überfallen die Opium-Pipelines und nutzen dann das Geld, um Terrorismus zu fördern. Letztes Jahr haben sie einen US-Stützpunkt in Afrika in die Luft gejagt. Vor sechs Wochen haben sie einen UN-Konvoi plattgemacht. Vor drei Monaten haben sie einen Marktplatz in Syrien hochgejagt und Dutzende Zivilisten getötet. Jetzt scheinen sie hier zu sein.“

„Lasst uns die Nachricht unter all unseren Leuten verbreiten, um herauszufinden, wer die Ladung transportiert“, sagte Alonzo, „und dann nehmen wir uns einfach ihren Scheiß. Junkies läuft bei diesem persischen Dope das Wasser im Munde zusammen. Und ich garantiere: kein einziger Penny an Scheiß-Al-Qaida.

Anton räusperte sich und hustete laut, wobei er Rauch durch den Raum blies. Gio rümpfte die Nase. Wer würde in einem Raum ohne Fenster rauchen? „Wir richten den Deal ein“, sagte er. „Lass diesen Carlo anrufen. Dann, wie Alonzo sagte, nehmen wir ihr Zeug und begraben sie auf Staten Island.“

„Klingt nach einem Plan“, gab Gio zu. „Aber erzähl mir nicht, dass niemand außer Joe hier einen Drogendealer umlegen kann. Es ist außerdem immer noch nicht sein Ding.“

Jetzt hob Menachem die Hand und das Plaudern und Lachen verstummte. „Das war noch nicht alles. Sie bestehen außerdem auf eine besondere Art der Bezahlung. Sie wollen Diamanten.“

„Diamanten?“, fragte Alonzo, „das sind ein paar prollige Terroristen. Ich dachte, die stehen eher auf schlichte Kleidung.“

Maria schüttelte ihren Kopf. „Die können Geschäfte nicht so wie jeder andere abwickeln. Wer würde ihnen trauen? Wem konnten sie trauen? Niemandem.“ Marias Geschäft, so wie die meisten Handelsunternehmen, basierte generell auf Beziehungen. Ihre Beziehungen waren Männer, die sie schon seit Jahrzehnten kannte. Eine Lieferung wurde arrangiert und wenn Maria informiert wurde, dass sie sicher gelandet ist, überwies sie das Geld von einem ihrer Konten aus Übersee. Sie fasste das Geld oder die Drogen niemals an. Alles lief über Vertrauen und Freundschaft und der besonderen Bindung zwischen denen, die, wie jeder wusste, jeden umbringen würden, der dieses Vertrauen brach. Im Gegensatz zu vielen regulären Geschäftsleuten hielten zumindest die lebenden, großen Drogendealer ihr Wort untereinander. Doch diese Leute waren Außenseiter. Niemand würde sich auf ihr Wort verlassen. Sie waren geächtet, selbst in der Welt der Verbrecher.

„Sie brauchen etwas, das nicht zurückverfolgt werden kann“, sagte Menachem, „und sie brauchen es flüssig, aber so viel Bargeld ist unpraktisch. Wie sollen sie es aus dem Land bekommen? In ihrem Handgepäck einchecken? Vier Millionen in Diamanten steckst du einfach in deine Tasche und verkaufst sie wo auch immer: Antwerpen, Tokyo, Tel Aviv. Oder New York. Du willst eine sichere, beständige, tragbare Anlage? Diamanten sind das härteste Material der Welt.“

„Was ist mit Fälschungen?“, fragte Gio. „Wir nehmen etwas Glas.“

„Das sind keine Vollidioten“, sagte Maria. „Carlo sagte, dass sie einen Experten dabeihaben werden, um die Diamanten zu prüfen.“

Alonzo pfiff beeindruckt. „Vier Millionen? Sorry, Leute. Noch nicht einmal die reichsten Gangster haben so viele Diamanten.“

„Wer hat das schon?“, sagte Menachem schulterzuckend, „nur die Verkäufer und ich bezweifle, dass die bereit sind, für unseren Zweck zu spenden.“

Jetzt mischte sich auch Joe ein, der bisher etwas abseits auf seinem Stuhl saß und still zuhörte: „Also, was ihr braucht, ist jemand, der diese Diamanten stehlen, gegen das Dope eintauschen und dann wieder zurückstehlen kann, bevor sie das Land verlassen.“

„Du hast es verstanden, Amigo.“ Maria nickte Joe zu.

