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Ein Prinz auf Abwegen

Band 3

von Rhys Bowen (Autor) Sarah Schemske (Übersetzung)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Zwischen ihrer hohen Geburt und ihrem leeren Geldbeutel gefangen ist Georgie, die Fünfunddreißigste in der Thronfolge Großbritanniens, erleichtert, einen neuen Auftrag von der Königin zu erhalten. Der jüngste Sohn des Königs, George, soll Prinzessin Marina von Griechenland heiraten und die Königin wünscht Georgie als ihre Begleiterin: Sie soll ihr das Beste von London zeigen – und alle Gerüchte über Georges wüstes Leben zerstreuen. Der Prinz ist für seine vielen Affären bekannt, aber wirklich kompliziert werden die Dinge erst, als eine seiner angeblichen Geliebten ermordet wird. Nichts ruiniert eine Hochzeit mehr als ein Mord, daher möchte die Queen, dass die ganze Angelegenheit vertuscht wird. Doch während Georgie in dem Fall ermittelt, kommt sie dem Prinzen selbst unerwartet nah …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Oktober 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-925-1

Copyright © 2015 by Janet Quin-Harkin
Titel des englischen Originals: Malice at the Palace

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Sarah Schemske
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
stock.adobe.com: © Veronika, © Tobias Arhelger, © inarik, © Sviatoslav Khomiakov
shutterstock.com: © Raftel, © Vectorpocket, © bluefish_ds, © Jones M
depositphotos.com: © brebca
Korrektorat: Dorothee Scheuch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Widmung

Dieses Buch ist Karen Mayers gewidmet, mit Dank für ihre Freundschaft, ihre Unterstützung von Autoren wie mir und ihre fantastischen Karten für die Giants! Ich liebe diesen Sitz hinter der Home Plate!

Vielen Dank an all die Fans von Lady Georgie, die mir so schöne Briefe schreiben und zu meinen Lesungen kommen.

Und wie immer danke ich meinen Herzdamen: meiner Herausgeberin Jackie Cantor und meinen herausragenden Agentinnen Meg Ruley und Christine Hogrebe. Sie sind meine größten Heldinnen. Für mich ist jeder Tag, an dem ich mit ihnen zusammenarbeite, ein Segen. Und nicht zu vergessen John, mein erster Leser, dessen viele Verbesserungen dafür sorgen, dass ich bescheiden bleibe!

Kapitel 1

Sonntag, 28. Oktober 1934

Clabon Mews, London SW 7

Das Wetter draußen: einfach grauenvoll! Das Wetter drinnen: gemütlich und warm. Ich würde zur Abwechslung das Leben genießen, wenn Darcy nicht schon wieder auf geheimer Mission wäre …

Warum treibt er mich so in den Wahnsinn?

Für Londoner Verhältnisse war es eine dunkle, stürmische Nacht. Mit den harschen Sturmböen der schottischen Highlands war es natürlich nicht zu vergleichen, aber es war doch stürmisch genug, dass ich froh darüber war, drinnen und in Sicherheit zu sein.

Regen prasselte gegen die Fenster und trommelte auf die Dachziegel, während der Wind wild im Kamin heulte. Auf Castle Rannoch, wo ich aufgewachsen war, hätte der Wind außerdem eisige Luftzüge durch die Flure geschickt und die Wandteppiche flatternd aufgebauscht, sodass es drinnen beinahe so ungemütlich wie draußen gewesen wäre. Aber in dieser Nacht lag ich gemütlich und warm eingepackt im Bett, lauschte dem Sturm und spürte große Dankbarkeit dafür, nicht auf Castle Rannoch zu sein. Stattdessen befand ich mich in dem Cottage in Knightsbridge, das meiner Freundin Belinda gehörte, und ich kostete jeden Moment davon aus.

Als ich Ende August aus Amerika zurückkehrte – nachdem meine Mutter mich dorthin geschleppt hatte, um sich in einer Blitzscheidung von einem ihrer Ehemänner zu trennen –, war Mummy unverzüglich weitergereist, wie üblich mit nichts als einer kurzen Verabschiedung. Seit jenem ersten Mal, als sie mich mit zwei Jahren verlassen hatte, ließ sie ihr einziges Kind mit monotoner Regelmäßigkeit sitzen, ohne kaum jemals einen Blick zurück zu werfen. Aber diesmal hatte sie immerhin einen Funken mütterlicher Gefühle gezeigt, von deren Existenz ich bislang nichts geahnt hatte. Als sie das Brown’s Hotel verließ, überreichte sie mir einen großzügigen Scheck. „Georgie, Liebling, du sollst wissen, dass du dich in Hollywood großartig gemacht hast“, sagte sie. „Ohne dich hätte ich an diesem barbarischen Ort nicht überlebt.“

Ich lief rosarot an und mir fehlten die Worte, da dies so gar nicht zu ihr passte. Ich brachte ein gemurmeltes „Allmächtiger, vielen herzlichen Dank“ heraus.

„Liebling, ich muss zurück nach Deutschland zu Max“, sagte sie und küsste mich auf die Wange. „Aber ich möchte nicht, dass du glaubst, ich würde dich vergessen. Du weißt, dass du jederzeit willkommen bist, wann immer du willst.“

„Danke, aber ich glaube nicht, dass mir Berlin gefallen würde“, sagte ich. „Nicht, seit dieser scheußliche kleine Hitler an der Macht ist. Zu viel Geschrei und Marschiererei.“

Sie stieß ihr glockenhelles Lachen aus, das schon auf der ganzen Welt das Theaterpublikum verzaubert hatte. „Oh, Liebling. Niemand nimmt ihn ernst. Ich meine, mit einem solchen Schnurrbart ist das unmöglich. Einmal küsste er meine Hand und es kam mir vor wie eine Begegnung mit einem Igel. Max sagt, er sei im Moment gut für die Moral der Deutschen, aber er wird nicht lange an der Macht bleiben.“

„Wie auch immer, ich würde lieber eine Weile im guten alten England bleiben“, sagte ich. „Die Zeit in Amerika war aufregend genug für mich.“

„Du willst doch nicht etwa nach Schottland zurückkehren?“, fragte sie.

„Ehrlich gesagt, nein“, erwiderte ich. „Auf Castle Rannoch bin ich im Moment nicht gerade willkommen und Belinda meinte, ich könnte ihre Londoner Wohnung benutzen, während sie in Hollywood ist“, fügte ich hinzu. „Und da du mir diesen Scheck gegeben hast, kann ich mich sogar eine Zeit lang sattessen.“

Ein besorgter Ausdruck huschte über ihre hübschen Züge. „Liebling, hat es Zeiten gegeben, in denen du dir kein Essen leisten konntest?“

„Unzählige Male. Einmal habe ich mich einen Monat lang nur von Tee und Baked Beans ernährt.“

„Wie ekelerregend. Georgie, glaub mir, wenn du etwas brauchst, musst du mich nur fragen. Max ist unanständig reich, weißt du. Ich bin mir sicher, dass ich ihn dazu bringen könnte, dir Unterhalt zu zahlen.“

„Mummy, ich kann nicht von Max’ Geld leben. Außerdem würde Großvater das nicht gutheißen. Nicht deutsches Geld. Du weißt, wie sehr Großvater das hassen würde, nachdem dein Bruder im Krieg getötet wurde.“

„Man muss lernen zu vergeben und zu vergessen, wie ich deinem Großvater immer sage. Und sobald wir verheiratet sind – nun, es wird auch mein Geld sein, nicht wahr?“ Sie hob aufgeregt ihre Hände. „Du musst uns zur Hochzeit besuchen! Du kannst meine Trauzeugin sein.“

„Du hast wirklich vor, ihn zu heiraten?“ Ich brachte es nicht über mich, ihr in die Augen zu sehen.

„Es ist mein Wunsch, also lautet die Antwort vermutlich ja. Wir werden es sehen, nicht wahr? Tja, wenn ich den Fährzug noch erreichen will, muss mich auf den Weg machen, Liebling. Pass auf dich auf und lass dich um Himmels willen bald von diesem umwerfenden Darcy verführen. Jungfräulichkeit ist nach dem zwanzigsten Geburtstag weder modisch noch akzeptabel.“

Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen. Ich hatte Belindas kleines Cottage in den umgebauten Stallungen bezogen und es genossen, eine Weile lang eine Lady zu spielen, die dem Müßiggang frönte. Das Einzige, was mir zu meinem Glück fehlte, war Darcys Anwesenheit. Er war wieder einmal in geheimer Mission unterwegs und ich hatte keine Ahnung, wann er nach London zurückkehren würde oder wie ich ihn erreichen konnte. Es war wirklich ärgerlich mit ihm. Ich wusste, dass er meist nicht darüber sprechen durfte, was er tat (ich vermutete, dass er dann und wann sogar verdeckt für den MI5 arbeitete), aber es wäre nett gewesen, hin und wieder eine Postkarte aus Buenos Aires oder Kalkutta zu bekommen.

Ein besonders heftiger Windstoß rüttelte am Fensterrahmen. Ich zog die Decken hoch und rollte mich zu einer kleinen Kugel zusammen. Wie schön zu wissen, dass ich warm und sicher war. Das Geld, das Mummy mir gegeben hatte, würde nicht ewig reichen, aber ich hoffte, dass ich damit wenigstens bis nach Weihnachten über die Runden kommen würde. Wenn ich nur irgendeine Anstellung finden würde, könnte ich bis zu Belindas Rückkehr hier wohnen – und das konnte wer weiß wie lange dauern, wenn sie eine erfolgreiche Kostümbildnerin in Hollywood wurde. Aber für junge Frauen wie mich schien es keine Arbeit zu geben, da wir nur dafür ausgebildet waren, uns einen Ehemann zu angeln. Ich zog sogar in Erwägung, mich in der Weihnachtszeit auf eine befristete Stelle in einem der Kaufhäuser zu bewerben, aber ich fürchtete, dass das meinen Verwandten zu Ohren kommen und Ärger nach sich ziehen würde.

Ihr wundert euch, warum es meine Verwandten etwas anging, wenn ich bei Selfridges oder Gamages an der Kasse stehen würde? Ich sollte wohl erwähnen, dass es sich bei meinen Verwandten durchaus nicht um normale, gewöhnliche Leute handelte – sondern um das Königspaar. Königin Victoria war meine Urgroßmutter, daher war ich zur Hälfte von königlicher Herkunft und man erwartete von mir, mich so zu benehmen, wie es mein Stand verlangte – allerdings ohne die Mittel dafür zu haben. Das war wirklich mächtig ungerecht.

Ich schob diese Sorgen beiseite. Im Augenblick war alles gut. Seit Queenie, mein Dienstmädchen, für einige Wochen nach Hause gegangen war, verlief mein Leben bemerkenswert friedlich. Sie war abgereist, um sich um ihre Mutter zu kümmern, die beim Überqueren der Walthamtow High Street von einer Straßenbahn angefahren worden war und sich das Bein gebrochen hatte. Aber das Bein war verheilt und ich erwartete Queenie jeden Tag zurück. Ich sah ihrer Rückkehr mit gemischten Gefühlen entgegen, da Queenie bei Weitem das unverbesserlichste Dienstmädchen des Universums war. Ehrlich gesagt vermutete ich, dass ihre Familie sie nicht aus Pflichtgefühl dazu bestärkte, zu mir zurückzukehren, sondern weil sie sie schnell wieder loswerden wollte. Ich seufzte, entspannte mich und ließ meine Gedanken zu angenehmeren Themen schweifen. Ich war schon im Halbschlaf, als ich ein Geräusch hörte, bei dem ich sofort hellwach hochschreckte.

Neben dem Rauschen von Wind und Regen hatte ich das deutliche metallische Klicken eines Schlosses vernommen, gefolgt von dem Knarzen einer Tür, die geöffnet wurde. Jemand betrat das Haus. Ich fragte mich, ob ich vor dem Schlafengehen vergessen hatte, die Tür abzuschließen, aber ich konnte mich deutlich daran erinnern es getan zu haben. Binnen eines Augenblicks war ich auf den Beinen. Belindas Cottage war winzig. Eine Treppe führte zu dem Schlafzimmer, in dem ich mich befand, daneben waren das Badezimmer und eine Dienstmädchenkammer. Ich sah mich verzweifelt um. Es gab kein Versteck, falls Einbrecher ins Haus eingedrungen waren. Ich nahm das Bett in Augenschein, aber Belinda hatte Kisten und Koffer darunter geschoben. Der Kleiderschrank war voll mit ihren Kleidern. Ich überlegte, ob ich auf Zehenspitzen über den Flur in die Kammer schleichen konnte, oder besser noch in das Badezimmer. Im Bad würde sicher kein Einbrecher nachsehen, oder?

Vorsichtig öffnete ich die Tür und wollte gerade um die Ecke spähen, als ich aus dem Flur unter mir gedämpfte Stimmen hörte. Allmächtiger. Mehr als einer. Ich warf einen Blick zurück ins Zimmer, für den Fall, dass ich dort irgendetwas fand, das sich als Waffe eignete – aber die zierliche Tischlampe aus Porzellan würde mir nicht viel nützen, selbst wenn es mir gelang, sie rechtzeitig auszustecken. Dann hörte ich ein Lachen, das ich erkannte. Belindas Lachen. Sie war unerwartet zurückgekommen und unterhielt sich wahrscheinlich mit dem Taxifahrer, der ihr Gepäck hereintrug. Ich wollte gerade hinausgehen, um sie zu begrüßen, da hörte ich, wie sie sagte: „Toby, du bist so unanständig. Lass das oder warte zumindest, bis ich meine Handschuhe ausgezogen habe.“

„Kann es nicht erwarten, du köstliches Ding“, sagte eine tiefe Männerstimme. „Ich werde dir alle Kleider vom Leib reißen, dich auf dieses Bett werfen und über dich herfallen.“

„Du wirst mir sicher nichts vom Leib reißen“, sagte Belinda und lachte erneut. „Zufällig mag ich meine Kleider. Aber du darfst mich so schnell ausziehen wie du magst.“

„Die Vorstellung gefällt mir“, sagte er. „Ich habe mich danach verzehrt, mit dir ins Bett zu gehen, seit wir auf diesem Schiff zum ersten Mal miteinander getanzt haben. Aber es gab zu viele wachsame Augen. Verflixt schlau von dir hierherzukommen anstatt ein Hotel zu nehmen. Ein Mann in meiner Position kann nicht vorsichtig genug sein, weißt du.“

Toby? Ich dachte nach. Sir Toby Blenchley, der Minister der Regierung? Mir bleib keine Zeit, um darüber nachzudenken, da sie sich nun der Treppe näherten. Ich blieb hinter der Tür stehen, hin und her gerissen zwischen Peinlichkeit und Unentschlossenheit. Hatte sie etwa vergessen, dass ich ihr Haus und daher auch ihr Schlafzimmer bewohnte? Hielt sie es wirklich für angemessen, sich mit einem Minister zu vergnügen, während ich anwesend war? Wohin sollte ich gehen, während sie beschäftigt waren? Ich seufzte verärgert. Das sah Belinda ähnlich.

Ich hörte, wie sie kicherte und sagte: „Na so etwas, du bist aber ungeduldig“, während sie die Treppe hinaufgingen. Was in aller Welt sollte ich tun? Auf den Flur springen und sagen: „Willkommen zu Hause, meine liebe Belinda. Vielleicht hast du vergessen, dass du deine Wohnung deiner besten Freundin geliehen hast?“ Sir Toby war nicht mehr der Jüngste. Was, wenn die Überraschung bei ihm einen Herzinfarkt auslöste? Andererseits war es mir unmöglich, über die Galerie zur Dienstmädchenkammer zu gelangen, und ich wollte wirklich nicht im Zimmer festsitzen und ihrem Stelldichein lauschen müssen.

Doch mir wurde die Entscheidung abgenommen. Belinda rannte die restlichen Stufen hinauf und rief: „Dann komm, wer zuletzt im Bett ist, ist ein faules Ei!“ Mit voller Wucht stieß sie die Schlafzimmertür auf und ich saß dahinter in der Falle. Hinter der Tür hingen mehrere Bademäntel, die sich nun direkt vor meinem Gesicht befanden. Ich hörte, wie die beiden sich eilig auszogen. Wenn ich mich ruhig verhielt und mich nicht bewegte, würde er seinen Spaß mit ihr haben und dann gehen, überlegte ich. Oder besser noch, vielleicht würden sie beide einschlafen, und ich konnte hinausschleichen und Zuflucht im Kämmerchen suchen.

„Gott, du bist wirklich ein Augenschmaus“, hörte ich ihn sagen. „Diese hübschen kleinen Brüste. Das reicht aus, um einem Mann den Verstand zu rauben. Komm her.“

Ich hörte das Knarzen von Bettfedern, ein Grunzen, ein Seufzen. Dann geschah etwas Schreckliches. Einer von Belindas Morgenmänteln war mit Federn gesäumt. Und eine dieser Federn kitzelte nun meine Nase. Zu meinem Entsetzten wurde mir klar, dass ich niesen würde. Ich war so dicht hinter die Tür gedrückt, dass ich kaum die Hand zur Nase führen konnte. Es gelang mir gerade noch rechtzeitig und ich schlug mir die Finger über Nase und Mund. Die Geräusche auf dem Bett wurden wilder und drängender. Das Niesen ließ noch auf sich warten, bereit herauszubrechen, sobald ich lockerließ. Ich versuchte, es zu unterdrücken, aber ich musste atmen. Und dann, trotz allem, kam es heraus, ein großes, lautes „Hah-tschi“ in genau dem Moment, als Belinda stöhnte: „Oh ja, oh ja.“

Es war bemerkenswert, wie schnell es im Zimmer ruhig wurde.

„Was zum Teufel war das?“, fragte Sir Toby.

„Jemand ist im Haus.“ Ich hörte, wie das Bett knarzte, als sich Belinda erhob.

„Hast du nicht gesagt, niemand wäre hier?“

„Es muss mein Dienstmädchen sein, obwohl ich ihr nicht gesagt habe, dass ich heimkomme“, sagte Belinda. „Woher hat sie das erfahren? Ich sehe nach, ob sie in ihrem Zimmer ist.“ Dann senkte sie die Stimme. „Geh nicht weg, du wildes Tier. Ich komme wieder und dann können wir da weitermachen, wo wir aufgehört haben.“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, sagte er. „Nicht, wenn dein Dienstmädchen im Haus ist. Neigt sie dazu, zu tratschen?“

„Mein Dienstmädchen wird sehr gut dafür bezahlt, nichts von dem mitzubekommen, was in meinem Schlafzimmer passiert“, sagte Belinda. „Du musst dir keine Sorgen machen, Toby, das verspreche ich dir. Ich hole nur meinen Morgenmantel …“

Sie zog die Tür schwungvoll auf.

Kapitel 2

Zum Glück verursachte der Sturm draußen solchen Lärm, andernfalls hätte man ihren Schrei noch an der Victoria Station und vielleicht sogar auf der anderen Seite der Themse hören können.

„Belinda, es ist in Ordnung“, sagte ich und streckte eine Hand nach ihr aus. „Ich bin’s, Georgie.“

„Oh Gott.“ Sie schnappte nun nach Luft und hatte die Hand auf ihre nackte Brust gelegt. „Georgie. Bist du wahnsinnig geworden? Warum in aller Welt versteckst du dich in meinem Schlafzimmer?“

„Es tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe, Belinda“, sagte ich. „Ich hatte nicht vor, mich zu verstecken, aber als ich aufgewacht bin und dich die Treppe heraufkommen hörte, war es zu spät, um vernünftig zu reagieren. Und du hast die Tür so schwungvoll aufgestoßen, dass ich dahinter in der Falle saß.“

Sir Toby stand neben dem Bett. Offensichtlich war ihm gerade erst klargeworden, dass er nackt und in unbekannter weiblicher Gesellschaft war, denn er griff nach einem spitzenbesetzten, herzförmigen Kissen und versuchte, sein bestes Stück damit zu verdecken. Er sah alt und lächerlich aus und ähnelte kein bisschen dem souveränen, elegant gekleideten Mann, dessen Bild ich aus Nachrichten und Zeitschriften kannte. „Du kennst diese Person, Belinda?“, fragte er herrisch. „Sollen wir die Polizei rufen?“

„Oh nein, natürlich nicht“, sagte Belinda. „Sie ist meine beste Freundin – Georgiana Rannoch.“

„Lady Georgiana, Schwester des Dukes von Rannoch?“, fragte Sir Toby. „Meine Güte. Aber was hat sie in deinem Haus verloren? In deinem Schlafzimmer, um Himmels willen?“

„Ich habe keine Ahnung, Toby.“

Es reichte mir. Beide blickten mich voller Entsetzen und Misstrauen an, als wäre ich ein gefährliches, in die Enge getriebenes Tier. „Vielleicht hast du in der Hitze des Augenblicks vergessen, dass du mich eingeladen hast, bei dir zu wohnen, solange du fort bist, Belinda“, sagte ich. „Und du hättest mich vorwarnen können, dass du zurückkommen würdest.“

Belinda hatte einen der Morgenmäntel vom Haken genommen und versuchte gerade ihn überzuziehen. Mir fiel auf, dass ihr Körper kurviger war als zu der Zeit, als wir als Jugendliche im Internat für höhere Töchter ein Zimmer geteilt hatten. Kein Wunder, dass sich Männer so zu ihr hingezogen fühlten.

„Ich erinnere mich daran, erwähnt zu haben, dass du bei mir wohnen kannst“, sagte Belinda, nachdem sie erfolgreich den Morgenmantel angezogen und um ihre Taille geknotet hatte. „Aber ich hatte nicht gedacht, dass du mein Angebot annehmen würdest. Du hättest mir ein paar Zeilen schreiben und Bescheid geben können.“

„Dir ein paar Zeilen schreiben?“ Jetzt war ich ehrlich entrüstet. „Belinda, ich habe dir zwei Briefe geschrieben. Und da ich nicht wusste, wo du dich aufhältst, habe ich einen an Golden Pictures und einen an das Beverly Hills Hotel adressiert. Willst du mir etwa sagen, dass du keinen von beiden bekommen hast?“

„Natürlich habe ich sie nicht bekommen. Ich bin nie zu Golden Pictures zurückgekehrt. Mr Goldmans Witwe hat den Betrieb so gut wie zum Stillstand gebracht; zumindest sind alle Dreharbeiten im Moment ausgesetzt. Und mein Budget hat wirklich nicht zugelassen, im Beverly Hills Hotel zu bleiben.“

Sir Toby räusperte sich. „Belinda, angesichts der Umstände sollte ich wohl so schnell wie möglich aufbrechen. Wenn es euch jungen Ladys also nichts ausmacht, vor die Tür zu gehen, während ich mich anziehe …“

Belinda folgte mir hinaus auf den Treppenabsatz. „Ehrlich, Georgie. Du hast alles verdorben.“

Sie stand da und starrte mich finster an, während ich mich vor Peinlichkeit wand.

