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So kalt die Asche

von Elaine Viets (Autor) Annika Mirwald (Übersetzung)

2021 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

In der eingezäunten Nachbarschaft des Olympia Forest Estates muss die Mordermittlerin Angela Richman mitansehen, wie eine Villa bei einer Explosion in Flammen aufgeht. In den Überresten wird die Leiche des siebzigjährige Bankiers Luther Delor gefunden. Er hatte eine Schwäche für Frauen und Alkohol und sorgte dafür, dass der Bezirk in einige Skandale verwickelt wurde. Doch seine Ermordung bringt die Gemeinde zusammen. Alle haben eine Verdächtige im Auge: Delors zwanzigjährige Verlobte, Kendra Salvato.

Bösartige und rassistische Anschuldigungen gegen Kendra verbreiten sich wie ein Lauffeuer. In der Zwischenzeit versucht Angela, die Flammen mit forensischer Arbeit zu löschen. Zwischen der Asche eines bösartigen Verbrechens und den bedrohlichen Geheimnissen der Privilegierten kann nur Angela die Wahrheit herausfinden und verhindern, dass eine unschuldige Frau verurteilt wird …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe März 2021

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-644-4

Copyright © 2017 by Elaine Viets
Titel des englischen Originals: Fire and Ashes

Übersetzt von: Annika Mirwald
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © elegeyda
depositphotos.com: © photographee.eu
Korrektorat: Katrin Gönnewig

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Dick Richmond, einen guten Freund und Zeitungsredakteur, der mir beigebracht hat, mit wenigen Worten viel auszudrücken.

KAPITEL 1

Tag 1

Fünf Löschfahrzeuge, zwei Leiterfahrzeuge, ein Kleinlöschfahrzeug, der Einsatzleitwagen sowie gefühlt jeder Polizeiwagen in ganz Chouteau County waren bei diesem Brand zur Stelle. Todesermittlerin Angela Richman wusste, dass es bereits zu spät war – sie wurde nur bei Todesfällen gerufen. Heute Nacht war jemand in diesem lodernden Gebäude gestorben, vom Rauch überwältigt und von den Flammen verbrannt. Angela war für die Untersuchung der Leichen an Tatorten im Chouteau County oder bei Todesfällen ohne Anwesenheit anderer Personen zuständig. Die Todesermittlerin unterstand dem Gerichtsmediziner des Countys.

Um wen handelte es sich? Angela wusste es noch nicht. Der Anruf des Detectives hatte nicht viel preisgegeben: „Luther Ridley Delors Anwesen brennt. Eine Leiche bisher. Wird gerade rausgetragen. Mach dich auf die Socken.“

Der siebzigjährige Luther bezeichnete sich selbst als Bankier, um dem gewinnbringenden Gewerbe seiner Familie einen etwas glamouröseren Ruf zu verleihen: Sie besaßen eine landesweite Kette von Kleinkreditunternehmen. Alle Leute – besonders die, die verzweifelt Geld brauchten – kannten den Slogan „Sorge vor mit Delor“ nur zu gut. War der alte Mann gestorben? War seine junge Verlobte das Opfer? Oder war ein Freund oder jemand vom Personal in der Flammenhölle umgekommen?

Angela betete, dass es keine weiteren Opfer gab. Dieser Tod kam nicht unerwartet. Es war das dritte große Feuer im Bezirk innerhalb von zwei Wochen. Hinter der behaglichen Fassade von Chouteau Forest, Missouri, der größten Stadt des Countys, schwelte die Angst. Chouteau County war ein Fünfundzwanzig-Quadratkilometer-Gebiet etwa fünfzig Kilometer westlich von Saint Louis, in dem die Topverdiener des Landes und deren Bedienstete lebten.

Der Brand wütete in den Olympia Forest Estates, einer exklusiven Wohnanlage, die vor fünf Jahren erbaut worden war. Damit war sie als brandneu zu bezeichnen, im Vergleich zu den extravaganten Anwesen des alten Geldadels: romanische Raubritterburgen, englische Landsitze und bayrische Jagdschlösschen, erbaut um die Jahrhundertwende. Neben diesen architektonischen Kunstwerken wirkten die Ziegelsteinbauten der Olympia Estates geradezu dezent, aber dennoch luxuriös. Dank unermüdlicher Dauerwerbung waren die Kosten – drei bis fünf Millionen – und die Ausstattung allgemein bekannt.

Angela, die sich noch immer von sechs Schlaganfällen, einer Gehirnoperation und einem Koma im relativ jungen Alter von einundvierzig Jahren erholte, stützte sich hinter dem gelben Absperrband auf ihren Gehstock und versuchte, den besten Weg durch das flirrende, rauchverhüllte Chaos auszumachen. Sie hatte ihr Todesermittler-Kit – einen schwarzen Rollkoffer – über die klatschnasse Straße gezogen. Ihr schwarzer Hosenanzug spendete ausreichend Wärme in der kühlen Mainacht und ihre flachen, schwarzen Schnürschuhe sicherten ihren Gang über den tückischen Boden.

Spärlich bekleidete Schaulustige hatten sich in der Sackgasse vor dem brennenden Haus versammelt. Angela stand neben einem dürrbeinigen, glatzköpfigen Mann in blauen Boxershorts und Sandalen und vermied es, auf seine blasse, schlaffe Brust zu starren. Sie kannte ihn: Ollie Champlain. Ollie ernährte sich hauptsächlich von faden Snacks und Martinis im Forest-Country-Club.

„Puuuh!“, sagte Ollie. „Man kann das verkohlte Geld beinahe riechen. Das ist Luthers Haus.“

Angela überkam ein Gefühl der Angst. Luthers Namen zu hören, machte den Tod real. Der „Bankier“ des Forests hatte im Alter von siebzig Jahren einen Riesenskandal ausgelöst. Er hatte seine Frau nach vierzig Jahren Ehe für Kendra Graciela Salvato, eine einundzwanzigjährige Nagelpflegerin, verlassen. Luthers Ehefrau weigerte sich, in die Scheidung einzuwilligen, aber er hatte Kendra bereits einen Verlobungsring mit einem Diamanten so groß wie Delaware an den Finger gesteckt und ihr geschworen, sie zu heiraten, sobald die Sache erledigt war.

„Sei nicht so pietätlos“, sagte eine besorgt dreinblickende Frau, die ihren langen, ausgeleierten Bademantel im Karomuster zuhielt. „Der Gestank ist fürchterlich.“

Angela atmete den üblen, toxischen Geruch von geschmolzenem Plastik, gemischt mit verbranntem Fleisch und Haar ein. Die Flammen verzehrten den Körper des Opfers.

Ollie ließ sich nicht beirren. Er führte sich auf, als sei das tödliche Feuer zu seiner Unterhaltung inszeniert worden. „Seht nur, wie die Feuerwehrmänner das Erkerfenster mit ihren Äxten einschlagen. Ich kann hören, wie die Korken der Tausenden, in dem Zimmer gelagerten Weinflaschen knallen.“

„Pah“, sagte Karomantel. „So wie Luther säuft, hatte er bestimmt keine tausend Flaschen mehr da drinnen.“

„Heute Abend war er definitiv besoffen“, sagte Ollie. „Ich habe beobachtet, wie er mit seinem kleinen, mexikanischen Mäuschen nach Hause getorkelt kam. Kendra musste ihm durch die Tür helfen. In ihrem engen, weißen Kleid war sie ein ziemlich hübscher Anblick. Luther war viel zu voll, um es ins Haus zu schaffen, geschweige denn wieder heraus. O Mann, hoffentlich verkohlt nicht sie da drin. Wäre schade um so eine heiße Pu…“ Der vernichtende Blick von Karomantel brachte ihn zum Schweigen. „Um so eine hübsche, junge Frau“, änderte er seine vulgären Worte. „Der Kristall-Cowboy ist ein verschrumpelter, alter Kauz. Ich hoffe, sie ist noch am Leben.“

Die Einwohner des Forests machten sich hinter Luthers Rücken über seine auffallenden Outfits lustig. Der von Leberflecken übersäte Bankier kleidete sich stets wie ein Möchtegern-Cowboy, von seinem schwarzen Stetson mit dem diamantbesetzten Hutband bis hin zu den engen Westernjeans, die über seine handgefertigten Lucchese-Stiefel reichten. Er trug ausschließlich glitzernde, mit Strass verzierte Hemden. Eigentlich gefiel Angela sein Stil.

„Ich hoffe, beide schaffen es lebend da raus“, sagte Karomantel und schüttelte missbilligend den grau gelockten Kopf.

„Die Feuerwehr wird ihre liebe Not haben, Luthers Anwesen zu durchsuchen, um ihn und Kendra zu retten“, sagte Ollie. „Es hat immerhin vier oder fünf Schlafzimmer.“

„Wenigstens müssen sie keine Villa mit dreißig Zimmern durchkämmen“, erwiderte Karomantel. „Ein Haus in den Olympia Estates bedeutete eine Verkleinerung für Luther. Er hat das Delor-Anwesen verlassen, das seit etwa achtzehnhundertneunzig von seiner Familie bewohnt wurde, um mit dieser Frau zusammenzuziehen. Es wundert mich nicht, dass sie nie Gäste hier haben. Keine anständige Person würde die beiden je besuchen oder einladen. Sie wird sich in dem großen Haus vermutlich verlaufen haben. Ihr vorheriges Heim war nicht viel größer als eine Hütte.“

„Um wie viel Uhr haben Sie Luther und Kendra nach Hause kommen sehen?“, fragte Angela.

„Gegen neun Uhr heute Abend“, erwiderte Karomantel. „Ich bin Elvira Smythe. Um kurz nach Mitternacht habe ich die Sirenen gehört. Mein Mann ist davon nicht aufgewacht. Er schläft immer noch.“

Angela holte ihr iPad heraus. Beide Augenzeugen hatten Informationen, die ihr bei der Untersuchung der Leiche nützlich sein könnten.

„Ob er das Feuer wohl mit einer seiner Zigarren verursacht hat?“, fragte Mrs Smythe.

„Nein, das war der Brandstifter“, sagte Ollie. „Ohne Zweifel.“

„Wer auch immer es ist, er zerstört nur die besten Nachbarschaften“, sagte Mrs Smythe. „Bisher gab es noch keinen Brand in Toonerville. Dort kommt sie her.“

Mike Peters, ein blonder Polizist, der wie ein unschuldiger Junge vom Land wirkte, kam um das gelbe Absperrband herum. „Okay, Leute, genug mit dem Spektakel. Das Feuer ist unter Kontrolle. Sie können ruhig wieder in Ihre Häuser zurückkehren.“

„Ich gehe wohl besser wieder rein“, sagte Mrs Smythe und zog ihren Bademantel fester um sich. „Es ist ziemlich kühl, obwohl wir Mai haben.“

„Gute Idee“, sagte der Polizist.

„Da drüben stehen ein paar Freunde von mir.“ Der dürre Ollie sprintete buchstäblich zu einer Gruppe auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Der Polizist wandte sich Angela zu. „Hey, Angela, sind Sie im Dienst?“

„Leider ja. Ray Greiman hat mich angerufen. Ich habe nur gewartet, bis sich der Rauch etwas legt, damit ich mir einen Weg bahnen kann.“

„Ich begleite Sie.“ Er hob das gelbe Absperrband an und Angela ging gebeugt darunter hindurch.

„Seien Sie vorsichtig – der Boden ist rutschig und voller Glasscherben. Gut, dass Sie passend gekleidet sind. Wie geht es Ihnen? Sie hatten ja ganz schön zu kämpfen vor nicht allzu langer Zeit.“

„Letztes Jahr im März. Sechs Schlaganfälle, Gehirnoperation und Koma. Drei Monate im Krankenhaus, einschließlich Physiotherapie.“

„Sie haben sich wieder richtig gut erholt.“

„Es war ein langer Weg. Ich freue mich, wieder arbeiten zu können.“

„Und Sie sehen auch wieder toll aus.“ Er lächelte sie an. „Sie würden wohl nicht …“ Er hielt inne.

O weh, dachte sie. Die frisch verwitwete Angela trug noch immer ihren Ehering, um mögliche Interessenten abzuwehren … doch anscheinend wurden sogar verheiratete Frauen angebaggert.

Mike schien seinen Mut zusammenzunehmen und verhaspelte sich, als er den nächsten Satz hervorpresste: „Sie würden wohl nicht mit einem Polizisten ausgehen?“

„Würde ich schon, Mike, aber ich bin noch nicht bereit, mich wieder zu verabreden. Es ist noch zu früh.“

„Das verstehe ich. Aber wenn Sie dazu bereit sind, bin ich hier.“

„Danke.“ Mit einem Lächeln wechselte sie das Thema. „Wissen Sie, wer gestorben ist? Kendra oder Luther? Ist sonst noch jemand im Haus?“

„Weiß ich nicht. Ich bin gerade erst angekommen und wurde angewiesen, die Gaffer fernzuhalten. Die Feuerwehrleute haben im oberen Schlafzimmer eine Leiche gefunden. Hoffentlich ist es nicht Kendra. Sie ist so ein hübsches Ding. Man bringt den Leichnam gleich raus.“

KAPITEL 2

Tag 1

Kendra war am Leben und putzmunter. Mike führte Angela durch das Gewirr aus Schläuchen, Leitern und sonstiger Ausrüstung seitlich um Luthers Haus herum, wo drei stämmige Sanitäter sich abmühten, Luthers brüllende, wild dreinblickende Verlobte in einen der wartenden Krankenwagen zu bugsieren.

„Was ist denn nur los mit euch?“, kreischte Kendra die Sanitäter an. „Feiglinge! Wenn ihr ihn nicht retten wollt, tue ich es eben. Luther ist noch da drinnen!“ Ihre weit aufgerissenen Augen funkelten.

Angela war keine Expertin, aber es sah so aus, als hätte sich das Feuer größtenteils im zweiten Stock ausgebreitet. Das Dach hatte große Löcher und unter den kaputten Fenstern glitzerten Glasscherben. Unter einem Fenster ohne Scheibe und Rahmen an der Vorderseite des Hauses lehnte eine Ausziehleiter aus Aluminium. Aus der Eingangstür und den vorderen Fenstern quoll weiterhin Rauch. Das gesamte Grundstück war abgesperrt, und mehrere Polizeibeamte hielten die spärlich bekleideten Nachbarn zurück, die sich in der Hoffnung, einen Blick auf Kendras Aufstand zu erhaschen, näher herandrängten.

„Mistkerle! Lasst mich in Ruhe.“ Kendras verzweifelter Kampf glich einer Pornoszene: Ihr weißer, im Schritt offener Body aus Spitze entblößte ihre üppigen Brüste sowie ihren kurvigen Hintern und gewährte Angela ungewollte gynäkologische Einblicke in ihren Intimbereich.

Alle Anwesenden aus der Nachbarschaft gafften. Manche waren beinahe ebenso leicht bekleidet wie Kendra, jedoch weitaus weniger aufreizend. Selbst die lauernden Schadenssachverständigen – Geier in grauen Anzügen, die auf einen Anteil des Versicherungsanspruchs hofften – hielten inne, um Kendra anzustarren, manche gar mit offenem Mund. Am Rand des Grundstücks johlte ein Rudel Männer angesichts Kendras Gerangel. Angela entdeckte Ray Greiman, den Detective, mit dem sie zusammenarbeitete, unter ihnen. Sie war angewidert, aber nicht sonderlich überrascht.

„Wir müssen Sie ins Krankenhaus bringen, Miss“, sagte ein blonder Sanitäter mit kantigem Kinn zu Kendra und griff mit einer fleischigen Hand nach ihrem Arm. Sie entwand sich seinem Griff und trat ihm mit einem schmutzigen, nackten Fuß gegen das Knie.

Kantiges Kinn wich zurück, während eine ernsthafte Sanitäterin sich Kendra schnappen wollte, doch diese kratzte mit ihren roten Nägeln über den Hals der erfolglosen Ersthelferin. „Autsch! Verdammt, das tut weh!“, fluchte die Sanitäterin, der das Blut vom Hals auf die Uniform tropfte.

„Lasst den Scheiß und helft endlich Luther!“

„Es ist zu spät, Miss“, sagte ein dritter, muskelbepackter Sanitäter mit kurz geschorenen Haaren. „Tut mir leid.“ Er schien aufrichtig betrübt zu sein.

Kendra ignorierte sein Mitleid und brüllte: „Fick dich! Dann rette ich ihn eben selbst. Luther! Halte durch, Liebling.“ Igelschnitt versuchte sie aufzuhalten, aber sie stürzte bereits auf die rauchverhangene Eingangstür zu. Als er sie zu packen versuchte, trat sie ihm in den Schritt.

„Uff!“, stieß er aus und sackte zusammen.

„Voll in die Eier“, sagte Greiman zu dem Beamten neben ihm.

„Sie ist ein mexikanisches Raubkätzchen“, erwiderte dieser anzüglich.

„Ich würde sogar Geld für die Show hier bezahlen“, sagte einer der Feuerwehrmänner.

Angela war sich ziemlich sicher, dass er vom Chouteau County dafür bezahlt wurde, den Brand zu löschen.

„Als wir kurz vor Mitternacht hier ankamen, hat sie völlig wirres Zeug von sich gegeben“, fuhr der Mann fort. „Sie war hysterisch. Ich konnte kein Wort verstehen. Jetzt ist sie plötzlich Wonder Woman und will wieder hineinrennen, um ihn zu retten.“

„Der alte Luther hatte recht“, sagte Greiman. „Er sagte, sie habe den besten Hintern in ganz Chouteau County.“

„Auf jeden Fall hat sie den reichsten Hintern der Stadt“, sagte der Polizist. „Angeblich hat Luther ihr bei der Verlobung zwei Millionen gegeben, und bei der Hochzeit sollte sie nochmal zwei Millionen bekommen. Sie muss eine unglaubliche Kanone im Bett sein.“

„In Luthers Alter ist jede Aktion im Bett unglaublich“, sagte Greiman. „Seht sie euch an, wie sie direkt auf die Tür zurennt.“

„Der Rauch hält sie schon auf“, erwiderte der Feuerwehrmann. „Nicht mal ihre Lungen packen das.“

Er hatte recht. Der dichte Rauch ließ Kendra husten und würgen. Keuchend wich sie zurück und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

Im Licht der tragbaren Notfallbeleuchtung erhaschte Angela einen besseren Blick auf die verzweifelte Kendra. Ihr glänzendes, schwarzes Haar schien angesengt, zumindest um ihr Gesicht herum. Ihre hellbraune Haut und der weiße Body waren rußgeschwärzt, das knappe Spitzenoutfit hatte einen Riss an der Hüfte. Kendras lange, rote Nägel – das Aushängeschild einer Nagelpflegerin – waren abgebrochen, aber Angela wusste nicht, ob das bei dem Angriff auf die Sanitäterin oder während der Flucht aus dem Haus geschehen war. Sie hatte blutige Schnittwunden an den Händen und Füßen, doch wie schwerwiegend die Verletzungen waren, ließ sich nicht sagen.

„Helft ihm.“ Kendras Stimme klang rau und sie begann erneut zu husten. „Bitte.“ Als die Sanitäter sie dieses Mal umringten, wehrte sie sich nicht. Durch den heftigen Hustenanfall war sie zusammengekrümmt.

Angela sah drei Feuerwehrleute – nein, zwei Feuerwehrleute und vielleicht einen Mann – an dem rauchverhüllten Fenster im zweiten Stock, unter dem die Aluleiter lehnte.

Die beiden Feuerwehrmänner trugen Helme, Masken und Atemschutzgeräte auf dem Rücken. Einer von ihnen kletterte auf die oberste Stufe der Leiter, während der andere den Mann durch die Fensteröffnung zog. Es gab wohl keine Fensterbank mehr.

„Luther!“ Kendras Schrei wurde von einem erneuten Hustenanfall unterbrochen. „Du lebst!“

Angela war sich dessen nicht so sicher. Der Mann schien bewusstlos und schwer verbrannt zu sein. Seine Hände waren verkohlte Klauen, sein Gesicht eine schwarz-rote Masse. Sie konnte keine Haare an ihm sehen. Falls das Luther war und er noch lebte, erwarteten ihn qualvolle Schmerzen und geringe Überlebenschancen.

„Heilige Scheiße!“ Greiman übergab sich ins Gebüsch. „Lebt das Ding noch?“

„Um seinetwillen hoffe ich das nicht.“ Angela war übel und schwindelig, doch sie behielt ihr Abendessen bei sich. Glücklicherweise hatte sie ihren österreichischen Gehstock mit dem Korkgriff bei sich, der sie aufrecht hielt.

Der Feuerwehrmann am Fenster schob die Beine des Mannes sanft durch die Öffnung. Nun befand sich der stark verbrannte Körper in den Armen des zweiten Feuerwehrmannes, der ihn die Leiter hinuntertrug. Die Sanitäter ließen von Kendra ab und holten ein orangefarbenes Spineboard aus Plastik aus einem der Wagen. Kendra rannte zu den Feuerwehrleuten hinüber und schluchzte: „Luther, mein armer Luther. Sag doch etwas!“

Greiman stapfte in seinen schlammverkrusteten Abendschuhen über den nassen, matschigen Rasen auf Angela zu. „Der ist frittierter als ein Kentucky-Fried-Chicken-Menü. Die Sanitäter können ihm nicht einmal eine Atemmaske anlegen, weil seine Haut sich ablöst. Sie hat ihn umgebracht.“

„Wir wissen noch nicht, ob Luther tot ist“, erwiderte Angela. „Und wieso sollte Kendra ihn umgebracht haben? Stehen nicht noch weitere zwei Millionen bei der Hochzeit aus?“

„Sie hat die erste Hälfte schon bei der Verlobung erhalten. Für eine Bohnenfresserin wie sie ist das mehr als genug. Jetzt muss sie den klapprigen, alten Lustmolch nicht mehr vögeln. Und er wird sterben. Man muss kein Arzt sein, um das zu schnallen. Sie hat ihn angezündet und er war zu betrunken, um es noch rauszuschaffen.“

„Wie bist du denn darauf gekommen, Sherlock?“, fragte Angela.

