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Tödlicher Einsatz

von D.P. Lyle (Autor) Dorothee Scheuch (Übersetzung)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Widerwillig nimmt der Strandbarbesitzer und ehemalige Baseballprofi Jake Longley einen Auftrag für seinen Vater Ray an. Er soll für dessen Detektei die Millionärsgattin Barbara Clammer beschatten, da ihr Mann eine Affäre vermutet. Die Mission klingt denkbar einfach: Jake schießt ein paar Fotos und genehmigt sich ab und zu einen Bourbon gegen die Langeweile. Das einzig Aufregende bei seinem Überwachungsjob ist Nicole, die blonde Strandschönheit, mit der er es sich auf seinem Posten gemütlich macht. Doch was als unscheinbarer Auftrag anfängt, nimmt eine unerwartete Wendung, als sich das Zielobjekt unter Jakes Nase ermorden lässt. Zusammen mit Nicole und dem Hacker „Pancakes“ nimmt Jake die Ermittlungen auf. Dabei geraten sie in das Visier eines Drogenbosses und als wäre das nicht genug, tauchen plötzlich noch weitere Tote auf …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2016
Überarbeitete Neuausgabe September 2020

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-136-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-137-1

Copyright © Juli 2016 by Oceanview Publishing
Titel des englischen Originals: Deep Six

Copyright © Oktober 2019, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits Oktober 2019 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Untergetaucht (ISBN: 978396087423).

Übersetzt von: Dorothee Scheuch
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © benjaminlion
shutterstock.com: © Jon Bilous, © inLite studio, © Who is Danny, © gyn9037
Korrektorat: KoLibri Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für meine kürzlich verstorbene Mutter, Iris Elaine Campbell Lyle, die mich die Macht und die heilende Wirkung des Humors gelehrt hat. Es vergeht kein Tag, an dem du nicht schmerzlich vermisst wirst. Und für meinen Vater Victor Wilson Lyle, der mir beigebracht hat, dass Arbeit die eigentliche Belohnung ist.

Kapitel eins

Es war genau zwölf Minuten nach Mitternacht, als die Scheibe zerbarst. Ein knirschendes Splittern, ein Knall, der mein Trommelfell erzittern ließ, und ein Regen von Glasscherben. Es ist wohlgemerkt nicht von allein zersprungen, sondern dank eines hohlen, perfekt ausbalancierten Zweihundert-Dollar-Golfschlägers. Eines Callaways. Ich wusste das, weil es meiner war. Oder zumindest war er das gewesen.

Ich wusste die genaue Zeit, weil mich die umherfliegenden Glassplitter aus dem Schlaf gerissen hatten. Mein Kopf war nach vorn gefallen und befand sich genau gegenüber der Uhr auf dem Armaturenbrett. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich kapiert hatte, was geschehen war.

Schlafen war natürlich nicht Bestandteil des Jobs. Das Haus auf der anderen Straßenseite zu beobachten hingegen schon. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass sich im Haus nichts bewegt hatte. Auch nicht auf der Straße, die sich durch das Viertel der Gutbetuchten schlängelte. Zumindest nicht in den letzten Stunden. Aber als ich im Dunkeln saß, hinter dem Steuer meines Wagens, tat die Langeweile ihr Übriges. Einen guten Teil einer Bourbon-Flasche hinunterzukippen war auch nicht gerade hilfreich gewesen. Observierungen betäubten irgendwie das Hirn. Und ein bisschen mehr Hirnbetäubung konnte ja nicht schaden, oder?

„Jake, was zum Teufel machst du da?“ Die Ursache der zerborstenen Scheibe kreischte durch das gezackte Loch.

Das war nicht irgendeine Scheibe. Es war ein Originalteil. Deshalb war sie auch zersplittert, anstatt nur zu reißen. Es war das originale Beifahrerfenster meines ansonsten makellosen 1965er Mustangs. Weinrot mit Black-Pony-Innenausstattung, aktuell von Glassplittern übersät. Es würde schwierig werden einen Ersatz zu finden.

Wo wir gerade von schwierig sprechen – ich erkannte die kratzige Stimme, noch bevor ich meiner Ex ins Gesicht sah. Sie hieß Tammy und war ziemlich verrückt. Ich hatte vier wertvolle Jahre damit verschwendet dieser Stimme zuzuhören. Meistens war sie am Jammern und beschwerte sich, manchmal, wie gerade jetzt, schrie sie vor Wut. Sie hatte einen Hang zur Wut. Schien sie zu brauchen, um durch den Tag zu kommen.

Der Golfschläger lag mit dem Eisen nach oben auf ihrer Schulter, bereit noch mehr Zerstörung anzurichten. Sie hielt den Griff mit beiden Händen so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Wenn mich die Vergangenheit eines gelehrt hatte, dann dass sie vermutlich nach dem Seitenfenster mit der Windschutzscheibe fortfahren würde, bis sie auf meiner Seite angelangt war. Tammy hatte keine Bremsen. Und auch keinen Rückwärtsgang.

Alle, außer wahrscheinlich mir, fanden sie süß. Sie war eine Strandblondine mit strahlend blauen Augen, einem magischen Lächeln und einer perfekten Nase. Einige plastische Chirurgen waren wirklich begabt. Teuer, aber begabt. Ich wusste das. Ich hatte die Nase bezahlt.

Aber die süße Tammy hatte eine kurze Zündschnur. Sie brauchte nur eine Nanosekunde von Null auf C4.

Wie jetzt.

„Lustig, ich wollte dich gerade dasselbe fragen“, sagte ich.

Ich versuchte immer noch, den Schlaf abzuschütteln und mich auf die Person vor mir, den Ort und die Situation zu fokussieren. Ich schaffte es ziemlich schnell, einen Überblick zu bekommen. Der Anblick eines Golfschlägers in den Händen meiner Ex half dabei sehr gut. Der Ort fiel mir sofort wieder ein. Peppermill Road. Eine Schleife, die vom Perdido Beach Boulevard abging, der wiederum durch The Point führte, ein Wohngebiet für Superreiche, das in eine weitere teure Wohngegend eingebettet war, die als Perdido Beach bekannt war. Die Bewohner von The Point waren sehr weit oben in der finanziellen Nahrungskette angesiedelt. Das Gebiet bestand aus einer Reihe von Stelzenhäusern, jedes mit einem Wert im siebenstelligen Bereich, die wie Anhänger an einem Armband an der Peppermill Road hingen. Jedes dieser Häuser hatte einen Ausblick über den Golf und einen breiten Strand mit zuckerweißem Sand.

Okay. Zwei hatte ich, eines musste ich noch herausfinden.

Person – klar. Ort – klar. Es war die Situation, die mir Probleme bereitete.

„Warum parkst du vor meinem Haus?“, fragte sie, das Kinn vorgeschoben und mit mir wohlbekannten, wutsprühenden Augen.

Nun, so viel dazu.

„Tu ich nicht. Ich parke auf der anderen Straßenseite.“

Der Golfschläger hob sich noch ein paar Zentimeter. Ihre Knöchel wurden noch weißer und ihre vom Pilates aufgepumpten Unterarme spannten sich an.

„Verarsch mich nicht, Jake. Was zur Hölle machst du hier?“

„Ist das mein Golfschläger?“

Tammy stieg die Röte ins Gesicht, und die Wut, die sich in ihrer Brust bildete, war fast greifbar. Ich wusste, dass ich sie auf die Palme bringen konnte. Ich konnte emotionslos ihre Knöpfe drücken wie sonst niemand. Sie hatte es mir Gott weiß wie oft gesagt. Die Wahrheit war, dass ich es irgendwie genoss. Sie war süß, wenn sie wütend war. Gefährlich, aber süß.

Die kleine Ader auf ihrer Stirn trat hervor, als sie den Schläger in die linke Hand wechselte und das kleine Rückfenster auf der Beifahrerseite des Mustangs zerschmetterte. Ebenfalls ein Originalteil. Womöglich noch schwerer zu ersetzen.

„Hey, hey, hey! Was stimmt nicht mit dir?“ Ich war schlau genug, nicht „abgesehen vom Üblichen“ hinzuzufügen, aber es kam mir in den Sinn. Hatte ich erwähnt, dass diese Frau nie ihr eigenes Bremspedal fand?

Sie zeigte mit dem Golfschläger auf mich. „Warum spionierst du mir hinterher?“

Ich bemerkte, dass sie schwarze Trainingshosen und ein abgeschnittenes, pinkfarbenes T-Shirt trug, das ihren straffen Bauch frei ließ. Sie wäre heiß, wenn sie nicht so durchgeknallt wäre. Ich hatte die Heiße geheiratet und mich von der Irren scheiden lassen.

Ich strich zermahlenes Glas von meinem Hemd und schüttelte es aus meinen Haaren. „Tu ich nicht.“

„Tatsächlich? Und du denkst, ich glaube dir das?“ Wenigstens hatte sie den Golfschläger heruntergenommen. „Du parkst gegenüber von meinem Haus mit einer guten Sicht auf mein Wohnzimmer und hast dein perverses Fernglas dabei.“ Sie nickte in Richtung des Geräts auf dem Beifahrersitz, das ebenfalls von Glassplittern übersät war.

„Nachtsicht. Brauche ich für meine Arbeit.“

„Arbeit?“ Sie versuchte nicht einmal, den Sarkasmus in ihrer Stimme zu verbergen.

„Ich bin an einem Fall. Für Ray.“

„Einfach toll. Die einzige Person, die ich kenne, die dich schlau wirken lässt.“

Ray, mein Vater, war wirklich schlau, manchmal sogar beängstigend, aber Tammy und er haben nie einen Draht zueinander gefunden. Ray konnte mit den meisten Menschen nicht besonders gut umgehen. Tammy auch nicht. Also interagierten sie in einer Öl und Wasser-, Hund und Katze-, Feuer und Eis-Art.

„Du erinnerst dich an ihn?“, sagte ich. „Er wird sich freuen, das zu hören.“

Wieder einen Knopf gedrückt.

„Sei kein Arsch. Ich habe vier Jahre lang versucht, ihn mit dem Müll hinauszubringen, aber manche Wollmäuse wird man einfach nicht los.“

Ich lächelte. „Und er spricht immer so freundlich von dir.“

Sie beugte sich nach vorn und ihre Augen waren nun auf gleicher Höhe mit meinen.

„Gut. Also warum arbeitest du für Ray?“

„Er brauchte jemanden für ein bisschen Überwachungsarbeit.“

Ihrem Gesichtsausdruck konnte ich entnehmen, dass sie mir nicht glaubte. Als ob ich lügen würde. Wie kam sie bloß darauf? Sie schnaubte leise, als würde sie ein Ausrufezeichen hinzufügen. „Warum fragt er nicht diesen rothaarigen Riesen, der ihm überall hin folgt?“

„Pancake hat zu tun.“

Ein weiteres Schnauben. „Essen wahrscheinlich.“

„Oder schlafen. Er pflegt das um diese Uhrzeit jede Nacht zu tun.“

Sie schüttelte den Kopf. Es war eine Art angewidertes Schütteln. „Und ich dachte, du hättest geschworen, niemals für Ray zu arbeiten.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich nehme an, damit verhält es sich wie mit jedem Versprechen, das du je gemacht hast.“

„Ein bisschen Überwachung zu machen fällt nicht wirklich unter ‚für ihn arbeiten’.“

„Überwachung? Ein großes Wort für ein bisschen Herumschnüffeln.“ Ich wollte gerade etwas Aufschlussreiches über das Sammeln von Beweisen sagen, aber Tammy war noch nicht fertig. „Es interessiert mich wirklich einen feuchten Kehricht, wem du hinterherschnüffelst, solange ich es nicht bin.“

„Du bist es nicht.“

„Gut.“ Sie trat einen Schritt zurück und hob wieder den Golfschläger. Sie sah sich nach einem neuen Ziel um. Ihr Blick blieb an der Windschutzscheibe kleben.

„Nimm den Schläger runter und hör zu.“ Sie ließ ihn ein kleines Stück sinken, hielt ihre Zähne aber fest zusammengebissen. „Ich weiß, dass sich in deiner Welt fast alles um dich dreht, aber das hier hat nichts mit dir zu tun.“

Ihr Kopf drehte sich von einer Seite zur anderen. „Mit wem dann? Was hat er gemacht?“ Nun war sie voll in Tratschlaune. Sie liebte Gerüchte. „Ich wette, es ist Betsy Friedman, richtig?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort. „Hat sie eine Affäre?“ Sie sah zu einem grauen Haus mit einem Springbrunnen davor hinüber, das genau neben meinem Parkplatz lag. „Bestimmt hat sie eine.“

„Ich kann nicht darüber reden.“

„Natürlich kannst du.“

„Nein, kann ich nicht.“

„Okay. Also das ganze ‚Privatsphäre zum Schutz des Klienten’-Zeugs?“

„Genau.“

Longly Investigations war die Privatdetektei meines Vaters. Ray Longly war Anwalt und früherer FBI-Spezialagent gewesen, bevor er irgendetwas Unheimliches für das FBI gemacht hatte, über das er nie sprach. Seit fünf Jahren war er nun Privatdetektiv und hob sich mehr und mehr von den anderen Agenturen ab. Oder besser gesagt hoben sich die anderen von ihm ab. Ein Resultat von Rays Abneigung gegen andere Menschen.

„Und deine Spielchen bringen die Ermittlung nicht gerade voran“, sagte ich.

Ein kurzes Lachen kam über ihre kollagenverstärkten Lippen.

„Nimm den Mund nicht so voll. Du könntest nicht einmal einen platten Reifen untersuchen. Du bist ein Idiot.“

Das erklärte irgendwie die Scheidung, oder nicht? Zum Teil zumindest. Früher, als ich noch in der Major League Baseball gespielt hatte, dachte sie, ich hätte den Mond für sie aufgehängt. Ich konnte nichts falsch machen. Ich führte sie in die besten Restaurants und Nachtclubs aus und machte mit ihr Urlaub am South Beach und manchmal auch in Europa. Tammy liebte Paris. Und sie liebte es, eine Major League-Frau zu spielen. Sie liebte das Händeschütteln mit großen Sportlern und glaubte daran, ein Sports-Illustrated-Bademodenmodel werden zu können. Tatsächlich könnte sie das werden. Sogar heute noch, mit einunddreißig.

Aber vor vier Jahren, als meine Karriere beendet war, nachdem ich elf Innings in einer kalten Oktobernacht in Cleveland geworfen und mich nie mehr von der Schulterverletzung erholt hatte, die ich mir dabei zuzog, und nachdem die Gehaltsschecks zu nichts zusammengeschrumpft waren, zog Tammy weiter. Zu einem Anwalt. Zu dem Typen, dem der Klotz aus Stahl, Glas, Marmor und Designermöbeln auf der anderen Straßenseite gehörte.

Der Lauf des Lebens an der Riviera. Nicht an dieser. An der Proleten-Riviera. Golf Coast Style.

„Wenn es nicht um Betsy geht, um wen dann?“, fragte Tammy.

Ich schüttelte den Kopf. „Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, ich kann es dir nicht sagen.“

„Du kannst nicht oder du willst nicht?“

„Such’s dir aus, mir ist es egal.“

Sie hob wieder den Golfschläger. Ich schlängelte meinen Einsneunzig-Körper aus dem Auto und sah sie über das Dach hinweg an.

„Durchatmen, Tammy.“

In diesem Moment rollte ein Polizeiwagen die Straße entlang und hielt am Bordstein, nicht weit von meinem Mustang entfernt. Ein uniformierter Polizist stieg aus und blieb hinter der geöffneten Wagentür stehen, die Hand auf der Dienstwaffe an seiner Hüfte. Er wirkte gut trainiert und fit in seiner perfekt sitzenden Uniform und sprach mit einer ruhigen, gleichförmigen Stimme.

„Könnten Sie wohl ein wenig leiser sein?“, fragte er. „Vielleicht erzählen Sie mir, was hier eigentlich los ist?“

Nach den Nettigkeiten und Vorstellungen, er – Officer Blake Cooper, ich – Jake Longly, sie – Tammy, die Irre, erzählte sie ihre Version der Geschichte. Erstaunlich, wie weit sie von der Wahrheit entfernt war. Sie fing langsam an, nahm dann aber schnell Fahrt auf und erzählte dem guten Officer, ich sei Abschaum – ihre Worte – ich sei ein unsägliches Stück Scheiße – ebenfalls ihre Worte. Es folgten ein paar weitere Namen, die besser ungesagt blieben. Schließlich behauptete sie, ich würde ihr nachspionieren. Mitten in der Nacht.

Willkommen in Tammys Welt.

Während sie sprach, wanderte Coopers Blick über ihren Körper und verweilte an den interessantesten Stellen. Als er sich schließlich losreißen konnte, sah er mich an. „Sir, haben Sie ihr nachspioniert?“

„Wenn ich das getan hätte, bin ich nicht sicher, ob es die klügste Entscheidung gewesen wäre, direkt vor ihrem Haus zu parken.“

„Würden Sie das erklären?“

Ich erklärte.

„Überwachung? Wen überwachen Sie?“

„Kann ich nicht sagen. Eine Privatangelegenheit.“

Cooper ging um die geöffnete Autotür herum nach vorn, die Hand nicht mehr auf der Waffe, beide Daumen in den Gürtel gehakt. „Leben Sie hier? In der Nachbarschaft?“

„Dass ich nicht lache“, sagte Tammy. „Er lebt in einem Schuhkarton hinter dem Einkaufszentrum.“

Sie konnte so liebenswürdig sein.

„Nein, Sir, tue ich nicht. Ich mache gerade einen Job. Für Longly Investigations.“

„Ray Longly?“

„Genau.“

„Sie arbeiten für ihn?“

„Er ist mein Vater.“

Cooper nickte. „Das erklärt einiges.“

Ray hatte sich nicht auf die Abschussliste des FBI beschränkt. Er und die lokale Polizei kamen auch nicht besonders gut miteinander aus. Offenbar geriet er häufig wegen irgendetwas mit ihnen aneinander. Üblicherweise weil er in ihrem Gebiet wilderte. Oder zumindest sahen sie das so. Und meistens traf diese Sichtweise auch zu.

Tammy sprang vor. „Siehst du, ich bin nicht die Einzige, die deinen Vater für einen Spinner hält.“

Cooper drehte sich zu ihr herum. „Ma’am, das habe ich nicht gesagt.“

Sie stemmte eine Faust in die Hüfte und starrte ihn an. „Hörte sich für mich so an.“

Er besah sie abermals von oben bis unten, bevor er sich wieder mir zuwandte.

„Würden Sie mir erklären, worum es hier eigentlich geht?“

Junge, das habe ich doch schon. „Ich bin bei einem Job. Ich mache Überwachungsarbeit für eine lizenzierte Privatdetektei. Ich habe überhaupt nichts gemacht, bis sie wie Tiger Woods auf mein Auto losgegangen ist.“

„Ich nehme an, Sie beide kennen sich“, sagte Cooper. Es war keine Frage.

„Wir waren verheiratet“, sagte ich. „Es ist wahrscheinlich nicht schwer herauszufinden, warum es nicht funktioniert hat.“

Wieder hob Tammy den Golfschläger.

„Ma’am, bitte tun Sie das nicht“, sagte Cooper.

Sie schüttelte den Kopf und nahm den Schläger herunter. „Ich möchte, dass Sie ihn festnehmen.“

„Ich denke nicht, dass das nötig ist.“ Cooper sah mich an. „Also sind Sie Longlys Sohn? Der Baseballspieler?“

„Ex-Baseballspieler“, sagte Tammy.

„Das bin ich“, sagte ich.

„Sie waren großartig damals.“

„Damals ist lang vorbei.“ Tammy wieder.

Cooper holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus, wobei seine Wangen sich nach außen wölbten. Ich glaube, er begriff langsam, wie kompliziert es sein konnte, mit Tammy zu kommunizieren. Als er sprach, klangen seine Worte ruhig und gesetzt. „Ich habe einen Anruf bekommen. Einer Ihrer Nachbarn sagte, es gäbe einen Streit auf der Straße. Er hat sich über den Lärm beschwert.“

„Also, dann nehmen Sie ihn wegen Ruhestörung fest“, sagte Tammy. „Oder für sowas in der Art.“

Cooper seufzte. „Ich denke, ich habe eine bessere Lösung. Warum gehen Sie nicht wieder nach Hause?“, sagte er zu Tammy. Und dann zu mir: „Vielleicht sollten Sie Ihre Überwachung für heute Nacht beenden.“

Tammy hob das Kinn und straffte die Schultern. „Und verschwinde aus meiner Straße!“ Immer das letzte Wort.

„Wird gemacht“, sagte ich.

„Ma’am?“ Cooper wies mit der Hand in Richtung ihres Hauses.

Sie zögerte, drehte sich dann um und ging über die Straße.

„Kann ich meinen Golfschläger haben?“

„Leck mich, Jake.“ Sie streckte einen Mittelfinger aus, ohne sich umzudrehen, überquerte die Straße, ging die Auffahrt hinauf und verschwand in ihrem Haus. Die Tür fiel laut ins Schloss.

„Was für ein Spaß“, sagte ich.

„Soll ich irgendetwas aufnehmen?“, fragte Cooper und deutete mit seinem Kinn auf meinen Mustang. „Wegen des Schadens?“

„Würde nicht viel bringen. Ihr neuer Ehemann ist Anwalt.“

Er nickte. „Verstehe.“ Er sah sich um. „Passiert hier irgendetwas, wovon ich wissen sollte?“

„Nicht wirklich. Es ist eine häusliche Angelegenheit.“

Er nickte wieder. „Ich kann nicht viel tun, denn es sieht so aus, als hätten Sie kein Gesetz gebrochen, aber ich würde vorschlagen, dass Sie das Wohngebiet verlassen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Um weitere Probleme zu vermeiden.“

„Genau meine Gedanken.“

„Eine Frage“, sagte Cooper. „Wie sind Sie hier hereingekommen? An der Torwache vorbei?“

„Ich habe ein nettes Lächeln.“ Ich lächelte. Cooper nicht. „Sie kennen mich.“

Cooper zögerte, nickte dann und gab mir seine Karte. Er stieg in seinen Wagen und verschwand.

Kapitel zwei

Nachdem die zuckersüße Tammy und der dienstbeflissene Officer Blake Cooper die Straße verlassen hatten, inspizierte ich den Schaden an meinem Auto. Die zerschmetterten Scheiben waren im Prinzip unersetzlich. Ford produzierte anscheinend keine Scheiben mehr für fünfzig Jahre alte Autos. Die hatten Nerven. Ich klopfte die zahnartigen Reste der Scheiben von den Rahmen, sammelte die größeren Stücke von den Sitzen und legte sie auf den Boden. Die Bodenmatten waren ersetzbar, die Pony-Innenausstattung nicht.

Wie zum Beweis, dass jede schlimme Situation noch schlechter werden kann, frischte der Wind auf und brachte den Geruch von Regen mit sich. Draußen über dem Golf türmte sich eine dunkle Wolkenbank auf und bewegte sich auf die Küste zu, die Ränder silbern vom Mondlicht, das Innere von Blitzen grellweiß erhellt.

Einfach großartig. Zwanzig Meilen von Zuhause entfernt und keine Scheiben auf der rechten Seite. Sah nicht gut aus für meine Pony-Innenausstattung.

Scheinwerfer glitten über mich hinweg und ich sah auf die Straße. Was nun? Hatte Cooper noch etwas zu sagen? Vielleicht hatte er mit seinem Revier telefoniert und sein Boss hatte ihm grünes Licht gegeben, meinen Hintern in die Stadt zu verfrachten. Einfach nur, um Ray zu ärgern.

