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Love will find us

Für ewig und immer

von Ben Bennett (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Die 24-jährige Penny ist überglücklich verliebt und hat in Jay ihren absoluten Traummann gefunden. 16 Jahre später feiert die nun 40-Jährige ihren Geburtstag allerdings mit einem Glas Champagner als einziger Gesellschaft. Wie konnte es so weit kommen und wieso kreisen ihre Gedanken noch immer nur um Jay? Auf einer nächtlichen Fahrt mit dem Wonder Wheel, dem malerischen Riesenrad von Coney Island, blickt sie auf ihr Leben zurück. Da geschieht das Wunder dieser magischen Sternennacht: Als sie die Gondel verlässt, findet sie sich auf einmal in dem Jahr wieder, in dem sie Jay zum ersten Mal begegnete. Gibt es für Penny eine zweite Chance für ihre Liebe?

Dies ist die Neuauflage des Romans Wohin die Zeit uns führt.

Impressum

dp Verlag

Überarbeitete Neuausgabe August 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-222-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-264-4

Covergestaltung: A&K Buchcover
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: ©hackman, ©tomert
shutterstock.com: ©Light Field Studios
iStockphoto.com: ©michaldziki
Lektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Money talks
But it can’t sing and dance and it don’t walk
As long as I can have you here with me
I’d much rather be
Forever in blue jeans …

NEIL DIAMOND

PROLOG

Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: Die eine, große Liebe ist nichts weiter als ein Traum – solange, bis zwei Menschen ihn zusammen träumen.

Wenn zwei Menschen einander lieben, wirklich lieben, in guten wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, bis dass der Tod sie scheidet, dann ist alles möglich.

Und genau so würde die Geschichte von Penny und Jay beginnen.

Wenn nicht … nun, wenn nicht eine Sache namens Leben dazwischen gekommen wäre und alles vermasselt hätte.

Und deshalb beginnt die Geschichte von Penny und Jay anders.

Nicht dort, wo Geschichten normalerweise beginnen – an ihrem Anfang. Sondern dort, wo sie uns zu Tränen rühren: An ihrem Ende.

40 – Letztes Kapitel

Manhattan, New York, Dezember 2015

Das Mondlicht gehörte Penny ganz allein.

Und genau das war das Problem.

Nicht, dass überhaupt ein Mond am Himmel zu sehen war in dieser Nacht: Ein Schneesturm hatte die Straßen New Yorks praktisch lahmgelegt, und Penny saß hinter dem Steuer ihres Chrysler Coupes, den Blick halb auf den zum Stehen gekommenen Verkehr gerichtet und halb auf die elegante Cartier-Uhr an ihrem Handgelenk, die sie sich von ihrem letzten Bonus gekauft hatte. Es ging auf Mitternacht zu, sie war die Letzte im Büro gewesen. Wie immer.

Wie es aussah, würde sie es nicht rechtzeitig nach Hause schaffen.

„Just a kiss on your lips in the moonlight …“

Der Song von Lady Antebellum, der leise aus dem Autoradio kam, untermalt vom sanften Schwingen ihrer Scheibenwischer, die auch als Mini-Schneepflug ausgezeichnete Arbeit leisteten, hatte sie daran erinnert, dass es auf den Lippen noch einen anderen Geschmack geben konnte als den des Thunfischsandwiches, das sie sich als verspätetes Abendessen vor einer halben Stunde aus dem Automaten in der verwaisten Kantine gezogen hatte.

Einen weitaus süßeren.

Ja, genau genommen hatte der Song sie erst auf die Idee gebracht, dass sich in ihrem Aktiendepot möglicherweise zu viel Mondlicht für sie allein befand. Dass ihr sonst so verlässliches Risk Management in diesem Punkt kläglich versagt hatte. Es gab vieles, das man allein besitzen konnte, aber Mondlicht gehörte nicht dazu.

Um es wirklich genießen zu können, waren zwei Teilhaber erforderlich.

Aber so war es nun mal: Alles im Leben hatte seinen Preis. Sie hatte die Karriereleiter erklommen, halbwegs zumindest. Wenn sie so weiter machte, würde sie schon in ein paar Jahren das Risk Management bei Stellar Investments leiten, einer kleinen, aber feinen Kapitalanlagefirma an der Wall Street, und wäre damit nur eine einzige, goldene Sprosse unterhalb von Chris Ash, dem Boss des Ladens.

Ja, die kleine Penny Lane aus Tuscaloosa, Alabama. Tuscaloosa, nicht Liverpool.

Penny Lane, deren Eltern Caroline und George die größten Beatles-Fans der Welt waren und ihre einzige Tochter deshalb nach einem ihrer berühmtesten Songs benannt hatten. Und eben diese Tochter, die nun nicht mehr ganz so kleine Penny Lane, war gerade dabei, es allen zu zeigen.

Sie war dort, wo die Musik spielte: Im Herzen der Wall Street. Sie spielte zwar nicht die erste Geige, aber sie war auf dem Weg dorthin.

Und aus diesem Grund gehörte das Mondlicht nun ihr ganz allein.

Es war niemand da, mit dem sie es teilen konnte.

Während der Schneefall heftiger wurde, dämmerte ihr langsam, dass sie die ersten Minuten ihres vierzigsten Geburtstags im Auto, in der Tiefgarage oder im Fahrstuhl hoch zu ihrer Wohnung verbringen würde.

Sie hatte sich verkalkuliert und war einfach zu spät aufgebrochen, als könne sie das Ereignis so noch ein wenig hinauszögern. Es noch einige kostbare Momente in der Dunkelheit der fest verschlossenen Kiste mit der Aufschrift Ferne Zukunft verborgen halten.

Ihre Uhr zeigte fast halb eins, als sie schließlich die Tür zu ihrem Apartment aufstieß. Im Spiegel neben der Eingangstür begrüßte sie eine zerbrechlich wirkende Gestalt mit einem flüchtigen Blick aus müden, silberblauen Augen. Kam es ihr nur so vor oder hatte ihr einst makellos blondes Haar an Farbe verloren? Jedenfalls sah es unmöglich aus. Es stand in alle möglichen Richtungen ab, war vom eisigen Winterwind zerzaust.

„Hallo, ihr Süßen, ich bin wieder zu Hause!“, rief Penny in die dunkle Wohnung hinein und machte mit dem nicht gerade preisgünstigen Retro-Schalter aus polierter, schwarzer Emaille das Licht an.

Es war natürlich ein Scherz.

Hier waren keine „Süßen“.

Niemand wartete auf sie.

Die Wohnung befand sich in einem alten, herrschaftlichen Tower auf der Upper East Side. Sie hatte sie kurz nach ihrem Aufstieg zur stellvertretenden Leiterin des Risk Managements gekauft. Es war ein großzügig geschnittenes Zwei-Zimmer-Apartment mit Stuck an den Decken, eingerichtet mit Designermöbeln in weiß, grau und taubenblau, und darüber hinaus ausgestattet mit drei gusseisernen, französischen Balkonen. Penny hatte nicht widerstehen können, als sie vor viereinhalb Jahren zum ersten Mal ihren Fuß über die Schwelle gesetzt hatte.

Sie hatte es sofort gefühlt.

Dies war ihr Zuhause.

Hier würde sie alt werden.

Und heute, in dieser schicksalsträchtigen Minute, in der sie todmüde in eben dieses Zuhause stolperte, fühlte sie eine schreckliche Sekunde lang die Angst in sich aufsteigen, dass möglicherweise hier und heute der erste Tag eben dieses Altseins angebrochen war. In dem Zuhause, das sie, seit sie hier wohnte, bisher eigentlich nur am Wochenende bei Tageslicht hatte bewundern können.

Den allerersten Geburtstagsanruf beschloss sie wie immer selbst zu machen. Kurz nach Mitternacht – an diese Prozedur hatte sie sich die vergangenen fünfzehn Jahre gehalten, und daran würde sich bis ans Ende ihres Lebens nichts ändern.

Zumindest, solange die Technik mitspielte.

Allein der Gedanke daran, dass die Technik eines Tages versagen könnte, trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Denn es war das Einzige, was Penny an Tagen wie diesen am Leben hielt. Was ihr Herz weiterschlagen ließ.

Nervös tippte sie die Nummer ein und wartete, dass es klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Schließlich – es war noch immer eine Enttäuschung, ein Stich mitten in ihr Herz, obwohl es nicht anders zu erwarten war – meldete sich der Anrufbeantworter.

„Dies ist die Mailbox von Jay Mockingbird. Bitte hinterlasse mir eine Nachricht nach dem … ähm …“    

Schon ertönte der Piepton.

Es war ein ganz normaler Piepton, der klang, als wäre er von dieser Welt.

Ein Piepton, der Hoffnung und Zuversicht ausstrahlte.

Nichts deutete auf den dunklen Ort hin, von dem er sie erreichte.

„Hallo … Birdie …“, flüsterte sie zärtlich auf den Anrufbeantworter, als befürchte sie, den Empfänger ihrer Nachricht mitten in der Nacht aus seinen Träumen zu holen. „Ich bin’s, Penny.“

Gott, wie schön es war, seine Stimme zu hören! Selbst wenn sie nur vom Band kam. Eine Weile lauschte sie der rauschenden Stille am anderen Ende der Leitung.

„Ich wollte nur mal kurz anrufen. Du … weißt ja, wie gerne ich deine Stimme höre“, fuhr sie wie immer ein wenig verlegen und mit klopfendem Herzen fort. „Und außerdem ist heute ja mein Geburtstag … vierzig! Unglaublich: Hättest du gedacht, dass ich mal so alt sein würde?“

Sie lachte nervös auf. Sie musste aufpassen, dass die Traurigkeit sie nicht wieder überwältigte.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sich das anfühlt …“

Sie kam ins Stottern.

„So alt zu sein und mit jemandem zu telefonieren, der … ewig … jung sein wird.“ Penny spürte, dass sie Schluss machen musste. Sonst würde sie hier und jetzt in Tränen ausbrechen. Und er wäre nicht da, um sie in den Arm zu nehmen. Sie zu trösten. Sie zu halten.

Ihr zu vergeben.

Jay Mockingbird aus Phoenix, Arizona.

Birdie.

Der einzige Mann auf der Welt, dem sie ohne auch nur eine Sekunde zu zögern die Hälfte ihres Mondlichts anbieten würde. Doch leider war es dafür zu spät.

Sie hätte alles dafür gegeben, ihn wiederzusehen.

Wirklich alles.

Und sei es nur für ein einziges, ein allerletztes Mal.

Ein letztes Lächeln.

Eine letzte Umarmung.

Einen letzten Kuss.

If I could turn back time, I’ll go wherever you will go – If I could make you mine, I’ll go wherever you will go …

Ach, wäre es nur möglich, wovon The Calling sangen! In die Vergangenheit zu reisen, um dieses Mal die richtige Entscheidung zu treffen.

Nur wenige Menschen gestehen es sich ein, aber das macht es nicht weniger wahr: Wie unser Leben verläuft, und ob wir das Glück finden oder ob wir scheitern, das hängt von nicht mehr als einer Handvoll Entscheidungen ab.

Manchmal sogar nur von einer einzigen.

Wir treffen Entscheidungen – und leben mit ihnen.

Die große Liebe? Die alles andere klein und unbedeutend erscheinen lässt? Die uns zur besten Version unserer Selbst macht? Wir reden uns ein, dass es ohnehin nicht funktioniert hätte. Und tun alles, um sie zu vergessen. Doch hin und wieder erwachen wir aus diesem Land des Vergessens, und wenn wir dann an den Menschen denken, den wir dort zurückgelassen haben, ist es, als würde ein kleiner stählerner Hammer auf die Wände unseres Herzes treffen, die so dünn und zerbrechlich sind wie eine Eierschale.

So zumindest ging es Penny, wenn sie an Jay dachte.

Für eine Sekunde reiste sie zurück.

In das Land, in dem sie mit ihm gelebt hatte.

Wenn auch nur für kurze Zeit.

Viel zu kurz.

Wo waren ihre Träume geblieben? Der Traum von Kindern und einer Familie? Der Traum von Liebe? Aus irgendeinem Grund hatte sie damals angenommen, die Liebe würde auf sie warten. Damals, als sie noch nicht müde, sondern jung und voller Tatendrang gewesen war. Sie hatte gedacht, Liebe wäre etwas, das überall und jederzeit leicht zugänglich wäre. So wie das Wasser für einen Fisch im Ozean.

Hätte ihr damals jemand die Wahrheit über die Liebe gesagt, nämlich dass sie zwar ein Ozean war, aber einer, der austrocknen konnte, sie hätte sich niemals gegen sie entschieden.

War sie die Einzige, die so fühlte? War sie allein auf dieser Welt? Wenn sie sich umschaute, kam es ihr fast so vor.  

Während Penny in dieser Nacht allein in ihrem schicken New Yorker Apartment das neue Lebensjahr begrüßte, fragte sie sich, wie die Welt um sie herum sich in der kurzen Zeit so rasant hatte verändern können.

Selbst am Valentinstag liefen im Fernsehen keine Liebesfilme mehr.

Kein starker Arm schlang sich um nackte Mädchenschultern, sondern das weiche Leder einer Louis-Vuitton-Handtasche.

Keine sanften Lippen küssten hingebungsvoll die Fingerkuppen dieser Mädchen, sondern deren Fingerkuppen küssten hingebungsvoll ein iPhone.

War es ein Zufall, dass wir in einer Welt von iPhones und iMacs lebten?

Ich, ich, ich …

In einer Welt aus selbstverliebten Partygirls?

Nie zuvor schien ihr eine Generation so weit entfernt davon zu sein, zu fühlen, was sie gefühlt hatte und eine Antwort auf das größte Rätsel der Menschheit zu finden:

Was ist Liebe?

Sie überwindet Raum und Zeit.

Und ergibt biologisch nicht wirklich Sinn.

Jemanden zu lieben, der eine andere liebt, ergibt keinen Sinn.

Jemanden zu lieben, der einen selbst nicht liebt, ergibt keinen Sinn.

Jemanden zu lieben, der in der Antarktis lebt, ergibt keinen Sinn (es sei denn, man lebt in der Antarktis).

Jemanden zu lieben, der nicht zu lieben fähig ist, ergibt keinen Sinn.

Und last but not least: Jemanden zu lieben, der seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr am Leben ist, ergibt keinen Sinn.

Und doch tun Menschen es.

Je unerklärlicher, unlogischer und unvernünftiger dieses Gefühl in uns ist, desto stärker ist es oftmals.

So stark, dass es unser Herz zu zerstören droht.