„Hast du nicht gehört, was heute im Gringo Daze passiert ist?“

„Heute ist Schnäppchen-Abend … fünf Dollar Rabatt auf die Rechnung“, sagte Angela. „Daher war wohl der gesamte Forest dort. Niemand ist geiziger als der alte Geldadel. Du solltest sie mal beim Pfannkuchen-Dinner erleben.“

„Sie waren in der Tat alle da und haben mitbekommen, was los war. Luther hatte sein letztes Abendmahl, auch wenn er anscheinend nicht viel gegessen hat. Er war an der Bar, hat ein Dos Equis nach dem anderen gekippt und Kendras Hintern befummelt. Sturzbesoffen. Hat rumgeprahlt, wie großartig der Sex mit ihr sei, sich eine Viagra mit dem Bier eingeworfen und verkündet, er würde mit seinem ‚Greaser Gal‘ zum Vögeln nach Hause gehen, bis die Bude raucht. Leider hatte er damit nicht unrecht.“

„Arme Kendra. Das muss erniedrigend gewesen sein.“

„Wer weiß, was diese Leute denken? Sie hat versucht, ihn rauszuzerren, während er sie weiter begrapscht hat. Der Besitzer musste ihr letztendlich helfen, ihn ins Auto zu verfrachten. Also hatte sie auf jeden Fall ein Motiv. Siehst du den Brandermittler dort drüben, der diesen halb geschmolzenen Benzinkanister in eine Beweiskiste packt? Die Feuerwehrmänner haben das Ding in der Nähe von Luthers Tür gefunden. Da ist das Logo der Rasenpflegefirma ihres Vaters drauf. Ihr alter Mann arbeitet für die meisten hier in den Olympia Estates.“

„Und? Die Angestellten haben den Kanister vergessen.“

„In der Nacht, in der das Haus in Flammen aufgeht? Das kann kein Zufall sein. Sie hatte Mittel und Gelegenheit und zwei Millionen gute Gründe, um Luther zu töten.“

KAPITEL 3

Tag 1

„Es ist offiziell“, sagte Greiman. „Der alte Schmorbraten ist mausetot.“ Er hatte mit den Sanitätern gesprochen, bevor diese davongefahren waren.

Schmorbraten? Das war sein Spitzname für Luther? Angela hoffte, dass die Schaulustigen ihn nicht gehört hatten. Sie warf einen schnellen Blick auf die nächstgelegene Gruppe und stellte erleichtert fest, dass diese sich angeregt unterhielt.

„Wer hat ihn für tot erklärt?“, fragte sie. Die Gesetze in Missouri bezüglich der Befugnis, jemanden für tot zu erklären, waren etwas bizarr. In den meisten Staaten war eine medizinische Ausbildung erforderlich, nicht jedoch im „Show-Me-State“. Hier war jeder dazu berechtigt, sofern der Unterzeichner des Totenscheins sicher sein konnte, dass derjenige, der den Tod erklärte, diesen auch zweifelsfrei feststellen konnte. Es spielte keine Rolle, dass der Eintritt des Todes immer wieder selbst die brillantesten medizinischen Köpfe verblüffte. Angela hatte in ihrer bisherigen Karriere zwei Menschen für tot erklärt, und sie war sich beide Male absolut sicher gewesen: Einmal war es eine alte Frau in vollständig eingesetzter Leichenstarre gewesen, die in ihrem Bett gestorben war. Das andere Mal handelte es sich um einen Mann, bei dem bereits die Verwesung eingesetzt hatte. Beide Fälle waren ernst und beängstigend gewesen.

„Die Sanitäter.“ Greiman versuchte, mit einem Taschentuch Schlammflecken von seiner teuren Hose zu wischen. „Sie bringen Kendra ins SOS.“ Das Dröhnen eines Motors, Blaulichter und Sirenengeheul bekräftigten seine Aussage. Der Rettungswagen raste in Richtung des Sisters-of-Sorrow-Krankenhauses davon.

„Da geht sie hin, unsere Mörderin. Ich besorge mir einen richterlichen Beschluss für das Beweismaterial unter ihren Fingernägeln und für die Blutproben im Krankenhaus“, sagte Greiman.

„Warum glaubst du, dass Kendra die Mörderin ist?“, fragte Angela.

„Hab ich doch schon gesagt.“ Greiman klang, als spräche er mit einem Kind. „Ich habe mit den Nachbarn gesprochen. Sie kam wie eine Wilde brüllend aus Luthers Haus herausgerannt. Mit ihrem Porno-Outfit hat sie die Feuerwehrmänner von der Arbeit abgelenkt – und bevor du mir jetzt wieder mit deinem feministischen Mist kommst, es waren Feuerwehrmänner und sie war praktisch nackt. Ihr bot sich die perfekte Inszenierung für einen Mord: Sie streitet sich öffentlich mit dem alten Sack, während er betrunken und scharf ist. Er demütigt sie. Sie übergießt ihn mit Benzin und grillt sich einen Schlappschwanz.“ Greimans Stimme wurde immer lauter. „Und vergiss nicht, sie hat erst gesagt, dass Luther noch im Haus sei, als es bereits zu spät für ihn war. Der alte Mistkerl war da schon tot.“

„Immer schön langsam. Hat irgendwer sie mit dem Benzin gesehen?“, fragte Angela. „Gibt es Belege, dass sie einen Kanister gekauft hat? Ihr habt nichts weiter als diesen halb geschmolzenen Behälter. Der wird euch keine Fingerabdrücke liefern.“

„Du würdest dich wundern. Außerdem stammt er aus der Gartenfirma ihres Vaters. Laut Zeugenaussagen war Jose heute Abend hier, genau vor dem Brand, und er hatte eine unschöne Auseinandersetzung mit Luther. Sechs Personen haben das mitbekommen. Dann haben die Nachbarn gehört, wie Kendra und ihr alter Herr sich auf mexikanisch unterhalten haben. Wahrscheinlich hat er ihr erklärt, wie sie Luther umbringen soll. Dann ist Jose wieder abgehauen und Kendra hat den alten Sack frittiert.“

Angela entging sein defensiver Ich-muss-mich-vor-dir-nicht-rechtfertigen-Tonfall nicht. Greimans letzte große Ermittlung, der Mord an Dr. Porter Gravois, war ein Debakel gewesen, das die alte Garde des Forests gespalten hatte. Die Befürworter des Detectives – der Forest-Adel – sorgten dafür, dass er eine Gehaltserhöhung bekam, aber es hieß auch, dass er für seine schlampige Ermittlung eine inoffizielle Verwarnung erhalten habe. Vielleicht hatte diese Eindruck hinterlassen. Selbst Angela musste zugeben, dass er diesmal wesentlich gründlicher vorging. Sich einen richterlichen Beschluss für die Blutproben und das Beweismaterial unter den Fingernägeln einer Verdächtigen zu besorgen, war die korrekte Vorgehensweise.

„Jetzt bist du dran. Den Tatort selbst kannst du dann morgen früh untersuchen, wenn das Haus gesichert wurde. Der Schmorbraten liegt auf dem Spineboard bei dem Beamten dort drüben“, sagte Greiman.

Er deutete auf einen Beamten um die zwanzig, der, leicht grün um die Nase, Luthers Leichnam bewachte. Angela griff nach ihrem Ermittler-Kit und zog den gewöhnlichen, schwarzen Koffer über den nassen Asphalt und den schlammigen Rasen, wobei sie sich auf dem rutschigen Untergrund mit ihrem Gehstock abstützte. Dies war keine typische Todesermittlung. Man hatte Luther von dem Ort, an dem er gestorben war, weggeholt, wodurch hilfreiche Hinweise möglicherweise zerstört worden waren. Die Sanitäter hatten ihn auf einem orangefarbenen Spineboard aus Plastik in einer gut beleuchteten Ecke des Gartens zurückgelassen und waren zum Krankenhaus gerast.

Luther sah noch viel schlimmer aus, als Angela befürchtet hatte. Der Kristall-Cowboy hatte kaum noch menschliche Züge. Nur ein kleiner Teil seines schlaffen Hinterns und Beckens auf der rechten Seite waren nicht verbrannt, aber die Haut dort war rot und versengt. Es dürfte eine besonders schwierige Todesermittlung werden. Sie würde noch Wochen später Albträume haben und es würde Wochen dauern, bis sie wieder Fleisch essen konnte. Brandopfer waren so viel schlimmer als stark verweste Leichen.

Sie näherte sich Luther langsam. Glücklicherweise nahm sie den übelkeiterregenden Gestank seiner verbrannten Haare und Haut nicht länger wahr. Manche Experten benutzten Masken oder Wick VapoRub zum Schutz, aber Angela bemerkte üble Gerüche nach einer Weile nicht mehr. Ihre Nase nahm sie einfach nicht mehr auf. Dafür konnte sie Luther klar und deutlich sehen. Um ein Uhr nachts bot er auf seiner orangefarbenen Bahre einen schauerlichen Anblick.

Beim Öffnen ihres Koffers zitterten Angelas Hände leicht, und ihre Knie fühlten sich weich an. In ihrem Kit befanden sich ein Aufzeichnungsgerät, Thermometer für Körper- und Außentemperaturen, ein Maßband, Fläschchen, wiederverschließbare Beutel, Papiertüten und Plastikbehälter, die man normalerweise für Essensreste verwendete. Diese hier waren jedoch für die Leichenhalle bestimmt, nicht für die Mikrowelle.

Wie so viele Leichen erschien auch Luther im Tod kleiner. Allerdings war er tatsächlich geschrumpft. Brandopfer verloren bis zu sechzig Prozent ihres Gewichts.

Mit ihrem Maßband erfasste sie seine Größe (Länge, um genau zu sein) von einem Meter fünfundsiebzig. Der Gerichtsmediziner würde ihn wiegen. Vor ein paar Stunden war dieser verkohlte Brocken noch lebendig gewesen, voller Lust und Lachen und dank seiner sexy Verlobten von all seinen Freunden beneidet. Nun bot er einen erbärmlichen Anblick.

Angela wappnete sich für die Untersuchung des Leichnams und ihre gewohnte Routine. Zuerst zog sie sich vier Paar Latexhandschuhe über. Während der Untersuchung würde sie ein Paar nach dem anderen abstreifen und in ihre Tasche stecken, damit sie die Leiche nicht mit Flüssigkeiten oder Fasern von anderen Stellen verunreinigte. Sie fotografierte Luther aus einigen Metern Entfernung, um den ganzen Körper zu erfassen, dann aus mittlerer Distanz, und schließlich machte sie noch ein paar Nahaufnahmen. Der Brandermittler und die Polizei hatten bereits ihre eigenen Fotos und Videos aufgenommen. Angelas waren für den Gerichtsmediziner. Sie hatte zwar keinen medizinischen Abschluss, war aber ausgebildet. Todesermittler waren eine Art Anwaltsgehilfen für die Rechtsmedizin. Luther durch ein Kameraobjektiv zu betrachten, beruhigte ihren Magen, der einem aufgewühlten, stürmischen Ozean glich.

Angela rief das entsprechende Formular auf ihrem iPad auf: Leiche eines Brandopfers. Die erste Frage war leicht zu beantworten. Luther war eindeutig von Kendra identifiziert worden. In der Leichenhalle würde der Gerichtsmediziner den Leichnam röntgen, um die Präsenz von Fremdkörpern auszuschließen – beispielsweise Kugeln oder Messerspitzen –, die sie bei ihrer visuellen Untersuchung übersehen könnte. Die routinemäßigen Fragen des Formulars beruhigten sie und brachten Ordnung in dieses höllische Chaos.

Sind thermische Verletzungen vorhanden? Luthers Arme befanden sich in der typisch „faustkämpferischen Haltung“ eines Brandopfers, als hätte er neun Runden gegen den Tod gekämpft und verloren. Seine Armmuskeln hatten sich in der Hitze zusammengezogen. Normalerweise würde sie jede Schnittwunde („schnittähnliche Verletzung“) und Prellung („Kontusion“) an der Leiche notieren. In diesem Fall maß sie lediglich die Verbrennungen und Brandblasen auf seiner versengten Haut, von seinem Kopf bis zu seinen schwarzen, zweigartigen Fingerknochen. Vorsichtig zog sie Papiertüten über seine brüchigen Hände und sicherte diese mit Gummibändern. Sie könnten beim Transport in die Leichenhalle zerbrechen. Sie konnte keinen Schmuck entdecken, aber er hatte auch keinen Finger mehr, an dem ein Ring stecken könnte. Die Hitze eines Brandes ließ Knochen spröde werden und so konnten sie leicht brechen, wenn die Leiche bewegt wurde. Angela vermerkte, dass sie keine Knochen sah, die aus der Haut hervorstanden.

Ihr Magen verkrampfte sich, aber sie wusste auch, dass der Anblick viel schlimmer hätte sein können. Manchmal zerbarst der verbrannte Schädel und das zerkochte Gehirn quoll heraus. So etwas hatte sie selbst nie miterlebt und hoffte, dass es auch so bliebe. Sie schüttelte den grausigen Gedanken ab und widmete sich der nächsten Frage.

Haarfarbe? Luthers beeindruckende, weiße Mähne war gänzlich abgebrannt, aber Angela kannte die Farbe und notierte das fehlende Haupthaar.

Augenfarbe? Das konnte sie nicht sagen. Die Augen waren zerkocht und geschrumpelt. Sie kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an. Konzentriere dich, ermahnte sie sich. Es ist deine Aufgabe, Luther zu helfen. Er war ein reicher, alter Trottel, der von seiner Libido gesteuert wurde, aber jetzt braucht er deine Kompetenz. Der Mann, der mächtig genug gewesen war, um seiner jungen Geliebten zwei Millionen Dollar zu schenken, war nun nichts weiter als ein Haufen brüchiges Zündholz.

Wurde die Kleidung des Opfers von dem Feuer verbrannt? Luther trug die Überreste weißer Seidenboxershorts: einen geschmolzenen Elastikbund und gerade genug Stoff daran, um seine Genitalien zu bedecken. Sonst sah sie kein Anzeichen von Kleidung. Sie entfernte die Reste seiner Unterhose nicht. Das war ein Job für den Rechtsmediziner.

Roch die Kleidung nach einem Erdölprodukt? Widerwillig beugte Angela sich weiter vor, konnte aber weder Öl noch Benzin riechen.

War das Opfer bekannterweise Raucher? Befanden sich Raucherutensilien in den Taschen der Kleidung? Angela wusste, dass Luther Zigarren rauchte, konnte aber keine Raucherutensilien an der Leiche entdecken. Der Brandermittler musste später herausfinden, wie viele Zigarren er am Tag geraucht hatte und ob ebenfalls Zigaretten, Pfeife, Gras oder stärkere Substanzen. Sie wusste, dass viele ansonsten gesetzestreue, ältere Einwohner gerne ab und an kifften. Manchmal versuchten deren Familien, illegale Substanzen vor der Todesermittlung zu verstecken, und Angela musste jedes Mal behutsam erklären, dass sie nicht mit der Drogenbehörde zusammenarbeitete, aber akkurate Informationen für ihre Untersuchung benötigte.

Konsumierte das Opfer Alkohol? Ja. Der Forest wusste, dass er ein Trinker war. Greiman sagte, dass Luther am Abend zuvor Bier getrunken und sich Viagra eingeworfen habe. Dies würde der Chefpathologe des Forests, Dr. Evarts Evans, bestätigen müssen.

War das Opfer bekannt dafür, exzessiv zu trinken? Ja. Angela wusste nicht, wie viel er heute Nacht – oder vielmehr gestern Nacht – getrunken hatte, aber es musste eine Menge gewesen sein. Falls sein Körper für einen Blutalkoholtest zu verbrannt war, würde der Gerichtsmediziner für die Obduktion ein Stück des Gehirns verwenden müssen.

Führen Sie sämtliche verschriebenen Medikamente des Opfers auf. Da dies eine Brand- und Polizeiermittlung war, würden die Verantwortlichen diese Informationen später von Luthers Arzt einholen müssen. Die meisten Leute im Forest wurden von Dr. Carmen Bartlett behandelt. Greiman sagte, Luther habe eine Tablette – Viagra – geschluckt und mit einem Bier und einem härteren Drink hinuntergespült. Eine gefährliche Kombination. Hatte Doc Bartlett ihm Viagra verschrieben oder hatte Luther es von einer illegalen Quelle erhalten? Selbst virile, junge Männer nahmen Viagra in dem Glauben, dass es ihre Leistungsfähigkeit steigerte. Während der königlichen Hochzeit von William und Kate brachte eine schottische Brauerei ein limitiertes India Pale Ale heraus – gestreckt mit Viagra, Schokolade, Ziegenkraut und „einem gesunden Schuss Sarkasmus“ –, das „Arise Prince Willy“ getauft wurde. Warum muss ich jetzt daran denken?, fragte Angela sich, obwohl es ihr klar war. Sie hatte sich bewusst von dem schrecklichen Anblick auf dem Spineboard ablenken wollen. Sie schüttelte den Kopf, um ihre verwirrten Gedanken zu ordnen, und widmete sich der nächsten Frage.

Haben die medizinischen Beschwerden des Opfers möglicherweise zu dem Brand beigetragen oder zu seiner/ihrer Unfähigkeit, den Brandort zu verlassen? Falls ja, näher ausführen. Laut Ollie Champlain war Luther bei seiner Heimkehr sturzbetrunken gewesen. Opfer war stark angetrunken, als es zum letzten Mal lebend gesehen wurde, schrieb sie. Die Nachbarn hatten Greiman erzählt, der alte Mann sei äußerst angriffslustig gewesen – zumindest hatte Greiman ihr das berichtet. Luther hatte sich mit Kendras Vater gestritten. Hätte die einundzwanzigjährige Kendra den betrunkenen Luther die Treppe hinuntertragen können? Hätte sie ihn überwältigen können, wenn er sich gewehrt hätte? War er zu betrunken oder durch den Rauch zu verwirrt gewesen, um ihren Fluchtanweisungen Folge zu leisten? Hatte sie überhaupt versucht, Luther zu retten? Laut dem Tratsch im Forest hatte sie zwei Millionen allein dafür bekommen, seinen obszön großen Klunker zu tragen. Sie hätte ihn dem Tod überlassen und das Geld trotzdem einheimsen können. Und wie sollten Greiman und der Brandermittler das feststellen? Waren sie clever und unvoreingenommen genug, um herauszufinden, was wirklich geschehen war? Angesichts Angelas früherer Erfahrungen lautete die Antwort Nein. Sie konzentrierte sich wieder auf ihren Fragebogen.

Wurde ein Wiederbelebungsversuch unternommen? Wurde dem Opfer Sauerstoff zugeführt? Ein Nein für beide Fragen. Für Luther war es bereits zu spät gewesen.

Haben Zeugen Schreie des Opfers gehört? Das war die Schlüsselfrage, dachte Angela. Sie war froh, dass diese Frage in ihrem Formular enthalten war. Nach der Untersuchung würde sie sich ein wenig umhören. Greiman hatte schon öfter voreilige Schlüsse gezogen. Es war nicht ihre Aufgabe, in diesem Todesfall zu ermitteln … Eigentlich verstieß das sogar gegen das Gesetz. Die Polizei und Brandermittler waren dafür verantwortlich.

Aber sie musste die Fakten aufzeichnen. Und sie würde alles in ihrer Macht Stehende tun, um Kendra einen fairen Prozess zu ermöglichen.

KAPITEL 4

Tag 1

Ollie Champlain torkelte zu der Gruppe auf der gegenüberliegenden Straßenseite hinüber, ein buckeliger Dämon, der zwischen den roten Blinklichtern und dem dichten Rauch rassistische Beschimpfungen ausspie.

„Pst, Ollie! Sag so etwas nicht!“ Angela erkannte die Frau, die Ollie ermahnt hatte. Eine dürre Blondine in Designer-Jeans. Virginia Carondelet.

„Ich sag’s nur so, wie es ist.“ Ollie streckte die magere Brust heraus. „Die kleine Chilifresserin hat meinen Freund ermordet.“

„Nicht so laut.“ Virginia blickte unbehaglich drein. Im Forest wurden solche Ausdrücke nur in geschlossenen Kreisen verwendet.

„Ich beschäftige einige Mexikaner. Die meisten von ihnen arbeiten hart und ich kann sie gut leiden. Aber wenn es zu viele werden, ändert sich der Ton. Die sind nicht wie wir.“ Der gelangweilte Tonfall gehörte zu Nick, Virginias Ehemann. Das Paar war Teil der jüngeren Forest-Elite. Nick hatte noch immer den aalglatten College-Boy-Look an sich, auch wenn sein Gesicht etwas zu langweilig war, als dass man ihn als wirklich gut aussehend hätte bezeichnen können. Angela war mit den beiden zur Schule gegangen.