Ich hob eine Hand, um meine Augen vor dem gleißenden Scheinwerferlicht zu schützen. Das Auto, ein glänzender neuer, roter SL Mercedes, hielt an. Das stark verdunkelte Fenster glitt hinunter und gab den Blick auf eine junge Frau frei. Ihr glattes, blondes Haar fiel wie ein Seidenvorhang auf ihre Schultern hinab und umrahmte ein Gesicht, das das Titelblatt der Vogue zieren könnte. Definitiv nicht, was ich erwartet hatte.

„Das war interessant“, sagte sie.

„Sie haben das also gesehen, ja?“

Sie lachte. Sanft, fast melodisch. „Es ist schwierig eine Frau zu verpassen, die mit einem Golfschläger auf einen Mustang einschlägt.“

Ich sah die Straße hinauf, von wo sie gekommen war. „Sie leben hier, nehme ich an?“

Sie strich eine lose Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Gleich hinter der Kurve.“

„Wollen Sie gerade Bier holen oder so?“

Ein weiteres sanftes Lachen. „Ich besuche einen Freund.“

„Ein bisschen spät, nicht wahr?“

„Er ist Barkeeper. Er macht nicht vor eins Feierabend. Aber er ist nicht halb so interessant wie das hier.“

„Ich wette, er wäre erfreut das zu hören.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Er würde darüber hinwegkommen.“

Ich hatte die erste Antwort, die mir einfiel, bereits auf den Lippen. Dass eine so schöne Frau wie sie sich wahrscheinlich keine Gedanken machen musste, jemanden zu verärgern. Niemand würde ihr böse sein, wenn sie zu spät kam. Stattdessen lächelte ich.

„Worum ging es also?“, fragte sie.

„Meine Ex. Sie ist irre.“

„Offensichtlich.“

„Ich bin Jake.“

„Nicole.“

Sie streckte mir ihre Hand durch das Autofenster entgegen und ich schüttelte sie. Zarte Haut, fester Griff. Die ersten Regentropfen trafen mein Gesicht.

„Du bringst diese Schönheit besser unters Dach.“

„Genau meine Gedanken. Das Problem ist nur, dass das Dach zwanzig Meilen weit weg ist.“

Sie zögerte und sah mich an, als würde sie eine Entscheidung treffen wollen.

„Oder einfach die Straße rauf. Bei mir. Du kannst das Auto in die Garage stellen, bis der Regen vorbei ist.“

„Was ist mit deinem Freund?“

„Sean der Barkeeper? Wie ich schon sagte, das hier ist weitaus interessanter.“

Sie lächelte. Perfekte Zähne. Perfektes Lächeln. Einfach perfekt. Runter, Junge!

„Es freut mich, dass ich deinen Abend ein wenig erhellen konnte“, sagte ich.

„Ein Mädchen muss immer sehen, wo es Spaß findet.“

„Du hast eine merkwürdige Definition von Spaß.“

„Das höre ich oft.“

Der Regen wurde stärker. Dicke Tropfen klatschten auf das Dach und die Windschutzscheibe des Mustangs.

„Folge mir“, sagte sie.

Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie an, machte einen U-Turn und jagte die Straße hinauf. Ich startete den Mustang und folgte, aber als ich gewendet hatte, war sie bereits hinter der Kurve verschwunden. Mir kam der Gedanke, dass das vielleicht alles nur ein Spiel sein konnte. Dass sie versuchte, mich sitzenzulassen. Und vielleicht, nur vielleicht, wäre das alles nur eine tolle Geschichte, die sie ihren Freundinnen morgen beim Mittagessen erzählen würde.

Mir wurde klar, dass das eine sehr düstere Sicht auf das schöne Geschlecht war, aber da dank eines Mitglieds dieser Damenvereinigung der Regen durch die zerschmetterten Fenster meines Mustangs hereindrang, nehme ich an, dass mein Gedanke entschuldbar war.

Ich steuerte den Mustang durch die weitläufige Kurve in einen ruhigeren Bereich der Peppermill Road. Keine Spur von dem Mercedes. Wo zur Hölle war sie hin?

Hier in The Point waren die Grundstücke sehr großzügig geschnitten und durch dreißig Meter breite Naturgebiete aus mit Strandhafer bewachsenen Dünen und Pinienwäldchen voneinander getrennt. „Bauliche Ausnutzung der Grundstücksfläche“ gehörte nicht zum Vokabular der Bewohner von The Point. Und hier, am Ende des Gebiets, waren die Grundstücke noch größer, die Straße noch dunkler.

Ich fuhr langsamer. Immer noch keine Spur von dem Mercedes. Dann blinkten Rücklichter zu meiner Linken durch den Strandhafer auf einem breiten, sandigen Hügel. Abseits einer weitläufigen Auffahrt wartete ihr Mercedes vor einem Garagentor, das sich gerade öffnete. Sie fuhr hinein. Ich stellte meinen Mustang neben dem SL ab.

„Hat dir schonmal jemand gesagt, dass du schwer zu verfolgen bist?“, fragte ich.

„Jeder.“

Das riesige Haus bestand aus zwei Etagen Glas, Stein und Holz. Beachtlich war das Wort, das einem in den Sinn kam. Ebenso wie teuer. Vier breite, gebogene Steintreppen führten zu der mit aufwendigen Schnitzereien verzierten, zweiflügeligen Eingangstür. Ich folgte Nicole nach drinnen.

Die Einrichtung war gleichermaßen beeindruckend. Und beachtlich. Und teuer. Das Wohnzimmer schien so groß zu sein wie mein ganzes Zuhause. Tiefe Sofas, ein Feldsteinkamin, ein riesiger Flachbildfernseher, der den meisten Kinos Genüge tun würde, und eine Wand aus Fenstertüren, die auf eine großzügige Terrasse, den Strand und den jetzt schäumenden Golf hinausgingen. Regen hämmerte gegen die Scheiben. Blitze zuckten in der Ferne, gefolgt von tiefem Donnergrollen.

„Etwas zu trinken?“, fragte Nicole.

„Klar.“

Sie steuerte auf die Bar zu, eine handgeschnitzte Monstrosität, die eine Ecke des Raumes einnahm. Hinter dem Tresen standen Dutzende Flaschen wie Soldaten vor einem langen Spiegel. Nicole trug sorgfältig ausgefranste Jeans und ein rotes Ferrari-T-Shirt. Beide Kleidungsstücke klebten an ihrem Körper, als wäre sie darin eingeschweißt. Und was für ein Körper! Lang und schlank mit Kurven an den richtigen Stellen. Ein West-Coast-Gang, der aussah, als hätte sie Laufstegtraining gehabt.

„Du siehst aus wie ein Bourbon-Trinker“, sagte sie.

„Wie sieht ein Bourbon-Trinker aus?“

„Wild, hengstig.“

„Das bin ich wohl.“

Sie lachte. „Was soll es also sein? Bourbon?“

„Was immer du hast, ist in Ordnung.“

„Dann gibt es Tequila.“ Sie schnappte sich eine Flasche Patrón Silver und zwei Gläser, gab eine gesunde Portion in jedes davon und reichte mir eines. Sie stieß mit ihrem Glas an meines. „Willkommen.“

„Schönes Zuhause. Viel besser als meins.“

„Als meins auch.“ Sie nahm einen Schluck. „Das ist das Ferienhaus meines Onkels.“

Sie stellte die Tequilaflasche auf einen Kaffeetisch, der lang genug aussah, um als Landebahn für eine F-18 zu dienen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie sein Hauptwohnsitz aussieht“, sagte ich.

„Größer.“

„Was macht er?“

„Filme. Produzent, Regisseur, Autor, all die üblichen Hollywood-Berufe.“

Ich sah mich ein weiteres Mal im Raum um. „Scheint gut bezahlt zu werden.“

„Besonders auf seinem Niveau. Hat ein paar Oscars gewonnen und ein halbes Dutzend Emmys.“

„Wieso hier? Wieso nicht Malibu oder so?“

Sie kickte ihre Sandalen fort. „Dort lebt er die meiste Zeit. Malibu. Die Kolonie. Er kommt ursprünglich aus Pensacola. Er möchte nicht bei den Hollywood-Leuten leben, deshalb kommt er hierher.“

„Und du?“

„Meine Wohnung ist in Kalifornien. Orange County. Newport Beach. Kennst du die Gegend?”

„War ein paarmal da. Sehr nett.“

„Zu überlaufen. Hier ist es viel besser.“

„Wo ist er jetzt? Dein Onkel?“ Mir kam der Gedanke, dass wir vielleicht nicht allein waren. Vielleicht war Onkel Joe, oder wie auch immer er heißen mochte, oben und schlief. Oder er lud eine Waffe.

Ihre feingliedrigen Finger hielten das Tequilaglas auf Höhe ihrer Brust, wodurch das Ferrari-Logo auf ihrem T-Shirt verzerrt aussah. „Europa. Er wird dort für ein paar Monate bleiben. Dreht einen neuen Film.“

„Also machst du hier Ferien?“

„So in der Art. Ich arbeite an einem Drehbuch.“

„Arbeitet nicht jeder in Kalifornien an einem Drehbuch?“

Sie lachte wieder. „Sieht so aus. Aber ich habe tatsächlich schon ein paar verkauft.“

„Ich bin beeindruckt.“

„Musst du nicht.“ Sie rührte den Tequila mit einem Finger um und leckte ihn dann sauber. „Es waren Kurzfilme. Aber einer wurde beim Sundance-Festival gezeigt.“

„Glückwunsch.“

„Jup. Damit und mit sechs Mäusen kann ich mir bei Starbucks einen Latte kaufen.“ Sie saß auf dem Sofa und klopfte auf das Kissen neben sich. „Komm. Setz dich.“

Mir fiel kein Grund ein, nicht zu gehorchen, und wenn ich einen gehabt hätte, hätte ich ihn hinfortgewischt. Ich setzte mich. Sie drehte sich zu mir und schlug ihre Beine unter, sodass ihre Knie meinen Oberschenkel berührten.

Der Regen schlug in Wellen an die Fenster. Ein langer, zuckender Blitz erhellte den Raum, gefolgt von einem spürbaren Donner.

Sie zuckte zusammen und sagte: „Sieht böse aus da draußen.“

„Es wird vorbeiziehen.“

„Ich schätze, bis dahin sitze ich mit dir hier fest.“ Sie grinste. „Aber da wir nun etwas Zeit haben, erzähl mir doch die Geschichte.“ Sie füllte unsere Gläser auf und stellte die Flasche auf den Tisch zurück.

„Welche Geschichte?“

„Die ganze Golfschläger-Angelegenheit.“

„Das Übliche. Hochzeit, Scheidung, irre Frau. Du lebst in Kalifornien. Ich bin sicher, das hast du schon gesehen.“

„Stimmt.“ Sie warf ihre Haare über ihre Schulter zurück. Sogar ihr Hals war schön. Vielleicht war es auch der Smaragd, der an einer gewundenen Goldkette hing. „Bist du ein Stalker oder so?“

„Nein. Aber das dachte sie. Allerdings dreht sich in ihrer Welt alles nur um sie.“

„Was hast du mitten in der Nacht in dieser Gegend gemacht?“

„Geschnüffelt. Nur nicht ihr hinterher.“

„Interessant. Ich wittere eine Story.“

Ihre Augen waren so tiefblau, dass sie bodenlos erschienen. Wie eine ruhige tropische Lagune. Vielleicht ein blauer Eisberg. Aber nicht kalt. Definitiv nicht kalt.

„Mein Vater ist Privatdetektiv“, sagte ich. „Ich habe für ihn gearbeitet.“

„Die Geschichte wird besser. Nun bin ich wirklich fasziniert.“

„Eine weitere alte Geschichte. Ein Typ denkt, seine Frau trifft sich mit anderen Männern, sobald er die Stadt verlässt. Möchte sie beobachtet haben. Möchte wissen, mit wem sie herumspielt.“

„Das ist alltäglicher, als ich gedacht hatte.“

Von alltäglich war Nicole weit entfernt. Schmerzhaft schön, aber offensichtlich intelligent. Keine dieser Blondinen mit Vakuum im Kopf, die ich üblicherweise am Strand oder in meiner Bar traf.

„Detektivarbeit ist meist alltäglich“, sagte ich. „Und langweilig. Endlos lang isst du Junkfood und wartest darauf, dass etwas passiert.“

„Etwas wie die Zerstörung deiner Autoscheiben?“

„Das war das erste Mal.“

„Ich nehme an, echte Detektivarbeit ist nicht wie im Film? Sam Spade und so?“

„Nicht annähernd. Ich nehme an, dein Onkel würde dasselbe sagen.“

„Möglicherweise.“ Sie streckte sich und unterdrückte ein Gähnen.

„Halte ich dich davon ab, ins Bett zu gehen?“

„Du klaust meinen Text.“ Ein schelmisches Grinsen.

Ich schüttelte den Kopf. „Lustig.“

„Das wollte ich dich gerade fragen.“

„Wie heißt er?“, fragte ich. „Dein Onkel?“

„Charles Balfour.“

„Echt? Ich kenne ihn. Habe zumindest von ihm gehört.“

„Wer nicht? Er ist der Bruder meiner Mutter. Sie und Dad sind auch in dem Business. Mom ist Kostümdesignerin und Dad ist Cutter. Sie beide haben ebenfalls Preise gewonnen.“

„Und du bist Drehbuchautorin. Sehr talentierte Familie.“

Sie neigte mir ihr Glas zu und zuckte mit den Schultern.

„Du solltest Schauspielerin sein“, sagte ich. „Du siehst definitiv so aus.“

„Wie? Drogenabhängig und blöde?“

„Ich dachte eher an schön und fotogen.“

„Und ich dachte, meine Augen seien zu groß.“

Ich sah in diese blauen Augen. „Nicht groß. Tief vielleicht.“

Sie sah mich an, streckte dann ihre Hand aus und legte sie auf meinen Arm.

„Das ist süß.“ Ein sanftes Drücken. „Ich war Schauspielerin. Irgendwie. Hab ein paar Filme gemacht. Kleine Rollen. Das Mädchen im Bikini. Manchmal mit abgeschnittenen Jeans. Blickfang. Immer im Hintergrund.“

„Ich wette, du hast den anderen die Schau gestohlen.“

„Baggerst du mich an?“, fragte sie.

„Ich beobachte nur.“

„Schade. Ich würde jetzt gern angebaggert werden.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du an irgendeinem Tag einmal nicht angebaggert wirst.“

Sie lächelte. „Das ist sehr freundlich. Unglücklicherweise ziehe ich offenbar Versager an.“

„Tun wir das nicht alle?“

Sie griff nach dem Tequila und füllte unsere Gläser erneut. Die Flasche war halb leer. Es fühlte sich an, als würde der größte Teil des Inhalts in meinem Kopf herumwirbeln. Ich hätte mehr als einen Müsliriegel zu Abend essen sollen.

„Also, warum schreibst du Drehbücher und bist keine Schauspielerin?“, fragte ich.

„Bist du je an einem Filmset gewesen?“

„Nicht wirklich. Ein paar Fernsehinterviews und so.“

„Etwas ganz anderes. Filmsets sind langweilig. Ermüdend. Ein Haufen Leute, die hauptsächlich gar nichts tun. Ich bin nicht gut im Nichtstun.“

„Wie alt bist du?“, fragte ich.

Sie runzelte die Stirn. „Du solltest eine Lady niemals nach ihrem Alter fragen.“ Dann lachte sie, und ihre babyblauen Augen glitzerten. „Ich mache nur Spaß. Ich bin siebenundzwanzig. Warum?“

„Du siehst jünger aus, benimmst dich aber älter.“

„Das ist irgendwie ein Kompliment, nehme ich an.“

„Das ist es.“

„Und du?“

„Zweiunddreißig.“

„Warum die Scheidung?“, fragte sie.

„Wie ich bereits sagte, sie ist irre.“

„Verrücktheit kann in beide Richtungen gehen.“

Ich nickte. „Verrücktheit ist auch nicht schlecht. Erst, wenn sie das Niveau von echtem Irrsinn erreicht.“

„Und?“

„Und was?“

Wieder warf sie ihr Haar zurück. „Ich wette, zu der Geschichte gehört noch mehr.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich war nicht sehr taktvoll.“

„Hattest du nebenher eine Bikini-Blondine?“ Sie hob eine Augenbraue. „Oder mehrere?“

Ich zuckte wieder mit den Schultern. Ich wollte das Thema nicht vertiefen.

„Also bist du ein bekennender Bad Boy?“, sagte sie.

„Du hörst dich an wie sie.“

Das Telefon klingelte.

„Ich sollte da rangehen“, sagte sie. „Es ist möglicherweise Sean, der sich fragt, wo ich bleibe.“

Sie stand auf und ging zum Tresen, wo ihre Handtasche lag. Sie kramte ihr Mobiltelefon hervor und hielt es an ihr Ohr.

Der Teil der Unterhaltung, den ich hörte, ging so:

„Entschuldigung, ich bin eingeschlafen.“

„Ich habe es nicht gehört. Mein Handy war im anderen Raum.“

„Nein, es ist zu spät. Morgen?“

„Ich rufe dich an.“

Sie legte auf. „Entschuldige.“

„Ich hoffe, er ist nicht sauer.“

„Er wird darüber hinwegkommen.“ Sie setzte sich. „Oder auch nicht.“

In der folgenden Stunde ließ der Regen nicht nach, obwohl die Blitze in größeren Abständen aufleuchteten und der Donner weiter entfernt schien. Wir leerten die Tequilaflasche und erzählten uns Geschichten.

Sie war in Beverly Hills geboren worden; ich war ein Junge von hier, der abgesehen von ein paar Jahren in der Profiliga sein ganzes Leben am Golf verbracht hatte. Sie hatte einen Abschluss in Literatur von der University of California und einen Master of Arts von der University of Southern California; ich hatte mit einem Baseball-Stipendium zwei Jahre auf der University of South Alabama geschafft und einen Abschluss in Betriebswirtschaft. Sie hatte in Hollywood herumgehangen, aber es nie geschafft, die große Welle zu reiten und war deshalb nach OC gezogen, um sich von dem LA-Wahnsinn zu distanzieren; ich hatte eine Strandbar gekauft und arbeitete gelegentlich für meinen Vater. Wie heute Nacht.

Bald stellte sie ihr leeres Glas auf den Kaffeetisch und streckte sich auf dem Sofa aus, ihren Kopf auf meinem Schoß. „Es ist unkompliziert, mit dir zusammenzusein, Jake Longly“, sagte sie.

„So wie mit dir.“

Sie kuschelte sich tiefer in das Sofa und machte es sich bequem. Mein Kopf fiel in ein Kissen zurück und ich starrte zu der kupferbeschlagenen Deckehinauf. Sie umschloss meine Hand mit ihren beiden und schlang ihre Finger um meine. Ihre Atemzüge wurden sanft und tief. Meine Lider wurden schwer.

Das war das Letzte, woran ich mich erinnerte.

Kapitel drei

Am nächsten Morgen erwachte ich erschöpft und mehr als nur ein bisschen orientierungslos. Mein Kopf war in die tiefen Sofakissen gesunken, mein Blick ging hinauf zu einer Decke, die ich nicht kannte. Mein Herzschlag pulsierte in meinen Augäpfeln, und sogar meine Zähne und meine Kopfhaut taten mir weh. Ich versuchte mich zu bewegen, aber mein Rücken und mein Nacken protestierten. Ich brauchte ein paar Minuten, bis mir wieder einfiel, wo ich war. Ein Blick auf Nicole und alles war wieder da. Tequila. Des Teufels Lieblingsgetränk. Mit klarem Hochprozentigem komme ich nicht klar. Gin, Wodka und Tequila hinterließen stets ihre Spuren in meinem Kopf. Und jedes Mal, wie jetzt auch, schwor ich mir, künftig bei Bourbon und Bier zu bleiben. Warum erinnerte ich mich daran nie?

Weder Nicole noch ich hatten uns bewegt. Sie lag immer noch auf dem Sofa, auf einer Seite zusammengerollt, das wunderschöne Gesicht im Profil auf meinem Schoß. Sie hatte offenbar irgendwann in der Nacht einen afghanischen Überwurf über uns gezogen. Oder vielleicht war ich es gewesen. Ich hatte keine Erinnerung daran. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Acht Uhr morgens.

Ich glitt unter ihr heraus und schob ein Sofakissen unter ihren Kopf. Sie murmelte etwas, wachte aber nicht auf. Ich rückte die Decke über ihr zurecht und zog sie bis zu ihrem Hals hoch, dann trat ich zur Fensterfront. Klar und sonnig. Meine Augen fühlten sich an, als hätte sie jemand mit Sandpapier bearbeitet. Ich blinzelte ein paarmal, aber es half nichts. Der Golf lag ruhig da und der Strand war leer, abgesehen von ein paar Frühaufstehern, die sich ihren Platz für den Tag reservierten.

Nachdem ich meine Schuhe gefunden hatte – einen in der Nähe der Bar, den anderen an einen Sessel gelehnt, keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen waren –, zog ich sie an und küsste Nicole auf die Wange. Ich sagte irgendwas Blödes wie „Ich hatte eine schöne Zeit mit dir“. Komplett lahm. Aber verkatert wie ich war, fiel mir nichts Besseres ein. Sie öffnete ihre Augen nicht, lächelte aber schwach und murmelte: „Ruf mich später an.“

Wie hätte ich dieses Angebot ablehnen können? Aber ich hatte ihre Nummer nicht und sagte ihr das.

Sie sagte sie mir und ich nahm sie in die Kontaktliste meines Handys auf. Ich verließ das Haus.

Nächster Halt: Alberto’s Exotic and Vintage Cars. Alberto Garcia, der Eigentümer, war der beste Mechaniker in der Gegend. Er konnte alles reparieren. Und wenn irgendwer Scheiben für einen fünfundsechziger Mustang auftreiben konnte, dann war es Alberto. Seine Werkstatt war in Gulf Shores, eine Meile vom Strand entfernt in einem kleinen Gewerbegebiet. Der niedrige Betonblock war hellgelb gestrichen, hatte ein in die Jahre gekommenes Wellblechdach und vier Hebebühnen. Alberto war auf Exoten und Detroit Muscle-Cars spezialisiert.

Als ich auf den gekiesten Hof fuhr, kam Alberto gerade aus einer offenen Garage, in der ein hellblauer Chevy Malibu auf der Hebebühne stand und zwei seiner Leute versuchten, ein Teil an der Unterseite des Wagens zu lockern. Alberto grinste, während er seine Hände an einem fettfleckigen Handtuch abwischte.

„Jake. Wie geht’s?“

„Hab letzte Nacht ein paar Scheiben verloren.“

Er beugte sich in den Wagen und inspizierte die Glassplitter, die immer noch den Fußboden bedeckten. „Was ist passiert?“

„Das willst du nicht wissen.“

„Eine Frau. Kann nicht anders gewesen sein.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Tammy.“

Er lachte. „Diese Frau wird das hier eines Tages mit deinem Kopf tun.“

Alberto kannte Tammy nur zu gut. Sie war ein paarmal ihm gegenüber ausgerastet, weil sie der Meinung war, er hätte ihr Auto nicht ordentlich repariert. Es stimmte nicht, aber sie ließ sich niemals von der Wahrheit einen guten Wutausbruch kaputtmachen.

„Wird wahrscheinlich schwer werden, Scheiben für das Ding zu finden“, sagte ich.