Auch Penny machte da keine Ausnahme.

Noch immer liebte sie Jay Mockingbird. Mit jeder Faser ihres Herzens. Sie konnte nicht das Geringste dagegen tun, obwohl ihr Verstand ihr wieder und wieder einhämmerte, dass sie mit diesem Unsinn aufhören musste, wenn sie nicht komplett verrückt werden wollte. Doch es gelang ihr einfach nicht.

Im Grunde hatte sie es in der Sekunde gewusst, in der sie ihn das erste Mal gesehen hatte.

In einer kleinen Bar in Brooklyn.

Es war Dezember, genau wie jetzt, nur das Jahr war ein anderes.

Es war das Jahr 1999.

Penny erinnerte sich noch genau an den Moment, in dem sich ihre Blicke trafen. Unschuldig und doch, als hätten sie bereits alles hinter sich. Als kannte er bereits jeden Zentimeter ihres Körpers und ihrer Seele in und auswendig, während sie in ihm las wie in einem alten, über alles geliebten und nie vergessenen Buch. Es hatte sie getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

In diesem Augenblick hatte Penny erkannt, dass Liebe auf den ersten Blick kein Märchen war.

Doch was war sie dann?

Ein Signal einer höheren Instanz, das uns über Zeit und Raum verband? Eine Art Band oder Tau, das uns durch Zeit und Raum zog und dafür sorgte, dass Seelen, die zusammen gehörten, einander nicht verloren?

Sogar über den Tod hinaus?

War sie ein göttlicher Funkspruch, der uns aus einer anderen Welt erreichte, und uns mitteilte, dass wir diesen einen Menschen auf keinen Fall gehen lassen durften?

War sie gar ein Beweis für die Wiedergeburt? Ein weiteres Kapitel unserer Existenz, die sich über die Unendlichkeit erstreckte und uns wieder und wieder nach dem Menschen suchen ließ, den wir schon so oft zuvor so voller naiver Inbrunst geliebt hatten, dass wir in jedem neuen Leben erneut nach dieser Seele suchten, die uns Vollkommenheit und Glückseligkeit versprach? 

Und hier kamen wir zu dem zweitgrößten Rätsel der Menschheit: Zufällen.

Es war erst ein paar Tage her, dass Penny eine junge Folksängerin in einem kleinen New Yorker Club live gesehen hatte. Nicht irgendeinem Club. Es war ein Ort, der eng mit ihrer Vergangenheit verbunden war.

Penny war eher widerwillig auf der Geburtstagsparty einer Praktikantin ihrer Abteilung gelandet. Als sie den kleinen, dunklen Saal an jenem Abend betrat, fuhr ihr der Schreck durch die Glieder. Das New York, das sie kannte, mochte sich in den vergangenen fünfzehn Jahren, die sie hier nun lebte, verändert haben, aber an diesem Ort war noch immer alles genauso wie damals.

In dem Jahr, als sie hier gewesen war.

Genau hier, in diesem Club.

Nicht allein wie jetzt, sondern mit Jay.

Birdie.

Genauso wie damals lief auch an diesem Abend der Schweiß von den Wänden und Penny trank zu viel Bier. Doch nicht, weil sie glücklich war, so wie damals. Sondern weil ihr auf einmal etwas Schreckliches klar geworden war:

Die Zeit war kein Ort.

Und wenn doch, dann ein Ort ohne Wiederkehr. 

Man konnte sein Leben nur ein einziges Mal leben.

Und es gab keinen Weg zurück in die Vergangenheit, wenn man an einer Kreuzung erst einmal falsch abgebogen war.

Und da stand sie nun, leicht benebelt, in einem Club voller Erinnerungen, fast erdrückt von Menschen und doch allein. Sie hatte ihre Träume eingetauscht, gegen bare Münze. Doch erst jetzt, viel zu spät, wurde ihr klar, dass es eine Währung gab, die kostbarer war als alles Gold dieser Welt. Denn sie verlor nie an Wert, und sie gehörte einem für immer:

Das Herz eines Menschen, und dessen Liebe.

Und so wünschte Penny sich nur ein Geschenk zu diesem vierzigsten Geburtstag, den sie allein mit sich selbst und ihren düsteren Gedanken in einem viel zu großen Bett überstehen musste: Sie wollte zurück an die Kreuzung, an der sie damals falsch abgebogen war, überstürzt der Karawane nacheilend, die über den kalten schwarzen Asphalt hinweg der Spur des Geldes folgte, ohne die dunklen Wolken am Horizont auch nur eines Blickes zu würdigen.

Während der geliebte, warme, fröhliche Sonnenschein in ihrem Rückspiegel kleiner und kleiner wurde.

Bis er schließlich ganz verschwand.

Auf ewig weggesperrt im besten Jahr ihres Lebens, dem Ort ohne Wiederkehr.

39

Brooklyn, New York, Dezember 1999

„Geht aufs Haus.“

Es waren nicht seine Worte, sondern die Art und Weise, wie er sie anblickte, die ihr Herz aussetzen ließ. 

Es war der Abend, an dem er sie zum ersten Mal angesprochen hatte, kaum dass sie die kleine Bar in Brooklyn betreten hatte. Sie war erst vor zwei Monaten in der Stadt der Städte angekommen. Eigentlich war sie mit der Freundin einer Freundin verabredet gewesen, aber diese hatte sie offensichtlich versetzt. Wie es aussah, galten in New York andere Regeln als in Tuscaloosa, wo man zumindest absagte und sich entschuldigte.

Egal, nun war sie schon mal hier – und im selben Augenblick wünschte sie sich, dass die Freundin ihrer Freundin nicht mehr auftauchen würde.

Er war ganz in schwarz gekleidet, und schwarz war auch die Farbe seines halblangen Haars, das ihn ein wenig wie Keanu Reeves aussehen ließ, ganz besonders, wenn er lächelte. Und das tat er: Es war mitten im Winter, aber er lächelte sie an, als wäre er der Frühling höchstpersönlich. Penny konnte fühlen, wie eine plötzliche Wärme ihr Herz überflutete. So als hätte jemand eine Kerze in ihrer Brust entzündet.

„Du kannst dir aussuchen, was du willst.“

„Okay …?“

Auf seine Empfehlung hin bestellte sie einen Original Mockingbird, seine eigene – und wenn sie dem Klang seiner Stimme und seinem Augenzwinkern trauen konnte – ohne Frage legendäre Cocktailkreation.

Denn Jay war der Barkeeper.

Legendär hin oder her, der Drink schmeckte so gut, dass er sie zu einem zweiten nicht überreden musste.

Nummer drei ließ nicht lange auf sich warten.

„Du meinst, das … geht alles aufs Haus?“, fragte sie ihn Stunden später. Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie wahrscheinlich nicht genügend Geld dabei hatte, nur für den Fall, dass er sie auf den Arm genommen hatte. Sie hatte eben erst ihr Studium abgeschlossen und war nach New York gekommen, um sich einen Job zu suchen. Um ihren Traum zu leben und auf eigenen Beinen zu stehen.

Nicht aber, um sofort nach ihrer Ankunft in Schwierigkeiten zu geraten.

Er hatte nur Augen für sie gehabt. Hoffentlich hatte sie ihn nicht in Schwierigkeiten gebracht.

„Nein, das geht auf mich persönlich“, erklärte er ihr. „Das ist mein letzter Abend hier.“

Darauf konnte sie wetten. Ihretwegen hatte er alle anderen Gäste vernachlässigt. Die Gesichtsfarbe seines Chefs war, während es auf Mitternacht zuging, von einem lieblichen Zartrosa in erzürntes Dunkelrot und schließlich wütendes Blaurot übergegangen.

„Du bist gefeuert, Jay Mockingbird!“, verkündete er wenig später, direkt vor ihren Augen. Jay Mockingbird tippte die drei Cocktails in die Kasse und bezahlte sie aus seiner eigenen Tasche.

„Das tut mir echt leid für dich, Jay“, sagte sie draußen, wo der Regen in einen leichten Schneefall übergegangen war, und die Nässe auf der Straße in Sekundenschnelle überfror. „Ich dachte wirklich, es wäre dein letzter Abend.“

Doch er lächelte sie nur an. Mit seinem Frühlingslächeln aus seinen wahrscheinlich nicht zufällig leuchtend grünen Augen.

„Und? Das war es doch auch, oder? Es ist wirklich alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen, du warst jeden Dollar wert, Penny.“

Dann küsste er sie sanft auf beide Wangen.

Sie erstarrte. Nicht der Kälte wegen. Es war sein Duft. Er duftete nach … Frühling? Erst sein Lächeln, dann seine Augen, und nun auch noch sein Duft.

Alles an ihm schien auf etwas Großes hinzudeuten, etwas, das sie nie zuvor erlebt hatte. Sie war vierundzwanzig Jahre alt und wusste, dass sie in eben dieser Sekunde das gefunden hatte, wonach andere ein Leben lang suchten.

Doch was machte er? Er setzte er sich auf sein Fahrrad und verschwand im Dunkel der Nacht!

„Bis bald, Penny Lane“, rief er ihr zum Abschied zu, während er sich, ohne auf den Verkehr zu achten, noch mal zu ihr umdrehte und dabei auf der vereisten Straße beinahe stürzte. „Wir sehen uns bestimmt mal wieder.“

„Ja, aber …“

In New York lebten acht Millionen Menschen. Und der einzige Ort, an dem sie ihn wiederfinden konnte, war die kleine Bar in Brooklyn. In der er seit heute Abend nicht mehr arbeitete.

Ihretwegen.

Penny stand reglos da und sah ihm fasziniert nach.

Kein Wunder, dass sie bereits in derselben Nacht von ihm träumte. Und den Tag darauf.

Und so weiter.

Denn als Jay Mockingbird im Dunkel dieser Winternacht verschwand, war ihr eine Sache klar geworden: Dass sie tun konnte, was sie wollte, um ihn zu vergessen, es würde ihr nicht gelingen.

38

Manhattan, New York, Dezember 2015

Und vergessen hatte sie ihn nicht, bis heute.

Sechzehn Jahre später telefonierte sie noch immer mit seiner Mailbox.

„Happy Birthday!“, beglückwünschte sie sich selbst, zurück in der Gegenwart, als sie endlich in den weichen Laken ihres Betts lag, das perfekte Nächte versprach, ohne jemals eine perfekte Nacht erlebt zu haben – was, soviel war ihr durchaus bewusst, größtenteils ihre eigene Schuld war. Durch das Fenster starrte sie in den schneespeienden Himmel über Manhattan, einen Himmel, an dem keine Sterne erstrahlten, nicht nur der vorüberziehenden Wolken wegen, sondern weil die Stadt selbst heller leuchtete als die Sterne über ihr. Ein trügerisches Leuchten, ganz gewiss, eine Imitation der Sterne, aber dafür sehr viel näher. Sehr viel erreichbarer.

Es war dieses Leuchten, das sie in die Stadt gezogen hatte. Ein Leuchten, das so viele anzog, die irgendwo auf einem vergessenen Flecken Erde hockten und von den Sternen träumten.

Letzteres würde ihr in dieser Nacht wohl nicht gelingen. 

Sie war todmüde. Penny fragte sich, ob auch andere dieses Gefühl kannten: Dass man so müde war, dass man nicht einmal mehr schlafen konnte.

„Nein!“, entschied sie, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Nein, so wirst du diesen Geburtstag nicht beginnen! So tief bist du noch nicht gefallen!“

Mit einem Ruck richtete sie sich auf. Es tat beinahe weh, jetzt aufzustehen. Aber morgen war Samstag, sie konnte ausschlafen. Von daher machte es keinen großen Unterschied, ob sie jetzt noch zwanzig Minuten länger aufblieb, um ihrem Ehrentag den Auftakt zu verpassen, den er verdiente, oder nicht.

Sie brauchte nicht lange, bis sie ihn gefunden hatte.

Kaum hatte sie den Kleiderschrank geöffnet, fiel ihr Blick auf das tiefrot funkelnde Prada-Kleid, das sie sich vor einem Jahr in einem Anflug von Lebenslust geleistet hatte. Bis heute hatte sie das Kleid nicht ein einziges Mal getragen. Abends arbeitete sie meistens, und wenn sie nicht arbeitete, war sie schlichtweg zu müde, um auszugehen. Und wenn sie denn ausging, wählte sie etwas Schlichtes, wie es die Leute zu tun pflegten, die im Risk Management arbeiteten: Grau oder Schwarz, kombiniert mit Weiß.

Oder mit Grau oder Schwarz.

Wie eine Uniform.

Das rote Kleid hingegen war eine Illusion. Ein Traum. Möglicherweise hatte sie es genau deshalb gekauft. Als sie es vor dem Spiegel in der Boutique anprobiert hatte, war sie vor Erstaunen beinahe aus den Schuhen gekippt: In ihm steckte eine völlig andere Penny; eine Penny, die noch etwas anderes kannte als ihre Arbeit. Eine Penny, die offen war für das, was das Leben zu bieten hatte. Und genau diese Penny wollte sie in dieser Nacht sein, genau so würde sie ihren vierzigsten Geburtstag begrüßen.

Mutlos und unerschrocken.

Nachdem sie das Kleid über ihre nackte Haut gezogen und im Badezimmer schnell die schlimmsten ihrer dunklen Augenringe überschminkt hatte, nur für sich selbst und ihr Spiegelbild, huschte sie in die Küche und öffnete den Kühlschrank.

Wo das Piccolo-Fläschchen Moët & Chandon auf sie wartete, das sie dort bereitgestellt hatte. Als sie ein Plopp später – der trockene und selbstbewusste Klang des Korkens hallte noch in ihren Ohren nach – vor dem bis an den Boden reichenden Schlafzimmerspiegel stand, fühlte sie sich gleich besser. Sie führte das Glas an ihre Lippen und nahm einen großen Geburtstagsschluck.

„Herzlichen Glückwunsch, Penny Lane!“, prostete sie ihrem Spiegelbild zu, dessen Züge ihr nun ein wenig weicher erschienen. Sie sah umwerfend aus in dem zauberhaften, roten Kleid. Schade, dass sie die Einzige war, die es sehen konnte.

Für einen Moment schloss sie die Augen.

In der Hoffnung, dass es wieder klappte.

Und das tat es!

Ihr Herz machte einen Sprung.

Denn als sie sie wieder öffnete, erblickte sie Jay im Spiegel. Birdie.

Es war nicht das erste Mal, dass sie von ihm träumte. Dass sie sich vorstellte, er wäre noch hier. Hier bei ihr, und nicht dort, wo er jetzt war, wo immer das auch sein mochte.

