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Winterzauber und Vanilleherzen

von Jana Engels (Autor)

2020 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Seit fast fünfzehn Jahren war Natalie nicht mehr auf Gut Beeken, ihrem einstigen Zuhause in Ostbelgien, weil sie schmerzhafte Gefühle damit verbindet. Doch als ihre Schwester sie darum bittet, auf ihren Sohn Lucas aufzupassen, kann Natalie nicht ablehnen und kehrt zurück in die alte Heimat. Dort begegnet sie schnell ihrer Jugendliebe Nick, womit die zehrende Erinnerung an ihre gescheiterte Beziehung wieder lebendig wird. Schafft es Natalie, sich endlich ihrer Vergangenheit zu stellen, und was versucht ihre Schwester ihr in Bezug auf Nick zu verheimlichen?

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Januar 2021

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-049-7
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-131-9

Covergestaltung: KÖPKE COVERDESIGN
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © karamysh, © gresei, © WNstock, © Brum, © Pipochka, © Cara-Foto, © r.kathesi
Lektorat: Mona Dertinger

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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1. Unerwarteter Besuch

„Morgen, Sonnenscheinchen“, grunzte ihr eine tiefe Stimme verschlafen ins Ohr und einen Augenblick später landete der schwere Arm von Getränke-Markus auf Natalies Hüfte. Dort blieb er liegen und hinter sich vernahm sie lautes, gleichmäßiges Ein- und Ausatmen. Er schlief wieder. Getränke-Markus lag nicht unerwartet in ihrem Bett, denn sie hatte ihn am Vorabend von der Rewe-Weihnachtsfeier mit nach Hause geschleppt. Aber es war doch eine ungewohnte Situation, denn bisher hatte Natalie ihn nur als ihren Arbeitskollegen gekannt – und das nicht mal besonders gut. Schließlich jobbte sie erst seit August bei Rewe, gerade drei Monate, und das auch nur ein paar Stunden pro Woche. Eine notwendige Maßnahme, um ihr Einkommen aufzustocken und einigermaßen selbstständig über die Runden zu kommen. Sie grinste vor sich hin. Getränke-Markus, unglaublich. Er hatte ihr die Feier im Kreis der Belegschaft mehr als gerettet und sie anschließend mit allem Drum und Dran nach Hause gebracht. Dafür war sie ihm überaus dankbar, denn er hatte sich in jeder Hinsicht als positive Überraschung entpuppt. Hätte ihr das jemand noch am gestrigen Morgen gesagt, hätte sie denjenigen wahrscheinlich augenrollend für völlig verrückt erklärt. Natalies Kontakt mit Getränke-Markus hatte sich in den vergangenen Wochen nämlich auf nicht mehr als Hallo und Schönen Feierabend beschränkt.

Bis auf den einen Tag, an dem sie ihm beim Kehren des Gangs die Glühweinflaschen aus dem Regal gekegelt hatte. Gerade an diesem Tag hatten sie den Termin für die Rewe-Weihnachtsfeier mitgeteilt bekommen und im Gegensatz zu allen anderen hatte sie keinerlei Vorfreude auf das Fest verspürt. Im Gegenteil, das Thema hatte ihr mächtig die Laune verhagelt. Anfang November sollte die Party in den Räumlichkeiten des Supermarkts steigen, bevor der eine Teil der Belegschaft in familiärem Weihnachtsstress ertrinken und der andere hoch motiviert in die Karnevalssession starten konnte.

Mit einem lauten Knall war sie aus ihren mürrischen Gedanken geholt worden. „Auch das noch!“ Sie hatte leise vor sich hin schimpfend dabei zugesehen, wie der Glühwein sich unweigerlich seinen Weg durch den Gang gebahnt und dabei seinen intensiven Geruch in der Getränkeabteilung verströmt hatte. Markus, unmittelbar zur Stelle, hatte zwei, drei Flüche gemurmelt, während Natalie ihn schuldbewusst angestarrt hatte. Dann hatte er ihr wortlos Wischmopp und Eimer in die Hand gedrückt. Er selbst hatte die Scherben zusammengekehrt und entsorgt. „Es tut mir leid“, war ihre Entschuldigung damals kleinlaut ausgefallen, in der Befürchtung, dass das Riesendonnerwetter noch ausstand. Doch seine Antwort und sein anschließendes Verhalten hatten sie mehr als irritiert.

„Muss dir nicht leidtun, ist ja nicht deine Schuld, dass hier jetzt schon der Weihnachtskram in den Regalen steht. Aufwischen und Mopp wieder auswaschen“, hatte er angeordnet. Dann hatte er sie im Gang stehenlassen und auch in der darauffolgenden Zeit war er Natalie aus dem Weg gegangen.

Gestern Abend war dann alles anders gekommen. Sie waren wie der Grinch im Doppelpack gewesen. Keiner der beiden hatte auch nur ansatzweise Weihnachtsstimmung verbreitet, was sie schnell zu Außenseitern oder – um es mit den Worten der Kollegen zu sagen – zu Spaßbremsen gemacht hatte. Den Partyspielen, die Elke und Anita für alle vorbereitet hatten, konnten sie beim besten Willen keinen Spaß abgewinnen, die Dauerschleife aus Last Christmas und Féliz Navidad war schwer zu ertragen. Natalie wäre liebend gern zu Hause geblieben und hätte sich diese Qual erspart. Aber es hatte einen triftigen Grund gegeben, an dieser Firmenveranstaltung teilzunehmen. Wie sich schnell herausstellte, war es der gleiche, der auch Markus motiviert hatte zu kommen. Neben einem ausgesprochen reichhaltigen Buffet und vielen alkoholischen Getränken wurden die Anwesenheitszeiten der Mitarbeiter nämlich als Arbeitszeiten erfasst. Noch leichter konnten sie kaum Geld verdienen, es hieß also durchhalten. So ergab sich für Natalie zum ersten Mal die Möglichkeit, sich intensiv mit Markus zu unterhalten, und im Laufe des Abends hatte sie mehr und mehr Gefallen an ihm gefunden. So sehr, dass sie den restlichen Abend in ihre Wohnung verlegt und die Nacht miteinander verbracht hatten.

Natalie fröstelte und öffnete widerstrebend die Augen. Ein Blick in Richtung Fenster bestätigte, was sie bereits vermutet hatte. Kleine Eisblumen rankten sich am Glas, die Heizung war schon wieder ausgefallen. Dieses Ding war nur in einer Sache verlässlich, nämlich darin, dass sie immer wieder den Dienst versagte. In einer besseren Wohnung wäre das wohl nicht passiert, aber eine solche konnte sie sich derzeit aus eigener Kraft nicht leisten. Und eine Wohngemeinschaft kam nicht in Frage. Sie brauchte ihren Freiraum, Raum für sich. Denn wenn sie nicht gerade Regale im Supermarkt befüllte, studierte Natalie an der Fernuniversität Literaturwissenschaften. Außerdem lektorierte sie Manuskripte für ihren guten Freund Dennis, der bei einem renommierten Verlag untergekommen war und sie wahnsinnig gern bereits fest als Lektorin eingestellt hätte. Aber dazu fehlte ihr bisher der erforderliche akademische Abschluss. „Da beißt die Maus keinen Faden ab“, hatte Dennis gesagt. „Die stellen dich erst fest ein, wenn du den Abschluss hast. Bis dahin darf ich dir nur überschaubare Auftragsarbeiten geben.“ Immerhin hatte sie damit eine Perspektive und das gab ihr Kraft. Der Fernunterricht brachte so manche Tücken mit sich und es kostete sie viel Energie, die notwendige Disziplin aufzubringen.

„Ganz schön kalt bei dir“, hörte sie Markus hinter sich grummeln. Seine Hand verschwand unter der Bettdecke und Natalie spürte, wie er über ihre Schenkel und den Rücken streichelte, etwas kalt, aber trotzdem sehr angenehm.

„Morgen.“ Sie seufzte und räkelte sich wohlig unter der Berührung. „Die Heizung ist mal wieder ausgefallen. Wir sollten einfach im Bett bleiben und dafür sorgen, dass uns richtig warm wird.“

Markus hielt inne und ließ die Hand auf Natalies Schulter liegen. „Was soll das denn bedeuten, mal wieder ausgefallen? Der Winter kommt, du musst da dringend was machen lassen.“

Natalie hörte seinen besorgten Ton, schwieg aber. Sie hatte keine Lust, jetzt mit Markus über ihre Wohn- und Lebenssituation zu sprechen. Es war nun mal so und es ging ihn, nebenbei bemerkt, überhaupt nichts an. Sie würde sich später schon darum kümmern.

„Natalie?“, fragte er, als wollte er sich vergewissern, dass sie ihn gehört hatte. „Der Winter steht vor der Tür.“ Seine Hand hatte sich wieder in Bewegung gesetzt und streichelte ihren Rücken.

„Schon gut, Jon Schnee“, erwiderte Natalie seufzend und drehte sich zu ihm um „Es ist nur eine Kleinigkeit, das passiert hin und wieder. Gehört mehr oder weniger zu den Special Effects der Wohnung. Ich hinterlasse der Hausverwaltung eine Nachricht, wenn du weg bist, und nächste Woche kommt der Hausmeister vorbei. Der hat ein Händchen für die alte Heizung.“ Sie grinste verschlafen und schmiegte sich an seinen warmen, nackten Körper.

„Nächste Woche erst?“

„Ja, nächste Woche“, bestätigte sie und küsste seine Brust.

Doch Markus schien plötzlich wenig empfänglich für ihre Liebkosungen und deshalb suchte sie erneut seinen Blick. „Woran denkst du? Ist dir gerade eine feste Freundin eingefallen, die du mir bisher verschwiegen hast und die uns jetzt nach dem Leben trachtet?“

Er schüttelte den Kopf. „Quatsch, das nicht, aber ich muss gleich los. Hab Nachmittagsschicht.“

„Klar, wenn du gehen musst, musst du gehen.“ Sie sah ihn herausfordernd an und Markus setzte eine ernste Miene auf. Er musterte sie eine Weile. Wie sollte sie sein Schweigen deuten? „Verstehe“, ergriff Natalie wieder das Wort, „du hast Schiss vor dem Morgen danach. Keine Sorge, ich kann auf mich aufpassen. Jede Nacht ist irgendwann mal zu Ende. Geh ruhig, ich komme klar.“ Natalie sprach in ruhigem Ton, sachlich, keinen Augenblick zeigte sie sich gekränkt.

Er sah auf, zog die Augenbrauen hoch und schien seine Gedanken zu sortieren. Einige Sekunden verharrte er noch in dieser Haltung, dann fuhr ein Ruck durch seinen Körper. Er setzte sich auf und suchte seine Klamotten auf dem Fußboden zusammen. „Ich geh erst mal ins Bad“, sagte er dann leise.

Natalie zog die Decke bis zur kalten Nasenspitze hinauf und beobachtete ihn, bis er im Bad verschwunden war. So ein Morgen danach kam in ihrem eigenen Zuhause nicht so oft vor. Wenn, dann schlief sie auswärts und konnte sich aus der Affäre ziehen, wann immer es ihr beliebte. „Da ist ein elektrischer Lüfter im Bad, wenn du den anmachst, ist es nicht so schlimm, und Handtücher sind im Regal“, rief sie Markus nach, als er die Tür schon hinter sich geschlossen hatte. Einige Minuten verstrichen, bis sie entschied ebenfalls aufzustehen und Kaffee zu kochen. Aus dem Schrank zog sie einen großen Stapel frischer Wäsche, durchsuchte ihn und wurde fündig. Den Rest der Klamotten ließ sie auf dem Bett liegen. Zu guter Letzt warf sie ihren dicken Schlabberpulli aus Alpakawolle über und zog die Hüttenstiefel an. Dann brachte sie die Kaffeemaschine in Gang. Die Menge des Kaffeepulvers, die sie hineingeschaufelt hatte, versprach wach zu machen, denn auch auf sie wartete heute noch ein Wust an Arbeit. Dennis hatte sich bereits vor einigen Tagen nach dem Bearbeitungsstatus des aktuellen Manuskripts erkundigt und es war in ihrem eigenen Interesse, schnell zu sein. Erst nach vollständig geleisteter Arbeit landete die Kohle auf ihrem Konto. Dort musste sie auch unbedingt hin, denn die nächste Miete hatte sie noch nicht zusammen. Das Einzimmerappartement mit Kochnische und angrenzendem Bad war zwar günstig, aber nicht umsonst, und bis auf das Dauerthema mit der Heizung kam Natalie einigermaßen klar. Ihre Ansprüche waren bescheiden und so kalt wurden die Winter in Köln sowieso nie. Die Nächte hier waren im Vergleich zu mancher Winternacht auf Gut Beeken, die sie als Kind erlebt hatte, vergleichsweise lau. Markus sollte sich nicht so anstellen.

Während die Kaffeemaschine röchelte, stand Natalie mit verschränkten Armen an den Küchenschrank gelehnt und rieb sich über die Arme, um sich aufzuwärmen. Sie betrachtete Munchs Gemälde Der Schrei, ein überdimensionales Poster in einem ansprechenden Bilderrahmen. Natalie mochte das Gemälde sehr. Das Poster und der passende Rahmen hatten zusammen mehr gekostet als der faltbare Kleiderschrank, der ebenfalls dort an der Wand stand. Sie sah auf ihr Bett und den Stuhl, auf dem sich Schmutzwäsche türmte, und entschied, dass es nun wirklich an der Zeit war, dieses Chaos zu beseitigen. Schon bevor sie am Vortag gegangen war, hätte sich ihre Wohnung über eine Reinigung gefreut, aber Saubermachen und Aufräumen gehörten nun einmal nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Nun, nach dem ausgelassenen Abend mit Markus, war es definitiv an der Zeit, einen Putzmarathon zu starten. Wenigstens würde ihr dabei etwas warm werden. Sie schnaufte lustlos und während Markus im Bad geräuschvoll hantierte, nahm sie die leeren Flaschen und Gläser von dem kleinen Tisch. Sie sah sich suchend um und stellte alles in die Spüle.

„Ach“, entfuhr es ihr und Natalie ließ ihren Blick durch das Zimmer gleiten. Wo hatte sie denn die Handtasche vergraben? Das gute Stück lag unter dem Schreibtisch. Sie zog sie hervor und ihr Gewicht verriet sofort, dass sich darin nicht nur Handy und Portemonnaie befanden. Mit einem verschmitzten Lächeln öffnete sie den Reißverschluss und zog eine halbvolle Flasche Schnaps hervor. „Guten Morgen, Williams Christ.“

Sie stellte die Flasche Birnengeist demonstrativ auf den kleinen Tisch neben die Kaffeebecher und blickte wieder zur Badezimmertür. Was machte Markus denn so lange da drin? „Hey“, rief sie forschend, „alles in Ordnung bei dir?“

„Ja“, antwortete er und schon einen Augenblick später rauschte die Dusche.

Na schön, dachte sich Natalie. Dann trinke ich den ersten Kaffee eben allein. Sie setzte sich in den Sessel, schaltete den kleinen Fernseher an und wärmte sich die Hände an der heißen Tasse. Das Programm war wenig unterhaltsam. Sie zappte und blieb auf einem Musikkanal hängen, bis Markus endlich aus dem Bad kam. „Und, erfrischt?“, fragte Natalie mit spöttischem Gesichtsausdruck. Er tat ihr ein wenig leid, denn im Gegensatz zu ihr war Markus die unangenehm kalte Dusche nicht gewohnt. „Du kannst dir einen Kaffee zum Aufwärmen holen, Glühwein gibt es hier nicht.“

„Ja, danke vielmals. Aber mir ist nicht mehr kalt“, erwiderte er und grinste. „Du hast warmes Wasser, wenn du willst, und hier drinnen dürfte es auch gleich angenehmer werden.“

Natalie sah ihn skeptisch an. „Du hast die Heizung repariert?“, fragte sie dann ungläubig.

„Wie man’s nimmt. Ich habe mir die Therme angesehen, ein bisschen dran gewackelt. Es sah für mich auf den ersten Blick alles okay aus und da habe ich sie auf Verdacht eingeschaltet. Läuft vorerst wieder, scheint nichts Wildes dran kaputt zu sein. Ich hoffe, du bist nicht böse, dass ich dich nicht vorher gefragt habe.“

„Kein Stück“, entgegnete Natalie zufrieden und wartete, bis er mit seiner Kaffeetasse auf dem gegenüberliegenden Sessel saß.

„Es gibt da noch etwas, was ich dir sagen wollte“, begann Markus, machte dann aber eine Pause und sah Natalie mit klarem Blick an.

Was jetzt wohl kommt, ging es ihr durch den Kopf. Welchen Grund gab es, so herumzudrucksen? „Was denn?“ Sie musste einen Moment auf die Antwort warten, denn Markus hatte gerade einen ersten Schluck aus der Tasse genommen und verzog augenblicklich angewidert das Gesicht.

„Wie viel Kaffeepulver hast du denn da reingetan?“

Natalie hob unschuldig die Augenbrauen, gab aber keine Antwort.