„Daddy heuert auch ziemlich viele Mexikaner an. Die sind billige Arbeitskräfte“, sagte Bebe Du Pres Bradford, eine füllige, hübsche Blondine, deren blasse Haut beinahe durchsichtig war. Bebe, Nick und Virginia hielten silberne Flachmänner in den Händen. Der Alkohol musste sie wärmen. Keiner von ihnen war für die nächtliche Kälte um drei Uhr passend angezogen.

„Hi, Angela.“ Virginia winkte sie zu sich herüber, als befänden sie sich auf einer Party. Nein, das stimmte nicht ganz, dachte Angela. Dafür war die Stimmung zu gedämpft. Vielmehr wie auf einer Gedenkfeier. „Du kennst doch Ollie, nicht wahr? Gesell dich ein wenig zu uns.“

Virginia reichte Ollie ihren silbernen Flachmann voll Wodka. Der Alkohol rann Ollies faltigen Hals hinunter, als er einen großen Schluck nahm. „Danke, meine Liebe.“ Er küsste sie schmatzend auf die glatte Wange, und sie zuckte leicht. Geschieht dir recht, dachte Angela. Dein Alkohol nährt seinen brennenden Hass nur noch mehr.

Nachdem sie die Untersuchung von Luthers Leichnam beendet hatte, bewegte sich Angela vorsichtig über die nasse Straße. Mithilfe ihres Gehstocks umging sie die Pfützen und Löschschläuche. Sie wollte herausfinden, ob irgendwer Luther vor Ausbruch des Feuers um Hilfe hatte schreien hören.

„Wollen Sie einen Drink, Angela?“, fragte Bebe. „Ich habe hier Urgroßmutter Du Pres’ Bathtub-Gin-Flachmann aus den wilden Zwanzigern. Wir trinken Belvedere, Nick hätte Macallan anzubieten. Frisch aus dem Eisfach.“

„Nein, danke. Ich bin im Dienst.“

„Wir arbeiten auch schwer“, sagte Virginia. „An den Millilitern hier!“ Sie kicherte, doch ein missbilligender Blick ihres Mannes ließ sie verstummen. „Wir wollen nicht respektlos erscheinen, aber ein paar Drinks helfen uns, diese Tragödie zu verarbeiten. Wir haben gesehen, wie die Feuerwehrmänner Luther herausgetragen haben. Zumindest glaube ich, dass er das war.“

Bei dem Gedanken an den Anblick des verkohlten Kristall-Cowboys wurde Angela übel.

„Diese mexikanische Goldgräberin hat es jetzt wohl geschafft“, sagte Virginia.

Angela erwiderte nichts darauf, und die angetrunkene Virginia deutete ihr Schweigen als Zustimmung. Sie nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Silberflachmann, der im grellen Licht der tragbaren Leuchten schimmerte.

Mexikanische Goldgräberin? Angela konnte das nicht auf sich beruhen lassen. „Kendra wurde hier im Forest geboren.“

„Sei keine Spielverderberin, Schätzchen“, sagte Virginia. „Sie hat unseren Luther umgebracht.“

Unseren Luther? Vor dem Brand hatte der Forest ihn noch als trunkenen Ehebrecher verurteilt, der eine „anständige Frau“ betrogen hatte. Das Feuer hatte wohl seine Sünden reingewaschen.

„Wir haben ganz vorzüglichen Klatsch und Tratsch“, sagte Virginia. „Bebe arbeitet bei Luthers Anwalt. Sie hat ganz schön viel aus der Schule geplaudert.“

„Habe ich nicht!“, sagte Bebe mit gespielter Empörung. „Luther selbst hat es überall rumerzählt.“ Sie nahm einen tiefen Schluck ihres eisgekühlten Wodkas.

„Angela weiß bestimmt nichts“, sagte Virginia. „Sie ist ein Arbeitstier. Aber keine Spießerin, oder, Schätzchen?“ Sie gestikulierte wild mit ihrem Flachmann und verschüttete etwas Alkohol auf ihren Kaschmirpullover. „Ups!“

„Raus damit!“, sagte Angela.

Virginia senkte die Stimme. „Luther bot Priscilla eine Million Dollar für eine schnelle Scheidung an. Missouri legt dafür ein Minimum von dreißig Tagen fest. Aber sie hat das Angebot ausgeschlagen. Priscilla hat ihr eigenes Vermögen und sagte, sie werde jeden Cent dafür hernehmen, um zu verhindern, dass Luther diese kleine Ausspannerin heiratet. Sie hat die Scheidungspapiere nie unterschrieben, also ist sie noch immer die nächste Angehörige. Ganz schön schlau von ihr, nicht wahr? Jetzt ist sie sowohl Erbin als auch Witwe.“

„Ich habe gehört, dass Luther Kendra bei der Verlobung zwei Millionen gegeben haben soll“, sagte Angela.

„Da seht ihr’s“, sagte Bebe. „Ich habe doch gesagt, dass das nicht geheim war. Luther bot auch seiner Tochter eine Million, damit sie ihre Mutter umstimmt, aber Eve hat ihm gesagt, er solle sich zum Teufel scheren. Das hat sie uns alles heute Abend – besser gesagt gestern Abend – beim Grillen am Pool erzählt.“

„Eve ist etwa gegen neun gegangen, bevor das Feuer ausgebrochen ist“, sagte Virginia. „Ob sie sich das Ganze wohl zu Hause im Fernsehen ansieht? Übrigens hat Luther seine Mexikanerin dort drüben im Pool gevögelt.“

„Er hat es zumindest versucht“, warf Bebe ein. „Sie ist im letzten Moment entwischt und zu ihrem Auto gerannt. Luther lief ihr hinterher, fasste sich in den Schritt und rief: ‚Baby, ich liebe dich! Lass mich dir zeigen, wie sehr.‘“

„Igitt“, sagte Angela.

„Ich kann nicht glauben, dass meine Nagelpflegerin eine Mörderin ist“, sagte Virginia. „Ich mochte Kendra eigentlich.“

„Glaubst du wirklich, dass Kendra ihn getötet hat?“, fragte Angela.

„Wir haben alle gesehen, wie sie in ihrem geschmacklosen Spitzenfummel aus der Haustür gerannt kam, etwa zu der Zeit, als der Rauch aus dem Schlafzimmerfenster quoll, aber niemand kann sich erinnern, dass Kendra zurück ins Haus ging, um Luther zu retten – das tat sie erst, als sich genug Zeugen versammelt hatten.“

„Hat jemand Luther um Hilfe rufen hören, als es zu brennen anfing?“, fragte Angela.

„Keinen Mucks“, sagte Nick. „Da war er schon tot. Das listige, kleine Biest hat sichergestellt, dass es zu spät für ihn war, bevor sie um Hilfe gebrüllt hat.“

„In ihrem halbnackten Aufzug hat sie die Feuerwehrleute von ihrem Job abgelenkt“, fügte Bebe hinzu. „Das hat sie absichtlich getan, um den armen Luther zu töten.“

Den armen Luther?, wunderte sich Angela. Der Geächtete des Forests wurde plötzlich zum „armen Luther“. Wieder einmal beschützte der Forest die Seinen – selbst diejenigen, die überhaupt nicht dazugehören wollten. Sie musste an Kendras Anblick denken, bevor sie in den Krankenwagen verfrachtet worden war. Ihre Hände und Füße waren blutig gewesen, ihr Haar angesengt. Sie hatte ausgesehen wie ein Opfer. Doch in den Augen dieser Meute war die minderwertige Kendra eine Mörderin.

„Sie ist die Brandstifterin.“ Bebes Stimme war schrill vor Aufregung. „Sie legt die ganzen Brände.“

Virginia nickte wissend und rülpste. „Sie hasst uns. Die alle hassen uns. Denkt doch nur an die Opfer der Brände.“ Sie zählte sie an ihren langen, manikürten Fingern ab – mit Nägeln, die feuerrot lackiert worden waren von der Frau, die sie gerade beschuldigte. „Das erste Feuer wurde in einer historischen Scheune gelegt, wodurch ein Stück unserer Geschichte zerstört worden ist. Als Nächstes war das Poolhaus der Hobarts dran. Komplett abgebrannt.“

„Die arme Familie hat so viel durchmachen müssen“, sagte Bebe.

„Der Brand im Poolhaus war keine schöne Sache“, sagte Angela. „Aber letztes Jahr ist ihre Tochter bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“ Konzentriert euch auf das wirklich Wichtige, Leute.

„Angeblich haben die Brandstifter vor dem Feuer bei den Hobarts dort Party gemacht. Mit Bier. Billigem Alkohol.“ Bebe senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Heroin. Die Mexikaner haben gefeiert, während das Gebäude abgebrannt ist.“

„Mexikaner?“, fragte Angela. „Es gibt mehr als einen Brandstifter?“

„Ihr Vater ist doch Mexikaner, oder nicht?“, sagte Virginia. „Er hat es so weit gebracht in diesem Land, und jetzt wendet er sich gegen uns.“

„Ihre Mutter ist auch nicht besser“, fügte Bebe hinzu. „Sie putzt Häuser und bringt immer mehr Mexikaner hierher.“

„Es ist traurig“, sagte Virginia. „Kendra ist eine gute Nagelpflegerin. Sie schiebt mich immer ein, wenn ich mir einen Nagel abbreche und einen Notfalltermin brauche. Aber wir müssen die persönlichen Gefühle außer Acht lassen und uns auf die Fakten konzentrieren. Das hier ist das dritte Feuer. Erst war es unser Besitz. Jetzt verbrennen sie uns bei lebendigem Leib in unseren Betten. Sie werden den ganzen Forest niederbrennen und dann all ihre Verwandten hierher umsiedeln.“

„Das glaube ich auch“, stimmte Nick ihr zu. Der blonde Schnösel sprach, als hätte er Murmeln im Mund. „Wie ich schon sagte, einer oder zwei von ihnen sind kein Problem. Aber jetzt kippt das Gleichgewicht und es wird gefährlich. Kendra hat die anderen Brände als Ablenkung benutzt, um unseren Luther zu töten.“

„Sie ist clever“, pflichtete Virginia ihm bei. „Aber sie hat es nicht allein getan. Sie hatte Hilfe, und nicht nur von ihrer Familie. Vor dem Feuer habe ich einen schwarzen Mann um Luthers Haus herumschleichen sehen. Die sind genauso schlimm wie die Mexikaner.“

„Wie hat er ausgesehen?“ Bebes Augen funkelten vor Neugierde.

„Groß. Muskulöse Arme. Er trug …“ Virginia nahm einen weiteren Schluck. „Goldketten. Ich habe sie im Licht glänzen sehen.“

Der mysteriöse, schwarze Mann, dachte Angela. Er tauchte an jedem Tatort in weißen Vierteln auf.

„Wenn Jose Luther umgebracht hätte, müsste seine Tochter den Alten nicht mehr heiraten“, sagte Nick. „Er hat garantiert seine Finger mit im Spiel.“

Alle nickten zustimmend, bis auf ein Paar, das gerade hinzugekommen war, Ann Burris und Dr. Bryan Berry. Ann trug ein bronzefarbenes Pailletten-Etuikleid und Bryan einen maßgeschneiderten Smoking.

„Ich glaube nicht, dass Jose oder Kendra das Feuer gelegt haben.“ Anns Pailletten glitzerten im Licht der tragbaren Leuchten. Sie und Bryan waren das glamouröseste Paar im ganzen Forest. Ann weigerte sich, die von der Elite bevorzugte, biedere Abendkleidung zu tragen und veranstaltete stets die beliebtesten Partys und Wohltätigkeitsbälle. Bryan vollführte komplizierte, zahnmedizinische Eingriffe und brauste mit seinem Porsche durch die Gegend. Sie waren die Einzigen, die es wagen konnten, sich der Meinung des Forests zu widersetzen.

„Kendra macht meine Nägel.“ Anns Nägel waren lang, hart und trendig rot lackiert.

„Also bist du die Expertin, nur weil sie deine Nägel lackiert?“ Virginia hatte genug Wodka intus, um Ann herauszufordern.

„Wir unterhalten uns während meiner Termine bei ihr. Kendra ist ein liebes, fleißiges Mädchen.“

„O ja, und wie fleißig.“ Bebes blasse Wangen waren knallrot. „Vor allem auf dem Rücken.“

„Luther war als Verlobter nicht die beste Wahl“, sagte Ann. „Aber sie hatte ihre Gründe.“

„Sie hatte zwei Millionen Gründe“, sagte Nick. „Wenn du so gut Bescheid weißt, wer hat dann die Feuer gelegt?“

„Gelangweilte Teenager“, erwiderte Ann.

„Reggie Du Pres hat der Polizei aufgetragen, die Toonerville-Kids zu überwachen“, sagte Bebe. „Dazu hat er extra eine Versammlung einberufen. Mutter hat es mir erzählt.“

„Nicht die Teens aus Toonerville sind die Brandstifter“, stellte Ann klar. „Sondern die Forest-Kids. Die sind gelangweilt. Der Sommer steht bevor und mit ihm eintönige Praktika oder noch eintönigere Ferienarbeit im Familienbetrieb.“

Die Luft um das goldene Paar kühlte deutlich ab. Niemand beschuldigte die Söhne oder Töchter des Forests des Verbrechens. „Lächerlich“, sagte Virginia. Bebe kicherte schrill.

„Du bist eine zauberhafte Frau, Ann, aber da liegst du falsch“, sagte Nick. „Wir fügen unserer Gemeinschaft keinen Schaden zu.“

„Du siehst wirklich bezaubernd aus, meine Liebe“, versuchte Bebe unbeholfen, das Thema zu wechseln. „Wart ihr auf einer Party?“

„Wir tranken Cocktails mit den Freunden der Bibliothek. Die arme Priscilla war ebenfalls dort. Endlich habe ich sie mal zum Ausgehen überreden können, und dann hat ihr jemand von Luthers peinlichem Auftritt heute Abend erzählt. Da hat sie sich plötzlich nicht gut gefühlt. Immerhin hat sie die Party gegen neun Uhr verlassen und diesen ganzen Zirkus hier nicht mitbekommen.“

KAPITEL 5

Tag 1

Eine kleine, rundliche Frau mit krausem, grauem Haar erschien plötzlich aus dem Rauch und Durcheinander und zupfte Angela am Ärmel ihres schwarzen Hosenanzugs. „Entschuldigen Sie, sind Sie die Tochter von Elise?“

Die Frau sah aus wie eine gute Fee nach Dienstschluss. Sie war um die sechzig, etwa im gleichen Alter wie Angelas verstorbene Mutter. Die grelle Beleuchtung betonte jede Falte und Furche in ihrem Gesicht, ebenso wie ihre blassblauen Augen, die dunklen Flecken auf ihrem gelben Hosenanzug aus Polyester und den Schlamm an ihren weißen Schwesternschuhen.

„Ich bin Minnie Lynn Dunbar.“ Angela konnte sie über den Lärm der Löschfahrzeuge kaum verstehen. Diese Frau könnte ihr vielleicht die Hauptfrage in Bezug auf Luther beantworten. Der Begriff „brennende Frage“ schoss ihr durch den Kopf und sie schob ihn beiseite.

„Sie erinnern sich bestimmt nicht an mich, aber ich habe gemeinsam mit Ihrer Mutter bei den Du Pres’ gearbeitet. Da waren Sie noch ganz klein.“

Angela erinnerte sich dunkel an eine rundliche Frau, die nach Lavendelcreme duftete und ihr in der zugigen, alten Küche der Du Pres’ Plätzchen zusteckte. „Sie haben beim Putzen geholfen und mir selbstgemachte Zimtplätzchen gegeben.“

„Sie erinnern sich ja doch an mich. Oder zumindest an meine Cookies.“

Angela schüttelte ihr die starke, abgearbeitete Hand. Minnie Lynns Nägel waren kurz geschnitten und nicht lackiert. Sie erinnerten Angela an die Hände ihrer Mutter.

„Ich habe den Forest verlassen, um zu heiraten. Jetzt bin ich Witwe und wieder zurückgezogen, um für die Hobarts zu arbeiten. Ich wohne zwei Häuser weiter und leite den Haushalt bei Miss Eudora Hobart, einer neunzigjährigen Jungfer. Sie sehen aus wie Ihre Mutter. Sie haben dieselben hübschen, braunen Haare. Daran habe ich Sie erkannt. Und Sie sind groß, wie Ihr Vater. Sind Sie so um die eins fünfundsiebzig?“, fragte Minnie Lynn.

„Eins achtzig.“

„Beachtlich.“ Die ältere Frau schien Angelas Körpergröße als außerordentliche Leistung zu erachten. „Warum sind Sie um diese Uhrzeit in Arbeitskleidung unterwegs?“

„Ich bin Todesermittlerin für das Chouteau County.“

„Ein College-Job“, sagte Minnie und klang beeindruckt. „Das ist eine furchtbare Nacht. Einfach furchtbar.“

Sie schüttelte betrübt den Kopf, aber in ihrer Stimme schwang ein Anflug von Schadenfreude mit.

„Untersuchen Sie den Mord an Luther?“

Mord? „Wir wissen nicht, wie er gestorben ist“, sagte Angela.

„Ich weiß es. Sie hat ihn getötet.“

„Kendra?“

„Ein Flittchen, wie es im Buche steht.“ Minnies Gesicht leuchtete vor Eifer und sie schien erpicht darauf, Kendra und Luther zu verurteilen. „Er hat Miss Priscilla verlassen, um hinter diesem …“ Minnie suchte nach den richtigen Worten. „Diesem Luder herzujagen. Der schrumpelige, alte Dummkopf hatte keine Scham. Er dachte ernsthaft, eine so junge Frau hätte Interesse an ihm. Aber sie war nur an der Ausbeulung in seiner Hose interessiert, und damit meine ich nicht sein Ding. Sie war hinter seinem Geldbeutel her. Der ist bekannterweise groß und hart.“

„Wann haben Sie Luther heute Abend zum letzten Mal gesehen? Vor dem Brand?“

„Er kam so gegen neun Uhr nach Hause, in seinem albernen Cowboy-Outfit. Sie hat seinen Mercedes gefahren. Hatte ein enges Kleid und seinen Verlobungsring an. Ein protziges Teil mit einem Diamanten von der Größe eines Golfballs.“

„Haben sie sich gestritten?“

„Nicht direkt. Er war sturzbetrunken und hat sie begrapscht, so wie immer. Hatte seine mit Leberflecken übersäten Griffel an ihrem Busen, in aller Öffentlichkeit. Und sie hat es auch noch zugelassen. Die Frau gibt den Ton in der Beziehung an.“ Minnie plusterte sich auf wie eine rechtschaffene Henne. Sie brachte Kendras Namen nicht über die Lippen.

„Er war so besoffen, dass er kaum aufrecht stehen konnte. Immer wieder hat er zu ihr gesagt, sie solle ihren weißen Spitzen…“ Sie hielt inne, bevor sie schnell fortfuhr: „Ihren weißen Spitzen-F-Body anziehen. Er hat das F-Wort oft gesagt. Es hat etwas gedauert, bis sie den alten Kauz ins Haus befördert hatte. Ich hatte es mir gerade mit einer Tasse Tee vor dem Fernseher gemütlich gemacht, als ihr Vater angestürmt kam und an Luthers Tür hämmerte. Er ist ein Mexikaner, wissen Sie? Luther und Jose haben sich an der Haustür gestritten. So laut, dass ich es hören konnte.“

Ob Minnie Lynn wohl den Fernseher ausgeschaltet und durch das Fenster gespäht hatte, um den Streit besser mitzubekommen?

„Gott sei Dank verbringen Miss Eudora und ihre Betreuerin die Nacht im Haus der Hobarts. Sie sollten dieser Art von Kraftausdrücken nicht ausgesetzt sein – oder einer solchen Auseinandersetzung.“

„Worüber haben sich die beiden gestritten?“

„Jose sagte, seine Tochter solle die Verlobung auflösen und nach Hause kommen, weil Luther sie nicht respektiere. Dann sagte Luther, er respektiere ihre Art zu …“ Sie hielt inne und senkte erneut die Stimme, obwohl keiner der umstehenden Schaulustigen sie hören konnte. „Da hat er erneut das F-Wort verwendet. Sie sei besser als eine Professionelle.

Jose versuchte, Luther zu schlagen. Kendra schrie ihren Vater an, er solle aufhören, und wollte Luther wieder hineinzerren. Sie war verärgert und weinte. Jose sagte, wenn sie weiterhin darauf bestünde, Luther zu heiraten, solle sie bis zur Hochzeit bei ihren Eltern wohnen. Sie sagte, sie wolle bei ihrem Verlobten bleiben, bis er sich beruhigt hätte und würde dann die Nacht in ihrer Wohnung verbringen. Sie hat ein nettes Apartment in Toonerville. Danach haben sie auf mexikanisch weitergesprochen. Ich habe gesehen, wie sie den Kopf schüttelte und versuchte, die Tür zu schließen.

Luther war immer noch aufgebracht. Er hat sie zur Seite gestoßen und Jose angebrüllt, dass er gefeuert sei. ‚Ich mach dich bankrott, du beschissener Bohnenfresser!‘, hat er geschrien.“

„Das hat Luther vor Kendra gesagt?“, fragte Angela.