Er stand direkt hinter ihr.

Seine Augen leuchteten.

„Penny Laaane…“, hauchte er ihr unendlich zart und leise mit der weltberühmten Melodie ins Ohr, während sich seine Hände auf ihre nackten Schultern legten. Sofort erklang die Melodie in ihrem Kopf.

Ihr Song, der ihr am Tag ihrer Geburt in die Wiege gelegt worden war.

„Penny Lane is in my ears and in my eyes … there beneath the blue suburban skies …“

„Happy Birthday, Penny“, flüsterte er. „Wie geht es dir?“

„Mir? Ich vermisse dich so, Birdie … ich weiß nicht, wie ich ohne dich leben soll … ich, ich … habe es versucht, aber es funktioniert einfach nicht …! Kannst du mir nicht helfen? Oder mich zu dir holen?“, antwortete sie mit von Weinkrämpfen zerhackter Stimme. Langsam ließ sie ihr Champagnerglas sinken, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie konnte nicht das Geringste dagegen tun. Schnell schloss sie die Lider. Sie wollte nicht, dass er sie so sah.

Weinend, an ihrem Geburtstag.

Seinetwegen.

Selbst wenn er nur ein Traum war, eine Einbildung.

Als sie die Augen erneut aufschlug, war Jay verschwunden. Wahrscheinlich war es jetzt wirklich das Beste, sich erst einmal richtig auszuschlafen, entschied sie, und ließ sich aufs Bett fallen.

Als Penny erwachte, schien bereits die Morgensonne durch die lichtweißen Vorhänge.

Doch was war das?

„Oh Gott …“

Sie sagte es nicht, weil sie offenbar so müde gewesen war, dass sie eingeschlafen war, bevor sie ihr kostbares Kleid hatte ausziehen können, das nun vollkommen zerknittert war.

Es war ihr Kopf. Dort, tief in seinem Innern, hämmerte etwas. Ein Presslufthammer. Er donnerte gnadenlos gegen ihre Schläfen, und der Schmerz erfüllte sie in einem Ausmaß, als wäre der Hammer kurz davor, durchzubrechen. Es war unmöglich, dass ein kleines Glas Champagner einen derartigen Kater verursacht hatte.

Penny wollte aufstehen, doch ihre Beine zitterten unkontrollierbar, sodass sie bereits im nächsten Augenblick wieder zurück aufs Bett fiel. Erst jetzt merkte sie, dass ihr kalter Schweiß auf der Haut haftete. Erneut versuchte sie, sich aufzurichten. Irgendetwas stimmte mit ihren Ohren nicht; sie schien allein das zu hören, was sich in ihrem Inneren abspielte: ihren wild beschleunigten Herzschlag und das unentwegte Dröhnen des Presslufthammers. Sämtliche Geräusche außerhalb ihres Körpers – wie der Lärm der Autos und Busse unten auf der Straße – drangen nur gedämpft zu ihr hindurch, als hätte sie jemand nahezu schalldicht in Watte gepackt. Nie zuvor in ihrem Leben war Penny so übel gewesen. Mühsam schleppte sie sich ins Badezimmer. Es gelang ihr gerade noch rechtzeitig, die Toilette zu erreichen, in die sie sich heftig würgend übergab.

Doch das brachte keine Besserung.

„Versuch, klar zu denken“, befahl sie sich. „Keine Panik.“

Sie fühlte sich ungelenk und so wackelig, als habe ihr jemand die Knochen aus dem Körper entfernt. Schwerfällig richtete sie sich auf und stützte sich dabei am Waschbecken ab.

„Oh Gott …!“

Sie wiederholte sich, aber in Anbetracht des grässlichen Anblicks, den sie im Spiegel bot, fiel ihr nichts Besseres ein. Ihre Augen waren blutunterlaufen, und der Rest ihres Gesichts – mit kaltem Schweiß überzogen – sah so blass aus, als habe jemand alle Farbe herausgepresst. Mit letzter Kraft schleppte sie sich vom Bad in den Flur ihres Apartments. Griff mit zitternden Fingern nach ihrer Handtasche.

Was in aller Welt passierte mit ihr? Penny war nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Eine Weile durchsuchte sie die Tasche, bis sie ihr Handy erfühlte. Aber es half nichts. Alles vor ihren Augen war verwackelt und verschwommen.

Sie musste einen anderen Weg finden, auf sich aufmerksam zu machen.

Hilfe zu rufen.

Sie war der Ohnmacht nahe, als sie die Wohnungstür öffnete und, kaum war sie einen Spalt offen, vornüber in den Flur fiel.

Sie wohnte ganz oben, im neunten Stock.

Der Aufzug war nur ein paar Meter entfernt. Penny erreichte ihn auf allen vieren kriechend, die Handtasche mit sich schleifend. Unten angekommen, kroch sie Zentimeter um Zentimeter voran, in ihrem roten Seiden-Kleid, bis sie schließlich das prächtige Foyer erreicht hatte. Sie fühlte den kühlen, weißen Marmorboden unter ihren Handinnenflächen; der Eingang hinaus auf die belebte Straße war nur einige Meter entfernt. Für einen Moment musste sie sich ausruhen.

„Señorita Lane …?“

Gott sei Dank! Es war die Stimme von Sanchez, dem lateinamerikanischen Doorman. Er hatte sie entdeckt.

Penny sackte zusammen und drehte sich auf den Rücken. Durch die Glaskuppel, die oben auf den Säulen über dem mächtigen Foyer thronte, blickte sie in den Himmel. Das liebliche, morgendliche Blau beruhigte sie ein wenig. Weiße Wolken zogen friedlich vorüber. Eine Weile schaute sie einfach nur zu und versuchte, ruhig zu atmen, und den Schmerz in ihrem Schädel auszublenden. Bis sich schließlich sanft ein dunkler Vorhang über ihre Augen legte.

37

Manhattan, New York, Dezember 2015

„Pulsfrequenz gleichmäßig …“

Penny vernahm eine Männerstimme, leise, wie aus weiter Ferne. Dazu ein merkwürdiges, schwer einzuordnendes Piepen. Hatte ihr Tinnitus sich noch verschlechtert? So realistisch wie in diesem Augenblick hatte er noch nie in ihren Ohren geklungen.

„Miss Lane?“

Durch die Dämmwatte drang eine zweite Stimme zu ihr, die einer Frau.

„Sie wacht auf“, konstatierte die Männerstimme.

Sie schien sich nicht weit über ihrem Kopf zu befinden.

„Penny Lane?“, fragte die Frau erneut.

Mühsam schlug sie ihre Augen auf. Sie waren verklebt, so als hätte sie stundenlang geweint und wäre dann eingeschlafen. Ihr Mund war trocken wie nach einer tagelangen Wanderung durch die Wüste, ohne einen Tropfen Wasser im Gepäck.

„Wo … wo … bin ich?“, brachte sie mühsam hervor und blinzelte fragend in den gleißenden Scheinwerfer über ihr, der wie ein Wasserfall aus weißem Licht ihre Pupillen flutete.

Ein Gesicht beugte sich über sie. Es gehörte zu einer brünetten Frau ihres Alters. Sie trug einen weißen Kittel und ein Stethoskop um den Hals. Ihre Stirn hatte sich in tiefe Falten gelegt. Im Hintergrund bemerkte sie einen … Krankenpfleger?

„Können Sie mich sehen?“

„Ja …“, bestätigte Penny mit zugeschnürtem Hals.

„Mein Name ist Dr. Jane Lazarus“, erklärte die Frau mit ruhiger Stimme.

Doktor? Was sollte das heißen? Wo war sie?

„Wo … bin ich?“, wiederholte sie, während die Panik endgültig Besitz von ihr ergriff.

„Sie sind im Mount Sinai Hospital in Manhattan“, erwiderte Dr. Lazarus.

Im Mount Sinai? Sie kannte das Krankenhaus. Der große Tower am Rande des Central Parks lag praktisch in ihrer Nachbarschaft. 

„Jetzt ruhen Sie sich erst einmal ein wenig aus, ja?“, schlug sie vor. „Sie sind im Aufwachraum. Danach sprechen wir.“

Im Aufwachraum? Es wurde immer schlimmer. Penny betete, dass sie träumte. Und dass sie so schnell wie möglich aus diesem schrecklichen Albtraum erwachte.

„Wir … können jetzt … gleich sprechen …!“, erwiderte sie, noch immer völlig benebelt und erschöpft.

Doch die Ärztin schüttelte nur den Kopf.

„Nein“, widersprach sie. „Jetzt ist kein guter Zeitpunkt. In ein oder zwei Stunden, wenn Sie wieder ganz da sind, einverstanden?“

Was blieb ihr anderes übrig?

„Einverstanden“, seufzte Penny und starrte an die Decke. Das Letzte, an das sie sich erinnerte, waren die ruhig und majestätisch vorüberziehenden Wolken am Himmel über ihrem altehrwürdigen Apartmentgebäude. Das Gefühl von glattem, kühlem Marmor, der ihre Fingerkuppen küsste.

Penny fühlte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, beunruhigt von dem plötzlich in ihr aufkeimenden Gedanken an die Diagnose, die sie erwartete.

In den Augen der Ärztin hatte sie eine Nachricht gelesen.

Eine alarmierende Nachricht.

Die Nachricht, dass sie mit dem Schlimmsten rechnen musste.   

Die trügerische Ruhe, die einkehrte, nachdem Dr. Lazarus und der Krankenpfleger ihr Zimmer verlassen hatten, war beinahe schwerer zu ertragen als das böse Erwachen, das hinter ihr lag. Eine Weile starrte sie nur aus dem weiten Fenster. Es mochte eine halbe Stunde in stiller Verzweiflung vorübergegangen sein, als ein unvermittelt aus den Wolken schießender Schwarm Tauben ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Er näherte sich ihrem Fenster, doch wenige Meter davor drehte er ab. Bis auf einen einzigen Vogel: Er flog einfach weiter, direkt auf sie zu. Als würde sich vor ihm der weite, blaue Himmel über Manhattan auftun.

„Nein, bitte nicht!“, betete Penny und zuckte im Bett zusammen.

Mit einem lauten Knall krachte die Taube in ungebremsten Flug an die Fensterscheibe ihres Krankenzimmers. Penny kniff reflexartig die Augen zusammen. Als sie sie wieder öffnete, nur eine Sekunde später, war die Taube verschwunden. Dort, wo sie auf die Scheibe getroffen war, war nun ein blutig roter Fleck, eingerahmt von zarten, weißen Daunen. Der Vogel selbst war vermutlich bereits tot, denn vor dem Fenster befand sich kein Balkon. Er musste im freien Fall bewusstlos viele Stockwerke hinunter auf die Straße gestürzt sein.

Erst jetzt bemerkte Penny, dass sie am ganzen Körper zitterte. Ihr Herzschlag hatte sich dramatisch beschleunigt. Sie fühlte es am eigenen Leib, während das wilde Piepen des Herzmonitors neben ihrem Bett in ihre Ohren drang.

„Was passiert denn nur mit mir …?“

Penny konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. All ihre Anspannung löste sich mit einem Weinkrampf, ausgelöst lediglich durch eine vom Weg abgekommene Taube, die soeben ihr Leben an der Fensterscheibe ihres Krankenzimmers ausgehaucht hatte.

Was wollte das Universum ihr mit diesem Ereignis mitteilen? War auch sie eine solche, vom Weg abgekommene, todgeweihte Taube? All die Jahre war sie eine Überfliegerin gewesen, war in den scheinbar unverwüstlichen, grauen Federn ihrer Businesskostüme bis hinauf in die höchsten Etagen der Wall Street geflogen.

Doch kam jetzt der Absturz?

Sie war erst seit wenigen Stunden vierzig Jahre alt.

„Ich will nicht abstürzen!“, schluchzte sie in tiefer Verzweiflung und Mutlosigkeit, ihren schweißnassen Kopf in ihren Händen vergraben. „Bitte, lieber Gott, lass mich nicht abstürzen!“

36

Manhattan, New York, Dezember 1999

Ungefähr eine Woche nach dem seltsamen Treffen mit Jay Mockingbird und nur einen Tag nach Pennys fünfundzwanzigstem Geburtstag geschah etwas vollkommen Unerwartetes. Es als verspätete Geburtstagsüberraschung zu bezeichnen, traf es wohl am besten. Es passierte in einer Ausstellung des Guggenheim Museums. 

Penny war in ein Gemälde von Kandinsky vertieft, als ihr plötzlich jemand von hinten auf die Schulter klopfte.

„Knock, knock!“

Ein Pfeil durchbohrte ihr Herz.

Sie drehte sich mit Schwung um, und riss die Augen auf.

„Hallo, Penny Lane.“

Es war unfassbar, aber vor ihr stand: Er.

Jay Mockingbird.

Er schien nicht im Geringsten überrascht zu sein, sie wiederzusehen. Im Gegenteil: Er machte auf sie eher den Eindruck, als wären sie verabredet. Als hätte er dieses Wiedersehen geplant.

Hatte er?

Aber wie?

„Jay? Was für … ein Zufall.“ Penny musste sich Mühe geben, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie sich über dieses unerwartete Treffen freute. „Was … äh … machst du denn hier?“

„Ich arbeite hier“, erwiderte er mit ernstem Blick.

„Du arbeitest hier?“

Natürlich! Sie hatte die ganze Zeit wie gebannt in seine grünen Frühlingsaugen gestarrt. Erst jetzt bemerkte sie sein dunkles Sakko mit dem silbernen Schildchen auf dem Revers, auf dem Security stand, und dass er einen kleinen Knopf im Ohr trug.

„In der Woche arbeite ich in der Bar, nun … ich habe da gearbeitet, um genau zu sein“, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln, „und am Wochenende bin ich hier und beschütze die Kunst.“

„Du bist …“

„… Wachmann?“, nahm er ihr das Wort aus dem Mund. „Also eigentlich habe ich Kunstgeschichte und Philosophie studiert, an der NYU. Aber offensichtlich werden in Museen mehr Wachmänner benötigt als Kunsthistoriker, von daher habe ich mich ein wenig in diese Richtung weitergebildet. Ist nur ein Wochenendjob, weil das Guggenheim dann zusätzliche Wächter benötigt, wegen der vielen Besucher …“

„Aha.“

„Du kommst jeden Sonntag um dieselbe Zeit.“

Woher wusste er das?

„Ja, richtig, ich liebe das Guggenheim. Ich …“, erklärte sie. Moment mal! Langsam wurde Penny klar, was los war.