„Hast du Milch und Zucker da?“, wollte er wissen, aber sie schüttelte den Kopf. „Dann hoffe ich, dass du es mir nicht übel nimmst, dass ich dein fabelhaftes Gebräu nicht austrinke.“ Er stellte die Tasse auf den Tisch und Natalie grinste amüsiert.

„Wenn du jetzt mit dem rausrückst, was du ursprünglich sagen wolltest, nehme ich dir gar nichts übel.“

Er sah sie ernst an und sein Blick ließ etwas Nervosität in ihr aufkeimen. Er stutzte noch einen Moment, dann sprudelten die Worte aber geradezu aus ihm hervor: „Ich … also, ich habe kein Problem mit dem Morgen danach und auch wenn ich jetzt gehen muss, fände ich es schade, wenn du schon einen Haken hinter uns beide machen würdest.“

Natalie verschluckte sich an ihrem Kaffee und musste husten. „Was?“, fragte sie, als sie wieder Luft bekam, und sah ihn irritiert an.

Er lächelte. „Du weißt genau, was ich meine.“

Natalie wusste nicht, wie ihr geschah. Getränke-Markus hatte sich gerade auf recht charmante Art und Weise ihre Aufmerksamkeit gesichert. Er zog sich Jacke und Schuhe an, während sie noch immer etwas überrumpelt ihre Tasse abstellte und die drei Schritte zur Tür ging, um ihn dort zu verabschieden.

Markus umarmte sie zum Abschied zärtlich und küsste sie auf die Wange. „Denk wenigstens mal drüber nach, ob das mit uns irgendwohin führen könnte.“ Intensiv spürte Natalie jetzt seine Nähe und der Moment des Abschieds hätte von ihr aus ruhig länger dauern können, aber da wandte er sich schon ab. Zügig, ohne sich umzusehen, lief er die Stufen hinab. Natalie blieb noch einen Augenblick auf dem Absatz stehen, so lange, bis sie das Schnappen der Haustür hörte. Dann schloss sie nachdenklich die Wohnungstür und beschloss den dicken Pulli loszuwerden. Ihr war warm geworden und das lag nicht nur daran, dass die Heizung wieder funktionierte.

 

Die ausgiebige warme Dusche an diesem späten Morgen war eine unerwartete Wohltat. Natalie genoss die Wasserstrahlen auf ihrer Haut und musste immer wieder an Markus denken. Wie hatte er das vorhin wohl gemeint? Hatte er sich etwa spontan in sie verliebt? Gab es vielleicht tatsächlich so etwas wie eine Zukunft für sie beide? Natalie wickelte sich in ihr Handtuch. Wirklich in den Sinn gekommen war ihr diese Möglichkeit bisher nicht. Wohin sollte das auch führen? Potenziell dorthin, wohin alle ihre Beziehungsversuche führten, auch wenn sie sich noch so große Mühe gab: Sie würde ihm spätestens nach ein paar Wochen den Laufpass geben, weil ihr der unumgängliche Beziehungskram auf die Nerven und auch viel zu sehr unter die Haut ginge. Weil unweigerlich die alte Wunde wieder aufreißen würde. Vorher würde sie sich ständig rechtfertigen müssen, warum sie die Gefühle des anderen nicht ausreichend erwidern konnte. Ein Teufelskreis. Nach allem, was damals mit ihm – mit Nick – geschehen war, musste sie sich einfach schützen. Für sie war klar, dass sie nie wieder so stark für einen anderen Menschen empfinden könnte, es vielleicht auch gar nicht wollte. Bisher hatte sie niemanden gefunden, dem genügte, was sie bereit war zu geben. Oder wollte Markus vielleicht gar keine Beziehung und meinte etwas anderes? Eine Freundschaft mit besonderen Vorzügen? Unverbindlicher Sex unter Kollegen?

Das durchdringende Geräusch der Wohnungsklingel riss Natalie aus ihren Gedanken. Wer konnte das sein? Besuch erwartete sie nicht. Markus? Hatte er etwas vergessen? Wie gut, dass sie noch nicht wieder angezogen war. Vielleicht konnte sie ihn dazu bewegen, doch noch etwas zu bleiben. Barfuß ging sie zur Tür und blickte durch den Spion. Überrascht sog sie die Luft ein. Es war nicht Markus. Im Hausflur wartete ihre ältere Schwester Carolina. Mit ihr hatte sie am allerwenigsten gerechnet. Welchen Grund konnte sie haben, der diesen spontanen Überfall rechtfertigte? Ohne zu zögern, öffnete Natalie die Tür. „Mensch, Caro, was machst du denn hier?“ Mit verwundertem Gesichtsausdruck schloss sie die Tür, als ihr Überraschungsgast eingetreten war, und umarmte sie vorsichtig. „Ist was passiert?“, fragte sie und fügte in Gedanken hinzu: Muss ja, ohne Grund kreuzt du doch hier nicht auf.

Caro zog die Schultern leicht nach oben. Sie hatte einen kleinen Trolley dabei, den Natalie argwöhnisch zur Kenntnis nahm. Wollte sie etwa länger bleiben? Doch Carolina schien die Gedanken ihrer Schwester zu erahnen. „Keine Sorge, ich bleibe nicht lang, sondern bin schon auf dem Sprung nach Hause. Die letzten zwei Tage habe ich hier in Köln bei Olaf verbracht.“

Natalie runzelte die Stirn. „Immer noch der Arzt?“ Ihre Schwester war bestimmt nicht nur hier, um über ihre Affäre zu plaudern. „Na, dann mach’s dir mal bequem, ich ziehe mich schnell an und wir können quatschen. In der Maschine ist Kaffee, bedien dich. Milch und Zucker sind aus.“

 

„Also, was verschlägt dich hierher, wenn ich fragen darf? So ganz ohne Ankündigung“, wollte Natalie einige Minuten später wissen, als sie nun, wie nur kurz zuvor mit Markus, ihrer Schwester gegenübersaß.

Carolina knetete nervös ihre Finger. „Natalie, ich muss dich um etwas bitten. Aber ich weiß nicht, ob es richtig ist.“ Sie sah an ihrer Schwester vorbei aus dem Fenster. „Es geht um Olaf. Wir sind jetzt schon eine Weile zusammen. Und ich hätte jetzt endlich die einmalige Möglichkeit, unsere Beziehung zu festigen und offiziell zu machen. Aber dafür benötige ich deine Hilfe.“

Natalie kniff nachdenklich die Augen zusammen. „Du weißt, dass du meinen Segen dafür nicht brauchst. Du bist eine erwachsene Frau, kannst tun und lassen, was du willst, das geht mich nichts an.“ Natalie klang nüchtern. „Du musst mir auch nichts vormachen. Soweit ich das beurteilen kann, hast du keine Beziehung mit Olaf, sondern er betrügt mit dir seine Frau. Wenn er sie nicht bereits verlassen hat, frage ich mich, wie ich dir dabei helfen kann.“ Sie stockte plötzlich und starrte Carolina mit großen Augen an. „Du willst doch nicht etwa, dass ich sie aus dem Weg räume!?“

„Quatsch!“ Carolina seufzte, lehnte sich zurück und sah sich mit einem geringschätzigen Blick in der Wohnung um.

„Ich weiß, wie es hier aussieht“, warf Natalie ungeduldig ein und setzte mit einem Augenzwinkern hinzu: „War ‘ne wilde Nacht. Erzähle ich dir später, jetzt bist du dran. Du wirst dich nicht wegen einer Lappalie auf den Weg zu mir gemacht haben.“

Carolina seufzte erneut. Es fiel ihr sichtlich schwer, die richtigen Worte für ihr Anliegen zu finden. „Schon in ein paar Tagen findet eine Fortbildung für Ärzte statt. Olaf nimmt daran teil und wenn ich ebenfalls dorthin fahre, dann könnte ich die große Chance haben, ihn endlich für mich zu gewinnen, und ihn davon überzeugen, sich von seiner Frau zu trennen.“

Natalie sah ihre Schwester stirnrunzelnd an. „Das ist doch das, was ihr immer macht. Ihr besucht dieselben Seminare, teilt euch das Hotelzimmer und dann geht es wieder nach Hause. Wie kommst du darauf, dass es jetzt anders werden könnte und er sich plötzlich trennt?“

Carolina kauerte auf dem Sessel. Aus großen, schmachtenden Rehaugen blickte sie ihre Schwester an. Ein merkwürdig demütiges Verhalten, das Natalie an ihrer Schwester nicht kannte, und sie fragte sich, was in den vielen Jahren der Trennung noch zwischen ihnen beiden verloren gegangen war.

„Also“, begann Carolina dann zögernd und mit leiser Stimme. „Dieses Mal ist es etwas anderes. Das Seminar dauert ganze zwei Wochen und findet auf einem Kreuzfahrtschiff statt. Olaf und ich könnten uns eine Kabine teilen und würden die meiste Zeit miteinander verbringen. So würde Olaf sicher unweigerlich begreifen, dass er nur noch mit mir zusammen sein will. Ich bin die Frau, die ihn glücklich macht.“

„Eine Kreuzfahrt“, wiederholte Natalie anerkennend. „Wo soll’s denn hingehen?“

„Kanarische Inseln“, antwortete Caro etwas bedrückt.

„Nicht schlecht, Frau Doktor. Aber wie kann ich dir dabei helfen?“

Carolina knetete wieder nervös die Hände und Natalie ahnte, dass das wirkliche Problem jetzt erst zur Sprache kam. „Du sollst für zwei Wochen auf Lucas aufpassen,“ ließ sie schließlich die Bombe platzen.

Natalie blieb vor Überraschung der Mund offen. „Wie bitte? Schau dich mal um, wo soll ich denn hier ein Kind unterbringen?“, fragte sie, als sie ihre Sprache wiederfand.

„Das ist es ja, worum ich dich bitten möchte. Du sollst nicht hier auf Lucas aufpassen, sondern zu Hause bei Papa und Irina. Lucas muss schließlich auch zur Schule gehen.“

Wie erschlagen sank Natalie in ihrem Sessel zusammen. Sie starrte fassungslos vor sich hin und wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. „Weißt du eigentlich, was du da von mir verlangst?“, fragte sie schließlich kopfschüttelnd.

Eine Weile schwieg Carolina, dann ergriff sie mit Tränen in den Augen erneut das Wort. „Natalie, ich würde dich nicht fragen, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe. Bitte, tu es für mich. Ich muss um Olaf kämpfen, ich will ihn nicht verlieren. Er ist die Liebe meines Lebens.“

Nur langsam löste Natalie sich aus der Starre. Ihr Herz schlug heftig. Es war ein wildes Pochen, lang verdrängt und unterdrückt, aber noch genauso stark wie früher. Es tat weh und sie konnte kaum atmen. „Das kann unmöglich dein Ernst sein.“ Sie sah Caro aus schmerzerfüllten Augen an, doch die nickte. „Wie lange war ich nicht mehr dort? Fünfzehn Jahre? Selbst wenn ich wollte, wie soll das bitte funktionieren? Guten Tag zusammen, da bin ich?“ Natalie schüttelte entschieden den Kopf. „Caro, ich bin doch nicht verrückt“, wehrte sie mit zitternder Stimme ab. Ihr Magen meldete sich und sie hatte das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen. „Hast du irgendwem auf dem Gut von deiner Idee erzählt?“, wollte sie wissen, als ihre Schwester offensichtlich nicht von allein weitererzählen wollte.

„Nein.“ Sie blickte zu Boden. „Ich wollte zuerst mit dir sprechen, bevor ich zu Hause nachfrage.“

„Zu Hause“, Natalie sprach es sanft, fast wehmütig aus. „Es klingt sehr sonderbar, wenn du es so nennst. Gut Beeken ist schon lange nicht mehr mein Zuhause.“

Caro schniefte leise und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. „Bitte, Natalie, ich hatte gehofft, dass gerade du weißt, was es heißt, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Olaf ist meine große Liebe und ich muss um ihn kämpfen. Natalie, ich bitte dich, ich flehe dich an, komm nach Hause und pass die zwei Wochen auf Lucas auf. Papa ist ständig als Hundetrainer unterwegs und Irina bloß mit ihrem eigenen Kram beschäftigt. Bitte, ich habe keine Ruhe, wenn Lucas beinahe auf sich allein gestellt ist.“

Natalie zog eine Packung Tempos aus ihrer Handtasche. Eines nahm sie für sich selbst, den Rest warf sie in einer müden Bewegung zu ihrer Schwester hinüber. „Und du findest, dass es fair ist, gerade jetzt auch noch Nick ins Spiel zu bringen?“, fragte sie eintönig und spürte, wie sich ihr Hals zusammenzog, als sie den Namen aussprach.

„Nein“, antwortete Carolina. „Nein, das ist nicht fair. Aber vielleicht hilft es dir, mir zu helfen. Gerade du kennst den Schmerz der verlorenen Liebe und weißt, wie sehr ich leide. Ich … bezahle dich auch.“

„Als ob du das mit Geld aufwiegen könntest.“ Natalie seufzte niedergeschlagen, spürte aber, wie ihr Widerstand bereits in sich zusammenfiel. „Und was ist mit Lucas? Der spricht ja noch nicht einmal mit mir.“

2. Ankunft auf Gut Beeken

Der Bus nach Weidingen fuhr pünktlich im belgischen Städtchen Sankt Vith ab und würde Natalie in weniger als dreißig Minuten an ihr Ziel gebracht haben. Wie im Traum hatte sie sich auf den Platz am Fenster gesetzt und starrte nun, vom gleichmäßigen Motorengeräusch begleitet, aus dem Fenster. Die Landschaft hätte sich an diesem Vormittag im Herbst nicht traumhafter zeigen können. In malerischer Schönheit breiteten sich die farbenprächtigen Wälder und Äcker vor ihr aus. Verträumt käuten die Rinder auf den Weiden wieder und schienen die letzten wärmenden Strahlen der goldenen Herbstsonne zu genießen. Die Provinz zeigte sich in einträchtiger Idylle, aber Natalie wusste, dass dies nur der schöne Schein war. Schmerzhafte Erinnerungen und lang verdrängte Gefühle bahnten sich augenblicklich ihren Weg an die Oberfläche. Gedanken an eine friedliche Kindheit, ein Leben auf dem Land umhüllt von Geborgenheit, die ihr jähes Ende gefunden hatte, als die Ehe der Eltern in die Brüche gegangen und Natalie von einem Tag auf den anderen abgereist war. Diese Gedanken rangen um Aufmerksamkeit und konkurrierten mit den Gedanken an Nick, in den sich Natalies junges, unerfahrenes Herz so unsterblich verliebt hatte. Immer wieder drängten sich sein hübsches Gesicht, seine warme Stimme und seine tiefblauen Augen in ihre Vorstellung.

Mit einer unwirschen Kopfbewegung versuchte sie die Erinnerung an ihn abzuschütteln und sah sich stattdessen im Bus um. Mit ihr fuhren ein älterer Herr, elegant gekleidet mit einem auffällig karierten Hut, zwei Frauen, vielleicht Mitte vierzig, die eine Wanderkarte studierten, und eine Frau mit zwei Kleinkindern, die sich lautstark über ein Bilderbuch austauschten. Wehmütig beobachtete Natalie die beiden, die noch so sorglos und naiv im Leben standen. Sie waren gut beraten, wenn sie auf der Hut blieben und sich in Acht vor den Menschen nahmen. Zu gut wusste sie, welches Leid einer arglosen Seele hier widerfahren konnte.

So viele Jahre waren bereits vergangen, seit sie Gut Beeken mit ihrer Mutter und Jochen verlassen hatte. So vieles war mittlerweile geschehen. Sie hatte eine neue Familie bekommen, ein neues Leben in Deutschland begonnen, die Schule in Köln beendet und auch die neue Familie verlassen. Dieser Abschied war ein freiwilliger gewesen – ganz anders als damals –, um sich zurückzuziehen. Das neue Leben mit den Stiefschwestern, den vielen Reisen und dem Konsum hatte sie wenig erfüllt. Ganz im Gegenteil hatte es den Wunsch nach Ruhe in ihr geschürt. Natalie hatte Zeit gebraucht, um zu sich zu finden. Der mittlerweile spärliche Kontakt hatte die junge Frau nachsichtig mit ihrer Mutter werden lassen. Sie konnte es inzwischen leichter ertragen, dass Norma nicht die Mutter gewesen war, die Natalie gebraucht hätte. Nun wohnte sie schon einige Jahre in ihrer kleinen, mehr als bescheidenen Wohnung. Dort hatte Natalie endlich die schlimme Zeit der Trennung – der ihrer Eltern und ihrer eigenen von Nick – vergessen können. Sie hatte ihr Leben wieder in den Griff bekommen und mit dem Lektoren-Job bei Dennis ein attraktives Ziel vor Augen. Niemals hatte sie in Erwägung gezogen wieder nach Ostbelgien zu kommen. Nun, in dem Augenblick, da die Rückkehr in die Vergangenheit bevorstand, waren die schrecklich traurigen Erinnerungen wieder allgegenwärtig. Natalie fühlte ihr Herz in der Brust schlagen, so als wehrte es sich heftig und versuchte davonzueilen, um nicht erneut verletzt zu werden. Hier hatte es die süße Leidenschaft der ersten Liebe erfahren und war kurz darauf rücksichtslos gebrochen worden. Die Erinnerung an Nick, der ihrem Herzen die schönste und schlimmste Erfahrung beschert hatte, die schmerzende Wunde, die er hinterlassen hatte, schien in diesem Augenblick so frisch wie nie. Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge und atmete schwer. Ihr Brustkorb schien zum Bersten gespannt, urplötzlich fühlte sie sich wieder wie die fast fünfzehnjähre Natalie und es war, als wäre sie nie fortgewesen.