„Es tut mir leid, aber du hast es mir angeboten und ich habe dir geschrieben, um dir Bescheid zu geben. Und ich werde um diese Zeit nicht hinaus in den Sturm gehen, damit du deine kleine Angelegenheit mit einem Regierungsminister zu Ende bringen kannst.“

Sir Toby kam heraus und sah in seinem dunklen Anzug und der Krawatte in den Farben seiner alten Privatschule nun wieder mehr nach sich selbst aus. „Ich mache mich jetzt auf den Weg nach Hause, Belinda“, sagte er. „Ich bin mir sicher, dass ich auf der Knightsbridge ein Taxi erwischen kann. Ich finde selbst zur Tür.“

Belinda folgte ihm die Treppe hinunter. „Sehe ich dich bald wieder?“

Er räusperte sich auf die nervtötende Art, die manchen Männern zu eigen war. „Ich halte das wirklich nicht für klug … So gern ich auch würde. Kann es mir nicht leisten, die Partei mit einem Skandal zu behaften, weißt du. Lassen wir heute Nacht einfach hinter uns. Vergessen wir das Ganze.“

Mit diesen Worten griff er nach seinem Mantel, öffnete die Haustür und trat hinaus in den Sturm.

Ich blieb auf dem oberen Treppenabsatz stehen. Wir sahen einander in angespannter Stille an.

„Tja, das war’s dann wohl“, sagte Belinda. „Gibt es irgendwas zu trinken im Haus?“

„Ich könnte dir eine Tasse Tee machen und ich glaube, es gibt Kakao“, antwortete ich.

Sie prustete los. „Gott, Georgie, warum musst du ständig so unverdorben und naiv sein? Wann wirst du erwachsen werden und merken, wie es im Leben läuft? Wenn Leute sagen, sie brauchen einen Drink, sprechen sie nicht von Kakao, sondern von einem großen Whisky.“

„Ich glaube, in deinem Cocktailkabinett gibt es Scotch“, sagte ich. „Und mein Leben unterscheidet sich stark von deinem, Belinda. Ich bringe keine Minister zum Sex nach Hause. Ehrlich gesagt bringe ich niemanden zum Sex nach Hause.“

Belinda seufzte. „Georgie, du bist wirklich eine typische Kakaotrinkerin. Himmel, dabei hatte ich mich so darauf gefreut. Mächtige Männer üben eine starke Anziehung auf mich aus. Und offensichtlich war er auch noch gut im Bett. Aber jetzt werde ich nie wissen …“

Eine weitere peinlich berührte Stille folgte. „Wie gesagt, es tut mir leid“, wiederholte ich. „Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Und du hast mich oft genug ausgenutzt, nicht zuletzt, als du aus heiterem Himmel in Hollywood aufgetaucht bist, also glaube ich, dass du mir den ein oder anderen Gefallen schuldest.“

Die Stille dehnte sich aus, während sie die Treppe hinunter und zu dem Schrank in der Ecke ging. Ich hörte, wie Alkohol in ein Glas gefüllt wurde. Oder vielmehr in zwei Gläser. Sie kam wieder die Treppe hinauf und hielt mir einen halb vollen Whisky-Tumbler entgegen. „Hier, trink das. Du brauchst es ebenso sehr wie ich. Und du hast recht. Ich habe dir mein Zuhause angeboten und dich bei vielen Gelegenheiten schamlos für meine Zwecke ausgenutzt. Komm schon, runter damit.“

Ich tat wie geheißen und spürte, wie mir die feurige Flüssigkeit die Kehle hinunterrann und sich Wärme in meinem Körper ausbreitete. Ich hustete und wischte mir über die Augen. Sie lachte. „Du musst die einzige Schottin sein, die keinen Whisky verträgt“, sagte sie.

„Ich bin nur zu einem Viertel schottisch“, erwiderte ich und brachte ein schwaches Lächeln zustande. „Und ich bin nie auf den Geschmack gekommen.“

„Du und dein verdammter Kakao“, sagte sie und fing wieder an zu lachen. „Ach, ich glaube, es hätte ohnehin zu nichts geführt. Es war nur eine dieser Schiffsromanzen. Und jetzt ist er nach Hause gegangen.“
„Zurück zu seiner Frau, wenn ich mich recht erinnere“, sagte ich. „Und war er nicht derjenige, der diese Rede über die Heiligkeit der Familie gehalten hat und meinte, jeder stolze Engländer wäre der König seines eigenen Schlosses, umringt von seiner Frau und seinen Kindern?“

Sie nickte. „Er ist ein Politiker, Georgie. Die sagen, was die Leute hören wollen.“

„Belinda, ich glaube, ich habe dir einen Gefallen getan. Du hättest große Unruhe stiften können. Du hättest die Regierung stürzen können.“

„Das wäre vielleicht interessant gewesen“, sagte sie. „Und dann würden die Leute wenigstens wissen, wer ich bin. Ich wäre eine Berühmtheit.“

„Nicht von der richtigen Sorte“, sagte ich. „Kein respektabler Haushalt würde dich zum Dinner einladen, aus Angst, du könntest ihre Ehemänner verführen.“

„Wahrscheinlich hast du recht, wie immer“, sagte sie. „Mir ist wirklich der Gedanke gekommen, dass es nett wäre, die Geliebte von jemandem zu sein. Ich wäre versorgt und würde irgendwo in einer schicken Wohnung leben.“

„Ohne jegliche Sicherheit, Belinda. Warum nicht als Ehefrau von jemandem? Dein Stammbaum ist so gut wie meiner – naja, beinahe.“

„Aber ich bin beschädigte Ware, Schätzchen. Keine der erstklassigen Familien möchte, dass ihr Sohn mit jemandem wie mir durchbrennt. Im Gegensatz zu dir bin ich eindeutig keine Jungfrau mehr. Ich habe jetzt einen gewissen Ruf und noch dazu keinerlei Vermögen. Und im Moment bin ich völlig abgebrannt – keine Ahnung, wie ich mein Dienstmädchen bezahlen und mir Essen leisten soll, falls sich nicht eine Möglichkeit auftut.“

„Es hat sich also nichts für dich in Hollywood ergeben?“, fragte ich. „Du meintest, dass Goldman Pictures von Mrs Goldman eingestellt wurde, aber was ist mit all den anderen Studios? Wollte keines davon eine talentierte Kostümbildnerin? Immerhin hattest du die besten Kontakte – du bist nackt mit Craig Hart geschwommen.“

Belinda runzelte die Stirn. „Anscheinend sind in Hollywood zu viele talentierte Leute, die sich um zu wenig Arbeit streiten. Dieser Lebensstil war nichts für mich. Zu aufdringlich. Zu künstlich. Niemand meint, was er sagt. Sie machen große Worte und geben große Versprechen, aber es ist alles nur zum Schein.“

„Das tut mir leid“, sagte ich. „Ich wette, aus dir wäre eine brillante Kostümbildnerin geworden. Du bist sehr talentiert.“

„Lieb von dir, das zu sagen, Schätzchen.“ Sie brachte ein schwaches Lächeln zustande.

„Du bist bei Chanel in die Lehre gegangen, Belinda. Und du bist wirklich gut. Du könntest hier mit Leichtigkeit deine eigene Kollektion auf die Beine stellen. Davon bin ich überzeugt.“

„Das bin ich ebenfalls“, sagte sie, „allerdings kostet das alles Geld. Ich würde Räume brauchen, Näherinnen, Stoffe … und weißt du noch, was ich damals herausgefunden habe? Diejenigen, die sich gute Kleider leisten können, wollen alles auf Pump haben. Sie zum Zahlen zu bringen ist ein ständiger Kampf.“

Diesmal war ich an der Reihe zu seufzen. „Es ist nicht einfach, was? Meine Mutter überreichte mir bei ihrer Abreise nach Deutschland einen netten Scheck, aber er wird nicht ewig reichen. Und jetzt, da du daheim bist, weiß ich nicht einmal, wohin ich gehen soll. Vermutlich zurück nach Schottland, zu meiner Schwägerin, die mir vorhält, was für eine Belastung ich doch bin.“

Belinda legte mir eine Hand auf die Schulter. „Ich würde dich hier wohnen lassen, aber wenn mein Dienstmädchen zurückkommt, gibt es keinen Schlafplatz für dich. Und es passt ganz und gar nicht zu meinem Lebensstil, wenn eine Freundin unten auf dem Sofa schläft.“

„Mir ist natürlich klar, dass ich nicht hierbleiben kann“, sagte ich.

„Aber es gibt das Haus am Belgrave Square, das deiner Familie gehört“, sagte sie. „Unzählige Schlafzimmer. Was stimmt damit nicht?“

„Nichts, außer dass Fig sehr deutlich gemacht hat, dass sie es sich nicht leisten können, es nur für mich zu öffnen. Anscheinend übersteigt die geringe Menge Kohlen, die ich zum Heizen eines Schlafzimmers nutzen würde, ihre Mittel.“

„Hat dein Bruder wirklich so große Geldprobleme?“, fragte Belinda.

„Das behauptet jedenfalls seine Frau. Ich glaube eher, dass sie von Natur aus geizig ist und nicht will, dass irgendetwas von ihrem Geld für mich ausgegeben wird. Sie hat mir ein ums andere Mal gesagt, dass Binkys Verantwortung für mich endete, sobald meine Saison vorbei war. Es ist meine Schuld, dass ich keine gute Partie eingegangen bin.“

„Wo wir vom Heiraten sprechen …“ Sie hielt inne. „Gibt es Neuigkeiten von Darcy? Er ist doch immer noch auf der Bildfläche, oder?“

„Wenn er in der Gegend ist“, sagte ich. Ich blickte an ihr vorbei auf die weiß lackierte Eingangstür. „Ich habe ihn seit einer Weile nicht gesehen. Du kennst doch Darcy. Er taucht auf, es ist wie im siebten Himmel, dann geht er wieder und ich weiß nie, wo er ist oder wann er wieder zurückkommt. Dieser Mann treibt mich wirklich in den Wahnsinn, Belinda. Er hat nicht einmal eine richtige Adresse in London. Er quartiert sich in den Häusern von Freunden ein, wenn sie nicht in der Stadt sind, und schläft bei ihnen auf der Couch. Und die Hälfte der Zeit darf er mir nicht mal sagen, wohin er geht.“

„Georgie, für wen arbeitet er eigentlich, wenn er diese kleinen Aufträge annimmt – weißt du das? Glaubst du, es ist etwas schrecklich Illegales, wie Drogenschmuggel für Gangster?“

„Allmächtiger, ich hoffe nicht“, antwortete ich. „Manches von dem, was er tut, ist bemerkenswert geheim. Ich glaube, er nimmt fast jeden Auftrag an, der ihm angeboten wird, aber meistens auf der richtigen Seite des Gesetzes.“ Ich schaute mich um und senkte meine Stimme, obwohl wir allein waren und der Sturm tobte. „Manchmal denke ich sogar, dass er zuweilen von der Regierung als Spion verpflichtet wird. Er spricht nicht darüber und ich frage nicht nach. Ich weiß, dass er versucht, genug Geld zu verdienen, damit wir heiraten können …“

„Ihr seid verlobt, Schätzchen?“ Sie packte meine Hände.

Ich spürte, wie meine Wangen rot anliefen. „Nun, im Geheimen schon. Wir dürfen unsere Verlobung nicht bekannt geben, bis Darcy sicher ist, dass er mich versorgen kann. Der Himmel weiß, wann es soweit sein wird. Ich habe ihm gesagt, dass es mir nichts ausmachen würde, in einer kleinen Wohnung zu leben, aber er besteht darauf, es ganz oder gar nicht zu tun.“

„Natürlich tut er das.“ Sie sah mich wehmütig an. „Du hast so großes Glück, Georgie. Du kannst dich auf eine wundervolle Zukunft mit einem Mann freuen, der dich liebt.“

Das sah Belinda kein bisschen ähnlich und ich drehte mich zu ihr um. „Belinda – ich weiß, dass du den Richtigen treffen wirst. Auf dich wartet eine vielversprechendere Zukunft als auf mich, weil du so talentiert bist.“

„Liebe Georgie.“ Sie streckte die Arme aus, um mich zu umarmen. „Du bist so nett. Du verdienst es, glücklich zu sein.“

„Kopf hoch, Belinda. Alles wird sich zum Guten wenden“, sagte ich. „Du wirst eine Arbeit finden oder dein Vater wird nachgeben und dir etwas Geld geben … und wirst du nicht eine Summe von deiner Großmutter erben?“

Sie schnitt eine Grimasse. „Meine Großmutter wird die Hundert erreichen. Sie läuft immer noch jeden Morgen drei Meilen und nimmt kalte Bäder. Und von meinem Vater bekomme ich kein Geld, solange meine böse Stiefmutter auf der Bildfläche ist. Nein, Schätzchen, ich fürchte, ich muss zurück ins Crockford’s, wenn ich überleben will.“

„Crockford’s? Den Club, meinst du? Glaubst du wirklich, dass du mit Glücksspiel Geld verdienen kannst?“

„Ehrlich gesagt bin ich darin ziemlich gut, Schätzchen“, sagte sie. „Ich spiele das hilflose, unschuldige junge Mädchen – du weißt schon – das erste Mal am Spieltisch und alles ist so furchtbar verwirrend. Mein Einsatz wird normalerweise von netten Männern übernommen. So verliere ich tatsächlich nie mein eigenes Geld und ich gewinne bemerkenswert oft. Manche Männer erwarten allerdings etwas im Gegenzug …“ Sie lächelte strahlend. „Aber genug der Trübsal. In meinem Bett ist genug Platz für zwei und morgen früh schmieden wir Pläne.“

Kapitel 3

Montag, 29. Oktober

Clabon Mews und später Rannoch House, Belgrave Square

Liebes Tagebuch,

Belinda kam letzte Nacht unerwartet heim. Es war ehrlich gesagt ziemlich peinlich. Jetzt habe ich keine Ahnung, wohin ich gehen soll. Ich hasse es, mich auf die Gutmütigkeit, das Mitleid oder das Pflichtgefühl der Menschen verlassen zu müssen, die mich bei sich aufnehmen. Wann werde ich je ein eigenes Zuhause haben?

Am Morgen hatte der Sturm sich ausgetobt. Die Welt war in helles Sonnenlicht getaucht. Ich stand auf und ging zum Fenster, um die morgendliche Stille auszukosten. Der Gehweg unter mir war mit durchnässtem Laub und sogar kleinen Ästen übersät, was bewies, wie stark der Sturm in der Nacht gewütet hatte. Belinda seufzte und murmelte etwas. Ich drehte mich zu ihr um, aber sie schlief noch tief und fest. Im Schlaf sah sie wirklich engelsgleich aus. Ich stand da und schaute auf sie hinab. Für gewöhnlich war Belinda die optimistische Opportunistin, die sich recht gut durchzuschlagen wusste. Sie hatte Affären mit glamourösen italienischen Grafen und bulgarischen Prinzen gehabt. Es sah ihr also gar nicht ähnlich, ihre verletzliche Seite zu zeigen. Ich fragte mich, ob in Hollywood etwas passiert war …

Dann beschloss ich, dass ich mir mehr Sorgen um mich selbst machen musste. Immerhin hatte sie ein eigenes Zuhause und keine Familienbande zum Königshaus, denen sie gerecht werden musste. Ich überlegte, wohin ich nun gehen würde. Erwartete sie, dass ich sofort auszog? In diesem Fall bliebe mir nichts anderes übrig, als den nächsten Zug zurück nach Schottland zu nehmen. Oh Allmächtiger, dachte ich. Castle Rannoch, wenn der Winter vor der Tür stand, sturmgepeitscht und düster jenseits meiner Vorstellungskraft. Ich würde Fig schreiben müssen, um herauszufinden, ob sie mich aufnehmen würden, da es nun nicht länger mein Zuhause war. Und wenn sie Nein sagte … Ich wandte mich vom Fenster ab und versuchte nicht daran zu denken. Mummy meinte, dass ich sie jederzeit in Deutschland besuchen könne, aber das gefiel mir auch nicht – nicht angesichts der aktuellen Entwicklungen dort.

Wie auch immer, ich würde anfangen müssen meine Sachen zu packen. Ich würde Queenie im Haus ihrer Eltern abholen, was mir einen Grund gab, Großvater zu besuchen. Bei diesem Gedanken lächelte ich. Seit ich in London war, besuchte ich Großvater regelmäßig. Ich sollte wohl hinzufügen, dass von dem Vater meiner Mutter die Rede war, dem Cockney-Polizisten im Ruhestand, der in einem Reihenhaus mit Gartenzwergen im Vorgarten lebte, nicht von dem furchteinflößenden schottischen Duke, der eine Prinzessin geheiratet hatte. Der schottische Großvater war vor meiner Geburt gestorben, zum Glück, und man munkelte, dass sein Geist noch immer auf den Zinnen von Castle Rannoch spukte.

Aber mein lebender Großvater war mir lieb und teuer. Er hieß mich immer willkommen, obwohl er selbst nur wenig besaß. Mir kam ein anderer Gedanke: Wäre es nicht wundervoll, eine Weile bei ihm zu wohnen? Ich malte mir den Geruch von brutzelndem Speck aus und stellte mir vor, wie wir zusammen in seiner winzigen Küche Tee tranken und am Feuer plauderten. Ich seufzte. Leider wusste ich, dass das Missfallen erregen würde. Man hatte mir in aller Deutlichkeit gesagt, dass es die Familie in große Verlegenheit bringen würde, wenn die Zeitungen Wind davon bekämen. Mitglied der Königsfamilie in mittellosen Umständen. Ihre Hoheit isst im Fish-and-Chips-Laden um die Ecke. Für die linken Zeitungen wäre es ein gefundenes Fressen.

Meine Familie ging mir wirklich auf die Nerven. Ich durfte keine Stelle annehmen, die sie in Verlegenheit brachte. Ich durfte nicht bei dem einzigen Menschen wohnen, dem meine Gesellschaft willkommen war. Und dennoch boten sie mir keine finanzielle Unterstützung. Wie in aller Welt sollte ich ihrer Meinung nach leben? Die Antwort darauf kannte ich nur zu gut: Man erwartete von mir, eine passende Ehe mit irgendeinem halbverrückten, kinnlosen europäischen Prinzen einzugehen – einem von der Sorte, die mit monotoner Regelmäßigkeit hinterrücks gemeuchelt wurden. Sie hatten mich einigen Kandidaten vorgestellt, aber sehr zur allgemeinen Verärgerung hatte ich sie abgewiesen. Es gab eben Dinge, die ein Mädchen nicht tat, selbst wenn es darum ging, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Ich muss doch irgendeine Arbeit finden können, dachte ich, als ich auf Zehenspitzen die Treppe hinunterschlich und den Teekessel füllte. Das Problem war, dass ich über keine Bildung verfügte, abgesehen von der Fähigkeit, mich in den korrekten gesellschaftlichen Kreisen gut zu benehmen. Und in dieser Zeit der Wirtschaftskrise gab es Menschen mit echten Qualifikationen, die für Anstellungen Schlange standen. Ich seufzte, während ich Tee kochte. Hätte ich nur das umwerfende Aussehen meiner Mutter geerbt, dann hätte ich in ihre Fußstapfen treten und zum Theater gehen können. Aber leider schlug ich nach meinem Vater – groß, schlaksig und von gesundem schottischen Äußeren.

Ich munterte mich mit dem Gedanken auf, dass ich bald Großvater sehen würde, und bereitete hart gekochte Eier und Toast zu, bevor ich nach oben ging, um Belinda zu wecken. Als sie sich an den Esstisch setzte, von ihrem Tee nippte und an einer Scheibe Toast knabberte, machte sie einen geräderten Eindruck.

„Ich fühle mich schrecklich dabei, dich jetzt vor die Tür zu setzen, Schätzchen“, sagte sie. „Wenn ich nur ein Gästezimmer hätte …“

„Ich weiß. Es ist wirklich in Ordnung“, sagte ich. „Mach dir keine Sorgen, es wird sich etwas ergeben. Ich hole Queenie her und sie kann meine Sachen packen. Im schlimmsten Fall kann ich ein paar Tage bei meinem Großvater bleiben.“

„Ich dachte, das würde deiner Familie nicht besonders gefallen“, sagte Belinda.

„Das tut es auch nicht, aber sie bieten mir schließlich keine Alternativen an, oder? Wenn ich ausgehe, werde ich eine Ausgabe der Lady holen. Es muss irgendeine Stelle geben, für die ich tauge.“

„Georgie, sei nicht albern. Die Lady hat Anzeigen für Gouvernanten und Kammerzofen.“

„Und für Gesellschafterinnen und Privatsekretärinnen. Alles ist besser als Castle Rannoch.“

„Da stimme ich dir zu. Aber es steht dir frei, bei mir auf dem Sofa zu übernachten, bis du etwas findest. Ich will dich nicht in den Sturm hinausschicken.“

Ich lächelte. „Es ist ein herrlicher, sonniger Morgen, falls es dir nicht aufgefallen ist.“

Sie blinzelte verschlafen zum Fenster. „Tatsächlich? Das war mir entgangen.“ Dann wandte sie sich wieder mir zu und lächelte. „Entschuldige. Inzwischen solltest du wissen, dass ich morgens nicht in bester Verfassung bin. Im Laufe des Tages bessert sich meine Laune. Und wenn ich ins Crockford‘s gehe, werde ich in Höchstform sein.“

Während ich nach oben ging, um mich zu waschen und anzuziehen, dachte ich über Belinda nach. Ich hatte sie stets für ihre selbstbewusste, weltgewandte Art bewundert, ihr savoir faire, ihre Eleganz und ihren Stil. Ich hatte immer geglaubt, dass sie besser als jeder andere wusste, wie man überlebte. Ich zog meinen Kaschmirpullover an – eines der abgelegten Stücke meiner Mutter – und einen Schottenrock, darüber meinen alten Harris-Tweedmantel, und trat in den kalten, frischen Morgen hinaus. Ich liebte es, an solchen Tagen zu Fuß zu gehen. Zuhause in Schottland wäre es der perfekte Tag für einen Ausritt über die Heide gewesen, wenn der Pferdeatem aussah wie Drachenfeuer und das Hufgetrappel von den Felswänden widerhallte.

Beim Laufen fühlte ich mich optimistischer. Vielleicht war Castle Rannoch gar nicht so schlecht. Ich konnte ausreiten, spazieren gehen und mit meiner Nichte und meinem Neffen spielen, bezaubernde Kinder. Selbst Fig konnte nichts dagegen haben, wenn ich ungefähr eine Woche zu Besuch kam – lang genug, um die Lady zu überfliegen und Bewerbungen abzuschicken. Immerhin hatte ich letzte Weihnachten bei einer Hausgesellschaft ausgeholfen. Vielleicht konnte ich dieses Jahr dasselbe tun. Lady Hawse-Gorzley würde mir eine gute Referenz ausstellen. Oder vielleicht könnte ich als Privatsekretärin arbeiten. Ich konnte zwar nicht richtig tippen, aber ich war gut im Briefeschreiben und kannte die Umgangsformen der gehobenen Gesellschaft. Vielleicht würde es eine neureiche Person reizen, eine Sekretärin mit königlichen Verbindungen zu haben, die sich auskannte. Und außerhalb von London, fernab der Pressespäher, konnte die Familie über eine solche Anstellung nicht die Nase rümpfen.

