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The Other Woman

Im Netz der Lügen

von Jane Isaac (Autor) Anja Samstag (Übersetzung)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Cameron Swift vor dem Haus seiner Familie erschossen wird, wird Opferschutzbeamtin DC Beth Chamberlain ausgewählt, um die Familie zu unterstützen – und gegen sie zu ermitteln. Monika, Camerons Partnerin und Mutter von zwei Söhnen, musste von seinem leblosen Körper entfernt werden, nachdem sie ihn entdeckt hatte. Sie hat keine Ahnung, warum jemand Cameron töten wollte. Jedem in ihrer wohlhabenden Gemeinde erschienen Monika und ihre Familie vollkommen normal. Doch dann erhält Beth einen Anruf … Sara ist mit ihren Töchtern im Urlaub, als sie die Nachrichten sieht. Sie ist empört darüber, dass sich niemand bei ihr gemeldet hat. Immerhin sind sie und Cameron seit sieben Jahren zusammen. Und plötzlich ist nichts mehr so wie es scheint und jeder hat seine Geheimnisse – besonders die Toten.

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe September 2020

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-206-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-377-1

Copyright © 2020 by Jane Isaac
Titel des englischen Originals: The other Woman

Übersetzt von: Anja Samstag
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © lekcej, © EugenePartyzan
Korrektorat: Stefanie Wenke

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Derek und Sarah

Prolog

So hatte sie sich den Moment vor dem Tod nicht vorgestellt. Sie sah keine Bilder aus den Untiefen ihrer Erinnerung vorüberziehen. Keine Erfolge, die sie gefeiert hatte oder vertane Chancen. Stattdessen kribbelte eine unfassbare Angst unter ihrer Haut, die an Momentum gewann und durch ihren Körper zog. Sie setzte ihre Organe eines nach dem anderen außer Gefecht.

Waren sie dort draußen? Sie riskierte einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Sie sah niemanden und weder waren in der Ferne leise Motoren zu hören, noch nahm sie vorsichtige Schritte wahr, die bedeutet hätten, dass sie heimlich um das Haus schlichen.

Sie wünschte sie herbei. Geschützt durch kugelsichere Westen und die halbautomatischen Waffen bereit. Verflucht nochmal. Hoffentlich hatten sie das Nachbarhaus schon evakuiert und die Nachbarschaft abgeriegelt.

„Ene, mene, miste, …“

Sie drehte sich rasch wieder vom Fenster weg und blickte direkt in den Lauf der Pistole. Sie erstarrte.

Das unruhige Knie neben ihr gab das Staccato an und übertrug ein Zittern auf die Personen, die auf dem Sofa saßen.

Der Geiselnehmer wiederholte den Abzählreim und richtete die Waffe nacheinander auf alle seine Opfer. Kind, Erwachsene, Kind, Erwachsene. Wie eine Katze, die mit ihrer Beute spielte. Ein bösartiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

Bitte seid dort draußen. Irgendwann würden sie Kontakt aufnehmen und versuchen zu verhandeln. Oder etwa nicht?

Das nervöse Knie neben ihr schlotterte nun und Urin lief die Wade hinunter. Sie schluckte schwer. Trotz der Hitze der aneinandergepressten Körper auf dem Sofa jagten ihr eiskalte Schauer den Rücken hinunter. Zwei Erwachsene und zwei Kinder. Einen Erwachsenen umzubringen war schon grausam. Doch ein Kind? Das war an Grausamkeit nicht zu übertreffen.

Urin bahnte sich seinen Weg über den blank gebohnerten Fußboden.

War das nicht einer dieser Momente, in dem so etwas wie ein Selbsterhaltungstrieb plötzlich einsetzte? Ein Überbleibsel tierischen Instinkts, der noch irgendwo in den Genen schlummerte. Sie hatten es mit Geschrei, Argumenten, Bitten versucht, sie hatten sogar gefleht. Doch vergeblich. Das Gesicht ihnen gegenüber blieb ruhig und unbewegt. Und ihnen gingen allmählich Ideen und Hoffnung aus. Alle Sinnesorgane waren vor Angst gelähmt.

Draußen wurde der Wind stärker und ein plötzlicher Windstoß pfiff durch die Bäume im Vorgarten. Das Geräusch schnitt ihr die Luft ab. Selbst wenn die Gehwege nicht verwaist waren, stand das Haus immer noch so weit von der Straße entfernt, dass niemand ihre Schreie und ihr Flehen hören würde. Und das hier war kein Film und dort draußen war niemand. Es würde keine heldenhafte Rettungsszene geben.

Demonstrativ lud der Geiselnehmer die Pistole durch. Ihr drehte sich der Magen um, als sie in das grausame, todbringende Gesicht hinauf sah und hörte, wie er die Worte ausspuckte:

„Also dann. Wollen wir anfangen?“

1

Sieben Tage zuvor

Die Bewohner von Collingtree Park wachten allmählich auf, als das laute Röhren eines Motorrads die Stille des Sonntagmorgens durchbrach.

Der Fahrer in schwarzer Lederkluft nahm die Kurven gekonnt mit rasantem Tempo und strahlte dabei Gelassenheit und Coolness aus. Vorbei an Häusern mit zugezogenen Gardinen, frischgetrimmten Rasenflächen und Auffahrten mit Kombis und Minivans, die sich nach einem Besuch in der Waschstraße sehnten.

Die Sonne stand am strahlend blauen Himmel und Abgase vermischten sich mit der dicken Luft. Es war Hochsommer und die aktuelle Hitzewelle zeigte kein Erbarmen. In ein paar Stunden würden die Pools in den Gärten wieder aufgefüllt und das Lachen und Kreischen der Kinder in der ganzen Siedlung zu hören sein.

Um fünf nach sieben trat Cameron Swift aus Nummer 16 der Sackgasse Meadowbrook Close und zog die Haustür leise hinter sich zu.

Der Motorradfahrer schaltete einen Gang zurück, bog um die Kurve und fuhr die Straße herauf. Cameron lud seine Golftasche in den Kofferraum seines Mercedes, als das Motorrad schlingernd wenige Meter vor dem Ende der Auffahrt anhielt. Der Fahrer nickte Cameron zu, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Eine vertraute Geste, als ob sie verabredet waren oder aber ihre Begegnung wochenlang geplant gewesen war.

Cameron runzelte die Stirn, schaute auf seine Uhr und dann zurück zum Haus. Einen Sekundenbruchteil lang überlegte er, nach Monika zu rufen, aber sie wäre nicht erfreut darüber, aus dem Schlaf gerissen zu werden, besonders wenn er auch das Baby dabei weckte. Er seufzte und ging die Auffahrt hinunter, einen neugierigen Schritt nach dem anderen, blieb am Bordstein stehen und legte den Kopf schief, um durch das dunkle Visier zu sehen.

Sie sahen einander an. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er.

Der Motorradfahrer ignorierte seine Frage, zog am Reißverschluss seiner Jacke und griff in die Tasche.

Beim Anblick der Pistole riss er die Augen auf. Er schluckte, schüttelte den Kopf. Machte den Mund auf und schloss ihn wieder. Die Arme ruderten, als er sich umdrehen wollte. Doch nicht schnell genug. Sein Körper zuckte mit jedem Schuss, rot spritzte es durch die Luft, dann sank er zu Boden. Streifen leuchtend roten Bluts bahnten sich ihren Weg über den Asphalt.

Der Motorradfahrer steckte die Glock wieder in die Jacke und zog sein Handy heraus. Er öffnete die Kamera, machte drei Bilder und schob das Handy zurück in die Tasche. Der Motor heulte auf und schon brauste er die Straße hinunter.

2

Beth wurde vom penetranten Klingeln ihres Handys geweckt, das eine ihr fremde Melodie spielte. Träge drehte sie sich um und gähnte. Als ihr Blick auf die roten Ziffern ihres Weckers fiel, wurde sie schlagartig wach.

„Verdammt!“

Sie sprang aus dem Bett und eilte den Flur hinunter ins Zimmer nebenan, wo Lily in ihrem Bett saß und sich die Augen rieb. Beth strich ihrer Nichte liebevoll über den Rücken. „Zeit aufzustehen, Süße. Es ist fast halb neun.“

Die Siebenjährige schob die blonden Strähnen aus dem Gesicht und stöhnte: „Wir sind spät dran.“

„Nein, sind wir nicht. Wir haben noch fünfzehn Minuten bis deine Mutter hier ist.“

„Aber mein Schwimmwettbewerb. Ich soll spätestens eine Stunde, bevor es losgeht, essen. Das hat Coach Walters gesagt.“

„Kein Problem. Steh schon mal auf und zieh dich an, ich mache dir in der Zwischenzeit eine Schüssel Cornflakes. Die gehen schnell runter und liegen nicht schwer im Magen, wenn du im Wasser bist.“

Beth ignorierte die Widersprüche, das Nörgeln und Grummeln, die ihr auf den Flur hinaus folgten. Zurück im Schlafzimmer guckte sie auf ihr Handy und stieß einen Seufzer aus. Lily hatte ihren Klingelton verstellt und der verpasste Anruf war von der Dienststelle – kein gutes Zeichen an einem Sonntagmorgen.

Sie rief zurück und wippte ungeduldig mit dem Fuß.

„Inspector Tess Gleeson am Apparat.“

„Guten Morgen, Ma’am. DC Beth Chamberlain hier.“ Beth stellte das Handy auf Lautsprecher, klemmte es unter das Kinn und band ihr dunkles Haar zum Pferdeschwanz zusammen. „Sie hatten versucht, mich zu erreichen.“

Einen Moment lang herrschte Stille. Papier raschelte im Hintergrund. „Ah, ja. Danke für Ihren Rückruf, Beth. Im Westbezirk wurde jemand erschossen. In der Vorstadtsiedlung Collingtree Park. Wir stellen ein Team für die Mordkommission zusammen. Wir brauchen Sie hier, so schnell es geht.“

„Okay, ich kann in knapp fünfundvierzig Minuten bei Ihnen sein“, sagte Beth und tapste zum Kleiderschrank hinüber auf der Suche nach etwas, das halbwegs gebügelt aussah.

„Machen Sie eine halbe Stunde daraus, wenn möglich. Der DCI ist schon am Tatort. Er macht sich gleich auf den Weg zurück.“

Beth legte auf und wechselte zur Radio-App in der Hoffnung, die Nachrichten zu erwischen und warf das Handy auf ihr Bett. Ein Mordfall würde schnell die Aufmerksamkeit der Presse auf sich ziehen, die ersten Meldungen würden interessant sein. Doch statt eines abgehackten Nachrichtensprechers erfüllte die Stimme von Robbie Williams den Raum. Sie griff nach einer taillierten weißen Bluse und einer schwarzen Hose und dachte über die spärlichen Informationen nach, während sie den Bauch einzog, um den Reißverschluss ihrer Hose in Größe vierzig zu schließen.

Northamptonshire war eine weitläufige Grafschaft, die in den 1980ern gewachsen war, um den Londoner Bevölkerungsüberschuss anzulocken und bestand nun aus vielen kleinen Städten, umringt von hügeliger Landschaft und malerischen Dörfern. Cottages aus Sandstein, alte Kirchen und Landhäuser zierten die Gegend und zogen in den Sommermonaten so einige Touristen an, was jedoch nichts im Vergleich zum nahegelegenen Warwickshire oder den Cotswolds war. Im Herzen der Midlands gelegen und nur eine Stunde von London entfernt, war es vor allem für seine Verteilungszentren und Produktionsbetriebe bekannt. Die Kriminalitätsrate war verhältnismäßig niedrig und die Straftaten hauptsächlich gewinnorientiert – Ladendiebstahl, Einbruch, Raub. Morde gab es so gut wie keine und wenn doch, hatten sie meist familiäre Hintergründe oder waren Ergebnis einer Drogenfehde. Schüsse fielen hier selten. Aber es war der Tatort, der sie hellhörig gemacht hatte. Collingtree Park war eine schicke Vorstadtsiedlung, lag nicht weit der Abfahrt fünfzehn der Schnellstraße und zog sich um den nahegelegenen privaten Golfplatz. Sie hatte sich dort vor einigen Jahren Häuser angeguckt, mehr aus einer Laune heraus als in Erwartung, dort ernsthaft etwas zu finden, denn ihr Gehalt bei der Polizei schränkte ihre Suche deutlich ein. Die meisten Anwohner waren Pendler. Die Siedlung bestand hauptsächlich aus Doppelhäusern in Sackgassen oder Wohnstraßen ohne Durchgangsverkehr mit makellosen Gärten und imposanten Auffahrten. Nicht gerade die Gegend, die an Morde vor der Haustür gewohnt war.

Das Radio spielte noch dasselbe Lied, als sie in die Küche kam. Lily saß schon am Tisch und goss sich hochkonzentriert ein Glas Orangensaft ein, wobei die neben ihr zusammengerollte Myrtle, Beths graue Tigerkatze, sie kritisch beäugte.

„Du siehst hübsch aus“, sagte sie, als ihre Tante ihr eine Schüssel Cornflakes hinstellte.

„Dankeschön“, antwortete Beth, hob die Katze vom Tisch und setzte sie auf den Boden. „Ich muss leider los zur Arbeit. Deine Mama bringt dich zum Wettkampf.“ Lily machte ein langes Gesicht. „Aber ich sage ihr, dass sie deinen Wettkampf filmen soll, dann können wir uns das Video hinterher zusammen angucken.“

Ihre Miene erhellte sich bei der Aussicht. „Du kommst aber zur Landesmeisterschaft, oder?“

Beth nahm sie fest in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf den Kopf. „Das ist doch noch eine Woche hin“, spottete sie. „Natürlich werde ich da sein.“

***

„Cameron Swift. Sechsundvierzig Jahre alt.“ Das Getuschel im Konferenzraum erstarb. Detective Chief Inspector Lee Freeman war nicht besonders groß, gerade einmal einen Meter fünfundsiebzig, mit schütterem rotem Haar und Bierbauch. Er hatte in den Neunzigern als DC in der Mordkommission gearbeitet und während verschiedener Stellen und Beförderungen den Kontakt nicht verloren, und nun war er als DCI zurückgekehrt. Seine Erfahrung und die Tatsache, dass er so gut wie jeden im Team beim Vornamen kannte und sich die Meinungen anderer anhörte, egal, welchen Rang sie hatten, machten ihn zu einem perfekten Vorgesetzten. Vor Kurzem waren Gerüchte umgegangen, dass er sich für eine Beförderung in der benachbarten Dienststelle bewerben wollte und Beth war froh, dass er zumindest für diesen Fall noch da war.

„Wurde um etwa zehn nach sieben heute Morgen vor seinem Haus, Meadowbrook Close 16, in der Siedlung Collingtree Park aus kurzer Entfernung erschossen.“ Freeman tippte zweimal auf das Board neben ihm und sprach weiter. Eine Sammlung vergrößerter Fotos vom Leichnam des Opfers aus verschiedenen Winkeln erschien. Die blutverschmierte Leiche auf dem grauen Asphalt hob sich vom blassen Untergrund ab.

„Die direkten Nachbarn behaupten drei Schüsse gehört zu haben. Einige sagen sie hätten Motorenlärm gehört und einer hat eine grüne Kawasaki gesehen, die kurz darauf aus der Straße kam, aber soweit wir wissen, hat niemand die Tat gesehen.“ Er tippte energisch auf das Whiteboard und das Geräusch hallte durch den Raum. „Den Motorradfahrer ausfindig zu machen hat im Augenblick höchste Priorität.“

„Wissen wir, welche Route die Person zur und aus der Sackgasse genommen hat?“ Alle Augen richteten sich auf Detective Sergeant Nick Geary, der mit unverkennbar nordirischem Akzent sprach und etwas abseits an der Heizung lehnte. Er hatte sein dunkelblaues A4-Notizbuch unter den Arm geklemmt und schob sich mit der freien Hand eine dunkle Locke aus dem Gesicht. „Mit diesem Wissen sollten sich noch weitere Zeugen finden lassen.“

„Das wissen wir noch nicht“, antwortete Freeman. „Es war früh am Sonntagmorgen. Die meisten Leute waren noch im Bett. Wir haben eine Nachbarschaftsbefragung veranlasst und haben die Kollegen gebeten, Material von Überwachungskameras zu sammeln, wenn sie die Siedlung abklappern. Sollte nicht zu kompliziert sein, die Route innerhalb der Siedlung herauszufinden und das sollte uns helfen, einzugrenzen, woher das Motorrad kam und wohin es nach der Tat gefahren ist.“

Freeman wandte sich wieder seinem Team zu. „Momentan haben wir nur einen Zeugen, der den Motorradfahrer beschreiben konnte: Schwarze Lederkluft, durchschnittliche Statur. Bisher hat keiner das Nummernschild gemeldet oder genauere Angaben zum Motorrad oder dem Fahrer gemacht. Aber es ist noch früh. Wir werden einen Zeugenaufruf für die Presse schreiben, mal sehen, was dabei herumkommt.“ Er blickte wieder zum Sergeant und signalisierte ihm, zu übernehmen. „Nick hat die Hintergrundüberprüfung des Opfers gemacht.“

Nick Geary schlenderte nach vorne. Er war größer als Freeman, hatte einen dunklen Teint, eine sportliche Figur und trug den Bart kurz getrimmt. Unter anderen Umständen hätten die beiden Männer so nebeneinanderstehend ein komisches Bild abgegeben. Sie hätten kaum gegensätzlicher aussehen können. Nick schlug sein Notizbuch auf. „Das Opfer war Vermögensverwalter, einer der Partner bei Barclay Swift in Birmingham und Mitglied im Golfclub in der Nähe. Dort hat er gelegentlich sonntags gespielt. Er lebte seit drei Monaten mit seiner polnischen Freundin Monika und ihren zwei Söhnen, Oskar und Jakub, in Collingtree Park. Keine Vorstrafen. Keinerlei aktenkundige Vermerke zum Opfer oder der Familie. Keiner von ihnen ist polizeibekannt.“ Er ließ seine Notizen sinken. „Das ist alles, was wir bisher haben.“

Freeman dankte ihm und wandte sich wieder seinem Team zu. „Okay, Leute. Zu den Prioritäten. Ich möchte ein Team, das zum Golfplatz fährt. Er trug Golfkleidung. Der Kofferraum seines Autos stand offen und darin lag eine Golftasche. Wir müssen herausfinden, wo er heute Golf spielen wollte und mit wem.“

„Sein Handy wurde am Tatort gefunden. Wir gehen die Anrufe durch, sprechen mit seinen Freunden, seiner Familie und finden heraus, mit wem er Kontakt hatte, privat sowie geschäftlich.“ Er drehte sich zu Geary um. „Sehen Sie zu, dass wir die Telefonverbindungen im Schellverfahren bekommen, ja? Ich will, dass wir uns so schnell wie möglich ein Bild seiner letzten zwei Wochen machen können.“

„Außerdem müssen wir seinen Geschäftspartner befragen. Ich will wissen, woran er zuletzt gearbeitet und ob er jemanden verärgert hat.“

„Ein Team der Spurensicherung wurde schon hinbeordert, um die Gegend zu durchkämmen und nach den fehlenden Kugeln und Hülsen zu suchen. Der Pathologe vermutet, dass drei Schüsse abgegeben wurden, zwei in die Brust, einer in den Kopf.“ Er zeigte auf die Einschussstellen auf den Fotos neben ihm. „Nur zwei Wunden, aus denen die Kugeln wieder ausgetreten sind, heißt also eine Kugel steckt noch im Körper. Wir hatten Glück, dass PC Grover als erster am Tatort war. Für diejenigen unter euch, die ihn nicht kennen, er hat mal im bewaffneten Dienst gearbeitet. Er vermutet, dass die Waffe eine Neun-Millimeter-Pistole war. Eine Hülse wurde in der Nähe gefunden. Wir müssen die anderen finden, damit die Ballistik sie untersuchen kann.“

Seufzend fuhr er fort: „Ich habe keine Zweifel daran, dass der Angriff geplant war. Der Täter wusste, wo sein Opfer wohnt und ist dort hingefahren. Bewaffnet und mit der Absicht, ihn zu konfrontieren. Vielleicht wusste er sogar, dass er vorhatte, heute Morgen Golf zu spielen.“

„Es sieht nach professioneller Arbeit aus, nicht wahr?“, warf Geary ein. „Zwei Schüsse in die Brust, einer in den Kopf. Der Täter muss ein ziemlich guter Schütze gewesen sein, um mit einer Handfeuerwaffe so zielsicher zu treffen, selbst aus kurzer Entfernung. Besonders bei einem beweglichen Ziel.“

Einen Moment lang erfüllte Stille den Raum. „Was mich irritiert, ist der Ort“, meinte Freeman. „Wenn es ein Attentat war und jemand sich die Mühe gemacht hat, ihn zu beobachten, hätte man leicht einen weniger auffälligen Ort wählen können. Ihn an einem Sonntagmorgen, wenn die meisten Leute zu Hause sind, vor seinem Haus in einem Vorort umzubringen, ist riskant. Also gut, ich danke Ihnen allen. Inspector Aston ist noch krankgeschrieben, Sergeant Geary wird also die Teams zusammenstellen und die Aufgaben verteilen. Um sechzehn Uhr treffen wir uns für die nächste Einsatzbesprechung wieder hier.“

Beth machte sich noch einige Notizen, wartete darauf, dass der Raum sich leerte und ging dann nach vorne zum Board, um sich die Fotos genauer anzusehen. Der Leichnam lag auf dem Rücken, den Kopf nach rechts verdreht, knapp einen Meter von der Bordsteinkante entfernt. Sie wischte weiter zu den Fotos, die aufgenommen wurden, nachdem der Körper bewegt wurde. In der blutigen Masse konnte sie die Schusswunde am Kopf ausmachen, wo zuvor ein Auge gewesen war.