Auch sonst schien hier in der Provinz alles beim Alten geblieben zu sein. Der Bus hielt noch immer an der kleinen Holzbrücke, die über den Bach führte. Noch immer standen dort Bänke, die zum Verweilen und Träumen einluden und von üppigen Goldrutenbüschen eingefasst waren. Die imposanten Büsche, welche im Spätsommer und Herbst ihre gelbe Blütenpracht stolz zur Schau stellten, trugen bereits ihr Winterkleid. Die weißen Samen sahen aus, als hätte jede der kleinen Blüten einen Pelz übergestreift, um der nahenden rauen Kälte des Winters zu trotzen. Als Natalie aus dem Bus stieg, fühlte sie sich wieder wie ein kleines Mädchen. Sie setzte die weinrote Wollmütze auf und zog die passenden Handschuhe über, dann blickte sie die Straße hinauf, die sich aus dem Ort schlängelte und zum etwas außerhalb gelegenen Gut Beeken führte. Ihrem ehemaligen Zuhause, dem Zuhause ihres Vaters und seiner neuen Frau, ihrer Schwester Carolina und deren Sohn Lucas, um den sie sich nun kümmern sollte. Auf was hatte sie sich da nur eingelassen?

 

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte Carolina erstmals seit ihrer Jugend unerwartet den Kontakt zur jüngeren Schwester gesucht. Die Trennung der Eltern hatte auch für einen Bruch zwischen ihnen gesorgt. Das Verhältnis zwischen den beiden Mädchen war bereits im heranwachsenden Alter schwieriger geworden. Der Weggang aus Weidingen hatte das Schweigen zwischen ihnen besiegelt und Natalie hatte sich damit abgefunden. Dann war Caro aus heiterem Himmel wieder aufgetaucht. Nach anfänglichem Sträuben Natalies hatten sie sich vorsichtig aneinander herangetastet und damit begonnen, sich neu kennenzulernen. Das Pflänzchen der wiedererwachten Geschwisterliebe war noch sehr zart und von Zurückhaltung geprägt. Wobei Natalie diejenige war, die weiterhin auf die Bremse trat. Wenngleich unregelmäßige Treffen mit Carolina – bisher ausschließlich in Köln – stattfanden, hatte sie sowohl den Kontakt zu ihrem Vater und Irina, seiner neuen Frau, als auch das Gespräch über die beiden tunlichst vermieden. Ganze zweimal hatte sie Lucas getroffen. Damals war er fünf Jahre alt gewesen und hatte sich auf die Schule gefreut. Er schien ein bisschen verzogen, hatte kein Wort mit ihr gewechselt, aber wer konnte es ihm verdenken. Carolina hatte erzählt, dass sie ihn allein großzog, und hüllte sich über Lucas’ Vater in Schweigen. Sie kam ihren mütterlichen Aufgaben nach, so gut sie konnte. Alleinerziehend zu sein und gleichzeitig im Schichtbetrieb eines Krankenhauses zu arbeiten war bestimmt nicht einfach. Klar, dass Lucas hin und wieder über die Stränge schlug, um die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erlangen. Ihm gegenüber durfte sich Natalie keinesfalls anmerken lassen, dass sie von der Idee seiner Mutter, für zwei Wochen seinen Babysitter zu spielen, wenig begeistert war. Sie war sich sicher, wenn sie Angst oder Unsicherheit zeigte, würde das Zusammenleben mit dem Jungen eine einzige Quälerei werden. Auch für Lucas war die Entscheidung seiner Mutter eine kurzfristige Überraschung gewesen. Ganze sechs Tage hatte er gehabt, um sich darauf einzustellen, dass eine Frau, die er nur flüchtig kannte, auf ihn aufpassen sollte. Ach, Carolina, was tust du uns an? Ich hoffe inständig, dass dein Olaf-Arzt das auch alles wert ist.

Natalie ging langsam die Straße entlang und betrachtete die Häuser. Die Bäckerei zu ihrer Rechten war geöffnet und verströmte den angenehmen Duft von frischen Backwaren. In ihrem Brustkorb verkrampfte es sich und die Erinnerungen daran, wie sie hier als Kind Brötchen geholt hatte, brachen sich Bahn. Wie unbeschwert damals alles gewesen war und wie glücklich. Nicks Gesicht tauchte wieder vor ihrem inneren Auge auf. Vorsichtig wagte sie einen Blick durch das Fenster, doch die Frau hinter dem Verkaufsstand war nicht Martina, Nicks Mutter. Es war eine Fremde, vielleicht in Natalies Alter, vielleicht auch etwas jünger. Sie nahm sich nicht die Zeit, genauer hinzusehen, denn urplötzlich überkam sie die Angst, Nick könnte ihr genau hier und jetzt über den Weg laufen. Das wollte sie auf jeden Fall vermeiden. Natalie beschleunigte ihre Schritte und sie sah ihren Atem in großen Wolken vor ihrem Gesicht aufsteigen. Fast gehetzt blickte sie sich um. Das Blumengeschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite war geschlossen. Nur wenige Menschen waren unterwegs. Mit bangem Herzen sah Natalie in die fremden Gesichter und fragte sich, ob es überhaupt noch irgendjemanden in Weidingen gab, der sie kannte. Noch vier weitere Wohnhäuser passierte sie, dann lag der Dorfkern hinter ihr und sie verlangsamte ihren Schritt wieder. Vor Natalie breiteten sich die Felder von Gut Beeken aus. Zwischen Acker und Wiese führte die Straße nun die Anhöhe hinauf zum pompösen Gutshaus, einem kastenförmigen Bau aus Sandstein mit hohen Fenstern, die links und rechts von blauen Holzläden geziert wurden. Von ihrem Kinderzimmer im ersten Stock aus hatte Natalie als Kind das ganze Dorf überschauen können. Viele Stunden hatte sie hier am Fenster verbracht, wie auf einem Beobachtungsposten. „Kind, du stehst uns in den Füßen. Geh nach oben und halte Ausschau, wann die ersten Gäste kommen“, hatte ihre Mutter damals gesagt und sie aus der Küche oder dem Saal verbannt, während die ältere Carolina schon bei den Vorbereitungen helfen durfte. Die Sommerfeste auf Gut Beeken waren unvergessen. Damals hatte Natalie die Feiern, bei denen sich sämtliche Dorfbewohner in ihrem Zuhause eingefunden hatten, für selbstverständlich gehalten. Sie hatte die Aufregung und die Vorbereitungen, die bereits mehrere Tage zuvor die ganze Familie beschäftigt hatten, geliebt. Wenn dann die Gäste nach und nach eintrudelten und noch mehr Leben ins Haus brachten, war sie eingetaucht in die heitere Gesellschaft und immer hatte Papa ihr ein neues Kleid geschenkt. Papa, Natalie seufzte. Als sie mit ihrer Mutter zu Jochen und seinen beiden Töchtern gezogen war, hatte sie die Feste vermisst. Jochen hatte für das Landleben nicht viel übrig. Stattdessen hatte er mit seinen vier Frauen, wie er sie immer nannte, Städtetrips unternommen und die Patchwork-Familie in luxuriöse Cluburlaube entführt. Es gab keine Bemühung, die Verbindung nach Gut Beeken zu halten. Natalies Schritte wurden noch langsamer, bis sie endlich stehenblieb und sich suchend umsah. Carolina wollte mit Lucas gegen zwölf von der Schule kommen. Damit sie noch ein wenig gemeinsame Zeit verbringen konnten, bevor ihre Schwester schon heute Abend aufbrechen würde. Sie blickte auf die Uhr, es war erst halb zwölf. Was sollte sie tun, wenn sie oben ankam. Etwa klingeln? Gehörte sie noch immer dazu oder war sie inzwischen eine Fremde? Was, wenn ihr Vater die Tür öffnete? Wie sollte sie reagieren? In den vergangenen Tagen, in denen sie sich auf die Fahrt und die bevorstehenden zwei Wochen vorbereitet hatte, waren ihre Gedanken bei Lucas gewesen und bei der Frage, wie sie sich ihm irgendwie annähern könnte. Es war anstrengend genug gewesen, sich darüber zu informieren, welche Interessen und Vorlieben sechsjährige Jungs hatten. Was das Zusammentreffen mit ihrem Vater und seiner neuen Frau Irina anging, war sie ratlos. Natalie hatte sich tunlichst dagegen gewehrt, auch nur darüber nachzudenken, zumal ihr Verhältnis zu letzterer schon immer mehr als unterkühlt gewesen war.

Natalies Eltern hatten trotz der Trennung noch eine Weile zusammen auf Gut Beeken gewohnt. Ihre Mutter war immer häufiger allein fortgefahren, um sich mit Jochen zu treffen, und dann war Irina manchmal über Nacht geblieben. Eine schreckliche Situation, zumal sich weder Carolina noch Natalie vorstellen konnten, dass das Ganze etwas Dauerhaftes und sie somit tatsächlich ihre Stiefmutter werden könnte. Ganze zwanzig Jahre jünger als ihr Vater war die gebürtige Polin. Die beiden Schwestern hatten ihr ganz unverblümt ihre Ansichten über die mutmaßlich ausschließlich finanziellen Interessen an ihrem Vater vorgeworfen. Franz Beeken hatte zu Irina gehalten und die Anmaßungen seiner Töchter stillschweigend ertragen. Zwei Jahre nachdem Natalie und ihre Mutter fortgegangen waren, hatte er sie dann geheiratet und schien, sofern man Carolina glauben konnte, immer noch glücklich. Die Einladung zur Hochzeit hatte Natalie unbeantwortet gelassen und war selbstredend nicht dort aufgetaucht. Carolina hatte berichtet, dass auch ihr Verhältnis zu Irina immer noch distanziert war, obwohl sie schon jahrelang gemeinsam auf Gut Beeken lebten. Dass Irina so viele Jahre jünger als der Vater war, ließ sie, obwohl oder vielleicht gerade weil er dieser so gutherzige und liebenswerte Mensch war, immer noch an Irinas Aufrichtigkeit zweifeln. Vielleicht ist es ein Fehler gewesen, ihr damals so widerspenstig entgegenzutreten, dachte Natalie. Wenn Irina dem Vater guttat, waren ihre Beweggründe möglicherweise egal. Es war letzten Endes sein Leben und er entschied, wie und mit wem er glücklich sein wollte. Natalies Mutter war diejenige gewesen, die das Beziehungsende beschlossen hatte. Sie war diejenige, die sich zuerst einen neuen Mann gesucht hatte und unbedingt das Gut hatte verlassen wollen. Sie hatte ihre Tochter damals gegen ihren Willen mitgenommen, aus ihrer Umgebung gerissen. Natalie hatte sich zwar gewehrt, aber letztlich entschieden nicht zurückzukehren. Nicht, weil sie einem Sinneswandel folgend die Entscheidung ihrer Mutter plötzlich gutgeheißen hätte. Nicht etwa, weil sie ihren Vater oder Carolina nicht liebte und auch nicht, weil sie Irinas Gegenwart gescheut hätte. Nein. Die beiden hatten den störrischen Teenager damals loswerden wollen, die zweite Zurückweisung innerhalb weniger Stunden. Es hatte ausreichend furchtbare Gründe gegeben, ihr einstiges Zuhause zu verlassen und alle Erinnerungen daran zu verwerfen. Und so war sie an einem warmen Tag im März kurz vor Ostern mit einem gebrochenen Herzen und ihrer Reisetasche zu ihrer Mutter und Jochen ins Auto gestiegen. Verloren in ihrem Gefühlschaos und der Schmach der Ablehnung, der unerwiderten Liebe, hatte sie auf dem Rücksitz des blankpolierten schwarzen Mercedes gesessen. Während der Wagen langsam die Straße hinuntergerollt war, das Haus in immer weitere Entfernung rückte, hatte sie suchend aus dem Fenster geblickt und bis zuletzt gehofft, Nick würde auftauchen und ihre Abreise, in welcher Form auch immer, verhindern. Doch er war nicht gekommen und als sie das Ortsausgangsschild passiert hatten, hatte Natalie das erste Mal darüber nachgedacht, alle Brücken hinter sich abzubrechen und nie wieder zurückzukommen.

„Hat ja gut geklappt“, flüsterte sie und quälte sich weiter mit schweren Schritten die Straße hinauf. Das große schmiedeeiserne Tor unter dem Rundbogen aus Sandstein stand weit offen, links und rechts davon verliefen die mannshohen Mauern um den Hof. Natalie blieb unter dem Torbogen stehen, zögerte und lauschte. Ihr Vater hatte schon früher sehr erfolgreich Belgische Schäferhunde gezüchtet. Was sie in diesem Augenblick ihrer Rückkehr nach Gut Beeken am wenigsten gebrauchen konnte, war, dass ein Rudel wildgewordener Hunde ihre Ankunft laut kläffend in Szene setzte. Nein, sie wollte die Begegnung mit ihm und Irina so lange wie möglich hinauszögern und vor allem wollte sie dabei ihre große Schwester Caro an ihrer Seite wissen, denn sie war es schließlich, die ihr diese Suppe eingebrockt hatte. Caro hatte ihr schon bei ihrem Überraschungsbesuch in Köln den Zweitschlüssel zu ihrer Wohnung übergeben und von der Neuaufteilung des Hauses erzählt. Der rechte Teil des Obergeschosses, welcher einst die Kinderzimmer der beiden Mädchen und das ehemalige elterliche Schlafzimmer beherbergt hatte, war von Franz zu einem gemütlichen separaten Wohnbereich umgebaut worden und war nun von außen über eine Metalltreppe zu erreichen. Den Rest des Hauses bewohnten Franz und Irina. Sie hatten immer noch mehr Platz, als sie brauchten, und der Saal, der als Ort für feierliche Anlässe gedient hatte, war zu einem Wohnzimmer in Normalgröße geworden. Der Tradition folgend fand das Sommerfest auf Gut Beeken immer noch statt. Wie Caro erzählt hatte, hatten sich die Feierlichkeiten in den letzten Jahren jedoch ins Freie verlagert. Natalie spähte über den Hof, doch sie konnte niemanden entdecken. Alles in allem sah es hier sehr aufgeräumt aus. Der Platz vor dem Haus war wohl vor einiger Zeit neu gepflastert worden. Graue und rote Steine verliefen kreisförmig von innen nach außen. Auf der linken Seite, dort wo einst die alte Scheune gestanden hatte, erblickte sie einen großzügigen, modernen Neubau, ein Carport und weitere Stellplätze. Zwei Autos standen dort. Es war also gut möglich, dass jemand zu Hause war. Das flaue Gefühl in ihrer Magengegend schwoll an. Beklommen setzte sie einen Fuß vor den anderen, hielt sich rechts und überquerte den Hof. Die Rollen ihres Trolleys bewegten sich geräuschvoll über die Pflastersteine. Der Lärm wurde durch die hohen Mauern zurückgeworfen und noch verstärkt. Er fuhr Natalie durch Mark und Bein. Glücklicherweise entdeckte sie schon nach wenigen Metern die beschriebene Metalltreppe. Darunter standen ein Tisch und eine Bank aus massivem Holz, eingefasst von ebenfalls hölzernen Pflanzkästen, in denen kleine Nadelbäumchen wuchsen. Zwergfichten vielleicht, mutmaßte Natalie im Vorbeigehen und wunderte sich, dass ihr so etwas ausgerechnet in diesem Augenblick durch den Kopf ging. Sie hatte den Hof eilig überquert und blieb nun neben dem Tisch stehen. Sie blickte sich erneut um. Weit und breit war niemand zu sehen. Die Zeiger ihrer Uhr standen auf kurz nach zwölf. Oben in der Wohnung zu warten erschien ihr besser, als hier unten wie auf dem Präsentierteller zu sitzen. Es würde drinnen wahrscheinlich auch wesentlich wärmer und gemütlicher sein. Eine dicke Wolke hatte sich gerade vor die Sonne geschoben und kalter Wind wehte ihr ins Gesicht. Natalie zog die Handschuhe aus und suchte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel. Dann stieg sie langsam und mit zitternden Knien die Treppe hinauf. Als sie den Schlüssel ins Schloss steckte, hörte sie plötzlich ein knirschendes Geräusch. Ein Auto! Verschreckt hielt sie inne, dann drehte sie sich um und schlich die Treppe wieder hinunter. Vorsichtig lugte Natalie um die Hausecke. Ein grüner Kleinwagen war auf den Hof gefahren und hielt auf dem Parkplatz. Kurz darauf stiegen ihre Schwester und Lucas aus. Gott sei Dank!

