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Winterküsse im Central Park

von Karin Bell (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Als Cathlyn Jones einen Job in New Yorks größtem Kaufhaus Macy’s ergattert, könnte sie kaum glücklicher sein. Seit ihrer Kindheit träumt sie davon, dort arbeiten zu dürfen. Ihr Leben gerät allerdings ordentlich durcheinander, als sie in der Nobelabteilung Steven Hartford begegnet, der sie für eine betuchte Kundin hält. Zwischen den beiden knistert es sofort, doch Cathlyn gewöhnt sich viel zu schnell an die Rolle, die Steven ihr zuschreibt, und als sie das Missverständnis aufklären will, ist es zu spät … nur ein Weihnachtswunder kann helfen.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Dezember 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-419-8
Hörbuch-ISBN: 978-3-96817-543-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-423-5

Covergestaltung: KÖPKE COVERDESIGN
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Romanova Ekaterina, © Pixasquare, © Drpixel, © John A. Anderson, © Kichigin, © Oleh Svetiukha, © frantic00
Lektorat: Carolin Diefenbach

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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In liebevoller Erinnerung an unseren Opa Johann.

Du wirst uns dieses Jahr an Weihnachten sehr fehlen.

1

Dezember 2000

„‚Und die wunderschöne Fee zückte ihren Zauberstab und verwandelte das zerrissene Kleid in ein glitzerndes Gewand, die grauen Mäuse in stattliche Kutscher und einen Riesenkürbis in eine goldene Kutsche.‘“

Ruby Mitchell legte das dicke Märchenbuch auf dem Nachttisch neben dem Kinderbett ab und steckte anschließend die kuschelige Daunendecke um ihre Enkeltochter fest. Mit einem Lächeln auf den Lippen streichelte sie Cathlyn eine blonde Strähne aus der Stirn, bevor sie sie liebevoll tadelte. „Aber jetzt wird endlich geschlafen, junge Dame. Es ist fast elf und das war wirklich die allerletzte Geschichte für heute.“

„Aber, Grandma, du weißt doch, wie sehr ich Märchen liebe.“ Ein verhaltenes Gähnen unterbrach den schwachen Protest des kleinen Mädchens, dann rieb es sich müde die Augen. „Außerdem kann doch niemand so toll vorlesen wie du.“

Ruby schmunzelte. Ihre Kleine wusste ganz genau, wie sie sie um den Finger wickeln konnte. Schlagartig mischte sich Traurigkeit in ihre Gedanken, denn sie wusste auch, dass sie die Einzige war, die Cathlyn überhaupt noch vorlas. Seit ihr Schwiegersohn im vergangenen Jahr nach dem Tod ihrer Tochter wieder geheiratet hatte und seine neue Frau samt ihren Zwillingstöchtern bei ihm eingezogen waren, hatte sich vieles verändert.

So kam es immer häufiger vor, dass Cathlyn die Wochenenden lieber hier bei ihnen in Queens verbrachte, wie ihre Enkelin Ruby anvertraut hatte, als auf Long Island, da das prachtvolle Haus mit Personal mittlerweile „Cruellas“ Anstrich bekommen hatte. Von dem gemütlichen Nest, das ihre Tochter einst so liebevoll eingerichtet hatte, war nichts mehr übrig geblieben. Stattdessen wirkte das große Haus nun wie ein Museum, unpersönlich und kalt. Es tat ihr in der Seele weh, wenn sie daran dachte, dass ihr einziges Enkelkind mit so einer furchtbaren Person und deren verzogenen Gören aufwachsen musste.

Plötzlich heulte der Wind, der bereits seit dem Abendbrot tobte, laut auf und rüttelte so heftig am Dachstuhl ein Stockwerk über ihnen, sodass sie es auch in dem kleinen Gästezimmer im Obergeschoss, direkt gegenüber dem Schlafzimmer ihrer Großeltern, knarren hörten. Erschrocken sahen sich die beiden an, ehe Cathlyns Blick zum Fenster fiel.

„Grandma, sieh doch, es schneit!“

Ehe Ruby ihre Enkelin zurückhalten konnte, war diese aus dem kuscheligen Bett gesprungen. Fest drückte sie ihre Nase an die Fensterscheibe, an der sich im Laufe des Abends etliche winzig kleine Eiskristalle gebildet hatten.

Für einen Moment verfolgte auch sie gebannt das Schauspiel, das sich draußen abspielte, bis Cathlyn nach ihrer Hand griff. Mit Tränen in den Augen sagte das Mädchen: „Ich vermisse Mom … Ob sie mir so vom Himmel ein Zeichen schickt? Das macht sie immer, wenn ich sie ganz arg vermisse.“

Ruby warf einen letzten Blick auf die dicken Schneeflocken, die nun überall am Fenster klebten, und drückte Cathlyn an sich. Nur mit Mühe gelang es ihr, den dicken Kloß im Hals herunterzuschlucken, um ihrer Enkelin zu antworten. „Da bin ich mir ganz sicher, mein Schatz.“

2

20 Jahre später

Wild wirbelte der Schnee in dicken Flocken durch die Straßen, als sich die Pforten zum Macy’s, New Yorks größtem und ältestem Kaufhaus, öffneten. Über dem Eingang prangte ein überdimensionaler Weihnachtskranz aus Tannenzweigen mit einer tiefroten Schleife, während unzählige Lämpchen die Fassade des alterwürdigen Gebäudes am Herald Square zum Leuchten brachten.

Endlich war es wieder so weit: Die Weihnachtssaison war eröffnet. Manhattan zeigte sich von seiner märchenhaftesten Seite und lockte so Tausende von Touristen und Romantikern in die Stadt. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich auch an diesem Freitagmorgen die festlich dekorierten Gänge und Abteilungen des Warenhauses mit Kundschaft füllten. Heimlicher Star war jedoch, wie in jedem Jahr, der hauseigene Weihnachtsmann, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem „echten“ Santa hatte und seit nunmehr 150 Jahren Tradition war.

Cathlyn Jones warf einen letzten Blick in den Spiegel und trat aus dem Aufenthaltsraum hinaus in den Laden. In wenigen Minuten würde sich dieser Bereich der Damenabteilung mit den Frauen der Upperclass füllen, die fest entschlossen waren, die Kreditkarten ihrer Ehemänner zum Glühen zu bringen.

Cathlyn überprüfte ein weiteres Mal die Auslagen: bunte Cashmere-Pullis, metallicfarbene Daunenjacken, Mäntel mit Nerzbesatz, gefütterte Lammfellboots und, der Renner in dieser Saison, Skibekleidung, mit der frau auch in der Stadt eine tolle Figur machte. Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als ihr Blick auf eine neongrüne Hose fiel. Na ja, über Geschmack ließ sich bekanntlich streiten …

Automatisch griff sie nach dem Preisschild – und machte große Augen. Wie zu erwarten, lag der Wert weit über ihrem Monatsgehalt – obwohl die Preise sie nach fünf Jahren als Verkäuferin eigentlich nicht mehr überraschen sollten. Doch bei diesem Stück rechtfertigte nicht einmal das Material die dreitausend Dollar. Die neongrüne Skihose hätte ebenso gut von der Stange sein können.

Erst vor Kurzem hatte Cathlyn ein ähnliches Modell bei Target gesehen, als sie mit ihrer Grandma unterwegs gewesen war. Hin und wieder wurde sie in dem riesigen Supermarkt in Queens sogar selbst fündig, aber „solche Art von Kleidung“ war hier nicht erwünscht, wie ihr Vorgesetzter bereits damals beim Vorstellungsgespräch nach einem Blick auf ihr Outfit klargestellt hatte.

Umso überraschter war Cathlyn gewesen, dass sich die Verkäuferinnen der High-End-Produkte nach Lust und Laune im Lager bedienen konnten. Eigens zu diesem Zweck schickten die Designer zusätzliche Outfits, damit die Angestellten gleichzeitig als lebendige Mannequins fungieren konnten. Cathlyn liebte es, sich zumindest für den Job herauszuputzen – obwohl, verkleiden kam der Sache wohl näher, in ihrer Freizeit liebte sie es schließlich bequem.

„Cathlyn, guten Morgen, meine Liebe!“

Aus ihren Gedanken gerissen, drehte sich Cathlyn überrascht nach der ihr bekannten Stimme um und entdeckte Dana Carter, eine ihrer Stammkundinnen, mit glühenden Wangen auf sie zusteuern. Heute steckte die Brünette in einem grauen Wollmantel und kuscheligen Stiefeln, die ihren klassischen Stil perfekt unterstrichen.

„Guten Morgen, Mrs Carter. Wie geht’s Ihnen?“ Cathlyn schenkte der eleganten Dame ein breites Lächeln und lief ihr eilig entgegen. Von all ihren Kundinnen mochte sie Dana am liebsten. Sie war bodenständig, nett und hatte ein großes Herz.

„Mir geht es prima, Cathlyn“, erwiderte Dana gut gelaunt, ehe sie sich erstaunt umsah. „Bin ich etwa die Erste? Das würde bedeuten, ich habe noch freie Auswahl, bevor die Aasgeier kommen!“

„Ganz genau und zufälligerweise haben wir heute auch ein neues Ensemble von Ihrem Lieblingsdesigner bekommen“, informierte Cathlyn Dana in verschwörerischem Tonfall.

