Lade Inhalt...

Zur Krönung: Mord

Band 4

von Rhys Bowen (Autor) Sarah Schemske (Übersetzung)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Lady Georgiana Rannoch und ihr geliebter Darcy O‘Mara sind fest entschlossen zu heiraten und dabei ein paar königliche Regeln zu umgehen. Nichts wird sie von ihrem Plan abhalten – außer vielleicht die Nachricht, dass Georgies zukünftiger Schwiegervater wegen Mordes an eben dem reichen Amerikaner verhaftet wurde, der gerade das Schloss der Familie gekauft hat. Das Durchbrennen muss also warten und die beiden machen sich stattdessen auf den Weg nach Irland, wo der Verdächtige auf seine Unschuld pocht. Nun liegt es an Georgie und Darcy, den wahren Mörder zu finden …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe Dezember 2020

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-926-8

Copyright © 2016 by Janet Quin-Harkin
Titel des englischen Originals: Crowned and Dangerous

Published by Arrangement with Janet Quin-Harkin.
c/o JANE ROTROSEN AGENCY LLC, 318 East 51st Street, NEW YORK, NY 10022 USA.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Übersetzt von: Sarah Schemske
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
stock.adobe.com: © Veronika, © inarik
shutterstock.com: © Raftel, © Vectorpocket, © TEEDA.Y, © Lukasz Pajor
depositphotos.com: © brebca, © tiler84
Korrektorat: Dorothee Scheuch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

 

 

 

 

Dieses Buch ist meiner lieben Freundin Barbara Peters gewidmet, der Besitzerin der Buchhandlung Poisoned Pen in Scottsdale und Förderin von allem, was mit Mystery zu tun hat. Barbara, danke für deine Hilfe, Ermutigung, Freundschaft und die Mittagessen in der Wine Bar!

Danke außerdem meinem wundervollen Agentinnenteam Meg Ruley und Christina Hogrebe sowie Jackie Cantor, Danielle Dill und allen Mitarbeitern bei Berkeley und Penguin. Ihr seid die Besten.

Und wie immer danke ich John für sein erbarmungsloses Lektorat!

Kapitel 1

In finsterer Nacht, Donnerstag, 29. November 1934

Unterwegs Richtung Norden in einem Armstrong Siddeley mit dem hochwohlgeborenen Darcy O’Mara.

Ich habe keine Ahnung, wohin wir fahren, aber Darcy ist bei mir, also ist alles gut.

Ich saß neben Darcy in einem Automobil und wir fuhren nordwärts, heraus aus London. Er hatte mich einige Stunden zuvor entführt, nachdem wir beide der Hochzeit zwischen Prinzessin Marina und dem Duke of Kent beigewohnt hatten. Zunächst hatte ich angenommen, dass ich unterwegs zu einem romantischen Dinner wäre. Dann, als wir die Straßen Londons hinter uns gelassen hatten, beschlich mich der Verdacht, dass wir nicht zum Dinner fuhren, sondern zu einem Hotel in einem lasterhaften Ort wie Brighton. Aber wir fuhren in nördlicher Richtung, nicht nach Süden, und mir fielen keine lasterhaften Orte ein, die nördlich von London lagen. Man fuhr doch nicht in die rußigen, schmutzigen Industriegebiete der Midlands, um dem Laster zu frönen? In gewisser Weise war ich wohl erleichtert. So gern ich die Nacht mit Darcy verbringen wollte, und wir hatten weiß Gott lange genug gewartet, machte ich mir doch Sorgen um die Konsequenzen.

Darcy gab sich während der Fahrt geheimnisvoll, trug ein selbstzufriedenen Grinsen zur Schau und beantwortete meine Fragen nicht. Schließlich redete ich mir ein, dass wir wahrscheinlich auf dem Weg zu einer Hausgesellschaft irgendwo auf dem Land waren, deren Gastgeber einer seiner zahlreichen Freunde war. Das war zwar eine vollkommen rechtschaffene Unternehmung, aber weitaus weniger aufregend als eine Nacht in einem Hotel in Brighton als Mr und Mrs Smith. Doch als Londons Lichter verblassten und wir in die völlige Dunkelheit hineinfuhren, hielt ich es keine Minute länger aus.

„Darcy, wohin fahren wir?“, wollte ich wissen.

Er starrte immer noch geradeaus in die Nacht. „Gretna Green“, antwortete er.

„Gretna Green? Ist das dein Ernst?“, stieß ich quietschend aus. „Aber das ist in Schottland. Und man fährt dorthin, um zu –“

„Um gemeinsam durchzubrennen und zu heiraten. Ganz genau.“

Ich warf ihm einen Seitenblick zu. Er grinste noch immer zufrieden. „Ich kenne dich zu gut, Georgie“, erwiderte er. „Du bist von Grund auf überaus anständig. Du hast zu viel von deiner Urgroßmutter.“ (Die, falls ihr es nicht wusstet, Königin Victoria war.) „Du willst den nächsten Schritt nicht tun, bevor du einen Ring am Finger trägst, und das respektiere ich. Also ist es mir ein Anliegen, diese Sache zu beheben. Wenn wir die Nacht durchfahren, wirst du bereits morgen Mrs Darcy O’Mara sein und ich kann guten Gewissens mit dir ins Bett gehen.“

„Allmächtiger“, erwiderte ich. Nicht gerade die schlagfertigste Antwort, ich weiß, aber ich war überrumpelt. Ich merkte, dass ich ebenfalls grinste. Mrs Darcy O’Mara. Nicht ganz so hochtrabend wie Lady Georgiana Rannoch, aber unendlich befriedigender. Ich konnte es nicht erwarten, das Gesicht meiner Schwägerin Fig zu sehen, wenn ich nach London zurückkehrte und ihr meinen Ringfinger unter die Nase hielt. Der Gedanke an Fig führte mich zu praktischeren Überlegungen. Darcy war ein junger Mann ohne feste Bleibe. Er hatte einen makellosen Stammbaum und war wie ich in einem Schloss aufgewachsen. Eines Tages würde er einen Adelstitel erben. Aber er war ebenso mittellos wie ich. Er schlug sich mehr schlecht als recht durch und nahm geheime Aufträge an, über die er nicht sprechen durfte. Er schlief bei Freunden auf dem Sofa oder passte auf ihre Londoner Stadthäuser auf, wenn sie auf ihren Jachten oder an der Riviera weilten. Dieser Lebensstil mochte für einen ungebundenen Mann angehen, aber ich konnte schließlich nicht ein Sofa in der Wohnung eines befreundeten Junggesellen mit ihm teilen, oder?

Behutsam brachte ich dieses Thema zur Sprache. „Also, Darcy, ich will ja nicht nachbohren, aber welchen Wohnort hattest du für uns vorgesehen?“

„Gar keinen“, sagte er. „Du gehst zurück zu deinem Bruder und ich gehe, wohin auch immer mich mein nächster Auftrag führt. Alles Geld, das ich verdiene, spare ich und wenn ich genug für einen Umzug in eine angemessen respektable Residenz habe, machen wir unsere Ehe publik. Gretna Green ist nur für den Fall, dass etwas Unziemliches passieren würde und du“ – er hielt inne und hüstelte – „in andere Umstände kämst. Dann könnten wir unsere Heiratsurkunde vorzeigen, alles wäre geregelt und deine Ehre intakt.“

Das brachte mich zum Lachen. Ich glaube, ich kicherte sogar nervös, denn es war sehr aufregend, diese Dinge mit einem Mann zu besprechen.

„Und was glaubst du, wie lange es dauern wird, bis wir uns ein eigenes Heim leisten können?“, fragte ich.

„Hoffentlich nicht allzu lange.“ Er seufzte. „Wenn mein Vater nur nicht sein gesamtes Vermögen verloren hätte … Wäre er nicht gezwungen gewesen, das Schloss und den Rennstall zu verkaufen, hätten wir meinen Stammsitz beziehen können. Kilhenny Castle hätte dir gefallen. Es ist weniger wild und abgelegen als Castle Rannoch. Sogar ziemlich zivilisiert.“

„Dein Vater lebt noch immer in der Wildhüterhütte, nicht wahr?“

„Ja, und er bezieht Lohn dafür, dass er den Rennstall für den Amerikaner, der das Schloss mit allem Drum und Dran gekauft hat, betreibt. Er ist nun die bezahlte Hilfskraft auf dem Anwesen, das unserer Familie über Jahrhunderte gehört hat. Ich kann nicht einmal in die Nähe. Zu schmerzhaft.“ Erneut hielt er inne. „Mein Vater würde mich ohnehin nicht sehen wollen. Er mag mich nicht besonders.“

„Ihm sagt dein Lebenswandel nicht zu?“

Darcy schnaubte. „Von seiner Warte aus kann er mich nicht gerade verurteilen, was? Ich bin nicht derjenige, der das Familienerbe verkauft hat. Nein, es ist einfacher als das. Er hat mir nie vergeben, dass ich überlebt habe.“

„Was?“ Ruckartig drehte ich den Kopf zu ihm. Sein Mund war zu einem geraden Strich zusammengepresst.

„Als uns die Spanische Grippe 1920 erreichte, war ich fort, auf der Grundschule in England. Meine Mutter und meine beiden jüngeren Brüder wurden krank und starben. In meiner Schule war es so eisig kalt und trübselig, dass nicht einmal die Grippe dort überdauerte, also überlebte ich. Einmal, nachdem er zu tief ins Glas geschaut hatte, sagte mein Vater, dass mein Anblick ihn jedes Mal daran erinnert, dass meine Mutter starb und ich lebe.“

„Das ist wohl kaum deine Schuld“, sagte ich wütend.

„Mein Vater war noch nie besonders vernünftig. Fuhr immer sehr leicht aus der Haut und war stets nachtragend. Aber lass uns nicht von ihm sprechen. Wir brechen zu einem neuen Abenteuer auf, zum Teufel mit unseren Familien.“

„Ganz recht“, sagte ich und berührte seine Hand, die das Lenkrad umklammerte. „Da sie uns nicht unterstützen, geht es sie nichts an, ob wir heiraten oder nicht.“

Lichter rasten aus der anderen Richtung an uns vorüber und erleuchteten das Innere unseres Wagens für einen Augenblick, bevor uns die Dunkelheit erneut umfing. Ich malte mir aus, wie ich meiner Familie erzählen würde, dass Darcy und ich geheiratet hatten. Binky, mein Bruder, würde sich für mich freuen. Fig würde es missbilligen, weil Darcy mittellos und außerdem römisch-katholisch war und …

„Allmächtiger“, sagte ich erneut und setzte mich mit einem Ruck aufrecht hin. Darcy drehte den Kopf zu mir. „Ich kann dich nicht heiraten, Darcy“, sagte ich. „Ich hatte es völlig vergessen, aber ich habe keine Erlaubnis dafür. Ich bin immer noch Teil der Thronfolge und wir dürfen keine Katholiken heiraten.“

„Ich dachte, wir hätten beschlossen, dass du einfach auf deinen Thronanspruch verzichten kannst, dann wird alles gutgehen“, sagte er. Er sah mich mit einem zaghaften Lächeln an. „Es sei denn, natürlich, du würdest lieber auf die Gelegenheit verzichten, mich zu heiraten, nur für den Fall, dass du eines Tages Königin wirst.“

Ich schmunzelte. „Da ich momentan in der Erbfolge an fünfunddreißigster Stelle stehe, wäre ein weiterer Besuch des Schwarzen Tods nötig, um die Personen zwischen mir und dem Thron auszulöschen“, sagte ich. „Und warum sollte ich je Königin werden wollen? Selbstverständlich möchte ich dich heiraten, aber ich finde, dass es offiziell sein muss. Ich muss meine Bitte dem König vortragen und ich glaube, das Parlament muss sie anhören. Also kehren wir besser um und fahren zurück, bevor wir zu weit gehen.“

Darcy schüttelte den Kopf. „Ich werde nicht umkehren. Wir fahren nach Schottland und heiraten. Wir werden es keinem erzählen und zu gegebener Zeit kannst du auf deine königlichen Verwandten zugehen und um Erlaubnis bitten, mich zu heiraten. Dann können wir eine richtige Hochzeit in einer standesgemäßen Kirche mit Brautschleier und Brautjungfern feiern und niemand außer uns muss je wissen, dass wir bereits verheiratet sind.“

„Dürfen wir das denn?“, fragte ich.

„Wer sollte davon erfahren?“

„Was, wenn der König und die Königin meine Bitte abschlagen?“

„Warum sollten sie das tun? Und wenn sie das täten, würde ich meiner Religion abschwören, wenn ich dich nur so heiraten kann.“

Ich bekam einen Kloß im Hals. „Darcy, das würde ich nie von dir verlangen. Deine Religion bedeutet dir sehr viel.“

„Ich weiß, dass meine Familie viele Jahrhunderte dafür gekämpft hat, aber wie ich schon sagte, wenn ich dich nur so heiraten kann, soll es so sein. Es wäre nicht so schlimm, Anglikaner zu sein … nur eine verwässerte Form des Katholizismus.“

Nun lachte ich erleichtert auf. Darcy liebte mich so sehr, dass er bereit war, alles für mich aufzugeben. Ich kann euch nicht sagen, wie herrlich sich das anfühlte.

***

Wir fuhren weiter. Es wurde recht kalt und ich fand auf dem Rücksitz eine Decke, die ich mir über die Knie zog. Dann begann es zu regnen, ein starker Schneeregen, der auf die Windschutzscheibe prasselte. Darcy fluchte unterdrückt, als er die Augen zusammenkniff, um zu erkennen, wohin wir fuhren.

„Wir könnten eine Unterkunft für die Nacht suchen, wenn es so weitergeht“, sagte ich. „Bei diesen Bedingungen macht das Fahren keinen Spaß.“

„Nein, wir fahren weiter“, sagte er. „Es wird vorbeigehen.“

Aber das war nicht der Fall. Einer nach dem anderen zogen die Schilder der Midland-Städte an uns vorbei. Wir hielten an, um in einem Pub mitten in der Einöde Fleischpasteten und Bier zu bestellen. Im Kamin röhrte ein großes Feuer und ich sah ihm sehnsüchtig nach, als wir durch den Regen zurück zu unserem Wagen hasteten.

Als wir Yorkshire erreichten, hatte sich der Regen in Schnee verwandelt – ein schwerer, nasser Schnee, der an den Scheibenwischern klebte und sich aufzutürmen begann, als er hin und her geschoben wurde. Keine anderen Autofahrer waren so verrückt, sich auf die Straße zu wagen.

„Wir sollten anhalten“, sagte ich. „Es wird gefährlich.“

„Dieser Wagen ist sehr solide“, gab Darcy zurück. „Er kann diese Bedingungen gut meistern.“

„Ich will nicht von der Straße abkommen und kopfüber im Graben landen“, sagte ich.

Wir passierten Straßen, die nach Leeds und später nach York führten, obwohl keine der beiden Städte zu sehen war. Wir schienen durch triste Hügellandschaften ohne jegliche Spur von menschlichen Behausungen zu fahren. Wir hätten auch mitten im Nirgendwo sein können. Plötzlich trat Darcy auf die Bremse und ich spürte, wie das Heck des Wagens zur Seite rutschte. Ich glaube, ich schrie. Darcy kämpfte darum, uns ins Gleichgewicht zu bringen. Wir wurden herumgeschleudert. Unsere Scheinwerfer zuckten wild über Bäume und Schnee. Dann, wie durch ein Wunder, kamen wir zum Stehen. Als ich die Augen öffnete, sah ich, dass wir verkehrt herum standen.

Kapitel 2

29. November

Mitten in der Nacht irgendwo in Yorkshire.

„Was war das?“, fragte ich mit schrecklich zittriger Stimme.

„Das war ein ganz schön wilder Ritt.“ Darcy klang beinahe, als hätte er es genossen.

Ich funkelte ihn finster an und meine Furcht verwandelte sich in Wut. „Hast du das etwa mit Absicht getan?“

„Natürlich nicht. Hältst du mich für einen Idioten?“

„Aber warum hast du so plötzlich gebremst?“

„Weil ein verdammter Lastwagen die Straße vor uns blockiert.“

Er klang nun ebenfalls gereizt. Er öffnete die Tür, wobei ein eisiger Luftzug hereinwirbelte, der Schnee mit sich brachte, dann trat er hinaus in den Sturm. Ich wickelte mich fester in die Decke und versuchte durch das Schneetreiben zu erkennen, was vor sich ging. Darcy war in dem Wirbel aus Weiß verschwunden. Ich hielt den Atem solange an, bis er mit grimmiger Miene zurückkehrte.

„Tja, das war es für heute Nacht“, sagte er. „Die Straße vor uns ist vom Schnee blockiert. Ich habe gefragt, ob wir eine andere Route nehmen könnten, aber der Bursche meinte, wenn die Great North Road blockiert sei, könnten wir es auf den kleineren Straßen vergessen. Seine genauen Worte waren: ‚Wenn es hier unten so schneit, dann heult oben im Moor ein verdammter Blizzard.‘“ Er seufzte ungeduldig. „Wir werden warten müssen, bis morgen jemand herkommt, um die Straße zu räumen. Oder übermorgen … Die Burschen da vorn scheinen nicht viel zu wissen, nur dass wir nicht weiterkommen. Also fürchte ich, dass wir deinen Vorschlag befolgen und uns nach einer Übernachtungsmöglichkeit umschauen müssen.“

„Vor etwa einer Meile sind wir an einem Pub vorbeigefahren“, sagte ich.

„Dann versuchen wir das.“ Darcy kratzte die Eisschicht von der Windschutzscheibe, dann klopfte er sich den Schnee von der Kleidung, bevor er wieder in den Wagen stieg und vorsichtig wendete. „Ich hoffe, dort gibt es Gästezimmer. Ich will nicht zu weit zurückfahren müssen.“ Er schlug die Hände gegen das Lenkrad. „Oh, das ist einfach frustrierend. Gerade, als ich dachte, ich hätte alles perfekt geplant. Ich hatte dein unverbesserliches Dienstmädchen überredet, einen Koffer für dich zu packen. Ich hatte es geschafft, mir einen ordentlichen Wagen zu leihen. Und jetzt das.“

Ich legte eine Hand auf seinen Ärmel. „Es ist nur eine Verzögerung, Darcy. Diese Straße wird recht schnell geräumt werden, nicht wahr? Sie ist die Hauptverkehrsader nach Schottland und Nordengland. Was bedeutet schon ein Tag mehr?“

Er nickte. „Du hast recht. Nur eine Verzögerung. Wir haben drei Jahre gewartet. Was macht eine weitere Nacht schon aus?“

„Ich weiß noch, dass du bei unserer ersten Begegnung mit Belinda gewettet hast, dass du mich innerhalb einer Woche ins Bett bekommen würdest. Oder war es innerhalb eines Monats?“ Ich blickte ihn fragend an.

Er grinste. „Ich erinnere mich nicht mehr, aber ich habe die Wette eindeutig verloren und sollte meinen Einsatz bezahlen. Ich hatte nicht mit deiner eisernen Willensstärke und deinem königlichen Anstand gerechnet.“

„Oder damit, dass sich die Umstände gegen uns verschwören, wie jetzt“, sagte ich. „Meine Mutter konnte nicht glauben, dass wir uns so lange Zeit gelassen haben.“

Darcy lachte schnaubend. „Nun, deine Mutter ist nicht gerade ein Vorbild für ein keusches Leben, oder? Wie oft war sie schon verheiratet? Oder nicht verheiratet, um genau zu sein?“

Tatsächlich hatte meine Mutter meinen Vater, den Duke of Rannoch, sitzen lassen, als ich zwei Jahre alt gewesen war, und seitdem mit unzähligen Männern auf sechs der sieben Kontinenten unzählige Abenteuer erlebt. Die Antarktis war nur deshalb verschont geblieben, weil es dort einfach zu verflixt kalt war! Im Augenblick konnte ich das gut nachvollziehen, da sich meine Füße in Eisklötze verwandelt hatten.

***

Wir fuhren wieder Richtung Süden, woher wir gekommen waren. Der Pub, an den ich mich erinnert hatte, hieß „The Pig and Whistle.“ Er sah auf altmodische, ländliche Art einladend aus, aber zu unserem Pech war die Eingangstür verschlossen und alles dunkel. Darcy stieg aus, zerrte und rüttelte an der Tür, dann kam er verärgert zum Wagen zurück und wischte sich Schnee von der Jacke.

„Diese verdammte Sperrstunde“, brummte er, als er wieder den Gang einlegte. „Warum können wir es nicht wie in Frankreich oder Italien machen und die Leute trinken lassen, wann sie wollen?“

„Vermutlich, um zu vermeiden, dass die halbe Bevölkerung sturzbetrunken und arbeitsunfähig ist.“

Er schnaubte. „Sind auf dem Festland etwa alle sturzbetrunken?“

„Ich schätze, dort ist man es von klein auf gewohnt und trinkt eher Wein als Bier und Whisky. Wein schadet angeblich nicht. Und man arbeitet nicht so schwer wie hier. Fahr an einem beliebigen Café in Frankreich vorbei und du siehst morgens Männer bei einem Glas Wein sitzen. Sie nehmen das Leben einfach weniger ernst.“

„Wie kommt es, dass du immer so verflucht vernünftig und gefasst bist?“, zischte er mich an. „Niemand würde glauben, dass du mit mir durchbrennen willst.“ Er hielt inne und drehte sich abrupt zu mir um. „Das willst du doch, oder? Ich habe dich nie direkt gefragt.“

Die Frage überraschte mich. Wollte ich das? Machte ich mir keine Gedanken darüber, was meine königlichen Verwandten sagen würden? Hatte ich mich nicht mein ganzes Leben lang auf das lange weiße Kleid und den Brautschleier gefreut? Dann sah ich Darcy an. Selbst im dunklen Wagen sah er umwerfend aus und ich liebte ihn so sehr. „Natürlich will ich das“, sagte ich.

„Du hast gezögert, bevor du mir geantwortet hast“, erwiderte er.

„Nur weil es zu kalt ist, um meine Lippen zu bewegen.“

„Ich könnte sie aufwärmen“, sagte er, legte eine Hand auf meinen Hinterkopf, zog mich an sich und küsste mich lang und fest. „Also“, sagte er etwas außer Atem, als wir uns voneinander lösten. „Suchen wir uns einen Ort, an dem wir die Nacht verbringen können, bevor wir uns beide zu Tode frieren.“

Wir fuhren weiter, in der Hoffnung wenigstens ein Dorf in der Nähe der Straße zu finden. Ich glaube, wir waren beinahe wieder zurück in York, als wir endlich auf Anzeichen menschlicher Behausungen stießen, zumindest solcher, deren Bewohner noch wach waren. Es gab auch einen Pub, etwas abseits der Straße neben einem Bahnübergang. Auf dem Schild, das in den Sturmböen hin und her schwang, stand „The Drowning Man“, der ertrinkende Mann, und es zeigte eine Hand, die aus einem Teich ragte.