„Hat er. Und sie hat nichts dazu gesagt. Sie hat ihn hineingezogen, während er weiterbrüllte, und hat die Tür zugeknallt. Dann war alles still. Als Nächstes roch ich plötzlich Rauch und sah, wie Flammen aus Luthers Schlafzimmer schlugen. Sie rannte draußen in Unterwäsche herum, die keine anständige Frau je anziehen würde. Sie war hysterische und fluchte. Das F-Wort fiel ständig. Ich habe sie nicht sagen hören, dass Luther noch im Haus sei, bis mehrere Leute sich versammelt hatten. Aber da war es bereits zu spät.“

„Haben Sie Luther nach Hilfe rufen hören, bevor es angefangen hat zu brennen?“

„Nein. Das konnte er nicht. Sie hat ihn umgebracht. Hat ihn mit Benzin übergossen. Sie hatte einen Kanister an der Tür. Der hat ihrem Vater gehört. Ich habe ihn dort vor dem Brand stehen sehen.“

Minnie zitterte und gähnte. „Es ist kalt“, sagte Angela. „Warum bringe ich Sie nicht nach Hause und mache Ihnen eine Tasse Tee?“

„Nein, danke. Ich müsste längst im Bett sein. Ich lasse Sie weiterarbeiten.“ Angela begleitete Minnie zurück zu Miss Eudoras Haus, einem dreistöckigen Ziegelgebäude mit schwarz lackierten Doppeltüren. Sie umarmte Minnie zum Abschied und wartete, bis die Haushälterin ihr aus dem Wohnzimmer zuwinkte und die Vorhänge schloss.

Angela sah einen großen, schwarzen Mercedes die Straße hinaufbrausen, für den die meisten Forest-Einwohner mit Sicherheit ihre Seele verkaufen würden. Das schnittige, angeberische Auto hielt kreischend neben Virginia, Nick und Bebe an. Angela erkannte Eve Delor DeMun, die Tochter, mit der Luther sich zerstritten hatte, als sie den Kopf aus dem Fenster steckte. Eves sonst so glattes, attraktives Gesicht war wutverzerrt. Die blinkenden Notlichter warfen blutige Muster auf ihr blondes Haar. „Wo ist dieser elende Mistkerl?“, schrie sie.

„Dein Vater?“, fragte Virginia. Sie wirkte unsicher und leicht verängstigt.

„Wer denn sonst, du dämliche Kuh?“

„Äh“, sagte Virginia.

Nick stellte sich schützend vor seine Frau. „Eve, es tut mir leid, aber du solltest dich auf das Schlimmste gefasst machen.“

„Und was soll das sein?“, kreischte sie.

„Luther ist verstorben.“

Eve brach in schrilles Gelächter aus. Der hässliche Ton ließ Angela erschaudern. „Also ist er tot?“ Eve wischte sich die Tränen aus den Augen. „Das soll das Schlimmste sein? Wo ist sie?“ Ihr Blick wanderte über die Menge. „Ist sie auch tot?“

„Nein, sie ist im Krankenhaus“, sagte Nick. „Anscheinend ist sie mit kleineren Verletzungen davongekommen.“ Seine vernünftigen Worte konnten Eve nicht beruhigen.

„Jetzt behält sie also die zwei Millionen Dollar meines Vaters? Sie konnte nicht mal bis nach der Hochzeit warten, um ihn umzubringen? Immerhin wird sie in der Hölle schmoren. Es wäre nur gerecht, wenn sie auch stürbe.“

KAPITEL 6

Tag 1

Zurück zu Hause ging Angela erst einmal duschen. Sie schrubbte sich mehrfach ab in dem Versuch, den Gestank von Rauch, verkohltem Fleisch und verbranntem Haar loszuwerden. Sie seifte ihr Haar ein und wusch es aus – ein, zwei, drei Mal – bis es unter dem heißen Wasser quietschte. Sie fuhr sich mit dem Schwamm über die Gliedmaßen, bis ihre Haut rot und rau war, aber der Geruch von Rauch und verkohltem Fleisch lag ihr noch immer in der Nase. Den Gedanken, dass Luthers Moleküle noch darin steckten, schob sie beiseite.

Als ihre Finger ganz schrumpelig waren, stellte sie das Wasser ab, wickelte sich ein Handtuch um den Kopf und schlüpfte in ihren gemütlichen Frotteemantel. Dann ging sie vorsichtig die Treppe hinunter, wobei sie sich an dem Geländer und ihrem Gehstock abstützte. Sie war etwas unsicher auf den Beinen, wenn sie so müde war.

In der Küche kochte sie eine Zimtstange in einem Topf Wasser auf – ein Trick ihrer Mutter, um die Luft zu erfrischen. Dann holte sie die Eier und einen Laib Vollkornbrot hervor und erhitzte etwas Wasser für eine Tasse Kamillentee. Sie war sich nicht sicher, ob dies um vier Uhr morgens als spätes Abendessen oder vorzeitiges Frühstück galt, aber sie musste vor dem Schlafengehen etwas essen. Um neun Uhr sollte sie sich mit Greiman und Brandermittler Doug Hachette treffen, um die Ermittlung an Luthers Todesschauplatz abzuschließen. Vor dem grausigen Besuch graute ihr jetzt schon.

Luthers Autopsie sollte später an diesem Tag stattfinden und würde wahrscheinlich von ihrem Vorgesetzten, Evarts Evans, durchgeführt werden. Angela würde ihren Bericht einreichen müssen, sobald sie mit dem Todesschauplatz fertig war.

Evarts übernahm alle prominenten Fälle, außer sie waren politisch heikel. Beim leisesten Verdacht, dass ein Fall seiner Karriere schaden könnte, ließ er ihn wie eine heiße Kartoffel in die Hände seiner Assistentin fallen, Angelas Freundin Dr. Katie Kelly Stern.

Angelas Kessel pfiff und das Brot sprang aus dem Toaster, gerade als sie das Rührei auf einen Teller schaufelte. Perfektes Timing. Sie hängte einen Teebeutel in eine Tasse und übergoss ihn mit dem kochenden Wasser. Als sie am Tisch saß, spürte sie, wie müde sie war. Sie beeilte sich mit dem Essen, weil sie fürchtete, sonst im Sitzen einzuschlafen. Jetzt, da sie allein wohnte, passierte das hin und wieder.

Katie wurde bestimmt nicht für Luthers Obduktion eingeteilt. Sein dramatischer Tod versprach lokale – vielleicht sogar nationale – Aufmerksamkeit. Die Beteiligten waren ein Ensemble wie aus einem Drehbuch: Der alte Luther war ein bekannter, stinkreicher Lustmolch, der einer schönen, jungen, mexikanisch-amerikanischen Intrigantin verfallen war, die ihn in den feurigen Tod gelockt hatte. Priscilla war die tugendhafte Ehefrau des Opfers, der schweres Unrecht zugefügt worden war, und Eve die forsche Tochter, die zu ihrer verlassenen Mutter hielt. Reporter würden für diese Story die Türen der Leichenhalle einrennen, wo Evarts sie mit sorgfältig zurechtgelegten Sätzen erwartete. Er hatte stets einen schicken, weißen Laborkittel und ein blaues Hemd für die Kamera in seinem Büro hängen. Er wusste, dass dieser Fall ihm nationale Anerkennung bringen, ihn zu einem prominenten Gerichtsmediziner machen würde.

Angela bestrich ihren Toast mit Erdbeermarmelade und biss ein Stück ab. Dem Geschwätz am Brandort zufolge hatten die Einheimischen Kendra bereits als Mörderin verurteilt. Auch Greiman und die Feuerwehrleute hielten sie für schuldig.

Als sie aufgegessen, das schmutzige Geschirr weggeräumt und die Spülmaschine eingeschaltet hatte, duftete die Küche, als ob ihre Mutter diverse Köstlichkeiten gebacken hätte. Nur ein Hauch gebratenen, menschlichen Fleisches lag noch in der Luft.

Angela schleppte sich nach oben in ihr Schlafzimmer. Um vier Uhr morgens erschienen ihr die Stufen länger und steiler als gewöhnlich. Sie verbrachte eine halbe Stunde damit, ihr schulterlanges, braunes Haar glatt zu föhnen, damit es nicht zu einem krausen Gewirr wurde. Nach der Gehirnoperation war ihr kurzgeschorenes Haar dick und gesund nachgewachsen.

Während der Haartrockner vor sich hin dröhnte, versuchte sie, ihren inneren Konflikt zu lösen. Woher weiß ich, dass Kendra unschuldig ist?, fragte sie sich. Ich spreche nur alle zwei Wochen mit ihr, während sie meine Nägel macht. Einmal hat sie mir ihren Ring gezeigt, dann hat sie ihn nie wieder im Salon getragen oder über Luther gesprochen. Kendra erweckt nicht den Eindruck einer habgierigen Goldgräberin, obwohl das jeder von ihr denkt. Außer Ann Burris, die ebenfalls an Kendras Unschuld glaubt. Sie und Bryan haben es gewagt zu behaupten, dass die Brandleger gelangweilte, reiche Kids aus dem Forest seien. Ich frage mich, was sie darüber weiß.

Du bist Todesermittlerin, ermahnte sie sich. Es ist nicht deine Aufgabe zu beweisen, ob Kendra schuldig ist oder nicht. Dafür ist Detective Greiman zuständig. Der sich bereits eine Meinung gebildet hat, flüsterte eine widerspenstige Stimme in ihrem Kopf. Deine Aufgabe ist es, die Fakten über Luthers Tod zu erfassen – und damit geht es in etwa vier Stunden weiter. Sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Endlich war es trocken.

Angela ertrug den Anblick ihres leeren Bettes nicht. Sie und Donegan hatten sich so oft darauf geliebt. Jetzt war es nichts weiter als eine Eisscholle, die einsam im kalten Meer umhertrieb. Unter Benutzung ihres Gehstocks stapfte sie zurück hinunter in ihr Wohnzimmer, wo sie ihr weißes Hochzeitsalbum aus dem Bücherregal zog. Sie trug den schweren, in Leder gebundenen Bildband zur Couch, wickelte sich in die selbst gestrickte Decke ihrer Mutter und betrachtete die Fotos ihres Hochzeitstages vor mehr als zwanzig Jahren.

Sie und Donegan waren leidenschaftlich verliebt gewesen. Die Bilder spiegelten wider, wie sehr sie es genossen hatten, zusammen zu sein. Ein Foto zeigte ihre Mutter, Elise, wie sie Angela zum Altar führte, vorbei an den mit Blumen und weißen Schleifen verzierten Kirchenbänken. Elise hatte zu dem Zeitpunkt bereits gegen den Brustkrebs gekämpft. Angela war sich sicher gewesen, dass sie es schaffen würde, auch nach der Chemotherapie und einer doppelten Mastektomie. Tapfer hatte Elise ein neues Kleid und eine grauhaarige Eva-Gabor-Perücke auf dem haarlosen Kopf getragen, um ihre Tochter am Altar zu übergeben. Katie war Angelas Trauzeugin gewesen. Sie hatte ihrer besten Freundin damit gedroht, sie in ein rosafarbenes, rüschenbesetztes Chiffonkleid zu stecken. Katie hatte ihr Kleid jedoch selbst gewählt – eine bodenlange, dunkelblaue Robe mit weißer Bordüre – und dazu einen passenden Strauß weißer Rosen im Arm.

Angela war in traditionelles Weiß gehüllt und trug einen Brautstrauß aus roten Rosen, die für sie und Donegan von besonderer Bedeutung waren. Während ihrer Verabredungen und ihrer Ehe hatte Donegan ihr stets rote Rosen geschenkt, bis er im Februar des letzten Jahres viel zu jung an einem Herzinfarkt gestorben war.

An ihrem Hochzeitstag hatte Donegan einen schwarzen Smoking mit einer roten Rose im Knopfloch getragen. Sie besaßen beide kein Talent zum Tanzen – in der Tat waren sie so miserable Tänzer, dass sie darüber gescherzt hatten, wie gut es war, einander zu heiraten, anstatt Unschuldigen auf die Füße zu treten. Aber ihr Hochzeitstanz war perfekt gewesen. Sie und Donegan waren durch den Ballsaal geschwebt, lachend und ins Gespräch vertieft, die übrigen Hochzeitsgäste vergessen. Sie hielt ihr Rosenbouquet in der Hand, dessen weißes Band seinen Nacken kitzelte, und wünschte sich, der Tanz würde ewig dauern. Sie tanzte und tanzte, bis er verschwand, bis der Strauß in ihrer Hand sich auflöste und in die einzelne, rote Rose verwandelte, die sie auf Donegans Sarg geworfen hatte.

Der weiche Klang, als die Blume auf dem Sargdeckel landete, ließ ihren Traum zerbersten.

Angela erwachte weinend um acht Uhr morgens. Sie hatte im Traum getanzt. Donegan war tot. Sie konnte nicht wieder einschlafen. Erschöpft schleppte sie sich von der Couch in die Küche, um Kaffee zu machen, zu verzweifelt und betrübt, um etwas zu essen. Ihre Trauer war wie ein bleiernes Gewicht, das immerzu auf ihr lastete, aber an diesem Morgen war es besonders schwer. Wie sollte sie nur weitermachen? Wieder blickte sie auf das Foto ihrer Mutter, die so tapfer um ihr Leben gekämpft hatte. Das Bild inspirierte Angela jedes Mal aufs Neue. Weiterzuleben war immer noch ein Kampf. Ihre Arbeit als Todesermittlerin und die damit verbundene Präzision spendeten ihr jedoch Trost.

Vor etwas mehr als einem Jahr, während sie noch trauerte, hatte sie sechs Schlaganfälle erlitten, eine Gehirnoperation über sich ergehen lassen müssen und im Koma gelegen. Sie war auf wundersame Weise vollständig genesen, doch ihre Traurigkeit und ihren Kummer musste sie weiterhin bewältigen. Reiß dich zusammen, sagte sie sich. Du musst um neun Uhr am Brandort sein. Im oberen Badezimmer wusch sie sich das Gesicht, fasste ihr braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und zog sich dunkle Jeans, ein langärmliges Shirt und robuste Stiefel zur Inspektion des Schauplatzes an.

An den Olympia Forest Estates angekommen, zeigte sie dem Wachmann am Tor ihren Ausweis. Es roch immer noch nach Rauch, aber mittlerweile war es wesentlich erträglicher. Oder vielleicht hatte sie sich einfach daran gewöhnt. Die warme Frühlingssonne vergoldete die Bäume und Ziegelgebäude. Kein Unkraut traute sich in den manikürten Gärten aus dem Boden zu lugen. Die neugierigen Schaulustigen vor Luthers Haus waren verschwunden und in der Wohnanlage herrschte eine leicht verkaterte, betretene Stimmung.

Am Ende der Straße war es mit dem Vorzeigeanblick vorbei. Dort stach Luthers rußgeschwärztes Haus wie ein verfaulter Zahn aus der weißen Perfektion der übrigen Grundstücke hervor. Inmitten der aschigen Pfützen parkten Polizeiwagen und andere offizielle Fahrzeuge. Das Absperrband flatterte in der Frühlingsbrise. Polizisten, Feuerwehrleute und sonstige Arbeiter durchkämmten den schwarzen Schutt und steckten gelegentlich etwas in Plastikbeutel.

Am anderen Ende von Luthers Fußweg stand Greiman, lachend mit Brandermittler Doug Hachette ins Gespräch vertieft. Hachette war ein fitter, durchtrainierter Mann Mitte dreißig, der einen Schutzhelm, Jeans und Arbeiterstiefel trug. Angela parkte ihren Wagen, griff nach ihrem Gehstock und zog ihr Ermittler-Kit vorsichtig zwischen den auf der Straße liegenden Trümmern hindurch, bedacht darauf, rußige Glasscherben, verbogene Metallstücke und verkohltes Holz zu meiden.

„Na endlich“, sagte Greiman, obwohl Angela fünf Minuten zu früh war. Sie ignorierte ihn und stellte sich dem Brandermittler vor.

„Captain Douglas Hobart Hachette. Aber nennen Sie mich Doug.“

Und wie er ganz nebenbei einen einflussreichen Nachnamen erwähnt, dachte sie. Die Hobarts gehörten zu den ersten Familien des Forests.

Er reichte Angela und Greiman jeweils einen Schutzhelm und sagte: „Wir haben einen Weg zur Eingangstür freigeräumt. Das Opfer ist im Obergeschoss gestorben, die Treppe ist gesichert. Bleiben Sie dicht hinter mir und betreten Sie keinen Raum ohne meine Erlaubnis. Miss Richman, ich trage Ihren Koffer. Sie werden beide Hände für die Fortbewegung brauchen. Ich habe den Tatort bereits gefilmt und die meisten Beweisstücke gekennzeichnet und sichergestellt.“

Die Eingangstür mitsamt der Zarge war zerstört. Als sie Luthers Haus betraten, schnürte der starke Rauchgeruch Angela die Kehle zu. Die Wände waren rußverschmiert und feucht aufgrund des Wasserschadens. Die durchnässten Möbel waren ebenfalls angeschwärzt. „Als sie aus dem Haus rannte, hat sie die Eingangstür offen gelassen, was zu ziemlich großen Schäden im ersten Stock geführt hat.“

Der mit Gold umrandete Spiegel im Flur war zerbrochen, und im Wohnzimmer lag ein goldener Tisch umgestoßen und zerschmettert auf dem Boden. Luther hatte Kendra die Dekoration überlassen. Soweit Angela das beurteilen konnte, war die Einrichtung gemütlich, aber nicht gerade stilvoll. Es sah vielmehr aus, als hätte man einen Garagenflohmarkt abgefackelt, da überall wertlose Haufen schwarzer Überreste und zerbrochenen Krimskrams herumlagen. Manchmal konnte Angela bestimmte Umrisse erkennen. Sie gingen an einem rußigen Esszimmer vorbei, in dem ein großer Esstisch für zwölf Gäste stand. Angela bezweifelte, dass Luther noch so viele Mitglieder der Forest-Elite hätte versammeln können, nachdem er seine Frau verlassen hatte. Sie zählte elf Stühle um den Tisch, die meisten von ihnen umgekippt.

„Wo ist denn der zwölfte Stuhl, Doug?“

„Der wurde vier Tage vor diesem Brand verkohlt. Kendra wollte ihn neu beziehen lassen. Luther war ein unvorsichtiger Raucher. Vor diesem Feuer haben wir mindestens zwei andere Notrufe erhalten. Als ich zuvor hier war, habe ich Brandstellen von Zigaretten auf einer Sessellehne und dem Kaffeetisch gesehen. Überall standen riesige Aschenbecher herum.“

„Die hat Priscilla bestimmt nicht im Haus erlaubt“, sagte Greiman.

„Keine der Forest-Frauen würde das erlauben“, sagte Doug. „Mexikanischer Dreck.“

Angela war sich nicht sicher, ob er damit Kendra oder die Aschenbecher meinte.

Das untere Ende der Treppe war von Schutt freigeräumt worden.

„Auf nach oben“, sagte Doug. „Luther wurde im Schlafzimmer im Obergeschoss ermordet.“

Angela wappnete sich für den Anblick von Luthers Todesschauplatz.

KAPITEL 7

Tag 1

Die Frühlingssonne erhellte Luthers Schlafzimmer und tauchte den Ort der Zerstörung in ein grelles Licht. Durch die geschwärzten Dachbalken konnte Angela den blauen Himmel und verbrannte Äste mit ausgedörrten Blättern sehen. Die feuchten, grau verschmierten Tapeten wölbten sich und blätterten von der Wand ab. Sie konnte die ursprüngliche Farbe darunter nicht mehr ausmachen. Ein Kabel hing wie eine Schlinge von der Decke und schwang in der sanften Frühlingsbrise hin und her.

Die vorherrschenden Farben im Raum waren verkohltes Schwarz und Aschgrau: völlige Zerstörung. Sie erkannte die verbrannte Matratze eines großen Doppelbetts. Dem Bett gegenüber stand eine verkohlte Kommode, auf der sich ein geschmolzener Flachbildfernseher befand. Sonst gab es nichts außer wertlosen Trümmern.

„Kommen Sie rein, das Zimmer ist gesichert“, sagte Doug. Greiman ließ sich nicht zweimal bitten. Der Brandermittler rollte Angelas Koffer hinein und fragte: „Wo soll ich ihn abstellen?“

„Am Fußende des Bettes“, sagte Angela und betrat Luthers Schlafzimmer.

„Der Boden besteht aus Teppich über Beton“, erklärte Doug. „Und die Wände aus Ziegelmauer über Betonschalstein. Dadurch wurde der größte Bauschaden auf diesen Raum begrenzt.“

Der mit verbranntem Schutt übersäte Boden gestaltete sich als tückisch. Der Rauch brannte Angela in den Augen, als sie vorsichtig zwischen geschwärzten Fensterglasscherben hindurchtrat. Verkohlte Gipskartonplatten und Stücke der heruntergebrochenen Decke tummelten sich wie schwarze Eisschollen auf dem Boden. Neben dem Bett stand ein verbrannter Nachttisch. Auf dem Teppich davor lag eine umgestürzte Lampe mit einem zersprungenen, aber noch intakten Glassockel. „Die Rissbildung ist aufgrund der Hitze entstanden“, sagte Doug und deutete auf die Lampe. „Sie befand sich nahe dem Brandherd. Ich nehme den Teil des hölzernen Bettgestells mit. Sehen Sie diese großen, glänzenden Blasen? Das nennt man Alligator Char. Es bedeutet, dass hier eine brennbare Flüssigkeit verwendet wurde.“

Er kniete sich auf den verbrannten Teppich und zeigte auf einen Bereich, der mit einem kleinen, gelben Plastikschildchen markiert worden war. „Sehen Sie sich das an. Das wollte ich Ihnen unbedingt zeigen. Zündspuren.“

„Was bedeutet das?“, fragte Angela.