„Warte mal – du hast mich also schon mal hier gesehen?“, hakte sie nach. Sie konnte es nicht fassen!

„Selbstverständlich“, bestätigte er. „Ich kenne dich schon länger.“

Penny versuchte, ihre Aufregung zu überspielen.

„Und wie … lange genau?“

„Seit zwei Monaten?“

„Seit zwei Monaten?“, wiederholte sie ungläubig.

„Oder acht Sonntagen“, erklärte er. „Du bist mir schon bei deinem ersten Besuch aufgefallen. Umso erfreuter war ich, als du vor ein paar Tagen in die Bar spaziert bist.“

„Dann war der Abschied an dem Abend gar kein …“

„Abschied? Nein, natürlich nicht! Denkst du, dass ich dich in einer Acht-Millionen-Stadt einfach so gehen lasse, ohne deine Telefonnummer zu haben?“

Wenn das kein Grund war, rot anzulaufen. Penny zumindest tat es, und sie brauchte keinen Spiegel, um es zu überprüfen.

„Du …“

„Sag nichts, Penny Lane“, sagte er und hob einen Zeigefinger, während er so tat, als richte er den Knopf in seinem Ohr. „Du planst einen Kunstraub, oder?“

„Einen Kunstraub?“

„Weil du dich jeden Sonntag hier herumtreibst.“

„Ich …“

„Tut mir leid, aber daraus wird nichts. Eigentlich müsste ich dich jetzt sofort festnehmen, aber wenn du mit mir das Gebäude verlässt, um irgendwo einen Kaffee zu trinken und mich in deinen Plan einzuweihen, drücke ich vielleicht ein Auge zu. In zwanzig Minuten endet meine Schicht, einverstanden?“

Sie lachte befreit auf.

„Dich einweihen?“

„Ja, du musst mir alles beichten, und danach entscheiden wir, wie wir weiter vorgehen.“

Weiter vorgehen? Wovon in aller Welt redete er?

„Nun, wie wir zusammen nach Paris flüchten!“, fuhr er fort.

„Nach … Paris?“

Penny verstand nur Bahnhof.

„Penny Lane, verstehst du denn nicht? Hier in New York haben wir keine Zukunft mehr: Eine Kunsträuberin und ein Museumswächter, der sie vor der Verhaftung rettet und gemeinsame Sache mit ihr macht. Doch in Paris können wir noch mal ganz von vorne anfangen, nur wir beide!“

Jetzt stand es fest: Er war wirklich verrückt. Aber auch ziemlich unterhaltsam. Penny kicherte in sich hinein.

„Und was willst du in Paris machen? Womit verdienst du dein Brot?“

„Ich?“ Schon wieder schoss dieses Leuchten in seine Augen. „Nun, ganz einfach: Ich werde im berühmtesten Museum der Welt arbeiten, im Louvre.“

Aha, im Louvre. Wie originell, dachte Penny.

„Als Kunsthistoriker?“, fragte sie ihn.

„Wie kommst du auf so was Abwegiges!“, fragte er zurück und verdrehte die Augen. „Als Nachtwächter natürlich, ich habe meine Bewerbung schon abgeschickt.“

Das war allerdings originell.

Nie im Leben hätte Penny Lane gedacht, dass ein solches Gespräch ihren Herzschlag verdoppeln könnte, aber aus irgendeinem Grund tat es das. Waren es seine verrückten Ideen oder seine leuchtenden Augen – oder alles zusammen? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Doch fest stand: Das Reimen war offensichtlich zweitrangig, denn sie konnte nicht das Geringste gegen ihr rasendes Herz unternehmen, und sie wollte es auch gar nicht.

Wer bist du, Jay Mockingbird?, dachte sie bei sich.

„Du kannst mich übrigens Birdie nennen, das tun alle“, unterbrach er ihre außer Kontrolle geratenen Gedanken.

35

Manhattan, New York, Dezember 2015

An der beleuchteten Wand hinter dem gläsernen Schreibtisch von Dr. Jane Lazarus hing Pennys Todesurteil: Ein Röntgenbild ihres Hinterkopfes.

„Ein Tumor …“

Sie konnte es nicht glauben.

Nein: Sie wollte es nicht glauben.

All die Zeit über hatte sie nichts bemerkt. Keine Symptome, von regelmäßig wiederkehrenden Kopfschmerzen und einem gelegentlichen Druckgefühl abgesehen. Ganz gewöhnliche Stresssymptome, mit denen jeder hin und wieder zu kämpfen hatte. Vor allem, wenn man beruflich nahezu permanent unter Druck stand. Und das tat sie.

Dr. Lazarus schaute ihr tief in die Augen.

„Etwa so groß wie ein Tauben-Ei …“, sagte sie. „Aber es ist nicht die Größe, die mir Sorgen bereitet.“

Pennys Blick wanderte nervös zwischen ihr und dem Röntgenbild an der Lichtwand hinter ihrem Rücken hin und her.

„Sondern?“, fragte sie leise.

„Es ist seine Lage. Wir kommen nicht an ihn heran. Es wäre zu riskant, zu operieren. Und wie es aussieht, wächst er und dehnt sich auf die …“

„…Stromversorgung aus …“, ergänzte Penny lapidar. Was blieb ihr anderes übrig, als ihre Lage mit schwarzem Humor zu kommentieren? In den nächsten Weinkrampf auszubrechen? So wie es aussah, konnte sie jeden Moment erblinden oder ihr Sprechvermögen verlieren.

Ihr Gegenüber nickte, begleitet von einem mitfühlenden Seufzer.

„Es tut mir leid“, erwiderte sie. „Aber ich glaube, wir können nichts weiter unternehmen als abzuwarten.“

Abzuwarten?

Darauf zu warten, dass der Tod sie holte?

„Wie lange?“, fragte Penny schließlich, nachdem ein erdrückendes Schweigen den Raum erfüllt hatte. Unerträgliche Hoffnungslosigkeit zog sie in einen schwarzen Abgrund hinunter.

In der Art und Weise, wie die Ärztin sie anblickte, erkannte sie, dass sie nicht viel mehr wusste als sie selbst.

„Nun, das hängt davon ab.“

„Wovon?“

„Ob Sie bereit sind zu kämpfen: Eine Operation wäre die schonendste Möglichkeit, aber danach sieht es momentan leider nicht aus. Von daher bleibt uns eine Kombination aus Bestrahlung und Chemotherapie.“

Chemotherapie? Bestrahlung? Kaum hatte Dr. Lazarus das ausgesprochen, sah Penny sich selbst in der nahen Zukunft vor ihrem geistigen Auge: Die Haut eisgrau über einem abgemagerten Körper, das Haar ausgefallen, die Augen so müde, dass es fraglich war, ob sie sich am nächsten Morgen noch öffnen würden.

„Und die Chancen?“

Dr. Lazarus schien sich in ihrem Stuhl zu winden.

„Miss Lane, Penny … ich kann Ihnen nichts garantieren … aber ich kann Ihnen versprechen, dass wir unser Bestes tun werden.“

Das waren keine guten Nachrichten, soviel stand fest.

Man musste nicht in der Lage sein, besonders gut zwischen den Zeilen lesen zu können, um zu erkennen, dass sie verloren war.

Dass sie sterben würde.

„Und was, wenn ich nichts tue? Keine Behandlung?“

Die Stirn der Ärztin legte sich in tiefe, fragende Falten. Als wäre sie auf alles vorbereitet gewesen, nur nicht auf diese Frage.

„Also … das ist schwer zu sagen: Ein paar Wochen, vielleicht Monate? Je nachdem, in welchem Tempo er wächst. Dazu müssen wir die Ergebnisse des Labors abwarten …“

Penny blickte auf ihre Hände, die feucht vor Aufregung in ihrem Schoß lagen. Sie zitterte.

Das also war ihr Ende. Mit vierzig Jahren.

„Aber wenn ich Ihnen etwas raten darf“, erklärte Dr. Lazarus. „Bitte überstürzen Sie Ihre Entscheidung nicht.“

Penny schüttelte den Kopf.

Ihre Entscheidung nicht überstürzen? Wie war das möglich, wenn schon morgen alles vorbei sein konnte? Wie konnte man da in aller Ruhe eine Entscheidung treffen? Penny fühlte eine unglaubliche Wut in sich aufsteigen. Nicht auf ihre Ärztin. Nicht auf sich selbst.

Sondern auf das Universum.

Auf Gott oder wie auch immer der sadistische Mistkerl hieß, der die Zügel für ihr Schicksal in der Hand hielt.

„Ich bin untröstlich, Miss Lane“, versuchte ihr Gegenüber sie zu trösten. „Noch dazu an Ihrem Geburtstag. Das Leben kann wirklich grausam sein.“

Penny schaute von ihren Händen auf.

„Ich glaube, Sie sprechen nicht vom Leben, Dr. Lazarus. Sondern vom Tod, habe ich recht?“

Die Ärztin seufzte und berührte über die gläserne Schreibtischplatte hinweg tröstend ihren Arm.

„Der Tod ist unendlich grausam“, bestätigte Penny. „Da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Vor allem, wenn man noch nicht genug hatte …“

Dr. Lazarus stutzte.

„Genug?“

„Genug vom Leben …“, erwiderte Penny leise und erhob sich von ihrem Stuhl. Solange sie noch gehen konnte, hören konnte, sehen konnte, wollte sie es tun.

„Ein wenig frische Luft wird mir guttun“, sagte sie.

„Dem wiederum stimme ich voll und ganz zu“, entgegnete die Ärztin. „Ich gebe unten Bescheid. Jemand wird Sie in den Garten hinaus begleiten.“

„Nein, ich … kann allein gehen … noch …“

Jane Lazarus schüttelte den Kopf.

„So leid es mir tut“, widersprach sie, „aber das kann sich jede Sekunde ändern. Ab sofort brauchen Sie jemanden, der auf Sie aufpasst. Rund um die Uhr, in Ordnung?“

„Nichts ist in Ordnung“, konterte Penny. „Absolut gar nichts.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Nie zuvor hatte sie sich derart machtlos gefühlt. Menschen waren nichts weiter als Blätter im Wind, dachte Penny. Nicht sie selbst, sondern der sadistische Mistkerl da oben entschied, wann es an der Zeit war, vom Baum des Lebens entfernt und fortgetragen zu werden, an einen unbekannten Ort.

Sie hatte das Zimmer der Ärztin gerade erst verlassen und sich in dem riesigen Gebäude ein wenig verirrt, als sie auf dem Flur mit einem Mann zusammenstieß. Er trug ein strahlend weißes Gewand, seine Haut war von einem goldenen Braun, sein Haar schwarz und seine Augen leuchteten.

Er sah aus, als wäre ihm etwas Wunderbares widerfahren.

„Entschuldigung“, bat er sie um Verzeihung, obwohl eigentlich sie es war, die ihn um ein Haar umgerannt hätte, während er mit seinem Fotoapparat beschäftigt war.

Durch die halboffene Tür blickte Penny in das Zimmer, vor dem sie ihn angetroffen hatte: Im Bett lag eine junge Frau, mit der gleichen, perfekten, goldbraunen Haut. Sie lächelte freundlich zu ihr herüber.

Erst jetzt bemerkte Penny die zwei Säuglinge links und rechts von ihr im Bett. Zwei Neugeborene.

„Das ist meine Familie“, erklärte der Mann in Weiß und lächelte sie an. „Meine Frau und unsere Zwillinge!“

„Zwillinge?“, staunte Penny. „Herzlichen Glückwunsch!“

„Danke“, erwiderte ihre Zufallsbekanntschaft, um dann auf seine Kamera zu deuten. „Könnten Sie ein Foto von uns machen, bitte? Das erste Familienfoto?“

Einen Augenblick lang zögerte sie.

„Keine Angst, Sie können nichts falsch machen, bitte kommen Sie, Miss!“

Und schon war sie im Zimmer.

Wie winzig die Kinder waren! Ihr ganzes Leben lag noch vor ihnen. Penny musste schlucken. Sie versuchte zu verhindern, dass ihr beim Anblick dieser glücklichen, kleinen Familie die Tränen in die Augen stiegen. Niemand musste wissen, wie es um sie stand. Und doch: Hier in diesem Zimmer begann das Leben, für zwei Neugeborene und ihre überglücklichen Eltern, während es für sie selbst dabei war, zu enden. Wie nah Leben und Tod doch zusammenhingen, dachte sie erschrocken.

Und in diesem Moment waren sie im selben Zimmer.

Ihr lief ein eisiger Schauer über den Rücken.

„Bitte einfach hier drücken“, bat der Mann, und gab ihr die Kamera in die Hand. Dann stellte er sich neben das Bett, in dem seine Frau mit den Kindern lag.

Die beiden lächelten um die Wette, während Penny den Auslöser betätigte.

Mehrmals. Um ja nichts zu verpassen. Nicht zu verwackeln. Oder irgendwie sonst zu verhindern, diesen wunderbaren Moment so einzufangen, wie er es verdiente: Perfekt.

„Ein Junge und ein Mädchen. Und Zwillinge!“, erklärte der Mann, während Penny ihr Bestes gab, den Anblick für die Ewigkeit festzuhalten. „Bei uns in Bali ist das ein Wunder. Sie müssen wissen: Wir glauben nicht wie die Christen an die Wiederauferstehung im Himmel, sondern an die Wiedergeburt auf dieser Erde. Das ist das Schöne am Hinduismus: Bei uns gibt es kein Ende, es gibt immer einen neuen Morgen.“

Es war die Zuversicht in seinen Augen, dieser totale und unbedingte Glaube an das, was er sagte, der auch Penny für einen Moment hoffen ließ.

„Und wenn bei uns Zwillinge geboren werden, die Junge und Mädchen sind“, fuhr er fort, „bedeutet das, dass sie in ihrem früheren Leben ein Liebespaar waren. Oder um es anders auszudrücken: Seelenverwandte“, erzählte er voller Inbrunst. „Ihre Liebe war so stark, dass ihnen etwas ganz und gar Seltenes gelungen ist: Sie haben sogar den Tod überwunden und haben sich wiedergefunden, nur eben dieses Mal als Geschwister. Weil sie einfach zusammengehören. Diese beiden Kinder hier haben ein Karma, wie es besser nicht sein könnte, Miss“, erklärte er. „Das Universum hat ihnen seinen Segen gegeben.“

Was für eine Geschichte, dachte sie. Und vermutete, dass ihr Karma wohl bei weitem nicht so gut war wie das dieser beiden Neuankömmlinge.

