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Tödliche Regie

von Ralph F. Wild (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eigentlich möchte sich der deutsche Unternehmer und Topmanager Frank Mellendorf nach 25 Jahren harter Arbeit nur ein wenig an der Côte d’Azur entspannen. Doch er wird zur Hauptfigur in einem schmutzigen Spiel seines Freundes Michael Mc Lorey. Der Regisseur möchte als erfolgreichster und gefährlichster Filmemacher aller Zeiten in die Geschichte eingehen und sich mit seinem letzten Streifen ein ewiges Denkmal setzen. Ein heroisches Ziel, das er nur durch einen real gedrehten Film mit echten Morden erreichen kann. Bald findet sich Mellendorf im schlimmsten Albtraum seines Lebens wieder, denn kein Geringerer als er selbst soll der Mörder sein. Es beginnt eine tödliche Hetzjagd, aber nicht nur Mellendorf ist das Ziel des verrückten Killers …

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe August 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-249-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-275-0

Copyright © 2015, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2015 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH, erschienenen Titels Realmord (ISBN: 978-3-94529-815-2).

Copyright © 2014, Einhorn-Verlag
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2014 bei Einhorn-Verlag erschienenen Titels Realmord (ISBN: 978-3-93637-395-0).

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © MicEnin, © VadimVasenin
shutterstock.com: © 3DProfi, © kamin Jaroensuk

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Als Klaus Mengler die Tür seines Büros an diesem Morgen aufschließt, schlägt sein Herz schneller und die Hände sind heiß und schwitzig. Der junge Journalist hasst diese Momente, in denen sein Leistungszyklus ihm ein Limit vorgaukelt, das es nur in seinem Kopf gibt. Auf und ab, hin und her – die Gedanken drehen sich wirr, kommen nicht zum Stillstand. Sie rufen immer wieder die gleichen Bahnen ab und gewinnen die Oberhand über sein Ich. Sie donnern durch seinen Kopf wie eine E-Lok. Konstant, schnell, schier unaufhaltsam. Seit Jahren kämpft er mit diesen Symptomen von Stress.

Doch Mengler hat gelernt, sich in solchen Situationen nicht mehr ernst zu nehmen. Bis, ja bis er die Kontrolle zurückgewinnt, indem er sein Körperinneres erspürt. Was die Ärzte als Anzeichen eines Hypochonder-Daseins werten, stellt für Mengler selbst inzwischen einen normalen Inhalt seines Lebens dar. Zwar unangenehm, aber doch kalkulierbar.

»Es kommt, es geht.«

Mit diesen Worten fährt der Journalist seinen Körper herunter, versucht, seinem eigenen Organismus zu befehlen, wieder Normalität einkehren zu lassen.

An diesem Dienstag allerdings gelingt es Mengler nur bedingt, sein inneres Gleichgewicht zu finden. Als er versucht, den Schlüssel ins Schlüsselloch seiner Bürotür zu stecken, wirken die Bewegungen seiner Hand alles andere als geradlinig. Mehrmals rutscht ihm der Schlüsselbart ab, finden die Zacken nicht ihren Weg. Schließlich ist Mengler in dem kleinen Glaskasten drin, tastet nach dem Lichtschalter und findet diesen wider Erwarten prompt.

Als das Licht der hellen Halogenleuchte den Blick freigibt auf seinen Schreibtisch, den aufgeklappten Laptop sowie das kleine Foto seiner Freundin, wird er ruhiger.

»Was ist nur los mit mir?«, fragt er sich nun deutlich unaufgeregter und mit klarer Stimme. »Fange ich bereits an, mit mir selbst zu reden? Mein Gott, ich muss … verrückt sein!«

Dann lächelt Mengler befreit. Sein Herzschlag wird langsamer und die kleinen Schweißperlen auf seiner Stirn scheinen sich nach und nach von selbst aufzulösen. Er ist zurückgekehrt in seine Welt. Wie sie gekommen waren, so verschwinden die Gedanken nun wieder.

Kaum sichtbar, nur noch eine leichte feuchte Spur am Haaransatz hinterlassend, sucht sich der Schweiß seinen Weg. Mengler fährt sich mit der Hand durch seine kurzen schwarzen Haare und endlich gelingt es ihm auch, sich zu konzentrieren.

»Ich bin gut, leiste hervorragende Arbeit!«, sagt er sich und glaubt das, was er laut ausspricht.

Wie weggeblasen ist der Schwächling, für den er sich bis vor wenigen Augenblicken noch gehalten hatte. Er liebt sich wieder.

Einst hatte sich Mengler auf Schizophrenie untersuchen lassen.

»Nein, nein – das hat doch gar nichts mit dem zu tun, was Sie uns beschreiben«, hatten die Ärzte diagnostiziert.

Mengler konnte durchatmen. Stressbekämpfung lautete fortan das Stichwort. Mengler machte es sich zur Aufgabe, parallel zu seinem Tagesgeschäft zum Thema Stress zu recherchieren. Allenthalben, überall. Die Volkskrankheit Nummer eins, Ursache vieler schwerer Krankheiten, sie würde ihn nicht dahinraffen.

»Stress? Wer bist du? Wo bist du? Ungreifbar, aber immer da.«

Mengler fand seinen eigenen Weg, mit Stress umzugehen, dabei stets auf der Suche nach der einen Nachricht, die ihm die Chance geben sollte, sein Leben um 180 Grad zu wenden, und die ihn hineinkatapultieren würde in die große Show der Medien. Das war sein Ziel, seine Vision.

Mit diesen Gedanken öffnet Mengler, einer der stellvertretenden Chefs vom Dienst der Deutschen Presse-Agentur, wie immer und so auch an diesem Tag seine E-Mails. Vieles sollte allerdings anders sein an diesem Morgen. Sein Körper hatte ihm die ersten Anzeichen geliefert.

Die nächsten Minuten werden sein Leben verändern.

1

In den vergangenen 25 Jahren hatte Frank Mellendorf seine Sommer im hohen Norden verbracht. Kälte, Abgeschiedenheit, Einsamkeit. Stunden zum Nachdenken, zum Philosophieren – das war seine Art, um die freie Zeit zu verbringen. Die wenige, die er hatte. Die wenige, die er sich nahm. Als Mittfünfziger jedoch mied er inzwischen die Kälte seiner zweiten Heimat Skandinavien.

Trotz seiner schlanken Figur (»Die werde ich immer und ewig behalten!«) und seiner kräftigen Oberarme war er dem Sport nie zugeneigt gewesen, sodass seinem gesamten Körper irgendwie die Frische fehlte. Dass er an seinem langsam welkenden Körper hätte etwas ändern sollen, wäre Mellendorf niemals in den Sinn gekommen, wenngleich der zweiwöchentliche Friseurbesuch für ihn ebenso zur Pflicht gehörte wie die tägliche Rasur bei einem Coiffeur inmitten seiner holländischen Wahlheimat Rotterdam.

Als Geschäftsführer des Konzerns Oiltravspor war an mehr als drei, vier Stunden Schlaf für ihn nie zu denken gewesen, sodass er sich zumindest diese Besuche beim Barbier und Friseur von seiner kostbaren Zeit abzweigte, zumal es ihm den Abstand ermöglichte, den er für nötig hielt, um seine Gedanken zu sammeln. Smalltalk über das (wieder einmal) triste Wetter Rotterdams, über die Niederlage von Feyenoord gegen Ajax Amsterdam … Mellendorf, einer der erfolgreichsten Ölmagnaten Europas, genoss es, für einen Augenblick die auf ihm lastende Bürde abzulegen.

Wenn er später aus dem Fenster seines Büros hinaus auf den Hafen schaute, galten seine Gedanken jedoch nur dem Unternehmen und dem Geld, das er in diesen Minuten, ja Sekunden verdiente. Tag und Nacht, Stunde für Stunde. In unvorstellbaren Mengen. Wie der Taktgeber eines Stromzählers verbuchte er die eingehenden Dollars. Ticktack. Ticktack. Summen, die die Vorstellungskraft eines »Otto Normalverbrauchers« so weit überstiegen, dass ein ungläubiges Staunen derer, die von seinen Einkünften in der Boulevardpresse lasen, immer vorprogrammiert war. Dabei waren die Schätzungen dermaßen weit von seinem tatsächlichen Vermögen entfernt, dass er sie fast schon hätte als Affront empfinden müssen.

Mellendorf war kein Fantast, verrannte sich nicht in der Vorstellung, dass die Energieversorgung in den nächsten Jahrhunderten durch das schwarze Gold gesichert wäre. Doch solange aus den diversen Quellen, die er rund über den Globus verteilt sein Eigen nannte, die Pracht des klebrigen, stinkenden Rohstoffs sprudelte, richtete er das Hauptaugenmerk des Konzerns darauf aus. Zwar forschten seine Wissenschaftler zudem an diversen Projekten der alternativen Energiegewinnung, doch selbst Mellendorf sah diesen Teil seines Unternehmens derzeit noch nicht als echte Alternative an.

Wenn sich Mellendorf in den Windungen seines überdurchschnittlich entwickelten Gehirns verlor, zwang er sich etwa durch den Blick hinaus aufs unendliche Meer hinter dem Rotterdamer Hafen, wieder Boden unter den Füßen zu finden. Dass er überhaupt Auszeiten benötigte, war für ihn neu und störte ihn.

Nachdem die alternden Gelenke in der Kälte Skandinaviens mehr schmerzten als im Süden, hatte sich Mellendorf im vergangenen Jahr erstmals einen kurzen Sommerurlaub an der Côte d’Azur gegönnt. Rechtzeitig zu den Filmfestspielen war der Milliardär in Cannes eingetroffen, um dort unter seinesgleichen zu sein, auch wenn ihm in Sachen Reichtum kaum einer das Wasser reichen konnte. Aber weil er wusste, dass er bei Weitem die Zehn-Milliarden-Grenze geknackt hatte und somit die Königshäuser Europas zusammengenommen an Reichtum übertraf oder ganze Regionen Südfrankreichs hätte kaufen können, ließ er es gerne beim »Millionär« bewenden.

Das mediterrane Küstenstädtchen Cannes, berühmt wegen seines Glamours und seiner grandiosen Lage, war für Mellendorf das Kontrastprogramm zur Ruhe und Idylle Norwegens. Schnell war ihm klar geworden, dass er hier zwischen all den Stars und Sternchen durchaus abschalten konnte. So streifte der Deutsche den legendären Boulevard de la Croisette entlang, gönnte sich so manches Glas Wein zu den von ihm so geliebten Muscheln in Weißweinsoße und ließ die Stunden an sich vorüberziehen. Die Soße zu den Moules à la crème war für ihn der Inbegriff Frankreichs – cremig und kräftig, charmant und sexy. Dabei erweckte sein Gaumen in ihm die wahren Gelüste, denn sein Blick galt, während er die Muscheln genoss, nicht nur der Schönheit der Landschaft und des Meeres, sondern auch den in einem solchen Sommer-Sonne-Badeort an der Côte d’Azur zur Schau gestellten fleischlichen Reizen. Und Mellendorf genoss Cannes in vollen Zügen – auch in den Nächten.

Mellendorfs Ausflug an die Côte d’Azur endete nach nur fünf Tagen. Es war eine Region, die er schnell kennen- und lieben gelernt hatte, war er doch innerhalb nur weniger Stunden von einem vielbeschäftigten Unternehmer zu einem Touristen mutiert, hatte Energie für die mühsamen Tage an der Spitze eines Konzerns getankt. Vor seiner Abreise hatte er sich noch mit dem Hollywood-Regisseur Michael Mc Lorey getroffen, seit vielen Jahren ein enger Freund von ihm.

Nie zuvor ertappte sich Mellendorf in den Wochen nach einem Urlaub so häufig dabei, dass seine Gedanken immer wieder dorthin zurückkehrten. Er trauerte den Tagen an der französischen Mittelmeerküste nach, sehnte sich danach, wieder die warme Sonne des Südens zu spüren, rauchend am Boulevard de la Croisette zu sitzen und den hervorragenden Wein der französischen Südküste zu genießen.

»Maritt, lass nochmals eine Kiste des Cabernet kommen!«, hatte er seine Sekretärin gebeten, die bereits mit einem der Winzer direkt an der französischen Küste in Kontakt getreten war.

Zwar wusste er, dass das Bouquet, der typische Geschmack des Weines und dieses unanständige Prickeln auf der Zunge längst nicht nur mit dem Produkt zu tun hatten, jedoch wollte er auf diese Weise seine ständig präsenten Urlaubserinnerungen wieder aufleben lassen. Nach der zweiten oder dritten Flasche Wein ließ er es sogar zu, dass er und seine Sekretärin sich ein wenig näher kamen.