„Wirklich? Ach, das ist ja wunderbar!“, jauchzte Mrs Carter und legte sich die Hand auf die Brust. „Das trifft sich ausgezeichnet, schließlich findet in drei Wochen mein alljährlicher Winterball im Plaza statt. Sie müssen kommen, Cathlyn. Sobald die Einladungen da sind, bringe ich Ihnen eine vorbei.“

Wehmütig sah Cathlyn Dana Carter an und Erinnerungen an längst vergessene Dinnerpartys im Hause ihrer Eltern brachen über sie herein. Als Kind hatte sie es geliebt, sich für solche Gelegenheiten herauszuputzen. Ihre Mom hatte ihr eigens dafür die schönsten Kleider bestellt und ihr sogar die Haare aufgedreht. Doch seitdem „Cruella“ das Zepter übernommen hatte, war Cathlyn während dieser Veranstaltungen lieber den ganzen Abend auf ihrem Zimmer geblieben, um zu lesen.

Mit einem besorgten „Cathlyn?“ riss ihre Stammkundin sie aus den Gedanken und sah sie fragend an.

„Vielen Dank, Mrs Carter, das hört sich wirklich fantastisch an, aber ich weiß nicht, ob ich da reinpasse“, erwiderte Cathlyn betrübt lächelnd.

Dana legte ihr mütterlich die Hand auf den Arm und sah sie liebevoll an. „Es sind ja noch drei Wochen. Überlegen Sie es sich in Ruhe. Ich jedenfalls würde mich sehr freuen, wenn Sie kämen.“

Bei Danas liebevoller Geste und ihrer sanften Stimme wurde Cathlyn sofort warm ums Herz. Für einen kurzen Moment war sie versucht, der Einladung spontan zuzusagen, dann verließ sie jedoch der Mut. „Ich werde es mir ganz sicher überlegen, Mrs Carter“, anwortete sie stattdessen mit fester Stimme.

Dana schenkte der jungen Frau ein zufriedenes Lächeln und antwortete mit einem Augenzwinkern: „Sie werden es nicht bereuen, meine Liebe. So, jetzt zeigen Sie mir endlich das Schmuckstück, von dem Sie geredet haben. Ich hoffe, es funkelt schön, denn das Motto dieses Jahr lautet ‚Wintermärchen‘.“

„Dann habe ich genau das Richtige für Sie.“ Cathlyn grinste breit und führte Dana aufgeregt in den Bereich für Abendmode.

Das neue Kleid von Valentino war ganz einfach perfekt für sie. Schlicht, elegant und gut mit ihren üblichen Accessoires zu kombinieren. Darauf hatten die beiden Frauen immer ein besonderes Augenmerk, wenn sie Danas Garderobe aussuchten. Die Kleidung durfte auf keinen Fall zu bunt sein, weshalb sie oft über Beige, Schwarz, Grau oder Marine nicht hinauskamen. Im Gegenzug durften die Schuhe und Handtaschen etwas auffälliger sein. Außerdem trug ihre Stammkundin für ihr Leben gern Perlen und wurde nicht müde, ihr bei jeder Gelegenheit eine kleine Anekdote aus ihrem bewegten Leben zu erzählen. Und Cathlyn wurde ihrerseits nicht müde, ihr spannend zu lauschen. Deshalb freute sie sich ganz besonders, dass der heutige Montagmorgen mit einem Besuch von Mrs Carter begann.

Vorsichtig griff Cathlyn nach dem Kleid. Auf den ersten Blick wirkte es unscheinbar, doch wenn der Stoff sich bewegte, kamen die unzähligen Pailletten zum Vorschein, die vom Licht reflektiert wurden und die Umgebung in ein funkelndes Meer verwandelten. Auch Cathlyn verschlug es bei dem Anblick noch immer den Atem.

Erwartungsvoll sah sie zu Dana, die sprachlos die Hände vor den Mund hielt und das Kleid mit verklärtem Blick ansah. Es schien, als würde Dana jedes winzige Detail des aufwändig bestickten Kleides in sich aufnehmen.

„Einfache Ohrstecker und die Samtpumps, die Sie neulich gekauft haben, machen das Outfit perfekt“, schlug Cathlyn lächelnd vor.

„Ich bin verliebt! Und wie schön es funkelt!“ Für einen Augenblick wirkte die Dame wie ein junges Mädchen, das mit großen, glänzenden Augen ein Prinzessinnenkleid bewunderte, doch dann mischte sich ein Ausdruck von Wehmut in ihren Blick. „Wie schade, dass mich mein Henry nicht mehr in diesem Kleid sehen kann.“

Cathlyn sah ihre Kundin mitfühlend an. Henry Carter musste ein unglaublicher Mann mit einem großen Herz gewesen sein. Beinahe jedes Mal, wenn sie sich trafen, kam Mrs Carter nicht umhin, ihn zu erwähnen. Sie erzählte von den Geschäftsreisen ins Ausland und den gemeinsamen Abenteuern, die sie dort erlebt hatten. Besonders gerne mochte Cathlyn die Geschichten über Spanien oder Frankreich … Länder, die sie selbst irgendwann einmal gerne besuchen würde.

Mrs Carter wirkte jedoch keineswegs betrübt oder in Trauer, wenn sie von der gemeinsamen Zeit und den vielen sozialen Projekten erzählte, die ihr Mann unterstützt hatte, sondern stolz und voller Tatendrang. Sie hatte es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, sein Vermächtnis fortzuführen.

„Dann probiere ich dieses schicke Teil doch gleich mal an.“ Mrs Carter zwinkerte Cathlyn verschwörerisch zu, als sie gemeinsam die Umkleide ansteuerten.

„Guten Morgen, Mrs Carter! Wie schön, dass Sie uns beehren!“ Wie aus dem Nichts kam in dem Moment Cathlyns Chef Mr Hector hinter einem Kleiderständer hervor und entlockte ihr so ein Augenrollen. Er musste sie einfach zu jeder Zeit kontrollieren.

Neugierig warf er einen Blick auf das Paillettenkleid. „Oh, eine ausgezeichnete Wahl!“, fuhr er mit einem schleimigen Lächeln fort. „Ich hoffe, alles ist zu Ihrer vollsten Zufriedenheit?“

Beinahe unauffällig gelang dem kleinen, glatzköpfigen Mann mit Nickelbrille ein Seitenblick auf Cathlyn, durch den er wahrscheinlich ihr heutiges Outfit in Sekundenschnelle musterte. Anscheinend zufrieden mit dem, was er sah, wandte er sich wieder Mrs Carter zu.

„Das Valentinokleid ist wie für Sie gemacht! Darf es denn noch etwas sein? Passende Schuhe oder vielleicht ein neues Täschchen?“, fragte er übereifrig weiter und schnitt Cathlyn nicht nur den Weg, sondern auch sie von ihrer Kundin ab, während er ihr das Kleid förmlich aus der Hand riss.

Irritiert starrte Mrs Carter den hageren Mann mittleren Alters an, bevor ihr Blick auf dessen Hemd fiel, das über und über mit kleinen rosafarbenen Pudeln bedruckt war.

„Ich darf doch sehr bitten“, war alles, was sie sagte, und nahm ihm mit einem Lächeln, aber dennoch bestimmt das Kleid wieder ab. „Ms Jones kümmert sich bereits hervorragend um mich.“

„Ja, sicher“, flötete der Leiter der Damenabteilung und schob seine Mitarbeiterin nach vorne. „Cathlyn, auf was warten Sie noch?“

Cathlyn unterdrückte ein genervtes Schnauben und schenkte ihrem Vorgesetzten stattdessen ein freundliches Lächeln, ehe sich dieser mit einer lächerlichen Verbeugung von Mrs Carter verabschiedete.

„Was für ein Schleimer und dann noch sein gruseliger Modegeschmack!“, entfuhr es Mrs Carter, als Cathlyns Chef hinter der nächsten Ecke verschwunden war. „Wie halten Sie es nur mit dem Kerl aus?“

Cathlyn hob entschuldigend die Hände. „Na ja, ich liebe es eben hier bei Macy’s – und daran kann nicht einmal mein Boss etwas ändern.“ Ein zartes Lächeln bildete sich auf ihren Lippen, als sie begann, in Erinnerungen zu schwelgen. „Schon als kleines Mädchen war ich fasziniert von den Dekorationen, den gefüllten Regalen, nicht zu vergessen die Feinkostabteilung und unser weltbekannter Santa.“

Mrs Carter seufzte verträumt und sah Cathlyn verständnisvoll an. „Ich weiß genau, was Sie meinen, meine Liebe. Da würde ich auch Opfer bringen.“

3

Steven Hartford zog den Kopf zwischen die Schultern sowie seine Aktentasche nah an den Körper, um sich und die Arbeitspapiere vor den dicken Flocken zu schützen, als er aus dem Taxi schlüpfte, das ihn ausnahmsweise direkt vor dem Kaufhaus herausgelassen hatte. Unter normalen Umständen wäre es nicht möglich gewesen, in zweiter Reihe zu parken, schon gar nicht an einem Freitagabend. Aber nachdem der Verkehr beinahe zum Erliegen gekommen war, machte es auch keinen Unterschied mehr, ob die folgenden Fahrzeuge nun seinetwegen ein Hupkonzert veranstalteten oder weil sie es einfach gewohnt waren.

Schnell huschte Steven durch eine der Drehtüren, die sich am Seiteneingang von Macy’s befanden, und schüttelte kurz darauf seine Kleidung aus, ehe er eintrat. Sofort hüllten ihn ein Schwall warmer Luft sowie ein fröhlicher Weihnachtssong ein. Bevor er sich interessiert umsah, öffnete er automatisch die Knöpfe des Mantels, um seinen Schal zu lockern.