„Und deshalb ist es bei uns Brauch, dass solche Zwillinge in einer festlichen Zeremonie als kleine Kinder wiederverheiratet werden. Aber keine Sorge: Es ist nur ein Symbol für ihre Unzertrennlichkeit, später dürfen sie dann richtig heiraten …“, ergänzte die Mutter des Liebespaares, das sich an diesem Tag wiedergefunden hatte.

Hier, in Manhattan.

Für ihre Eltern war hier, in diesem Krankenhaus, ein Wunder geschehen.

„Ich freue mich für Sie beide, und für Ihre Kinder“, erwiderte Penny gerührt, und gab ihm den Fotoapparat zurück. Gefüllt mit Erinnerungen an diesen Tag voller Wunder.

Und eines wurde Penny in diesem Augenblick klar: Genau das brauchte sie auch, wenn sie weiterleben wollte – ein Wunder.

Eine Stunde später war sie draußen.

Entlassen auf eigenen Wunsch und eigenes Risiko.

Diese von Krankenhausrechtsabteilungen wohl formulierten Worte, die bei den meisten Patienten und ihren Angehörigen Panik auslösten, vermochten Penny nicht im Geringsten zu schrecken. Das größte Risiko, das sie einging, war, an ihrem vierzigsten Geburtstag in einem Krankenhauszimmer zu sterben. Oder für immer das Bewusstsein zu verlieren und in ein Koma zu fallen. Was dasselbe war – oder noch schlimmer.

Und genau das würde sie verhindern.

Es konnte heute passieren, morgen, in einer Woche oder mit viel Glück vielleicht auch erst in ein paar Monaten. Ärzte waren keine Götter, auch sie wussten nicht alles, soviel war Penny klar. Ihre Vorhersagen glichen in vielen Fällen denen von Meteorologen, die ebenfalls Jahre studiert, ihre Diplome und Doktortitel abgelegt hatten. Und dennoch weiß die ganze Welt, was von Wettervorhersagen zu halten ist.

Fest stand nur, dass es passieren würde.

Dass sie sterben würde.

Und wenn sie schon sterben musste, dann in Freiheit.

„Sie haben zwei neue Nachrichten“, sagte Pennys Mailbox, als sie draußen vor dem Mount Sinai stand und auf den verschneiten Central Park blickte, der ihr in seiner ganzen Vorweihnachtspracht in diesem Moment wie ein zynischer Scherz erschien.

Die erste Nachricht war ein automatisierter Anruf ihrer bevorzugten Parfümeriekette, die sich erkundigte, ob sie nicht auch in diesem Jahr unbändige Lust verspürte, in den Genuss von Geburtstagsrabatten von bis zu fünfzig Prozent zu kommen.

Die zweite war von ihrer Assistentin, die sich erkundigte, ob sie heute nicht wie gewöhnlich zur Arbeit erscheinen würde.

Nein und nein.

Beide Anrufe kamen ihr in diesem Moment absolut absurd vor.

Die reinste Zeitverschwendung.

Und den Luxus Zeit zu verschwenden, das hatte sie sich lange genug erlaubt, wie ihr schlagartig klar wurde. Sie war gewesen wie die meisten Menschen, die dachten, dass alles im Leben seinen Preis hätte und nur die Zeit kostenlos wäre.

Dabei ist sie das Kostbarste, was es gibt.

Ein Geschenk, das der Himmel einem bei der Geburt in die Wiege legt.

Hatte sie dieses Geschenk je wirklich genutzt? Wenn Penny zurückblickte, dachte sie an Arbeit und Karriere, an einsame Jahre vor einem Computerbildschirm, auf dem sich Zahlen bewegten. Sie hatte das Geschenk der Zeit in eine andere Währung investiert: Geld. Ohne die leiseste Ahnung, dass ihr Zeitkonto bereits tief in den roten Zahlen steckte. In diesem Moment hätte sie alles Geld der Welt zurück auf ihr Zeitkonto transferiert, wenn es irgendwie möglich gewesen wäre.

Wie in aller Welt hatte sie vergessen können, was wirklich wichtig war im Leben? Wie hatte sie vergessen können, was ihre Eltern ihr mit auf den Weg gegeben hatten – Caroline und George, die sie noch immer jeden Tag vermisste, als wäre alles erst gestern geschehen.

Was hätte sie gegeben, um jetzt mit ihnen telefonieren zu können. Nach Hause fahren zu können. Sie umarmen zu können.

Ihre Familie. Die einzige Familie, die sie je gehabt hatte.

Noch immer kreisten die Bilder in ihr.

Die Bilder ihrer kleinen Farm in Tuscaloosa.

Schöne Bilder, schreckliche Bilder. Die Sonne, die am Horizont über den leuchtend gelben Maisfeldern aufging und am Abend auf der anderen Seite wieder versank. Der kleine Garten, in dem sie Gemüse anbauten, und Obst, und in dem jeden Morgen ein paar Eier zu finden waren, denn eine Handvoll Hühner gehörte auch zu der kleinen Farm. Die Veranda vor dem schneeweiß gestrichenen Holzhaus, mit der Schaukel, auf der sie als kleines Mädchen ganze Stunden und Tage verbracht, sich in die weite Welt hinausgeträumt hatte.

In das Leben, das dort draußen auf sie wartete. Auf sie, die Prinzessin von Tuscaloosa.

Aber es war anders gekommen.

Penny war im letzten Jahr an der Highschool und ihre Mutter nicht viel älter gewesen als sie heute, gerade einmal Mitte vierzig, als das erste Unwetter über die kleine Farm hereinbrach. Diagnose Brustkrebs, spätes Stadium. Kaum ein halbes Jahr später war Caroline gestorben. An jenem Abend, an dem ihre kleine Prinzessin Penny eigentlich auf dem Abschlussball der Tuscaloosa High hätte tanzen sollen.

Stattdessen verbrachte sie mit ihrem Vater die letzte Nacht im Krankenhaus, an Carolines Bett.

Ihre Mutter hinterließ einen Ehemann, eine Tochter und ein kleine, aber schwer verschuldete Farm. Wie so viele Amerikaner war sie nicht krankenversichert gewesen, und die Behandlung hatte das Wenige verschlungen, was sie besessen hatten: Ihr Zuhause.

George hatte die Junior-Mannschaft des örtlichen Baseball-Teams trainiert – ein Halbtagsjob, der kaum zum Überleben reichte. Und Caroline hatte Klavierstunden gegeben. Was sie sonst brauchten, bauten sie in ihrem eigenen Garten an. Und sie waren glücklich gewesen. Sie alle, Penny eingeschlossen. Sie hatten alles, was zum Glück nötig war: einander.

„Versprich mir, dass du eines nie vergisst, meine Süße“, hatte ihre Mutter ihr noch kurz vor ihrem Tod eingeschärft. „Es gibt arme Menschen, und es gibt reiche Menschen. Und ob du arm bist oder reich, hat nichts damit zu tun, wieviel Geld du hast.“

So war Caroline gewesen.

Nicht nur deshalb hatte George sie über alles geliebt.

Denn es stimmte: Die Familie Lane, die nichts weiter besessen hatte als eine winzig kleine Farm am Rande einer kleinen Stadt in Alabama, war reich gewesen. Und auch ohne diese wären sie reich gewesen – wenn Caroline es nur irgendwie geschafft hätte.

Wenn sie den Krebs besiegt hätte.

Es war ihr völlig unvorhergesehener Tod, der George, den eigentlich unerschütterlichen Optimisten der Familie, für immer verändert hatte. Monatelang tat er nichts weiter, als untätig auf der Veranda zu sitzen und hinaus auf die Felder zu blicken. Und manchmal, wenn die Sonne tief stand, hielt er sich schützend die Hand über die Augen und spähte angestrengt hinaus in das leuchtende Gelb, als erwarte er, dass seine geliebte Caroline jeden Moment aus dem Mais kommen und auf das Haus zulaufen könnte, hinein in seine Arme.

Das zweite Unwetter, das die kleine Farm heimsuchen sollte, kurz vor der Versteigerung, war ein Unwetter mit Ankündigung.

„Penny, ich muss in die Stadt …“, sagte ihr Vater eines Nachmittags. Er schien ihr noch schwermütiger als in den Tagen zuvor. Es war Spätsommer, aber noch immer so schwül und heiß wie im Juli. Es fühlte sich so an, als reichten nur ein paar Grad mehr aus und die Strohballen auf dem Hof würden Feuer fangen. „Versprichst du mir, dass du Billy am Abend in den Stall bringst? In den Nachrichten haben sie für heute Nacht ein schweres Gewitter angekündigt.“

Billy war der Esel, der auch zu der kleinen Farm gehörte.

Penny nickte.

„Ist alles in Ordnung, Dad?“, fragte sie.

Wortlos erwiderte er ihr Nicken und trat einen Schritt auf sie zu, um sie dann in seine Arme zu schließen. So fest, als wolle er sie nie wieder loslassen.

„Versprichst du mir, dass du Billy in den Stall bringst? Es ist wichtig, hörst du?“

„Dad, ist alles okay?“, fragte sie, nun doch ein wenig beunruhigt.

Er erwiderte nichts, als seine Arme sie einen Augenblick später losließen. Allein seine Augen schienen sie noch festhalten zu wollen, und wenn schon nicht sie, dann wenigstens ihren Anblick.

„Ich liebe dich, Schatz. Über alles …“, erklärte er, und sie hatte das Gefühl, dass seine Stimme zitterte. Dann stieg er in den alten Ford vor dem Haus. „Und denk an Billy, es ist wichtig“, wiederholte er.

Während er abfuhr, winkte er ihr über die Schulter hinweg zu, und ihre Blicke trafen sich ein letztes Mal im Rückspiegel.

Bis heute hatte Penny nicht vergessen, wie sie dem Wagen nachgeblickt hatte, der langsam die staubige Auffahrt hinauf zur Landstraße nahm.

Am Nachmittag desselben Tages – es waren vielleicht zwei oder drei Stunden vergangen und Penny saß, gequält von einer inneren Stimme, die ihr einredete, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, noch immer auf der Veranda – fuhr ein Wagen auf die kleine Farm zu.

Es war nicht der alte Ford.

Sondern der Wagen des Sheriffs.

Sie kannte Sheriff Brown gut, denn George und er waren befreundet und trafen sich einmal in der Woche zum Kartenspielen.

Er hielt an und stieg aus.

Dann kam er langsam auf sie zu, während er den Hut abnahm und den Kopf senkte. „Ich habe schlechte Nachrichten, Penny“, sagte er mit leiser Stimme. „Dein Vater hatte einen Unfall.“

Nur Stunden, nachdem George Lane von der Straße abgekommen und frontal gegen einen Baum geprallt war – laut Polizeibericht war er sofort tot gewesen –, brach ein Unwetter aus, wie es Alabama seit Jahren nicht gesehen hatte.

Penny saß noch immer in der Küche, wo der Sheriff sie zurückgelassen hatte, nachdem er sie auf einen Stuhl gesetzt und ihr ein Glas Bourbon eingeschenkt hatte. Sie war wie erstarrt. Und doch, der Wind, der an den Fensterläden rüttelte und die ersten, dicken Tropfen, die aus dem wütenden Himmel auf das Dach fielen – mit ihrem scharfen Stakkato klangen sie wie aus einem Maschinengewehr abgefeuert – erinnerten sie an das, was sie ihrem Vater versprochen hatte:

Billy, der Esel.

Sie musste ihn in den Stall bringen.

Es war wichtig.

Sie musste an Georges Worte denken. Durch den Sturm und den stärker werdenden Regen lief sie hinaus, um Billy ins Trockene zu bringen. Im Stall angekommen, verfrachtete sie ihn in seine Box.

Sie wollte bereits wieder zurück ins Haus laufen, als ihr Blick auf einen großen weißen Umschlag fiel, der mit Klebeband an der Innenseite des Holzverschlags befestigt war. Auf dem Umschlag stand in großen Buchstaben in der Handschrift ihres Vaters nur ein Wort:

Ihr Name.

Ihr stockte der Atem.

Drei Tage lang wagte sie es nicht, den Brief zu öffnen. Er lag einfach nur da, auf dem Küchentisch, mitsamt dem dunklen Geheimnis, das er verbarg. Als sie seinen Anblick nicht länger ertragen konnte, legte sie ihn in die unterste Schublade des Werkzeugschranks in der Garage. Doch es half alles nichts: Der mysteriöse Brief, der seltsame Abschied ihres Vaters, der Unfall – alles schien irgendwie zusammenzuhängen.

Und natürlich ahnte Penny auch, wie.

Genau deshalb öffnete sie den Umschlag ja auch nicht.

Bis sie schließlich doch nicht anders konnte – drei Tage später. Der Umschlag enthielt ein Dokument einer Versicherung, eine CD sowie einen von ihrem Vater handgeschriebenen Brief.

Meine über alles geliebte Penny,

las sie und konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Das Leben kann grausam sein. Aber das heißt nicht, dass wir nicht jede Minute, die es uns schenkt, schätzen sollen. Das Glück auskosten, das ohne das Unglück nur halb so viel wert wäre.
Eines sollst du wissen: Ich hatte unfassbares Glück.
Ich habe die Liebe meines Lebens getroffen – deine Mutter.
Und war mehr als zwanzig Jahre mit ihr verheiratet, ohne es auch nur einen einzigen Tag zu bereuen.
Aber damit nicht genug. Sie hat mir die zweite große Liebe meines Lebens geschenkt: Dich, mein Schatz.
Wir haben ein reiches Leben geführt.
Wir waren die Familie, die ich mir immer erträumt habe.
Doch jetzt, wo Caroline gegangen ist und auch du bald gehen wirst, um zu studieren und deinen eigenen Weg zu finden, dein eigenes Leben zu beginnen, ist es für mich Zeit, deiner Mutter nachzufolgen. Denn die Wahrheit ist: Ich vermisse sie so sehr wie ich sie jeden Tag geliebt habe.
Leider haben die Krankenhauskosten alles verschlungen, was dir und mir zum Leben bleiben würde. Unsere kleine Farm wird bald nicht mehr uns gehören.
Es tut mir leid, dass wir dir nicht mehr hinterlassen können als unsere Liebe. Und die Erinnerungen an all die schönen Jahre, die wir zusammen erleben durften.
Aber etwas soll dir bleiben:
Nach dem Tod deiner Mutter habe ich eine Lebensversicherung abgeschlossen – um dich abzusichern, falls mir etwas passiert. Es ist nicht viel, aber es wird reichen, damit du studieren und dein eigenes Leben beginnen kannst.
Liebste Penny: Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du genauso viel unfassbares Glück in deinem Leben findest wie Caroline und ich. Und ich bin überglücklich, dass wir dich auf den ersten Schritten dorthin begleiten durften. Denk immer daran, was deine Mutter dir gesagt hat: Du bist ein reiches Mädchen!
Und ein wunderbarer Mensch.
So, nun ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen.
Auf Wiedersehen, mein Engel.