Er hatte die gut aussehende Holländerin, die stets hohe Absätze trug und ihre langen Beine mit einem kurzen Rock unterstrich, zu einem Glas des gerade angelieferten Weines in sein Büro eingeladen. Maritt Pescort wollte zunächst ablehnen, erkannte aber in den blauen Augen ihres Chefs, dass er sie an diesem frühen Abend nicht einfach würde ziehen lassen.

Zu mehr als einem Tête-à-Tête war es aber nicht gekommen. Mellendorf hatte Maritt lediglich die Schuhe ausgezogen, nachdem sie ihm berichtet hatte, ihre Füße würden heute besonders schmerzen. Am Abend zuvor hatte sie japanische Geschäftspartner durch das riesige Unternehmensgelände geführt. Mellendorf hatte sie darum gebeten, hatte er selbst doch nur wenig Lust dazu empfunden. Stundenlang war Maritt mit den Gästen durch die öffentlichen Bereiche gelaufen, hatte auf Englisch bzw. Japanisch erläutert, auf welchen Säulen Oiltravspor stand, die Personalführung ihres Chefs erklärt und dem Bild von einem perfekten Unternehmen wieder ein Mosaiksteinchen hinzugefügt. Schuldbewusst hatte Mellendorf seiner Sekretärin kurzerhand die Füße massiert, dann jedoch diesen gemeinsamen Abend jäh beendet.

Maritt war gewitzt genug, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie sich mehr gewünscht hätte.

Statt erbost zu sein, drehte sie sich an der Bürotür noch einmal um und sagte zu Mellendorf: »Chef, Sie sind ein guter Vorgesetzter, ein erfolgreicher Industrieller und ein charmanter Gastgeber. Aber wissen Sie, was Sie noch besser beherrschen als die Leitung Ihres Unternehmens?«

Mellendorf zog die Schultern hoch und setzte eine fragende Miene auf.

»Füße massieren!«, sagte die Holländerin keck, zog die Tür hinter sich zu und wusste, dass sie mit ihrem Kompliment den richtigen Ton und den richtigen Moment gefunden hatte …

Mellendorf musste lachen und fühlte sich gleichzeitig geschmeichelt.

»Ein schönes Kompliment von einer schönen Frau!«, dachte er sich im Stillen und fühlte sich mehr denn je an die Tage an der Côte d’Azur erinnert.

»Danke Maritt«, rief er ihr nach, nachdem er mit einem Sprung zur Tür geeilt war.

»Ein französischer Abend«, murmelte Mellendorf und entschwand in Gedanken auf eine der Yachten, die zwischen Monaco und Marseille zu Tausenden an der Küste vor sich hin wippten und alle ihre eigene Geschichte Nacht für Nacht neu zu erzählen wussten. Geschichten, die für den Deutschen wie gemacht schienen und die der Beginn waren für eine Story, die Mellendorf niemals zuvor für möglich gehalten hätte. Längst befand sich der Industrielle in einem Netz des Verderbens, aus dem es für ihn kein Entrinnen mehr geben sollte.

2

Es war ein Wunder, dass sich der Milliardär in diesem Frühsommer gleich zwei Wochen freinahm und sich in Cannes einmietete. Maritt Pescort hatte ihm in einem First-Class-Hotel an der Côte d’Azur eine Suite reserviert und Mellendorf wie immer alle Unannehmlichkeiten abgenommen, die mit der Planung einer Reise zusammenhängen. Ihre Hoffnung, vielleicht doch mitreisen zu dürfen, wurde zwar enttäuscht, doch ließ sie es sich nicht nehmen, ihren Chef mit einem Küsschen auf die Wange zu verabschieden.

»Rutschen Sie in nichts rein …«, meinte sie vielsagend.

Mellendorf hatte gekontert: »Maritt, Sie wissen doch: Sie haben die schönsten Füße!«

Doch die Holländerin wusste, dass ihr Vorgesetzter schönen Frauen zugeneigt war, dass sie seine Augen geradezu gefangen nahmen.

»Sie stehen in der Verantwortung, einen der wichtigsten Konzerne des Kontinents zu leiten. Sie haben Geld, das Sie niemals in Ihrem Leben werden ausgeben können. Das sind die Voraussetzungen für größte Erfolge, aber Sie geraten eben auch in das Blickfeld von Menschen, die Ihnen nicht wohlgesonnen sind und die Ihnen keinen einzigen Ihrer Euros gönnen. Passen Sie auf sich auf, wenn Sie dort unten am Strand liegen – vor allem, wenn ich nicht bei Ihnen bin und auf Sie achtgeben kann.«

Mellendorf hatte Maritt aufmerksam zugehört.

»Nehmen Sie sich nicht vielleicht ein wenig zu wichtig?«, meinte er nicht ohne Sarkasmus.

Maritt wurde rot.

»Chef, Sie wissen, wie ich das gemeint habe. Ich mache mir nur ein wenig Sorgen, wenn Sie dort unten so durch die Gegend streifen wie ein Nullachtfünfzehn-Tourist. Sie sind mir zu locker! Seien Sie bitte vorsichtig. Wenigstens das müssen Sie mir versprechen.«

Mellendorf schloss Maritt kurz in die Arme und drückte die hübsche Blondine an sich.

»Ich werde heil zurückkehren zu Ihnen. Und das nächste Mal nehme ich Sie mit«, sagte er leise.

Er bekam nicht mit, wie eine Träne über ihre Wange floss.

Mellendorfs Flieger landete in Nizza. Als er die First Class verließ, stand die schwarze, spiegelblank gewienerte Limousine schon für ihn bereit, um ihn in rund vierzig Minuten in das schneeweiße »Palasthotel« direkt an der Küste zu bringen. Er hätte auch seinen Privatjet nehmen können, liebte es aber, mal weniger schnell unterwegs zu sein.

Mit einem eindringlichen Blick musterte der deutsch-holländische Unternehmer kurz den dunkel gebräunten Fahrer.

»Vorsicht!«, schoss es ihm durch den Kopf.

Doch dann schob er die Ängste beiseite, mit denen ein Mann seines Formats regelmäßig zu kämpfen hatte und die auch nicht unbegründet waren, und lehnte sich bequem in seinem klimatisierten Sitz zurück.

»Maritt macht sich viel zu viele Gedanken. Ich bin Milliardär, sicherlich. Aber ich bin lediglich bekannt und nicht berühmt.«

Mit wenigen Handgriffen stellte Mellendorf die Position des lederbezogenen Sitzes auf seine Bedürfnisse ein, sodass seine Beine nahezu schwerelos auf dem ausgefahrenen Fußteil lagen. Er spähte durch die getönten Scheiben der Mammutlimousine hinaus aufs Meer, das sich an der Autobahn auftat, und spürte die Wärme des südeuropäischen Klimas. Aus dem Radio trällerte ein französisches Chanson. Mellendorf konnte endlich abschalten.

Als er die Suite im Hotel betrachtete, nickte Mellendorf zufrieden. Er schlenderte durch die Räume und sah befriedigt die vielen Details, die die Suite modern und zugleich wohnlich erschienen ließen. Besonders das weiße Ledersofa an der riesigen Fensterfront hatte es ihm angetan. Von dort aus konnte er hinaus aufs türkisfarbene Meer schauen und das Treiben unten am Strand direkt verfolgen. Selbstverständlich war dieser nur den Reichsten der Reichen vorbehalten.

Frank Mellendorf konnte schnell trennen zwischen tatsächlicher High Society und dem Mob. Für Letzteren hatte der deutsche Milliardär, der schon mit 22 Jahren Frankfurt verlassen hatte, um sein Vermögen in den Niederlanden zu machen, nur ein müdes Lächeln übrig. Doch diese Snobs waren ihm auch nicht lästig, hatte er doch selbst klein begonnen, und außerdem waren da noch die hübschen Mädchen. Mehrmals schon war es ihm auf seinen Geschäftsreisen gelungen, den Jungmillionären eine der Damen auszuspannen, auch wenn er die Liaison zumeist nach ein, zwei Nächten wieder beendete. Zeit für eine feste Beziehung hatte Mellendorf nie gefunden oder besser gesagt: Er hatte auch nie danach gesucht.

Der Milliardär streckte sich auf dem langen weißen Sofa aus und erinnerte sich an das vergangene Jahr. In einem schicken weißen Anzug mit schwarzem Hemd und schwarzer Krawatte hatte er sein Hotel verlassen, um bei den Filmfestspielen die Stars aus den Staaten zu treffen. Regisseur Mc Lorey stellte ihm alle vor. Großen Gefallen hatte der Deutsche vor allem an den Models seiner neuen Heimat gefunden. Schöne Frauen eben … Aber auch diese Treffen waren an jenem Abend schnell zur Nebensache geworden.

Bei einer kleinen Party an Bord der Yacht La Prestige hatte er die dunkelhaarige, langbeinige Merige kennengelernt. In ihrem wunderschönen braunen Kleid mit bunten Applikationen, das nur das Nötigste verdeckte, war sie ihm an Bord des fünfzig Meter langen Schiffs sofort ins Auge gefallen. Frank Mellendorf hatte nur wenige Minuten gebraucht, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie hatte ihm nicht die kalte Schulter gezeigt, sondern genoss es vielmehr, umschwärmt zu werden.

Mit Frauen verstand sich Mellendorf ebenso gut wie mit dem Umgang mit Geld. Sein Augenmerk galt aber immer dem Erfolg seines Unternehmens. Alles andere rangierte dahinter. In diesen Minuten an Bord der La Prestige war es jedoch anders. Frank zog die hübsche 30-Jährige an einen Tisch und trank mit ihr ein, zwei Gläser Champagner. Die junge Frau war angetan vom Charme des Deutschen, seiner Ausstrahlung und natürlich seinem Vermögen.

Mehr als ein gemeinsames Abendessen mit Geturtel und tiefen, innigen Blicken wurde aber schließlich nicht daraus, auch wenn sich beide mehr gewünscht hätten. Ein heftiger Streit des Bootsinhabers mit einem angetrunkenen Gast beendete die Party schlagartig. Das alles lag ein Jahr zurück.

Als Mellendorf auf der weißen Hotelcouch die Augen wieder öffnete, sah er hinaus auf die Lichter der vielen kleinen Restaurants. Auf dem Meer schipperten die Yachten, am Hafen war reges Treiben angesagt. Er musste eingenickt sein. Seine Rolex verriet ihm, dass er wohl drei Stunden geschlafen hatte. Ein Phänomen, das sich bei ihm in den vergangenen Jahren eingestellt hatte: War er früher quer über die Ozeane gechattet, ohne auch nur an Schlaf zu denken, so machte ihn inzwischen schon ein nicht einmal eineinhalbstündiger Flug müde. Todmüde.

»Ich werde langsam alt«, dachte er sich, als er die Brause der Dusche anstellte.

Aus dem vergoldeten Wasserhahn prasselte ihm das lauwarme Wasser entgegen und perlte in großen Tropfen von seiner Haut. Die Gefühle, die ihn beim Duschen überkamen, verglich er stets mit einem Orgasmus. Das klare Wasser, das er zwischendurch kurz auf kalt stellte, regenerierte seinen Körper und seinen Geist gleichermaßen.

Dreißig Minuten später stand Frank in einem schicken dunklen Zweireiher mit weißem Hemd und lilafarbener Krawatte ausgehfertig in der Tür seiner Suite und blickte noch einmal in die Räume, die Maritt für ihn für die nächsten zwei Wochen gemietet hatte. Seine Gedanken schweiften zurück zum Beginn seines Aufstiegs, zum Start seiner Karriere als Ölmagnat. Damals hatte er von solchen Suiten nur geträumt – und sie in die Collage seiner Ziele aufgenommen. Inzwischen gehörten sie während seiner Geschäftsreisen längst zum vollkommen normalen Standard.

»Wer aber braucht das?«, dachte er sich und hörte sich laut sagen: »Ich!«

Dabei musste er lachen. Mit den Gedanken bei den schönen Füßen seiner Sekretärin zog er die Türe zu, die kaum vernehmbar ins Schloss fiel.

»Wohin darf ich Sie bringen?«, fragte der Liftboy.

»In die Lobby«, entgegnete Mellendorf gedankenverloren und schroff zugleich.

3

Als sich die Tür des Aufzugs öffnete, realisierte Mellendorf erstmals die große Eingangshalle des Hotels. Die beiden riesigen Kronleuchter tauchten die Lobby in ein warmes, diffuses Licht. Zwischen den Größen aus Hollywood war der Unternehmer eher ein Unbekannter. Mellendorf war das nur recht, wollte er sich doch vor allem erholen.