Wie jedes Jahr übertrumpfte die neueste Weihnachtsdekoration diejenige vom Vorjahr. Auch dieses Mal hatte man keine Kosten und Mühen gescheut, dem guten Namen des Warenhauses alle Ehre zu machen. Tannengirlanden spannten sich wie Torbögen von einer Seite zur anderen, klassische Farben wie Rot und Gold dominierten Decken sowie Treppengeländer und wohin das Auge reichte, entdeckte man weihnachtliche Ornamente und Figuren wie Zuckerstangen, Weihnachtssocken, Christbaumschmuck und wunderschöne Schneekugeln. Steven musste lächeln, denn der Zauber der Weihnachtszeit verfehlte auch bei ihm nicht seine Wirkung.

Während er sich noch etwas im Erdgeschoss umsah, entdeckte er am Grabbeltisch nahe den Kassen einen witzigen Anhänger für seine Schwester. Ohne lange zu zögern, griff er ihn sich, bezahlte schnell und verstaute ihn in seiner Tasche. Anschließend steuerte er die Rolltreppen an, um in die Damenabteilung im zweiten Stock zu fahren und ein Geburtstagsgeschenk für seine Mom zu besorgen – wie immer in letzter Minute.

Sie hatte ein Faible für Halstücher; weshalb er sich entschieden hatte, sie auch in diesem Jahr mit einem solchen zu überraschen. Er wusste ja selbst, dass es mittlerweile etwas langweilig wurde, aber so war er wenigstens auf der sicheren Seite.

Mit einem kritischen Blick auf die Armbanduhr stellte er fest, dass ihm ohnehin keine Zeit mehr blieb, sich nach etwas anderem umzuschauen – der Laden würde bereits in einer Viertelstunde schließen.

Als er das zweite Stockwerk erreichte, atmete er erleichtert auf. Im Vergleich zum Erdgeschoss war hier oben deutlich weniger los. Mit einigen wenigen Blicken verschaffte er sich einen Überblick und sah sich daraufhin etwas hilflos nach einer Verkäuferin um. Im hinteren Bereich des Stockwerks, bei den Umkleiden, entdeckte er schlussendlich zwei Frauen, die sich offensichtlich einen Spaß daraus machten, einen neonfarbenen Skioverall mit allerlei Accessoires zu kombinieren. Zum zweiten Mal an diesem Tag schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen, als er die beiden amüsiert beobachtete. So wie es aussah, kannten sich die Verkäuferin, die er durch das Namensschild als solche identifiziert hatte, und Kundin, da sie sehr vertraut miteinander umgingen und immer wieder kicherten.

Schnell erhaschte er einen Blick auf eines der Accessoires, das die Kundin trug – ein hübsches Tuch, das wie gemacht war für seine Mom –, und steuerte entschlossen auf die Frauen zu. Das kehlige Lachen der Kundin drang an sein Ohr, während er näher kam, und als sie die dicke Pelzkappe vom Kopf zog, unter der blondes, schulterlanges Haar zum Vorschein kam, konnte er auch ihr Gesicht sehen. Ihre grauen Augen leuchteten vor Freude, ihre Wangen waren rosig und ohne Vorwarnung rutschte ihm das Herz in die Hose. Gab es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick tatsächlich oder hatten ihm das Winterwonderland im Erdgeschoss und die Musik, die immer noch auf ihn eindudelte, den Verstand vernebelt?

Wie in Trance ging er weiter und starrte die junge Frau einfach nur an. Sie hatte Stil, war topgepflegt und bestimmt eine dieser verwöhnten Upper-East-Side-Töchter, um die er künftig eigentlich einen großen Bogen hatte machen wollen. Doch irgendetwas passte hier nicht. Mit ihrem amüsierten Grinsen wirkte sie viel zu „echt“ und nicht so künstlich wie die anderen schwerreichen jungen Frauen, die er kannte.

Eine freundliche Stimme holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück und sein Blick fiel auf die Verkäuferin, die ihn fragend ansah. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Ähm, guten Abend“, stammelte er und sah der Kundin nach, die sich hektisch auf den Weg zur Umkleide machte, beinahe so, als wäre ihr der Aufzug nun unangenehm.

„Ich weiß, ich bin spät dran, aber ich bräuchte noch ein Last-Minute-Geschenk … Das Tuch gerade eben hat mir sehr gut gefallen“, fuhr Steven fort und nickte hoffnungsvoll mit dem Kopf in Richtung Umkleide.

„Oh, das Tuch? Kommen Sie doch bitte mit, Mister, hier drüben haben wir eine fantastische Auswahl an Tüchern.“

Steven folgte der Verkäuferin und nach einem schnellen Blick zur Damenumkleide war er sich ziemlich sicher, dass sich die Kundin mit voller Absicht darin verschanzte. Dabei wünschte er sich nichts mehr, als noch einmal ihr herzliches Lachen zu hören.

„Hier haben wir das schöne Stück – Cashmere mit Seide und einem dezenten Allover-Monogrammprint.“

Steven griff nach dem weichen Schal und fuhr mit dem Daumen über die feinen Fransen an den Enden. „Wirklich sehr hübsch und mal was anderes. Auch die blaue Farbe sieht sehr nett aus.“

„Es ist tatsächlich ein wunderschönes Tuch und mit dem Monogrammprint ein echter Hingucker“, fügte die Verkäuferin freundlich hinzu und sah ihn abwartend an.

Plötzlich ertönte der Gong, der die baldige Schließung des Kaufhauses ankündigte, und Stevens Lächeln verwandelte sich in ein amüsiertes Grinsen. „Puh, gerade noch Glück gehabt.“

Die Verkäuferin führte ihn schmunzelnd zur Kasse. Auf dem Weg dorthin passierten sie erneut die Umkleide. Mit einem letzten Blick in ebenjene Richtung musste Steven feststellen, dass diese mittlerweile leer waren. So wie es aussah, hatte die scheue Kundin die letzten Minuten, während er sich das Tuch angesehen hatte, zum Flüchten genutzt.

Für einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, die Verkäuferin nach ihr zu fragen, verwarf den Einfall jedoch schnell, da sie ihm ohnehin keine Auskunft geben oder gar einen Namen verraten würde.

Nachdem er bezahlt hatte, verabschiedete er sich freundlich und verließ das jetzt nahezu menschenleere Kaufhaus durch den Vordereingang.

Als Steven ins Freie trat, konnte er kaum die Hand vor Augen sehen und auch seine Schuhe versagten nach wenigen Metern ihren Dienst. Er fühlte, wie eiskaltes Wasser seine Socken augenblicklich durchnässte. Innerhalb der wenigen Minuten, die er in dem Kaufhaus verbracht hatte, waren New Yorks Wege zur Gänze vom Schnee bedeckt worden.

Nach einem Blick zur Straße, wo sich die Autos nur im Schneckentempo vorwärtsbewegten, beschloss er, die U-Bahn nach Hause zu nehmen. Schnell knöpfte er sich den Mantel bis oben hin zu und bahnte sich seinen Weg durch die Schneemassen.

Nach wenigen Metern erreichte er die Subway-Station am Herald Square, die sich direkt neben dem Kaufhaus befand. Ehe er die Stufen allerdings hinabstieg, warf er automatisch einen Blick nach links oben, konnte jedoch keinen Blick auf das Empire State Building erhaschen. Die Spitze des Wolkenkratzers war komplett vom Schnee verschluckt worden.

Steven griff nach dem Handlauf und stieg vorsichtig die rutschigen Treppen hinab. Kurz darauf erreichte er endlich den Bahnsteig der Linie F, die nordaufwärts zur Upper East Side führte. Im Gegensatz zu draußen stand in den Tunneln der U-Bahn-Stationen die Luft, weshalb Steven seinen Mantel erneut etwas öffnete und sich dann unbehaglich umsah.

Er fuhr eher ungerne mit der Subway, lediglich in Ausnahmefällen wie heute, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Nicht, dass er sich zu fein wäre, im Gegenteil. Er mochte es nur nicht, dicht an dicht mit Fremden auf engem Raum zu stehen. Besonders jetzt wurde ihm mal wieder bewusst, wie voll es in seiner Heimatstadt zur Weihnachtszeit war.

Als die Subway plötzlich heranrauschte und ihm ein Schwall abgestandener Luft ins Gesicht schlug, drückte er intuitiv seine Aktentasche und die weihnachtliche Geschenktüte von Macy’s an den Körper, um sie festzuhalten. Die Türen öffneten sich und eine Masse an Menschen strömte heraus. Schnell bahnte sich Steven seinen Weg durch die Menge, stieg ein und ließ sich erleichtert auf einem freien Platz nieder.

Nur vier Stopps und er hätte es geschafft. Erst jetzt bemerkte er, wie müde er tatsächlich war und wie sehr ihm nach diesem Zehn-Stunden-Tag die Füße brannten. Für einen Augenblick schloss er die Augen und versuchte, sich zu entspannen, während er im Kopf die nächsten Stationen durchging.

Nach der Haltestelle Bryant Park würden sie am Rockefeller Center vorbeifahren, hinauf zur 57. Straße. Von dort aus ging es weiter in Richtung Central Park, unter dessen südöstlicher Ecke sie scharf rechts weiter zur Lexington Avenue Station abbiegen würden. Dort würde er aussteigen.

Steven öffnete wieder die Augen und sah sich unauffällig um. Die meisten Fahrgäste sahen so aus, wie er sich heute fühlte: müde und abgeschlagen. Die Touristen offensichtlich von den kilometerlangen Sightseeing- und Shoppingtouren durch die Stadt und die Geschäftsleute und Angestellten von ihren Schichten.