3. Melisse oder Minze

Erleichtert fiel Natalie ihrer Schwester um den Hals – eine Begrüßung, die keineswegs zum Verhältnis der Schwestern passte, aber ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Lucas verhielt sich zurückhaltend. Seine Mama als Schutzschild verwendend lugte er seitlich hinter ihr hervor und sah Natalie aus zusammengekniffenen Augen an. Wenigstens zu einer höflichen Begrüßung hätte er sich ihrer Ansicht nach durchringen können.

„Da kommen wir ja gerade rechtzeitig“, stellte Carolina fest. „Oder“, sie sah ihre Schwester fragend an, „wartest du etwa schon länger und hast dich nicht reingetraut?“

„Nein, nein“, erwiderte Natalie. „Ich bin noch nicht lange hier. Du hättest mich fast noch sehen müssen, als du die Straße raufgefahren bist“, erklärte sie und war dabei bemüht, die Anspannung zu überspielen.

„Na, da sei dir bloß nicht so sicher. Wenn Lucas und ich Auto fahren, sind wir immer so in unsere Spiele vertieft, da kann ich mich gerade so auf den Verkehr konzentrieren. Ich weiß, das ist nicht besonders vorbildlich, aber es reicht mir schon aus, wenn ich beruflich immer alle Sinne in Alarmbereitschaft halten muss. Aber das ist ein anderes Thema.“ Carolina winkte ab. „Na los, ab nach oben mit dir oder wollen wir uns hier draußen weiter die Beine in den Bauch stehen? Hast du Hunger?“ Sie schob ihre Schwester sanft die Treppe hinauf.

„Im Moment reicht mir erst einmal ein Tee zum Aufwärmen“, antwortete Natalie, aber Lucas hatte offenbar wieder zu seinem alten Mut gefunden. Er stand bereits vor der Wohnungstür und rief lautstark vom Podest herunter: „Ich habe Hunger! Was gibt es denn?“

„Was Leckeres“, antwortete seine Mutter freundlich aber nichtssagend. Er verzog unbefriedigt den Mund. „Hier.“ Sie streckte den Arm an Natalie vorbei und hielt Lucas den Schlüssel hin. „Einmal aufschließen bitte“, ordnete sie liebevoll an. Stolz öffnete Lucas die Tür und lief voraus. „Schuhe ausziehen, Jacke aufhängen, Ranzen mitnehmen“, rief Caro ihm nach und unter leisem, nicht ernstzunehmendem Protest kam Lucas zurück und tat wie ihm geheißen.

„Kann ich fernsehen?“, wollte er dann wissen.

„Von mir aus. Ausnahmsweise bis das Essen fertig ist. Ich muss sowieso noch einige Dinge mit deiner Tante besprechen“, antwortete Caro, doch Lucas hörte schon nicht mehr zu. Wenige Augenblicke später lief der Fernseher und hatte das Kind bereits in seinen Bann gezogen.

„Na komm, gehen wir in die Küche und trinken erst einmal einen Tee“, schlug Carolina vor. Natalie folgte ihr schüchtern und nahm auf der Eckbank am Küchentisch Platz. Schweigend sah sie sich um. Sehr schön und gemütlich hatte ihre Schwester es hier. Von der ehemaligen Aufteilung des Hauses war zumindest in der Küche nichts mehr zu sehen. Hier war einst das elterliche Schlafzimmer gewesen. Das große Fenster bot immer noch den atemberaubenden Ausblick über die Streuobstwiese hinter dem Haus. Karg und knorrig ragten die alten Apfel-, Kirsch- und Pflaumenbäume aus dem graugrünen Gras in den Himmel. Der Wind wirbelte einzelne bunte Blätter dazwischen herum.

„Pfefferminze oder Melisse?“, durchbrach Carolina die Gedanken ihrer Schwester.

„Wie bitte?“, fragte Natalie und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen in der Küche. Das Wasser im Kocher rauschte bereits, während Carolina die Tassen vorbereitete.

„Welchen Tee möchtest du trinken? Ich habe Pfefferminze oder Melisse. Beides selbst geerntet und getrocknet.“ Natalie entschied sich für Melisse und nahm den angenehmen Duft des Tees wahr, als die Tasse mit dem heißen Getränk vor ihr stand. „Zucker?“, wollte Caro wissen.

„Gern“, erwiderte Natalie höflich und nahm zwei große Stücke Kandis aus der Zuckerdose, die ihre Schwester ihr reichte.

„Ich wollte dir unbedingt noch einmal danken, dass du hier bist“, sagte Carolina und setzte sich nun auch an den Tisch. Sie pustete in ihre Tasse. „Wie war denn die Anreise? Mit Bus und Bahn ist es doch immer eine halbe Weltreise, stimmt’s?“

„Es war einigermaßen okay. Zumindest ab Aachen schien es mir wie früher“, erwiderte Natalie. „Ich habe das Gefühl, dass sich hier gar nicht so viel verändert hat, wie ich erwartet hatte.“

„Na, einiges hat sich schon getan. Das wirst du schon merken“, widersprach Caro und brachte damit unabsichtlich das Gespräch zum Erliegen. Es folgten erneute unangenehme Minuten des Schweigens zwischen den Schwestern. Nur der Fernseher war zu hören.

„Caro“, begann Natalie, „ich muss dir was sagen.“

„Was denn?“ Carolina unterbrach ihr Pusten und hob den Kopf. „Ich …“ Natalie suchte nach den richten Worten. „Ich weiß nicht, ob es richtig ist hierzubleiben. Den ganzen Weg vom Bus bis hier hoch ist mir mein Herz immer weiter in die Hose gerutscht. Ich habe große Angst und mache mir Sorgen. Ich weiß nicht, wie ich die nächsten Tage überstehen soll. Von Kindererziehung habe ich keine Ahnung und ich fühle mich schrecklich unwohl hier.“ Natalie senkte beschämt den Blick und fuhr nach einer kleinen Pause fort „Weißt du, es ist ja nicht nur, dass ich auf Lucas aufpassen soll. Mir graut zudem vor der Begegnung mit Papa und Irina. Nach all den Jahren Funkstille wird mir schon schlecht, wenn ich nur daran denke, ihnen über den Weg zu laufen, und es wird sich sicherlich nicht vermeiden lassen.“ Nervös begann Natalie ihre Hände zu kneten und wartete darauf, dass ihre Schwester etwas dazu sagte. Carolina ließ sich Zeit.

„Natalie, es ist mir schon klar, dass ich dir hier einiges zumute. Trotzdem will ich dich beruhigen. Erstens: Ich hätte dich nicht gefragt, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass du das schaffst. Zweitens: Ich zeige dir gleich Lucas’ Zimmer und den Plan für die nächsten zwei Wochen. Ich habe dir alles detailliert aufgelistet. Wenn du dich genau daran hältst, wird es schon funktionieren. Und drittens: Sei bitte nicht böse, dass ich nicht vorher etwas gesagt habe“, entschuldigte sich Caro vorab und griff über den Tisch nach Natalies Arm. Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause und Natalie hatte das Gefühl, dass der Blick ihrer Schwester sie jeden Augenblick durchbohren würde. Sie ahnte nichts Gutes und spürte, wie ihr zeitglich zu Carolinas warmer Hand auf dem Arm ein eisiger Schauer über den Rücken lief. Was mochte jetzt nur auf sie zukommen, womit ihre Schwester jetzt erst herausrückte? „Ich habe natürlich mit Papa gesprochen. Ich musste doch Bescheid sagen, dass du kommst. Es ist alles in Ordnung. Er und Irina haben uns für heute Abend zum Essen eingeladen.“

Natalie stockte der Atem. „Was?“ Sie sah ihre Schwester ungläubig an. „Geht es dir nicht gut? Wie kannst du mich denn so auflaufen lassen? Wir können doch nicht … Was soll ich denn …“, suchte sie stotternd nach den richtigen Worten. Sie war fassungslos.

„Natalie, beruhige dich. Es war doch klar, dass ihr euch irgendwann über den Weg lauft. Du hast selbst gesagt, dass sich ein Aufeinandertreffen nicht umgehen lässt, wenn du zwei Wochen hier bist. Dann ist es doch besser, wenn diese für alle Beteiligten unangenehme Situation in organisierten Bahnen verläuft. Du bist nicht die Einzige, für die es schwer wird. Und um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft, dass ihr zwei einen guten Start miteinander habt. Vielleicht bekommt meine Reise dann noch ein weiteres Happy End. Es wäre so schön, wenn du und Papa, also, ich meine, wenn ihr zwei euch wieder etwas näherkämt. Er sagt es zwar nicht, aber ich bin mir sicher, dass er dich sehr vermisst. Dass du nie wieder zurückgekommen bist, hat ihm sehr zu schaffen gemacht.“

Natalie hielt sich an der Teetasse fest. Hob sie vorsichtig an, um etwas zu trinken. Dabei spürte sie, wie ihre Finger nervös zitterten. „Du weißt genau, wie hart es damals war und wie das abgelaufen ist. Papa hat ein gewaltiges Stückchen dazu beigetragen und der Rest geht ihn einfach nichts an. Ich darf wohl auch meine eigenen Entscheidungen aus meinen persönlichen Gründen treffen.“ Vor Natalies innerem Auge erschien unmittelbar Nicks schönes, jugendliches Gesicht mit den Sommersprossen und den weißblonden Haaren. Sie räusperte sich und versuchte den dicken Kloß in ihrem Hals loszuwerden, der ihr schon bei der bloßen Erinnerung an damals das Atmen schwergemacht hatte. „Ich will auch gar nicht mehr darüber reden, das ist sowieso alles Schnee von gestern“, fügte sie hinzu, nachdem sie tief Luft geholt hatte. Ihre Stimme erklang nun lauter als gewollt, rau und trotzig.

„In Ordnung, ist ja schon gut.“ Langsam zog Carolina ihre Hand, die immer noch auf Natalies Arm lag, zurück. „Natürlich hast du recht. Ich finde aber trotzdem, dass es eine sehr gute Idee ist, wenn wir uns gleich alle zusammen zum Essen treffen und die erste Hürde genommen ist. Falls ihr gar nicht miteinander auskommt, könnt ihr euch in den nächsten Tagen immer noch aus dem Weg gehen, wenn ihr wollt. Vielleicht läuft es aber auch recht gut und dann hättest du dir unnötigerweise die Nerven strapaziert.“ Sie trank ihren Tee aus und stand auf. „Ich beginne jetzt das Mittagessen zu kochen. Trink du in Ruhe deinen Tee und wenn du fertig bist, zeige ich dir Lucas’ Zimmer und den Plan. Wenn wir gegessen haben, kümmern wir uns um die Hausaufgaben. Du siehst zu und dann weißt du schon Bescheid. Ist immer der gleiche Ablauf. Keine Sorge, das klappt schon.“

Natalie seufzte, antwortete aber nicht. Woher nahm ihre Schwester nur diese Zuversicht? Oder lag es eher daran, dass sie so verknallt in diesen Arzt war, dass es ihr vollkommen egal war, was sich in ihrem Zuhause abspielte. Machte sie sich denn überhaupt keine Sorgen um ihren Sohn? Aber nein, verteidigte Natalie ihre Schwester in Gedanken. Sie ist eine gute Mutter, sie will Lucas und mir bestimmt kein schlechtes Gefühl geben und gibt sich deshalb so optimistisch. Wir zwei werden die paar Tage bestimmt rumkriegen irgendwie.

„Was hat er denn gesagt? Also Papa, meine ich“, wollte Natalie wissen.

„Ach, du kennst ihn ja. Er redet nicht viel. Jedenfalls hat er nicht geschimpft und das ist doch ein gutes Zeichen.“

Natalie seufzte erneut. „Na, du musst es ja wissen. Und Irina?“, fragte sie dann. Diesmal war es Carolina, die einen Seufzer ausstieß. Unwirsch legte sie den Deckel auf den Kochtopf, den sie gerade auf den Herd gestellt hatte. „Zu mir gar nichts. Ich habe dir ja gesagt, dass wir nicht die besten Freundinnen sind. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass sie vorrangig materielle Absichten hat. Aber Papa liebt sie und ist glücklich, was soll ich da machen. Außerdem kommt sie ausgesprochen gut mit Lucas zurecht. Er mag sie, ab und zu ist es ganz praktisch, dass sie auf ihn aufpasst. Schichtdienst haben hat auch Nachteile. Ich würde sagen, wir haben uns arrangiert und leben friedlich nebeneinander.“

„Es gibt also gar keinen Grund, dass du sie nicht gefragt hast, ob sie sich um Lucas kümmert?“ Natalie sprach ihre Worte kühl.

Carolina sah sie nicht an, als sie antwortete, sondern holte ein Paket Spaghetti aus dem Küchenschrank. „Doch, natürlich gibt es den. Ich will es einfach nicht.“ Sie schnaufte genervt. „Das und natürlich auch, dass Irina selbst berufstätig ist, wenn man das so bezeichnen kann. Sie hätte nicht ausreichend Zeit, sich um Lucas zu kümmern.“ Natalie runzelte verärgert die Stirn. „Ich bin auch berufstätig“, erklärte sie entrüstet. „Ich habe sogar zwei Jobs und ein Studium zu bewältigen und ich bin echt auf die Kohle angewiesen.“

Carolina ließ die Nudeln in das kochende Wasser gleiten. „Das weiß ich, denn wir haben bereits darüber gesprochen. Das Geld für deinen Aufwand bekommst du, keine Frage, und sowohl dem Studium als auch deiner Arbeit für den Verlag kannst du von hier aus nachgehen. Oder fehlt dir etwa das Einräumen der Regale im Supermarkt?“

Bildete sich Natalie diesen abfälligen Unterton nur ein? Kritisierte Caro, dass Natalie es bisher zu nichts gebracht hatte? „Der Job bei Rewe ist vielleicht nicht das Gelbe vom Ei, aber ich verdiene mein Geld. Es ist nicht nötig, mich darauf hinzuweisen, dass du schon viel mehr erreicht hast als ich. Die einen wissen schon früh, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen, die anderen erst später“, verteidigte Natalie sich vorsorglich.

„So war das doch gar nicht gemeint“, beschwichtigte Caro. „Papa und Irina wissen übrigens nichts von Olaf und ich habe nicht vor, ihnen das auf die Nase zu binden. Das geht sie gar nichts an. Erst wenn wir offiziell zusammen sind, werde ich ihn hierherbringen und ihn Papa vorstellen. Also bitte, verplappere dich nachher nicht“, bat sie, während sie damit begann, eine Zwiebel zu schälen.

„Ich bin also deine Vertraute in geheimer Mission? Dein einziger helfender Engel in Sachen Liebe?“, fragte Natalie und warf ihrer Schwester einen verschlagenen Blick zu. Carolina lächelte nervös zurück und nickte. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hatte Natalie das Gefühl, doch das Richtige zu tun. Sie beobachtete Caro noch eine Weile beim Kochen. In der Pfanne dünsteten die Zwiebeln und verbreiteten einen leckeren Geruch. Natalie nippte an ihrem Tee, doch sobald sie ihren Gedanken freien Lauf ließ, machte sich Beklommenheit in ihr breit. Schon heute Abend war sie mit Lucas allein in der Wohnung. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

„Komm, mach dich nützlich und deck schon mal den Tisch“, riss Caro sie aus den trüben Gedanken.

Sie stellte drei Teller und drei Gläser auf den Küchentisch, legte Besteck daneben und wandte sich dann wieder der Soße auf dem Herd zu. Die Teller für ihre Schwester und sich stellte Natalie an die Plätze, an denen sie beide auch den Tee getrunken hatten. „Wo sitzt Lucas?“, wollte sie wissen und besah sich unschlüssig das kleinere Kinderbesteck.

„Auch auf der Bank“, gab Carolina zurück. Sie stellte den Herd aus und brachte zwei Holzbrettchen zum Tisch, auf die sie nur einen Moment später den Topf mit den dampfenden Nudeln und die Pfanne mit der Soße stellte. „Lucas, mach den Fernseher aus und komm essen“, rief sie dann ins Wohnzimmer hinüber. Sie gab Nudeln und Soße auf seinen Teller, dann rief sie noch einmal. „Lucas! Fernseher aus und essen kommen. Wir fangen sonst ohne dich an.“ Und an Natalie gewandt sagte sie: „Gib mal deinen Teller“, dann tat sie ihr ebenfalls Nudeln und Soße auf.

Es roch köstlich, aber Natalie hatte mit einem Mal das Gefühl, sie hätte einen schweren Stein im Magen. „Nicht so viel, bitte“, sagte sie leise und fing Caros spöttischen Blick auf.

Sie stellte den vollen Teller zu sich und nahm ihren eigenen, um Natalie eine kleinere Portion zu geben. „So?“, fragte sie. Natalie nickte und nahm den Teller entgegen. Caro setzte sich, nur um gleich darauf noch einmal aufzustehen und eine Flasche Wasser aus dem Küchenschrank zu holen. „Lucas!“, rief sie erneut. Der schärfere Ton erzielte nun endlich Wirkung und der Junge kam in die Küche gelaufen. Als er Natalie erblickte, verharrte er für einen Augenblick in seinen Bewegungen. Es war beinahe, als hätte er ihre Anwesenheit in den letzten Minuten ganz vergessen. Dann sah er unschlüssig zu seiner Mutter. „Ab auf die Bank mit dir“, sagte diese nun wieder in sehr mildem Ton und wartete bis er seinen Platz eingenommen hatte.