Er nickte. „Ich tätige ein paar Anrufe und sehe, was ich ausgraben kann.“

„Danke.“

„Brauchst du einen Ersatzwagen?“

„Vielleicht kann mich einfach jemand zu Ray bringen.“

Alberto rief einen seiner Jungs heran, einen jungen Mann namens Robbie, der mehr wie ein Surfer aussah als wie ein Mechaniker. Er hatte zottelige, blonde Haare, die ihm in die Augen fielen, und trug Jeans und ein verblasstes grünes T-Shirt, dessen Ärmel an den Schultern abgerissen waren und den Blick auf sehnige Arme freigaben. Wir kletterten in seinen roten Pick-Up und hielten zehn Minuten später vor dem zweigeschossigen Pfahlbau am Strand von Gulf Shores, das sowohl Rays Zuhause als auch das Büro von Longly Investigations war. Rays schwarzer sechsundsechziger Camaro SS und sein schwarzer Chevy Pick-up mit Doppelkabine waren zwischen die Pfähle gezwängt. Ich bedankte mich bei Robbie und stieg die Stufen zum ersten Stock hinauf.

Longly Investigations belegte den größten Teil des unteren Stockwerks und beanspruchte das ehemalige Wohnzimmer sowie das Esszimmer und den Vorratsraum. Die Küche befand sich am anderen Ende; Wohn- und Schlafzimmer waren im oberen Stock. Der Duft von gebratenem Speck und frisch gebrühtem Kaffee erfüllte die Luft. In der Küche fand ich einen Teller mit zwei Streifen Speck und einer Scheibe Weizentoast. Ich goss mir Kaffee in eine Tasse und legte den Speck auf die Toastscheibe. Ich nahm einen Bissen, während ich hinaus auf den Balkon ging, auf dem Ray an einem Teaktisch unter einem Sonnenschirm den größten Teil seiner Arbeit verrichtete. In der Nähe seines Ellbogens stand ein Teller mit den Resten seines typischen Frühstücks: Eier, Speck und Toast. Er hielt sich ein Mobiltelefon ans Ohr und hatte eine Mountain-Dew-Limonade in seiner freien Hand. Immer eine Dew. Sie war Teil von Rays sogenanntem „Frühstück für Champions“.

Ich setzte mich ihm gegenüber.

Ray war ein harter Brocken. Achtundfünfzig, immer noch sehr fit, mit kurz geschnittenem, ergrauendem Haar und blassblauen Augen, die bei der kleinsten Provokation gefrieren konnten. Er joggte am Strand und stemmte jeden Tag Gewichte in einem Studio um die Ecke. Regen oder Sonne. Er war ein Marine gewesen vor der Juristenausbildung, dem FBI, der unheimlichen Geschichte und seiner Arbeit als Privatdetektiv. Er war geradeheraus, erzählte keinen Unsinn, und viele Leute mochten seine Direktheit nicht. Üblicherweise diejenigen, in deren Umfeld er ermittelte. Manchmal auch die Polizei. Er kam ihnen häufig in die Quere. Sie waren nicht gerade glücklich darüber. Aber wie sagte er immer: „Scheiß auf die. Wenn sie einen besseren Job machen würden, bräuchte man mich nicht.“

Ich gehörte zu jenen, die Rays aggressive und direkte Herangehensweise nicht tolerierten. Es war schon immer so gewesen. Er hatte die Familie immer wie eine Militäreinheit kommandiert. Wenn ich in der Schule nachlässig war, was oft der Fall war, ging Ray die Wände hoch. „Mach was aus dir, Junge“, war einer seiner am häufigsten benutzten Lehrsätze. Wäre mein Baseball-Talent nicht gewesen, hätten Ray und ich wahrscheinlich vor langer Zeit miteinander gebrochen. Aber athletisches Können machte in Rays Augen eine Menge Sünden wett, also verfielen wir in einen unbehaglichen Waffenstillstand. Nicht dass er nicht ständig versucht hätte, mich in sein Unternehmen zu ziehen, wo er dann wieder die Kontrolle über mich gehabt hätte. Aber ich widerstand. Dieses Mal hatte Ray jedoch das Wort Bitte benutzt, als er mich gefragt hatte, ob ich ein bisschen Observierungsarbeit für ihn machen könnte. Es gehörte nicht zu seinem üblichen Vokabular. Also entschied ich, es zu tun. Jetzt allerdings, um zwei Autoscheiben ärmer, wünschte ich, ich hätte abgelehnt. Zu spät.

Ray beendete sein Telefonat, indem er sagte: „Sag dem Hurensohn, ich komme nicht nach Miami. Auf keinen Fall.“ Er hörte zu und sagte: „Sag es ihm einfach.“ Er beendete den Anruf, ohne auf eine Antwort zu warten.

„Probleme?“, fragte ich.

„Dieser Scheidungsfall unten in Coral Gables. Geht nächste Woche in Miami vor Gericht. Sie wollen mich als Zeugen vor Ort. Hab aber keine Lust, das zu bezahlen. Scheiß drauf.“ Er leerte die Dew. „Wie war’s letzte Nacht?“

„Interessant.“

„Ja?“

„Nicht mit Barbara Clammer. Da war nichts. Sah so aus, als wäre sie gegen zehn ins Bett gegangen. Zumindest gingen um die Zeit alle Lichter aus. Niemand kam vorbei.“

Barbara Clammer war die Zielperson unserer Ermittlung. Unserer? Ich meinte Rays. Henry Clammer, Barbaras Ehemann, ein reicher Softwareentwickler, der seine unzähligen Millionen in den Immobilienmarkt steckte, hatte Ray beauftragt, seine Frau beim Betrügen zu ertappen. Er war sich „absolut sicher“, dass sie es tat und er brauchte einen Beweis. Nicht für eine Scheidung oder etwas in der Art. Eher um „sie wieder in die Spur zu bekommen“, wie er sich ausdrückte.

„Das klingt nicht interessant.“

Ich erzählte ihm den Rest der Geschichte. Die Tammy-Geschichte. Nicht die Nicole-Geschichte. Es gab nichts zu verheimlichen, nicht wirklich, ich wollte nur nicht darüber reden. Wollte nicht Ray zuhören, wie er über meinen Schwanz schwadronierte, der mich steuerte. Ein alter und sich wiederholender Streit zwischen uns. Ray war der Meinung, dass es keine Karriere war, eine Bar zu betreiben und Bikinis hinterherzujagen. Ich war anderer Ansicht.

„Hättest nicht vor ihrem Haus parken sollen“, sagte Ray. „Weil sie so irre ist und so. Vielleicht wäre ein bisschen weiter entfernt besser gewesen.“

Ray wusste immer alles besser.

„Die Sicht auf das Haus der Clammers war besser dort wo ich war.“

Ray nickte und massierte seinen Nacken. „Ruf Pancake an. Henry wird noch ein paar Tage weg sein, und vielleicht findet er etwas über die liebe Ehefrau heraus. Ich habe gehört, sie hat heute Nacht einen Auftritt. Und als sie das letzte Mal einen hatte, hatte sie danach Besuch. Entweder geplant oder auf der Party aufgegabelt.“

„Mach ich.“

„Schätze, du willst den Pick-up fahren, bis dein Wagen repariert ist?“

„Danke.“

„Park ihn aber nicht vor Psycho-Tammys Haus.“

„Ich denke, der Strand wäre sowieso ein besserer Beobachtungspunkt“, sagte ich. „Von dort hat man einen guten Blick auf die Hintertür und die Schlafzimmer.“

„Du legst dich besser nochmal hin. Siehst scheiße aus.“

„Danke. Schön, dass es dir auffällt.“

„So sieht’s eben aus.“

Kapitel vier

Ich schlief bis ungefähr vier Uhr, rollte mich dann aus dem Bett, duschte und rasierte mich. Das machte meinen Kopf etwas klarer und ich beantwortete ein paar E-Mails und tätigte zwei Anrufe. Einen zum Vergnügen und einen geschäftlichen. Zuerst der zum Vergnügen. Prioritäten. Nicole nahm nach dem ersten Klingeln ab.

„Drinks und Abendessen?“, fragte ich.

„Bitte. Ich bin am Verhungern.“

„Du vermisst mich, hm?“

„Das muss es sein.“ Sie lachte. „Hör auf zu labern und schwing deinen Hintern hier herüber.“

„Begierig, ich verstehe.“

„Hungrig. Beeil dich.“

Dann rief ich Pancake an. Wir wollten uns um fünf treffen.

Zwanzig Minuten später fuhr ich Nicoles Auffahrt hinauf. Das Garagentor öffnete sich ratternd. Sie stand neben ihrem Auto. Sie trug abgeschnittene Jeans, die exakt auf ihre Hüften passten und den Blick auf endlos lange Beine freigaben, ein dunkelgrünes Tanktop und eine Sonnenbrille mit Gläsern so groß wie Untertassen. Oh Mann!

„Es wird auch Zeit“, sagte sie.

„Ich bin so schnell hergekommen, wie ich konnte.“

„Ich muss dir beibringen schneller zu fahren.“

„Mit dir könnte ich trotzdem nicht mithalten.“

„Deshalb fahre ich.“ Sie setzte sich in den SL und fuhr aus der Garage. Ich kletterte hinein. Das Verdeck war offen und die spätnachmittägliche Sonne wärmte mein Gesicht. Sie schoss rückwärts aus der Einfahrt und auf die Straße. Ich hielt mich fest, und weg waren wir. Die G-Kräfte drückten mich in den Sitz.

„Wohin?“, fragte sie.

„Captain Rocky’s.“

„Die Spelunke unten in Gulf Shores?“

„Genau die.“

„Ich liebe Spelunken“, sagte sie.

„Ich auch.“

„Gehst du da oft hin?“

„Muss ich. Es gehört mir.“

Der volle Name war Captain Rocky’s Surf and Turf. Ich hatte die Strandbar/das Restaurant vor fünf Jahren von Rocky Mason, dem ursprünglichen Besitzer, gekauft. Dank des Geldes, das die Texas Rangers mir gegeben hatten, um Hundertfünfzig-Stundenkilometer-Bälle zu werfen. Ich hatte den Namen nicht geändert, weil er bei Ortsansässigen sowie Touristen bekannt war. Nebenbei mochte ich Captain Rocky’s. Hörte sich perfekt nach Strand an.

Es war eines der wenigen Dinge, die nach der Scheidung auf meiner Seite des Tischs gelandet waren. Tammy und Captain Rocky’s? Sie wollte nichts mit dieser „Sex- und Alkoholhöhle“ zu tun haben. Dagegen konnte ich nichts sagen. Obwohl Rocky’s meiner Meinung nach gute Fischgerichte servierte. Auch Rippchen und Steaks.

Nicole fuhr, als wäre sie auf der Rennstrecke von Talladega. Quietschende Reifen, schnelle Spurwechsel, mehr als nur ein paarmal ertönten Hupen, sowohl Nicoles eigene als auch die von irritierten Autofahrern, bis sie endlich auf den Schieferparkplatz vom Captain Rocky’s einbog und in eine leere Parklücke in der Nähe der Eingangstür glitt.

„Fliegst du öfter hierher?“

„Weichei.“

Sobald wir eintraten, sah ich Pancake. Er war nicht zu übersehen. Er war der riesige, rothaarige, sommersprossige Klotz, der auf einem Barhocker thronte, der, obwohl neu und recht stabil, aussah, als würde er gleich aufgeben und zusammenbrechen.

Die Barfrau Carla Martinez, meine Managerin, Buchhalterin und alles weitere, sah auf. „Setz dich besser ordentlich hin, der Boss ist hier.“

Pancake drehte sich auf dem Hocker, der ächzte wie ein alter Mann, der einen Sack Zement hob. „Soso. Wen haben wir denn hier?“

Ich wusste, dass er nicht mich meinte.

Er stand auf und legte seine dicken Arme um Nicole. „Willkommen in meinem Büro, Schätzchen.“

Pancake erledigte den Großteil seiner Arbeit hier. Warum auch nicht? Keine Miete, kostenloses Essen und Alkohol und einen Haufen Menschen zum Erzählen. Pancake liebte erzählen.

Nicole lachte. „In einer Bar arbeiten hört sich nach der Art Job an, die ich mag.“

„Das ist Pancake“, sagte ich. „Er arbeitet für meinen Dad. Wenn du den Begriff ‚arbeiten’ locker verwendest.“

Pancake entließ Nicole aus seiner Bärenumarmung, schob sie ein Stück von sich weg und musterte sie von oben bis unten. „Sehr hübsch. Viel zu hübsch für den alten Jake.“

„Ich hasse es, dieses kleine Fest der Liebesbekundungen zu stören“, sagte Carla. „Aber was kann ich euch bringen?“

„Wir setzen uns an einen Tisch“, sagte ich. „Haben was zu bereden.“

Carla schüttelte den Kopf. „Arbeit, Arbeit, Arbeit – das ist alles, was ihr Kerle macht.“

Manchmal war sie so eine Klugscheißerin. Aber ohne sie würde der Laden untergehen. Eigentlich war sie es, die das Geschäft führte. Sie kümmerte sich um die Gehaltsliste sowie um das Inventar und hatte die Angestellten mit Blicken und wenn nötig mit scharfen Worten und Kündigungen im Griff. Gute und verlässliche Aushilfen zu finden war nicht einfach, aber Carla schaffte es. Mit ihren vierundfünfzig Jahren war sie fit und ziemlich muskulös, ein Überbleibsel aus ihrer früheren Karriere als Fitnessmodel. Sie betrieb immer noch auf fast religiöse Weise Sport und betete die Sonne an, weswegen sie so tief gebräunt war. Sie hatte dunkles, gelocktes Haar, das sie stets im Nacken zusammengefasst trug, und schwarze Augen, die freundlich oder bedrohlich gucken konnten, je nachdem.

Nicole, Pancake und ich setzten uns an einen Ecktisch mit Ausblick auf die Terrasse und den Strand, der immer noch mit Sonnenanbetern und Schwimmern gefüllt war. Familien sammelten sich unter großen, gelben Sonnenschirmen, die nun lange Schatten auf den weißen Sand warfen. Touristen, die versuchten, so viel Strandzeit wie möglich in ihren Tagesablauf zu quetschen.

Carla nahm unsere Bestellung auf: Bier und frittierte Garnelen mit Pommes Frites, Krautsalat und Hush Puppies. Himmlisch.

„Warum nennen sie dich Pancake?“, fragte Nicole.

„Jake, erzähl du es ihr. Ich gehe bezahlen“, sagte er. „Du mietest das Bier nur, und ich muss es bezahlen.“

Nachdem er gegangen war, sagte Nicole: „Also, erzähl.“

Ich erzählte.

Pancakes richtiger Name war Tommy Jeffers. Die meisten Leute dachten, „Pancake“ käme von seiner Fähigkeit, einen ganzen Stapel Pfannkuchen zu verdrücken. Und danach ein Durcheinander aus Speck, Eiern und Hafergrütze. In Wahrheit konnte er so ziemlich alles vernichten, was man vor ihn hinstellte. Pancakes Footballtalent war legendär. Auf der High School spielte er links im Angriff und spezialisierte sich auf Pancake Blocks. Die, die irgendwelche zu kleinen, verängstigten, defensiven Linemen plattmachten. Die Leute an der Golfküste erzählten sich immer noch Pancake-Geschichten, manche wahr, andere erfunden, und alle drehten sich um eine arme Seele, die dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Dann ging es für Pancake weiter zur University of Alabama, wo er für drei Jahre anfing, sich dann aber sein Knie kaputtmachte, was seine Karriere beendete und damit jede Chance, die Nahrungskette in Richtung NFL hinaufzugelangen, zunichte machte. Er wechselte von Tuscaloosa zur University of South Alabama drüben in Mobile, wo er seinen Abschluss in Strafrecht machte, während er für Ray und Longly Investigations arbeitete.

Pancake kam zurück, als ich mit der Geschichte fertig war.

„Ich hätte die NFL sowieso nicht gemocht“, sagte Pancake. „Zuviel Geschäft und Blödsinn. Nicht genug Spaß. Spielen sollte Spaß machen.“ Er leerte sein Bier und wedelte mit der Flasche in Carlas Richtung. „Die Wahrheit ist, dass ich genau da bin, wo ich sein sollte, und genau das tue, was ich tun sollte.“

„Das ist so süß“, sagte Nicole.

„Das ist Pancake“, sagte Carla, stellte eine neue Bierflasche auf den Tisch und nahm die leere mit. „Er ist süß.“ Sie verstrubbelte seine roten Haare.

„Das hast du richtig erkannt, Schätzchen.“

Carla verdrehte die Augen und ging.

„Wo wir gerade davon reden, was du tun solltest“, sagte ich. „Ray sagte, du habest neue Informationen über unsere Zielperson.“

Er sah zu Nicole hinüber.

„Es ist in Ordnung. Sie weiß davon. Teilweise zumindest.“

„Weiß Ray das?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Noch nicht. Aber ich kümmere mich um ihn.“

„Besser du als ich.“

„Wenn es ein Problem gibt, kann ich mich auch dort drüben hinsetzen.“ Nicole deutete auf einen freien Tisch in der Nähe.

Ich legte eine Hand auf ihren Arm. „Bleib hier. Es ist in Ordnung.“

Pancake nahm einen Schluck Bier. „Sieht so aus, als hätte die Frau heute Abend eine Fundraising-Gala. Ein Dinner im Sophia’s.“

Das Sophia’s, ein Oberklasserestaurant eine halbe Meile den Strand runter, war nicht wie Captain Rocky’s. Überall Kristall, Leinen, französische Delikatessen und eine zwanzigseitige Weinkarte. Mein Laden hatte allerdings kaltes Bier und eine bessere Aussicht. Und natürlich Hush Puppies.

„Meine Quelle sagt, es findet gegen neun statt“, fuhr Pancake fort. „Ich nehme an, sie wird gegen zehn wieder zu Hause sein und bereit, Besuch zu empfangen.“ Er grinste.

„Könnte zu spät sein“, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Anscheinend war es ein ähnliches Event, das den Ehemann misstrauisch gemacht hat.“

„Sie macht die Fundraising-Events also öfter?“, fragte ich.

„Jup. Sie ist reich und gelangweilt. Was sollte sie sonst tun?“ Er öffnete seine großen Hände und zuckte mit den Schultern. „Offenbar ist sie ein richtiger sozialer Engel.“ Er nahm noch einen Schluck Bier. „Wie auch immer, Henry kam am Tag nach einem ihrer Events von einer Reise zurück. Sagte, irgendetwas sei los. Konnte es nicht spezifizieren. Sagte, sie verhielt sich komisch, schuldig, und das Haus fühlte sich nicht richtig an. Was immer das heißen soll. Er sagte sogar, ihr Schlafzimmer habe komisch gerochen.“

„Wahrscheinlich hat er das Alphatier gerochen“, sagte Nicole.

Pancake und ich sahen sie an.

„Ihr wisst, was ich meine.“ Sie lachte. „Ihr zwei seid durch und durch Alphatiere.“

„Darauf kannst du wetten“, sagte Pancake.

„Henry glaubt, sie hat bei dem Event jemanden aufgerissen?“, fragte ich. „Sowas in der Art?“

„Du hast es erfasst.“

„Und er kommt wann zurück?“

„Übermorgen.“

„Also heute Abend … ?“

Wieder öffnete Pancake seine Hände und zuckte mit den Schultern.

Ich nickte. „Okay, wir sind dran.“

„Wo dran?“, fragte Nicole.

„Sieht nach einer weiteren Überwachung aus.“

„Cool. Hab ich noch nie gemacht.“

„Du solltest etwas davon verstecken“, sagte Pancake.

„Wovon?“, fragte Nicole.

Er wedelte mit einer Hand in ihre Richtung. „Von dieser wundervollen Haut. Sie zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich.“

Sie lachte. „Ich mag diesen Typen.“

„Das tun die meisten Frauen“, sagte Pancake.

Nicole neigte ihre Bierflasche in seine Richtung. „Das bezweifle ich nicht im Geringsten.“ Dann sah sie mich an. „Diese Überwachung. Du hast nicht vor, wieder auf der Straße zu parken, oder? Ich möchte nicht mit einem Golfschläger verprügelt werden.“

„Du klingst wie Ray“, sagte ich.

„Siehst aber gar nicht wie er aus“, sagte Pancake.

Nicht einmal annähernd.

Kapitel fünf

„Was ist das?“ Ich machte eine Bewegung in Richtung der riesigen Tragetasche, die Nicole auf den Fußboden ihres Wohnzimmers hatte fallen lassen. Gelbgrün mit einer mehrfarbigen Strandszene darauf – zwei blau-weiß gestreifte Strandstühle auf gelbem Sand, ein hellgrüner Sonnenschirm, ein roter Eimer und eine Schaufel – unter der blassblauen Aufschrift Destin, Florida, Jewel of the Emerald Coast. Nicht gerade unauffällig.

„Du hast deine Agententasche“, sagte Nicole. „Und ich habe meine.“

Meine „Agententasche“ war ein unglaublich unauffälliger schwarzer Seesack, der mit Elektronik und Überwachungsgeräten gefüllt war, die ich aus Rays Schrank hatte mitgehen lassen. Genauer gesagt, aus seinen Schränken. Er hatte drei davon, die Ausrüstung beherbergten.

„Agententasche?“, fragte ich.

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „In deiner sind die Nachtsichtgeräte und die ganzen anderen tollen Sachen. In meiner sind die notwendigen Dinge.“

„Die da wären?“

Sie stupste die Tasche mit ihrer Fußspitze an, die in Sneakers steckte. „Eine Decke, ein Tischtuch, ein wunderbarer Stilton-Käse, Baguette, Erdbeeren und Wein. Zwei Flaschen. Gute Tropfen, die ich aus dem Weinkeller meines Onkels entwendet habe.“

„Zwei Flaschen?“

„Du sagtest, es könnte eine lange Nacht werden.“

„Nicht wenn wir zwei Flaschen Wein trinken.“

Sie verdrehte die Augen.

„Das ist übrigens kein Picknick“, sagte ich.

„Das heißt aber nicht, dass wir keinen Spaß haben können. Ich meine, du hast doch gesagt, dass diese Überwachungen so langweilig sind, also füge ich einfach ein bisschen was Interessantes hinzu.“

Was sie allerdings schon mit ihrem Outfit getan hatte. Wir waren beide komplett in Schwarz gekleidet, aber meine Jogginghose und mein T-Shirt waren absolut langweilig verglichen mit ihren Leggings und dem Tanktop, die wie aufgemalt aussahen. Vielleicht war Wein keine so schlechte Idee.

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr: halb zehn. „Lass uns gehen.“

Nicole salutierte. „Roger, General.“

„General?“

„Du bist der Boss, wieso also nicht ein General? General Jake Longly.“ Sie lachte. „Hört sich an wie einer aus dem Bürgerkrieg.“

„Und was ist dein Rang?“

Sie sah zur Decke, ihre Stirn vom Nachdenken gerunzelt. „Vielleicht Major.“

„Wie Major Major?“

Sie lachte. „Catch 22, richtig?“

„Du hast es erfasst. Eigentlich war sein Name Major Major Major. Mit seinem Rang wurde er dann Major Major Major Major.“

„Ich bin beeindruckt“, sagte sie.

„Dass ich das wusste?“

„Dass du lesen kannst.“ Sie knuffte spielerisch meinen Arm.

Wir zogen schwarze Windjacken über und griffen unsere „Agententaschen“. Wir stiegen die hölzernen Terrassenstufen hinunter und liefen über den tiefen, zuckrigen Sand, bis wir in der Nähe des Wassers festeren Boden unter unsere Füße bekamen. Dort angelangt wechselten wir die Richtung und liefen den Strand hinauf. Die meisten Häuser, an denen wir vorbeikamen, waren dunkel. Es waren Ferienhäuser, die die meiste Zeit des Jahres leer standen. Andere sahen bewohnt aus. Auf einer großen Terrasse saß ein Pärchen um eine Feuerschale. Ihre Worte und ihr Lachen drangen zu uns an den Strand herunter. Sie schienen uns kaum zu beachten.