An der Theke hörte er, wie zwei Damen gerade eincheckten. Die Frauen waren rund dreißig Jahre jünger als er. So schätzte Mellendorf sie zumindest. Eine Zeit lang verweilten seine Augen noch auf den Beinen der beiden, die sich in schicken Kostümen rückseitig vor ihm aufgebaut hatten.

»Das kommt mir ja wie gerufen«, dachte Mellendorf, als diese eine Suite buchten, die auf derselben Etage lag wie seine.

Wieder einmal musste er an die Füße Maritts im fernen Holland denken. Und dabei blieb es nicht.

»Ich werde den Rest erkunden müssen. Vorher hören diese Gedanken nicht auf.«

»Frank! Hier!«, riss ihn plötzlich eine laute Stimme aus seinen Gedanken.

»Michael«, rief Mellendorf lautstark, sodass sich die beiden Frauen umwandten und sofort zu tuscheln begannen. Kein Zweifel: Sie hatten ihn erkannt, zogen ihre Röcke zurecht und versuchten, ein möglichst graziles Bild von sich abzugeben. Oder aber war es Mc Lorey, dem die staunenden Blicke galten?

»Egal«, dachte sich Mellendorf und war in Sekunden gedanklich nicht mehr bei den hübschen Damen. Nahezu ein Jahr war es her, als er Michael Mc Lorey zum letzten Mal gesehen hatte. Das tägliche Telefonat der beiden war zwar selten ausgeblieben, wurde aber mit der Zeit zum Online-Chat über den privaten Browser in Mellendorfs Unternehmen. Um sich öfter zu treffen, fehlte sowohl dem Unternehmer als auch dem Regisseur die Zeit.

Beide fielen sich um den Hals und begrüßten sich herzlich.

»Ça va?«, empfing Mc Lorey seinen Freund, und der Deutsche entgegnete ihm launig: »Sprich gefälligst Englisch oder Deutsch mit mir!«

Beide lachten laut, wussten sie doch, dass sie des Französischen nicht wirklich mächtig waren.

Nur wenige Minuten später standen sie an der Bar des Hotels und hatten einen Sudden Comfort in der Hand.

»Oh, Frank, schön, dass du wieder den Weg hierher gefunden hast. Wie lange wirst du dieses Mal bleiben? Drei Tage, zwei oder nur einen?«, fragte der Amerikaner mit seiner tiefen, markanten Stimme und konnte ein schelmisches Grinsen nicht verbergen, kannte er doch die schier übermächtige Arbeitswut seines Freundes nur zu genau.

»Zwei Wochen! Und wenn ich es für nötig, wichtig und schön halte, hänge ich ganz spontan noch eine dritte oder vierte dran«, erwiderte der Deutsche.

Er sollte recht behalten.

In der Hotellobby wurden die Kronleuchter weiter heruntergedimmt. Ein klares Zeichen für nahezu jedermann: Die Croisette lockte, Cannes Partymeile am Hafen, die seit der Entstehung des Filmfestivals in den vergangenen Jahrzehnten so viele Geschichten geschrieben hatte. Entlang der vielen kleinen Restaurants schlenderte die Prominenz oftmals unerkannt zwischen den Touristen umher, die ihre Augen zwar aufhielten, jedoch ihre Helden live oft gar nicht erkannten.

Auch Regisseur Michael Mc Lorey und Ölmagnat Frank Mellendorf verließen an diesem Abend das Hotel. Sie stiegen in eine schwarze Stretch-Limousine und ließen sich die wenigen Meter vom Hotel den Boulevard hinauf zur schwarzen Yacht des Hollywood-Stars chauffieren. Der mächtige Motor dröhnte dumpf, als der Fahrer leicht Gas gab, um die Einfahrt des Hotels zu verlassen. Sechs Liter Hubraum und 550 PS wirkten, um für ein standesgemäßes Verlassen der Anlage zu sorgen. Die Aufmerksamkeit war dem Fahrzeug sicher, doch weder Mc Lorey noch Mellendorf legten es darauf an, gesehen zu werden. Von außen konnte niemand erkennen, wer in diesem Ungetüm saß.

Den nächsten Whisky in der Hand betrachteten Mc Lorey und Mellendorf den Sternenhimmel des Luxusautos und unterhielten sich über die vergangenen zwölf Monate, in denen beide ihr ganzes Leben dem Beruf untergeordnet hatten.

»Ich brauche diese kreative Pause wie nie zuvor«, stöhnte der Regisseur, der erst vor rund sechs Monaten mit ›The Unknown – das Unbekannte‹ einen Millionenseller an den Kinokassen gelandet hatte.

Für Mellendorf, der den Film mehrmals gesehen und von Mc Lorey einen Director‘s Cut geschickt bekommen hatte, war es ein ganz normaler Kinostreifen gewesen. Ein guter – selbstverständlich, drehte Mc Lorey in seinen Augen doch nur sehenswerte Filme. Doch mehr hatte er nie in diesen Film hineininterpretiert. Die internationale Presse hatte Mc Lorey nach dem Streifen jedoch zu einem absoluten Gott unter den Regisseuren aufsteigen lassen. Er wurde seitdem in einem Atemzug mit Steven Spielberg genannt, fand aber aus seiner eigenen Sicht den Vergleich mit Quentin Tarantino viel passender. Dennoch war Mc Lorey in dieser Zeit klar geworden: Um mehr zu sein als all die anderen großartigen Filmemacher, musste er sich auf ein Terrain begeben, das für sich zu erkunden noch keiner je gewagt hatte. Die Ideen sprudelten aus seinem Hirn und die Umsetzung des perversesten Gedankens hatte längst begonnen.

Als das über acht Meter lange Fahrzeug vor der Yacht des Regisseurs vorfuhr, standen die Matrosen bereits parat. Die Tür wurde per Funk geöffnet, eine dunkelhäutige Schönheit im weißen Minikleid reichte zunächst dem Hollywood-Star, dann auch Mellendorf die Hand. Die Freunde gingen an Bord.

Rote Sofas, bestens geeignet für eine Schiffsreise voller Dekadenz, empfingen den Milliardär. Er war gegenüber Mc Lorey zwar der deutlich Reichere, jedoch war ihm Glamour dieser Art über viele Jahre fremd gewesen. Nicht dass ihm der Reichtum unangenehm gewesen wäre. Aber er hatte das nicht erwartet. Im Vorjahr waren die Freunde noch in einem kleinen Schnellboot über die mediterrane See gerauscht. Das war so ganz nach dem Geschmack Mellendorfs, der den Großteil seines Geldes lieber in Investitionen für sein Unternehmen pumpte als in Luxusgüter wie diese Yacht.

Mehr als fünfzig Gäste hatte Mc Lorey geladen. Zum Teil B- oder C-Stars aus Amerika, zum Teil einfach nur junge, hübsche Frauen aus Südfrankreich, die sich auf leichte Art und Weise hier ihr Geld verdienten.

Im Herzen des Schiffes schenkte der Kellner Mellendorf Stunden später den x-ten Whisky ein. Längst hatte er aufgehört zu zählen, der wievielte es an diesem Abend, in dieser Nacht war. Aber irgendwann dachte er, dass es an der Zeit sei zu gehen, und er schnippte nach dem Chauffeur. Zum Abschied kniff er Michael Mc Lorey noch kurz in den Allerwertesten, um dann von Bord zu wanken.

»Die Côte d’Azur ist schon jetzt wieder die richtige Entscheidung gewesen«, grinste er in sich hinein und sank in die weichen Sessel der Limousine.

Mc Lorey sah ihm nach, bis das Auto von der Croisette in Richtung Hotel abbog. Noch war Zeit. Viel Zeit. Und sein erster Schritt für die kühnste, ja verwegenste Tat seines Lebens war bereits organisiert.

Als Mellendorf am nächsten Morgen erwachte, war ihm speiübel. Den Kopf auf den linken Arm gestützt lehnte er sich in Richtung des Nachtkästchens. Er quälte sich nach oben und spürte, wie ihm der Kopf dröhnte. Außerdem hatte er gegen seine sonstige Gewohnheit nackt geschlafen. Um ihn herum lag seine Kleidung wild verstreut. Seine Anzughose hing mit einem Bein über einem Stuhl, Hemd und Krawatte konnte er auf den ersten Blick überhaupt nicht sehen und seinen Slip fand er im Bett.

»Oh, mein Gott, scheiß Alkohol«, jammerte Mellendorf.

Er drehte den Kopf auf die andere Seite und sah, dass er das riesige Wasserbett komplett durchwühlt hatte. Mellendorf atmete tief aus.

Plötzlich hörte er Stimmen aus dem Badezimmer dringen und Wassergeplätscher. Mit einem Sprung katapultierte er sich aus dem Bett. In seinem Kopf federte es, als würde jemand mit seinem Gehirn Badminton spielen. Jeder einzelne Whisky machte sich in seinem Schädel bemerkbar. Seine Haare standen zerzaust nach oben. Mellendorf versuchte, das Hämmern in seinem Kopf zu ignorieren, und lauschte den Geräuschen im Badezimmer.

Die Stimmen waren wieder verstummt, jedoch strömte aus der Dusche weiterhin Wasser. Kurzzeitig überlegte er, nach dem Telefonhörer zu greifen und an der Rezeption um Unterstützung zu bitten, ja um Hilfe zu rufen. Den Gedanken aber ließ er schnell wieder fallen, wollte er sich doch nicht blamieren.

Während er sich mit langsamen Schritten dem Badezimmer näherte, schaute sich Mellendorf nochmals um. Er suchte nach Hinweisen, was in den vergangenen Stunden in seiner Suite passiert sein könnte. Dann hörte er Gelächter. Es war ganz eindeutig das Lachen zweier Frauen, jedoch verstand er kein Wort von dem, was gesprochen wurde. Immer wieder kicherten die Frauen, doch das Plätschern des Wassers und das Rauschen des Wasserhahns überdeckten alles, sodass er sich kein Bild von dem machen konnte, was dort drinnen vor sich ging.

Mellendorf überlegte, was er tun sollte. Ohne jede Hast, aber mit einem mulmigen Gefühl im Bauch ging er immer näher zur Badezimmertür. Langsam drehte er am Türknauf, bis die Tür einen winzigen Spalt offen war. Das Wasser wurde abgestellt. Er stieß mit dem Fuß gegen die Tür und blickte in die Augen zweier splitternackter Mädchen. Sie konnten sich ihr Lachen nicht verkneifen, als sie ihn so unbekleidet vor sich sahen.

»Guten Morgen, Frank«, hallte es ihm entgegen.

»Gut geschlafen?«, fragte eine der beiden und hüllte sich gekonnt in ein viel zu kurzes Handtuch.

Nun erkannte Mellendorf die zwei hübschen Blondinen wieder. Am Abend zuvor hatte er sie in der Hotellobby noch angehimmelt, ehe ihn Mc Lorey aus seinen Tagträumen gerissen hatte. Er wollte sie gerade fragen, was sie in seinem Badezimmer zu suchen hätten, als ihm eine der beiden bereits im Arm lag und begann, ihn voller Leidenschaft zu küssen. Zunächst wollte er sich dagegen wehren, was jedoch ohne Erfolg blieb. So ergab sich Mellendorf kurzfristig seinem Schicksal und scheute sich nicht, nun auch die andere intensiv zu küssen. Vergessen waren die verheerenden Kopfschmerzen, die ihn noch Minuten zuvor gequält hatten.

Mellendorf ließ sich auf das Bett drängen, doch dann übernahm sein scharfer Verstand wieder die Regie.

»Was ist passiert?«, erkundigte er sich.

»Dumme Frage«, entgegnete die eine der Frauen.

Sie erhoben sich, gingen ohne einen weiteren Kommentar wieder ins Bad und kamen wenige Sekunden später mit einem knappen schwarzen Cocktailkleid bekleidet wieder heraus. Mit einem »Salü!« zogen sie die Tür der Suite hinter sich zu, während Mellendorf sich verwundert im Bett aufsetzte und merkte, wie seine Erektion langsam wieder verschwand.

Er konnte nicht glauben, was er gerade erlebt hatte, versuchte das Geschehene zu rekapitulieren. Er ließ das, an das er sich noch erinnern konnte, Revue passieren, konnte sich aber nur noch an die Party erinnern und an die Limousine, die ihn ins Hotel gebracht hatte. Das war alles, was Mellendorf zu den vergangenen Stunden noch einfiel. Ansonsten herrschte in seinem Kopf Leere. Hatte er Sex mit den beiden gehabt? Wo hatte er sie kennengelernt? Hatte er sie mit zu sich aufs Zimmer genommen? Hatten sie weiter Alkohol getrunken? Oder gar gekokst, wie es ihm Mc Lorey schon auf der Party vorgeschlagen, was er aber abgelehnt hatte?