Dann kam mir ein weiterer ermutigender Gedanke. Ich konnte jederzeit die Herzoginwitwe von Eynsford besuchen. Hatte ich sie nicht als eine Art Gesellschafterin beziehungsweise Privatsekretärin unterstützt? Über meine Gesellschaft letztes Jahr war sie dankbar gewesen und ich war mir sicher, dass sie mich wieder willkommen heißen würde. Vielleicht waren der junge Herzog und seine Cousine aus der Schweiz zurückgekehrt, dann würde es wohl recht heiter zugehen. Mit neuer Energie marschierte ich die Pont Street entlang. Mein Kopf schwirrte so vor lauter Ideen, dass ich kaum darauf achtete, wohin ich ging. Als ich anhalten musste, um die Sloane Street zu überqueren, bemerkte ich, dass ich in Belgravia war, ganz in der Nähe unseres Londoner Hauses am Belgrave Square. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen Blick darauf zu werfen, obwohl ich dort als Kind nur selten gewesen war und mich nie heimisch gefühlt hatte. Ich ging über die Straße und betrat den ruhigen Belgrave Square mit seinen eleganten weißen Häuserfronten und den Gartenanlagen in der Mitte, wo Bäume steif und kahl hinter ihren Eisenzäunen standen.

Zwei Kindermädchen fuhren ihre Schützlinge spazieren und unterhielten sich, während sie die Kinderwagen schoben. Ein Dienstmädchen schrubbte eine Türschwelle. Ein Milchmann machte eine Lieferung und die Flaschen klimperten, als er sie hinunter zu einem Dienstboteneingang trug. Alles war so friedlich und häuslich, dass ich mich dabei ertappte, wie ich sehnsüchtig zum Rannoch House hinaufstarrte. Es befand sich in der Mitte der Nordseite des Squares – das größte und imposanteste Haus.

„Ich wünschte …“, hörte ich mich laut sagen, aber als ich darüber nachsann, wusste ich nicht genau, was ich mir wünschte. Wahrscheinlich, dass es einen Ort auf der Welt gab, der mir noch ein Zuhause war. Ich wollte gerade daran vorbeigehen, als sich die Eingangstür öffnete und kein anderer als mein Bruder Binky, der aktuelle Duke von Rannoch, die Treppe hinunterkam und seinen Schal zurechtrückte. Er wollte gerade an mir vorbeigehen, ohne mich zu bemerken, aber ich stellte mich ihm in den Weg.

„Hallo, Binky“, sagte ich.

Er blieb aufgeschreckt stehen, dann blinzelte er, als sähe er eine Luftspiegelung. „Georgie. Du bist es. Verflixt und zugenäht. Was für eine angenehme Überraschung. Wir wussten nicht, dass du in der Stadt bist.“

„Ich habe auch nicht erwartet, dass ihr in der Stadt seid“, sagte ich.

„Wir sind vor ein paar Wochen heruntergefahren“, erklärte er. „Figs Tante ist kürzlich gestorben und hat ihr eine hübsche kleine Erbschaft hinterlassen, also haben wir beschlossen, auf Castle Rannoch eine Zentralheizung zu installieren. Im Winter kann es bitterkalt werden, nicht wahr? Und die kleine Adelaide bekommt so schlimmen Husten. Also haben wir beschlossen nach London zu fahren, während sie Boiler, Rohre und so weiter installieren. Wir müssen ohnehin eine Gouvernante für Podge suchen, also schlagen wir eigentlich zwei Fliegen mit einer Klappe. Aber genug von unserem langweiligen Leben – was ist mit dir? Was hast du getrieben? Das Letzte, was wir von dir gehört haben, war, dass du bei der Herzogin von Eynsford zu Gast warst.“

„Seitdem ist viel passiert“, sagte ich. Mich überkam ein jähes Schuldgefühl. Ich hätte meinem Bruder öfter schreiben sollen, aber dann sagte ich mir, dass Fig die Briefe wahrscheinlich ohnehin verbrannt hätte. „Aber bist du unterwegs zu einem Termin? Ich könnte dich besuchen, wenn du Zeit hast, und dir alle Neuigkeiten von mir mitteilen, anstatt hier auf der Straße zu stehen und zu frieren.“

„Du kannst jetzt hereinkommen, wenn du nicht zu beschäftigt bist“, sagte er. „Ich wollte nur einen Abstecher zu meinem Club machen, um die Morgenzeitungen zu lesen, und Fig würde dich liebend gern sehen.“

Ich war davon überzeugt, dass Letzteres ganz und gar nicht der Wahrheit entsprach, aber ich würde die Einladung nicht ablehnen. „Ich würde gern alle wiedersehen“, sagte ich. „Es ist eine Ewigkeit her, seit ich Podge und Adelaide gesehen habe. Nennt ihr sie eigentlich immer noch so? Kommt mir nicht wie der passende Rufname für ein Baby vor.“

„Ich nenne sie Klößchen, weil sie runde Pausbacken hat“, sagte Binky, „aber Fig mag es nicht und das Kindermädchen besteht darauf, die Kinder bei ihren richtigen Namen zu rufen. Keine Kleinkindsprache und kein Geblödel.“

„Ihr habt ein neues Kindermädchen?“

„Ja. Eigentlich Figs Idee. Sie hielt unser Kindermädchen für zu alt und zu nachgiebig. Also hat sie sie in den Ruhestand geschickt. Ich muss zugeben, dass ich mit der Neuen nicht so gut zurechtkomme. Zu modern und effizient und sie sorgt sich ständig wegen Keimen.“

Während wir uns unterhielten, ging Binky die Treppe wieder hinauf und öffnete die Eingangstür. „Komm rein, Georgie.“

Ich folgte ihm in die Eingangshalle. Binky hatte soeben die Tür hinter uns geschlossen, als Hamilton, unser Butler, auftauchte, der über jenen sechsten Sinn verfügte, der Butlern verrät, ob jemand kommt oder geht.

„So schnell schon zurück, Euer Gnaden? Ich hoffe, es ist nichts vorgefallen“, setzte er an, dann sah er mich und seine Miene erhellte sich auf höchst zufriedenstellende Art. „Wenn das nicht Lady Georgiana ist. Welch freudige Überraschung. Es ist so lang her.“

„Wie geht es dir, Hamilton?“, sagte ich, als er mir aus meinem Mantel half.
„Den Umständen entsprechend gut, Mylady. Rheuma, Sie wissen schon, und die vielen Treppen in diesem Haus. Soll ich im Morgensalon Kaffee servieren, Euer Gnaden, oder würde Ihre Ladyschaft ein richtiges Frühstück im Speisesaal bevorzugen? Es wurde noch nicht abgeräumt, obwohl sich Ihre Gnaden heute Morgen ein Tablett aufs Zimmer bringen ließen, wie ich glaube.“

„Die Nierchen sind heute Morgen mächtig gut, Georgie. Und du weißt ja, wie verdammt fein das Kedgeree ist, das unsere Köchin macht.“

„Klingt wundervoll“, sagte ich. Bei dem Versuch, den Scheck meiner Mutter so weit wie möglich zu strecken, hatte ich sehr einfach gelebt, abgesehen von ein paar Gelegenheiten, zu denen ich mir fertig zubereitetes Essen von Harrods gegönnt hatte. Und Nierchen konnte ich nicht selbst kochen.

„Geh und greif zu“, sagte Binky. „Ich lasse Fig wissen, dass du hier bist, und dann geselle ich mich vielleicht zum zweiten Frühstück zu dir, obwohl Fig sich beschwert, dass ich um die Mitte zu viel ansetze.“ Er klopfte sich auf den Bauch, der ein bisschen dem des Weihnachtsmanns ähnelte.

„Soll ich frischen Kaffee in den Speisesaal schicken lassen, Mylady?“, fragte Hamilton und blieb vor der filzbespannten Tür stehen, die hinunter zur Küche führte.

„Das wäre reizend, danke, Hamilton“, sagte ich. „Ich finde sicher allein in den Speisesaal.“

Ich ging in Richtung des hinteren Hauses, während Binky die Treppe hinaufging. Ich war noch nicht ganz im Speisesaal, als ich hörte, wie eine Stimme keifte: „Hier? Jetzt? Was will sie?“

„Ich glaube nicht, dass sie irgendetwas will, Fig“, antwortete Binkys Stimme. „Wir sind uns zufällig auf dem Bürgersteig begegnet, da habe ich sie natürlich hereingebeten.“

„Also wirklich, Binky, du bist unverbesserlich“, fuhr Fig fort. „Du denkst nie nach, oder? Ich bin noch nicht einmal aufgestanden und angezogen. Du hättest ihr sagen sollen, dass sie zu einer angemesseneren Uhrzeit zurückkommen soll.“

„Verflixt noch mal, Fig, sie ist meine Schwester“, sagte Binky. „Das hier ist ihr Zuhause.“

„Es ist jetzt unser Zuhause, Binky. Deine Schwester ist seit Monaten fort, Gott weiß wo, und führt ihr eigenes Leben – was sie auch sollte, da du nicht länger für sie verantwortlich bist.“ Ein tiefer Seufzer folgte. „Nun, geh nach unten und unterhalte dich mit ihr. Ich schätze, ich werde aufstehen müssen. Dabei hatte ich mich heute Morgen darauf gefreut, lang im Bett zu bleiben und Country Life zu lesen.“

Auf Zehenspitzen schlich ich zum Speisesaal, als Binky wieder die Treppe herunterkam.

„Fig ist gleich bei uns“, sagte er und brachte ein strahlendes Lächeln zustande. „Hat heute ausgeschlafen, weißt du. Aber greif gern zu, ich bin sicher, dass alles noch warm ist.“

Ich tat wie geheißen und setzte mich mit einem turmhoch beladenen Teller voller Kedgeree, Nierchen, Rührei und Bacon an den Tisch. Ein solches Festmahl hatte ich schon seit Langem nicht gehabt und ich fragte mich, ob Figs Erbschaft groß genug gewesen war, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Als ich das letzte Mal zu Hause auf Castle Rannoch gewesen war, hatte Fig nur magere Kost aufgetischt. Es war sogar so weit gekommen, dass sie Cooper’s Oxford Marmelade durch Golden Shred ersetzt hatte.

Der Kaffee wurde serviert und als mein Teller beinahe leer war, hörte ich Schritte im Flur und Fig kam herein. „Georgiana“, sagte sie knapp. „So eine Überraschung. Wie schön, dich zu sehen.“ Sie sah älter aus als bei unserer letzten Begegnung und auf ihrer Stirn zeichneten sich erste Sorgenfalten ab. Sie war nie eine Schönheit gewesen, aber früher hatte sie das gesunde, wenn auch pferdeähnliche Aussehen einer Frau vom Land und einen makellosen Teint gehabt. Jetzt sah sie eindeutig teigig aus und ich empfand aufs Neue Mitleid mit Binky, der den Rest seines Lebens mit dieser Person verbringen musste. Wenn die Dinge wie geplant liefen, würde ich jeden Morgen am Frühstückstisch Darcy gegenüber sitzen – eine weitaus erfreulichere Aussicht.

Fig schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, dann setzte sie sich mir gegenüber an den Tisch. „Wir wussten nicht einmal, dass du in der Stadt bist, sonst hätten wir dich zum Essen eingeladen. Ehrlich gesagt hatten wir keine Ahnung, wo du steckst, nicht wahr, Binky? Dein Bruder hat sich große Sorgen gemacht, weil er nichts von dir gehört hat.“
„Das Letzte, was wir hörten, war, dass du bei den Eynsfords zu Gast warst“, sagte Binky, „und dort gab es eine kleine Unannehmlichkeit, nicht wahr? Diese unschöne Geschichte mit dem armen alten Cedric.“

„Georgiana scheint unschöne Geschichten anzuziehen“, sagte Fig. „Du warst im Ausland, nachdem du dich von den Eynsfords verabschiedet hast? Wir haben die Herzoginwitwe auf Balmoral getroffen und sie erwähnte etwas in der Art.“

„Ich war mit meiner Mutter in Amerika“, sagte ich.

„Warum in aller Welt? Sucht sie sich jetzt einen reichen Amerikaner als Ehemann?“ Fig rührte zornig in ihrem Kaffee.

„Oh, ich bitte dich, Fig, das ist wirklich nicht nötig“, unterbrach Binky sie.

„Im Gegenteil. Sie ließ sich dort von einem scheiden.“ Ich lächelte sie süßlich an. „Sie hat vor, den Industriellen Max von Strohheim zu heiraten.“

„Einen Deutschen?“ Fig warf meinem Bruder einen finsteren Blick zu. „Hast du das gehört, Binky? Georgies Mutter wird einen Deutschen heiraten. Ich verstehe einfach nicht, wie die Leute den Großen Krieg so schnell vergessen können.“
„Ich glaube nicht, dass der Beau von Georgies Mum viel mit dem Großen Krieg zu tun hatte“, sagte Binky auf seine übliche versöhnliche Art. Ich verkniff es mir zu erwähnen, dass er vermutlich ein Vermögen mit Waffenlieferungen verdient hatte. Sein industrielles Imperium war jedenfalls weitreichend. „Hast du dich in Amerika denn vergnügt, Georgie? Warst du lang dort?“

„In Teilen war es sehr schön, danke“, sagte ich. „Die Überfahrt auf der Berengaria –“

„Hörst du, Binky?“, unterbrach Fig. „Sie ist auf der Berengaria gereist – man nennt sie auch das Millionärsschiff. Das werde ich mir nie leisten können. Offensichtlich habe ich etwas im Leben falsch gemacht. Ich hätte Schauspielerin werden und Affären mit allerhand Männern eingehen sollen, wie Georgies Mutter.“

„Dafür hast du nicht das Aussehen, altes Haus“, sagte Binky liebevoll. „Du musst zugeben, dass Georgies Mum ein echter Knaller ist.“

Fig lief ziemlich rot an und ich bemühte mich, nicht an meinem Kaffee zu ersticken.

„Sie ist kaum mehr als ein Flittchen für die Oberklasse“, fuhr Fig ihn an.

„Ganz ruhig, altes Haus“, sagte Binky. „Georgies Mum mag ein ziemlich wildes Leben geführt haben, aber sie ist eine durch und durch anständige Frau. Als sie mit Vater verheiratet war, behandelte sie mich sehr gut. Sie war die Einzige, die merkte, wie unglücklich ich im Internat war.“

Fig erkannte, dass dieser Kampf nicht in ihrem Sinne verlief. „Du wurdest auf Balmoral vermisst, Georgiana“, sagte sie. „König und Königin haben beide deine Abwesenheit kommentiert. Waren höchst pikiert, weil du nicht dort warst.“

„Oh, ich bin mir sicher, dass meine Anwesenheit keinen Unterschied gemacht hätte“, sagte ich und war insgeheim geschmeichelt, dass überhaupt aufgefallen war, dass ich dieses Jahr nicht an der Hausgesellschaft teilgenommen hatte.

„Höchst pikiert“, wiederholte Fig. „Der König sagte doch tatsächlich zu mir: ‚Wo ist denn die junge Georgiana? Hatte sie genug davon, sich mit uns alten Knackern abzugeben? Verbringt ihre Zeit lieber mit den umtriebigen jungen Leuten, was?‘“

„Und die kleine Prinzessin hat dich auch vermisst, Georgie“, sagte Binky. „Diese Elisabeth entwickelt sich zu einer verdammt guten Reiterin. Sie meinte, sie bedaure es, dass du nicht dort warst, um mit ihr auszureiten.“

„Wahrscheinlich ist es nicht das Klügste, das Königspaar vor den Kopf zu stoßen, Georgie“, sagte Fig. „Immerhin sind sie die Familienoberhäupter. Und du weißt, dass die Königin felsenfest davon ausgeht, dass man sich auf Balmoral zeigt.“

Das stimmte allerdings. Es war nicht leicht, sich eine Ausrede einfallen zu lassen, um der Einladung zu entgehen. Es wurde sogar gemunkelt, dass ein gewisses Mitglied der erweiterten Königsfamilie ihre Schwangerschaften zeitlich so abstimmte, dass sie Balmoral jedes zweite Jahr verpassen konnte. Uns Rannochs allerdings machte es nichts aus. Wir waren bereits an eiskalte Zimmer und Dudelsackklänge gewöhnt, die alle im Morgengrauen aus dem Schlaf rissen. Nicht zu vergessen die Schottenkaro-Tapete auf dem stillen Örtchen.

„Wir haben uns dieses Jahr dort prächtig amüsiert, nicht wahr, Binky?“ Fig leerte ihre Kaffeetasse und stand auf, um sich eine Scheibe Toast zu nehmen.

„Oh, in der Tat“, pflichtete er ihr bei. „Das Wetter war natürlich nicht besonders freundlich. Hat ehrlich gesagt jeden verdammten Tag geregnet. Hab jeden Vogel, auf den ich schoss, verpasst. Abgesehen davon war es durchaus vergnüglich. Sie haben einen neuen Dudelsackmusikanten, der im Morgengrauen spielt.“

„Wie schade, dass ich gezwungen war, es zu verpassen“, sagte ich ohne eine Miene zu verziehen. Ich wandte mich wieder an Fig. „Wie ich höre, hast du eine Erbschaft gemacht, Fig, und ihr lasst eine Zentralheizung installieren.“

„Nur eine kleine Erbschaft“, sagte Fig hastig. „Meine Tante lebte sehr schlicht. Ohne Luxus. Sie war bis zu ihrem Tod sehr aktiv bei den Pfadfinderinnen.“

„Und ihr wohnt nur hier, bis der neue Boiler installiert ist?“

„Eigentlich dachten wir, dass wir auch gleich bis zur Hochzeit hier bleiben könnten“, sagte Binky und erntete einen warnenden Blick von Fig.

„Die Hochzeit?“, fragte ich.
„Die königliche Hochzeit“, erklärte Binky.

„Der Prince of Wales gibt sich endlich geschlagen und heiratet?“, rief ich überrascht.

„Nicht der Prince of Wales, obwohl er sich viel Zeit damit lässt, eine passende Frau auszusuchen, die eines Tages Königin sein wird“, sagte Fig. „Der jüngere Sohn ist es, Prinz George, der nächsten Monat heiratet.“

Ich hätte nicht überraschter sein können. „George?“, quiekte ich. Prince Georgie, der vierte Sohn des Königs, war ein vollendeter Charmeur, unterhaltsam und lustig, aber nach allem was ich gehört (und gelegentlich gesehen) hatte, war er ein ziemlich ungezogener Bursche. „Der König und die Königin versuchen also, ihm Zügel anzulegen.“

„Zügel anlegen? Was meinst du damit?“, erkundigte sich Fig.

„Es gab Gerüchte …“ Ich warf Binky einen Blick zu, erntete aber keine Reaktion, also vermutete ich, dass die Neuigkeiten Schottland nicht erreicht hatten oder meine Verwandten so weltfremd waren, dass sie nicht wussten, dass es Menschen wie George gab.

„Komm schon, Georgiana. Selbst Prinzen unseres Landes dürfen in ihrer Jugend ein bisschen Spaß haben“, sagte Fig. „Solange sie ihre Pflicht erfüllen und eine gute Partie eingehen.“

Ich persönlich war der Ansicht, dass nackt in nichts als einer Bärenfellmütze zu posieren und eine Affäre mit Noel Coward zu haben nicht mehr als „ein bisschen Spaß haben“ durchgingen. Ich hatte ihn einmal auf einer Party gesehen, wo Kokain geschnupft worden war. Es gab außerdem Gerüchte über Affären mit ganz und gar unpassenden Frauen.

„Wen heiratet er?“, wollte ich wissen.

„Prinzessin Marina von Griechenland“, sagte Binky. „Dänische Königsfamilie, weißt du. Du hast ihren Cousin Philip kennengelernt, glaube ich. Sehr gutaussehend. Netter Junge. Guter Sportler.“

„Und natürlich sind wir zur Hochzeit eingeladen“, fügte Fig selbstzufrieden hinzu. „Würden sie um nichts in der Welt verpassen, nicht wahr, Binky?“

„Oh nein“, sagte Binky. „Ein großer Spaß.“

„Ich frage mich, ob ich eingeladen bin“, sagte ich. „Wird es eine große Angelegenheit?“

„Westminster Abbey“, sagte Fig. „Ich habe keine Ahnung, ob du auf der Gästeliste stehst. Irgendwo müssen sie ja eine Grenze ziehen.“

Binky rückte seinen Stuhl etwas näher zu mir. „Also, Georgie, was sind deine Pläne, nun da du aus Amerika zurückgekehrt bist? Bleibst du in London?“

„Ich durfte das Cottage einer Freundin nutzen“, sagte ich, „aber sie ist überraschend zurückgekommen, also muss ich ausziehen. Ich hatte daran gedacht, nach Castle Rannoch zu fahren, während ich mich nach einer passenden Stelle umsehe, aber das steht nun natürlich außer Frage. Bleibt noch mein Großvater …“

„Der aus Essex?“ Bei Fig klang es wie einer der äußeren Kreise der Hölle.

„Da der andere seit vielen Jahren tot ist, lautet die Antwort darauf Ja“, gab ich zurück. „Er ist ein ganz wunderbarer Mensch, nur nicht –“

„Einer von uns“, unterbrach Fig. „Du kannst doch nicht ernsthaft daran denken, nach Essex zu ziehen! Was würde die Familie dazu sagen, wenn sie davon erführe? Ich glaube nicht, dass sie über die Nachricht erfreut wären, dass du in Essex bei einem Cockney lebst, Georgiana. Egal, wie wunderbar er ist.“

„Hast du etwa einen besseren Vorschlag?“, fragte ich.

„Du musst hier wohnen“, sagte Binky hellauf begeistert.

Figs Gesicht war ein Anblick für die Götter. Sie öffnete ihren Mund, setzte zum Sprechen an, dann schloss sie ihn wieder. Ich konnte nicht widerstehen, eilig zu antworten: „Wenn ihr euch wirklich sicher seid, dass es keine Umstände machen würde?“

„Umstände?“, sagte Binky. „Es ist dein Zuhause, Georgie, altes Haus. Wir nehmen dich liebend gern auf – nicht wahr, Fig?“

Darauf folgte eine ausgedehnte Stille, bevor sie sich ein schmallippiges Lächeln abrang und sagte: „Natürlich tun wir das. Du kannst sehr gern hier bleiben.“

Kapitel 4

29. Oktober

Rannoch House, Belgrave Square, London W1.

Ich musste in mich hineinlächeln, als ich Rannoch House verließ und mich auf den Weg zur U-Bahn-Station an der Ecke Hyde Park machte. Ich hatte für die unmittelbare Zukunft einen Schlafplatz. Nun musste ich nur noch Queenie in ihrem Elternhaus abholen, damit sie meine Kleider packen und mir beim Umzug helfen konnte.

„Allmächtiger“, schoss es mir durch den Kopf, als mir etwas klar wurde. Das würde Fig wirklich verärgern. Sie konnte Queenie nicht ausstehen und hatte mich schon mehrmals aufgefordert, sie zu feuern. Ich merkte, dass es mir diebische Freude bereitete, zu wissen, dass sowohl ich als auch Queenie Fig auf die Nerven gehen würden. Natürlich nicht für lange Zeit, aber wenn ich ebenfalls zu der Hochzeit eingeladen war, würde ich bis Ende November bleiben müssen. Und bis dahin würde ich es schaffen, eine Arbeit oder eine Einladung zu ergattern.