„Nicht sehr einladend“, sagte Darcy trocken. „Aber wenigstens brennt noch Licht und hoffentlich ist jemand wach.“

Er öffnete die Fahrertür, wobei er eine große Ladung Schnee ins Wageninnere ließ, dann kämpfte er gegen den Wind an, um sie schnell wieder zu schließen, bevor er zum Pub rannte. Ich spähte ihm durch die schneebedeckte Windschutzscheibe nach. Er klopfte an und wartete. Zu meiner Erleichterung öffnete sich schließlich die Tür und ein Lichtstrahl fiel auf den Schnee. Während Darcy anscheinend ein längeres Gespräch führte, sah ich, wie mir die andere Person einen prüfenden Blick zuwarf. Dann marschierte er zurück zum Wagen. Einen schrecklichen Moment lang fürchtete ich, er würde mir mitteilen, dass alle Zimmer belegt wären und wir weiterfahren müssten. Aber stattdessen ging er um den Wagen herum und öffnete mir die Tür.

„Sieht so aus, als hätten sie Zimmer frei. Keine besonders einladende Unterkunft, soweit ich es beurteilen kann, aber bei diesem Sturm dürfen wir nicht wählerisch sein.“ Er nahm meine Hand und führte mich durch den Schnee zum Gebäude. Ich hätte gern berichtet, dass er mich ins Warme brachte, aber ehrlich gesagt war es drinnen nicht viel wärmer als im Wagen. Im Flur hing eine nackte Glühbirne, und eine Treppe ohne Teppich führte in die Dunkelheit.

„Seid in den Sturm geraten, was?“, fragte die Wirtin. Nun, da wir sie erkennen konnten, fiel mir auf, dass sie eine kräftig gebaute Frau von der Konstitution eines Ackergauls war, mit teigigem Gesicht, hervortretendem Kinn und kleinen flinken Augen.

Ich warf Darcy einen kurzen Seitenblick zu und hoffte, dass er sich eine humorvolle Bemerkung, etwa, dass wir auf dem Weg zur Riviera falsch abgebogen wären, verkneifen würde.

„Wir waren unterwegs nach Schottland, aber die Straße ist gesperrt“, sagte ich, bevor er antworten konnte.

„Aye. Haben im Radio davon gehört“, sagte sie. „Schätze, es wird ein paar Tage dauern, was? Ihr wollt also ein Zimmer, ja?“

„Genau“, sagte Darcy.

„Hab nur das eine Zimmer“, sagte sie. „Die anderen sind belegt. Ihr seid ein Ehepaar, nehme ich an?“ Sie bedachte uns mit einem strengen Blick und versuchte vermutlich unter meinen Handschuhen einen Ehering auszumachen.

„Selbstverständlich“, sagte Darcy kurz angebunden. „Mr und Mrs Chomondley-Fanshaw. Das wird übrigens ‚Featherstonehaugh‘ geschrieben.“

Ich musste mir Mühe geben, um nicht loszukichern. Sie musterte uns noch immer misstrauisch. „Mir egal, wie es geschrieben wird. In dieser Gegend geben wir nichts auf adligen Dünkel. Solange ehrliche, anständige Leute genug Moneten haben, um uns bezahlen zu können, pfeifen wir darauf, wie viele Bindestriche sie im Namen haben.“

„Nun gut“, sagte Darcy. „Wenn Sie so freundlich wären, uns das Zimmer zu zeigen?“

Sie rührte sich nicht vom Fleck, wies uns aber mit dem Finger die Richtung. „Die Treppe hoch und dann rechts, am Ende des Flurs. Nummer dreizehn.“

Dann griff sie in ein Schubfach und reichte uns einen Schlüssel. „Frühstück von sieben bis neun im Speisesaal. Kostet extra. Oh, und wenn ihr ein Bad nehmen wollt, müsst ihr bis zum Morgen warten. Zwischen zehn und sechs wird das heiße Wasser abgestellt. Baden kostet auch extra.“

Darcy sah mich an, sagte aber nichts. „Ich begleite dich nach oben, dann hole ich die Taschen“, sagte er. „Komm mit.“

Ich folgte ihm die schmale Treppe hinauf. Ein eisiger Luftzug blies uns entgegen.

„Gibt es in den Zimmern Kamine?“ Darcy drehte sich fragend zu der Wirtin um, die noch immer dastand und uns beobachtete.

„Kein Kamin in diesem Zimmer“, sagte sie.

„Und ich nehme an, eine Tasse heiße Schokolade steht außer Frage?“ In seiner Stimme schwang nicht viel Hoffnung mit.

„Die Küche ist ab acht geschlossen.“ Sie wandte uns den Rücken zu und verschwand in der Dunkelheit des Flurs.

„Wir müssen nicht hierbleiben“, flüsterte Darcy mir zu. „In York muss es richtige Hotels geben. Es ist nicht mehr allzu weit.“

„Es ist noch meilenweit entfernt. Und es gibt keine Garantie, dass anderswo noch Zimmer frei sind“, sagte ich. „Wenn alle Straßen, die nach Norden führen, gesperrt sind …“ In Wahrheit war ich den Tränen nahe. Hinter mir lag ein langer Tag, der damit angefangen hatte, dass ich im Kensington Palace der Braut beim Ankleiden geholfen hatte. Danach hatte die Zeremonie für Marina und Prinz George in der St Margaret’s Church in Westminster stattgefunden, anschließend der Empfang im Buckingham Palace und die lange, kalte Fahrt durch den Schnee. Ich wollte mich nur noch zu einer kleinen Kugel zusammenrollen und einschlafen.

Die Dielenbretter knarzten fürchterlich, als wir auf Zehenspitzen den Flur entlang gingen. Nummer dreizehn war zweifellos das trübseligste Zimmer, das ich je gesehen hatte – und ich war in einem schottischen Schloss aufgewachsen, das für seine Tristesse berüchtigt war. Es war klein, mit nicht zusammenpassenden Möbeln vollgestopft und die einzige Wand, die keine Schrägdecke hatte, wurde von einem riesigen geschnitzten Kleiderschrank eingenommen, der den Raum beherrschte. Inmitten dieses Durcheinanders stand ein schmales Messingbett, auf dem eine Patchworkdecke lag. Eine nackte Glühbirne verströmte gerade genug bleiches Licht, um die durchhängenden, fleckigen Vorhänge vor dem Fenster und einen kleinen Flickenteppich auf dem kahlen Boden zu enthüllen.

„Allmächtiger!“ Dieser kindische Ausruf entfuhr mir, bevor mir wieder einfiel, dass ich erst kürzlich den Entschluss gefasst hatte, mich kultivierter zu verhalten. „Das ist wirklich grauenvoll, nicht wahr?“

„Es ist verdammt beschissen“, sagte Darcy. „Entschuldige den Kraftausdruck, aber wenn jemals ein Zimmer den Begriff ‚beschissen‘ verdient hat, dann dieses. Lass uns von hier verschwinden, solange wir noch können. Es würde mich nicht wundern, wenn die Wirtin des Nachts ihre Gäste um die Ecke bringt und sie zu Pasteten verarbeitet.“

Der Gedanke brachte mich zum Lachen. „Oh, Darcy. Was tun wir hier?“

„Meine schöne Überraschung“, sagte er kopfschüttelnd, aber auch er lächelte. „Tja, wenn unser gemeinsames Leben unter diesen Umständen beginnt, kann es ja nur besser werden, oder?“

Ich nickte. „Glaubst du, es gibt hier im Gebäude eine Toilette oder befindet sie sich am Rande des Gartens?“

Wir sahen auf dem Flur nach und zu unserer Erleichterung lagen am anderen Ende eine Toilette und ein Badezimmer.

„Ich gehe unsere Taschen holen“, sagte Darcy. „Wenn du dir wirklich sicher bist, dass du bleiben willst.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich meine Kleider ausziehen sollte. Mir würde eiskalt werden.“ Ich dachte darüber nach. „Aber ich schätze, ich sollte mein gutes Ensemble nicht noch mehr zerknittern. Hast du irgendeine Ahnung, was Queenie für mich eingepackt hat?“

„Ich habe ihr gesagt, sie soll ordentliche Reisekleidung einpacken. Und deine Nachthemden.“

„Wie ich Queenie kenne, bedeutet das ein Abendkleid und Reitstiefel.“

Doch als er mit den Taschen zurückkehrte, war ich angenehm überrascht, als ich herausfand, dass sie meinen Kulturbeutel eingepackt hatte, ein warmes Flanellnachthemd und einen Morgenmantel, außerdem mein Tweedkostüm. Sie stieg in meiner Hochachtung beträchtlich. Ich war wirklich sehr zufrieden mit ihr. Sie schlief sicher schon im Kensington Palace, wo die Zimmer Kamine hatten und man nur läuten musste, um heiße Schokolade zu bekommen, während ihre Herrin … Ich sah mich erneut im Zimmer um, aber mir fehlten die Worte. Darcy hatte sich eilig ausgezogen und sah in seinem kastanienbraunen Seidenpyjama unglaublich gut aus. Erst war ich zu schüchtern, um mich vor ihm umzuziehen, aber dann rief ich mir in Erinnerung, dass wir bald Mr und Mrs werden würden.

Ich drehte mich um und knöpfte meine Jacke auf. Dann fiel mir ein, dass mein Kleid am Rücken mit Haken verschlossen wurde. Ich tastete danach, aber sie waren unmöglich zu öffnen. Dann sagte eine Stimme: „Hier, lass mich das machen“ und er hakte sie für mich auf. Seine Finger auf meiner Haut waren mir nur zu bewusst. Er half mir aus dem Kleid, dann legte er seine Hände auf meine Schultern und küsste meinen entblößten Nacken. Es war eine unglaublich verführerische Geste und zu jeder anderen Gelegenheit wäre ich darauf eingegangen. Aber in diesem Augenblick war mir kalt, ich war müde und ein wenig verängstigt. Ich drehte mich zu ihm um und barg meinen Kopf an seiner Schulter.

„Oh, Darcy, was tun wir nur hier?“, fragte ich halb lachend, halb weinend.

Seine Arme umfingen mich. „Ich wollte, dass unsere erste gemeinsame Nacht ganz anders als das hier ist“, sagte er.

„Wir haben schon früher die Nacht gemeinsam verbracht“, rief ich ihm in Erinnerung. „Wenigstens Teile der Nacht.“

„Unsere erste richtige gemeinsame Nacht“, sagte er. „Du weißt, wie ich es gemeint habe. Und das werden wir uns auf jeden Fall für einen besseren Zeitpunkt aufsparen. Ich wette, diese alte Schachtel wird auf jedes Knarzen der Sprungfedern lauschen.“

Das brachte mich zum Lachen. Nachdem ich mich entkleidet hatte, zog ich den Morgenmantel über mein Nachthemd und legte mich ins Bett. Die Decken waren steif und eiskalt.

„Es ist furchtbar kalt“, sagte ich mit klappernden Zähnen.

Darcy umrundete auf Zehenspitzen das Bett, um das Licht zu löschen, und als er neben mir ins Bett kletterte, gaben die Bettfedern in der Tat ein ohrenbetäubendes Quietschen von sich, das uns beide wie Schulkinder kichern ließ.

„Das schließt jegliches Techtelmechtel aus“, sagte er, noch immer schmunzelnd. Er schloss mich in seine Arme. „Noch immer eiskalt?“, fragte er.

„Schon besser“, flüsterte ich. „Viel besser.“

Kapitel 3

Freitag, 30. November

Eingeschneit irgendwo in der Wildnis von Yorkshire, auf dem Weg nach Gretna Green, um durchzubrennen.

Allmächtiger, das Leben ist gerade so aufregend!

Am nächsten Morgen weckten uns Knarzen und Schritte im Flur. Unter uns wurden Türen zugeschlagen und im Hof startete ein Motor. Ich lag noch immer in Darcys Armen, sein Gesicht nur wenige Zoll von meinem entfernt, und sein warmer Atem streifte meine Wange. Darcy schlug die Augen auf. Er sah mich an und lächelte. „Guten Morgen, Mrs Chomondley-Fanshaw“, sagte er.

„Das wird ‚Featherstonehaugh‘ geschrieben, vergiss das nicht“, erinnerte ich ihn. Durch ein schmutziges Fenster schien eine kraftlose, wässrige Sonne herein, dann ertönte das Horn eines Zuges, der über den ebenerdigen Bahnübergang ratterte.

Darcy setzte sich auf und schüttelte seine Hände. „Mein Arm ist eingeschlafen“, sagte er. „Aber weißt du was – wenn Züge fahren, können wir vielleicht den Wagen am Yorker Bahnhof lassen und einen Zug nach Norden nehmen.“

„Oh ja, tun wir das“, sagte ich. „Und lass uns nicht hier auf das Frühstück warten. Ich wette, es schmeckt grässlich.“

„Gute Idee. Ziehen wir uns einfach an und gehen. In York können wir wenigstens mehr über den Zustand der dortigen Straßen herausfinden und uns erkundigen, ob Züge fahren.“

Von neuer Zuversicht erfüllt kleideten wir uns in aller Eile an. Darcy machte sich nicht einmal die Mühe, sich zu rasieren, und die Stoppeln ließen ihn noch schurkenhafter aussehen. „Im nächsten Hotel wird dir niemand glauben, dass du Mr Chomondley-Fanshaw bist, wenn du so aussiehst“, sagte ich und streichelte seine raue Wange. „Sie werden dich für einen Piraten halten, der mich verschleppt hat.“

„Der Gedanke gefällt dir, wie ich sehe“, neckte er mich und hob eine Augenbraue, was meine Wangen zum Glühen brachte.

Er trug die Koffer nach unten und legte sie in den Kofferraum, bevor er zurückkam, um die Rechnung zu begleichen.

„Wollen Sie kein Frühstück?“, blaffte die Wirtin. „Nachdem ich mir die Mühe gemacht habe, den Black Pudding aufzuwärmen?“

„Wir haben einen Termin in Schottland“, sagte Darcy taktvoll. „Wir müssen unsere Pläne ändern und versuchen, den Zug von York aus zu erreichen.“

„Bei dem Schnee wohl kaum“, sagte die Frau mit offensichtlicher Genugtuung. „Im Radio hieß es, es könnte tagelang alles stillstehen. Züge, Straßen, alles.“

Mit dieser ermutigenden Nachricht gingen wir. Zu meiner Erleichterung startete der Motor problemlos und wir fuhren zurück Richtung Süden, bis wir den Wegweiser nach York erreichten.

„Da steht vierzehn Meilen“, sagte ich und kämpfte meine aufkeimende Enttäuschung nieder. „Das ist ein weiter Weg.“

„York liegt an der Hauptbahnlinie nach Schottland. Hoffen wir nur, dass die Nebenstraßen nicht blockiert sind. Der Schnee scheint hier nicht so schlimm zu sein.“

Wir bogen von der Autobahn auf eine kleinere Straße ab. Darcy schien recht zu haben, denn der Schnee hier schmolz schon ein wenig in der Morgensonne.

„Ich hoffe, wir kommen bald irgendwo an“, sagte er. „Ich bin am Verhungern. Wie steht’s mit dir?“

„Völlig ausgehungert“, pflichtete ich ihm bei.

An einer Kreuzung fanden wir eine Raststätte, vor der Lastwagen parkten. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Darcy parkte neben dem Lieferwagen einer Reinigung. Drinnen war es warm, verraucht und laut, aber uns wurden riesige Kaffeetassen und ebenso riesige Teller mit Speck, Eiern, gebratenem Brot, Baked Beans und Black Pudding vorgesetzt. Ich muss gestehen, dass wir alles aufaßen. Viel besser gelaunt kamen wir wieder heraus, gerade rechtzeitig um zu sehen, wie die Morgenzeitungen aus einem anderen Lieferwagen geladen wurden.

„Vielleicht stehen in der Zeitung die aktuellen Neuigkeiten zum Zustand der Straßen und Züge“, sagte Darcy und ging zu dem Austräger, um sich eine zu holen. Er kam zu mir zurück.

Blizzard bringt Verkehr auf der Great North Road zum Erliegen besagte die Überschrift. Er überflog die Zeilen darunter. „Sie scheinen nicht viel mehr zu wissen als wir“, brummte er. „Zumindest, als diese Zeitung gedruckt wurde. Also, wenn du mich fragst …“

Eine lange Pause folgte.

„Wenn ich dich frage?“, wiederholte ich. Dann sah ich seinen Gesichtsausdruck.

Er starrte die Titelseite an, als hätte er einen Geist gesehen. Er war totenbleich geworden.

„Darcy, was ist passiert?“ Ich beugte mich vor, um zu sehen, was er betrachtete. Die Hauptüberschrift und der Leitartikel handelten von dem Sturm, aber direkt darunter, in großen schwarzen Buchstaben, stand: Irischer Adliger wegen Mordes festgenommen.

Darcys Hand zitterte und ich hielt die Zeitung fest, um die kleingedruckte Schrift zu entziffern.

Thaddeus Alexander O’Mara, sechzehnter Baron Kilhenny im Bezirk Kildare, Irland, wurde gestern festgenommen. Ihm wird der Mord an Mr Timothy Roach vorgeworfen. Mr Roach, ein Amerikaner aus Chicago, erwarb Kilhenny Castle und den angeschlossenen Rennstall vor einigen Jahren von Lord Kilhenny. Lord Kilhenny war noch bis zu einem Dopingskandal Anfang dieses Jahres als Verwalter und Trainer des Rennstalls tätig. Mr Roach wurde in der Bibliothek von Kilhenny Castle aufgefunden, nachdem er mit einem antiken Streitkolben, der den O’Maras gehörte, einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen hatte.

„Oh, Darcy.“ Die Worte kamen als Flüstern aus meinem Mund und mein Atem hing wie Rauch in der klaren, kalten Luft.

Darcy sah mit Verzweiflung in den Augen zu mir auf. „Ich muss sofort zu ihm“, sagte er. „Du bist eine gute Fahrerin, nicht wahr? Dieses Auto ist nicht schwer zu steuern. Es hat ein Vorwählgetriebe.“

Er sah meinen verständnislosen Blick und fügte hinzu: „Du brauchst nur den kleinen Hebel auf dem Armaturenbrett zu bewegen und dann das Gaspedal zu drücken. Ganz einfach. Ich kann den Wagen nicht nach Irland mitnehmen. Ich habe ihn mir von einem Freund nur für ein paar Tage ausgeliehen. Wenn du ihn nach London zurückbringen kannst, nehme ich einen Zug aus York.“

Ich zögerte angesichts meiner begrenzten Fahrpraxis und der Frage, ob ich mit einem so großen, leistungsstarken Wagen umgehen konnte. Da ich noch nie ein Automobil besessen hatte, beschränkte sich meine Übung auf den Kombi, mit dem ich auf dem Gelände von Castle Rannoch herumgefahren war und manchmal eines der nahegelegenen Dörfer besucht hatte, wo der Verkehr auf der Straße lediglich aus einem vereinzelten Hochlandrind oder einem Schaf bestand. Ich hatte ein paar Mal unseren uralten Rolls-Royce genommen, aber normalerweise saß der Chauffeur am Steuer, während ich auf dem Rücksitz mitfuhr. Aber ich verdrängte diese Gedanken in aller Eile aus meinem Kopf und versuchte, mich mit allem abzufinden. Ein Gedanke übertönte alles andere in meinem Kopf und ich platzte heraus: „Warum solltest du zu ihm gehen? Du hast mir gesagt, was er von dir hält. Wird er dich überhaupt sehen wollen?“

Darcy stieß ein kurzes, verzweifeltes Lachen aus. „Wahrscheinlich nicht. Ehrlich gesagt … ganz sicher nicht. Er wird mir wahrscheinlich sagen, ich solle zur Hölle fahren, aber jemand muss sich um ihn kümmern. Er ist sich selbst der größte Feind, Georgie. Er wird die Beherrschung verlieren und Dummheiten sagen, die er nicht so meint. Das wird die Geschworenen gegen ihn aufbringen. Jemand muss für ihn einstehen und es gibt außer mir niemanden.“

„Was ist mit deinen Schwestern?“

„Er kann sie kaum besser leiden als mich. Und außerdem ist eine von ihnen gerade in Indien. Sie sind beide mit ihren eigenen Familien beschäftigt und haben kleine Kinder und Ehemänner. Sie können einfach nicht alles stehen und liegen lassen und nach Irland hetzen. Außerdem haben sie keine Ahnung von Gerichten und Verhandlungen und wissen nicht, wie man ein Verbrechen untersucht.“

Ich wollte nicht fragen, ob er seinen Vater für unschuldig hielt. Es war nicht unwahrscheinlich, dass ein aufbrausender Mann, der seinen eigenen Sohn hasste und alles verloren hatte, was ihm teuer gewesen war, der Versuchung nachgab, zu morden.

„Ich habe keine Ahnung, wie man von York nach Holyhead und zur Fähre kommt.“ Er ging bereits voraus zum Wagen und sprach mehr zu sich selbst als zu mir. „In Manchester umsteigen?“ Er drehte sich wieder zu mir um. „Schaffst du es, allein nach London zurückzufahren? Ich glaube nicht, dass auf den Straßen südlich von hier Schnee liegt. Ich schreibe dir die Adresse auf. Sie liegt am Eaton Square. Du kennst sie natürlich, gleich um die Ecke von eurem Haus. Erklär, was passiert ist …“

Die Worte purzelten aus seinem Mund, als könne er sie nicht kontrollieren. Ich holte ihn ein und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Darcy, ganz ruhig. Ich komme mit dir.“

Er schüttelte gehetzt den Kopf. „Nein. Auf keinen Fall. Ich will dich dort nicht haben.“

Er musste wohl den verletzten Ausdruck auf meinem Gesicht gesehen haben. „Du verstehst nicht“, sagte er hastig. „Ich habe auf den richtigen Moment gewartet, um dich meinem Vater vorzustellen und ihm von uns zu erzählen. Jetzt wäre es ein Desaster. Er würde dir nachtragen, dass du ihn in einem schwachen Moment siehst. Das würde ihn sofort gegen dich aufbringen. Außerdem fürchte ich, dass er meinem Namensvetter Darcy aus Stolz und Vorurteil ähnelt: ‚Wer seine gute Meinung einmal verloren hat, gewinnt sie nie wieder.‘ Für seine nachtragende Art ist er berüchtigt.“

„Wie hat es eine so unangenehme Persönlichkeit geschafft, einen so wundervollen Sohn in die Welt zu setzen?“, fragte ich und schaute verliebt zu ihm auf.

„Vermutlich dank meiner Mutter. Sie war in jeglicher Hinsicht ein wundervoller Mensch, äußerlich wie innerlich. Ihretwegen riss mein Vater sich zusammen und verwandelte sich in ihrer Anwesenheit in einen besseren Menschen. Doch dann starb sie, er verlor die Hoffnung und nahm wieder sein früheres mürrisches Wesen an. Ich wünschte, du hättest sie kennenlernen können, Georgie.“

„Das wünschte ich auch. Aber wir müssen die Dinge so akzeptieren, wie sie sind, nicht wahr? Mein Vater starb, so wie deine Mutter, und wir beide mussten versuchen allein zurechtzukommen. Aber das Gute ist, dass wir einander haben. Ich tue, was du willst, Darcy. Was immer dir die Sache erleichtert. Warum fahren wir nicht gemeinsam nach Holyhead? Ich begleite dich zur Fähre und bringe dann den Wagen zurück nach London, wenn du möchtest.“

Er berührte meine Wange. „Du bist ein wundervolles Mädchen, Georgie. Es tut mir so leid, dass alles schiefgelaufen ist, meine schöne Überraschung nicht geklappt hat und wir nicht nach Gretna Green gekommen sind. Aber ich werde es wieder gutmachen, das verspreche ich dir.“

„Mach dir darüber keine Sorgen. Wir heiraten, sobald diese schreckliche Angelegenheit aufgeklärt ist. Wir werden eine große, ausschweifende Hochzeit feiern und deinen Vater einladen.“

„Ja.“ Er nickte, als hätte er Mühe, es zu glauben.