Wieder wanderte sein Blick durch die Suite. Doch mehr als seine verstreuten Klamotten konnte er nicht sehen. Keine umgekippten oder leeren Weinflaschen, keine Spur von Drogen. Überhaupt gar nichts, was auf eine Orgie hinwies.

Während Mellendorf nach seinen Kleidungsstücken griff, schaltete sich hinter ihm lautlos eine kleine Kamera ab.

4

Selbstzweifel nagten an Mellendorf, als er wenig später seine Suite verließ. Ein Unternehmer seines Ranges durfte sich einen solchen Aussetzer einfach nicht erlauben. Ihn plagten Gewissensbisse, zumal er nicht einmal die Namen der Frauen wusste. Seine einzige Hilfe, um beide wiederzufinden, so dachte sich Mellendorf, würde die Rezeptionistin sein, bei der die Mädchen am Tag zuvor eingecheckt hatten.

»Oh, Mann, wie recht hatte Maritt doch gehabt«, schoss es ihm durch den Kopf, »ich bin tatsächlich viel zu leichtsinnig!«

Er schwankte über den roten Plüschteppich des Flurs und sah die Picasso-Kunstdrucke an den Wänden, ohne diese zu realisieren. Auch die kleinen Bordüren, die die zahlreichen Bilder miteinander verbanden und dem Gang eine wohlige, warme Atmosphäre einhauchten, fielen ihm nicht wirklich auf. Erst als er den Aufzug erreicht hatte und der Liftboy ihn ansprach, fand er wieder in diese Welt zurück.

Mellendorf stellte erst jetzt fest, dass er einen frischen Anzug aus dem Schrank genommen hatte und unter dem blauen Sakko ein weißes, sportliches Hemd trug. Zu sehr waren ihm immer wieder die Gedanken entglitten, als dass er sich auf ein schickeres Outfit hätte konzentrieren können. Die vergangene Nacht ließ ihm keine Ruhe.

Der Liftboy drückte den Knopf mit dem schwarzen Aufdruck »Erdgeschoss« und die Türen des Aufzugs schlossen sich langsam, ehe sie einrasteten und sich der schwere, komplett verspiegelte Treppenersatz in Bewegung setzte.

Der schwarzhaarige, muskulöse junge Mann beobachtete die geschlossene Fahrstuhltür. Noch ein paar Augenblicke hielt er sich hinter einer großen Tropenpflanze versteckt und wartete, bis sich der Aufzug in Richtung untere Etagen verabschiedet hatte. Dann gab er das Signal. Mit einem Schnippen zeigte er seinen beiden Kollegen an, dass die Luft im 20. Stock des Hotels rein war. Ein kurzes Verweilen, ein Horchen noch, dann setzten sich die drei mit schnellen Schritten in Bewegung – zur Suite von Mellendorf. Picassos Replikate interessierten sie genauso wenig wie die Tatsache, dass ein junges Pärchen lachend an ihnen vorbeilief. Nur einen kurzen Blick warfen sie den beiden zu, die sich aneinanderdrückten, wieder losließen und sich stolpernd und glucksend durch den Flur schubsten – bedeutungslos für das Vorhaben der drei. Hätten sie auch nur den leisesten Verdacht geschöpft, wäre es ihnen ein Leichtes gewesen, dem Paar kurzerhand den Hals umzudrehen.

So aber ließen sie sie gewähren und sich von ihrer Mission nicht abbringen. Mc Lorey sollte schließlich mit ihnen zufrieden sein. Keiner hatte gewagt, sie am Eingang des Hotels aufzuhalten, waren sie doch im Beisein des Regisseurs in die Halle gelangt und somit über jeden Verdacht erhaben gewesen, sie könnten nicht zum Kreis der Superreichen gehören. Ein kurzes Nicken Mc Loreys zu den Bodyguards hatte bereits gereicht, um die Pforten des »Palasthotels« zu öffnen. Und so hatte niemand verhindert, dass das hollywoodreife Prozedere an diesem Tag seinen Startschuss erhalten hatte.

Mc Lorey selbst war es gewesen, der die vorbereitenden Arbeiten in der Suite Mellendorfs erledigt hatte. Das Wichtigste war, die ferngesteuerte Kamera so zu positionieren, dass keines der Zimmermädchen auch nur den Hauch eines Verdachtes schöpfen konnte. Andererseits musste das hochentwickelte Filmequipment auch in der Lage sein, perfekte Bilder für den neuesten Mc Lorey-Streifen zu produzieren. Ein Drahtseilakt, der den Regisseur viele Nerven und sehr, sehr viel Geld gekostet hatte. Doch selbst dann, wenn sein gesamtes Vermögen für diesen Streifen draufgehen sollte: Es war sein einziges, sein letztes Ziel, diesen Film verwirklichen zu können.

Frank Mellendorf stieg aus dem Aufzug, als dieser das Erdgeschoss erreicht hatte, und drückte dem Bediensteten zehn Euro in die Hand. Großzügig war er schon immer gewesen, vor allem gegenüber Menschen, die er als bemitleidenswert erachtete. Der Hotelangestellte nahm den Schein dankend an und wünschte Mellendorf einen schönen Tag. Dieser verdrehte die Augen und winkte ab.

Bereits von hinten erkannte Mellendorf die grauen Haare Mc Loreys, der es sich in der Lobby gemütlich gemacht hatte. Auch er schien nicht lange geschlafen zu haben.

»Gealtert!«, ging ihm durch den Sinn, ohne diesem Gedanken irgendeine Bedeutung zuzumessen.

Altern war für den Deutschen keine Assoziation, die er als Nachteil empfand. Im Gegenteil. Er verband das Altern mit Reife, mit Lebenserfahrung, mit all dem, was ihn als Unternehmer auszeichnete. Dass dieser Prozess auch mit ein paar grauen Haaren einherging, war für ihn eine logische Konsequenz.

Eingehend hatte Mellendorf in den vergangenen Monaten die Filme des Hollywood-Stars studiert und fand, dass seine Arbeiten kontinuierlich besser geworden waren. Mc Lorey gelang es einfach immer wieder, neue, ungewöhnliche Wege zu beschreiten. Nur so war es auch zu erklären, warum ausgerechnet Mc Loreys Arbeiten die Kinokassen klingeln ließen, während andere Filmemacher sich darüber beklagten, dass die heutige Welt »einfach nicht mehr die sei wie einst«, als das Fernsehen noch keine Konkurrenz für das Kino darstellte.

Der Deutsche beschloss, Mc Lorey erst später aufzusuchen und sich an der Rezeption zunächst nach den beiden Mädchen zu erkundigen. Schnell hatte er die Angestellte gefunden, bei der sie seiner Meinung nach am vorangegangenen Tag ihren Schlüssel in Empfang genommen hatten.

»Aber Sie müssen sich doch an die Damen erinnern? Sie haben wie ich eine Suite in der 20. Etage!«

»Es tut mir außerordentlich leid, Herr Mellendorf, aber in dieser Etage gibt es außer der Ihren keine weitere Suite, nur Zimmer. Zudem kann ich mich nicht entsinnen, dass dort zwei Damen eingecheckt hätten. Tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann.«

»Aber …«

Mellendorf verschlug es vorübergehend die Sprache, schwand doch seine einzige Hoffnung dahin, die beiden Mädchen wiederzusehen und sie nach den vergangenen Stunden zu fragen. Unsicherheit machte sich in ihm breit, ein Gefühl, das der Deutsche hasste wie nichts anderes.

»Eine Namensliste? Herr Mellendorf, ich bitte Sie! Wären Sie begeistert, wenn wir Ihren Namen und Ihre Zimmernummer an andere Gäste weitergeben würden? Stellen Sie sich nur vor, es würde jemand nach Ihnen suchen? Soll ich in diesem Fall auch Ihre Zimmernummer an einen Fremden weitergeben? Nein. Das, was Sie von mir verlangen, ist unmöglich. Ich möchte Sie bitten, sich an unseren Manager zu wenden. Jedoch wird auch er Ihnen nichts anderes sagen können.«

Mellendorf war sichtlich verärgert. Mit wenigen Schritten erreichte er Mc Lorey und fasste ihn rau am Arm. Der scheinbar überraschte Regisseur erschrak kurz und zuckte zusammen.

»Was soll das?«, knurrte er.

Er hatte zwar auf Mellendorf gewartet, ihm aber nicht diesen Eindruck vermitteln wollen. Längst hatte er das Zwiegespräch zwischen Mellendorf und der Hotelangestellten mitbekommen, ließ sich das aber nicht anmerken. Vielmehr hatte er amüsiert verfolgt, wie der Deutsche gegenüber der Angestellten aufgetreten war und sich an ihr die Zähne ausgebissen hatte.

»Welch ein Anfänger!«, hatte sich der Regisseur gedacht und die Blamage des Milliardärs gedanklich bereits für seinen angedachten Streifen szenisch eingeplant.

»Sorry«, sagte Mellendorf kurz, um seinen Freund sofort zur Seite zu ziehen.

»Du wirkst aufgeregt, Frank. Ist etwas passiert?«

Mellendorf zuckte die Schultern.

»Ja. Und doch auch nein. Oder besser gesagt: Ich weiß es nicht!«

Er ließ sich in einen der weißen Sessel der, wie er es empfand, viel zu großen Lounge fallen.

»Ich kann es mir nicht erklären«, sagte er kurz.

»Was?«, fragte Mc Lorey.

Mellendorf gab ihm einen nicht zu detaillierten Einblick in das, was er in den vergangenen Stunden erlebt hatte. Zumindest in den Stunden, an die er sich noch erinnern konnte.

»Aber das ist doch fantastisch!«, sagte der Regisseur. »Wie im Film! Du bist ein schier unglaublicher Glückspilz und machst hier ein Gesicht, als wäre die Welt untergegangen. Du hattest Sex mit zwei bildhübschen jungen Dingern, wohlgemerkt auf einmal, du hast dir einen supertollen Rausch angesoffen und bist in einer wunderbaren Suite, die noch dazu deine eigene ist, aufgewacht. Was willst du eigentlich noch mehr?«

Mellendorf stöhnte.

»Eine Erinnerung an all diese schönen Dinge? Vielleicht das?«

Mc Lorey grinste.

»Dann wiederhol das Ganze in der nächsten Nacht, nur sauf dich vorher eben nicht so zu. Dann wirst du dich auch erinnern können und musst hier nicht auf Mitleid machen!«

»Aber …«

Mc Lorey änderte den Tonfall. Er gab Mellendorf zu verstehen, dass er keine Lust darauf hatte, sich mit Sorgen zu beschäftigen, die keine wirklichen waren. Zumindest vermittelte er dem Deutschen diesen Eindruck, der dadurch weniger nachdenklich wurde. Mellendorfs Blick wanderte wieder zur Rezeption. Dieses Mal jedoch gewahrte er nicht die hübschen Beine zweier Frauen. Vielmehr sah er zwei Handwerker in Latzhosen zum Aufzug laufen. Der große, lange Sack in ihren Händen musste mächtig schwer sein. Ehe er sich aber darüber Gedanken machen konnte, was wohl darin war, riss ihn Mc Lorey aus seinen Grübeleien.

»Los jetzt!«

Er zog ihn in Richtung Ausgang und schnippte unmerklich mit den Fingern. Daraufhin beschleunigten die beiden Handwerker ihren Gang. Nur schwer konnte er die Wut, die in ihm aufstieg, hinter seiner schwarzen Sonnenbrille verbergen. Wenn Mc Lorey eines hasste, dann war es ein falsches Timing. Wie in seinen Filmdrehs erwartete er von seinen Angestellten Perfektion, wenn es darum ging, einen Zeitplan einzuhalten, der wichtig war. So locker er sein Leben auch gestaltete: Ihm war es mehr als nur bewusst, dass schwierige Passagen eine minutiöse Planung erforderten – sei es in seinen Hollywood-Streifen oder aber im wirklichen Leben. Dass die beiden keinerlei Gespür dafür gezeigt hatten, wann sie ihre Fracht durch die Halle des Hotels transportieren durften und wann nicht, nervte Mc Lorey. Es ärgerte ihn bis ins tiefste Mark.