Sie ging dichter heran, legte den Kopf schief und zwang sich, die Fotos aus forensischer Sicht genauer zu betrachten. Eines der Bilder war von etwas weiter weg aufgenommen. Ein hängender Blumentopf mit bunten Petunien und die Rotklinkerfront des Hauses waren im Hintergrund zu sehen. Beides strahlte eine Art Heimeligkeit aus, die ihr einen Stich versetzte. In den neun Jahren bei der Polizei hatte sie viele schockierende Dinge gesehen: von Messern zerfetztes Fleisch, Schnittwunden, abgetrennte Gliedmaßen bei Verkehrsunfällen, krankenhausreif geprügelte Opfer, deren Gesichter gar nicht mehr wiederzuerkennen waren. Einige ihrer Kollegen konnten alle Gefühle diesbezüglich abschalten, mit den Jahren hatten sie sich an die brutalen Auswirkungen der Gewalt gewöhnt, doch Beth hatte das nie ganz gemeistert.

„Alles in Ordnung?“ Beth drehte sich um und sah, dass Freeman sie beobachtete. Er hatte sich aus den Klauen der anderen Detectives befreit, die nach der Besprechung zu ihm gekommen und jetzt in einer Unterhaltung vertieft waren.

„War das sein Auto?“ Beth zeigte auf den Mercedes im Hintergrund eines Fotos.

„Ja. Sieht aus, als wäre er auf dem Weg dorthin überrascht worden.“

„Er ist also an seinem Auto vorbeigegangen, die Auffahrt hinunter und ist dort auf seinen Mörder getroffen?“

„Davon gehen wir im Moment aus.“

Beth kaute auf ihrer Lippe herum und dachte nach. Warum zum Ende der Auffahrt laufen und dort jemanden treffen? Warum soll derjenige nicht zur Tür kommen? Außer natürlich, man kannte die Person oder wartete auf sie. „Hat ihn vor der Tat jemand angerufen oder ihm geschrieben?“, fragte sie.

Freeman runzelte die Stirn. „Die letzte SMS war an seinen Partner. Seitdem nichts mehr. Wieso fragen Sie?“

Beth wollte gerade ansetzen, als die Tür des Konferenzraumes so schwungvoll aufgestoßen wurde, dass sie von der Wand abprallte. Alle Augen richteten sich auf Elsie Neale, die Pressesprecherin, die mit ernster Miene nach vorne marschierte und sich den Schal zurechtrückte, offenbar bereit für die bevorstehende Pressekonferenz. Ihr folgte Superintendent Rose Hinchin. Sie blieben neben DS Geary stehen und sprachen leise, gerade so außer Hörweite für Beth. Ihre Miene verdüsterte sich und Superintendent Hinchin rief nach Freeman.

Freeman hielt die Hand zur Bestätigung hoch, zögerte einen Moment lang und wandte sich rasch zu Beth. „Kommen Sie in fünf Minuten in mein Büro. Wir müssen etwas besprechen, bevor Sie sich den anderen anschließen.“

3

Monika saß am Küchentisch und knüllte ein Taschentuch immer wieder in den Händen, bis es ihr durch die Finger glitt und zu Boden fiel. Gedankenverloren rückte sie Jakub, ihr neun Monate altes Baby, auf ihrem Schoß in eine bequemere Position. Seit sie heute Morgen ins Haus zurückbegleitet worden war und sie Jakub aus dem Kinderbett geholt hatte, klammerte er sich unentwegt an sie, selbst wenn sie zur Toilette ging. Nun war er endlich erschöpft eingeschlafen und für eine Weile ruhig.

„Sind Sie sicher, dass wir niemanden für Sie anrufen können, der zu Ihnen kommt?“, fragte der Detective.

Sie sah zu dem Mann mit dem graumelierten Haar und der Schmachtlocke, die ihm ins Gesicht fiel, hinauf und schüttelte den Kopf. Wie hieß er noch gleich? Sie war sich sicher, dass er sich vorgestellt hatte, als er heute Morgen angekommen war und sie von Camerons leblosem Körper weggezogen hatte, um die Sanitäter durchzulassen. Dann hatte er ihren zitternden Körper ins Haus gesteuert. Doch sie konnte sich partout nicht an seinen Namen erinnern. Die Tasse Tee, die er ihr gemacht hatte, stand zwischen ihnen auf dem Tisch und ein dunkler, zäher Film hatte sich auf der Oberfläche gebildet.

Die Schritte auf dem Fußboden über ihnen unterbrachen seine Worte. Ermittler in weißen Schutzanzügen waren in Scharen aufgetaucht, noch bevor der Krankenwagen losgefahren war, und durchsuchten nun die Räume, gingen ihre Habseligkeiten durch. Der Detective ihr gegenüber hatte gesagt, dass sie nach Hinweisen suchten, nach irgendeinem Anhaltspunkt, wer das getan haben könnte und wieso. „Ein notwendiger Teil der Ermittlungen“, hatte er ihr versichert und die Familie gebeten, sich solange mit ihm in die Küche zu setzen. Das Geräusch eines Stuhls, der über das Parkett schrappte, ließ sie zusammenzucken. Der Raum über ihnen schien nun im Fokus zu stehen: Camerons Arbeitszimmer. Als wäre der Schmerz, den leblosen Körper ihres Partners im Arm zu halten, nicht schlimm genug gewesen, musste sie jetzt die Demütigung erdulden, Fremde durch ihre Schubladen wühlen zu lassen und ihnen gestatten, ihr persönliches Hab und Gut durchzugehen. Ein Polizist war hereingekommen, um den Mülleimer zu holen, damit sein Inhalt überprüft werden konnte.

Monika strich Oskar, ihrem ältesten Sohn, der auf dem Stuhl neben ihr saß, über den Arm. Sein Blick war auf den Tisch gerichtet, der Bildschirm der Konsole in seiner Hand war aus. Eine Erinnerung: Camerons Lächeln, als er Oskar aufzieht und ihm sagt, dass er der Mann im Hause sei, wenn er auf Dienstreisen ist. Mit zwölf Jahren hatte Oskar über diese schrägen Sticheleien nur gelacht. Nun sah er aus, als müsse er irgendwie einen Felsbrocken auf den Schultern balancieren, offensichtlich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, seine Mutter zu beschützen, für die Familie zu sorgen und der Unsicherheit, nicht recht zu wissen, was er sagen oder tun sollte. Das Ergebnis daraus war eine beklemmende Stille.

Der Kloß in Monikas Hals wurde immer größer. Cameron war früh morgens aufgestanden, um eine Runde Golf zu spielen, was er immer tat, wenn er sonntags zu Hause war. Sie hatte gespürt, wie er sich an ihr vorbeigeschoben hatte, als er aus dem Bett geschlüpft war, doch sie hatte so getan, als schliefe sie, als er leise durch das Zimmer schlich und hatte sich in die warme Decke gekuschelt, während er sich anzog. Jeden Moment würde das Baby wach werden und dann würde der Tag auch für sie beginnen. Was immer es kostete, an einem Sonntag ein bisschen später in den Tag zu starten und ein paar Minuten mehr im Bett zu haben, war ihr lieb.

Bevor er auf Zehenspitzen zum Frühstücken nach unten ging, hatte er ihr einen Abschiedskuss auf die Nase gehaucht und sein warmer Atem hatte auf ihrer Haut gekitzelt. Trotzdem hatte sie die Augen nicht geöffnet. Nun kribbelte eine einsame Träne in ihrem Augenwinkel. Sie hatte ihn am Morgen nicht gesehen, bis … Monika schloss die Augen und blendete das Bild aus. Camerons verdrehter Körper auf dem Asphalt, die Haare glitschig vom Blut. Das letzte Mal, dass sie ihn richtig gesehen hatte, war, als sie ihm am Abend zuvor Gute Nacht gesagt hatte und ihn unten sein geliebtes Game of Thrones zu Ende hatte sehen lassen, bevor er ins Bett ging. Er hatte zu ihr aufgesehen und mit einem Funkeln in den Augen und leichten Grübchen gesagt, dass sie wach bleiben solle. Doch kaum unter die Decke geschlüpft, war sie auch schon eingeschlafen.

Der Detective stellte immer weiter Fragen. „Wissen Sie von irgendwem, der Cameron schaden wollte? Hatte er irgendwelche Feinde?“ Sie schüttelte beide Male den Kopf. Die Worte gingen ineinander über, dass seine Stimme mit der Zeit zu einem leisen Murmeln im Hintergrund wurde.

Die Ereignisse des Morgens gingen ihr wieder und wieder durch den Kopf. Sie war gerade aus der Dusche gestiegen, als ein lautes Krachen die Luft zerrissen hatte. Vor ein paar Monaten hatten sie in Birmingham gelebt, wo merkwürdige Geräusche, Verkehrslärm und fehlzündende LKWs Normalität waren. Doch hier, wo das unterbrochene Dröhnen der Müllabfuhr, die am Abholtag die Straße hinaufkam, ihr so laut wie eine Kirchenglocke vorkam, klang es ungewöhnlich. Irgendwie falsch. Als sie sich abgetrocknet hatte und zum Schlafzimmerfenster gegangen war, war die Straße voller Anwohner des Meadowbrook Close. Hände über den Mund geschlagen, sahen sie einander schockiert an.

Die offenstehende Kofferraumklappe von Camerons Wagen hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie hatte die Stufen kaum unter den Füßen gespürt, als sie die Treppe hinunterlief, die Haustür aufriss und dabei das Band ihres Bademantels festzurrte. Das nasse Haar klebte ihr an den Schultern, als sie um den Mercedes herum zu der Menschenansammlung eilte. Der Schotter bohrte sich in ihre nackten Fußsohlen.

Sie blickte an den verwischten Farbflecken vorbei, die die Straße versperrten und renkte sich den Hals aus, die Straße nach Camerons vertrautem Golfpulli absuchend. Er hatte das Haus erst vor Minuten verlassen. Konnte noch nicht weit sein.

Ein blutiges Rinnsal war zwischen den Schuhen der Menschenmenge hindurch gesickert.

Köpfe drehten sich. Stimmen vermischten sich. Menschen wichen zu beiden Seiten zurück und gaben den Blick auf den blutüberströmten Körper auf dem Asphalt frei.

Sie schloss die Augen und versuchte die Erinnerung zu verdrängen. Im Fernsehen kamen immer Ärzte und verabreichten Beruhigungsmittel, wenn Menschen ihre Geliebten verloren. Hier und jetzt hätte sie alles für eine Pille gegeben, die die Welt ausschaltete und sie von dem Schmerz und Kummer befreite, der in ihr tobte. Doch das war keine Option. Sie hatte eine Familie, um die sie sich kümmern musste: ein Baby, das sie nicht aus den Augen ließ und einen Zwölfjährigen, der nicht von ihrer Seite wich. Und niemanden in der Nähe, der ihr helfen konnte. Nein, sie musste den Schmerz ertragen, der nun ins Unermessliche anwuchs, sie zu erdrücken schien, ihr die Luft abschnürte.

„Haben Sie Familie in der Nähe?“ Der Detective legte den Kopf leicht schief. „Können Sie uns von Camerons Freunden oder Geschäftspartnern erzählen?“

Sein Stift kratzte auf dem Papier, während er sprach. Sie wünschte, er würde mit den Fragen zum Ende kommen, ihr Haus verlassen und seine Kollegen allesamt mitnehmen.

Camerons lebloser Körper ging ihr immer wieder durch den Kopf. Wie hatte das passieren können? Direkt vor ihrer Haustür an einem Sonntagmorgen. Wie konnte jemand Cameron das antun? Ihnen allen?

Jakub zappelte auf ihrem Schoß. Zum Glück hatte sie die Jungen vor dem Anblick von Camerons blutüberströmtem Leichnam schützen können, doch der Ausdruck auf Oskars Gesicht, als sie ihn geweckt hatte und ihm erklärt hatte, dass sein Stiefvater tot war, hatte sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt. Zumindest hatte ihr Jüngster keinen Schimmer, dass sein Vater fort war. Noch nicht.

Die Türklingel riss sie aus dem tiefen Gedankenwirrwarr. Der Detective verließ die Küche und zog die Tür hinter sich zu. Lärm. Fremde klapperten draußen herum, ständig kamen und gingen sie und flüsterten miteinander. Ihre Gedanken wurden von Bewegungen und Schritten über ihr unterbrochen. Sie wollte sie nicht hier haben. Im Moment wollte sie bloß ihre Familie nehmen und in ihre Trauerblase verschwinden. Allein.

4

Beth ging den leeren Flur zu Freemans Büro hinunter. Telefone klingelten im Akkord, während sie an der Leitstelle vorbeilief. Die ersten sechsunddreißig Stunden nach einem Mord waren entscheidend und die Spannung unter ihren Kollegen war nahezu greifbar, als sie sich den ihnen zugeteilten Aufgaben widmeten.

Freemans Büro lag am anderen Ende des Flurs, kurz vor den Aufzügen und war ein enger Raum mit einem Schreibtisch in Kiefernoptik, hinter dem ein Lehnsessel stand. Durch die schmalen Lücken der Jalousielamellen fiel Sonnenlicht. In einiger Entfernung konnte Beth die roten Klinker des Wootton-Hall-Präsidiums hinter dem Sportplatz erkennen. Als sie bei der Mordkommission angefangen hatte, hatte sie sich darauf gefreut, im Präsidium zu arbeiten und noch dazu in einem so alten Gebäude. Schnell hatte sie jedoch herausgefunden, dass sie tatsächlich in einem versteckten Behelfsbau am Ende der Einfahrt arbeiten würde. Hinzu kam, dass das Gebäude neben einer zweispurigen Schnellstraße lag, was zwar eigentlich kein Problem war, aber im Sommer dazu führte, dass man vor lauter Verkehrslärm die Fenster nicht öffnen konnte.

Sie nahm sich einen Klappstuhl aus der Ecke und ließ den Blick über das Sammelsurium von Unterlagen und Akten auf dem Schreibtisch schweifen. An der genauso unordentlichen Pinnwand an der gegenüberliegenden Wand wölbten sich die Ecken der angehefteten Zettel hoch. Ein Foto auf dem Schreibtisch zeigte vier breit grinsende Kinder am Strand. Der Bilderrahmen stand gefährlich nah an der Tischkante. Ihr Blick blieb an der obersten Akte hängen. Sie sah sauber und neu aus. Unbeschrieben. Die Unterhaltung im Konferenzraum hatte sie neugierig gemacht. Die düstere Miene der Pressesprecherin deutete auf irgendetwas Wichtiges hin: vielleicht eine neue Entwicklung im Fall. Sie sah wieder zur Akte und schlug sie auf. Es waren Freemans bisherige Notizen zum Fall und seine Ermittlungsstrategien. Sie warf einen verstohlenen Blick zur Tür und lauschte. Alles ruhig. Beth griff nach der Akte und blätterte sie durch. Unzählige Fotos starrten ihr entgegen, aus verschiedenen Winkeln aufgenommen, Abzüge der Fotos, die sie vorhin gesehen hatte. Krakelige Notizen zu möglichen Strategien. Sie ging die Notizen durch, überflog eine Seite und sah, dass es eine Anweisung für das Meeting vorhin war. Danach kam ein Entwurf für eine Pressemitteilung.

Eine Tür auf dem Flur fiel krachend ins Schloss. Sie klappte die Akte zu und setzte sich gerade hin. Doch als keinerlei Schritte zu hören waren, entspannte sie sich und blätterte weiter. Eine Karte, eine Liste mit Adressen in Birmingham, vermutlich die des Geschäftspartners des Opfers und seiner Kollegen. Ihre Gedanken schweiften ab und sie dachte an die angespannten Gesichter im Konferenzraum, als sie weiterblätterte. Und keuchte. Es war ein vergrößertes Bildschirmfoto von einem Tweet. Ein Foto des blutüberströmten Leichnams, der ausgestreckt nahe dem Bordstein lag, und darunter stand:

Wer war #CameronSwift #bbcnews #c4news #itvnews

Plötzlich hörte sie eine quietschende Schuhsohle hinter sich.

Beth erstarrte. Sie hatte niemanden hereinkommen hören. Es war zu spät, um die Zettel wieder in die Akte verschwinden zu lassen, ganz zu schweigen davon, die Akte auf den Schreibtisch zurückzulegen. Sie drehte sich um und Erleichterung durchströmte sie, als sie DS Nick Geary vor sich sah. „Du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt.“

„Nicht so sehr wie Freeman es getan hätte.“ Er blickte zu den Zetteln auf ihrem Schoß. „Was soll das werden, Beth?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich hab nur …“

„Du hast Freemans Schreibtisch durchforstet.“ Die Atmosphäre im Raum wurde angespannter, doch dann verzog sich sein Gesicht zu einem schiefen Lächeln. „Ich geb dir einen Tipp: Wenn du schon den Schreibtisch deines Vorgesetzten durchsuchst, sieh wenigstens zu, dass du nicht dabei erwischt wirst. Und jetzt leg die verdammten Zettel zurück, bevor Freeman hier auftaucht.“

Beth warf ihm einen dankbaren Blick zu und gab sich Mühe, die Unterlagen wieder genauso in die Akte zu sortieren, wie sie sie gefunden hatte. Bei dem Tweet zögerte sie und hielt ihm das Blatt hin. „Hast du das gesehen?“

Nick verdrehte nur die Augen. „Ich informiere gleich das Team darüber. Deshalb habe ich dich gesucht.“

„Das ist also der Grund für die Aufregung im Konferenzraum eben?“

Er zog eine Augenbraue hoch und nickte. „Verfluchte soziale Netzwerke. Die haben da eine Menge zu verantworten.“

Beth blickte zurück auf die Nachricht. „Wir gehen also davon aus, dass der Täter das Foto hochgeladen hat?