Das gemeinsame Essen verlief recht wortkarg. Natalie bemerkte, wie Lucas sie hin und wieder argwöhnisch von der Seite anschielte, während sie in ihrem Essen stocherte. Aber sobald sie sich ihm zuwandte, wich er ihrem Blick aus und beschäftigte sich mit seinen eigenen Nudeln. Ab und zu entschlüpfte ihm eine über den Tellerrand. Nach einiger Zeit hatte sich ein eigenwilliges Muster aus roter Soße auf der Wachstuchdecke rund um seinen Teller gebildet. Wortlos reichte ihm seine Mutter ein Stück Küchenrolle, damit er sich zwischendurch die kleinen verschmierten Finger abputzen konnte.

„Gibt’s Nachtisch?“, wollte Lucas wissen, als er seinen Teller leergegessen hatte und sofort von sich schob, doch seine Mutter verneinte.

„Heute nicht, wir essen ja am Abend noch einmal bei Opa und Irina. Da gibt es bestimmt welchen.“

Lucas zog einen Flunsch. „Das dauert aber noch so lange“, quengelte er. Die Begründung seiner Mutter schien ihm nicht ausreichend.

„Vorfreude ist die schönste Freude“, wiegelte Carolina seinen Einwand ab.

„Kann ich dann wieder fernsehen?“, maulte er.

Caro gab mit einem Seufzer nach. „Von mir aus, es ist ja Freitag.“

Die beiden Schwestern blieben in der Küche und aßen weiter. „Darf er freitags mehr fernsehen?“, wollte Natalie wissen.

„Meistens“, gab Carolina zu. „Normalerweise macht er seine Hausaufgaben, wenn wir mit dem Essen fertig sind. Lucas sitzt dann hier bei mir in der Küche und ich kann ein Auge auf ihn haben, während ich aufräume. Oft bin ich früher fertig als er und setze mich dann mit einer Tasse Kaffee zu ihm. Lucas genießt es, wenn er die Aufgaben nicht allein bearbeiten muss, und ich habe für ein paar Augenblicke Ruhe. Das könntest du auch so machen, wenn ich weg bin. Die Routine wird ihm guttun.“

„Kann ich machen. Er wird trotz alledem merken, dass ich nicht du bin.“ Natalie hatte ihre kleine Portion aufgegessen, legte das Besteck zusammen und schob den Teller ebenfalls von sich.

„Keine Frage. Das soll er auch. Aber ich glaube, dass eure gemeinsame Zeit einfacher wird, wenn du gewisse Strukturen einhältst.“ Carolina hatte ihre Mahlzeit ebenfalls beendet und stellte die leeren Teller übereinander. „Pass auf“, begann sie nun voller Tatendrang. „Du räumst die Spülmaschine ein und ich koche Kaffee. Dann erklär ich dir alles im Detail.“

Natalie gehorchte und nur wenig später saßen die beiden Frauen vor einem frisch gebrühten schwarzen Kaffee. Carolina hatte den großen Kalender von der Wand in der Küche genommen und auf den Tisch gelegt. Bei seinem Anblick wurde Natalie für einen Moment von einem nervösen Schauer ergriffen. Besorgt überflog sie die vielen Einträge in unterschiedlichen Farben. „Du liebes bisschen, das ist aber viel“, entfuhr es ihr.

„Keine Sorge“, beschwichtigte Carolina. „Das sieht schlimmer aus, als es ist. Hier in Blau siehst du die Anfangs- und Endzeiten der Schule. Das ist immer gleich. Du musst Lucas zum Bus bringen und abholen. Das macht ihr am besten zu Fuß. Rot ist Hausaufgabenzeit, Dienstag und Donnerstag ist Tischtennistraining, das habe ich dir grün eingetragen. Das Training findet bei Erla statt.“

„In der Kneipe?“, unterbrach Natalie ungläubig.

„Ja, aber es ist schon längst nicht mehr nur Kneipe. Das ist jetzt eher ein Café, Restaurant und Treffpunkt für alle. Die haben nebenan einen Raum, der für verschiedene Veranstaltungen gemietet werden kann. Darts, Skat, Bingo, Tischtennis, Versammlungen. Finde ich gut. Somit haben nicht nur die Kinder eine Beschäftigung im Ort. Du musst ihn hinbringen und abholen. Das Training selbst dauert aber nur eine Stunde, da lohnt es sich kaum, wieder nach Hause zu gehen. Wenn das Wetter schlecht ist, trinke ich dort etwas oder schaue beim Training zu. Aber meistens nutze ich die Zeit für Besorgungen im Ort. Die anderen Mütter halten das auch so. Du musst einfach selbst entscheiden, was für dich besser ist.“

Vor Natalies innerem Auge erschienen plötzlich die ehemaligen Mitschülerinnen. „Kenne ich welche von den Müttern? Von früher, meine ich. Mir ist wahrlich nicht nach einem Wiedersehen“, äußerte sie zaghaft und Carolina blickte ein paar Sekunden nachdenklich zur Decke hinauf.

„Hm, möglich. Vielleicht Kathrin Voss, die war eine Klasse unter mir.“

Natalie machte nun ebenfalls ein nachdenkliches Gesicht. Kathrin. Der Name sagte ihr nichts.

„Lange rote Haare, blasses Gesicht, spitze Nase, recht zurückhaltend“, versuchte Carolina ihr auf die Sprünge zu helfen, aber Natalie konnte sich nicht erinnern. „Ach“, rief Caro plötzlich und griff sich an die Stirn. „Wohlerts! Kathrin hat doch geheiratet. Früher hieß sie Wohlerts.“

Bei diesem Namen klingelte es leise bei Natalie. „Wohlerts“, wiederholte sie. „Hat sie einen jüngeren Bruder? In meiner Klasse war damals ein Thomas Wohlerts“, setzte sie dann leise hinzu.

„Ja, stimmt“, stellte Caro fest.

Und was ist mit Nick? Laufe ich Gefahr, ihn dort zu treffen?, hätte Natalie am liebsten gefragt, doch sie schluckte die Worte hinunter. Nein. Sie musste sich zusammenreißen und die Vergangenheit ruhen lassen. Was geschehen war, ließ sich nun einmal nicht ändern.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, nahm Carolina das Wort wieder auf. „Ich habe dir doch schon erklärt, dass du die zwei Wochen hier verbringen kannst, ohne dich mit den Leuten aus dem Dorf zu treffen. Du bringst Lucas zum Bus, zu Erla und sorgst dafür, dass er seine Hausaufgaben macht, sich ordentlich anzieht und die Zähne putzt. Noch ein Stündchen spielen am Nachmittag und den Rest der Zeit hast du zum Arbeiten. Falls es gar nicht klappt, kannst du Lucas auch zu Papa schicken. Er nimmt ihn schon mal mit, wenn er seine Runden mit den Hunden dreht.“

„Hm“, machte Natalie widerwillig. „Das kann ich mir ja für den Notfall offenlassen.“

„Jetzt schau nicht so zerknirscht. Papa freut sich, dich nach so langer Zeit wiederzusehen“, versuchte Caro sie aufzumuntern. „Ach, hat er das gesagt?“

„Na ja, nicht so direkt“, ruderte Caro etwas zurück, „aber welcher Vater freut sich denn nicht, wenn seine Tochter nach so langer Zeit endlich wieder nach Hause kommt.“

„Ich komme nicht nach Hause“, erklärte Natalie nun trotzig. Das Gespräch verlief gerade in eine für sie unangenehme Richtung. „Ich tue meiner Schwester einen Gefallen und danach fahre ich wieder zurück nach Köln. Dort ist nämlich mein Zuhause.“

„Schon gut, reg dich ab“, versuchte Carolina sofort sie zu beschwichtigen. „So war das doch gar nicht gemeint. Also weiter im Text. Einkaufen musst du zunächst nicht. Ich habe für ein paar Vorräte gesorgt.“ Caro stand auf und ging zum großen Kühlschrank. Sie öffnete ihn und zeigte auf den üppigen Inhalt. Dann griff sie zur unteren Tür, um den Gefrierschrank zu öffnen, und erklärte: „Hier habe ich euch Fleisch, Fisch und Gemüse eingefroren. Und dort drüben …“ Sie schloss den Gefrierschrank und ging am Fenster vorbei auf die andere Seite der Küche. Dort öffnete sie eine kleine Holztür, hinter der sich eine geräumiges Regal befand, das als Mini-Speisekammer diente. „Hier gibt es noch jede Menge Konserven, Nudeln, Reis und so weiter. Die beiden Weinflaschen sind auch für dich, falls du möchtest.“ Caro schloss die Tür. „Jetzt komm, ich zeige dir den Rest der Wohnung.

Natalie folgte ihrer Schwester durch den kleinen Flur in das geräumige Badezimmer. „Dazu muss ich dir nicht viel erklären. Die Waschmaschine funktioniert wie jede andere. Dusche, Toilette, Badschrank.“ Sie machte eine präsentierende Bewegung mit dem Arm. „Das Übliche eben. Und dort drüben habe ich Platz für deine Sachen freigeräumt.“

Dann gingen beide ins Schlafzimmer, wo zwei große dunkelblaue Hartschalenkoffer und ein Beauty Case bereits abreisefertig warteten. „Ich habe dir auch in meinem Schrank etwas Platz gemacht“, erklärt Caro und schob die Spiegeltür ihres großen Kleiderschranks auf. „Du sollst die zwei Wochen nicht aus dem Koffer leben müssen. Das Bett ist frisch bezogen, der Staubsauger steht hinter der Tür und falls du neue Wäsche brauchst, findest du sie hier.“ Sie zwängte sich zwischen dem Bett aus rustikalem Holz und den Koffern hindurch und hob den Deckel einer wunderschönen großen Truhe, ebenfalls aus Holz, hoch. Natalie sah sich anerkennend um. Die Wohnung ihrer Schwester war sehr ansprechend. Nicht zu vergleichen mit ihren eigenen einunddreißig Quadratmetern, auf denen sie aus ihrem Faltkleiderschrank lebte. Der Gedanke daran, dass sich Essen, Schlafen, Wohnen und Arbeiten auf verschiedene Räume erstreckte, wirkte in diesem Augenblick recht seltsam auf sie. Carolina drängelte sich wieder zurück. „Du kannst gleich ganz in Ruhe einräumen, wenn ich meine Koffer ins Auto bringe und noch ein bisschen mit Lucas auf der Couch knuddle. Du, ich bin dir wirklich so dankbar, dass du das für mich tust“, erklärte sie ernst, als sie direkt vor Natalie stand. „Ich weiß, es ist viel verlangt, aber glaube mir: Das ist meine große Chance bei Olaf. Wenn ich zurückkomme, sind wir offiziell ein Paar und der Rest findet sich dann von ganz allein.“ Carolina seufzte verliebt und ihre Augen glänzten.

Natalie teilte den Enthusiasmus ihrer Schwester nicht, aber sie behielt ihre Bedenken für sich. Natürlich wünschte sie ihr, dass sich ihre Träume erfüllten. Sie gönnte ihr das Happy End mit diesem Olaf, auch wenn sie ihn nicht kannte. Dann hatte wenigstens eine von ihnen Glück. Wieder tauchte Nick in ihren Gedanken auf. Sie fühlte einen Stich in der Brust und versuchte sich mit einer unwirschen Kopfbewegung von der Erinnerung an ihn zu lösen. „Wo kann ich denn arbeiten?“, wollte sie wissen und versuchte, die Gedanken wieder in die Gegenwart zu lenken.

„Folgen Sie mir bitte unauffällig ins Wohnzimmer“, alberte Carolina und ging voraus. Dort saß Lucas noch immer unbeirrt auf der Couch und konsumierte Zeichentrickfilme. Der Dreisitzer mit graugrünem Velourbezug stand mitten im Raum und fungierte nicht nur als Sitzmöbel, sondern auch als Raumteiler. Links vor der Couch stand ein kleiner ovaler Holztisch. An der Wand fanden sich moderne weiße Bücherregale und eine hohe Vitrine mit dekorativen Whiskyflaschen. Mittig stand ein halbhoher Schrank, auf dem sich ein überdimensionaler Flachbildfernseher befand. „Wenn du fernsehen möchtest, machst du mit der kleinen Fernbedienung den Receiver an, mit der großen den Fernseher. Die Programme verstellst du mit der kleinen, Lautstärke wieder mit der großen. Hier ist eine Liste mit den Programmnummern.“ Sie zeigte auf ein buntes Pappkärtchen, das im Bücherregal lag. „Wenn du Fragen hast, kann dir Lucas helfen. Der kennt sich damit besser aus als ich.

In der rechten Hälfte des Wohnzimmers stand ein Esstisch mit vier Stühlen drum herum. Auf dem Tisch lag ein grauer Umschlag. „Hier kannst du dich ausbreiten und arbeiten. Steckdosen sind direkt an der Wand und der Router ist hier drüben. Sie zeigte auf das weiße Kästchen mit den grünen Lämpchen, das in der Ecke des Wohnzimmers an der Wand angebracht war. „Das WLAN-Passwort habe ich dir auf einen Zettel geschrieben und ihn zusammen mit ein bisschen Bargeld in den Umschlag gelegt. Noch Fragen?“, schloss Carolina ihre Einweisung, aber Natalie schüttelte den Kopf.

„Das muss ich jetzt erst mal verdauen. Du bist beinahe erschreckend gut organisiert. Das macht mich richtig ehrfürchtig“, sagte Natalie anerkennend.

„Wenn man alleinerziehend ist, bleiben nicht so viele Möglichkeiten, da sind Disziplin und Organisation unumgänglich. Aber das wird sich ja dank deiner Unterstützung bald ändern.“ Wieder bekam Carolina diesen sehnsüchtigen, verliebten Gesichtsausdruck und ihre Wangen begannen in zartem Rosa zu leuchten.

„An deinem Organisationstalent wird es definitiv nicht scheitern“, erklärte Natalie und fügte hinzu: „Dann werde ich mich mal ans Auspacken machen.“

„Ja“, stimmte Carolina kopfnickend zu. „Und ich bringe die Koffer in mein Auto“. Sie warf einen nervösen Blick auf ihre Armbanduhr. „In zwei Stunden sollen wir schon unten sein und in drei Stunden muss ich mich auf den Weg nach Köln machen. Olaf und ich treffen uns im Maritim und von dort aus machen wir uns morgen früh zusammen auf dem Weg zum Schiff.“

4. Abendessen

Es war bereits dunkel, als Natalie, Carolina und Lucas die Wohnung verließen und die Metalltreppe hinabstiegen. Ein kräftiger Wind wehte und das Treppengeländer fühlte sich unangenehm kalt in Natalies Hand an. Sie fröstelte und war froh, dass Carolina darauf bestanden hatte, die Jacken anzuziehen, auch wenn sie nur wenige Meter über den Hof gehen mussten. Mit bangen Schritten und klopfendem Herzen folgte sie ihrer Schwester und ihrem Neffen zur großen Eingangstür des Hauses. Es war immer noch die gleiche schwere Holztür wie in ihrer Kindheit. Unsicher blickte sie sich um, als das Trio vor dem Eingang stand. Sie rieb sich die Oberarme und ihr Atem stieg sichtbar in den Abendhimmel hinauf. Sie betrachtete die neue Scheune und bemerkte die dezente Beleuchtung an der Traufe und rund um das Tor. Romantisch reihten sich die gelbweißen LED-Lämpchen aneinander. Es sah wunderschön aus.

Natalie fuhr zusammen, als Carolina den schweren Türklopfer betätigte. Nun waren es nur noch Sekunden bis zum Wiedersehen mit ihrem Vater. Die Angst vor diesem Augenblick war ihr bis in die Zehenspitzen gekrochen und hatte Natalie fest im Griff. Was sollte sie nur sagen? Sie waren nicht im Streit auseinandergegangen, sondern viel schlimmer – schweigend hatte er zugelassen, dass ihre Mutter und Jochen Tatsachen geschaffen hatten. Er hatte ihr nicht beigestanden, ihr seine Unterstützung versagt und sich, bis auf die Einladung zur Hochzeit, nie wieder gemeldet. Die hatte sie selbstredend ignoriert, aber in all den Jahren insgeheim auf mehr gehofft.

Carolina hatte zwar gesagt, dass er sich freuen würde Natalie wiederzusehen, aber Natalie war sich sicher, dass ihre Schwester in ihrer augenblicklichen Lage alles sagen und tun würde, um mit ihrem Olaf-Arzt auf Liebesreise zu gehen.

Im Haus waren Geräusche zu hören, der Schlüssel wurde im Schloss herumgedreht und die Haustür geöffnet. Natalie stockte der Atem. Sie starrte auf den Boden und erblickte zuerst ein paar dunkelgraue Hausschuhe.

„Hallo Opa!“, rief Lucas und drängelte sich durch die Tür, noch bevor sie ganz geöffnet war.