Mit einem Zischen öffneten sich die Türen, ehe weitere Fahrgäste in den Waggon hineinströmten und sich dicht aneinanderdrängten. Auch wenn ihn die Enge hier drinnen zunehmend störte, musste er zugeben, dass die Zeitersparnis im Vergleich zum Taxi enorm war, von den Kosten ganz zu schweigen. Aber für seine Familie, besonders für seinen Dad mit eigener Limousine, war es zur Normalität geworden, sich herumchauffieren zu lassen. Schließlich musste sich sein Dad als potenzieller Senator vom „Volk“ abheben, wie er ihm bei jeder Gelegenheit einzutrichtern versuchte.

Die Durchsage kündigte den für ihn vorletzten Stopp an und Steven raffte seine Sachen zusammen. Wenige Sekunden später stieg er aus der U-Bahn und die Treppen zur Lexington Avenue hinauf, wo es immer noch schneite.

Mit großen Schritten lief er die wenigen Meter zu seiner Wohnung, die sich in einem großen Appartementhaus am Central Park befand. Erleichtert atmete er auf, als er in der Dunkelheit endlich die grüne Markise mit der aufgedruckten Hausnummer 408 und den Portier vor dem Eingang entdeckte. Wie immer im Winter, wenn sich New York in eine märchenhafte Schneekugel verwandelte, trug dieser zusätzlich zu seiner gefütterten Uniform eine Pelzkappe und dicke Handschuhe.

„Guten Abend, Mr Hartford. Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Tag?“, fragte der Mann, als Steven das Gebäude erreichte, und griff mit der Hand zur Tür, um sie zu öffnen.

„Danke, Raul, aber auf dieses Schneechaos könnte ich gut verzichten. Ich bin einfach nur froh, dass ich jetzt daheim angekommen bin“, erwiderte Steven müde lächelnd und verabschiedete sich mit einem freundlichen Nicken schnell wieder von ihm.

Zügig passierte er die marmorne Eingangshalle und steuerte dann direkt den Aufzug an, neben dem sich ein opulent geschmückter Weihnachtsbaum befand.

Während Steven auf den Lift wartete, schenkte er der fünf Meter hohen Nordmanntanne ein anerkennendes Lächeln. Die Zweige wirkten, als würden sie unter dem Gewicht der abertausenden Lämpchen und silbernen Kugeln ächzen.

In dem Moment öffneten sich mit einem leisen Pling die Türen und er fuhr hinauf zur obersten Etage, in der sich seine Eigentumswohnung befand.

Es war die kleinste Wohnung im ganzen Gebäude, da sie direkt unter dem Dach lag, aber dafür wurde er mit der besten Aussicht belohnt. Außerdem hatte seine Wohnung Charme. Mit mehreren kleinen Erkern und darauf sitzenden Türmchen ausgestattet, war sie dem französischen Renaissance-Stil des Plaza nachempfunden.

Steven verließ den Aufzug, tippte am Display neben der Tür seinen Zugangscode ein und betrat schließlich die Wohnung. Drinnen angekommen, stellte er seine Aktentasche sowie die Einkaufstüte am Boden ab und befreite sich schnell von seinem durchnässten Mantel und den Schuhen. Anschließend nahm er vorsichtshalber das Geschenk für seine Mutter aus der Tüte, da diese durch den Mangel an Schutz ebenfalls nass geworden war, um die kleine Schachtel, in der sich das Tuch befand, auf Feuchtigkeit zu überprüfen. Erleichtert, dass die Verpackung keinen Schaden genommen hatte, stellte er sie auf der Konsole neben der Tür ab, damit er sie morgen nicht vergaß.

Der Anblick des Geschenkkartons von Macy’s weckte sogleich Erinnerungen an die unbekannte Schönheit, die sich allzu offensichtlich vor ihm versteckt hatte. So Furcht einflößend war er nun auch wieder nicht.

Steven schmunzelte, als er an ihren überraschten Gesichtsausdruck dachte, dabei hatte sie in diesem neongrünen Skioverall nicht einmal schlecht ausgesehen. Vermutlich würde sie sogar in einem alten Kartoffelsack voller Ruß im Gesicht eine gute Figur machen.

Nachdenklich lief er in sein Badezimmer, wo er sich von den feuchten Klamotten befreite, um kurz darauf in eine bequeme Jogginghose samt Kapuzenpulli zu schlüpfen. Anschließend machte er sich fröstelnd auf den Weg in die Küche.

Kurz überlegte er, ob er noch irgendwelche Instantsuppen im Schrank hatte – natürlich kein Vergleich zur selbst gekochten Hühnerbrühe seiner Mom –, entschied sich dann jedoch für den Lieferdienst. Kurz darauf hatte er eine große Portion Thai-Suppe mit Hühnchen bestellt, die ihn sicher genauso gut von innen aufwärmen würde.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schaltete Steven schließlich das Licht im Wohnzimmer aus und lief zu der kleinen Dachgaube hinüber, die etwas versteckt am anderen Ende des Wohnzimmers und hinter seinem Bücherregal lag. Hierhin hatte er noch nicht einmal seine Ex-Verlobte geführt – geschweige denn sie hinter den Büchern alleine gefunden –, denn er wusste, dass sie diesen magischen Ort für immer zerstört hätte.

Bei dem Gedanken an Valerie verzog Steven kurz das Gesicht und ließ seinen Blick anschließend gedankenverloren über den Central Park schweifen, der ihm von hier oben zu Füßen lag. Viel konnte er im Dunkeln zwar nicht mehr erkennen, dafür zogen ihn die unzähligen kleinen Lichter, die den Park und die umliegenden Häuser beleuchteten, umso mehr in ihren Bann.

4

„Grandma, bist du dir sicher, dass du so viel Mehl brauchst?“ Cathlyn warf einen skeptischen Blick auf den Inhalt des riesigen Einkaufswagens und manövrierte das störrische Ding geschickt um die nächste Ecke. Es war Samstagvormittag und die beiden erledigten gerade ihren Wocheneinkauf.

„Ja, das Seniorencenter zählt auf uns, mein Liebling. Ich bin schließlich die Einzige meiner Freundinnen, die noch kräftig zupacken und kneten kann“, verteidigte sich Ruby.

Mit einem beschämten Grinsen sah sich Cathlyn um. Im Gegensatz zu ihrer Grandma war sie sich der Zweideutigkeit ihres Satzes deutlich bewusst. Allerdings wusste sie nur zu gut, wie wichtig ihrer Großmutter die jährliche Weihnachtsbackaktion war.

„Halt, stopp, meine Kleine“, sagte Ruby da plötzlich und hielt Cathlyn am Arm fest, damit sie stehen blieb. „Sieh dir diese BHs an! Was Neckisches zu Weihnachten hat noch niemandem geschadet.“

Mit offenem Mund verfolgte Cathlyn, wie sich ihre Oma einen hautfarbenen Büstenhalter in Körbchengröße D von der Kleiderstange schnappte und diesen ungeniert vor ihre Brust, samt Strickjacke, spannte. „Zwei Stück für zwanzig Dollar, das nenn ich mal ein Schnäppchen.“

Im hohen Bogen flogen die BHs ebenfalls in den Wagen, dann verschwand ihre Grandma bis zu den Ellbogen in einem Wühltisch, der neben der Stange stand. „Hier ist sogar ein passender Slip!“ Mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht schlenderte Ruby wieder zurück zu ihrer Enkelin.

„Nicht unbedingt derselbe Farbton, aber dein Grandpa merkt den Unterschied eh nicht.“

Mit einem belustigten Kopfschütteln schob Cathlyn den Wagen weiter durch die Gänge. Sie war von ihrer Grandma schon so einiges gewohnt. Ja, sie war zu laut, man hörte ihr Organ meilenweit gegen den Wind, noch dazu nahm sie kein Blatt vor den Mund und trug ihr Herz auf der Zunge. Aber genau das liebte Cathlyn so an ihr, denn sie kannte es auch anders.

Clara Jones, ihre Großmutter väterlicherseits, war das komplette Gegenteil von Ruby und obendrein total versnobt. Ihr Verhältnis war schon immer irgendwie schwierig gewesen und das lag nicht nur daran, dass die Mutter ihres Vaters überhaupt keinen Spaß verstand. Es war eher der Tatsache geschuldet, dass sie ihrer Enkelin gerne ihren eigenen Stempel aufgedrückt hätte.

Cathlyn schüttelte sich bei dem Gedanken an die arrangierten Teegesellschaften von damals und beschloss, sich lieber auf die Schnäppchen um sie herum zu konzentrieren. Dabei hatte sie es gar nicht nötig, auf Sonderangebote zu achten, im Gegenteil. Sie könnte sich jederzeit kaufen, was sie wollte, schließlich war sie reich und ihre Familie väterlicherseits sehr einflussreich.

Aber Cathlyn hatte um ihre Herkunft nie viel Aufhebens gemacht und so wusste kaum jemand, wer sie wirklich war. Besonders seit sie als Teenager nach Queens zu ihren Großeltern gezogen war, um dort unter dem Dachgiebel in ihrem Kämmerchen zu wohnen, wie sie ihr kleines Reich liebevoll nannte. Dort fühlte sie sich wohl und nicht unter Beobachtung der wachsamen Augen ihrer herrischen Stiefmutter. Von ihrem alten Zuhause war ohnehin nicht viel übrig geblieben, denn „Cruella“ hatte in ihrer rasenden Eifersucht jegliche Erinnerungsstücke an Cathlyns Mutter, Stella Jones, eliminiert. Dabei war sie sehr geschickt vorgegangen, indem sie die Geschäftsreisen ihres Mannes für ihre Pläne genutzt hatte.