5

DC Warren Hill begrüßte Beth mit einem freundlichen Lächeln an der Tür. „Schön Sie wiederzusehen, Beth“, sagte er leise. „Sie sehen gut aus.“

„Nicht so gut wie Sie.“ Er sah keinen Tag älter als vierzig aus, obwohl er stark auf die Fünfzig zuging. Warren war erst spät zur Polizei gekommen, doch all das Triathlon-Training zahlte sich eindeutig aus. Beth schob eine Strähne ihres dunklen Haars aus dem Gesicht und fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, dass sie nicht einmal wusste, wann sie ihre Laufschuhe zuletzt getragen hatte.

„Seit wann sind Sie hier?“ fragte sie, als er zur Seite trat und sie hereinließ.

„Seit ein paar Stunden. Ich wohne nur ein paar Kilometer von hier, in Hunsbury. Freeman hat mich direkt hierhergeschickt. Seitdem habe ich die Ermittlungen auf dem Handy verfolgt.“

Beth freute sich. Sie hatte vor einigen Jahren bei einem Autodiebstahl mit Warren zusammengearbeitet, als sie noch bei der Kriminalpolizei, dem Criminal Investigation Department, gewesen war. Der Einsatz hatte für allgemeine Belustigung gesorgt, denn Warren war dafür bekannt, Beulen und Schrammen an Autos zu verursachen und sie hatten ihm zu jener Zeit die Fahrerlaubnis für die Polizeifahrzeuge entzogen. Doch er war so gelassen, dass es ihm nichts ausmachte, die Zielscheibe des Spotts zu sein. Von seinen Fahrkünsten einmal abgesehen, war er ein guter Detective mit gesundem Menschenverstand, guten Instinkten und schier endlosem Enthusiasmus. Ganz anders als die Zyniker, mit denen sie anfangs zusammengearbeitet hatte, als sie frisch bei der Kriminalpolizei war.

„Wie läuft es bisher?“ Sie streifte ihre Jacke ab und legte sie sich über den Arm. Früher oder später würde sie ihm von der morgendlichen Einsatzbesprechung berichten müssen. Zunächst mussten sie allerdings ihre Prioritäten miteinander abstimmen und von der Familie so viele Informationen wie möglich bekommen, damit das Team in der Leitstelle ein Profil des Opfers erstellen konnte, was am allerwichtigsten war.

Er warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Die Partnerin und ihre zwei Söhne sind in der Küche. Sie wirken wie Rehe im Scheinwerferlicht. Bisher habe ich nur wenige Angaben zu Freunden und ein paar aktuelle Fotos des Opfers von ihrem Handy für die Pressemitteilung.“

Beths Schuhe quietschten auf den blank polierten Eichendielen, als sie ihm eine geschwungene Treppe hinauffolgte, vorbei an einem riesigen Benjamini und in eine weitläufige Küche mit Hängeschränken und Unterschränken aus Kiefernholz. Am anderen Ende des Raumes saßen eine dunkelhaarige Frau mit einem schlafenden Kind auf dem Schoß und ihr älterer Sohn am Tisch. Sie hatte ihre Haare in einem unordentlichen Dutt zusammengebunden, der trotz der dunklen Ringe unter ihren Augen und der bleichen Gesichtsfarbe ihr attraktives, herzförmiges Gesicht betonte. Sie beäugte Beth misstrauisch, als diese näher kam.

Beth nickte ihnen zu und stellte sich als DC Beth Chamberlain vor. „Sie haben Warren bereits kennengelernt“, sagte sie und deutete auf ihren Kollegen. „Wir werden Ihre Kontaktpersonen sein. Die nächsten Tage werden wir Zeit mit Ihnen verbringen, sie über die Ermittlungsentwicklungen informieren und Sie in dieser schweren Zeit so gut wir können unterstützen.“ Zwei paar Augen starrten sie mit leeren Blicken an, nur das Baby schlief friedlich auf dem Schoß der Mutter. In den neun Jahren ihrer Karriere bei der Polizei hatte Beth auf viele Weisen mit dem Tod zu tun gehabt und in diesen düsteren Stunden Zeit mit den Angehörigen zu verbringen, wurde nie einfacher, sie stumpfte nicht ab.

Sie warf einen Blick auf Warrens spärliche Notizen. Er hatte die wichtigsten Fragen geklärt: Familie, Freunde in der Nähe, Sorgen um die Sicherheit des verstorbenen Mannes. Doch die meisten Zeilen waren noch leer. Entweder waren sie nicht bereit zu antworten, wollten nicht oder konnten nicht. Beth vermutete letzteres.

Sie musste an den Tweet und Freemans Aufforderung denken. Sie musste ihnen die Nachricht bald überbringen, doch im Moment hatten sie genug durchgemacht. Der ältere Sohn hielt eine Konsole in der Hand, doch der Bildschirm war dunkel. Sie konnte keine weiteren Mobilgeräte in Reichweite sehen. Solange sie in der Küche blieben, war alles gut, doch ihnen lief die Zeit davon.

„Monika, nicht wahr?“ Beth legte den Kopf schief und versuchte Blickkontakt aufzunehmen. „Und du bist Oskar?“, fragte sie den Jungen, der neben seiner Mutter saß.

Monika hob den Blick und sah sie aus leeren Augen an.

„Möchten Sie von einem Arzt betreut werden?“, fragte Beth. „Wir können das arrangieren, wenn Sie glauben, dass es Ihnen helfen würde.“

Monika schloss die Augen und schüttelte leicht den Kopf.

„Okay. Zögern Sie bitte nicht, wenn Sie Hilfe benötigen. Dasselbe gilt für die Kinder. Dafür sind wir hier. Ich mache uns noch einen Tee.“ Beth nahm die Tassen vom Tisch und machte sich daran sie abzuwaschen, suchte in den Schränken nach Beuteln und kochte Tee. Gehäufte Löffel Zucker in jedem Becher gegen den Schock. Sie stellte die Tassen gerade ab, als oben ein dumpfer Schlag zu hören war. Das Baby zuckte, fing an zu zappeln, schlief dann aber ruhig weiter. „Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten“, sagte Beth. „Gibt es jemanden bei dem Sie für ein paar Tage unterkommen könnten? Vielleicht macht es das etwas einfacher für Sie alle.“

Monika schüttelte den Kopf.

„Vielleicht bei Ihrer Familie?“

„Die ist zu Hause.“

„Und das ist wo?“

„Olsztyn, in Nordpolen.“

„Verstehe. Das ist sicher nicht einfach.“ Sie setzte sich neben Warren. „Was ist mit Camerons Familie?“

Wieder ein Kopfschütteln. „Cameron hat keine Familie. Jedenfalls haben sie keinen Kontakt.“

Beth warf Warren einen schnellen Blick zu. Camerons Familie würde routinemäßig untersucht werden, Grundanforderung der Ermittlungen. Dass er möglicherweise mit Familienmitgliedern zerstritten war, konnte vielleicht von Bedeutung sein. Hatte er jemanden verärgert? Genug, um in Zusammenhang mit seinem Mord zu stehen?

„Vielleicht gibt es Nachbarn“, setzte Beth an, „oder Freunde. Wir können gerne …“

„Nein.“

Beth atmete tief ein und beschloss einen anderen Kurs einzuschlagen. „Ist Cameron jemals Motorrad gefahren?“, fragte sie vorsichtig.

„Nein.“

Sie kaute an der Seite ihres Daumens und nun fielen Beth Monikas heruntergekaute Nägel auf. Jeder Finger, sogar die Daumen, sahen aus wie Zigarettenstummel. Ihr Outfit war leger, ein weites T-Shirt und Jeans, doch Schnitt und Markenlogos sprachen dafür, dass sie sonst mehr auf ihr Äußeres achtete. Ihre Nägel standen im Widerspruch zum Rest ihres Aussehens.

Beth wechselte Blicke mit Warren. Er hatte die Nägel auch gesehen.

Einem plötzlichen Knall folgte ein dumpfes Rumpeln und die Erschütterung war durch das Haus zu spüren. Das Baby warf den Kopf zurück und fing laut an zu weinen.

Beth warf einen finsteren Blick zur Decke hinauf. „Entschuldigen Sie mich“, sagte sie.

6

Beth zog die Küchentür hinter sich zu und wechselte ein paar Worte mit dem Detective, der ein Computergehäuse die Treppe heruntertrug und ihr den Weg freimachte. Sie ging die geschwungene Treppe hoch und kam auf einen großen, offenen Flur. Cremefarbene Leinenvorhänge vor den zu beiden Seiten des Hauses liegenden Fenstern verliehen ihm eine helle, freundliche Atmosphäre.

Sie blieb an der Tür zum Arbeitszimmer stehen. „Wer macht hier so viel Lärm?“, fragte sie in den Raum.

Ein knallroter Brian von der Mordkommission grinste verlegen. Mit seinen fast zwei Metern war Brian ein Kaventsmann. Er kniete auf dem Teppich und sortierte die Manila-Umschläge und Unterlagen in die Schublade zurück, die offensichtlich aus dem Schrank neben ihm herausgefallen war. Daher also der Lärm.

Brian war als Tollpatsch vom Dienst bekannt. Er schaffte es nicht, vorsichtig zu sein, selbst wenn er sich Mühe gab.

Sie erkannte einen zweiten Kollegen, Pete, der an einem gregorianischen Schreibtisch saß und sorgfältig eine Liste der neben ihm aufgereihten Asservatentüten und deren Inhalte in sein Buch notierte. „Wie geht’s, Beth?“, fragte er. „Du bist also auch dabei?“

„Sind wir das nicht alle? Ich kümmere mich mit Warren um die Opferbegleitung.“

„Du Glückliche.“ Petes Latexhandschuhe quietschten auf der glatten Schreibtischoberfläche als er einen der Beutel beiseiteschob.

„Irgendwas Interessantes dabei?“

„Lässt sich noch schwer sagen. Eine Menge Unterlagen, Disketten und USB-Sticks. Wird ’ne Weile dauern, bis wir das alles gesichtet haben.“

„Was ist mit dem restlichen Haus?“

„Wir sind so gut wie fertig. Nichts Auffälliges bisher.“

Sie sah aus dem Fenster, das den Blick auf einen langgezogenen Garten freigab, der fast nur aus Rasen bestand. Ganz hinten stand ein großes Trampolin. Daneben war ein großzügiges Stück gepflastert und eine Terrasse stand voll mit bunten Topfpflanzen. Dahinter erstreckte sich der gepflegte Rasen des Golfplatzes.

„In Ordnung. Versucht leise zu sein, ja? Ihr habt das Baby geweckt.“

Beide nickten und machten sich wieder an die Arbeit.

Oben standen die Türen der anderen Zimmer offen. Sie warf einen Blick in ein lila gestrichenes Zimmer mit Postern von Gothic-Bands an den Wänden. In einer Ecke stand ein Schlagzeug, daneben lehnte eine Gitarre an der Wand. Sonnenlicht fiel in die nächsten Zimmer, die unnatürlich ordentlich waren, als wären sie für die Fotostrecke eines Magazins vorbereitet worden. Ein Kinderbett mit einem Sternmobile und einer zurückgeschlagenen Decke stand im Zimmer gegenüber. Sie blieb an der Tür des Schlafzimmers stehen. Die Gardinen flatterten leicht im Wind.

Beth ging hinein und trat ans Fenster. Von hier aus sah man auf die Auffahrt und die Straße dahinter. Eine der Schranktüren stand offen und gab den Blick auf Hemden, Anzüge, Krawatten und ein unordentliches Schuhregal frei. Sie stellte sich vor, wie Cameron an diesem Morgen aufgewacht war, sich auf leisen Sohlen zum Golfen fertig gemacht und die Haustür vorsichtig zugezogen hatte, um seine schlafende Familie nicht zu wecken. Die Kofferraumklappe seines Mercedes’ stand auf dem Hof immer noch offen, wie ein gaffender Mund, der mit einem Muster bunter forensischer Markierungen verziert worden war.

Auf der anderen Straßenseite klebten die Blicke einer Familie am Sichtschutz, der um den Tatort herum errichtet worden war, während ein Polizist sie vorbeiführte. Die Eltern hatten die Hände schützend um die Schultern ihrer Kinder gelegt. Der Leichnam war zwar schon im Leichenschauhaus, doch die Straße war noch von Blutspritzern verfärbt. Sie mussten noch warten bis die CSIs ihre Arbeit getan hatten, bevor die Straße mit Wasser abgespritzt werden konnte. Die Familie ging weiter und wurde zu einem Farbkleks in der Ferne. Die Anwohner der Sackgasse würden mit ihren Kindern einen festgelegten Weg über die gegenüberliegenden Vorgärten und durch den Medienrummel hinter der Absperrung nehmen müssen: Reporter mit Mikrofonen, die sich an Fotografen drängten, heiß darauf ein Zitat oder einen Schnappschuss zu ergattern, irgendetwas, das ihnen eine neue Perspektive für einen Artikel lieferte.

Als sie wieder am Fuß der Treppe ankam, konnte Beth den Singsang von Warrens südenglischem Akzent durch die geschlossene Küchentür hören. Ein Teil von ihr wollte sich dazugesellen. Doch es war ein Spiel gegen die Zeit; Freeman baute darauf, dass sie dabei halfen, das Opferprofil der Familie zu erstellen. Wobei sie gemessen an der derzeitigen Verfassung der Familie an diesem Morgen oder heute generell wohl nicht viel herausfinden würden, vermutete Beth.

Stattdessen hatte sie das Bedürfnis, die Familie besser kennenzulernen, also machte sie auf dem Absatz kehrt. Die Türen der meisten Zimmer im Erdgeschoss standen weit offen. Sie guckte in ein Gästebadezimmer, wo die goldenen Armaturen in der Mittagssonne glänzten. Im Spielzimmer lag ein Sammelsurium bunter Kuscheltiere, Spielzeug und Bauklötze, die sorgfältig aufgereiht da lagen. Das Esszimmer sah aus als würde es nur selten genutzt werden. Im Wohnzimmer, das unter dem Schlafzimmer lag, standen zwei große Sofas mit hellen Kissen darauf vor einem Holzofen arrangiert. Sie wunderte sich, dass die Familie keinen Fernseher im Wohnzimmer hatte. Sie betrat den Raum und blieb an dem vergitterten Erkerfenster stehen, von dem man auf die Straße blickte. Die Sicht auf die Polizeiarbeit war hier besser, fast wie eine Szene aus einem Krimi im Fernsehen. Polizisten in weißen Overalls krochen durch die angrenzenden Gärten und suchten den Boden ab. Andere schwenkten Metalldetektoren auf der Suche nach weiteren Kugeln und Hülsen. Ein blau-weißes Polizeizelt war hinter dem Sichtschutz aufgestellt worden, dort, wo die Leiche des Opfers gelegen hatte. Überall sah man Spuren des Mordes und sie war froh, dass Warren die Familie in die Küche gebracht hatte, weit weg von diesem grauenvollen Anblick. Gedanklich ging sie die bisherigen Indizien durch. Sie kannten die Route nicht, die der Täter in die Siedlung genommen hatte. Meadowbrook Close war eine Sackgasse. Der Weg rein war der Weg raus. Eine riskante Entscheidung für jeden Angreifer, denn es erhöhte die Gefahr, eingekesselt zu werden, wenn etwas schieflief. Der Tathergang deutete darauf hin, dass der Mörder wusste, wo Cameron lebte und seine Gewohnheiten kannte, was dafür sprach, dass er ihm nahegestanden hatte. Doch der Entschluss, ihn in aller Öffentlichkeit anzugreifen und die Nachricht von seinem Tod so zu verbreiten, verwirrte sie. Sie versuchte sich in den Täter und seine Denkweise hineinzuversetzen. Es reichte nicht, Cameron Swift umzubringen, sondern die bleibende Erinnerung sollte in den Dreck gezogen werden. Wieso nur?

Ein Schulfoto von Oskar stand auf dem Kaminsims neben mehreren Babyfotos von Jakub, auf denen er immer größer wurde. Sie beugte sich hinab und sah sich das Familienfoto auf dem Sideboard genauer an. Die innige Umarmung und das breite Grinsen deuteten auf einen engen Familienverband hin. Ihr Blick blieb an Cameron hängen. Er war ein gutaussehender Mann mit markantem Kinn und einem breiten Lächeln. Ein Lächeln, das sie nie in echt sehen würde.

Sie kam nicht weiter, hing gedanklich völlig fest an dem fetten Fragezeichen hinter dem Handeln des Täters, das sie zu verspotten schien. Das Klingeln ihres Handys riss sie aus den Gedanken. Freeman stand auf dem Bildschirm, als sie das Handy aus der Hosentasche zog.

„Sir?“

„Wie kommen Sie voran, Beth?“

„Ganz gut. Die Familie steht komplett unter Schock. Warren hat eine Liste mit engen Freunden angefangen, aber wir haben noch nicht viel zum Familiennetzwerk herausfinden können. Monika sagte, dass ihre Familie im Norden Polens lebt, es gibt niemanden in der Nähe. Ihr zufolge stand Cameron nicht im Kontakt mit seiner Familie. Könnte von Bedeutung sein.“

„Alles klar, danke. Schauen Sie, ob sie noch mehr aus ihr herausbekommen. Und schicken Sie mir die Liste mit den Freunden und Bekannten so bald wie möglich. Konnten Sie sie schon überzeugen, das Haus zu verlassen?“

„Es sieht nicht gut aus. Ich habe es schon vorgeschlagen, aber im Moment stellt sie sich stur.“

„Versuchen Sie es nochmal, ja?“

„Glauben Sie, sie sind in Gefahr?“

„Danach sieht es aktuell nicht aus, aber wir können natürlich nicht sicher sein. Außerdem wäre es auch einfacher, die Durchsuchung ohne sie vor Ort abzuschließen. Versuchen Sie, sie zu überzeugen. So schnell es geht.“

***

Beth steckte ihr Handy ein, trat aus dem Wohnzimmer und stieß im Flur fast mit Oskar zusammen. Er warf ihr einen Blick zu, bei dem sie sich wie ein ungezogenes Schulkind fühlte, das in seinem Haus herumschnüffelte. Er deutete zur Badezimmertür und sie ging einen Schritt zur Seite und ließ ihn vorbei.

Wieder in der Küche, fütterte Monika das Baby im Arm mit einer Flasche Saft.

„Da ist aber wer durstig“, sagte Beth freundlich.

Das Baby hustete etwas und Monika klopfte ihm leicht auf den Rücken. Jakub riss die Augen auf, als er mit einem Ruck aufstieß. Beth grinste. „Wie alt ist er denn?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort kannte. Sie hatte sich die Namen und Altersangaben der Familie auf der Wache eingeprägt.

„Fast neun Monate“, murmelte Monika, ihre Stimme kaum lauter als ein Flüstern.

„Meine Nichte litt ziemlich an Blähungen, bis sie zwei war“, gab Beth zurück.