„Wir sollten uns jetzt auf den Weg machen. Es ist eine lange Fahrt nach Holyhead.“

„Ich will dir das alles nicht zumuten, Georgie. Der Zug ist die weitaus einfachere Option und viel schneller. Auf den Mooren zwischen Yorkshire und Lancashire wird Schnee liegen, die Straßen könnten dort ebenfalls gesperrt sein. Nein, wir fahren zusammen nach York. Ich nehme den Zug und du kannst auf der Great North Road direkt nach London durchfahren. Zu wissen, dass du sicher zu Hause bist, wird eine Sorge weniger für mich sein.“

„In Ordnung. Wenn es das ist, was du willst“, sagte ich gepresst.

„Das ist es, glaub mir.“ Er öffnete die Fahrertür des Automobils für mich. „Du fährst. Damit du etwas Übung bekommst, solange ich noch bei dir bin.“ Ich setzte mich hinter das Lenkrad und fuhr vorsichtig los. Die Straßen waren leer und nur mit einer dünnen Schneeschicht überzogen. Schweigend fuhren wir an schneebedeckten Hecken und Trockenmauern vorbei. Auf verschneiten Feldern drängten sich Schafe eng zusammen und aus den Kaminen der Cottages stieg Rauch auf. Es wäre ein bezaubernder Anblick wie aus einer Weihnachtskarte gewesen, wenn ich in der Lage gewesen wäre ihn zu genießen. Stattdessen hatte sich mein Magen eng verknotet. Ich versuchte zuversichtlich zu denken, versuchte mir aufmunternde Worte für Darcy einfallen zu lassen, aber meine Gedanken waren wie leer gefegt.

Er hingegen bemühte sich redlich. „Kennst du die Prinzessin Zamanska?“

Ich fragte mich, ob er übergeschnappt war. „Zamanska? Nie von ihr gehört.“

„Oh, ich dachte, du kennst sie vielleicht, da ihr sozusagen Nachbarn seid. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, verkehrt deine Familie nicht in denselben Kreisen. Sie heißen ihren Lebenswandel sicher nicht gut und ihr sind sie zu gesetzt und langweilig.“

Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. „Warum unterhalten wir uns über irgendeine Prinzessin aus dem Ausland?“

„Weil sie diejenige ist, die mir den Wagen geliehen hat. Du wirst sie mögen. Sie ist ein lustiger Kamerad. Ziemlich exzentrisch. Lebt gefährlich. Autorennen, Ballonfahrten, Hundeschlitten … Sie hat alles ausprobiert. Nummer sechzehn am Eaton Square.“

„Gibt es einen Prinz Zamanska?“

„Zamanski“, korrigierte er. „Er ist männlich. Oder vielmehr war es, bis er von wütenden Bauern ermordet wurde, weil er mit seiner Jagdgesellschaft über ihre Kohlfelder ritt. Die Prinzessin musste fliehen, um ihr Leben zu retten. Kam hierher mit kaum mehr als den Kleidern, die sie am Leib trug.“

„Und mit genug Geld, um am Eaton Square zu wohnen und einen Armstrong Siddeley zu besitzen“, merkte ich an.

„Nun, das stimmt. Sie nagt nicht gerade am Hungertuch. Der Prinz mag in vieler Hinsicht seine Schwächen gehabt haben, doch er war gerissen genug, all sein Geld in einem Schweizer Bankkonto aufzubewahren. Seine Witwe lebt recht angenehm.“

Wir erreichten die Ausläufer von York. Und dann, viel zu früh, kamen wir am Bahnhof an. Ich wusste nicht, ob es die Furcht war oder das große, reichhaltige Frühstück, das ich gegessen hatte, aber mir war nun speiübel. Ich hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis ich Darcy wiedersah. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass er ohne Vorwarnung zu weit entfernten Winkeln der Erde aufbrach, aber das hier war anders.

„Du wirst mir schreiben oder mich anrufen, ja?“, sagte ich leise. „Du wirst mir mitteilen, wie sich die Dinge entwickeln und ob es irgendetwas gibt, das ich tun kann.“

„Natürlich werde ich das. Wirst du bei deinem Bruder im Rannoch House wohnen?“

„Ich denke schon. Da die Hochzeit vorbei ist, nehme ich nicht an, dass man uns auf unbestimmte Zeit in der Wohnung im Kensington Palace beherbergen wird. Binky meinte, ich wäre jederzeit willkommen, egal, was die liebe Fig meint.“

Er nahm meine Hände in seine und sah mich voller Besorgnis und Sehnsucht in den Augen an. „Fahr vorsichtig.“

„Natürlich werde ich das.“ Ich schenkte ihm ein Lächeln und hoffte, dass ich zuversichtlicher aussah, als ich mich fühlte.

„Und pass gut auf dich auf.“

„Du auch.“

Wir standen da und sahen einander an. So viele Dinge hingen ungesagt in der Luft.

Dann gelang ihm ein Lächeln. „Ich liebe dich, Mrs Chomondley-Fanshaw, geschrieben Featherstonehaugh.”

„Ich liebe dich auch.”

Er gab mir einen kurzen keuschen Kuss, dann drehte er sich um und ging. Bald darauf hatten ihn der Lärm und das bunte Treiben der York Station verschluckt.

Kapitel 4

Freitag, 30. November

Ich fahre allein nach London zurück. Mein armer Darcy ist auf dem Weg nach Irland. Ich bete nur, dass sich alles zum Guten wendet, für unser gemeinsames Glück.

Meine Fahrt in den Süden verlief ohne Zwischenfälle. Als ich Yorkshire hinter mir ließ, war der Schnee verschwunden und die Wintersonne trocknete die nassen Straßen. Das Automobil ließ sich recht einfach lenken, aber ich ertappte mich dabei, wie ich das Lenkrad fest umklammerte und die gesamte Anspannung meines Körpers in meine Finger floss. Es hatte ein furchtbares Versehen gegeben, redete ich mir ein. Darcy würde die Wahrheit schnell ans Licht bringen, sein Vater käme frei und würde Darcy dafür danken, dass dieser ihm zu Hilfe geeilt war. Alles würde gut werden. Das sagte ich mir selbst laut wieder und wieder, als würden die Worte wahr werden, wenn ich sie aussprach. Ich gestattete meinen Gedanken nicht, sich ins Reich des Was-wäre-wenn zu begeben.

Als ich nach London hineinfuhr, brach die Dämmerung über der Stadt herein. Hatte ich schon einmal durch den Stadtverkehr fahren müssen? Vermutlich nicht, außer vielleicht ein einziges Mal in der Nähe von Castle Rannoch. Aber ich war noch nicht mal durch Edinburgh gefahren, wo es um einiges weniger hektisch zuging als in London.

Lichter blinkten mir ins Gesicht, Hupen ertönten, Doppeldeckerbusse reihten sich vor mir ein. Und ich hatte wenig Kenntnis von den Straßen in diesem nördlichen Teil der Stadt. Also folgte ich dem Hauptverkehrsstrom und betete, dass alles gutging. Ich hatte es nur meinem Glück zu verdanken, dass ich mich an der Baker Street Station wiederfand. Endlich ein Ort, an dem ich mich besser auskannte. Es war ziemlich dunkel, als ich die Oxford Street erreichte. Dann fuhr ich die Park Lane hinunter bis Knightsbridge und bog schließlich in die Kensington Gardens ein, wo ich den massiven Backsteinbau des Palace vor mir sah.

Ich öffnete die Eingangstür in der Erwartung, von Wärme und einem Dienstmädchen begrüßt zu werden, das sich beeilte, mir meinen Mantel und meine Tasche abzunehmen. Stattdessen stand ich in einem völlig menschenleeren Flur und fühlte einen kalten Luftzug um meine Beine streichen. Das erinnerte mich an meine erste Ankunft im Kensington Palace, als es ebenso kalt und unfreundlich gewesen war. Ein seltsames Gefühl überkam mich, ein Gefühl der Unwirklichkeit, dass die letzten Wochen vielleicht nie passiert waren, außer in meinen Träumen oder meiner Vorstellung. Jeden Augenblick würde eine geisterhafte weiße Gestalt an mir vorbeischweben, den Flur hinunter, genau wie bei meinem ersten Besuch, und ich wäre wieder da, wo ich angefangen hatte. Ich starrte auf den dunklen Flur und mein Herz machte einen Sprung, als ich wirklich eine Gestalt die Treppe hinunter auf mich zukommen sah. Aber sie war nicht weiß und unirdisch. Tatsächlich war sie nur allzu körperlich und sie schwebte nicht. Sie trampelte.

„Sie sind zurückgekehrt?“, fragte die Gestalt, als sie näherkam. Ich seufzte. Marina war zwar abgereist, aber ihre Cousine, die gefürchtete Gräfin Irmtraut von Dinkelfingen-Hackensack, war noch immer hier. Die letzte Person, die ich in diesem Augenblick sehen wollte.

Sie blickte mich mit ihrem prüfenden, hochmütigen Blick an. „Man sagte mir, Sie seien bereits abgereist.“

„Ich war nur für kurze Zeit fort. Nicht endgültig“, sagte ich.

Sie runzelte die Stirn. „Nicht gültig? Also ungültig? Warum sind Sie aus einem ungültigen Grund abgereist?“

Alles, was man auf Englisch sagte, verstand die Gräfin ärgerlicherweise wortwörtlich.

„Nein, ich meinte, ich wollte nur für ein paar Tage verreisen, aber leider wurde die Straße Richtung Norden wegen eines Blizzards gesperrt und ich musste zurückkehren.“

„Ein Blizzard? Was ist das?“

„Ein Schneesturm.“

Sie stieß ein missbilligendes Murren aus. „Ich glaube nicht, dass man in England weiß, was ein Blizzard ist. In Russland haben wir Blizzards. In Deutschland haben wir Blizzards. Echte Blizzards. Mächtige Blizzards.“

„Der Blizzard war stark genug, um eine Hauptstraße unbefahrbar zu machen“, sagte ich und suchte nach einer Möglichkeit, das Thema zu wechseln. „Und wie lange haben Sie vor zu bleiben?“

„Ich hatte vor, noch einige Tage in England zu bleiben, um kulturelle Orte zu besuchen, bevor ich zum Schloss meiner Eltern in der Nähe von Berlin weiterreise. Aber jetzt ist ein Mann vom Militär aufgetaucht, der behauptete, dass die Wohnung geräumt werden soll und ich abreisen muss. Er ist sogar noch unangenehmer als der erste Mann vom Militär. Er spricht, als würde er mir Befehle erteilen. Außerdem bin ich eine Gräfin und mit den Königsfamilien verwandt. Das schickt sich nicht, meinen Sie nicht?“

„Ganz und gar nicht“, pflichtete ich ihr bei. Ich spürte ein flaues Gefühl im Magen. „Wann müssen wir denn abreisen?“

„Morgen. Er sagte mir, sie würden die letzten Bediensteten fortschicken und diese Wohnung morgen in der Frühe abschließen.“

„Allmächtiger.“ Auf der Fahrt hierher hatte ich gehofft, mich einige Tage lang erholen zu können, bevor ich Fig unter die Augen treten musste. Darcy würde sicher im Palace anrufen, wenn es Neuigkeiten gab. Wenn er im Haus meines Bruders anrief, würde Fig den Butler wahrscheinlich anweisen, zu sagen, ich sei nicht dort. Das hatte sie schon einmal getan.

„Also sind die meisten Bediensteten abgereist?“, fragte ich.

Sie nickte. „Höchst ungelegen. Ich musste nach einem Dienstmädchen läuten, um mehr Kohlen für das Feuer in meinem Schlafzimmer nach oben bringen zu lassen.“

„Und was ist mit den Mahlzeiten?“ Auf der Herfahrt hatte ich nicht angehalten und war nun ziemlich hungrig.

„Ich habe mein Dienstmädchen losgeschickt, um mir ein Tablett aufs Zimmer zu bringen. Aber zum Lunch gibt es nur kalten Aufschnitt und Essiggurken. Das ist ein Mahl für Bauern, nicht für Aristokraten.“ Sie drehte sich um und starrte finster in Richtung Küche. „Und wissen Sie, was sie mir zum Frühstück hochgeschickt haben? Einen Bückling. Kennen Sie einen Fisch namens Bückling? Er ist höchst unangenehm und voller kleiner Gräten. Wo sind die Eier, die Nierchen und der Speck, fragte ich, aber man sagte mir, das sei nun einmal das, was die Köchin für mich zubereitet habe. Ich glaube, sie wollen mich vertreiben, indem sie mir unangenehmes Essen servieren. Zum Abendessen wird es nämlich Höhlenkröte geben.“

Ich musste lächeln. „Sie meinen Toad in the Hole? Mir schmeckt das recht gut. Es erinnert mich an das Essen aus Kindertagen.“

„Ich finde diesen Ort sehr unangenehm“, sagte sie.

„Aber Marinas Hochzeit war schön, nicht wahr?“ Ich blickte zurück zur Treppe und rief mir in Erinnerung, wie sie mit ihren Schwestern, die ihre Schleppe trugen und viel Aufhebens um ihren Schleier machten, die Treppe herunterkam. War das erst gestern gewesen? Es fühlte sich an wie in einem anderen Leben.

„Ja, die Hochzeit war schön“, stimmte Irmtraut zu. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mit diesem Bräutigam glücklich sein wird. Über den englischen Prinzen gibt es schlimme Geschichten, wie ich höre.“

„Er hat sich ein wenig die Hörner abgestoßen, da gebe ich Ihnen recht“, sagte ich und bedauerte es sofort.

„Er ist ein Viehzüchter gewesen? Er hat mit Rindern gearbeitet?“

Ich versuchte, nicht zu lachen. „Nein, das ist ein englischer Ausdruck. Es bedeutet, dass er in gewisser Weise ein wildes Leben geführt hat.“

„Die englische Sprache ist lächerlich“, brummte sie. „Ich werde sie nie verstehen.“

„Wenn Sie lange genug hierbleiben würden, bekämen Sie den Dreh schon heraus“, antwortete ich, wieder einmal, ohne auf meine Wortwahl zu achten.

„Was würde ich herausdrehen?“, fragte sie. Dann schnaubte sie. „Noch so ein dummer englischer Ausdruck, nehme ich an.“

„Ich fürchte ja. Aber ich glaube, Prinz George scheint Marina wirklich gern zu haben, und ich hoffe, dass er sich bemühen wird, sie glücklich zu machen.“

Irmtraut seufzte. „Es ist die Pflicht königlicher Personen, ihre Ehe zu akzeptieren, egal wie unangenehm sie auch sein mag. Sie wird ihre Pflicht tun, das weiß ich.“ Ruckartig sah sie zu mir auf. „Aber Sie – Sie werden Ihre Pflicht meiner Meinung nach nicht erfüllen. Sie werden versuchen, diesen Mann zu heiraten, der Katholik und damit für Sie verboten ist.“

„Ich bin nur die fünfunddreißigste in der Thronfolge“, sagte ich. „Ich glaube nicht, dass es die gekrönten Häupter Europas kümmert, wen ich heirate. Aber ja, ich habe vor, aus Liebe zu heiraten.“

Ich weiß nicht, wohin dieses Gespräch geführt hätte, doch in diesem Moment öffnete sich eine Tür hinter uns und ein Dienstmädchen betrat die Eingangshalle. Als sie mich sah, blieb sie überrascht stehen.

„Ihre Ladyschaft.“ Sie knickste. „Wie haben Sie nicht erwartet. Uns wurde mitgeteilt, Sie wären bereits abgereist und würden nach Ihrem Dienstmädchen und Ihren Sachen schicken.“

„Ich musste unerwartet zurückkehren“, sagte ich. „Ich sollte den Wagen wieder zu seiner Besitzerin bringen, aber danach würde ich gern etwas essen. Können Sie der Köchin bitte sagen, dass ich das Abendessen gern auf meinem Zimmer einnehmen würde? Etwas Warmes, Nahrhaftes. Ich war den ganzen Tag unterwegs.“

Sie wand sich vor Unbehagen. „Ich fürchte, es gibt nur Reste, Mylady. Wir wurden angewiesen, die Küche leer zu räumen. Das ganze Apartment wird geschlossen, müssen Sie wissen. Es gibt noch genug Eintopf für die Gräfin, aber …“

Ich zögerte. Ich war müde, emotional ausgelaugt und ich wollte keinesfalls noch ausgehen, um etwas zu essen zu besorgen. Ich wusste, dass es andere Wohnungen im Palace gab, die von meinen königlichen Großtanten bewohnt wurden; der Prince of Wales bezeichnete sie sogar als „Tantenhaufen.“ Sie würden heute Abend zweifellos gut speisen. Aber ich wusste auch, dass diese königlichen Ladys großen Wert auf das Protokoll legten und man nicht uneingeladen zu Besuch kam.

„Ich bin sicher, die Köchin wird ihr Bestes tun, um bei meiner Rückkehr etwas für mich aufzutreiben“, sagte ich. Ich wollte sie bitten, mein Dienstmädchen zu rufen, um meinen Koffer auf mein Zimmer zu bringen, aber unter den gegenwärtigen Umständen schien es mir einfacher, ihn selbst zu tragen. Mochte der Himmel wissen, was Queenie während meiner Abwesenheit getrieben hatte. Zwei Tage reichten für ein paar Katastrophen aus. Ich stieg zwei Treppen hinauf und öffnete meine Zimmertür. Ich hatte zwar nicht erwartet, Queenie dort vorzufinden, aber zumindest, dass ein Feuer im Kamin brannte. Stattdessen lag mein Koffer auf dem Bett, die Vorhänge waren zugezogen und im Zimmer war es eiskalt. Ein herzlicher Empfang sah anders aus.

Ich ging zur Wand hinüber und zerrte am Glockenzug. inzwischen war ich wirklich ungehalten. Das Dienstmädchen, das mich in der Eingangshalle angesprochen hatte, tauchte auf – natürlich lange vor Queenie.

„Mylady?“, fragte sie. Dann, bevor ich die Gelegenheit hatte, etwas zu sagen, sprach sie weiter. „Oh je. Man muss natürlich ein Feuer im Kamin entzünden. Ich schicke jemanden hoch, der sich darum kümmert. Und Ihr Bett muss wieder gemacht werden.“ Sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln. „Machen Sie sich keine Sorgen. Bis Sie zurückkommen, ist alles erledigt.“

Ich stellte meinen Koffer auf den Boden und wandte mich wieder zum Gehen. Es hatte keinen Sinn, hier zu verweilen. Es war zu trostlos, um es in Worte zu fassen. Nach dem Trubel einer königlichen Hochzeit und meiner anschließenden Flucht nach Gretna Green stand ich nun in diesem kalten, einsamen Raum und war den Tränen nahe. Gerade als ich meine Tür öffnete, hörte ich jemanden näherkommen. Nicht mit sanften Schritten, sondern mit lautem Trampeln. Ich glaube, die Bilder an den Wänden erbebten ein wenig, als Queenie vor Anstrengung keuchend am oberen Ende der Treppe erschien. Sie war ein korpulentes Mädchen und nicht gerade das, was man als leichtfüßig bezeichnet hätte.

„Was zum Geier machen Sie schon wieder hier?“, fragte sie. „Mr O’Mara sagte mir, Sie wären fort. Ich sollte zu Ihrem Bruder zurückgehen und dort auf Sie warten.“

„Ich musste unerwartet umkehren.“

Sie stemmte die Hände in ihre breiten Hüften und seufzte. „Ich nehme an, Sie verlangen, dass ich Ihre Koffer wieder auspacke?“

„Das ist deine Aufgabe, Queenie“, sagte ich. „Wo warst du, als ich dich gerufen habe?“

„Unten in der Küche, eine Tasse Tee trinken“, sagte sie, „und den Kümmelkuchen aufessen.“

„Zum Glück reisen wir bald ab“, merkte ich an. „Deine Uniform platzt sonst aus allen Nähten.“

„Ich musste genug essen, um mich bei Kräften zu halten“, erwiderte sie trotzig. „Immer geht es diese verflixten Treppen rauf und runter. Aber was tun Sie hier eigentlich? Nach dem, was Mr O’Mara erzählt hat, dachte ich, Sie wären jetzt in einem netten Hotel und hätten ein bisschen Spaß.“ Ihre letzten Worte wurden von einem anzüglichen Zwinkern begleitet.

„Ganz gewiss nicht“, antwortete ich kühl, obwohl ich vermutlich rot anlief. „Außerdem geht es dich nichts an, was ich tue, Queenie. Ich habe dir schon oft gesagt, dass eine gute Kammerzofe niemals ihre Herrin oder deren Verhalten in Frage stellt.“ Ich musterte sie. Ihre Blusenknöpfe wölbten sich gefährlich, unter ihrer Haube schaute krauses Haar hervor und die Spuren vergangener Mahlzeiten bedeckten die Vorderseite ihres Kleides. Ihre Miene war wie immer arglos und erinnerte an die einer Kuh. Ich seufzte. „Ich hatte gehofft, du hättest das ein oder andere von den Dienstmädchen hier gelernt.“

„Habe ich doch“, sagte sie, immer noch trotzig. „Haben Sie nicht bemerkt, dass ich ‚zum Geier‘ statt ‚zum Teufel‘ gesagt habe? Eines der anderen Dienstmädchen meinte, Fluchen wäre nich’ angebracht und man würde sie feuern, wenn sie jemals ein Schimpfwort benutzte. Also dachte ich mir, ich achte besser ein bisschen auf meine Ausdrucksweise.“

„Ganz recht“, sagte ich. „Du weißt, dass ich viel zu nachsichtig mit dir war. Ich habe dir zu viele Freiheiten zugestanden, aber ich erwarte, dass du von nun an in Bestform bist, sonst kann ich dich wirklich nicht weiterhin beschäftigen. Ich muss das Automobil jetzt seiner Besitzerin zurückgeben, aber ich erwarte, dass mein Zimmer warm und gemütlich ist, wenn ich zurückkomme.“

„Klar wie Kloßbrühe, Miss“, sagte sie, da sie nach zwei Jahren noch immer nicht gelernt hatte, mich mit meinem richtigen Titel anzusprechen. Dann fügte sie hinzu: „Also, was ist denn passiert? Sie und Mr Darcy hatten doch keinen Streit, oder? Er hat Sie doch nich’ sitzenlassen?“

„Ganz gewiss nicht. Mr O’Mara hatte einen familiären Notfall und musste unerwartet nach Irland zurückkehren.“

„Oh, heißt das, dass wir vielleicht nach Irland reisen? Lieber das, als zu ihrer zickigen Schwägerin zurückzugehen.“

Ich wollte gerade zum hundertsten Mal sagen, dass es ihr nicht zustand, Höhergestellte zu kritisieren, aber sie schien es sich nie merken zu können. „Wir reisen nicht nach Irland. Im Moment möchte mich Mr O’Mara nicht sehen.“

Dann ging ich, da ich Angst hatte, sie könnte die Verzweiflung auf meinem Gesicht bemerken.

Kapitel 5

Freitag, 30. November

Zurück in London übernachte ich zum letzten Mal im Kensington Palace. Sehr aufgewühlt. Ich habe keine Ahnung, was der morgige Tag bringen wird.