„Immer rein in die gute Stube, kleiner Mann“, hörte Natalie die tiefe und ruhige Stimme ihres Vaters, als Lucas längst außer Sicht- und Hörweite war.

„Hallo Papa“, grüßte jetzt auch Carolina und blieb neben Natalie vor der Tür stehen. Nun musste Natalie den Blick heben und sah in die dunklen Augen ihres Vaters. Sie erschrak. Natürlich hatte sie gewusst, dass er in den letzten fünfzehn Jahren älter geworden war – das waren sie schließlich alle –, doch die Zeit hatte in seinem Gesicht deutlichere Spuren hinterlassen, als sie es erwartet hatte. Nicht nur sein volles dunkles Haar war grau geworden, sondern auch die Bartstoppeln in seinem Gesicht. Die kleinen Fältchen um seine Augen zeigten sich nun tiefer und ausgeprägter, die Tränensäcke traten markant hervor. Natalie spürte Panik in sich aufsteigen und einem Impuls folgend wagte sie die Flucht nach vorn. In einer schnellen Bewegung streckte sie die Hand zu einer förmlichen Begrüßung aus und schlug die Augen nieder. „Hallo Papa.“

Einen grausam langen Augenblick geschah gar nichts. Natalie fühlte sich wie betäubt und wollte die Hand schon wieder zurückziehen, als die warme und kräftige Hand ihres Vaters plötzlich die ihre umschloss. Zaghaft hob sie den Blick „Hallo Natalie, erwachsen bist du geworden.“ Er hielt ihre Hand etwas länger fest, als es für eine normale Begrüßung nötig gewesen wäre, bis dieser seltsame Augenblick von Carolina unterbrochen wurde.

„Lasst uns doch drinnen weiterreden, die Kälte hier draußen ist echt fies.“

Franz Beeken ließ Natalies Hand los, öffnete die Tür weiter und bedeutete seinen Töchtern mit einer einladenden Geste einzutreten. Natalie trat sich umständlich die Schuhe ab, dann folgte sie ihrer Schwester ins Haus. Der Eingangsbereich war sehr geräumig. Auch in diesem Teil des Hauses hatte es bauliche Veränderungen gegeben, Carolina hatte das bereits erwähnt. Doch dass so drastisch umgebaut worden war, hatte sie nicht erwartet. Nichts erinnerte mehr an das Zuhause von damals.

„Lucas, komm zurück und zieh die Schuhe aus“, rief Carolina und stellte ihre eigenen in das Schuhregal neben der Tür. Lucas kam in wildem Galopp angerannt, entledigte sich ungeduldig seiner Stiefelchen und raste zurück.

„Wie war die Schule?“, brummelte Franz Beeken, der eine Weile schweigend neben seinen Töchtern gestanden hatte, und folgte seinem Enkel nun in Richtung Wohnzimmer. Natalie zog ebenfalls ihre Schuhe aus und stellte sie mit zitternder Hand neben die ihrer Schwester. Sie fröstelte und wünschte, der Abend wäre schon vorbei. Wer konnte schon wissen, was sie noch erwartete. Allein die Begrüßung war schrecklich gewesen. Sehnsüchtige Erinnerungen an ihre Zeit als Kind dieser Familie hatten beim Anblick des Vaters versucht sich den Weg an die Oberfläche zu bahnen. Wunderschöne Erinnerungen und dann diese andere – die alte Wunde war wie befürchtet aufgerissen. Plötzlich spürte Natalie die unbändige, ungestillte, immer dagewesene Sehnsucht in den Untiefen ihrer Seele lodern und sich den Weg an die Oberfläche bahnen. Sie tat noch immer so schrecklich weh wie damals – Nick.

Ich mache meinen Job und bleibe keine Sekunde länger als nötig, beschloss sie um ihrer selbst willen und ging den anderen entschlossen nach.

Das Haus, in welches sie heute nach so vielen Jahren zum ersten Mal zurückkehrte, war nicht mehr dasselbe, die Familie war eine andere und auch aus ihrem Vater war ein anderer geworden. Alt und brummig schien er. Gewiss verzieh er ihr nicht, dass sie nicht zu seiner und Irinas Hochzeit erschienen war. Aber er war nicht unschuldig daran. Der Schmerz darüber, dass man sie einfach so abgeschoben hatte, saß tief. Außerdem wusste er nicht alles. Zum Beispiel, dass Natalies Entscheidung, nie wieder zurückzukehren, vor allem anderen die Flucht vor einer unerwiderten Liebe war. Einem Gefühl, das Natalie in ihren jungen Jahren fast innerlich verbrannt hatte. Nie wieder hatte sie jemanden so geliebt wie Nick. Nie wieder wollte sie ihr Herz dem Schmerz einer derartigen Zurückweisung aussetzen. Mochten sie auch noch so jung gewesen sein, niemand hatte Natalies Herz je wieder so berührt wie Nick.

Der kleine Flur, der den Eingangsbereich mit den anderen Zimmern verband, wurde matt durch elektrische Kerzen auf eisernen Wandhalterungen beleuchtet. An der Wand hingen Fotos, aber Natalie nahm sich nicht die Zeit, sie zu betrachten. Links vom Flur ging es in eine große Küche, am Ende führte eine Treppe nach oben. Zumindest dieser Bereich schien sich nicht verändert zu haben. Die Innenausstattung war rustikal und wohnlich. Heimelig hätte Natalie fast meinen können, wenn sie in einer anderen Situation und bei anderen Menschen zu Gast gewesen wäre. Nur kurz nach Carolina betrat sie das Wohnzimmer. Den Raum hatte sie viel größer in Erinnerung gehabt. Hier war früher der Saal für Familienfeierlichkeiten gewesen – Geburtstage, Einschulungen, Weihnachten und so weiter. Sie zögerte einen Moment, bevor sie durch die Tür trat, sah dann auf einen hübsch gedeckten Tisch mit weißem Tischtuch, goldumrandeten Tellern, aufwendig gefalteten Servietten, Kerzen und Blumendekoration zwischen den abgedeckten Speisebehältern. Natalie ertappte sich gerade bei dem Gedanken, dass sie ihrem Vater und Irina ihre schöne Bleibe nicht gönnte, da ertönte auch schon Irinas Stimme.

„Wunderbar, wenn jetzt endlich alle da sind, können wir ja anfangen. Setzt euch, bevor das gute Essen kalt wird. Lucas hier, Opa da, Carolina dort und Natalie …“, Irina unterbrach ihre freundliche, aber resolute Ansage. Sie sprach mit nur noch wenig durchklingendem polnischem Akzent und Natalie fing einen unergründlichen Blick auf. Nur eine Sekunde später zog Irina einen der Stühle an der Lehne zurück und sagte dann mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen: „Schön, dass du unser Gast bist. Du sitzt hier, neben deiner Schwester. Ich denke, du bist einverstanden damit.“

Natalie gehorchte ohne Widerworte und nahm auf dem ihr zugewiesenen Stuhl Platz. Irina, die um so viele Jahre jüngere zweite Frau ihres Vaters, hatte sich kaum verändert. Sie schien kaum gealtert und hielt das Zepter auf Gut Beeken augenscheinlich fest in der Hand. Natalie spürte, wie sich ihre Stirn in Falten legte und die Augen verengten. Sie hatte Irina schon früher nicht leiden können. Damals war sie als junge Frau, nicht einmal dreißig Jahre alt, gerade aus Polen gekommen und hatte sich an ihren frisch getrennten und emotional angeschlagenen Vater herangemacht. Natürlich war Franz leichte Beute gewesen, die Trennung der Eltern hatte nicht nur die Kinder emotional belastet. Schon damals war Natalie überzeugt gewesen, dass Irina nur auf ein gemachtes Nest und das Geld ihres Vaters aus war. Sie hatte der Beziehung maximal einige Monate Zeit gegeben und gehofft, ihr Vater käme schnell wieder zur Besinnung. Aber weit gefehlt. Franz Beeken hatte Irina mittlerweile sogar geheiratet. Eines musste man ihr lassen: Ausdauer hatte sie und irgendwie funktionierte es wohl auch zwischen den beiden. Natalie spürte, wie Carolinas Bein gegen ihres stieß, und wurde aus ihren Gedanken gerissen. „Hm?“, machte sie und blickte leicht irritiert auf.

„Deinen Teller, bitte“, sagte Caro und lächelte sie freundlich an. Sie machte gute Miene zu dem Theater. Eine andere Möglichkeit hat sie wohl auch nicht. Schließlich wohnt sie hier, dachte Natalie und reichte ihr ihren Teller.

„Sehr hübsch siehst du aus“, versuchte Irina nun eine Unterhaltung in Gang zu bringen. „So erwachsen. Man kann sehen, dass viel Zeit vergangen ist, seit du fortgegangen bist.“

Natalie bemerkte, dass Irina zu Franz hinübersah, dieser sich aber ausschließlich mit seinem Essen beschäftigte. „Danke, wir alle sind älter geworden“, erwiderte Natalie höflich und wieder wurde es unangenehm still am Tisch. Nur das Klappern des Bestecks auf den Tellern war zu hören.

„Wann fährst du los?“, startete Irina einen neuen Versuch und wandte sich mit ihrer Frage an Natalies Schwester.

„Gleich nach dem Essen.“ Carolina sah auf ihre Armbanduhr. „In einer knappen halben Stunde also.“

„Schon? Ich dachte, ihr hättet etwas mehr Zeit zum Abendessen eingeplant. Müssen wir nicht noch ein paar Dinge für die nächsten Tage besprechen? Ich wollte auch gern noch etwas mit Natalie plaudern. Ich bin so neugierig, wie es dir geht und wie du lebst.“

Natalie biss sich vor Schreck auf die Zunge und unterdrückte ein Stöhnen. „Da gibt es nicht viel zu erzählen“, versuchte sie sich um eine ausführliche Erklärung zu drücken.

„Sie kommt schon zurecht“, fuhr Carolina dazwischen. „Wahrscheinlich werdet ihr kaum merken, dass sie da ist. Ich habe in meiner Wohnung alles für die kommenden Tage vorbereitet. Außerdem muss sie arbeiten, wenn sie sich nicht um Lucas kümmert. Sie wird wenig Zeit haben.“

„Ach so.“ Irina wirkte enttäuscht, gab aber noch nicht auf. „Aber wenn du doch etwas Zeit hast, komm gern für eine Tasse Kaffee und Kekse vorbei. Dein Vater und ich würden uns sehr freuen.“

„Mal sehen, wie es passt“, presste Natalie hervor und musste sich Mühe geben, nicht mit dem Besteck zu wedeln. Irinas Scheinheiligkeit machte sie fürchterlich wütend.

„Für den Fall, dass du dich in der kommenden Woche dazu entscheidest, Irinas Einladung anzunehmen, werdet ihr auf meine Gesellschaft verzichten müssen“, brachte sich Franz unvermittelt in die Unterhaltung ein und Natalie folgte Irinas verwundertem Blick. Offensichtlich war das auch für sie eine neue Information.

„Was ist los?“, fragte sie. „Hast du vergessen mir etwas zu erzählen?“

„Nein, nicht vergessen“, antwortete Franz und schob seinen leeren Teller, auf dem er das Besteck sorgfältig zusammengelegt hatte, beiseite. „Ich weiß es selbst erst seit heute. Ich fahre mit den Hunden zu einem Meisterschafts-Trainingscamp nach Deutschland. Jemand hat kurzfristig abgesagt und mir wurde der Platz angeboten. Da konnte ich nicht nein sagen. Ich wollte gleich nach dem Essen in Ruhe mit dir darüber sprechen.“

„Na, dann bin ich wohl für ein paar Tage allein. Ich werde dich vermissen, aber so kann ich mich wenigstens mehr um das Geschäft kümmern“, erwiderte Irina und blickte versöhnlich drein. Sie war offensichtlich bemüht die gespannte Stimmung am Tisch zu überspielen und auf heile Welt zu machen. Natalie presste die Lippen aufeinander und unterdrückte ein Augenrollen.

„Was gibt’s zum Nachtisch?“ Lucas’ Stimme durchbrach die sich erneut ausbreitende unangenehme Stille.

„Karpatka, hole ich gleich“, antwortete Irina.

„Super, Oma!“ Lucas strahlte. Auf ihn schien die merkwürdige Stimmung am Tisch nicht abzufärben. Das Wort Oma ließ Natalie zusammenzucken. Dass Lucas dieses viel zu junge Huhn so nannte, bereitete ihr Unbehagen. Irina schien von Natalies Anspannung nichts zu bemerken. Sie stand auf, stapelte die bereits leeren Teller übereinander und trug sie hinaus.

„Ich komme mit!“, rief Lucas und war schon von seinem Stuhl aufgesprungen. „Karpatka ist so lecker!“ Freudestrahlend lief er hinter Irina her. Zurück blieben die beiden Schwestern und Franz. Carolina wurde augenblicklich gesprächiger und fragte: „Das scheint ja ein großartiges Training zu sein, dass du so spontan zugesagt hast. Nimmst du beide Hunde mit?“

„Ja. Gleich morgen früh geht es los.“ Franz blieb sparsam mit seinen Worten und machte somit mehr als deutlich, dass er keinen Wert darauf legte, diese Unterhaltung weiter auszuschmücken.

Doch Carolina ließ sich nicht beirren. „Schade, ich hatte nämlich gehofft, dass Natalie hin und wieder mit Lucas und den Hunden spazieren gehen könnte. Da hätten sie zusammen schöne Stunden verbringen können.“

Natalie hatte in den vergangenen Minuten angestrengt in ihr Glas gesehen und einfach nur gehofft, dass dieses gezwungene Familienessen bald vorüber sein würde. In dem Augenblick, als Carolina von ihr sprach, stieß sie nun ihre Schwester unter dem Tisch gegen den Fuß. Es war schlimm genug, dass sie sich hatte bequatschen lassen zurückzukommen und auf Lucas aufzupassen. Wie und mit wem sie die Zeit auf dem Hof verbrachte, das entschied Natalie aber immer noch selbst. Und schon gar nicht würde sie einem Vater hinterherlaufen, der sie nicht verstand, sie loswerden wollte und ihre Entscheidungen nicht akzeptierte. Von ihr aus konnte er so lange mit den Hunden wegfahren, wie er wollte. Das machte die Anwesenheit auf Gut Beeken für Natalie um ein Vielfaches einfacher. Irina konnte ihr sowieso gestohlen bleiben. Von einem falschen Lächeln und ein paar polnischen Gerichten würde sie sich nicht einwickeln lassen.

„Was ist das denn für ein Training“, bohrte Carolina ungeniert weiter und Natalie hatte das Gefühl, dass ihre Schwester die Gesprächszeit mit ihrem Vater ohne Irina ausschöpfen wollte, so gut sie konnte.

Franz schnaufte unwillig. „Ich hatte mich bereits im Frühling dazu anmelden wollen, aber keinen Platz mehr bekommen. Eine Warteliste für das nächste Jahr gibt es auch schon. Auch wenn es kurzfristig ist, kann ich bei einer solchen Gelegenheit nicht ablehnen“, rechtfertigte er sich brummelig und für Natalie war klar, dass das Thema somit für ihn beendet war. Gott sei Dank!

 

Sobald Lucas seinen Nachtisch verdrück hatte – Carolina und Natalie hatten dankend abgelehnt –, herrschte Aufbruchstimmung.

Die Verabschiedung gestaltete sich spartanisch. Carolina hatte es plötzlich eilig und tippte immer wieder Nachrichten in ihr Handy und Lucas wirkte mit einem Mal sehr müde.

„Danke fürs Essen, Irina. Gute Fahrt morgen, Papa“, sagte Carolina mit sichtlich aufgesetztem Lächeln, als sie durch die Haustür ins Freie traten.

„Ja, von mir auch“, ergänzte Natalie, die Hände tief in die Jackentasche vergraben und den Mund hinter dem Kragen ihrer Jacke versteckt.

„Warte, Lucas!“ Irina war mit einer grünen Vorratsdose aus der Küche gekommen. „Nimm mit, Frühstück für morgen.“ Der Junge ergriff die Dose mit einem stolzen Grinsen und marschierte allen voraus über den Hof nach Hause.

 

Oben in der Wohnung folgte eine um Längen herzlichere Verabschiedungsszene. Carolina und Lucas drückten und knuddelten sich und Natalie sah, wie Caro mit den Tränen kämpfte. Sie hatte Mitleid mit den beiden und auch ein bisschen mit sich selbst.

„Kannst du noch ein bisschen bleiben, Mama, oder die Reise ganz absagen?“, wollte Lucas wissen und sprach damit aus, was Natalie dachte. In den letzten Tagen waren ihr immer wieder ähnliche Gedanken durch den Kopf geschwirrt. Es gab doch bestimmt auch eine andere Möglichkeit für Caro, den Mann ihres Lebens zu finden. Warum ausgerechnet eine Kreuzfahrt und warum ausgerechnet dieser Olaf, der doch seine Frau mit ihr betrog. War das allein nicht Abschreckung genug für Caro?