Monikas Kopf zuckte hoch, als könne sie sich Beth nicht im Umgang mit Kindern vorstellen, dann gab sie ihrem Baby wieder die Flasche. Warrens Handy klingelte und er ging in den Garten, um den Anruf anzunehmen und schloss die Tür hinter sich.

„Ich muss etwas mit Ihnen besprechen“, sagte Beth und sah sich zur Flurtür um, „bevor Ihr Sohn zurückkommt.“

Monika blickte sie plötzlich erwartungsvoll an. „Haben sie Neuigkeiten?“

Der Optimismus in ihrer Stimme versetzte Beth einen Stich. Es waren keine guten Neuigkeiten und diese elenden Details mitzuteilen bedeutete noch mehr Kummer, wo doch das Fass schon zum Überlaufen voll war. „Nein, noch nicht. Aber …“, sie zögerte einen Moment lang, unschlüssig wie sie es in Worte fassen sollte. „Da ist ein Bild von Ihrem Ehemann im Internet, das nach der Tat gemacht wurde.“

„Was soll das heißen? Hat jemand gefilmt, was passiert ist?“

„Nein, das nicht. Es wurde ein Foto gemacht und auf Twitter gestellt.“

Monika starrte sie mit offenem Mund an.

„Wir haben es gleich herunternehmen lassen, als wir alarmiert wurden“, versicherte ihr Beth, „doch es wurde schon einige Male geteilt. Unsere IT-Abteilung arbeitet daran, alle geteilten Bilder zu entfernen, aber es ist noch möglich, dass Sie oder Ihr Sohn …“

„Oh mein Gott.“ Entsetzen und Verwirrung standen Monika ins Gesicht geschrieben. „Wer tut denn sowas?“

„Das wissen wir aktuell noch nicht. Aber wir tun alles, was in unserer Macht steht, um herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist.“ Monika schwieg einen Moment lang. Sie sah aus, als würde sie in Ohnmacht fallen. Das Baby hatte die Flasche leer getrunken, schob den Sauger aus dem Mund und fing unbekümmert an, mit einem Knopf an Monikas Strickjacke zu spielen. „Es tut mir sehr leid.“ Die Worte waren unzulänglich und Beth wusste es. Monika hatte ihren Partner verloren, ihren Seelenverwandten, den Vater ihres Babys, und das auf die schlimmstmögliche Weise. Eine Mordermittlung ließ wenig Raum für Privatsphäre, aber Bilder des Leichnams waren für gewöhnlich eine der Ausnahmen. Jetzt war nicht einmal davor Halt gemacht worden.

Eine Weile füllte nur das Stampfen der Schritte im Zimmer über ihnen den Raum. „Ich kann selbst mit Oskar sprechen, wenn Sie mögen“, sprach Beth weiter.

Monika verzog das Gesicht bei dem Versuch das alles zu verdauen. „Nein, ich rede mit ihm.“ Sie war außer Atem, die Worte fast zu unerträglich, um sie auszusprechen.

„Wir bräuchten Ihre Zustimmung, um Ihre Social-Media-Profile zu überprüfen, wenn das für Sie in Ordnung ist?“

„Ich habe nur Facebook. Um mit meiner Familie zu Hause in Kontakt zu bleiben.“

„Und was ist mit Cameron?“

„Er hat keine sozialen Medien genutzt. Meinte, dass es nur widersprüchliche Botschaften in Umlauf bringt. Er hielt nichts davon.“

„Und für die Arbeit?“

„Auch nicht. Er vermied es um jeden Preis. Er ließ sie nicht einmal ein Foto von ihm auf der Webseite der Firma hochladen.“

Das Geräusch einer ins Schloss fallenden Tür unterbrach die Unterhaltung. Beth senkte die Stimme: „Was ist mit Ihrem Sohn Oskar?“

„Ich rede mit ihm. Er ist erst zwölf. Er hat kein Twitter oder Facebook, beim Rest bin ich mir nicht sicher.“ In dem Augenblick kam Oskar zurück in die Küche und schaute sie kritisch an, als wüsste er genau, dass sie gerade über ihn gesprochen hatten.

„Würden Sie mir die Anmeldedaten aufschreiben?“

Monika kritzelte die Daten auf ein Stück Papier, das Beth ihr reichte, und schob es ihr über den Tisch. Sie stand auf und fragte: „Ist mein Schlafzimmer frei?“

„Das Schlafzimmer nach vorne heraus?“, fragte Beth zurück.

Monika nickte.

„Ja.“

„Ich muss das Baby wickeln.“ Sie stellte die Flasche auf den Tisch und verließ mit ihren Söhnen die Küche.

7

Es war spät am Abend, als Monika und Oskar wieder auftauchten. Die tiefstehende Sonne zog rotorangene Streifen über den Himmel und bereitete hinter dem Küchenfenster ein überwältigendes Spektakel. Monikas Haar war offen, sodass die Spitzen locker ihre Schultern streiften. Mutter und Sohn sahen aus, als wären sie im Schlafzimmer eingenickt.

Beth klappte ihren Laptop zu, als die beiden hereinkamen. Nachdem sie die Anmeldedaten an die Leitstelle weitergegeben hatte, hatte sie sich Notizen gemacht und hatte sich Monikas Facebook-Profil und ihre Kontakte angesehen und nach irgendetwas Unangebrachtem Ausschau gehalten. Der Verlauf würde von Experten im Detail überprüft werden, aber sie hoffte auf Erwähnungen von Cameron. Hinweise auf ihre Gewohnheiten, Familienausflüge vielleicht. Stattdessen fand sie Vorher-Nachher-Fotos vom Hausumbau, Kommentare über das Wetter und Babybilder. Zumindest hatte sie keine Spur des makabren Fotos von Camerons Leichnam in Monikas Chronik gefunden.

Monika sah sich misstrauisch im Raum um.

„Warren ist für heute gefahren“, sagte Beth, die ihre Gedanken las. „Aber ich kann so lange bleiben, wie Sie mich brauchen.“ Sie verschwieg, dass er an der abendlichen Einsatzbesprechung teilnahm. Einer von ihnen musste anwesend sein und er hatte die Besprechung schon am Morgen verpasst, daher war es nur fair, dass Warren jetzt dort war. Später würde eine lange E-Mail im Postfach auf sie warten. Warren war vielleicht nicht besonders geschickt hinter dem Steuer, aber der Erfahrung nach waren seine Berichte stets detailliert.

Jakub kaute auf seinen Fingern herum. „Ich muss ihm seine Abendflasche geben“, meinte Monika.

„Natürlich.“ Beth machte einen Schritt zur Seite. „Wieso mache ich uns nicht etwas zu essen? Ich habe vorhin Käse im Kühlschrank gesehen.“ Monika sah zu Oskar, der nur leicht mit den Schultern zuckte.

Beth machte sich ans Broteschmieren und stellte sie mit frischen Getränken auf den Tisch. Freemans Bitte um mehr Informationen über die Familie beschäftigte sie. Die ersten vierundzwanzig Stunden jeder Ermittlung waren angespannt, es war ein Wettlauf gegen die Zeit alle Verbindungen zu identifizieren und auszuschließen, die potentiellen Verdächtigen einzugrenzen. Und das einschließlich aller Bekanntschaften des Opfers. Die Herausforderung bestand darin, die Balance zwischen den Bedürfnissen der Angehörigen und den Erfordernissen des Falles zu finden. Sie musste es unverfänglich halten und an Informationen kommen, ohne der Familie unnötig Kummer zu bereiten. Zu forsches Vorgehen und sie würden dichtmachen.

„Wäre es okay, wenn ich Ihnen noch einige Fragen stelle?“, fragte sie beiläufig und setzte sich auf einen Stuhl gegenüber.

Oskar nahm sich eine Scheibe Brot und biss hinein. Monika schaukelte das Baby sanft im Arm, das sich lieber umgucken wollte, als die Flasche zu nehmen. Als Beth ihr Notizbuch aufschlug, sah Monika sie misstrauisch an.

„Machen Sie sich keine Gedanken wegen der Notizen“, sagte Beth mit beruhigender Stimme. „Die helfen uns bei den Ermittlungen und dabei all Ihre Fragen zu beantworten.“ Sie klickte mit dem Kugelschreiber. „Was können Sie mir über Camerons Familie erzählen?“

„Nicht viel.“ Monikas Stimme klang matt und belegt. „Seine Eltern starben, bevor ich ihn kennenlernte. Er hat einige Male von einem Bruder gesprochen. Ich glaube er heißt David. Er lebt in Kanada.“

„Haben Sie seine Adresse?“

„Nein. Sie hatten keinen Kontakt mehr. Ich habe ihn nie kennengelernt.“

„Oh. Wissen Sie, wieso?“

Monika schüttelte den Kopf, stellte die Flasche auf den Tisch und wippte das Baby auf dem Knie. Jakub quietschte erfreut, wollte eindeutig lieber spielen, als schlafen. „Nein, Cameron wollte nicht darüber reden.“

Oskar, der nun zwei Brote verputzt hatte, wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab und fragte, ob er in sein Zimmer gehen könne. Nach einem zögerlichen Blick zu Beth, willigte seine Mutter ein. Seine Schritte auf der Treppe waren kurz darauf durch dumpfe Musik ersetzt, die seine Schritte im Zimmer übertönte.

„Wie ging es Cameron in letzter Zeit?“, fragte Beth.

Monika sah sie erstaunt an. „Ganz gut. Wie sonst auch.“

„Und gestern?“

„Gut. Er kam erst am späten Nachmittag nach Hause. Er reist viel für die Arbeit.“

„Was haben Sie gestern Abend gemacht?“

„Wir haben zusammen zu Abend gegessen. Er hat Jakub ins Bett gebracht und dann mit Oskar Xbox gespielt. Später haben wir noch Fernsehen geguckt. Ein normaler Familienabend.“

„Arbeitet er häufig am Samstag?“

„Manchmal. Seine Arbeit bringt viele Veranstaltungen mit sich: Golf, Abendessen, solche Dinge. Er reist durch das ganze Vereinigte Königreich.“

„Und von wo kam er gestern zurück?“

Sie zog die Schultern hoch und ließ sie dann entmutigt fallen. „Ich bin mir nicht sicher. Irgendwo in Yorkshire, glaube ich. Auf der Arbeit können sie es Ihnen sicherlich sagen.“

Beth kniff die Augen zusammen. „Sie wissen es nicht genau?“

„Er redete nicht gerne über seine Arbeit, meinte er kommt nach Hause, um sich zu entspannen. Gelegentlich, wenn er zu Hause arbeiten musste, hat er das Arbeitszimmer oben genutzt.“

„Wann war Cameron vor Samstag zuletzt zu Hause?“

„Ähm, Dienstagabend. Aber wir haben jeden Abend telefoniert. Er hat immer abends angerufen und nach den Kindern gefragt, wenn er verreist war.“

„Und davor?“ Monika starrte sie unschlüssig an. „Wir müssen ein Profil von Cameron erstellen. Dazu benötigen wir seine Aufenthaltsorte der letzten Wochen“, erklärte Beth. „Alles was Ihnen einfällt kann uns helfen.“ Monika stand auf, holte einen Kalender, der an der Wand hing, und sie markierten die Tage, an denen Cameron zu Hause gewesen war. Zusammen gingen sie den Kalender durch und Beth notierte die spärlichen Informationen. „Sie erwähnten gesellschaftliche Ereignisse“, sagte Beth danach. „Haben Sie ihn gelegentlich begleitet?“

„Ich bin einmal bei einem Abendessen mit seinen Kollegen gewesen. Da haben wir noch in Birmingham gewohnt. Bevor Jakub geboren wurde.“ Sie rümpfte die Nase. „Sie waren alle freundlich, aber sie redeten nur über Finanzen und Geldanlagen. Das war nichts für mich.“

„Was ist mit seinen Klienten?

„Die habe ich nie getroffen.“

„Hat Cameron je über sie geredet?“

„Manchmal hat er sich beklagt, wenn ihm jemand auf die Nerven ging oder er einen Klienten verloren hatte. Er hat aber nie Namen erwähnt.“

Beth griff in ihre geräumige schwarze Aktentasche und zog ihr iPad heraus. „Was ist mit Arbeitskollegen, Freunden, Leuten, mit denen er Golf spielte?“, fragte sie und entsperrte das Gerät. Monika schloss die Augen und rieb sich die Schläfe. Sie fing an abzubauen. „Ich weiß, dass das schwierig ist“, sprach Beth einfühlsam weiter. „Aber jeder Hinweis, den Sie uns geben, beschleunigt die Ermittlung.“

„Ich habe dem Detective heute Morgen schon Namen genannt.“

Durch den Schock hatten Menschen oft Lücken in der Erinnerung. Es war gängige Praxis, die Informationen zu überprüfen, um sicherzugehen, dass ihnen nichts entging. Beth lächelte ihr aufmunternd zu. „Das haben Sie und wir sind sehr dankbar. Ich habe mich nur gefragt, ob noch jemand fehlt. Vielleicht jemand, mit dem Cameron in den letzten Wochen Kontakt hatte?“

Monika gab ein resigniertes Seufzen von sich und fing an, Namen aufzuzählen. Sie hielt einige Male inne und suchte nach den richtigen Kombinationen, führte weiter aus, wenn Beth nach mehr Informationen fragte. Das Baby streckte sich über den Tisch und griff nach ein paar Brotkrümeln. Beim Namen von Oskars Vater blickte Beth auf.

„Sieht Oskar ihn häufig?“, fragte sie.

„Eigentlich nicht. Er ist vor fünf Jahren nach Polen zurück gezogen. Er hat dort als Ingenieur gearbeitet, aber da sein Englisch nicht gut genug war, hat er hier zunächst über eine Agentur gearbeitet. Es fiel ihm schwer, sein Englisch zu verbessern. Am Ende war er enttäuscht und entschied sich, nach Hause zu gehen. Er ruft gelegentlich an, meist zu den Geburtstagen und an Weihnachten. Ich schicke ihm die Bilder vom Schulfotografen.“ Sie leierte die Adresse herunter.

„Kommt er zu Besuch?“

„Er war einmal zu Besuch, seitdem er zurück gezogen ist. Als wir in Birmingham gewohnt haben, hat er mit Cameron und Oskar Xbox gespielt. Ich habe mit Oskar darüber geredet hinzufahren, aber er scheint kein Interesse zu haben.“

„Dann war es eine freundschaftliche Trennung?“

Sie nickte. „Wir waren nicht verheiratet und er zahlt immer noch Unterhalt für Oskar.“

Beth schrieb eine kurze Nachricht, klickte ein paar Mal und mailte die Details an Freeman. Als sie aufblickte, sah sie die Frau vor sich wie einen platten Luftballon in sich zusammengesackt. „Gibt es sonst noch etwas, womit ich Ihnen helfen kann?“, fragte Beth sanft.

Das Baby zappelte unruhig auf dem Schoß seiner Mutter. „Der Fernseher ist im vorderen Wohnzimmer.“ Die Worte blieben ihr im Hals stecken. „Er guckt immer etwas Fernsehen, bevor er ins Bett geht. Es beruhigt ihn.“

Vor ihrem inneren Auge sah sie die Familie, die die Straße hinunter begleitet wurde. Erschrockene Gesichter, die den Polizeieinsatz mitverfolgten. Sie zögerte für den Bruchteil einer Sekunde und ging dann voraus aus der Küche. Sie spürte Monikas Blick auf ihrem Rücken, als sie in das Wohnzimmer traten und sie die Vorhänge zuzog, obwohl es draußen noch hell war.

„Wie lange werden sie noch dort draußen sein?“, fragte Monika.

„Die Suche wird noch eine Weile dauern, schätze ich. Wir müssen gründlich sein. Sind Sie sicher, dass es nicht jemanden gibt, bei dem Sie bleiben können, bis die Durchsuchungen abgeschlossen sind? Das könnte es den Kindern leichter machen“, schlug sie vor und setzte sich neben Monika.

„Jakub ist zu Hause glücklicher.“

„Wir würden uns wohler fühlen, wenn sie ausziehen würden. Es wäre ja nicht für lange Zeit. Wir können ein Hotelzimmer arrangieren.“

Monika schaltete den Fernseher ein, wählte einen Kindersender aus und setzte das Baby vor ihre Füße. Die Stimmen bunter Kreaturen, die den Bildschirm füllten und miteinander in hohen Stimmlagen redeten, zogen Jakubs Aufmerksamkeit auf sich. „Sind wir hier in Gefahr?“, fragte Monika und drehte sich zu Beth.

„Wir haben keinen Grund, das anzunehmen. Doch die Art und Weise, auf die Cameron gestorben ist, gibt uns Anlass zur Sorge. Die Möglichkeit besteht, dass der Täter zurückkehrt oder nach etwas sucht. Wir würden uns wohler fühlen, wenn Sie alle woanders bleiben würden, bis wir wissen, womit wir es zu tun haben. Wir können dabei helfen, den Umzug so reibungslos wie möglich zu gestalten. Es wäre nur übergangsweise.“ Monika schwieg einen Moment lang, den Blick tranceartig auf einen Punkt fixiert. Beth atmete tief durch und wollte gerade wieder ansetzen, sich das Momentum zunutze machen, das sie aufgebaut hatte. Doch dann drehte sich das Baby zu seiner Mutter und zeigte brabbelnd auf ein Schaukelpferd aus Holz, das in der Ecke stand.

Die Miene seiner Mutter entspannte sich. Sie trug Jakub zum Schaukelpferd und stütze seinen Rücken vorsichtig beim Vor- und Zurückschaukeln. Er sah zu ihr hoch und schenkte ihr ein breites Lächeln. Mehrere Minuten herrschte Stille, bis sie ihn vom Schaukelpferd hob und er sich an ihre Brust kuschelte.

Sie reckte das Kinn vor. „Wir gehen nirgendwo hin“, sagte sie entschieden. „Jakub braucht seine Routinen. Er braucht sein Spielzeug um ihn.“

„Ich bin sicher wir könnten …“

„Nein. Was wir brauchen ist, dass die Fremden, die oben herumpoltern, gehen.“ Sie zog den Vorhang für einen Augenblick zurück. Als sie sich Beth zuwandte, war ihr Blick hart. „Niemand kommt hierher zurück. Nicht mit so vielen Polizisten dort draußen.“

„Möchten Sie, dass ich über Nacht bleibe?“, fragte Beth.

„Das ist nicht nötig. Ich bringe Jakub jetzt ins Bett. Wenn ich wieder herunterkomme, möchte ich, dass die Polizisten oben aus meinem Haus sind. Zumindest für heute.“

8

Monika hob das Baby in einer schwungvollen Bewegung hoch und eilte aus dem Zimmer, bevor die Tränen ihr über die Wangen liefen. Sie konnte es ihren Söhnen nicht antun, in ein fremdes Hotelzimmer ziehen zu müssen, besonders nicht nach allem, was passiert war. Das würde sie nicht zulassen. Sie hatten gerade ihren Vater verloren. Ihr Zuhause gab ihnen das Gefühl von Normalität und verband sie mit Cameron.