Als ich auf der Suche nach der Nummer sechzehn mit dem Wagen auf den Eaton Square einbog, war bereits dichter Nebel aufgezogen. Die dornigen Silhouetten der Bäume inmitten des Squares reckten sich undeutlich und drohend im milchigen Dunst in die Höhe und die Luft hatte einen rauchigen Geruch, der das Atmen erschwerte. Bis Mitternacht wäre der Nebel vielleicht undurchdringlich, ein echter Londoner Erbsensuppennebel. Ich war froh, dass ich nicht weit vom Kensington Palace entfernt war. Es gelang mir, den Wagen abzustellen, ohne irgendetwas zu zerschrammen, dann ging ich durch den Bogengang zur Haustür. Ein Dienstmädchen öffnete mir. Ich hätte ihr liebend gern einfach die Schlüssel überreicht und sie gebeten, ihrer Herrin mitzuteilen, dass ich das Automobil zurückgebracht hatte, aber mir war bewusst, dass sie vermutlich wissen wollte, warum ich es so früh zurückgab. Also stellte ich mich vor und wurde hereingebeten. Sie nahm mir Mantel, Hut und Handschuhe ab, dann führte sie mich in einen reizenden Salon. Bevor ich mehr als das prasselnde Feuer im Kamin und das Eisbärenfell davor ausmachen konnte, erhob sich eine Frau von ihrem Platz auf dem Queen-Anne-Stuhl am Kamin.

Darcys Beschreibung eines „lustigen Kameraden“ hatte eine Erwartung in mir geweckt, die mit der Person vor mir wenig zu tun hatte. Ich konnte ihr Alter nicht schätzen – vielleicht vierzig oder etwas älter. Sie trug einen schwarzen Seidenpyjama und in ihrer Hand befand sich die längste Zigarettenspitze, die ich je gesehen hatte. Darin glomm eine schwarze russische Zigarette. Dunkles Haar fiel ihr in seidigen Wellen über die Schultern, ihr Gesicht war makellos geschminkt, ihre Lippen rot und zu einem Schmollmund verzogen. Sie blinzelte ein paar Mal unter ihren schwarzen, unglaublich langen Wimpern hervor. Als sie mir eine lange, schlanke Hand entgegenstreckte, formte sich in meinem Geist das Wort „lasziv“.

„Komm her. Lass dich ansehen.“

Zögernd trat ich näher.

Sie musterte mich prüfend und mir war nur zu bewusst, dass mein Kostüm zerknittert war und der Hut mein Haar platt gedrückt hatte. „Du also“, sagte sie schließlich. „Interessant. Ich hätte dich niemals für seinen Typ gehalten. Aber wo ist der liebe Junge und warum bist du wieder zurück? Ich dachte, Darcy hätte gesagt, ihr würdet einige Tage fortbleiben.“ Ihre Stimme war tief und kehlig, ihr Englisch eine Spur zu hart und perfekt, um Muttersprachlerin zu sein.

„Ich fürchte, Darcy hatte einen familiären Notfall und musste unerwartet nach Irland reisen“, sagte ich. „Er bat mich, den Wagen zu Euch zurückzubringen und Euch seinen Dank auszusprechen.“

„Ich hoffe, es ist nichts allzu Ernstes?“, erwiderte sie.

„Das hoffe ich auch.“

Sie nahm meine Hand in ihre. „Aber du bist ja eiskalt. Setz dich. Hier ans Feuer. Trinkst du Sherry oder Brandy?“

„Ich sollte Euch nicht länger stören, Hoheit“, sagte ich.

Sie lachte. Ihr Lachen war tief und kehlig und passte zu ihrer Stimme. „Du musst mich Alexandra nennen, oder Zou Zou. So nennen mich alle meine Freunde. Jetzt nimm Platz, ich bestehe darauf.“

Ich tat wie geheißen, während sie durch den Raum zu einem silbernen Tablett mit Getränken ging, das auf einer niedrigen chinesischen Kommode stand. Dann schenkte sie mir ein großzügiges Glas Sherry ein. Während sie beschäftigt war, hatte ich Zeit, meine Umgebung näher zu betrachten. Die Möbel waren eine interessante und bunte Mischung aus Antiquitäten, Exotischem und Modernem. An den Wänden befanden sich Gemälde, die sogar ich erkannte, obwohl ich in der Kunst nicht besonders bewandert war. Dort hing doch sicher ein Monet? Und ein Chagall? Und ein Turner über dem Kamin? Und eine Jungfer von irgendeinem italienischen Meister? Darcy hatte recht gehabt, als er sagte, dass sie nicht gerade mittellos war.

„Es war sehr nett von dir, Darcy dein Auto zu leihen“, sagte ich.

Sie lachte wieder. „Wenn ich ausfahren möchte, habe ich noch den Rolls-Royce und meinen kleinen Lagonda, einen Sportwagen. Und ich war entzückt, ihm helfen zu können. Ich habe ihn sehr ins Herz geschlossen, musst du wissen. Ich würde alles für ihn tun.“

Die Art, wie sie diese Worte sagte, versetzte mir einen warnenden Stich. Ich versuchte, nicht daran zu denken, wie Darcys Beziehung zu ihr gewesen war oder immer noch war. Gehörte sie zu den Freunden, auf deren Sofas er angeblich übernachtete, wenn er in London war? Wenn ja, dann glaubte ich nicht, dass er tatsächlich auf dem Sofa schlief. Die Prinzessin reichte mir meinen Sherry.

„Trink aus“, sagte sie. „Runter damit, dann wird es dir besser gehen. Bei mir wirkt es immer. Ich finde Sherry so viel tröstlicher als Gin, wenn ich eine Aufmunterung brauche. Und eine Aufmunterung brauchst du im Augenblick eindeutig.“ Sie nahm wieder ihren Platz auf dem Stuhl vor dem Feuer ein. „Also sag mir, was los ist“, befahl sie. „Erzähl Tante Zou Zou alles. Vielleicht kann ich helfen.“

„Das glaube ich nicht“, sagte ich. „Ich glaube nicht, dass uns irgendjemand helfen kann.“ Aber ich ertappte mich dabei, wie ich ihr alles erzählte, was ich wusste. Sie war eine gute Zuhörerin und nickte, als ich fertig war. „Meine Güte. Ich hatte keine Ahnung. Ich lese nie Zeitung, abgesehen von der Klatschspalte. Wie niederschmetternd. Der arme Junge. Ich hörte, dass sein Vater ein schwieriger Mann und ihre Beziehung zwiespältig ist, aber das – das ist entsetzlich. Warum hast du ihn nicht begleitet? Braucht er in dieser schwierigen Stunde nicht die Unterstützung einer liebenden Frau?“

„Er wollte mich nicht dabeihaben“, sagte ich und konnte das Zittern in meiner Stimme nicht verbergen. „Er sagte, dies sei nicht der richtige Zeitpunkt, mich seinem Vater vorzustellen.“

„Vermutlich hat er recht. Ein stolzer Mann mag es nicht, unter solchen Umständen gesehen zu werden. Wo in London wohnst du denn?“

„Ich habe im Kensington Palace gewohnt, während ich Prinzessin Marina bei ihren Hochzeitsvorbereitungen half.“

„Oh, natürlich. Die berühmte Hochzeit. Ich war natürlich nicht eingeladen.“ Sie machte eine Pause und ihr perfektes Gesicht legte sich in Falten, dann grinste sie. „Wahrscheinlich, weil ich den Bräutigam ein wenig zu gut kannte.“ Sie lachte erneut. „Also wirst du weiterhin im Palace wohnen und dem Tantenhaufen Gesellschaft leisten?“

„Oh nein. Die Wohnung wird geschlossen und ich gehe zurück zu meinem Bruder ins Rannoch House.“

„Oh, natürlich. Du bist Binkys Schwester. Wie dumm von mir. Seit er diese schreckliche Frau geheiratet hat, hat man nichts mehr von ihm gesehen. Ist sie wirklich so giftig, wie man munkelt?“

„Das ist sie in der Tat“, sagte ich und wir tauschten ein Lächeln.

„Dann beneide ich dich nicht.“ Sie winkte mir mit ihrer Zigarettenspitze zu. „Du musst heute Abend zum Dinner bleiben. Ich habe eine lustige kleine Truppe eingeladen. Leute, die du vielleicht kennst.“

„Oh, das kann ich keinesfalls“, begann ich, aber sie wedelte wieder mit der Zigarettenspitze.

„Ich bestehe unbedingt darauf. Du siehst müde und bekümmert aus, und ich bin sicher, dass das Essen im Kensington Palace nicht ganz auf der Höhe der Zeit sein wird. Königliches Essen ist immer so öde und langweilig, wie ich feststellen musste. Ihren Köchinnen mangelt es an Fantasie. Meine hingegen habe ich aus Paris hergelockt.“

„Ich bin nicht passend fürs Dinner gekleidet“, sagte ich.

„Das ist offensichtlich. Aber wir sind ungefähr gleich groß, nicht wahr? Clotilde kann sicher eines von meinen Kleidern für dich heraussuchen.“

„Ich könnte keinesfalls -“, setzte ich erneut an, denn ich sah bereits vor mir, wie ich ein Pariser Seidenkleid bekleckerte.

„Wer wird denn so widerspenstig sein“, sagte sie. „Darcy kann bestätigen, dass ich gern meinen Willen durchsetze. Genau wie er, nicht wahr? So ein energischer junger Mann.“ Sie schenkte mir ein selbstzufriedenes Lächeln. Dann blickte sie auf ihre Armbanduhr und sagte: „Weißt du was? Meine Gäste werden erst in einer Stunde eintreffen. Ich lasse dich von meinem Chauffeur zum Palace zurückfahren, du ziehst dir etwas Passenderes an und er bringt dich rechtzeitig zum Abendessen zurück. Dazu kannst du doch nicht Nein sagen?“

„Danke. Das nehme ich sehr gern an.“

„Gut“, sagte sie. „Mach dich darauf gefasst, gnadenlos ausgefragt zu werden. Ich möchte jede Einzelheit über dich und Darcy erfahren. Wie ihr einander kennengelernt habt, eure Zukunftspläne … Ich finde es so faszinierend, dass er sich fest binden und seinen angenehmen und sorglosen Lebenswandel aufgeben will. Was meinst du, werdet ihr aufs Land ziehen und Kartoffeln anbauen?“

„Ich habe keine Ahnung, was er geplant hat“, sagte ich, „aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Darcy irgendwo fest niederlässt, du etwa?“

„Oh doch. Ich glaube, ich kann ihn mir als Lord eines Manors vorstellen, im Kreis seiner zehn Kinder, strahlend vor Glück, sehr zum Verdruss aller jungen Frauen in London.“

Dann läutete sie an der Glocke und wenig später wurde ich von einem ausgesprochen gutaussehenden deutschen Chauffeur, den die Prinzessin Fritzi nannte, im selben Armstrong Siddeley zurück zum Palace gefahren. Als wir im Schneckentempo durch den Nebel fuhren, überkam mich wieder und wieder das Bedürfnis, Fritzi zu sagen, dass ich es mir anders überlegt hätte und doch nicht zum Dinner zurückkehren würde. Der Gedanke, bei einer Dinnerparty vor die Prinzessin und ihre eleganten Freunde treten zu müssen, war mir im Augenblick zu viel. Sie würden alle nach der neuesten Mode gekleidet sein, wohingegen ich so fehl am Platz wäre wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ich hatte Angst davor, ein Glas umzustoßen oder meine Suppe zu verkleckern, und würde den prüfenden Blick der Prinzessin auf mir spüren, die sich fragte, was Darcy wohl an mir fand. Und was, wenn er im Palace anrief, während ich fort war, weil er davon ausging, mich dort zu erreichen? Würden die Bediensteten das Telefon in der Eingangshalle hören? Würden sie eine Nachricht auch richtig notieren?

***

In meinem Schlafzimmer brannte im Kamin der erbärmliche Versuch eines Feuers, aber nach der berauschenden Wärme, die im Salon der Prinzessin geherrscht hatte, fühlte es sich hier eiskalt an. Queenie hatte meinen Koffer geöffnet und Kleider überall auf meinem Bett verstreut.

„Ich kann Ihre Pantoffeln nich’ finden“, sagte sie und sah zu mir auf. „Ich weiß, dass ich sie hier irgendwo hingelegt habe.“

„Vergiss jetzt die Pantoffeln“, sagte ich. „Ich gehe zum Dinner aus. Ich brauche mein elegantestes Abendkleid, meine schwarzen hochhackigen Schuhe und mein Schmuckkästchen.“

Sie seufzte. „Das war ja klar, ausgerechnet nachdem ich die Schuhe mit Zeitungspapier ausgestopft und ganz unten im Koffer verstaut habe.“ Sie zog die Kleider so unachtsam heraus, dass sie im hohen Bogen durcheinander flogen.

„Ich glaube, das burgunderrote Samtkleid ist unsere beste Option“, sagte ich. „Und dazu die Rubinkette.“

„Klar wie Kloßbrühe“, sagt sie. „Bitteschön.“ Ein dunkelrotes Geschoss flog auf mich zu. Ich fing es und starrte entsetzt darauf. Es war offensichtlich, dass es achtlos in einen Koffer gequetscht worden war, denn es war furchtbar zerknittert.

„Das wird gebügelt werden müssen, Queenie“, sagte ich. „Aber denk daran, dass es Samt ist. Man bügelt es von links auf niedriger Stufe, sonst schmilzt es.“

„Ich weiß“, sagte sie beleidigt. „Ich werde nachsehen müssen, ob es an diesem Ort noch ein Bügeleisen gibt.“

Ich hatte sie bitten wollen, ein Bad einzulassen, aber Queenie kam mit gleichzeitigen Anweisungen nicht gut zurecht. Stattdessen ging ich über den Flur und ließ mir selbst Wasser in die Wanne.

Nach meinem Bad fühlte ich mich ausgesprochen belebt. Während ich auf Queenies Rückkehr wartete, beschlich mich die Sorge, was sie mit meinem Kleid angestellt haben mochte. Aber wie durch ein Wunder kam sie mit einem sehr respektabel aussehenden Kleidungsstück zurück und half mir, es anzuziehen. Es war nicht gerade modern, aber es war vorzeigbar. Ich nickte, als ich mich betrachtete.

„Und die Abendschuhe, Queenie?“

Ich setzte mich an den Frisiertisch und streckte meine Füße aus.

„Hier ist der rechte“, sagte sie und streifte ihn mir über.

„Und der linke?“, fragte ich. Mich beschlich ein flaues Gefühl in der Magengegend.

„Ich kann den linken nirgends finden“, sagte sie. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich beide in den Koffer gelegt habe, aber jetzt ist er nich’ mehr hier.“

„Queenie, ich kann nicht mit nur einem Schuh zum Essen gehen“, sagte ich.

„Sie haben noch andere Schuhe.“

„Für tagsüber, aber keine Abendschuhe. Ich kann nicht mit Halbschuhen zu einem Dinner gehen!“

„Es ist ein langes Kleid. Beugen Sie ein wenig die Knie, keiner wird es sehen.“

Wenn ich nicht so wütend gewesen wäre, hätte ich darüber lachen können. „Ich habe sie beide in diesem Zimmer ausgezogen, Queenie. Such weiter, bis du ihn findest. Beeil dich.“

„Ich habe schon danach gesucht“, erwiderte sie.

„Schau unter dem Bett“, schlug ich vor.

Sie seufzte und ließ sich auf Hände und Knie nieder. „Da drunter ist nur ein Nachttopf.“

„Versuch es mit dem Kleiderschrank.“

„Dort habe ich schon nachgesehen“, sagte sie und öffnete trotzig die Tür. Sie verschwand im Inneren, bis nur noch ihr ausladendes Hinterteil herausschaute. Dann sagte sie: „Da brat mir doch einer einen Storch. Hier ist er, in der hintersten Ecke.“ Sie hielt meinen Schuh in die Höhe. „Mein alter Paps sagt immer, ich würde meinen Kopf vergessen, wenn er nich’ angewachsen wäre.“ Sie lachte und streifte den Schuh über meinen anderen Fuß.

„Du solltest dich glücklich schätzen, dass ich heute Abend ausgehen muss“, sagte ich. „Andernfalls wären wir meilenweit entfernt gewesen und hätten ihn nie gefunden. Und ich hätte dir ein neues Paar Schuhe vom Gehalt abziehen müssen.“

Das entlockte ihr ein Kichern. „Wenn Sie meinen. Sie bezahlen mir nich’ genug, um davon ein ordentliches Paar Schuhe zu kaufen.“

Das stimmte natürlich und war der einzige Grund, warum ich sie noch beschäftigte. Ich besaß kein Geld. Sie verlangte fast keinen Lohn, während ich sie angeblich ausbildete. Diese Ausbildung dauerte nun fast zwei Jahre an und sie war dem Ziel, in eine andere Anstellung vermittelbar zu sein, kein Stück näher gekommen. Wahrscheinlich würde sie nie vermittelbar sein, was bedeutete, dass ich sie nicht mehr loswurde. Ich seufzte.

„Mein Schmuckkästchen und meine Fuchsstola, wenn es dir nichts ausmacht. Ich möchte die Prinzessin nicht warten lassen.“

„Soso, ein Dinner mit einer Prinzessin, was?“, sagte sie, als sie mir die Rubinkette umlegte. „Seit Sie diese Aufgabe im Palace übernommen haben, sind Sie gesellschaftlich ganz schön aufgestiegen.“

„Eigentlich ist sie eine Freundin von Mr Darcy“, sagte ich und bereute es sofort, diese Worte laut ausgesprochen zu haben. Mir kam der Ausdruck „wir sind nur gute Freunde“ in den Sinn und ich wickelte die Stola enger um mich.

„Queenie, ich weiß nicht, wann ich zurückkommen werde“, sagte ich. „Du brauchst nicht wach zu bleiben. Sorg nur dafür, dass meine Schlafsachen bereit liegen. Du weißt schon – Kleider für die Nacht, nicht meinen Badeanzug und meinen Skipullover.“

„Ich weiß. Ich bin nich’ völlig bescheuert“, sagte sie. „Und ich gebe in der Küche Bescheid, dass Sie Ihr Dinner nich’ hier essen, in Ordnung?“

„Ja, bitte tu das.“ Ich trat auf den Flur hinaus.

„Eine Sache noch“, rief sie mir nach. „Kann ich dann Ihre Portion Eintopf haben?“

Erneut seufzte ich, als ich die Treppe hinunterging.

Kapitel 6

Freitag, 30. November

Bei Prinzessin Zamanska. Ich fürchte mich! Warum habe ich mich dazu bereit erklärt? Wahrscheinlich, weil man jemandem wie ihr nichts abschlägt.

Gelächter schlug mir entgegen, als das Dienstmädchen die Tür zum Eaton Square Nummer sechzehn öffnete.

„Die Gäste sind im Salon“, sagte sie überflüssigerweise, bevor sie die Salontür öffnete und theatralisch verkündete: „Lady Georgiana Rannoch, Eure Hoheit.“

Köpfe drehten sich nach mir um. Prinzessin Zamanska, die ein schwarzes, hinten ausgeschnittenes Abendkleid trug, hatte mit dem Rücken zu mir gestanden. Ihr Haar, nun zu Locken aufgetürmt, wurde von einer schwarzen Straußenfeder zusammengehalten. Um ihren Hals lag ein Diamantcollier und in ihrer Hand befand sich noch immer die Zigarettenspitze.

„Liebe kleine Georgiana“, sagte sie und kam mir entgegen. „Wie reizend du aussiehst. Komm und lern alle kennen.“

Sie führte mich zu einer Gruppe von Menschen, die mit Gläsern in den Händen um den Kamin versammelt waren. „Ich weiß nicht, ob ihr Georgiana Rannoch kennt“, sagte sie. „Bertie Rannochs Tochter, ihr wisst schon.“

„Der arme alte Bertie. Eine Schande“, murmelte jemand. Einen Moment lang dachte ich, er meinte, es wäre eine Schande, eine Tochter wie mich zu haben, aber dann fügte die Person hinzu: „So jung zu sterben.“

„Genauso sehe ich es auch“, sagte Prinzessin Zamanska. „Ohne ihn fühlt sich die Riviera geradezu trist und leblos an, nicht wahr? Aber ihr werdet es nie erraten – dieses süße junge Ding hat nun das Herz unseres lieben Darcy erobert.“

Alle wandten sich mir zu und ich spürte, wie ihre Blicke mein altmodisches und abgetragenes Kleid taxierten. Einige der Blicke waren amüsiert, andere fasziniert.

Die Prinzessin nahm meinen Arm. „Lass mich dich vorstellen. Meine Landsleute Graf und Gräfin Rostoff“, sagte sie. „Und vielleicht kennst du Dicky Altringham? Und Bubbles Cantrell-Smythe?“ Ich kannte sie tatsächlich, aber nur dem Namen nach und aus Fotos im Tatler, nicht weil ich mich in so vornehmen Kreisen bewegt hätte. Dann gab es einen Sir James und eine Lady So-und-so. „Er ist groß im Bankgeschäft, musst du wissen. Es lohnt sich, ihn zu kennen, wenn du einen Kredit aufnehmen willst.“ Das wurde von großem Gelächter begleitet. Sie ging weiter zu einem umwerfenden Franzosen, den sie als Le Marquis de Chambourie vorstellte. Noch jemand, von dem ich zwar gehört hatte, dem ich aber nie zuvor begegnet war. Er beäugte mich bereits interessiert. „Enchanté“, sagte er und küsste meine Hand, wobei seine Lippen etwas zu lange auf meiner Haut verweilten.

„Benimm dich, Jean-Claude“, sagte sie. „Vor dem Dinner ist es dir verboten, über sie herzufallen.“ Sie drehte sich zu mir um. „Und wir warten noch immer auf unsere bekanntesten Gäste. Sie hält es für elegant, immer zu spät zu kommen.“

Es klingelte an der Tür.

„Ah, da sind sie ja“, sagte sie.

Wir standen da und lauschten erwartungsvoll, als im Flur gedämpfte Stimmen zu hören waren. Dann erschien das Dienstmädchen, das einen etwas überrumpelten Eindruck machte. „Der Prince of Wales und Mrs Ernest Simpson.“

***

So ein Mist. Ich konnte meine Bestürzung nicht verbergen, als mein Cousin David und seine spitzzüngige Freundin den Raum betraten. Er sah in seinem Frack sehr schneidig aus. Zu meiner Erheiterung bemerkte ich, dass sie ein schwarzes perlenbesetztes Abendkleid trug, das dem von Prinzessin Zamanska ziemlich ähnlich sah. Der Prinzessin musste dies ebenfalls aufgefallen sein, denn mir entging der Anflug von Belustigung auf ihrem Gesicht nicht.

„Wie schön, dass Ihr gekommen seid, Sir“, sagte sie und ging auf sie zu, um sie zu begrüßen.

„Das würden wir um nichts in der Welt verpassen wollen, nicht wahr, Wallis?“, sagte der Prinz.