Die Tür des Lifts öffnete sich und die Handwerker drängten sich mit ihrer schweren Last hinein. Während der Regisseur ihnen unauffällig nachblickte, schloss sich bereits wieder die Tür. Mit einem leichten Surren schwebte der Aufzug der nächsten Etage entgegen. Mc Lorey atmete durch. Alles war noch einmal gut gegangen. Weder die Hotelbediensteten hatten Verdacht geschöpft noch Mellendorf. Und dennoch schäumte die Wut in ihm ein weiteres Mal hoch.

Mellendorf beachtete Mc Lorey nicht. Der Deutsche wollte nur noch raus an die frische Luft. Weg von dem, was er erlebt hatte und was ihn fast aus der Bahn warf. Gemeinsam gingen beide hinaus auf die Croisette, sahen zum Strand, der bei herrlichstem Sonnenschein, strahlend blauem Himmel und Temperaturen weit über dreißig Grad lockte. Der Tag konnte seinen Lauf nehmen: vor und hinter den Türen des »Palasthotels«, das so pompös in den Himmel Cannes ragte.

Mc Lorey blickte sich noch einmal um, prüfte kurz die Häuserfront mit den Kameras, von denen kaum einer außer ihm Bescheid wusste. Nur mit seinem geschulten Auge konnte er die kleine Linse am Hauptportal des Hotels sehen. Als der Sonnenstrahl direkt hinein traf, fühlte sich der Regisseur kurzzeitig geblendet. Es war Zeit, vorwärts zu schauen, die Technik im Hintergrund würde funktionieren. Darüber brauchte er sich keinerlei Sorgen zu machen. Er drückte dem Portier, der die Handwerker auf sein Geheiß eingelassen hatte, unbemerkt einen Hundert-Euro-Schein in die Hand. Alles war glatt gelaufen.

5

Mit einem kurzen Ruck stoppte der Lift in der 20. Etage. Der Liftboy lag bewusstlos am Boden, neben ihm ein in Ether getränktes blauweißes Stofftaschentuch. Der Geruch des Narkotikums hing in der Luft und machte schwummrig, auch ohne ein direktes Inhalieren. Die zwei nahmen schnaufend den schweren olivgrünen Sack, der eine französische Flagge trug und vom Militär stammen musste, und stellten ihn vor dem Aufzug ab. Während sich einer der beiden Helfer Mc Loreys vor dem Fahrstuhl umsah, versetzte der andere dem Liftboy einen schweren Tritt ins Gesicht. Lag er zuvor schon regungslos da, so schnellte nun der Kopf des jungen Mannes nach hinten. Blut schoss ihm aus der Nase.

»Idiot! Was soll die Scheiße?«, hallte es von draußen in den Lift. »Wisch das Blut auf und schau, dass der hier nicht den ganzen Fahrstuhl versaut! Trottel!«

Der Hüne ließ seinen Compagnon zurück, welcher gehorsam den Boden reinigte, schnappte sich den schweren Sack und schleifte ihn durch den Flur. Mit Bärenkräften packte er nach wenigen Metern kurzerhand das olivgrüne Paket, warf es sich über die Schulter und machte sich auf den Weg zu Mellendorfs Suite. Dort sollte inzwischen alles vorbereitet sein.

Den Sack auf seinen breiten Schultern ließ Ferenc Viskeletti die vergangenen Monate wie ein »Movie«, so der Jargon Mc Loreys, an sich vorüberziehen. Der 25-jährige Ungar hatte sich von allem in seiner Heimat losgesagt und war gen Mittelmeer aufgebrochen. Nach einer kurzen Zwischenstation in Rimini war er quer durchs Land gezogen, hatte sich aber in Italien aufgrund seiner schroffen Art wenig Freunde gemacht. Auch Arbeit zu finden war dem Mann nicht gelungen.

Seinen athletischen Traumkörper hatte er sich in vielen Jahren auf dem Bau im wahrsten Sinne des Wortes erarbeitet. Der Knochenjob auf den Baustellen rund um seine Heimatstadt im Herzen Ungarns hatte ihn aber auch den letzten Nerv gekostet. Nur der lange, ausgiebige Blick in den Spiegel hatte ihn die Strapazen des Tages ertragen lassen, sodass er sich doch wieder Morgen für Morgen aus den Federn quälte, um »Steine zu klopfen«, wie er es nannte.

Nachdem jedoch seine hübsche Freundin mit ihm Schluss gemacht hatte, war für ihn eine Welt zusammengebrochen. Viskeletti warf alles hin und war fortan statt auf den Baustellen nur noch in den Kneipen der Hauptstadt Budapest zu sehen. Über Wasser hielt er sich durch erbetteltes Geld: So zumindest lautete seine eigene Deutung seines Jobs als Callboy.

Nicht nur sein gut gebauter Körper, sondern auch seine Manneskraft kam ihm gelegen, um so mancher der zumeist älteren Kundschaft die gewünschte Erfüllung zu bringen. Doch auch Viskeletti wusste, dass er so nicht bis zum Ende seines Lebens die innere (und äußere) Befriedigung würde finden können.

Dabei hatte eine Freierin ihm erst vor Kurzem das größte Kompliment gemacht.

»Wenn du der Junge bleibst, der du heute bist, dann wirst du dir über Geld niemals Sorgen machen müssen!«

Sie hatte ihm zusätzlich einen Einhundert-Dollar-Schein in die Hand gedrückt und war in die große Limousine vor dem Hotel gestiegen, in dem sie die Nacht mit dem Callboy verbracht hatte. Die Dame war 72 Jahre alt. Nicht dass das Alter Viskeletti abgestoßen hätte, seinen Job zu tun. Aber er sah an der älteren Dame den Zerfall des Lebens, was auch ihn irgendwann einmal treffen würde.

So zog es ihn weg aus Ungarn, quer über den Kontinent, um schließlich im französischen Filmstädtchen Cannes auf den »Schuss des Jahrhunderts« zu warten. Der junge Ungar träumte davon, einen weiblichen Star aus Hollywood kennenzulernen, diesen zu schwängern und sich künftig nur noch vom Geld der Geliebten zu ernähren. Bilder von dekadenten Yachten, von jungen Starlets in hautengen Kleidern, die ohne Schlüpfer breitbeinig aus Stretch-Limousinen stiegen, von Oben-ohne-Models am Strand, die nur auf ihn gewartet hatten, flimmerten durch seinen Kopf. Klischees, die allesamt von der Presse, vom Fernsehen und vom Internet bedient wurden und sich fest in sein Hirn eingebrannt hatten. Meist musste Viskeletti selbst über seine Fantastereien lachen. Seinen Geist aber darauf zu trimmen, dass diese Welt nur wenig mit dem tatsächlichen Leben zu tun hatte, das wollte er nicht. Eher würde er sie für sich neu erfinden.

Als er in einer stillen, ruhigen, warmen Nacht durch Cannes zog, war ihm sofort ein älterer, gut angezogener Mann ins Auge gestochen. Er war umringt von jungen, hübschen Frauen, wie man sie aus den Kinostreifen bestens kannte. Still und leise war er dem Regisseur Michael Mc Lorey gefolgt, um vor dessen Yacht jäh gestoppt zu werden. Während der Hollywood-Star, den der Ungar nicht wirklich kannte, auf sein Schiff gegangen war, gefolgt von der langbeinigen Mädchenschar, gab es für Viskeletti keinen Weg, um ebenfalls an Bord zu gelangen. Vielmehr verwickelte er sich kurzzeitig in einen heftigen Streit mit einem der Leibwächter Mc Loreys. Bevor es jedoch zu Handgreiflichkeiten kam, hatte sich Viskeletti zurückgenommen, obgleich er wusste, dass er nicht den Kürzeren ziehen würde.

Es musste einen anderen Weg geben, um an Mc Lorey, dessen Namen er inzwischen von den Leibwächtern gehört hatte, heranzukommen. Diese Chance ergab sich schon bald. Viskeletti wartete nahe der Yacht auf Mc Lorey. Der tat ihm auch den Gefallen und verließ das Schiff nur wenige Stunden später. Seine Bodyguards wies er an, ihn allein zu lassen und ihm nicht zu folgen.

Doch nur kurze Zeit später wurde der Hollywood-Star am Hafen erkannt, davor konnten ihn auch sein weißer Hut und die dunkle Sonnenbrille nicht bewahren. Angesichts der immer mehr werdenden Menschen, die sich der Traube der Fans angeschlossen hatten, um einen Blick, ein Autogramm oder einen Händedruck zu erhaschen, wirkte er recht hilflos. Viskeletti nutzte diesen Moment.

»Verschwindet, lasst ihn in Frieden und haut ab!«

Zielstrebig bahnte er sich den Weg hindurch zu Mc Lorey, verdeckte mit seiner breiten Statur den Star und bedeutete ihm, dicht hinter ihm zu bleiben. Lautstark und mit einigen heftigen Handgriffen verschaffte er Mc Lorey wieder Luft zum Atmen.

Während sich die Menschentraube nach und nach auflöste, fanden der Regisseur und der Ungar Zeit, einige Sätze zu wechseln.

»Danke, das war alles andere als angenehm. Fans können manchmal lästig sein, auch wenn sie Brot und Wasser des Erfolgs sind«, sagte der Regisseur und schüttelte Viskeletti heftig die Hand.

Mc Lorey war sichtlich beeindruckt von der körperlichen Kraft Viskelettis, aber auch von seiner bestimmenden Art. So war es eine Selbstverständlichkeit, dass er ihn, nachdem sich die Lage beruhigt hatte, auf seine Yacht einlud.

In den kommenden Wochen sah der Ungar seinen Traum Wirklichkeit werden. Er stieg in den Kreis der Leibwächter auf, war fortan Mc Loreys Ansprechpartner Nummer eins, lernte viel über die Arbeit eines Regisseurs am Set und – das war ihm das Wichtigste – er konnte sich auch so manches Anbandeln mit den Mädchen des Regisseurs leisten. Zwar musste der immer erst sein Okay geben, ehe sich Viskeletti mit einer der hübschen Damen in eine der Schiffskabinen verziehen durfte, das aber störte den 25-Jährigen wenig.

Während Viskeletti den Reichtum und die weiblichen Schönheiten in vollen Zügen genoss, wuchs in Mc Lorey der Gedanke, er habe in dem Ungarn mit seiner energischen Art und seiner heißen Ader genau den Jungen gefunden, den er für sein ehrgeiziges Projekt brauchte: den ersten real gedrehten Kinostreifen mit echten Morden, mit echten Mördern … so real, wie es sich niemand jemals hätte vorstellen können, ganz abgesehen von der Person, die sich der Star-Regisseur als Täter und Opfer herausgesucht hatte. Weder einem Spielberg noch einem Tarantino war je ein so abstruser Gedanke gekommen.

In der Hall of Fame würde er zukünftig vor allen anderen genannt werden. Niemand würde ihm jemals mehr das Wasser reichen können. Niemand würde ihn in einem Atemzug mit einem anderen Regisseur nennen. Mc Lorey würde in die Geschichte eingehen als der erfolgreichste, der wahrhaftigste und der gefährlichste aller Filmemacher. Seine Zeit war gekommen.

6

In der Polizeidirektion, tief im Herzen Cannes, ein ganzes Stück von der Croisette und dem Strand entfernt gelegen, schmierte sich der Kommissar vom Dienst, Laurent Leclerc, gerade eine Schnitte, als ihn über Funk eine merkwürdige Meldung erreichte: »Ein Liftboy im ›Palasthotel‹ hat eins auf die Nase bekommen. Zudem wurde er mit Ether betäubt, kann sich aber ansonsten kaum an etwas erinnern!«

»Was habt ihr getan?«, fragte Leclerc und hoffte darauf, dass er um eine Fahrt bei der Gluthitze in das zwar wunderschöne, aber im Mittagsverkehr mindestens fünfundzwanzig Minuten entfernte Hotel herumkommen würde.

»Wir haben den Stock untersucht, auf dem es passiert ist. Der Liftboy sagte, er wisse mit Gewissheit, dass er in der 19. Etage gewesen sei! Dort war nichts Außergewöhnliches zu finden. Wir haben seine Personalien, zudem werden wir die Videomitschnitte der Überwachungskameras aus allen Etagen untersuchen lassen. Darauf sollte vielleicht etwas zu sehen sein, was uns Aufschluss gibt«, drang über Funk die Stimme des Wachtmeisters an das Ohr des Kommissars.

Leclerc war zufrieden.