„Lucas, du weißt, dass ich arbeiten muss. Ich lerne etwas auf dem Schiff, fast so wie du in der Schule. Aber wenn ich nicht rechtzeitig ankomme, dann legt das Schiff ohne mich ab und dann weiß ich die wichtigen Dinge nicht, die ich für die Arbeit brauche.“ Natalie sah, wie sich Lucas’ Griff um seine Mama festigte.

„Bitte“, versuchte er es noch einmal.

„Ich rufe dich ganz bestimmt an, wenn ich dort bin, und schicke euch viele Fotos. Und irgendwann einmal machen wir zusammen so eine Reise mit dem Schiff, versprochen“, sprach Caro ihm zu und löste die Hände ihres Sohnes sanft von ihren Hüften. „Du gehst jetzt an das Fenster in deinem Zimmer und wenn ich unten bin, dann winke ich, okay?“

„Na gut.“ Mit einem Seufzen gab sich Lucas geschlagen und lief durch den Flur.

„Stellung halten und nicht unterkriegen lassen“, sagte Caro nun zu Natalie und hielt die Arme auf. „Na, komm her“, forderte sie dann und zog ihre Schwester in eine Umarmung. Natalie spürte die Angst vor den nächsten Tagen deutlich in jeder Faser ihres Körpers. „Danke, dass du das für mich tust.“ Nach einem Moment löste Carolina sich und wischte sich dankbar lächelnd eine Träne aus den Augen.

„Ich drücke dir die Daumen, dass alles so klappt, wie du es dir vorstellst“, hörte Natalie sich sagen, es fiel ihr jedoch schwer, an ihre eigenen Worte zu glauben.

„Ja, das wird es ganz bestimmt. Olaf wird sich für mich entscheiden und dann schweben wir auf Wolke sieben davon.“

„Solange du nicht vergisst wieder zurückzukommen“, versuchte sich Natalie in trockenem Humor, um die Abschiedssituation nicht noch schlimmer zu machen.

„Mama, du kommst ja gar nicht“, rief Lucas nun und stand mit vorwurfsvollem Blick in der Tür zu seinem Kinderzimmer. Die Klinke hielt er dabei in der Hand und bewegte sie auf und ab.

„Doch, jetzt!“, rief Carolina. „Ich bin auf dem Weg!“ Sie winkte über den Flur, warf Natalie einen letzten dankbaren Blick zu und verschwand durch die Tür.

Natalie folgte Lucas und betrat vorsichtig sein Kinderzimmer. Er ließ zu, dass sie sich mit etwas Abstand zu ihm ans Fenster stellte. Mit aufgestützten Ellenbogen und sich die Nase platt drückend, blickte der Junge in den abendlichen, wunderschön illuminierten Hof. Caro stand neben ihrem Auto, winkte noch einmal, dann stieg sie ein und fuhr davon. Lucas und Natalie sahen den roten Rücklichtern nach, die sich schnell auf der Straße vom Gut fortbewegten. Natalie seufzte. „Kannst du eigentlich vorlesen?“, wollte Lucas wissen und überraschte Natalie mit dieser unerwartet direkten Ansprache.

„Ja, das kann ich sogar. Wenn du dich bettfertig machst, lese ich dir vor, bis du eingeschlafen bist.“

„Wow“, staunte Lucas. „So lange schafft Mama nie.“

5. Der Neue

Die Schulklingel läutete. Laut schnatternd verteilten sich die Grundschüler trappelnd auf die Klassenräume. Auch Natalie nahm ihren Platz ein und wartete gespannt. Sie war nun endlich in der vierten Klasse. Neugierig betrachtete sie von ihrem Stuhl aus die anderen Mitschüler. Einige der Jungen und Mädchen hatten sich kaum verändert, andere dagegen sehr. Die besten Freundinnen Romy und Maja waren bekannt dafür, dass sie alles gemeinsam machten. Sie hatten sich die langen, beidseitig geflochtenen Zöpfe, ihr Markenzeichen in der dritten Klasse, abschneiden lassen und trugen die Haare nun offen und bis kurz über die Schultern. Christian hatte bereits auf dem Schulhof alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen, denn er trug einen Gips am linken Arm. Bei einem Sturz mit dem Fahrrad hatte er sich den Arm gebrochen. „Wer will, darf in der großen Pause darauf unterschreiben.“

„Guten Morgen“, begrüßte die Lehrerin, Frau Weiler, ihre Klasse. Sie hatte bis eben an ihrem Lehrertisch gesessen und stand nun auf. Gemurmel ging durch die Klasse. Auch Frau Weiler hatte sich verändert. Es sah aus, als ob sie unter ihrem Kleid einen Ball versteckt trug.

„Bist du schwanger, Frau Weiler?“, rief Nicole von ihrem Platz in der hinteren Reihe und alle Kinder lachten.

„Ja, richtig“. Frau Weiler präsentierte sichtlich stolz ihren Bauch und wartete, bis sich das Gelächter gelegt hatte. „Ich bin schwanger.“

„Wann kommt das Baby denn?“ „Wird es ein Junge oder ein Mädchen?“, fragten die Mädchen durcheinander.

„Pst“, machte Frau Weiler und legte ihren Zeigefinger gegen die Lippen. „Wie wäre es denn, wenn wir einen Erzählkreis machen?“, fuhr sie dann fort. „Jeder von euch kann von seinen Ferien erzählen und dann erzähle ich euch vom Baby.“

„Ja“, rief Natalie genauso wie die anderen und schon begannen die Kinder damit, das Klassenzimmermobiliar zu verrücken.

„Bitte stellt die Tische und Stühle leise um. Ich muss noch einmal kurz zur Schulleiterin und bin gleich wieder da“, erklärte die Lehrerin und überließ die Kinder ihrer Aufgabe. Wenige Minuten später betrat sie die Klasse wieder und Natalie erblickte neben ihr einen schlaksigen, sommersprossigen Jungen, dessen hellblonde Haare wild nach allen Seiten abstanden. Schüchtern sah er auf seine Füße. Die Arme hielt er dicht an den Oberkörper angewinkelt, die Daumen fast in Achselhöhe hinter die Riemen seines Ranzens geklemmt. Eines seiner Knie zierte ein großes blaues Pflaster. Augenblicklich verstummten die Gespräche zwischen den Kindern und sie beäugten den fremden Jungen neugierig.

„Liebe Kinder, das ist Nick. Er ist ein neuer Schüler in unserer Klasse und wir wollen ihn herzlich willkommen heißen. Wenn wir jetzt unseren Erzählkreis starten, habt ihr die Möglichkeit, mehr über Nick zu erfahren, und Nick lernt euch ebenfalls besser kennen.“ Sie schob noch einen weiteren Stuhl für den Neuen in den Kreis, holte ihren eigenen dazu und wenig später saßen alle Kinder zusammen. Es herrschte gespanntes Schweigen. „Wer möchte denn anfangen?“ Frau Weiler lächelte und sah erwartungsvoll in die Runde. Doch niemand meldete sich. Auch Natalie verspürte nicht das geringste Bedürfnis, sich in den Vordergrund zu drängen.

„Ich muss sagen, ihr überrascht mich, Kinder“, ergriff Frau Weiler staunend das Wort. „Sonst könnt ihr es doch gar nicht erwarten loszuplappern.“ Sie sah erneut von einem zum anderen, auch Natalie fing ihren Blick auf, sah sich dadurch aber nicht dazu veranlasst, als Erste zu sprechen. Keinesfalls wollte sie sich gleich am ersten Tag vor dem neuen Mitschüler blamieren. „Also gut“, erklärte Frau Weiler. „Dann fange ich an. Wie ihr gesehen habt, ist mein Bauch in den Ferien sehr gewachsen, denn ich bekomme ein Baby. Ich freue mich sehr darüber und ich weiß auch schon, dass es ein Mädchen wird.“

Die Jungs raunten enttäuscht, die Mädchen kicherten. „Süüüüüß“, quietschten Maja und Romy gleichzeitig.

„Dass ich ein Baby bekomme, wird nicht nur für mich viele Veränderungen mit sich bringen, sondern auch für euch. Ein paar Wochen vor Weihnachten werde ich nämlich nicht mehr unterrichten können, weil ich mich auf die Geburt vorbereiten muss. Auch danach werde ich eine lange Zeit zu Hause bleiben und mich dort um das Baby kümmern. Für euch heißt das, dass ihr eine neue Lehrerin oder einen neuen Lehrer bekommt. Wer das sein wird, weiß ich leider noch nicht.“

„Oh nein“, entfuhr es Natalie, die bei dem Gedanken daran ganz traurig wurde. Auch die anderen Kinder protestierten, die einen laut, die anderen leiser.

„Wissen Sie schon, welchen Namen das Baby bekommen soll?“, fragte Anna-Lisa, die direkt neben der Lehrerin saß, leise, aber Natalie hatte es von ihrem Platz aus trotzdem hören können. Gespannt wartete sie auf die Antwort und wurde positiv überrascht.

„Ich habe mir gedacht“, hob Frau Weiler mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck und laut genug, dass es auch die anderen Kinder hören konnten, an, „dass ihr mir vielleicht bei der Suche nach einem geeigneten Namen für mein Baby helfen könntet.“

„Jaaaa“, antwortete Anna-Lisa freudestrahlend und auch der Rest der Klasse zeigte sich von der Idee begeistert.

„Darf man Mädchen auch Jungennamen geben“, krähte Tim albern dazwischen und Natalie hätte sich kugeln können vor Lachen, als ihm einen Augenblick später die Kinnlade herunterklappte, denn Frau Weiler hatte einfach mit „Ja“ geantwortet. Nachdem auch der Rest der Klasse ungläubig aus der Wäsche schaute, fügte sie noch eine kurze Erklärung hinzu.

„Unter bestimmten Umständen ist es durchaus erlaubt, einem Mädchen auch einen Jungennamen zu geben. Aber das erkläre ich euch ein anderes Mal. Nun seid ihr erst einmal dran mit euren Feriengeschichten. Tim, fang du doch mal an und erzähle uns etwas von deinen Ferien.“

Reihum erzählten die Klassenkameraden nun. Es waren Geschichten über Hotelurlaube, Flugreisen, Ausflüge in aufregende Vergnügungsparks und viele andere Erzählungen dabei. Als Natalie an der Reihe war, genierte sie sich ein wenig, denn ihre Ferien waren im direkten Vergleich mit denen der anderen Kinder nur wenig spannend gewesen. Auf Gut Beeken gab es immer viel zu tun. Die ganze Familie musste sich um die Felder und die Tiere kümmern. Jeden Tag die gleiche Arbeit. Mama, Papa und ihre Schwester Caro packten fleißig an – und sie selbst auch, obwohl sie erst zehn war. „Wir sind in den Ferien nicht weggefahren“, begann Natalie etwas bedrückt. „Wir sind zu Hause geblieben und haben unseren Eltern bei der Arbeit auf dem Hof geholfen. Das machen wir ja immer, das ist immer das Gleiche.“ Natalie wollte das Wort schon an Karlotta, die neben ihr saß, weitergeben, aber Frau Weiler hakte neugierig nach.

„Ihr habt doch so viele verschiedene Tiere. Gibt es vielleicht ein Erlebnis mit ihnen, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?“

„Hm“, überlegte Natalie und dann fiel ihr etwas ein. „Unsere Kuh Inka hat ein Kalb bekommen. Papa hatte schon am Morgen bemerkt, dass es nicht mehr lang dauern wird, und dann sind wir alle bis tief in die Nacht im Stall geblieben und haben Inka bei der Geburt beobachtet. Caro und ich hatten Schlafsäcke dabei und durften im Stroh liegen. Wir haben so lange gewartet. Erst kamen die Vorderfüße heraus, dann konnte man die Nase sehen und dann dauerte es noch mal ewig, bis der Rest vom Kalb herausgekommen ist. Papa hat gesagt, dass Inka eine tolle Geburtsarbeit geleistet hat, und Caro und ich haben das Kälbchen Emelie genannt.“ Als Natalie ihre Erzählung beendete, bemerkte sie, dass alle anderen Kinder ihr wie gebannt zugehört hatten.

„Das ist eine großartige Geschichte“, lobte Frau Weiler und strich sich dabei über den eigenen gewölbten Bauch. „Glaubst du denn, es wäre schöner gewesen, wenn du woanders gewesen wärst und diesen Augenblick verpasst hättest?“

„Natürlich nicht!“, erwiderte Natalie im Brustton der Überzeugung.

„Also hattest du spannende und schöne Ferien?“, bohrte Frau Weiler weiter und Natalie blieb nichts übrig, als freudestrahlend zuzustimmen.

„So, lieber Nick“, wandte sich Frau Weiler wenig später, nachdem auch Natalies Sitznachbarin Karlotta einen kurzen Bericht geliefert hatte, nun an den Neuen. „Jetzt hast du viel von deinen neuen Klassenkameraden erfahren. Möchtest du ein wenig von dir und deinen Ferien erzählen?“ Nick zog ergeben die Schultern nach oben und erklärte dann: „Ich bin in den Ferien mit meiner Mutter nach Weidingen zu meinem Onkel gezogen. Ihm gehört die Bäckerei und meine Mutter arbeitet jetzt dort.“ Er sah unverwandt in die Runde. Natalie hätte gern noch viel mehr erfahren, traute sich aber nicht zu fragen, denn Nick schien nicht in der Stimmung, viel mehr zu erzählen. Frau Weiler drängte ihn nicht und beendete kurzerhand den Erzählkreis.

 

Nach dem Unterricht fanden sich die Kinder, die mit dem Schulbus nach Hause fuhren, wie immer an der Haltestelle vor dem Schulgelände ein. Natalie sah sich nach Nick um, denn er gehörte auch zu den Buskindern. Das hatte sie in der Pause bereits in Erfahrung gebracht. Endlich, als der Bus schon angefahren kam, entdeckte sie ihn und fragte sich, wie sie Nick hatte übersehen können. Er war einen ganzen Kopf größer als die anderen großen Kinder auf dem Schulhof. Er schlenderte über den Hof und schien es nicht eilig zu haben. „Nick“, rief sie und gestikulierte wild mit den Armen. „Nick, der Bus kommt! Beeil dich!“ Er sah auf und beschleunigte seine Schritte. Als der Bus hielt, war Nick noch nicht angekommen, aber das allgemeine Gedränge ums Einsteigen und einen guten Sitzplatz begann. Normalerweise wäre es Natalie egal gewesen, wohin sie sich setzte, aber sie wollte so gern mit Nick gemeinsam nach Hause fahren und mehr über ihn erfahren. Sie kämpfte sich in den Bus und belegte eine Sitzbank direkt am mittleren Einstieg. Sie selbst setzte sich ans Fenster und ihren Ranzen stellte sie rechts neben sich. Sobald ein anderes Kind Interesse an dem freien Platz zeigte, erklärte sie mit fester Stimme: „Besetzt!“

Endlich stieg Nick ein und sah sich suchend um. „Hier, ich habe dir einen Platz freigehalten“, erklärte Natalie und hob ihren Ranzen hoch.

„Danke“, erwiderte er und setzte sich zu ihr.

Natalie freute sich, legte ihre Scheu ab und begann sogleich ihre Fragen abzuarbeiten. „Und, wie hat dir der erste Tag in der Schule gefallen?“

Nick zuckte mit den Schultern. „Ging so“, sagte er dann kurz angebunden.

„Ist denn unsere Schule genauso wie deine alte?“, ließ sich Natalie nicht beirren und blickte ihm neugierig ins sommersprossige Gesicht. Bei genauerer Betrachtung stellte sie fest, dass er auf der rechten Seite der Nase etwas weniger Sommersprossen hatte als auf der linken. Er wirkte bedrückt, als er antwortete.

„Ist doch egal, wo es mir besser gefällt. Hierbleiben muss ich sowieso. Ich möchte lieber nicht so viel darüber nachdenken.“ Plötzlich fiel eine Kugel aus einem zusammengeknüllten Blatt Papier zwischen Nick und Natalie. Erschrocken sahen sie sich um. Einige Reihen hinter sich entdeckte Natalie ihre Schwester Caro und deren Freundin Saskia. Die beiden kicherten und amüsierten sich köstlich über das Wurfgeschoss. Caro spitzte die Lippen zu einem Kussmund und legte schwärmerisch die Hände auf ihre Brust. „Blöde Kühe“, murrte Natalie und streckte ihnen die Zunge raus. Warum musste sie so einen Mist anstellen und sich über sie lustig machen?

„Wer ist das?“, fragte Nick und Natalie winkte genervt ab. „Ach, nur meine bescheuerte Schwester Caro und ihre Freundin. Die kannst du vergessen.“ Der Bus hielt an, um einen Großteil der Kinder aussteigen zu lassen. Auch Caro und Saskia verließen den Bus.

„Warum steigt sie hier aus? Müssen wir auch raus?", fragte Nick verwundert und griff bereits nach seinem Ranzen, als er sah, wie die beiden Mädchen mit den anderen Kindern den Bus verließen.

„Nein, keine Sorge“, beruhigte ihn Natalie. „Caro fährt nach der Schule immer zu Saskia. Sie sagen zwar, dass sie Hausaufgaben machen, aber ich glaube, dass sie lieber woanders ist, um nicht auf dem Hof helfen zu müssen. Hast du auch Geschwister?“, versuchte Natalie das Gespräch fortzusetzen.