„Und Mrs Simpson. Wie schön, Sie wiederzusehen. Es ist eine Ewigkeit her. Seit Benders Jacht damals haben wir uns nicht mehr gesehen.“

„Wie geht es Ihnen, meine Liebe?“, sagte Mrs Simpson. „So ein schönes Kleid. Aus Paris, nehme ich an.“

„Was, dieser alte Kittel?“, rief die Prinzessin und stieß ein kehliges Lachen aus. „Ich hatte fast vergessen, dass ich es besitze, aber Clotilde hat das Kleid ganz hinten aus einem meiner Schränke gefischt und mich daran erinnert, dass ich es seit Ewigkeiten nicht mehr anhatte.“

Ich blickte sie bewundernd an. Mit einem Satz hatte sie es geschafft, Mrs Simpson subtil in ihre Schranken zu weisen. Indem sie ihr eigenes Kleid schlechtmachte, beleidigte sie auch das von Mrs Simpson. Ich beschloss, mich doch für sie zu erwärmen. Mrs Simpsons makellose Miene ließ nicht erkennen, ob ihr die Bemerkung etwas ausmachte.

Einer nach dem anderen wurden die Versammelten dem Prinzen und seiner Freundin vorgestellt. Ich stellte fest, dass ihr Mr Ernest Simpson nicht mehr auf Schritt und Tritt folgte. Gerüchten zufolge versuchte sie, ein Scheidungsverfahren einzuleiten. Das wurde auch Zeit. Mir war unbegreiflich, warum der arme Mann so lange damit einverstanden gewesen war, das fünfte Rad am Wagen zu spielen. Aber mir war schleierhaft, was Mrs Simpson als Nächstes zu tun gedachte. Natürlich würde sie den Prinzen niemals heiraten dürfen. Sie war eine zweifach geschiedene Frau. Er hingegen würde eines Tages das Oberhaupt der Kirche von England sein, und die Kirche billigte keine Scheidungen.

Nun war ich an der Reihe, vorgestellt zu werden. Die Miene meines Cousins hellte sich auf und er lächelte herzlich. „Hallo, Georgie. Hatte nicht erwartet, dich hier anzutreffen. Hast du dich von gestern erholt? Verflixt kalt in der Kirche, aber alles in allem eine vortreffliche Hochzeit, meinst du nicht? Zu gut für meinen Bruder.“

Ich war nicht sicher, ob er damit die Hochzeit oder die Braut meinte. „Es war wundervoll, Sir“, sagte ich und benutzte die korrekte Anrede, obwohl er mein Cousin war. So verlangte es das Protokoll. „Der Empfang im Buckingham Palace war besonders schön.“

Ich schenkte Mrs Simpson, die man dazu nicht eingeladen hatte, ein kurzes, huldvolles Nicken und sah, wie ein verärgerter Ausdruck über ihr perfekt geschminktes Gesicht huschte. Da ich diesen seltenen Moment auskosten wollte, fuhr ich fort. „Und ich hielt Eure Rede beim Empfang für brillant, Sir. Sehr lustig, Ihr habt genau die richtigen Worte gefunden.“

„Tja, man hätte es Bertie auch nicht zumuten können, was?“, sagte er schmunzelnd.

„Man stelle sich nur vor“, schaltete sich Mrs Simpson ein und sah sich mit einem bösartigen Funkeln in den Augen in der Runde um. „L-l-l-l-liebe F-f-f-freunde und F-f-f-familie- Der Mann ist einfach hoffnungslos peinlich, nicht wahr?“

„Er ist ein sehr netter Mensch“, sagte ich. „Er wird nur nervös, wenn er öffentlich sprechen muss.“

„Oder wenn er mit unserem Vater spricht“, fügte der Prinz hinzu. „Mit dem König kann er sich nie unterhalten ohne zu stottern.“

„Das liegt daran, dass Seine Majestät immer die Geduld mit ihm verliert und ihn anfährt. Wenn er mit Leuten wie mir oder seinen Töchtern spricht, stottert er nie.“

„Weil Sie für niemanden eine Gefahr darstellen, Schätzchen“, sagte Mrs Simpson und lächelte mir auf die herablassende Weise zu, die sie so gut beherrschte. „Wie geht es Ihnen, Georgiana? Ich habe Sie nicht gesehen, seit wir auf demselben Schiff nach Amerika fuhren. Hat Ihre Mama sich scheiden lassen? Ich nehme an, das war der Grund für Ihren Ausflug.“

„Das hat sie, danke“, sagte ich. „Und ich hoffe, Sie konnten ihre … geschäftliche Angelegenheit ebenfalls ordentlich zu Ende bringen.“ Es ging das Gerücht um, dass sie ebenfalls den Scheidungsprozess anstoßen wollte, daher verstand sie meine Andeutung nur zu gut.

„Ziemlich zufriedenstellend, danke“, antwortete sie, ihr Gesicht eine Maske der Gelassenheit. „Ich glaube, ich kann sogar behaupten, dass alles reibungslos verläuft.“ Sie blickte sich um und fuhr dann mit schneidender Stimme fort. „Abgesehen von der Tatsache, dass ich keinen Drink in der Hand habe. David – besorg mir einen Gin Tonic.“

Die anderen Gäste schnappten fast unhörbar nach Luft. „David“ nannte ihn nur seine Familie innerhalb ihrer Palastgemächer und selbst eine enge Freundin wie Mrs Simpson hatte ihn in der Öffentlichkeit mit „Sir“ anzusprechen. Und schon gar nicht hätte sie ihm befehlen dürfen, ihr einen Drink zu holen.

„Erlauben Sie mir“, sagte Prinzessin Zamanska hastig. „Pierre – einen Gin Tonic für Mrs Simpson. Und für Euch, Sir?“

„Ich nehme dasselbe. Vielen Dank“, sagte er. „Was hast du so getrieben, Zou Zou? Bist du in letzter Zeit Autorennen gefahren?“

„Tja, das Wetter war zu scheußlich“, sagte sie. „Aber ich habe ein neues Spielzeug. Ich habe mir gerade ein Flugzeug gekauft, einen niedlichen kleinen Zweisitzer. Ich dachte, Fliegen sei das Nächstliegende.“

„Nicht übel!“ Der Prinz nickte begeistert. „Wir können irgendwann zusammen fliegen. Ich fliege selbst gern, obwohl Wallis es hasst, mich zu begleiten, nicht wahr, meine Liebe?“

„Aus Angst, dass er uns beide umbringen könnte“, antwortete Mrs Simpson.

„Dann werden Sie und ich versuchen, den Looping gemeinsam zu fliegen“, sagte die Prinzessin.

„Sie sind beide verrückt, wissen Sie das?“, sagte Mrs Simpson und verdrehte die Augen in gespielter Verzweiflung. „Wir kommen übrigens gerade aus Deutschland. Diesem Land geht es jetzt prächtig, nicht wahr, David? Dieser Hitler hat es wirklich wieder auf die Beine gebracht. Die Deutschen sind so stolz, wohlhabend und gut organisiert. Ich sagte zu David, dass es mir nichts ausmachen würde, dort zu leben. Ein kleines Haus oben in den Bergen, wie das von Hitler. Ganz bezaubernd.“

„Sie würden es nicht so bezaubernd finden, wenn Sie dort längere Zeit leben müssten“, sagte Prinzessin Zamanska. „Keine zehn Pferde würden mich wieder nach Deutschland bringen und als Polin fürchte ich um mein Land.“

Der Gong erklang und wir gingen zum Dinner. Der Marquis de Chambourie wurde zu meinem Begleiter ernannt. Für meinen Geschmack hakte er sich ein wenig zu fest bei mir unter.

„Wo haben Sie sich denn bisher versteckt, Sie entzückendes Geschöpf“, fragte er, als er neben mir an einem wunderschönen Esstisch aus Mahagoni Platz nahm, dessen Gedecke im Licht zweier Kronleuchter glitzerten und funkelten.

„Von versteckt kann keine Rede sein“, sagte ich. „Ich habe viel Zeit in Schottland verbracht.“

„Schottland? Andere Leute gehen dorthin, um Moorhühner zu jagen, aber mir ist es zu wild, zu barbarisch und langweilig. Andererseits läuft alles außerhalb von Paris Gefahr, mich zu langweilen. Es sei denn, ich treffe ein Mädchen wie Sie – so süß und frisch. Da fühle ich mich wieder ganz lebendig. Sie müssen mich Jean-Claude nennen. Sagen Sie mir, wo wohnen Sie in London? Im Claridge’s? Im Dorchester?“

„Eigentlich wohne ich im Kensington Palace“, sagte ich, erleichtert darüber, dass nicht einmal ein leidenschaftlicher Franzose versuchen würde, sich Zugang zu meinem Schlafzimmer dort zu verschaffen.

„Sie wohnen in einem Palast? Ich wusste nicht, dass Sie zur Königsfamilie gehören.“

„Ich bin nur eine Cousine“, erklärte ich. „Der König und mein Vater waren Vettern ersten Grades. Macht mich das zu einer Cousine zweiten Grades oder zu einer Großcousine? Ich verstehe diese Dinge nie.“

„Aber Sie sind keine Prinzessin?“

„Nein. Die Mutter meines Vaters war zwar eine Prinzessin, aber der Titel wird nicht an weibliche Nachkommen vererbt. Wenn sie ein Junge gewesen wäre, wäre es anders gewesen.“

„So albern, all diese aristokratischen Regeln, nicht wahr?“, sagte er. „Ich selbst bin froh, dass Frankreich eine Republik ist und wir uns nicht mit solchen Trivialitäten herumschlagen müssen.“

„Und dennoch benutzen Sie immer noch Ihren Titel.“ Ich musste lächeln.

„Er öffnet gewisse Türen“, räumte er ein. „Und sorgt für einen recht angenehmen Lebensstil. Ich besitze nämlich ein sehr hübsches Stadthaus in Paris, nahe der Seine, und ein reizendes kleines Château bei Bordeaux. Sie müssen mich einmal besuchen. Ich würde Ihnen liebend gern die Weinberge zeigen.“

Wenn Darcy mich jetzt sehen könnte, würde er sich köstlich amüsieren. Ich konnte ihn vor mir sehen, wie er mir von der anderen Tischseite aus zuzwinkerte. Dann brach die Realität über mich herein. Darcy war weit weg in Irland.

Kapitel 7

30. November und später Samstag, 1. Dezember

Zurück im Rannoch House stehe ich erneut der gefürchteten Fig gegenüber. Ach herrje!

Das Essen war so köstlich, wie es nur Franzosen zubereiten können. Auf das luftig-leichte Soufflé folgte eine Entenbrust, die außen knusprig und innen saftig war. Doch trotz meines Hungers fiel mir das Essen schwer. Ich konnte die düsteren Vorahnungen nicht verdrängen, die mich überkamen. Außerdem musste ich mich gegen ein doppeltes Ärgernis ganz in der Nähe zur Wehr setzen. Unablässig wanderte Jean-Claudes Hand zu meinem Oberschenkel. Neben mir unterbrach die Prinzessin immer wieder ihre Erzählungen von Fallschirmsprüngen, Haifischjagden und Saharaexpeditionen mit Kamelen, um mir bohrende Fragen zu Darcy zu stellen. Kein Gesprächsthema schien ihr zu intim.

„Macht es dir Sorgen, dass er Katholik ist?“, erkundigte sie sich. Ich dachte, sie spiele darauf an, dass die Erbfolge es der Königsfamilie verbot, Katholiken zu heiraten. Doch sie fuhr fort: „Katholiken glauben nicht an Verhütung, oder? Zumindest nicht in der Ehe. Davor sieht es ganz anders aus, nicht wahr?“ Sie warf mir einen Blick zu, der besagte: „Wir Mädchen verstehen einander.“ Dann sprach sie weiter: „Bei Darcys leidenschaftlicher Natur wirst du jedes Jahr ein Kind in die Welt setzen.“

Ich fürchte, ich lief leuchtend rot an, was ihr ein Kichern entlockte. „Du bist wirklich ein süßes Unschuldslamm, was?“, sagte sie. „Ich glaube, du hast an solche Dinge noch nicht einmal gedacht. Da ich selbst katholisch bin, denke ich ständig daran. Aber wir haben natürlich diese wunderbare Einrichtung namens Beichte. Man kann sehr unartig sein, dann geht man zur Beichte, sagt ein paar Ave-Marias auf und alles ist vergeben. Das ist viel einfacher als bei den Protestanten und ihrem Fegefeuer.“

Sie nahm einen weiteren Löffel Meringe und leckte sich die Lippen, dann fuhr sie fort. „So sind wir uns zum ersten Mal begegnet, musst du wissen. Darcy und ich. Vor einigen Jahren. Er war noch ein Junge, aber was für ein gut aussehender kleiner Kerl. So reif für sein Alter. Wir liefen einander über den Weg, als wir den Beichtstuhl verließen.“

Die Hand auf meiner anderen Seite wanderte nun an meinem Schenkel entlang.

„Haben Sie Zou Zous schöne Sammlung von Kupferstichen schon gesehen?“, flüsterte Jean-Claude. „Oben in einem der Schlafzimmer. Ich würde Sie Ihnen nach dem Dinner liebend gern zeigen. Ich glaube nicht, dass man uns vermissen wird.“

Plötzlich hatte ich genug und wollte nicht länger höflich sein oder über Dinge sprechen, die mir zu persönlich waren. Ich nahm meine Dessertgabel und stieß sie in die Hand, die nun meinen Oberschenkel zusammenquetschte, als würde sie eine Melone auf ihren Reifegrad prüfen. Der Marquis stieß ein unwillkürliches „Ah“ aus, aber seine guten Manieren verlangten, dass er den Anschein perfekt wahrte und nichts weiter sagte. Er zog seine Hand fort.

„Es tut mir sehr leid“, sagte ich. „Ich muss meine Gabel fallengelassen haben. Wie ungeschickt von mir.“

Auf der anderen Seite von mir huschte ein belustigtes Lächeln über das Gesicht der Prinzessin. Sie wusste ganz genau, was ich getan hatte.

„Wo ist denn der liebe Darcy?“, fragte die Frau namens Bubbles, die uns gegenüber saß. „Ich habe ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

„Hast du es noch nicht gehört, meine Liebe?“, sagte Zou Zou. „Sein Vater wurde festgenommen. Der gute Junge ist sofort zu ihm gefahren, um ihm beizustehen.“

„Lieber Himmel“, sagte Dicky. „Ich habe heute Morgen etwas in der Zeitung gelesen. Ich sah, dass es ein irischer Adliger war, und nahm keine weitere Notiz davon. Aber es war O’Maras Vater, nicht wahr? Verhaftet wegen Mordes, auch das noch.“

„Ich glaube, diese Iren sind immer ein bisschen zu hitzig“, sagte Lady So-und-so, die Frau des Bankiers. „Nicht ganz zivilisiert, wisst ihr. Und sie werden aggressiv, wenn sie zu tief ins Glas geschaut haben.“

„Gab es nicht Anfang des Jahres einen Skandal, in den der Lord verwickelt war?“, sagte der Prince of Wales. „Pferdedoping beim Gold Cup oder etwas in der Art. Das Siegerpferd fiel tot um, und es stellte sich heraus, dass es gedopt worden war.“

„Das ist richtig. Und O’Maras Vater war der Trainer“, pflichtete ihm Dicky bei. „Es gab einen furchtbaren Wirbel, aber nichts wurde jemals bewiesen.“

Ich hielt es keine Sekunde länger aus. Ich wollte aufspringen und sie anschreien, damit sie aufhörten, darüber zu reden, als ginge es um das Wetter. Sie sprachen über den Vater von meinen Darcy, hier stand Darcys gesamte Zukunft auf dem Spiel. Ich wollte nichts sehnlicher als nach Hause zu gehen und war sehr erleichtert, als die Prinzessin vorschlug, dass wir Ladys uns zurückziehen und die Männer ihrem Portwein überlassen sollten. Als wir den Speisesaal verließen, nahm ich sie zur Seite und teilte ihr mit, dass ich mich nicht wohlfühlte. Ob sie mich wohl von ihrem Chauffeur zurück zum Palace fahren lassen könnte?

Sie reagierte sehr zuvorkommend. „Aber natürlich. Du hattest einen sehr anstrengenden Tag. Und du sorgst dich um Darcy. Aber ich bin sicher, dass er alles in Ordnung bringen wird. Es wird sich als schreckliches Missverständnis herausstellen und alles wird gut werden.“

Als ich versuchte, ihr zu danken, nahm sie meine Hände in ihre. „Komm mich wieder besuchen. Jederzeit“, sagte sie. „Und wenn du den Armstrong ausleihen musst, kannst du ihn sofort haben.“

Ihre Freundlichkeit, mehr als alles andere, rührte mich beinahe zu Tränen. Ich presste meine Lippen zusammen und nickte.

„Ich werde dich bei den anderen entschuldigen“, sagte sie. „Jean-Claude wird natürlich enttäuscht sein. Aber es ist gut für ihn, wenn er merkt, dass ihn nicht jede Frau auf der Welt unwiderstehlich findet.“ Sie sah sich zum Speisesaal um, aus dem das Gelächter der Männer drang. „Obwohl ich sagen muss, dass er ausgesprochen begabt ist. Vielleicht hättest du überraschend viel Vergnügen daran gefunden.“ Sie drückte meine Hand leicht.

Ich wurde zurück in den Palace gefahren und stellte fest, dass das Feuer in meinem Zimmer es nicht geschafft hatte, für Wärme zu sorgen. Es gab keine Spur von Queenie. Ich kämpfte mit den Haken an meinem Kleid, dann kletterte ich in mein kaltes Bett. Ich rollte mich zu einer kleinen Kugel zusammen und versuchte zu schlafen. Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Hatte Darcy angerufen? Ich stellte mir vor, wie er ebenfalls allein in einem kalten Bett lag, sich Sorgen machte und an mich dachte.

Am Morgen brachte man mir ein hart gekochtes Ei und Toast aufs Zimmer. Queenie hatte meine Sachen umgepackt und ich ging nach unten, um jemanden zu bitten, mir ein Taxi zu rufen. Ich blickte auf, als ich lebhaftes Fußgetrappel hörte, und einen Moment lang glaubte ich, erneut einen Geist zu sehen. Doch dann sah ich, dass dieser Mann ausgesprochen lebendig war. Er hatte nur eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem Major, seinem Vorgänger im Palace, der bei einem tragischen Sturz ums Leben gekommen war.

„Lady Georgiana“, sagte er in aufgewecktem militärischem Tonfall, „ich kann mich gar nicht genug entschuldigen. Ich hatte ja keine Ahnung. Ich erfuhr von der Dienerschaft, dass Sie bereits abgereist wären und Ihr Dienstmädchen zurückgelassen hätten, um Ihre Sachen nachkommen zu lassen. Hätte ich gewusst, dass Sie noch hier sind, hätte ich dafür gesorgt, dass Sie angemessen verpflegt und umsorgt werden.“

„Das ist schon in Ordnung, Major …?”

„Halliburton“, sagte er. „Grenadier-Garde.“

„Major Halliburton“, sagte ich. „Bitte entschuldigen Sie sich nicht. Ich hatte beabsichtigt, abzureisen, aber ich musste unerwartet zurückkehren. Ich werde heute Vormittag in das Haus meines Bruders umziehen, breche also in wenigen Minuten auf.“

„Nein, nein. Bitte bleiben Sie so lange, wie Sie wollen“, beteuerte er.

„Aber die Wohnung sollte doch heute geschlossen und die Diener fortgeschickt werden“, sagte ich.

Er blickte sich um, bevor er seine Stimme senkte. „Damit wollten wir sicherstellen, dass eine gewisse andere Lady wieder nach Hause zurückkehrt, wo immer das sein mag“, sagte er und grinste verschwörerisch. „Ich hörte, dass sie Interesse daran bekundete, auf unbestimmte Zeit zu bleiben, und da sie nicht der einfachste Gast war …“ Er brauchte den Satz nicht zu beenden. „Aber bei Ihnen ist das ganz anders. Diese Lady hat sich selbst eingeladen, wie man mir sagte. Sie hätte nicht einmal hier sein sollten. Alle waren überrascht, als sie plötzlich auf der Türschwelle stand.“

„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich verspreche Ihnen, dass wir beide Ihnen nicht länger zur Last fallen werden“, sagte ich.

„Um was für eine Last geht es?“, fragte eine herrische Stimme hinter uns und Irmtraut stand dort, reisefertig in einem grünen Trachtenumhang aus Österreich. „Ich hoffe, ich muss nichts Schweres tragen. Die Dienstboten sollten das übernehmen.“

„Es ist nur eine Redensart, Gräfin“, sagte der Major. „Ein englischer Ausdruck.“

„Ich freue mich darauf, in ein Land zurückzukehren, in dem die Leute das sagen, was sie meinen, ohne alberne Begriffe zu verwenden wie Höhlenkröten oder vom Himmel regnende Hunde und Katzen.“

Sie rauschte an uns vorbei zur Eingangstür hinaus.

Der Major und ich lächelten einander an.

***

Man rief mir für die kurze Fahrt zum Belgrave Square ein Taxi und lud das Gepäck hinein. Es war noch immer furchtbar neblig und wir fuhren im Schneckentempo durch Kensington Gardens, da wir nur wenige Schritte weit sehen konnten.

„Menschenskinder, wenn es noch schlimmer wird, pack ich ein“, brummte der Fahrer, als er vor Rannoch House anhielt. Hamilton, unser Butler, öffnete die Tür.

„Na so was, Lady Georgiana, was für eine angenehme Überraschung“, sagte er. „Mir wurde nicht mitgeteilt, dass Sie erwartet werden. Lassen Sie mich Ihnen den Mantel abnehmen und dafür sorgen, dass Ihr Zimmer bereit ist.“ Er spähte auf die Straße, wo sich Queenie mit den Taschen abmühte. „Und ich schicke einen Lakaien hinaus, um mit Ihrem Gepäck zu helfen.“

„Ist der gnädige Herr zu Hause, Hamilton?“, fragte ich.

„Ich glaube, er ist in seinem Club. Aber die gnädige Frau ist hier.“

Er hatte die Worte gerade ausgesprochen, da kam auch schon die gnädige Frau höchstpersönlich die Treppe herunter auf uns zu.

„Georgiana“ rief sie mit überraschtem Gesicht. „Was tust du hier? Wir dachten, du wärst in den Kensington Palace gezogen.“

„Nur bis zur Hochzeit“, sagte ich. „Ich wurde eingeladen, um Prinzessin Marina Gesellschaft zu leisten, und da sie und der Duke of Kent nun in die Flitterwochen gefahren sind, wird die Wohnung geschlossen und ich komme für eine Weile wieder zu euch, falls das in Ordnung ist.“

Ihre Augen huschten nervös umher. „Oh, ja, natürlich. Binky wird sich freuen dich zu sehen. Er ist wie üblich in seinem Club. Geht jeden Morgen dorthin, um Zeitung zu lesen. Er scheint sie lieber dort zu lesen, was albern ist, da wir hier die gleichen Zeitungen haben.“ Sie drehte sich um und sagte: „Wir trinken den Kaffee im Morgensalon, Hamilton.“ Sie ging voraus und nahm in dem besten Sessel neben dem Kamin Platz. Ich ging zu dem Sessel am Fenster, angemessen weit von ihr entfernt.