Der Zug fuhr ein und Dunkelheit verschluckte uns. Ich war auf dem Weg ins tiefste Essex zum Haus meines Großvaters. Seine direkte Nachbarin war Queenies Großtante, sie würde also wissen, ob Queenies Mutter sich wieder ausreichend erholt hatte und ich Queenie mitnehmen konnte. Das Haus meines Großvaters lag in einer respektablen und ruhigen Mittelschichtsvorstadt. Jedes Reihenhaus hatte einen kleinen, quadratischen Vorgarten, wo im Sommer Rosen und Lavendel blühten, der um diese Jahreszeit aber traurig und leer wirkte. Großvaters Vorgarten machte immer noch einen fröhlichen Eindruck, da mitten in seinem Blumenbeet drei bunt bemalte Gartenzwerge standen. Ich holte tief Luft, bevor ich zur Eingangstür ging. Es kam mir vor, als sei viel Zeit vergangen, bis ich schließlich eine Stimme hörte, die sagte: „Ich komme, ich komme.“

Die Tür wurde geöffnet und dort stand Großvater. Zu meiner Überraschung trug er Morgenmantel und Hausschuhe. Erst schaute er mich misstrauisch an, dann breitete sich ein Grinsen auf seinem faltigen alten Gesicht aus.

„Tja, das gibt’s doch nich’“, sagte er. „Dich hätte ich als Letztes erwartet, meine Liebe. Ich dachte, es wäre die Nachbarin, die mir den versprochenen Eintopf bringt. Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich mich ein bisschen vorzeigbarer angezogen.“

„Dir geht es nicht gut?“, fragte ich und küsste ihn auf die stoppelige Wange, als er mich umarmte.

„Nichts Ernstes. Nur die alte Bronchitis, die sich wieder meldet. Bei diesem Wetter bekomme ich sie immer ziemlich stark, aber jetzt bin ich wieder auf dem Wege der Besserung. Ich gönne mir Ruhe, wie es der Doktor verordnet hat, und erlaube der Nachbarin, sich um mich zu kümmern. Sie ist eine gute Seele, das kann man nich’ anders sagen, und sie bringt mir alle möglichen Gerichte vorbei, um mich wieder zum Essen zu verleiten. Aber komm rein. Steh nich’ einfach da, ich setze den Kessel auf. Sie hat auch kürzlich einen leckeren Dundeekuchen gebacken.“

Ich folgte ihm in die Küche und setzte mich auf einen Holzstuhl, während er den Teekessel füllte.

„Großvater, ich wünschte, du hättest mir gesagt, dass du krank warst“, sagte ich. „Ich hätte herkommen und mich um dich kümmern können.“

„Sehr lieb von dir, Küken, aber wie gesagt war es nichts Ernstes. Nur ein kleiner Husten. Diese Lunge hat schon zu lange im Old Smoke gelebt. Funktioniert nich’ mehr richtig.“

„Ich wünschte, ich hätte ein Haus auf dem Land, dann würde ich dich bei mir aufnehmen“, sagte ich. „Die frische Landluft tut dir so gut.“

„Mach dir um mich keine Sorgen, meine Liebe.“ Er tätschelte meine Hand. „Ich hatte ein langes, erfülltes Leben. Kann mich nich’ beschweren.“

Ich nahm seine Hand. Er hatte immer einen so starken und munteren Eindruck gemacht. Der Ex-Polizist, der zeit seines Lebens alle Schwierigkeiten gemeistert hatte. Zu sehen, dass er kurz davor war aufzugeben, beunruhigte mich. „Sag so etwas nicht, Großvater. Du musst noch lange durchhalten. Du musst zu meiner Hochzeit kommen und mein erstes Kind im Arm halten.“

„Und wird eines dieser beiden Dinge schon bald eintreten?“, fragte er mit einem schelmischen Grinsen. „Macht dir dieser Darcy immer noch den Hof?“

„Den Hof machen kann man es nicht gerade nennen.“ Ich lächelte. „Und im Moment ist er nicht in der Gegend. Aber eines Tages …“

„Er ist ein anständiger Bursche, dieser Darcy“, sagte Großvater. „Bleib bei ihm, dann wirst du es gut haben.“

Der Kessel pfiff und Großvater füllte drei Löffel Tee in die Kanne, bevor er das kochende Wasser darüber goss.

„Also, was bringt dich heute her? Kommst du nur auf einen Plausch vorbei oder gibt es noch was?“

„Ich komme immer gern auf einen Plausch vorbei“, sagte ich. „Dich zu sehen muntert mich immer auf. Aber eigentlich komme ich, um Queenie abzuholen, und ich habe gemerkt, dass ich die Adresse ihrer Eltern nicht kenne.“

„Du holst sie zurück?“, fragte Großvater, dann stieß er ein pfeifendes Lachen aus, das sich in Husten verwandelte. „Menschenskinder, Küken, das sind verdammt gute Nachrichten für ihre Familie. Sie hat sie völlig wahnsinnig gemacht, jawoll. Ihre eigene Mum meinte, dass sie nich’ wüsste, warum Queenie dich nich’ die Wände hochgehen lässt. Ihrer Ansicht nach musst du eine Art Heilige sein.“

„Also war Queenie keine allzu große Hilfe?“, erkundigte ich mich.

Großvater schmunzelte erneut. „Kann man so sagen. Sie hat versucht zu kochen und der Gasherd ist in die Luft geflogen. Dann hat sie das Kamingitter auf das gebrochene Bein ihrer Mutter gestoßen. Nein, ich glaube, ich kann mit Sicherheit sagen, dass sie dir die Füße küssen werden, wenn du sie mitnimmst.“

„Arme alte Queenie“, sagte ich. „Anscheinend ist sie ein Magnet für Katastrophen.“

„Und trotzdem willst du ihr noch eine Chance geben?“

„Ach, Großvater“, seufzte ich. „Wer würde sie sonst einstellen? Außerdem ist sie das einzige Dienstmädchen, das ich mir leisten kann, und die meiste Zeit ist sie besser als nichts.“

„Tja, wenn du dir da ganz sicher bist, verrate ich dir, dass sie gerade nebenan bei ihrer Omi ist“, sagte er. „Die hat versucht, ihr das Kochen beizubringen – ohne großen Erfolg, wie ich höre. Ihr Paps behauptet, sie würde noch alle vergiften. Wirklich schade, weil ihre Omi eine ausgezeichnete Köchin ist. Hier, probier von dem Kuchen.“

Er hob den Deckel von einer Kuchenform und schnitt ein großzügiges Stück Dundeekuchen ab. Er war saftig, fruchtig und sättigend und ich aß ihn mit Genuss.

„Ihre Großmutter ist eine gute Köchin“, bestätigte ich. „Es überrascht mich, dass sie dich noch nicht mit ihren Kochkünsten rumgekriegt hat.“

Er grinste. „Sie hat sich jedenfalls große Mühe gegeben und genügend Bemerkungen dahingehend fallengelassen. Aber ganz unter uns gesagt bin ich mit den Dingen zufrieden, wie sie sind. Sie ist für mich da, wenn ich sie brauche, aber sie macht mich nich’ wahnsinnig, indem sie mich ständig bemuttert. Und wenn ich sie heiraten würde, hätte ich Queenie als Enkelin am Hals. Ich glaube nich’, dass dir das gefallen würde, oder?“

„Du lieber Himmel“, sagte ich. „Queenie als Verwandte wäre mir zu viel. Sie befolgt schon jetzt meine Anweisungen nicht, dabei ist sie nur mein Dienstmädchen. Als weitere Enkelin würde sie sich unmöglich aufführen.“

Wir lachten.

„Wohnst du eigentlich immer noch bei deiner Freundin in diesem schnöseligen Teil von Knightsbridge?“

„Bis heute Morgen war ich dort“, sagte ich und erzählte ihm die Geschichte.

„Du weißt, dass du hier jederzeit willkommen bist“, meinte er, „aber deinen Leuten würde es nich’ gefallen.“

„Ich weiß“, seufzte ich. „Aber mach dir keine Sorgen, es hat sich eine gute Lösung ergeben. Mein Bruder ist in der Stadt und hat mich eingeladen. Ich habe gehört, dass es eine königliche Hochzeit geben soll, also bleiben er und Fig noch einen Monat in London. Bis dahin habe ich vielleicht etwas gefunden.“

„Etwas gefunden? Was denn?“

Ich seufzte und blickte auf die Reihe identischer Hintergärten, in denen die Wäsche im auffrischenden Wind auf den Leinen flatterte. „Ich wünschte, das wüsste ich. Ich hoffe immerzu eine Arbeit zu finden. Für irgendeine Art der Anstellung muss ich doch geeignet sein. Ich würde mit Sicherheit eine bessere Zofe abgeben als Queenie.“

Er schmunzelte erneut. „Da bin ich mir sicher, Küken.“

Ich trank meinen Tee aus und aß meinen Kuchen auf. „Tja, ich schätze, ich sollte mich dem Unvermeidbaren stellen und Queenie abholen. Mein einziger Trost ist, dass meine Schwägerin vor Wut schäumen wird, wenn sie herausfindet, dass Queenie ihr Haus wieder betritt.“ Ich grinste ihn verschlagen an.

Nachdem ich Großvater zum Abschied geküsst und ihm versprochen hatte, ihn bald wieder zu besuchen, ging ich zum Haus nebenan und betätigte den Türklopfer. Die Tür wurde schwungvoll aufgerissen und ein Kopf voller Lockenwickler, die unter einem Schal hervorlugten, erschien. Die Frau blickte mich finster an. „Wenn Sie noch eine von diesen Zeugen Jehovas sind, die mir erzählen will, dass ich in die Hölle komme, dann können Sie sich das in den …“

„Hallo, Mrs Huggins“, sagte ich.

Sie hielt inne und über ihr Gesicht huschte ein Ausdruck tiefen Entsetzens. Sie schlug eine Hand vor den Mund. „Menschenskinder. Oh, Ihre Ladyschaft. Es tut mir so leid. Ich hab’ Sie im ersten Moment nich’ erkannt und diese verflixten religiösen Leute waren gestern schon wieder hier. Ich weiß nich’, was die von jemandem wie mir wollen. Ich hab’ kein Geld, und hinter dem sind sie doch normalerweise her.“ Sie strich sich über das Haar, wie um es glatt zu streichen, wobei ihr auffiel, dass sie Lockenwickler trug, was ihr noch peinlicher war. „Sind Sie also hier, um Ihren Großvater zu besuchen? In den letzten Tagen war er ein bisschen kränklich, aber ich glaube, er ist auf dem Wege der Besserung. Ich mache ihm gerade einen schönen irischen Eintopf mit Klößen, um ihm wieder auf die Beine zu helfen.“

„Eigentlich bin ich hier, weil Queenie gerade bei Ihnen ist.“
„Das ist sie, Ihre Ladyschaft. Hilft mir in der Küche und als Köchin macht sie sich wirklich gut. Es war so freundlich von Ihnen, ihr zu erlauben, sich um ihre arme Mum zu kümmern. Ich nehme an, Sie wollen sie nun wieder zurück?“ In ihrer Stimme klang Hoffnung mit.

„Ganz genau. Wenn Sie der Meinung sind, dass es ihrer Mutter wieder besser geht und Sie sie entbehren können.“

„Tja, wir müssen sie wohl ziehen lassen, nich’ wahr, Ihre Ladyschaft? Immerhin sind Sie ihre Arbeitgeberin und es schickt sich nich’, dass Sie länger als absolut nötig allein auskommen müssen. Ich nehme an, ohne sie zurechtzukommen war schwer für Sie.“

„Es ging schon, Mrs Huggins“, sagte ich, „und wenn Sie das ehrliche Gefühl haben, dass ihre Mutter sie doch länger braucht, kann ich bestimmt allein –“

„Oh nein, Ihre Ladyschaft“, unterbrach sie. „Es wäre nich’ schicklich. Queenie muss mit Ihnen zurück in die Stadt. Ohne Zweifel. Kommen Sie rein, Küken – ich meine, Ihre Ladyschaft.“

Ich verstand, woher Queenie ihre Eigenart hatte. Sie hatte nie gelernt, mich mit meinem korrekten Titel anzusprechen.

„Queenie!“, schrie Mrs Huggins in einem Tonfall, auf den jeder Sergeant Major stolz gewesen wäre. „Komm und schau dir an, wer dich besucht. Sie ist den ganzen Weg hierher für dich gekommen. Hat dich vermisst.“

Das ging etwas zu weit, aber ich widersprach nicht, als sich die Küchentür öffnete und Queenie herauskam. Sie trug dieselbe Kleidung wie bei ihrem Einstellungsgespräch – einen lilafarbenen selbst gestrickten Pullover, der ihre ausladenden Kurven etwas zu sehr betonte, und einen leuchtend roten Rock. Als sie mich sah, breitete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

„Hallöchen, Miss“, sagte sie. „Bin mächtig froh, Sie zu sehen. Sie halten es nich’ länger ohne mich aus, was?“

„Hallo, Queenie“, sagte ich. „Ich freue mich auch, dich zu sehen.“
„Tja, ich kann nich’ behaupten, der Abschied würde mir schwerfallen“, sagte sie. „Ich mag meine Familie zwar, aber sie haben mich ganz schön herumgescheucht. Es wird schön sein, bei Ihnen wieder Ruhe und Frieden zu haben.“

„Ich hole dich ab, weil ich Hilfe beim Packen brauche. Wir ziehen aus Belindas Cottage aus.“

Sie sah mich erwartungsvoll an. „Geht es wieder an einen schönen Ort? Aufs Festland? Amerika? Sie hätten sehen sollen, wie meine Nachbarn unten an der Straße geschaut haben, als ich ihnen erzählt habe, dass ich in Hollywood war. Sie wollten mir nich’ glauben, aber ich meinte: ‚Dann könnt ihr Lady Georgiana fragen, meine Herrin. Und ihr könnt sie in den Illustrierten in Hollywood sehen mit ihrer Mum, einem berühmten Filmstar.‘“

„Dieses Mal bleiben wir in der Nähe. Wir wohnen die nächsten Wochen im Rannoch House.“

„Allein?“

„Nein. Mein Bruder und seine Familie werden mit uns dort sein.“

„Verdammt und zugenäht“, sagte sie. „Wir ziehen bei Ihrer hochnäsigen Schwägerin ein?“

Egal was ich von meiner Schwägerin hielt, es stand einer Bediensteten nicht zu, sie zu kritisieren. Ich hatte schon früher versucht, Queenie das beizubringen, aber wie die meisten Dinge vergaß sie es sofort wieder. „Queenie, denk daran, was ich dir gesagt habe. Es steht dir nicht zu, Höhergestellte zu kritisieren. Ich glaube ebenfalls, dass meine Schwägerin nicht die einfachste Person ist, aber wenn du deine Arbeit perfekt machen würdest, hätte sie auch nichts zu meckern, nicht wahr?“

„Sie mag mich nich’, weil ich ihr zu bürgerlich bin“, klagte Queenie.

„Wenn du lieber hierbleiben und dich länger um deine Mutter kümmern willst, komme ich bestimmt noch eine Weile ohne ein Dienstmädchen aus“, sagte ich.

„Oh nein, Ihre Ladyschaft“, rief Mrs Huggins, bevor Queenie etwas erwidern konnte. Sie schubste Queenie in meine Richtung. „Sie muss ihre Pflicht erfüllen. Ihr Platz ist an Ihrer Seite. Nich’ wahr, Queenie?“
Queenie nickte. „Stimmt. Aber warum schlagen wir im Haus Ihres Bruders auf? Was stimmt mit dem Cottage nich’? Ich mochte es gern. War gemütlich.“

„Wir ziehen aus, weil Miss Belinda unerwartet zurückgekommen ist.“

„Das ist verdammt ärgerlich, was? Ich war mir sicher, dass es ihr in Amerika gefallen würde. Dachte, sie würde sich einen reichen Amerikaner angeln.“

„Das dachte ich auch, aber jetzt ist sie zu Hause und ich muss ausziehen. Also geh und hol deine Sachen, dann komm zu Belindas Cottage, um meinen Koffer zu packen.“
„Klar wie Kloßbrühe, Miss“, sagte sie.

Kapitel 5

29. Oktober

Rannoch House

Allmächtiger, ich hatte recht! Fig machte ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, als sie Queenie sah. Herrlich!

Wie ich es vorausgesagt hatte, war Fig äußerst pikiert, als sie Queenie erblickte, die sich zusammen mit dem Lakaien abmühte, meinen Koffer die Treppe hinaufzutragen – insbesondere, da sie ihren antiken mottenzerfressenen Pelzmantel mitsamt ihrem roten Filzhut trug, was sie aussehen ließ wie ein überdimensionierter Igel mit einem Blumentopf auf dem Kopf.

„Georgiana, sag nicht, dass diese abscheuliche Person noch immer dein Dienstmädchen ist“, keifte Fig laut genug, dass Queenie es hören konnte. „Inzwischen hättest du durchaus eine passendere Bedienstete finden können.“

„Eine passendere kann ich mir nicht leisten, Fig“, sagte ich, als der Koffer auf dem Treppenabsatz des ersten Stocks verschwand. „Ich bin genauso verarmt, wie du zu sein vorgibst.“

„Wenn du nur das Richtige tun und eine gute Partie eingehen würdest, Georgiana.“ Sie kehrte der Treppe den Rücken zu und ging in Richtung Salon. „Weiß der Himmel, wie sehr die Königin sich bemüht hat, dich mit geeigneten jungen Männern bekanntzumachen. Aber du hast dir in den Kopf gesetzt, sie alle aus irgendeinem Grund abzuweisen.“

„Wenn du von Prinz Siegfried sprichst …“, setzte ich an.

Sie wirbelte herum. „Ich kann nicht glauben, dass du Prinz Siegfried abgewiesen hast. Er ist der älteste Sohn, Georgiana. Er wird eines Tages König werden.“

„Wenn die Familie nicht vorher hinterrücks ermordet wird“, sagte ich grinsend.

„Das ist keine lustige Angelegenheit.“ Fig ließ sich auf das Sofa neben dem Fenster sinken und nahm eine Ausgabe von Horse and Hound zur Hand, als fände sie mich bereits zu langweilig, um sich mit mir abzugeben. „Du hättest Königin werden können – was die Erwartungen an deine niedrige Stellung in königlichen Kreisen weit übertroffen hätte.“

„Siegfried war grauenvoll, Fig.“

„Ich stimme zu, dass er ein wenig hochmütig und arrogant war“, sagte sie. „Nicht die Art von Person, für die man sich sofort erwärmt. Aber man sollte nicht vergessen, dass er zum Herrscher erzogen und ausgebildet wurde. Ein solches Verhalten erwartet man von europäischen Königen. Schließlich gibt es immer noch Bauern, über die sie herrschen müssen, nicht wahr?“

„Er bevorzugt Männer, Fig“, sagte ich.

„Viele Männer bevorzugen männliche Gesellschaft. Frauengespräche langweilen sie.“

„Ich spreche nicht über Konversation. Ich spreche über das Schlafzimmer.“

Sie sah auf und runzelte die Stirn. „Wie bitte?“

„Er ist rosa. Vom anderen Ufer.“

Sie riss die Augen auf. „Gütiger Himmel. Bist du sicher? Ich meine, man hört zwar von solchen Dingen, aber man glaubt nie …“

„Er sagte mir, wenn ich ihn heirate und einen Erben gebäre, würde er mich danach in Ruhe lassen. Er würde ein Auge zudrücken, wenn ich Liebhaber hätte, und ich sollte es bei seinen Liebhabern ebenso handhaben. Eine bezaubernde Zukunft, findest du nicht?“

Fig blinzelte hektisch. „Also wirklich. Es war völlig richtig, ihn unter diesen Umständen zurückzuweisen. So ein absonderliches Verhalten erwartet man nicht bei königlichen Personen.“

„Oh, ich glaube, dass es historisch schon bei vielen königlichen Personen zu finden war“, sagte ich. „Zu viel Isolation und Inzest.“ Ich grinste angesichts ihrer schockierten Miene. Ich wollte Prinz George anführen, verkniff es mir aber in letzter Sekunde. Ich mochte George. Er war angenehm und lustig. Ich wollte keinen Klatsch über ihn verbreiten, auch wenn ich selbst Hinweise auf sein sonderbares Verhalten gesehen hatte.

Fig schüttelte nun entschieden den Kopf. „Nein, nein. Das kann ich nicht glauben. Ganz sicher nicht. Königliche Personen werden dazu erzogen, ihre Pflicht zu tun, Georgiana. Was du, auch als unbedeutendes Mitglied des Königshauses, nicht vergessen solltest.“

„Mein Cousin David scheint seine Pflicht nicht zu erfüllen“, sagte ich. „Er vergnügt sich immer noch mit einer verheirateten amerikanischen Lady.“

Fig runzelte die Stirn. „Er wird sich bessern, wenn die Zeit gekommen ist. Das muss er, bevor sein Vater stirbt. Das Land zählt auf ihn.“ Sie schaute auf und wedelte mit einem Finger vor meiner Nase herum. „Das bringt mich auf eine Idee, Georgiana. Ich denke, du solltest bis zur Hochzeit in London bleiben. Ich werde Binky an Ihre Majestäten schreiben lassen und dafür sorgen, dass du eine Einladung zu allen Festlichkeiten erhältst. Dort wird eine gute Auswahl an ausländischen Prinzen sein und einer von ihnen kommt bestimmt als Ehemann infrage. Du musst die Gunst der Stunde nutzen, Georgiana. Wie alt bist du jetzt – vierundzwanzig? Deine Blüte beginnt zu verblassen und ich bin sicher, dass du kein Leben als einsame alte Jungfer führen willst, die eigentlich niemand in seinem Haus haben möchte.“

„Danke für dein Vertrauen in mich.“ Ich lachte befangen. „Aber mach dir keine Sorgen. Ich verspreche, dir nicht als unverheiratete Tante zur Last zu fallen. Und ich habe sogar einen jungen Mann im Auge.“

„Etwa dieser schreckliche O’Mara? Du schmachtest ihn doch nicht immer noch an?“

„Er ist nicht ‚dieser O’Mara‘. Er ist der Sohn eines irischen Adligen und daher einer von uns. Er wird eines Tages Lord Kilhenny sein.“

„Aber diese Familie ist bankrott, Georgiana. Der Vater musste, wie ich hörte, das Schloss und die Rennställe verkaufen, und dein junger Freund kann dir nichts bieten. Und man munkelt über seinen Ruf bei Frauen. Er wird dir mit seiner flatterhaften Art das Herz brechen, Georgiana. Merk dir das. Entscheide dich für jemanden, der verlässlich und berechenbar ist, auch wenn er so langweilig ist wie Binky.“

„Darcy mag ein wildes Leben geführt haben, bevor er mich kennenlernte“, sagte ich, „aber jetzt arbeitet er furchtbar hart, damit er eines Tages für mich sorgen kann. Und ich möchte niemand anderen heiraten. Ich bin bereit, auf Darcy zu warten, so lange es nötig ist.“

„Während er zweifellos mit anderen Frauen auf der ganzen Welt herumschäkert.“ Fig lächelte. „Du bist so unschuldig, Georgiana. Ich führe diese Diskussion nur zu deinem eigenen Wohl.“

„Da bin ich mir sicher“, sagte ich. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, ich gehe auf mein Zimmer und vergewissere mich, dass Queenie meine Kleider ordentlich wegräumt. Ich hoffe, ich habe noch mein altes Zimmer?“

„Es ist zurzeit niemand anders darin untergebracht“, sagte sie.