Dein dich ewig liebender Daddy George

P.S.: Und immer, wenn du uns vermisst oder du dich einsam fühlst, spiel einfach deinen Song, mein Liebes. Dann weißt du, dass wir bei dir sind. Du bist nicht allein.
Und bitte zeig diesen Brief niemandem!

Penny wischte sich die Tränen aus den Augen, während ihr der Brief langsam aus der Hand rutschte und zu Boden fiel. Sie legte die CD, die ihr Vater ihr hinterlassen hatte, in die Stereoanlage.

Auf der CD war genau ein Song.

Der Song, den George und Caroline ihr in die Wiege gelegt hatten.

„… Penny Lane is in my ears and in my eyes … there beneath the blue suburban skies …“

Sie zitterte am ganzen Leib, während sie John, Paul, George und Ringo lauschte.

Es war das eingetreten, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte. Nun gab es keinen Zweifel mehr: Es war kein Unfall gewesen. Ihr Vater hatte sein Ableben frei gewählt.

Für sie.

Die Lebensversicherung war sein Abschiedsgeschenk an sie. Es war die allerletzte Ausfahrt, die ihm geblieben war, um ihr einen Start in ihr eigenes Leben zu ermöglichen.

In dieser Sekunde hätte sie alles, aber auch wirklich alles, dafür gegeben, um seine Entscheidung rückgängig zu machen.

Doch dafür war es nun zu spät.

Wieso nur hatte er sich nicht an sie gewandt?

Mit ihr gesprochen?

„Oh mein Gott, Dad“, schluchzte Penny und ließ sich langsam auf den Stuhl am Küchentisch sinken. „Warum hast du das nur getan?“

Die Lebensversicherung zahlte.

Sheriff Browns Bericht ließ keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Unfall handelte, und nicht um Selbstmord.

Die kleine Farm war verloren, um sie zu retten, reichte das Geld nicht. Doch ohne George und Caroline war sie ohnehin nicht mehr das, was sie die vergangenen zwei Jahrzehnte für Penny gewesen war:

Alles, was sie kannte, alles, was ihr etwas bedeutete.

Ihr Zuhause.

Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als von vorn anzufangen und sich ein neues Zuhause zu suchen.

Nach einem neuen Sinn zu suchen.

Und mit den Zweifeln zu kämpfen, die diese schreckliche Geschichte in ihr gesät hatte: Zuerst hatte sie ihre Mutter verloren, dann ihren Vater und schließlich ihr Zuhause. Und alles hauptsächlich, weil sie zwar reiche Menschen gewesen waren, aber eben reiche Menschen ohne Geld. Hätten sie Geld gehabt, wäre zumindest ihr Vater noch am Leben. Vielleicht.

Und sie beide hätten noch ein Dach über dem Kopf.

Penny beschloss, seinen letzten Wunsch zu respektieren und sich mit der Versicherungssumme ein eigenes Leben aufzubauen. Sie würde die nächsten Jahre nutzen, um zu studieren.

Und dafür zu sorgen, dass das Schicksal ihr nie wieder so etwas Schreckliches antun konnte.

Was sie studierte?

Geld, und wie man daraus mehr Geld machte.

Und um dieses Wissen praktisch anzuwenden, war sie nach New York gekommen.

34

Manhattan, New York, Dezember 1999

„Und was magst du an der Kunst?“, wollte Penny wissen.

Jay saß ihr gegenüber an einem kleinen runden Holztischchen und nippte an seinem Mochaccino. Penny hatte sein Angebot nicht ausschlagen können, mit ihm – nach ihrem zumindest für sie völlig überraschenden Wiedersehen im Guggenheim – an diesem verschneiten Sonntagnachmittag einen Kaffee trinken zu gehen.

Nun, überraschend traf es nicht recht. Beglückend war das richtige Wort.

Und nun saßen sie in einem Café und und blickten durch die Fensterfront hinaus auf den fallenden Schnee.

„Dasselbe wie du“, erklärte ihr Gegenüber. „Denke ich zumindest. Ich habe dich beobachtet an den vergangenen acht Sonntagen, Penny Lane“, gab er unumwunden zu, offenbar ohne die leiseste Spur eines schlechten Gewissens. „Und weißt du was?“

„Was?“, erwiderte sie.

„Es gefällt mir, dich anzusehen, während du dir die Bilder ansiehst.“

„Jetzt spinnst du.“

„Nein, ehrlich!“, erwiderte er. „Du bist total weg. Es ist, als würden die Gemälde dich in ihre Welt hineinziehen, eine Welt aus Formen und Farben, aus Pinselstrichen und Farbklecksen, aus Figürlichem und Abstraktem. Und genau das mag ich an der Kunst: Dass sie dich packt und herausreißt in eine andere Welt. Du musst nur ein einziges Mal hinschauen. Das gibt es sonst nur bei Liebe auf den ersten Blick.“

Ein wenig zu lang, um noch ungefährlich zu sein, trafen sich ihre Blicke. Er schien zu merken, dass er sie verunsicherte. Penny wurde heiß, obwohl sie sowohl ihren Mantel als auch ihren Pullover ausgezogen und über die Lehne des freien Stuhls neben sich gelegt hatte.

Als wolle er sie nicht zu sehr und zu schnell unter Druck setzen, sprach er weiter. Rücksichtsvoll. Über Kunst.

„Davon abgesehen, nun ich weiß nicht … ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass gute Kunst größer ist als das Leben – intensiver, stärker, dichter. Einfach besser. Sie inspiriert uns. Und wenn sie wirklich großartig ist, verändert sie vielleicht sogar die Art und Weise, wie wir unser Leben sehen. Und macht uns zu Menschen, die ebenfalls größer, stärker und besser sind.“

„Besser als das normale Leben“, schloss Penny. Jay nickte.

„Was ich sagen will, ist: Stell dir vor, wir könnten uns wie ein Maler so sehr erfreuen an ganz einfachen Dingen wie … einer Blume oder … den Wolken über uns … oder einem simplen Kuss …“

Moment mal, sprach er über Kunst oder …?

Er schickte ihr ein verführerisches Augenzwinkern über den Tisch hinweg, ehe er fortfuhr.

„ …dann würde unsere Welt bald ein völlig anderes Bild abgeben. Ein sehr viel schöneres und liebenswerteres Bild. Und genau das liebe ich an der Kunst: Wenn sie echt und wahrhaftig ist, hilft sie uns, unsere echten und wahrhaftigen Gefühle wieder zu entdecken. Zu erkennen, dass es auch einen anderen Blickwinkel auf die Dinge gibt. Und dass wir es sind, die entscheiden, in welchen Farben wir das Bild unserer persönlichen Welt, unserer ganz eigenen Realität, malen. Findest du nicht, Penny?“

„Ich … ja … absolut!“

Sie lächelte ihn einfach nur an.

Sie wusste schlicht und ergreifend nicht, was sie sagen sollte. Ihr fehlten die Worte. In Philosophie war sie nicht so gut wie in Betriebswirtschaft. Aber er sprach ihr aus dem Herzen.

„Und wer … ist dein Lieblingsmaler?“, wechselte sie schnell das Thema.

„Nun, am besten gefallen mir die Verrückten …“, erklärte er mit nachdenklicher Miene, als würde er gleichzeitig überlegen, was das über seinen eigenen Geisteszustand aussagte. „Die Maler, die ein ganz anderes Bild von den Dingen zeichnen als das, das die meisten anderen Menschen wahrnehmen.“

„Zum Beispiel?“

Penny blickte ihn interessiert an und versuchte, sich nicht zu sehr von seinen Augen oder seinen Lippen ablenken zu lassen, während er fortfuhr.

„Kennst du Turner? Hast du seine Bilder in der Ausstellung gesehen?“

Penny nickte.

„Ja, und ja.“

„Er war ein absoluter Perfektionist. Und er quälte sich, um besser zu werden. Die beste Version seiner selbst. Als Maler, meine ich. Menschlich gesehen war er, glaube ich, nicht ganz so perfekt.“

Penny erwiderte sein kleines Lächeln nur zu gern. Vor allem, weil ihr eine Anekdote über Turner einfiel, von der sie sich fragte, ob Jay sie kannte.

„Wusstest du, dass er sich während eines Schneesturms an den Mast eines Schiffes binden ließ, um den perfekten Schneesturm malen zu können?“, fragte sie.

Jay blickte sie an.

„Das wusste ich ehrlich gesagt nicht“, gestand er.

„Würdest du das auch tun?“, fuhr sie fort.

Er legte den Kopf abwägend auf die Seite.

„Das hängt davon ab.“

„Wovon?“

„Ob ich dich gleich noch auf einen richtigen Drink einladen darf.“

Sie hatte gehofft, dass es nicht bei dem Kaffee bleiben würde. Aber das musste er ja nicht wissen. Penny tat, als wäre sie sich nicht ganz sicher, ob sie wirklich schon so weit war.

„Und wenn ja, wo?“, fragte sie.

„Wie wär’s mit Paris? Für heute hatten wir eigentlich genug New York, oder?“

„Paris? Was soll das heißen?“, hakte sie mit zweifelnder Miene nach. „Du meinst Paris in Frankreich?“

„Lass dich überraschen“, erwiderte er geheimnisvoll.

„Und wenn ich mit dir komme, lässt du dich dann auch an den Mast eines Schiffes binden, so wie Turner?“

Er seufzte und zuckte mit den Schultern.

„Wenn das dein Preis ist, bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, erklärte er. „Toll wäre, wenn wir den Drink vorziehen und das mit dem Schiffsmast für später im Hinterkopf behalten könnten.“

Penny lachte auf.

Was auch immer für einen Unsinn er von sich gab: Es war ihr völlig egal. Er hätte ihr auch von Zementmischungen erzählen können, solange seine Augen nur weiter so leuchteten wie ein Stern am Nachthimmel, der sich dort oben einsam fühlte und all seine Strahlkraft aufbot, nur damit sie sich unsterblich in ihn verliebte.

„Also: Kommst du nun mit nach Paris oder nicht?“, fragte er.

Er streckte seinen Arm nach ihr aus, um ihr seine Hand anzubieten. Penny spürte, wie sich ihre Stirn reflexartig in Falten legte.

„Du meinst: Hier und jetzt?“

Er nickte.

„Hier und jetzt.“

Sie zögerte nur einige Augenblicke, nicht länger – und legte dann ihre Hand vorsichtig in seine. Es war verrückt, sie kannte ihn kaum und doch vertraute sie ihm bereits nahezu blind.

Wenig später stapften sie auf der Fifth Avenue durch den Schnee.

Das Schaufenster von Tiffany’s war in Sichtweite. Doch das war nicht ihr Ziel, wie es aussah.

„Komm!“, sagte er, und zog sie mit sich fort. Sie spürte ihre Hände kaum noch, so kalt war es. „Wir sind schon fast in Frankreich. Du hast die Wahl: Entweder du erfrierst gleich hier an Ort und Stelle oder in einer besseren Welt, nicht weit von hier …“

Nun, in diesem Fall entschied sie sich für die bessere Welt!

Ein paar Blocks weiter betraten sie einen mächtigen, roten Backsteintower und fuhren mit dem Fahrstuhl ins oberste Stockwerk. Nein, nicht ins oberste Stockwerk: Auf die Dachterrasse.

Penny glaubte zu träumen, als sich der Fahrstuhl öffnete.

Denn vor ihr tat sich eine Märchenlandschaft aus Eis und Feuer auf, weit über den Dächern von New York. Ein aus Eisblöcken erbauter Empfang mit dem französischen Willkommensgruß Bienvenue führte in einen prächtigen, von lodernden Feuerstellen erhellten und erwärmten Dachgarten aus Eisblumen, der bevölkert war von elegant gekleideten Menschen.

Menschen, die Französisch sprachen.

Untermalt von der Musik eines Streichquartetts.

„Wen darf ich anmelden?“, fragte eine Art Concierge am Empfang. Auf seinem Eispult lag ein in Leder gebundenes Buch.

„Voilà, Monsieur Laurent et Mademoiselle Perrier!“, erwiderte Jay, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, auf Französisch. Penny konnte sich ein erneutes Kichern nicht verkneifen, während sie seine Hand fest umschlossen hielt.

„Pardon, aber Sie stehen nicht auf der Liste, wie es aussieht“, stellte der vornehme Türsteher nach einem kurzen, prüfenden Blick in sein Buch fest. Jay legte noch eine Schippe oben drauf.

„Aber die Botschafter erwartet uns schon zu seine Geburtstagsfeier, wir sind in die letzte Sekunde eingetroffen, als Vertreter von die, wie sagt man … Party-Sponsor … Aus Frankreisch.“ Er wies mit todernster Miene auf den Champagnerstand mit der Aufschrift Laurent-Perrier.

Penny blickte angestrengt zur Seite, um nicht lauthals loszulachen. Damit es ihr gelang, musste sie ihre Lippen fest zusammenpressen.

„Oui, natürlich, wenn das so ist … Monsieur, Mademoiselle!“, erwiderte der Concierge und gab den Weg frei. Wenig später standen sie an eben diesem Champagnerstand inmitten einer feiernden Menschenmenge, mit ihrem eigenen Champagner, der aus der Flasche des Barkeepers in zwei Eisgläser geperlt war.

„Auf Paris!“, prostete Monsieur Laurent ihr zu.

„Auf Paris!“, erwiderte sie und stieß mit ihm an.

Sie war wie hypnotisiert.

„Wer bist du … Jay Mockingbird?“

Diesmal sprach Penny aus, was sie dachte. Sie konnte ihre Faszination nicht länger verbergen, und natürlich ahnte sie, dass er sie ohnehin längst durchschaut hatte, aber es war ihr egal. Es war gut so.

Sie wollte keinen Widerstand leisten.

Keine Spielchen spielen.

Denn alles war richtig, genauso wie es war.

Es fühlte sich perfekt an.

Sie fühlte sich vollkommen.

In diesem Moment, den sie auf ewig festhalten wollte, und den sie doch schon bald würde loslassen müssen. So war sie nun einmal, die Zeit.

Sie spielte ein Spiel mit uns.

Und nur selten machte es so viel Spaß wie in diesem Augenblick, der dennoch nicht für die Ewigkeit gemacht war. Zumindest war es das, was Penny sich einzureden versuchte.