„Das bedeutet, wir haben sie beim Kragen. Anscheinend hat sie etwas von dem Benzin verschüttet, als sie Luther damit übergoss.“

Er deutete auf etwas, das wie Wassertropfen auf dem geschwärzten Teppich aussah. „Sehen Sie die? Wenn Sie einen Topf voll Wasser vom Herd zur Spüle tragen und ein wenig auf den Boden verschütten, erhalten Sie genau so ein Muster.“

Der Brandermittler fotografierte die Spuren, dann schnitt er sie aus dem Teppich und lagerte sie in unbenutzten Blechdosen, die wie Farbdosen aussahen. Als er einen Schritt zurückmachte, hörte Angela ein Knirschen.

„Das sind die Überreste eines dieser potthässlichen Aschenbecher, die sie so toll fand“, sagte Greiman.

Warum weigerten Doug und Greiman sich, Kendras Namen auszusprechen?, wunderte sie sich. Würde sie sonst zu einer realen Person für die beiden werden?

Das große Doppelbett nahm fast den gesamten Raum ein, so wie es auch Luthers letzten Lebensabschnitt eingenommen hatte. Der Großteil des Bettgestells war abgebrannt. Die Seite nahe der Tür hatte den größten Schaden davongetragen. „Da hat Luther geschlafen“, sagte der Brandermittler. „Der Bettbezug war aus schwarzer Seide, einer der entzündlichsten Stoffe überhaupt. Hinter dem Bett hatte sie noch mehr von dem Zeug hängen. Nichts davon war mit Feuerschutzmittel behandelt. Die Matratze war aus Polyurethan, was genauso gefährlich ist.“

Die Matratze war bis zu den Bettfedern abgebrannt, mit Ausnahme eines rußverschmierten Bereichs, der durch einen zusammengekrümmten Körper geschützt worden war.

Luther.

Obwohl sie seine verschmorten Überreste bereits gesehen hatte, drehte sich ihr der Magen um. Der Gestank von nasser Asche und geschmolzenem Plastik – ein beißender, künstlicher Geruch – stieg ihr in die Nase, bis diese sich wie eine durchgebrannte Sicherung ausschaltete. Doch als sie den Umriss des Körpers betrachtete, konnte sie sich nur zu gut an den unvergesslichen Gestank von verkohltem Fleisch und versengtem Haar erinnern. Er umgab sie wie ein Geist.

Hier ist Luther also gestorben. Sei nicht so theatralisch. Du musst dich auf die Fakten konzentrieren, nicht auf schwammige Gefühle. Sie öffnete ihren Koffer, dessen Ränder und Rollen bereits mit feuchtem, schwarzem Matsch verschmiert waren. Entschlossen wollte sie diese bizarre, zweiteilige Todesermittlung zu Ende bringen. Vor sechs Stunden hatte sie bereits Luthers Leichnam auf dem Spineboard der Sanitäter untersucht und dokumentiert.

Sie fotografierte den Todesschauplatz. Erst machte sie eine Totalaufnahme von der Tür aus, dann eine Aufnahme aus mittlerer Distanz und schließlich ein paar Nahaufnahmen. Angela konnte auf der Oberfläche der geschwärzten Matratze kein Blut entdecken. Als sie Luthers Leiche heute früh gesichtet hatte, hatte er auf dem Rücken gelegen.

Jetzt zeigten die Umrisse auf der Matratze, dass er in gekrümmter Embryohaltung gestorben war, mit dem Gesicht in südwestliche Richtung. Die Körperhaltung auf der Matratze war, soweit sie das beurteilen konnte, natürlich gewesen. Sie maß die Umrisse: sechsundneunzig Zentimeter vom Kopf bis zum unteren Ende. Die Füße waren nicht sichtbar. In der Breite betrug der Umriss achtundfünfzig Zentimeter, was der Abstand von der Hüfte bis zu den angezogenen Knien gewesen sein musste.

„Haben Sie auf oder um das Bett irgendetwas gefunden, was darauf schließen lässt, dass er gefesselt wurde?“, fragte Greiman den Brandermittler.

„Meinen Sie so was wie Handschellen oder andere Bondage-Utensilien?“

„Genau. Hat sie ihm die Hände zusammengebunden oder ihn ans Bett gefesselt?“

„Ich habe nichts dergleichen gefunden. Was nicht bedeutet, dass sie es nicht getan hat.“ Sie grinsten einander anzüglich zu. „So wie ich das sehe, hat sie Luther mit Benzin übergossen, nachdem er eingeschlafen ist, und hat den alten Kerl dann angezündet“, sagte Doug.

Greiman schüttelte den Kopf. „Schlimme Art zu sterben.“

„Wahrscheinlich war er zu betrunken, um viel gespürt zu haben“, sagte Doug. „Wie ich hörte, hat der alte Junge sich im Gringo Daze ordentlich volllaufen lassen. Hat sich mit Betäubungsmitteln zugeschüttet und sich unmöglich aufgeführt.“

„Sie ist eine eiskalte Schlampe“, sagte Greiman. „Zündet einfach einen wehrlosen, alten Mann an.“

Doug deutete auf eine verkohlte Stelle auf dem Teppich nahe der Matratze. „Sehen Sie die Brandspuren da auf dem Boden? Die entstehen nur durch Benzin. Der Brennstoff verursacht einen Feuerball, der bis zur Decke aufsteigt – Wusch! Er knallt gegen die Decke, saust wieder nach unten, und das war’s. Sie ist mit angesengten Haaren, ein paar Schnittwunden an Händen und Füßen und etwas Ruß auf dem Gesicht und den Armen davongekommen. Haben Sie sie gefragt, ob sie versucht hat, ihn zu retten?“

„Hab sie heute früh gegen fünf Uhr im Krankenhaus verhört. Der Arzt sagte, sie stehe noch unter Schock, aber meiner Meinung nach klang sie völlig normal. Hatte ein paar Hustenanfälle, aber die hätte sie auch vortäuschen können. Ihrer Aussage nach seien sie und Luther eingeschlafen, kurz nachdem sie ihn die Treppe hochgeschleppt hat.“

„Haben sie gevögelt?“

„Sie sagte, er sei zu betrunken gewesen, um ‚Liebe zu machen‘.“ Bei den Worten zog Greiman eine Grimasse und beide Männer lachten.

„Dann ist sie plötzlich hustend aufgewacht wegen des Rauches und hat gesehen, dass das Bett brannte. Sie sagte, die Flammen seien nicht sehr groß gewesen und es habe nicht stark geraucht. Sie versuchte, Luther aufzuwecken, aber schaffte es nicht. Dann wollte sie ihn hochheben, aber angeblich war er zu schwer.“

„Hat sich bestimmt nicht allzu sehr angestrengt. Eigentlich glaube ich, dass sie sich überhaupt nicht angestrengt hat. Meiner Meinung nach hat sie das Feuer gelegt und ist dann schreiend aus dem Haus gerannt.“

„Sie sagte, die Flammen wurden immer größer und die Hitze und der Rauch so extrem, dass sie hinausrennen musste“, berichtete Greiman. „Als sie die Treppe hinuntergelaufen war, sah sie es aus dem Schlafzimmer hellorange glühen und hörte ein Dröhnen. Sie rannte praktisch halbnackt ins Freie. Hat der gesamten Nachbarschaft ein paar tiefe Einblicke gewährt. Das war die perfekte Ablenkung für die Feuerwehrmänner. Sie ist wegen der Rauchinhalation immer noch im Krankenhaus, wo ich sie von einem Beamten bewachen lasse. Ich habe sie noch nicht festgenommen. Wir warten noch auf die Laborergebnisse. Ihre Kleidung – falls man dieses Nichts aus Spitze so bezeichnen kann – wird auf Spuren von Benzin untersucht. Evarts schneidet Luther heute auf. Ich habe ihm erzählt, was passiert ist. Er findet bestimmt Benzinspuren auf ihm.“

Greiman hat die Untersuchung des Gerichtsmediziners somit bereits negativ beeinflusst, bevor er meinen Bericht überhaupt sieht, dachte Angela.

„Sind Sie bei der Obduktion dabei?“

„Ist nicht nötig“, sagte Greiman. Er würde niemals zugeben, dass ihm bei Leichenöffnungen übel wurde.

„Sie ist zweifellos schuldig“, sagte Doug. „Neben dieser Zündspur hat einer der Feuerwehrleute auch noch einen halb geschmolzenen Benzinkanister nahe der Tür gefunden.“

„Wenn sie ihn hier oben im Schlafzimmer damit übergossen hat, warum würde sie das Teil dann wieder hinunterschleppen und neben der Tür liegen lassen? Warum würde sie ihn nicht hierlassen, wo er verbrennen würde?“, fragte Angela.

„Weil sie sich nicht sicher sein konnte, dass der Kanister verbrennen würde“, sagte Doug. „Sie wären überrascht, was alles ein Feuer übersteht.“

Er ist fest entschlossen, Kendra als Täterin dastehen zu lassen, dachte sie. „Ist noch Benzin im Behälter?“

Doug warf ihr einen verächtlichen Blick zu. „Nein, Schätzchen. Sie hat alles über Luther ausgegossen. Ich habe Ihnen doch gerade die Brandspuren gezeigt.“

„Ich werde mit Todesermittlerin angeredet, Captain Hachette.“ Sie sah, wie er an Greiman gewandt die Augen verdrehte und war sich sicher, dass der Detective sich bereits über sie beschwert hatte.

„Es war kein Benzin mehr im Kanister, Ms Todesermittlerin.“ Dougs Tonfall zog ihren Titel ins Lächerliche. „Aber wir hatten auch nicht erwartet, welches zu finden.“

„Weil er von vorneherein leer war.“

„Weil sie ihn über Luther ausgekippt hat.“ In Dougs Stimme schwang ein scharfer Tadel mit. „Dann ist sie hysterisch brüllend durch die Haustür geflohen und in ihrem sexy Outfit vor den Feuerwehrmännern herumgetanzt, um die Ermittlung zu behindern. Ihre Kleidung wird auf Brandbeschleuniger untersucht. Außerdem gibt es Zeugen, die aussagten, dass ihr Vater kurz vor dem Brand mit Luther auf dessen Türschwelle gestritten hätte. Luther hatte ihr bereits zwei Millionen Dollar gegeben, also brauchte sie ihn nicht mehr. Wie ich hörte, hat er sie letzten Abend im Gringo Daze blamiert, als er sie besoffen am Hintern gepackt hat.“

„Gerade haben Sie mir erzählt, dass Luther bekannterweise ein achtloser Raucher war“, erwiderte Angela. „Die Feuerwehr war bereits mindestens zweimal deswegen hier, und vor vier Tagen hat der Esszimmerstuhl Feuer gefangen.“

„Den heutigen Beweisen nach zu urteilen waren das meiner Meinung nach Probefeuer, die sie gelegt hat, um herauszufinden, wie viel Zeit die Feuerwehr hierher braucht. So wusste sie, dass sie vor unserem Eintreffen entkommen konnte, aber dass es für Luther zu spät sein würde“, sagte Doug.

Angela ließ sich nicht so leicht abwimmeln. „Wenn Kendra das Feuer so verursacht hat, wie Sie es beschrieben haben, wurden dann vorher Kunst- oder Wertgegenstände entfernt?“

„Sie scheinen ja eine richtige Brandexpertin zu sein, Ms Richman, besonders für jemanden, der noch nicht oft an Brandschauplätzen gearbeitet hat. Nein, allem Anschein nach wurde vor dem Feuer nichts aus dem Haus entfernt. Aber als ich zuvor hier war, habe ich sowieso nur billigen Mist gesehen, die Art von Müll, den Leute kaufen, weil er nett aussieht oder zur Couch passt.“

„Also wurde nichts Wertvolles vor dem Brand entfernt“, wiederholte sie. Greiman starrte sie finster an, aber das ließ sie kalt.

„Soweit wir bisher wissen, nicht. Aber die Ermittlung ist noch nicht abgeschlossen.“

„Was ist hinter dieser Tür dort?“, fragte sie.

„Das Hauptbadezimmer. Die Tür war während des Feuers geschlossen, daher war die Hitze im Bad nicht zu groß. Keine der Kunststoffutensilien sind geschmolzen.“

„Was ist mit Kendras Verlobungsring? Haben Sie ihn gefunden? Einer der Nachbarn sagte, sie hätte ihn letzte Nacht getragen, als sie nach Hause kam, aber ich kann mich nicht erinnern, ihn an ihrem Finger gesehen zu haben, als sie aus dem brennenden Haus geflohen ist.“

„So was fällt Frauen wohl immer auf.“ Angela ignorierte die Stichelei. „Wir fanden den Ring auf der Toilettenabdeckung im Hauptbadezimmer.“

„Also hat sie den Brand nicht geplant“, sagte Angela. „Sie hat ihren Ring nicht getragen.“

„Diamanten verbrennen generell nicht bei Hausbränden, Ms Todesermittlerin. Sie hat die Badezimmertür geschlossen, um den Raum vor der starken Hitze zu schützen. Sie wusste, dass ihr Ring in Sicherheit wäre. Und mit zwei Millionen Dollar hätte sie mehr als genug Knete, um sich einen neuen zu kaufen.“

KAPITEL 8

Tag 1

„Sie haben hier ein Problem, Greiman“, sagte Brandermittler Doug Hachette. „Ich komme mit Mexikanern gut klar. Das muss ich in diesem Job. Aber die gefühlsduseligen Liberalen werden sagen, Sie hätten eine arme, kleine Mexikanerschlampe vorschnell verurteilt. Fakten sind nun mal Fakten, nicht wahr? Immerhin hat sie sich mit einem fünfzig Jahre älteren Sack eingelassen. Die Medien werden sich wie die Aasfresser auf diese Story stürzen.“

„Deshalb warte ich auch auf die ausgewerteten Beweise“, antwortete Greiman. „Sobald ich Luthers Obduktionsergebnisse und den Laborbericht zu ihrem Nutten-Outfit erhalte, buchte ich sie ein. Sind wir hier bald fertig?“

Ihr. Sie. Mexikanerschlampe. Keiner der beiden Ermittler nannte Kendra beim Namen. Die Männer stocherten in den schwarzen Trümmern in Luthers Schlafzimmer herum, während Angela mit ihrer Untersuchung beschäftigt war und die Befunde auf ihrem iPad festhielt.

„Haben Sie ihre Hände auf Benzin hin untersucht?“, fragte Doug.

„Hab’s versucht“, sagte Greiman. „Aber die in der Notaufnahme hatten sie bereits gesäubert. Die Ergebnisse könnten durch den Alkohol auf den Reinigungstupfern verfälscht worden sein.“

„Sie sind sich sicher, dass sie schuldig ist“, sagte Doug. Es war eine Aussage, keine Frage.

Schon wieder weigert er sich, Kendras Namen auszusprechen, dachte sie. Aber das ist eine gerissene Frage.

„Sie etwa nicht?“, lachte Greiman, und Doug stimmte mit ein.

„Was ist mit Priscilla und Eve?“ Angela wusste, dass es eine riskante Frage war: Sie könnte die ohnehin fragile Arbeitsbeziehung zwischen sich und Greiman zerstören. Aber sie durfte nicht zulassen, dass er Kendra so vorschnell verurteilte, wenn es noch weitere Verdächtige gab.

Die beiden Männer starrten sie an, als sei sie ein sprechender Stuhl. „Was soll denn mit Luthers Ehefrau und Tochter sein?“, fragte Greiman. Er klang angriffslustig, aber Angela ließ sich nicht beirren.

„Beide Frauen hatten gute Gründe, Luther tot sehen zu wollen“, sagte sie. „Er hatte Kendra einen beträchtlichen Anteil des Familienvermögens gegeben und war drauf und dran, den Betrag zu verdoppeln. Priscilla und Eve waren beide letzte Nacht etwa zu der Zeit in der Nachbarschaft, als das Feuer ausbrach. Laut Ann Burris war Priscilla auf einer Cocktailparty der Freunde der Bibliothek, bis ihr jemand von Luthers ‚Ausrutscher‘ mit Kendra im Gringo Daze erzählte. Gegen neun Uhr sagte Priscilla, sie fühle sich nicht gut und wolle nach Hause. Zur selben Zeit hatte Eve sich mit ihren Freunden bei einem Grillen am Pool getroffen. Sie ist ebenfalls um neun Uhr gegangen – etwa zu der Zeit, als das Feuer ausbrach. Sie ist später zurückgekehrt, nachdem die Feuerwehrleute Luthers Leichnam fortgeschafft hatten. Eve sagte, sie sei froh über den Tod ihres Vaters.“

„Das kann ich ihr nicht verübeln“, sagte Greiman. „Seiner Frau geht es bestimmt ebenso. Warum auch nicht?“

„Aber Eve hat darüber gelacht. Sie war glücklich, dass ihr Vater gestorben war.“

„Und? Das beweist mir, dass sie es nicht war. Ich wäre argwöhnisch geworden, wenn sie eine Szene gemacht und schluchzend um ihren armen, alten Daddy getrauert hätte.“

„Also hast du keine der beiden verhört?“, fragte Angela und bemühte sich, ihren Tonfall neutral zu halten.

„Nein, und das werde ich auch nicht. Ich werde nicht zwei angesehene Bürgerinnen belästigen, weil sie es versäumt haben, einem Mann nachzuweinen, der seine Familie im Stich gelassen und sich ein raffgieriges, kleines Flittchen angelacht hat.“

Doug nickte zustimmend.

„Soweit ich weiß, leite immer noch ich diese Ermittlung, nicht du“, sagte Greiman. „Sie wird mit dem größten Respekt gegenüber der trauernden Familie durchgeführt. Luthers Frau und Tochter haben schon genug durchgemacht, ohne dass die Polizei sie ständig bedrängt.“

Zumindest habe ich es versucht, dachte Angela. Mein Job ist es, die Fakten aufzunehmen und dem Gerichtsmediziner vorzulegen, und das habe ich getan. Sie schaltete ihr iPad aus und verstaute es in ihrem Kit, dann erhob sie sich mithilfe ihres Gehstocks. Sie klopfte sich die feuchte Asche von den Hosenbeinen. Ihre Arbeit hier war getan.

„Kann’s losgehen?“, fragte Doug. „Ich trage Ihnen den Koffer zum Wagen.“

„Wir gehen im Burger Den Mittagessen“, sagte Greiman. „Willst du mitkommen?“ Angela wünschte, sie könnte dieses Friedensangebot annehmen, aber sie ertrug kaum den Gedanken an den Geruch von gebratenem Burgerfleisch. Sie bezweifelte, dass sie auch nur einen Bissen hinunterbringen würde.

„Danke für das Angebot.“ Sie lächelte die beiden an. „Aber lieber ein andermal. Ich bin ein Weichei und fühle mich gerade etwas unwohl. Außerdem muss ich meinen Bericht im Büro fertig schreiben.“

Greiman schien über ihr Zugeständnis von Schwäche erfreut zu sein. Vorsichtig bahnten sie sich einen Weg zurück ins Erdgeschoss. Doug verstaute das Ermittler-Kit im Kofferraum ihres Chargers. Angela verabschiedete sich und rief vom Auto aus Katie an.

„Ich bin jetzt fertig mit dem Brandort und komme ins Büro“, sagte sie. „Wollen wir zusammen zu Mittag essen?“

„Keine Zeit. Ich muss mich gleich um den Rhinehart-Fall kümmern, den du gestern erwischt hast. Wie wäre es mit einem frühen Abendessen?“

„Deal, aber ohne Fleisch.“

„Ich bringe Salate mit. Und beeil dich mit deinem Bericht. Evarts kann es kaum erwarten, Luther zu obduzieren und den Ruhm einzuheimsen. Ich bin etwa gegen sechs bei dir.“

Die meisten Todesermittler waren einem Büro des gerichtsmedizinischen Instituts unterstellt und arbeiteten ihre Schicht dort ab. Dank Evarts galten für Angela etwas andere Regeln. Ihm stand eine Menge Geld des Chouteau County für sein Büro zur Verfügung, doch für seine großen Pläne reichte es kaum aus. Er wollte eine Führungsloge mit einer geräumigen Massagedusche, und dafür brauchte er mehr Platz. Also wurde aus Angelas Arbeitsnische eine luxuriöse Dusche mit Marmorfliesen und unzähligen Düsen. Im Gegenzug erhielt sie einen Schreibtisch, der kaum groß genug war für einen Erstklässler, einen Stuhl und einen uralten, beigefarbenen Computer, den sie nie benutzte. Aber sie erhielt auch ihre Freiheit. Sie musste ihre Arbeitszeiten nicht abstempeln. Normalerweise arbeitete sie von zu Hause aus und ließ sich gelegentlich zu Meetings blicken oder um hin und wieder Berichte zu schreiben. Das passte ihr gut, und wie so viele Deals im Forest war auch dieser eine stillschweigende Übereinkunft. Heute schien jedoch ein guter Tag zu sein, um im Büro vorbeizuschauen.