„Und danach muss ich ins Kinderzimmer gehen und meinem Neffen und meiner Nichte Hallo sagen.“

„Der junge Podge hat dich sehr gern, weißt du. Er fragt oft nach dir.“

„Er hat mir sehr gefehlt. Und Adelaide wird mich nicht einmal erkennen.“

„Sie entwickelt sich zu einem recht eigensinnigen Kind“, sagte Fig. „Sie weigert sich standhaft, zu ihrer Mutter zu kommen.“

Meine Meinung von Adelaide stieg sofort. „Vielleicht braucht sie ein bisschen mehr Liebe und jemanden, der mit ihr spielt“, sagte ich. „Es kann einsam sein als Kind. So ging es jedenfalls mir. Aber ich hatte zum Glück ein wirklich gutherziges Kindermädchen.“

„Kinder brauchen strenge Routine und Disziplin. Man darf nicht zu nachgiebig mit ihnen sein, Georgiana, was du merken wirst, sobald du eigene Kinder hast.“

„Ich dachte, ich wäre dazu bestimmt, eine einsame alte Jungfer zu werden, da meine Blüte bereits vorbei ist“, sagte ich grinsend auf dem Weg zur Tür des Salons.

Als ich den Treppenabsatz zum ersten Stock erreichte, zuckte ich zusammen, als sich die Toilettentür zu meiner Rechten etwa einen Zoll weit öffnete und eine Stimme zischte: „Pssst. Sind Sie das, Miss?“

„Queenie?“, fragte ich und starrte auf den Teil ihres Gesichts, der durch den Türspalt sichtbar war.

„Kommen Sie rein, Miss. Schleunigst.“ Sie öffnete die Tür und zerrte mich geradezu hinein.

„Was tust du im Badezimmer der Familie?“, stellte ich sie zur Rede. „Du weißt doch, dass du die Dienstboteneinrichtungen nutzen sollst.“

„Tja, die sind unten im Keller und ich musste dringend mal.“

In diesem Moment bemerkte ich, dass sich meine Füße eindeutig feucht anfühlten. Auf dem Boden stand das Wasser gut einen Zoll hoch und noch mehr Wasser schwappte über den Rand der Toilette. „Was in aller Welt?“, begann ich.

„Entschuldigung, Miss. Ich hatte einen kleinen Unfall“, sagte sie. „Ich habe mein Geschäft erledigt, bin aufgestanden und habe an der Kette gezogen, da ist mir die Kette irgendwie entwischt und hat mir den Hut vom Kopf gefegt.“

„Deinen Hut?“

Sie grinste schuldbewusst. „Ich muss vergessen haben, dass ich ihn noch trug. Ich überlegte mir, wie ich Ihre Kleider anweisungsgemäß auspacken würde, und vergaß darüber meinen Hut. Dumm von mir, was? Und jetzt ist er ins Klo gefallen.“
Ich spähte in die Tiefen des trüben Wassers und erkannte etwas leuchtend Rotes, das aus dem Rohr schaute. „Er ist immer noch dort. Hast du versucht, ihn herauszuholen?“

„Ich steck doch nich’ meine Hand da rein!“, rief sie entsetzt. „Es ist voller Ich-weiß-nich’-was.“

„Queenie, das Wasser wird jede Minute durch den Boden sickern und von der Decke unter uns tropfen. Und wenn meine Schwägerin herausfindet, dass du ihr Bad benutzt hast, dann fürchte ich, dass sie dich vor die Tür setzen wird. Schleunigst, wie du es ausdrücken würdest.“

„Tja, was soll ich nun tun?“

„Renn nach unten. Frag nach alten Handtüchern für den Boden und schau, ob du etwas finden kannst, um den Hut herauszuangeln.“

„Dann wird jeder wissen, dass ich es war“, jammerte sie.

„Queenie, ich werde nicht die Schuld dafür auf mich nehmen, dass du eine Toilette geflutet hast“, sagte ich. „Entweder krempelst du jetzt die Ärmel hoch und ziehst den Hut selbst heraus, oder du findest etwas, mit dem du es tun kannst. Mach schon, lauf. Bevor es zu spät ist.“

Sie brachte bestenfalls ein temperamentvolles Watscheln zustande, aber sie kam kurze Zeit später mit Handtüchern und einem Schürhaken zurück. „Ich habe einfach gesagt, dass es im Badezimmer Ihrer Ladyschaft einen kleinen Unfall gegeben hat“, sagte sie. „Ich bin nich’ ins Detail gegangen.“

Wenige Minuten später wurde der Hut herausgezogen – mittlerweile ein durchnässtes Knäuel aus rotem Filz. „Ich glaube nich’, dass ich ihn je wieder in Form bekomme, oder, Miss?“ sagte Queenie und hielt ihn trauernd hoch.

„Queenie, du kannst keinen Hut tragen, der im Klo gewesen ist“, sagte ich verzweifelt. „Wirf ihn in den Mülleimer. Und zwar sofort. Und reinige auch den Boden vollständig. Ich habe nicht schlecht Lust, dich heute zu deinen Eltern zurückzuschicken.“

„Unfälle können jedem passieren, Miss“, sagte sie. „Sogar Ihnen.“

Ich seufzte. Das stimmte allerdings. Mir passierten Unfälle. In stressigen Augenblicken war ich als ein, sagen wir mal, etwas ungeschickter Tollpatsch bekannt. Nur Queenie passierten sie bedeutend häufiger. Vielleicht waren wir füreinander bestimmt.

Mein Neffe begrüßte mich mit rührender Begeisterung und umarmte mich fest. Selbst meine Nichte schien sich über meinen Besuch zu freuen, aber das lag möglicherweise nur daran, dass sie mich ihrem Kindermädchen vorzog, einer steifen, gestärkten Person, die keine warmen Gefühle weckte. Als ich mein Schlafzimmer betrat, hatte Queenie meine Sachen ohne größere Missgeschicke ausgepackt und machte einen gebändigten Eindruck. Sie nannte mich sogar „Mylady“, was zeigte, wie viel Mühe sie sich gab.

Ich richtete mich in meinem alten Zimmer ein und Binky schrieb in meinem Namen an den Palace. Alles schien sich zufriedenstellend zu entwickeln. Außerdem hatte Fig tatsächlich die Lady abonniert, also machte ich es mir in einem Sessel bequem und blätterte durch die neuesten Ausgaben der Zeitschrift. Es gab zahlreiche Anzeigen für Dienstboten, aber nur wenig mehr. Aber jetzt hatte ich bei der Suche nach einer Anstellung keine Eile mehr. Die Hochzeit würde erst in einem Monat stattfinden. Vielleicht würde mein Bruder sogar beschließen, bis Weihnachten zu bleiben. Wer wusste schon, was sich bis dahin ergeben würde?

Erstaunlicherweise erhielt ich eine Antwort auf Binkys Brief am Tag, nachdem er abgeschickt worden war. Er war an mich adressiert und noch dazu in der Handschrift der Königin persönlich.

Meine liebe Georgiana,

ich war hocherfreut zu hören, dass du nun nach London zurückgekehrt bist und bei der Hochzeit meines Sohnes anwesend sein wirst. Ich habe gehört, dass du bis vor Kurzem im Ausland warst. Meine Enkelinnen haben dich dieses Jahr sehr in Balmoral vermisst.

Vielleicht wärst du so freundlich, morgen im Palace zu erscheinen, wenn du es einrichten kannst. Ich muss am Morgen eine Fabrik besichtigen und in der Kantine Lunch essen, aber ich sollte rechtzeitig zum Vier-Uhr-Tee zu Hause sein.

In Liebe,

deine Cousine Mary R.

Das R stand natürlich für Regina.

Fig kam herein, als ich den Brief öffnete.

„Ich habe gehört, dass ein Brief vom Palace angekommen ist“, sagte sie. „Das ging ja schnell. Sie können dich also auf der Gästeliste unterbringen?“

„Ich weiß nicht. Der Brief stammt von der Königin. Sie will, dass ich morgen zum Tee komme.“

„Lieber Himmel. Von der Königin persönlich? Aus welchem Grund könnte sie dich sehen wollen?“ Sie sah auf, als sich Binky zu uns gesellte. „Die Königin hat Georgiana geschrieben“, sagte Fig kurz angebunden. „Sie hat sie zum Tee eingeladen. Wir werden nie zum Tee eingeladen.“

„Die Königin hat Georgiana wirklich ins Herz geschlossen“, sagte Binky. „Das war offensichtlich, als Georgie nicht auf Balmoral aufgetaucht ist. Sie will wahrscheinlich alles über deine Auslandsreisen erfahren.“

Allmächtiger. Hoffentlich nicht. Jemandem wie Königin Mary wollte ich nicht von den Sperenzchen erzählen, die sich in Hollywood abspielten. Sie wäre nicht amüsiert, da war ich mir sicher.

„Du solltest dir mehr Mühe geben, unsere Anwesenheit in London bekanntzugeben, Binky“, sagte Fig. „Dann würden wir mehr Einladungen bekommen. Wir sollten mehr ausgehen. Uns mehr unter die Leute mischen. In Nachtclubs gehen und an Orten dinieren, an denen wir gesehen werden.“

„Das kostet alles Geld, altes Haus“, sagte Binky. „Und davon haben wir herzlich wenig. Es sei denn, von deiner Erbschaft ist nach der Zentralheizung noch etwas übrig?“

„Oh, das glaube ich nicht“, sagte Fig hastig.

Kapitel 6

Mittwoch, 31. Oktober.

Heute Tee bei der Königin. Allmächtiger. Bitte mach, dass ich nichts verschütte oder eine unbezahlbare Vase zerschlage.

Am nächsten Tag begann ich, mich auf den Tee mit der Königin vorzubereiten, sobald das Mittagessen vorbei war. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, was ich anziehen sollte. Zum Tee sollte man ein Teekleid tragen, doch ich besaß keines. Ich hatte ein paar stilvolle Kleidungsstücke, die mir meine Mutter geschenkt hatte, obwohl ich die besten durch ein Feuer verloren hatte. Dennoch sah ich in der Kaschmir-Strickjacke und dem grauen Jersey-Rock, die sie mir vermacht hatte, vorzeigbar aus. Dazu trug ich eine cremefarbene Seidenbluse und meine gute Perlenkette. Perlen kamen bei der Königsfamilie immer gut an. Ich war versucht, den abgelegten Pelzmantel meiner Mutter zu tragen, aber es regnete stark und ich wollte nicht wie ein nasses Tier aussehen, wenn ich im Palace ankam.

Es spielte keine Rolle, wie oft ich schon im Buckingham Palace gewesen war, ich fand die Erfahrung immer noch beängstigend. Diese hohen vergoldeten Eisentore und die unglaublich hochgewachsenen Männer, die sie bewachten, waren schrecklich einschüchternd. Ich wusste, dass es einen Seiteneingang in den Palace gab, der von der Buckingham Palace Road abzweigte, aber heute hatte ich die Tür verschlossen vorgefunden, sodass ich gezwungen war, mich dem Tor zu nähern und dann den Vorhof zu überqueren, wobei ich spürte, dass aller Augen auf mir ruhten. Ich fühlte mich in meinem Regenmantel unglaublich schäbig und unköniglich. Dieser Vorplatz war dafür gedacht, in einer Kutsche oder einem Daimler überquert zu werden, vorzugsweise mit einem Diadem – an der Person, meine ich, nicht dem Gefährt.

Ich schaffte es, die Tür zu erreichen, ohne über meinen Schirm zu stolpern oder ihn vom Wind umstülpen zu lassen. So weit, so gut. Ein Lakai half mir aus meinem Regenmantel und nahm mir den Schirm ab, bevor ich die Treppe hinauf ins Piano Nobile (die noble Etage) geleitet wurde, dem Teil des Palace, in dem die Königsfamilie lebte. Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als wir dieses Mal nicht in Richtung des chinesischen Chippendale-Zimmers einbogen. Es war eines der Lieblingszimmer der Königin und voller unbezahlbarer orientalischer Antiquitäten. Dort war ich mir jedes Mal sicher, dass ich versehentlich eine Ming-Vase umstoßen würde. Stattdessen wurde ich in den Teil des Hauses geführt, der auf der rechten Seite lag, in den kleinen privaten Salon der Königin, der die Nebengärten überblickte.

Der Lakai klopfte, dann öffnete er die Tür. „Lady Georgiana, Eure Majestät.“

Ich trat ein und machte einen vorsichtigen Schritt über den Fuß des Lakaien hinweg, über den ich schon einmal gestolpert war. Entweder besserte sich meine Tollpatschigkeit oder ich lernte aus meinen Fehlern. Die Königin saß in einem Lehnstuhl am Kamin. Sie streckte mir eine Hand entgegen.

„Georgiana, meine Liebe. Was für ein scheußliches Wetter da draußen. Komm und wärm dich auf.“

Ich nahm ihre Hand und knickste, versuchte aber nicht, ihre Wange zu küssen, da mein Gesicht und meine Haare ziemlich nass waren und auf einem niedrigen Tisch ein Teetablett stand. Ich wollte nicht riskieren es umzustoßen. „Danke, Ma’am“, sagte ich und setzte mich auf den Lehnstuhl ihr gegenüber, auf den sie deutete. „Wie schön Euch wohlauf zu sehen.“

„Danke, ich bin bei bemerkenswert guter Gesundheit“, sagte sie, „anders als der arme König, dessen Gesundheit nicht die Beste ist. Seit dieser Lungenentzündung ist er nicht mehr auf der Höhe, Georgiana. Ich mache mir Sorgen um ihn.“

„Das tut mir leid zu hören, Ma’am.“

„Er hat dich dieses Jahr auf Balmoral vermisst“, sagte sie und runzelte vorwurfsvoll die Stirn. „Das haben wir alle.“

Meine Abwesenheit würde anscheinend nicht so schnell in Vergessenheit geraten. „Leider war ich im August mit meiner Mutter in Amerika.“

„Amerika. Wie interessant. Ich hielt es für einen sehr lebhaften Ort. Alle sind dort in Eile.“

Ich nickte.

„Nun, ich bin sehr froh, dass du jetzt hier bist. Ein sehr glücklicher Umstand, denn wie es der Zufall will, habe ich mir den Kopf nach der richtigen Person zermartert und du wärst selbstverständlich die perfekte Wahl.“

Mein Herz schlug ein wenig schneller. Wenn mich die Königin auf einen Plausch in den Palace einlud, handelte es sich nie um einen rein gesellschaftlichen Anlass. Sie hatte kleine Aufgaben für mich, die niemals leicht und manchmal kaum legal waren. Sie reichten von der Bitte, ihren abtrünnigen Sohn und seine amerikanische Freundin auszuspionieren, bis hin zu dem Auftrag, eine entwendete Antiquität zurückzustehlen.

„Aber lass uns zuerst Tee trinken, ja?“, sagte sie und goss mir eine Tasse ein. Ich nahm sie entgegen und bemerkte, dass es sich heute nicht um ein vornehmes royales Teeaufgebot handelte, sondern nur um einen einfachen Nachmittagstee mit einem Teller Shortbread und einigen Scheiben Dundeekuchen, ganz ähnlich wie der, den Mrs Huggins gebacken hatte. Bei dem Gedanken daran, dass Mrs Huggins’ Kuchen vielleicht besser war, musste ich ein Grinsen unterdrücken.

Ich nahm ein angebotenes Stück Shortbread entgegen und biss davon ab, aber ich wartete so angespannt darauf, was die Königin wohl sagen würde, dass es sich in meinem Mund wie Kreide anfühlte und ich es nicht schlucken konnte. Doch ich hatte Glück, denn die Tür öffnete sich und der Prince of Wales kam herein.

„Ah, da bist du ja, Mutter“, sagte er, als er in das Zimmer rauschte. „Wie war der Lunch in der Fabrikkantine? Hast du Cottage Pie gegessen oder die Kroketten, wie ich vorausgesagt habe?“

„Es war ein ganz passabler Rinderbraten, obwohl der Yorkshire Pudding zu wünschen übrig ließ“, sagte sie. „Ich trinke gerade mit Georgiana Tee.“

Er schaute sich um und bemerkte mich in dem anderen Lehnstuhl. „Hallöchen, Georgie. Wir haben dich lang nicht gesehen.“

„Hallo, Sir“, sagte ich. Das Protokoll verlangte nämlich, dass ich ihn mit „Sir“ ansprach, obwohl er mein Cousin war.

„Sie war in Amerika“, sagte die Königin.

„Ich bin sogar auf der Berengaria mit einer Freundin von Euch gereist, Sir“, fügte ich hinzu. Damit meinte ich natürlich Mrs Simpson. Wir waren Tischgenossinnen am Kapitänstisch gewesen.

Der Prinz räusperte sich und seine Mutter beeilte sich zu sagen: „Ich hoffe, wir können auf Georgianas Hilfe zählen, David.“ Sie beugte sich vor. „Sag, warst du je im Kensington Palace?“

„Ich bin auf dem Weg zum Park daran vorbeigelaufen, mehr nicht, Ma’am“, sagte ich.

„Du weißt vielleicht nicht, dass er in mehrere Wohnungen aufgeteilt ist“, fuhr die Königin fort. „Die beiden noch lebenden Töchter von Königin Victoria leben dort – die Schwestern deiner lieben Großmutter. Ebenso zwei andere Ladys aus der Königsfamilie, die Cousinen deines Vaters.“

Lieber Himmel. Meine Laune verdüsterte sich. Sie hatte schon einmal vorgeschlagen, ich solle mich als Hofdame um eine ältliche weibliche Verwandte kümmern. Ich stellte mir vor, wie ich ihr die Strickwolle hielt und ihr an langen dunklen Abenden vorlas. Aber wenigstens war es in London.

„Mutter, du kannst Georgie nicht zum Tantenhaufen schicken“, sagte David. „Sie wird sich zu Tode langweilen.“ Er sah mich an und schenkte mir sein charmantes Lächeln. Mir kam in den Sinn, wie freundlich er war, und ich fragte mich, warum er sich zu einer so spitzzüngigen und spröden Frau wie Mrs Simpson hingezogen fühlte.

„Der Tantenhaufen?“ Ich fing seinen Blick auf und bemerkte das humorvolle Funkeln in seinen Augen.

„Du nimmst stets alles auf die leichte Schulter, David. Es ist an der Zeit, dass du das Leben ernst nimmst und dich auf deine Pflichten konzentrierst“, sagte die Königin. „Dein Bruder Bertie hat seine Pflicht erfüllt und zwei reizende kleine Mädchen gezeugt. Dein Bruder George erfüllt nun seine Pflicht und heiratet eine charmante Prinzessin. Ich habe dir doch gesagt, dass die Auswahl noch immer groß ist.“

„Lass uns nicht wieder davon anfangen, Mutter“, sagte David. „Ich freue mich, dass mein Bruder seine Pflicht tut, und stimmte dir zu, dass Marina sehr charmant ist. Ein echter Hingucker, um genau zu sein.“

„Ach ja? Ich bin mir sicher, dass wir einen ‚echten Hingucker‘ für dich finden können, wenn du uns nur eine Gelegenheit gibst. Zum Beispiel sitzt hier deine bezaubernde junge Cousine zweiten Grades.“

Ich errötete. David sah mich an und lachte. „Sie ist wirklich zu jung für mich und diese Familie braucht nicht noch mehr Inzucht, Mutter.“ Er hielt inne. „Außerdem ist sie größer als ich. Das würde einem zukünftigen König nicht gut zu Gesicht stehen, oder?“ Er wandte sich zum Gehen. „Ich muss los und dich wieder deinen Intrigen überlassen. Ich fahre für ein paar Tage ins Fort. Weiß noch nicht, wann ich zurückkomme, also rechnet beim Sonntagsdinner nicht mit mir.“

„David, manchmal treibst du mich in den Wahnsinn. Das Dinner findet statt, um Marina willkommen zu heißen. Du solltest dort sein.“

„Ich muss mich um einige Dinge kümmern und schaffe es vielleicht nicht rechtzeitig. Es tut mir leid, aber ich kann die anderen nicht hängenlassen. Außerdem wäre Marina vielleicht so angetan von mir, dass sie meinen Bruder vergessen würde.“ David schmunzelte. „Ich bin mir sicher, dass ich euch nicht fehlen werde.“ Er warf mir eine Kusshand zu und verschwand eilig. Die Königin sah mich an und schüttelte den Kopf. „Dieser Junge bringt seinen Vater noch ins Grab vor Sorge“, sagte sie. „Wie wird er sich wohl als König machen?“

„Ich bin mir sicher, dass er die Aufgabe gut meistern wird, wenn die Zeit kommt, Ma’am“, sagte ich. „Er hat ein gutes Herz und kümmert sich um die Anliegen der gewöhnlichen Leute.“

„Aber diese Frau zieht ihn mehr und mehr in ihren Bann“, sagte die Königin. „Sie hat ihn unter Kontrolle. Wie man hört, war sie in Amerika, um sich nach einer Scheidung zu erkundigen, musst du wissen. Lächerlich, also wirklich, denn sie und David könnten niemals heiraten. Das Land würde eine zweimal verheiratete Amerikanerin niemals als Königin anerkennen.“

Als ich schwieg, fuhr sie fort: „Ich habe ihm gesagt, dass er, wenn er eine respektable Ehe eingeht, diese Frau in aller Stille als seine Geliebte beibehalten kann und es niemanden allzu sehr kümmern würde.“

Ich lächelte. „Ich glaube nicht, dass sie die Art Mensch ist, die sich damit begnügt, geheim gehalten zu werden. Dafür mag sie das Lampenlicht zu sehr.“

„Das ist das Problem.“ Die Königin seufzte. „Aber wenden wir uns angenehmeren Dingen zu. Ich habe dich zum Kensington Palace befragt, weil wir dort Prinzessin Marina bis zu ihrer Hochzeit unterbringen wollen. Sie wird Ende nächster Woche eintreffen und wir werden ein wenig Zeit haben, ihr London und unsere Gepflogenheiten zu zeigen. Und da kommst du ins Spiel, liebe Georgiana. Marinas Familie aus Griechenland wurde ins Exil geschickt, als ihr Onkel als König der Hellenen abgesetzt wurde. Sie ist im Exil aufgewachsen, lebte bei verschiedenen Verwandten und, wie man hört, sogar in einer sehr schlichten Pariser Wohnung. Der König und ich hatten Angst, dass sie von der Londoner Gesellschaft überwältigt sein könnte. Wir dachten, Marina würde es schätzen, wenn jemand in ihrem Alter ihr hilft sich zurechtzufinden und ihr London zeigt.“

Sie sah mich erwartungsvoll an. Ich nickte und wartete darauf, dass sie fortfuhr. „Du würdest als Ihre Gesellschaftsdame mit in den Kensington Palace ziehen. Mach sie mit den englischen Gepflogenheiten bekannt. Geh mit ihr einkaufen und vielleicht ins Theater. Zeig ihr das Beste, was London zu bieten hat.“

Ich zögerte. Sie hatte mich schon einmal gebeten, eine europäische Prinzessin auf Englandbesuch aufzunehmen, und anscheinend nicht in Betracht gezogen, dass ich nicht die Mittel besaß, irgendjemanden zu beherbergen, da ich selbst von Baked Beans lebte. Nun wollte sie, dass ich einer Prinzessin das Beste zeigte, was London zu bieten hatte. Aber Königinnen haben keine Berührungspunkte mit Geld. Über Geld zu sprechen war sogar ein Zeichen von furchtbar schlechten Manieren. Aber ich wusste, dass ich das Thema jetzt ansprechen musste, wenn ich mir die Peinlichkeit ersparen wollte, die Prinzessin zu einer Theateraufführung einzuladen, die ich nicht bezahlen konnte. Ich versuchte gerade, das taktvoll zu formulieren, als sie sagte: „Der Hausverwalter, Major Beecham-Chuff, wird dafür zuständig sein, für Marinas Bedürfnisse bis zur Hochzeit zu sorgen. Ich werde ihn wissen lassen, dass du dich um sie kümmerst und ihr die Stadt zeigst. Teile ihm einfach mit, was du brauchst.“

Ich nahm an, dass sich das auf finanzielle Mittel bezog, nicht nur auf Empfehlungen und Reservierungen. Und was den Namen des Majors anging, so fand ich später heraus, dass er eigentlich Beauchamp-Chough buchstabiert wurde. Ja, ich weiß, Englisch ist eine seltsame Sprache.