„Isch?“, erwiderte der armselige, französische Hochstapler neben ihr mit einem unwiderstehlichen Lächeln, das sich durch ihre Augen mühelos bis tief in ihr Innerstes bewegte, „… isch bin die Mann deiner Träume!“

Ja, vielleicht bist du das, dachte Penny, und erwiderte sein Lächeln.

Denn Jay schien ihr in diesem Moment einfach alles zu sein, was sie sich sehnlichst wünschte. Seit sie ein kleines Mädchen war.

Trotzdem: Er war nicht das, wozu sie hier war.

Sie war mit dem perfekten Plan nach New York gekommen.

Und sich zu verlieben gehörte nicht dazu.

33

Manhattan, New York, Dezember 2015

Als Penny an diesem Nachmittag nach Hause zurückkehrte, hatte sich alles verändert. Der prächtige, alte Tower an der Upper East Side hatte sich verwandelt, er erschien ihr irgendwie unwirklich.

Fast so, als träume sie ihn nur.

Als wäre er in Wahrheit nichts weiter als eine Fata Morgana, ein Produkt ihrer Phantasie.

Wahrscheinlich lag es daran, dass sie sich verwandelt hatte.

Oder besser gesagt: Ihr Leben.

„Señorita Lane, Gott sei Dank!“ Pepe Sanchez, der nicht mehr ganz junge Doorman, rauschte durch das gläserne Eingangsportal hinaus auf die Straße, um sie zu stützen, kaum, dass er sie erblickt hatte. „Ich habe Sie heute Morgen entdeckt und den Notarzt gerufen …“

„Ich weiß, vielen Dank, Pepe“, erwiderte Penny freundlich, aber ohne allzu großen Enthusiasmus. „Sie haben mir vielleicht das Leben gerettet …“

… oder besser gesagt, es um ein paar jämmerliche Wochen oder Monate verlängert, schickte sie in Gedanken hinterher – hoffentlich, ohne sich anmerken zu lassen, wie deprimiert und hoffnungslos sie war. Es musste ja nicht gleich die ganze Welt wissen, wie es um sie stand.

„Aber wieso sind Sie schon wieder hier, Señorita? Geht es Ihnen wieder gut? Denn heute morgen …“

„Das ist richtig, Pepe“, unterbrach sie ihn, „heute morgen ging es mir miserabel. Aber jetzt fühle ich mich schon viel besser. Könnten Sie mich bitte in meine Wohnung lassen? Ich glaube, ich habe keinen Schlüssel.“

„Aber selbstverständlich“, erklärte er. „Ich habe die Tür zu Ihrem Apartment verschlossen, nachdem Sie mit dem Krankenwagen abgefahren sind. Geht es Ihnen auch wirklich gut?“

Für eine Sekunde hielt sie inne.

Und blickte ihn nur an.

Es war rührend, wie er sich um sie sorgte.

Sie hatte schon fast vergessen, wie es sich anfühlte, dass sich jemand Sorgen um einen machte – so lange war sie bereits allein.

„Ja, es geht mir gut“, bekräftigte sie. „Den Umständen entsprechend.“

Autsch.

Jetzt war ihr doch mehr rausgerutscht, als sie eigentlich hatte sagen wollen. Aber ihr Doorman schien die Tragweite des letzten Satzes nicht zu ahnen. Wie sollte er auch? Er hatte die Diagnose ja nicht bekommen.

„Oh, da bin ich froh. Und natürlich sind Sie noch ein wenig schwach, das ist normal, wenn man in Ohnmacht fällt. Meiner Frau ist das auch schon passiert. Hoffen wir, dass es keine Epilepsie ist, nicht wahr?“

Nun, Penny hätte einiges dafür gegeben, wenn es nur das wäre.

„Nochmal vielen Dank, Pepe“, sagte sie, nachdem er sie in ihre Wohnung gelassen und sie ihm ein großzügiges Trinkgeld zugesteckt hatte: immerhin war bald Weihnachten, und im Gegensatz zu ihr hatte er eine Familie zu versorgen. „Jetzt komme ich allein zurecht.“

Leise wie fallender Schnee fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Schon wieder hatte sie dieses seltsame Gefühl, als träume sie nur. Was zum Teufel war das?, dachte Penny, aber nur einen Moment später hatte sie die Lösung: Wahrscheinlich war es dem Tumor in ihrem Kopf geschuldet.

Seufzend ließ sie den Blick durch ihr Apartment schweifen.

Alles war genau so, wie sie es an diesem Morgen zurückgelassen hatte.

Und doch erschien ihr auch hier alles anders, merkwürdig anders, während sie durch den Flur in Richtung Wohnzimmer ging. Alles lag seelenruhig da.

Und in einem gleißenden Licht.

Irgendwo musste die Sonne durch die dichte Wolkendecke blinzeln, die an diesem Nachmittag aufgezogen war. Doch wo? Penny konnte kein Blau am Himmel entdecken, als sie aus dem Fenster blickte. Es war fast, als würde das Licht von einer anderen Quelle stammen.

Es schien die gesamte Wohnung und damit auch sie vollständig einzuhüllen wie dichter Nebel, der aus irgendeinem Grund von innen heraus leuchtete. Es konnten nur die Nachwirkungen ihres Zusammenbruchs sein, dachte Penny wieder. Und die Medikamente, die man ihr gegeben hatte.

Erst jetzt spürte sie, wie durstig sie war.

Sie hatte den ganzen Tag nichts getrunken.

Im Kühlschrank fand sie eine Flasche Wasser. Penny war so durstig, dass sie gar nicht erst nach einem Glas suchte, sondern direkt aus der Flasche trank. Einen Schluck nach dem anderen.

Bis sie ganz leer war.

Doch auch jetzt wollte der Durst einfach nicht verschwinden. Ihre Keele war so trocken, als hätte sie seit Tagen keinen Tropfen Wasser bekommen.

Vielleicht half es, mit ein wenig Feuchtigkeit von außen nachzuhelfen: Penny beschloss, sich ein Bad einlaufen zu lassen. Danach würde sie sich etwas Frisches anziehen – noch immer trug sie das rote Prada-Kleid aus der vergangenen Nacht am Leib – und einen Spaziergang an der frischen Luft unternehmen.

Oder eine Spazierfahrt.

Sie musste dringend einen klaren Kopf bekommen, soviel stand fest.

Eine gute Stunde später winkte Penny ein Yellow Cab heran. Es war noch früh genug am Nachmittag, um einen Ausflug zu unternehmen. Sie hatte ihren eleganten, schwarzen Kaschmirmantel angezogen, darunter trug sie eine bequeme Jeans und gefütterte Lederstiefel.

„Wo soll’s hingehen?“, fragte der Taxifahrer, ein älterer Herr, der ein weißes, ordentlich gebügeltes Hemd und eine schlanke, dunkelblau gemusterte Krawatte trug. Dazu einen grauen, sorgfältig gestutzten Bart.

„Coney Island“, antwortete sie. Sie hatte es in derselben Sekunde entschieden, ohne die leiseste Idee warum. Doch was kümmerte es sie? Spontanität war Trumpf, wenn einem die Zeit davon lief. Hinzu kam: Sie hatte schon seit Jahren nicht mehr das Wonder Wheel im alten, romantischen Vergnügungspark am Rande Brooklyns gesehen. Beides lag direkt am Meer, und an einem Wintertag wie diesem würde es dort eisig und zugig sein: genau das richtige Wetter, um sich einmal richtig durchpusten zu lassen. Und wenn es nur war, um den Krankenhausmief aus dem Kopf zu bekommen.

Dem Kopf, dem es nach dem heißen Bad, das sie genossen hatte, deutlich besser zu gehen schien. Die Schmerzen waren verflogen. Und auch der Schwindel. Es war fast, als hätte sie den Zusammenbruch nur geträumt.

Leider sagte ihr Verstand ihr, dass es nicht so war.

„Coney Island, sehr wohl, me Lady“, erwiderte der Taxifahrer, der über außerordentlich gute Manieren – oder einen seltsamen Sinn für Humor – zu verfügen schien.

Während der Wagen langsam im Stop-and-Go durch die verschneiten Straßen der Stadt rollte, blickte Penny aus dem Fenster: sah die mit Autos vollgestopfte Straße; die Menschen, die mehr oder weniger eilig über die breiten, weißgeschneiten Fußgängerwege zu beiden Seiten der großen Shoppingmeilen liefen. Die meisten von ihnen trugen Tüten, und darin ihre täglichen Einkäufe, Weihnachtsgeschenke, Delikatessen. Sie betrachtete die mächtigen Schaufenster der Geschäfte, die Verzierungen der alten Gebäude, die viele Stockwerke hoch in den an diesem Tag wolkenlosen Himmel strebten. In einem der Schaufenster betrachtete sie sich selbst: Penny, wie sie auf der Rückbank eines Taxis saß, die Fensterscheibe heruntergekurbelt, weil sie den Lärm der Straßen hören wollte. Sie wusste nicht, wie oft sie dazu noch Gelegenheit haben würde. Wie oft sie all das noch würde sehen können, bevor sich ihre Augen für immer schlossen.

„Wie schön wäre New York ohne all den Trubel und die Hektik, nicht wahr?“, vernahm sie die Stimme des Taxifahrers.

„Sie meinen, ohne das Leben?“, entgegnete sie und wandte sich ihm zu. Im Rückspiegel konnte sie sein Gesicht sehen. Seine Augen blinzelten freundlich.

„Ich weiß, was Sie meinen. Aber ein bisschen weniger Leben könnte manchmal nicht schaden, denken Sie nicht?“

Bis zum gestrigen Abend hätte sie diese Frage höchstwahrscheinlich noch mit einem klaren Ja beantwortet. Doch heute lagen die Dinge anders. Kategorien wie Ein bisschen weniger Leben existierten für sie nicht mehr. Das Leben – ihr Leben – hatte sich in eine digitale Sache verwandelt: An oder aus. Tot oder lebendig, ganz oder gar nicht, dazwischen gab es nichts.

Nachdem sie auch nach einer Weile nicht auf seinen Einwand reagiert hatte, erhob der Taxifahrer abermals seine Stimme.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte er, während er sie mit einem sorgenvollen Blick im Rückspiegel musterte.

„Wieso … fragen Sie?“, stammelte Penny in Ermangelung einer besseren Antwort.      

„Weil Sie das Leben ansprechen“, entgegnete er. „Wenn es den Menschen gut geht, reden sie normalerweise nicht darüber. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, es zu leben, als darüber nachzudenken.“

Penny seufzte. Er hatte absolut recht.

„Ich werde sterben“, erklärte sie unvermittelt. Sie wusste nicht, warum sie einem wildfremden Menschen diese persönliche Nachricht als allererstem anvertraute.

Eine Weile sagte er nichts.

„Meine Frau ist auch gestorben“, erwiderte er schließlich, den Blick nunmehr streng auf die vor ihm liegende Fahrbahn fixiert. „Es ist noch nicht lange her.“

„Das tut mir leid“, sagte Penny. „Wann ist sie gestorben?“

„Vergangenen Winter. Seit fast einem Jahr bin ich nun schon allein. Haben Sie Kinder?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf und bemerkte erst jetzt, dass er sie im Rückspiegel gemustert hatte, während er ihr die Frage stellte. „Das hab ich verpasst …“

„Wir auch, meine Frau konnte keine Kinder bekommen“, erwiderte er. „Aber irgendwann, in ein paar Jahren, werde ich wieder mit ihr vereint sein.“

Penny legte den Kopf auf die Seite. Im Rückspiegel sah sie, wie sich ihre Stirn in Falten legte.

„Glauben Sie das wirklich?“, fragte sie.

„Ja, das tue ich“, bestätigte er. „Nun, vielleicht nicht so, wie wir es uns früher immer vorgestellt haben, Sie wissen schon, das, was uns die Kirche weismachen will, aber auf die eine oder andere Weise ganz sicher.“

„Darf ich Sie etwas fragen?“

„Nur zu!“, ermunterte er sie.

„Glauben Sie an Gott?“

„Ja“, erwiderte er, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachdenken zu müssen.

„Und was … genau … wissen Sie über ihn?“

„Alles, was ich wissen muss“, sagte er, nahm seine rechte Hand vom Steuer und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. „Aber mein Wissen ist nicht hier drin. Sondern da drin.“

Im selben Moment schloss er die Finger zu einer Faust und klopfte sich damit zweimal auf die Brust, auf die Stelle, wo das Herz saß.

Es war, als hätte das Autoradio ihnen zugehört. Als wolle es Penny daran erinnern, dass auch sie dieses Wissen einmal besessen hatte, spielte es im selben Augenblick einen neuen Song.

„I would lay down next to you, stay in bed all afternoon“, sang Leona Lewis. „We were birds of a feather, we were always together.“ Penny konnte die Tränen nur mühsam unterdrücken, denn dieses Lied handelte ganz offensichtlich von ihr und Birdie. „And I will never forget all the little things you said, and that beautiful summer, you used to call me your lovebird …“

Es war Winter gewesen, aber in ihrem Herzen hatte er sich angefühlt wie ein einziger, ewiger und glückseliger Sommer.

„Soll ich das Radio ausmachen?“, fragte der ältere Herr, der sie erneut besorgt im Rückspiegel musterte.

„Nein, nein – bitte nicht!“, verneinte sie mit tränenerstickter Stimme. „Ich … möchte wissen, wie die Geschichte ausgeht.“

„Ob sie ein Happy End hat?“

„Ja“, schluchzte sie und merkte erst in diesem Moment, dass sie, versunken in den Song und ihre Gefühle, mit dem Finger ein Herz an die beschlagene Scheibe neben ihr gemalt hatte. Ein Herz, in dessen Mitte sich ein großes J und ein großes P befanden.

„Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Sie sterben werden“, gab ihr Chauffeur ihr zum Abschied mit auf den Weg, als sie wenig später Coney Island erreicht hatten.

Der Vergnügungspark lag vor ihnen im strahlenden Sonnenschein, und der am Vorabend gefallene Neuschnee ließ die Fahrgeschäfte aussehen, als wären sie mit Puderzucker bestäubt.

Penny hob überrascht den Kopf.

„Sie glauben es nicht? Wieso?“

„Sie sehen nicht so aus, als wären Sie schon an der Reihe.“

„Ich weiß, aber manche sind früher dran, andere später … nicht wahr?“

„Das mag sein, aber meine innere Stimme sagt mir, dass Sie noch eine ganze Weile hier unter uns sein werden. Vielleicht sogar länger als die meisten anderen Menschen.“

„Danke … das ist, sehr lieb von Ihnen …“, brachte sie hervor.