Oben auf der Treppe wartete ein Polizist, der sie vorbeiließ. Ein Berg Plastiktüten quoll aus dem Karton hervor, den er trug. Der Polizist war viel größer als sie und sie konnte nicht sehen, was in dem Karton war. Ihr drehte sich der Magen um. Sie ging schneller. Oskars Musik dröhnte lauter, als sie seine Zimmertür öffnete. Er lag ausgestreckt auf seinem Bett und starrte die Decke an. Er setzte sich auf und tippte auf sein iPad, woraufhin die Musik fast verstummte. Als sie ihm eine gute Nacht wünschte, fragte er, ob es ihr gut ginge. Sie bedeutete ihm mit einem Nicken, dass er sich hinlegen sollte. Sollte sie ihn zu sich ins Schlafzimmer holen? Wahrscheinlich besser nicht. Er war fast ein Teenager. Sie hatten den ganzen Tag zusammen verbracht und Oskar war der letzte Mensch, der von seiner Mutter umhegt werden wollte. Er war schon immer ein selbstständiges Kind gewesen, das Dinge lieber mit sich selbst ausmachte. Er brauchte Zeit für sich und seine Musik. Zeit, um seine Gedanken zu ordnen.

Als Monika die Schlafzimmertür hinter sich schloss, hörte sie draußen eine Stimme und ging zum Fenster. Ein Polizist stand auf dem Gehweg, das Handy ans Ohr gepresst. Sie konzentrierte sich eine Weile auf seine Stimme, konnte die Unterhaltung aber nicht verstehen. Sie ließ den Blick schweifen. Es war das erste Mal seit dem Morgen, dass sie einen freien Blick auf die Straße hatte. Das Auto stand nicht mehr in der Auffahrt und ein Zelt war mitten auf der Straße aufgestellt worden. Über den Sichtschutz hinweg konnte sie die Nachbarn auf der anderen Straßenseite Fernsehen gucken sehen. Das sanfte Licht einer Lampe erhellte ihr Wohnzimmer. Die Blumenampeln des Nachbarhauses waren wohl erst gegossen worden und tropften. Trotz eines grausamen Mordes, wegen dem ihr ruhiges Leben auf den Kopf gestellt und von der Polizei überrannt worden war, gingen die Leute ihren alltäglichen Routinen nach, sehnten sich nach der Rückkehr in die Normalität. Irgendwie hatte sie etwas anderes erwartet, ein anderes Verhalten. Dass sie von dem Vorfall genauso gezeichnet waren wie sie.

Sie erinnerte sich an den Kommentar von DC Chamberlain, die ihr nahegelegt hatte auszuziehen, bis sie wussten, womit sie es zu tun hatten. Brachte sie mit ihrem Starrsinn und dem Beharren, im Haus zu bleiben, ihre Kinder in Gefahr? Aber sie hatte auch gesagt, dass es keinen Grund gab anzunehmen, dass sie in Gefahr waren. Ihre Gedanken rasten. Ihr Blick folgte dem Polizisten draußen, der sein Telefonat beendet hatte und jetzt mit einer Polizistin sprach und einen weiteren Kollegen von der Straße zu sich winkte. Keiner würde es riskieren, bei so viel Polizeipräsenz zurückzukommen. Nein. Sie waren hier sicher. Zumindest vorerst.

Der Gedanke, dass Camerons blutiger Leichnam im Internet geteilt wurde, widerte sie an. Wer machte so etwas? Zerstörte ihr Leben auf so grauenvolle Art und Weise. Und warum? Die Vorstellung, dass das bleibende Bild, das Freunde, Nachbarn und Familie von Cameron haben würden, das einer blutüberströmten Leiche war, die in der Lache ihres eigenen Blutes lag, ließ sie erschaudern. Zum Glück hatte Oskar Ferien und würde seinen Klassenkameraden eine Weile lang nicht gegenübertreten müssen.

Monika setzte sich auf die Bettkante. Die Zeit schien stillzustehen. Jakub entspannte sich in ihrem Arm, sie legte ihn über die Schulter und strich über seinen Rücken. Ihr Blick blieb an dem Bademantel hängen, der über einen Stuhl in der Ecke geworfen lag. Sie hatte immer gezetert, dass Cameron ihn dort liegen ließ, statt ihn im Badezimmer aufzuhängen. Nun wünschte sie sich Berge von Bademänteln überall im Schlafzimmer verstreut. Cameron war tot. Er würde nie wieder mit einem Funkeln im Blick zur Haustür hereinkommen und seinen jüngsten Sohn in die Luft werfen, bis dieser vor Freude jauchzte. Sie würden nie wieder zusammen ein Glas Wein im Garten trinken … Dies hatte ihr neues Leben sein sollen. „Ein Neuanfang“, hatte Cameron es genannt. Für sie alle. Hatte das nicht jeder verdient? Ein quälender Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus und nahm ihr fast die Luft. Das Quietschen der Federn von Oskars Bett drang herüber, als er sich im Schlaf im Zimmer nebenan drehte. Sie drückte das Baby eng an sich, die Hand auf seinen Hinterkopf gepresst und eine Woge der Trauer schüttelte sie. Sie sackte in sich zusammen und weinte bitterlich.

***

Sara Swift spürte, wie ihr die Hitze zu Kopf stieg, als sie über die Tanzfläche wirbelte. Der pulsierende Rhythmus ebbte ab und wurde von einer langsameren Nummer abgelöst. Sie erkannte, dass es Abba war, konnte die Melodie aber nicht zuordnen. Lag das an ihrem schlechten Gedächtnis oder dem Wein, den sie getrunken hatte? Sie hatte tatsächlich aufgehört zu zählen, wie viele Gläser Wein sie bestellt hatte. Aber das war doch Sinn und Zweck eines All-Inclusive-Urlaubs, oder nicht?

Sie tippte einem der Körper, der neben ihr tanzte, auf die Schulter und signalisierte, dass sie zum Tisch zurückging. Ihre Freundin nickte und tanzte weiter, drängte sich vorbei und füllte die Lücke, die Sara hinterließ.

Sara warf einen Blick zu ihren Töchtern hinüber, als sie sich den Weg zum Tisch zurückbahnte und wackelte dabei mit der Hüfte zur Musik. Sie saßen am anderen Ende des Raums mit einer Gruppe Freundinnen auf dem Boden. Die Sandalen lagen auf einer Seite verstreut und sie aßen Chips und spielten das Leiterspiel. So spät hätte sie das zu Hause niemals erlaubt. Aber nachdem sie die letzten Wochen ihre Familie ertragen hatten, brauchten sie nun die kleine Auszeit und waren im Urlaub.

An ihrem Tisch angekommen, ließ sie sich auf einen Stuhl fallen und warf dabei ihren Cardigan von der Lehne. Sie lehnte sich hinunter, um ihn aufzuheben und kippte dabei ihre Tasche um. Münzen, eine Bürste, Lippenstift und ihr Handy fielen klappernd zu Boden. Sie brauchte einen Moment, um alles wieder aufzusammeln. Als sie ihr Handy aufhob, leuchtete der Bildschirm auf und zeigte eine Nachricht. Sie tippte aus Gewohnheit darauf. Es war eine SMS von Yvonne, ihrer Freundin und Nachbarin zu Hause.

Ruf mich sofort an, wenn du das hier liest.

Sara stand vorsichtig auf. Ihr war kurz etwas schwindelig von der indischen Hitze, dann rechnete sie im Kopf die Zeitverschiebung nach. In England war es später Nachmittag. Die SMS war von vor fünf Stunden. Sie überlegte, Yvonne anzurufen, aber sie hatte nicht geschrieben, dass es dringend war. Wahrscheinlich waren es die Kaninchen. Herrgott, Yvonne war so eine Meckerliese. Das nächste Mal würde sie jemand anderen bitten, auf die verfluchten Kaninchen aufzupassen.

„Kann ich dir noch nachschenken?“ Ihre Freundin schlenderte von der Tanzfläche herüber und hielt eine Flasche Prosecco über ihr Glas.

Sara sah zu ihren Töchtern hinüber. „Besser nicht. Die beiden sollten längst im Bett sein.“

„Oh, na komm schon. Du bist im Urlaub. Du kommst nicht oft dazu, es dir gut gehen zu lassen.“

Sie zog die Nase kraus. „Na schön, einen noch.“

Sie schob ihr Handy wieder in die Tasche und Elise füllte ihr Weinglas auf. Sie hielten die Gläser in die Luft und stießen an. Sie konnte Yvonne genauso gut morgen zurückrufen.

9

Beth trat aus dem Haus und zog die Tür von Meadowbrook Close Nummer 16 hinter sich zu. Die Familie war ins Bett gegangen, erschöpft von den Ereignissen des Tages, wobei sie bezweifelte, dass sie heute Nacht oder in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten ruhig schlafen würden.

Die Nacht war hereingebrochen und die Dämmerung hüllte die Gegend in ein staubfarbenes Licht. Es war still in der Nachbarschaft, denn das schwindende Licht bereitete der Suche vorerst ein Ende. Das Zelt stand noch immer wie ein Leuchtfeuer auf der Straße und erinnerte quälend an den Mord.

Das Polizeiband flatterte im Wind, der aufgekommen war und immer stärker wurde, die Abendluft frischer machte und Beth die Straße hinunterschob. Sie blieb kurz stehen und unterhielt sich mit dem Kollegen, der die Absperrung draußen bewachte und nickte ihm mitfühlend zu, als er erwähnte, dass er gerade seine Zwölf-Stunden-Schicht angetreten hatte. Sie war erleichtert, dass das Straßenende, abgesehen von einer weißen Limousine und ihrem Mini, leer war. Die Masse der Lokalmedien, die sie am Morgen begrüßt hatte, hatte für heute aufgegeben.

Am Auto holte sie ihr Handy hervor und fand einen verpassten Anruf von ihrer Schwester vor. Sie rief zurück.

„Hallo.“ Edens Stimme klang gedämpft, im Hintergrund war Gebrabbel zu hören.

„Ich bin’s“, sagte Beth und warf einen Blick auf die Uhr auf dem Armaturenbrett. Es war kurz nach neun. „Tut mir leid, störe ich?“

„Nein, das ist nur der Fernseher.“ Ein Gähnen tönte durch die Leitung. „Wie war dein Tag?“

„Ziemlich hektisch. Ich bin jetzt auf dem Weg nach Hause.“

„Oh, arbeitest du an dem Fall? Dem Mord? Es war in den Nachrichten.“ Die Erschöpfung in Edens Stimme schlug in etwas mehr Elan um. „Wirklich entsetzlich.“

„Ja, ich glaube, alle in der Gegend arbeiten daran.“

„Ich kann nicht glauben, dass jemand ein Foto eines Toten ins Internet gestellt hat.“

„Bei euch ist alles okay?“, versuchte Beth das Thema zu wechseln.

„Alles wie immer. Sonntagsessen und Hausaufgaben für Lily.“

Beth stellte sie sich am Esstisch sitzend vor. Lily, die im Gemüse herumstocherte, der süße Duft des Sonntagsbratens in der Luft. Die Wärme des Backofens, von der ihre Wangen rot wurden. Ihr Magen grummelte und erinnerte sie daran, dass sie den Tag über so gut wie nichts gegessen hatte. „Ich habe deinen Anruf verpasst.“

„Ach, das war Lily. Sie wollte dir gute Nacht sagen.“

„Tut mir leid, ich war beschäftigt.“

„Das habe ich ihr auch gesagt, aber sie wollte es trotzdem versuchen.“

„Brauchst du morgen Hilfe?“

„Nein, morgen ist Chris‘ Abend. Er holt sie von der Schule ab.“ Bei dem Namen rutschte Beth unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Bestimmt war er heute Morgen in der Leitstelle angekommen und hatte sich schon einen Schreibtisch gesichert. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie an seinem ersten Tag da gewesen wäre und sie die erste peinliche Begegnung hinter sich gebracht hätten. Sie entschied, seine Beteiligung an der Ermittlung Eden gegenüber nicht zu erwähnen.

„Wie lief der Wettbewerb?“, fragte sie.

„Gut. Lily hat den zweiten Platz gemacht. Sie war etwas enttäuscht, aber ihr Trainer war sehr zufrieden mit ihrer Leistung. Ich habe dir die Aufnahmen gemailt.“

Beth platzte halb vor Stolz. Schwimmen war als Teenager auch ihr Hobby gewesen. Es hatte etwas, auf und ab durch das Schwimmbecken zu gleiten. Das Wasser, das gegen die Seiten schlug und der kühle, saubere Geruch von Chlor, der die Sinne kitzelte und einen sich fit und lebendig fühlen ließ. Es war schön, dass ihre Nichte den Sport auch gern mochte. „Okay, danke. Wir sehen uns morgen.“

Die Äste der alten Eichen, die die Straße säumten, wiegten sich im Wind und warfen Schatten auf die Hauptstraße, die aus der Siedlung hinaus führte. Ihr fielen die Scheinwerfer des weißen Autos auf, das hinter ihr auf der doppelspurigen Schnellstraße fuhr. Es folgte ihr, als sie ab- und durch das Dorf Moulton fuhr. Sie wartete an einem Kreisel und stellte überrascht fest, dass das Auto ihr immer noch folgte, als sie auf die A43 abbog. Die weiße Limousine aus der Collingtree-Park-Siedlung kam ihr in den Sinn. Das hier war sicher nicht dasselbe Auto.

Sie prüfte wieder den Rückspiegel. Das Kennzeichen war ihr fremd. Sie dachte an die Abwesenheit der Presse, als sie den Tatort am Abend verlassen hatte. Das waren doch wohl keine Pressetypen, die ihr für einen Hauch von einem Artikel, einem Zitat oder einer Ausführung, hinterherfuhren, in der naiven Hoffnung, dass sie ihnen etwas geben würde. Sie prüfte den Rückspiegel wieder. Das Auto folgte ihr zum nächsten Kreisverkehr.

An der nächsten Abbiegung hatte sie sich das Nummernschild eingeprägt. Am nächsten Kreisverkehr bog sie links ab und plötzlich war hinter ihr nur noch Dunkelheit. Sie vergewisserte sich mehrere Male und atmete dann erleichtert aus. Der Tag war lang gewesen. Sie hatte kaum etwas gegessen. Vielleicht spielten die nächtlichen Schatten ihr einen Streich.

Sie erreichte Mawsley Village und bog in eine Seitenstraße abseits der Hauptgeschäftsstraße ein. Ihre Lider wurden schwer, als die Scheinwerfer die Vorhänge aus wildem Wein erhellten, die die Vorderseite ihres Reihenhauses verschleierten.

Beth war bereits ausgestiegen und pfriemelte mit ihren Schlüsseln vor ihrer Haustür, als ein anderes Auto in die Straße bog. Sie drehte sich um und sah gerade noch, wie ein weißer Audi die Scheinwerfer ausschaltete. Ihr Blick fiel auf das Nummernschild, das sie sofort wiedererkannte. Sie war den Wagen also doch nicht losgeworden.

10

Beth biss die Zähne zusammen und marschierte zu dem Auto. Doch plötzlich kletterte ein bekanntes Gesicht aus dem Wagen und grinste sie breit an: „Hallo, Fremde.“

Sie sah verwirrt zwischen Sergeant Nick Geary und dem Audi hin und her und verzog das Gesicht. „Du hast mich ganz schön erschreckt. Wo ist dein Spider?“

„Ist in der Werkstatt. Die Bremsscheiben werden gemacht.“

Beth verdrehte die Augen. Er hatte ein halbes Vermögen in den Alfa Romeo Oldtimer gesteckt und trotzdem verbrachte der Wagen mehr Zeit in der Werkstatt als auf der Straße.

Er legte einen Arm um sie, während er sprach und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, aber sie duckte sich weg und sah sich um. Die letzten Monate hatten sie ihre Liaison geheim gehalten, sie vor den neugierigen Blicken des Teams verborgen, und der öffentliche Ausdruck von Zärtlichkeit machte sie nervös.

Beth befreite sich aus seiner Umarmung, ging zur Tür zurück und ging die Schlüssel durch, bis sie den richtigen fand. „Ich bin müde, Nick. Mir ist heute nicht nach Gesellschaft.“

„Ein Kaffee und du bist mich los“, grinste er. „Versprochen.“ Er zwinkerte ihr zu und folgte ihr ins Haus und schob die Tür leise zu.

„Von mir aus, aber es gibt nur entkoffeinierten. Was Anderes habe ich nicht mehr“. Sie drückte auf den Lichtschalter und der Flur wurde von einer Energiesparlampe in ein trübes Licht getaucht. Sie hängte ihre Jacke an einen altmodischen Jackenständer neben der Tür. „Ich bin ein bisschen überrascht, dich außerhalb des Büros zu sehen“, fügte sie hinzu.

Nick hielt sein Handy hoch. „Hab Bereitschaft. Wir haben einen Schichtplan erstellt, damit das Telefon immer besetzt ist. Die morgigen Pflichten sind schon zugeteilt“, mit einem schelmischen Grinsen fuhr er fort, „und ich muss auch irgendwann mal schlafen.“

Beth durchquerte die Küche und schaltete den Wasserkocher an. „Wie läuft es im Büro?“, fragte sie und holte eine Tasse aus dem Schrank.

Er lehnte sich an die Wand und schlug die Beine übereinander. „Wir warten noch auf die Berichte aus der Forensik und arbeiten uns durch die Telefonaufzeichnungen und die Bankdaten. Die Autopsie hat nichts ergeben, was wir nicht schon wussten: drei Wunden, eine Kugel im Körper verkeilt. Die Suchtrupps haben drei Hülsen gefunden, suchen aber noch die zwei anderen Kugeln. Nach dem öffentlichen Aufruf gab es einige Hinweise, aber nichts davon klingt besonders nützlich.“

„Was ist mit den Nachbarschaftsbefragungen oder seiner Arbeit?“, fragte Beth und trug zwei dampfende Tassen hinüber ins Wohnzimmer und signalisierte ihm, ihr zu folgen. Als Statement Reader war Nick wichtig für die Ermittlungen, denn er koordinierte alle Beweise. Da ihr Detective Inspector längerfristig krankgeschrieben war, war er direkt Freeman unterstellt, dem nächsten Glied in der Vorgesetztenkette, der die Aufgaben wie vorgeschrieben vergab. Nichts passierte in einer Ermittlung, ohne dass es über seinen Schreibtisch ging.

„Wir haben eine Menge Filmmaterial zu sichten. Bisher scheint niemand den Motorradfahrer oder etwas anderes Auffälliges gesehen zu haben. Die Familie wohnt noch nicht lange in der Siedlung, erst seit ein paar Monaten. Er ist dem Golfclub beigetreten, aber sie hatten sich noch nicht so richtig eingelebt. Einige der Nachbarn haben ihn ein wenig kennengelernt und ihn als gesprächig und gesellig beschrieben. Sie war eher zurückhaltend. Scheinbar kannten ihn viele Leute, aber niemand besonders gut. Sagen sie zumindest.“

„Nichts über seine Arbeit?“

„Oh, das ist alles andere als einfach. Wir versuchen eine Liste mit Klienten zu erstellen und herauszufinden, wen er die letzten Wochen besucht hat. Aber er war nicht gerade sorgfältig darin, seine Geschäftsreisen in seinen Unterlagen festzuhalten oder sie dem Büro mitzuteilen. Er war wohl nicht häufig im Büro und hat viel eigenverantwortlich gearbeitet.“

Beth setzte sich aufs Sofa, zog die Füße hoch und wärmte sich die Hände an der Tasse.