„Wie geht es den Kindern?“, erkundigte ich mich. „Sind beide wohlauf?“

„Podge war erkältet. Ich glaube, die Londoner Luft tut seiner Lunge nicht gut. Ich habe dem Kindermädchen vorgeschlagen, seine Fenster nachts nicht zu öffnen, aber sie ist altmodisch. Alle Kinder sollten bei geöffnetem Fenster schlafen, komme was wolle.“

„So wurde ich auch erzogen“, sagte ich. „Man lässt die Schlafzimmerfenster auf Castle Rannoch immer offen, wie du nur zu gut weißt.“

„Vielleicht wird sich das bessern, nachdem wir die neue Zentralheizung installiert haben“, sagte sie. „Du musst uns nächsten Sommer besuchen kommen. Und wohin geht es jetzt? In eine andere königliche Residenz?“

Fig hatte mir nie verziehen, dass ich von königlichem Geblüt war, sie selbst aber nur angeheiratet. Noch mehr trug sie mir nach, dass ich eine sehr gute Beziehung zu Königin Mary unterhielt. Und außerdem, dass meine Mutter vermögend war. „Oder vielleicht geht es wieder mit Mummy nach Amerika? Du scheinst ein aufregendes Leben zu führen.“

„Was meine Pläne angeht, bin ich mir nicht sicher, Fig. Im Moment würde ich gern in London bleiben.“ Ich hörte das Rumpeln von Koffern, die nach oben geschleift wurden. „Aber lass dich nicht von mir abhalten. Ich sollte lieber hochgehen und Queenie beim Auspacken meiner Kleider überwachen.“

Fig seufzte. „Ich kann nicht verstehen, warum dieses grässliche Geschöpf immer noch dein Dienstmädchen ist. Sie genügt den Ansprüchen einfach nicht, Georgiana. Sie bringt Schande über die ganze Familie.“

„Du kennst den Grund, Fig“, erwiderte ich. „Ich habe kein Geld. Keinen Unterhalt. Nichts. Ich kann kein anständiges Dienstmädchen einstellen. Queenie arbeitet quasi für Kost und Logis.“

Fig rümpfte die Nase. „Ich weiß nicht, warum du mir das erzählst. Es ist nicht die Pflicht deines Bruders, für den Unterhalt einer unverheirateten Schwester zu sorgen. Die Familie hat deine Saison als Debütantin bezahlt. Du bist über einundzwanzig. Damit sind alle unsere Verpflichtungen beendet. Weiß der Himmel, dass sich die Familie stark genug für dich eingesetzt hat.“

„Es gab keinen Antrag, den ich als angemessen bezeichnet hätte, Fig, wie ich dir schon einmal gesagt habe.“ Damit meinte ich Prinz Siegfried (von meinen Freunden Fischlippe genannt), der mir in aller Deutlichkeit gesagt hatte, dass ich ihm einen Erben schenken müsste und er mich danach nie mehr anrühren würde.

Sie seufzte. „Hast du bei der Hochzeit etwa keine aussichtsreichen Heiratskandidaten kennengelernt? Soweit ich sehen konnte, waren einige junge Burschen vom Festland anwesend. Wir waren zwar nicht beim Empfang im Palace eingeladen, du allerdings schon, wie ich hörte.“ Sie warf mir einen weiteren vernichtenden Blick zu.

„Ich bin in der Lage, selbst einen Mann zu finden, danke, Fig.“

„Du meinst diesen O’Mara? Ich hoffe, dass sein Name in diesem Haus nie wieder ausgesprochen wird. Du weißt sicher, dass sein Vater ein Mörder ist? Ein gewöhnlicher Verbrecher, Georgiana. Du musst ihn dir aus dem Kopf schlagen.“

„Sein Vater wird des Mordes bezichtigt“, widersprach ich. „Unschuldig bis zum Beweis der Schuld.“

„Du weißt, wie es so schön heißt: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Sie nickte, als hätte sie einen Treffer gelandet.

„Ich glaube, ich besuche die Kinder im Kinderzimmer“, sagte ich.

„Und wie lang hast du vor hierzubleiben?“, fragte sie, als sie sich erhob.

„Ich bin mir nicht sicher“, sagte ich. „Meine Pläne sind eher spontan, wie üblich.“

„Es ist nur so, dass wir selbst nicht viel länger bleiben werden“, sagte Fig und setzte ein beinahe selbstzufriedenes Grinsen auf.

„Ich dachte, ihr lasst auf Castle Rannoch eine Zentralheizung einbauen und verbringt Weihnachten in London.“

„Das war der ursprüngliche Plan“, sagte sie. „Aber meine Schwester Ducky – du erinnerst dich doch an Ducky, oder?“

„Sehr gut sogar“, sagte ich und versuchte ein Schaudern zu unterdrücken. Figs Familie war ausnahmslos genauso unangenehm wie sie.

„Nun, Ducky erhielt auch ihren Teil des Erbes von unserer Tante und hat damit eine kleine Villa in Nizza gekauft. Natürlich nicht so prunkvoll wie die deiner Mutter. Aber man kann dort überwintern. Und sie haben uns eingeladen, uns ihnen anzuschließen. Wir werden Ende der Woche dorthin fahren.“

„Oh, ich verstehe“, antwortete ich. „Und ich nehme an, es besteht keine Hoffnung, dass ich eine Weile allein hierbleiben kann?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich fürchte nein. Das wird schlicht nicht möglich sein, wir werden das Haus nämlich schließen. Die Dienerschaft schicken wir zurück nach Schottland. Wir können es uns einfach nicht leisten, zwei Häuser in Betrieb zu halten.“

„Ich komme inzwischen ganz gut allein zurecht“, sagte ich.

„Aber es fallen zusätzliche Kosten an, nicht wahr? Das Geld ist entsetzlich knapp, Georgiana. Und wie man hört, ist der Kohlepreis in die Höhe geschossen.“ Sie blickte starr auf das Feuer, das ausgesprochen fröhlich im Kamin brannte. Dann drehte sie sich um und wedelte mit einem knochigen Finger in meine Richtung. „Weißt du, was du tun solltest? Du solltest mit der Königin reden, da ihr anscheinend so dick befreundet seid. Sicherlich kann eine ihrer betagten königlichen Tanten eine Gesellschafterin wie dich gebrauchen. Soweit ich weiß, ist der Kensington Palace voll von ihnen. Nennt man sie nicht den ‚Tantenhaufen‘?“

„Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin sicher, dass es viele Orte gibt, an denen ich bleiben kann“, sagte ich betont munter. „Mein Großvater sagt immer, ich wäre bei ihm herzlich willkommen.“

Fig blinzelte schnell, wie sie es immer tat, wenn sie nervös war. „Du meinst den Vater deiner Mutter? Der frühere Polizist, der in Essex lebt?“

„Es wird wohl kaum der alte Duke of Rannoch sein. Der ist seit dreißig Jahren tot.“

„Georgiana, das ziemt sich einfach nicht. Jemand von deinem Stand kann nicht bei einem pensionierten Cockney-Polizisten in Essex wohnen!“

„Der König und die Königin gehen häufig nach Sandringham“, sagte ich. „Das ist nur eine Grafschaft weit weg.“

„Du weißt, was ich meine“, zischte sie. „Man hat die Ehre der Familie zu wahren.“

„Die Familie gibt mir kein Geld, um ihre Ehre zu wahren“, sagte ich. „Aber mach dir keine Sorgen. Ich nehme an, dass Prinzessin Zamanska mir eine Unterkunft besorgen kann.“

„Wer?“, fragte sie. „Zamanska? Etwa die schreckliche Frau, über die berichtet wird, dass sie aus Flugzeugen springt?“

Alles in allem verteidigte ich meinen Standpunkt recht gut. Es hätte mir Spaß machen sollen, Fig zu piesacken. Sie hatte über die Jahre weiß Gott wie viele hasserfüllte Dinge zu mir gesagt. Aber mein drängendster Gedanke war, dass ich für Darcy auffindbar bleiben musste. Er würde anrufen, sobald er Neuigkeiten hatte. Hoffentlich noch vor Ende der Woche. Und dann würde er mich bitten, zu ihm zu kommen.

***

Hamilton hatte gerade ein Tablett mit Kaffee hereingebracht, als wir hörten, wie eine Tür ins Schloss fiel, und Schritte im Flur ertönten. Mein Bruder Binky erschien, das Gesicht halb verborgen unter einem großen roten Schal. „Grausiges Wetter dort draußen, Fig. Die Luft schmeckt geradezu nach Ruß. Ich glaube nicht, dass das Kindermädchen mit den Kleinen hinaus in den Park gehen sollte.“

„Du weißt doch, wie wild sie auf frische Luft und körperliche Ertüchtigung ist“, sagte Fig.

„Das meine ich ja. Die Luft ist nicht frisch.“ Er wickelte sich aus seinem Schal, dann sah er mich auf dem Stuhl neben dem Fenster sitzen. „Oh, Georgie, altes Haus. Wie wundervoll. Du kommst nach der Hochzeit nach Hause zurück?“

Mir entging nicht, dass er Rannoch House noch immer als mein Zuhause ansah, während ich für seine Frau ein ungebetener Gast war.

„Hallo, Binky“, sagte ich. „Ja, ich wurde heute Morgen aus dem Kensington Palace geworfen, also dachte ich, ich komme her, um einen Moment zu verschnaufen, bevor ich weiterreise.“

„Famos“, sagte er. „Wir freuen uns, dass du hier bist, nicht wahr, Fig?“

„Was? Oh ja. Ja, natürlich.“ Hastig nahm sie einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee.

„Übrigens, Georgie“, sagte Binky, „du hast doch nicht immer noch ein Auge auf diesen O’Mara geworfen, oder? Ich komme gerade aus dem Club und dort reden alle über seinen Vater. Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast, aber er wurde wegen Mordes festgenommen. Anscheinend hat er irgendeinem Amerikaner mit einer der Waffen aus dem Familienbesitz den Kopf eingeschlagen. Ich weiß nicht, ob eine Spur Verrücktheit mitspielt, aber der Mann klingt nach einem ausgemachten Schurken.“ Er ließ sich mir gegenüber auf dem Sofa nieder. „Anscheinend übernahm er nach seinem Bankrott die Leitung des äußerst erfolgreichen Rennstalls für den amerikanischen Millionär, der sein Anwesen aufkaufte. Sie feierten eine Reihe von Erfolgen … Gold Cups, alles Mögliche. Und dann stellte sich heraus, dass es nur daran lag, dass er die Pferde dopte. Er spritzte ihnen irgendein Gebräu von Medikamenten, damit sie schneller rannten. Ein richtiger Mistkerl. Natürlich kam alles ans Licht. Ein Pferd, das ein großes Rennen angeführt hatte, brach vor der Ziellinie tot zusammen und in seinem Kreislauf wurden Medikamente gefunden.“ Er beugte sich zu mir. „Es kam nie zu einer strafrechtlichen Verfolgung, aber der Amerikaner feuerte ihn auf der Stelle. Ließ ihn nicht mehr in die Nähe seiner Pferde. Ich gehe davon aus, dass Lord Kilhenny wütend war und sich gerächt hat.“

„Einfach barbarisch“, sagte Fig. „Binky, du musst Georgiana sagen, dass sie mit diesem Darcy keinerlei Kontakt mehr haben darf und wir diesen Namen nie wieder hören wollen.“

„Moment mal“, sagte ich und spürte, wie ich feuerrot anlief. „Wir wissen noch nicht einmal, ob Darcys Vater schuldig ist. Und was immer er getan haben mag, ihr könnt Darcy nicht mit ihm in einen Topf werfen.“

„Ich fürchte, diesmal hat Fig recht, altes Haus“, sagte Binky. „Dein Freund ist vielleicht ganz und gar unbescholten, aber der Skandal wird ihn dennoch verfolgen. Würde mich nicht wundern, wenn er den Rest seines Lebens als Ausgestoßener fristen muss.“

„Dann wird er Freunde brauchen, die ihn nicht aufgeben“, gab ich zurück. „Und zum Glück scheint Darcy einige Freunde zu haben, mich eingeschlossen.“

„Wenn herauskommt, dass du auf irgendeine Weise mit ihm zu tun hast, würden alle Zeitungen davon berichten“, sagte Fig. Sie genoss diese Situation eindeutig. „Die Familie würde sich zutiefst schämen.“

„Du brauchst einen Ortswechsel“, sagte Binky. Seine Miene hellte sich auf. „Ich hab’s – Fig hat vielleicht erwähnt, dass wir nächste Woche nach Südfrankreich reisen. Ducky und Foggy haben eine Villa gekauft. Nun, Villa ist vielleicht eine zu prunkvolle Beschreibung, es scheint eher ein heruntergekommenes kleines Haus zu sein …“

„Wenn man in Nizza ein gewöhnliches kleines Haus kauft, nennt man es eine Villa, Binky“, fiel ihm Fig ins Wort.

„Na schön.“ Binky zuckte mit den Achseln. „Wie auch immer, wir brechen zu dieser sogenannten Villa auf und vielleicht solltest du uns begleiten.“

„Allmächtiger“, sagte ich im selben Moment, als Fig rief: „Oh nein, Binky.“

„Aber Fig, sie ist meine Schwester“, sagte er. „Wenn sie in der Klemme steckt, liegt es an uns, sie zu retten.“

Figs Augen huschten nun nervös umher. „Du sagtest gerade selbst, dass es ein heruntergekommenes kleines Haus sei, Binky. ‚Klein‘ ist hier das entscheidende Wort. Für Georgiana wäre kein Platz.“

„Sie könnte ein Zimmer mit Maude teilen“, sagte Binky. „Letztes Mal haben sie sich blendend verstanden, nicht wahr?“

Das bewies, wie gutmütig, aber völlig ahnungslos mein Bruder war. Ich war noch immer sprachlos. Mein letzter desaströser Aufenthalt in einer Villa in Nizza war mir noch gut in Erinnerung, denn auch dort hatte ich ein Zimmer mit Duckys Tochter teilen müssen. Maude und ich hatten einander auf den ersten Blick nicht ausstehen können. Was das Essen anging, war Ducky so geizig gewesen, dass man pro Person kaum mehr als ein Salatblatt bekam, und Foggy, Duckys Mann, hatte mir Avancen gemacht, als er mich allein im Flur angetroffen hatte. Auf keinen Fall würde ich mit ihnen an die Riviera fahren.

„Wie freundlich von euch“, sagte ich, „aber ich kann euch nicht solche Unannehmlichkeiten bereiten. Wie ich Fig bereits sagte, gibt es genügend Orte, an denen ich unterkommen kann. Meine Mutter meinte, ich könnte sie liebend gern in Berlin besuchen, und sie hat nun auch eine Villa am Luganer See.“

„Sie ist immer noch mit diesem Kerl aus Deutschland zusammen?“, fragte Binky.

„Ja. Sie haben sogar vor zu heiraten“, sagte ich.

„Weißt du was, das ist vielleicht keine schlechte Idee für Georgiana“, sagte Fig und wedelte mit dem Finger vor Binkys Nase herum. „Es gibt immer noch viele junge deutsche Grafen und Barone und wie man hört, ist das gesellschaftliche Leben in Berlin ein regelrechtes Feuerwerk. Ich weiß es natürlich nicht aus eigener Erfahrung, da ich nicht die Mittel zum Reisen habe. Aber du solltest es in Betracht ziehen, Georgiana. Der Beau deiner Mutter ist steinreich, wie man hört. Du würdest eine schöne Zeit haben und vielleicht endlich jemanden kennenlernen. Jemanden, der reich und deinem Stand angemessen ist.“

„Aber ich will niemanden kennenlernen, Fig. Und mach dir bitte keine Sorgen um mich. Ich bin mir sicher, dass ich allein zurechtkomme. Reist ruhig ab und genießt die Zeit mit Ducky und Foggy. Passt nur auf, dass ihr nicht zu viel Gewicht zulegt.“

Diese letzte Bemerkung war gemein von mir, aber ich hatte das Bedürfnis, mich zu wehren. Ich war überreizt und wütend über die Art und Weise, wie die ganze Welt Darcy zusammen mit seinem Vater verurteilt zu haben schien. Und im Hinterkopf hatte ich die Sorge, dass alles, was sie gesagt hatten, der Wahrheit entsprach. Was, wenn sein Vater für schuldig befunden wurde? Was, wenn Darcy von der Gesellschaft gemieden wurde? Doch dann ging mir auf, dass nichts davon von Bedeutung war. Wenn er ausgestoßen wurde, würde ich mit ihm in ein kleines Haus ziehen, wie das meines Großvaters. Nichts davon würde eine Rolle spielen, solange wir zusammen waren.

Kapitel 8

Samstag, 1. Dezember

Rannoch House, Belgrave Square, London W1

Nachdem ich zu diesem Schluss gekommen war, ging ich nach oben, um mir anzusehen, welcher Folter Queenie meine Kleider unterzog. Ich traf sie auf meinem Bett sitzend an, wo sie sich über das gerötete Gesicht wischte.

„Menschenskinder, Miss“, sagte sie. „Ich bin fix und fertig. Ich musste dieses ganze Zeug die verflixte Treppe raufschleppen.“

„Hat Hamilton nicht den Lakaien geschickt, um dir zu helfen?“

„Japp, aber als der ankam, war ich schon zweimal rauf und runter gestiefelt.“

„Tja, es wird dich freuen zu erfahren, dass du nicht alles auspacken musst“, sagte ich. „Wir werden nicht lang bleiben. Also sollten einige Ensembles für tagsüber und ein Dinnerkleid ausreichen.“

„Wohin geht es denn diesmal? Irgendwohin, wo es schön und warm ist?“

Ich zögerte. Wohin würde ich gehen, wenn Binky und Fig nach Nizza aufbrachen? Ich könnte meiner Mutter schreiben und fragen, ob ich sie besuchen durfte. Ich konnte durchaus die Königin aufsuchen und mich erkundigen, ob sie wieder eine kleine Aufgabe für mich hatte. Diese hatten sich bereits in der Vergangenheit als durchaus interessant erwiesen. Dann erinnerte ich mich daran, dass die Herzoginwitwe von Eynsford mir gesagt hatte, ich sei auf Kingsdowne immer willkommen. Und auch Lady Hawse-Gorzley würde mich gern in Devon aufnehmen. Vielleicht war sogar mein ehemaliger Stiefvater, Sir Hubert Anstruther, von seiner letzten Bergbesteigung heimgekehrt. Er hatte mich immer gemocht und sogar einmal versucht, mich zu adoptieren. Also gab es Orte, an denen ich gern gesehen war. Noch bestand kein Grund zur Panik. Nur befand sich keiner von ihnen in London, ich musste aber mit Darcy in Kontakt bleiben. Ich musste wissen, was los war und was ich für ihn tun konnte.

Da fiel mir Belinda ein. Sie war zu Schulzeiten meine beste Freundin gewesen und hatte ein sehr wildes und zügelloses Leben geführt, das sie schließlich eingeholt hatte. Jetzt befand sie sich in anderen Umständen, wie man so schön sagte, und sie war mit ihrer Weisheit am Ende. Ich hatte meiner Mutter geschrieben und sie darum gebeten, Belinda in einer ihrer Villen Unterschlupf zu gewähren, bis das segensreiche Ereignis vorüber war. Da Belinda und meine Mutter beide Freigeister waren und einen ähnlich zügellosen Lebenswandel geführt hatten, war ich mir sicher, dass Mummy Mitleid mit ihr haben und sie nach Lugano oder Nizza schicken würde. Und wenn Belinda im Ausland war, wäre ihr kleines Cottage in den ehemaligen Stallungen der perfekte Ort für mich.

„Ich werde rechtzeitig zum Mittagessen zurück sein“, sagte ich zu Queenie, dann wickelte ich mich in Mantel und Schal und ging hinaus in die Dunkelheit. Belinda lebte nicht allzu weit entfernt in einem entzückenden Cottage in Knightsbridge. Ich glaubte nicht, dass sie an einem so rußig-schmutzigen Morgen wie diesem draußen unterwegs war, also klopfte ich an ihre Tür. Auf der Treppe hörte ich Schritte, dann öffnete Belinda. Sie trug einen Seidenpyjama und sah wie immer glamourös aus, wenn auch ausgesprochen zerbrechlich. Das Bild von Camille schoss mir durch den Kopf.

„Georgie“, sagte sie und ihre Miene erhellte sich. „Wie schön. Ich dachte aus irgendeinem Grund, dass du nach der Hochzeit gegangen wärst. Komm doch rein.“ Sie zerrte mich beinahe hinein, bevor noch mehr Nebel hinter mir in die Wohnung wabern konnte.

„Ich war fort“, sagte ich, „aber Darcy musste unerwartet nach Irland, wie du inzwischen bestimmt weißt.“

Überrascht sah sie auf. „Nein. Warum?“

„Liest du keine Zeitung?“

„Nie. Es gibt nichts als schlechte Nachrichten, nicht wahr?“ Sie ging voraus in ihr gemütliches Wohnzimmer und ließ sich elegant auf ihrem Sofa nieder. Ich steuerte den Stuhl neben dem Gasfeuer an.

„Nun, ich bin mir sicher, dass du bald davon hören wirst, wenn du dich hinaus in die Gesellschaft begibst. Sein Vater wurde festgenommen und Darcy ist ihm zu Hilfe geeilt.“

„Das sieht Darcy ähnlich.“ Sie nickte. „Aber wie schrecklich für euch beide.“

„Wir werden es überstehen, mach dir keine Gedanken“, sagte ich. „Aber wie geht es dir? Du siehst nicht gerade rosig aus.“

„Nein, ich hatte schreckliche Übelkeit. Man nennt es morgendliche Übelkeit, aber zuweilen habe ich mich bis in den Nachmittag und Abend übergeben. Es gibt keine Speisen, auf die ich Lust habe. Ich nehme an, es hört bald auf. Gott, ich hoffe es jedenfalls. Ich weiß nicht, warum Frauen freiwillig Kinder bekommen. Es ist grauenvoll.“

„Hast du schon von meiner Mutter gehört?“

„Noch nicht. Aber es ist nicht mehr von Belang, Georgie. Ich brauche sie nicht.“

Ich war verwirrt. Das Kind konnte sie nicht verloren haben, sonst wäre ihr nicht so übel gewesen. Ich fragte mich, ob der Vater des Kindes seine Meinung geändert und Kontakt zu ihr aufgenommen hatte, um sie zu heiraten, aber es erschien mir unklug, danach zu fragen. Also wartete ich.

„Ich habe gerade eine gute Nachricht erhalten“, sagte sie und starrte an mir vorbei aus dem Fenster in den wirbelnden Nebel. Sie zögerte, sehr zu meinem Ärger. Ich war versucht, ihr zu sagen, sie solle mit der Sprache herausrücken, aber das gehörte sich nicht. „Tja, ich nehme an, es ist eigentlich eine schlechte Nachricht. Aber für mich ist sie gut.“

Schließlich hielt ich es nicht länger aus. „Um Himmels willen, nun sag schon“, hakte ich nach.

„Meine Großmutter ist gestorben“, sagte sie.