„Drei separate Vorgänge“, sagte Alonzo.

Anton trat seine Zigarette auf dem Boden aus, obwohl der Aschenbecher direkt vor ihm auf dem Tisch stand. „Und wenn auch nur ein einziger schiefgeht, gewinnen diese Bastarde.“

Menachem nickte. „Es ist tückisch, aber es ist auch unsere einzige Möglichkeit.“

„Und wir haben nur einen Freund, der dafür tückisch genug ist“, sagte Onkel Chen und zwinkerte Joe zu.

Gio zuckte mit den Schultern und wandte sich Joe zu. „Tut mir leid, aber ich muss zugeben, dass das Ganze schlussendlich doch dein Ding zu sein scheint.“

12

Als das Meeting zu Ende war, hatte Joe bereits im Kopf damit begonnen, seine Crew zusammenzustellen und Pläne zu schmieden. Maria würde all die Informationen besorgen, die Joe brauchte, um sich online als Carlo auszugeben und den Kontakt per E-Mail aufzunehmen. „Das ist unsere einzige Chance“, erinnerte er sie, „also hoffe ich, dass er noch in der Lage ist zu reden.“

„Mach dir da mal keine Sorgen“, sagte sie und lächelte, wobei ihre Zähne hinter ihren roten Lippen zum Vorschein kamen – der Wolf in der Großmutter. „Die Zunge schneide ich immer als Letztes ab.“

Rabbi und Pat versorgten ihn ebenfalls mit Informationen und Muskelkraft – jeder stellte Joes Team jeweils einen Mann zur Verfügung. Joe hatte Alonzo mitgeteilt, dass er Juno wollte, da er in seinem Bezirk wohnte und Alonzo die Familie kannte. „Tut mir übrigens leid, dass du dich mit der Sache im Club herumschlagen musstest“, fügte er hinzu.

Alonzo klopfte ihm auf den Rücken. „Kein Stress. Gio kam und hat dem Typen so einen Schrecken eingejagt, dass der jetzt denkt, er verdankt mir sein Leben. Wir besitzen jetzt noch mehr von seiner Firma. Alle sind wieder Freunde.“

Joe lächelte. „Na dann, gern geschehen.“

Sie gaben sich die Hand. „Sag einfach Bescheid, wenn du Konzerttickets brauchst“, sagte Alonzo zu ihm.

Joe wollte außerdem Cash als Fahrer und Onkel Chen willigte gerne ein. Er war zufrieden damit, wie der Trip nach Jersey ausgegangen war und hatte gute Dinge über Joe von Dr. Z gehört. Er befand sich unter anderem wegen seiner Ischiasbeschwerden und Rückenschmerzen selbst in ihrer Behandlung. Über das öffentliche Gesicht der Triaden, einer Gemeinschaftsorganisation, die pflegebedürftige alte Leute und Neuankömmlinge aus China, die frisch vom Boot gestiegen sind, finanziell unterstützte, ließ er Geld in ihre Klinik fließen.

Yelena wollte er auch. Das verlief nicht ganz so reibungslos.

„Diese Russin, die meinen Laden auseinandergenommen hat?“, fragte Gio ihn und runzelte die Stirn, als er sich daran erinnerte.

„Sie ist die beste Diebin, die ich kenne und genau das erfordert dieser Job“, sagte Joe.

Gio drehte sich zu Anton. „Kennst du dieses Mädchen?“

„Yelena, die Katze?“ Anton zuckte mit den Schultern. „Sie gehört nicht zu uns, aber zu unseren Freunden in Russland. Ich habe gehört, es ist einfach, mit ihr zu arbeiten. Und die Hölle, gegen sie zu arbeiten.“

„Ich glaube, was Gio meint“, mischte sich Rabbi ein, „alle anderen in der Crew haben jemanden, der für sie bürgt. Dieses russische Mädchen. Kann man ihr vertrauen?“

„Ich habe ihr schon einmal mein Leben anvertraut und ich bin noch hier“, sagte Joe. „Mit eurem Geld?“ Er zuckte mit den Schultern. „Das werden wir wohl herausfinden müssen.“

Rabbi nickte. „Das ist gut genug, richtig?“ Die anderen nickten mit unterschiedlichem Enthusiasmus. „Und wo wir gerade von Geld reden“, fügte er hinzu, „wir erwarten nicht, dass du das umsonst machst. Wir sind nicht die Regierung.“ Alle lachten.