„Sie haben allerdings etwas Interessantes bei der Durchsuchung seines Autos gefunden. Ein verstecktes Fach hinter dem Handschuhfach, das er wohl nachträglich hat einbauen lassen.“

„Und?“

Er nahm einen Schluck Kaffee, bevor er ihr antwortete: „Darin waren ein USB-Stick und ein Handy. Leider beide verschlüsselt. Die Jungs von der Technik versuchen im Moment, an die Daten zu kommen.“

„Das ist spannend. Sie haben schon ein Handy bei ihm gefunden. Er muss zwei besessen haben.“

„Es wird noch besser. Das Handy war in einer Faraday-Tasche.“

Es dauerte einen Augenblick, bis es bei Beth klickte. „Du meinst eine Abschirmungstasche, wie wir sie benutzen, wenn wir Telefone konfiszieren?“

„So ähnlich. Es sah eher wie eine schwarze Hülle aus. Kann man im Internet kaufen, soweit ich weiß, aber sie funktioniert genauso wie unsere, schirmt es von Bluetooth, WLAN und anderen Trackingmöglichkeiten ab.“

„Wieso sollte man sein Handy mit einer Faraday-Tasche schützen, wenn man nichts zu verbergen hat?“

„Ganz genau.“ Er nahm noch einen Schluck und stütze den Ellenbogen auf die Armlehne des Sofas.

Stille machte sich breit. „Hast du Chris heute gesehen?“, fragte sie.

Nick sah sie über den Rand seiner Tasse hinweg an. „Er ist am späten Vormittag angekommen. Ich habe noch kaum mit ihm geredet. Er hing den ganzen Tag hinter dem Computer und hat versucht, die Quelle des Tweets aufzuspüren.“

„Fühlt sich komisch an, mit ihm in einem Büro zu arbeiten.“

„Du bist ja nicht im Büro. Zumindest nicht oft.“ Er stellte seinen Becher ab und rutschte dichter zu ihr herüber.

Sie duckte sich weg, als er spielerisch an ihrem Ohrläppchen knabberte und stellte überzogen langsam ihren Kaffeebecher auf den Boden. Seine Lippen streiften ihre Wange und fanden ihre, als sie sich wieder aufrichtete. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken.

Er küsste sie zuerst langsam und sinnlich. Fuhr mit seinen Lippen über ihre, dann mit der Zunge und küsste sie immer gieriger. Er rutschte vom Sofa und kniete sich neben sie. Seine Hände mühten sich ungeduldig an den Knöpfen ihrer Bluse ab, bevor er mit der Hand unter den Stoff fuhr und sich den Weg unter ihren BH bahnte und sie dabei am Hals küsste. Beth murmelte leise etwas Unverständliches, zog ihn zurück auf das Sofa und verlor sich ganz im Moment mit ihm.

***

Als Beth wieder aufwachte, lag Nick halb auf ihr. Sie löste sich vorsichtig von seinem Körper und deckte ihn mit einer Decke, die über der Sofalehne lag, zu. Er regte sich und verzog das Gesicht, als die Wolldecke seine Haut berührte. Dann drehte er sich auf dem Sofa um und schlief wieder ein.

Nachdem sie ihre Klamotten zusammengesammelt hatte und nach dem Duschen im Bademantel zurück nach unten kam, schnarchte er lautstark.

Sie ging in die Küche und machte sich eine Schüssel Cornflakes – zum Kochen war es ihr zu spät –, dann klappte sie den Laptop auf. Die kalte Milch schärfte ihren Verstand. Sie klickte auf die E-Mail von Warren und fand darin eine Zusammenfassung seiner Notizen der Einsatzbesprechung vom Nachmittag. Es stimmte so ziemlich mit dem überein, was Nick ihr bereits erzählt hatte. Sie hatten sich auf die Viktimologie konzentriert, sich ein Bild von Camerons Freunden, Familie und Bekannten gemacht und seine Aufenthaltsorte und Verbindungen der letzten Wochen erarbeitet, was bei seinem schluderig geführten Arbeitskalender nicht gerade einfach war.

Sie erinnerte sich an ihre Unterhaltungen mit Monika, überprüfte sie auf Widersprüche, rief sich ihre Körperhaltung ins Gedächtnis und suchte nach Zeichen latenter Schuld, irgendeinem Schnipsel an Information, der der Ermittlung eine neue Richtung gab. Aber abgesehen von Camerons Aufenthaltsorten, seinem entfremdeten Bruder und einer Liste von Kontakten, die sie schon an das Büro gemailt hatte, hatte sie nicht viel zu bieten.

Bei dem Miauen einer Katze blickte sie auf. Myrtle war an der Tür und wollte hereingelassen werden. Beth sprang auf und öffnete die Tür. „Du bist eine faule Dame“, sagte sie. Myrtle schlich an der Katzenklappe in der Tür vorbei und zog den Schwanz um Beths Knöchel. Sie füllte den Katzennapf auf und zuckte zusammen, als sie mit dem Finger an einer Macke im Porzellan hängenblieb. Sie musste an Monikas runtergekaute Fingernägel denken. Einige der Stellen waren alt und die Haut trocken und verhärtet, wo Nagelbett und Fingerkuppe schon verheilt und dann wieder aufgepult worden waren. Etwas musste Monika schon längere Zeit Sorgen bereitet haben.

Beth setzte sich wieder an den Tisch und las ihre Notizen durch, dann speicherte sie sie. Sie sah sich um und ihr Blick blieb an einem Foto an der Kühlschranktür hängen: ihre verstorbene Mutter, die einen Arbeitsoverall trug, das Grün betonte die Farbe ihrer Augen. Ein paar dunkle Locken waren aus dem Zopf gerutscht und rahmten ihr Gesicht. Sie waren einander so ähnlich. Sie tickten genau gleich. Der Gedanke an die Abenteuerlust ihrer Mutter zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen. Ihre Mutter hatte als Rettungsassistentin gearbeitet und hatte immer aufregende Geschichten zu erzählen gehabt, als sie und ihre Schwester klein gewesen waren. Davon, wie sie mit Vollgas durch den Verkehr gerast war, mit Blaulicht und Sirene und der Mission, ein Leben zu retten.

Nachdem sie einige Jobs im Einzelhandel, als Kellnerin und in der Verwaltung ausprobiert hatte, war es ihre Mutter, die sie auf die Anzeige der Polizei Northhamptonshire aufmerksam machte. „Du solltest dich bewerben“, hatte sie gesagt. „Das würde zu dir passen.“ Die Anzeige versprach einen spannenden Job, bei dem kein Tag wie der vorherige war und warb damit, dass man in dem Job etwas Gutes tun konnte.

Beth atmete tief ein und gähnte. Ihre Kollegen in der Leitstelle nahmen gerade Anrufe entgegen und notierten Daten, gingen Bankunterlagen durch, suchten Zeugen auf und nahmen deren Aussagen auf. Die letzten achtzehn Monate seit ihrem Wechsel von der Kriminalpolizei zur Mordkommission war sie mit ähnlichen Aufgaben beschäftigt gewesen.

Nachdem sie sich monatelang abgerackert hatte, hatte sie nun eine Schlüsselposition bekommen. Der Statistik nach wurden die meisten Menschen von jemandem, der ihnen nahe stand umgebracht. Jemandem, den sie kannten. Das machte ihre Position als Kontaktperson der Familie umso wichtiger. Sie musste einen Weg finden, um zu Monika durchzudringen und zwar bald.

11

Sara Swift setzte sich auf und krallte die Zehen in den Sand, schirmte die Sonne mit der Hand ab und suchte die Wellen nach ihren Töchtern ab. Es war nicht schwer, sie ausfindig zu machen, sie quietschten ausgelassen und rannten durch die Meeresbrandung. Sie lächelte, ließ den Kopf in den Nacken fallen und genoss die Sonnenstrahlen auf der Haut. Es war eine gute Entscheidung gewesen, nach Indien zu fliegen und die Schulferien mit ein paar Wochen Sonnengarantie abzuschließen, auch wenn eine Schicksalswende auf den letzten Drücker bedeutete hatte, dass sie allein verreist waren. Eigentlich genoss sie es, allein hier zu sein. Kein Mann, der ihr ständig auf die Finger schaute, erwartete, dass sie seinen Koffer auspackte, seine Hemden vor dem Abendessen bügelte. Nein, das vermisste sie wirklich nicht.

Das Hotel war gut ausgestattet, sie hatte es gut ausgesucht. Drei Restaurants, ein Kinderclub und Abendanimation, was bedeutete, dass alles in der Nähe war. Gestern waren die Mädchen beim Kinderkaraoke gewesen und sie hatte mit ihren neuen Freundinnen so einige Flaschen Prosecco vernichtet.

Ein Flugzeug zog über sie hinweg. Träge griff sie in ihre Tasche und zog ihr Handy heraus, die Bewegung mehr Automatismus als echtes Interesse, und stellte erstaunt fest, dass sie mehrere SMS von Yvonne hatte. Die SMS von gestern Abend kam ihr wieder in den Sinn. Sie hatte sie nicht zurückgerufen. Hoffentlich war den Kaninchen nichts zugestoßen. Sie machte die SMS auf, hielt das Handy in den Schatten und las:

Ruf mich sofort an, wenn du diese SMS liest.

Sara, hast du die Nachrichten gesehen? Geht es euch gut?

Ich mache mir Sorgen um dich. Ruf mich an, wenn du das hier liest.

Die SMS waren letzte Nacht im Abstand weniger Stunden abgeschickt worden. Also nicht die Kaninchen. Sara kniff die Augen zusammen und las die SMS noch einmal. Sie klickte auf den Browser. Das Ladesymbol drehte sich einen Moment, aber keine Verbindung. Keine wirkliche Überraschung, schließlich war sie in Goa am Strand und hatte sich geweigert, die exorbitanten Roaming-Gebühren zu zahlen. Sie ging zurück zu den SMS und wählte Yvonnes Nummer aus. Nichts. Wahrscheinlich hatte sie auch keinen Empfang. Na, großartig. Es kostete ein halbes Vermögen, nach Hause zu telefonieren und vermutlich ging es um einen Flugzeugabsturz oder eine Terrordrohung an einem Flughafen. Nichts, woran sie etwas ändern konnte. Sie wollte die Mädchen nicht beim Spielen stören, sie hatten so viel Spaß dabei, im flachen Wasser zu hüpfen und zu planschen und sich den bunten Strandball mit ihren Freunden hin- und herzuwerfen.

Sara warf das Handy zurück in ihre Tasche und machte es sich wieder auf ihrem Handtuch bequem. Der Sand bewegte sich unter ihr und formte sich um ihren Körper. Sie schloss die Augen. Die Wärme war sanft und angenehm auf ihrem Gesicht und machte den dumpfen Kopfschmerz, die Nachwehen des Proseccos am Vorabend, erträglicher. Minuten vergingen. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie einen Gleitschirmflieger über der Bucht kreisen. Doch etwas an den SMS ließ ihr keine Ruhe. Sie setzte sich auf und rief der niederländischen Familie ein paar Meter weiter, mit der sie die letzten beiden Abende verbracht hatten, zu: „Könntest du ein Auge auf Amy und Zoe haben, Elise? Ich muss kurz zum Hotel hoch und einen Anruf tätigen.“ Sie hielt ihr Handy hoch.

„Natürlich. Lass dir Zeit.“ Die Niederländerin nickte ihr zu und trocknete ihr Kleinkind weiter ab.

Sara blickte noch einmal zu ihren Töchtern, fragte sich, ob sie ihnen Bescheid sagen sollte, aber sie waren so in ihr Spiel vertieft. Es war unnötig, sie dabei zu stören. Sie würde zurück sein, bevor sie sie vermissten.

Als sie die Steintreppe zum Hotel hinaufging, zeigte ihr Handy einen flackernden Balken an. Sie tippte auf Yvonnes letzte SMS und rief sie vor dem Hoteleingang an. Es knackte in der Leitung. Sie hörte den Wählton kurz, dann sprang der Anrufbeantworter an. Sara fluchte und schrieb Yvonne, sie solle sie zurückrufen.

Auf ihrem Zimmer hatte sie zwei Balken Empfang. Sie rief noch einmal an. Wieder nichts. Frust stieg in ihr auf. Sie sah auf ihre Uhr. Es war fast elf. In England musste jetzt Vormittag sein. Yvonne musste wach sein, denn die letzte SMS war von vor einer Stunde. Sie probierte es auf dem Festnetz und wurde von scheußlicher Wartemusik begrüßt.

Sara schaltete den Fernseher an, schnappte sich die Wasserflasche, die neben ihrem Bett stand und trank einen Schluck, während sie die Sender durchging. Der einzige englischsprachige Sender war CNN und sie guckte eine Weile die Sendung und las unten die durchlaufenden Nachrichten. Weder ein Terroranschlag und noch eine Flugzeugentführung wurden erwähnt. Sie kratzte sich im Nacken, wo ihr ein Rinnsal Schweiß hinunterlief. Die Mittagshitze hatte eingesetzt. Sie sollte wohl zum Strand zurückgehen und die Mädchen bitten, sich nochmal mit Sonnenschutz nachzucremen. Als sie gerade darüber nachdachte, sah sie aus dem Augenwinkel ihr iPad, das aus ihrer Reisetasche in der Ecke ragte. Sie hatte es mitgenommen, damit die Mädchen darauf Spiele spielen konnten. Yvonne hatte die Nachrichten erwähnt. Vielleicht konnte sie die Seite der BBC aufrufen. Das dauerte nicht lange. Die Mädchen würden noch ein wenig länger ohne sie auskommen.

Sie griff nach den iPad und nahm noch einen Schluck Wasser, solange das iPad die aktuellen Nachrichten der BBC lud. Eine Schlagzeile über die Weltmarktführer lief in einem Banner über den Bildschirm, eine andere gab den Tod eines alten Schauspielers bekannt. Weiter unten blinkte ein Kasten. In Northamptonshire wurde ein Mann erschossen.

Sie scrollte weiter und wollte das iPad gerade weglegen, als ihr etwas ins Auge fiel. Ein Foto. Sie sah genauer hin und erstarrte. Aber das war doch nicht? Die Bildunterschrift lautete „Familienvater aus Northamptonshire ermordet“. Der Link leitete sie zu einem Nachrichtenbericht und einem viel größeren Foto weiter, unter dem stand:

Vermögensverwalter Cameron Swift vor Familienhaus in Northampton erschossen

Sara keuchte. Hitze stieg in ihr auf, sie raste ins Bad und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Ihr Herz pochte wie wild. Nein, das konnte doch nicht ihr Cameron sein?

Sie hörte ihr Handy im Nebenzimmer vibrieren. Yvonnes Name leuchtete auf dem Bildschirm auf.

„Hallo.“

Yvonne klang verzweifelt. „Sara, ich habe versucht, dich zu erreichen. Hast du die Nachrichten gesehen?“

Sara setzte zum Sprechen an und machte den Mund wieder zu.

„Sara, bist du noch dran? Du musst nach Hause kommen, Liebes. Cameron ist tot.“

12

Frühnebel hing auf den Dächern und machte den Tagesanbruch grau und trostlos, als Beth durch Collingtree Park fuhr. Am Meadowbrook Close angekommen, traf sie auf eine Horde Reporter, die herumwuselten und zur Seite gingen, um einen der Anwohner in einem Range Rover durchzulassen. Es war fast halb acht und nachdem sie gestern früh abgezogen waren, hatten sich die Nachrichtenteams heute wieder früh versammelt. Sie hatte die Logos der landesweiten Nachrichtensender auf den Transportern am Ende der Straße gesehen und musste wieder an den Tweet denken. Der Mörder hatte sich große Mühe gegeben, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen und sie konnte nicht anders, als sich zu fragen, wieso.

In der Vermutung, dass sie zur Polizei gehörte, kamen die Reporter gleich auf sie zu, als sie aus ihrem Auto stieg. Eine blonde Journalistin mit einem strengen Dutt und viel zu starkem Make-up für so früh am Morgen hielt Beth ein Mikrofon direkt unter die Nase. „Wie geht es der Familie?“, fragte sie. „Gibt es heiße Spuren?“, rief eine Stimme hinter ihr.

„Dazu kann ich nichts sagen.“ Beth duckte sich weg und schirmte ihr Gesicht mit der Hand vor den Kameras ab, die auf sie gerichtet waren, und schob sich durch die Massen von Presseleuten. Sie ließ sich Zeit dabei, sich in das Tatortprotokoll einzutragen und ging die Straße hinauf. An diesem Morgen waren die meisten Einfahrten leer. Die Bewohner waren schon zur Arbeit gefahren. Fernab der Menschenmenge umhüllte sie eine Stille, die nur gelegentlich vom Wind in den Bäumen auf dem Golfplatz hinter der Siedlung durchbrochen wurde, als würde jemand außer Hörweite flüstern. Erleichtert sah sie, dass die Vorhänge von Hausnummer 16 zurückgezogen waren. Sie klopfte an der Tür und mied die Klingel, denn sie wollte keine Familienmitglieder stören, die vielleicht noch schliefen.

Die leisen Geräusche eines laufenden Fernsehers wurden von nahenden Schritten übertönt und die Tür ging auf. Monika trug eine lange Jeansbluse und dunkle Leggings. Ihre offenen Haare umspielten ihre Schultern. Sie hatte ihren jüngsten Sohn auf der Hüfte.

„Guten Morgen“, sagte Beth. „Ich hoffe, ich bin nicht zu früh.“

Monika antwortete nicht. Sie hielt ihr zappelndes Baby fest. Verstohlen blickte sie die Straße hinunter. „Sind Sie allein?“

„Ja.“ Beth folgte ihrem Blick. „Ist alles in Ordnung?“

„Das Telefon klingelt pausenlos. Sie sagten, sie stünden draußen.“

„Wer sagt das?“

„Die Zeitungen. Die Nachrichtensender. Sie wollen Interviews.“

„Vielleicht ist es eine gute Idee, den Anrufbeantworter rangehen zu lassen“, empfahl Beth ihr. „Wir gehen die Nachrichten dann für Sie durch.“

Monika nickte. Sie ließ die Schultern ein wenig fallen, aber sie sah immer noch aus, als wäre ihr zum Weinen zumute. „Wo ist der Andere?“, fragte sie.

„Warren ist bei der Morgenbesprechung“, sagte sie mit einem ruhigen Lächeln. „Ich dachte, ich komme direkt her.“ Sie hatte es nicht bedauert, als Warren sie heute Morgen anrief und was von seinem Sohn und einem Zahnarztbesuch erzählte. So könne er zur Besprechung gehen, da er ohnehin schon in der Stadt sein würde. Ob sie auch nichts dagegen hätte? Natürlich hatte sie das nicht. Es war weniger angespannt im Haus, wenn nur einer von ihnen dort war.

„Gibt es Neuigkeiten?“, fragte Monika mit belegter Stimme.

„Im Moment noch nicht. Sehen wir, was der heutige Tag bringt.“

„Sie haben ihn noch nicht gefasst?“

„Es ist noch früh“, versicherte Beth ihr. „Wir folgen einer Menge Spuren.“ Sie lächelte das Baby an, in der Hoffnung die Spannung, die in der Luft lag, ein wenig zu entschärfen. „Da sieht jemand heute aber quicklebendig aus.“

Jakub vergrub das Gesicht in der Schulter seiner Mutter. „Er ist seit halb sechs wach.“

„Kinder interessiert es nicht, was der Wecker anzeigt, besonders nicht im Sommer, wenn es so früh hell wird“, antwortete Beth sanft.