Bald passierten wir Tammys Haus. Abgesehen von einer Lampe im Wohnzimmer war es dunkel. Das Nachtlicht, das sie immer anließ. Sie und ihr Mann Walter waren entweder aus oder sehr früh nach Hause gekommen. Früh für Tammy jedenfalls.

Zwei Häuser weiter stand das gewaltige Clammer-Haus. Es war dunkel.

Ich hielt an und wies in die Richtung. „Das ist es.“

„Wem spionieren wir überhaupt hinterher?“

„Nicht spionieren. Observieren.“

„Wen observieren wir?“

„Die Clammers.“

„Dort leben Klempner?“

Ich lachte. „Nicht Klempner. Die Clammers. Henry und Barbara.“

Jetzt lachte sie. „Ich wusste, das Klempner gutes Geld verdienen, aber dass es so viel ist, hätte ich nicht gedacht.“

„Du hattest offenbar keine verstopften Rohre in der letzten Zeit. Ich bezahle meinem Arzt weniger. Kennst du sie? Die Clammers?“

„Nein.“

„Henry hat Unmengen an Geld mit Softwareentwicklung gemacht und hat sich nun mit dem Immobilienmarkt ein zweites Standbein geschaffen. Anscheinend ein recht lukratives Unternehmen. Einkaufszentren, Wohnungsprojekte und ein paar zugangsbeschränkte Wohngebiete, wie ich gehört habe.“

„Nicht schlecht als zweites Standbein.“

Ich ging weiter. „Wir werden uns zwischen diesen Dünen postieren.“ Ich zeigte auf eine Reihe mit Strandhafer bewachsener Hügel im Sand direkt vor dem Haus der Clammers. „Die werden gute Deckung bieten.“

Wir setzten uns in eine sandige Senke zwischen zwei niedrigen Hügeln. Während Nicole die Decke ausbreitete und Brot, Käse und Wein aus ihrer Tasche holte, startete ich die Kamera und den Laptop, den Ray mir mitgegeben hatte. Er hatte gesagt, da ich „mobil“ sein, also nicht im Auto sitzen würde, wäre er von Nutzen. Ich schraubte die Kamera auf ein stabiles Stativ, dessen Beine ich in den Sand drückte, um es zu fixieren. Als ich das zu meiner Zufriedenheit getan hatte, fuhr ich die Beine des Stativs so weit aus, dass die Kameralinse über die dünnen Halme des Strandhafers hinausragte. Ich befestigte ein kleines Interferenzmikrofon an der Kamera und verband beide über Kabel mit dem Computer. Schließlich setzte ich ein paar Ohrstöpsel ein. Ich fuhr den Computer hoch, und sobald der Prozess abgeschlossen war, erschien ein Bild des Hauses auf dem Monitor.

Nicole reichte mir ein Glas Wein. Keinen Plastikbecher, sondern einen Kristallkelch. Sie hatte Stil. Tatsächlich sogar ziemlich viel davon.

„Was ist das alles?“, fragte sie.

„Die beste Art, das Haus zu beobachten, ohne im Gras herumzukriechen. Wir können gewissermaßen unter dem Radar bleiben und trotzdem alles sehen und hören. Wir zeichnen es sogar auf. Schau mal.“ Ich drückte die Pfeile für oben und unten, links und rechts, sowie die Plus- und Minustasten, und änderte so den Blickwinkel der Kamera und zoomte hinein und heraus.

„Sehr cool.“

„Ray hat ein paar feine Spielsachen. Das ist das Standardlicht.“ Ich drückte die Taste mit der zwei. „Das ist schwaches Licht.“ Das Bild wurde sofort heller und zeigte mehr Details des Hauses. Ich drückte die drei. Das Bild nahm ein trübes, grünes Leuchten an. „Das ist Nachtsicht.“

„Wow.“

„Das ist noch nicht alles.“ Ich drückte die vier. Das Bild wurde nun dunkler. „Nichts zu sehen. Das ist Infrarot. Zeigt Körperwärme an. Wenn jemand dort oben wäre, entweder im Haus oder draußen, würden wir ihn sehen.“

„Was ist das?“ Sie zeigte auf den Bildschirm.

Ein kleiner gelb-oranger Umriss lief über den Hinterhof. Ich zoomte hinein, und eine unmissverständlich katzenartige Form wurde erkennbar. „Eine Katze.“ Ich versetzte das Bild in den Schwachlichtmodus zurück. Der Umriss der Katze verschmolz mit den Schatten.

„Deine Agententasche ist viel cooler als meine.“

„Aber sie enthält nichts Essbares.“

„Das stimmt. Käse?“

„Gern. Das Abendessen scheint ewig her zu sein.“

Sie lachte. „Siehst du, meine Agententasche ist auch zu was gut.“

Wir aßen und tranken und leerten die erste Flasche Wein in null Komma nichts. Ich stellte den Laptop auf meine nun leere Canvastasche neben die Decke und streckte mich aus. „Jetzt warten wir.“

Nicole setzte sich im Schneidersitz neben mich und kaute an einer Erdbeere. Der Erdbeersaft glitzerte im Mondlicht auf ihren Lippen. Dann leckte sie den Saft von ihren Fingern. Ganz langsam. Einer nach dem anderen. Und sie sah mich dabei direkt an.

„Bist du gerade unartig?“, fragte ich.

„Natürlich.“

„Dachte ich mir.“

„Dreh dich um“, sagte sie.

Ich tat wie mir geheißen. Sie setzte sich auf meine Hüften und begann meinen Nacken und oberen Rücken zu massieren.

„Beste Überwachung aller Zeiten“, sagte ich.

Sie massierte weiter, beugte sich dann nach vorne und knabberte an meinem Ohr.

„Definitiv die beste Überwachung aller Zeiten.“

„Ich wette, das sagst du zu all deinen Strandhäschen.“

„Strandhäschen? Ich?“

„Halt die Klappe.“ Sie knetete meine Schultern. „Du bist ganz verspannt.“

„Kein Wunder.“

„Das kommt vom Stress.“ Sie bearbeitete nun meinen mittleren Rücken, und ihre Finger gruben sich in die Muskeln beiderseits meiner Wirbelsäule.

„Das muss es sein“, sagte ich. „Ich bin sicher, es hat nichts damit zu tun, dass du auf mir sitzt.“

„Beschwerst du dich?“

„Kein bisschen.“

Sie glitt von mir hinunter und streckte sich neben mir aus. Eine leichte, warme Brise strich durch den Strandhafer, und ich konnte hören, wie die Wellen sanft an den Strand liefen. Nicole drehte sich auf die Seite und kuschelte sich an mich, einen Arm über meinem Rücken. Viel besser konnte es nicht mehr werden.

Nach ein paar Minuten des Schweigens sagte sie: „Erzähl mir von deinem Dad.“

„Ray? Er ist ein harter Brocken. In vielerlei Hinsicht.“

„Warum?“

„Ray und ich haben nicht so viel miteinander zu tun.“

„Und doch arbeitest du für ihn?“

„Nein, ich tue ihm einen Gefallen. Er und Pancake haben im Moment Arbeit bis zum Hals, deshalb hat er mich gebeten, diese kleine Überwachung zu machen.“ Sie sagte nichts, also fuhr ich fort. „Abgesehen von meiner Baseball-Karriere hält er mich für eine Art Faulenzer.“

„Bist du das?“

Ich drehte meinen Kopf zu ihr. „Mehr oder weniger.“

„Das glaube ich dir nicht. Ich meine, du besitzt ein Restaurant. Du warst professioneller Baseballspieler. Das sind keine geringen Leistungen.“

„Erzähl das Ray. Als es mit dem Baseball vorbei war, wollte er, dass ich bei ihm anfange. Um das Privatdetektiv-Zeugs zu machen. Nicht gerade mein Ding.“ Ich lächelte. „Obwohl du es mir ein bisschen schmackhafter machst.“

„Schmackhaft? Das wurde mir noch nie gesagt.“

Ich hob eine Augenbraue. „Das ist mir so rausgerutscht.“

„Und deine Mutter? Was ist mit ihr?“

„Wir haben sie verloren, als ich auf dem College war. Krebs.“

„Das tut mir leid.“

„Es war nicht leicht, aber es ist lange her.“

Sie wollte gerade etwas sagen, aber ich hielt sie mit erhobener Hand davon ab. Der Bildschirm hatte geflackert.

„Da ist sie“, sagte ich.

Wir setzten uns auf, Seite an Seite. Autoscheinwerfer leuchteten auf, huschten über den Bildschirm und verschwanden in der Garage. Eine Minute später ging drinnen ein Licht an. Ich zoomte heran, als Barbara Clammer ihre Küche betrat. Sie war schlank und attraktiv in ihrem silbernen Kleid, das offenbar aus Seide war. Sie öffnete eine Flasche Wein, goss sich ein Glas ein und ging nach oben. Im oberen Stock ging ein Licht an. Ich tippte auf der Tastatur herum, um die Kameraperspektive zu ändern. Schlafzimmer. Die Vorhänge waren offen, aber durchsichtige Gardinen hingen vor den Fenstertüren. Barbaras Silhouette bewegte sich aus dem Bild heraus und wieder hinein.

„Sieht so aus, als würde sie ins Bett gehen“, sagte Nicole.

„Oder alles für einen Besuch vorbereiten.“

„Wollen wir’s hoffen.“

„Du bist ein ganz schöner Voyeur“, sagte ich.

„Du bist der mit der Kamera.“

Da hatte sie recht.

Barbara ging wieder hinunter in die Küche, füllte ihr Weinglas wieder auf und schwebte ins Wohnzimmer. Ich setzte mir einen Ohrstöpsel ein, Nicole nahm den anderen. Nachdem ich die Filter angepasst hatte, um das Geräusch des sanften Windes zu dämpfen, erklang leise Jazzmusik in meinem Ohr.

„Die Falle ist bestückt“, sagte Nicole.

„Falle? Ihr Frauen seid doch alle gleich.“

„Armes Baby.“ Sie zerzauste meine Haare. „Hilflos und verletzlich in einer Welt voller lüsterner Frauen.“

„Meine Lieblingssorte.“

„Deine und die der anderen deiner Art.“

„Meiner Art?“

„Die Hälfte der schwanztragenden Bevölkerung des Planeten.“

Schwer, über diese Logik zu streiten.

In der nächsten Viertelstunde passierte wenig. Barbara füllte ihr Weinglas noch einmal auf, saß aber die meiste Zeit auf dem Sofa, den Kopf in die Kissen zurückgelehnt, und genoss offenbar die Musik.

Dann bewegte sich ein Schatten über den Bildschirm. Ich passte den Zoom an und erhellte den Bildschirm. Ein Mann. Vielleicht einsachtzig, leicht übergewichtig. Shorts, Golfhemd. Er kletterte auf die breite Terrasse am Strand und lief an der Längsseite des Hauses entlang. Als er die Hintertür erreicht hatte, öffnete Barbara sie für ihn. Sie umarmten sich.

„Showtime“, sagte ich.

„Wer ist jetzt hier der Voyeur?“

„Rein geschäftlich.“

„Natürlich.“

Sie betraten die Küche, wo Barbara ein Glas Wein für ihren Besucher einschenkte. Er stand mit dem Rücken zu uns, sodass ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Barbara lachte über etwas, das er gesagt hatte. Ich stellte den Regler am Mikrofon ein, um hören zu können, was sie sagten.

„Gab es Probleme beim Rauskommen?“, fragte Barbara.

„Nein. Sie hat beim Abendessen eine Flasche Wein getrunken. Das hat sie umgehauen.“

„Wieviel Zeit haben wir?“

„Ein paar Stunden.“

„Was ist, wenn sie aufwacht?“

„Das Übliche. Konnte nicht schlafen, habe einen Spaziergang am Strand gemacht.“

Sie umarmten sich wieder. Er drehte sie zu sich herum und sie küssten sich. Als sie den Kuss unterbrachen, trat er zurück und sah sie an. Nun konnte ich sein Gesicht sehen.

„Oh Gott.“

„Was?“, fragte Nicole.

„Es ist Walter. Der Mann meiner Ex.“

„Nicht wahr! Er ist der heimliche Liebhaber?“

„Sieht wohl so aus“, sagte ich.

„Nicht wen du erwartet hast, hm?“

„Nicht im Traum. Walter ist ein ziemliches Weichei.“

„Auch Weicheier haben Erektionen“, sagte Nicole. „Und die führen immer zu Problemen.“

„Klingt wie die Stimme der Erfahrung.“

„Ich habe in meinem Leben schon ein paar zum Stehen gebracht.“

„Ein paar nur?“

„Jeden Fünften vielleicht.“

„Ich erzähl dir ein kleines Geheimnis“, sagte ich. „Du bringst mehr als nur ein paar zum Stehen, wenn du einfach nur über die Straße gehst.“

„Gut zu wissen.“

Als hätte sie das nicht gewusst. Echt.

Zurück zur Arbeit. Wir beobachteten, wie Walter und Barbara die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinaufstiegen. Barbara zog die Gardinen zurück und öffnete zwei Fenstertüren, die auf die Terrasse und den Strand hinausgingen. Das Licht ging aus.

In den nächsten zwei Stunden war wenig zu sehen, aber das Interferenzmikrofon schnappte unverständliches Gemurmel, leises Lachen und mehrere „Oh Gott“-Rufe auf, meist jedoch das Rascheln von Bettzeug und schweres Atmen. Sie holten sicher das meiste aus den zwei Stunden heraus, die sie zusammen hatten.

Es würde nicht ausreichen, wenn ich sagte, dass es mir unangenehm war, dem Mann meiner Ex-Frau zuzuhören, wie er Sex mit seiner Affäre hatte. Ich sagte mir selbst, dass es ein Job war, nichts weiter. Aber trotzdem fühlte ich mich schmutzig und übergriffig. Nicole fühlte offenbar mein Unbehagen und ergriff die Gelegenheit mich zu necken beim Schopf.

„Er ist ein Tier“, sagte sie.

„Nicht gerade das Bild, das ich vom guten alten Walter habe.“

„Die Beweise liegen anders.“

Endlich, Gott sei Dank, wurde es ruhig. Ein paar Minuten später kam Walter die Treppe herunter. Er löschte das Licht in der Küche und im Wohnzimmer und trat zur Hintertür hinaus. Er sah sich zu beiden Seiten am Strand um und lief dann durch den Sand nach Hause zurück.

Wir warteten ein paar Minuten, sahen und hörten aber nichts mehr aus dem Clammer-Haus.

„Nach einem derartigen Workout wird sie schlafen wie ein Stein“, sagte Nicole.

„Du wirst nicht damit aufhören, oder?“

„Natürlich nicht.“

Ich stand auf. „Ich denke, unsere Arbeit hier ist erledigt. Lass uns zusammenpacken und von hier verschwinden.“

Zurück bei Nicole leerten wir die zweite Flasche Wein auf dem Sofa. Nach ein paar Küssen und händischen Erkundungstouren fragte sie: „Whirlpool?“

„Ich habe keine Badehose dabei.“

„Ich auch nicht.“ Sie stand auf und zog mich auf die Füße. „Komm schon. Du wirst schon nicht rosten.“

Der Whirlpool, ein Rechteck aus Rotholz, das Platz für ein ganzes Footballteam bot, befand sich in einer Ecke der Terrasse unter einem Baldachin. Sie schälte sich aus ihrem Tanktop und enthüllte ein Paar kleiner, fester Brüste. Danach zog sie ihre Leggings aus, unter denen sie einen schwarzen Stringtanga trug. Dieser verschwand schließlich auch. Nahtlos braun. Ich schätzte, die Spitze von The Point war perfekt, um nackt in der Sonne zu baden. Sie glitt in das sprudelnde Wasser, das vom Unterwasserlicht in kühlem Blau leuchtete.

„Sei nicht schüchtern“, sagte sie.

Ich musste zugeben, dass die letzten vierundzwanzig Stunden sich anders entwickelt hatten als erwartet. Komplett anders. Die Nacht auf ihrem Sofa und jetzt das. War das ein Traum? Es erschien mir ziemlich fair, ein paar zerbrochene Scheiben gegen das hier zu tauschen. Vielleicht sollte ich Tammy danken. Letzten Endes war es ihr Wahnsinn gewesen, ihre Aggression gegen mein Auto, die Nicoles Neugier geweckt hatte.

Ich zog mich aus und stieg in den Pool. Ich setzte mich auf eine der Unterwasserbänke ihr gegenüber. Ich war mir immer noch unsicher, wohin das hier führen würde.

Sie glitt durch das Wasser, kletterte auf meinen Schoß und setzte sich mit gespreizten Beinen auf mich. Ihre Lippen bedeckten die meinen. Nachdem sie mich geküsst hatte, fragte ich: „Ist das eine gute Idee?“

„Du hältst es offenbar für eine gute Idee.“ Sie reichte nach unten und umfasste meine bereits volle Erektion.

„Ich hasse es, wenn er das tut.“

„Nein, das tust du nicht.“

Ihr Liebesspiel kann nur als aggressiv beschrieben werden. Sie ritt wie ein Rodeo-Star. Wasser schwappte über uns und über die Terrasse. Ich konnte wenig tun als durchhalten und beten, dass er es auch tat.

Er tat es nicht.

Später, nach einer weiteren Runde in ihrem Super-King-Bett, waren wir beide mit süßem Schweiß überzogen. Sie zog die Schublade vom Nachtschränkchen auf, holte einen Joint und ein violettes Feuerzeug hervor und zündete ihn an. Sie nahm einen tiefen Zug. „Willst du auch?“

Ich wollte.

Nachdem wir beide ein paar Züge genommen hatten, legte sie den Rest vom Joint auf dem Rand des Nachttischchens ab und schmiegte sich in meinen Arm, ihren Kopf auf meiner Brust.

„Du bist nicht von der schüchternen Sorte, nicht wahr?“, fragte ich.

„Ich bin ein Mädchen aus Kalifornien. Aufreißen liegt in unserer Natur.“

„Schön, ein Aufriss zu sein.“

„Besser als nichts“, sagte sie.

„Halt die Klappe und komm her.“

„Hmmm. Herrisch.“

Dritte Runde. Hinterher lagen wir uns in den Armen und schnappten nach Luft.

„Du machst mir Spaß“, sagte sie.

„Mehr als dein Barkeeper-Freund?“

„Viel mehr.“

„Ich weiß, dass er das bestimmt nicht hören will.“

Sie lachte. „Er ist jetzt sowieso im Archiv.“

„Archiv?“

„Du weißt schon – Geschichte. Nicht mehr hier. Vergangenheit.“

„Eiskalt.“

„Ehrlich.“

„Auf die Gefahr hin, dass ich etwas wissen möchte, was mir vielleicht lieber verborgen bleiben sollte“, sagte ich, „warum bist du mit ihm ausgegangen?“

„Er war lustig. Geistreich und charmant. Großartig, wenn wir unter Leuten waren. Nicht so, wenn wir allein waren.“

„Also, wieviel Zeit werde ich haben? Vielleicht eine Woche, bevor ich auch im Archiv lande?“

„Wir werden sehen.“ Sie zwickte mich. „Aber erst einmal bist du ganz in Ordnung.“

„Nur in Ordnung?“

„Einigen wir uns auf sehr in Ordnung.“

Ich war klug genug, es dabei zu belassen.

Kapitel sechs

Am nächsten Morgen öffnete ich meine Augen laut der Uhr auf dem Nachttisch genau elf Minuten nach acht. Ich drehte mich um. Keine Nicole. Der Duft von Kaffee hing in der Luft. Ich fand meine Jogginghose zusammengeknüllt auf dem Boden, stieg hinein und torkelte in die Küche. Zu viel Wein letzte Nacht. Vielleicht zu viel Nicole.

Sie stand an der marmornen Kochinsel, einen Pfannenwender in der Hand. Sie trug ein zu großes, schwarzes T-Shirt mit AC/DC-Logo auf der Vorderseite. Ihre perfekt gebräunten, perfekten Beine waren nackt, ihre Füße auch.

Beim zweiten Mal Nachdenken gab es kein Zuviel Nicole.

„Du hast letzte Nacht wohl Appetit entwickelt“, sagte ich.

„Stolz auf dich, ja?“

„Sowas in der Art.“

Eine Dampfwolke stieg aus der Pfanne vor ihr auf. „Du verdienst ein ‚Guter Junge’.“

„Das wollte ich hören.“

Sie zeigte mit dem Pfannenwender auf mich. „Tatsächlich warst du großartig.“

„Genau wie du.“

„Gott sei Dank. Ich könnte die Vorstellung nicht ertragen, nur ausreichend zu sein.“ Sie lächelte. „Oder doch lieber schmackhaft?“

„Definitiv letzteres.“ Ich zog einen Stuhl hervor und setzte mich. „Was machst du da?“

„Pfannkuchen. Ist das in Ordnung?“

„Ich liebe Frauen mit Appetit.“

„So bin ich.“

Sie ließ einen großen Pfannkuchen aus der Pfanne auf einen Teller gleiten und stellte ihn vor mich hin. „Jetzt halt die Klappe und iss.“ Sie reichte mir eine Flasche Sirup.

„Sehr wohl, Madam.“ Ich gab eine Portion Sirup auf meinen Pfannkuchen und nahm einen Bissen.

„Perfekt“, sagte ich mit vollem Mund.

„Ich oder das Essen?“ Sie goss mehr Teig in die Pfanne.

„Die hier sind großartig, aber ich glaube, ich mag dich lieber.“

„Alles an mir?“ Sie grinste.

„Manche Stellen sind besser als andere, aber ich kann nicht sagen, dass ich irgendwelche Fehler gefunden hätte.“

„Dann hast du offenbar nicht gründlich genug nachgesehen.“

„Tatsächlich? Ich dachte, ich hätte überall nachgesehen.“

Sie lachte. „Das hast du.“

„Du bist schön, klug, witzig und kannst kochen. Das ganze Paket.“

„Pfannkuchen sind nicht gerade Gourmetkost.“

„Mir reichen sie.“

„Aber du bist unkompliziert“, sagte sie.

„Das ist dir aufgefallen. Ich bin geschmeichelt.“

Mein Telefon klingelte. Ich konnte es kaum hören, denn es war immer noch in meiner „Agententasche“, die ich gestern Nacht drüben bei den Fenstertüren stehen lassen hatte. Als ich es erreicht hatte, war der Anruf bereits auf die Mailbox umgeleitet worden. Das Telefon zeigte drei verpasste Anrufe und zwei Textnachrichten an. Alle innerhalb der letzten Stunde. Alle von Ray.

Ray nahm nach dem ersten Klingeln ab. „Du gehst also nicht mehr an dein Telefon?“ Kein „Hallo“ oder „Wie geht’s?“. Sowas von Ray.

„Sorry. Ich hatte es nicht in meiner Nähe.“

„Wo bist du?“, fragte er.

„Bei einem Freund.“

„Das erklärt alles.“

„Was ist los?“

„Das wollte ich dich gerade fragen. Hast du mir irgendetwas über die letzte Nacht zu erzählen?“

„Das habe ich tatsächlich. Barbara hatte einen Besucher. Du errätst nie, wen.“

„Hab keine Zeit für Spielchen.“ Wieder sowas von Ray.

„Walter Horton.“

Es gab eine kurze Pause, in der Ray diesen kleinen Leckerbissen verdaute.