»Zieht unsere Männer aus dem Hotel ab. Während des Filmfestivals können wir keine Aufregung gebrauchen, zumal ein Knockout eines Liftboys nicht gerade das ist, was die ganze Stadt in Aufregung versetzen müsste. Vielleicht hat er nur die Freundin eines Kollegen gebumst. Und der hat sich dann an ihm gerächt.«

Leclerc zündete sich eine Zigarette an. Seit vielen Jahren schon rauchte der Polizist. Die Gauloise ohne Filter schien ihm jedes Mal die Lungen zu sprengen, doch er konnte nicht davon lassen. Kaum versetzte ihn ein Fall oder eine Mitteilung – wie die soeben empfangene – in Aufregung, musste er zwangsläufig zur Zigarette greifen.

Zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand ließ er die »Gully« wandern, ehe er sie im Aschenbecher ausdrückte und sich dabei die Finger verbrannte.

»Verdammt!«, schimpfte der Kommissar. »Scheiß Raucherei!«

Es sollte eine seiner geringsten Sorgen in den nächsten Tagen sein.

Mc Lorey und Frank Mellendorf gingen dicht nebeneinander her die Promenade de la Croisette entlang. Immer wieder wurden sie von aufgeregten Mc Lorey-Fans um Autogramme gebeten, mussten auf allem unterschreiben, was nicht niet- und nagelfest war. Mellendorf fand sichtlich seinen Spaß daran. Geduldig erfüllten sie auch die Fotowünsche und der Deutsche verweigerte sich nicht einmal, als er auf dem blanken Busen eines jungen Mädchens unterschreiben sollte.

»Du führst ein Leben«, grinste er Mc Lorey an.

Dieser konterte: »Warum sollte deines anders sein? Du hast das Zeug zum Star! Lass doch diese ganze Öl-Scheiße hinter dir, entledige dich all der Sorgen, die deine 5000 Angestellten dir jeden Tag aufbürden, schnapp dein Geld und zieh hier runter. Das ist das Leben: zwischen Gier und Geilheit, zwischen Drogen und Wahrhaftigkeit, zwischen Extremen und Normalität. Spannung pur – wie in meinen besten Filmen. Du weißt es! Ich strebe nach einem Leben, das den großen Filmen eines voraushat: Es ist real!«

So ganz hatte Mellendorf nicht verstanden, was der Regisseur ihm mitteilen wollte. Die Hitze tat ein Übriges, dass er auch nicht mehr viele Gedanken daran verschwendete und nicht nachfragte. Jedoch klangen ihm einige Worte seines Freundes noch in den Ohren. Vor allem »Geilheit« hatte sich ihm ins Hirn gebrannt. Kein Wunder, sah er sich doch an einem der schönsten Strände Europas mit unzähligen nahezu nackten Schönheiten konfrontiert.

Mellendorf und Mc Lorey schlenderten immer weiter. Längst hatten sie die Passagen erreicht, die nur den Reichen und Schönen vorbehalten waren. So war es selbstverständlich, dass sie hier nicht mehr auf Autogrammjäger stießen und etwas mehr Ruhe hatten. Der Regisseur kannte jedoch Gott und die Welt. An fast jedem zweiten der zum Großteil blau-weiß gestreiften und mit den Emblemen der großen Hotels gekennzeichneten Liegestühle blieben sie stehen und hielten Smalltalk. Klar war das traumhafte Wetter das bestimmende Thema, was Mellendorf sichtlich nervte. Immer wieder forderte er seinen Freund auf weiterzulaufen. Während er selbst noch seine braunen Nobel-Sneakers anhatte, hatte sich Mc Lorey längst seiner Flipflops entledigt und lief barfuß durch den heißen Sand.

»Pass auf, dass du dir nicht die Füße verbrennst!«, sagte Mellendorf und setzte einen ermahnenden Blick auf.

Mehr als »Ja, Papa!« kam aber nicht zurück.

Die Freunde lachten, Mellendorf schlug in die ihm von Mc Lorey dargebotene Hand ein und beide gingen weiter. Sie hatten sich viel zu erzählen, waren doch die letzten Monate ohne ein persönliches Treffen vergangen. Und die vielen Telefonate konnten die Gespräche von Angesicht zu Angesicht nicht ersetzen.

So gab Mellendorf einen tiefschürfenden Einblick in die Entwicklung seines Ölimperiums im vergangenen Jahr. Nach einer explosiven Panne an einer Ölplattform in der Nordsee nahe der Nordseeinsel Helgoland war seine Firma in den heißen Wind der Boulevardpresse geraten. Nachdem das Öl die deutschen Strände der beliebten Urlaubsinsel mit ihren unvergleichlichen Steilküsten bedrohte, hatte die BILD-Zeitung mit aller Vehemenz gefordert, dass Köpfe rollen sollten. Nur seinen erstklassigen Beziehungen zur deutschen Regierung hatte es Mellendorf zu verdanken gehabt, dass er nicht gehen musste. Doch die Überschriften würde er sein Leben lang nicht mehr vergessen: »Die ölige Wahrheit über den Öl-Multi« oder »Öl-Sardinen dank der Gier des Öl-Patriarchen!«

Im Hintergrund hatten bereits die Grabenkämpfe um die Nachfolge Mellendorfs stattgefunden. Später hatte der Deutsche diese zum Anlass genommen, um sich zahlreicher, einst engster Mitstreiter zu entledigen. Nicht zuletzt hatte er dabei auch auf die Worte und die Einschätzungen seiner jungen Chefsekretärin Maritt Pescort vertraut. Kein Wunder, dass er sie überproportional gut bezahlte.

Über Wochen waren die Medien in diesen schwierigen Zeiten über ihn hergefallen. Seine ganze Perfektion, die ihn zu einem der reichsten Männer Europas gemacht hatte, war nötig gewesen, um am Ende doch noch die Kurve zu kriegen. In einer spektakulären Aktion wurde das große Loch, das nach der gewaltigen Explosion unterhalb der Ölplattform klaffte, dank eines eisernen Pfropfens gestopft und das schwarze Gold zurückgedrängt. Um die entstandene Blase nicht zum Platzen zu bringen, setzte Mellendorf eine mobile zweite Plattform ein, die ihren Rüssel nun in die Tiefe streckte und das Öl abpumpte. Zudem war es Spezialisten, die offiziell von der deutschen Regierung beauftragt worden waren, gelungen, den Ölteppich bis auf winzige Reste abzusaugen. Auch dieses Unterfangen ging eigentlich auf die Initiative des Managers zurück, gleichwohl musste er den Erfolg an seine Spezis in der Politik abtreten, sodass auch diese im Rampenlicht stehen konnten. Das Ganze zeigte auf perfide Weise die in der internationalen Unternehmerwelt herrschende Korruption. Aber Mellendorf war es egal: Das Schlimmste war abgewendet, tatsächlich blieben die deutschen Strände vom Öl verschont.

Es dauerte nur wenige Wochen, schon stand Mellendorf erneut in den Schlagzeilen. Dieses Mal jedoch war er der Held: »Helgoland gerettet – Öl-Multi bezwingt Naturgewalt!« und »Mellendorfs Macht zwingt sprudelnde Natur in die Knie!«, hatte die BILD getitelt. Innerhalb kürzester Zeit war er von einem Unternehmer, der bedroht wurde, zu einem gefeierten Umweltstrategen mutiert: gestützt durch eine Regierung, die sich diesen Erfolg mit ans Revers heftete und mit aller Macht versuchte, daraus regen Profit zu schlagen in Sachen Wählergunst. Zumindest die Umfragewerte bewiesen, dass das Kalkül aufgegangen war. Und: Mellendorf wurde plötzlich gehandelt als möglicher neuer Superminister, der den Spagat zwischen Wirtschaft und Umwelt meistern sollte.

Mc Lorey schüttelte sich, als er die Geschichten, die er freilich in den Nachrichten verfolgt hatte und die ihm Mellendorf bereits in Kurzform erzählt hatte, nun noch einmal brühwarm serviert bekam.

»Schweine, alles Schweine! Die Medien, die Politiker – fern jeder Realität. Und noch dazu korrupt, was dir aber wohl dieses Mal entgegenkam.«

Schallend lachte Mc Lorey über seinen eigenen Witz.

Mellendorf gab ihm einen so heftigen Knuff in die Seite, dass er über den nächsten Liegestuhl und auf eine dunkelhäutige Schönheit fiel. Die stieß einen entsetzten Schrei aus.

»Darf ich Sie zur Entschädigung heute Abend auf meine Yacht einladen?«, reagierte Mc Lorey prompt.

Er handelte sich keine Absage ein.

7

»Verdunkelt alles! Rollläden runter und Vorhänge zu. Von draußen darf hier keiner mehr reinsehen!«

Die drei Helfer von Ferenc Viskeletti, die nach dem kurzen Zwischenfall mit dem Pärchen auf dem Flur zuerst die Suite von Frank Mellendorf im 20. Stock erreicht hatten, erledigten eilig noch einige Dinge: Die Drecksarbeit, wie sie fanden, jedoch zahlte Mc Lorey sie einfach zu gut dafür, als dass sie hätten ablehnen können.

»Ich bin Schauspieler!«, knurrte einer und erhielt dafür einen Tritt.

»Du Arsch, das weiß jeder. Später darfst du deine Rolle spielen. Jetzt musst du anpacken.«

Eine dritte Stimme unterbrach die beiden Männer.

»Los jetzt! Wir haben wenig Zeit!«

Es war die Stimme einer jungen Frau. Sie warf den Kopf in den Nacken, schüttelte ihr blondes Haar und schlüpfte aus dem blauen Arbeitsanzug, in den man sie gesteckt hatte.

»Nachher bringe ich dich um«, flachste der Schauspieler und fing sich eine satte Ohrfeige ein.

Ging es um seine Filme, so scheute Mc Lorey keine Kosten. Und selbst wenn die Produzenten ihm einmal den Geldhahn zudrehten, so legte er aus seiner Privatschatulle noch die restlichen Dollars oben drauf, um sein Projekt durchziehen zu können. Und bislang war sein Kalkül stets aufgegangen. Bestes Beispiel: ein »Movie«, das Mc Lorey vor rund drei Jahren zum Abschluss gebracht hatte.

In »Stay on the other Side«, wofür in der deutschen Übersetzung wie so oft ein schwachsinniger Titel gewählt wurde, nämlich: »Das Orakel«, hatte Mc Lorey die Wahrsagungen einer 100-Jährigen Wirklichkeit werden lassen: das Ansteigen der Meeresspiegel bis auf das Niveau der Rocky Mountains. Während die östliche USA in den Fluten versank, kämpften die Bewohner im Westen gegen die Flüchtlinge. Nur noch ein Quadratmeter Fläche pro Person war den Leuten hinter den Rockies zum Leben geblieben, sodass keiner der vor den Wassermassen Fliehenden mehr über die Grenzen kommen durfte. Ein Wasserinferno, ein Katastrophenfilm der Güteklasse A war es gewesen, den Mc Lorey aus dem Boden und den Zentralrechnern der Filmstudios stampfte. Das Endzeitdrama, das im Untergang der irdischen Welt gipfelte, war der Kassenschlager. Einmal mehr hatte Mc Lorey ein glückliches Händchen bewiesen, wurde von den Medien als der neue Emmerich gefeiert, und nach nur wenigen Wochen waren die Kosten des Films dreifach wieder eingespielt.

Der Regisseur selbst war allerdings nicht zufrieden. Nein, der Vergleich mit Kollegen war ihm alles andere als angenehm. »Godzilla«, »King Kong« oder auch »Independence Day« – das waren nette Filmchen der Regisseure gewesen, die die Welt mit unterhaltendem Schwachsinn zudröhnen wollten. Mc Lorey sehnte sich aber nach seinem eigenen Genre, nach seiner eigenen Welt: nach Realität. Nach der Produktion von »Orakel« hatte er begriffen, dass es nicht mehr in seinem Sinne war, Filme zu drehen, die nur auf Effekthascherei aus waren. Mc Lorey wollte weg von Hollywood. Die letzten Jahre hatten ihm täglich aufs Neue die Augen geöffnet.

Die gut bezahlten Helfershelfer Mc Loreys, zwei davon recht ambitionierte Schauspieler, waren in der Suite des Topmanagers noch bei ihren Vorbereitungen, als Ferenc Viskeletti mit dem schweren Gepäck im Nacken schweißgebadet die Suite erreichte.