„Ich war sowieso wach. Ich wollte nicht, dass er Oskar weckt. Er war völlig ausgelaugt.“

„Sie sehen auch müde aus.“ Beth stellte ihre Tasche ab, zog ihre Jacke aus und hängte sie an einen Haken neben der Tür. Sie folgte Monika ins Wohnzimmer und sah zu, wie sie sich aufs Sofa fallen ließ. „Kann ich Ihnen einen Kaffee machen?“

Monika schüttelte den Kopf und setzte das Baby neben sich auf den Fußboden, wo er prompt einen Turm bunter Bauklötze umwarf. „Ich musste sowieso meine Mutter anrufen“, fuhr sie fort. „Polen ist eine Stunde voraus. Sie arbeitet tagsüber in einem Supermarkt und ich wollte sie erreichen, bevor sie losfährt.“

„Wie geht es ihr?“

„Bestürzt. Besorgt. Sie will herkommen.“

„Das wäre schön.“

„Bestimmt. Aber ich bin nicht sicher, dass es ihr gut genug geht. Sie leidet an Asthma und bekommt allein bei dem Gedanken an Langstreckenreisen Panikattacken.“ Monika lehnte den Kopf zurück, der schmerzverzerrte Ausdruck war noch immer in ihrem Gesicht zu lesen. „Sind Sie sicher, dass es keine Neuigkeiten gibt, DC Chamberlain?“ Ihre Stimme brach bei den Worten.

„Bitte, nennen Sie mich Beth.“ Sie setzte sich auf den Sessel neben sie. „Ich lasse es Sie wissen, sobald ich etwas höre.“

Beth lehnte sich hinunter und stapelte einige Bauklötze aufeinander. Das Baby rückte näher an seine Mutter. „Es ist schwierig, wenn sie so jung sind, nicht wahr?“, sagte sie und dachte an Lily in dem Alter, die ihr Gesicht andauernd in der Schulter ihrer Mutter versteckte hatte, wenn jemand Fremdes sie ansprach.

Monika wuschelte durch Jakubs dunkle Locken. „Es ist irgendwie unvermeidbar. Sein Papa ist viel unterwegs. War.“ Ihr verlorener Blick haftete auf dem Familienfoto auf dem Kaminsims.

„Er hat Glück, einen älteren Bruder zu haben“, sagte Beth ermutigend.

Ein leichtes Lächeln umspielte Monikas Mundwinkel. Sie riss sich von dem Foto los. „Sie haben keine Kinder?“

„Nur eine Nichte. Lily. Sie ist sieben.“

„Ich hätte gerne eine Tochter gehabt.“

„Sie litt die ersten zwei Jahre unter Trennungsangst. Es war schwer für ihre Mutter.“

„War ihr Vater viel unterwegs?“

„Er ist bei der Polizei. Lange Arbeitstage, wechselnde Schichten.“

„Cameron war ein toller Vater“, sagte Monika in einem kurzen Anflug von Stolz. „Hat gerne die Flasche gegeben, Windeln gewechselt. Es lag nicht an ihm, dass er wenig da war.“

„Er ist für die Arbeit durch das ganze Land gereist, nicht wahr?“

Monikas Kinn zitterte, als sie nickte.

„Das muss schwer für Sie gewesen sein. Den Haushalt zu schmeißen und sich allein um die Familie zu kümmern.“

Sie tat es mit einem Achselzucken ab. „Cameron wollte, dass ich die Zeit mit Jakub genießen kann. Er hat die Rechnungen gezahlt und mir einen Betrag gegeben, damit ich meinen Job aufgeben und Vollzeit Mutter sein konnte.“ Sie starrte ihren Sohn sehnsüchtig an. „Mit Oskar hatte ich nur die ersten paar Monate frei und habe direkt wieder angefangen zu arbeiten. Oskars Vater und ich brauchten das Geld. Man merkt erst später, wie viel man verpasst hat.

„Sie waren Krankenschwester, als sie Cameron kennengelernt haben?“

„Ja, ich habe in der Notaufnahme im City Western in Birmingham gearbeitet. Er kam mit Verdacht auf Schleudertrauma in die Notaufnahme, nachdem ihm jemand hinten in seinen Mercedes gefahren war. Ich war seine Krankenschwester. Er war frech, bat mich um ein Date. Ich lehnte ab.“ Ihr Kiefer zuckte bei der Erinnerung. Ihre Miene erhellte sich und brachte ein Strahlen zum Vorschein, das bisher tief unter der Trauer vergraben gelegen hatte. „Er kam danach jeden Tag ins Krankenhaus, selbst wenn ich keine Schicht hatte, bis ich endlich zustimmte.“

„Wie lange waren Cameron und Sie zusammen?“

„Fast zwei Jahre. Ich kannte ihn erst einige Monate, als ich schwanger wurde. Ich dachte, dass er sich aus dem Staub machen würde, wenn ich ihm davon erzähle, aber er war überglücklich.“ Sie spielte an ihrem Verlobungsring herum, schob ihn hoch, sodass eine schmale Kerbe in der Haut zu sehen war.

„Sie waren verlobt?“

„Cameron wollte seine Hingabe zeigen. Wir sind zusammengezogen, als wir herausfanden, dass ich schwanger war und er machte mir den Antrag, als Jakub auf die Welt kam.“

„Sie sind in Birmingham zusammengezogen?“

„Ja. Cameron hatte eine Wohnung auf der St Vincent Street gemietet. Mit Blick auf den Kanal.“ Ihre Augen waren weit aufgerissen. „Es war alles sehr exklusiv. Tiefe Glasfenster, moderne Einrichtung. Alles, sogar die Heizungen waren ferngesteuert. Sein Flachbildfernseher füllte praktisch die gesamte Wohnzimmerwand. Oskar hat es geliebt.“

„Gut, dass sie sich gut verstanden haben.“

„Sie liebten beide Computerspiele und spielten oft zusammen. Cameron hatte ihn sehr ins Herz geschlossen.“

Draußen waren Schritte zu hören. Eine Stimme rief zum Gruß, jemand anders antwortete. Die Polizisten waren da, um ihre Suche fortzusetzen.

„Wieso haben sie sich entschieden nach Northamptonshire zu ziehen?“

Beth hätte fast den Schatten verpasst, der über Monikas Gesicht huschte. „Die Wohnung war nicht babyfreundlich“, sagte Monika und richtete sich auf. „Überall Stufen. Cameron wuchs außerhalb von Duston in Northampton auf. Seine Eltern lebten dort bis zu ihrem Tod vor acht Jahren. Er wollte sich immer hier niederlassen. Die Landschaft ist hier so schön.“

Das Klingeln der Haustür ertönte.

Als Beth aufstand, um zur Tür zu gehen, klingelte auch das Festnetztelefon. Es schien, die ganze Welt hatte entschieden, gleichzeitig aufzuwachen. „Lassen sie den Anrufbeantworter rangehen“, sagte Beth und nickte in Richtung Telefon. „Ich kümmere mich gleich darum.“

13

Sofort als Warren über die Türschwelle getreten war, kühlte die Stimmung im Haus merklich ab. Er ging ins Wohnzimmer und zückte augenblicklich seinen Notizblock und seinen Kugelschreiber. Beth seufzte innerlich. Sie hatte ihre Tasche zuvor absichtlich im Flur gelassen, damit es sich anfühlte, als hätte sie die Ermittlung mit der Tasche im Flur gelassen und für einen kurzen Augenblick wären sie nur zwei Frauen, die sich unterhielten. Endlich hatte Monika angefangen, sich ihr zu öffnen. Doch Warrens Ankunft hatte die Rollen wieder zurechtgerückt und den Fall zwischen sie verkeilt. Sie wollte Monika gerne weiter über die Zeit in Birmingham ausfragen, aber ihre Miene hatte sich schon verdunkelt, sie hatte schon damit abgeschlossen.

Beth merkte sofort, dass Warren eine Mission hatte. Seine sonst so ruhige Art war verschwunden. „Freeman möchte Sie sprechen“, kündigte er an.

Beth brachte die Familie in das Wohnzimmer und hörte den Anrufbeantworter ab, der Anrufer hatte keine Nachricht hinterlassen. Sie verließ den Flur und drückte ihr Handy ans Ohr. Es klingelte einige Male, dann sprang der Anrufbeantworter an. Sie steckte ihr Handy wieder ein und ging in die Küche. Sie musste einen Weg finden, Monika zu beruhigen und zu der Ungezwungenheit ihrer Unterhaltung am Morgen zurückzukehren.

Als sie mit drei Tassen Tee ins Wohnzimmer kam, schrieb Warren schon hastig in sein Notizbuch.

„Hat Cameron je über weitere Familienmitglieder gesprochen?“, fragte er Monika.

„Ja, seinen Bruder. Das habe ich Ihnen gestern schon gesagt. Haben Sie ihn gefunden?“

„Noch nicht. Wir arbeiten mit der kanadischen Behörde zusammen und versuchen, ihn ausfindig zu machen.“ Er blätterte die Seite um. „Was ist mit weiterer Familie. Weitere Kinder vielleicht?“

„Ich verstehe nicht, wovon Sie sprechen.“

Warren sah sie an. Er spielte mit seinem Kugelschreiber und rückte auf die Sesselkante. „Monika, wir wurden von einer Frau kontaktiert, die behauptet die Mutter von Camerons Kindern zu sein, zweier junger Mädchen. Sie leben in Cheshire.“

Monika rang nach Luft. Ihr Blick flackerte zu Beth. Sie sah aus, als würde sie jemand für dumm verkaufen. Beth schüttelte entgeistert den Kopf. War es das, worüber Freeman mit ihr reden wollte?

„Hat Cameron jemals Cheshire erwähnt?“, drängte Warren weiter.

„Nein, nie.“

„Er ist nie dort gewesen?“

„Nicht, dass ich wüsste. Aber er ist viel für die Arbeit verreist.“ Sie legte eine Hand auf die Brust und schluckte schwer.

Beths Handy klingelte, doch sie ignorierte es und starrte Warren an. Was zum Teufel war passiert?

„Hat er je den Namen Sara Swift erwähnt?“

Monika starrte Warren an. „Nein.“

Der Klingelton von Beths Handy ertönte wieder. Warren warf ihr einen genervten Blick zu. „Willst du da nicht rangehen?“, fragte er.

Beth schlüpfte aus dem Zimmer und nahm den Anruf an, überrascht Nicks Stimme zu hören. „Beth, gut, dass ich dich erreiche.“ Er klang außer Puste, als wäre er gerannt.

„Willst du mir vielleicht erklären, was bei der Einsatzbesprechung heute Morgen los war?“, unterbrach ihn Beth. „Warren stellt der Familie wirklich höchstinteressante Fragen.“

„Er hat dich nicht informiert?“

„Gab keine Gelegenheit. Ich war bei Monika, als er ankam.“

„Hast du schon in deine E-Mails geguckt?“

„Noch nicht. Wieso?“

„Kannst du ungehindert sprechen?“

Beth sah sich im Flur um. Sie konnte Warrens Stimme durch die angelehnte Wohnzimmertür hören, also ging sie in die Küche und schloss die Tür hinter sich. Sie kontrollierte das Fenster und als sie sich sicher war, dass sie niemand hören konnte, antwortete sie: „Ja. Was ist los?“

„Wir haben heute Morgen einen Anruf von einer Frau erhalten, die behauptet, mit Cameron in einer Beziehung zu sein. Hat Monika je erwähnt, dass Cameron weitere Kinder hat?“

„Das hat Warren sie gerade gefragt. Keine außer Oskar und Jakub. Wieso?“

„Was ist mit einer Sara Swift? Hat er sie je erwähnt?“

„Nein. Ich dachte, das Opfer sei nicht verheiratet gewesen.“

„Das haben wir überprüft. War er nicht.“

„Nick, was ist los?“

„Eine Frau hat aus Goa angerufen und behauptet Camerons Partnerin zu sein, die Mutter seiner Töchter.“

„In Goa?“, spottete Beth. Bei einem Mordfall klingelten die Telefone in der Leitstelle mit so einigen Telefonscherzen. „Wie hat sie davon erfahren?“

„Sie ist im Urlaub dort, lebt aber in Cheshire. Eine Freundin hat ihr Bescheid gegeben, als sie von dem Fall in den Nachrichten hörte.“

Beth drückte das Handy ans Ohr und stütze den Ellenbogen in die freie Hand. „Vielleicht ist es eine vorherige Beziehung, eine Ex.“

„Das dachten wir zunächst auch, aber wir haben uns erkundigt und sie hat uns ihre Adresse in Cheshire gegeben. Das Haus gehört Cameron.“

„Er hat ihr also dort ein Haus gekauft.“

„Sie behauptet, die nächste Angehörige zu sein und dass er dort mit ihr lebt. Hat ein ziemliches Drama darum gemacht, dass wir sie nicht kontaktiert haben.“

„Wie erklärt sie sich, dass in den Zeitungsberichten steht, er wurde vor seinem Familienhaus hier in Northamptonshire ermordet?“

„Camerons verstorbene Eltern haben in Northamptonshire gelebt. Er hat ihr wohl erzählt, dass er es vermiete. Sie ist ziemlich hartnäckig.“

„Bist du sicher, dass sie keinen Knall hat, Nick? Oder jemand versucht, sich sein Erbe unter den Nagel zu reißen?“ Sie stützte eine Hand auf die Arbeitsplatte aus Granit. Definitiv keine Küche zum Selbstaufbauen aus dem nächstbesten Baumarkt. „Er muss viel Schotter haben.“

Ein Seufzen war am anderen Ende der Leitung zu hören. „Im Moment ist nichts sicher. Aber das finden wir schon noch heraus. Sie fliegt heute nach Hause. Freeman will sich mit dir besprechen, um zu sehen, wie wir nun weiter vorgehen.“

***

Der leichte Windzug ließ die Jalousien gegen das Fenster klappern, aber er konnte nichts gegen die stickige Luft in Freemans Büro ausrichten. Der Nebel hatte sich längst verzogen, dafür war es nun schwül und sonnig. Beth fächerte sich mit einer leeren Akte Luft zu.

„Sara Swift. Wohnt in der Knighton Lane Nummer 12, Alderley Edge, Cheshire“, sagte Freeman. „Keine bisherigen Anzeigen. Wir stehen im Kontakt mit der Polizei in Cheshire, die wohl keine Informationen zu ihr haben. Mutter von zwei Töchtern: Zoe, sechs, und Amy, vier.“

„Sie sind definitiv Camerons Kinder?“

Freeman nickte. „Das behauptet sie. Wir prüfen aktuell das Personenstandsregister, um zu sehen, wer auf den Geburtsurkunden aufgeführt ist. Wenn sie Sonntag in Goa war, dann hat sie ihn offensichtlich nicht ermordet. Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht in Verbindung mit dem Mord stehen könnte.“

„Gibt’s schon was Neues über den Motorradfahrer?“, fragte Beth, neugierig auf die Entwicklung des Falls. Sie mochte in einer Spezialistenrolle stecken, aber sie wollte den Anschluss nicht verlieren.

„Wir haben Bilder aus dem Videomaterial der Anwohner ziehen können, aber den Motorradfahrer konnten wir nicht identifizieren“, warf Nick ein. „Die Nummernschilder gehören zu einer Kawasaki, die letzten Monat in Coventry gestohlen wurde. Wir haben sie nicht weiterverfolgen können.“

„Wie steht es um die Route in und aus der Siedlung?“

Nick schüttelte den Kopf. „Die Sicherheitskameras der Anwohner haben das Motorrad mehrfach auf der Windingbrook Lane erfasst, auf dem Weg in die Siedlung rein und wieder raus. Aber nichts auf der A45. Wir haben andere mögliche Routen überprüft, aber offenbar verschwindet es zwischen dem Golfplatz und der Schnellstraße. Entweder wohnt die Person in der Nähe oder hatte ein weiteres Fahrzeug, einen Sprinter oder etwas Ähnliches, um das Motorrad darin zu transportieren.“

„Und die Arbeitskollegen?“

Freeman seufzte. „Aus seinem Geschäftspartner haben wir wenig herausbekommen. Es war, als würden sie einander kaum kennen, obwohl sie zwölf Jahren zusammengearbeitet haben. Sind wohl beide wenig unter Leute gegangen. Ein Team in Birmingham geht seine Unterlagen durch und befragt heute seine anderen Kollegen.“

„Sara Swift scheint mir die verschmähte andere Frau zu sein“, versuchte Nick die Unterhaltung wieder zum eigentlichen Thema zurückzuführen. „Vielleicht hat sie von der Familie in Northamptonshire erfahren und wollte sich rächen. Könnte die Art erklären, wie er umgebracht wurde.“

„Aber wozu es dann auf Twitter posten?“, gab Beth zurück. „Wenn sie es selbst eingefädelt hat, dann würde sie sich doch bedeckt halten.“

„Ich weiß nicht.“ Freeman klang gereizt. „Bisher haben wir nur ein kurzes Telefonat mit ihr geführt und das bestand größtenteils aus Unflätigkeiten, die sie uns an den Kopf geworfen hat.“

„Wissen wir, wer der Erbe des Opfers sein wird?“, fragte Beth weiter. „Das könnte vielleicht einen Einfluss haben.“

„Noch nicht“, antwortete Freeman, „aber wir arbeiten daran.“ Er verschränkte die Finger und ließ die Daumen kreisen. „Ihr Flug soll morgen um elf Uhr dreißig landen. Ich möchte, dass Sie sie am Flughafen abholen, Beth. Stellen Sie sich vor, nennen Sie es einen Fürsorgebesuch und sagen Sie ihr, dass Sie sie über die Ermittlungen informieren möchten. Schließlich hat sie schon einen gehörigen Aufriss um den mangelnden Polizeikontakt gemacht.“

Beth ließ die Schultern hängen. „Sind Sie sicher, dass ich fahren sollte, Sir? Es ist nur … ich dachte, ich könnte hier besser helfen.“ Sie berichtete von ihrer Unterhaltung mit Monika. „Ich habe das Gefühl, endlich zu ihr durchzudringen, Rapport aufzubauen. Ich würde gerne die Familiengeschichte in Birmingham weiter beleuchten, besonders, da wir so wenig über das Opfer wissen.“

„Danke, Beth. Einige Ermittler beschäftigen sich schon mit der Zeit in Birmingham. Ich lasse sie auch ein bisschen was zu Monika dort suchen. Warren kann hier die nächsten Tage für Sie weitermachen.“

„Aber ich glaube …“

Freeman unterbrach sie: „Sehen Sie zu, dass Sie etwas über ihre Beziehung herausfinden. Wann war er zuletzt in ihrem Haus? Wann haben sie zuletzt gesprochen? Schauen Sie, ob irgendwas im Haus eine Beziehung zwischen ihnen bestätigt oder darauf hindeutet, dass sie kürzlich Kontakt hatten.“ Er kratze sich an seinem kahlen Hinterkopf, sodass das wenige Haar zu Berge stand. „Vielleicht hat sie herausbekommen, dass er eine Familie in Northamptonshire hat und all das angezettelt. Vielleicht haben sie von ihr erfahren. Vielleicht ist keine von ihnen darin verwickelt. Aber, wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was sie behauptet, dann eröffnet das einen ganz neuen Ermittlungsansatz, den wir nicht ignorieren dürfen.“

Das Telefon auf Freemans Schreibtisch schrillte. „Ich kann leider niemanden mit Ihnen nach Cheshire schicken. Gehen Sie es ruhig an und buchen Sie sich ein Hotel für die Nacht, wenn der Tag zu lang wird.“ Er tippte sich an den Kopf und signalisierte ihnen so, dass sie gehen sollten, dann griff er zum Telefonhörer.