Cathlyn liebte ihren Vater mehr als alles andere auf der Welt, aber sie konnte bis heute nicht verstehen, warum er sich in seiner Trauer ausgerechnet diese Frau ins Haus geholt hatte.

Plötzlich erregte etwas in ihren Augenwinkeln Cathlyns Aufmerksamkeit und sie legte mit dem Einkaufswagen eine Vollbremsung hin, als sie an dem Regal mit den neuesten Büchern vorbeikamen. Sie liebte Weihnachtsromane abgöttisch und so begann sie begeistert, die Klappentexte der Romane zu überfliegen. Schnell wanderten auch heute wieder einige Exemplare in den Einkaufswagen, zusätzlich zu den drei Lichterketten, die sie auf dem Dekotisch neben der Literatur entdeckte und die später einen Platz über ihrem Bett finden würden.

Schon als kleines Mädchen hatte sie ihre Nase nur allzu gerne in Bücher gesteckt, um für einige Zeit in eine zauberhafte Welt voller Magie und Wunder abzutauchen. Heute waren es zwar keine Märchenbücher mehr, stattdessen waren es Weihnachtsromane, die in Cathlyn ebenfalls diese wohlige Stimmung von Geborgenheit und Wärme hervorriefen.

Dann fiel ihr ein weiteres Buch ins Auge. „Wow, Weihnachten mit Nora Roberts, ein neuer Sammelband!“ Aufgeregt griff sie nach einem dicken Wälzer und überflog schnell den Klappentext.

Cathlyn spürte, noch immer das Buch in der Hand, wie Ruby den Einkaufswagen übernahm. „Lass dir ruhig Zeit … und vielleicht wirst du ja hier fündig.“

Fragend sah sie vom Buch auf und bemerkte, wie ihre Großmutter sie mit einem liebevollen Blick betrachtete.

„Na, ich meine die Weihnachtsgeschenke für deine Stiefschwestern“, fuhr Ruby mit einem Schmunzeln fort.

Cathlyn schnitt eine Grimasse. „Haha, sehr witzig, Grandma. Ein Geschenk von Walmart?“, antwortete sie. „Außerdem bezweifle ich, dass die beiden überhaupt irgendetwas lesen.“

„Mmh, da könntest du recht haben. Aber die Gesichter würde ich trotzdem gerne sehen. Am besten lässt du den Aktionsaufkleber noch dran!“

Ruby verfiel in ein herzhaftes Lachen, dann sah sie ihre Enkeltochter verschwörerisch an. „Was hältst du von einer Pizza mit Käserand? Der Food-Space öffnet in einer Viertelstunde.“

„Tolle Idee, aber wolltest du nicht noch zum Friseur?“, erwiderte Cathlyn nachdenklich.

„Das hat auch noch bis nächste Woche Zeit. Ich weiß sowieso noch nicht, was ich machen lassen möchte. Vielleicht probiere ich mal was Neues aus, so langsam langweilt mich diese öde Dauerwelle. Und dieser Lilaton, den mittlerweile jede Zweite im Seniorencenter trägt, ist auch schon wieder out.“

„Wie wär’s, wenn du mal zu einem richtigen Friseur gehst und nicht zu dem im Einkaufscenter?“, tadelte Cathlyn ihre Großmutter liebevoll.

„Aber hier ist es doch so praktisch. Nebenan gibt es gleich die Apotheke, den Optiker, den Food-Space …“, zählte Ruby voller Begeisterung auf.

Cathlyn hob abwehrend die Hände, bevor sie ein weiteres Weihnachtsbuch in den Einkaufswagen legte und antwortete: „Wie du meinst, Grandma. Wenn du von etwas überzeugt bist, lässt du dich ja doch nicht mehr abbringen.“

Gemeinsam schoben sie den voll beladenen Einkaufswagen in Richtung Kassen, vor denen sich bereits lange Schlangen gebildet hatten.

„Apropos Überzeugung, was ist mit deinen Bewerbungsunterlagen für die Academy of Fashion and Design? Wolltest du die nicht vor Weihnachten wegschicken?“ Ruby sah ihre Enkelin abwartend an.

Bei den Worten ihrer Großmutter verzogen sich Cathlyns Lippen wehmütig. Sie hatte einen wunden Punkt getroffen. „Ich bin immer noch hin- und hergerissen. Ich müsste meinen Job bei Macy’s aufgeben und du weißt, welche Anziehung das Kaufhaus auf mich hat – besonders jetzt, zur Weihnachtszeit.“ Kurz überlegte sie und fuhr schließlich nachdenklich fort: „Auf der anderen Seite war es schon immer mein Traum, Modedesign zu studieren.“

„Man kann nicht zwei Hasen gleichzeitig jagen und du wirst mit deinen fünfundzwanzig Jahren auch nicht jünger, mein Schatz“, bemerkte Ruby mit einem verständnisvollen Lächeln, rückte mit dem Wagen auf und legte den ersten Artikel auf das Förderband. Cathlyn schnappte sich dagegen den zehn Kilo schweren Sack Mehl, den ihre Grandma für die Weihnachtsbäckerei benötigte, und hievte diesen ebenfalls auf das Band.

Ihre Gedanken wanderten zu New Yorks bester Modeschule. Um das Finanzielle brauchte sie sich keine Sorgen machen. Wie ihr Dad bereits mehrmals betont hatte, würde er sie liebend gern unterstützen. Aber um das Zeitliche. Denn Vollzeitjob und Vollzeitstudium funktionierten nicht gleichzeitig – sie musste sich für eine Sache entscheiden.

„Puh, das wäre geschafft“, bemerkte ihre Grandma voller Erleichterung, nachdem sie alle Artikel aufs Band gelegt hatten und anschließend dem Angestellten am Ende der Kasse halfen, die Einkäufe in Tüten zu packen. „Jetzt haben wir uns die Pizza aber wirklich verdient!“

***

Keine halbe Stunde später parkte der alte bordeauxfarbene Chevrolet Caprice ihrer Großeltern in der Garage eines schmucken Reihenhäuschens in Queens. Wie zu erwarten, hatte ihr Grandpa schon die Einfahrt vom Schnee befreit und kam jetzt dick eingemummelt nach draußen. Seine grauen Haare wurden zusätzlich von einer Wollmütze bedeckt und ein gefütterter Parka versteckte seine leicht untersetzte Figur und den Wohlstandsbauch, der von dem guten Essen ihrer Grandma herrührte.

„Da seid ihr ja endlich. Ich wollte schon einen Suchtrupp nach euch losschicken! Es hört heute ja gar nicht mehr auf zu schneien!“, rief Frank Mitchell ihnen entgegen, als Cathlyn die Wagentür öffnete und ausstieg.

„Hi, Grandpa“, erwiderte sie, während sie die Tür der Rückbank öffnete. „Wem sagst du das, die Straßen sind kaum geräumt und so wie es aussieht, scheinst du der Einzige in der Nachbarschaft zu sein, der sich überhaupt die Mühe macht, den Gehweg freizuschippen.“

Cathlyn schnappte sich die Pizzakartons, ihre Ausbeute an Weihnachtsbüchern und die Handtasche, dann schlüpfte sie an ihrem Grandpa vorbei und stellte alles im Hauseingang ab. Einen Augenblick später war sie wieder auf dem Weg zur Garage.

„Pizza ist eine sehr gute Idee“, bemerkte Frank, der den Karton gesehen hatte, erfreut, als er Ruby mit einem Küsschen begrüßte und kurz darauf den Kofferraum öffnete, um die Einkäufe auszuladen.

„Bei Walmart war die Hölle los, dabei ist doch erst in vier Wochen Weihnachten“, bemerkte Ruby aufgeregt, als sie sich ebenfalls ein paar Tüten schnappte, ehe Cathlyn hinter Frank darauf wartete, ebenfalls anpacken zu können. „Geh nur rein, das schaffen wir auch allein.“

„Zu dritt sind wir doch viel schneller, Grandma. Außerdem wird das Essen kalt“, erwiderte Cathlyn, als sie sich den Sack Mehl unter den Arm klemmte und anschließend die Klappe des Kofferraums herunterzog.

„Auf die Seite, meine Hübschen“, forderte Frank die beiden feierlich mitten in ihrer Diskussion auf, unterbrach sie dadurch, und drückte lässig auf einen Knopf am Schlüsselanhänger.

Mit einem Schmunzeln beobachtete Cathlyn ihren Grandpa und sein neues Spielzeug – ein ferngesteuerter Garagenöffner. Erst ein Seniorenhandy, dann SB-Tanken mit Kreditkarte und jetzt eine Fernsteuerung. Cathlyn musste zugeben, dass Frank Mitchell mit dem Alter immer mehr Gefallen an technischem Schnickschnack zu finden schien. Nur mit dem Internet wollte er nichts zu tun haben – Videotext reichte ihm völlig aus.

Gemeinsam betraten sie das rote Backsteinhaus, streiften sich die schneebedeckten Stiefel und Mäntel ab und durchquerten anschließend das Wohnzimmer in Richtung Küche. Innerhalb weniger Minuten waren die Einkäufe in den Schränken verstaut und die Pizzen serviert. Zufrieden ließen sich alle drei um den Tisch nieder und begannen genüsslich zu essen.