Angela schaltete das iPad ein und tippte ihren Bericht – ihr Zwei-Finger-Tippsystem war überraschend effektiv –, bevor sie ihn Evarts schickte und anschließend an seine Tür klopfte.

„Herein“, rief er.

Beim Eintreten versanken Angelas Füße in dem weichen, dunkelgrünen Teppich. Evarts Büro sah aus wie eine Nische im Country Club des Chouteau Forest, bis hin zu den Chesterfield-Ledersesseln und den humoristischen Golfdrucken an der karierten Wand. Hinter einem großen Bücherregal versteckten sich ein kleines, nierenförmiges Putting-Grün und ein Golfschläger.

In seinem Poloshirt und der Khakihose erweckte Evarts den Eindruck, als wäre er gerade am liebsten auf dem Golfplatz. Sein weißes Haar war perfekt frisiert, sein rosiges Gesicht glatt und sauber rasiert und seine kleinen, blauen Augen blickten sie scharfsinnig an.

„Angela! Haben Sie Ihren Bericht abgeschlossen?“

„Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund.“

„Sehr gut. Ich würde Sie ja bitten, sich zu setzen, aber ich bin in Eile. Ich muss Ihren Bericht lesen und dann umgehend den armen Luther obduzieren. Was für ein Jammer. Er war einer unserer besten Mitbürger. So ein grausamer Tod.“

„In der Tat“, sagte Angela.

„Aber Sie können ja den Rest dieses herrlichen Tages genießen. Wir rufen Sie, wenn wir Sie brauchen, was hoffentlich nicht der Fall sein wird. Unsere Gemeinde hat schon genug Kummer.“

„Das hat sie“, stimmte Angela zu.

Sie machte sich auf den Heimweg und wusste bereits, wie sie die Zeit bis zum Abendessen mit Katie totschlagen würde. Sie parkte in ihrer Einfahrt, wo sie die letzten gelben Narzissen am Wegrand bewunderte, ein Vermächtnis ihrer naturverbundenen Mutter. Bald schon würden auch die Bäume ihrer Mutter erblühen – weißer und rosafarbener Hartriegel sowie zartviolette Judasbäume.

Sie schloss die Haustür ihres zweistöckigen, weiß geziegelten Heimes auf. Im Wäscheraum zog sie sich aus, warf ihre nach Rauch stinkende Kleidung in die Waschmaschine und ließ die Arbeitsstiefel neben dem Trockner stehen, um sie später zu reinigen. In der Küche legte sie Platzdeckchen, Besteck und Servietten für das Abendessen auf den Tisch und bereitete sich dann ein Erdnussbutter-Sandwich zu. Sie musste unbedingt etwas essen.

Sie ging nach oben, wusch sich den hartnäckigen Rauchgeruch vom Körper und schlüpfte in ein blaues Chambray-Hemd, Skinnyjeans und kniehohe Stiefel. Dann schnappte sie sich eine Tüte voller Pfefferminzbonbons und spazierte über den Hügel zu den Ställen des Du-Pres-Pferdehofs.

Angela konnte die Stallungen und die Pferde von ihrem Schlafzimmerfenster aus sehen. Während ihrer Genesung nach den Schlaganfällen und der Gehirnoperation hatte sie ausgiebige Spaziergänge über das Privatgelände der Du Pres’ unternommen, in der Hoffnung, die Ermüdung ließe sie besser schlafen. Sie verbrachte immer mehr Zeit in den Ställen, da ihr die Gesellschaft der Pferde Trost spendete. Außerdem unterhielt sie sich gerne mit dem alten Bud, der ihre Eltern gekannt hatte. Bud war ein dünner, braun gebrannter Mittsechziger mit einer aufrichtigen, entspannten Ausstrahlung. Außer über Pferde sprach er nicht viel, was Angela sehr gelegen kam. Er gab ihr weder Ratschläge noch bemitleidete er sie oder erkundigte sich nach ihrem Befinden. Sie fand seine Vorliebe für Kautabak etwas unangenehm, aber in den Ställen herrschte ein strenges Rauchverbot. Bud trug stets eine Getränkedose als Spucknapf mit sich herum.

Reggies Stallungen waren im Jahr neunzehnhundertzwei erbaut worden, um die Kutschpferde der Du Pres zur Schau zu stellen, und die Tiere hatten es gut dort: Ihre gepflegten Mahagoniställe waren größer und luxuriöser als eine durchschnittliche Toonerville-Wohnung. An jeder Box war ein Messingschild mit dem Namen des Pferdes angebracht, und die Scheune zierten Bundglasfenster. Obwohl der alte Reggie sonst so knauserig war, scheute er für seine Stallungen weder Kosten noch Mühen. Eine regelrechte Armee an Angestellten sorgte dafür, dass sie immer frisch gestrichen, poliert und ausgemistet waren. Bud wohnte hinter der Sattelkammer nahe dem rückwärtigen Ausgang.

Niemand im Forest hielt sich mehr Kutschpferde. Stattdessen adoptierten sie ehemalige Rennpferde – OTTBs, Vollblüter von der Rennstrecke. „Ehemalige Rennpferde sind großartige Haustiere und gut zu reiten“, hatte Bud Angela erzählt. „Außerdem genießt Reggie deren Prestige: Er weiß um alle ihre Siege und hängt sie an die große Glocke – wie viele Rennen sie gelaufen sind, wie viel Preisgeld sie gewonnen haben, wer die ehemaligen Besitzer waren. Ein ehemaliges Rennpferd zu besitzen ist, wie eine Beziehung mit Elizabeth Taylor in ihren reifen Jahren zu haben: immer noch wunderschön, immer noch vollblütig und mit einer beeindruckenden Karriere hinter sich.“

„Die Forest-Bewohner sind besessen von Stammbäumen und der Vergangenheit“, hatte Angela erwidert.

Bud spuckte in seine Dose. „Reiche Menschen sind wie Kartoffeln. Der beste Teil steckt unter der Erde. Für sie zählen nur ihre Vorfahren. Immerhin behandeln sie ihre Pferde gut. Sie leben hier in größerem Luxus als auf der Rennstrecke. Und der alte Mann verhätschelt sie wie Babys. Er besorgt ihnen Haustiere, damit sie sich nicht einsam fühlen: eine Katze, eine Ziege, sogar ein Pony, wenn sie es wollen. Für American Hero hat er ganz begeistert dieses Pony, Snickers, angeschafft. Hat jedem erzählt, Seabiscuit hätte auch ein Pony als Haustier gehabt. So gut ist es ihnen auf der Rennbahn nie ergangen, wo sie sich ihre heruntergekommenen Ställe mit Mäusen teilen mussten. Deshalb gibt es in den Höfen übrigens so viele Katzen.“

Letzten August, als Angela zum ersten Mal an den Stallungen vorbeigelaufen war, hatte sie die Pferde aus der Ferne bewundert, fasziniert von deren starker Schönheit. Ihr gefielen das glänzende Fell, die zuckenden Muskeln und schlanken Beine. In den sanften, braunen Augen der Tiere lag ein intelligentes Leuchten. Sie hatte sich gegen den weiß gestrichenen Zaun der Koppel gelehnt und die Pferde waren zu ihr gekommen, um sie zu begrüßen. Erst hatte sie Angst gehabt, sie zu berühren, aber Bud hatte sie ermutigt. Er erklärte ihr, dass jedes Pferd eine eigene Persönlichkeit besaß und stellte ihr ein fast komplett schwarzes Rennpferd mit einer ungewöhnlich weißen Blesse vor.

„Das hier ist American Hero“, hatte er gesagt. „Er mag es, wenn man ihm die Blesse streichelt. Streichen Sie einfach über den langen, weißen Teil seines Gesichts. Er wird Ihnen nichts tun. Jetzt kraulen Sie ihn unterm Kinn.“

„Das ist ein Riesenkinn“, sagte Angela, während sie seiner Aufforderung nachging.

„Sie machen das gut“, lobte Bud. „Oh, er will eine Umarmung.“

Angela legte ihre Arme um den kräftigen Nacken und Kopf des Pferdes. Hero war warm und muskulös, seine dunkle Mähne leicht drahtig. Er schnüffelte an ihr und schnaubte sie sanft an.

„Sie haben es geschafft“, sagte Bud. „Jetzt müssen Sie ihn ebenfalls anschnauben. Manche bezeichnen das als Pferdeküsse. Er fragt, ob er Ihnen vertrauen kann. Er mag Sie.“

„Wenn er mich so sehr mag, warum streckt er mir dann die Zunge heraus?“, fragte Angela.

„Weil Sie sie schütteln sollen, wie eine Hand beim Menschen. Nur zu. Er würde Ihnen nie wehtun.“

Zögerlich ergriff Angela die dicke, nasse Zunge, umgeben von riesigen, gelben Zähnen, und schüttelte sie zaghaft. American Hero warf seine lange, schwarze Mähne zurück.

„Sie sollten ihn mal reiten“, schlug Bud vor und tätschelte Heros Flanke. „Er ist sanft wie ein Lamm.“

Angela hielt ihren Gehstock hoch. „Erst mal muss ich wieder gehen können.“

American Hero und das andere OTTB, East Coast Express, eine kastanienbraune Stute mit einem kleinen, weißen Stern auf der Stirn, waren Angelas Lieblinge. Eecie, wie Angela sie nannte, hatte ebenfalls ein Haustier. Eine Zwergziege namens Däumling teilte sich den Stall mit Eecie. Das ehemalige Rennpferd hatte eine spitzbübische Ader. Wenn Angela an kühlen Tagen eine Mütze trug, versuchte sie stets, sie ihr vom Kopf zu ziehen.

Angela kam so oft wie möglich vorbei, um den Pferden Bonbons, Karotten und andere Leckerli zu bringen, vor allem nach schlimmen Ermittlungen. Beide Pferde mochten Pfefferminzbonbons am liebsten.

An diesem Nachmittag lag Eecie schlafend in ihrem Stall und schnarchte leise. „Kaum zu glauben, dass so ein riesiges Tier wie ein kleines Kätzchen klingen kann, Bud.“

„Sie ist eine Partymaus. Sie hat die ganze Nacht mit Hero durchgefeiert und jetzt ist sie müde.“

Eecies Ohren zuckten und ihre Beine bewegten sich leicht. „Sie träumt“, sagte Angela. „Glauben Sie, Rennpferde träumen vom Siegen?“

„Menschen träumen vom Siegen. Pferde rennen gerne, aber viele haben Angst vor dem lauten Metalltor am Start. Wenn Eecie vom Rennen träumt, dann ist sie draußen in der Prärie, wild und frei wie ihre Vorfahren.“

Angela hörte ein Schnauben aus dem Stall nebenan und begrüßte American Hero. Sie umarmte und küsste den schwarzen Riesen, schüttelte seine Zunge und gab ihm ein paar Pfefferminzbonbons.

„Sie sind ja mitten am Tag hier“, sagte Bud. „Haben Sie an Luthers Fall gearbeitet?“

„Es war furchtbar.“

„Das ist Feuer immer“, sagte Bud. „Glauben Sie, Kendra hat Luther getötet oder war es der Brandstifter?“

„Die Brandstifter, Mehrzahl“, erwiderte Angela. „Der Forest ist überzeugt, dass Kendra Anführerin einer mexikanischen Bande ist. Ann Burris sagt, gelangweilte Kids würden die Brände legen – Forest-Kids, nicht Toonerville-Teens.“

„Ann tanzt nach ihrer eigenen Pfeife. Ihre Meinung hat bestimmt ein paar Gemüter erzürnt. Was ich so gehört habe, glauben die meisten, dass Kendra schuldig sei. Sie solle ja so habgierig sein.“

„Das muss sie wohl sein, wenn sie sich freiwillig mit einem Kauz wie Luther abgegeben hat, aber sie hatte ja schon zwei Millionen von ihm bekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihn in Brand steckte.“

„Ich mir auch nicht. Ich kenne ihre Eltern, sie haben sie gut erzogen. Wie ich hörte, hat einer der reichen, rotznäsigen Kerle ihr ziemlich übel mitgespielt, aber ich habe nie die ganze Geschichte erfahren. Das Mädel hat Temperament. Sie hätte vielleicht einen dieser jungen Kerle angezündet. Aber sie hätte Luther einfach jederzeit den Rücken kehren und gehen können, was sie bestimmt auch getan hätte. Ich will, dass diese Brandstifter gefasst werden. Ich habe die Ställe zusätzlich abgesichert – mit Videokameras, durch die ich die Anlage von meinem Zimmer aus überwachen kann, und mit Rauchmeldern. Der Sicherheitsdienst passt natürlich auch auf, aber Pferde drehen völlig durch, wenn sie Feuer sehen. Selbst, wenn man sie rechtzeitig hier rausschaffen würde, würden sie sofort zurück in ihren Stall rennen, wo sie sich sicher fühlen. Aber ich werde sie beschützen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“

„Davon bin ich überzeugt, Bud.“ Sie bedankte sich bei ihm, tätschelte Hero zum Abschied und ging nach Hause, um mit Katie zu essen und hoffentlich mehr über Luthers feurigen Tod zu erfahren.

KAPITEL 9

Tag 2

Dunkelgrüne Spinatblätter garniert mit frischen, roten Erdbeeren und cremigem Ziegenkäse. Warmes, knuspriges Baguette, großzügig mit Butter beschmiert. Katies Salat verbannte die schwarzen, aschigen Horrorvisionen von Luthers Todesermittlung. Angela konnte es kaum erwarten, zuzuschlagen.

Katie hatte ihren Laborkittel im Büro gelassen und trug ihr übliches, dezentes Outfit: einen hellgrauen Mantel, dunklen Hosenanzug, flache Schuhe und kein Make-up. Mit ihrem kurzen, braunen Haar und dem sommersprossigen Gesicht hätte sie recht unscheinbar wirken müssen, aber ihr schneller Verstand verlieh ihr eine lebhafte, kompetente Schönheit.

Während sie ihren Salat in sich hineinschaufelte, sprach sie über Luthers Fall, doch nicht bevor sie Angela eindringlich musterte.

„Ich kann nicht essen, wenn du mich so anstarrst.“

„Du siehst blass aus, aber nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte.“ Katie beobachtete sie eingehend. „Du hast doch keine Migräne, oder?“

„Es geht mir gut“, sagte Angela. „Ich werde schon keinen weiteren Schlaganfall haben. Jetzt kenne ich ja die Anzeichen. Ich bin fast vollständig genesen. Den hier brauche ich kaum noch.“ Sie hielt ihren Gehstock hoch.

Angela bemerkte, wie ihre Freundin sie weiterhin forschend anblickte und nach den Anzeichen eines Rückfalls suchte. Sie hoffte, sie war nicht zu blass. Ein Pony verdeckte die Narben ihrer Notfall-Gehirnoperation und ihre Haare waren lang genug, um sie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammenzubinden. Sie hatte das Gewicht, das sie während der drei Monate im Krankenhaus verloren hatte, wieder fast vollständig zugelegt.

„Du erholst dich immer noch“, sagte Katie. „Du hast uns damals einen Riesenschreck eingejagt und bist längst noch nicht so stark, wie du glaubst.“

„Es ist alles in Ordnung. Ich kann auf mich selbst aufpassen.“

„Hast du die Pferde besucht, als du nach Hause gekommen bist?“

„Ja. Pferdetherapie wirkt immer Wunder. Eecie hat geschlafen, also habe ich etwas Zeit mit dem alten Bud und mit Hero verbracht.“

„Hast du schon mal darüber nachgedacht, Hero zu reiten?“, fragte Katie.

„Ich bin einfach gerne in der Nähe der Pferde.“

„Sie zu reiten würde dir noch besser gefallen. Da bekommt man eine völlig neue Lebensperspektive. Denk mal darüber nach.“

Angela fürchtete sich viel zu sehr, um auf eines der riesigen Tiere zu steigen, und wechselte das Thema.

„Was hat Evarts über Luther gesagt?“

„Willst du das wirklich beim Essen besprechen?“ Katie steckte sich eine großzügige Portion Spinat in den Mund.

„Ich habe das Schlimmste bereits gesehen – und gerochen. Also kannst du mir ebenso gut die Fakten erzählen.“

Doch kaum hatte Katie losgelegt, bereute sie ihre Worte. „Von Luther war nicht viel übrig für eine Obduktion. Der alte Sack hat mir irgendwie leidgetan. Gestern Abend hat er noch Ärsche begrapscht und Krach geschlagen und heute früh … Also was ihm passiert ist, wünsche ich wirklich niemandem. Es hat ihn echt übel erwischt: die Haare abgebrannt, die Augäpfel so zerkocht, dass Evarts nicht einmal mehr die Augenfarbe bestimmen konnte. Evarts hätte fast keine brauchbare Blutprobe bekommen, weil der Körper so gegrillt war. Zum Glück hat er eine Stelle gefunden, die nicht völlig verschmort war.“

„Also war Luther laut den Tests betrunken?“, fragte Angela.

„Wie ein Student beim Spring Break. Es überrascht mich, dass der Alkohol ihn nicht vor dem Feuer dahingerafft hat. Evarts hat die Internistin befragt. Doc Bartlett hat bestätigt, dass Luther Herzprobleme hatte und Viagra nahm. Sie hatte sich geweigert, es ihm zu verschreiben und das auch in seiner Akte vermerkt. Sie wusste wohl, dass er es sich hinter ihrem Rücken aus Indien oder sonst woher besorgen würde.“

„Denkst du, das Viagra hat ihn umgebracht?“

„Ich weiß nicht, was ihn umgebracht hat“, sagte Katie. „Aber ich denke, Evarts hat den Job schnell hinter sich gebracht, um Golf spielen zu können.“

„Ich habe ihn beim Üben im Büro erwischt. Er konnte es nicht erwarten, zum Golfplatz zu fahren.“

„Allerdings. Greiman kam heute Morgen vorbei und erzählte Evarts, dass Kendra es gewesen sei. Mehr musste Evarts nicht hören. Er hat die Leiche mit einer Geschwindigkeit zerschnitten, da wäre jeder Horrorfilm-Schlitzer neidisch geworden. Außerdem hasst Evarts Brandopfer.“ Sie schaufelte sich noch mehr Salat in den Mund.

„Der Forest hat sie bereits verurteilt, Katie. Ich war letzte Nacht vor Ort und habe gehört, wie sie über sie gesprochen haben. Es war nicht schön.“

„Glaubst du, dass sie es war?“

„Nein, aber die Beweislage sieht schlecht aus“, sagte Angela. „Doug Hachette, der Brandermittler, fand eine Benzinspur auf dem Teppich im Schlafzimmer, und einer der Feuerwehrleute entdeckte einen halb geschmolzenen Benzinkanister am Tatort. Auf dem hölzernen Bettgestell waren stellenweise glänzende Blasenmuster, was bedeutet, dass eine brennbare Flüssigkeit verwendet wurde. Die Frage ist: Hat Kendra Luther mit dem Benzin übergossen?“

„Du kennst Kendra besser als ich.“

„Ich kenne sie ebenso gut wie jeden anderen, der meine Hände alle paar Wochen hält. Sie ist hübsch und fleißig. Ziemlich zielstrebig. Im Salon hat sie Luther nie erwähnt oder ihren massiven Verlobungsring getragen.“

„Sie ist ja nicht dumm“, sagte Katie. „Die Forest-Ladies hätten Killer Cuts boykottiert. Sie hielten sie für eine raffgierige Verführerin, die Luthers Familie zerstört hat. Es wäre töricht gewesen, ihnen den Beweis unter die Nase zu reiben. Nicht, dass Luthers Ehe noch zu retten gewesen wäre.“

„Wirklich?“ Angela lehnte sich nach vorne und spießte eine pralle Erdbeere auf. „Hast du etwas Interessantes gehört?“

„Interessanten Klatsch.“ Katie senkte die Stimme, obwohl sie unter sich waren. „Priscillas ehemalige Haushälterin arbeitet jetzt im SOS. Connie – Consuelo – hat es nach drei Jahren Arbeit gewagt, um eine Gehaltserhöhung von zehn Cent zu bitten, da hat Luthers Frauchen sie gefeuert. Luther und Priscilla haben sich wohl ständig vor Connie gestritten, als sei sie ein Stück Tapete gewesen, und Priscillas Freundinnen aus dem Club haben sie genauso mies behandelt. Keine von ihnen sprach Spanisch, also haben sie Connie einfach angeschrien, wenn sie etwas von ihr wollten. Sie haben zum Beispiel auf ihre Tassen gezeigt und ‚Mehros Kaffeeos! Mehros Kaffeeos!‘ gerufen. Connie hat extra schlecht Englisch gesprochen, damit die Gringos sich arglos vor ihr unterhielten. Laut Connie war Priscilla eine echte Schönheit, als sie jung war.“

„Du machst Witze. Die alte Schreckschraube?“

„Connie hat Priscillas Porträt abgestaubt, das bei ihrem Debüt als Tochter von Versailles angefertigt wurde. Es hing im Hauptwohnzimmer, oder wie auch immer die reichen Schnösel dieses bezeichnen.“

„Porträtmaler sind immer schmeichelhaft bei wohlhabenden Klienten“, sagte Angela.