„Sicher?“

„Jup. Hab alles auf Video.“

„Nicht der, den ich erwartet hatte.“

„Ich auch nicht. Tammy wird explodieren.“

„Das kann sie am besten. Gibt es sonst noch etwas?“

War da noch etwas? Vergaß ich etwas? Nein. Dass Walter Barbaras Liebhaber war, waren alle Neuigkeiten, die ich hatte. „Was sollte das sein?“

„Zum Beispiel, warum ein Haufen Cops in ihrem Haus rumlaufen.“

„In Tammys?“

„Nein. In Barbara Clammers.“

„Was?“

Nicole lehnte an der Kochinsel, einen Kaffeebecher in der Hand, und sah mich an. Sie wollte gerade etwas sagen, aber ich hielt einen Finger hoch.

„Habe ich gestottert?“, fragte Ray.

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Für die lokale Polizei tut es das offenbar schon.“

„Warum sind sie dort?“

„Weiß ich noch nicht“, sagte Ray. „Sie haben Bob Morgan hinzugezogen.“

„Bob Morgan vom Morddezernat?“

„Ich weiß nur, dass er vor Ort ist. Und er wäre nicht dort, wenn er es nicht müsste.“

Das wurde langsam merkwürdig. Oder merkwürdiger. Erst Walter, der Barbara bumste. Nun ein Mordermittler in ihrem Haus. Ich fühlte, wie meine Nackenhaare sich aufstellten. Ich hasste dieses Gefühl. Das, das besagte, dass die Dinge vermutlich schlimmer lagen als es den Anschein hatte. Und sie erschienen schon schlimm. Hatte Walter Barbara umgebracht? Direkt vor Nicole und mir? Während wir im Sand saßen und die ganze Geschichte beobachteten und zuhörten? Ich hatte nichts gehört, dass nach einem Kampf klang, oder nach einem Schuss oder Geschrei oder so. Natürlich machten Ersticken und Strangulieren nicht viel Lärm.

Mach langsam. Zieh keine voreiligen Schlüsse.

„Ich habe ihm ein paar Nachrichten hinterlassen“, sagte Ray, „aber es sieht so aus, als würde niemand zurückrufen.“

„Ich habe zurückgerufen.“

„Schließlich und endlich.“

„Witzig“, sagte ich. „Ich bin nur ein Stück die Straße rauf. Ich schlender mal vorbei und schaue, was los ist.“

„Sei cool.“

Sei cool. Ray-Sprache. Er meinte nicht angesagt oder lässig oder irgendetwas in der Art. Sei cool war Rays Code für nichts preisgeben. Mehr als nur den Mund halten und mit ausdruckslosem Gesicht nichts preisgeben. Es involvierte auch, niemals wegzusehen, niemals zu lächeln und niemals Überraschung oder Wut oder irgendeine Emotion zu zeigen, niemals einen Anhaltspunkt zu geben, was man gerade dachte. Sei cool.

„Du meinst, ich soll ihnen nicht geben, was ich letzte Nacht aufgezeichnet habe?“, fragte ich.

„Besonders nicht, was du letzte Nacht aufgezeichnet hast.“

„Ist das nicht Unterschlagung von Beweismitteln oder sowas?“

„Es nennt sich die Privatsphäre eines Klienten schützen“, sagte Ray.

„Ist das legal in einem Mordfall?“

Nicoles Augen wurden groß. Ich schüttelte meinen Kopf und hob erneut meinen Finger.

„Wenn das ein Mordfall ist“, sagte Ray.

„Muss wohl, wenn Morgan dort ist.“

„Ich nehme an, das hängt davon ab, wer wem was aus welchem Grund angetan hat. Aber ich werde mich um all das kümmern. Bleib einfach cool.“ Er seufzte. „Irgendetwas stimmt da nicht.“

Ganz und gar nicht.

„Schau einfach, was dort los ist“, sagte Ray. „Schnüffel nicht herum. Noch nicht. Nicht bevor wir mehr wissen. Dann setzen wir uns zusammen und entscheiden, was wir mit dem Video machen.“

„In Ordnung.“

„Und lass dich nicht auf Morgan ein. Stell dich doof. Das kriegst du sicher hin.“ Ray, mein Vater. „Am besten, du gehst ihm komplett aus dem Weg.“

„Verstanden.“

Kapitel sieben

Einer der vielen Tricks, die ich von Ray übernommen hatte, war immer mehrere Outfits zur Hand zu haben. Für Ray gehörten ein paar Verkleidungen zum Job, waren notwendig, um unter dem Radar zu bleiben. Was immer er auch brauchte, um „unsichtbar“ zu sein, oder „jemand anders“, wie er sagte. Für mich war es ein bisschen anders. Ob ich den Abend in meiner eigenen Bar oder in einer der anderen Tränken verbrachte – oft fand ich mich am Ende nicht zu Hause wieder, und dass ich frische Klamotten und Toilettenartikel in meinem Auto hatte, vereinfachte die Dinge. One-Night-Stands waren nun einmal, was One-Night-Stands waren. Ich weiß, ich weiß, bestenfalls verwerflich, aber wenigstens war ich vorbereitet. Wie ein Eagle Scout.

Ein weiterer wunder Punkt zwischen Ray und mir. Aus irgendeinem Grund wollte er es nicht als richtigen Job ansehen, eine Bar zu führen und Bikinis hinterherzujagen. Für mich funktionierte es anscheinend, also was soll’s. Ray war der Meinung, es gäbe nur zwei Optionen für mich: Fastballs werfen oder für ihn arbeiten. Das erste gehörte zu einem früheren Leben und das zweite war nicht wirklich eine Option. Für mich jedenfalls nicht.

Ich ging nach draußen, schnappte meine Sporttasche vom Rücksitz von Rays Pick-up, wo ich sie hingeworfen hatte, und trug sie hinein.

„Wann hast du vor mir zu erzählen, was los ist?“, fragte Nicole.

„Sobald ich es weiß.“

Sie stemmte ihre Fäuste in die Hüften. „Und wann genau wird das sein?“

„Sobald wir die Straße hinunterschlendern und einen kleinen Schwatz mit den Polizisten halten.“

„Welche Polizisten?“

„Die, die in Barbara Clammers Haus herumschnüffeln.“

„Du machst Witze? Ist es der Mordermittler, über den du mit Ray gesprochen hast?“

„Das vermute ich.“

„Jemand wurde umgebracht? In ihrem Haus?“ Ihre Augen wurden groß. „Ist es Barbara?“

„Ich nehme an, wir werden es erfahren.“

„Dann hör auf, hier herumzualbern und lass uns gehen.“

„Gib mir eine Sekunde.“ Ich ging die Sachen in meiner Tasche durch: Sportsachen, Sweatshirts, Jeans, T-Shirts, eine Windjacke, ein Anzug mit Hemd und Krawatte in einem Kleidersack aus Plastik, und eine Sammlung von Schuhen und Kopfbedeckungen.

„Was ist das für ein Zeug?“, fragte Nicole.

„Klamotten.“

„Du schleppst einen Kleiderschrank mit dir herum?“

„Man weiß nie, was man braucht.“

„Du bist ein richtiger Pfadfinder“, sagte sie.

„Eagle Scout.“

„Natürlich.“

Ich glaube, sie sagte das sarkastisch, aber ich ließ es ihr durchgehen.

Ich entschied mich für ein paar Jeans und ein blaues Polohemd. Einfach, ohne Schnickschnack, funktional. Nicole hingegen trug hautenge Jeans und einen schwarzseidenen, langärmligen Pullover, der ihre Figur umspielte. Die Ärmel hatte sie bis zu den Ellbogen hochgeschoben, die Haare zurückgekämmt und zu einem langen Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie trug kein Make-up. Sie sah atemberaubend aus.

Wir sprangen in ihren SL und sie jagte ihn die Straße hinunter und legte die halbe Meile in vierfacher Warpgeschwindigkeit zurück. Gegenüber vom Clammer-Haus kam sie schlitternd zum stehen. Drei Uniformierte standen im Hof. Sie sahen irritiert auf. Vermutlich überlegten sie, ob sie einen Strafzettel für zu schnelles Fahren ausstellen sollten oder nicht. Als Nicole aus dem Wagen stieg, malte sich ehrfürchtiges Staunen auf ihre Gesichter. Sie hatte diesen Effekt auf alle von uns mit XY-Chromosomen. Wahrscheinlich auch auf die meisten mit XX-Muster. Ich glaube, sie war in diesem Moment verantwortlich für drei weitere Erektionen. Sie hatte einen Lauf.

Wir überquerten die Straße und näherten uns den Polizisten.

„Was ist los?“, fragte ich.

„Wer sind Sie?“, fragte einer der Officers.

„Longly. Jake Longly. Das ist Nicole Jamison.“

Er hörte mich, glaube ich, aber seine Aufmerksamkeit war nicht wirklich auf mich gerichtet. Stattdessen verschlang er Nicole mit Blicken. Schließlich sagte er: „Kennen Sie die Leute, die hier wohnen?“

„Nicht wirklich.“

Nun sah er mich an, den Kopf schief gelegt. „Das hört sich nach einem bedingten Nein an. Kennen Sie sie oder nicht?“

„Haben sie nie getroffen.“

„Was wollen Sie dann hier?“

„Wir sind nur neugierig. All dieser Aufruhr sieht nach was Großem aus.“

Der Aufruhr bestand aus den drei Officers, vier Streifenwagen, zwei Zivilautos und dem Notarztwagen, der mitten in der Auffahrt stand.

„Nur neugierig?“, fragte einer der Uniformierten. „Wissen Sie irgendetwas hierüber?“

„Worüber?“

„Jake Longly?“ Die Stimme donnerte aus Richtung der Eingangstür, wo ein weiterer uniformierter Polizist stand. Ich erkannte ihn sofort. Der Kein-Unsinn-Blake Cooper. Einfach großartig.

„Was zur Hölle machen Sie hier?“, fragte er, als er auf uns zukam.

„Sagt, er sei neugierig“, sagte der erste Polizist.

Cooper ignorierte ihn und fragte mich: „Wissen Sie irgendetwas hierüber?“

„Wie ich bereits Officer …“ Ich nickte in seine Richtung.

„Coffman. Charlie Coffman.“

„Wie ich bereits Officer Coffman erzählt habe, haben wir all den Aufruhr hier gesehen und angehalten, um zu erfahren, was los ist.“

„Folgendes ist los: Da drinnen ist eine Frau. Mrs. Henry Clammer. Sie wurde ermordet.“

„Wirklich?“

„Nein, habe ich mir ausgedacht. Natürlich wirklich.“

Er war ein bisschen weniger freundlich, als er an dem Abend gewesen war, als Tammy die Fenster meines Wagens mit dem Golfschläger bearbeitet hatte. Vielleicht auch mehrere bisschen.

„Das wussten wir nicht.“

Cooper fixierte mich mit seinem Blick und sagte: „Erkennen Sie mein Problem? In der einen Nacht musste ich Sie wegschicken, weil Sie auf der Straße rumgelungert hatten. In einer Gegend, die nicht Ihr Zuhause ist. Und nun sind Sie auf magische Weise schon wieder hier.“

„Das letzte Mal war ich bei der Arbeit. Heute wollten wir nur etwas frühstücken gehen.“

„Und wo genau waren Sie letzte Nacht?“

„Bei mir“, sagte Nicole.

Coopers Gesicht nahm einen Ausdruck an, der sagte: „Ja, ist klar.“ Ich verstand seine Verwirrung. Ich selbst hatte auch noch nicht begriffen, wie ich es geschafft hatte, mit einer Frau wie Nicole rumzuhängen. Manche Dinge trotzten einfach jeglicher Erklärung.

Cooper besah sich daraufhin Nicole von oben bis unten, pausierte hier und da und nahm alles in sich auf. „Die ganze Nacht?“

„Nicht, dass es Sie irgendetwas anginge, aber ja, das war er. Und er war fabelhaft.“

Sie war gut. Sehr gut. Nahm Cooper offenbar den Wind aus den Segeln.

„Sehen Sie, Miss …“

„Nicole. Ich wohne ein Stück die Straße hinauf.“

„Und kamen gerade zufällig vorbei?“

„Wie Jake sagte, wollten wir frühstücken gehen und haben all das hier gesehen.“

„Und Sie sind sein Alibi?“

„Nicht, dass er eines bräuchte, aber klar.“ Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. „Und er ist meines.“ Sie lächelte. „Für den Fall, dass ich auch eine Verdächtige bin.“

Sagte ich, sie sei gut? Sehr gut? Kein Zögern, keine Nervosität. Sie erzählte einfach eine Lüge und kam damit durch. Ziemlich gute schauspielerische Leistung.

„Ich sagte nichts davon, dass einer von Ihnen verdächtig ist“, sagte Cooper.

„Hörte sich für mich so an“, sagte Nicole.

Cooper schob seine Hände in die Hosentaschen, wippte auf seinen Absätzen und sah wieder mich an. Meistens. Sein Blick sprang immer wieder zu Nicole zurück. „Sehen Sie, was mich stört, ist, dass das hier ein ganz schöner Zufall ist. Neulich nachts hier auf Sie zu treffen. Und jetzt hier. An einem Tatort.“

„Ich weiß nicht, was ich Ihnen noch sagen soll“, sagte ich.

Cooper klimperte mit etwas, das sich nach Schlüsseln anhörte, in seiner Tasche. „Ich glaube nicht an Zufälle. Hauptsächlich, weil es keine gibt. Für gewöhnlich gibt es Zusammenhänge.“

„Da kann ich nichts gegen sagen.“

„Also erzählen Sie es mir noch einmal. Warum waren Sie in dieser Nacht hier?“

„Ich habe eine Überwachung durchgeführt.“

„Für Longly Investigations, richtig? Die Firma Ihres Vaters?“

Ich nickte. „Das ist richtig.“

„Wen haben Sie überwacht?“

„Das kann ich nicht sagen.“

„Es war nicht Mrs. Clammer, oder?“, fragte Cooper.

„Das kann ich nicht sagen.“

„Ich könnte Sie festnehmen. Blaulicht. Verhör. All der ganze Mist.“

„Meine Antwort wäre trotzdem dieselbe. Ich weiß nichts über einen Mord und kann nicht über einen Klienten sprechen.“

„Also war sie – die tote Frau – Mrs. Clammer – nicht Ihre Zielperson?“

Ich entschied mich, nicht zu antworten. Oder zu lächeln. Oder Coopers Blick auszuweichen. Sei cool. Das Schweigen, das folgte, war zum Schneiden dick. Und unangenehm.

Cooper nickte als wollte er sagen: „So soll es also sein?“ Dann sprach er: „Detective Morgan ist drinnen. Ich wette, er hat ein paar Fragen an Sie.“

Rays Ermahnung, Morgan aus dem Weg zu gehen, echote in meinem Kopf. Der Plan war gewesen, mit jemandem weiter unten in der Nahrungskette zu plaudern. Wie Cooper oder Coffman. Ein paar Details erfahren und wieder gehen. Natürlich bestand immer die Möglichkeit, Morgan über den Weg zu laufen. Letztendlich war es sein Tatort. Aber Morgan war nicht Cooper. Nicht mal annähernd. Er war ein zäher Brocken und akzeptierte kein nein. Eine Bulldogge und sich nicht zu fein, die Regeln ein bisschen zu verbiegen. Ich hatte gehört, dass Kreuzverhöre unter Morgan gesundheitsschädlich sein konnten. Da wir erfahren hatten was wir wollten, dass ein Mord passiert war und dass Barbara das Opfer war, entschied ich, dass es Zeit war, das Anwesen zu verlassen.

„Klar“, sagte ich. „Sagen Sie ihm, dass er mich jederzeit anrufen kann.“

Cooper nickte einem der Uniformierten zu, der gerade zur Eingangstür ging. „Er wird in einer Minute hier sein.“

„Ich wünschte, ich hätte Zeit, aber wir müssen uns beeilen.“

Cooper richtete sich auf, versuchte, autoritär und kontrolliert zu erscheinen. „Das Frühstück kann warten.“

„Nicht wirklich. Sehen Sie, Nicole hat Hypoglykämie, und ihr Blutzuckerspiegel sinkt sehr schnell.“ Ich wartete nicht auf eine Antwort. Ich packte Nicole am Arm und dirigierte sie zu ihrem SL.

„Ich schlage vor, Sie warten“, sagte Cooper. „Morgan wird nicht erfreut sein, wenn er Sie suchen muss.“

„Ich bin leicht zu finden.“ Ich winkte über meine Schulter.

„Manche Leute stehen sich einfach immer selbst im Weg“, sagte Cooper.

Als wir in Nicoles Auto kletterten, sah ich Morgan. Er trat aus der Eingangstür und sprach mit einem Kriminaltechniker.

„Los“, sagte ich. „Lass uns verschwinden.“

Sie startete den SL, drehte mit quietschenden Reifen um und raste die Straße hinauf.

„Was sollte das gerade?“, fragte Nicole.

„Morgan. Harter Brocken. Um den soll sich lieber Ray kümmern. Sie sind ungefähr gleichauf auf der Skala der harten Brocken.“

„Und du nicht? Armes Baby.“

„Bist du jetzt eine Komikerin?“

„Ich habe meine Momente“, sagte sie. „Wohin jetzt?“

„Fahr um die Kurve und halt an.“

Sie tat wie ihr geheißen.

Ich rief Ray an. „Das Opfer ist Barbara Clammer.“

„Ich habe es geahnt“, seufzte Ray.

„Ich habe es geschafft, Morgan aus dem Weg zugehen, aber ich bin sicher, dass er bald auf unsere Fährte stoßen wird.“

„Ohne Frage. Komm her und wir machen einen Plan.“

„Ich denke, ich fahre mal bei Walter vorbei und plaudere mit ihm.“

„Gute Idee“, sagte Ray.

Ich? Gute Idee? War das wirklich Ray?

Ray fuhr fort. „Versuch ein Gefühl für sein Stresslevel zu bekommen. Finde heraus was er weiß und was nicht.“

„Bevor Morgan weiß, dass er etwas damit zu tun hat?“

„Genau.“

„Ich kenne Walter“, sagte ich. „Er ist ein großartiger Anwalt, aber ein beschissener Pokerspieler. Er kann nie verbergen, was er denkt. Wenn der Mord an Barbara eine Neuigkeit für ihn ist, werde ich es sehen.“

„Und wenn es keine Neuigkeit ist?“

„Werde ich das auch sehen.“ Ray antwortete nicht, also fuhr ich fort. „Sollte ich ihm erzählen, dass wir von der Affäre wissen? Von unserer Aufzeichnung?“

„Besser es kommt von dir als von der Polizei.“ Ich hörte Ray seufzen. „Und es würde nicht schaden, ihn wissen zu lassen, dass wir Morgan das Video werden geben müssen. Ich bin sicher, dass er die Vorwarnung zu schätzen wissen wird.“

„Wann wird das passieren?“

„Sobald Morgan danach fragt. Und das wird er, sobald er weiß, dass wir Barbara Clammer observiert haben. Ich hasse es, Walter das antun zu müssen, aber wir können das nicht zurückhalten. Nebenbei ist er nicht unser Klient. Sondern Henry Clammer.“

„In Ordnung, ich werde bald bei dir sein.“

„Sei cool.“

„Immer.“ Ich beendete den Anruf.

„Was jetzt?“, fragte Nicole.

„Wir warten ein paar Minuten. Dann werden wir zu Walter und Tammy fahren. Ich möchte sehen, ob Walter zu Hause ist.“

„Warum rufst du ihn nicht einfach an?“

„Ich muss sein Gesicht sehen, wenn ich mit ihm rede. Abschätzen, wo er mit seinen Gedanken ist.“

„Ergibt Sinn.“

„Vielleicht könntest du mit dieser deutschen Rakete ausnahmsweise mal schleichen und nicht wie ein Rennfahrer fahren.“

Sie streckte mir die Zunge raus. Es war eine hübsche Zunge. Pink und perfekt. Wie alles an Nicole.

Kapitel acht

„Was willst du, Jake?“, sagte die ach so süße Tammy, als sie die Tür öffnete.

Nicole hatte es geschafft, ihren Bleifuß lang genug unter Kontrolle zu halten, bis wir erneut die Straße hinunter und in Tammys Auffahrt gefahren waren. Wir hielten dicht an der Garage, wo ein großer Busch den Wagen teilweise verdeckte. Es war nicht leicht für Nicole, ein Klon von Danica Patrick, der berühmten Rennfahrerin, zu sein. Ich machte ihr ein Kompliment. Sie streckte mir wieder die Zunge heraus.

Als ich vorschlug, sie solle im Auto bleiben, sagte Nicole: „Kein Problem. Ich habe gesehen, was diese Frau mit einem Golfschläger machen kann.“

Kluger Zug. Tammy war nicht begeistert, mich an ihrer Tür zu sehen, und Nicole hätte wahrscheinlich dafür gesorgt, dass ihre DNS sich aufgetrennt hätte. Tammy hatte beide Fäuste in die Hüften gestemmt, den Kopf schief gelegt und trug ein weißes Handtuch um den Hals. Leise Musik drang aus der Tür. Sie trug schweißfleckige graue Leggings und ein pinkfarbenes T-Shirt, ihr Gesicht feucht und gerötet. Pilates, ohne Zweifel. Tammy war verrückt nach Pilates. Und nach jedem anderen Trend, der durch ihr Leben zog. Was sonst hätte sie auch tun sollen, jetzt, wo sie alles Geld geheiratet hatte, das sie je brauchen würde?

„Ist Walter da?“, fragte ich.

„Warum?“

„Ich muss mit ihm sprechen.“

Ihre Augen verengten sich. „Worüber?“

„Das möchte ich ihm erzählen.“

Sie sah an mir vorbei zum Auto. „Wer ist das?“

„Eine Freundin.“

Sie blinzelte und beschattete ihre Augen mit einer Hand vor der Morgensonne. „Ist das die, für die ich sie halte?“

„Kommt drauf an, wofür du sie hältst.“ Kannte Tammy Nicole? Schließlich lebten sie im selben Viertel.

„Du weißt, von wem ich spreche. Kleine Blondine, große Titten.“

Mir kamen mehrere Möglichkeiten in den Sinn. „Hier musst du mir weiterhelfen.“

Sie schlug mir auf die Schulter. Das hatte sie schon immer gern gemacht. Manchmal ein Stoß in die Rippen. Das tat mehr weh. Raubte mir sogar hin und wieder den Atem.

„Arschloch“, sagte sie.

„Wir sind nicht mehr verheiratet. Du kannst mich nicht schlagen.“

Sie hob ihre Faust. „Provozier mich nicht.“

„Sieh mal, du möchtest mir etwas sagen, ich möchte dir dabei helfen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Was ich sagen will ist, dass du ein Schwein bist.“

„Wenn du es sagst.“

„Das Mädchen. Sie war Golfprofi oben im Country Club. Vögelte gern auf dem siebten Green.“

„Sarah Jane. Sie mochte auch einige von den anderen. Aber, ja, ich glaube, das siebte mochte sie am liebsten.“

„Wie schön für dich.“

„Nein, das ist sie nicht.“

Sie schaute wieder über meine Schulter. „Also wer ist die neue Tussi?“

„Sie ist keine Tussi.“

„Wenn sie mit dir zusammen ist, ist sie eine Tussi.“

„Tatsächlich ist sie eine Nonne. Oder ein Supermodel. Oder Neurochirurgin. Ich hab’s vergessen.“

„Jake, ich habe zu tun.“ Ein Streifenwagen fuhr vorbei. Sie trat auf die Veranda hinaus und ihre Blicke folgten dem Auto. Dann sah sie all die anderen Polizeiwagen. „Was ist los?“

„Keine Ahnung. Vielleicht ist aus Versehen ein Alarm losgegangen.“

„Bei all den Autos? Das glaube ich nicht.“

„Vielleicht ein Einbruch.“

„In dieser Gegend?“

„Ist Walter zu Hause oder nicht?“, fragte ich.