„Was steht heute noch auf dem Plan?“, fragte Frank zwischen zwei Bissen Pizza und sah Ruby und Cathlyn abwartend an. Als die beiden sich kurz ansahen und gleichzeitig mit den Schultern zuckten, schlug er vor: „Wie wär’s später mit einer Runde Scrabble?“

Ruby verzog das Gesicht. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie Gesellschaftsspiele hasste. „Aber nur, wenn nichts im Fernsehen kommt.“

„Dann habe ich ja schon verloren“, brummte Frank beleidigt. „Du findest immer irgendwo einen Weihnachtsfilm, der vor Romantik trieft.“

Ruby lächelte ihn versöhnlich an. „Heute kommt doch dieser neue Film mit Will Ferrell“, schlug sie als Kompromiss vor.

Buddy, der Weihnachtself?“ Frank zog fragend eine Augenbraue nach oben.

„Grandma meint sicher Daddy’s Home, der kommt dieses Wochenende im Free-TV“, mischte sich Cathlyn amüsiert ein.

„Ok, dann eben der“, erwiderte Frank resigniert. „Aber nur, wenn wir davor noch eine Runde Scrabble spielen.“

„Na gut, allerdings solltest du dich lieber warm anziehen, Frank, ich habe heimlich geübt … Es gibt da nämlich so eine App“, antwortete Ruby mit einem koketten Zwinkern und sah ihren Mann herausfordernd an. Im Gegensatz zu Frank interessierte Ruby sich durchaus für die modernen Smartphones und kam regelmäßig auf Cathlyn zu, wenn sie Fragen hatte.

„Du und dein Handy, das ist ja schon fast eine Sucht!“

Cathlyn verfolgte noch einen Moment das Geplänkel zwischen ihren Großeltern, bevor sie sich mit ihren neuen Büchern und den Lichterketten in der Hand nach oben verabschiedete.

Sogar im Obergeschoss, wo sich genau wie in ihrer Kindheit das Schlafzimmer ihrer Großeltern, das kleine Gästezimmer und das Badezimmer befanden, hörte sie die beiden noch lachen. Dann stieg sie die Stufen zum Dachgeschoss hinauf, da sich dort mittlerweile ihr kleines Reich befand.

Als Cathlyn noch ein Kind gewesen war, hatte sie sich oft heimlich hier heraufgeschlichen und sich vorgestellt, sie sei Cinderella, denn damals war das Zimmer nicht mehr als eine kleine unbewohnte Kammer gewesen. Heute jedoch wirkte der Raum mit den beiden Dachgauben, die ihre Großeltern nachträglich hatten einbauen lassen, um einiges größer.

In der Mitte des Zimmers befand sich ein einladendes Himmelbett und entlang der Wände waren weiß lackierte Einbauschränke montiert, in denen sich Hunderte von Büchern und Stoffballen stapelten. Doch Cathlyns Lieblingsplatz war eindeutig der große Schreibtisch unter dem Dachfenster, auf dem ihre heiß geliebte Nähmaschine stand.

Sie hatte sich diese von ihrem ersten Gehalt bei Macy’s gegönnt, denn bis dahin teilte sie sich mit ihrer Grandma deren antike Nähmaschine, die noch mit mechanischer Kurbel lief.

Auf dem schmucken Erbstück, das mittlerweile im Gästezimmer stand, hatte Ruby ihr alles übers Nähen beigebracht, sodass Cathlyn heute in der Lage war, auch die kompliziertesten Schnittmuster umzusetzen. Sie liebte es, mit Ruby neue Stoffe auszuwählen und eigene Entwürfe anzufertigen. Dadurch hatte sich auch der Wunsch, Modedesign zu studieren, in ihr gefestigt. Das Nähen war ein gemeinsames Hobby, auch wenn sich Rubys Arbeiten hauptsächlich auf das Kürzen von Franks Hosen beschränkten.

Cathlyn legte die Bücher auf dem Schreibtisch ab und machte sich ans Werk, die neuen Lichterketten an der Gardinenstange aufzuhängen – perfekt, und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Mit einem entspannenden Seufzer ließ sie sich dann rücklings aufs Bett fallen. Für einen Moment schloss sie die Augen und da war er wieder – Prinz Charming aus dem Kaufhaus, der die blauesten Augen und das vollste Haar besaß, das sie je in Manhattan gesehen hatte.

5

Unruhig sah sich Steven im Arbeitszimmer seines Vaters um, in das dieser ihn vor ein paar Minuten zitiert hatte. Es war selten ein gutes Zeichen, so spontan in diesen Raum gerufen zu werden. Die holzgetäfelten Wände mit den eingelassenen Bücherregalen, auf denen fast nur Erstausgaben zu finden waren, und der wuchtige Schreibtisch strahlten all das aus, was Robert Hartford verkörperte: Macht und Tradition.

„Ich dachte, ich warne dich lieber vor, ehe die anderen Gäste kommen“, bemerkte Robert mit dunkler Stimme und sah seinen Sohn prüfend an. „Valerie wird heute auch dabei sein.“

Schlagartig setzte sich Steven in dem tiefen Sessel auf, der gegenüber dem Schreibtisch stand. „Das ist nicht dein Ernst! Val und ich gehen schon seit Wochen getrennte Wege. Willst oder kannst du nicht verstehen, dass wir miteinander Schluss gemacht haben?“

„Du hast Schluss gemacht und das arme Mädchen einfach fallen lassen, dabei wart ihr bereits verlobt“, antwortete Robert scharf.

Steven entwich ein abfälliges Schnauben. „Dad, verdreh bitte nicht die Tatsachen. Val hatte hinter meinem Rücken was laufen mit … War es ihr Tennis- oder ihr Golflehrer? Ist ja auch egal“, schleuderte er seinem Vater entgegen, doch dieser lächelte nur unbeeindruckt.

„Es war ein einziges Mal, darüber kannst du doch sicher hinwegsehen. Das kommt schließlich in den besten Familien vor“, erwiderte Robert gelassen.

Steven schüttelte enttäuscht den Kopf. Seit einigen Monaten erkannte er seinen Dad kaum noch wieder. Dann sah er ihn eingehend an. „Es geht um deine Wahl zum Senator, hab ich recht?“

Robert wirkte auf einmal, als wäre ihm sichtlich unwohl, und nach einigen stillen Sekunden antwortete er: „Halte wenigstens durch, bis die Wahlen vorbei sind. Danach servier sie von mir aus ab. Im Moment kann ich mir so einen Skandal wie eine geplatzte Verlobung nicht erlauben.“

Stevens Gedanken wanderten zu Valerie, die ihn in den letzten Wochen fast täglich mit Nachrichten bombardiert hatte und darin um Verzeihung bat. Bisher hatte er jede einzelne davon unbeantwortet gelassen. Ihr würde das Arrangement seines Vaters perfekt in die Karten spielen, schließlich war sie immer noch der Überzeugung, dass sie nur ein Paar mit leichten Differenzen waren.

„Und?“, fragte sein Dad mit einem charmanten Lächeln, erhob sich von seinem Ledersessel und kam um den Schreibtisch herum.

Steven zögerte kurz. „Unter einer Bedingung.“ Er konnte kaum glauben, dass er bei diesem Unsinn mitmachte. Fest sah er seinem Dad in die Augen. „Danach lässt du mich ein für alle Mal in Ruhe. Ich habe bei deinem Politzirkus lange genug mitgespielt.“

Eindeutig erleichtert klopfte Robert Hartford seinem Sohn auf die Schulter und schenkte ihm ein joviales Lächeln. „Prima, dann ist ja alles geklärt – und gib dir wenigstens Mühe, nett zu Val zu sein.“

Steven schüttelte leicht den Kopf, woraufhin die Männer wenige Augenblicke später gemeinsam das Arbeitszimmer verließen und die breite geschwungene Treppe zum Erdgeschoss hinunterliefen. Dem Geräuschpegel nach zu urteilen, waren seine Großeltern, Val und noch einige erlesene Freunde seiner Eltern zwischenzeitlich eingetroffen.

Aus dem Augenwinkel entdeckte er seine Ex-Verlobte, die mit einem Glas Champagner bei seinen Großeltern stand und sich anbiederte. So wie es aussah, hatte hier – außer seinen Eltern und seiner Schwester, denen er davon natürlich ebenfalls erzählt hatte – niemand einen blassen Schimmer, dass sie mittlerweile getrennt waren.

Steven schüttelte sich und steuerte kurz darauf mit einem Lächeln auf seine Großeltern zu. Ehe er sichs versah, hauchte Valerie ihm ein Begrüßungsküsschen auf den Mund und wich danach nicht mehr von seiner Seite. Er spielte das Spiel weiterhin lächelnd mit und ließ seinen Blick über ihr Gesicht und ihren Körper wandern. Sie hatten sich seit drei Wochen nicht mehr gesehen und sofort bemerkte er die Bräune, die entweder von einem Strandurlaub auf den Bahamas oder einem Kurztrip nach Aspen herrührte.

Ehe er weitergrübeln konnte, schloss ihn seine Grandma in eine herzliche Umarmung, die er gerne erwiderte. Als sie ihn wieder losließ, musterte sie ihn skeptisch und fragte überrascht: „Warst du nicht mit zum Skifahren in Aspen?“

Steven lächelte, zog dabei die Stirn ein wenig kraus und antwortete ehrlich: „Nein, Grandma, so kurz vor Weihnachten ist viel los in der Kanzlei und der neue Fall hält mich mächtig auf Trab.“

Er fühlte sich mies, seine Großeltern, was Val anging, so täuschen zu müssen. Deshalb wirkte sein Blick ziemlich zerknirscht und passte so perfekt zu dem Umstand, dass er seine Verlobte allein auf Reisen geschickt hatte.