„Oder Sozialisten“, fügte Anton hinzu. Wie immer fand Joe, dass er sich an dem Witz bediente, doch er lächelte gezwungen.

„Was du stiehlst, das behältst du“, sagte Gio zu ihm. „Das ist nur fair. Teile es unter deiner Crew auf.“

„Und wenn das Dope das ist, was sie sagen“, sagte Maria, „werde ich es dir zum Marktpreis abkaufen. Vier Millionen.“

„Cash on Delivery?“, fragte Joe.

„Natürlich“, sagte sie lächelnd.

Er wandte sich der Gruppe zu, die ihn gespannt anstarrte.

„Sieht aus, als wäre mein Urlaub vorbei.“

 

Im Auto, während Nero sie zurück in den Fahrstuhl beförderte, schüttelte Gio schmunzelnd den Kopf. „Ich muss es Maria lassen“, sagte er zu Joe, „sie weiß, wie man dieses Spiel zu spielen hat. Sie kriegt das Heroin, vernichtet ihre Konkurrenz und, anstatt sie zu verärgern, kann ihren Dealern aus Übersee erzählen, dass sie geholfen hat, die Typen auszuradieren, die sie beklaut haben.“

Joe nickte. „Und wir spielen mit.“

Gio zuckte mit den Schultern. „Der Heroinhandel interessiert mich nicht. Ich mache einen großen Bogen darum, wann immer ich kann.“ Er guckte Joe mit gerunzelter Stirn an. „Das solltest du auch mal ausprobieren.“

„Das war mein Plan“, sagte Joe, „bis du mich eingesetzt hast, um vierzig Kilo pures Dope zu stehlen.“

Gio lachte. „Hast recht. Tut mir leid.“

Joe lächelte. „So läuft das nun mal. Nur weil du dich entscheidest, von dem harten Zeug wegzubleiben, heißt das nicht, dass das Zeug auch von dir wegbleibt.“

Das Auto fuhr aus dem Fahrstuhl. Nero schaute in den Rückspiegel.

„Wohin, Boss?“

„Soll ich dich irgendwo rauslassen?“, fragte Gio.

„Einfach an der Ecke“, sagte er, „ich will etwas gehen und nachdenken.“

„Was ist dein erster Schritt?“

Joe nahm den Beutel von Dr. Z, den er auf dem Sitz gelassen hatte. „Als Erstes gehe ich nach Hause und schaue Jeopardy! mit Gladys und trinke diesen Tee. Morgen gehe ich dann Diamanten shoppen.“

13

„Heavy“ Harry Harrigan hatte sein ganzes Leben in Hell’s Kitchen verbracht. Er wurde im Roosevelt Hospital geboren und wuchs zwischen den Mietshäusern in den West Fifties auf. Seine Mutter hat als Näherin im Garment District gearbeitet und sein Vater ist Kulissenbauer für Broadway-Shows gewesen, wenn er nicht gerade trank oder spielte. Klassenzimmer waren nie sein Ding. Er lebte und lernte auf der Straße: von den bettelnden Obdachlosen am Port Authority, den Tänzern, die in Studios probten, den Schauspielern, die in Bars mit Gangstern tranken, den Limos vor den vornehmen Restaurants und von den Nutten, Dealern und Peep-Shows, die sich auf der alten 42nd Street aneinanderreihten.

Er war noch ein Teenager, als er Pat White kennenlernte, ein aufsteigender Stern im Untergrund und einer der gefährlichsten Kerle in Hell’s Kitchen, gefürchtet für seine Arbeit als skrupelloser und zuverlässiger Auftragsmörder. In den späten Achtzigern schloss Harry sich Pats Crew an. Es folgte eine Reihe von Banküberfällen, mit denen sie berühmt und reich wurden. Pat erweiterte sein Geschäft um Glücksspiel, Kredithaie, Schutzgelderpressung der örtlichen Läden, Bordelle, Clubs und Spelunken, und fungierte außerdem als Ordnungshüter in der Kleiderbranche, Theater und dem Bauwesen. Doch während Pat die Erfolgsleiter hinaufstieg, fiel Harry hinab. Durch ein paar unglückliche Fehltritte landete er im Gefängnis und verschuldete sich zutiefst. Rücken- und Knieprobleme und die daraus folgende starke Gewichtszunahme beendeten die Tage, in denen er über Bankschalter springen und vor der Polizei weglaufen konnte. Er war nicht länger jung und gemein genug, um als Muskelkraft eingesetzt zu werden und er war nie clever genug, um in Führungspositionen zu arbeiten und sich um Vorteilsgewährung, Vertragsabschlüsse und so weiter zu kümmern. All die Dinge, die Pat tat, jetzt, wo er der Boss war.