„Ich helfe Marina gern dabei, sich einzugewöhnen“, sagte ich.

„Fabelhaft.“ Sie schenkte mir ein anerkennendes Lächeln. „Ich wusste, dass ich mich stets auf dich verlassen kann. Ein so zuverlässiges Mädchen. Du hast den Familiensinn für Pflichterfüllung geerbt, Georgiana. Wenn mein Sohn nur jemanden wie dich heiraten würde.“

Sie seufzte. Dann beugte sie sich wieder zu mir herüber, obwohl wir in dem kleinen Salon allein waren. „Und ich bitte dich um einen weiteren Gefallen, Georgiana.“

Allmächtiger, dachte ich, nun kommt der verzwickte Teil. Ich hielt den Atem an.

„Ganz ähnlich wie sein älterer Bruder hat mein Sohn George nicht immer die klügsten Entscheidungen hinsichtlich seiner Freunde getroffen“, sagte sie. „Aber soweit ich weiß, sind möglicherweise Gerüchte im Umlauf, die sein Verhalten völlig übertrieben darstellen. Es ist wichtig, dass diese Ehe unter den richtigen Vorzeichen beginnt, also würde ich es zu schätzen wissen, wenn du jegliche Gerüchte, die Marina zu Ohren gekommen sein könnten, standhaft verneinen und ihr versichern würdest, was für ein anständiger Bursche er ist. Ich kann doch auf dich zählen?“

„Selbstverständlich, Ma’am“, sagte ich. Nun wurde von mir also erwartet, für meine königliche Verwandtschaft zu lügen. Trotzdem, überlegte ich, war es wahrscheinlich zum Besten, wenn ein behütetes Mädchen wie Marina nicht die Wahrheit über die Ausschweifungen ihres zukünftigen Ehemannes erfuhr.

***

Beschwingt kehrte ich zum Rannoch House zurück. Nicht nur war ich zu der Hochzeit eingeladen, ich würde eine wichtige Rolle dabei spielen, die Braut willkommen zu heißen. Ich würde Figs spitze Bemerkungen nicht länger über mich ergehen lassen müssen und … Ich blieb wie angewurzelt auf dem Bürgersteig auf halber Strecke den Constitution Hill hinauf stehen. Verflixt und zugenäht. Ich würde Queenie mit in einen Palast nehmen müssen. Ein Palast voller Prinzessinnen und mit einem Hausverwalter namens Major Beauchamp-Chough. Sie hatte bereits bewiesen, dass sie in einem normalen Haushalt für Chaos sorgen konnte, wo keine Königlichen Hoheiten anwesend waren und keine unbezahlbaren Antiquitäten in jeder Ecke standen. Es fiel mir selbst schon schwer genug, da ich dazu neigte, etwas tollpatschig zu sein, aber Queenie war weitaus schlimmer. Sie war wirklich eine wandelnde Katastrophe. Und dennoch konnte ich in einem Palast nicht ohne Kammerzofe auftauchen. Ich würde ihr in aller Deutlichkeit sagen müssen, dass sie meine Suite niemals verlassen durfte. Wenn ich ihr die Mahlzeiten aufs Zimmer bringen ließ, würde vielleicht alles gutgehen.

Fig und Binky saßen im Salon am Kamin, als ich zurückkehrte. Podge hockte neben seiner Mutter und zeigte ihr ein Bild, das er gemalt hatte, während Adelaide auf Binkys Knie saß und Hoppe-Hoppe-Reiter spielte. Das Kindermädchen verweilte schützend in der Nähe der Tür.

„Georgiana, da bist du ja.“ Fig schaute auf. „Also, wie war der Tee im Palace?“ Das letzte Wort spie sie beinahe aus.

„Der Kuchen war nicht ganz so gut wie der bei meinem Großvater“, sagte ich lächelnd.

„War noch jemand dabei? War es eine große Teeparty?“

„Nur die Königin und ich. Oh, und der Prince of Wales schaute kurz vorbei.“

„Tatsächlich?“ Sie blinzelte rasch und ich konnte zusehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Sie wollte unbedingt wissen, warum ich ein Tête-à-Tête mit der Königin bekam und sie nicht.

„Ich bin froh, dass du lange bei uns bleibst, Tante Georgie“, sagte Podge.

„Leider werde ich nicht so lange hierbleiben wie gedacht, Podge“, antwortete ich. „Aber ich werde dich besuchen kommen und vielleicht können wir zusammen in den Park gehen.“

„Du bleibst doch nicht hier?“ Hoffnung schwang in Figs Stimme mit.

„Leider nicht“, sagte ich. „Die Königin möchte, dass ich in den Kensington Palace ziehe und mich um Prinzessin Marina kümmere.“

Es bereitete mir große Freude, dass diese Worte genau die Wirkung hatten, die ich mir erhofft hatte.

Kapitel 7

Samstag, 3. November

Kensington Palace, London

Liebes Tagebuch: Heute ziehe ich in den Kensington Palace. Was für ein Aufstieg. Ehrlich gesagt bin ich halb aufgeregt, halb verängstigt. Bitte mach, dass ich nichts kaputtmache oder eine ältliche Prinzessin die Treppe hinunterstoße!

Kensington Palace ähnelt seiner Schwester, dem Buckingham Palace, kein bisschen. Er liegt inmitten eines öffentlichen Parks, durch den ein vielgenutzter Fußweg führt. Es gibt keine Wachen und nur die Südseite hat ein Tor. Ein Teil des Gebäudes steht der Öffentlichkeit offen. Als ich darauf zuging, hatte sich eine Gruppe missmutiger Schulkinder im Regen versammelt, die darauf wartete, durch die Prunkgemächer geführt zu werden. Ich hatte den Palace tatsächlich noch nie von innen gesehen, also ging ich zum Empfangstisch. Man wollte mir schon eine Eintrittskarte geben, als ich der Dame mitteilte, dass ich den Weg zu Apartment 1 suchte.

„Hier entlang geht es nicht zu den privaten Wohnungen, Miss“, sagte sie. „Die Privatgemächer sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Sie werden den Palace zu Fuß umrunden müssen. Das Apartment liegt auf der anderen Seite, im hinteren Teil des Gebäudes.“ Sie beäugte mich misstrauisch. Es regnete, daher trug ich wieder meinen Regenmantel und sah vermutlich nicht aus wie jemand, der königliche Apartments aufsuchte. „Haben Sie eine Lieferung?“, fragte sie. „Ich kann sie für Sie weiterleiten.“

„Nein, ich bin hier, um dort einzuziehen“, sagte ich und kehrte ihr mit einem strahlenden Lächeln den Rücken. Das würde ihr Stoff zum Nachdenken geben. Ich trat wieder hinaus in den Regen und machte den Fußweg ausfindig, der mich zum hinteren Teil des Palace führen würde. Es regnete immer stärker und ich schwankte im Wind, bis ich endlich die hoffentlich richtige Tür erreichte. Ich klingelte. Niemand öffnete, also drehte ich den Türknauf und die Tür schwang auf. Ich betrat eine Eingangshalle und sah mich erstaunt um. Ich hatte etwas Ähnliches wie im Buckingham Palace erwartet – Wände, an denen Reihen königlicher Porträts hingen, überall Antiquitäten und Statuen. Aber dies ähnelte eher einem gewöhnlichen Zuhause, wenn auch leicht in die Jahre gekommen und mit einem hartnäckigen Geruch von Möbelpolitur und Feuchtigkeit. Ich stieß ein Seufzen aus, Enttäuschung mit einer Prise Erleichterung. Wenigstens würde ich mir nicht jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, Gedanken darüber machen müssen, dass ich unbezahlbare Gegenstände umstoßen könnte wie im Buckingham Palace. In dieser Eingangshalle war es außerdem empfindlich kalt und ein Luftzug umwehte meine Beine. Auf eine gerade eingetroffene Prinzessin würde das keinen besonders herzlichen Eindruck machen, fand ich. Aber vielleicht hatten sie vor, erst zu heizen, wenn sie ankam.

Ich wusste nicht recht, was ich als Nächstes tun sollte. Ich überlegte, ob die Königin Bedienstete zur Verfügung stellte oder Prinzessin Marina ihr eigenes Personal mitbrachte, das noch nicht hier war. Mir ging auf, dass ich nach Major Beauchamp-Chough fragen und nicht geradewegs das Apartment hätte betreten sollen. Das Protokoll verlangte vermutlich, das er mir meine Unterkunft zeigte. Aber zum vorderen Teil des Gebäudes war es ein langer, nasser Fußweg. Am Ende der Eingangshalle gab es einen Durchgang, der zu einem Korridor dahinter führte. Als ich in diese Richtung blickte, sah ich eine Frau, die über den Korridor ging. Sie bewegte sich geräuschlos und schnell, beinahe gleitend.

„Hallo“, rief ich. „Bitte warten Sie einen Moment.“

Als sie nicht anhielt, rannte ich ihr hinterher und fand mich in einem langen, dunklen Gang wieder, der völlig verlassen war. Wohin war sie gegangen? Es gab keine Seitengänge und die Zeit hätte nicht gereicht, um eine Tür zu öffnen und wieder zu schließen. Dann wurde mir bewusst, dass sie ein langes weißes Kleid getragen hatte und ihr Haar auf dem Kopf zu kleinen Locken aufgetürmt gewesen war. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. In diesem Moment hörte ich feste Schritte auf den Marmorfliesen und eine Frau kam durch die Eingangshalle auf mich zu. Sie war nur zu greifbar, vermutlich in den Dreißigern, wohlgenährt und trug ein Wollkleid, das ihr eine Spur zu eng war. Sie hatte ein blasses Gesicht und helles Haar, das zu einem altmodischen Dutt frisiert war. Als sie mich erblickte, kam sie mit erhobenem Zeigefinger auf mich zu.

„Ah, da bist du ja, du ungezogenes Mädchen“, sagte sie auf Englisch mit starkem Akzent. „Wo bist du gewesen? Ich habe auf dich gewartet.“

„Ich wusste nicht, dass ich zu einer bestimmten Zeit kommen sollte“, sagte ich, von ihrer wütenden Ansprache verwirrt.

„So redetet man nicht mit Höhergestellten“, erwiderte sie und schaute mich hochmütig an.

„Mit Höhergestellten?“ Nun gewann Entrüstung die Oberhand über meine Überraschung. „Es tut mir leid, ich kenne Sie nicht, aber ich halte uns für gleichgestellt, es sei denn, Sie sind die wiedergeborene Königin Victoria.“

Ich sah, wie ein Anflug von Unsicherheit über ihr Gesicht huschte. „Bist du nicht das Mädchen, das eingelegten Hering von Harrods bringen sollte?“

Ich musste ein Grinsen unterdrücken. „Ich bin Lady Georgiana Rannoch, Cousine Seiner Majestät. Darf ich Ihren Namen erfahren?“

„Oh, ich bitte tausend Mal um Entschuldigung“, stammelte die Frau, die nun äußerst verlegen dreinsah. „Ich habe nicht erwartet … Uns wurde nicht mitgeteilt, dass die Cousine Seiner Majestät auf Besuch kommen würde. Und wir dachten nicht, dass ein Mitglied der Königsfamilie auf diese Weise auftauchen würde.“ Sie schaute auf meinen durchnässten Regenmantel und die Pfütze, die sich um meine Füße gebildet hatte.

„Ja, das tut mir leid. Mir ist klar, dass ich nicht besonders königlich aussehe“, sagte ich. „Aber es regnet junge Hunde da draußen und ich habe keinen Wagen.“

Sie ging ans Fenster und spähte nach draußen. „Ich sehe keine jungen Hunde“, sagte sie.

„Nur eine Redensart.“

„Ah“, sagte sie bedächtig. „Ein englischer Ausdruck. Diese Dinge muss ich lernen. Junge Hunde.“ Sie senkte den Kopf, als müsste ihr Verstand diese Information verarbeiten, dann nickte sie mir knapp zu. „Ich bin Gräfin Irmtraut von Dinkelfingen-Hackensack und Prinzessin Marinas Cousine. Unsere Mütter sind verwandt. Meine Mutter war eine Pushova.“

Ich glaubte, ich hätte etwas missverstanden. „Wie bitte?“

„Eine Pushova. Meine Mutter war eine Pushova. Die Tochter von Prinz Vladimir Pushova, verwandt mit dem Zaren.“

„Oh, verstehe.“ Dem Himmel sei Dank, dass ich nicht angefangen hatte zu lachen.

„Sehr erfreut, Gräfin.“ Ich streckte eine Hand aus und sie schüttelte sie energisch.

„Hat der König Sie vielleicht geschickt, um sicherzustellen, dass die Unterbringung angemessen ist?“

„Eigentlich hat mich die Königin darum gebeten, herzukommen und hierzubleiben, um mich bis zu ihrer Hochzeit um Prinzessin Marina zu kümmern.“

Gräfin Irmtraut runzelte die Stirn. „Hierbleiben? Sich um Ihre Hoheit kümmern? Warum sollte das nötig sein? Dafür hat sie doch mich. Und ich kenne ihre Wünsche.“

Du liebes bisschen. Sie wirkte ernsthaft beleidigt. „Da bin ich mir sicher“, sagte ich, „aber die Königin schlug vor, dass ich Prinzessin Marina mit den englischen Gepflogenheiten vertraut mache und ihr London zeige.“

„Verstehe.“ Sie wirkte nicht besonders erfreut.

„Ich weiß nicht, welche Zimmer ich bekommen soll“, sagte ich. „Ich nehme an, Major Beauchamp-Chough wird mir mein Zimmer zeigen.“
„Der Major ist der äußerst korrekte Engländer, der hier wohnt?“, fragte sie.

Ich nickte. „Ich glaube schon.“

„Ich halte ihn für sehr militärisch“, sagte sie. „Kein sympathischer Mann. Und Prinz George, ist er ein sympathischer Mann? Ich wünsche mir für Marina niemanden wie diesen Major.“

„Prinz George ist sehr nett“, sagte ich und meinte es wirklich so. „Sehr liebenswürdig und mit viel Sinn für Humor.“

„Das ist gut. Nicht alle Prinzen sind sympathisch. Wir haben unlängst welche getroffen, die …“ Sie hielt inne und überlegte, ob sie das näher ausführen sollte. „Vielleicht haben Sie Prinz Siegfried kennengelernt?“

„Von Rumänien? Lieber Himmel, ja. Ich wurde einmal bedrängt, ihn zu heiraten.“

„Jemand hat Sie bedrängt? Das klingt gefährlich. Ist Ihnen etwas zugestoßen?“

„Nein, ich meine, meine Verwandten waren erpicht darauf, dass ich diese Verbindung einging. Aber er war grauenvoll. Arrogant. Kalt. Wir nannten ihn Fischlippe.“

Sie wirkte verwirrt. „Aber ich glaube nicht, dass er den Mund eines Fisches hat. Er hat ein menschliches Gesicht.“

Allmählich ermüdete mich dieses Gespräch, daher war ich erleichtert, als sich nicht weit von uns entfernt eine Tür öffnete und ein Mann herauskam, der entschlossen auf mich zuging.

„Lady Georgiana“, sagte er und reichte mir die Hand. „Mir wurde soeben mitgeteilt, dass Sie sich im Haus aufhalten. Verzeihen Sie mir, dass ich Sie nicht willkommen geheißen habe. Beauchamp-Chough. Major bei der Leibgarde. Gegenwärtig agiere ich als persönlicher Assistent Seiner Königlichen Hoheit Prinz George und wurde mit der Organisation der kommenden Fete betraut.“

„Fete?“, rief Gräfin Irmtraut aus. „Was ist das? Hat es mit Feta zu tun? Ist das eine alte englische Tradition?“

Der Major und ich brachen in Gelächter aus.

„Es ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für eine Art von Feier, womit ich die Hochzeit meine“, erklärte er.

„Verstehe. Noch ein englischer Witz.“ Ihre Miene blieb unbewegt, aber der Major und ich tauschten einen schnellen Blick aus und ich nahm ein belustigtes Funkeln in seinen Augen wahr.

Er war jünger als erwartet, gab sich aber unzweifelhaft militärisch: groß, aufrecht, mit einem akkuraten kleinen blonden Schnurrbart. Mir fiel auf, dass er ziemlich gut aussah.

„Sehr erfreut, Major Beauchamp-Chough.“ Ich schüttelte seine Hand, während Gräfin Irmtraut daneben stand und finster dreinblickte.

„Die meisten Leute nennen mich B. C.“, sagte er. „Oder Major B. C., wenn Sie möchten.“ Er grinste. „Damit sind meine Initialen gemeint, nicht mein Alter.“

„Aber es ist nicht möglich, dass Sie vor Christi Geburt auf die Welt gekommen sind“, sagte Irmtraut. „Sicherlich hält Sie niemand für so alt.“

Als keiner von uns antwortete, seufzte sie. „Verstehe. Noch ein englischer Witz. Ich glaube, Ihr Land besitzt zu viel Humor.“

„Oh, absolut. Einmal pro Minute wird gelacht“, sagte er und zu meiner Belustigung warf sie einen Blick auf die Uhr, die sie sich vorn an ihr Kleid geheftet hatte.

„Major Beauchamp-Chough“, sagte sie, „ich habe veranlasst, dass jemand geschickt wird, um mir eingelegten Hering zu holen. Bisher ist niemand damit aufgetaucht.“

„Vielleicht fischen sie immer noch im runden Teich danach“, schlug er vor, ohne eine Miene zu verziehen.

„Aber nein.“ Gräfin Irmtraut schüttelte nachdrücklich den Kopf. „In einem Teich findet man keine Heringe. Hering ist ein Meeresfisch.“

Der Major fing wieder meinen Blick auf und deutete ein Zwinkern an. Ich beschloss, dass ich ihn mochte.

„Das war englischer Humor, Gräfin.“

„Diesen englischen Humor verstehe ich nicht“, sagte sie missmutig. „Ich bin in meinem Zimmer, wo ich auf Neuigkeiten von meinem Hering warte.“ Sie rauschte von dannen.

„Nicht die umgänglichste Lady, fürchte ich“, sagte der Major. „Zum Glück ist die Prinzessin sehr charmant und unkompliziert.“

„Sie kennen Sie bereits?“

„Ich hatte das Glück, mit Seiner Königlichen Hoheit ihre Eltern zu besuchen“, sagte er. „Prinz George und seine Eltern werden sie morgen Nachmittag vom Fährzug abholen. Sie bringen sie her und morgen Abend findet ein Dinner im Buckingham Palace statt, um sie mit der Familie bekanntzumachen. Sie sind selbstverständlich eingeladen und fahren mit Prinzessin Marina in ihrem Wagen.“

„Haben Sie vielen Dank“, stotterte ich. „Wenn Sie mir nun bitte mein Zimmer zeigen lassen würden. Ich glaube, ich muss diese nassen Sachen ausziehen, bevor ich auf dem Boden eine noch größere Pfütze hinterlasse.“

„Ich zeige Ihnen gern den Weg“, sagte er. „Hier entlang.“

Er führte mich durch den Durchgang und eine Wendeltreppe hinauf. Für einen Palast war alles sehr schlicht, die Wände geweißelt und die Treppen aus einfachem Stein. „Ich hoffe, Ihnen machen Treppen nichts aus“, sagte der Major. „Dieses ist eines der kleineren Apartments und ich habe das erste Stockwerk für Marina und ihr Dienstmädchen vorgesehen. Sie und die Gräfin haben Zimmer im zweiten Stock und auf dem dritten gibt es kleine Schlafzimmer für Ihr Dienstmädchen. Sie haben Ihr Dienstmädchen nicht mitgebracht?“

Ich schluckte schwer. „Sie kommt mit meinem Gepäck nach.“ Der Gedanke an ein Aufeinandertreffen von Queenie und dem Major bereitete mir geradezu körperliches Unbehagen.

Der Major erklomm die nächste Treppe sehr schnell, was bewies, dass er so gut in Form war, wie er aussah. „Hier sind wir“, sagte er und öffnete die erste Tür, zu der wir kamen. Die Einrichtung war eher altmodisch und die Tapete eine Spur abgenutzt, aber das Zimmer war recht hübsch und weitläufig und die Fenster gingen nicht zum Park, sondern zu einem Innenhof hinaus.

„Ich fürchte, diese Wohnung hat eine Modernisierung bitter nötig“, sagte er, „aber sie ist die einzige unbewohnte, die groß genug ist, um das königliche Gefolge unterzubringen. Wie Sie sicher wissen, haben wir hier einige ältere Ladys, die die anderen Apartments bewohnen.“

„Der Tantenhaufen“, sagte ich grinsend.

„Sie haben also mit dem Prince of Wales gesprochen.“ Er erwiderte mein Lächeln. „Ja, zwei von Königin Victorias Töchtern und zwei Enkelinnen leben alle hier. Ihre Großtanten und die Cousinen Ihres Vaters, nicht wahr?“

„Das nehme ich an. Familienverhältnisse verwirren mich immer.“

„Oh, und bevor ich es vergesse“, fuhr er fort, während er eine Schranktür öffnete und hineinspähte, „Prinzessin Louise hat mich gebeten, Sie heute Abend zu ihrem Apartment zum Dinner einzuladen. Es ist die Nummer 1A – die Wohnung, die entlang der Südseite liegt. Sieben Uhr dreißig, meinte sie.“
„Danke. Wie freundlich von ihr.“

„Dann verabschiede ich mich, damit Sie sich einrichten können“, sagte er. „Wenn Sie mich brauchen, ich bin in Apartment 10. Der offizielle Eingang liegt auf der Vorderseite des Gebäudes und ist durch die öffentliche Eingangshalle erreichbar, aber ich habe zum Glück eine geheime Hintertür, die auf den Vorplatz führt, damit ich mich nicht an Horden von Schulkindern vorbeischlängeln muss. Sie wollen immer wissen, welches Mitglied der Königsfamilie ich bin.“ Er schenkte mir ein erschöpftes Lächeln, nickte mir zu und ging. Ich hörte, wie sich seine Schritte wieder auf der Treppe entfernten.

***

Erst als ich allein in meinem neuen Zimmer war, dachte ich über die Frau in dem langen weißen Gewand nach. Ich hätte den Major fragen sollen, ob es im Kensington Palace spukte. Ich war auf Castle Rannoch aufgewachsen, wo sich die Bediensteten nicht wenige Geistergeschichten erzählten, aber ich war nie persönlich einem Gespenst begegnet. Ich ertappte mich dabei, wie ich nervös über die Schulter schaute.