„Aber, Liebling, das kann ich doch voll verstehen. Vor Weihnachten ist immer viel los“, säuselte Valerie, die plötzlich wie eine Klette an ihm hing und besitzergreifend seine Hand umfasste. Stevens Blick glitt automatisch nach unten. Wie zu erwarten, trug sie immer noch den Verlobungsring.

Unbehaglich drehte er sich von ihr weg und sah sich um. Seine Augen blieben bei Robert hängen, der ihn in den letzten Sekunden offensichtlich beobachtet hatte und ihm jetzt zufrieden zunickte. Auf was hatte er sich da nur eingelassen?

„Wir sollten langsam zu den anderen gehen“, schlug sein Grandpa in dem Moment freundlich vor und sorgte dafür, dass er sich wieder ihm und seiner Grandma widmete. „So wie es aussieht, will dein Dad vor dem Essen noch ein paar Worte sagen.“

Steven sah erneut zu seinem Dad, der sich jetzt in Pose gestellt hatte und dezent an sein Champagnerglas klopfte.

Nur widerwillig ließ er sich von Valerie zu den anderen ziehen. Viel lieber hätte er sich umgedreht, um durch die Küche zu flüchten, doch es war zu spät.

„Meine liebe Helen, wir kommen heute zusammen, um deinen Ehrentag zu feiern – happy birthday, mein Schatz. Manchmal frage ich mich, wo die Jahre geblieben sind, und vor allem, wie du es so lange mit mir ausgehalten hast.“ Robert schenkte seiner Frau ein liebevolles Lächeln, von dem Steven wusste, wie ernst sein Vater es meinte. Er vergötterte Helen.

Dann fuhr er mit sentimentaler Stimme fort. „Ich bin so glücklich darüber, dich an meiner Seite zu wissen – besonders jetzt, auch wenn es sicher nicht immer einfach für dich ist. Trotz allem hast du mich in meinen Plänen als Politiker immer unterstützt und mir in all den Jahren den Rücken gestärkt. Dafür werde ich dir immer dankbar sein.“

Robert machte eine kleine dramatische Pause, bevor er an Steven gewandt fortfuhr: „Aber wir feiern heute nicht nur den Geburtstag meiner Frau, sondern auch die Liebe. Valerie und Steven, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie glücklich ihr mich macht.“

Nur mit Mühe gelang es Steven, sich seinen Unmut nicht anmerken zu lassen, und lächelte angespannt zurück. Da gab er seinem Dad den kleinen Finger und dieser musste daraus wieder eine große Show machen. Er spürte die Blicke der anwesenden Geburtstagsgäste auf sich und Valerie krallte besitzergreifend ihre Hand in seine Hüfte. Der stechende Blick, den er seinem Dad zuwarf, verfehlte jedoch seine Wirkung, denn dieser fuhr unbeirrt fort: „Ich kann euch jetzt schon versprechen, dass eure Hochzeit unvergesslich sein wird.“

Valerie strahlte übers ganze Gesicht, ebenso die Gäste. Einzig die Freude seiner Mom und die seiner Schwester Kailey hielt sich in Grenzen. Die beiden Frauen standen, was Vals Betrug anging, voll hinter ihm und man sah ihnen deutlich an, was sie von Roberts Ansage hielten. Seine Schwester schnitt eine Grimasse und fuhr sich anschließend durch das raspelkurze Haar, mit dem sie ihren Dad erst vor einer Woche geschockt hatte, der mit seiner konservativen Art das typische Frauenbild der Upperclass unterstützte. Wenigstens eine in der Familie, die sich seinen Ansprüchen widersetzte.

Ein liebevolles Lächeln schlich sich auf Stevens Lippen, denn er bewunderte Kailey insgeheim dafür, auch wenn er ihr Temperament selbst regelmäßig zu spüren bekam. Dennoch liebte er sie über alles und konnte sich keine bessere Schwester an seiner Seite vorstellen.

„Und jetzt lasst uns endlich essen!“, forderte Robert die Anwesenden feierlich auf.

Steven nahm zwischen seiner Großmutter und Valerie Platz und verfolgte dann stumm, wie das Personal das Essen auftrug, während sich alle um ihn herum in Gespräche vertieften. Bis auf seine Schwester, die ungeniert nach einer der Platten griff, um sich als Erste aufzutischen.

Voller Genugtuung beobachtete Steven seinen Dad, wie dieser zunächst Kailey böse anfunkelte und dann hilflos zu seiner Frau sah. Seine Mom legte ihm jedoch nur besänftigend die Hand auf den Arm und setzte dann das Gespräch mit ihrer besten Freundin fort.

Stevens Blick fiel auf das Seidentuch – sein Geschenk –, das sie um den Hals trug und er ihr bereits vor dem Gespräch mit seinem Dad überreicht hatte. Er freute sich, dass er damit voll ins Schwarze getroffen hatte. Anscheinend stand seine Mom neuerdings auf Monogrammprints und Blautöne.

Für einen Moment lauschte er dem Gespräch der beiden Frauen. Es ging mal wieder um einen dieser heiß begehrten Bälle und die Hoffnung darauf, von dem Veranstalter eingeladen zu werden. Mit halbem Ohr zuhörend, griff er nach seinem Weinglas.

„Natürlich gibt Dana Carter wieder einen Winterball, die Einladungen müssten jeden Tag eintrudeln“, antwortete seine Mom ihrer Freundin und zog so die Aufmerksamkeit auf sich. „Meiner Meinung nach ist das die beste Veranstaltung vor Weihnachten – und dann noch im Plaza.“

„Und alle wichtigen Leute werden da sein“, mischte sich Robert Hartford mit einem Lächeln ein. „Perfekt für einen Familienausflug.“

Helen Hartford strafte ihren Mann mit einem missbilligenden Blick, dann zeigte sie ihm die kalte Schulter, indem sie sich den Gästen zu ihrer Linken zuwandte. Liebe hin oder her, die Aktion bezüglich Val nahm sie ihrem Mann sichtlich übel. Steven schüttelte lediglich unmerklich den Kopf. Sein Dad trat heute wohl in jedes Fettnäpfchen.

„Oh, der Winterball im Plaza, da gebe ich dir recht, Helen. Es ist wundervoll dort“, schwärmte Stevens Grandma daraufhin. „Wir waren vor einigen Jahren dort, als Danas Mann noch lebte.“

„Ein feiner Mann, dieser Henry, und wo er überall rumgekommen ist“, mischte sich auch sein Grandpa ein. „Wirklich tragisch, dass er so früh gestorben ist. Wenn mich nicht alles täuscht, hatte er kurz vor Ostern einen Schlaganfall.“

„Ja, ich erinnere mich“, erwiderte Helen nachdenklich. „Es kam sogar in den Nachrichten. Es muss furchtbar sein, einen geliebten Menschen einfach so, von einer Sekunde auf die andere und mit gerade mal sechzig Jahren, zu verlieren.“

Robert griff nach Helens Hand, ehe er antwortete: „Wem sagst du das, mein Schatz? Ich wundere mich nur, dass sie die vielen Projekte trotz allem noch alleine weiterführt – und dazu den Ball.“

„Vielleicht gerade deswegen, weil es ihr so wichtig ist“, bemerkte Steven mit einem Lächeln. „Und ihr Mann hätte sicher nicht gewollt, dass sie alles abbläst.“

Valerie kicherte nervös über Stevens Worte. Wahrscheinlich hatte sie wieder irgendeine Zweideutigkeit in das Wort „abblasen“ hineininterpretiert. Dann glitt ihre Hand unbemerkt über seinen Oberschenkel bis hin zu seinem Schritt. „Du bist immer so dramatisch“, raunte sie ihm mit heißem Atem ins Ohr.

Seine Antwort bestand jedoch nur aus einem unterdrückten Schnauben und einem missbilligenden Seitenblick, bevor er entschlossen ihre Hand von seinem Schenkel schob und seine Grandma in ein Gespräch verwickelte. Wenn er sich die nächsten Stunden an seine Granny hielt, würde er dieses grauenvolle Essen schon irgendwie überstehen.

6

„Achtung, hier kommt die nächste Ladung Pancakes.“ Mit rosigen Wangen servierte Ruby Mitchell am nächsten Montag um Punkt sechs das Frühstück, so wie sie es jeden Morgen tat, wenn Cathlyn zur Arbeit musste. Ihre Grandma bestand darauf – und es hatte auch gar keinen Sinn, sie davon abzuhalten.

„Iss dich nur satt. Bei der Kälte braucht man was Warmes im Magen“, bemerkte Ruby, als sie sich zu ihrer Enkeltochter an den Tisch setzte und sich selbst eine große Portion auftrug.

„Mmh, einen noch, dann bin ich aber fertig“, erwiderte Cathlyn zwischen zwei Bissen und schnappte sich anschließend die Flasche mit Ahornsirup, die in der Mitte des Tisches stand.

Ruby schenkte ihrer Enkeltochter ein zufriedenes Lächeln, bevor sie ihren Pancake ebenfalls sehr großzügig mit der klebrigen Flüssigkeit verfeinerte.

„Zur Weihnachtszeit kann man sich ja mal was gönnen. Auf gesunde Ernährung können wir im Januar noch genug achten, stimmt’s, meine Kleine?“, bemerkte sie kurz darauf mit vollen Backen.

Cathlyn grinste breit. „Ganz genau, Grandma.“

Sie liebte es, morgens gemeinsam mit ihren Großeltern zu frühstücken, besonders jetzt, zur Weihnachtszeit, wenn das Radio einen Weihnachtssong nach dem anderen spielte und die Küche schon frühmorgens nach Punsch duftete. Außerdem war es so auch viel gemütlicher, als in der stickigen U-Bahn zwischen Fremden ein Sandwich zu verspeisen.