„Nein, also nicht so richtig, das ist alles ganz schön kompliziert. Zeigst du mir euer Kälbchen?“, wechselte Nick abrupt das Thema.

„Klar, von mir aus gern. Wenn du Lust hast, kannst du gleich nach der Schule mit zu mir kommen. Von der Bäckerei ist es nicht mehr weit“, bot sie an.

Mit ihnen stiegen noch acht weitere Kinder an der einzigen Bushaltestelle Weidingens aus. In kürzester Zeit stoben sie auseinander. Natalie und Nick liefen nebeneinander die Straße entlang bis zu Bäckerei. Hinter der Theke stand eine große, hübsche Frau mit schwarzen hochgesteckten Haaren. Sie trug ein blaues Kleid und darüber eine weiße Schürze. Natalie betrachtete sie einen Augenblick durch die große Scheibe. „Das ist meine Mutter“, erklärte Nick. Nur einen Moment später öffnete er die Ladentür. Natalie kannte die Bäckerei gut. Seit sie ihr großes Fahrrad hatte, durfte sie regelmäßig Brot und Brötchen holen. Nicks Mutter hatte sie hier bisher aber noch nie gesehen. Neugierig sah sie die Fremde an. Sie wirkte nett.

„Hallo ihr zwei. Schule etwa schon vorbei?“, fragte sie freundlich.

„Ja, endlich“, erwiderte Nick.

„Hausaufgaben?“, fragte Nicks Mutter weiter.

„Nur ganz wenig“, beantwortete Nick die Frage, wobei Natalie fand, dass Frau Weiler für den ersten Schultag recht viele Hausaufgaben aufgegeben hatte. Sie mischte sich jedoch nicht ein und beobachtete stattdessen zwei Wespen, die sich munter in der Auslage tummelten.

„Kann ich mit zu Natalie gehen? Sie hat ein Kälbchen, das ich mir ansehen darf“, bat Nick und nun meldete sich auch Natalie zu Wort.

„Emelie heißt es.“

Nicks Mutter schien eine Weile darüber nachzudenken, dann fragte sie: „Wo wohnst du denn Natalie?“

„Auf Gut Beeken.“ Die Wespen machten sich über ein Stück Streuselkuchen her.

„Ach, das ist der große Bauernhof hinter Weidingen, richtig? Na, von mir aus gern, aber ihr müsst auch eure Hausaufgaben machen.“

„Das ist kein Problem Frau …“ Ja, wie hieß sie eigentlich?

„Mertens“, vervollständigte Nicks Mutter den Satz.

„Ja, kein Problem“, pflichtete auch Nick bei. „Ich kann Natalie helfen, dann sind wir schneller fertig.“

„Wartet noch, ich gebe euch etwas für den Weg mit.“ Frau Mertens drückte jedem der Kinder kurzerhand eine Laugenstange und eine kleine Flasche Apfelschorle in die Hand.

„Danke“, sagte Natalie höflich und freute sich sehr über diese unerwartete Geste.

Kauend setzten die Kinder ihren Weg fort. Nach einer Weile musste Natalie etwas loswerden, das sie seit der Unterhaltung in der Bäckerei beschäftigte. „Warum hast du denn deiner Mutter gesagt, dass du mir bei den Hausaufgaben helfen willst? Vielleicht bin ich viel besser in der Schule als du und du musst dir von mir helfen lassen.“

Nick sah sogleich wieder etwas bedrückt aus. „Ich wollte dich nicht ärgern. Es ist nur so, dass ich die vierte Klasse schon gemacht habe. Deshalb weiß ich schon ziemlich viel.“

„Bist du etwa sitzengeblieben?“, wollte Natalie wissen. „Nein“, erklärte Nick nun unverkennbar missmutig. „Meine Mutter hat entschieden, dass es für mich besser ist, die Klasse zu wiederholen, wenn ich in die neue Schule komme. Sie glaubt, dass ich viel Zeit und Kraft brauchen werde, hier in Weidingen anzukommen und neue Freunde zu finden.“

„Warum das denn?“, wollte Natalie wissen.

„Weil meine Eltern geschieden sind und meine Mutter mit mir in Weidingen ein neues Leben anfangen will.“

„Wo ist dein Vater denn?“ Natalies Interesse blieb ungebrochen.

„Weg, mit seiner neuen Frau.“ Nick klang nun unwirsch. „Können wir nicht über etwas anderes reden?“, brach er das Thema schließlich ab und biss in seine Laugenstange.

„Von mir aus.“ Sie zuckte ergeben mit den Schultern und fragte nicht weiter. Wenige Minuten später machte die Straße einen Bogen und nun konnte man Gut Beeken inmitten der Felder erblicken. „Da wohne ich.“ Stolz zeigte Natalie mit dem Rest der Laugenstange auf ihr Zuhause. „Ist gar nicht mehr weit.“

6. Fremdes Zuhause

Natalie hielt ihr Versprechen und las Lucas vor, bis er eingeschlafen war. Ein recht anstrengendes Unterfangen, wie sie bald feststellen musste, denn Lucas hatte Ausdauer. Kurz vor ein Uhr in der Früh klappte sie – selbst dem Umfallen nahe – leise den Deckel des vierten Buchs zu. Der Junge war endlich eingeschlafen. Hoffentlich stand ihr das nun nicht jeden Abend bevor. Auf Zehenspitzen schlich sie aus dem Kinderzimmer, schloss die Tür hinter sich und machte sich selbst fertig für die Nacht. Als sie jedoch in Carolinas Bett lag, konnte sie trotz aller Müdigkeit nicht in den Schlaf finden – zu viele Gedanken schwirrten ihr noch immer durch den Kopf.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, dieser Sache hier zuzustimmen?

Als Carolina im letzten Jahr plötzlich wieder den Kontakt zu ihrer Schwester gesucht hatte, war das eine merkwürdige Überraschung gewesen. Und noch viel merkwürdiger war es für Natalie gewesen, zu sehen, dass auch Caro eine erwachsene Frau geworden war, eine Mutter obendrein und beruflich recht erfolgreich. Von da an hatten sie sich langsam angenähert. Doch warum hatte sie sich darauf eingelassen, wieder hierher zurückzukommen? Es wurde Natalie mit jeder Minute schleierhafter.

Sie lauschte in die Nacht. Es war so ungewohnt still. Unruhig wälzte sie sich von einer Seite zur anderen. Irgendwann stand sie schließlich auf und schlich durch die dunkle Wohnung zum Kinderzimmer. Behutsam öffnete sie Lucas’ Tür und lauschte. Er schlief, seine kräftigen, regelmäßigen Atemzüge waren gut zu hören. Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, die sie fast fünfzehn Jahren bekämpft und verdrängt hatte, holten sie ein und just in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie sich nicht mehr wie ein Teil von Gut Beeken fühlte. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte Natalie fest, dass es sie traurig stimmte. Jetzt stell dich nicht so an, rief sie sich gedanklich zur Ordnung. Das war es doch, was du wolltest. Alles vergessen und nie wieder zurückkehren. Noch immer hielt sie die Türklinke in der Hand. Und nun? Das Verhältnis zu ihrem Vater war …, ja wie eigentlich? Kühl? Distanziert? Caro hatte ihr bei einem ihrer Treffen gesagt, dass Franz den Weggang seiner jüngeren Tochter bis heute nicht verwunden habe. Aber, Natalies Griff um die Klinke wurde fester, er war es doch gewesen, der sie hatte loswerden wollen. Sie atmete schwer.

„Schluss damit“, flüsterte sie sich selbst zu und versuchte die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Vorsichtig schloss sie die Tür zu Lucas’ Zimmer wieder.

 

Hundegebell und Verladegeräusche holten Natalie einige Stunden später aus dem Schlaf und ließen sie ans Fenster treten, um hinauszusehen Es dämmerte noch nicht, trotzdem machte ihr Vater sich mit den Hunden bereits abfahrbereit. Als er die Tiere in den Transportanhänger verladen hatte, hob er seinen Blick, was Natalie hinter der Scheibe vor Schreck zusammenzucken ließ. Hatte er sie etwa gesehen? Unmöglich, es war viel zu dunkel.

Sie beobachtete, wie der Wagen langsam vom Hof rollte. Was in aller Welt war bloß in der Familie Beeken schiefgelaufen? Sie waren, weiß Gott, nicht die ersten, die eine Scheidung durchlebt hatten. Aber zwischen ihnen war schon damals alles so furchtbar verkorkst gewesen und dieser Zustand hatte sich nun scheinbar unwiderruflich verfestigt – obwohl oder gerade weil sie einander so lange gemieden hatten. Hatte sie ihren Vater all die Jahre vermisst? Gerade jetzt, als sie sah, wie sein Wagen sich mehr und mehr entfernte, spürte sie, wie die Traurigkeit mit enormer Gewalt Besitz von ihr ergriff. Mit dem Handrücken wischte sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel und beschloss noch einmal ins Bett zu gehen. Erschöpft lauschte sie auf ihren Herzschlag, der sich nur langsam beruhigte, und schlief endlich ein.

 

Als Natalie erwachte, war es bereits hell und alles um sie herum schien friedlich. Für einen winzigen Augenblick musste sie überlegen, wo sie sich befand. Sie streckte sich genüsslich und lauschte. Nichts war zu hören. Lucas schlief bestimmt noch. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bereits sieben Minuten nach zehn war. Sie fühlte sich ein wenig besser als am vergangenen Abend, den Rest würde die warme Dusche richten. Mit wenigen Handgriffen suchte sie sich ihre Klamotten zusammen und verließ das Schlafzimmer. Zu ihrer Überraschung stand Lucas’ Tür offen und er war nicht in seinem Zimmer. Natalie fand ihn im Schlafanzug auf der Couch vor dem Fernseher sitzend.

„Guten Morgen“, begrüßte sie ihn, doch er wandte den Kopf nicht vom Bildschirm ab. Hatte er sie etwa nicht gehört? Sie trat etwas dichter an ihn heran und blickte ihn von der Seite an. „Guten Morgen Lucas, wie geht es dir?“

„Ich hab’ ganz doll Hunger“, murrte er, ohne den Blick von der Mattscheibe zu lösen.

„Wie lange bist du denn schon wach?“

„Lange.“ Lucas zuckte mit den Schultern.

„Pass auf, ich gehe noch ins Bad und dann mache ich uns ein schönes, leckeres Frühstück“, erklärte sie bemüht. „Gibt es etwas, was du besonders gern magst?“

Dieses Mal drehte Lucas sogar den Kopf in ihre Richtung und antwortete mit glänzenden Augen: „Schokolade und Frühstücksei!“

„Na gut, das krieg ich hin.“ Natalie sprach mehr zu sich selbst als zu Lucas und überließ ihn wieder dem Fernseher.

Etwas mehr als eine halbe Stunde später stand sie in der Küche, kochte Kaffee für sich und Kakao für Lucas, toastete Brot und bereitete eine große Portion Rührei zu. „Lucas?“, rief sie, als sie die Teller und Tassen auf den Küchentisch stellte. „Frühstück ist fertig!“

Nach nur wenigen Augenblicken erschien er in der Küche, setzte sich an den Tisch und begann sich umständlich sein Brot mit, wie Natalie fand, viel zu viel Schokolade zu bestreichen. Sie zog die Nase kraus, versuchte aber sich mit Kritik zurückzuhalten. Schließlich wollte sie nicht die Meckertante aus Köln sein und die gemeinsame Zeit damit noch schwieriger machen, als sie es ohnehin werden würde. Sie war ja schon froh, dass ihr Neffe gerade wenigstens einigermaßen mit ihr kommunizierte.

Während Natalie ihren Kaffee trank, werkelte Lucas bereits mit noch vollem Mund an seinem zweiten Brot. Nebenbei gabelte er das Rührei aus dem Schüsselchen neben seinem Teller. Du meine Güte, dachte Natalie. Er isst so gierig, als hätte er wochenlang nichts Vernünftiges zu sich genommen. Natalie nahm sich vor, demnächst früher aufzustehen und das arme Kind morgens nicht so lange hungern zu lassen.

„Was machen wir heute?“, fragte Lucas nun, bevor er sich über die Tasse mit dem warmen Kakao hermachte.

„Ich muss nach dem Frühstück arbeiten und werde mich im Wohnzimmer an meinen Laptop setzen. Und du wirst dich brav in deinem Zimmer mit deinen Spielsachen beschäftigen. Dafür sind die doch da, oder nicht?“, entschied Natalie ungerührt, was ihr einen entrüsteten Blick von Lucas einbrachte.

„Nein. Das ist doch langweilig. Ich will einen Ausflug machen oder weiter fernsehen.“

Natalie seufzte und versuchte sich zu erklären: „Auch wenn ich jetzt hier bin, muss ich trotzdem etwas arbeiten. Wenn du fernsiehst, dann stört mich das. Ich kann mich dann nicht gut konzentrieren. Wie wäre es, wenn du erst ein bisschen spielst und ich arbeite, und danach machen wir was zusammen? Worauf hast du denn Lust?“

„Ich will auf den Spielplatz“, erklärt Lucas bestimmt.

Natalie widersprach nicht, obwohl ihr beim Gedanken daran, sich in der Öffentlichkeit von Weidingen zu bewegen, etwas flau im Magen wurde. Doch da würde sie wohl durchmüssen. Wenn Lucas ihr entgegenkam und sie arbeiten ließ, musste sie auch etwas für ihn tun. Schal und Mütze konnten ihr sicherlich helfen sich zu verbergen. Dann wäre sie mehr oder weniger inkognito unterwegs.

Natalie tippte eine Nachricht an Carolina in ihr Handy. Sie sollte sich keine Sorgen machen, aber wenn sie gerade mal Zeit hätte, gern anrufen, um ein wenig mit Lucas zu reden. „Geh dich mal waschen, bevor du in dein Zimmer gehst“, forderte sie, nachdem sie das Telefon wieder beiseitegelegt hatte, und hoffte, den richtigen erzieherischen Ton getroffen zu haben.

„Warum?“ Er sah sie lustlos an.

„Weil man mit der ganzen Schokolade in deinem Gesicht noch ein drittes Brot schmieren könnte.“

Grummelnd lief Lucas aus der Küche und auch Natalie stand auf. Sie goss sich die Kaffeetasse noch einmal voll und ging ins Wohnzimmer. Doch noch bevor der Laptop richtig hochgefahren war, stand Lucas erneut parat. „Ich weiß nicht, womit ich spielen soll“, klagte er.

„Das weiß ich auch nicht“, erwiderte Natalie. Sie hatte wenig Zeit und im Moment auch überhaupt keine Lust, die Animateurin für Lucas zu spielen. „Versuch es doch mit malen oder Bauklötzchen“, schlug sie vor, erntete aber nur ein empörtes: „Ich bin doch kein Baby mehr! Kann ich meinen Nintendo haben?“

„Das kann ich eigentlich nicht machen. Deine Mama hat gesagt, dass du nur am Sonntag für höchstens zwei Stunden damit spielen darfst.“

„Aber ich langweile mich so“. Lucas ließ nicht locker und Natalie seufzte. Was konnte es schon schaden, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Dann wäre er wenigstens eine Zeit lang beschäftigt und glücklich und sie hätte Ruhe. Caro würde das im Nachhinein schon verstehen. Immerhin opferte Natalie gerade ihre wertvolle Zeit, damit es auf Liebesreise mit Olaf gehen konnte. Wo gehobelt wird, fallen Späne.

„Na schön“, gab sie nach und folgte Lucas zum Wohnzimmerschrank. Ungeduldig nahm er die Kiste mit Spielkonsole, Spielen und Ladekabel entgegen und verschwand damit in seinem Zimmer. Endlich herrschte Ruhe und Natalie machte sich an die Arbeit.

Es war einige Zeit vergangen, als das Klingeln ihres Handys Natalie hochschrecken ließ. Das Display zeigte den Namen ihrer Schwester an und sie nahm den Anruf an. „Na, wie geht es dir?“

„Alles gut soweit, wir gehen gleich aufs Schiff. Bei euch auch alles klar?“

„Ja, bei uns ist alles gut. Wir haben lecker gefrühstückt und jetzt spielt Lucas in seinem Zimmer und ich arbeite“, erklärte Natalie stolz. „Warte kurz, ich hole ihn ans Telefon.“ Sie hielt das Handy weg von ihrem Ohr und rief laut den Namen ihres Neffen.

„Habt ihr denn noch gar nicht zu Mittag gegessen?“, fragte Caro ungläubig und Natalie sah verdutzt zuerst auf die Uhr und dann aus dem Fenster. Ach herrje, es war bereits kurz vor vier und die Sonne war schon auf dem Weg hinter die Baumwipfel.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783968170497
ISBN (Buch)
9783968171319
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v974721
Schlagworte
Romanti-sche-liebe-s-geschichte Weihnacht-s-wunder-roman Liebe-s-roman-zum-Weihnacht-en Familie-geheimis-se Schwestern Verliebt Liebe-auf-dem-zweiten-Blick

Autor

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    Jana Engels (Autor)

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Titel: Winterzauber und Vanilleherzen