„Das tut mir leid.“

Sie schnitt eine Grimasse. „Ich weiß, mir sollte es auch leidtun, aber das tut es in Wahrheit nicht. Sie war nie ein besonders herzlicher Mensch. Wies mich immer zurecht. Ich solle mich aufrecht hinsetzen und warum sei ich nicht verheiratet? Sehr engstirnig und überheblich. Wenn sie von dem Kind erfahren hätte, hätte ich von dem Erbe keinen Penny gesehen.“ Ein breites Lächeln überzog ihr Gesicht. „Tja, wie es der Zufall will, starb sie im richtigen Moment und hinterließ mir eine nicht unbeträchtliche Summe. Anscheinend mochte sie meine Stiefmutter genauso wenig wie ich, daher hinterließ sie meinem Vater nur einen Pflichtteil und mir den Rest. Ich bin eine sehr vermögende Frau, Georgie.“

„Das freut mich sehr für dich. Also, was wirst du tun?“

„Wie ich höre, wird es Ewigkeiten dauern, bis das Testament vollstreckt ist, aber der Anwalt ist gewillt, mir einen Vorschuss zu geben, was bedeutet, dass ich aufs Festland reisen und eine kleine Wohnung mieten kann, wo mich niemand erkennt. Natürlich nicht an der Riviera. Dort habe ich zu viele Bekannte. Ich dachte an Italien. Irgendwo, wo die Engländer nicht hingehen.“

„Also nicht Positano. Oder Florenz.“

„Auf keinen Fall. Vielleicht einer der Seen? Oder ein kleines Dorf am Meer? Ich bleibe dort, bis die Geburt kurz bevorsteht, dann fahre ich in die Schweiz, entbinde in einer guten Klinik, arrangiere die Adoption und komme nach Hause.“

„Bei dir klingt das alles so einfach“, sagte ich. „Was ist, wenn du das Neugeborene ansiehst, dich hoffnungslos verliebst und es nicht aufgeben kannst?“

Kopfschüttelnd lächelte sie. „Mein mütterlicher Instinkt ist nicht besonders ausgeprägt. Aber mit diesem Problem befasse ich mich, wenn es so weit ist. Entscheidend ist, dass ich mir von jetzt an keine Sorgen mehr machen muss. Ich bin frei. Ich suche mir eine kleine Villa, stelle eine Einheimische ein, die mir göttliches italienisches Essen kocht und mich mästet, und während ich dort bin, arbeite ich an dem Entwurf für eine neue Kollektion. Dann komme ich hierher zurück und eröffne meinen eigenen Modesalon.“

„Ich freue mich für dich, Belinda“, sagte ich.

Sie nickte. Sie sah nicht sehr glücklich aus. „Unter den gegebenen Umständen ist es wohl das Beste, was man sich wünschen kann.“

In diesem Moment wurde mir klar, dass sie den Mann, der sie betrogen hatte, wirklich geliebt hatte. Uns Frauen fiel es schwer, sich Männer aus dem Kopf und aus dem Herzen zu schlagen.

„Wann wirst du abreisen, was meinst du?“

„Vor Weihnachten, hoffe ich. Weihnachten allein in London wäre wirklich katastrophal. Nach Hause kann ich natürlich nicht gehen, denn die böse Stiefmutter würde es sicher bemerken. Gestern bekam ich meine Hose nicht mehr ganz zu. Du glaubst gar nicht, was für ein Schock das war. Plötzlich war alles so greifbar. Also habe ich Weihnachten in Italien ins Auge gefasst.“ Sie berührte meinen Arm. „Warum kommst du nicht mit? Wir hätten Spaß zusammen. Es wäre wie in den alten Zeiten.“

„Da bin ich mir sicher“, stimmte ich ihr zu, „aber ich kann London nicht verlassen, falls Darcy mich braucht.“

„Warum hast du ihn nicht nach Irland begleitet?“

Ich starrte in die glühenden Gitterstäbe vor dem Feuer. „Er sagte, er wolle mich nicht dort haben. Oder zumindest, dass sein Vater mich in einer so schrecklichen Zeit nicht dort haben wolle.“

„Armer Darcy, sich einer so unangenehmen Angelegenheit ganz allein stellen zu müssen. Weshalb wurde sein Vater verhaftet?“

„Mord“, sagte ich.

„Meine Güte. Nein, wahrscheinlich ist es klug, sich davon fernzuhalten. Es gibt nichts, was du tun könntest, und die Zeitungen werden wie die Aasgeier über euch kreisen. Es würde deine Familie sicher verärgern.“

„Ich verstehe nicht warum. Darcy hat nichts falsch gemacht. Er ist für das Verhalten seines Vaters nicht verantwortlich.“

„Aber du weißt, wie Zeitungen sind. ‚Die Cousine des Königs mit Mord in Verbindung gebracht.‘“

„Darcy ist clever. Ich bin sicher, er wird herausfinden, dass alles ein Irrtum war.“ Ich wollte sie genauso überzeugen wie mich selbst. „Und was wird aus deiner Wohnung, nachdem du weg bist?“

Da lächelte sie, das erste Mal, dass ich ein echtes, glückliches Lächeln auf ihrem Gesicht sah. „Es ist wundervoll. Ich habe es geschafft, sie für ein hübsches Sümmchen zu vermieten. Ein amerikanischer Professor, der an der LSE lehrt. Also was soll’s, mit dem Geld von Großmama und der Miete werde ich zur Abwechslung gut über die Runden kommen. Ich muss mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, wo der nächste Penny herkommen soll.“ Sie unterbrach sich und schaute zu mir auf. „Tut mir leid, das war ziemlich gedankenlos. Du zerbrichst dir offensichtlich noch immer den Kopf darüber, wo der nächste Penny herkommen soll.“

„Zufällig habe ich im Moment ein wenig beiseitegelegt. Außerdem ist Geld nicht alles“, sagte ich und bereute es sofort.

„Nein“, sagte sie. „Geld ist nicht alles.“

Ich stand auf. „Ich sollte wieder zurück. Ich wollte nur nach dir sehen.“

„Wohnst du bei deinem Bruder?“

„Genau“, sagte ich. „Bei meinem Bruder.“

Wir umarmten uns. „Schreib mir, sobald du eine Adresse hast“, sagte ich. „Ich habe keine Ahnung, wohin es mich verschlägt, aber wenn du an Castle Rannoch schreibst, werde ich den Brief irgendwann bekommen.“

„Das werde ich. Und vielleicht kannst du mich besuchen kommen, sobald diese schreckliche Sache mit Darcys Vater aufgeklärt ist.“ So wie sie mich ansah, konnte ich erkennen, dass sie besorgter war, als es den Anschein hatte. Sie brauchte eine Freundin.

„Das werde ich, wenn ich kann“, sagte ich.

„Ich werde dir das Geld für die Fahrkarte schicken. Das wird schön.“

„Ja.“ Wir standen da und sahen uns an. Ich erinnerte mich an meinen ersten Tag auf Les Oiseaux, meinen ersten Tag an einer Schule. Ich war unbeholfen, unerfahren im Umgang mit anderen Mädchen, naiv und ahnungslos. Belinda trug Seidenstrümpfe und rauchte im Badezimmer. Sie schien mir hoffnungslos überlegen, bis wir uns ein Schlafzimmer mit einem wirklich grauenvollen deutschen Mädchen teilen mussten, das schrecklich kleinkariert war und andere anschwärzte. Wir mussten uns gegen sie verbünden und wurden schnell Freundinnen.

„Pass auf dich auf“, sagte ich. „Wir sehen uns bald wieder.“

„Du auch.“

Ich warf einen Blick zurück, als ich das Gelände der alten Stallungen überquerte, und sah, wie der Vorhang zuckte. Belinda schaute mir nach. Ich fühlte mich furchtbar zerrissen. Natürlich wollte ich für Darcy erreichbar sein. Schließlich waren wir im Begriff gewesen zu heiraten. Wenn alles gut ging, konnte ich hoffen, noch in diesem Jahr Mrs O’Mara zu werden. Vielleicht würden wir sogar irgendwo zusammen eine Wohnung beziehen. Oder ein irisches Cottage. Aber das würde bedeuten, dass ich Belinda nicht begleiten konnte, wenn sie mich brauchte. „So ein Mist“, murmelte ich. Warum musste das Leben immer so kompliziert sein?

***

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, auf und ab zu gehen. Es gelang mir nicht, mich zu beruhigen oder die Sorgen zurückzudrängen. Warum hatte mir Darcy keine Telefonnummer gegeben, unter der ich ihn erreichen konnte? Warum hatte er mich nicht angerufen, um mir die Neuigkeiten mitzuteilen? Doch dann wurde mir klar, dass er erst seit einem Tag dort war. Wahrscheinlich hatte er noch keine echten Neuigkeiten. Wahrscheinlich fühlte er sich ebenso niedergeschlagen wie ich. Ich ging nach unten zu Binkys Schreibtisch und nahm Briefpapier heraus, nur um festzustellen, dass ich nicht wusste, wohin ich den Brief adressieren sollte. „Das Cottage bei Kilhenny Castle, Irland“ würde dem Postboten vielleicht nicht ausreichen. Wie wenig ich über Darcys Zuhause und seine Vergangenheit wusste!

Also ging ich wieder nach unten in Binkys Arbeitszimmer und fand einen Atlas, brütete über der Karte von Irland, bis mir ein aufgeregtes Quietschen entwischte. Herrenhäuser und Schlösser waren in kleinen roten Buchstaben vermerkt und nicht allzu weit von Dublin, nahe der Stadt Kildare, sah ich die Worte Kilhenny Castle.

Wenigstens konnte ich ihm jetzt schreiben. Ein Brief von mir würde ihn aufmuntern. Ich nahm meinen Stift zur Hand und schrieb ihm, wie reibungslos meine Fahrt nach London verlaufen war. Wie sehr ich es genossen hatte, die Prinzessin zu treffen. Ich beschrieb sogar die Dinnerparty, Mrs Simpson, den französischen Marquis, der meinen Schenkel betatscht hatte, und den Vorfall mit der Gabel. Ich stellte mir vor, wie er darüber lachte, wie er diese bezaubernden Fältchen um die Augen bekam. Und natürlich sagte ich ihm, wie sehr ich ihn liebte und dass ich kommen würde, sobald er das wollte. Ich gab ihm die Telefonnummer von Rannoch House, nur für den Fall, dass er sie vergessen hatte oder sie nicht bei sich trug. Ich legte den Brief nicht einmal auf das Silbertablett in der Vorhalle zu den anderen Briefen, die die Diener dem Postboten überreichen sollten. Ich ging selbst wieder nach draußen und fand einen Briefkasten.

Ich war etwas heiterer, als ich nach Hause kam und feststellte, dass der Tee serviert wurde und die Kinder aus dem Kinderzimmer nach unten geholt wurden, um dieses tägliche gesellschaftliche Ritual mit ihren Eltern zu vollziehen. Podge erzählte seinem Vater eine komplizierte Geschichte und Fig sah sehr unbehaglich aus, während sie die kleine Adelaide auf ihrem Knie hielt. Adelaide sah genauso unbehaglich aus, aber sie wedelte aufgeregt mit ihren Armen, als sie mich sah. Podge eilte zu mir und schlang seine Arme um meine Beine. „Tante Georgie, du bist zurückgekommen“, sagte er. „Wirst du noch lange bleiben? Können wir in den Park gehen und die Enten füttern?“

„Ich glaube, ihr fahrt nächste Woche alle wieder nach Frankreich“, sagte ich, kniete mich auf den Teppich und nahm Fig Adelaide ab. Addy ließ sich bereitwillig und mit einem erleichterten Lächeln im Gesicht auf den Arm nehmen.

„Du kannst mitkommen“, sagte Podge. „Kann sie nicht mitkommen, Daddy?“

„Es gibt nicht genug Platz für mich“, sagte ich hastig, bevor einer von ihnen antworten musste. „Ich kann nirgends schlafen.“

„Ich teile mein Zimmer mit dir“, sagte er.

„In deinem Zimmer schlafen schon Addy und dein Kindermädchen.“ Ich lächelte in sein ernstes kleines Gesicht. „Und ich muss hier in England wichtige Dinge erledigen. Aber du wirst eine schöne Zeit haben und am Strand spielen.“

„Der Strand besteht nur aus Steinen“, sagte er unverblümt.

„Ich glaube, es ist an der Zeit, dass dein Kindermädchen dich wieder nach oben bringt“, sagte Fig. „Du hast überall Krümel auf deinem Pullover. Und Adelaide muss gewickelt werden. Sie wird deinen Rock nass machen, Georgiana.“

Das Kindermädchen kam sofort her und nahm mir Adelaide ab.

„Ich will hier bleiben und mit Tante Georgie reden“, klagte Podge, aber sein Kindermädchen nahm ihn fest bei der Hand.

„Sie wird dich morgen im Kinderzimmer besuchen“, sagte sie.

„Er wird immer weinerlicher“, bemerkte Fig. „Nimm dir noch Tee, Georgiana. Mrs McPherson hat heute Lebkuchen gebacken.“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich aß gerade mein zweites Stück Lebkuchen, als ich hörte, wie das Telefon im Flur klingelte. Hamiltons sanfte schottische Stimme ertönte. „Rannoch House. Der Butler am Apparat.“ Dann hörte ich ihn sagen: „Ich werde sie sofort holen, Sir.“

Ich war bereits aufgesprungen, als er den Raum betrat. „Ein Telefonanruf für Sie, Mylady“, sagte er.

Ich versuchte, auf zivilisierte Weise zu gehen, anstatt zum Telefon zu sprinten. Meine Hand zitterte, als ich das Mundstück ergriff. „Hallo?“

„Georgie, ich bin’s“, sagte er.

„Darcy? Ich bin so froh, deine Stimme zu hören. Ich habe gewartet und mir Sorgen gemacht. Welche Neuigkeiten gibt es? Was hast du herausgefunden? Wird alles wieder gut werden?“

„Georgie, sei still und hör mir zu“, sagte Darcy. „Ich fürchte, alle Nachrichten sind schlecht. Es ist für mich ganz offensichtlich, dass mein Vater schuldig ist. Es wird einen abscheulichen Prozess geben und wahrscheinlich wird er gehängt werden.“

„Darcy, wie schrecklich für dich“, setzte ich an, doch er unterbrach mich.

„Ich habe lange und intensiv darüber nachgedacht, aber ich bin zu dem schmerzlichen Schluss gekommen, dass du und ich nichts mehr miteinander zu tun haben sollten. Ich will nicht, dass dein Leben denselben Schandfleck bekommt wie meines. Also löse ich unsere Verlobung auf, Georgie. Ich werde dich nicht mehr kontaktieren und du solltest nicht versuchen, mich zu kontaktieren.“

„Nein!“, rief ich und das Wort hallte von der hohen Decke des Treppenhauses wider. „Das akzeptiere ich nicht. Ich liebe dich, Darcy. In guten wie in schlechten Zeiten, erinnerst du dich? Ich werde bei dir bleiben, egal was passiert.“

Seine Stimme klang immer noch völlig ruhig, als würde er mit mir über das Wetter sprechen. „Ich tue das, weil ich dich liebe. Zum Glück sind wir nicht schon verheiratet, sodass ich den Aspekt ‚in guten wie in schlechten Zeiten‘ nicht berücksichtigen muss. Ich will nur die guten Zeiten für dich. Ich werde dich nicht durch die Hölle schicken. Meine Entscheidung steht fest. Auf Wiedersehen, mein Liebling. Ich wünsche dir nichts als Glück.“

„Nein, Darcy. Geh nicht fort. Das ist dumm. Ich liebe dich. Ich werde dich nicht gehen lassen.“ Ich schrie nun, was eine Lady niemals tun sollte. Und ich weinte.

„Auf Wiedersehen, Georgie.“ Ein Klicken ertönte und die Telefonleitung war tot.

Kapitel 9

Samstag, 1. Dezember

Rannoch House, London

Der schlimmste Tag meines ganzen Lebens.

Ich stand im kalten Flur, während mir Tränen übers Gesicht liefen.

„Nein“, sagte ich erneut, doch diesmal hörte mich niemand.

Ich ertrug es nicht, Binky und Fig gegenüberzutreten. Binky wäre betont freundlich und würde Plattitüden zum Besten geben. Er würde behaupten, Darcy hätte das Richtige getan und es wäre besser so. Fig würde mit einem boshaften Funkeln in den Augen kundtun, dass sie über diese Familie nur Schlechtes gehört hätte und dies der Beweis wäre. Wie ein Tier in der Falle sah ich mich um. Ich musste fort von hier. Ich musste mit jemandem reden, aber mit wem? Belinda hatte selbst nicht viel Erfolg mit Männern gehabt und würde vermutlich dasselbe sagen wie Binky, nämlich, dass es angesichts der Umstände das Beste wäre. Mir blieben nur zwei Möglichkeiten: mein Großvater oder die Prinzessin Zamanska. Ich kannte sie zwar kaum, aber ich hatte gemerkt, dass sie sich einen feuchten Dreck um gesellschaftliche Regeln scherte. Und Darcy lag ihr am Herzen.

Dann beschloss ich, dass Trost und eine Umarmung angebracht waren. Die Prinzessin konnte warten. Ich wusste, wen ich in diesem Moment am meisten brauchte. Bevor jemand den Flur betreten konnte, zog ich hastig Mantel und Hut an und floh durch die menschenleeren Straßen voller Dunst zur nächstgelegenen U-Bahn-Station. Als ich eine Stunde später an der ruhigen kleinen Haltestelle Upminster Bridge ausstieg, hatte sich der rauchige Londoner Dunst in Küstennebel verwandelt, dessen Feuchtigkeit mich einhüllte. Begleitet vom Echo meiner Schritte lief ich den Hang hinauf zur Straße meines Großvaters. Es fühlte sich an, als wäre ich der einzige lebende Mensch auf der Welt.

Großvater lebte in einer hübschen kleinen Doppelhaushälfte in einer ruhigen Seitenstraße. Es hatte einen Rasen in Taschentuchgröße, auf dem drei ernst dreinblickende Gartenzwerge standen. Die Rosenbüsche, die im Sommer so schön waren, streckten kahle, tote Äste aus, aber durch die Bleiglasscheiben der Haustür schien Licht und ich hörte Stimmen im Haus. Er war daheim, aber er hatte Gesellschaft. Das war das Letzte, was ich im Moment brauchte, besonders wenn es seine Nachbarin Mrs Huggins war, die in ihn verliebt war und versuchte, ihn zu einer Heirat zu bewegen. Sie war neugierig und geschwätzig, also konnte ich vor ihr nicht frei sprechen. Aber ich wollte jetzt nicht den ganzen Weg zurück nach Belgravia gehen. Ich klopfte und vernahm das keuchende Husten meines Großvaters. „Moment noch“, tönte es aus dem Haus. „Moment, ich komme.“ Dann öffnete sich die Haustür.

Er blickte hinaus, runzelte die Stirn, dann hob er überrascht die Augenbrauen. „Verdammt, Liebes, du bist die letzte Person, die ich erwartet hätte. Ach, du bist Balsam für meine Seele. Komm rein, komm schon. Ich wollte gerade meinen Tee trinken.“

„Du hast Gäste?“, fragte ich, als ich den engen Flur betrat und er die Tür hinter mir schloss. „Ich muss nämlich nicht bleiben …”

„Was? Ach, das. Nein, Küken, das ist nur das Radio. Leistet mir Gesellschaft. Ich schalte es aus.“ Ich hängte meinen Hut und meinen Mantel an den Kleiderständer im Flur, dann folgte ich ihm in die Küche. Die Stimmen waren plötzlich verstummt. Ein dampfender Teller, dessen Inhalt nach herzhaftem Steak-and-Kidney-Pudding aussah, stand auf dem Tisch.

„Oh, du isst gerade Supper“, sagte ich. Die Begriffe für die Mahlzeiten der unteren Klassen hatte ich noch nicht ganz gemeistert. Um die Mittagszeit aß man Dinner und zum Tee gab es das, was wir als frühes Abendessen bezeichnet hätten. „Setz dich und iss. Lass es nicht kalt werden.“

„Hat mir die Nachbarin rübergebracht“, sagte er. „Steak-and-Kidney-Pud, meine Leibspeise. Gibt genug. Kann ich dir davon auftun?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin wirklich nicht hungrig, aber ich nehme eine Tasse Tee, falls du welchen aufgesetzt hast.“ Noch etwas, das ich über Menschen wie meinen Großvater gelernt hatte, war, dass immer Tee in der Kanne war. Sie tranken ihn literweise und die Kanne war immer voll mit frisch gebrühtem Tee, für den Fall, dass ein Nachbar vorbeischaute.

„Aber natürlich“, sagte er. „Bedien dich. Die Milchkanne ist in der Vorratskammer.“

Ich goss eine Tasse Tee ein und setzte mich ihm gegenüber, während er sich dem Pudding widmete.

„Ich bin froh, dass du noch immer einen gesunden Appetit hast“, sagte ich.

Er nickte. „Sie ist vielleicht ein bisschen lästig, aber sie kann zweifellos kochen. Wie verträgt sich denn ihre Verwandte mit dir?“ Mrs Huggins war Queenies Großtante.

„Unter uns gesagt ist es so hoffnungslos wie eh und je“, sagte ich und brachte ein Lächeln zustande. „Ich glaube nicht, dass sie sich jemals bessern wird, aber ich brauche ein Dienstmädchen und sie braucht Arbeit. Wahrscheinlich ergänzen wir uns gut.“

Er schaute auf, eine Stück Niere auf seine Gabel gespießt. „Ich habe ein Foto von dir auf dieser königlichen Hochzeit gesehen. Du sahst sehr elegant aus. War es so schön, wie alle sagen?“

„Es war sehr schön“, bestätigte ich. „Prinzessin Marina sah traumhaft aus.“

„Und wie ist sie so? Für eine Ausländerin?“

„Ihr Englisch ist perfekt und sie war entzückend“, sagte ich. „Ich habe meine Zeit mit ihr wirklich genossen.“ Abgesehen von dem Mord, dachte ich. Er war sehr aufwühlend gewesen. Anscheinend bestand mein Leben aus einer Reihe besorgniserregender Vorfälle, und sie zielten zunehmend auf das ab, was mir lieb und teuer war.

„Und wohin gehst du jetzt?“, fragte er. „Was bringt dich zu mir? Ich glaube nich’, dass du den ganzen Weg hierhergekommen bist, nur um deinem alten Großvater Hallo zu sagen.“

„Ich besuche dich immer gern“, sagte ich. „Das weißt du doch. Aber du hast recht. Ich fürchte, ich habe die Flucht ergriffen. Ich habe schlechte Nachrichten erhalten und bin aus dem Haus gerannt. Ich bin hier, weil du der einzige Mensch bist, mit dem ich darüber reden kann.“
„Schlechte Nachrichten?“

„Vielleicht hast du in der Zeitung davon gelesen“, sagte ich. „Darcys Vater wurde wegen Mordes festgenommen.“

„Menschenskinder. Das war also der irische Adlige, von dem die Rede war. Hat jemandem mit der Streitaxt den Schädel eingeschlagen, was?“

„Ein Streitkolben.“ Ich holte tief Luft. „Darcy hat mich gerade angerufen, um mir zu sagen, dass er möchte, dass wir alle Verbindungen kappen sollen. Er will nicht, dass ich auf irgendeine Weise mit ihm in Verbindung gebracht werde.“

Großvater nickte. „Auf mich machte er immer den Eindruck eines umsichtigen jungen Mannes. Er denkt, er tut das Richtige.“

Ich sah auf, so schockiert, als hätte er mich eben geohrfeigt. „Ich dachte, wenigstens du würdest mich verstehen“, sagte ich zornig. „Ich liebe ihn, Großvater. Als wir davon erfuhren, waren wir gerade auf dem Weg nach Gretna Green, um heimlich zu heiraten. Ich will nicht ohne ihn leben.“

„Aber du kannst seinen Standpunkt nachvollziehen, oder?“, fragte er ruhig. „Er passt auf dich auf. Er weiß, wie es aussehen wird, wenn die Reporter wie die Aasgeier über ihm kreisen. Er weiß, dass die Gerüchte ihn den Rest seines Lebens verfolgen werden. Die Leute werden einander anstoßen und sagen: ‚Das ist derjenige, dessen Vater ein Mörder ist.‘ Dann werden sie nicken und einen großen Bogen um ihn machen.“

„Das ist so ungerecht. Weißt du noch, dass Binky einmal ungerechtfertigt festgenommen wurde? Seinem Ruf hat es nicht geschadet. Und Darcy ist ein wunderbarer Mensch, Großvater, er muss große Qualen durchmachen. Ich will in seiner Nähe sein. Ich will ihm in dieser Situation beistehen.“

„Und wie willst du ihm helfen, Küken?“, fragte er sanft. „Glaubst du nich’, dass er sich noch mehr Sorgen machen wird, wenn er versuchen muss, dich vor der Presse zu schützen?“

Ich zögerte angesichts seiner Worte und überlegte. Glaubte ich wirklich, dass ich ihm helfen konnte? Würde er sich besser fühlen, wenn er wusste, dass ich an seiner Seite war, komme was wolle? Würde einer meiner Verwandten wegen eines Vergehens festgenommen, dachte ich, würde ich Darcy in meiner Nähe wissen wollen. Und wenn auch nur die geringste Hoffnung, nur der Hauch einer Chance bestand, dass sein Vater unschuldig war, waren zwei Köpfe besser als einer.