»Verteilt das Blut auf dem Bett und zieht eine Spur hinüber in das Badezimmer«, gab er sofort den Ton an, »aber so, dass wir nachher noch agieren können.«

Den kleinen verschlossenen Eimer hatte er aus dem großen Paket genommen und den dreien in die Hand gedrückt. Wenige Sekunden später war auf dem Bettlaken ein riesiger Blutfleck und eine Blutspur führte durch den Raum hinüber zum Badezimmer. Mit Einmalhandschuhen griff Viskeletti in den Eimer und umfasste den runden Griff der Badezimmertür. Dann zog er seine Schuhe und Strümpfe aus und verwischte mit seinen, ebenfalls in Gummiüberzügen steckenden, Füßen die Spuren, sodass es aussah, als habe auf den gelb-blauen Fliesen ein erregter, blutiger Kampf stattgefunden. Auch über die gelbe Badewanne mit Whirlpoolfunktion, die ihren Gästen alle Annehmlichkeiten bereiten sollte, ließ der junge Ungar die Bluttropfen laufen. Die Körperflüssigkeit rann hinunter bis zum Ansatz der Wanne und färbte die Fugen der Fliesen rot.

8

Für Viskeletti war es gar nicht so einfach gewesen, einen ganzen Eimer mit Blut aufzufangen, als er wenige Stunden zuvor am Hafen dem jungen Mädchen mehrfach sein Messer in den Oberkörper gerammt hatte. Bereits der erste Stoß, direkt ins Herz, hatte ihr Leben ausgehaucht. Jedoch hatte der Blutfluss nicht ausgereicht, um genügend Flüssigkeit für das Präparieren der Suite zu haben. So stieß er noch mehrfach das lange Brotmesser in ihren Bauch und hielt den Körper waagerecht über den Eimer, der sich mehr und mehr füllte.

Es war die erste Bluttat des Ungarn. Trotz seiner Bärenkräfte und seines ausgeprägten Egos eine heikle Mission, die ihm Mc Lorey aufgetragen hatte. Kein Wunder, dass sich Viskeletti mehrfach übergeben musste, nachdem er die Tat an der jungen, hübschen Französin begangen hatte.

Viskeletti beugte sich weit von ihr weg und gab alles von sich, was er in den Stunden zuvor gegessen hatte. Sein Bauch verkrampfte sich immer wieder, bis auch der letzte Tropfen Galle seinen Körper verlassen hatte. Das passte so gar nicht, so wunderte er sich selbst, während er mit seinem Jackenärmel seinen Mund abwischte, zu seinem ansonsten so harten Auftreten.

Als er sich wieder eingekriegt hatte, biss er auf seine Unterlippe und musste erstmals wieder lächeln.

»Ich werde mich schon dran gewöhnen. Vielleicht war sie einfach zu hübsch!«

Viskeletti hatte mehr oder weniger willkürlich zugeschlagen. Lediglich der Typ Frau, den er für den Mord auszuwählen hatte, war festgelegt, hatte den Vorgaben für den Film zu entsprechen. Nicht älter als zwanzig Jahre durfte das Mädchen sein, außerdem schlank und möglichst attraktiv.

Der Ungar war am Strand von Cannes entlanggegangen und hatte zahlreiche junge Damen gesehen, die sein Beuteschema erfüllten. Jedoch traf er hier auf ein ganz anderes Problem: In der französischen Hauptstadt des Films war es alles andere als leicht gewesen, eine Person nach Wunsch zu finden und noch dazu allein mit dem Opfer zu sein, um keine unliebsamen Zeugen für die Tat zu haben. So schlich Viskeletti in Richtung Hafen: weg von den vollen Stränden, die selbst in den Abendstunden bei der sommerlichen Hitze noch gut frequentiert waren, und vorbei am Kongresszentrum bis zum Großparkplatz. Dieser hatte sich inzwischen geleert, sodass er einen guten Überblick, andererseits aber genügend Winkel und Verstecke hatte, um die Tat in aller Stille anzugehen.

Hinter einem kleinen weißen Kassenhäuschen bezog Viskeletti Stellung und hielt Ausschau.

»Verdammt«, stöhnte er leise vor sich hin, als er eine Kandidatin ins Visier genommen hatte, dann aber feststellen musste, dass die junge Frau in Begleitung von drei gut gebauten Männern war.

Wieder musste er warten.

Rund zwei Stunden verharrte Viskeletti in seinem Versteck, ehe das Handy in seiner karierten Dreiviertel-Hose vibrierte.

Die SMS gab ihm eine klare Anweisung: »Du hast Zeit bis zum Morgen. Dann erwarte ich ein positives Zeichen von dir!«

Mc Lorey sendete Viskeletti per MMS noch ein Foto vom angetrunkenen Mellendorf.

»Das ist unser Hauptdarsteller! Alles ist am Laufen – also enttäusch mich nicht«, schrieb Mc Lorey.

Viskeletti schüttelte den Kopf. Er würde seinen Brötchengeber keinesfalls enttäuschen, so schwierig die Tat für ihn auch sein würde. Wieder wanderte sein Blick zu den Häuserfassaden nahe dem Parkplatz. Nichts. Auf der anderen Seite, bei den im Wasser schaukelnden Yachten, Segelbooten und Katamaranen, entdeckte er erneut nur Männer.

»Haut ab«, zischte er leise vor sich hin und vernahm einige Laute in einer Sprache, die er nicht verstand.

Deutsche? Skandinavier? Vielleicht auch … Eigentlich war ihm vollkommen egal, woher diese Touristen kamen, denn sie bedeuteten für ihn nur Probleme: Einerseits störten sie, andererseits entsprachen sie nicht dem Opferprofil.

Nachdem die Nacht mehr und mehr hereingebrochen war, fielen Viskeletti schon fast die Augen zu, als plötzlich seine Stunde kam. Die Stunde Mc Loreys. Die Stunde des Opfers. Die Stunde des Beginns des wohl größten Filmes aller Zeiten.

Die blonde Schönheit tauchte wie aus dem Nichts bei den Booten auf und schaute immer wieder hinaus aufs Meer, auf dem sich immer noch Yachten tummelten. Von einer drang laute Discomusik herüber und Viskeletti hätte schwören können, dass es die Pracht-Yacht seines Chefs war, in der gefeiert wurde, während er den härtesten Job seines Lebens anging. Doch zum Nachdenken war jetzt keine Zeit. Viskeletti heftete seinen Blick auf die bildhübsche junge Frau, deren Schicksal bereits besiegelt war.

»Schade drum«, dachte sich Viskeletti und ließ die Sekunden verstreichen. »Ja, wackel nur mit deinem Arsch!«

Langsam lief das junge Mädchen auf seinen Mörder zu. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann war alles vorüber. Nach dem dritten, vierten Stich strömte das Blut.

Die Leiche packte Viskeletti in den grünen Militärsack, mit dem ihn Mc Lorey ausgestattet hatte, und den Eimer verschloss er mit dem dazugehörigen Deckel – alles lief perfekt. Dann aber musste er sich übergeben. Vorbei war es mit der scheinbaren Eiseskälte in seinem Herzen, die er eben noch demonstriert hatte, als das junge Ding auf ihn zugelaufen war und noch jeden Atemzug ihres viel zu kurzen Lebens genoss. Sie hatte keinerlei Chance gehabt. Die Klinge hatte sie aufgeschlitzt, sodass in nur wenigen Augenblicken ihr Herz aufhörte zu schlagen. Der Ungar war sich sicher: Sie hatte nicht leiden müssen. Doch diesen Anflug von Mitleid wischte er beiseite. Emotionen waren nicht die Welt Viskelettis. Er musste den Steg vom Blut des Mädchens säubern, um keine Spuren zu hinterlassen. Immer wieder wurde er dabei gestört, doch er passte auf und konnte im Schutz der Dunkelheit noch das erste Kapitel seines Auftrages beenden.

Müde erreichte Viskeletti sein Quartier im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses nahe den Einkaufspassagen. Den Militärsack deponierte er im Keller, schloss die Tür hinter sich zu und schlüpfte drei Etagen höher in dem angemieteten Ein-Zimmer-Apartment in seinen Schlafsack. Nur wenige Stunden würden ihm bleiben, dann musste er mitsamt seinem Opfer in der Halle des »Palasthotels« stehen. Alles Weitere würde sein Chef organisieren. Er legte die Hände links und rechts neben seinen Kopf und sah an die weiß gestrichene Decke, an der eine kleine Glühbirne nur mäßig viel Licht spendete.

»Ein kleines Licht wird gelöscht, um ein großes zu entfachen«, überlegte er und musste über so viel Philosophie aus seinem eigenen Mund lauthals lachen.

Es war ein böses, tiefes Lachen. Er drehte sich zur Seite und schlief ein.

9

Viskeletti herrschte seine Helfer an, schneller zu machen.

»Wir haben nicht viel Zeit! Kamera an ihren Platz, die Mikrofone links und rechts des Betts sowie im Bad. Schneller, schneller!«

Der Ungar wies die Crew an, genau nach den Schritten vorzugehen, die ihm Mc Lorey vorgegeben hatte. Es wurde ein schwummriges Licht geschaffen, sodass die Personen in dem Film nicht gleich zu erkennen sein würden. In Rekordzeit verwandelte sich die Suite in einen perfekt gestalteten Drehort.

Die Kameras liefen an. Totenstille bei Viskeletti und seinen Helfern. In der Halbdunkelheit schlich sich eine Person an die bäuchlings auf dem Bett liegende Frau. Kein Zweifel: Es handelte sich um Frank Mellendorf. Er strich der Frau zärtlich über Rücken, Po und Beine und diese begann leise zu stöhnen. Mellendorf legte sich von hinten auf die Frau, die es genoss, ihn zu spüren. Immer lauter wurde das Stöhnen, ehe abrupt das Licht anging. Viskeletti bedeutete dem jungen Schauspieler, sich auf den Weg zum Badezimmer zu machen. Die Kameras filmten weiter und weiter, wie sich der Topmanager in Richtung Bad bewegte, langsam die Tür öffnete und hinter der Tür verschwand. Die junge Frau erhob sich vom Bett und folgte Mellendorf.

Als die blonde, attraktive, splitternackte Frau die Tür zum Bad öffnete, riss Mellendorfs Double sie mit voller Wucht ins Badezimmer. Sie wusste nicht, wie ihr geschah, und konnte nur noch einen lauten Schrei ausstoßen. Dann rammte ihr der Milliardär ein Messer in die Brust. Mehrmals stach er zu. Sie torkelte aus dem Bad heraus und schaffte es blutüberströmt gerade noch bis zum Bett, wo sie kopfüber zusammenbrach und auf dem Bauch liegen blieb.

»Kameras stopp!«, gab Viskeletti das Signal.

Kurz brandete Applaus auf für den jungen Schauspieler, der Mellendorf verkörpert hatte, und für die junge, hübsche Französin, die sich vom Bett erhob.

Viskeletti stolperte über ein Kabel und fluchte, ehe er den Militärsack mit der Leiche öffnete. Er nahm die junge Frau und legte sie auf das Bett, ihr Gesicht nach unten gekehrt, sodass ihr nackter, unversehrter Rücken zu sehen war. Mit dem Drapieren der Leiche war Viskeletti zufrieden. Er schoss mit seinem Handy ein Foto und sendete dieses per MMS an Mc Lorey. Es dauerte nur Wimpernschläge, bis die Antwort des Regisseurs kam.

»Perfekt!«, war in Großbuchstaben zu lesen.

Viskeletti starrte sekundenlang auf sein Handy und war stolz. Er hatte einen der bekanntesten Regisseure Hollywoods glücklich gemacht – in dessen eigenem Metier: dem Gestalten von Filmszenen und -szenarien. Doch Zeit zum Zurücklehnen blieb nicht. Rasch packten Mc Loreys Helfer all ihre Filmutensilien zusammen.

»Der Chef wird begeistert sein«, dachte sich Viskeletti erneut, als er das Schlachtfeld um sich herum sah.

Die Leiche lag in der richtigen Position und die wichtigste Szene war im Kasten, ohne dass der eigentliche Regisseur vor Ort gewesen war. Viskeletti musterte sich. Seine Kleider waren blutverschmiert. Er und seine Crew mussten zusehen, möglichst schnell wieder den Ort des Geschehens zu verlassen. Zurück blieben nur die Leiche und das Blutbad im Schlafraum und im Badezimmer.

Viskeletti hob vom Boden eine Krawatte auf, die Mellendorf gehören musste. Sie war cremefarben und mit schwarzen Lettern bestickt.

»Not for everybody!«, war darauf zu lesen.

Der Ungar grinste.

»Wie recht du hast, Mörder!«

Er nahm die Krawatte und steckte sie ein. Sie sollte seine Erinnerung bleiben an einen tragischen Ort, eine dramatische Tat und den bestinszenierten Mord aller Zeiten.

»Den es gilt, jemand anderem in die Schuhe zu schieben«, grinste Viskeletti.