„Reiß dich zusammen“, sagte ich mir. Eine Rannoch sollte wirklich keine Angst vor Geistern haben, vor allem, da es sich vermutlich um meine eigenen Vorfahren handelte. Ich fragte mich allerdings, wie Queenie darauf reagieren würde. Allmächtiger, ich hoffte, dass keiner der Geister kopflos war …

Dann erfasste mich mit einem Schlag die Erkenntnis, dass Queenie im selben Gebäude wie Gräfin Irmtraut und Major Beauchamp-Chough sein würde. Ich durfte nicht riskieren, dass sie bei ihrem Eintreffen einem von beiden über den Weg lief. So sehr ich es auch verabscheute, wieder hinaus in den Regen zu gehen, beschloss ich, dass ich mit ihr im Taxi sitzen musste, wenn sie mein Gepäck vom Rannoch House brachte. Im Regen trottete ich nach Hause, durch und durch missmutig und fragte mich, warum ich diesen Auftrag in einem kalten, düsteren Haus angenommen hatte, wo ich offensichtlich weder erwünscht noch von Nutzen war. Doch ich kannte den Grund natürlich. Man schlug der Königin nichts ab.

Als ich im Rannoch House ankam, stellte ich zu meiner Verwunderung und Freude fest, dass Queenie bereits mit gepackten Taschen auf mich wartete. Vielleicht gab sie sich endlich Mühe, eine echte Kammerzofe zu werden. Hamilton ergatterte ein Taxi für uns und es hielt am Eingang zu unserem Apartment im Kensington Palace.

Queenie musterte es kritisch. „Nich’ so hübsch wie das Haus, wo wir mit dem Herzog von Eynsford waren, he?“, meinte sie. „Bisschen schäbig, wenn Sie mich fragen.“

„Niemand fragt dich, Queenie“, wies ich sie zurecht. „Egal, was wir denken, dies ist ein königlicher Palast und du musst dich von deiner besten Seite zeigen. Versprich mir, in meinem oder deinem Zimmer zu bleiben und nicht herumzuwandern. Es werden königliche Personen anwesend sein, die bei deinem Anblick entsetzt wären. Sie erwarten, dass Bedienstete unsichtbar sind und perfekte Manieren haben.“

„Ich bin ein bisschen zu umfangreich, um unsichtbar zu sein“, sagte sie grinsend. „Aber ich werd’ mir Mühe geben, Miss.“

Alles ging gut, bis wir im Gebäude waren und Queenie die Treppe sah. „Zum Teufel, Miss, ich soll doch nich’ etwa Ihre Taschen die vielen Stufen hochschleppen? Wofür halten Sie mich, einen verfluchten Gepäckträger oder einen Esel?“

„Ich sehe nach, ob ich einen Lakaien finde, der dir helfen kann“, sagte ich und scheuchte sie die Treppe hinauf zu meiner Unterkunft.

Ich konnte keinen Lakaien finden, aber schließlich konnte ich einen Gärtner zum Mitkommen bewegen und kurze Zeit später waren Queenie und die Taschen in meinem Zimmer.

„Was ist eigentlich mit Dinner?“ Queenies Gedanken kreisten meistens ums Essen.

„Weißt du noch, dass ich dir gesagt habe, dass das Mittagsmahl Lunch heißt und das Abendessen Dinner?“, fragte ich.

„Für Leute wie Sie vielleicht. Wir essen mittags Dinner und abends ruft man zum Tee“, sagte sie. „Und jetzt gerade verlangt mein Magen Dinner.“

„Ich hätte gern, dass du zuerst meine Sachen auspackst, dann gehen wir ein Stockwerk höher und machen dein Zimmer ausfindig“, sagte ich. Ich würde nicht ein einziges Mal riskieren, dass sie allein herumspazierte. „Ich erkundige mich nach deiner Verpflegung, während du auspackst.“

Queenie seufzte. Ich ging wieder nach unten auf der Suche nach Lebenszeichen. Ich öffnete die Türen zu einem dunklen Salon, einer Bibliothek, einem kleineren Salon, der hübsch sein würde, sobald man ein Feuer im Kamin anzündete, und betrat schließlich einen Speisesaal. Ein Mahagonitisch nahm die Längsseite des Raums ein, groß genug für dreißig Personen. Aber nirgends waren Speisen zu sehen. Ich stellte mir Gräfin Irmtraut allein in ihrem Zimmer beim Verzehr von eingelegtem Hering vor und fragte mich, ob ich auch auswärts Essen bestellen musste, als ein Dienstmädchen auftauchte.

„Entschuldigt, Eure Hoheit.“ Sie knickste. „Ich wusste nicht, dass jemand hier sein würde.“

„Das macht nichts. Und ich bin eine Lady, keine Hoheit“, sagte ich. „Lady Georgiana. Ich wollte nach dem Mittagessen sehen.“

„Im Moment ist hier nur die Gräfin, Mylady“, sagte das Mädchen, „und sie lässt sich das Essen aufs Zimmer bringen.“

„Nun, ich wohne jetzt auch hier und würde ebenfalls gern speisen“, sagte ich.

„Soll ich dann den Tisch für Sie decken, Mylady?“ Sie schaute besorgt drein.

Ich stellte mir vor, wie es wäre, allein in diesem kalten, grauen Speisesaal zu essen. „Ich kann auch auf meinem Zimmer essen, wenn das einfacher ist“, sagte ich. „Und für mein Dienstmädchen vielleicht auch ein Tablett.“

„Sehr wohl, Mylady. Hätten Sie gern, dass die Köchin etwas Bestimmtes für Sie zubereitet?“

„Ich bin mir sicher, dass alles gut ist, was sie vorbereitet hat“, sagte ich hoffnungsvoll. „Und können Sie bitte einrichten, dass jemand kommt und in meinem Schlafzimmer den Kamin anheizt, wenn ich dort essen soll. Es ist hier überall so kalt und düster.“

„Ich weiß.“ Sie schnitt eine Grimasse, bevor ihr wieder einfiel, mit wem sie sprach. „Entschuldigen Sie, Mylady, aber ich wurde vom Buckingham Palace hergeschickt, wo alles immer so hübsch ist.“

„Es ist nur für ein paar Wochen.“ Ich lächelte ihr aufmunternd zu und sie lächelte schüchtern zurück. Sie knickste erneut und ging. Ich zog mich auf mein Zimmer zurück und nach einer Mahlzeit, die aus herzhafter Suppe, gegrilltem Fisch und dampfgegartem Pudding bestand, fühlte ich mich viel besser. Queenie langte auch herzhaft zu. „Tja, der Fraß ist nicht übel“, sagte sie. „Soll ich die Tabletts runter in die Küche bringen?“

„Nein, ich lasse jemanden kommen und sie mitnehmen. In einem Palast laufen Kammerzofen nicht mit Tabletts herum.“ Das stimmte natürlich nicht, aber ich würde Queenie auf keinen Fall aus den Augen lassen.

Kapitel 8

3. November

Kensington Palace, Apartment 1

Dinner mit königlichen Tanten, die ich noch nie getroffen habe. Gibt es etwas Furchteinflößenderes?

Um sieben Uhr dreißig fand ich mich in meinem burgunderroten Abendkleid aus Samt vor der Tür von Apartment 1A ein. Das Ärgerliche am Kensington Palace war, dass die Wohnungen alle separate Einheiten bildeten und nicht durch private Korridore verbunden waren. Das bedeutete noch einen Spaziergang durch den Regen, bei dem ich mit einem Schirm zwar mein Gesicht schützte, mein Rocksaum aber entschieden nass und schlammig wurde. Das Dienstmädchen, das die Tür öffnete, ließ sich mit keiner Regung ihres Gesichts anmerken, dass ich windzerzaust und schmutzig aussah, gestattete mir aber einen Augenblick Zeit, um mich im Flurspiegel zurechtzumachen, während sie mir Hut und Schirm abnahm.

Dieses Apartment machte den Eindruck, als sei es schon lange bewohnt. Es war ebenfalls altmodisch, fühlte sich aber warm und gemütlich an. Es hatte diesen Geruch, den ich mit alten Ladys verband – Lavendel, Möbelpolitur und Pomade.

„Ihre Königliche Hoheit wartet im Salon darauf, Sie willkommen zu heißen“, sagte das Dienstmädchen und ging voran.

„Lady Georgiana Rannoch“, kündigte sie an, und ich betrat einen sehr viktorianischen Raum. Obwohl er groß war, fühlte er sich überladen an, und die Dekoration war ausgesprochen eklektisch mit viktorianischem Krimskrams in Form von ausgestopften Vögeln unter Glas, die mit interessanten Skulpturen wetteiferten. Ein Feuer knisterte im Kamin und daneben saß nicht nur eine, sondern zwei ältere Ladys, die ebenfalls aussahen, als stammten sie direkt aus der viktorianischen Epoche. Die eine hatte ein perlenbesetztes Tuch um die Schultern gelegt. Die andere trug ein langes, eng tailliertes schwarzes Kleid mit einem hohen Spitzenkragen. Ihr Gesicht war jedoch bemerkenswert faltenlos und ihre Augen hell und intelligent. Sie leuchteten auf, als sie mich sah.

„Georgiana, meine Liebe, wie schön, dich endlich kennenzulernen“, sagte sie. Ich ging auf sie zu und machte einen Knicks. „Sehr erfreut, Ma’am.“

Sie lachte. „Ach du meine Güte, hier geht es nicht um langweilige höfische Formalitäten. Ich bin deine Großtante Louise und so kannst du mich nennen.“ Sie musterte mich. „Ja, ich sehe eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit deinem Vater. Was für ein Charmeur er war, schon als kleiner Junge. Wie schade, dass er so früh gestorben ist.“

Ich nickte. Ich hatte ihn kaum gekannt, da er die meiste Zeit an der Riviera verbracht hatte, aber auf mich hatte er immer einen herzlichen Eindruck gemacht. Jemand, der gern lachte.

„Und das ist deine andere Großtante, meine Schwester Beatrice“, sagte sie. „Sie war auch gespannt darauf, ihre Großnichte kennenzulernen, die sie noch nie getroffen hat.“

Ich knickste kurz vor ihr. „Sehr erfreut, Ma’am“, wiederholte ich. Bei Mitgliedern der Königsfamilie konnte man nie vorsichtig genug sein. Diesmal wurde ich nicht verbessert und dazu aufgefordert, sie „Großtante“ zu nennen.

Ich nahm auf dem Stuhl Platz, den mir Prinzessin Louise zuwies, und mir wurde ein Glas Sherry auf einem Tablett gereicht.

„Ihr lebt also auch hier im Palast, Ma’am?“, fragte ich Prinzessin Beatrice. „Ist Euer Apartment in der Nähe?“

„Auf der anderen Seite des Gebäudes“, sagte Prinzessin Beatrice. „Es ist sogar dasselbe Apartment, in dem unsere liebe Mama als Kind lebte. Ich zog ein, als sie 1901 verstarb, mit meinem lieben Gatten und meinen Kindern. Mein Gatte weilt nicht mehr unter uns und meine Kinder führen ihr eigenes Leben, aber es tröstet mich zu wissen, dass Mama hier als junges Mädchen glücklich war.“

Ich nickte verständnisvoll.

„Der einzige Nachteil ist das ständige Trampeln, wenn Besucher über uns die Prunkgemächer besichtigen“, sagte sie. „Du hast sicher herausgefunden, dass bestimmte Räume für die Öffentlichkeit zugänglich sind?“

„Ich sah heute Schulkinder, die darauf warteten, den Palast zu besichtigen“, sagte ich.

Sie schenkte mir ein müdes, kleines Lächeln. „Natürlich ist es nur tagsüber. Im Großen und Ganzen genieße ich es, sie zu sehen. Es kann manchmal recht einsam sein und ich habe gerne junge, frische Gesichter um mich. Wir sind froh, dass du hier eingezogen bist, und wir sind sehr gespannt darauf, Marina kennenzulernen, nicht wahr, Louise?“

„Das sind wir“, sagte Prinzessin Louise. „Wenn sie sich eingelebt hat, werden wir ein Mittagessen oder eine Sherryparty veranstalten, um sie den anderen Tanten in diesem Tantenhaufen, wie dein böser Cousin diesen Ort nennt, vorzustellen.“

Prinzessin Beatrice beugte sich zu mir. „Sag mal“, sagte sie, „hast du Davids mysteriöse Lady kennengelernt?“

„Das habe ich, aber sie ist keine Lady.“

„Du meinst, seine Freundin ist in Wirklichkeit ein Mann?“

Ich lachte. „Nein, Ma’am. Ich meinte, dass sie NUKD ist. Keine von uns. Sie versucht zum zweiten Mal, sich scheiden zu lassen, wie man hört.“ (Ich sollte vielleicht erklären, dass NUKD die Kurzform für „Nicht unsere Klasse, Darling“ war, aber das konnte ich einer königlichen Tante wohl kaum sagen.)

„Eine Abenteurerin!“ Die beiden Tanten sahen einander an.

„Wie auch immer, am Ende kann daraus nichts werden“, sagte Prinzessin Louise. „Er kann auf keinen Fall eine geschiedene Frau heiraten. Nicht als Oberhaupt der englischen Kirche.“

„Er war ein so reizender kleiner Junge“, sagte Prinzessin Beatrice sehnsüchtig. „Sein Vater bevorzugte ihn natürlich und ließ ihm meiner Meinung nach zu viel durchgehen. Und beim zweiten Sohn war er zu streng. Der arme kleine Kerl stotterte, musst du wissen, aber sein Vater verstand nicht, dass sein Schreien und Drängen das Stottern nur schlimmer machten.“ Sie hielt inne und zog sich ihren Schal enger um die Schultern. „Aber ich glaube vielmehr, dass sich der zweite Junge als standhafter als sein Bruder erweisen wird. Er hat ein liebenswürdiges Mädchen geheiratet und sie kommt uns mit ihren beiden Töchtern ab und an besuchen, nicht wahr, Louise?“

Louise kicherte. „Und diese kleine Margaret Rose – sie ist ein Wildfang. Meine Güte, sie wird unzähmbar sein, wenn sie groß ist. Sie fragte mich, ob Prinzessinnen immer noch Menschen den Kopf abschlagen lassen können.“

Ich lachte, merkte aber, dass Prinzessin Beatrice kaum lächelte. „Ich werde mich mit dem Jungen unterhalten“, sagte sie. „Mit dem Prince of Wales, meine ich. Es ist an der Zeit, dass er lernt, dass Pflicht und Familie über allem anderen stehen. Ihm wurde ein großes Erbe in die Wiege gelegt. Wenn Mama sehen würde, wie er sich heute verhält, würde sie sich im Grab umdrehen. Und Papa – er würde dem Jungen eine Tracht Prügel verabreichen und ihm sagen, er solle sich zusammenreißen, sonst setzt es was. Nicht wahr, Louise?“

„Ich nehme an, das würde er tun. Aber die Zeiten haben sich geändert, Bea. Es hat einen großen Krieg gegeben. Die jungen Leute hinterfragen, was wirklich wichtig ist, weil das Leben so vergänglich ist, nicht wahr, Georgiana?“

„Vielleicht diejenigen, die sich an den Krieg erinnern. Ich war zu jung und mir ist vieles sehr wichtig.“

„Du bist ein gutes Mädchen.“ Sie nickte. „Eine Ehre für die Familie. Unsere Mutter hätte große Stücke auf dich gehalten.“

Ich hatte mich inzwischen umgesehen. „Was für ein interessantes Zimmer, Großtante Louise“, sagte ich. „Sind diese Skulpturen modern oder antik?“

Sie stieß ein perlendes Lachen aus. „Für deine Verhältnisse sind sie nicht modern. Ich habe sie als junge Frau angefertigt.“

„Du bist Bildhauerin? Sie sind wunderbar.“

Sie nickte wohlwollend. „Ich besaß ein gewisses Talent. Ich musste es aufgeben, da es zu kräftezehrend ist, Marmor zu meißeln. Bist du künstlerisch begabt?“

„Überhaupt nicht. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich irgendein Talent habe“, sagte ich.

„Du solltest dein Licht nicht unter den Scheffel stellen“, sagte sie. „Junge Frauen werden zur Bescheidenheit erzogen. Ich hingegen glaube, man sollte seine Fähigkeiten laut anpreisen.“

Sie sah meinen Gesichtsausdruck und lachte. „Meine Mutter war mit meiner Bildhauerei einverstanden, aber nicht mit meinen Ansichten. Ich war schon immer eine große Vorkämpferin für Frauenrechte. Ich war eine Verfechterin der Bewegung für das Frauenwahlrecht, musst du wissen, und ich hatte jahrelang eine Ärztin, bevor es in Mode kam.“

Die Überraschung war mir anzumerken, daher fügte Prinzessin Beatrice hinzu: „Sie musste es natürlich vor unserer lieben Mama verheimlichen. Sie hätte das nie gebilligt.“

„Ihr jungen Leute habt so viel Glück“, sagte Prinzessin Louise wehmütig. „Zu unserer Zeit durfte ein Mädchen nie ohne Begleitung ausgehen, nicht wahr, Bea? Für sie wurde eine Ehe arrangiert. Für ein Mädchen aus guter Familie war keine Karriere möglich.“

„Heutzutage ist es auch nicht einfach, Karriere zu machen“, sagte ich. „Zu viele arbeitslose Männer.“

„Ach ja“, sagte sie. „Ich sehe Männer im Park schlafen, wenn ich meinen Morgenspaziergang mache. Das beunruhigt mich. Eine so traurige Zeit für so viele. Aber lasst uns nicht bei traurigen Dingen verweilen. Du bist hier, um eine Hochzeit in der Familie zu feiern.“

Ein Windstoß ächzte im Kamin und sandte Funken und Ruß in den Raum. Ich erinnerte mich an das, was ich an diesem Nachmittag gesehen hatte.

„Sagt mal“, sagte ich, „spukt es im Palast?“

Die beiden Großtanten tauschten einen Blick. „Oh ja, es spukt gewaltig.“ Louise grinste mich verschmitzt an. „Überall, wo du hingehst, wirst du auf Geister stoßen. Die meisten von ihnen sind natürlich königlich. Unsere Vorfahren, die ein Auge auf uns haben. Ich glaube nicht, dass einer von ihnen bösartig ist, also kein Grund zur Sorge.“

„Ich habe heute Nachmittag eine Frau gesehen“, sagte ich. „Sie trug ein langes weißes Kleid und ihr Haar war zu hübschen kleinen Locken auf ihrem Kopf getürmt.“

„Ah, das muss Prinzessin Sophia gewesen sein“, sagte Prinzessin Louise und blickte zur Bestätigung zu ihrer Schwester. „Wir haben sie beide gesehen, nicht wahr, Bea? Die Tochter von George dem Dritten. Sie durfte nie heiraten, das arme Mädchen. Wurde ihr ganzes Leben lang isoliert. Es heißt, sie hätte eine inzestuöse Affäre mit ihrem Bruder, dem Herzog von Cumberland, sowie eine Affäre mit dem engsten Vertrauten ihres Vaters gehabt. Wie dem auch sei, sie brachte ein uneheliches Kind zur Welt. Das Kind wurde fortgegeben und die ganze Sache vertuscht, aber ich glaube, sie geistert noch immer durch die Gänge und sucht nach diesem Kind, oder vielleicht nach dem Mann, der es gezeugt hat.“

Ich dachte an die arme Prinzessin Sophia, die ihr Leben fernab der Welt verbracht hatte und der auch noch das Kind weggenommen worden war. Kein Wunder, dass sie durch die Gänge wandelte.

„Die meisten anderen Geister bevorzugen die königlichen Prunkräume“, sagte Prinzessin Beatrice. „Deshalb begegnen wir ihnen nicht oft. Aber in der Turmuhr soll es spuken.“

„Die Turmuhr?“, fragte ich.

Sie nickte. „Am Eingang des Hofes hinter uns. Mehrere Male habe ich dort ein seltsames Licht glühen sehen. Aber ich lebe schon so lange hier, dass mich die Geister nicht mehr stören. Ich fürchte, sie führen zu einer großen Fluktuation von Bediensteten im ganzen Palast. Die unteren Klassen sind es nicht gewohnt, unseren Vorfahren auf der Treppe zu begegnen.“ Sie kicherte erneut. Sie war wirklich reizend.

Wir hatten ein gutes Abendessen mit Mulligatawny-Suppe, Fasanenbraten und Apfeltaschen. Es war ein angenehmer Abend und als ich mich verabschiedete, fragte ich mich, warum ich noch nie daran gedacht hatte, die Tanten zu besuchen. Wahrscheinlich weil ich meine prägenden Jahre weit weg in einem schottischen Schloss verbracht und man einander nie vorgestellt wurde. Und es war nicht so einfach, bei der Königsfamilie vorbeizuschauen wie bei Menschen aus dem einfachen Volk.

„Findet Ihr es einsam oder einengend, hier allein zu leben?“, fragte ich.

„Oh nein, meine Liebe“, sagte Prinzessin Louise. „Beatrice und ich haben einander, die Nichten wohnen in der Nähe und wenn ich nach draußen möchte, gehe ich einfach durch den Park zu Harrods oder zu einem Konzert in der Albert Hall. Wenn ich noch weiter ins Grüne will, steige ich in einen Bus der Nummer neun. Niemand weiß, wer ich bin. Es ist durchaus erfrischend.“

Ich dachte, dass eine alte Frau in viktorianischer Kleidung doch recht auffällig war, nickte und lächelte aber. Ein Dienstmädchen wurde losgeschickt, um meine Sachen zu holen.

„Ich weiß nicht, warum wir dich nie zuvor kennengelernt haben, Georgiana“, sagte Prinzessin Beatrice, woraufhin ihre Schwester ihr einen warnenden Blick zuwarf.

„Ich fürchte, meine Mutter hat uns verlassen und ich blieb als Kind allein auf Castle Rannoch zurück“, sagte ich.

„Aber bei deinem Debüt musst du in London gewesen sein.“

„Natürlich.“

„Sie wollte ihre Zeit nicht damit verschwenden, ältere Verwandte zu besuchen, Bea“, beschwichtigte Prinzessin Louise. „Sie war sicher vollauf mit Partys, Bällen und dergleichen beschäftigt.“

„Aber du hast während deiner Saison keinen Ehemann gefunden?“, fragte Beatrice.

„Ich fürchte nicht, Ma’am.“

Sie tätschelte meine Hand. „Das macht nichts. Ein hübsches, gesund aussehendes Mädchen wie du wird schon bald einen Ehemann finden. Du wirst sehen, die nächste Hochzeit, die wir in der Familie feiern, wird deine sein.“

„Ich hoffe es.“ Ich schenkte ihr ein Lächeln.

Das Dienstmädchen erschien mit meinem Mantel und meinem Regenschirm.