Sie wusste nicht, was sie darauf sonst erwidern sollte. Ihre Stimme klang brüchig, so wie die eines kleinen Mädchens, das kurz davor war, zu weinen. Weil es so traurig war – und glücklich zugleich. Die Worte des alten Mannes weckten augenblicklich eine derartige Lebenslust in ihr, dass sie für einen Moment fast selbst daran glaubte, dass sie nur ein wenig kämpfen müsse, eine letzte, noch keineswegs verlorene Schlacht für sich entscheiden, und das Leben läge wieder vor ihr – unberührt wie ein weißes Blatt Papier.

„Und was … wenn … nicht?“, fragte sie.

„Dann grüßen Sie bitte ganz lieb meine Frau von mir“, erwiderte er und lächelte ihr im Spiegel zu. „Ihr Name ist Liliana. Richten Sie ihr bitte aus, dass es mir gut geht und dass ich mich darauf freue, sie bald wiederzusehen. Könnten Sie das für mich tun?“, fragte der Taxifahrer, dessen Augen bei diesen Worten feucht wurden.

„Das werde ich, versprochen“, erwiderte Penny, ebenfalls den Tränen nahe.

„Danke“, erwiderte er, bevor sie ausstieg.

„Ich habe zu danken“, sagte Penny und trat hinaus auf die Straße.

Langsam fuhr das Taxi davon. Durch die Rückscheibe sah sie die Hand des alten Fahrers, der ihr mit langsamen Bewegungen zuwinkte. Sie winkte zurück. Eine Weile stand sie einfach nur so da – solange, bis das gelbe Auto an der nächsten Kreuzung abbog und schließlich aus ihrem Sichtfeld verschwand.

„Also, worauf wartest du noch?“, forderte sie sich selbst auf, sich in Bewegung zu setzen und nicht an Ort und Stelle festzufrieren, sowohl wortwörtlich als auch in Gedanken.

Zu ihrer Überraschung hatte der Park geöffnet, obwohl er in den Wintermonaten eigentlich immer geschlossen war. Davon abgesehen lud die eisige Kälte nicht gerade dazu ein, einen Vergnügungspark zu besuchen. Doch irgendetwas ließ sie hineingehen.

Eine Weile schlenderte sie nur ziellos zwischen den Fahrgeschäften und Jahrmarktsbuden hin und her. Sie war nicht in der Lage, auch nur einen einzigen, klaren Gedanken zu fassen – der Tumor hatte ihren Verstand offenbar bereits fest in seinem kalten Würgegriff.

Es war Jahre her, dass sie das letzte Mal hier gewesen war. Nicht im Winter, sondern an einem unerträglich heißen Sommertag, wie sie so typisch für New York waren. Es war einer dieser Tage gewesen, an dem in der ganzen Stadt wieder und wieder die Stromversorgung ausgefallen war, weil die Klimaanlagen von acht Millionen Menschen gleichzeitig auf Hochtouren liefen. An jenem glühenden Sommertag am Strand, während eine frische Brise vom Atlantik herüberwehte, war ihr Coney Island halb so schlimm vorgekommen. Aber jetzt wurde ihr wieder klar, warum sie danach nicht mehr hergekommen war.

Der Lack war lange ab. Das kleine Kaff am Meer mit den hässlichen Wohnsilos als Hintergrundkulisse war so schäbig wie die kümmerlichen Reste des Vergnügungsparks, die sich um das berühmte Wonder Wheel drückten, das alte Riesenrad, das ein Wahrzeichen New Yorks sein mochte, aber auch das einzige Erwähnenswerte an Deno’s Wonder Wheel Amusement Park, wie er heute hieß. Dabei hatte die frühere Insel am Südrand Brooklyns einst in schillerndem Glanz gestrahlt: Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war Coney Island das Ausflugsziel der betuchten und weniger betuchten New Yorker gleichermaßen gewesen, seine Attraktionen, Bars und Buden zogen ein Millionenpublikum an. Bis die Weltwirtschaftskrise dem Zauber ein Ende machte.

Gut anderthalb Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg waren schließlich die Wohnsilos gekommen, und mit ihnen der endgültige, nicht mehr aufzuhaltende Fall in das Schicksal eines schäbigen Stücks New York.

Und hier war sie nun, und fragte sich, welcher Teufel sie geritten hatte, an diesem ohnehin schon schrecklichen Tag ausgerechnet Coney Island als Ausflugziel zu wählen.

Möglicherweise war es die verdorbene Kirsche auf der ungewollten Torte, die das Schicksal ihr serviert hatte. Um sie endgültig in die Knie zu zwingen.

Penny beschloss, zumindest ihre Runde zu Ende zu drehen. Sich vom kalten Winterwind ein wenig durchwehen zu lassen. In der Hoffnung, dabei vielleicht auf irgendeinen hilfreichen Gedanken zu kommen, wenn das in ihrer Situation überhaupt möglich war.

Erst jetzt fiel ihr Blick auf die altertümliche Bude vor ihren Augen: Hinter einer gläsernen Scheibe saß ein persisch aussehender Typ mit einem Turban und hypnotischen blauen Augen: Zoltar. Ein aus buntem Plastik fabrizierter, menschengroßer Wahrsager.

Angeblich kannte er ihre Zukunft. Nur einen Dollar, und sie durfte fragen, was sie wollte. Penny kannte ihre Frage, aber es war wahrscheinlich keine, auf die ein Wahrsager aus Plastik im Vergnügungspark von Coney Island vorbereitet war.

„Werde ich sterben?“, fragte sie leise, nachdem sie den Dollar in den Geldschlitz geschoben hatte.

Im selben Moment zuckte sie innerlich zusammen.

Es war einfach lächerlich! Was glaubte sie, wen sie vor sich hatte?

Und doch, für einen Moment schien selbst Zoltar vor Schreck zu erstarren. Er gab nicht den leisesten Laut von sich. Das Einzige, was Penny hörte, war der frostige Winterwind, der leise heulend durch den Park strich.

Eine Weile passierte gar nichts. Möglicherweise war die Maschine defekt. Sie wollte sich schon wieder abwenden, als sich Zoltars Augen urplötzlich doch bewegten.

Penny erschrak fast, als schließlich mit einem leisen Surren eine kleine bedruckte Karte aus dem Schlitz vor ihr fuhr.

Mit klammen Fingern ergriff sie das kleine weiße Papier.

Für eine Sekunde blieb ihr Herz stehen. Sie spürte, wie die Angst in ihr hochkroch. Die Angst, eine vorfabrizierte Botschaft von Zoltar zu erfahren. War es der Tumor, der ihr Gehirn benebelte?

Mit einer entschlossenen Handbewegung zog sie die Karte aus dem Schlitz – und las, was darauf geschrieben stand.

Zoltars Botschaft an die sterbende Penny Lane.

„Gutschein für eine Freifahrt im Wonder Wheel“, las sie leise.

Eine Sekunde lang starrte sie nur auf die Karte.

Sie wusste nicht, ob sie enttäuscht sein oder sich bestätigt fühlen sollte. Hatte sie allen Ernstes geglaubt, eine Wahrsagemaschine in einem Vergnügungspark würde ihr die wichtigste Frage ihres Lebens beantworten? Anscheinend schon. Doch wie es aussah, hatte Zoltar nicht die leiseste Idee, was sie zu ihm geführt hatte.

Ihr Blick fiel hinüber auf das uralte Riesenrad mit seinen krumm und schief angebrachten, bunten Gondeln, das schon seit fast hundert Jahren hier seinen Dienst verrichtete.

Ein Gutschein für eine Fahrt im Riesenrad.

„Was soll’s?“, dachte Penny bei sich, während sie die Karte mit klammen Fingern in ihre Manteltasche steckte. Wenn sie schon mal hier war, konnte sie auch eine Fahrt mit dem Riesenrad unternehmen. Vielleicht war es eine Möglichkeit sich daran zu gewöhnen, New York aus der Luft zu betrachten.

Um nicht zu sagen: Aus dem Himmel.

32

Manhattan, New York, Dezember 1999

Als sie Frankreich in dieser eisklaren Winternacht mit Hilfe des Fahrstuhls wieder verließen, um sich nur eine Minute später auf einem Bürgersteig mitten in New York wiederzufinden, drückte Jay Penny plötzlich ohne jede Vorwarnung fest an sich und küsste sie.

„Was …?“

Es gelang Penny nicht, auf diese völlig unerwartete Kuss-Attacke mehr herauszubringen als dieses eine kümmerliche Wort. Es gelang ihr auch nicht, ihn von sich zu stoßen. Sie wollte es auch gar nicht. Sie stand einfach nur da und starrte in seine Augen.

„Entschuldigung, das ist einfach so passiert …“, stammelte Jay. Zum ersten Mal schienen ihm die Worte ausgegangen zu sein. „Ist … alles in Ordnung?“

Seine Miene war schuldbewusst – so als würde er sich erst jetzt bewusst, dass er einen Schritt zu weit gegangen war.

Sie nickte. Und atmete tief durch.

„Jay?“

„Ja?“

„Ich … muss dir etwas sagen …“

Augenblicklich ging sein Gesichtsausdruck von schuldbewusst zu besorgt über. Dabei war es halb so schlimm. Aber er hatte ein Recht darauf, es zu erfahren.

„Was willst du mir sagen, Penny?“, hakte er nach.

„Mein … Herz …“, nahm sie einen Anlauf.

Sofort weiteten sich seine Augen.

„Penny, was ist mit deinem Herzen?“ Er schaute sie an, als erwarte er, gleich zu erfahren, dass sie schwer herzkrank war und nicht wusste, wie viel Zeit ihr noch blieb. Dabei war es gar nicht so. Ihr Herz … es … es war …

„Es ist aus Glas“, sagte sie.

Es war atemberaubend. Denn kaum hatte sie es ausgesprochen, veränderte sich sein Gesichtsausdruck erneut, diesmal zum Positiven. Er schien überrascht zu sein, wie ein kleiner Junge, der plötzlich sein erstes knallrotes Kinderfahrrad in seinem Zimmer vorfindet. Der Mund des kleinen Jungen konnte es noch nicht fassen und blieb ernst, leicht geöffnet, fast ein wenig erschrocken, aber seine Augen strahlten sie voller Wärme an.

Vorsichtig nahm er ihr Gesicht in beide Hände und berührte ihre Stirn mit seiner, seine Lippen waren nur Zentimeter von ihren entfernt.

„Dann lass es mich beschützen, damit es nicht zerbricht“, erwiderte er leise und küsste sie so unendlich zärtlich auf den Mund, als wäre nicht nur ihr Herz aus Glas gemacht, sondern auch ihre Lippen.

Mehr noch: Ihr Gesicht.

Ja, ihr ganzer Körper.

Als wäre sie in ihrer Gesamtheit nicht weniger als eine unendlich seltene und nicht weniger kostbare Glasblume, die er soeben zufällig am Bordsteinrand entdeckt und aus dem kalten Zement gepflückt hatte, mitten in einer verschneiten Winternacht in New York.

Dies war der Moment, in dem Penny schlagartig bewusst wurde, dass es bereits zu spät war.

Ja, er sagte die Wahrheit: Er würde ihr Herz beschützen.

Und doch würde es an ihm zerbrechen.

Das laute Pochen in ihrer Brust ließ keinen Zweifel daran.

Dass es passieren würde, das war nichts weiter als eine Frage der Zeit.

Wenn sie überleben wollte, musste sie die Sache stoppen, bevor sie aus dem Ruder lief. Bevor sie endgültig zu Wachs in seinen Händen wurde. Doch das war leichter gesagt als getan, wenn schon der Gedanke, ihn am nächsten Tag wiederzusehen, sie dahinschmelzen ließ.

31

Coney Island, New York, Dezember 2015

You’re not gone
You’re still here, with me all the time
You’re still here, when I close my eyes
I still see you, I still feel you,
and we’ll never be apart
You’re still here
Still here in my heart

NATASHA BEDINGFIELD

Es war genau, wie es Natasha Bedingfield in ihrem Song Still Here beschrieb: Wenn etwas aus unserem Leben verschwindet, heißt das nicht, dass es nicht mehr da ist. Man kann es noch immer sehen. Noch immer fühlen. Doch nicht mit den Augen oder den Händen, sondern mit dem Herzen.

Und genauso ging es Penny mit Jay.

Er war noch immer da.

Im Grunde genommen hatte er sie nie verlassen.

Nur dass jetzt nicht mehr sie in seiner Wohnung lebte, sondern er in ihrem Herzen. 

Keine der Gondeln war besetzt. Kein Wunder, dachte Penny, wer außer einer todgeweihten Verrückten und Verzweifelten hatte schon Lust, sich bei diesen arktischen Temperaturen freiwillig in den gefrorenen Himmel zu erheben? Schützend stellte sie ihren Mantelkragen hoch, nachdem sie in einer Gondel Platz genommen hatte. Kam es ihr nur so vor, oder war es der kälteste Winter, den New York je erlebt hatte? Gierig fraß die Kälte sich durch jede Faser ihres Mantels, der ihr kaum Schutz zu bieten schien. Bildete sie sich all das nur ein, oder war es wirklich so kalt? Ihr Blick fiel auf den eisgrauen Atlantik und auf die kahlen Wohnsilos am Rande des Parks, die ihr in diesem Moment vorkamen wie schroffe Felsen, irgendwo in einem trostlosen Winkel dieser Welt. Diese Stadt, in der einst ihre Träume zu Hause waren, hatte sich unversehens in die Kulisse ihres schlimmsten Albtraums verwandelt. Langsam und mit einem schweren Ächzen lief das Riesenrad an.

Der eisige Wind schnitt ihr ins Gesicht, als unten am Eingang des Fahrgeschäfts plötzlich etwas Pennys Aufmerksamkeit erregte. Da war ein Mann mit zwei Kindern: Ein kleines Mädchen mit langem blonden Haar und ein kleiner Junge, der in einem blauweißroten Captain-America-Kostüm steckte.

Penny erstarrte, doch nicht der Kälte wegen. Sie alle kamen ihr so wahnsinnig vertraut vor. Kannte sie die kleine Familie etwa?

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
überarbeitete Neuauflage
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968172224
ISBN (Buch)
9783968172644
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v915383
Schlagworte
liebe-s-frauen-roman-tik-e Vergangen-heit Zeit-reise Schicksal-s-roman-e lebens-lust-mut-aufgabe Drama-tischer-Liebe-s-roman-e Chance-n

Autor

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    Ben Bennett (Autor)

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Titel: Love will find us