Er lachte wieder lauthals und erschreckte seine Helfer, die immer noch damit beschäftigt waren, alle Spuren des Filmens zu beseitigen. Es dauerte noch lange vier Minuten, dann konnten sie aufbrechen. Wie ein Boxen-Stopp-Team hatten sie Hand in Hand gearbeitet und verließen den Ort des Geschehens nun in Windeseile. Viskeletti ging voran. Er hatte die Zeit genutzt, um auch sich selbst umzuziehen.

Von innen klopfte Viskeletti dreimal an die Tür der Suite.

»Die Luft ist rein!«, drang es an sein Ohr.

»Was ist mit dem Liftboy?«, knurrte er seinen Kollegen an, nachdem er die Tür einen Spalt geöffnet hatte.

»Alles bestens!«

»Das will ich hoffen«, sagte der Hüne und schaute suchend den Flur hinunter.

Tatsächlich schien es so, als sei er nicht angelogen worden.

Viskeletti und die komplette Crew schlichen sich mit der Filmausstattung durch den Gang und nahmen den Weg über die Treppen hinunter in die unteren Etagen. Als die Tür zum Treppenkorridor ins Schloss fiel, kam der Aufzug gerade in der 20. Etage an. Die Schiebetüren öffneten sich und Frank Mellendorf trat aus dem Lift.

10

Laurent Leclerc schaute auf die leere Zigarettenschachtel. Er hasste sich selbst für seine Raucherei und musterte nochmals den verbrannten Finger. Längst schon hatte er die Polizeidirektion an diesem Tag verlassen wollen. Doch wieder einmal waren ihm die Fälle über den Kopf gewachsen. Wie so oft fluchte er vor sich hin und bezweifelte immer mehr, ob es vor rund einem Jahr der richtige Schritt gewesen war, sich auf den Posten des Kommissars vom Dienst befördern zu lassen. Im Drei-Schicht-Wechsel mit zwei Wachtmeistern stemmte er seither die Hauptarbeit in der Direktion, in einer Stadt wie Cannes ein Knochenjob. Zwischenzeitlich war der Bauch unter seinem Hemd gewachsen, sein Gesicht mächtig gealtert und er hatte deutlich weniger seiner fast schulterlangen Haare auf dem Kopf. Beim Blick in den Spiegel erkannte er sich oftmals selbst nicht wieder.

»Mein Gott, wenn ich so weitermache, kann ich in zehn Jahren Rente beantragen.«

Dass seine Freunde und Kollegen ihn immer wieder warnten, sein Pensum herunterzuschrauben, war ihm jedoch schnuppe gewesen. Zu sehr liebte er seine Arbeit und auch dieses »ganze Scheißpack«, mit dem er es Tag für Tag zu tun hatte. Die Hassliebe zu den Verbrechern war es, die ihn vor sich selbst oftmals erschauern ließ. Anstatt sich abzuwenden, sah er stets zweimal hin, und waren die Fälle noch so grausam. Leclerc übersah nichts, denn er vergewisserte sich gründlich, bevor er einen Tatort verließ und wieder freigab.

Erst vor zwei Wochen war es ihm einmal mehr gelungen, einen Sexualstraftäter dingfest zu machen. Diese Genugtuung war für ihn der Ersatz für all das, was er ansonsten im Leben versäumte. Mit einem Schuss in die rechte Schulter hatte er den 24-jährigen Franzosen niedergestreckt, nachdem er sich mit ihm eine Hetzjagd geliefert hatte quer durch die Touristenstraße in Cannes. Der Bewaffnete, auf den alle Indizien hingedeutet und den Leclerc und seine Kollegen schon länger im Visier gehabt hatten, flüchtete, als ihn die Polizisten stellen wollten. Er schoss wild um sich und traf dabei zwei Kollegen in die Beine. Nur der Kommissar konnte ihm folgen bis in eine Schuhboutique, die dem Täter schließlich zum Verhängnis wurde. Leclerc hatte ihn über einen der Spiegel ins Visier genommen und getroffen. Alles Weitere war dem 42-jährigen Polizisten ein Leichtes gewesen. Die Festnahme hatte er mit einem hasserfüllten Blick in das Gesicht seines Kontrahenten begleitet.

»Du sollst in der Hölle schmoren!«, hatte Leclerc geknurrt, bevor ihn ein junger Kollege an der Schulter nahm und zur Seite zog.

Die Routinearbeit hatte er schließlich den anderen Beamten überlassen und auf den Dank durch seinen Vorgesetzten gerne verzichtet. Dass es ihm wieder gelungen war, »ein solches Schwein« hinter Gitter zu bringen, war ihm mehr wert als jedes Schulterklopfen. Ehrenbezeugungen hatten ihm nie etwas bedeutet. Während viele seiner Kollegen nur darauf aus waren, sich in der Öffentlichkeit in den eigenen Erfolgen zu sonnen und nach abgeschlossenen Fällen gar Urlaub zu nehmen, war er immer wieder an den Schreibtisch zurückgekehrt und hatte nur für wenige Minuten die Augen geschlossen. Noch einmal ließ er so alles an sich vorüberziehen, um damit innerlich abzuschließen. Tat er es nicht, so hätte ihn auch der harmloseste Handtaschenraub noch in der Nacht verfolgt.

Wieder klingelte vor ihm das Telefon. Leclerc schaute sorgenvoll auf die Uhr an seinem Handgelenk, eine Imitation, die er sich beim letzten »Urlaub« am wenige Kilometer entfernten Strand geleistet hatte. Längst war es nach 14 Uhr und das Treffen mit zwei Kumpels in einer der Bars von Cannes, dem ultracoolen Schuppen »La Bouche«, hatte der Kommissar bereits per SMS verschoben.

»19 Uhr frühestens!«, hatte er seinen Freunden gesagt.

Das Klingeln des Telefons riss nicht ab. Ja es entwickelte sich in Leclercs Ohren zu einem Sturm. Er griff zum Hörer und traute seinen Ohren nicht.

»Wir haben eine Tote im ›Palasthotel‹!«, sagte die Stimme am anderen Ende.

Leclerc sah seine Chance auf einen zeitnahen Feierabend an diesem Tag schwinden. Doch er war Profi genug, um in kürzester Zeit den eigenen Frust hintanzustellen und sich wieder ganz seiner Arbeit zu widmen. Er setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und drehte sich nervös um die eigene Achse, während er sich die Details erzählen ließ.

»Wo liegt das Mädchen?«

»In einer Suite in der 20. Etage!«

»Wer hat uns verständigt?«

Die Stimme am anderen Ende zögerte kurz.

»Wer?«, wiederholte Leclerc.

»Der Mieter der Suite. Er sagt, er sei gerade nach Hause gekommen und habe das Mädchen gefunden.«

Leclerc bohrte nach: »Wer ist es?«

»Das Mädchen? Keine Ahnung!«

»Nein, der Hotelgast«, fluchte der Kommissar, inzwischen angesäuert.

»Millionär Frank Mellendorf!«

Nur zwei Minuten nach diesen Informationen saß Leclerc bereits in seinem Dienstwagen, einem Renault Mégane, der nahezu zehn Jahre auf dem Buckel hatte, von dem er sich aber nicht trennen wollte.

»Mellendorf? Mein Gott, hätte es uns eigentlich noch heftiger erwischen können? Ein zusammengeschlagener Liftboy! Eine Tote! Und das alles während des Festivals. Und auch noch im ›Palasthotel‹. Und dann ein Millionär, der das Mädchen in seiner eigenen Suite findet?«

Leclerc schüttelte den Kopf.

Am Steuer sitzend tippte er parallel eine SMS in sein Handy: »Komme nicht – Einsatz!«, sendete er an seine Freunde.

Wieder einmal musste ein Abend ohne ihn stattfinden. Bevor er die SMS abschickte, warf er nochmals einen Blick auf das Handy. Und beinahe hätte er einen alten Citroën C4 gerammt, als er auf die Gegenspur abdriftete.

11

»Sonntagsfahrer, diese Sheriffs«, knurrte Viskeletti am Steuer, zog den Citroën gekonnt am Polizei-Renault vorbei und machte sich auf den Weg in Richtung Norden.

Das Filmmaterial wollte er in den Filmstudios, die Mc Lorey nahe des Spielcasinos angemietet hatte, abgeben und dann sofort in Richtung Rotterdam weiterfahren. Mc Lorey würde zufrieden sein, hatte er doch auch die Videos aus den Sicherheitskameras in der Tasche. Alles war grandios gelaufen. Der Ungar griff zu seinem Handy.

»Fertig!«, schrieb er an den Regisseur.

Kurz, knapp, emotionslos.

Mc Lorey lächelte, als er das Wort las.

Und er schrieb zurück: »Dann mach dich auf den Weg! Du hast mehr als 1000 Kilometer vor dir!«

Nur noch wenige Minuten, so vermutete Mc Lorey, dann würde die Polizei Mellendorf befragen. Der Milliardär würde wahrscheinlich ihn als Alibi angeben. Jedoch fehlte dem Deutschen jeder Beweis. Schließlich war die Tote bereits in der Nacht ums Leben gekommen, das Blut nicht mehr frisch. Und so schnell würde die französische Südküsten-Polizei sicher nicht feststellen, dass sie nicht im Hotel, sondern ein ganzes Stück davon entfernt, am Hafenparkplatz, ermordet worden war.

Dass er den halben Tag mit dem deutschen Ölmagnaten verbracht hatte, würde er nicht leugnen, doch das könnte die Haut von Mellendorf letztendlich nicht retten. Zu deutlich wäre er auf den Sicherheitsvideos der Kameras im Flur zu erkennen, die die Polizei von der Hotelleitung anfordern wird. Dass diese nicht von diesem Tag stammten, sondern aus dem vergangenen Jahr, würde niemand merken. Schließlich war Mc Lorey einer der besten Regisseure der Welt und hatte alles mit größter Sorgfalt vorbereiten lassen. Einmal wollte er perfekt sein – perfekter als der erfolgreiche Unternehmer Mellendorf!

Als Mellendorf den langen Korridor bis zu seiner Suite entlangschlenderte, galten seine Gedanken Mc Lorey.

»Was für ein Mann«, dachte er sich, »ein richtiger Lebemann und dabei doch so erfolgreich.«

Im Gegensatz zu ihm hatte sich der Amerikaner zwar auch mit Herz und Verstand seinem Beruf verschrieben, jedoch dabei Spaß gehabt. Frank Mellendorf glänzte bei der Arbeit rund um die Raffinerien und was seine Taten für seine Mitarbeiter anbelangte. Er war der Inbegriff eines weitblickenden Großindustriellen, der sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnte, aber auch kein Risiko scheute. Doch selbst beim Meistern großer Krisen wirkte der Deutsche nicht glücklich. Zu sehr fraß ihn seine Arbeit auf, als dass er das Leben hätte leben können, das er sich in seinem tiefsten Inneren wünschte. Die kurzen Liebschaften, meist One-Night-Stands, konnten ihn dabei nicht befriedigen. Sexuell ja, aber nicht in der Form, dass er sich des Lebens freuen konnte.

In einem der Bilder an den Wänden sah Mellendorf eine junge Frau, die seiner Sekretärin glich. Er musste lachen und schämte sich kurzzeitig sogar für seine Gedanken an die Massage von Maritts Füßen. Wie er nun merkte, wollte er Maritt doch mehr, als er je zugeben würde. Er vertiefte sich in seine Gedanken an die junge Holländerin, die ihn schon oft mit ihrem unendlichen Charme um den Finger gewickelt hatte, sodass sich Mellendorf fragte, wo sie in ihrem jugendlichen Alter von 28 Jahren diese Perfektion im Umgang mit einem gestandenen Mann wie ihm hernahm.

An der Tür zu seiner Suite angekommen führte er die Keycard langsam in den Schlitz ein und zog die Karte mit einem Ruck nach unten. Das kleine rote Lämpchen an der Tür sprang auf Grün. Mellendorf griff nach der Klinke und drückte diese langsam nach unten. In seinem Zimmer würde er gleich zum Handy greifen und sich endlich bei Maritt melden. Wieder musste er grinsen, als er an ihre wunderschönen Füße dachte.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968172491
ISBN (Buch)
9783968172750
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v915282
Schlagworte
Krimi-nal-thriller-roman-e Cannes-französisch-en-Côte-d-Azur Polizei-krimi-nal-roman-e Krimi-Thriller-Frankreich Action-Psycho-patisch-Krimi-Thriller größen-wahnsinn-iger-Regi-sseur rasante-hetz-jagd-ver-folg-en-ung-s-jagd

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    Ralph F. Wild (Autor)

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Titel: Tödliche Regie