„Nein. Er hat heute eine Aussage unter Eid aufzunehmen und bereitet sich in seinem Büro darauf vor.“

„Dann treffe ich ihn dort.“ Ich drehte mich um und lief zum Wagen.

„Jake, du brauchst einen Termin.“

Ich winkte und stieg in den Wagen. Tammy ging von der Veranda in ihren Hof und sah hinüber zum Haus der Clammers. Ich wusste, dass sie gehen und sich erkundigen würde. Es lag in ihrer Natur, ihre Nase überall hineinzustecken, und das hier war zuviel, um es nicht zu tun. Dann würde sie Walter anrufen. Nicht gut. Ich wollte mit ihm sprechen, bevor sie eine Gelegenheit hätte, ihm zu sagen, was hier vor sich ging. Natürlich würde er es bereits wissen, wenn er Barbara wirklich getötet hätte. Zumindest suggerierten die Beweise, dass er die letzte Person gewesen ist, die Barbara lebend gesehen hat.

Hatte Barbara ihn deswegen letzte Nacht nicht zur Tür gebracht? Und hatte nicht abgeschlossen, nachdem er gegangen war? Letzte Nacht hatte ich angenommen, sie wäre zu müde gewesen, um aufzustehen, nach ein paar Stunden des horizontalen Tanzes mit, wie Nicole gesagt hatte, dem „Tier“. Aber vielleicht war sie auch zu tot gewesen, um aufzustehen. Die Dinge sahen nicht gut aus für den alten Walter.

„Wohin?“, fragte Nicole, als ich wieder in den SL gestiegen war.

„Walters Büro.“

„Wo ist das?“

„Orange Beach. The Wharf.“

„Okay.“

„Und gib Gas“, sagte ich.

„Musik in meinen Ohren.“

Die Reifen quietschten und wir waren verschwunden. Wir hätten fünfzehn Minuten brauchen sollen. Wir brauchten sieben.

Kapitel neun

Tammy beobachtete, wie der rote SL um die Kurve fuhr und verschwand. Jake und seine gottverdammten Mädchen. Sie war sich absolut sicher, dass diese Golfplatzliebhaberin im Wagen saß. Ihre Haare waren ein bisschen länger und ein bisschen glatter, aber genauso blond. Sie musste es sein. Sie war sich ebenfalls sicher, dass er sie mitgebracht hatte, nur um es ihr unter die Nase zu reiben. All diese Jahre hatte er seine Eskapaden versteckt und jetzt das? Er war so ein unerträglicher Scheißkerl.

Sie konnte sich jetzt nicht darum kümmern. Sie hatte andere Dinge zu erledigen. Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Clammers zurück. Was zur Hölle war da los? Ging es um einen Einbruch? Oder etwas Schlimmeres? Was auch immer es war, dieser Polizeiauflauf bedeutete, dass es interessant war. Und sie würde es verdammt noch mal herausfinden, bevor Betsy Friedman es tat. Dann ein verstörender Gedanke – was, wenn Betsy bereits Bescheid wusste? Sie wohnte direkt gegenüber von Henry und Barbara. Und sie konnte eine gute Geschichte in einer Nanosekunde riechen. Klatsch war eine starke Währung in diesem Viertel, und es war Tammys höchste Priorität, Betsy darin zu übertrumpfen. Tammy würde diejenige sein, die die Fakten ausgrub. Sie würde diejenige sein, die alle zum Kaffee einluden, und diejenige, deren Informationen alle vertrauten. Nicht diese Schlampe.

Sie ging zurück ins Haus und betrachtete sich im Spiegel, der eine gesamte Wand im Eingangsbereich einnahm. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Haare ein einziges Durcheinander, auf ihrer Kleidung waren Schweißflecken und sie trug kein Make-up. Vielleicht erst einmal eine Dusche und ein Klamottenwechsel. Aber das konnte genau der Vorsprung sein, den Betsy brauchte. Scheiß drauf. Schließlich waren es nur Polizisten. Nicht wirklich wichtig. Nun ja, vielleicht wichtig, wenn man sie brauchte, aber im Moment tat sie das nicht. Abgesehen von den Informationshäppchen, die sie hoffte ihnen entlocken zu können.

Sie sah ihr Spiegelbild genauer an. Wollte sie wirklich in dieser Aufmachung in die Öffentlichkeit gehen? Was, wenn jemand ein Foto machte und es online veröffentlichte? Die Polizisten würden das natürlich nicht tun. Aber Betsy auf jeden Fall. Sie hatte es schon einmal getan. Letzten Sommer. Am Strand. Sie hatte gesagt, sie habe es nur gepostet, damit ihre Enkel oben in Minnesota den in Sonnenlicht getauchten Strand sehen konnten. Keine Absicht, dass Tammys Hintern ins Bild ragte. Untere rechte Ecke. Er lugte genau so aus ihrem Badeanzug hervor, dass er aus diesem Winkel schlaff aussah. Und wenn sie eines nicht hatte, dann einen schlaffen Hintern. Sie arbeitete hart, um ihn straff zu halten.

Sie drehte sich zur Seite und inspizierte ihre Rückseite. Perfekt, dachte sie. Zur Hölle mit Betsy, dachte sie und ging hinaus.

Als sie sich dem Haus der Clammers näherte, stiegen gerade zwei uniformierte Polizisten in einen der Streifenwagen und jagten die Straße hinauf. Ein dritter ging den Fußweg hinauf zur Eingangstür.

„Entschuldigen Sie?“, sagte Tammy.

Der Polizist hielt inne und drehte sich zu ihr um. Sie erkannte ihn. Sie erinnerte sich nicht an seinen Namen, aber er war der Typ von neulich nachts.

„Mrs. Horton“, sagte er. „Was kann ich für Sie tun?“

Nun sah sie sein Namensschild: Officer B. Cooper.

„Was ist denn hier los?“, fragte Tammy.

„Ich nehme an, Sie kennen die Clammers“, sagte Cooper. Es war eine Art Frage, aber eher eine Feststellung, so wie er es sagte.

„Ja. Sie sind sehr gute Freunde.“

„Das tut mir leid.“

Das hörte sich nicht gut an.

Cooper fuhr fort. „Mrs. Clammer ist letzte Nacht ermordet worden.“

Sie atmete aus. Ihr wurde schwindlig und sie stolperte ein paar Schritte.

Er fasste ihren Arm und gab ihr Halt. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ermordet? Wann? Wie? Wer?“ Die Fragen in ihrem Kopf kämpften miteinander darum, als Erstes hinauszukommen.

„Ich kann Ihnen nicht mehr als das sagen. Nur dass Barbara Clammer ermordet wurde.“

Ein Mann in Jeans, einem weißen Golfhemd und einer grauen Jacke kam die Eingangstreppe herunter auf sie zu. „Was ist hier los, Cooper?“, fragte er, als er näher kam.

„Sie ist eine Nachbarin“, sagte Cooper, als würde das alles erklären.

„Ich bin Tammy Horton“, sagte Tammy. „Ich wohne gleich da drüben.“ Sie zeigte auf ihr Haus.

Der Mann machte sich nicht die Mühe, in die Richtung zu sehen, in die Tammy deutete, sondern fixierte sie mit seinem Blick, der sich übermäßig intensiv anfühlte. Als wäre sie eine Verdächtige oder so.

„Ich bin Detective Bob Morgan“, sagte er. Und dann: „Sind Sie mit Walter Horton verwandt?“

„Das ist mein Ehemann.“ Sie konnte nicht widerstehen, einen Blick zu Betsys Haus hinüberzuwerfen. Halb erwartete sie, sie über die Straße kommen zu sehen, um ihren Klatsch zu stehlen, noch bevor sie selbst ihn hatte. Keine Betsy. Sie sah zu Morgan zurück. „Was ist passiert?“

„Kann ich nicht sagen.“

„Aber Barbara wurde ermordet?“

Morgan warf Cooper einen scharfen Blick zu, der wieder weicher wurde, als er zurück zu Tammy sah. Er nickte kurz. „Das ist richtig.“

„Wer sollte so etwas getan haben? Hier in diesem Viertel?“

„Das ist es, was wir herausfinden möchten“, sagte Morgan. „Haben Sie in der letzten Nacht etwas Ungewöhnliches gesehen?“

„Zum Beispiel?“

„Irgendetwas von der Norm Abweichendes. Vielleicht ist jemand vorbeigefahren. Oder in der Gegend spazieren gegangen? Jemand, der nicht hier sein sollte?“

Tammy schüttelte den Kopf. „Nicht in der letzten Nacht.“

„Nicht unbedingt nur in der letzten Nacht. In der letzten Zeit.“

„Nur Jake. Mein Ex. Hat um mein Haus herumgeschnüffelt.“

Morgan warf Cooper einen Blick zu. „Ist das der Zwischenfall, von dem Sie mir erzählt haben?“

„Jup.“

An Tammy gewandt sagte Morgan: „Kennen Sie jemanden, der mit Barbara Clammer Streit gehabt hat?“

„Nein, Sie war eine liebenswerte Frau.“

Er zuckte mit den Schultern. „Was ist mit ihr und Henry? Gab es Probleme im Paradies?“

„Gott, nein. Sie waren ein perfektes Paar. Sie liebten sich sehr. Sie glauben nicht, Henry sei es gewesen, oder?“

„Glauben Sie es?“

„Natürlich nicht. Henry ist ein lieber Mann. Er würde niemals …“ Sie konnte es noch nicht einmal zu Ende denken. Henry? Barbara töten? Nicht möglich. Wie konnte dieser Detective hier stehen und solche Fragen stellen? Sie war nicht dumm. Sie wusste, dass es das war, was Polizisten tun. Jeden verdächtigen. Besonders den Ehemann. Sogar die Fernsehcops taten das. Aber hier? In The Point? Solche Dinge passierten vielleicht oben in Birmingham oder drüben in Atlanta, aber nicht hier.

„Das habe ich bereits gehört.“ Morgan zuckte mit den Schultern. „Aber Henry hat auch ein ziemlich gutes Alibi. Er ist in New York.“

„Stimmt, das hatte ich vergessen.“ Sie sah zum Haus hinauf, dessen Bild verschwamm, als ihr Tränen in die Augen stiegen. „Weiß er es?“

„Ja. Ich habe ihn angerufen. Er bemüht sich gerade um einen Flug nach Hause.“

Sie schniefte und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. „Das wird ihn umbringen.“

Er nickte. „Möglicherweise habe ich später noch Fragen an Sie.“ Er reichte ihr seine Karte. „Wenn Ihnen etwas einfällt, lassen Sie es mich wissen.“

Sie beachtete die Karte nicht, sondern starrte Barbaras und Henrys Eingangstür an. Was war da drinnen passiert? Als Bilder aus Filmen, aus diesen Forensic Files, die sie sich immer ansah, sich in ihrem Kopf zu formen begannen, lenkte sie ihre Gedanken ab.

„Ich muss Walter anrufen“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu Morgan. Sie drehte sich um, blieb aber für eine Minute stehen. Ihre Füße schienen festgefroren, als hätte sie vergessen, wie man geht. „Ich muss Walter anrufen“, wiederholte sie.

Kapitel zehn

The Wharf war eine Gegend mit verschiedenen Gewerben. Es gab eine Marina, die beliebt war bei Fischern, Seglern und Motorbootbesitzern; ein Café, in dem es auch Gebäck, Sandwiches, Salat und freies Wi-Fi gab; drei gutbesuchte Restaurants; eine Reihe teurer Eigentumswohnungen und ein zweistöckiges Geschäftsgebäude, das die Büros von Horton, Levine undSteen beherbergte. Walter Horton war der Gründer und Seniorpartner.

Nicole und ich nahmen die Treppe hinauf in den zweiten Stock und traten durch doppelte Glastüren in Walters Welt. Nobel. Durchweg oberste Schublade. Sanfte Farben, tiefe Sofas und dezenter Jazz, der aus den Wänden zu kommen schien. Zwei Menschen saßen im Wartebereich: eine junge Frau, die an einem Laptop arbeitete, und ein älterer, gut gekleideter Herr, der in einer Ausgabe von Field and Stream blätterte, deren Titelblatt einen glitschigen, grünen Barsch zeigte, der mit einem rot befederten Köder im Maul aus dem Wasser sprang. Eine Frau mittleren Alters sah mit ernstem Gesicht von ihrem Platz hinter dem Empfangstresen auf. Ihr Namensschild wies sie als Constance Streelman, Assistentin der Geschäftsführung, aus. Sie trug eine weiße Bluse unter einem grauen Jackett. Eine Brille hing an einer Goldkette um ihren Hals, und ihr Blick ließ darauf schließen, dass sie heute keinen guten Tag hatte. Als sie aufsah, schaffte sie ein Lächeln. Sowas in der Art zumindest. Es wirkte ein bisschen gezwungen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie.

„Ich muss mit Walter sprechen“, sagte ich.

„Und Sie sind?“

„Jake Longly.“

Sie warf Nicole einen missbilligenden Blick zu und sah dann wieder mich an. „Sie haben keinen Termin.“

„Ich weiß. Aber ich denke, er wird mit mir sprechen wollen.“

„Worüber?“

„Das ist privat.“

„Es tut mir leid. Er ist sehr beschäftigt.“

„Sagen Sie ihm, dass ich hier bin. Ich denke, er wird sich Zeit nehmen.“

Sie zögerte, als würde sie überlegen, wie weit sie das hier treiben sollte, und griff dann nach dem Telefonhörer. Nachdem sie mit Walter verbunden worden war und ihm erklärt hatte, dass Jake Longly „eine Minute wünscht“ – ihre genauen Worte –, legte sie auf und erhob sich. „Folgen Sie mir.“ Sie war nicht glücklich.

Walters Büro war großzügig, sehr edel und definitiv teuer eingerichtet. Er saß hinter seinem massiven Tisch, dessen Oberfläche mit Papierstapeln bedeckt war. Vor ihm lag geöffnet ein dicker Ordner. Er erhob sich. Seine Augen wanderten zu Nicole.

Ich setzte mich in einen Stuhl vor seinem Schreibtisch, Nicole in den anderen.

„Das ist Nicole“, sagte ich.

„Sehr erfreut.“ Dann, an mich gewandt: „Was kann ich für dich tun, Jake?“

„Barbara Clammer. Du kennst sie?“

Sein Gesichtsausdruck verriet, dass das nicht gerade das war, was er erwartet hatte. In seinen Augenwinkeln bildeten sich vor Anspannung feine Linien. Keine gute Offenbarung für einen Pokerspieler. Oder für einen Strafverteidiger in diesem Fall. Aber so war Walter. Er hatte eines dieser Gesichter, die ein offenes Buch waren.

„Sicher“, sagte Walter. „Sie und Henry sind unsere Nachbarn. Warum?“

„Wie gut?“

Nun war er völlig verwirrt. „Wie gut ich sie kenne?“

Ich nickte.

„Wir sind Freunde. Warum?“

„Das ist alles? Nur Freunde?“

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Worum geht es hier?“

„Wann hast du sie zum letzten Mal gesehen?“

„Ich verstehe nicht.“

„Es ist eine einfache Frage.“ Ich hielt ihm meine Handflächen hin. „Wann hast du Barbara Clammer zum letzten Mal gesehen?“

Er rückte ein paar Papiere auf seinem Tisch zurecht, um Zeit zu schinden. Die Anspannung zeichnete sich deutlich in seinem Gesicht ab. „Ich bin nicht sicher. Vor ein paar Tagen.“ Er konnte keinen von uns ansehen und richtete seine Aufmerksamkeit weiter auf die Papiere vor sich.

Als Anwalt war Walter daran gewöhnt Fragen zu stellen, nicht sie zu beantworten. Also schätzte ich, ich sollte ein wenig nachsichtig mit ihm sein, weil er aus der Übung war. Oder war es Angst, was ich in den Fältchen um seine leicht verengten Augen erkennen konnte? Wenn ja, würde er bei meiner nächsten Frage implodieren.

„Nicht letzte Nacht?“, fragte ich.

Sein Blick schoss zu mir hoch. „Nein. Warum?“

„Sie ist letzte Nacht ermordet worden.“

Er wurde blass und schwankte in seinem Sessel, als wäre er von einem starken Wind aus dem Gleichgewicht gebracht worden. Seine Pupillen weiteten sich und verdrängten das Blau aus seinen Augen. Waren das Neuigkeiten für ihn oder war er überrascht, dass die Dinge sich so schnell entwickelten? Ich war mir nicht sicher.

„Barbara? Ermordet?“ Er schluckte schwer.

Ich antwortete nicht. Ich wartete auf ihn. Sei cool.

„Wann? Wo?“

„In ihrem Haus. Wo du letzte Nacht gewesen bist.“

„Ich fürchte, du irrst dich.“

„Ich kann dir das Video zeigen.“

„Video?“ Ein dünner Schweißfilm überzog nun seine Stirn. „Wovon sprichst du?“

„Nicole und ich haben gefilmt, wie du die nun verstorbene Barbara Clammer besucht hast. Du bist kurz nach Mitternacht gegangen.“

Er sah Nicole an. Sie nickte. „Das ist wahr. Das Video ist erstaunlich klar. Ebenso wie die Tonaufzeichnung.“

„Mein Gott.“ Sein Kopf fiel nach vorn und er starrte auf seinen Schreibtisch.

„Erzähl es mir, Walter.“

Die Gegensprechanlage summte. Er zuckte vor Schreck zusammen und drückte dann den Knopf.

„Ihre Frau ist in Leitung zwei.“

Tammy. Das hatte nicht lang gedauert. Nicht dass ich das angenommen hätte. Ich war sicher, dass sie die Straße hinuntergegangen war, um herauszufinden, was all die Geschäftigkeit zu bedeuten hatte. Und das hatte uns gerade genug Zeit verschafft, um zu Walter zu gelangen und seine Reaktion auf die Neuigkeiten unverfälscht zu sehen, bevor Tammy zurück nach Hause eilen und ihn anrufen konnte. Nicoles Rennfahrerqualitäten hatten ihre Vorzüge.

„Danke, Connie.“ Er nahm einen tiefen Atemzug und hielt sich den Telefonhörer ans Ohr. Er sagte nichts, hörte nur zu. Tammys Stimme drang aus dem Hörer. Ich konnte die Worte nicht verstehen, aber sie klang schrill, fast hysterisch, und sie sprach sehr schnell. Sie hörte sich an wie Minnie, die mit Micky schimpft. Die Hälfte der Unterhaltung, die ich hören konnte, ging so:

„Ich weiß. Jake ist hier.“

„War er?“ Er sah mich an.

„Ich weiß. Ich kann es auch nicht glauben.“

„Beruhige dich. Ich schau mal, was ich herausfinden kann.“

„Ich habe diese Anhörung.“

„Nein, ich kann das nicht absagen. Der Termin ist schon zweimal verschoben worden.“

„Ich werde früh zu Hause sein.“

Er legte auf.

Mehr Papier wurde verrückt. Wieder um Zeit zu schinden. Und um die Gedanken zu ordnen, nahm ich an. Schließlich sah er auf. „Wieso wart ihr zwei letzte Nacht draußen vor Barbaras Haus?“

„Das kann ich nicht sagen. Das weißt du.“

„Henry? Hat er euch beauftragt?“

Ich starrte ihn an.

Walter lockerte seine Krawatte. Ich bemerkte, dass seine Finger zitterten und sein Gesicht weiter an Farbe verloren hatte. Der Film aus Angstschweiß auf seiner Stirn war deutlicher zu sehen.

„Sieh mal, Barbara und ich haben uns getroffen“, sagte Walter, seine Stimme schwach und heiser. „Seit ein paar Monaten.“ Er zögerte. „Tatsächlich seit fast einem Jahr.“

„Und letzte Nacht hat ein weiteres außereheliches Treffen stattgefunden?“, fragte ich.

Walters Augen zogen sich in einem kurzen Anflug von Wut zusammen, entspannten sich dann aber wieder. „Ja.“

„Lass mich raten. Sie war am Leben und wohlauf, als du sie verlassen hast?“

„Sie hat geschlafen.“

Das würde erklären, warum sie ihn nicht hinunterbegleitet hat. Wieder wartete ich. Es konnte nicht schaden, ihn ein bisschen schmoren zu lassen.

„Ich schwöre“, sagte er.

„Es sieht nicht gut aus, Walter. Du schleichst rein und raus, und sie wird tot aufgefunden.“

„Weiß die Polizei darüber Bescheid? Über mich und Barbara? Über das Video?“

Ich schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Aber sie werden es erfahren.“

Walter seufzte und massierte seine Schläfen. „Das ist ein gottverdammter Albtraum.“

Ich stand auf. „Wir überlassen dich nun deiner Arbeit.“

Bevor wir die Tür erreichten, sagte Walter: „Jake? Auf ein Wort?“ Er sah Nicole an. „Unter vier Augen?“

„Ich warte draußen“, sagte Nicole.

Nachdem sie gegangen war, sagte er: „Zwei Dinge. Zuerst: Kannst du das nicht unter Verschluss halten?“

„Kann ich? Du bist der Anwalt. Was würdest du einem Klienten unter diesen Umständen raten?“

Walters Gesicht fiel in sich zusammen. „Alles der Polizei zu geben.“

„Siehst du.“

„Wann wirst du ihnen das Video geben?“

„Wenn sie fragen. Und ich nehme an, das wird bald sein.“

„Warum?“

„Weil ich vorgestern bei euch im Viertel gewesen bin. Wegen eines Jobs für Ray. Deine immer bezaubernde Frau hat meine Autofenster mit einem Golfschläger eingeschlagen. Ein Polizist kam vorbei. Und genau den habe ich heute morgen wiedergesehen, als ich bei den Clammers angehalten habe, um zu erfahren, was dort los ist. Also weiß er definitiv, wer ich bin und ich bin definitiv eine dieser berühmt-berüchtigten Personen von Interesse.“

Walter nickte. „Und wenn sie fragen, wirst du ihnen alles erzählen müssen.“

„Schätze schon. Aber ob und wann hat Ray zu entscheiden. Ich arbeite für ihn.“

Walter massierte nun seinen Nacken. „Das ist unglaublich.“

„Hast du sie umgebracht, Walter?“

„Um Gottes willen, nein. Ich …“

„Du was?“

Seine Augen glitzerten. „Ich habe sie geliebt.“

Das war definitiv nicht die Antwort, die ich erwartet hatte. Ich dachte, Barbara sei vielleicht eine Ablenkung gewesen. Eines von diesen Dingen, die einfach passierten. Ein Fehler. Aber das? Das war nicht vertretbar. Das war völlig daneben.

„Junge, Junge“, sagte ich. „Weiß Tammy irgendetwas? Oder ahnt sie etwas?“

„Nein.“

„Um diese Tortur beneide ich dich nicht. Habe ich durch. War nicht schön.“

Walter nickte, seinen Blick ins Leere gerichtet. Manchmal war das Licht im Tunnel tatsächlich ein Zug. Schuldig oder nicht, Walter würde vom System zertrampelt werden. Er tat mir fast leid. Fast. Es war noch nicht genug, um die Schlappe wettzumachen, die der gute Walter mir während der Scheidung verpasst hatte. Alte Geschichte. Gewöhnliche Geschichte. Die Frau reicht die Scheidung ein, demontiert den zukünftigen Ex, und rennt dann mit ihrem Anwalt davon.

„Und das andere?“, fragte ich.

„Dieses Mädchen“, er nickte in Richtung Tür.