„Aber Fotos lügen nicht. Jedenfalls nicht zu sehr. Priscilla hatte auch Bilder von sich als Debütantin in Silberrahmen auf ihrem Kosmetiktisch stehen. Laut Connie war deine Schreckschraube ein reizendes, kleines Liebchen mit großen, braunen Augen, einer umwerfenden Figur und einem Kleid, das alles perfekt in Szene setzte.“

„Was hat sie zu so einer verbitterten, alten Dame gemacht?“

„Der Weg zum Vorsitz des Chouteau-Forest-Frauenclubs, dem Ort der Macht für die Ehefrauen der alten Schule. Um sich den Sieg zu holen, ließ Priscilla ihre Taille ausfüllen, ihre Lippen schmaler werden und ihre Haare ergrauen. Der heiße Feger wurde zur Eiskönigin und somit zur mächtigsten Frau im Forest.“

„Wer hat dir das erzählt?“

„Niemand. Das habe ich selbst herausgefunden. Von meinen Kontakten im Frauenclub weiß ich, dass die alte Garde während der Mittagessen den neueren, schärferen Mitgliedern zu verstehen gibt, sie ‚sähen zu gut aus‘ und ‚müssten reifer werden‘. Im Klartext heißt das, alt werden. Priscillas ganzes Leben drehte sich nur noch um den Frauenclub und Debatten darüber, ob der Chefkoch pürierte Gurkensuppe oder Hühnerbrühe zu Mittag servieren solle.“

„Du veräppelst mich doch.“

„Das ist mein voller Ernst. Lach, so viel du willst, Angela, aber die Frauen, die bestimmen, dass ausschließlich mittwochs Hühnerbrühe serviert wird, regieren den Forest, wenn sie nicht gerade ihre Ehemänner befehligen. Dank ihnen wird sich im Forest nie etwas verändern. Ihre Großmütter haben bereits mittwochs Hühnerbrühe geschlürft und deren Mütter ebenso. Die haben auch ihre Sèvres-Vasen an den Club gespendet, im Gegenzug für fette Steuerabschreibungen. Sie wollen, dass ihre Töchter das gleiche Leben und das gleiche Menü haben wie sie. Deshalb lassen sie die Zeit stillstehen.

Versteh mich nicht falsch, die Damen engagieren sich auch für gute Zwecke. Beispielsweise finanzieren sie jedes Jahr ein Stipendium für ein Toonerville-Kind. Aber ihre Leben drehen sich allein um den Club, und Priscilla hat Luther zu jedem ihrer albernen Events mitgeschleppt. Als sie darauf bestanden hat, dass er sie zum Halloween-Ball begleitet, ist das Fass übergelaufen. Er wollte unbedingt als Cowboy hingehen.“

„Dafür hätte er nicht einmal ein Kostüm gebraucht“, sagte Angela.

„Luther hätte sich vielleicht amüsiert, wenn Priscilla ihn nicht gezwungen hätte, das Sitting-Bull-Kostüm ihres Vaters aus den zwanziger Jahren zu tragen. Mit einer echten, uramerikanischen Federhaube, die bis zum Boden reichte.“

„Ich habe ein Foto davon im Chouteau Forest Chronicle gesehen“, sagte Angela. „Er sah so unglücklich aus, dass ich mich vor Lachen kaum halten konnte.“

„Da warst du nicht die Einzige. Seine Forest-Kumpel nannten ihn von da an Häuptling Donnerwolke. Kurz darauf hat er mit Kendra angebandelt.“

„Warum?“, fragte Angela. „Warum würde sich eine so hübsche junge Frau auf jemanden wie Luther einlassen?“

„Aus Rache.“

„Gegen wen … sich selbst?“

„Gegen Bunny Hobart und Luthers Tochter, Eve.“

„Sind die beiden zusammen?“

„Natürlich nicht, Angela.“ Katie wurde langsam ungeduldig. Angela konzentrierte sich auf ihren Salat, während Katie fortfuhr: „Kendras Mutter, Gracie, leitet eine Reinigungsfirma mit zehn Angestellten. Wie ihr Ehemann, Jose, ist sie eine tüchtige Geschäftsfrau, und ihr Unternehmen ist sehr erfolgreich. Sie hat auch Eves Haus gereinigt, obwohl sie Eve sagen hörte, dass diese sich schon immer ‚einen BMW gewünscht‘ habe.“

„Was ist denn daran so schlimm?“, fragte Angela.

„BMW ist in den falschen Kreisen eine Abkürzung für ‚Big Mexican Woman‘ – eine fette Mexikanerin -, und Gracie … hat schwere Knochen. Eve hat darauf bestanden, dass Gracie den Auftrag persönlich übernimmt, und das tat sie auch – bis Eves Diamantanhänger verschwunden ist. Sie hat Gracie des Diebstahls beschuldigt.“

„Im Zweifelsfall immer die Angestellten beschuldigen“, sagte Angela.

„Genau. Eve hat sie entlassen. Hat viel Aufhebens darum gemacht, dass sie keine Anklage erheben würde.“

„Ganz zu schweigen davon, dass sie überhaupt keinen Beweis hatte.“

„Beweise tun im Forest nichts zur Sache. Wie sich herausstellte, hat die gute, alte Tante Eudora Hobart die Kette eingesteckt, als sie mit ihrer Pflegerin zu Besuch kam. Diese hat das Schmuckstück zusammen mit einer schriftlichen Mitteilung der Hobarts zurückgebracht, in der sie Eve um Verzeihung baten und erklärten, dass die neunzigjährige Eudora von allem angetan war, was hübsch glitzert. Natürlich hat Eve ihr vergeben. Dann hat sie versucht, Gracie zurückzuholen, aber die hat sich geweigert. Sie sagte, jemand anderes würde den Putztag bei Eve übernehmen. Sie hatte ihren Stolz.“

„Kendra hat nie für ihre Mutter gearbeitet“, sagte Angela.

„Natürlich nicht.“ Katie spießte eine Erdbeere auf. „Ihre Eltern wollten nicht, dass sie diese Art von harter Arbeit erledigt. Sie wollten sie aufs College schicken, aber sie bestand auf die Fachschule für Kosmetik. Erst waren sie enttäuscht, hofften dann aber, dass sie durch die Arbeit im Killer Cuts Kontakte zu respektablen Kreisen knüpfen würde. Leider hat sie Bunny kennengelernt. Kendra fand es toll, mit einem Arzt auszugehen.“

„Hm“, sagte Angela. „Wenn sie mit Bunny ausgegangen ist, hat sie sich noch lang keinen Arzt geangelt.“

„Das hatte ich fast vergessen“, sagte Katie. „Du bist dem Schwachkopf ja im Krankenhaus begegnet. Dein Kumpel Dr. Tritt wurde so wütend auf ihn, dass er das unfähige Arschloch aus dem Untersuchungszimmer geworfen hat.“

„Daran erinnere ich mich“, lachte Angela. „Ich werde auch nie Bunnys Gesichtsausdruck vergessen. Nie zuvor hatte jemand so mit ihm gesprochen.“

„Bunny ist mit Kendra ausgegangen. Sie war hübsch und viel zu klug für ihn. Ich glaube, er war Kendras erste richtige Beziehung. Sie dachte, er würde sie heiraten.“

„Er hätte nie eine mexikanisch-amerikanische Frau zum Altar geführt, egal wie schön sie ist.“

„Ich weiß. Aber viele Frauen glauben an Märchen, und Kendra sah sich selbst als Aschenputtel. Bunny hielt sie mit der Ausrede hin, er müsse erst seine Facharztausbildung abschließen, aber spätestens danach wollte Kendra ihren Prinzen haben. Also fragte sie ihn erneut, wann er sie heiraten würde. Dann ist irgendetwas passiert. Ich weiß nicht, was – es wurde vertuscht. Bunny hat Kendra so sehr verletzt, dass sie sich monatelang mit niemandem mehr verabredet hat. Aber schließlich kam Luther bei ihr an. Der alte Kauz wusste sie anständig zu behandeln … zumindest anfänglich. Er war freundlich und respektvoll. Sagte ihr, er wolle sich von seiner Frau scheiden lassen. Er lud Kendra zu schicken Abendessen in Saint Louis und später zu teuren Wochenenden nach Chicago und New York ein. Er kaufte ihr hübsche Kleidung. Kendra war geblendet. Sie begann eine sexuelle Beziehung mit ihm, doch als ihre Eltern Einwand erhoben, sagte sie ihnen, sie sei neunzehn und könne tun und lassen, was sie wolle. Luther gab ihr einen Verlobungsring und zwei Millionen Dollar und versprach ihr zwei weitere bei der Hochzeit. In der Zwischenzeit sollte sie bei ihm einziehen. Er hatte sich an den ständigen Sex gewöhnt und wollte Tag und Nacht mit ihr schlafen. Er musste seine künstliche Potenz voll ausnutzen.

Kendra wollte unbedingt heiraten. Ich glaube nicht, dass sie Luther geliebt hat, aber sie träumte immer noch von ihrem Aschenputtel-Märchen. Sie nahm sich eine Wohnung in Toonerville und sagte, sie würde nach der Hochzeit zu ihm ziehen. Luther hat zu dem Zeitpunkt bereits regelmäßig getrunken und seine Frau wegen der Scheidung unter Druck gesetzt. Er hat versucht, Eve zu bestechen, aber seine Tochter hat den alten Bock gehasst. Nach dem betrunkenen Debakel im Gringo Daze ist dann alles in die Luft geflogen.“

„Vielmehr in Flammen aufgegangen“, sagte Angela. „Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Kendra Luther mit Benzin übergossen hat. Eve oder Priscilla kämen schon eher infrage. Und beide waren in dieser Nacht in den Olympia Estates.“

„Wie hätten sie ins Haus kommen sollen?“, fragte Katie. „Haben sie Schlüssel?“

„Brauchen sie nicht. Es ist eine geschlossene Wohnanlage. Niemand dort verschließt seine Türen.“

„Wie sind sie in sein Zimmer gelangt? Kendra lag direkt neben ihm im Bett. Hätte sie nicht etwas abbekommen, wenn die beiden Luther mit Benzin übergossen hätten? Wäre sie nicht durch den Geruch aufgewacht?“

„Nicht, wenn sie vor dem Schlafengehen ein paar Drinks hatte“, sagte Angela. „Vielleicht musste sie etwas trinken, um Luthers Gefummel zu ertragen. Vielleicht war sie zu erschöpft, nachdem sie den alten Sack versorgt hatte. Greiman weigert sich, die beiden auch nur zu befragen. Stattdessen hat er Evarts veranlasst zu lügen und legt dem Forest das von allen erwartete Urteil vor.“

„Hey, ich mag unseren Boss genauso wenig wie du, aber ich glaube nicht, dass Evarts gelogen hat. Er hat nur nicht nach Indizien gesucht, die nicht zu Greimans Einschätzung passen. In seinem Bericht steht, dass Luther einen hohen Alkoholpegel hatte und mit Benzin übergossen wurde, bevor er verbrannt ist, so wie Greiman es ihm erklärt hat. Laut ihm befanden sich Spuren von Benzin auf Luthers Leichnam und daher schloss er, dass er von ‚einer oder mehreren unbekannten Personen‘ in Brand gesetzt worden sei.“

„Sprich, Kendra.“

Katie nickte. „Es kommt noch schlimmer. Greiman hat Evarts davon überzeugt, dass Kendra die Forest-Brandstifterin sei.“

KAPITEL 10

Tag 2

Am nächsten Morgen wollte Angela eigentlich ausschlafen, aber Katie rief sie um sieben Uhr an. „Aufwachen! Ich habe Neuigkeiten! Jemand hat Luther neulich Abend gefilmt.“

„Meinst du das Feuer?“ Angela war zu müde, um sich aus Katies Worten einen Reim zu machen.

„Nein, jemand hat seinen ‚Ausrutscher‘ im Gringo Daze mit dem Handy gefilmt. Der alte Junge war richtig in Fahrt und das Video wurde ein Riesenhit auf YouTube. Ich bin mit Frühstück auf dem Weg zu dir. Das ist der Shitstorm des Jahres.“

Angela wusste immer noch nicht genau, worüber Katie sprach, aber sie kleidete sich schnell an und machte sich mithilfe ihres Gehstocks auf den Weg nach unten, um Kaffee aufzusetzen und den Frühstückstisch zu decken. Gerade als der Kaffee fertig war, kreischte Katies roter Pick-up die Einfahrt hinauf, und die Pathologieassistentin eilte mit einer Tüte Quiches und frischen Früchten ins Haus.

Angela legte die Quiche Lorraines auf zwei Teller und verteilte die geschnittenen Erdbeeren auf zwei Schüsseln. „Wer hat das Video aufgenommen? Und wann?“

„Weiß ich nicht, aber es wurde gestern Nacht online gestellt. Ich habe es auf meinem iPad.“

Das Video hatte zwar einen leichten Gelbstich, aber Angela konnte den Barbereich des gut besuchten, mexikanischen Restaurants deutlich erkennen. Auch wenn der Ton etwas blechern klang, konnte sie das Geplätscher des Brunnens aus spanischen Fliesen und die leise Gitarrenmusik hören. Und da war der dürrbeinige Luther in seinem schwarzen Stetson mit dem Diamanthutband und den handgefertigten Lucchese-Stiefeln. Er fuchtelte eindeutig betrunken mit den Armen und lallte: „Kendra hat den geilsten Arsch in Chouteau Forest.“ Ein Polohemd tragendes Rudel des alten Geldadels stachelte den betrunkenen Luther und seine vulgären Aussagen durch lauten Applaus an.

„Meine Güte“, sagte Angela und ließ ihre Gabel fallen.

„Jemand hat dieses Video seiner wüsten Trunkenheit an die Nachrichtensender verkauft“, sagte Katie. „Priscilla wird vor Wut explodieren. Ihr notgeiler, alter Bock verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Internet. Verdammt! Der Vorfall aus dem Gringo Daze wird auf jeder erdenklichen News-Website abgespielt.“ Katie lieferte Angela einen laufenden Kommentar, während sie sämtliche Seiten aufrief.

„Ha! Hier begrapscht er Kendras Hintern auf der CNN-Website! Man sieht, wie seine sternhagelvollen Kumpane lachen und ihm auf den Rücken klopfen. Diese dämlichen Volltrottel stecken jetzt bestimmt auch tief in der Scheiße – deren Ehefrauen sind alle Mitglieder im Frauenclub. Hey, hier ist er sogar auf Fox News!“

„Was für ein Schwein“, sagte Angela. „Kommentiert einfach vor allen ihren Hintern.“

„Und ihre großen Möpse“, fügte Katie hinzu. „Hör zu.“ Der besoffene Luther brüllte weiter: „Seht euch diese gewaltigen Titten an, Jungs. Wer von euch würde nicht gern neben dieser Gebirgslandschaft aufwachen?“

Angela ließ ihr Frühstück links liegen, um sich auf das virale Video zu konzentrieren. „Hier wird es auch bei HLN gezeigt“, sagte Katie.

„Ist Luther so berühmt? Ich weiß ja, dass er reich ist, aber das hier ist ein mexikanisches Restaurant im Nirgendwo von Missouri.“

„Hast du jemals von Warren Buffet in – wo war der noch – Nebraska gehört? Mach Missouri nicht so schlecht. Wir haben hier durchaus unsere Vorzeigereichen … die Pulitzers, die Busch-Bierbarone, eine Walmart-Erbin. Jeder kennt Luthers Kleinkredit-Slogan ‚Sorge vor mit Delor‘. Die kommen gerade alle auf ihre Kosten. Kendra ist wie gemacht fürs Fernsehen. Sogar in diesem Amateurvideo sieht sie umwerfend aus, wie ein millionenschwerer Superstar.“

„Zwei Millionen, um genau zu sein.“

„Luther sieht älter aus als sein Schöpfer selbst“, sagte Katie. „Eher wie neunzig statt siebzig.“

„Seine Kristallsteine und Diamanten funkeln ganz schön“, sagte Angela. „Fast so sehr wie ihr Verlobungsring. Sieh dir den Klunker an. Der ist größer als ein Türknauf. Wer hat das Video gemacht? Einer von Luthers Freunden?“

„Machst du Witze? Egal wie besoffen diese alten Kerle waren, sie wussten ganz genau, dass sie sich wie Arschlöcher verhielten. Die Geheimnisse des Forests preiszugeben gleicht einem Todesurteil. Einer der Kellner oder Spülkräfte muss das Video aufgenommen und verkauft haben. Ich hoffe, derjenige hat ein ordentliches Sümmchen dafür kassiert. Das ist richtiges Reality-TV. Sieh mal, da haben wir eine Nahaufnahme von Kendras Kehrseite, während sie Luther aus dem Restaurant zerren will.“

Das Licht in der Bar umspielte Kendra wie ein Heiligenschein und ließ ihr eng anliegendes, weißes Kleid wie ein helles Signalzeichen erleuchten. „Du bist müde, Liebling. Lass uns nach Hause gehen“, hörte Angela Luthers Verlobte sagen.

„So früh?“, grölte einer seiner Mitläufer. „Du lässt ganz schön nach, Luther.“

„Nachlassen? Von wegen, ich kann die ganze Nacht.“ Luthers schlüpfriges Grinsen zeigte seine offensichtlich falschen Zähne.

„Kendra will ihn unbedingt da rausschaffen“, sagte Katie. „Pass auf. Jetzt packt er ihren Hintern auf der CBS-Seite und tut so, als würde er sie ficken.“

„Verdammt, ich liebe diesen herzförmigen Arsch. Ich bin zu allem bereit. Zu wirklich allem.“ Luther ließ anzüglich die Hüften kreisen und sein Rudel Beifallklatscher kicherte. „Er ist einfach fantastisch. Fickt irgendwer von euch so etwas Gutes? Kendra hat den heißesten Hintern in Chouteau County. In Saint Louis. Nein …“ Luther breitete die Arme aus. „In ganz Missouri. Verdammt, in ganz Amerika und Mexiko.“

„Sie hätte ihm eine reinhauen und gehen sollen“, sagte Angela.

„Pst! Jetzt kommt die Stelle, wo er Priscilla beleidigt. Ich hoffe, sie hatte einen starken Drink im Club, bevor sie seine Worte gehört hat.“

„Ich sag’s euch, diese kleine Mexikanerin ist eine scharfe Tamale. Ganz anders als meine frigide Frau.“

„Priscilla tut mir beinahe leid“, sagte Angela.

„Mir auch, aber ich weiß, was für eine Unruhestifterin sie ist. Gerade als sie dachte, sie könne Luther ungestört unter die Erde bringen, zeigte er ihr aus dem Grab den Stinkefinger. Schau, wie Kendra ihn am Arm zieht und immer noch versucht, ihn da raus zu bringen.“

Im Video versetzte Luther Kendras kurvigem Hintern einen Klaps. „Sie weiß, wie man sich anzieht, um einem Mann zu gefallen.“ Er streckte seinen kleinen Finger ab und sagte mit affektierter Stimme: „Keine Dame würde es wagen, etwas so Enges zu tragen. Kendra ist so ein richtiges Unterschicht-Mädel. Deshalb habe ich auch den besten Sex meines Lebens.“

„Bitte, Luther, lass uns nach Hause gehen“, sagte Kendra. Aber dessen Freunde jaulten wie Kojoten und stachelten ihn mit ihren Kommentaren weiter an. „Sie lässt mich sogar in meinem Haus rauchen“, prahlte Luther. „Sie hat es sogar eigenhändig eingerichtet. Mit Mobiliar, das man auch genießen kann. Ohne tuntige Inneneinrichter oder Antiquitäten.“

„Außer dir, Luther“, schrie jemand über das Gegröle hinweg.

„Unser großer Wohnraum ist wirklich großartig. Dort lehne ich mich in einem riesigen Sessel zurück, sehe auf meinem Sechzig-Zoll-Flachbildschirm fern und rauche meine Zigarren. Im Haus. Darf einer von euch das? Ihr machen ein paar Zigarrenbrandflecken nichts aus, nicht mal, nachdem ich aus Versehen einen Stuhl angezündet habe. Das war nicht das erste Feuer in diesem Haus. Und mit Sicherheit auch nicht das letzte.“

„Warum hat sie ihn nicht abserviert und ist gegangen?“, fragte Angela.

„Wer weiß? Jetzt kommt der letzte Teil.“

„Bitte, Liebling, lass uns nach Hause gehen“, sagte Kendra.

Diesmal sah er ihr ins Gesicht, anstatt sie zu begrapschen. „Du hast recht, Mäuschen. Jungs, ich geh nach Hause und gönne mir eine geile Nacht mit meinem heißen, mexikanischen Feger. Das hier …“ Er schluckte etwas, das wohl die Viagra-Pille sein musste, mit dem Rest seines Dos-Equis-Biers hinunter. „Und das hier …“ Er griff abermals nach Kendras Hintern. „… sind die Garantie für heißen Sex. Macht euch auf eine feurige Nacht gefasst. Die Flammen werden aus meinem Schlafzimmer schlagen.“

Das Gesicht der Nagelpflegerin war puterrot, obwohl Angela nicht sagen konnte, ob aus Scham oder Zorn. Eduardo, der Restaurantbesitzer, trat vor und führte Luther zum Ausgang. Die Kamera folgte Luthers schwarzem Hemd. Dann endete die Aufzeichnung.

Einen Moment lang saß Angela vor Schock schweigend da. „Was für ein Schwein“, sagte sie schließlich.

„Dieses Video wird die Geschworenen verhetzen“, sagte Katie. „Sie werden sagen, er habe seinen eigenen Tod prophezeit. Jeder, der das sieht, wird der Ansicht sein, dass Kendra allen Grund hatte, ihn umzubringen.“

„Den hatte Priscilla auch. Und ihre Tochter, Eve.“

„Und Jose, Kendras Vater.“ Katie widmete sich wieder ihrer Quiche.