„Wäre die Situation umgekehrt, würde ich mir wünschen, dass Darcy hier wäre“, sagte ich.

„Wenn dir dein Gefühl das sagt, was hält dich dann noch hier?“, fragte er.

„Was?“

„Fahr zu ihm. Wenn er versucht, dich fortzuschicken, dann sag ihm, dass du ihn nich’ im Stich lässt, egal, was passiert.“ Er hob einen Finger. „Aber du musst dir sicher sein, dass du dem gewachsen bist. Es wird nich’ leicht sein. Diese Reporter, sie werden euch auf Schritt und Tritt verfolgen wie ein Wolfsrudel. Und deiner Familie wird es nich’ gefallen, wenn du in einen Mordprozess verwickelt wirst.“

„Meine Familie kann sich zum Teufel scheren“, sagte ich, woraufhin er so lachen musste, dass mir ebenfalls ein Lächeln entschlüpfte.

„Dass so etwas über deine Lippen kommt, hätte ich nie gedacht“, sagte er. „Ich wette, das hat dir deine Gouvernante nich’ beigebracht. Und diese Schwägerin von dir würde in Ohnmacht fallen, wenn du in ihrer Gegenwart so sprechen würdest.“

„Ich benutze diesen Ausdruck nicht oft“, sagte ich, „aber unter den gegebenen Umständen kommt er mir angebracht vor. Schließlich bin ich nicht einmal von Bedeutung. Der Prince of Wales macht sich mit Mrs Simpson davon, der Duke of Kent hat eine sehr dunkle Vergangenheit. Ich glaube wirklich nicht, dass die Zeitungen sich für mich interessieren werden.“

„Du kennst sie ja“, sagte er. „Sobald die Königsfamilie in irgendeiner Weise verwickelt ist, brennt die Öffentlichkeit darauf, es zu erfahren. Besonders, wenn es um etwas Unlauteres geht, irgendeinen Skandal.“

„Du glaubst also, dass ich lieber nicht fahren sollte?“, fragte ich. „Was hättest du getan, wenn die Familie meiner Großmutter in irgendwelchen Schwierigkeiten gesteckt hätte?“

Das brachte ihn zum Lachen, ein dumpfes, pfeifendes Glucksen, das seinen Körper erzittern ließ. „So habe ich sie kennengelernt, Liebes. Ich habe ihren Bruder wegen Trunkenheit und Ruhestörung vor dem Nag’s Head festgenommen. Er war nur ein junger Bursche, also brachte ich ihn nach Hause. Seine Schwester öffnete die Tür. Menschenskinder, sie war ein echter Knaller. Umwerfend, das war sie.“

„Ich wünschte, ich hätte sie kennengelernt“, sagte ich.

„Deine Mum hat ihr Aussehen geerbt“, sagte er. „Zum Glück ähnelt sie nich’ meiner Seite der Familie, sonst hätte sie auf der Bühne keine zwei Pence verdient. Hast du in letzter Zeit von ihr gehört?“

„Nicht seit ihrer Rückkehr nach Deutschland.“

„Ich hoffe, sie heiratet nich’ diesen Deutschen“, sagte Großvater.

„Ich glaube, das hat sie vor.“

„Das kann zu nichts führen. Diese Deutschen werden sich für einen weiteren Krieg rüsten, lass dir das gesagt sein. Nach dem letzten Mal wurden sie gedemütigt, und sie bilden sich was auf ihren Stolz ein. Sicher sinnen sie auf Rache. Und deine Mum wird sich auf der falschen Seite wiederfinden.“

„Himmel, ich hoffe nicht“, sagte ich. „Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Wenn du in derselben Zwickmühle wärst, würdest du gehen?“

Einen Herzschlag lang blickte er starr auf seinen Teller hinunter, dann sah er mir in die Augen. „Ja, ich glaube, ich würde gehen. Was hast du schon zu verlieren? Wenn du dort ankommst und er sich weigert, dir gegenüberzutreten und verlangt, dass du sofort umkehrst und nach Hause fährst, hast du es immerhin versucht. Wenigstens weiß er dann, wie viel er dir bedeutet.“

„Du hast vollkommen recht, wie immer“, sagte ich. „Du gibst mir immer gute Ratschläge. Ich bin so froh, dass ich hergekommen bin. Ich werde eine kleine Tasche packen und morgen früh den Irish-Mail-Postzug nehmen.“ Ich hielt inne, als mir etwas einfiel. „Oh, Mist. Queenie. Was soll ich bloß mit ihr tun? Ich kann sie nicht nach Irland mitnehmen. Auch ohne sie wird es dort schon kompliziert genug sein. Und im Rannoch House kann ich sie nicht lassen. Fig würde verrückt werden und sie auf die Straße setzen, außerdem reisen sie in einer Woche aufs Festland. Glaubst du, ihre Familie würde sie für kurze Zeit bei sich aufnehmen?“

„Für eine sehr kurze Zeit“, sagte er. „Letztes Mal, nachdem sie ihre Küche in Brand gesetzt hat, waren sie mächtig erleichtert, sie los zu sein. Aber ich werde mit ihrer Großtante nebenan sprechen. Ich erkläre ihr alles, dann wird sie sie bestimmt aufnehmen. Nur nicht zu lange, hörst du?“

„Ich habe keine Ahnung, wie lange ich fortbleiben werde. Wir werden es einfach abwarten müssen, nicht wahr? Aber wenn Queenie hier in Sicherheit ist, habe ich eine Sorge weniger.“

„Mach dir darüber keine Gedanken, Liebes. Schick sie her und wir sorgen dafür, dass es ihr gut geht.“

Ich umrundete den Tisch und gab ihm einen Kuss auf den kahlen Kopf. „Du bist mir wirklich der liebste Mensch auf der ganzen Welt, mit Ausnahme von Darcy“, sagte ich. „Wenn wir eines Tages verheiratet sind und ich die Herrin eines Schlosses oder Herrenhauses bin, hole ich dich zu mir, damit du im Pförtnerhäuschen wohnen kannst und wir einander jeden Tag besuchen können.“

„Das wäre schön“, sagte er und schenkte mir ein wehmütiges Lächeln. „Wollen wir nur hoffen, dass sich alles zum Guten wendet.“

Kapitel 10

1. Dezember und später Sonntag, 2. Dezember

Ich habe eine weitreichende Entscheidung getroffen. Ich hoffe sehr, dass es die richtige war. Wenn ich es nur sicher wüsste!

Als ich zurückkam, waren Fig und Binky bereits passend zum Dinner gekleidet und tranken Sherry. Fig funkelte mich ärgerlich an. „Wo bist du gewesen, Georgiana? Du hast niemandem Bescheid gegeben, dass du ausgehst. Das Dinner fängt jeden Moment an.“

„Es tut mir leid“, sagte ich. „Ich habe meinen Großvater besucht und die Rückfahrt dauerte länger als erwartet.“

„Du hast deinen Großvater besucht?“ Sie klang genauso entsetzt wie Lady Bracknell in dem Stück Ernst ist das Leben, als sie ihren berühmten Ausruf „Eine Handtasche?“ tätigte.

„Benötige ich deine Erlaubnis, um Verwandte zu besuchen?“, fragte ich. Die Ereignisse des Tages waren so aufwühlend gewesen, dass es mir schwerfiel, meine Verärgerung im Zaum zu halten.

„Nein, natürlich nicht, aber du bist in diesem Haus zu Gast. Die Höflichkeit verlangt es, seine Gastgeber darüber in Kenntnis zu setzen, wenn man zu spät zu einer Mahlzeit erscheint.“

„Bitte scheut euch nicht, ohne mich zu dinieren“, sagte ich. „Ich bin nicht besonders hungrig.“

Daraufhin trat Binky zu mir. „Du bist offensichtlich durcheinander, meine Liebe“, sagte er. „Verständlich. Warum gehst du nicht nach oben und nimmst ein schönes langes Bad, danach kann Mrs McPherson dir etwas Leichtes zubereiten, ein Omelett zum Beispiel.“

„Ich wüsste nicht, warum wir Mrs McPherson Umstände machen sollten …“, setzte Fig an, aber Binky schnitt ihr das Wort ab. „Mrs McPherson hat Georgie sehr gern. Ich bin sicher, sie wird sie gern aufmuntern.“

„Wie nett von dir“, sagte ich zu Binky. Dann presste ich meine Lippen aufeinander. Mich beschlich das furchtbare Gefühl, dass ich jeden Moment in Tränen ausbrechen konnte.

„Ich hoffe inständig, dass du deinen Großvater nach unserer kleinen Diskussion nicht gefragt hast, ob du bei ihm einziehen kannst, Georgiana“, sagte Fig.

Binky warf ihr einen überraschten Blick zu. „Warum sollte sie bei ihrem Großvater einziehen wollen? Es ist unpraktisch, so weit außerhalb von London zu wohnen.“ Er musterte mich lange und eingehend. „Bist du hier nicht glücklich, Georgie?“

„Binky, du bist manchmal so schwer von Begriff“, sagte Fig, bevor ich antworten konnte. „Sie braucht offensichtlich eine Bleibe, wenn wir nach Frankreich gehen.“

„Warum nicht hier?“, fragte Binky.

Fig starrte ihn wütend an. „Weil wir das Haus schließen und die Dienerschaft zurück nach Schottland schicken“, sagte sie.

„Georgie hat hier schon einmal ganz erfolgreich ohne Dienerschaft gelebt, wenn ich mich recht erinnere. Sie hat mir sogar zum Frühstück ein Ei gekocht.“

„Als du fälschlicherweise angeklagt und wegen Mordes verhaftet wurdest, wenn ich mich recht erinnere“, sagte ich.

„Ganz richtig. Du warst großartig, Georgie. Hast die ganze Sache aufgeklärt.“ Binky nickte Fig bedeutungsvoll zu.

„Du warst in der gleichen misslichen Lage, in der sich Darcys Vater gerade befindet.“ Das erwähnte ich ausdrücklich für den Fall, dass sie etwas begriffsstutzig waren.

„Das lässt sich nicht vergleichen“, sagte Fig. „Binky war unschuldig und jeder wusste es.“

Ich wollte gerade sagen, dass auch Darcys Vater vielleicht unschuldig war, bis mir einfiel, dass sogar Darcy ihn für schuldig hielt. Eine Welle der Verzweiflung schlug über mir zusammen, während Binky munter weitersprach.

„Georgie hat sich bestens um mich gekümmert, Fig. Sie war mir die ganze Zeit über eine große Stütze. Ich verdanke ihr mein Leben, Fig, also verstehe ich nicht, warum wir sie nicht hier wohnen lassen können.“

„Binky, mein Lieber, ich muss widersprechen …“, setzte Fig an, aber ich schnitt ihr das Wort ab. „Nein, bitte macht euch keine Sorgen um mich. Ich reise morgen früh ab. Ich werde bei Freunden wohnen. Es ist alles arrangiert.“

Dann ging ich eilig nach oben und ließ mir von Queenie ein Bad einlaufen. Später brachte sie mir ein herrliches Tablett mit Suppe und Omelett aufs Zimmer. Obwohl ich auf beides keinen Appetit hatte, aß ich auf und fühlte mich danach entschieden besser. Morgen würde ich zu Darcy fahren. Ich würde standfest bleiben und ein Nein nicht akzeptieren.

„Menschenskinder, immer geht es diese verflixten Treppen rauf und runter“, klagte Queenie, nachdem sie mein Tablett wieder nach unten gebracht hatte.

„Ja, mir ist klar, dass du in letzter Zeit zu hart arbeiten musstest“, sagte ich. „Also gönne ich dir eine Pause.“

„Reisen wir etwa an einen schönen, warmen Ort?“ Sie sah mich erwartungsvoll an.

„Ich reise an einen schrecklichen Ort, aber du musst nicht mitkommen“, sagte ich. „Du kannst nach Hause zu deiner Familie.“

„Zu denen, Miss? Haste Töne.“ Sie schnitt eine Grimasse.

„Magst du deine Familie nicht?“

„Nun, ja, in gewisser Weise schon, glaube ich. Aber ich bin dort nich’ willkommen. Nich’ nach dem letzten Mal. Sie haben Angst, dass ich wieder den Herd in die Luft jage. Und mein alter Paps sagt mir in einem fort, wie nutzlos ich bin und dass ich sogar meinen Kopf vergessen würde, wenn er nich’ angewachsen wäre.“

„Ich kann verstehen, was sie meinen, Queenie“, sagte ich. „Du bist ein hoffnungsloser Fall, aber deine Großtante Mrs Huggins hat sich bereit erklärt, dich aufzunehmen, bis ich zurückkomme. Du kannst dich schön ausruhen.“

Sie machte keinen besonders dankbaren Eindruck. „Aber mein Platz ist an Ihrer Seite, Miss.“

„Ich fürchte, dort gibt es keinen Platz für ein Dienstmädchen. Und ich weiß nicht einmal, wie lange ich wegbleiben werde. Vielleicht nur einige Tage, vielleicht auch länger. Ich könnte besser schlafen, wenn ich wüsste, dass du bei deinen Verwandten bist, wo es dir gut geht.“

„In Ordnung. Wenn Sie meinen.“ Die Tatsache, dass sie nicht „klar wie Kloßbrühe“ sagte, verdeutlichte ihren Widerwillen nach Hause zu gehen. Ich vermutete, dass Mrs Huggins sie härter schuften ließ als ich.

„Wenn du dich bitte darum kümmern würdest, dass ich genügend Kleidung für etwa eine Woche habe – meinen Schottenrock, meinen guten Kaschmirpullover – und ich werde mein Tweedkostüm tragen. Vergiss auch meine Unterwäsche und meine Nachthemden nicht.“

„Keine Abendkleider?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass man sich dort eigens zum Dinner umziehen wird.“

„Wenigstens muss ich mich nich’ damit abmühen, das verfluchte Seidenpapier aufzutreiben“, brummte sie, als sie zu packen begann.

***

Meine Reise nach Irland begann nicht besonders verheißungsvoll. Als ich mich anziehen wollte, stellte ich fest, dass Queenie alle Sachen, die ich tragen wollte, eingepackt hatte – bis auf einen Strumpf, der nicht auffindbar war. Also musste ich meinen großen Koffer öffnen und die meisten Kleidungsstücke herausnehmen, was uns beide frustrierte und verärgerte. Ich war ungewöhnlich kurz angebunden, weil meine eigenen Nerven zum Zerreißen gespannt waren. Bei Licht besehen, so kurz vor Reiseantritt, kam mir alles so real vor und mich beschlichen Zweifel, ob ich das Richtige tat. Wenn Darcy mich wirklich nicht dort haben wollte, wenn mein Erscheinen die Situation für ihn nur komplizierter machte, wäre er nicht erfreut. Ich hoffte zwar, dass er mit offenen Armen auf mich zulaufen und sagen würde: „Ich kann es auch nicht ertragen, ohne dich zu leben.“ Aber egal wie das Ergebnis aussehen würde, ich war entschlossen, es durchzuziehen.

Die nächste Komplikation trat auf, als ich mich zur Abreise bereit machte. Queenie war sehr weinerlich geworden und überzeugt, dass etwas Schreckliches passieren und sie mich nie wieder zu Gesicht bekommen würde. Sie hatte ein großes rot-weißes Taschentuch hervorgezogen und trottete hinter mir her, während sie sich regelmäßig mit der Lautstärke eines Nebelhorns schnäuzte. Binky hatte mir erlaubt, mein überschüssiges Gepäck in meinem Zimmer zu lassen, wo ich es abholen konnte, wenn ich zurückkehrte oder sobald ich wusste, wo ich unterkommen würde. Gerade hatte ich mich von der immer noch schluchzenden Queenie verabschiedet, der ich als versöhnliche Geste ein Taxi gerufen hatte, als Binky aus seinem Studierzimmer kam.

„Du reist also ab? Bist du dir sicher, dass es dir gut geht?“

Ich nickte, selbst den Tränen nahe. „Mir geht es wunderbar, danke. Und danke, dass ich mein Gepäck hierlassen kann. Eine Sorge weniger.“

Er sah mich lang und prüfend an. „Du gehst zu diesem O’Mara, nicht wahr?“

„Ich fürchte ja. Ich will ihn in dieser Situation nicht völlig allein lassen.“

„Ich nehme an, dass es sehr unschön wird.“

„Davon gehe ich aus, aber ich werde ihn nicht wegen einer Tat, die sein Vater begangen hat, aufgeben. Erinnerst du dich daran, wie du des Mordes bezichtigt wurdest, Binky? Weißt du noch, wie grauenvoll es war?“

„Und du hast zu mir gehalten und mich aus dem Gefängnis geholt. Die geniale Georgie. Dafür bin ich dir sehr dankbar.“

„Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um Darcy zu helfen.“

Er legte mir einen Arm um die Schulter. „Du bist ein famoses Mädchen, Georgie. Ein Fels in der Brandung. Eine treue Seele. Ich hoffe, dieser O’Mara weiß, was er an dir hat.“

„Das hoffe ich auch.“

Binky wühlte in seiner Tasche. „Ich weiß, dass du knapp bei Kasse bist, Georgie. Ich dachte, das könnte dir ein wenig helfen.“ Er reichte mir mehrere Fünfpfundnoten.

„Oh, nein, Binky. Ich kann dein Geld nicht annehmen“, sagte ich. „Ich habe im Augenblick eine kleine Rücklage, um über die Runden zu kommen.“

„Nein, Georgie, ich bestehe darauf.“ Er drückte mir die Scheine in die Hand. „Nimm es. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“

„Allmächtiger, Binky, bist du dir sicher, dass du dir das leisten kannst? Fig spricht immer davon, wie wenig ihr habt, und ich will deiner Familie nichts wegnehmen.“

„Ganz unter uns gesagt: Diese Erbschaft von Figs Tante wird uns sehr zugutekommen. Ich kaufe einen neuen Bestand an Angusrindern für das Anwesen. Ich will es profitabler gestalten.“

„Wie schön für dich, Binky. Viel Glück. Ich hoffe, ihr genießt eine schöne Zeit in Frankreich.“

„Das ist fraglich“, sagte er. „Aber ich muss sagen, dass ich es genieße, mit Podge Zeit am Strand zu verbringen. Er ist ein famoser kleiner Bursche, nicht wahr?“

„Ja, das ist er. Ich habe ihn sehr gern.“ Ich sah mich um. „Ich muss los. Auf Wiedersehen und danke für eure Gastfreundschaft.“

„Jederzeit. Immer gern.“ Er umarmte mich linkisch. In unserer Familie waren Zuneigungsbekundungen nicht an der Tagesordnung. „Und ich werde Hamilton anweisen, einen Ersatzschlüssel für dich aufzutreiben, damit du dein Gepäck jederzeit abholen kannst.“

„Du wirst was?“, fragte eine spitze Stimme hinter mir.

„Ich werde Georgie einen besorgen, damit sie bei ihrer Rückkehr ihr Gepäck abholen kann.“

„Einen Haustürschlüssel? Damit sie kommen und gehen kann, wie ihr beliebt?“

„Ich wüsste nicht, was dagegen spricht.“

„Das liegt daran, dass du nie nachdenkst, Binky“, sagte sie und versuchte, ihm einen vielsagenden Blick zuzuwerfen – die Art von Blick, den Eltern austauschen, wenn sie etwas vor ihren Kindern nicht laut aussprechen wollen.

Ich hatte genug von meiner Schwägerin. „Ganz ehrlich, Fig. Was in aller Welt glaubst du? Dass ich im Salon Orgien abhalten werde, sobald ihr mir den Rücken kehrt? Oder glaubst du allen Ernstes, dass ich mich hineinschleichen und die Silberlöffel oder deine wertvollen Kohlen stehlen werde? Mich vielleicht, Gott bewahre, am Teewagen bediene?“

„Also wirklich, Georgiana, du gehst zu weit. Sprich ein Machtwort, Binky. Sie beleidigt deine Ehefrau.“

Sie funkelte ihn finster an. Binky lief leuchtend rot an. „Verdammt und zugenäht, Fig. Du bist schrecklich unhöflich und das weißt du. Das ist genauso Georgies Zuhause wie unseres. Ich habe es nur geerbt, weil ich ein Kerl bin. Im Familiensitz der Rannochs kann Georgie ein und ausgehen, wie es ihr beliebt. Außerdem ist es mein Heim und Georgie ist meine Schwester, es ist also an der Zeit, dass du versuchst, gut mit ihr auszukommen. Immerhin gebe ich mir größte Mühe, mich mit deiner unausstehlichen Familie zu vertragen.“

„Mit meiner unausstehlichen Familie?“ Ihre Stimme war so schrill geworden, dass sie Glas zum Bersten hätte bringen können.

Zu meinem Erstaunen sprach Binky unbeirrt weiter. „Tu nicht so, Fig, du musst selbst zugeben, dass deine Schwester und dein Schwager so langweilig sind wie die Zeitung von gestern. Dennoch habe ich mich bereit erklärt, den ganzen Winter mit ihnen auf engstem Raum zu verbringen, da ich ein umgänglicher Kerl bin. Wenn du also willst, dass wir nach Frankreich fahren, solltest du verdammt noch mal lernen, etwas höflicher zu meiner Schwester zu sein, sonst wird es keine weiteren Reisen mehr geben.“

Darauf folgte fassungsloses Schweigen. Ich musste mich zurückhalten, um nicht zu applaudieren. Binkys Gesicht glühte nun feuerrot, aber er grinste mir triumphierend zu. Vielleicht war es das erste Mal, dass er ihr widersprochen hatte.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783960879268
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v958120
Schlagworte
Britis-c-h-englis-brit-crime könig-lich-e Majestät Spion-in-ier-en Krimi-nal-roman-fall Spannung-s-roman klassisch-Who-done-it Tod-es-mord-fall-tat-ort-opfer-ermittlung-en-kommissar

Autoren

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Rhys Bowen (Autor)

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Sarah Schemske (Übersetzung)

Zurück

Titel: Zur Krönung: Mord