„Nicole. Ihr Name ist Nicole.“

„Ja. Ich möchte nicht, dass du das vor ihr ausbreitest.“

„Das ist schon in Ordnung. Sie ist cool. Und sie war dort, erinnerst du dich?“

„Ich weiß, was sie ist. Sie ist ein weiteres deiner Playmates. Du bist offensichtlich nicht in der Lage, sie bei dir zu halten, und ich sehe schon, wie sie sauer auf dich ist und es an mir auslässt.“

„Walter, ich denke nicht, dass du mich in der gegenwärtigen Situation belehren solltest. Und erst recht solltest du darüber nachdenken, ob es weise ist, dem Typ mit dem Film, der dein Leben zur Hölle machen könnte, mit altem Mist zu überhäufen.“

„Aber …“

„Aber nichts. Du brauchst jetzt alle Freunde, die du zusammenkratzen kannst.“

„Bist du das, Jake? Ein Freund?“

„Walter, ich weiß nicht, ob wir beide jemals Freunde sein können. Mit unserer Vergangenheit und so. Aber ich möchte nicht, dass du für etwas bezahlst, das du nicht getan hast.“

„Ich war es nicht.“

„Glaub es mir oder nicht. Aber ich glaube dir.“

Ich dachte, er könnte vielleicht anfangen zu weinen, also ging ich. Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Mann weinen zu sehen. Besonders einen, dessen Gesicht du jahrelang blutig schlagen wolltest.

Kapitel elf

Ich wusste, dass es Ärger geben würde, als Nicole den Warpgeschwindigkeitsbereich verließ und den Wagen knirschend auf Rays Parkplatz rollen ließ. Ärger in Form eines zivilen Polizeiwagens. Ohne Zweifel Detective Bob Morgans Gefährt. Mir war klar, dass Ray und ich schlussendlich mit ihm würden sprechen müssen, aber ich hatte gehofft, Ray zuerst allein anzutreffen. Um einen Plan zu machen. Zu entscheiden, was wir mit dem Video von Walters Kommen und Gehen machen wollten. Kein Wortspiel beabsichtigt.

Ich zog in Betracht, Nicole zu bitten, umzudrehen und zurück zu sich nach Hause zu fahren, irgendwohin, wo Morgan mich nicht finden würde. Feige, ich weiß, aber Ray würde ohne mich mit ihm fertig werden. Aber ich wusste auch, dass ich Gegenstand der Konversation war, die drinnen ablief. Was sollte es sonst sein? Also entschied ich, dass es am besten war, das Ganze durchzuziehen. Zumindest wäre Ray hier bei mir.

Das Büro war leer; die Küche auch. Dann hörte ich Stimmen, die durch die offenen Glastüren drangen, die auf die Terrasse führten. Ich packte Nicole am Arm, um sie aufzuhalten.

Ich erkannte Morgans Stimme, und ich erkannte auch, dass ich in der Tat der Gegenstand der Diskussion war.

Morgan: „Einer unserer Leute hatte eine Begegnung mit ihm vorgestern Nacht. In der Nähe des Tatorts.“

Ray: „Tatsächlich befand er sich vor Tammy Hortons Haus.“

Morgan: „Was einen Steinwurf davon entfernt ist.“

Ray: „Na und?“

Dann fiel eine weitere Stimme ein. Männlich, rau, leicht nasal. Jeremy Starks, Morgans Partner. Ich war ihm ein paarmal begegnet, daher kannte ich seine markante Stimme.

Starks: „Dann taucht er heute morgen wieder auf.“

Ray: „Na und?“

Starks: „Warum war er also dort?“

Ray: „Er arbeitet an einem Fall.“

Starks: „Was für ein Fall?“

Ray: „Kann ich nicht sagen.“

Morgan: „Wir wissen alles über den Schutz von Klienten.“

Ray: „Hört sich nicht so an.“

Morgan: „Ray, meinst du nicht, ein kleines bisschen Kooperation wäre hier angebracht? Oder hast du vor, wie üblich den Esel zu spielen?“

Ray: „Der Esel steht mir gut.“

Zeit mich blicken zu lassen. Ich ging hinaus auf die Terrasse. Nicole folgte mir. Ray saß auf seinem üblichen Platz, Laptop und Papiere auf dem Tisch vor sich, eine Dew in der Hand. Morgan saß ihm gegenüber. Starks stand an das Geländer gelehnt, mit dem Rücken zum Strand, die Arme vor der Brust verschränkt. Groß, schlaksig, mit einem schmalen Gesicht und einer hervorstehenden Nase, war er in der High School ein großartiger Wide Receiver im Footballteam gewesen. Oben in Foley. Dieselbe Gegend, die auch Alabama All-Americans Kenny Stabler und DJ Fluker hervorgebracht hatte. Starks war ein Scheißkerl, aber nicht so schlimm wie Morgan.

Starks Blick erfasste mich und seine Augen leuchteten auf. „Da ist er ja.“

Ich stellte Nicole vor. Die drei Männer nickten, und sie alle, auch Ray, sahen sie von oben bis unten an.

„Was ist los?“, fragte ich und spielte den Unschuldigen.

„Du“, sagte Morgan. „Ich habe ein paar Fragen an dich.“

Ray stand auf und schob seinen Stuhl zurück. Er sah mich an. „Auf ein Wort.“ Er nickte mit dem Kopf in Richtung Küche.

„Keine gute Idee, Ray. Ich möchte keine Klage gegen dich wegen Behinderung der Ermittlung einreichen.“

„Das wirst du nicht.“

Morgan kniff die Augen zusammen und spannte seine Kiefermuskeln an.

Ray starrte zurück und gab keinen Millimeter nach. „Wenn du also keinen Haftbefehl gegen mich oder Jake hast, gehe ich nun auf ein Wort mit meinem Sohn nach nebenan.“

Morgan zuckte mit den Schultern und winkte ab.

In der Küche fragte Ray: „Wart ihr zwei letzte Nacht zusammen?“

Nicole lächelte. „Die ganze Nacht.“

Ray verdrehte die Augen. „Morgan wird fragen. Ich möchte nur, dass dieser Punkt klar ist.“

„Wir haben kein Video oder so gemacht“, sagte Nicole. „Zumindest nicht von uns.“

„Versteht das nicht falsch“, er nickte Nicole zu, bevor er mich mit seinem Blick fixierte, „aber ich halte ein Date während einer Observierung für keine gute Idee.“

„Sie war wirklich eine große Hilfe“, sagte ich.

Ray schüttelte den Kopf. „Immer dasselbe.“

„Immerhin haben wir das Video“, sagte ich.

„Und ihr habt die Geheimhaltung verletzt. Woher weißt du, dass du ihr trauen kannst?“

„Hey“, sagte Nicole. Die Schärfe in ihrer Stimme war für Ray bestimmt. „Sprecht nicht über mich. Sprecht mit mir.“

„Okay, woher soll ich wissen, dass du das, was du nun weißt, vertraulich behandeln wirst?“

Nicole straffte die Schultern und hob ihr Kinn. „Das kannst du nicht.“

„Sehr richtig.“

„Und ich weiß ebenfalls nicht, ob ich euch Typen vertrauen kann“, sagte Nicole. „Das stimmt nicht ganz.“ Sie sah mich an. „Ich glaube, dass ich Jake vertrauen kann. Obwohl ich nicht sicher bin, warum ich das denke.“

Ray stieß ein Grunzen aus. „Weil er charmant ist. Zumindest zu denen mit deiner Überzeugungskraft.“

„Überzeugungskraft?“, fragte Nicole stirnrunzelnd.

„Jung, hübsch, weiblich.“

„Ist das ein Kompliment?“

Ray zuckte mit den Schultern.

„Sehen Sie“, sagte Nicole. „Jake hat mich da mit hineingezogen, und nun bin ich hier. Kommen Sie damit klar.“

Ray zögerte und lachte dann. „Jake, ich mag dieses Mädchen. Sie scheint nicht zu den üblichen Hohlköpfen zu gehören, die du sonst aus der Herde fängst.“

„Aus der Herde?“, fragte Nicole.

„Vielleicht nicht die beste Redewendung“, sagte Ray. „Aber das sage ich dir, du hast Mumm.“

Nicole lächelte ein weiteres Mal perfekt. „Ich fühle mich so geliebt. Ganz warm im Innern.“

„Das war letzte Nacht“, sagte ich.

Sie sah Ray an. „Haben Sie ihm nicht beigebracht, dass ein Gentleman genießt und schweigt?“

„Gott weiß, ich habe versucht ihm so einiges beizubringen. Jake hört allerdings nicht immer zu.“

„Das habe ich bereits bemerkt.“

Wie war ich zum Ziel all dessen geworden? Zeit für einen Themawechsel. „Was ist hier los?“

„Ich habe darüber nachgedacht“, sagte Ray. „Ich sehe keine Möglichkeit, ihm das Video vorzuenthalten. Nicht dass ich nicht liebend gern seinen Nippel ein bisschen verdrehen würde.“ An Nicole gewandt sagte er: „Sorry.“

„Mein Gott, ich habe das Wort nie zuvor gehört.“

Ray lächelte tatsächlich. Sein Lächeln verschwand, als er wieder mich ansah. „Das Video zurückzuhalten wäre Behinderung der Ermittlung. Könnte mich meine Lizenz kosten. Das ist es mir nicht wert. Erst recht nicht, um Walter zu schützen, den alten Kriecher.“

Rays Abneigung gegen Tammy hatte sich vor langer Zeit auf Walter ausgeweitet. Nicht weiter erwähnenswert, dass er und Walter oft vor Gericht aneinandergeraten waren. Sie hatten nichts füreinander übrig.

Ray fuhr fort. „Du hast keinen Zweifel daran, dass der Typ, den du gefilmt hast, Walter war?“

„Nein. Du wirst es sehen. Außerdem hat er es zugegeben.“

Ray hob eine Augenbraue.

„Aber er streitet ab, irgendetwas mit Barbara Clammers Tod zu tun zu haben“, sagte ich.

„Glaubst du ihm?“

„Das tue ich tatsächlich. Er schien von den Neuigkeiten schockiert zu sein.“

Nicole nickte zustimmend. „Oder er ist ein sehr guter Schauspieler.“

„Das sind Anwälte meistens“, sagte Ray.

„Nicht Walter“, sagte ich. „Er wäre ein lausiger Pokerspieler. Er könnte nicht einmal einen Fünfjährigen in Go Fish schlagen.“

Ray zögerte. „Okay, lasst es uns hinter uns bringen.“

Ray holte Morgan und Starks herein, während ich meinen Laptop startete und mit dem Sechzig-Zoll-Flachbildschirm verband, der an der Wohnzimmerwand hing. Sie setzten sich gegenüber vom Bildschirm auf das Sofa.

„Dieses Video wurde letzte Nacht aufgenommen“, sagte ich. „Wir waren am Strand, etwa fünfzig Meter vom Haus der Clammers entfernt.“

„Sie war also das Ziel eurer Überwachung?“, fragte Morgan.

„Das war sie“, sagte Ray.

„Wer ist der Auftraggeber? Der Ehemann? Henry?“

Ray zuckte mit den Schultern. Nicht gerade ein Eingeständnis, aber Morgan verstand.

„Spiel das Video ab“, sagte Morgan.

Wir sahen, wie Walter ins Haus ging. Wie er und Barbara sich umarmten. Der Wein in der Küche. Ich hielt das Video kurz in einer Einstellung an, die Walters Gesicht deutlich über Barbaras Schulter zeigte. Als würde er direkt in die Kamera schauen. Sie stiegen die Treppe hinauf. Wir sahen die schattenhaften Bewegungen hinter den Gardinen, bevor der Raum dunkel wurde. Das zweite Video zeigte Walter, als er das Haus verließ und den Strand hinauf verschwand.

„Ich habe auch eine Audiodatei, die ich euch geben kann“, sagte ich.

Morgan beugte sich nach vorn und knetete seine Nasenwurzel, als verspürte er einen beginnenden Kopfschmerz. „Ich hatte gehofft, das hier wäre irgendein Schurke, der einbrechen wollte, wobei etwas schiefging. Walter Horton ist ein vollkommen anderes Kaliber.“

Stimmt. Walter war ein großer Fisch. Sehr respektabel. Mit mächtigen Freunden. Übernahm so ziemlich jeden wichtigen Fall im County.

„Die Medien werden sich darauf stürzen“, sagte Starks.

„Wir hatten eine kleine Unterhaltung mit Walter“, sagte ich. „Gerade bevor wir hierher gekommen sind.“

„Und?“

„Er hat zugegeben, dass er eine Affäre mit Barbara hatte. Er sagte, er liebte sie.“

„Tammy wird ihn aufspießen“, sagte Ray.

„Sie ist ziemlich gut mit einem Golfschläger“, sagte Nicole.

„Unangebrachte Liebe ist immer ein Mordmotiv“, sagte Morgan.

„Er hat abgestritten, sie umgebracht zu haben“, sagte ich. „Er sagte uns, er wüsste nichts darüber.“

Starks sah mich an, als wollte er sagen: „Und das glaubst du?“

„Was hätte er denn sagen sollen?“, fragte er.

„Stimmt. Aber ich glaube ihm.“

„Walter hat besser sein eigenes Video parat“, sagte Morgan. „Eines, das Barbara Clammer lebendig und wohlbehalten zeigt, als er sie verlassen hat.“ Er stand auf. „Schätze, wir gehen besser und plaudern ein bisschen mit ihm.“

„Eins noch“, sagte ich. „Was war die Todesursache?“

„Warum ist das für dich von Bedeutung?“, fragte Morgan.

„Weil wir nichts gehört haben. Kein Kampf, keine Schreie, keine Schüsse oder irgendetwas in der Art.“

Morgan zögerte und sagte dann: „Das verlässt nicht diesen Raum, verstanden?“

„Wir haben verstanden“, sagte Ray.

Er sah Nicole an. „Das gilt auch für dich, junge Lady.“

Nicole machte eine Reißverschlussgeste über ihren Lippen. Über diesen wundervollen, perfekten Lippen. „Ich kenne keinen, der hier involviert ist. Außer der Ex und die ist verrückt.“

Morgan lächelte fast. Es war mehr ein leichtes Zucken seines Mundwinkels. „Barbara Clammer wurde in ihrem Bett ermordet. Ein einzelner Schuss in die Stirn. Sah so aus, als hätte sie es nicht kommen sehen.“

„Denkt ihr, es war ein Profi?“, fragte Ray.

Morgan zuckte mit den Schultern. „Oder, entgegen Jakes Meinung, Walter.“

„Also vögelt er die Frau, von der er behauptet, dass er sie liebt, und schießt ihr dann in den Kopf?“, fragte ich. „Ergibt das einen Sinn?“

„Mord ergibt nie einen Sinn“, sagte Morgan. „Nebenbei bemerkt habe ich genau dieses Szenario schon gesehen.“

„Aber Walter? Er hat dafür nicht die Cojones. Ich kann mir Walter, das Weichei, nicht bei so etwas vorstellen.“

„Es sind oft die Weicheier, die häusliche Gewalt ausüben“, sagte Starks.

Ich schüttelte den Kopf. „Nicht Walter.“

„Trotzdem“, sagte Ray, „nach deiner Beschreibung der Szene klingt es eindeutig wie ein Profi.“

Morgan kratzte sich am Ohr. „Kann sein. Sieht nach einem kleinen Kaliber aus. Der Einschuss war genau in der Mitte. Nichts sonst wurde berührt. Als wäre er einfach hereingekommen, hätte sie erschossen und wäre wieder gegangen. Also ja, ich würde sagen, das riecht nach einem Profi. Nichts Häusliches. Kein Gerangel, kein Kampf, einfach ein eiskalter Mord.“

„Also, wenn nicht Walter, wer dann?“, fragte ich.

„Ihr zwei vielleicht?“

Ich schenkte ihm mein bestes Lächeln. „Wir waren damit beschäftigt ein Video zu machen.“

„Wollte euch nur ein bisschen ärgern“, sagte Morgan. „Ich nehme an, ihr habt da draußen niemanden sonst gesehen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Niemanden.“

„Wie lang wart ihr dort?“

Ich sah Nicole an. „Drei Stunden, maximal. Wir kamen kurz vor zehn Uhr an. Walter ging kurz nach Mitternacht. Da wir hatten, was wir wollten, packten wir zusammen und verschwanden kurz nach ihm.“

„Habt ihr eine Ahnung, wann genau sie ermordet wurde?“, fragte Ray.

„Anhand der Kerntemperatur, die die Techniker bestimmt haben, irgendwann zwischen zehn und zwei. Grob geschätzt jedenfalls.“

„Wer hat sie gefunden?“, fragte Ray.

„Die Putzfrau.“

„Jemand muss vorbeigekommen sein, nachdem Walter gegangen war“, sagte ich. „Nachdem wir gegangen waren.“

„Vielleicht.“ Morgan stand auf. Er schob seine Hände in die Hosentaschen und wippte leicht auf seinen Absätzen. „Was uns sämtliche Möglichkeiten eröffnet.“

„Wie Auftragsmord?“, fragte Ray.

Morgans Gesichtsausdruck blieb leer. „Wusste Henry von der Affäre?“

Ray sah ihn seinerseits ausdruckslos an.

„Du musst es mir nicht sagen“, sagte Morgan. „Er ist dein Klient. Sonst passt nichts. Geht es nicht immer um einen unberechenbaren Ehepartner, der einen in diese Dinge hineinzieht?“

„Manchmal.“

„Henry engagiert jemanden. Der Typ kommt vorbei, wenn Henry nicht in der Stadt ist. Tausend Meilen weit weg. Die Frau wird erschossen. Er kann’s nicht gewesen sein. Richtig? Ich kenne die Geschichte.“

„Wenn das der Fall gewesen wäre“, sagte Ray, „warum sollte Henry mich beauftragen, Barbara zu überwachen? Es wäre wie seinen eigenen Zeugen zum Verbrechen zur Verfügung zu stellen.“ Als Morgan nicht antwortete, fuhr Ray fort. „Wenn der Schütze gefasst und dann von euch ausgequetscht worden wäre, hätte er sich womöglich gegen Henry gewandt. Also wäre es ein dummer Zug gewesen, mich zu engagieren. Und soweit ich Henry Clammer kenne, gehört Dummheit nicht zu seinen Eigenschaften.“

„Also wären wir wieder bei einem missglückten Einbruch“, sagte Starks.

„Die Hintertür war nicht verschlossen“, sagte ich.

„Und das weißt du woher?“, fragte Starks.

„Walter hat durch diese Tür das Haus verlassen. Barbara ist nicht heruntergekommen, um ihn zu verabschieden oder die Tür abzusperren oder so. Zumindest nicht, soweit wir beobachtet haben.“

Morgan nickte. „Es war nicht abgeschlossen. Keine Anzeichen gewaltsamen Eindringens. Und die Alarmanlage war nicht eingeschaltet.“

Ray verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist mit Tammy?“

Ich sah ihn an. „Tammy als Mörderin von Barbara? Nie im Leben.“

„Nicht sie selbst“, sagte Starks. „Vielleicht hat sie jemanden engagiert.“

„Wusste sie von der Affäre?“, fragte Morgan.

Niemand hatte darauf eine Antwort, aber ich sagte: „Ich bezweifle es.“

„Warum?“, fragte Morgan.

„Davon hätte ich gehört.“

„Wie das? Du bist ihr Ex.“

„Tammy ruft ständig bei mir an und erzählt mir ihre Probleme. Ich habe keine Ahnung warum, aber sie muss immer über alles reden, und ich bin – wie soll ich sagen? – sicher.“

„Sicher?“

„Merkwürdig, ich weiß. Aber ich glaube es ist, weil ich weiß, dass sie verrückt ist. Wenn sie verrücktes Zeug redet oder schimpft – ich kenne das alles. Sie fühlt sich dann nicht bloßgestellt.“

„Merkwürdig ist richtig“, sagte Morgan.

Ich lächelte. „Sonderbarkeit ist ihre liebenswerteste Eigenschaft.“

„Dennoch …“

Ich schüttelte den Kopf. „Tammy würde so etwas nicht tun und sie würde auch niemanden dafür engagieren. In Wahrheit liebt sie Walter tatsächlich. Sie würde ihm sogar einen Seitensprung vergeben.“

Morgan nickte. „Sprichst du aus Erfahrung?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Kann man so sagen.“

Alle wurden still und wogen die Möglichkeiten gegeneinander ab, versuchten diejenige herauszufiltern, die den meisten Sinn ergab.

„Was wenn Walter das Ziel gewesen ist?“, fragte Nicole.

Alle sahen sie an.

„Ich meine, nicht direkt. Vielleicht wollte jemand ihm den Mord an Barbara in die Schuhe schieben. Jemand, der mit ihm Streit hat. Jemand, der von der Affäre wusste. Jemand, der wusste, dass er in dieser Nacht dort sein würde und um welche Zeit er üblicherweise kam und ging.“

„Kam und ging?“ Morgan hob eine Augenbraue.

„Okay, unglückliche Wortwahl“, sagte Nicole lächelnd. „Aber Walter ist ein Anwalt. Anwälte haben Feinde. Kriminelle Feinde. Solche, die sich nicht scheuen würden zu töten oder jemandem einen Mord in die Schuhe zu schieben. Und Walter hat Geld. Reiche Leute haben reiche Feinde. Solche, die es sich spielend leisten können, einen Profi zu engagieren.“

Morgans Stirn legte sich in Falten und sein Blick ging ins Leere, als er über das Gesagte nachdachte.

„Henry ist im Softwaregeschäft, oder?“, fragte Nicole.

Morgan nickte. „Er hat sein erstes Vermögen in dieser Welt gemacht. Nun macht er das zweite in der Welt der Immobilien.“

„Also war vielleicht Henry das Ziel“, sagte Nicole. „Nur war er nicht zu Hause. Oder jemand wollte ihm den Mord in die Schuhe schieben. Ich meine, ein paar von diesen Software-Typen sind kleine Gangsta-Rapper. Viel Geld aber nicht viel Problemlösungstalent. Vielleicht hat ein Konkurrent jemanden engagiert, um Henry zu töten oder um ihm den Mord an Barbara in die Schuhe zu schieben, wusste aber nicht, dass Henry nicht hier ist. Es ist schwierig, jemanden zu töten, der nicht hier ist. Und genauso schwierig, jemandem etwas in die Schuhe zu schieben, der tausend Meilen weit weg ist.“

Ich sah sie ehrfürchtig an. Je mehr ich von ihr sah, desto mehr war ich beeindruckt. Schönheit und Klugheit. Ich war auf dem besten Weg, mich Hals über Kopf in diese Frau zu verlieben.

„Hast du dir das allein ausgedacht?“, fragte Morgan.

Sie straffte ihre Schultern und sah ihn mit einem Blick an, der Stahl schmelzen konnte. „Manche Blondinen sind eben nicht blöd.“

Morgen hob abwehrend seine Hände. „Sorry. Tatsächlich bin ich beeindruckt. Gute Gedanken.“

„Aber ich habe es mir nicht allein ausgedacht“, sagte Nicole. „Vor ein paar Jahren, drüben in Kalifornien, Orange County, ist dasselbe passiert. So ein Software-Typ hat die Frau seines Konkurrenten umgebracht. Er hat versucht, es dem Ehemann in die Schuhe zu schieben. Sie hatten vor Gericht über einen Vorwurf der Verletzung von Patentrechten gestritten. Es ging um einen Haufen Geld. Paar hundert Millionen, wenn ich mich richtig erinnere. Ein Typ hat verloren und einen Profi engagiert, um dem anderen Typ den Mord in die Schuhe zu schieben. Es ist also keine besonders originelle Idee.“

„Aber immer noch eine gute“, sagte Starks.