„Hat Luther jemals etwas anders getan, als schmierige Geschäfte abzuschließen?“ Angela nahm einen Schluck ihres starken Kaffees. Das hatte sie bitter nötig.

„Er hat Geld an Hilfsprogramme für benachteiligte Kinder gespendet. Scheinbar taten sie ihm leid … zumindest leid genug, um gelegentlich einen Scheck auszustellen.“

„Willst du mir weismachen, dass dieser Perverse ein guter Kerl war?“, fragte Angela.

„Nein, will ich nicht. Aber er hatte zumindest ein paar gute Seiten, was man von den hirnlosen Idioten in der Bar nicht behaupten kann. Luther las sogar gerne, was die anderen argwöhnisch machte, aber meistens nur Bücher über Militärgeschichte. Sie waren nachsichtig, weil er so reich war.“

„Dass er Geld hatte, sehe ich“, sagte Angela. „Und er zierte sich nicht, es zur Schau zu tragen.“

„Diese Cowboystiefel sind amerikanische Handfertigungen aus Alligatorenschwanz. Ich habe mal ein Paar online für dreizehntausend Dollar gesehen.“

„Warum hat er sich so angezogen?“ Endlich schob sich Angela einen Bissen Quiche in den Mund.

„Das war Luthers Art zu rebellieren. Cowboykleidung mag nicht sehr rebellisch erscheinen, aber für die versnobte Forest-Oberschicht ist sie ein radikales Statement. Irgendwie hat mir der alte Kauz leidgetan. Sein Leben war von Geburt an vorbestimmt. Ihm wurde vorgeschrieben, auf welche Schule er gehen sollte, wie er sich zu kleiden hatte, und welche Karriere er einschlagen würde – den Kleinkreditschwindel seiner Familie fortzuführen. Er wollte es nicht tun, hatte aber nicht die Eier in der Hose, seiner Familie zu sagen, dass sie sich zum Teufel scheren solle.“

„Woher weißt du so viel über Luther?“

„Er ist mit unserem Boss befreundet. Du bist ja kaum im Büro, aber Luther kam ständig dort vorbei. Hat es sich in Evarts Büro gemütlich gemacht und die Tür offen gelassen. Sobald die beiden mit ihrem Kaffeeklatsch begannen, war ich die unsichtbare Angestellte.“

„Mit den großen Ohren.“

„Ist doch nicht meine Schuld, dass sie ihre Klappen nicht halten konnten. In den Siebzigern gab Luther klein bei und heiratete Priscilla Du Pres, vom feinsten Forest-Geldadel, und ließ sich im Familiengeschäft nieder. Es wundert mich, dass sein Schwanz nicht zu tiefgefroren war, um Kendra zu vögeln.“ Angela verschluckte sich an einem Bissen Quiche. Katie war unverblümt und vulgär. „Letztes Jahr starb Luthers Vater und überließ ihm die Führung der Firma. Da hatte er viel Geld zu verheizen.“

„Katie!“

„Okay, er hatte niemanden, der ihn in seine Schranken wies. Er ist völlig abgedreht und hat mit seiner Nagelpflegerin angebandelt – die ja auch deine ist.“

„Kendra kennt die besten Klatschgeschichten.“

„Jetzt ist sie die beste Klatschgeschichte“, sagte Katie. „Kendra weigerte sich, mit ihm zusammenzuziehen, und das kam Luther gerade recht. Dadurch konnte er seine kultivierte Frau gehörig verarschen. Ihre hohe Position interessierte ihn nicht – Priscilla wäre das Gespött der Gesellschaft, wenn ihr baldiger Exmann sich mit einer Nageltechnikerin vergnügte, noch dazu einer mexikanischen. Wenn Luther Kendra heiratete, würde der Forest ihn aus der Gemeinschaft ausschließen. Er konnte es kaum erwarten.“

„Keine dämlichen Kostümpartys im Frauenclub mehr“, sagte Angela.

„Genau. Luther zog aus ihrer Villa aus und flüchtete ins Exil in die Olympia Forest Estates. Leider lebte er dort nicht glücklich bis ans Ende seiner Tage. Aber dank diesem Video demütigt er Priscilla noch aus dem Grab.“

Einen Moment lang dachten sie schweigend über das Ausmaß von Luthers gesellschaftlichen Fehltritten nach. Angela aß ihre Erdbeeren auf. „Hast du irgendwelche Interviews mit den Forest-Geschöpfen gefunden?“

„Das würden sie nicht wagen. Sie verstecken sich alle hinter verbarrikadierten Türen. Bei den Leuten in Toonerville sieht es ganz anders aus. Die reißen sich darum, mit den nationalen Medien zu sprechen. Kaum zwei Stunden nach Veröffentlichung dieses Videos auf YouTube haben sie losgelegt. Hier ist ein Interview mit Luthers ehemaligem Chauffeur.“ Sie ließ es auf ihrem iPhone laden.

Ein dünner, grauhaariger Mann, Mitte siebzig, schüttelte den Kopf und teilte einem Reporter mit: „Ich kann nicht glauben, dass der alte Junge tot ist. Er war eine Naturgewalt. Und großzügig war er. Zum Ruhestand gab er mir einen hübschen Batzen Geld und sagte: ‚Lass es krachen, solange du noch kannst‘. Der alte Junge hat nach seinen eigenen Regeln gelebt und ist mit einem Knall gegangen. Was will ein Mann mehr?“

Katie sah von ihrem Handy auf. „Mehr habe ich nicht gefunden. Selbstverständlich wird niemand im Forest ein Wort an die Presse verlieren. Die haben ihre Zugbrücken hochgezogen und warten mit dem kochenden Öl auf die Reporter, die sich vor ihre Festungen verirren.“

„Was ist mit The Scoop?“, fragte Angela.

„Verdammt, ich muss ja hirntot gewesen sein. Wie konnte ich dieses Schundblatt vergessen? Lass mich mal nachsehen.“

„Hast du eine Ahnung, wer den Blog schreibt?“

„Keinen blassen Schimmer“, sagte Katie. „Aber wenn du dir schnell mal zehn Riesen verdienen willst, der Alte Du Pres bietet zehntausend Dollar für diese Information. Bisher hat sich keiner gemeldet. Wir alle lesen den Blog viel zu gerne. Ah, da ist er ja. Lies es dir aufmerksam durch, Angela, und dann heißt es Ohren auf! The Scoop hat noch mehr Öl ins Feuer gegossen und wir müssen uns anstrengen, wenn wir Kendra retten wollen.“

Die Webseite hatte eine unverkennbare Überschrift: The Chouteau Forest Scoop stand in geschwungener Schrift über eine Reihe von Pferdehintern. Darunter prangte der Slogan: SENSATIONSGESCHICHTEN ÜBER DIE PFERDEÄRSCHE, DIE DEN FOREST REGIEREN – NICHTS FÜR UNGUT, LIEBE VIERBEINIGE FREUNDE!

Es war ein trauriger Tag, als der reinrassige, geile Bock und namhafte Säufer Luther Ridley Delor in seinem Anwesen in den Olympia Forest Estates bei einem Brand ums Leben kam. Sechs Meter hohe Flammen schlugen in den Himmel empor. Hat der Teufel höchstpersönlich sich seine Seele geholt? Wir bei The Scoop haben gute Quellen, aber so gut sind sie auch wieder nicht. Vor seinem letzten Gericht lieferte Luther uns aber noch eine höllisch unterhaltsame Show während seiner letzten Nacht im Forest-Stammlokal Gringo Daze.

The Scoop war im Gringo Daze?“, fragte Angela. „Dann muss der Blogger einer der hiesigen Bonzen sein.“

„Wieso? Denkst du, in Toonerville kann keiner lesen und schreiben? Lies weiter.“

 

Zufällig war The Scoop vor Ort, um Luthers letzten Auftritt mitzuerleben, und wir geben ihm volle fünf Sterne. Nie zuvor in der Geschichte des Forests gab es so viel öffentliches Arschgegrapsche (und was für ein praller, junger Arsch das war) und Exfrauen-Gedisse. Luther hat seine Frau, Priscilla, im Grunde als schlechten Fick bezeichnet. Tut jetzt nicht so schockiert. Priscilla mag eine frischgebackene Witwe sein, aber sie weint wegen Luthers Ableben bestimmt nicht in ihr Bier. Verzeihung, ihren Manhattan. Unsere Freundinnen im Frauenclub des Chouteau Forests sagen, dass Pris sich nachmittags gerne feuchtfröhlich vergnügt, aber nicht mit Luther.

 

„Das ist ein Schlag unter die Gürtellinie“, sagte Angela.

„Halt den Mund und lies weiter.“

 

Luther ist mit Glanz und Gloria verpufft. (Hey, wir konnten nicht anders.)

Wer also hat Luther ermordet? Wir sehen mehr Pferdemist als ein Stallbursche.

Der Forest streitet sich darüber, ob „die Mexikaner“ – die Salvatos, Vater und Tochter – Hilfe hatten. Manche Zeugen wollen tatsächlich noch einen weiteren, hinterhältigen Schurken gesehen haben, einen mysteriösen, schwarzen Mann. Ihr wisst schon, der Kerl, der alle Verbrechen gegen die Weißen hier begeht.

Zum ersten Mal sind wir mit zwei ansässigen Granden einer Meinung: Ann Burris und Dr. Bryan Berry. Ja, sie sind reich und haben Beziehungen, aber die beiden schwimmen gegen den Strom. Das Glamour-Paar des Forests glaubt, dass alle Brände vom Forest-Brandleger verursacht wurden. Und laut ihnen steckt mehr als eine Person dahinter. Aber jetzt kommt’s! Ann und Bryan sagen, der Schuldige sei ein einheimisches Vollblut.

Kaum zu glauben, was? Der ganze Forest weiß doch, dass Toonerville-Kids die Brände legen, weil unsereins so etwas nie tun würde.

KAPITEL 11

Tag 2

Später am selben Morgen unterbrach ein zaghaftes Klopfen an Angelas Tür ihre Hausarbeit.

„Ms Richman?“, erklang eine männliche Stimme.

Es klopfte erneut. Angela spähte aus ihrem Küchenfenster und erblickte einen glänzenden, weißen Truck mitsamt Anhänger, auf dem gekreuzte Flaggen und die Aufschrift STOLZE AMERIKANISCHE GARTENPFLEGE in roten, weißen und blauen Lettern gedruckt waren.

Jose Salvatos Rasenservice. Kendras Vater stand vor ihrer Haustür.

Angela legte ihren Staubwedel ab und griff nach ihrem Gehstock. Sie war Jose im Forest hier und dort flüchtig begegnet, hatte ihn jedoch nie offiziell kennengelernt. Von Nahem konnte sie nun erkennen, woher Kendra ihr gutes Aussehen hatte: Jose war ein schlanker, braun gebrannter Mann mit einem markanten Gesicht und schwarzen, von Silber durchzogenen Haaren. Er trug einen sauberen, dunkelblauen Arbeitsoverall mit Aufdruck seines Firmenlogos.

Er sprach förmliches Englisch mit einem leichten, spanischen Akzent. „Entschuldigen Sie, Ms Richman. Sie kennen mich nicht, aber meine Tochter sagt, dass Sie im Killer Cuts immer freundlich zu ihr waren. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Sie braucht Ihre Hilfe.“

„Kommen Sie herein. Setzen wir uns doch ins Wohnzimmer. Es tut mir leid zu hören, dass Kendra in Schwierigkeiten steckt. Möchten Sie etwas trinken? Kaffee? Wasser mit Eiswürfeln? Bier oder Wein?“

„Nein, danke. Ich werde nicht lange bleiben.“ Jose blickte sich flüchtig in dem mit Büchern gesäumten Wohnzimmer um und setzte sich dann auf den Rand der Ledercouch, als wäre er bereit, jeden Moment aufzuspringen und wegzurennen. „Meines Wissens untersuchen Sie den Tod von Luther Delor, dem Verlobten meiner Tochter.“

„Ich war an der Untersuchung beteiligt, Mr Salvato, aber …“

„Nennen Sie mich bitte Jose.“

„Und ich bin Angela. Ich war nur für die Untersuchung am Todesschauplatz zuständig. Ich habe den Leichnam inspiziert – habe den Schaden am Körper des Toten fotografiert und dann das Zimmer untersucht, in dem er gestorben ist. Dann habe ich meinen Bericht an den Gerichtsmediziner übermittelt. Dr. Evans wird seine Obduktionsbefunde heute veröffentlichen, aber die eigentliche Ermittlung wird von Brandermittler Doug Hachette und Detective Ray Greiman durchgeführt.“

„Das weiß ich, Ms Richman, aber in ihren Augen ist meine Tochter längst schuldig. Sie wohnt momentan bei uns, weil sie wegen der Presse Angst hatte, in ihre eigene Wohnung zurückzugehen. Sie kann nicht mehr arbeiten. Alle außer Ihnen haben ihre Termine bei ihr abgesagt. Sie müssen überzeugt sein, dass sie unschuldig ist.“

„Es fällt mir schwer zu glauben, dass Kendra einen Mann anzünden könnte, aber …“

„Ich wusste es doch“, fiel Jose ihr ins Wort. „Alle anderen sagen, sie hätte Luther umgebracht.“

„Leider richtet sich die Beweislage gegen sie, Jose. Es gibt physische Beweise. Und der Vorfall im Gringo Daze am Abend von Luthers Tod hilft Kendras Fall auch nicht. Der ganze Forest war dort versammelt und irgendwer hat sogar Luthers besoffenen Aufstand gefilmt.“

Jose verzog das Gesicht und starrte auf seine schwieligen Hände. „Das ist ein weiterer Grund, warum Kendra bei uns wohnt. Nach der Veröffentlichung dieses schrecklichen Videos erträgt sie es kaum, das Haus zu verlassen. Meine wunderschöne Tochter wurde vor dem ganzen Land gedemütigt. Vor der ganzen Welt! Was für Beschimpfungen ihr die Leute an den Kopf werfen! Die E-Mail! Es ist abstoßend. Zugegeben, ich habe Luther nie gemocht, aber er war ihr Verlobter. Er war vielleicht nicht die beste Wahl, aber sie wollte ihn heiraten.“

„Warum?“ Angela wusste, dass die Frage unhöflich war, aber sie musste sie stellen.

Jose seufzte und lehnte sich zurück. „Ein anderer Mann hat sie sehr verletzt. Die Menschen hier im Forest erwecken einen freundlichen und höflichen Eindruck, aber sie können unbarmherzig zu Außenseitern sein. Kendras Mutter und ich sind nicht hier geboren, aber wir haben die Staatsbürgerschaft erlangt. Wir sind stolze Amerikaner. Wenn man in diesem Land hart arbeitet, erntet man Erfolg. Wir haben unser Möglichstes getan, um Kendra ein Leben als Außenseiterin zu ersparen. Ich wollte sie eigentlich Graciela taufen, nach ihrer Mutter, aber Gracie bestand darauf, dass ihre Tochter einen modernen, amerikanischen Namen erhält. Wir haben sie auf die Highschool geschickt, auf die nur Kinder aus den besten Kreisen gehen. Das war eine finanzielle Belastung, aber sie ist ein kluges Mädchen, und wir wollten ihr die besten Chancen ermöglichen.“

Joses und Gracies Geschäfte mussten gut laufen, dachte Angela. Die Chouteau-Forest-Academy kostete dreißig Riesen im Jahr.

„Ihre Mutter und ich wollten, dass Kendra aufs College geht. Ihre Noten waren gut und wir wollten, dass sie eine akademische Richtung einschlägt. Aber sie hat sich geweigert. Sie wollte auf die Kosmetikfachschule, was nicht dasselbe war. Aber es war nichtsdestotrotz ein ehrenhafter Beruf. Gleich nach dem Abschluss wurde sie bei Killer Cuts eingestellt. Wir hofften, dass sie dort wertvolle Bekanntschaften knüpfen würde. Sie ist mit Bunny Hobart ausgegangen. Er ist Arzt.“

„Ich bin ihm im Krankenhaus begegnet“, sagte Angela trocken.

Jose fiel ihr zurückhaltender Ton auf. „Bunny! Welcher Mann heißt denn so? Gracie sagte, wir sollten froh sein, dass unsere Tochter mit einem jungen Mann ausging, der einen guten Job und eine erfolgreiche Zukunft hatte. Kendra war sich sicher, dass er sie heiraten würde, aber er machte ihr keinen Antrag. Sie hat mir nie erzählt, was vorgefallen ist, aber sie war sehr aufgewühlt. Ihre Mutter sagte, ich solle sie in Ruhe lassen … die erste Liebe zu verlieren sei schmerzhaft. Also habe ich ihren Rat befolgt. Dann begann Kendra, Luther zu daten.

Jetzt ist meine wunderschöne Tochter das Gespött des ganzen Landes und wird als Mörderin abgestempelt. Wenn sie jemanden hätte töten wollen, wäre es Bunny gewesen. Luther war ihr nicht wichtig genug für einen Mord. Sie wird bestimmt bald festgenommen. Ihre Mutter und ich werden alles tun, um sie zu retten. Kendra ist ebenfalls reich und kann Ihnen noch mehr zahlen.“

Er reichte Angela einen Scheck. Ihr fielen fast die Augen aus dem Kopf – zwanzigtausend Dollar. Sie gab ihm den Scheck zurück.

„Das ist sehr großzügig, Jose, aber ich kann nicht in Kendras Namen ermitteln. Das ist nicht mein Job. Sie brauchen einen guten Strafverteidiger. Rufen Sie doch Monty Bryant an. Er ist ein geachteter Anwalt, der mit Dr. Katie Kelly Stern zusammen ist. Kennen Sie ihn?“

„Ja, ich mähe seinen Rasen.“

Angela hatte die Möglichkeit, ein Mysterium um Luthers Tod aufzuklären. „Die Feuerwehr hat einen Ihrer Benzinkanister vor Luthers Haus gefunden. Haben Sie einen dort vergessen?“

„Ich weiß es nicht. Renaldo, der Neue, ist recht fahrlässig. Vielleicht hat er ihn verloren. Was spielt das für eine Rolle?“

„Es könnte Sie verdächtig machen. Manche Zeugen sagten aus, sie hätten Sie auf Luthers Grundstück gesehen.“

„Ich war dort. Wie ich schon sagte, ich habe Luther nicht getötet. Aber ich würde mein Leben geben, um meine Tochter zu retten.“

Jose schüttelte ihr zum Abschied die Hand und ging. Sie beobachtete, wie er sein Fahrzeug aus ihrer Einfahrt manövrierte. Würde Jose unrechtmäßig für den Mord an Luther verurteilt werden? Schlimmer noch, würde er eine Tat gestehen, die er nicht begangen hatte, um seine Tochter zu retten?

KAPITEL 12

Tag 2

Sobald Jose gegangen war, rief Angela Katie an und war erleichtert, als ihre Freundin nach dem dritten Klingeln abnahm. „Jose hat gerade versucht, mich für die Ermittlung zu Luthers Tod anzuheuern. Er hat mir etwas mehr darüber erzählt, warum Kendra sich auf Luther eingelassen hat. Sie war wohl in Bunny Hobart verliebt, der ihr das Herz gebrochen hat.“

„Gut möglich. Die Hackfresse soll mit einem der Du-Pres-Mädchen ausgegangen sein – wie hieß sie noch gleich? Emmy? Nein, Esme. Das war’s. Er hat Kendra als Betthäschen benutzt, während Esme weiter weg auf dem College war.“

„Die arme Kendra dachte, es wäre ihm ernst mit ihr.“

„So hat der Mistkerl sie überredet, mit ihm zu schlafen. Er ist der reinste Abschaum.“

„Aber so was von. Ich glaube nicht, dass Jose die ganze Geschichte kennt. Im Moment wohnt sie bei ihren Eltern und wird von den Medien belagert. Hast du eine Idee, mit wem ich mich mal unterhalten könnte?“

„Ja, Mario bei Killer Cuts. Frauen erzählen ihren Friseuren alles – die hören mehr Beichten als Priester. Er war ihr Boss. Rede mit ihm. Und mit Connie. Consuelo. Sie arbeitet jetzt hier im SOS, war aber früher bei Luther und Priscilla angestellt. Sie ist eine gute Freundin der Familie, Kendra nennt sie Tante Connie. Ich sehe sie üblicherweise gegen mittags draußen. Ich frage bei ihr nach. Wenn du nichts mehr von mir hörst, bedeutet das, unser Treffen findet statt. Komm gegen Mittag bei dem Picknickbereich vorbei, dann mache ich euch miteinander bekannt.“

Punkt zwölf war Angela auf dem Picknickplatz für SOS-Angestellte hinter dem gerichtsmedizinischen Institut und wartete auf Katie. Der kleine, betonierte Bereich wurde überwiegend von den schlechter bezahlten Angestellten verwendet.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783968176444
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v993406
Schlagworte
Tod-e-s-ermitt-l-er-in-ung Krimi-nal-fall Feuer-haus-brand-ver-brenn-en-brannt Privat-detektiv-in Mord-fall-ermittlung USA-amerika-n-isch-er-in Krimi-nal-roman-geschichte

Autoren

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    Elaine Viets (Autor)

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    Annika Mirwald (Übersetzung)

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Titel: So kalt die Asche