„Lady Georgiana wird die Hintertür nehmen, Phyllis“, sagte Prinzessin Louise. „Sie kann durch den Innenhof nach Hause gehen und muss nicht durch diesen schrecklichen Sturm laufen.“

Ich küsste beide Großtanten pflichtschuldig auf die Wangen, ohne eine von ihnen umzuwerfen. Dann folgte ich dem Dienstmädchen durch einen engen Flur und wurde in einen dunklen Hof hinausgelassen. Hier war es ganz still, abgesehen von dem prasselnden Regen. Es war auch ziemlich dunkel. Aus den Fenstern drang kein Licht, außer aus einem im zweiten Stock, das meines sein musste. Aber die schweren Vorhänge waren zugezogen und man sah nur einen schmalen Lichtstrahl. Ich spannte meinen Regenschirm auf und ging vorsichtig über das rutschige Kopfsteinpflaster. Als ich mich dem Torbogen am Ende des Hofes näherte, war ich erleichtert, als ich eine Art Lampe bemerkte, die den dunklen Umriss des Gebäudes beleuchtete. Als ich näher kam, traf mich ein kalter Windstoß und weit über mir begann eine Uhr zehn zu schlagen.

Der gespenstische Uhrenturm, dachte ich. In diesem Moment erlosch das Licht und mich umgab völlige Dunkelheit. Ich muss gestehen, dass ich durch den Torbogen stürzte und den ganzen Weg bis zur Haustür rannte.

Kapitel 9

Sonntag, 4. November

Kensington Palace, London

Heute kommt Prinzessin Marina an. Ich hoffe, sie ist nicht so schrecklich wie ihre Cousine!

Am nächsten Tag, während wir auf Prinzessin Marinas Ankunft warteten, ging es in der Wohnung drunter und drüber. Männer tauchten mit großen Blumengestecken auf, Regale wurden abgestaubt, Feuer geschürt. Bedienstete erschienen und im Speisesaal wurde ein schmackhaftes Mittagsmahl serviert. Die Zivilisation hatte in der Wohnung Einzug gehalten. Ich wusste, dass der Fährzug gegen vier Uhr ankam, also richtete ich mich so präsentabel wie möglich her und betrat den langen Salon, um die Ankunft der Prinzessin abzuwarten. Gräfin Irmtraut war bereits dort.

„Ich habe Sie gestern nicht beim Dinner gesehen“, sagte sie. „Sie haben sich nicht wohlgefühlt?“

„Nein, ich habe mit meiner Großtante, Prinzessin Louise, diniert“, sagte ich. „Sie lebt in der Wohnung nebenan.“

„Ah ja, mir wurde gesagt, dass dieses Haus voller alter königlicher Ladys sei, aber mich laden sie nicht ein. Vermutlich, weil ich nicht mit ihnen verwandt bin.“

Was sollte ich darauf erwidern – dass es mir leidtat, dass sie nicht mit dem englischen Königshaus verwandt war? Als ich schwieg, fuhr sie fort: „Und warum sind Sie selbst keine Prinzessin, wenn diese Ladys Ihre Tanten sind?“

„Meine Großmutter war Königin Victorias Tochter. Die Nachkommen einer Prinzessin erben ihren Titel nicht. Mein Großvater war ein Duke, also war mein Vater ebenfalls ein Duke und ich bin nur eine Lady.“

„Hmmf“, sagte sie und dachte offensichtlich darüber nach, ob eine einfache Lady im Rang unter ihr stand. Sie blickte aus dem Fenster. Es war noch immer so trostlos und stürmisch wie für den englischen November üblich.

„Ich hoffe, Marina hat eine gute Reise. Ich glaube nicht, dass die Überfahrt auf dem Kanal sanft verläuft.“

„Wahrscheinlich nicht. Aber sie dauert nur eine Stunde, nicht wahr? Die meisten Dinge lassen sich eine Stunde lang aushalten.“

„Wenn sie von Hoek van Holland kommt, dauert es länger“, sagte sie. „Und es ist stürmischer. Ich werde immer seekrank, selbst bei gutem Wetter. Ich habe die delikate Konstitution meiner Vorfahren geerbt.“

Ich war ausgesprochen erleichtert, dass Major Beauchamp-Chough sich in diesem Moment zu uns gesellte. „Kann nicht mehr lang dauern“, sagte er. „Die Prinzessin wird müde von ihrer langen Reise sein, also schlage ich vor, dass wir sie ausruhen lassen, bis Sie der Wagen um sieben abholt.“

„Der Wagen?“, erkundigte sich Gräfin Irmtraut.

„Die Prinzessin wurde bei ihrer neuen Familie zum Dinner eingeladen“, sagte der Major.

„Wir sollen sie begleiten?“, fragte Irmtraut.

„Nur Lady Georgiana, da sie ein Familienmitglied ist“, sagte er kurz angebunden.

Irmtraut funkelte mich böse an.

In diesem Augenblick war draußen auf dem Kies das Knirschen von Reifen zu hören, als ein Daimler vorfuhr. Major B. C. sprang auf und ging mit schnellen Schritten auf die Eingangstür zu. Wir hörten, wie er lauthals verkündete: „Willkommen im Kensington Palace, Eure Hoheit. Raue Wetterverhältnisse, fürchte ich. Ich hoffe, die Überfahrt war nicht zu stürmisch.“

„Sehr hohe Wellen. Offen gesagt war es ziemlich aufregend“, antwortete eine Frauenstimme. Sie betraten das Zimmer. Nach allem, was man mir erzählt hatte – dass die Familie bei Verwandten im Exil gelebt hatte und ärmlich war – hatte ich mir ein schüchternes, eher altmodisch gekleidetes junges Mädchen vorgestellt, eine jüngere, frischere Version von Irmtraut. Stattdessen stolzierte eine hochgewachsene und schöne junge Frau in den Raum. Sie war nach der neuesten Mode gekleidet, in einem schön geschnittenen Mantel mit Fuchspelzbesatz und einem gewagten kleinen Hut, der ihr schräg auf dem Kopf saß. Als sie Gräfin Irmtraut erblickte, lächelte sie strahlend und streckte ihre Hände aus.

„Irmtraut. Du bist da. Wie schön, dass du gekommen bist.“ Sie küssten sich auf die Wangen.

Prinz George betrat hinter ihr das Zimmer. „Hallo, Georgie“, sagte er und warf mir einen warnenden Blick zu, der deutlich besagte: „Du hast mich auf einer ausschweifenden Party gesehen. Bitte vergiss diesen Vorfall.“

„Hallo, Sir“, antwortete ich. „Ich gratuliere Ihnen von Herzen zu Ihrer bevorstehenden Hochzeit.“

Wir verständigten uns mit einem kurzen Blick, dann lächelte er.

„Meine Liebste“, sagte er zu Marina, „das ist meine Cousine Georgiana, von der ich dir erzählt habe. Sie hat sich freiwillig bereit erklärt, hier bei dir zu wohnen und dir London zu zeigen.“

„Georgiana, wie entzückend.“ Sie streckte mir ihre Hand entgegen. „Wie nett von dir, deine Zeit zu opfern, um mich in London einzuführen“, sagte sie. Ihr Englisch war perfekt und fast akzentfrei. „Ich muss noch so viel für meine Aussteuer einkaufen. Ich war zu lange weg von Paris und den guten Geschäften. Die meisten europäischen Städte sind unaussprechlich langweilig und altmodisch, besonders Kopenhagen, wo ich gewohnt habe. Du kannst mir Londons modischste Geschäfte zeigen. Wir werden solchen Spaß haben.“

Allmächtiger, dachte ich. Ich war der letzte Mensch, der eine Führung durch modische Geschäfte veranstalten konnte. Ich hatte nie genügend Geld gehabt, um dort einzukaufen, und mehr als Harrods, Barkers und vielleicht Fenwick kannte ich nicht. Und das waren keineswegs die angesagtesten Boutiquen, die London zu bieten hatte.

Major Beauchamp-Chough kam herein und teilte Prinzessin Marina mit, dass ihr Gepäck und ihr Dienstmädchen jetzt in ihrer Suite seien und er sie jederzeit dorthin begleiten würde, wenn sie bereit sei. Er schlug vor, dass sie sich nach ihrer langen Reise vielleicht ausruhen wollte.

Das brachte sie zum Kichern. „Ich habe fast den ganzen Tag in einem Zugwaggon verbracht. Nicht gerade anstrengend. Was ich jetzt wirklich brauche, ist eine Tasse Tee. Ich muss sagen, dass die englische Teezeit das Beste an diesem Umzug nach England ist.“

„Ich hatte gehofft, dass ich das Beste bin“, sagte George.

„Abgesehen von dir, mein Liebster.“ Sie streckte eine Hand nach seiner aus und ich erkannte echte Zuneigung in dieser Geste.

„Dann lasse ich dich allein, damit du dich einleben kannst“, sagte George. „Wir sehen uns heute Abend beim Dinner.“ Er warf ihr einen Kuss zu, als er ging. Marina lächelte ihm liebevoll nach. Ich begann zu hoffen, dass dies vielleicht doch eine echte Liebesheirat werden würde.

Sobald er weg war, genossen wir einen schönen Tee vor dem Kamin.

„Als wir noch in Paris lebten, habe ich es schmerzlich vermisst, echten Tee zu trinken,“, sagte Marina.

„War es in Eurer Familie üblich, Tee zu trinken?“ fragte ich.

„Wir hatten ein englisches Kindermädchen“, sagte die Prinzessin. „Sie bestand darauf, dass der Tee jeden Tag im Kinderzimmer serviert wurde.“

„Ah, das erklärt Euer perfektes Englisch“, sagte ich.

Sie nickte. „Miss Kate Fox. Furchtbar streng und korrekt. Sie wissen schon, sie zwang uns, bei heulenden Sturmwinden mit offenem Fenster zu schlafen und wir mussten die besten Manieren an den Tag legen. Ich nehme an, du hattest auch ein Kindermädchen?“

„Mein Kindermädchen war eigentlich sehr gutherzig, was schön war, da meine Eltern beide nicht im Schloss wohnten. Aber auf Castle Rannoch müssen die Fenster immer offen sein, selbst bei schottischen Sturmwinden.“

Marina lächelte. „George hat mir von den obligatorischen Besuchen auf Balmoral erzählt. Ich nehme an, dass es dort ganz ähnlich sein wird.“

„Zweifellos. Und der Dudelsackspieler wird alle bei Tagesanbruch wecken.“

Wir lachten, zumindest Marina und ich. Irmtraut saß schweigend daneben und starrte an uns vorbei aus dem Fenster.

„Wo werdet Ihr leben, Ma’am?“, fragte ich. „Hier im Kensington Palace?“

„Oh Gott, nein. Es ist hier unaussprechlich trostlos, findest du nicht?“, sagte sie. „Wir werden am Belgrave Square wohnen. George möchte dringend aus seiner Suite im St. James Palace ausziehen. Kennst du den Belgrave Square?“

„Das Londoner Haus unserer Familie ist ebenfalls dort. Was für ein Zufall.“

„Dann werden wir Nachbarn sein. Wie wundervoll.“ Diesmal streckte sie mir ihre Hand entgegen.

Irmtraut machte eine finstere Miene.

Wir plauderten weiter, während Marina sich durch Crumpets, Scones und Shortbread arbeitete. Die Stimmung war sehr angenehm und wir verweilten wahrscheinlich etwas zu lange, bis uns schließlich auffiel, dass wir hinaufgehen und uns für das Abendessen im Palast umziehen mussten. Ich fand Queenie in meinem Zimmer vor, wo sie eine Zeitschrift las.

„Wurde dir deinen Tee hochgeschickt?“, fragte ich sie.

„Nein, ich sagte ihnen, dass sie sich nicht die Mühe machen sollten, und ging nach unten, um in der Küche Tee zu trinken. Wenn sie einem den Tee auf einem Tablett aufs Zimmer schicken, bekommt man nur ein Stück Kuchen.“

Der Gedanke, dass Queenie offensichtlich in dem Moment die Treppe hinunterging, als Prinzessin Marina eintraf, jagte mir einen kalten Schauer über den ganzen Körper. „Es wäre mir lieber, wenn du an Ort und Stelle bleibst, Queenie.“

„Aber es ist einsam hier oben, so ganz allein. Und ein bisschen unheimlich ist es auch. Ich habe letzte Nacht ständig Geräusche gehört.“

„Das war bestimmt nur der Wind“, sagte ich heiter. Es hätte nichts genützt, ihr von den Geistern zu erzählen. „Aber jetzt muss ich mich für das Abendessen im Palast fertig machen, also leg bitte mein blaues Abendkleid heraus.“

„Ihr blaues?“, fragte sie.

„Ja. Das kornblumenblaue Seidenkleid mit den Perlen. Das Kleid, das meine Mutter mir in Amerika gekauft hat, nachdem ich meine besten Kleider im Feuer verloren habe. Und dazu meine schönen Abendschuhe aus Seide. Ich muss mich von meiner besten Seite zeigen.“

Eine längere Pause folgte. Mich beschlich ein unheilvolles Gefühl. „Queenie, ist etwas mit meinem Abendkleid passiert? Du hast doch nicht versucht, es zu bügeln und es dabei angesengt?“

„Oh nein, Miss. Nein, nichts dergleichen. Es ist nur … es ist nicht hier.“

„Wie meinst du das?“

„Ich muss es vergessen haben, als wir die Wohnung Ihrer Freundin in aller Eile verlassen haben. Ich erinnere mich, dass ich nicht all Ihre Sachen im Schrank in der Abstellkammer unterbringen konnte, also stopfte ich ein paar in Miss Belindas Kleiderschrank. Ich muss sie wohl vergessen haben.“

„Du hast mein einziges gutes Abendkleid vergessen?“ Ich versuchte, nicht zu kreischen. „Queenie, ich diniere gleich im Palast mit dem König und der Königin. Alles, was ich hier habe, sind ein burgunderrotes und ein flaschengrünes Samtkleid. Beide sind ausgesprochen alt und unmodisch, und auf dem Rock ist ein Fleck, wo du den Samt einmal gebügelt hast. Queenie, du bist unverbesserlich. Und es ist zu spät, um dich jetzt noch mit einem Taxi zu Belinda zu schicken.“

„Tut mir leid, Miss“, sagte sie. „Mein alter Paps sagte neulich erst, dass ich meinen Kopf vergessen würde, wenn er nicht festgewachsen wäre. Da hatte ich vergessen, das Gas zuzudrehen und hätte fast das Haus in die Luft gejagt.“ Sie grinste entschuldigend.

„Tja, ich werde wohl das Beste daraus machen müssen“, seufzte ich. „Ich werde das burgunderrote Kleid von gestern Abend tragen.“

„Oh, das?“ Wieder blickte sie verschämt drein.

„Bitte sag mir nicht, dass etwas mit dem burgunderroten Kleid passiert ist.“

„Eigentlich nicht“, sagte sie. „Ich würde es nur an Ihrer Stelle nicht heute Abend anziehen.“

„Und warum?“ Eine dunkle Wolke der Hoffnungslosigkeit legte sich über mich.

„Na ja, gestern Abend beim Dinner machten Sie einen kleinen Fleck darauf gemacht und ich wischte ihn weg. Dabei drehte ich mich um und stieß mit dem Hintern die Waschschüssel von der Kommode. Und irgendwie kippte sie über den Rock. Also fürchte ich, dass das Kleid etwas nass ist.“

„Queenie, ich sollte dich auf der Stelle entlassen“, rief ich.

Sie ließ den Kopf hängen. „Ja, ich weiß, Miss. Aber Unfälle passieren nun mal, nicht wahr? Wissen Sie noch, wie Sie einmal mit jemandem zusammenstießen, der ein Tablett mit Weingläsern trug?“

Ich fürchte, sie hatte meinen wunden Punkt getroffen, indem sie mich an meine eigene Tollpatschigkeit erinnerte. Vielleicht war sie nicht ganz so schwer von Begriff, wie sie vorgab.

„Such das flaschengrüne Kleid heraus und wenn du es beschädigt hast, werde ich dich persönlich erdrosseln.“

Das flaschengrüne Kleid kam unbeschädigt aus dem Schrank, aber es hatte eindeutig schon bessere Tage gesehen, außerdem war da der Fleck auf dem Rockteil, wo Queenie den Samt falsch gebügelt hatte. Ich besaß nun eine Silberfuchsstola, die mir meine Mutter geschenkt hatte, und nahm mir vor, sie so über mich zu drapieren, dass sie möglichst viel verdeckte. Ich war schlecht gelaunt, als ich hinunterging, um auf Marina zu warten. Und meine Laune verdüsterte sich noch mehr, als sie in einem umwerfenden perlenbesetzten weißen Kleid erschien.

„Auf mich wird sowieso niemand achten“, sagte ich mir.

Der Daimler fuhr vor und wir waren unterwegs.

„Ich bin heilfroh, dass du mich begleitest, Georgiana“, sagte Marina im Flüsterton. „Das Dinner mit meiner zukünftigen Familie macht mich ein wenig nervös. Die Königin wirkt immer so überheblich und streng. Ziemlich beängstigend im Vergleich mit meiner Familie, die ganz ungezwungen ist.“

„Ja, sie können einen ziemlich aus der Fassung bringen“, sagte ich. „Ich werde recht häufig in den Palast eingeladen und jedes Mal bekomme ich weiche Knie. Der König und die Königin nehmen es mit dem Protokoll sehr genau. Ich muss immer daran denken, einen Knicks zu machen und sie Ma’am zu nennen.“

Sie nahm meine Hand. „Dann werden wir uns beide gegenseitig unterstützen.“

Wie bezaubernd sie war, dachte ich, und hoffte inständig, dass Prinz George wirklich lernen würde sich zu benehmen und sie so liebte, wie sie es verdiente. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es mir ergangen wäre, wenn ich der Heirat mit Prinz Siegfried zugestimmt hätte und in ein fremdes Land gezogen wäre, dessen Bräuche ich nicht kannte, mit einem Ehemann, der mich niemals lieben würde. Ich habe solches Glück, dachte ich, dass ich Darcy gefunden habe.

In einem standesgemäßen Daimler im Palace vorzufahren, an den Wachen vorbei auf den Palastvorplatz, durch den Torbogen und die Hauptauffahrt hinauf, war zweifellos weniger furchteinflößend. Wir wurden die Treppe hinauf und in das Musikzimmer geführt, wo der König und die Königin, zusammen mit dem Duke und der Duchess of York, uns erwarteten. Weder der Prince of Wales noch der Bräutigam waren zu sehen. Die Königin kam uns entgegen und trat vor, um uns zu begrüßen.

„Marina. Willkommen, meine Liebe. Wie schön, dich gesund und munter zu sehen. Und Georgiana ebenfalls. Solch eine Freude.“

Marina wurde auf beide Wangen geküsst. Ich knickste nieder. Dann küsste Marina den König und wurde dem Duke und der Duchess vorgestellt.

„Ich muss mich für meine Söhne entschuldigen“, sagte die Königin und sah sich mit sichtlichem Missfallen um. „Der König ist äußerst pünktlich, wohingegen meine Söhne einen eher kontinentalen Umgang mit Zeit zu pflegen scheinen. Der Prince of Wales erwähnte mir gegenüber zwar, dass er uns zu diesem Anlass vielleicht keine Gesellschaft leisten könne, aber dein zukünftiger Ehemann war erst kürzlich hier, bevor er nach Hause ging, um seinen Smoking anzuziehen. Ich habe keine Ahnung, was ihn aufgehalten haben könnte“.

„Kein Pflichtgefühl, diese jüngere Generation“, knurrte der König.

„Ach, komm schon, Papa. Wir waren pünktlich hier“, sagte die Duchess of York mit ihrem süßen Lächeln. Mir fiel auf, dass der Herzog nichts sagte. Er hatte immer Angst davor, sein Stottern in der Öffentlichkeit zu zeigen, und war sehr schüchtern gegenüber Fremden.

„Ihr zwei seid ein Segen“, antwortete die Königin.

„Wenn der Junge nur diese verfluchte Sprachbehinderung überwinden würde“, sagte der König. „Es ist nur eine Frage der Übung.“

„Ich v-v-v-versuche es, Vater“, sagte der Duke.

Daraufhin folgte peinlich berührtes Schweigen. Gnädigerweise wurde Champagner serviert. Appetithäppchen wurden gereicht und endlich, gerade als dem König der Kragen zu platzen drohte, kam Prinz George die Treppe heruntergerannt und rückte sich außer Atem die Fliege gerade.

„Tut mir schrecklich leid, dass ich zu spät komme, Mama“, sagte er. „Der Wagen war in einen kleinen Unfall verwickelt. Nichts Ernstes. Niemand wurde verletzt, wir wurden nur aufgehalten.“

„Ein Unfall unterwegs? Du musstest von St. James doch nur ein paar Yards herüberlaufen, nicht wahr? Du hättest zu Fuß gehen können“, sagte der König ungehalten.

„Ich musste allerdings der neuen Wohnung einen Besuch abstatten, um etwas zu überprüfen, das mir der Inneneinrichter zeigen wollte. Und wie gesagt, es ist nichts passiert.“

„Jetzt bist du hier, George. Das ist alles, was zählt. Und nun, da du hier bist, hat dir dein Vater etwas zu sagen.“ Die Königin sah den König erwartungsvoll an, der sich räusperte.

„Jetzt beginnt die Zeit in deinem Leben, in der du Verantwortung übernimmst, mein Junge“, sagte er. „Bisher konntest du tun und lassen, was du wolltest, wenn du nicht mit der Marine unterwegs warst. Von nun an erwarten wir von dir und deiner Braut, aktive Mitglieder der königlichen Familie zu sein, königliche Pflichten zu übernehmen und unserem guten Namen und unseren Vorfahren zur Ehre zu gereichen. Deshalb habe ich vor, Euch zu Duchess und Duke of Kent zu machen.“

„Donnerwetter, vielen Dank, Vater.“ Er schaute zu Marina hinüber. „Hast du gehört, meine Liebe? Du sollst Duchess of Kent werden.“

Marina stand neben mir. „Ist das als Prinzessin nicht ein Abstieg?“, flüsterte sie mir mit der Andeutung eines Grinsens zu.

„Ich glaube, diese Titel sind mit Besitz und Einkommen verbunden“, flüsterte ich zurück. „Die meisten Königssöhne werden zu Dukes gemacht.“

„Ach so.“ Sie nickte. Der Gong ertönte. Prinz George nahm Marinas Arm, um sie zum Dinner zu geleiten. Ich folgte ihr ohne Begleitung. Ich nahm an, mit dem Prince of Wales wären wir eine gerade Zahl von Gästen gewesen, da er sich nicht getraut hätte, Mrs Simpson mitzubringen. Das Abendessen verlief reibungslos, aber ohne einen Auftritt des Prince of Wales, was seine Mutter merklich verärgerte. Als wir zurück zum Kensington Palace gefahren wurden, schien Prinzessin Marina guter Laune und mit ihrer Familie zufrieden zu sein.

„Die Königin war freundlicher zu mir, als ich erwartet hatte“, sagte sie. „Und ich habe gemerkt, dass auch der König mich mochte.“

„Wer könnte dich nicht mögen?“, fragte ich.

Sie drückte meine Hand. „Du bist so süß, Georgiana“, sagte sie. „Wirst du jemanden heiraten müssen, den die Familie für dich auswählt, oder wirst du deine eigene Wahl treffen können?“

„Hoffentlich das Letztere“, sagte ich. „Sie haben versucht, mich mit Prinz Siegfried von Rumänien zu verheiraten.“

Autoren

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    Rhys Bowen (Autor)

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    Sarah Schemske (Übersetzung)

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Titel: Ein Prinz auf Abwegen