„Sie ist Drehbuchautorin“, sagte ich, als würde das Nicoles Betrachtungen erklären. Was es in vielerlei Hinsicht auch tat.

„Das ist aus welchem Grund relevant?“, fragte Morgan.

„Sie denkt sich Geschichten aus“, sagte ich. „Schreibt Drehbücher.“

Nicole verdrehte die Augen. „Aber diese hier würde in Hollywood nicht gehen. Zu alltäglich. Einen geschäftlichen Konkurrenten, der einen Killer engagiert, hat es schon tausendmal gegeben.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wenn es Aliens aus dem Weltraum oder Killer-Artischocken wären, dann würde Hollywood sich darauf stürzen.“

„Ich denke nicht, dass wir es hier mit mörderischem Gemüse zu tun haben.“ Morgan lächelte und sah dann jeden von uns der Reihe nach an. „Noch irgendwelche Ideen für eine Geschichte?“

Niemand antwortete.

Dann sagte Morgan zu Nicole und mir: „Wir werden von euch beiden eine Aussage aufnehmen müssen.“

„Kein Problem“, sagte ich.

„Und wir werden deinen Laptop brauchen.“

„Nicht ohne Befugnis“, sagte Ray. „Aber wir werden euch eine DVD mit den Video- und Audiodateien brennen.“

„Das wird fürs Erste genügen.“

Während ich die Dateien kopierte, schweiften meine Gedanken zu Tammy. Auf der einen Seite tat sie mir leid. Ihr Ehemann hatte sie betrogen und wurde möglicherweise wegen Mordes angeklagt, die Polizei würde mit einem Durchsuchungsbefehl auftauchen und ihr Haus auf den Kopf stellen. Ihre Welt würde aus den Fugen geraten. Tammy, der Kontrollfreak, würde all das nicht gut verkraften. Sicher war sie eine durchgeknallte Zicke, aber hatte sie das alles verdient?

Auf der anderen Seite tat ich mir selbst leid. Wenn Walter erst einmal festgenommen oder zumindest als Verdächtiger benannt werden und die Pressemeute vor ihrem Haus campieren würde, würde Tammy komplett zusammenbrechen. Und wenn ihr klar wurde, dass es mein Video war, das das Unglücksrad in Walters Richtung gedreht hatte, würde ihre ganze Wut sich gegen mich richten. Ein Super-GAU.

Ich spürte heraufziehende Kopfschmerzen. Oder einen Tumor. Vielleicht ein Aneurysma.

Kapitel zwölf

Detective Bob Morgan war unruhig. Er wollte so schnell wie möglich mit Walter sprechen. Bevor dieser sich eine glaubhafte Geschichte ausdenken konnte. Wenn es denn eine gab. Aber wenn jemand eine Geschichte heraufbeschwören konnte, dann ein fähiger Anwalt wie Walter. Als er mit Starks im Auto saß, rief er in Walters Kanzlei an, nur um zu erfahren, dass er in einer Anhörung steckte. Die Sekretärin sagte, dass er in etwa einer halben Stunde fertig wäre. Er zog in Betracht, in die Anhörung hineinzuplatzen und sie zu beenden, entschied aber, dass eine Szene vor Klienten und einer Handvoll anderer Anwälte vielleicht nicht der beste Weg war. Könnte Negativwerbung für seine Abteilung bedeuten. Und hatten sie davon nicht genug seit dieser Schießerei vor drei Wochen, an der Polizisten beteiligt waren? Die Tatsache, dass der Bösewicht drei Kugeln durch die Windschutzscheibe des Streifenwagens geballert hatte, bevor er selbst ein paar in die Brust bekam, schien den Ärger mit der lokalen Presse nicht kleiner zu machen.

Außerdem wollte er Walter nicht verärgern. Er wollte ihn zumindest teilweise empfänglich für eine Befragung haben.

Nun lehnten er und Starks also an dem Holzgeländer, das die Marina von The Wharf umgab, und aßen Eis. Er Kirsche, Starks Ananas.

Morgan sah einer Zwölf-Meter-Chris-Craft zu, die auf den Anleger zuglitt. Ein Mietboot, das von einer morgendlichen Angeltour zurückkehrte. Zwei Paare mit leuchtend roter Haut, die ein Bedürfnis nach mehr Sonnencreme nahelegte, kletterten über die Reling und warteten, während die Drei-Mann-Besatzung mehrere große, silberne Fische in orangefarbene Plastikkisten legten und sie mit Eis überhäuften.

„Was denkst du?“, fragte Starks.

„Ich denke, dass Walter komplett am Arsch ist.“

„Er könnte unschuldig sein.“

„Er ist trotzdem am Arsch“, sagte Morgan. „So etwas klebt einem wie Hundescheiße am Fuß. Du kannst es abkratzen, aber der Gestank bleibt.“ Er aß das Eis auf und warf den Papierbecher in eine blaue Mülltonne.

„Er wird es so oder so leugnen“, sagte Starks.

„Tun sie das nicht alle?“

Wie oft hatte er in den zwanzig Jahren, in denen er diesen Beruf ausübte, solche Unschuldsbeteuerungen schon gehört? Tausendmal vielleicht. Selbst die größten Verbrecher stritten jegliche Beteiligung ab. Natürlich regte er sich darüber nicht auf. Es war nicht sein Job zu entscheiden, wer schuldig war und wer nicht. Er musste nur die Fakten ausgraben. Und einen Verdächtigen bis zu dem Punkt zermalmen, an dem ein Geständnis die einzige Möglichkeit zu sein schien. Tief in seinem Innern gab er nichts auf diesen ganzen Unschuldig-bis-zum-Schuldbeweis-Blödsinn. Er begann mit schuldig und arbeitete sich von dort zurück. Letzten Endes wären sie ja nicht auf seinem Radar aufgetaucht, wenn sie nicht schuldig oder zumindest potenziell schuldig wären.

Aber er musste zugeben, dass Walter und kaltblütiger Killer nicht zusammenpasste. Er war zu – wie soll man sagen? – sanft. Kein testosterongefüllter Macho. Allerdings war Gladys McComber das auch nicht gewesen. Vor zwei Jahren. Eine Aushilfslehrerin und Mitarbeiterin in der Bibliothek. Klein, zerbrechlich, farblos, ruhig. Und doch hatte sie den Schädel ihres Mannes mit einem Baseballschläger zertrümmert. Während er schlief. Dann hatte sie versucht, seinen Körper mithilfe von Säure in einer Metallwanne im Hinterhof aufzulösen. Hat nicht geklappt. Die Säure fraß die Wanne und die Dämpfe alarmierten einen Nachbarn. Auch die besten Pläne konnten schiefgehen. Also könnte Walter Barbara um die Ecke gebracht haben? Auf jeden Fall.

„Kannst du dir vorstellen, dass Henry hinter alldem steckt?“, fragte Starks. Er aß weiter sein Eis.

„Möglich. Für manche Menschen ist Scheidung ein Fremdwort. Erinnerst du dich an den Petersen-Fall? Drüben in Kalifornien? Oder der andere Petersen oben in Chicago? Wie auch immer, wenn Henry von Walter und seiner Frau wusste – und er musste zumindest einen Verdacht gehabt haben, sonst hätte er Ray nicht engagiert –, hätte er sich um beide kümmern können.“

„Du meinst, dass die Mörder Walter irgendwie verpasst haben? Zu spät kamen oder so?“

Morgan nickte langsam. „Oder Barbara umbringen und es Walter in die Schuhe schieben würde zum selben Ergebnis führen.“

„Wie diese Nicole gesagt hat?“

Morgan nickte. „Ich habe merkwürdigere Szenarios gesehen.“

„Teuflisch.“

„Sehr richtig.“

„Aber wir wissen nicht, dass Henry Ray beauftragt hat“, sagte Starks.

„Hat er. Alles andere ergibt keinen Sinn.“

Morgan sah den beiden sonnenverbrannten Männern zu, die die Rampe hinaufstolperten, die Kiste mit dem Fisch zwischen sich, die sie beim Gehen behinderte. Die Frauen folgten und redeten beide zur selben Zeit, wobei sie wild gestikulierten. Die Männer hievten die Kiste in den Kofferraum eines blauen Chevy SUV mit Missouri-Kennzeichen und einem Aufkleber der Kansas City Chiefs auf der Heckscheibe.

„Gibt es Neuigkeiten bezüglich Henrys Rückkehr?“, fragte Starks.

„Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass er immer noch versucht, einen Flug von New York zu bekommen. Ich nehme an, er wird heute Abend zurückkehren. Spätestens morgen früh. Er sagte, er würde anrufen, sobald er es weiß.“

Starks aß sein Eis auf und warf den Becher in den Müll. Er zog ein paar Taschentücher aus seiner Jackentasche und wischte sich die Hände ab.

„Sie ist eine wahre Schönheit“, sagte Starks.

„Wer?“

„Nicole.“

Morgan nickte. „Ja, das ist sie.“

„Das ist typisch Jake Longly. Er kriegt immer die Sahnestücke. Anscheinend kriegen die gutaussehenden Typen immer solche Mädchen ab.“

Das stimmte. Jake war vielleicht einsneunzig, schlank und durchtrainiert. Er sah aus, als könnte er immer noch bei den Großen mitspielen. Er strahlte das Selbstvertrauen eines Sportlers aus. Das kotzte Morgan irgendwie an.

Morgan grunzte. „Sein Aussehen ist nicht sein Problem. Sondern dass er sich von seinem Schwanz steuern lässt.“

„Ein Mädchen wie die könnte mich jederzeit überallhin führen.“

„Genau meine Meinung.“ Morgan sah auf seine Armbanduhr. „Lass uns nachsehen, ob Walter fertig ist.“

Kapitel dreizehn

Sobald die anderen Anwälte ihre Papiere zusammenpackten und die Schlösser an ihren Aktenmappen einrasten ließen und die Gerichtsreporterin ihre Ausrüstung in einem kleinen Rollkoffer verstaute, geleitete Walter sie hinaus. Er schloss die Tür und sah sich in dem leeren Wartebereich um. War das seine Zukunft? Also, wenn er nicht ins Gefängnis kam. Ungeachtet seiner Unschuld konnte auch der kleinste Hauch eines Skandals seine Klienten ebenso schnell verschwinden lassen wie Wasser, das man auf heißen Asphalt sprüht. Er hatte seine Nachmittagstermine abgesagt, war er doch gerade nicht in der Stimmung, sich die Probleme anderer anzuhören. Er hatte davon selbst genug.

„Detective Morgan hat angerufen“, sagte Connie.

Walter seufzte. „Was wollte er?“

„Mit dir sprechen. Ich sagte ihm, du seist in einem Meeting. Er sagte, er käme vorbei.“

So fing es also an.

Walter nickte und ging in sein Büro, wo er sich in seinen Zweitausend-Dollar-Ledersessel fallen ließ. Sein Leben war ein gottverdammtes Chaos. Die Anhörung war ein gottverdammtes Chaos gewesen. Er konnte sich nicht konzentrieren. Konnte kaum sprechen. Sein Hirn fühlte sich wie Teig an und seine Kehle, als wäre sie mit Ruß überzogen. Der Schreiber hatte bestimmt ein dutzendmal gesagt: „Können Sie das wiederholen?“ Er würde sich die Abschrift später in erster Linie durchlesen müssen, um zu wissen, welche Fragen er gestellt hatte, und weit weniger wegen der Antworten.

An einer Stelle, als seine Fragen wie ein steuerloses Boot dahindrifteten, hatte der Berater der Gegenseite eine Verschiebung des Termins vorgeschlagen.

Nein, er wollte keinen neuen Termin. Er wollte das hier beenden. Er wollte sich um seinen eigenen Fall kümmern. Um seine eigene Verteidigung.

Seine eigene Verteidigung? Diese Worte schienen so fremd. Wie hatte das passieren können? Er ein Verdächtiger? Er machte sich darüber keine Illusionen. Und selbst, wenn er es durch irgendein Wunder noch nicht war, würde er es bald sein. Wenn Morgan bereits herumschnüffelte, konnte das nur bedeuten, dass er schon mit Jake Longly gesprochen hatte. Vielleicht hatte er schon das verdammte Video gesehen. Der verdammte Longly würde ihm die Schlinge um den Hals legen. Vielleicht hätte er ihm nicht die Frau wegnehmen sollen. Aber das stimmte nicht wirklich. Jake hatte Tammy schon lange verloren, bevor Walter auf der Bildfläche erschienen war. Natürlich musste Jake das nicht unbedingt so sehen. Walter hatte ihn während der Scheidung recht gut ausgenommen.

Walter hatte Kopfschmerzen und sein Magen rumorte. Was sollte er tun? Barbara war tot. Morgan zeigte in seine Richtung. Als wäre er irgendein Kleinkrimineller. Wie so viele seiner eigenen Klienten. Aber er war nicht wie sie. Er war ein respektabler Profi. Der beste gottverdammte Anwalt im County. Da konnte man jeden fragen. Warum fühlte sich seine Brust dann so zugeschnürt an? Warum zitterten seine Hände? Warum fühlte er sich so … schuldig?

Weil er es war. Zumindest des Betrugs an Tammy. Weil er seinen Bedürfnissen nachgegeben hatte. War das alles, was er mit Barbara hatte? Ein Bedürfnis? Und wenn, warum hatte er diese Ablenkung gebraucht? Was sagte das über ihn aus? Über Tammy? Über ihre Ehe?

Er zuckte zusammen, als die Gegensprechanlage summte.

„Ja, Connie“, sagte er.

„Die Detectives Morgan und Starks sind hier.“

„Gib mir ein paar Minuten und schick sie dann herein.“

„Mach ich.“

Hervorragend. Der Zirkus begann und er hatte noch nicht einmal angefangen, sich zu überlegen, wie er damit umgehen wollte. Er ging auf wackligen Beinen in sein privates Badezimmer. Der Spiegel zeigte ein Bild, das er kaum erkannte. Er sah krank aus, blass und verängstigt, und hatte Schweißperlen auf seiner Stirn und seiner Oberlippe. Nicht gerade das Bild vom Gerichtshelden, das er immer zu vermitteln versuchte. Er benetzte sein Gesicht mit kaltem Wasser. Es half nicht. Er entschied, dass es auch nichts bringen würde, sich zu übergeben, obwohl es sich so anfühlte, als würde es das.

Er setzte sich in seinen Sessel, als die Tür sich öffnete.

Morgan setzte sich ebenfalls und sah ihn über den Tisch hinweg an. Starks blieb stehen, und seine schlaksige Einsfünfundneunzig-Figur trug zu Walters Einschüchterung bei. Walter hatte gehofft, dass Morgan auf freundliche Art vorbeischauen würde. Zwanglos. Aber ein Blick in sein versteinertes Gesicht sagte Walter, dass Morgan und Starks nicht Guter-Cop-böser-Cop spielen wollten. Eher Böser-Cop-noch-schlimmerer-Cop. Er spürte auch, dass die beiden Polizisten alles wussten. Über ihn und Barbara. Das Video.

Setz dein Pokerface auf, Walter.

Ein Dutzend Anwalttricks wirbelten in seinem Kopf herum. Täuschungen, Finten, Wendungen – die ganzen üblichen Gerichtsmanöver. Dinge, die seine zweite Natur waren. Er hatte sie bereits zuvor gegen Morgan verwendet. Morgan war zäh, schlau und immer vorbereitet, aber Walter hatte es ein paarmal geschafft, ihn geschickt umzudrehen. Vor Gericht. Wo er Heimvorteil hatte. In seinem eigenen Büro hätte er auch die Oberhand haben sollen, aber als er dort saß, in diesem Moment, wusste er, dass alle Karten auf Morgans Seite des Tischs lagen.

„Erzähl“, sagte Morgan.

Walter versuchte, sein unschuldigstes Gesicht aufzusetzen. „Was soll ich erzählen?“

„Walter, wir befinden uns hier weit jenseits des Rumgelabers, okay? Wir haben das Video gesehen. Haben gesehen, wie du von einem Tatort davongeschlichen bist. Also erzähl.“

„Ich habe sie nicht umgebracht. Ich schwöre es.“

Statt auf Walters Unschuldsbeteuerung einzugehen, sah er ihn weiterhin ausdruckslos an. Walter kannte den Polizistentrick. Morgan sah einfach zu, wie der Druck sich bildete. Und das tat er. In Walters Kopf und in seiner Brust.

Schließlich seufzte Walter. „Ja, wir haben uns getroffen. Ja, ich war letzte Nacht bei ihr. Aber als ich sie verließ, ging es ihr gut.“

„Wie lang ging das mit euch?“

„Eine Weile. Fast ein Jahr. Es war nicht geplant. Ist einfach passiert.“

„Wie es solche Dinge üblicherweise tun“, sagte Starks.

Walter massierte seine Schläfen. „Ich weiß, dass das schlecht aussieht. Ich weiß, dass ich der Verdächtige Nummer eins sein muss. Aber ich habe ihr nichts getan.“ Ein kurzes Schluchzen entfuhr ihm. „Ich hätte es nicht gekonnt. Es einfach nicht gemacht.“

„Weißt du, wie oft ich das schon gehört habe?“, fragte Morgan. „Zu oft.“

„Ich weiß“, sagte Walter. „Aber ich schwöre, ich habe sie nicht umgebracht. Ich habe sie geliebt.“

Und da war sie. Die Wahrheit. Und nebenbei eines der ältesten Mordmotive. Liebe, Hass – mächtige Seiten derselben Münze.

„Wenn nicht du, wer dann?“, fragte Morgan.

Mit dieser Frage hatte Walter nicht gerechnet. Er hätte es tun sollen, aber im Moment lief sein Gehirn nicht auf allen Zylindern. Die Kraftstoffleitung war regelrecht blockiert.

„Ich habe keine Ahnung.“

„Henry? Glaubst du, er könnte involviert sein?“, fragte Morgan.

„Er ist nicht in der Stadt.“

Morgan lehnte sich nach vorn, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und sah Walter direkt an. Walter konnte den Knauf von Morgans Dienstwaffe sehen, der unter dem Bund seiner Jacke hervorlugte.

„Das habe ich nicht gefragt“, sagte Morgan. „Meinst du, er könnte jemanden engagiert haben?“

„Auf keinen Fall. Nicht Henry.“

„Aber er wusste von der Affäre, richtig?“, sagte Starks.

„Nein. Ich bin sicher, dass er das nicht tat.“

„Aber er hat Ray Longly beauftragt“, sagte Morgan.

Walters Schultern wurden plötzlich bleischwer. Er sackte nach vorn. „Im Moment weiß ich gar nichts.“ Er sah zu Morgan auf. „Nichts davon ergibt irgendeinen Sinn.“

„Das tun Mordfälle oft nicht. Es gibt immer andere Wege, Probleme zu lösen und Dinge wieder in Ordnung zu bringen, aber aus irgendwelchen Gründen sehen Mörder diese selten. Bis es zu spät ist, dieses schlechte Urteilsvermögen abzulegen.“

Walter spürte Tränen hinter seinen Lidern. Er wollte verdammt sein, wenn er sie hinausließ. Nicht hier vor Morgan.

„Besitzt du eine Waffe?“, fragte Morgan.

„Drei. Ich habe eine hier im Büro und zwei zu Hause. Eine von ihnen gehört eigentlich Tammy.“

„Ich brauche alle drei.“

„Kein Problem.“ Walter zog seine Schreibtischschublade auf und zog eine Achtunddreißiger in einem Holster heraus. Er gab sie Morgan. „Ich habe eine Erlaubnis. Sogar eine, sie verdeckt zu tragen. Aber ich nehme sie nur selten mit.“

„Walter, ich habe nicht die Absicht, deine oder meine Zeit mit den üblichen Fragen zu verschwenden. Ich weiß, um welche Zeit du gekommen und wann du gegangen bist. Ich weiß, dass dieses Zeitfenster mehr oder weniger den Todeszeitpunkt umfasst. Ich weiß, dass du die Mittel und die Gelegenheit hattest. Was ich nicht weiß, ist, ob du ein Motiv hast.“

Walter hob an zu sagen, dass er niemals Barbara oder sonst irgendwen töten würde und dass all das hier ihn nicht zu einem Schuldigen machte. Aber bevor er seine Gedanken organisieren und sprechen konnte, hob Morgan eine Hand, um ihn zu stoppen.

„Und ich weiß auch, dass du es mir nicht erzählen würdest, wenn du ein Motiv hättest“, sagte Morgan. „Aber aus der Beweislage geht hervor, dass entweder du es warst oder jemand, der deinen Zeitplan kannte, oder es war einfach ein total blöder Zufall. Alles in Ordnung für mich.“

„Ich war es nicht. Ich schwöre es. Und ich glaube nicht, dass Henry es war. Es muss jemand anders gewesen sein.“

Morgan stand auf. „Walter, das bedeutet alles nichts Gutes für dich.“

„Stehe ich unter Arrest?“

„Noch nicht. Nicht, wenn du einer Durchsuchung deiner Kanzlei und deines Hauses zustimmst. Wenn du dich weigerst, muss ich Befugnisse einholen, und wenn ich das tue, stelle ich dich unter Arrest.“

„Sicher.“ Er stand auf und hielt sich an der Schreibtischkante fest. „Ich habe nichts zu verbergen.“

Morgan hob eine Augenbraue.

„Nicht, was den Mord betrifft. Aber die Affäre? Sicher. Aber ich schätze, diese Scharade ist vorbei.“

Morgan nickte. „Wohl wahr.“

„Wonach werdet ihr suchen?“

„Aufzeichnungen, Computersachen, Telefonanrufe, Waffen, sowas. Also, was meinst du? Bist du einverstanden oder soll ich die Befugnis eines Richters einholen?“

„Ihr könnt suchen.“ Er nahm den Telefonhörer auf. „Ich werde Tammy anrufen und ihr Bescheid sagen.“

Morgan schüttelte den Kopf. „Nein. Ich müsste dann davon ausgehen, dass sie alle Beweise zerstören würde, bevor wir ankommen.“

„Natürlich.“ Walter legte den Hörer wieder auf die Gabel, wohl wissend, dass Tammy ausrasten würde, wenn die Polizei ohne Vorwarnung bei ihr auftauchte. „Vielleicht sollte ich euch begleiten.“

„Du bleibst hier. Es wird bald ein Team hier sein. Du musst ihnen helfen, nichts anzufassen, was unter dem Anwalt-Klienten-Schutz steht.“

Walter nickte. „Verstehe.“

„Gibt es davon irgendetwas bei dir zu Hause? Unterlagen über Klienten?“

„Nein. Das bleibt alles hier im Büro.“

„Und die Waffen? Die, die du zu Hause hast? Wo sollen meine Jungs danach suchen?“

„In den obersten Schubladen unserer Nachtschränkchen, beiderseits des Betts.“

Übelkeit kroch in Walters Magen nach oben. Er schluckte hart. „Wie …“ Seine Stimme brach. Seine Kehle fühlte sich an, als wäre sie mit Beton gefüllt. „Ich weiß nicht einmal, wie sie gestorben ist.“ Als Morgan nicht antwortete, sprach Walter weiter. „Sie muss erschossen worden sein.“

„Warum glaubst du das?“

„Warum sonst würdet ihr meine Waffen wollen?“

„Du weißt, dass ich diese Information nicht mit dir teilen kann.“

Walter seufzte. „Weil ich der Verdächtige Nummer eins bin.“

Morgan zuckte mit den Schultern. „Vorerst.“

Autoren

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    D.P. Lyle (Autor)

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    Dorothee Scheuch (Übersetzung)

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Titel: Tödlicher Einsatz