Und so wurde er dazu degradiert, ein kleines Wettbüro zu führen. Er hatte Schwierigkeiten, seine Alimente, Unterhalt und Anwaltskosten zu zahlen und er saß auf einem seiner letzten Schätze: die Sozialwohnung, in der seine Mutter gelebt hatte. Die Treppen in den fünften Stock waren die Hölle für seine Knie, doch der nächste Schritt nach unten war die Gosse. Oder Gefängnis, sollte er sich nicht an die Anweisungen seiner neuen Bosse halten: das FBI, das ihm nach seinem letzten verzweifelten Versuch eine Bank in New Rochelle auszurauben, ein für alle Mal den Garaus gemacht hatte. Der Fahrer, den er für den Job angeheuert hatte, stellte sich als Undercover-Ermittler heraus. Wie ein wahrer Manhattaner hatte er nie gelernt zu fahren. Da war er nun also – selbes Apartment, selbes Viertel, selbe Leute –, nur dieses Mal klebte ein Kabel auf seiner Brust, unter seinem goldenen Kreuz. Harry war zurück, wo er angefangen hatte, falls er überhaupt jemals weg gewesen war.

Heute hatte er jedoch gute Laune. Heute Nacht würde er bezahlt werden. Einer seiner Stammkunden, der beim Spielen einen Haufen Verluste gemacht hatte, gab Harry einen Tipp bezüglich einer Lastwagenlieferung elektronischer Geräte für die vornehmen Eigentumswohnungen, die in der Nachbarschaft gebaut wurden – die Firma stellte Rauchmelder, Fahrstühle und ironischerweise Überwachungssysteme und Alarmanlagen her. Harry sagte Pat Bescheid, der ein paar junge Männer schickte, diese irischen, nichtsnutzigen „Neffen“, die er herübergeholt hatte, die Madigan-Brüder, um den Truck zu überfallen. Die Beute wurde verkauft, die örtliche Polizei und die italienische Crew, die das Transport- und Baugewerbe kontrollierte – Gio Caprisis Leute – bekamen ihre Anteile und jetzt, heute Nacht, teilten sie den Rest untereinander auf. Harry ging von ungefähr fünfzig Riesen aus. Als er sich also um zwei Uhr morgens unter der Woche anzog und fertig machte – die Straßen waren ruhig, außer dem Summen der Müllautos, die vorbeifuhren und der Taxis, die Jagd auf Betrunkene machten –, zog er sich ein sauberes Hemd und eine feine Jacke an. Das Mikrofon ließ er zu Hause. Nicht nötig, dass das FBI davon erfuhr. Diese Bastarde würden sonst wahrscheinlich auch noch ein Stück vom Kuchen wollen.

Seine gute Laune ließ jedoch ein wenig nach, als er an der Hintertür des Old Shenanigan’s House von Liam in Empfang genommen wurde. Er war der jüngste und, in Harrys Augen, der anstrengendste der Madigan-Brüder. Dünn und blass, lange Haare und helle Augen. Er war genau die Art von Trottel, die er früher verprügelt hätte, wenn er durch die Nachbarschaft stolzierte.

„Guten Abend, Harry“, sagte Liam in diesem singenden Tonfall, den jeder so verdammt charmant fand. „Oder sollte ich lieber ‚guten Morgen‘ sagen?“

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0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960872535
ISBN (Buch)
9783968173054
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v913175
Schlagworte
USA-Thriller-Krimi-Roman Undercover-Agent-Polizist-in Privatdetektiv-in-Thriller-Roman Spannend-e-r-ung Mafia Thriller-Suspense Unterwelt-Bande-n-Mafia

Autoren

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    David Gordon (Autor)

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    Tobias Eckerlein (Übersetzung)

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Titel: Tödlicher Coup