„Dann organisier dir besser einen Wagen aus dem Fuhrpark für morgen“, meinte Nick und zwinkerte ihr zu, als sie den Flur in Richtung Leitstelle hinunterliefen. „Ich schicke dir ihre Handynummer und die Flugdaten.“

Beth schwieg, es schmerzte sie, von Monika und ihrer Familie weggerissen zu werden, wo sie endlich das Gefühl hatte, dass sie etwas erreichte.

„He“, Nick hielt sie am Arm fest, „was ist los mit dir?“

Sie riss sich los und nickte zu Freemans Büro. „Macht er das, weil ich Monika nicht überzeugen konnte, das Haus zu verlassen?“

„Was?“

„Sieh mal, ich weiß, dass jemand nach Cheshire fahren muss. Ich verstehe nur nicht, wieso ich das machen soll. Er gibt mir keine Chance.“

„Naja, er kann wohl kaum Warren hinschicken, oder?“, Nick grinste sie an.

„Warum nicht?“

„Bei seinem Unfallprotokoll?“ Nick zog eine Augenbraue hoch. „Er hat Glück, dass er überhaupt noch einen Führerschein hat.“

Beth konnte ein Glucksen nicht unterdrücken.

Er begleitete sie weiter den Flur hinunter und sprach weiter: „Kannst du dir Freemans Gesicht vorstellen, wenn er noch ein Auto ramponiert?“

Sie lachten beide, als sie die Tür der Leitstelle erreichten. Beth zog zu schwungvoll an der Tür und sie flog auf. Direkt vor ihr stand Chris. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und gebräunt vom warmen Wetter der letzten Tage.

Nick schob sich an ihr vorbei und trat in den Raum, wobei er Chris ignorierte. Doch Beths Füße waren auf unerklärliche Weise wie festgewurzelt. „Hallo, Beth“, sagte Chris. Er errötete leicht und lächelte zögerlich. Einen Moment lang musste sie daran denken, wie eng sie früher befreundet gewesen waren, fast wie Bruder und Schwester. In der Leitstelle wurde es still. „Gut siehst du aus.“

Beth drehte sich der Magen um. Sie überkam eine Woge kämpferischen Beschützerinstinkts ihrer Schwester gegenüber, als sie ihn hier so sah. Nach dem, was Eden seinetwegen die letzten Monate über durchgemacht hatte, verdiente er nichts weiter als einen gepfefferten Schlag in die Magengrube. Doch das war kaum der richtige Ort oder Zeitpunkt dafür.

„Danke, du siehst selbst nicht übel aus“, sagte sie, erschreckt über den Sarkasmus, der in ihrer Stimme mitschwang. Sie ging an ihm vorbei zu ihrem Schreibtisch und tat so, als würde sie etwas in der oberen Schublade suchen, auch wenn sie nicht wusste, wonach sie da kramte.

Sie spürte die Augen aller Anwesenden auf ihrem Rücken. Bei der Polizei wusste jeder über die Beziehungen zwischen der Belegschaft und deren Familien Bescheid und war stets an den Dramen interessiert. Sie nahm wahr, dass die Tür zufiel. Dann nochmal und kurz darauf hörte sie Chris mit langen Schritten an sich vorbeigehen, um mit einem der Analysten auf der anderen Seite des Raumes zu reden. Er sah nicht zu ihr zurück. Sie hatten die Köpfe weggedreht. Beth schnappte sich ein paar Zettel aus der Schublade und stopfte sie in ihre Tasche, setzte sich dann auf ihren Stuhl und ging ihre E-Mails durch.

14

Beth dachte über Freemans Entscheidung nach, als sie später am Nachmittag von der Schnellstraße abfuhr und zur Collingtree-Park-Siedlung abbog. Auch wenn sie für die Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, dankbar war, war es doch nur übergangsweise. In der Opferbegleitung wurde immer zu zweit gearbeitet. Andrea Leary hatte Erfahrung in der Position und würde bald zurückkehren und mit Warren zusammenarbeiten, was ihr wenig Zeit gab, sich einzugewöhnen und etwas zu bewirken. Sie zu diesem kritischen Zeitpunkt von der Familie abzuziehen, würde es nicht besser machen.

Sie fuhr um die Kurve der Meadowbrook Close und wurde von einer Reihe Autos, Transporter und Laster in Empfang genommen. Die Presse hatte den Moment genutzt, als der Sichtschutz entfernt worden war und war dichter ans Haus herangerückt und verstopfte so die Straße. Es war nicht einfach, einen Parkplatz zu finden und sie musste bis zum Ende der Sackgasse hinauffahren, drehen und sich in einen Parkplatz einige Häuser von Nummer 16 entfernt hineinquetschen.

Reporter umschwärmten sie sogleich wie Motten das Licht, als sie aus dem Auto stieg. Beth watete durch die Menge und ignorierte die Fragen, die von allen Seiten auf sie einprasselten und ihr folgten, als sie die Straße hinaufging. Freeman hatte deutlich gesagt, dass er kontrollieren wollte, was sie den Medien zuspielten und sie wollte nichts sagen oder tun, das seine Stellung aufs Spiel setzte.

Doch als sie die Straße hinaufging, fingen die Stimmen an ihrem Ohr und die Knuffe der Ellenbogen an, sie zur Weißglut zu bringen. Es war nicht das erste Mal, dass die Presse sie bei einer großen Ermittlung belagerte. Als Neuling hatte sie einen Sichtschutz bei einem Verkehrsunfall mit mehreren Fahrzeugen und Todesopfern beaufsichtigt. Sie hatte früh gelernt, dass Polizei und Presse eng zusammenarbeiteten, ihre Absichten jedoch unterschiedlich waren: Die Polizei nutzte die Presse als eine Möglichkeit, der Öffentlichkeit Informationen zuzuspielen und gab nur preis, was notwendig war und die Ermittlungen sicher voranbringen würde. Die Presse hingegen stand in ständiger Konkurrenz zueinander und suchte stets die nächste Exklusivmeldung, einen neuen Blickwinkel, um sich abzuheben und neue Leser anzuziehen. Und sie war hartnäckig, was ihre Vorgehensweise anging.

Als sie sich dem Haus näherte, sah sie gleich, dass die Vorhänge zugezogen waren, sowohl oben als auch unten, obwohl es früher Nachmittag war. Der Anblick verhieß nichts Gutes. Monika hatte darum gebeten, dass die Familie der Kinder zuliebe möglichst nicht in der Presse auftauchte und hier waren sie nun und mussten sich hinter zugezogenen Vorhängen verstecken, um den blitzenden Kameras irgendwie zu entkommen.

Beth erkannte die stark geschminkte blonde Reporterin vom Morgen, die vor dem Haus in ein Mikrofon sprach. Sie stand auf der Auffahrt, das Haus im Hintergrund inszeniert.

„Entschuldigen Sie“, sagte Beth.

Die Frau ignorierte sie, blickte in die Kamera und sprach ihren Text weiter.

„Entschuldigen Sie“, wiederholte Beth nun lauter und unterbrach die Reporterin. Sie drehte sich um und starrte Beth unverwandt an. Der Kameramann senkte die Linse.

„Das müssen wir nochmal machen.“

Beth ignorierte ihn und konzentrierte sich auf die Frau. Sie wollte die Presse nicht verprellen, aber sie wollte ihnen nicht so viele Freiheiten lassen. Nicht in ihrer Anwesenheit. „Würden Sie bitte ein Stück zurückgehen?“

Der Ausdruck der Reporterin änderte sich. Ihre Augen leuchteten, als sie Beth wiedererkannte. Ein süßes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und sie rückte näher, wobei sie dem Fotografen ein Zeichen gab. „Ah, Detective, können Sie mir sagen …“

Beth legte eine Hand über die Linse. „Sie stehen auf Privatgelände.“ Sie blickte auf den Schotter, während sie sprach: „Ich muss Sie bitten, das Gelände zu verlassen.“

Die Reporterin wich ein paar Schritte zurück. „Oh, das tut mir leid. Wenn Sie mir …“

„Bitte bleiben Sie von der Auffahrt weg“, unterbrach Beth sie, machte auf dem Absatz kehrt und steuerte auf das Haus zu.

Warren war vor seiner Kollegin an der Tür. Er öffnete sie weit genug, damit Beth hineinschlüpfen konnte und schloss sie rasch.

„Wie lange sind die schon hier?“, fragte sie als Warren die Tür abschloss.

„Seit etwa einer Stunde.“ Warren verdrehte die Augen. „Sie sind gleich aufgetaucht, nachdem der Sichtschutz weg war. Einer hat es sogar fertiggebracht, an die Tür zu klopfen.“

„Hast du Freeman angerufen?“

„Habe es ein paar Mal versucht, aber es war immer besetzt. Ich habe ihm eben eine E-Mail geschickt.“

„Wie geht es Monika mit der Situation?“ Während sie sich an die neue Umgebung gewöhnte, kam ihr das Haus ungewohnt still vor. Kein glucksendes Baby, kein Fernseher, der im Hintergrund brabbelte.

„Sie ist mit den Kindern oben. Ich glaube, sie versuchen, ein wenig zur Ruhe zu kommen.“

Sie gingen zur Küche durch, wo Warrens Laptop aufgeklappt auf dem Küchentisch stand. Er setzte sich auf den Stuhl vor dem Laptop.

„Wie ging es Monika, nachdem du ihr erzählt hast, dass Cameron vielleicht weitere Kinder hat?“, fragte Beth und stellte ihre Tasche auf dem Tisch ab.

„Nicht gut. Sie sagt, sie hätte nichts gewusst. Danach ist sie direkt nach oben gegangen.“

Beth erzählte ihm, was sie über Sara und die Kinder aus der Unterhaltung mit Freeman wusste. „Ich muss morgen hinfahren und sie am Flughafen treffen.“

„Das könnte spannend werden.“

„Hm, ja. Vielleicht.“ Beth blieb stehen. Irgendwas störte sie. Sie war nicht sicher, ob es Camerons Verbindung mit Sara Swift war oder dass Monika in ihr Schlafzimmer vertrieben worden war. „Ich glaube, ich gehe mal hoch und sehe nach der Familie.“

Sie konnte den blechernen Klang von Oskars Musik leise durch die Tür hören. Beth vermutete, dass er Kopfhörer trug, um das Baby nicht zu stören. Sie zögerte einen Moment lang und fragte sich, ob sie Monika sich ausruhen lassen sollte, doch etwas in ihr, ein stiller Drang nach ihr zu sehen, nagte an Beth. So leise sie konnte, klopfte sie an die andere Schlafzimmertür.

Es dauerte einen Augenblick bis sie Monikas Stimme hörte, die rief: „Herein!“

Beth blinzelte zweimal als sie in den Raum trat. Der Mix aus hellem Sonnenlicht, das durch das Material der Vorhänge schien, und dem grellen Kunstlicht, blendete sie. Monika lag mit Jakub auf dem Bett, um sie herum lagen bunte Stofftiere verstreut. „Gibt es Neuigkeiten?“

„Noch nicht. Ich wollte Ihnen Bescheid geben, dass ich wieder da bin“, sagte Beth. „Geht es Ihnen gut?“

„Sind die noch immer da draußen?“ Sie warf einen Blick in Richtung Fenster.

Es war bitter, dass Monika nach allem, was sie die letzten zwei Tage durchgestanden hatte, das Gefühl hatte, dass sie sich im Schlafzimmer verstecken musste. Die Presse konnte so aufdringlich sein. „Ja, sind sie. Aber wir haben unseren DCI informiert, damit er ein Wörtchen mit ihnen redet. Ich bin mir sicher, dass es dann besser wird.“

Monika zog eine Grimasse und sah weg. Sie zog Jakub enger an sich, kein Zeichen der Zuversicht.

„Kann ich Ihnen etwas bringen?“, fragte Beth.

„Nein.“ Monika schloss die Augen. Sie senkte den Kopf, roch am Haar ihres Babys und signalisierte so, dass die Unterhaltung vorbei war.

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als sie die Treppe hinabstieg. Die Presse behinderte die Ermittlung nicht und hielt sich auch nicht auf Privatgelände auf, weshalb sie keine rechtliche Möglichkeit hatten, ihnen einen Platzverweis zu erteilen. Sie rief wieder Freeman an. Als sie das Besetztzeichen hörte, legte sie auf und versuchte es bei Nick. Er ging beim zweiten Klingeln ran.

„Hey Beth. Alles in Ordnung?“

Sie verschwendete keine Zeit damit, Höflichkeiten auszutauschen und beschrieb ihm die Situation in der Meadowbrook Close und den Problemen mit der Presse, die vor dem Haus campierte. Als sie fertig war, konnte Nick keine Zweifel daran hegen, wie wichtig es ihr war.

„Überlass das mir. Ich weiß, dass der DCI Warrens E-Mail bekommen hat. Wir wurden von einem anderen Ermittlungseinsatz abgelenkt. Ich gehe und rede mit ihm und gucke, ob wir nicht eine formlose Bitte an die Nachrichtenredakteure rausschicken können, dass sie es etwas herunterfahren und die Privatsphäre der Familie zu dieser Zeit respektieren mögen.“

„Danke. Im aktuellen Zustand bekommen wir sonst nichts aus Monika heraus. Was ist der andere Ermittlungseinsatz?“

„Wir haben den Bruder, David Swift, ausfindig gemacht. Er lebt doch nicht in Kanada. Er ist vor knapp sechs Jahren aus Neufundland zurückgekehrt und lebt nun in Schottland. Auf den Shetlandinseln, um genau zu sein.“

Beth blieb unten auf der Treppe stehen, eine Hand auf dem Handlauf. „Habt ihr seinen Aufenthaltsort am Sonntag überprüft?“

„Ja, er hat ein Alibi. Behauptet, er habe seit sechs Jahren nicht mit seinem Bruder gesprochen und wollte nicht darüber reden, wieso er sich mit seinem Bruder zerstritten hat, zumindest nicht am Telefon. Wir schicken einen Kollegen hoch, um ihn zu befragen.“

„Wieso hat er sich nicht gemeldet?“ Es kam ihr komisch vor, dass er nach all der Berichterstattung nicht mit der Polizei gesprochen hatte.

„Das müssen wir herausfinden. Und noch was, Beth!“

„Ja?“

„Sprich mit Monika, wenn es geht. Frag sie, ob sie sich daran erinnert, dass Camerons Bruder je in Schottland oder auf den Shetlandinseln gelebt hat und auch, ob Cameron in der letzten Zeit dort war.“

***

Am Abend tigerte Beth durch ihre eigene Küche, zog das Haargummi aus ihren Haaren und streifte es über ihr Handgelenk. Sie kämmte ihre widerspenstigen Locken mit den Fingern durch. Gedankenverloren schaltete sie den Wasserkocher ein und lehnte sich an die Wand.

Der Frust des Nachmittags nagte an ihr. Die Kollegen im Büro hatten Probleme damit, den USB-Stick und das Handy aus dem Auto zu knacken. Freeman hatte offensichtlich mit den Nachrichtenredakteuren gesprochen, denn als sie am Abend das Haus verließ, lungerten nur noch zwei Reporter herum, aber die Menschenmenge, die zuvor für das schreckliche Chaos gesorgt hatte, war verschwunden.

Doch auch ohne die Hetzjagd der Presse hatte Monika nicht viel gesagt. Sie war nur einmal kurz hinuntergekommen, um Tee für Oskar und sich zu machen und war dann wieder in ihr Schlafzimmer verschwunden. Beth hatte versucht, die Chance zu nutzen und ihr einige Fragen über Camerons mögliche Anwesenheit in Schottland zu stellen, aber Monika hatte nur den Kopf geschüttelt und Beth war nicht sicher, ob sie es nicht wusste oder nicht in der Verfassung war, zu antworten.

Morgen würde sie Sara Swift am Flughafen treffen. Sie war strafrechtlich noch nicht aufgefallen und auch sonst gab es keine Informationen über sie. Sie wusste nur, dass Sara seit sieben Jahren in Alderley Edge, Cheshire wohnte und behauptete, die Mutter von Camerons Töchtern Zoe und Amy zu sein. Das Personenstandsregister hatte bestätigt, dass Camerons Name auf beiden Geburtsurkunden auftauchte.

Sie ignorierte den Wasserkocher, der hinter ihr blubberte, schnappte sich ihren Laptop und klappte ihn auf. Der Wasserkocher schaltete sich ab, als sie Sara Swift in die Google-Suche eintippte und hinunterscrollte. Zuerst kamen ein paar LinkedIn-Profile: eine australische Professorin, dann eine Sara Swift, die laut LinkedIn als Projektmanagerin arbeitete, und eine Doktorin der Neurologie in Nevada. Eine Reihe Fotos erschien darunter, die Hälfte davon war wohl im richtigen Alter, aber sie wusste trotzdem nicht, wer davon Camerons vermeintliche Partnerin war. Sie scrollte wieder nach oben und fand den Link zu einen Facebook-Profil, auf den sie klickte. Sie war immer wieder überrascht, wie die Leute ihr halbes Leben in den sozialen Netzwerken ausbreiteten. Scheinbar stellten nur wenige Leute ihre Facebook-Profile auf privat ein.

Eine Liste mit Sara Swifts öffnete sich. Die ersten Einträge waren aus Australien und den USA. Aus England kamen nur fünf. Das erste Profilbild zeigte einen Pudelwelpen. Sie klickte auf das Profil, es war eine fünfzigjährige Großmutter aus Newcastle. Das zweite Profil gehörte einem Teenager, der noch zur Schule ging. Die dritte wohnte in Schottland. Das nächste war ein Foto einer schwarz-weißen Katze. Beth klickte auf das Profil. Laut dem Profil wohnte die Person in Alderley Edge, Cheshire. Das klang schon einmal gut.

Auf dem Titelbild waren zwei junge Mädchen mit Eimern und Spaten an einem weißen Sandstrand vor azurblauem Meer zu sehen. Mit Sicherheit gab es keine zwei Sara Swifts in Alderley Edge. In der Chronik war ein Foto des Strands im Sonnenuntergang. Das nächste Foto zeigte eine Gruppe Frauen und Kinder beim Abendessen. Dann kam ein Witz über Eltern, die den Schulbeginn kaum erwarten konnten. Darunter kamen verschiedene Welpenbilder. Beth klickte auf das letzte Jahr und sah einen Blumenstrauß mit der Beschreibung „Danke, Yvonne“ darunter.

Sie klickte auf „Über mich“, dann auf Beziehungsstatus und biss sich auf die Lippe. Sara hatte „verheiratet“ ausgewählt. Cameron war nie verheiratet gewesen. Aber wenn diese die richtige Sara Swift war, dann hatte sie seinen Namen angenommen. Nur wieso? In den anderen Kategorien war wenig zu sehen, also klickte Beth auf die Fotos. Ein paar Bilder von Weingläsern. Einige von den zwei Mädchen in verschiedenen Outfits. Cameron wurde mit keinem Wort erwähnt. Die Namen und das ungefähre Alter der Mädchen kamen hin, aber es gab keine Bilder von Sara Swift, keine Anhaltspunkte, wie sie aussah. Beth klappte den Laptop zu und seufzte. Sie hatte immer noch keine genauere Vorstellung davon, was sie morgen bei dem Treffen erwartete.

Details

Seiten
0
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968172064
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v919720
Schlagworte
spannender Thriller packende-r Spannung-s-roman domestic crime doppel-leben lügen-er-in Mord-opfer-mörder-fall-in Polizei-ermittl-er-in-ung-en

Autoren

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    Jane Isaac (Autor)

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    Anja Samstag (Übersetzung)

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Titel: The Other Woman