„Frank, bitte zieh dir doch wenigstens ein Hemd über“, maulte Ruby, als ihr Ehemann kurz darauf im Unterhemd zur Küchentür hereinkam.

„Der Ofen heizt wie verrückt bei dieser Kälte. Ich hab ihn schon gar nicht mehr unter Kontrolle“, verteidigte er sich lauthals, während er die Arme über dem Kopf zusammenschlug und sich zu den Frauen an den Tisch setzte.

Ruby sah ihren Mann verständnislos an und antwortete: „Ich verstehe ohnehin nicht, warum du so viele Scheite in den Kamin geschmissen hast. Wir verlassen doch nachher noch das Haus.“

„Keine Sorge, bis dahin ist alles abgebrannt“, erwiderte er gelassen und warf schließlich einen Blick auf Cathlyn, die gerade aufgestanden war, um ihren To-go-Becher mit Kaffee zu füllen.

„Schon satt, meine Kleine? Nimm dir doch was für unterwegs mit. Wenn ich mir das hier so ansehe, hat deine Grandma wieder für eine ganze Kompanie Pancakes gemacht.“

Cathlyn schenkte ihrem Grandpa ein liebevolles Lächeln und antwortete: „Ich bin wirklich pappsatt und der Kaffee reicht völlig aus. Außerdem muss ich heute etwas früher los.“

„Noch früher? Aber es ist doch noch stockdunkel draußen“, bemerkte Ruby nach einem kurzen Blick zum Küchenfenster.

„Wir bekommen heute Morgen noch eine große Lieferung Winterschuhe – bei dem vielen Schnee dieses Jahr kein Wunder.“

„Na, dann ist es ja gut, dass ich meine Stiefel schon habe“, erwiderte Ruby mit einem Augenzwinkern.

Cathlyn musste schmunzeln, als sie an die metallicfarbenen Moonboots dachte, die ihre Grandma erst vor Kurzem bei Target gekauft hatte.

„Grandma, du bist wirklich eine Trendsetterin. Tatsächlich bekommen wir heute ganz ähnliche Modelle rein.“

„Sag ich doch, man bezahlt nur den guten Namen und produziert wird alles in ein und derselben Fabrik“, klärte Ruby die beiden voller Überzeugung auf.

Cathlyn ließ ihren Kommentar unbeantwortet stehen, drückte ihrem Grandpa ein Abschiedsküsschen auf die Wange und verließ mit ihrer Grandma wenige Sekunden später die Küche, um sich anzuziehen.

„Ach ja, fast hätte ich’s vergessen. Wir gehen in der Mittagspause Burger essen. Ihr braucht also heute Abend nicht auf mich zu warten. Ich esse dann nur eine Kleinigkeit“, bemerkte Cathlyn, während sie in ihre Jacke und die Stiefel schlüpfte.

„Ich koche so oder so“, erwiderte Ruby und reichte ihrer Enkeltochter Mütze und Schal. „Und bis zum Abend ist es noch eine Weile hin. Da hast du bestimmt wieder Hunger.“

„Ich dachte nur, ich sag es, damit ihr schon ohne mich anfangen könnt.“

„Nichts da, wir essen zusammen, so wie immer“, antwortete ihre Grandma mit resoluter Stimme und öffnete die Haustür.

„Na gut, wie du meinst. Dann sehen wir uns heute Abend. Viel Spaß euch im Seniorencenter!“

„Den werden wir haben. Bis nachher und pass auf dich auf!“

Wenige Augenblicke später war Cathlyn auch schon auf dem Weg zur Metrostation, von wo aus sie mit der Linie J direkt nach Manhattan kam. Dick eingemummelt in ihren neuen marinefarbenen Daunenmantel und in den grauen Uggs marschierte sie durch ihr Wohnviertel Woodhaven und bestaunte die festlich geschmückten Häuser der Nachbarschaft. In dieser Straße gab es fast ausschließlich Reihenhäuser, die alle im selben Stil wie das ihrer Großeltern gebaut worden waren und jetzt um die Wette strahlten. Hier und da entdeckte sie in den Vorgärten sogar riesige Ballonfiguren oder Rentierschlitten auf den Dächern.

Nach wenigen Minuten erreichte sie schließlich die U-Bahn-Station und nahm einen großen Schluck Kaffee aus dem Becher, um sich aufzuwärmen. Wie immer traf sie am Gleis einige bekannte Gesichter, die sich ebenfalls auf den Weg zur Arbeit machten.

Cathlyn wechselte einige Worte mit einer Nachbarin, die in einem großen Bürogebäude am Bryant Park arbeitete und an diesem Morgen noch ziemlich verschlafen aussah. Wenige Minuten später betraten sie gemeinsam die Subway und Cathlyn ließ sich an einem Fensterplatz nieder. Noch war der Wagon ziemlich leer, sodass sie sich auf zwei Plätzen ausbreiten konnte, aber gewohnheitsgemäß würde die Subway spätestens an der Flushing Avenue brechend voll sein.

Cathlyn öffnete ihren Daunenmantel, dann kramte sie das Buch, das sie derzeit las, aus der Tasche hervor und machte es sich auf ihrem Platz bequem. Heute war es ohnehin zu dunkel, um draußen irgendetwas zu erkennen, aber in den Sommermonaten, wenn die Sonne Manhattan früh am Morgen wachküsste, hatte sie während der Fahrt einen atemberaubenden Blick auf die Stadt, da die Gleise ein Stück weit über eine Hochbahn führten. Dies allein entschädigte Cathlyn für die lange Fahrt zur Arbeit und das frühe Aufstehen. Sie konnte sich an New Yorks Skyline mit dem dahinter aufragenden Empire State Building und dem goldenen Horizont einfach nicht sattsehen.

***

Eine Stunde später erreichte sie endlich ihr Ziel. Schnell verstaute sie das neue Weihnachtsbuch und den leeren To-go-Becher in ihrem Shopper und verließ dann die Subway-Station am Herald Square.

Als Cathlyn den Personaleingang des Kaufhauses passierte, war sie schon voller Vorfreude. Sie konnte es kaum mehr erwarten, einen ersten Blick auf die neuen Designerstücke zu werfen.

Nach wenigen Minuten erreichte sie schließlich den großen Aufenthaltsraum und strahlte über das ganze Gesicht, als sie dort auch ihre Lieblingskollegen entdeckte: Preston, Juwelier und treuer Mitarbeiter seit nunmehr dreißig Jahren, Mary aus der Kosmetikabteilung und Darlene, der Schuh- und Taschenprofi des Kaufhauses.

„Guten Morgen, was macht ihr denn schon hier?“, fragte Cathlyn und sah Preston fragend an. Normalerweise waren sie nicht für die Verräumung der Waren zuständig und mussten entsprechend nicht so früh vor Ort sein.

Der adrette ältere Herr in dunkelgrauem Anzug, dicker Hornbrille und vollem Haar erhob sich vom Stuhl, lief Cathlyn mit leuchtenden Augen entgegen und beugte sich verschwörerisch zu ihr. „Heute bekomme ich eine ganz besondere Lieferung – den Blauen Magnificent.“

Fragend zog Cathlyn die Augenbrauen zusammen, bis Preston flüsternd fortfuhr: „Das teuerste Diamantcollier, das wir hier je hatten – schlappe 20 Millionen US-Dollar.“

Ungläubig schnappte sie nach Luft und lauschte mit großen Augen seinen weiteren Ausführungen. „Das Schmuckstück ist aus Platin, besteht aus mehreren Diamantreihen, 125 einzelne Steinchen insgesamt, und in der Mitte befindet sich der Blaue Magnificent im Marquiseschliff von über 21 Karat.“

Erst jetzt bemerkte Cathlyn, dass sie für einen Moment ehrfurchtsvoll den Atem angehalten hatte, dann erwiderte sie mit einem Lächeln: „Wow, das hört sich ja aufregend an. Da kann ich verstehen, dass du dich so freust.“

„Ja. Nie hätte ich gedacht, dass ich auf meine alten Tage hier noch in so einen Genuss komme.“ Prestons Augen funkelten vor Begeisterung, bis er kurz blinzelte und wieder zu Cathlyn sah. „Aber zurück zu deiner Frage. Ich bin heute so früh da, weil es gleich ein Meeting mit den zusätzlichen Sicherheitsleuten gibt.“

Cathlyn nickte verstehend. „Ok, das hört sich sehr vernünftig an. Ich fühle mich auch gleich besser, wenn ich dich und das Collier so gut bewacht weiß.“

„Danke, mein Liebe.“ Preston drehte sich wieder zu den anderen beiden Kolleginnen, die noch am Tisch saßen und an ihren Kaffees nippten. „Bis später, meine anderen Lieben. Es bleibt doch dabei, dass wir heute in der Mittagspause essen gehen?“

„Aber sicher, Preston!“, antwortete Darlene, während sie einen Blaubeermuffin aus ihrer Starbuckstüte zog und ihm zuzwinkerte. „Bis dann. Und ich will nachher jedes Detail über deinen Schatz wissen.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968174198
ISBN (Buch)
9783968174235
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v950085
Schlagworte
Weihnacht-s-en-geschichte-roman Winter-lich-er-liebes-roman Romance Weihnacht-s-wunder-märch-en Hoffnung-Liebe-s-roman liebe-frauen-roman-tik-liebes-e-drama-literatur New York Cinderella

Autor

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    Karin Bell (Autor)

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Titel: Winterküsse im Central Park